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LYRIK Achim von Arnim - Poetische Werke 213

Aßmann von Abschatz, Hans

Adler, Friedrich

Ahlefeld, Charlotte von

Albrecht von Haigerloch

Albrecht von Johansdorf

Angelus Silesius

Arent, Wilhelm

Arndt, Ernst Moritz

Arnim, Achim von

Arnold, Gottfried

Aston, Louise

Ball, Hugo

Bierbaum, Otto Julius

Birken, Sigmund von

Bleibtreu, Karl

Blumauer, Aloys

Bodenstedt, Friedrich von

Boie, Heinrich Christian

Bohne, Johannes

Brentano, Clemens


Conradi, Hermann

Hart, Heinrich

Hart, Julius

Hartleben, Otto Erich

Holz, Arno

Lenau, Nikolaus


Rückert, Friedrich


Ernst Moritz Arndt (1769-1860)

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Poetische Werke 213

Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland

Der Verfasser bittet, diese Verse nicht für Hexameter und Pentameter zu halten.

Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohren-Basaltes,
Seh ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll;
Dann, dann sehne ich mich in deine schimmernde Arme,
Weisser Cararischer Stein, kühlend die schwühlige Luft,
Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen.
Keiner staunet euch an, jedem seyd ihr vertraut.
Fingal! Fingal! klinget so hell, mir wird doch so trübe,
Frierend wähn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
Dreht sich die Achse der Welt? Wie führt mich Petrarca zu Fingal,
War es doch gestern, ich mein, daß ich nach Genua kam.
Ja dort sah ich zuerst das Meer, des nunmehr mir grauet,
Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt.
Damals von der Bochetta herab in des Frühroths Gewühle,
Lag noch die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd sie dreht sich,
Daß die Schifflein so weiß, flogen wie Federn davon;
Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband,
Zweifelnd daß frühe so hoch steige der lüsterne Mensch.
Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie bebte und schwebte
Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt.
Fiametta! ich rief, mir schaudert, sie faßte mich selber,
Ja ein Mädchen mich faßt, lächelnd ins Auge mir sieht.
Hier! hier! sagt sie und peitschte den buntgepuschelten Esel,
Daß aus dem ledernen Sack, schwitzte der röthliche Wein:
Lieber, was willst du? sie fragt, du riefest mich eben bey Namen:
Wenn sie nicht Blicke versteht, Worte die weiß ich noch nicht.
Der Beschämung sich freuend sie strich mir die triefenden Haare,
Thau und Mühe zugleich hatten die Stirne umhüllt.
Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl,
Als sie den Stein erblicket, den sorglich in zärtlicher Liebe
Auf den Händen ich trug, daß der Anbruch nicht leid,
Ey da lachte sie laut und riß mir den Stein aus den Händen,
Warf ihn über den Weg, daß er zum Meere hinroll,
Und dann spielte sie Ball sich freuend meiner Verwirrung
Mit der Granate die schnell kehrte zu ihr aus der Luft.
Nicht der schrecklichen eine, die rings viele Häuser zerschmettert,
Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
Sie verstand mich doch wohl? O Einverständniß der Völker,
Das aus Babylons Bau blieb der zerstreuten Welt,
Suchte doch jeder den Sack beym brennenden Thurme und fragte,
Also blieb auch dies Wort, Sack den Sprachen gesammt,
Also auch Zeichen der Lieb' im Blick, in guter Geberde,
Scheidend sie winkten sich noch, fernhin trieb sie die Macht. –
Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
Die Granate entfiel und ich grif sie geschickt.
Kühle vielliebliche Frucht, einst Göttern und Menschen verderblich,
Wohl du fielest auch mir, zaudr' ich, wo ich gehofft?
Doch ich zögerte noch, gedenkend an Helena traurend,
An Proserpina dann, beyde erschienen mir eins
Mit der Eva, da wollt ich sie stille verscharren der Zukunft,
Daß nur das Heute was mein, bleibe vom Frevel befreyt,
Daß ich dem Zufall vermach zu treiben die Kerne in Aeste,
Daß ich dem Zufall befehl, daß er die Blüthe verweht;
Aber ich mocht nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter,
Jegliches Moos noch zart, drängte sich üppig zum Tag.
Zweifelnd ging ich so hin, nicht sehend stand ich am Meere,
Fern mich weckte ihr Ruf, daß ich nicht stürze hinein:
Nein zu seicht ist die Küste, sie würde nicht bergen das Uebel,
Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.
Also kam ich zum Meer und sahe die Fischer am Fischzug
Springend durch kommende Well, ziehend ein bräunliches Netz,
Roth die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen,
Bräunliche Mäntler umher, schrieen als jagten sie die.
Andere stießen halbnackt ins Meer die schwarze Feluke,
Trugen die Leute hinein, die zur Fahrt schon bereit.
Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bösen
Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug,
Wie sie enthoben das Schiff begann in dem Schwanken und Schweben,
Daß mir das Herz in der Brust recht wie von Heimweh zerfloß,
Durch die fließenden Felsen erscholl ein liebliches Singen,
Und ich verstopfte das Ohr, bin vor Sirenen gewarnt.
Bald belehrte ich mich, es sang ein Weib in dem Kahne,
Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich,
Wechselnd die Händ bewegt sie wie Flügel der Windmühl
Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrüst.
Sagt die Geschickne ihr wahr des heiligen Kinds, das sie anblickt,
Wie es im Krippelein lag, Oechslein und Eslein es sah'n,
Sahn wie der himmlische Stern wie Hirten und heilige König,
Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn,
Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlösers;
Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib.
Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Böse versöhnet,
Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht:
Engel versöhnt ihr das Herz, das tief arbeitende Böse,
O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so!
Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie öffnet die Schale,
Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern;
Wie im Neste die Vöglein, also im Mantel die Kindlein
Sperren die Schnäblein schon auf, eh ihr Futter noch da.
Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter,
Und die Mutter vertheilt gleich die kühlende Frucht.
Wälze dich schäumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bey mir,
Stürze die Wellen auf Wellen, erheb dich höher und höher,
Du erreichst uns nicht, höher treibst du uns nur,
Schon vorbey dem brandenden Leuchtthurm schützt uns George,
Der im sicheren Port zähmet den Drachen sogleich.
Wie von Neugier ergriffen, so heben sich übereinander
Grüßend der Strassen so viel, drüber hebt sich Gebirg,
Höher noch Heldengebirg, da wachet der Festungen Reihe,
Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im Süd.
Ey wie ists, ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
Amphitheater erscheint, hier die Erde gesammt:
Spiel ich ein Schauspiel euch ihr bunten Türken und Mohren,
Daß ihr so laufet und schreit an dem Circus umher?
Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
Fingal! Fingal! riefs schon, muß ich erwachen in Schottland,
Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
Muß ich kehren zur Erdhütt, keinen der Schnarcher versteh ich,
Muß mir schlachten ein Lamm, rösten das lebende Stück,
Mehl von Haber so rauch mir backen zum Brodte im Pfännchen
Und des wilden Getränks nehmen vieltüchtige Schluck:
Wandrer Mond du schreitest die stumpfen Berge hinunter,
Nimmer du brauchtest ein Haus, dich zu stärken mit Wein,
Alle die Wolken sie tränken dich froh mit schimmernden Säften,
Ja dein Ueberfluß fällt, thauend zur Erde herab.
Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen
Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
Siehe mein Leiden o Mond durch deine gerundete Scheibe,
Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wünsche das fehlt.

Nachlese 62

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