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LYRIK Otto Julius Bierbaum - Poetische Werke 471

Aßmann von Abschatz, Hans

Adler, Friedrich

Ahlefeld, Charlotte von

Albrecht von Haigerloch

Albrecht von Johansdorf

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Arent, Wilhelm

Arndt, Ernst Moritz

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Hart, Julius

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Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 471

Blätter aus Fiesole 5

Täglich fahr ich mit Pietro,
Meinem wohlbeleibten Kutscher
(Und mit seinem Pferdchen Palle,
Welches auch nicht mager ist),

Täglich nachmittags um dreie
Fahr ich auf der alten Straße,
Die sehr steil ist und sehr holprig,
Erst nach San Domenico

Und sodann, vorbei der Villa,
Wo Herr Dante einst verliebt war,
Zwischen hohen Gartenmauern
Nach Florenz. Dort trink ich Tee.

»Wie? Und der Palazzo Pitti?
Accademia? Uffizien?
Bibliotheca Laurenziana?
Hast du nicht nach Schönheit Durst?«

Oh ja. Aber für Museen
Bin ich selten nur in Stimmung;
Denn es sind Konservenbüchsen;
Ihre Schönheit schmeckt nach Blech.

»Wie? Die himmlische Tribuna?
Alessandro Botticelli?
Cimabue? Donatello?«
Alle schmecken dort nach Blech.

Lieber wandre ich durch dunkle
Kirchen mit dem Operngucker
Und verrenke Hals und Kopf mir
Nach der dort verstecken Kunst.

Da nur wirkt sie noch ins Leben,
Thront sie noch auf ihrem Throne,
Frei, gebietend, nicht gefangen:
Atmet aus und atmet ein.

Denn ein Kunstwerk braucht den Atem,
Braucht die Luft des tätigen Lebens;
Seine Schönheit wird zum Schemen,
Sperrt man sie vom Leben ab.

Stünde David noch im Freien,
Dort, wohin ihn schuf sein Schöpfer,
Wohl, er wäre nicht so glänzend
Weiß wie jetzt und »fast wie neu«,

Aber, grau vielleicht und rissig,
Mitgenommen von Frost und Feuchte,
Leidend, wie das Leben immer
Leiden muß, um ganz zu sein:

Stünd er heldenhaft lebendig,
Sterbend stünd er noch lebendiger,
Herrlicher, strahlender da, als jetzt im
Abgemessenen Oberlicht.

»Und verdürbe.« Freilich. Alles
Leben muß einmal verderben.
Aber leben soll es, leben:
Wirklich leben, bis es stirbt.

Denkt nicht immer an die Enkel!
Denkt an euch, wie jene taten,
Die ihr Leben sich verklärten,
Bildner ihrer Gegenwart.

Dann erst hättet ihr ein Recht, sie
In die heiligen Leichenkammern
Eurer Pietät zu stecken,
Brauchtet ihr für Eignes Platz.

Doch genug. Ich geh zu Gilli,
Trinke Tee und esse Kuchen.
Leider bin ich manchmal schwach und
Lese Zeitungen dazu.

Heiliger Marsyas! Noch immer,
Simson Deutschland, sind Philister,
Ach, und was für eine Sorte
(Frech und bieder), über dir.

Deine Delila heißt Wohlstand.
Üppigst hast du zugenommen.
Wohl bekommt dein Fett dem Bauche,
Doch dem Hirn bekommt es schlecht.

Und der Seele, ach, der edlen
Deutschen Seele fehlts am Raume,
Scheint es, in dem kolossalen
Korpus, der ganz Masse ist.

Bocke, bocke nicht, Trochäus!
Jetzo mußt du Zahlen buckeln.
Schwer fällt wohl dabei das Tanzen,
Doch dein Kriechen kündet Ruhm:

Seit dem Jahre achtzehnhundert-
Achtzig stieg von einunddreißig
Teilen unser Kohlenkonsum
Bis auf hundert heut. Respekt!

Der Verbrauch von Weizen hat sich
In derselben Zeit verdoppelt.
Apfelsinen ißt man ditto
Doppelt mehr als dazumal.

Und nun gar der Heckepfennig,
Symbolum des höheren Lebens,
Hat um zweiundachtzig Hundert-
Teile löblich sich vermehrt.

Simson! Simson! Wahr die Haare!
Delilachen liebt die Glatzen!
Selbst die Haare auf den Zähnen
Küßt sie, fürcht ich, dir noch weg.

Schon hast du das Byzantinern
Allzurasch gelernt, schon zieht dein
Bauch dich tiefer auf die Erde,
Als es Ehrerbietung heischt.

Treibe andere Gymnastik,
Als nach vorn die Rückenbeuge!
Steige, Simson, wie du stiegst, als
Michel Deutsch noch mager war!

Cameriere! Cameriere!
»Subito!« – Pagare! – »Grazie!«
So. Jetzt geh ich zum Lungarno,
Schöne Damen anzusehn.

Warum nicht? Ich kanns vergnüglich,
Denn ich habe eine schönre.
Treue ist für den kein Kunststück,
Der bei jedem Tausch verliert.

Ah, die Gräfin Montignoso!
Na, so, so. Da: die Geliebte
Des viel schönren Gabriele.
(»Rübchen« heißt er eigentlich.)

Nun, nicht übel: Rasse, Feuer,
Gertenbiegsam, große Augen,
Wie sie für die weite Bühnen-
Perspektive nützlich sind.

Dort: Amerika. Das ist nun
Nicht mein Fall. Protzt Hygiene.
Resultat der Speisekarte.
Wenig Anmut, viel Effekt.

England. Aoh! Noch immer schwärmt die
Miß für »ihren« Botticelli.
Engelhaft und englisch gibt ein
Wunderliches Mischprodukt.

Endlich kommt, der ich schon lange
Aufgelauert habe, kommt die
Große Modekurtisane,
Die Bellezza von Florenz.

La Signora Millelire
Heißt man sie. Des zum Beweise
Trägt sie eine Perlenkette,
Die gewiß nicht billig ist.

Sonst: Ich danke. Bloß Bellezza.
Ansichtskarten-Schönheitstypus;
Gut genug für jene Beutel,
Die voll mille lire sind.

Aber nun: Oh teure Heimat!
Kommt da nicht das süße Gretchen,
Das, weils seinen Hans gefunden,
Schleunigst nach Florenz gemußt?

Ja, sie kommt, und ja, sie lächelt,
Ja, sie ist ganz hin vor Selig-
Keit und großem Glücke, weil sie
Wirklich in Italien ist.

Spotte nicht, verruchter Knabe!
Laß ihr auch das jugendstilig
Künstlerich empfundne, aber
Praktische Reformkostüm.

Ist sie trotzdem nicht recht niedlich?
Frage dich: wie viele solche
Mündchen, Äugelchen und Näschen
Haben ehmals dich entflammt?

Außerdem: »Frühlings Erwachen«
Hat auch diese tief begriffen,
Und sie ist durchaus kein Gretchen
Wie das alte Gretchen mehr.

Neue Jugend! – »Jugend«! Präge
Tief es dir in dein Gemüte:
Von der alten »Gartenlaube«
Sind wir absolut befreit.

Auf, und greife in die Harfe!
Unser Gretchen ist verwandelt,
Unser Gretchen ist ästhetisch,
Unser Gretchen ist modern.

Sieh, sie geht in einen Laden,
Wo man schöne Marmorsachen
Billig kauft. Nun: was erstand sie?
Ha! Ein nacktes Frauenbild!

Schlag die Harfe! Schlag die Harfe!
Denn Germania ist gerettet.
Zwar: sie kaufte einen Kitsch, doch,
Heil, es war ein nackter Kitsch!

Vetturino! »Sissignore«.
Nach Fiesole! – Die Gäulchen
Brauchen Gott sei Dank zwei Stunden,
Bis ich wieder oben bin.

Denn es ist ein schönes Fahren,
Langsam, langsam, bis zur Höhe.
Unten liegt, wie eine Muschel,
Rosafleischig überhaucht,

Traumhaft, wesenlos, ein sanftes,
Zages Blinken, liegt phantomisch
Diese Stadt der alten, edlen
Phrasenfeindlichen Kultur.

Ausgewählte Gedichte 112 Blätter aus Fiesole 5

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