L Y R I K
LYRIK Otto Julius Bierbaum - Poetische Werke 255

Aßmann von Abschatz, Hans

Adler, Friedrich

Ahlefeld, Charlotte von

Albrecht von Haigerloch

Albrecht von Johansdorf

Angelus Silesius

Arent, Wilhelm

Arndt, Ernst Moritz

Arnim, Achim von

Arnold, Gottfried

Aston, Louise

Ball, Hugo

Bierbaum, Otto Julius

Birken, Sigmund von

Bleibtreu, Karl

Blumauer, Aloys

Bodenstedt, Friedrich von

Boie, Heinrich Christian

Bohne, Johannes

Brentano, Clemens


Conradi, Hermann

Hart, Heinrich

Hart, Julius

Hartleben, Otto Erich

Holz, Arno

Lenau, Nikolaus


Rückert, Friedrich


Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 255

Die Purpurschnecke

(Herrn Gustave Kahn zugeeignet.)

Wie eine Schnecke,
Träge, langsam,

Schleicht das
»Glück« ...

Mit wartendem, klopfendem Herzen steht
Der Mensch und breitet in Qual und Angst
Die Arme aus und schreit zum Himmel:
»Oh komm, komm endlich,
Löse mich, löse mich
Aus Fesseln und Banden –
Ein Glückeslächeln,
Ein einziges nur,
Es würde mein Herz
Erwärmen mit lachendem Leuchten,
Wie Maiensonne nach Winters Frost die starre Erde!« ...

Er wartet und fleht
Lange, lange,
Und müht sich ab im Geschirr des Lebens,
Und keucht und keucht,
Gebunden, gepeitscht,
Möchte vorwärts: hinauf!
Hinauf! wo es strahlt
Und lächelt das Schöne,
Ruhige, Klare,
Immer Ersehnte ...

Aber das Glück,
Kein stürmischer Engel,
Ach, kein gütig gewährendes Weib,
Aber das Glück,
Die purpurne Schnecke,
Rückt nur mühsam,
In langen Fristen,
Wenige Schritte
Vor ... und
Ihre träge gedrehten Fühler
Tasten kalt an eine starre,
Augenleere Leiche im Grabe.

Verfluchte Schnecke, o faules Glück!
Indes du deinen schleimigen Weg
Lautlos vorwärts schlichest: da stob,
Brauste, wütete, raste mit Heulen,
Gewaltig schnelle mit Sturmes Mächten
Von allen Seiten die Schaar der Furien
Los auf den Armen.
Die dürren Weiber!
Hexengestöber, grimmig jauchzendes ...

Mit ihren Geißeln schlugen sie ihn,
Mit ihren Schlangen schreckten sie ihn,
Mit ihren modrigen Blicken trieben sie ihn
Durch bange Verzweiflung und Wahnsinnsnacht
In den Tod.

Ein gehetztes, verendetes Wild –
Im Grab
Stumm liegt er nun:
Im Nichts.
Im friedvollen, unbelebten Nichts
Ward ihm das Glück ...

Die dunkelrote Pupurschnecke kriecht
Ueber sein Grab,
Lautlos ...

Irrgarten der Liebe 255 Gedichte 144 / In Gleichnissen 01

◀◀◀ ▶▶▶


Gedichte:

Anfänge

Titel

Zeilen

Autor - Anfänge

Autor - Titel

Wortschatz

OPERONE