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LYRIK Hans Aßmann von Abschatz - Poetische Werke 439

Aßmann von Abschatz, Hans

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Arnim, Achim von

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Hart, Julius

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Hans Aßmann von Abschatz (1646-1699)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 439

Die angenehme Wüsteney St. Amants

Wiewohl schlägt mir die öde Gegend zu!
Diß brauner Nacht geweyhte Feld/
Entfernet vom Geschrey der Welt/
Ist meiner Unruh süsse Ruh:
Diß Thal/ darinn ich mich verborgen
Ist ein Begräbnis meiner Sorgen.

Mein Auge schaut hier mit Vergnügen an
Der dick belaubten Bäume Schaar/
Darvon so mancher gleiche Jahr
Mit Welt und Erde zählen kan/
Den seiner Faunen Gunst bewahret
Und diß auff diese Zeit gesparet.

Die frische Lufft spielt um ihr stoltzes Haubt/
Und Zephyr küst sie Tag und Nacht/
Nichts als der hohe Wipffel macht
Ihr greises Alterthum beglaubt:
Wie sie den ersten Tag geschienen
So sieht man sie noch heute grünen.

Hier ists/ wo mir in stiller Einsamkeit
Das Schatten-Kind die Nachtigall
Mit ihrer süssen Stimme Schall
Vertreibt so manche schwere Zeit/
Wo sie den Lüfften saget wieder
Den Inhalt meiner Trauer-Lieder.

Hier wird von mir mit höchster Lust geschaut
Wie auff den Felsen dar und hier
Umklettert manch verwegnes Thier/
Wie die Natur so kühn gebaut/
Und offt so schlechten Grund/ offt keinen
Gegeben hat den schweren Steinen.

Hier schau ich wie die Silber-helle Bach
Dort von dem hohen Berge fliest
Und dieses grüne Thal begiest/
Da geh ich ihrem Ufer nach
Und seh die gläntzenden Forellen
Aus ihren frischen Steinen quellen.

Hier bild ich mir die schöne Gegend ein/
Die man der Musen Wohnung hieß/
Wo ieder Tropffen/ ieder Kieß
Crystall und Perle muste seyn/
Wo man nichts auff beblümten Auen
Als Edelsteine konte schauen.

Wiewohl gefällt mir dieser stille See/
Um den so mancher Erlen-Baum
Bey Weyd und Ilme nimmet Raum/
Der nie kein scharffer Stal thät weh:
Wo unter den begrünten Hecken
So manche Feder-Kinder stecken.

Hier siehet man wie in der Nimphen Hand
Sich die geflochtne Semde biegt/
Wie die zerstreute Kolbe fliegt
Um den beschilfften Wasser-Rand/
Wie sich die Frösch am Lande sönnen
Und in der Flutt verbergen können.

Bald schliest aus Furcht die feuchte Schneck ihr Thor/
Bald offnet sie ihr Muschel-Hauß/
Die Ganß pflückt ihre Federn aus/
Der Taucher sinckt und schwebt empor;
Man sieht wie Schnepff- und Wasser-Hennen
Auch in der Flutt vor Liebe brennen.

Hier finden Aahr und Reiger ihre Kost/
Dort schluckt der Hecht den Weißfisch ein/
Hier pflegt der schlaue Fuchs zu seyn/
Der Fischen schäzt für seine Lust/
Dort siehet man den glatten Otter
Sich mühen um sein schuppicht Futter.

Kein Kahn noch Karn kam ie der Gegend bey/
Kein Wandersmann von Durst geplagt/
Kein Reh von Hunden auffgejagt/
Sucht/ ob ihm hier zu helffen sey;
Kein Angel giebt Verräthers-weise
Den Fischen Stal und Tod zur Speise.

Da weiset sich verlebter Mauren Pracht/
Ein Thurn/ der hundert Ritze kriegt/
Und mehr als halb zu Boden liegt/
Ein Schloß/ das wüst und unbedacht
Auff ungewissen Pfeilern schwebet/
In eigner Asche sich begräbet.

Was bleibet nur von Tod und Zeit verschont?
Was stoltzer Herren Lust-Sitz war/
Muß/ eh verlauffen tausend Jahr/
Von Schlang- und Ottern seyn bewohnt/
Muß seyn ein Auffenthalt der Eulen/
Ein Ort/ wo Wölff und Bären heulen.

Dem Raben dient das Schlaffgemach/
Ein Rittelweib bemahlt die Wand/
Im Saale zu der rechten Hand/
Hält Her und Unhold ihr Gelag;
Wer sieht durch die gebrochnen Fenster
Als schwartze Geister und Gespenster?

Die Eiche steht wo sie vor diesem lag/
Die Birck ein ander Phönix grünt/
Wo sie zu Feuer vor gedient:
Wo Roßmarin zu blühen pflag/
Wo Reb und Rose war zu finden
Sieht man sich Dorn in Dornen winden.

Die Schnecke kriecht/ die bunte Kröte quarrt/
Wo vor die Wendelstiege stund/
Der hohe Sparn/ der tieffe Grund/
Liegt izt zusammen eingescharrt/
Manch Brett/ das vor bedielt den Söller/
Steckt in dem Wasser-vollem Keller.

Da stehet noch in harten Stein gehauen
Ein Denckspruch von der alten Zeit/
Da kan man deutscher Redligkeit
Ein Bild in treuen Ziffern schauen/
Da kan man in der Bäume Rinden
Noch halb-verweste Wörter finden.

Dort zeiget sich ein Hauß ohn Art und Stal
Gezimmert in den holen Berg/
Ein unterirdisch Wunderwerck/
Ein Schloß ohn Stütze/ Dach und Pfahl/
Ein Ort befreyt von Sturm und Winden/
Den Phöbus selbst nicht weiß zu finden.

Der Schlaff schliest hier die schweren Augen zu/
Ein stilles Schweigen wiegt ihn ein/
Die Erde muß sein Bette seyn/
Auff dem er nimmt die sanffte Ruh/
Der feuchte Moß sein Schulter-Küssen/
Vergnügung liegt zu seinen Füssen.

In dieser Höl an dieser kühlen statt
Klagt Echo/ die ohn Ende brennt/
Wie sich Narciß von ihr entwendt
Und keine Brunst empfunden hat:
Hier ists/ wo wir die Wette klagen/
Und uns um Rath zusammen fragen.

O süsser Ort/ wiewohl schlägst du mir zu/
O angenehme Einsamkeit!
Ach/ daß ich könt auff Lebens-Zeit
Bey dir genüssen stoltzer Ruh/
Und meine Lieb und Treu ausschreyen
In deinen öden Wüsteneyen.

VIII. Vermischte Gedichte 4

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