Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Den innern Widerspruch im Menschen zu erklären,
Verneinten manche, daß in ihm zwo Seelen wären,

Und ihn zum Guten die, zum Bösen jene triebe,
Er aber unterthan bald der bald jener bliebe.

Und andre nahmen an, daß ihn zu beiden Seiten
Zween Engel, einer bös' und einer gut, begleiten,

Die hier ins rechte Ohr ihm flüstern, dort ins linke,
Hier, daß er sich erheb', und dort, daß er versinke.

Zwo Seelen sollst du nicht, noch auch zween Engel glauben;
Die Freiheit würdest du, die eigne Kraft dir rauben.

Der Widerspruch ist da, woher ist er gekommen?
Aus dem Verschiedenen, woraus dich Gott genommen.

Genommen hat er, daß du beider Einheit seist,
Von Erde deinen Leib, von Himmel deinen Geist.

Der Leib von Erde kann nur Irdisches begehren,
Der Geist vom Himmel nur zum Himmlischen sich kehren.

So hat er dich gemischt, daß du dich selbst bekriegest,
Mit deinem Höheren dein Niederes besiegest,

Ein Bild der Schöpfung selbst, die er nur dazu schuf,
Daß dienstbar Leibliches sei geistigem Beruf.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2, 1837, V. 254