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LYRIK Achim von Arnim - Poetische Werke 23

Aßmann von Abschatz, Hans

Adler, Friedrich

Ahlefeld, Charlotte von

Albrecht von Haigerloch

Albrecht von Johansdorf

Angelus Silesius

Arent, Wilhelm

Arndt, Ernst Moritz

Arnim, Achim von

Arnold, Gottfried

Aston, Louise

Ball, Hugo

Bierbaum, Otto Julius

Birken, Sigmund von

Bleibtreu, Karl

Blumauer, Aloys

Bodenstedt, Friedrich von

Boie, Heinrich Christian

Bohne, Johannes

Brentano, Clemens


Conradi, Hermann

Hart, Heinrich

Hart, Julius

Hartleben, Otto Erich

Holz, Arno

Lenau, Nikolaus


Rückert, Friedrich


Ernst Moritz Arndt (1769-1860)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 23

Der freie Dichtergarten

1808.

Mit Melodien von Fürst Anton Radziwill, J.F. Reichardt und Luise Reichardt.

Kranker König, laß nicht schließen
Mit der Eisengitterthür
Deinen Garten, wo uns grüßen
Edle Hirsch und Tannenthier,
Wo die goldnen Fische spielen
In dem letzten Sonnenstrahl,
Wo sich goldne Aepfel kühlen
In des Sees Spiegelthal
Wo sich Goldfasanen brüsten
Unter wildem Rosenglanz,
Wo die stolzen Pfauen rüsten
Hell den Tausend-Augen-Kranz
Wo die türkschen Enten rauschen,
Fast gedeckt von Schaum und Fluth,
Und die lichten Schwäne lauschen
Auf den Kreis von rothem Blut:
Laß den Mädchen manche Blume,
Laß den Kindern manchen Zweig,
Ihrem Schatz ist die zum Ruhme,
Dieser wird zum Schwert sogleich!
Und mit solchen muth'gen Kindern,
Und mit Buhlen keck und kühn,
Kann dein Glück die Welt nicht hindern,
Kannst du in die Schlachten ziehn.

Bürger kommen an dem Abend,
Wie es die Gewohnheit ist,
Zu der Thüre, wo so labend
Frischer Duft sich still ergießt,
Treten an in frohem Tanze,
Von der Arbeit, die beglückt;
Zwitschernd aus dem Blätterkranze
Der Kanarienvogel blickt,
Zu des Abends lust'gem Reihen
Macht er die Musik so gern,
Kranich selber, tanzend schreien
In dem Duft der Wiese fern.
Doch die Thüre ist geschlossen,
Die der Freude offen schien,
Alle Bürger stehn verdrossen,
Und die Frauen klagen kühn:
»Wird der Garten uns genommen,
Dieser Fluß, der kühl uns faßt;
Wo wir frischend oft geschwommen,
Wer ertrüg' der Arbeit Last?
Will der König uns versperren?
Stehn wir hier vor Feindes Land?
Machte Gott ihn da zum Herren,
Uns vom Paradies verbannt?«

Zu des Volks empörten Sinnen
Flimmernd durch das Gitterthor
Schöne Flammenbäche rinnen,
Dürstend steht das Volk davor!
Hoch des Springbrunns Tropfen spritzen,
Himmlisch wird ihr Zeugenchor,
Hoch als Himmelsstern sie blitzen,
Durstend steh das Volk am Thor.
Nachtviole giebt ein Zeichen,
Und ein Irrlicht steiget leis,
Und die Leuchtgewürme streichen,
Suchen in dem lichten Kreis,
Leuchten, daß der Schimmer kehre
Heim ins liebe grüne, Land,
Daß der Hellespont nicht störe,
Was die Liebe fest verband.
Doch, die dunklen Reben weinen,
Klagend steigt die Nachtigall,
Kein Begegnen in den Hainen,
Nirgend ist ein Liebesmahl.
Schweigt, ihr Blätter, Flüsterstimmen
Von versäumter Liebesstund',
Wollet ihr das Volk ergrimmen,
Seid ihr im geheimen Bund?

Wiehernd kommt ein Zug von Rossen,
Viere, schwarz und kraus heran,
An die Thüre, die geschlossen,
Spannt sie an ein Bürgersmann;
Und die Thüre stürzet krachend
Bei dem ersten Peitschenhieb,
Und die Bürger ziehen lachend
In den Garten doppelt lieb.
Doch die Rappen von dem Knalle,
Hintennach das Eisen schallt,
Rissen aus und zogen's alle
Durch die Straßen mit Gewalt;
Wie ein Geist auf ihre Füße
Schlug vom Pflaster hoch das Thor,
Und sie traten aus wie Flüsse,
Muth und Angst in ihrem Chor.
Und der König kam gegangen,
Dieser Stromwuth nicht entging,
Blind sie auf den Kranken drangen,
Wußte nicht wie's ihm erging;
Nieder wurde er getreten,
Seine Räthe allzugleich,
Keiner konnte beichten, beten;
Frei ist nun das ganze Reich.

Selbstbescherung

Erste Stimme.

Alles aus einem Gemüthe,
Alles aus einer Brust,
Springet mein Geblüte,
Singet meine Lust.

Vieles ihr möget tadeln,
Vieles sei ehrenwerth,
Alles um's zu adeln,
Wird es mir beschert.

Hell mir die Christnacht klinget,
Thür auf, Thür zu die Welt,
Und ein Kindlein bringet,
Was mir wohlgefällt.

Alles was abgeleget,
Was es in Lust verbraucht,
Was es sorgsam heget,
Weil es mir nun taugt.

Selbstbeschwerung

Zweite Stimme.

O süßer Mai,
Der Strom ist frei,
Ich steh verschlossen,
Mein Aug' verdrossen,
Ich seh nicht deine grüne Tracht,
Nicht deine buntgeblümte Pracht,
Nicht dein Himmelsblau,
Zur Erd' ich schau;
O süßer Mai,
Mich lasse frei,
Wie den Gesang
An den dunkeln Hecken entlang.

Selbstberuhigung

Dritte Stimme.

Wie übers Meer die Schiffe
Zu heitrer Ferne ziehn,
Schlag an der Laute Griffe
Dir selber zu entfliehn.

Die Ruder schlagen helle
In die krystallne Fluth,
Es springet Well' auf Welle,
Ein junges Blut thut gut.

Wie alle Segel schwellen,
Wie schäumt der muntre Kiel,
Mit Schäumen sich erhellen
Der dunklen Wellen viel.

Nun ruhet euch, ihr Arme,
Ihr Ruder, tröpfelt ab,
Ich fühle ein Erwarmen,
Das ich mir selber gab.

Die Winde sich versuchen,
Wie's in der Laute tönt,
Wer's Leben will versuchen,
Der ist zur Stund' versöhnt.

Im Schrecken zu genießen,
Schau um im raschen Blitz,
Verlorne Freuden grüßen
Dich neu im Menschenwitz.

Das Wort

Vierte Stimme.

Mein lieber Sohn,
Du starker Ton,
Du trägst mich fort,
Mich schwaches Wort.

Die Wiege dein,
Die enge Brust,
Ist dir zu klein,
Du springst in Lust.

Ja wie ein Blick
Hoch himmlisch trägt,
Um mich Musik
Die Flügel schlägt.

Ein Luftschiff baut
Sie mir behend
Aus goldner Laut
Ich streck' die Händ'.

Glück auf, mein Sohn,
Heb mich zum Thron,
O sel'ge Stund,
Zu ihrem Mund.
Lieben und geliebt zu werden

Fünfte Stimme.

Lieben und geliebt zu werden
Ist das Einzige auf Erden,
Was ich könnte, was ich möchte,
Was ich dächte,
Daß es mir noch könnte werden,
Lieben und geliebt zu werden.

Lieben und geliebt zu werden
Lehrt ihr mich, ihr muntern Heerden,
Wenn gehörnte Böcklein springen,
Muß ich singen:
Lieben und geliebt zu werden
Wünsch' ich mir, es wird mir werden.

Lieblich, um geliebt zu werden,
Treibt des Abends Gold die Heerden
Mit dem frohen Sängergruße
Zu dem Flusse;
Könnt' ich meinen Sinn erkühlen,
Auszuströmen, auszufühlen.

Liebend und geliebt zu werden,
Ach wer trug da nicht Beschwerden,
Seht die Stiere scharf sich drängen;
Leichte Gänge!
Streitend möcht' ich für sie sterben,
Für sie leben, sie erwerben.

Liebe, die ich lieben werde,
Ich, die glücklichste der Erde,
Und sie muß mir bald begegnen,
Mich zu segnen;
Denn noch nie mit süßerm Schallen
Schmetterten die Nachtigallen.

Liebe tritt mir bald entgegen,
Wie dem Frühling warmer Regen,
Grüne Blätter und von allen
Tropfen fallen:
Und kein Tropfen soll verkommen,
Warum war ich doch beklommen?

Liebend um geliebt zu werden,
Lauscht der Wald dem Tritt von Pferden!
Kommt Sie da? Ich hör' im Düstern
Vögel flüstern!
Nein, es jagen sich die Füllen,
Kinder lieben nicht im Stillen.

Lieb' ich, um geliebt zu werden,
Still genügen mir Geberden,
Vor mir leise reden, lachen,
Sie umwachen!
Mein vertrauter Lustgefährte
Wär' der Traum auf ihrer Fährte.

Liebend um geliebt zu werden,
Reis' ich um die grüne Erde;
Ach wo wird der Blick mich finden,
Der mich bindet?
Und an welchem frommen Heerde
Bleib' ich, um geliebt zu werden?

Lieben und geliebt zu werden,
Lieblich Dasein, lieblich Werden,
Heimlich Wesen und verstohlen,
Wo sie holen?
Ach in welchen öden Mauern
Mag sie lauern, mag sie trauern.

Liebend gleich geliebt zu werden,
Letzte Abendröth' bescheere,
Löse auf der rothen Schleifen
Himmelsstreifen:
Sinkt des Auges helle Wonne,
Mir im Herzen steigt die Sonne.

Wie mein Auge sich verklärte,
Alles flüchtet, was beschwerte,
Wie auf Wiesen Lüftlein zittern,
Hell zu flittern:
Flitterwoche wird mein Leben;
Wird dann hell in Nacht verschweben.

Liebend so geliebt zu werden,
Ach zu arm ist diese Erde,
In die Lüfte muß ich küssen,
Sie zu grüßen:
Nur der Überfluß der Sterne
Giebt mir Zeichen aus der Ferne.

Liebend wieder liebt zu werden,
Lieget ruhig, liebe Heerden,
Laßt euch nicht im Schlafe stören,
Mich zu hören!
Hört, ich muß nur Luft mir machen,
Singend in das Feuer sehn und wachen.

Bund

Sechste Stimme.

Wenn des Frühlings Wachen ziehen,
Lerche frisch die Trommel rührt,
Ach da möchte ich mitziehen,
Ach da werd ich leicht verführt;
Handgeld, Druck und Kuß zu nehmen,
Und ich kann mich gar nicht schämen.

Wie die Waffen helle blinken,
Helle Knospen brechen auf,
Hohe Federbüsche winken,
Die Kastanie hält was drauf,
Blühen, duften, wehen, fallen,
Und ich muß so lockend schallen.

Wie gefährlich sind die Zeiten,
Wenn die Bäume schlagen aus,
Nachtigall schlug drauf bei Zeiten;
Schießt Salat und macht sich kraus,
Kinder, ihr müßt ihn bestehen,
Die im Grünen sich ergehen.

Schwinge nur die bunten Fahnen,
Apfelblüth' im Morgenschein,
Ja wir schwören beid' und bahnen
Einen Weg, der uns verein';
Was im Frühling treu verbunden
Lebt zusamm für alle Stunden.

Kritik

Ein recht Gemüth
Springt mit den Nachtigallen
Auf jede Blüth',
Und freuet sich an allen!
Von diesem Zweig
Will Jener einzeln schallen,
Nicht allzugleich
Wie Saat der Menschen wallen.

Doch was vermag
Ihr wallend Herz zu stören?
Nicht Trommelschlag!
Zum Trotz sie schlägt in Chören.
Nicht Kukusruf,
Von Kindern oft befraget,
Kein Schlag vom Huf,
Der über Wiesen jaget.

Nichts störet sie,
Nur heller muß ich singen,
Da höret sie
Den Wiederhall erklingen;
Ist voll das Herz,
So geht der Mund wohl über,
Und Lust und Schmerz
Wird da unendlich lieber.

Und nur zu bald
Vergißt sie sich im Schlagen,
Sich und den Wald,
Fort kann der Falk sie tragen;
Doch sieh den Falk,
Er hört ihr zu betroffen,
Der lose Schalk,
Und hält den Schnabel offen.

Krankheit

»Wehe, wehe, daß dem Schlechten
Macht gegeben über's Beste!«
Mit den Göttern ist kein Rechten,
Flehe nur für dich das Beste,
Daß sie dir dein Hälschen kühlen,
Von der Fiebergluth verenget,
Welche sonst die Ohren fühlen,
Wenn dein Sang sie schwellend dränget.

Denkt doch, Götter, wem gehöret
Diese Stimme? Euer Leben
Nicht mit solchem Muthwill störet,
Wer kann sie euch wiedergeben?
Hat doch jeder jetzt zu denken
Schon genug, wer wird euch preisen,
Und mit lieblichen Geschenken
Euren Himmelsraum durchkreisen?

Zeit

Hiebevor, als wir Kinder waren,
Beide, beide in den Jahren,
Daß wir liefen auf den Wiesen,
Von jenen hernieder zu diesen.
Und unsre Stunden
In Veilchen wunden,
Da sieht man nun so hinein.

Sieht so hinein, tief wie durch Bäume
Jene goldne Berge scheinen,
Soll der Abend denn schon dunkeln;
Da dauert noch ferne das Funkeln!
Kein Eichhorn springet,
Kein Vogel singet,
Die Nachtluft haucht schon herein.

Wohl ich gedenk noch, daß wir saßen
In den Blumen bis zur Nasen,
Und es lispelten die Maien,
Erschien da ein Kindlein im Freien,
Geht mit dem Kranze
Im Sonnenglanze,
Also geht auch die Zeit von hinnen.

Meinten nicht einmal, dies sei gewesen
Unser Kranz, den wir gelesen,
Lobten ihn und Beeren suchen
Bei Tannen und rauschenden Buchen,
Da rief ein Weiser
Uns durch die Reiser,
Wohl Kinder, geht nun hinein.

Sahen uns nicht um nach seiner Weise,
Sammelten die schwarze Speise,
Und er ging mit schwarzem Munde,
Wir lachten, es schallte im Grunde;
Er hat gegessen,
Was wir gelesen,
Also geht auch die Zeit von hinnen.

Farbig schien da in dem Kraute
Eine Schlange, die ich schaute,
Und ich nahm sie auf verlegen,
Hat Blumen und Frucht nicht zu geben!
Die Schlang' sich schwinget,
Zum Ring sich schlinget;
Also geht auch die Zeit von hinnen.

Freundschaft

Der Blinde schleicht am Wanderstabe,
Weiß nicht, daß schon die Sonn' im Meer,
Er trägt an seiner Last so schwer,
Die Last ist seine letzte Habe

Er trägt so treu zum sichren Grabe
Den Knaben, der ihn führt bisher,
Der fiel, denn Hunger drückt so schwer,
Der bettelte für ihn um Gaben.

Wird er den sichern Schooß nun finden,
Der seinen Liebling sanft umfaßt,
Doch was uns liebt und was uns haßt,
Kann sich dem Blinden auch verkünden.

Ich trug der Einsamkeit Vertraute,
Die Laut', zerschmettert noch mit mir,
Mein Herz war klagend ganz in ihr,
Als ich vor mir ein Mädchen schaute.

Die sang für sich und meine Laute
Tönt heller wieder aus dem Mund,
Er that mir andre Schönheit kund,
Ich hörte wieder die Vertraute.

Der Laute Ton ist heller funden,
Ich fingre prüfend um den Hals,
Ich freue mich des süßen Schalls,
Und heller schlagen mir die Stunden.

Den Finger legt sie auf mein Auge,
Ein Wunder thut der Liebe Hand,
Gar herrlich scheinet nun das Land,
Durch tiefe Nächte kann ich schauen.

Die Laute ist mir da entfallen,
Ganz still im Gras sie liegen blieb,
Wem alle Welt einmal nicht lieb,
Wird tröstend in die Hand sie fallen.

So ist der Freundschaft ahndend Wesen,
Daß sie in sich zurücke tritt,
Wenn sie gehört der Liebe Tritt,
Sonst wär' es Freundschaft nicht gewesen.

Mein Stammbuch 21 Der freie Dichtergarten 1

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