Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Mit meinem Meister gieng ich pilgern über Land,
Wir wählten einen Baum zur Rast im Mittagsbrand.

Ein wilder Tiger kam vom Wald daher im Lauf,
Besinnungslose Furcht trieb mich den Baum hinauf.

Ich sah von obenher, wie jener drunten saß,
Und seinen Grimm vor ihm das wilde Thier vergaß.

Es wedelte geschmiegt alswie ein Hündlein zahm,
Und wandelte zurück zum Wald, aus dem es kam.

Ich stieg beschämt herab, wir aber zogen weiter,
Ein Obdach suchten wir bei Nacht als müde Schreiter.

Da war's nach Mitternacht, als eine Mücke stach
Den Meister, daß er stöhnt', und ich verwundert sprach:

Ein Tigerrachen ließ dich gestern unverletzt,
Wie nun verwundet dich ein Mückenstachel jetzt?

Er aber sprach: Das Herz hat zwei verschiedne Stände;
O glücklich, wenn es stets in einem sich befände.

Am Tage gestern war mein Herz im bessern Stand,
Es stand in Gottes, nun steht es in meiner Hand.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1, 1836, IV. 33