Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Den Meister sah ich Nachts, von einer Kerze Schimmer
Hell angeleuchtet, gehn gedankentief durchs Zimmer.

Den Boden schien er mit der Sohle nicht zu rühren,
Gespräche leise, die ich nicht vernahm, zu führen.

Aufschlug er dann den Blick, und als er stehn mich sah,
Sprach er: Bist du da? und ich sagte: Meister, ja.

»Wie lange?« Lange schon. Dann sprach er weiter nichts:
Ich aber bat: O gib mir einen Stral des Lichts!

Er sprach: Ich war bei Gott, er hat mich eingeladen:
Zu wählen eine mir von seinen Wundergnaden;

Zu schweben in der Luft, zu wandeln auf dem Meer,
Zu sehn unsichtbares, und solcher Gnaden mehr.

Ich aber wählte mir von allem diesen Nichts,
Und war zufrieden mit dem Glanz des Angesichts.

Der Meister schwieg; ich sprach: Warum nicht wähltest du,
Ihn zu erkennen selbst? Da rief er laut mir zu:

Schweig! Ihn erkennen dürft' ich wollen? Nein, nein, nein!
Ich will nicht, daß Ihn wer erkenn' als Er allein.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1, 1836, IV. 34