L Y R I K
LYRIK Otto Julius Bierbaum - Poetische Werke 434

Aßmann von Abschatz, Hans

Adler, Friedrich

Ahlefeld, Charlotte von

Albrecht von Haigerloch

Albrecht von Johansdorf

Angelus Silesius

Arent, Wilhelm

Arndt, Ernst Moritz

Arnim, Achim von

Arnold, Gottfried

Aston, Louise

Ball, Hugo

Bierbaum, Otto Julius

Birken, Sigmund von

Bleibtreu, Karl

Blumauer, Aloys

Bodenstedt, Friedrich von

Boie, Heinrich Christian

Bohne, Johannes

Brentano, Clemens


Conradi, Hermann

Hart, Heinrich

Hart, Julius

Hartleben, Otto Erich

Holz, Arno

Lenau, Nikolaus


Rückert, Friedrich


Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 434

Das vielgeliebte Weib (Aus dem Papageienbuche)

Das Papageienbuch (Tuti-Name), das uns in zwei persischen Fassungen und einer türkischen Bearbeitung überliefert ist, geht auf in indisches Original zurück, das wir nicht mehr besitzen. Vielleicht sind auch nur die einzelnen Geschichten indischer Herkunft, und die Aneinanderreihung im Rahmen einer kleinen Fabel ist die glückliche Erfindung des älteren persischen Bearbeiters Nechschebi. Diese Fabel ist folgende: Ein junger reicher Kaufmann macht, nicht lange nach seiner Verheiratung, auf Anraten seines weisen Papageien eine Seereise. Kaum ist er fort, so verliebt sich seine junge Frau Chodscheste in einen schönen Fremdling, der sie zu sich einlädt. Da ihr aber ihr Mann geraten hat, nichts ohne das Einverständnis des weisen Papageien zu unternehmen, so eröffnet sie sich diesem und erbittet seine Zustimmung, ehe sie zu dem Geliebten geht. Der kluge Vogel sieht sofort ein, daß einfaches Abraten zu nichts führen würde, und so beschließt er, die Neugierde der jungen Frau gegen ihre Verliebtheit auszuspielen, indem er sie jedesmal, wenn sie seine Einwilligung erbittet, durch eine Erzählung fesselt, nach deren Beendigung dann immer die Nacht und somit die Zeit zu einem heimlichen Besuche herum ist. – Meine Nachdichtung, aus der ich hier einstweilen die fünfte Geschichte veröffentliche, lehnt sich nur ganz lose an die persischen und die türkische Vorlage an.

Als sich zum fünften Male im Westen
Die Sonne verbarg vor des Mondes Schein,
Bedrückte wieder die Luft Chodschesten,
Des schönen Fremdlings Lust zu sein.
Und sprach mit Seufzern, tief entpreßten,
Zu unserm klugen Papagein:
Wie kannst du mich so bangen sehn!
Grausamer Vogel, laß heute mich gehn!
Der Papagei benetzte sich
Die dicke Zung, tat einen Strich
Mit seinem Schnabel am Gefieder,
Hob müd die schweren Augenlider
Und sprach, ein wenig schläferig:
Geh, schöne Frau! Beeile dich!
Denn, Herrin, sieh, es kann geschehn,
Dein Gatte kehrt mit einmal wieder,
Und, was du dir in Wünschen baust,
In heißen Sinnen lebend schaust,
Wirst plötzlich du verschwinden sehn,
Wie jene Vier ihr Meisterstück.
Verschwunden wars, kam nie zurück.

Was denn? Was wars? Was ist verschwunden?
Ein Meisterstück? Nie mehr gefunden?
Wars wirklich so ein kostbar Ding?
Ein Bild? Ein Lied? Ein Kleid? Ein Ring?
Ach, liebes, gutes Papchen, sprich!

Und Frau Chodscheste setzte sich.

Der Vogel kraute sich am Schopfe
Und wackelte mit seinem Kopfe
Und tat das linke Auge zu
Und sprach nach seiner Art, gemessen,
Langsam, um ja nichts zu vergessen:
So höre, du!
Ein Goldschmied und ein Zimmermann,
Die huben eine Reise an
Und fanden, wie sie fürbaß schritten,
Am Wege als willkommnen Dritten
Einen alt ehrwürdigen Eremiten,
Und, als sie weiter pilgerierten,
Gleichfalls willkommen einen Vierten.
Das war ein Schneider lobesan,
Mit dem sie fleißig diskutierten.
So kam denn bald die Nacht heran.
Kein Baum, kein Strauch in weiter Runden:
Die Wüste wars, in der sie stunden.

»Ich mein, wir wolln uns schlafen legen!«
Der Schneider sprach. Und »meinetwegen«
Erwiderte der Zimmermann.
Der Goldschmied war auch nicht dagegen,
Und, weil man zu nachtschlafner Zeit
Nichts Beßres tun, als schlafen kann,
Gab auch Einsiedel seinen Segen.
Jedoch gebot Fürsichtigkeit,
Daß jeder einmal nach der Reih
Zur Sicherheit der Kumpanei
Gebotner Wache mußte pflegen.

Den Zimmermann, als jüngsten, traf
Die erste Wache. Tief in Schlaf
Verfielen bald die andern Drei.

Daß ihm nicht auch die Lider sänken,
Begann im Kreise weit herum
Der Zimmermann den Schritt zu lenken.
Und, siehe da, er fand ein Trumm
Von einem Lorbeerbaum am Wege.
»Du kommst mir recht in mein Gehege«,
Sprach allsogleich der Zimmermann
Den schönen dicken Baumstamm an,
Und nahm sein Beil und hieb ihn glatt
Und rund und schön. Und, noch nicht satt
Der lieben Arbeit, sachte, sachte
Er ein Figürchen daraus machte,
Schöngliederig und schlank und fein,
So, wie er sich das Mädchen dachte,
Das einmal möcht sein Weibchen sein.

Drauf weckte er den Juwelier
Und sprach: »Ich laß Gesellschaft dir,
Und zwar zur Nacht die allerbeste!«

(Hier lächelte vergnügt Chodscheste.)

Der Goldschmied sah das Dingchen an
Und dachte sich: »Da fehlt was dran.
Ein Mädchen ohne Kett und Ring,
Das ist fürwahr ein halbes Ding.«
Und tät sogleich den zierlichen Gelenken
An Fuß und Hand Goldreife schenken
Und eine Perlschnur um den Hals.
Brust, Stirn und Ohren ebenfalls
Bedacht er kunstreich mit Geschmeiden.

Dann tippte er den Schneidersmann
Mit leisem Finger weckend an
Und sprach: »Ich laß dir was zu kleiden!«
»Was!?« rief der Schneider, »in der Nacht?!
In dieser leeren Wüstenei?«
Dann aber: »Himmel! Welche Pracht!«
Und gleich begann die Schneiderei.
Denn, was ein rechter Schneider heißt,
Die Nacktheit nicht als höchstes preist,
Und wenn sie zehnmal göttlich sei.
Hat also Kleiderchen gemacht
Dem Weibchen so aufs allerbeste,
Daß es, obwohl aus Holze, lacht
(Das gleiche tat Madam Chodscheste)
Und selig in die Wüste schaut,
Als wärs lebendig eine Braut.

Der Schneider sehr zufrieden war.
Zupfte Einsiedelmann am Haar
Und sprach: »Hochwürden wollt geruhn,
Einen frommen Blick dorthin zu tun,
Wo uns Besuch geworden ist,
Erbaulich für Moslem und Christ.
Ich weiß, es wird Euch nicht verdrießen,
Einer Huri Anblick zu genießen,
Und sicher ist, wie müd Ihr seid:
Vor Schlaf seid Ihr anjetzt gefeit!«

Und also wars. Einsiedelmann
(Dieweil ein Frommer sonst nichts kann)
Hub allsogleich zu beten an
Mit selig hochgezogenen Braun
Zum Dank, daß ihm das Glück beschert,
In Wüstennacht ein Weib zu schaun,
An Schönheit des Propheten wert.
»Nur«, sprach er zu sich selber dann,
»Wie schade, daß das Ding nicht lebt,
Der Busen sich nicht senkt und hebt,
Der volle Arm ans Herz nicht drückt,
Das dunkle Aug ins Herz nicht blickt!«
Und warf sich nieder auf die Erden:
»Bei Allah! Das muß anders werden!
Allah ist groß! Allah vermag
Aus Nacht zu machen hellen Tag;
Drum wird er, wenn ein Frommer fleht
(Wie ich), auf herzliches Gebet
Gewiß, gewiß ein Wunder tun!
Allah, nicht wahr, du wirst geruhn
Und allsogleich befehlen nun,
Daß Lebensodem in sie weht,
Die viel zu schön ist, tot zu bleiben!
O Allah, laß sie nicht bloß leiben!
Laß sie auch leben! Und – laß sie lieben!
Wir alle wären ja Staub geblieben,
Hättest nicht du in unsre Nasen
Deines Geistes einen Hauch geblasen.«

Und sieh: Ein Wehn kam durch die Nacht
Und hat lebendig das Holz gemacht,
Das augenblicks mit seinem Munde
Silberhell zu lachen begunnte,
Daß Zimmermann, Schneider und Juwelier
Aufwachten und rasten vor Liebe schier.

Und, da den alten Eremiten
Die Liebe gleichfalls hat geritten,
So rasten gemeinsam alle Vier.

Das Weiblein aber, was tat – Es?
Je nun, – nichts weiter Besonderes.
Setzte sich still auf den Bettelsack
Des Eremiten in guter Ruh
Und schaute dem Tanze der Viere zu,
Die sich traktierten wie Lumpenpack.
Mit viel Gefuchtel, Geschimpf, Geschrei
Rief jeder, daß sie sein Eigen sei
Und jeder andre ein Schubiak.

»Wer machte sie?« rief der Schreiner stolz:
»Ich, ich, ich, ich! Aus Lorbeerholz!«

»Wer schmückte sie?« rief der Goldschmied aus:
»Ich! Vorher sah sie nach gar nichts aus!«

»Wer zog sie an?« der Schneider schrie:
»Ich machte gesellschaftsfähig sie!«

»Wer betete ihr das Leben an?
Wer? Ich!« rief der Einsiedelmann.

Indessen trat durch Ostens Tor
Die Sonne königlich hervor
Und tauchte in Gold mit ihrem Schein
Die weite Wüste leuchtend ein.
Und sieh: Es war in ihrem Strahle
Die Wüste eine goldne Schale,
Nur ein Gefäß für deren Pracht,
Die in der wunderlichen Nacht
Die Viere wie im Traum gemacht.

Und auf die Kniee hin vor ihr,
Der Lächelnden, die sich nicht rührte,
Stürzten verzückt, berückt die Vier,
Als ob nicht Allah das Gebet gebührte.

So gottlos ist verliebter Lust Begier.

Doch Strafe folgt der Sünde auf dem Fuß.
Dies, Herrin, ist nicht eines Kakadus
Private Meinung, sondern tief erwiesen.
Ein süß Konfekt ist sündiges Genießen,
Doch nachher kommt das bittre Myrrhenmus
Verdienter Strafe. Niemand feiert Feste
Verbotenen Rausches ohne Nachgeschmack!

(Halt dich nicht auf! stirnrunzelte Chodscheste.)

Wie du befiehlst! Also: Das Schnick und Schnack
Der Viere, die verzückt auf ihren Knien lagen,
Ward plötzlich unterbrochen. Hüh! und hoh!
Erscholl und das Geknirsch von einem Reisewagen,
Auf dem, im Sande nicht prestissimo,
Ein reicher Mann herbeigefahren kam.
Wie der das Weib sah auf dem Bettelsack,
Gabs einen Ruck ihm, und er rief: »O scham-,
Schamloseste von allen Frauen! Da,
Auf diesem Bettelsacke sitzt sie, ha!
Die ich verliebt zum Eheweibe nahm!
Ein schönes Wiedersehn, fürwahr, Madam!
Mit Vieren, Vieren! ist sie durchgegangen,
Drum ist nicht ein-, nein viermal sie infam,
Und diese Viere müssen schleunigst hangen!
Auf! Bindet sie – und sie! Bei meinem Gram!
Ich will mein Recht und ihren Tod erlangen!«

Es schrie das Weib. Die vier Verliebten schrien.
Es schrie der reiche Mann und seine Knechte.
Es war, als ob ein Heer von Moslemin
Für Allah schrie im heiligen Gefechte.

Doch, als die Fünfe dann gebunden waren,
Ist schweigend man zu einer nahen Feste,
In ders an Galgen keineswegs gebrach,
Durch tiefen Wüstensand langsam gefahren.

(Hier schüttelte das schöne Haupt Chodscheste,
Indessen sie im Ton der Neugier sprach:
Und wie empfing der Kommandeur die Gäste?)

Gleich, Herrin, gleich! Du weißt es ja: das Beste
Kommt bei Geschichten immer hintennach.
Denk dir! Der Kommandeur, kaum, daß ein Blick
Aus seinem dunklen Aug das Weib gestreift,
Ruft aus: »Dank, Allah, dir und dem Geschick!
Da ist sie, sie, die scham- und treuelose,
Die viel zu früh mein Jugendhaar bereift
Mit schneeigem Schimmer hat, die meine Rose
Verliebt ich hieß, und die ich jetzt,
Da sie mein Herz zerrissen und zerfetzt,
Den Dornbusch aller Schande nenne,
Den Dornbusch, den ich, wenn Gerechtigkeit
In unserm Land noch herrscht, bei meinem Eid,
Samt dem Gestrüpp, das ihn umgibt, verbrenne!
Zum Kadi! Auf zum Kadi augenblicks
Mit ihr und jenen, die mir hinterrücks,
Die frechen Hunde, sie, mein Weib, geraubt!«
Der reiche Mann reibt sich die Augen, glaubt,
Er träume, ringt nach Worten, stottert, stöhnt, –
Es hilft ihm nichts, man läßt ihn nicht beginnen.
Es wird die Hand, des Hanfschmucks nicht gewöhnt,
Seilfest gefesselt, und er muß von hinnen.

Und unsre Vier, natürlich, ebenfalls.
»Zum Kadi! Wehe! Wehe unserm Hals!«

Nur das Madamchen bleibt ganz still und laß;
Sie hat sogar, obgleich auch sie gebunden
Und an den Knöchelchen leicht aufgeschunden
Von diesen dummen Stricken war, etwas
Wie kitzelnde Genugtuung empfunden:
Ob auch die Fessel ihr das Pülschen preßte,
Sie fühlte sich wie Vögelchen im Neste
Bei der sehr angenehmen Rechnung, daß
Sechs Männer sich in sie verliebt in wenigen Stunden.

(Sechs! träumte vor sich hin Chodscheste.)

Und nun zum Kadi denn! Hoch zu Kamele
Ritt schlanken Paßtrabs schnell der Kommandeur
Voll Rachedurst voraus, und seiner Seele
Hinströmender Erguß fand huldreiches Gehör.
Der Kadi sprach: »Bei Gott! die Philomele,
Die dich betrogen hat, singt bald nicht mehr!
Denn Ehebruch heißt Kapitalverbrechen,
Und nur der Tod kann den Gehörnten rächen!«

Du siehst, der Kadi war ein strenger Mann.
(Sind alle so? frug bang Chodscheste an.)

Der unsere wars, d.h. – nun, du wirst sehn.
Er war schon alt. Schwer wurde ihm das Gehn,
Und reichlich fettbeladen war er auch.
Nie sah die Welt so ungeheuren Bauch,
Und niemals, glaub ich, sieht sie mehr
An einem Menschen soviel Schmeer.
Die Augen aber waren winzig,
Der Blick war blöde, müde, blinzig,
Die Haut war, ja, wie sag ich gleich,
Nicht seiden- oder sammetweich:
Mehr lederartig und dabei
Nicht ganz von kleinen Flecken frei,
Die ab und an ein wenig näßten.

(Hier wurde nicht ganz wohl Chodschesten.)

Kurz: reizend war er eben nicht.
Doch, wer sucht Reize bei Gericht?
Auch hatte er, das muß der Neid ihm lassen,
Die Kunst der niederschmetternden Grimassen,
Vor denen, wer mit Sündenlast
In ihr Bereich tritt, jäh erblaßt.
So saß er da mit fürchterlichen Mienen,
Als unsere Vier vor ihm erschienen,
Und, – na, was ist? um Gottes willen,
Was ist denn los? –: der Kadi schreit
Und reißt die kleinen Augen weit,
Unglaublich weit auf: »Meine Brillen!
So bringt mir doch die Brillen!« – Da, –
Er setzt sie auf: – »Bei Allah! Ja!
Sie ists! Sie ists! O welch Entzücken!
Komm, laß an meine Brust dich drücken!
Hab keine Angst, ich straf dich nicht,
O du mein Mond- und Sonnenlicht!
Was du auch tatst, es ist verziehn,
Willst du nur nicht noch einmal fliehn!
Mein Zuckerschötchen! Mein Perlenschneckchen!
Mein Sammetfüßchen! Mein Honigweckchen!
O komm, sei gut, o komm zu mir,
Mein Seligkeitenelixier!
Was du verlangst, ich will dir alles schenken,
Und bloß die andern laß ich henken!«

Bei diesen Worten des alten Kadi
Standen bildsäulenähnlich da die
Männlichen Personen dieser Geschichte.
Doch auf des Weibes schönem Gesichte
War immer das gleiche Lächeln zu sehn
Und nicht ein steinerner Zug zu erspähn.
Es schien, was alles auch passierte,
Das holde Dämchen fand es bloß scharmant,
Daß jeder Mann für sich sie reklamierte.
Die ganze Welt schien ihr ein Zuckerkant,
Den sie mit Lächeln schnabulierte,
Im Süßigkeitenknabbern höchst gewandt.

Sie tat, als wär sie zum Vergnügen hier.
Sogar der Kadi machte ihr Pläsier.

Die andern aber, als das starre Staunen
Vorüber war, empörten sich gewaltig
Und äußerten mit Worten mannigfaltig,
Doch mehr mit Brüllen, als mit leisem Raunen,
Sie seien nicht im mindesten gesonnen,
Beim Fest der richterlichen Liebeswonnen
Als Fahnenschmuck am Galgenstamm zu dienen.
»Das Weib ist mein!« rief jeglicher von ihnen,
»Und der Herr Kadi ist jetzt selbst Partei.«

Es war ein Armefuchteln, ein Geschrei,
Ein Fäusteballen, Hälserecken, Toben,
Daß selbst die Seligen im Himmel oben
Sich wolkennieder bückten, was denn sei;
Und alles Volk, aus Küchen, Kellern, Koben,
Wer sich nur regen konnte, kam herbei;
Sogar die Koranschüler kriegten frei
Und hatten einen Grund mehr, Gott zu loben.

So groß war das Getrubel und Geschwärme,
So ungeheuer war des Volks Gelärme,
Daß selbst ein Dschogi, der nun schon ein Jahr,
Andächtig, aller Weltgedanken bar,
Verzückt auf einer hohen Säule Knauf
Gleich einem Ölbaumstrunk gestanden war,
Das Wesen merkte. Niemand sah hinauf
Zu seiner frommen Pose. Selbst die Weiberschar,
Die stets bewundernd ihm zu Füßen stand
Und nie genug Bewunderungsworte fand,
Des Heiligen Kraft und Wundertum zu preisen:
Selbst sie war weg, war einfach durchgebrannt.
Der Dschogi kam sich vor wie altes Eisen.

»Das also ist der Welten Lauf!«
So rief er aus: »Ich laß mir durch die Hand
Das ganze liebe Jahr die Nägel wachsen,
Und die Bewunderung hört mit einmal auf,
Macht irgendwer, Gott weiß es was für Faxen,
Die, darauf nehm ich Gift, gar nichts bedeuten.
Schlimm ist die Welt, weiß Gott, die Zeit ist bös;
Sogar die Weiber sind irreligiös,
Und überhaupt, es ist nichts mit den Leuten.«

Nach diesen Worten drehte er sich um
Und hob die dünnen Hände (krumm,
Weil wirklich sie durchwachsen waren
Von seinen Nägeln) übers Augenpaar,
Zu sehn, wohin das Volk in Scharen
Denn eigentlich gelaufen war.
»Natürlich! Ein Prozeß! Beim Kadi. Hum!
Gewiß ein schöner Fall! Wie dumm, wie dumm,
Daß just der göttlichste Jurist
Vom Zuhörn ausgeschlossen ist!«
(Der Dschogi nämlich, daß ihrs wißt,
War früher, eh ihm klar geworden,
Daß nichts vergleichbar sei im ganzen Staat
An innerem Wert dem Bettelorden,
Ein höchst berühmter Advokat.)
»Ich, gerade ich! Beim Himmel: nein!
Ich will und muß zugegen sein!
Ein Fall, der alle interessiert,
Wird würdig nur durch mich plädiert.«

Und sieh, der Heilige, der sonst nichts kannte,
Als tiefste Selbstversunkenheit,
Der allem Leben Abgewandte
In tiefster Seelentrunkenheit,
Der alles Wollen aus sich bannte
In dieser Welt Halunkenheit:
Der Säulenheilige umspannte
Mit seinem dürren Beinepaar
Der Säule Schaft – und war viel eher unten,
Als seinem Hinterteile dienlich war.
Er hat nicht leicht das Gleichgewicht gefunden.
Doch, als ers hatte, hei, wie rannte er!
Sein Lendenschurz genierte ihn nicht sehr,
Und, als er ihn verlor im heißen Lauf,
Hielt unsern guten Dschogi gar nichts mehr,
Als höchstens seine schwache Lunge auf.

Mit Keuchen kam der heilige Mann
In des Gerichts Getümmel an,
Und alles schrie: »Paßt auf! Jetzt wird es Licht!
Jetzt sitzt der Heilige zu Gericht!«

Und als nun Seit an Seit das Paar,
Der Dicke und der Dünne saß,
Da sah das Publikum erst klar,
Wie dick sein dicker Kadi war:
Der Dünne war des Dicken Maß.
Und zu gemeinem Gaudium
Rief einer aus dem Publikum:
»Seht, welch ein Spaß:
Die Mutterzwiebel und das Zittergras!«

(Für welchen Witz der Humorist,
Der so des Ortes Würdigkeit vergaß,
Gleich krumm geschlossen worden ist.)

Und aller Blicke wandten sich
Dem heiligen Manne zu, und: »Sprich!
Sprich Recht, du Unbefleckter!« schrien
Die Tausende und nannten ihn
Bei tausend Heiligen- und Ehrennamen.

Er aber sprang in seiner Nacktheit hoch
Vom Sitz empor und drehte sich im Kreise,
Indes den Leib er wie im Krampfe bog,
Und schrie auf fürchterliche Weise:
»Amen! Amen! Amen!
Allah illallilah!
Allah illallilah!
Kniet nieder! Nieder! Nieder!
Der Vogel des Paradieses kam wieder!
Mein Glück ist wieder da!
Und nun auf von den Knien!
Allah illallilah!
Tanzt, Moslemin!
Allah illallilah!
Tanzet um ihn,
Tanzt um den Vogel mit goldnem Gefieder!
Viel besser ists, um ihn sich drehn,
Allah illallilah,
Als auf dem Säulenknauf zu stehn,
Allah illallilah,
Und der Sonne ins goldne Gesicht zu sehn.
Ich tu es niemals wieder,
Seitdem Sie wieder da.
Allah illallilah,
Und nie soll sie wieder von mir gehn!«

Du siehst, o Herrin, unser Dschogi war
Seit Jahresfrist ein Heiliger zwar,
Jedoch in puncto puncti just auch nicht der beste.

(Das dünkt mich weiter nicht so wunderbar,
Dieweil ein Mönch – ein Mann, erwiderte Chodscheste.
Und wieder zeigt der alte Spruch sich wahr:
Wie klein davon auch immer sein die Reste:
Moschus und Liebe sind un-aus-treib-bar.
Die Tugend kann ein jeder Mensch verhehlen,
Vertreibbar ist Geruch selbst von Kamelen,
Doch, wo nur Liebe je und Moschus war:
Ein Rüchlein bleibt in Kästen oder Seelen.)

Sehr richtig, Herrin! Und in diesem Falle
Rochen den Braten auf der Stelle Alle.
Und wie aus einem Munde schrie
Das ganze Volk: »Schon wieder sie!
Das Weibchen, scheints, hat eine gute Kralle!
Wer soll hier richten, wenn ein Heiliger gar
Bekennen muß verliebtestes Verfehlen?
Sie kann wohl selbst nicht ihre Liebsten zählen,
Und niemals wird ihr dunkler Rechtsstreit klar,
Wolln wir zu Richtern nicht die Weiber wählen.«

Der Punkt war kritisch. Denn die Weiber, jetzt
Durch Eifersucht und – Tugend aufgehetzt,
Begannen in der Tat, ein wenig Lust zu spüren,
Dem Weibe, das (gewiß mit Hexerei) betört
So viele Männer schon, was sich gehört
Für eine brave Frau, scharf zu Gemüt zu führen.

Schon rief, Xanthippen gleich, ein krasses Weib: »So setzt
Ihr doch die Daumenschrauben an!
Ich will doch sehn, ob nicht mit meinem Mann
Sie auch das heilige Eherecht verletzt
So wie mit jenen hat. Und dann:
Ins Feuer, Feuer mit dem Höllenbraten
Für seine schauderhaften Freveltaten,
Daß er nicht weiter Unheil stiften kann!«

So, Mann und Weib verschiedentlich bewegt,
War unseres dicken Kadi Tribunal
Dem Meere gleich, vom Nordwind überfegt.
Nur sie, die den Spektakel hat erregt,
Steht ruhig da, als wär es ihr egal,
Woher, wohin die wilde Woge schlägt.
Sie hüllt ihr Haupt in ihren seidnen Schal
Und hat sich, unerhört! dem Eremiten,
Als wollte schlafen sie, jetzt, hier, inmitten
Des tollen Tobens, an die Brust gelegt.

Und sieh, wie sie die Augen schloß,
Da ward es still mit einemmal,
Indes vom Himmel sich ein breiter Strahl
Von Sonnenlicht durch Wolkenspalt ergoß.
Und durch die Menge, die sich teilte, ritt,
Man wußte, ahnte nicht woher, ein greiser,
Doch schöner Mann, ein Herrscher oder Weiser,
Gemächlich, lächelnd, ritt im Schritt
Bis zu der Stelle, wo der Eremit
Mit unserm Weibchen stand, das ruhig, tief,
Mit vollen Kinderatemzügen schlief
Und längst wer weiß in welchen Traums Bereichen
Zufrieden und zu Hause war.
Hier hielt der alte würdevolle Mann
Sein Reittier an
Und gab, so schien es, einer Dienerschar,
Die, allem Volke unsichtbar,
Ihn dienstbereit umgab, ein Zeichen.
Drauf ward, von wem ist nicht zu sagen,
Das Weib behutsam, daß es nicht erwachte,
Von unsichtbaren Armen sachte, sachte
Erhoben und in einer Sänfte, nein,
Es war ja keine da, doch wars der Schein,
Als lägs in einer Sänfte, still davongetragen.

Und ruhig ritt der Alte hinterdrein.

Lautlos, als wärs mit einmal stumm,
Das eben noch so laute, auf Geheiß
Allahs geworden, schritt das Publikum,
Voran die immer noch verliebten Achte,
Zum Zug geordnet gleichfalls hinterher,
Als ob die Schwebende ein zaubrischer Magnet,
Das ganze Tribunal ein Zauberkreis
Und jeder einzelne ein Mensch nicht mehr,
Nein, eine willenlose Puppe wär,
Von unsichtbarer Hand bewegt, gedreht.
Und, wunderlich, ein jeder sagte sich:
Nicht jene Achte oder irgendwen: nein: mich
Geht diese Sache an, – das Weib ist mein!
Die Weiber aber trollten hinterdrein
Und fühlten nicht den allermindsten Stich
Von Eifersucht. Im Gegenteil, sie schienen
Geschmeichelt und zufrieden wie noch nie.
So ganz vollkommen war die Harmonie
In allen Blicken, allen Mienen,
Daß diese selig stille Prozession
Ein Zug von Engeln schien und nicht von Leuten,
Von denen doch ein jedes schon
Gebrandmarkt war von Schmerzen und von Freuden.

Bei Allah, ja! Es war kein Gehn: ein Wallen;
Ein großer Heiligenschein stand über allen,
So mancher Schuft auch unter ihnen war.
Es schwebte wie durch Paradieseshallen
Dem allgeliebten Weibe nach die Schar.

Wie lang dies währte, weiß ich nicht zu künden.
Es hielt die Zeit, so schiens, den Atem an.
Vielleicht gabs überhaupt in diesen Gründen
Das gar nicht mehr, was Zeit man nennen kann,
Dies Stundenlaufen und Zusammenründen
Von War und Ist und Einst und Nun und Dann.

Jedoch, mit einem Male kam ein Punkt,
Und alles war in tiefste Nacht getunkt.

Nur Eines sah man grell als wie im Traum:
Auf einem Hügel einen Lorbeerbaum,
Uralt und hoch und bis hinauf gespalten,
Wies sonst des Ölbaums Art, und neben ihm,
Umleuchtet wie die ewigen Seraphim
Von überirdisch mildem Glanz, den Alten,
Vor dem das Weib, ein wenig dunkler, stand.
Dunkler, obwohl kein Fäserchen Gewand
Den wundervollen Leib umpreßte.

(Vor allen Leuten? Pfui! Wie kann man nur!
Ereiferte sich stark chokiert Chodscheste,
Indem sie über Jäckchen, Höschen, Weste
Mit schambeflissenen Fingern fuhr.)

Es tut mir leid, daß ichs nicht leugnen kann:
Sie hatte wirklich nicht das mindste an:
Nackt war sie, nackt; nackt wie die liebe Sonne.
Und niemand, sonderbar, nicht Weib noch Mann,
Nahm irgendwie den kleinsten Anstoß dran,
Erfüllt von andachtsvoller heiliger Wonne.
Es war so ein erhabener Moment
(Sie sind sehr selten unter Menschgebornen),
Wo männiglich nichts weiter fühlt und kennt,
Als tiefe Ahnung eines längst Verlornen;
Und bei Empfindungen von solcher Stärke
Denkt selbst ein Schneider nicht an Schneiders Werke.
Wahrlich, ich sage dir: durch jede Brust,
Ein Strom, ein Sturm, fuhr ungeheure Lust
Des allertiefsten innigsten Begreifens,
Des Lebensinnersten, des Urgebots,
Des dunklen Werdens, stätig hellen Reifens,
Des Zeugens und Gebärens und des Tods.

All in die Knie nieder sanken sie, wie wenn
Der Gottheit Odem über ihnen bliese,
Die Stirn zur Erde nieder schlugen sie, wie wenn
Der Gottheit Hand sie auf die Erde stieße,
Und wieder hoch sodann die Köpfe all, wie wenn
Der Gottheit Mund sie rief zum Paradiese.

Und ihre Augen, siehe, sie ersahn
Den Lorbeerbaum das nackte Weib umfahn.

Es ist nicht leicht zu sagen, wie das war.
Denn, war bisher schon manches wunderbar,
Dies, Herrin, war noch wunder-wunderbarer.
Er nahm sie in sich auf mit Haut und Haar
Und schloß sich dann, gleich einem Schatzbewahrer;
Verschwunden war sie in ihm ganz und gar.
Der Alte aber, schien es, war der Paarer,
Der Priester Gottes, der den Segen gibt,
Wenn er vereint, was sich so innig liebt,
Daß es allein nicht fürder leben mag. –

Er hob die Hände, und – es wurde Tag.

Zum Tage aber will kein Wunder taugen.
Das Volk stand auf und wischte sich die Augen,
Rieb sich die Kniee, kraute sich am Ohr
Und kam sich eigentlich belämmert vor.

»Herr Gott!« schrie auf ein Weib, »mein Mittagsessen!
Ganz sicher, es ist angebrannt.«
»Ich hab den Schlüssel abzuziehn vergessen
Von meinem Geldschrank,« rief ein Bankier.
»Gerechter Himmel! Ich muß ins Café!«
Ein Müßiggänger. Ein Schmuckfabrikant
Rang wild die Hände: »Meine neuen Tressen!«
Ein Priester wimmerte: »O domine!
Die Vesperlitanei! Die Seelenmessen!«
Und ein Konditor, völlig wie besessen,
Riß sich am Bart: »Verpappt ist mein Tragant!«
Ein tausendstimmiges Herrjemineh
Tät tausend Lippen kreischend sich entpressen,
Und alles ist davongerannt.

Nur jener Alte blieb am Baume stehn
Und blickte lächelnd hinterher dem Volke,
Von dem bald nichts als eine dicke Wolke
Von aufgetriebenem Staube war zu sehn.

Im Lorbeerzweigicht aber hob ein Wehn
Als wie von Windesstimmen säuselnd an,
Aus dem, o wie so süß, ein Zwiegesang,
Adams und Evas Liebeslied, begann:
Ein Sichdurchflechten, Miteinanderschweben,
Ein Insichdringen, Durcheinanderweben,
Ein Insichsterben, Insichwiederleben,
Ein Durcheinanderblühn im Doppelklang.

Der Alte kreuzte über seiner Brust
Andachtdurchseligt seine schönen Hände
Und murmelte: »Von Anfang bis zu Ende,
Allüberall ist Gott, und Gott ist Lust.
Gepriesen sei die Welt! Die Welt ist recht.
Kein Strähnchen Irrtum geht durch das Geflecht
Des Lebensteppichs, der die Tempelwände
Des urvollkommnen Alls bespannt,
Und wer es auch im Traume nur erkannt,
Einmal im Traume nur und unbewußt:
Er ist voll Gott und ewiglich gerecht.

Was sahen sie, die jetzt davongerannt sind
Und wieder nun ins Enge eingebannt sind? –:
Ins Feuer sahn sie und ins Herz der Welt.
Allahs Augapfel sahen sie: das Weib,
Ein Püppchen erst, geschnitzt zum Zeitvertreib,
Und dann der Sinn des Seins, der alles hält:
Natur und Liebe, Weg zur Ewigkeit
Aus eines Augenblicks Vergessenheit, –
Ein Nichts und Alles, – wie es euch gefällt.«

Ausgewählte Gedichte 075

◀◀◀ ▶▶▶


Gedichte:

Anfänge

Titel

Zeilen

Autor - Anfänge

Autor - Titel

Wortschatz

OPERONE