Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Ein weiter Thorweg ist, ein Pförtchen eng zur Seiten,
Zum Gehn und Schreiten das, zum Fahren der und Reiten.

Im Fahrweg ist Gedräng, heut Staub und morgen Koth;
Durchs enge Pförtchen kommt man immer gut zur Noth.

Ein Bücken darf dich nur und Drücken nicht verdrießen;
Allein zu Buck und Druck konnt' ich mich nie entschließen.

Und wie ich täglich dort geh' aus und ein das Thor,
Zieh' ich das weite stets dem engen thöricht vor.

Mir ist, ein Unglück müßt' am Tage mich befallen,
Wo ich mich bückte durch das enge Joch zu wallen.

Und jeder Fahr schein' ich mir für den Tag entgangen,
Wo meine Schritte durch den koth'gen Fahrweg drangen.

Du sprichst: ein Aberglaub' ist dis und Wahn ein toller.
Ja freilich, aber mir ein nicht unsegenvoller.

Denn nie gedankenlos geh' ich nun aus und ein,
Stets unterm Thore fällt mir meine Thorheit ein.

Der Mann ist weise, der an seine Thorheit denkt,
Und weiß, mit welcher Macht sie unsre Schritte lenkt.

Wo dir's unmöglich ist der Thorheit widerstreben,
Magst du ihr wenigstens der Weisheit Anstrich geben.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1, 1836, III. 36