Hans Aßmann von Abschatz (1646-1699)

I. Vorrede

Hochgeneigter Leser
Wenn der vortreffliche/ nunmehro selige/ Verfertiger gegenwärtiger Poesien in den Gedancken gestanden/ Bücher/ absonderlich Verse zu schreiben/ wäre eine Sache/ die Standes-Personen und Ritters-Leuten mehr nachtheilig als rühmlich fiele/ so hätte die gelehrte Welt dieses/ was ihr itzt vor die Augen geleget wird/ nicht zu erwarten gehabt/ vielweniger würden dessen Freyherrliche Nachkommen es Ihnen vor eine sonderbare Ehre geschätzet haben/ daß Ihres seligsten Herren Vaters gesegnetes Gedächtniß/ wie auf vielfältige andere/ also auch auf diese Art/ bey der späten Nachwelt fortgepflantzet würde. Sie haben aber beyderseits die Sache besser verstanden/ und die Thorheit der Widriggesinnten billich mit Ihrem allen in die Augen leuchtenden Exempel/ kräfftigst widerleget. Massen unser seligster Frey-Hr. von Abschatz fest geglaubet/ die wenigen Neben-Stunden/ da Ihm von seinen hochwichtigen zu Ihrer Käyserl. Majestät Dienst und des Vaterlandes Heil zielenden Verrichtungen/ etwas Athem zu schöpffen erlaubt gewesen/ könten nicht besser/ als mit einer solchen Arbeit hingebracht werden/ die von seiner ausbündigen Gelehrsamkeit und mit selbiger genau verknüpfften Geschickligkeit/ ein gnugsames Zeugniß ablegen möchte. Und ist kein Zweifel/ daß er selbst/ wenn es die Ihm fast angebohrne Bescheidenheit/ vermöge welcher die eigene Geburten allemahl von Ihm mit einem weit schärffern Auge/ als frembde/ angesehen worden/ und sein frühzeitiges Absterben zugelassen hätte/ mit solcher an das Tages-Licht getreten seyn würde. Haben also die Freyherrlichen Erben mit Ausfertigung dieser Gedichte nichts anders gethan/ als was dem Willen Ihres seligen Herrn Vaters gemäß gewesen. Unser Schlesien hat sich billich glücklich zu schätzen/ daß es die schon oben beniemte irrige Meynung/ mit diesem lobwürdigen Beyspiel/ von neuem abweisen und zur Gnüge darthun kan/ daß mit Feder und Papier umzugehen/ oder einen wohlgesezten Vers zu machen/ keine Sache sey/ die denen/ welchen/ wie man ietzt zu reden pflegt/ der Degen angebohren/ zum Schimpff oder Nachtheil gereiche. Wahrhafftig/ wenn Potentaten/ die drey- und vielfache Kronen getragen/ ihre Ergötzligkeit nicht selten in der Poesie gehabt: Wenn in Purpur und mit Fürsten-Hütten prangende hohe Häubter/ wenn streitbare Feld-Herren und durchtriebene Staats-Männer die Hand zu Wercke geleget/ warum solten sich denn Standes-Personen und Edelleute scheuen in so Majestätische und erlauchte Fußstapffen zu treten? Ich wil hier nicht in die alten Zeiten zurücke gehen/ und die Könige aller Tichter/ den heiligen David und seinen Nachfolger den weisesten Salomon aufführen. Ich wil mich auch nicht mit den Provintzialische Troubadours, unter denen Käyser Friedrich der Andere und verschiedene Neapolitanische und Sicilianische Regenten oben an stehen/ auffhalten/ vielweniger mich auff den Frantzösischen König Carl den Neundten beruffen/ welcher nicht allein den Ronsard und andere Poeten hochgehalten/ sondern auch selbst ein artiges Gedichte von der Vogel-Beitze geschrieben/ sondern ich wil nur in das nechst abgelauffene Jahr-Hundert einen Blick werffen/ und aus sehr vielen/ etliche wenige/ die mir gleich in die Augen fallen/ vorstellen. Urbanus der Achte/ Alexander der Siebende/ und Clemens der Neundte konten sich bey den unermäßlichen Sorgen/ mit welchen die Päpstliche Würde begleitet wird/ dennoch so viel abmüßigen/ und die von Ihnen/ bey ruhigen Stunden/ auffgesetzte so Lateinische als Welsche Verse übersehen. Entblödeten sich auch nicht selbige/ so wol unter verdecktem als eigenem Nahmen heraus zu geben. Käyser Ferdinand der Dritte war ein herrlicher Welscher Poet/ und itziger unüberwindlichster Käyser giebt/ wie in andern Künsten und Wissenschafften/ also auch hierinnen dem Glorwürdigsten Herrn Vater gar nichts nach. Carl der Neundte König in Schweden hat seine eigne Lebens-Beschreibung Reimweise verfertiget. Johann Philipp der kluge Churfürst von Mayntz verewigte sich durch eine Teutsche/ Poetische/ nicht übel gerathene Ubersetzung der Davidischen Lob-Gesänge. Ein gleiches thaten in Lateinischer Sprache/ Landgraff Moritz/ in Teutscher aber/ Landgraff Ludwig von Hessen-Cassel und Darmstadt. Ertz-Hertzog Leopold Wilhelm von Oesterreich/ Hertzog Augustus zu Braunschweig und dessen Durchlauchtigste Herren Söhne/ Hertzog Wilhelm von Sachsen-Weimar/ der Cardinal Richelieu, der Aeltere Fürst Montecuculi, Carl Freyherr von Gyllenhielm, oben beniemten Carls des Neundten Schwedischen Königes natürlicher Sohn/ und viel andere Fürsten/ Grafen und Herren/ sonderlich in Spanien/ Welschland/ und Franckreich/ hielten die Poesie vor eine Ihrer edelsten Zeit-Verkürtzungen. In unserm Vaterlande haben sich die von Bibran/ Logau/ Schweinitz Gerstorff/ nebenst mehrern ihres gleichen/ mit ihren Geist- und Weltlichen Gedichten/ einen unsterblichen Nahmen gemacht. Nunmehr gewinnet es fast das Ansehen/ als solte unser Preißwürdigster Freyherr von Abschatz den Reihen schliessen/ weil/ wie sich ietzt leider! die Zeiten anlassen/man die überflüssigen Stunden/ lieber zu andern/ als gelehrten Ergötzligkeiten anwenden will. Weßwegen der geneigte Leser seine Arbeit um so viel höher schätzen/ und wie einen theuren Balsam in Gold und Alabaster verwahren mag. Ich habe nicht nöthig/ mich bey jeglichem dieser Poetischen Wercke absonderlich zu verweile/ doch muß ich von dem getreuen Schäffer mit Wahrheit dieses vermelden/ daß eine durch eben dergleichen Arbeit der Welt gnugsam bekannt gewordene vornehme und hochverständige Person mehr als einmal aufrichtig geurtheilet/ des Freyherrn von Abschatz Pastor Fido wäre vor ein Meisterstück aller Ubersetzungen/ sonderlich in den Chören/ zu halten. Wie Er denn auch/ als er eine lange Zeit/ nur geschrieben/ in den Händen vertrauter Freunde herum gegangen/ und nachmahls/ durch den Abdruck etlicher weniger Copeyen/ nicht viel gemeiner worden/ von allen Liebhabern der Ticht-Kunst solchen Beyfall bekommen/ daß man/ so gar aus dem eusersten Norden/ Nachfrage deswegen gehalten. Welches denn unsern seligen Freyherrn dahin bewogen/ daß er ihn von neuem vor die Hand genommen/ und in einen weit vollkommenern Stand gesetzet. In welchem er sich auch itzt vor die Augen des geneigten Lesers stellen/ und dessen vernünfftiges Urtheil erwarten darff. Wer des Adimari Welsche Sonnette gelesen/ wird sich über dem Nachdruck/ den Ihnen der seel. Frey-Hr. von Abschatz in unsrer Muttersprache eingeflösset/ billich verwundern. Was die übrigen Poesien anbelanget/ so gestehet man gantz gern/ daß unser Höchst- schätzbarer Freyherr von dem seeligen Lohenstein/ mit dem Er Lebenszeit gantz vertraulich umgegangen/ den Tittel der Himel-Schlüssel entlehnet/ sonst aber wird man wohl wenig oder gar nichts geborgtes in selbigen antreffen. Der geneigte Leser bediene sich demnach dieser köstlichen Früchte zu seinem Vergnügen. Solte Ihm aber unterweilen etwas noch herbe oder unvollkommen vorkommen/ so beliebe Er zu erwegen/ daß sie gleichsam von der Hand des Todes allzufrüh abgebrochen/ und also derjenigen Liebligkeit beraubet worden/ die Sie von der lezten Ubersehung des Urhebers erwarten können. Wohl- und rechtgesinnte Gemütter werden diese aus dem Grabe des seligsten Frey-Herrn hervorschiessende Blumen/ niemals durch ein unzeitiges Splitterrichten/ in Dornen oder Nesseln verwandeln; Mißgünstige aber mögen sich vorsehen/ daß sie/ wenn sie etwas derogleichen ins Werck richten wolten/ sich nicht zu erst darein stechen oder verbrennen/ und als denn von unpartheyischen ausgelacht werden dörfften.

Komm Mißgunst/ setze dich auff deinen Schlangen-Thron/
Bring alle Furien aus Platons Sitz zusammen/
Spey Nebel/ Rauch und Dampff und ungeheure Flammen
Mit Gall und Wermut aus. Verknüpffe Schimpff und Hohn.
Schütt' auff den Purpur-Rock der Musen Gifft und Geiffer/
Du richtest doch nichts aus mit deinem tollen Eyffer.

Bedränge den Parnaß/ und greiff den Lorber-Hayn
Des schönen Helicons mit den verwegnen Schaaren
Der frechen Thorheit an. Was Kunst und Witz bewahren/
Das wird vor dieser Wutt mehr als zu sicher seyn.
Und solter gleich den Schwarm ein kühner (a) Faber führen/
Doch werden sie umsonst so Fäust' als Armen rühren.
Die Edle Pöesie/ verlacht die Barbarey:
Was sich auff ihren Fall und Untergang verschworen/
Hat bey der klugen Welt längst den Credit verlohren;
Die Krafft des Himmels steht dem theuren Pindus bey.
An seinem starcken Wall und fest gebauten Thürmen
Muß sich Enceladus umsonst zu Tode stürmen.

Vornehmlich wenn der Stand und Adel Ihn beschüzt/
Wenn sich die Ritterschafft zu seinem Vortheil rüstet/
So wird ein Goliath/ wie hefftig er sich brüstet/
Im Augenblick gestürzt. Was von den Höhen blizt,
Das schreckt durch einen Schall der sonderbaren Lieder
Die ungeheure Brutt der groben Midas-Brüder.

Dergleichen stellt uns izt der Herr von Abschatz vor:
Der Abschatz/ der den Preiß der Pierinnen mehret/
Der Abschatz/ den man auch selbst in der Grufft verehret/
Weil ihn die Wissenschafft zu ihrem Trost erkohr.
Sein goldner Wappen-Schild beschirmt die Reih der Tichter
Vor allem Uberfall der schnöden Splitter-Richter.

Beglücktes Schlesien! verehre diesen Glantz/
Der dir izt wiederum von neuem auffgegangen;
Vor diesem kontestu mit einem Bibran prangen.
Manch Logau zierte Dich mit einem Lorber-Krantz.
Ein Schweinitz und noch mehr Hochedelste Poeten
Erhoben deinen Ruhm mit silbernen Trompeten.

Izt hat Dein Abschatz Dir was sonders beygelegt/
Der sich in alle Pracht Italiens gekleidet/
Dein Abschatz/ welcher sich mit dieser Kost geweidet/
Die Rom und Grichenland auff seine Taffeln trägt.
Was Guarini singt und Adimari schreibet/
Hat die geschickte Hand den Teutschen ein verleibet.

Man spüret auch zugleich die reine Frömmigkeit/
Und die verbundne Treu/ die vor des Käysers Glücke
Viel heisse Wünsche thut. Die keuschen Liebes-Blicke
Sind hier von aller Glutt der Uppigkeit befreyt.
Mit kurtzem; was als nett und ungemein zu preisen
Das kan uns dieses Buch des Helden-Tichters weisen.

Nun Fürst der Künste komm/ und lege/ was dich ziert/
Den Lorber und das Spiel der wohlgestimmten Saiten
Mit gutem Willen hin. Es wird zu unsern Zeiten
Ein neues Regiment im Pindus auffgeführt.
Dein abgenüzter Schmuck und Zepter muß veralten:
Denn Abschatz soll das Reich der Poesie verwalten.

Christian Gryphius

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Hans Aßmann von Abschatz
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