Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters

DIETMAR VON AIST

DIETMAR VON AIST

Seneder friundinne bote

1 Seneder friundinne bote, nu sage dem schœnen wîbe,
daz mir âne mâze tuot wê, daz ich si sô lange mîde.
lieber hette ich ir minne
danne al der vogellîne singen.
nu muoz ich von ir gescheiden sîn,5
trûric ist mir al daz herze mîn.

2 Nu sage dem ritter edele, daz er sich wol behüete,
und bite in, schône wesen gemeit und lâzen allez ungemüete.
ich muoz ofte engelten sîn.
vil dicke erkumet daz herze mîn.
an sehendes leides hân ich vil,5
daz ich ime selbe gerne klagen wil.

3 Ez getet nie wîp sô wol an deheiner slahte dinge
daz al die welt diuhte guot. des bin ich wol worden inne.
swer sîn liep darumbe lât,
daz kumet von swaches herzen rât.
dem wil ich den sumer und allez guot5
widerteilen durch sînen unstæten muot.

Ahy, nu kumt uns diu zît

Ahy, nu kumt uns diu zît der kleinen vogellîne sanc.
ez grüenet wol diu linde breit, zergangen ist der Winter lanc.
nu siht man bluomen wol getân, an der heide üebent si ir schîn.
des wirt vil manic herze frô, des selben trœstet sich daz mîn.

Ich bin dir lange holt gewesen

Ich bin dir lange holt gewesen, frouwe biderbe unde guot.
vil wol ich daz bestatet hân! du hâst getiuret mir den muot.
swaz ich dîn bezzer worden sî, ze heile muoz ez mir ergân.
machest du daz ende guot, hâstuz allez wol getân.

Man sol die biderben und die guoten

Man sol die biderben und die guoten zallen zîten haben wert.
swer sich gerüemet alze vil, der hât der besten mâze niht gegert.
jô sol ez niemer höfescher man gemachen allen wîben guot.
er ist sîn selbes meister niht, swer sîn alze vil getuot.

Ûf der linden obene

Ûf der linden obene sanc ein kleinez vogellîn,
vor dem walde wart ez lût. huop sich aber daz herze mîn
an eine stat, dâ ez ê dâ was. ich sach dâ rôsebluomen stân,
die manent mich der gedanke vil, die ich hin zeiner frouwen hân.

Ez dunket mich wol tûsent jâr

Ez dunket mich wol tüsent jâr, daz ich an liebes arme lac.
sunder âne mine schulde frömdet er mich manigen tac.
sît ich bluomen niht ensach noch hôrte kleiner vogel sanc,
sît was al mîn fröide kurz und ouch der jâmer alzelanc.

Ez stuont ein frouwe alleine

Ez stuont ein frouwe alleine
und warte über heide
unde warte ir liebes.
sô gesach si valken fliegen.
»sô wol dir, valke, daz du bist!5
du fliugest, swar dir liep ist,
du erkiusest dir in dem walde
einen boum, der dir gevalle.
alsô hân ouch ich getân:
ich erkôs mir selbe einen man,10
den erwelten mîniu ougen.
daz nîdent schœne frouwen.
owê, wan lânt si mir mîn liep?
joch engerte ich ir dekeines trûtes niet!«

Sô wol dir, sumerwunne!

Sô wol dir, sumerwunne!
daz vogelsanc ist geswunden,
alse ist der linden ir loup.
jârlanc trüebent mir ouch
mîniu wol stênden ougen.5
min trût, du soit dich gelouben
anderre wîbe.
wan, helt, die solt du mîden.
dô du mich êrst sæhe,
dô dûhte ich dich ze wâre10
sô rehte minneclîch getân.
des man ich dich, lieber man.

Gedanke die sint ledic frî

1 Gedanke die sint ledic frî,
daz in der werlte nieman kan erwenden;
dâ ist ouch dicke senen bî.
die muoz ich von dem herzen ofte unsanfte senden.
ein rehtiu liebe mich betwanc,5
daz ich ir gap daz herze mîn.
des werdent mir diu jâr sô lanc,
sol ich von der gescheiden sîn.
des wæne ich mîn leben iht lange stê,
ich verdirbe in kurzen tagen.10
mir tuot ein scheiden alsô wê.

2 Ich siufte, und hilfet leider niht,
umbe ein wîp, bi der ich gerne wære.
sô si min ouge niht ensiht,
daz sivt dem herzen vil leidiu mære.
ir tugende die sint valsches vrî,5
des hœre ich ir die besten jehen.
nu sehent, wie mînem herzen sî:
ich getar ir leider niht gesehen.
wie senelîche si mich lie!
si hât daz herze mir benomen.10
daz geschach mir ê von wîben nie.

3 Ich hân der fröiden vil verlân,
daz ich niht herzeliep vinden kunde.
swaz ich fröiden ie gewan,
daz ist wider dise liebe ein krankiu stunde.
die ich ze liebe mir erkôs,5
sol ich der sô verteilet sin?
seht, des belîbe ich fröidelôs,
und wirt an mînen ougen schîn.
in al der werlte ein schœne wîp
...10
vil gar ir eigen ist mîn lîp.

Frouwe, mînes lîbes frouwe

Frouwe, mînes lîbes frouwe,
an dir stêt aller mîn gedanc,
dar zuo ich dich vil gerne schouwe.
du gewunne nie unstæten wanc.
dar zuo wære ich dir vil gerne bî.5
nu nim mich in dîn genâde,
sô belîbe ich aller sorgen frî.

Sich hât verwandelt diu zît

1 Sich hat verwandelt diu zît, daz verstên ich bî der Vogel singen:
geswigen sint die nahtegal, si hânt gelân ir süezez klingen,
unde valwet oben der walt.
ienoch stêt daz herze mîn in ir gewalt,
der ich den sumer gedienet hân.5
diu ist mîn fröide und al mîn liep, ich wil irs niemer abe gegân.

2 Ich muoz von rehten schulden hôch tragen daz herze und alle die sinne,
sit mich der aller beste man verholn in sîme herzen minne.
er tuot mir grôzer sorgen rât.
wie selten mich diu sicherheit gerûwen hât.
ich wil im iemer stæte sîn.
er kan wol grôzer arbeit gelônen nach dem willen mîn.

3 Ich bin ein bote her gesant, frouwe, ûf mange dîne güete.
ein ritter, der dich hât erwelt ûz al der werlte in sîn gemüete,
er hiez dir klagen sin ungemach,
daz er ein senendez herze treit, sît er dich sach.
im tuot sîn langez beiten wê,5
nu reden wirz an ein ende enzît, ê im sîn fröide gar zergê.

4 Der got der al die welt geschaffen hât, der gebe der lieben noch die sinne,
daz si mich mit armen umbevâhe und mich von rehtem herzen minne.
mich dunkent ander frouwen guot,
ich gewinne von ir dekeiner niemer hôhen muot,
sin welle genâde enzît begân,5
dm sich dâ sündet an mir, und ich ir vil gedienet hân.

Nu ist ez an ein ende komen

1 Nu ist ez an ein ende komen, dar nâch ie mîn herze ranc,
daz mich ein edeliu frouwe hat genomen in ir getwanc.
der bin ich worden undertân,
als daz schif dem stiurman,
swenne der wâc sîn ünde alsô gar gelâzen hât.5
sô hôh ôwî!
si benimet mir mange wilde tât.

2 »Jâ hœre ich vil der tugende sagen von eime ritter guot.
der ist mir âne mâze komen in mînen stæten muot,
daz sîn ze keiner zît mîn lîp
mac vergezzen«, redte ein wîp,
»nu muoz ich al der werlte haben dur sînen willen rât.5
sô hôh ôwî!
wol ime, wie schône er daz gedienet hât!«

3 Wie möhte mir mîn herze werden iemer rehte fruot,
daz mir ein edeliu frouwe alsô vil ze leide tuot!
der ich vil gedienet hân,
als ir wille was getân.
nu wil si gedenken niht der mangen sorgen mîn.5
sô hôh ôwî,
sol ich ir lange frömde sîn.

Slâfest du, friedel ziere

1 »Slâfest du, friedet ziere?
wan wecket uns leider schiere.
ein vogellîn sô wol getân
daz ist der linden an daz zwî gegân.«

2 »Ich was vil sanfte entslâfen,
nu rüefestu, kirrt, wâfen.
lieb âne leit mac niht sîn.
swaz du gebiutest, daz leiste ich, mîn friundîn.«

3 Diu frouwe begunde weinen:
»du rîtest hinnen und lâst mich eine.
wenne wilt du wider her zuo mir?
owê, du füerest mine fröide sant dir!«

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