L Y R I K
LYRIK Angelus Silesius - Poetische Werke 1886

Aßmann von Abschatz, Hans

Adler, Friedrich

Ahlefeld, Charlotte von

Albrecht von Haigerloch

Albrecht von Johansdorf

Angelus Silesius

Arent, Wilhelm

Arndt, Ernst Moritz

Arnim, Achim von

Arnold, Gottfried

Aston, Louise

Ball, Hugo

Bierbaum, Otto Julius

Birken, Sigmund von

Bleibtreu, Karl

Blumauer, Aloys

Bodenstedt, Friedrich von

Boie, Heinrich Christian

Bohne, Johannes

Brentano, Clemens


Conradi, Hermann

Hart, Heinrich

Hart, Julius

Hartleben, Otto Erich

Holz, Arno

Lenau, Nikolaus


Rückert, Friedrich


Angelus Silesius (1624-1677)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 1886

1
Ich bin voll Trost und ewger Freud,
Voll himmelischer Güte,
Voll Lebens, voller Seligkeit,
Voll Jauchzens im Gemüte,
Wenn ich an dich, du werte Stadt,
Jerusalem, gedenke
Und in dich meiner Sinnen Rad,
Du Liebesland, versenke.

2
Du bist ganz schön und wohlgebaut,
Ganz herrlich aufgeführet,
Kein Makel wird an dir geschaut,
Kein Ungestalt gespüret.
Du übertriffst der Sonnen Licht,
Dein Ansehn glänzt von ferne
Weit über Himmels Angesicht,
Wenn er voll goldner Sterne.

3
Die Mauern sind hoch aufgespitzt,
Ganz schußfrei, voller Türme,
Sie lachen, wenn es kracht und blitzt,
Sie fürchten kein Gestürme.
Die Steine sind dem Jaspis gleich,
Durchscheinend wie kristallen,
Der Grund ist köstlich, stark und reich,
Kann ewig nicht zerfallen.

4
Sie funkeln, daß auch fast's Gesicht
Vergeht noch auf den Grenzen,
Dort leucht des Chalzedoniers Licht,
Da steht der Goldstein glänzen.
Dort blickt der Sardonyk hervor
Mit seinen schönen Wangen,
Da steigt der Amethyst empor,
Mit Purpur reich behangen.

5
Dort färbet sich der Karneol,
Da spieln die Hyazinthen,
Hier sieht man den Chrysopras wohl
Und den Topas dort hinten.
Wie schöne scheint das Himmelblau
Der würdigen Saphiren,
Wie grünet das Smaragdes Au,
Wie kann Beryll sie zieren.

6
Unglaublich ist der Pforten Pracht,
Ein jed (ich muß's doch sagen)
Ist nur aus einer Perl gemacht
Und wunderlich beschlagen.
Es ist nur ein Stück und dabei
So künstlich ausgeätzet,
Daß man das Werk allein ganz frei
Für unvergleichlich schätzet.

7
In allen steht ein Seraphin
Mit herzlichem Verlangen,
Der pflegt mit großem Freudensinn
Die Pilger zu empfangen.
Er heißet sie willkommen sein
Mit freundlichen Gebärden
Und führet sie frohlockend ein,
Daß sie da Bürger werden.

8
Die Gassen alle sind durchaus
Mit klarem Gold gebrücket,
Es ist kein Ort, kein einzigs Haus,
Welchs nicht das Aug berücket.
Man weiß schier nicht, wo mans Gesicht
Zum ersten hin soll wenden,
Ein solches übertrefflichs Licht
Sieht man an allen Enden.

9
Dies Licht kommt nicht vom Mondenschein,
Nicht von der Sonnen Strahlen,
Es fällt auch nicht vom Blitz hinein,
Der alls im Hui kann malen.
Es ist das Licht der Herrlichkeit,
Die wesentliche Sonne,
Die Flamme der Durchläuchtigkeit,
Gott selbst und seine Wonne.

10
Glückselger Pilger, der du hast
Den Weg hieher genommen
Und bist zu deiner Ruh und Rast
In diese Herberg kommen.
Hier kannst du deine matte Brust
Für alle Müh ergötzen
Und dir mit tausendfacher Lust
Die kurze Qual ersetzen.

11
Die Häuser alle sind gebaut
Von weißem Alabaster,
Von Marmel, den man ganz durchschaut
Gleichwie das goldne Pflaster.
Dem kleinsten, das darinnen steht,
Ist keine Stadt zu gleichen,
Es kann (so hoch sind sie erhöht)
Ihm First kein Turm erreichen.

12
Die Fenster sind von Bergkristall
Aufs sauberste polieret,
Die Rahmen silbern überall
Geätzt und ausgezieret.
Der stolzen Dächer Glanz und Pracht
Ist Schmelzwerk bestermaßen,
Vom teuersten Metall gemacht
Mit wunderlichen Straßen.

13
Die Zimmer drinnen sind staffiert
Mit Kunsttapezereien,
Mit schönsten Bildern ausgeziert,
Die einem's Herz erfreuen.
Es stehn ganz lebhaft hin und her
Der Heiligen Geschichte,
Die Reisen übers irdsche Meer
Mit günstigstem Gesichte.

14
Bei jedem ist bald hinten dran
Ein Zier- und Blumengarten,
Da schaut man, was man wünschen kann,
Von Blumen tausend Arten.
Hier steigt der Lilien Schnee empor,
Da glänzen die Narzissen,
Dort ragt ein Rosenstock hervor,
Da läßt Safran sich küssen.

15
Hier ist ein Beet von Tausendschön,
Da voller Tulipanen,
Dort pflegt die Goldwurz aufzustehn
Mit ihren gelben Fahnen.
Hier zeiget sich die Anemon,
Der Nelken samtne Wangen,
Dort steht die stolze Kaiserkron
Beim türkschen Bunde prangen.

16
Alls ist mit solchem Fleiß und Kunst
So zierlich angeleget,
Daß es die Augen stracks zur Gunst,
Das Herz zur Lust beweget.
Kein Perlenhefter hat ein Tuch
So künstlich ausgesticket,
Als dieses Wunderblumenbuch
Sich ineinander schicket.

17
Aus diesem Garten kann man bald
In einen andern gehen,
In dem die Bäume jung und alt
In bester Ordnung stehen.
Da hat man mit Verwunderung
Die schönsten Frücht in Augen,
Es ist kein Stäudlein ja so jung,
Das nicht sollt etwas taugen.

18
Auf diesem läßt sich eine Schar
Der Jungfernäpfel sehen,
Auf jenem wird man bald gewahr,
Wie sich die Birnen drehen.
Ein andrer ist von Pfirschken schwer,
Ein andrer von Morelchen,
Ein andrer wanket hin und her
Mit Muskatellerkelchen.

19
Ergötzlich ist es anzusehn,
Wenn sich die Pomeranzen
Von Lüften hin und wieder drehn
Und auf den Ästen tanzen.
Wenn die Zitronen klein und groß
Sich auf die Erde neigen
Und die Granaten fast ganz bloß
Und reif zum Essen zeigen.

20
Draus kommt man in das freie Feld,
Das hat ein schön Gesichte,
Man siehet eine solche Welt,
Die unsre macht zu nichte.
Da liegt ein Berg, da steht ein Wald,
Da ruhen Aun und Wiesen,
Ein jegliches ganz wohlgestalt
Und nie genug gepriesen.

21
Man siehet stracks die liebe Saat
Auf etlich hundert Morgen,
Sie wächst ohn allen Mißgerat
Goldstriemig und ohn Sorgen.
Es hat der Kürbisse so viel
Und zückerne Melonen,
Daß man sich, wie man immer will,
Nicht kann vor ihnen schonen.

22
Es schwingen sich die Lerchelein
Mit Haufen in die Höhe,
Das treue Turteltäubelein
Seufzt lieblich ohne Wehe.
Sie lassen sich von jedermann
Auch mit den Händen fangen
Und fliegen von sich selbst heran,
Wenn du sie tust verlangen.

23
Die Flüsse schleichen schlangenweis
Im Grünen hin und wieder,
Die Ströme rauschen ohne Fleiß
Ganz wohlgefällge Lieder.
Auf diesen Wassern schwimmen auch
Die Schwäne, welche singen
Und durch des langen Halses Schlauch
So schön Getöne bringen.

24
Geht man darauf in einen Wald,
So hat man drin zu sehen
So viel Ding, das so mannigfalt
Und fein, als je geschehen.
An Bäumen wächst ein seidner Moos
Vermengt mit goldnen Faden,
Das Laub ist linde, fett und groß,
Das Holz ohn eingen Schaden.

25
Man hört den angenehmsten Schall,
Den tausend Vögel machen,
Es lockt und zückt die Nachtigall,
Die Tauben girrn und lachen.
Die Amsel schlägt, die Finke pinkt,
Die Lerche direlieret,
Der Zeisig und der Stieglitz singt
Und alles musizieret.

26
Die Alaster schwatzt mit den Starn
Von ihren Fantaseien,
Es pelfern hin und her mit Scharn
Die schönen Papageien.
Da reden sie die Selgen an
Mit lächerlichen Grüßen
Und plaudern artig jedermann
Zur Kurzweil, wie sie wissen.

27
Das Wild ist sämtlich da nicht wild,
Kein einzigs ist zu scheuen,
Der Leopard geht sanft und mild,
Man scherzet mit den Leuen.
Ein Jauchzen und ein Lustgeschrei
Hört man bei dem Gehetze,
Der Hirsch hängt sein verguldt Geweih
Freiwillig an das Netze.

28
Es quilln viel lautre Brünnelein,
Die den Kristall beschämen,
Viel Bächlein rinnen, die den Schein
Dem Fraueneis benehmen.
Ausbündig günstig kommen drinn
Die Wiesen und die Matten,
Es hat da, was er will, der Sinn,
Schöns Licht und schönen Schatten.

29
Nahbei findt man mit sondrem Schein
Erbauet Schäfereien,
Die Schäflein sind so hübsch und fein,
Daß sie das Herz erfreuen.
Sie tragen Seiden statt der Woll
Und silbernes Gespinste,
Sie gehn so häufig fett und voll
Ohn alles Mißgegünste.

30
Die Fische sind so wundersam,
So lustbar in den Teichen,
So günstig, daß man sie vom Damm
Mit Händen kann erreichen.
Sie schimmeren wie Goldgeschmeid,
Sie spielen fast so feine
Wie Perlenmutter und zur Zeit
Wie edele Gesteine.

31
Die Hügel muß ich sonderlich
In diesem Schauplatz preisen,
Sie sehn so lustig rund um sich,
Als wollten sie sich weisen.
Sie sind durchscheinend allzumal
Wie die polierten Glasen,
Sind wohl bewachsen überall
Mit Gold, Grün und mit Rasen.

32
Der ein ist lauter von Saphir,
Der andre von Kristallen,
Der ein Smaragd, ein andrer schier
Wie Bernstein und Korallen.
Sie sind voll Segens und voll Tau,
Man siehet ihre Spitzen
Von fern hernieder auf die Au
Mit Milch und Honig schwitzen.

33
Herunten werden sie umschanzt
Mit auserlesnen Reben,
Mit Lauben, deren Zier so glanzt,
Daß ichs nicht weiß zu geben.
Es stehen haufenweis und frei,
Oliven, Mandeln, Feigen
Und Cedernbäum, je zwei und zwei,
Den Straßweg anzuzeigen.

34
Und alle diese Lieblichkeit
Pflegt für und für zu währen,
Es kann kein Alter, keine Zeit
Ihrn Saft und Glanz verzehren.
Es ist ein ewger Frühlingsschein,
Ein ewger Herbst im Lande.
Es dauert alles insgemein
In seiner Blüt und Stande.

35
Die Erde wird allzeit geziert
Von ihrem Seidensticker,
Der Wald steht immer wohl schattiert,
Die Luft wird niemals dicker.
Es hängen durch das ganze Jahr
Die Trauben an den Reben,
Das Obst reift fort, die Wollenschar
Pflegt stets am Klee zu kleben.

36
Es pflegt kein Wetter da zu sein,
Kein Donner wird gehöret,
Es fällt kein Reif noch Brand darein,
Kein Hagel, der zerstöret.
Man weiß vom Winter, Frost und Eis
Auch nicht ein Wort zu sagen,
Man hört auch über Sommer heiß
Nicht eine Mücke klagen.

37
Es schneit wohl zur Ergötzlichkeit,
Was? Lilien und Narzissen.
Es pflegt sich auch zu mancher Zeit
Ein Reglein zu ergießen.
Sein Wasser ist von Rosmarin
Und Rosen destillieret,
Von Majoran und von Jasmin,
Von Springauf abgeführet.

38
Es stürmt kein Wind in diesem Port
Und innerhalb der Brucken,
Der Blumen feind, der strenge Nord,
Darf hier nicht einmal mucken.
Es facht und webelt nur allein
Wie spielend durcheinander
Ein tausendkühles Lüftelein
Mit lieblichem Gewander.

39
Die Schönheit, Lust, Schmuck, Glanz und Pracht
Der Selgen, die da bleiben,
Hat noch kein Mensch je vorgebracht
Und recht gekonnt beschreiben.
Die Engel sind so voller Gunst,
So huldreich an Gebärden,
So freundlich, dienstig und umsonst
Als kein Geschöpf auf Erden.

40
Die Tugenden sind voller Zier
Und löblicher Gestalten,
Die Sanftmut leucht so schön herfür
In Fürsten und Gewalten.
Die Herrschaften in großer Zahl
Sind glimpflich im Gebieten
Und die Erzherzog allzumal
Voll Ehrns in allen Tritten.

41
Wer will der Seraphiner Blitz
Und feurge Liebeswagen,
Wer von der Cherubiner Witz
Und großem Lichte sagen?
Wer kann den Ernst und Majestät
Der Thronen wohl vermelden?
Unmöglich ists auf dieser Stätt
Auch dem beredtsten Helden.

42
Erstaunungsvoll sieht man allda
Die heilgen Leiber schweben,
Man glaubts nicht, was sie fern und nah
Für Aussehn von sich geben.
Der eine strahlt mit großem Licht,
Durchleuchtend wie die Sonne,
Ein andrer hat ein Angesicht
Ganz wie des Himmels Wonne.

43
Der übertrifft den Mondenschein
Zu mehr als siebenmalen,
Die Rötin bricht nicht so herein,
Als hunderttausend prahlen.
Viel glänzen wie der Morgenstern
Und andre Himmelsflammen,
Viel wie das Firmament von fern
Mit allem Licht zusammen.

44
Viel leuchten wie ein Diamant,
Viel schimmern wie Opale,
Viel haben des Karfunkels Brand
Und seine Feuerstrahle.
Viel sind wie Onykel so weiß,
Viel haben vom Kristalle,
Viel von dem Sardonyk den Preis,
Von reinsten Gläsern alle.

45
Die Märtrer gehn in Kermesin
Und rotem Sammet prangen,
Sind mit Geschmeide von Rubin
Ganz wunderlich behangen.
Sie tragen Kronen auf dem Haupt
Von lauter edlen Steinen,
Ein Lorbeerkranz, der sie umlaubt,
Macht ihren Sieg erscheinen.

46
Die Jungfern, eine keusche Schar,
Gehn all in weißer Seide,
Kein Atlas gleißt so schön und klar
Wie der zu ihrem Kleide.
Auf ihrem Haupt blüht eine Kron
Von Lilien und Narzissen,
Von Röslein, die man Anemon
Mit Namen pflegt zu grüßen.

47
Die Lehrer geben in die Fern
Ein himmlisches Geglänze,
Auf ihrn Talarn stehn so viel Stern
Als an der Feste Grenze.
Sie sind in Goldstück eingekleidt
Und haben goldne Kronen,
Die Liebe hat sie zubereit,
Sie pflegt mit Gold zu lohnen,

48
Die andern alle sind so schön
Und herrlich angeleget,
Daß auch kein Kaiser kann so gehn,
Wenn er die Krone träget.
Es ist solch Reichtum, solche Pracht,
Solch Perlenschmuck zu sehen,
Soviel Kleinoden, daß alls lacht
Im Hin- und Wiederdrehen.

49
Sie riechen so vortrefflich wohl
Nach Caß- und Zimmetrinde,
Ein Apothek mit Balsam voll
Riecht nie so schön am Winde.
An einem kann man Benzoin,
Am andren Amber spüren,
Der streichet mit Rhodisöl hin
Und der tut Nelken führen.

50
Es kann kein Weh in ihn'n entstehn
Noch Krankheit sie beladen,
Sie können in die Hölle gehn
Ohn Brand und eingen Schaden.
Es kann kein Waffen, Spieß noch Schwert
Sie schneiden und durchstechen,
Kein Hammer auf der ganzen Erd
Ihr kleinstes Beinlein brechen.

51
Sie sind subtiler als die Luft,
Die Berge zu durchdringen,
Sie gehn durch Steine, Maur und Gruft,
Nichts hält noch kann sie zwingen.
Sie können wie mit einem Ball
Mit Sonn und Monde spielen,
Die Erde hindrehn überall,
Kann sie nicht einst vervielen.

52
Sie sind so hurtig und geschwind,
Unsäglich, sehr behende,
Sie können sein, eh als der Wind
In allem Ort und Ende.
Sie sind in einem Augenblick,
Wo sie nur hingedenken,
Und können gleich so stracks zurück,
Sollts tausend Meiln sein, lenken.

53
Sie dürfen die Dreifaltigkeit
Nicht mehr im Glauben ehren,
Man darf sie keine Heimlichkeit
Noch etwas anders lehren.
Sie sehn es klar und können nu
Selbst urteiln ohne wanken,
Sie können auch noch schaun dazu
Die innersten Gedanken.

54
Sie leben sicher und gewiß,
Daß sie darinnen bleiben,
Sie fürchten keinen Fall noch Riß,
Der sie kann raus vertreiben.
Sie wissen, daß noch Krieg noch Feind,
Noch Pest zu ewgen Tagen,
So lange Gottes Sonne scheint,
Von dannen sie kann jagen.

55
Daraus entstehet solche Freud
Und Trost in ihrn Gewissen,
Daß sie vor großer Süßigkeit
Fast in sich selbst zerfließen.
Sie haben Gott, die höchste Lust,
Sie können ihn umfassen,
Sie halten ihn an ihrer Brust
Und wolln ihn nimmer lassen.

56
Da höret auf all ihr Begehrn,
Da stirbet alls Verlangen,
Da stehn sie ewig im Gewährn
Und ewig im Empfangen.
Da sitzen sie zu ewger Zeit
In höchster Ruh und Friede,
In Zufluß und Genüglichkeit
Und werdens niemals müde.

57
Sie werden nie vom Zorn bewegt,
Von keinem Haß betrübet,
Es wird kein Zank noch Streit erregt,
Kein Mutwill je verübet.
Die Mißgunst und der blaue Neid
Sind ewig da verschrieben,
Melancholei und Traurigkeit
Ist vor der Pforte blieben.

58
Sie sind mit lauter Lieb und Brunst
Des heilgen Geists entzündet,
Ein jeder sieht mit lautrer Gunst,
Was er im andern findet.
Ein jeder liebt den andern so
Als wie sein Herz und Leben,
Ein jeder ist des andern froh
Und was ihm Gott gegeben.

59
Sie haben alles ingemein
Ohn Argwohn, ohn Verdenken,
Sie reden ohne falschen Schein,
Ohn Sticheln, ohne Kränken.
Es ist kein Stolz noch Übermut,
Kein Aufblähn unter ihnen,
Ein jeder ist dem andern gut
Und will ihn stets bedienen.

60
Sie leben in Vertraulichkeit
Wie Kinder miteinander,
Wie Tauben in Holdseligkeit
Und günstigem Gewander.
Es ist ein Herz, ein Geist und Sinn,
Ein Will und Wohlgefallen
Im Tun und Lassen her und hin
Aufs höchst in ihnen allen.

61
Es mehret auch noch diese Freud,
Daß sie das Herz und Sinnen
Mit klarem Sehn und Unterscheid
Im Nächsten kennen können.
Sie sehn, wie ers so treulich meint,
Wie er so herzlich liebet,
Wie er der ist, der außen scheint
Und den er von sich gibet.

62
Sie gehen öfters auf das Feld
Und die gestickten Auen,
Die Wunder Gotts, die neue Welt
Und was darin zu schauen.
Da sehn sie mit Verwundrung an
Der Sonnen neue Pferde,
Des Monds Gesicht, den neuen Plan
Der kristallinen Erde,

63
Da machen sie ein Feldgeschrei
Der Allmacht Gotts zu Ehren,
Da singen sie so vielerlei
Der Weisheit Lob zu mehren.
Da spielen sie nach aller Lust
Mit jauchzendem Gemüte,
Da laben sie Mund, Sinn und Brust
Und preisen seine Güte.

64
In diesem setzen sie sich fein
Zusammen in den Schatten
Und sprechen von der Freud und Pein,
Die sie auf Erden hatten.
Sie sagen, wie sie auf die Bahn
Des wahren Lebens kommen,
Was ihnen Gott für Guts getan,
Wie er sie angenommen.

65
Da rühmt Henricus seine Braut,
Die keusche Kunigunde,
Und Elzear sagts überlaut,
Daß ihn sein' überwunde.
Da scherzet die Cäcilia
Mit ihrm Valeriane,
Da kommt Alex aus Syria
Mit seinem Pilgerfahne.

66
Da redt Johannes von der Brust,
An der er hier gelegen,
Da Bernhard von des Geistes Lust
Und innrem Gnadenregen.
Da ist Franziskus allerding
Im Zeigen seiner Wunden
Und Katharina in dem Ring,
Der sie mit Gott verbunden.

67
Da hört man mit Verwundrung an
Der Genoveva Leben,
Wie sie die Schickung Gottes kann
Und sein Versehn erheben;
Wie seinen Jammer und sein Glück
Eustachius erzählet,
Wie Bartholmä der Galgenstrick
In Indien gequälet.

68
Da reden von der Härtigkeit
Die strengen Eremiten,
Die Märtyrer, was sie für Leid,
Für Schimpf und Tod erlitten.
Da weist der Täufer auf sein Haupt,
Da Agatha die Brüste,
Da andre, wessen sie beraubt
Das peinliche Gerüste.

69
Da weiß Agnet sich ihren Spott
Gar artlich Nutz zu machen,
Da Margaret ob ihrem Tod
Mit Barbara zu lachen.
Da kann Lorenz sich schöne ziern
Mit seinem Rost und Kohlen,
Ignatius sich an den Tiern
Gar meisterlich erholen.

70
Der Thron, auf welchem voller Huld
Der König Jesus sitzet,
Ist über alls Gestein und Gold
Und über Kunst geschnitzet.
Er übertrifft des Himmels Glanz,
Leucht mehr als der Karfunkel,
Sein kräftig aufgewölbter Kranz
Ist wie der Blitz, wenns dunkel.

71
Sein Kleid macht blaß den reinen Schnee
In klaren Sonnenstrahlen,
Die Kron auf seines Hauptes Höh
Kann keine Zung abmalen.
Die Sonn weicht seinem Angesicht
Und aller Blitz gar gerne,
Sein Augenäpfel und ihr Licht
Sind zweene Morgensterne.

72
Er ist der lieblichst und ganz schön
Vor allen Menschenkindern,
Läßt einen jeden zu sich gehn
Und ruft auch gar den Sündern.
Niemand hat jemals ihn gesehn
In seinen Majestäten,
Der unverliebt sich könnt abdrehn
Und ohn ihn anzubeten.

73
Zur Rechten etwas unter ihm
Ist noch ein Thron erbauet,
Auf welchem man in Goldgestriem
Die Jungfrau Mutter schauet.
Ihr Thron ist klares Helfenbein,
Ihr Rock ist himmelfarben,
In ihrer Hand ein Köcherlein
Voll Blumen, Frücht und Garben.

74
Zu beiden Seiten um den Thron
Sind tapezierte Dielen,
Drauf sitzt der Patriarchen Kron
In schön beschlagnen Stühlen.
Nach diesem die Propheten all,
Die von ihm prophezeiten,
Drauf die Apostel ebenfall
In gleichen Würdigkeiten.

75
Zu Füßen auf des Thrones Schwell
Knien dreimal tausend Knaben,
Die sich bis auf die Stund und Stell
Mit nichts bemakelt haben.
Er hat sie selbst vom Erbfall rein
Gewaschn und eingekreidet
Und in Livrei von Mondenschein
Zu seinen Ehrn gekleidet.

76
Vor ihm sieht man die große Schar
Der Heilgen aller stehen,
Die Päpst und Kaiser dienen dar
Vor seines Thrones Höhen,
Es stehn die Märtrer allzumal,
Bekenner groß und kleine,
Stehn Fraun und Jungfraun ohne Zahl,
Ein edele Gemeine.

77
Um ihn und oberhalb des Throns
Sieht man die Engel schweben,
Die zum Befehl des Menschensohns
Und seinen Diensten leben.
Die Seraphim und Cherubim
Und Thron und noch sechs Scharen,
Die schweben allesamt vor ihm
Zu hunderttausend Paaren.

78
Die Alten voller Ehrbarkeit
Stehn auf von ihren Stühlen
Und falln mit Ehrerbietigkeit
Zu seines Thrones Dielen.
Sie legen ihre Kronen hin
Und geben ihm die Ehre
Und tun es kund mit klarem Sinn,
Daß ihm der Preis gehöre.

79
Dies sehend, tuns auch alsobald
Die andern Heilgen alle
Und schrein zusammen mit Gewalt
Und freudenreichem Schalle:
Du, du bist würdig, Gotteslamm,
Kraft, Stärk und Ehr zu haben,
Dir, dir gebührt der reiche Stamm,
Gewalt und andre Gaben.

Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge 4

◀◀◀ ▶▶▶


Gedichte:

Anfänge

Titel

Zeilen

Autor - Anfänge

Autor - Titel

Wortschatz

OPERONE