Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Im Meer gen Süden wohnt auf Inseln ein Geschlecht,
Reich in Zufriedenheit, in Einfalt, schlicht und recht.

Die Inselgruppen sind alswie ein Kranz gewunden,
Da wohnen sie zerstreut, getrennt und doch verbunden.

Auf jeder Insel wohnt ein kleines Volk beisammen,
In Frieden, alle die von einem Vater stammen.

Und über alle herrscht die Inselköniginn,
Die hat nicht Waffenmacht, und friedlich ist ihr Sinn.

Und friedlich ist der Sinn von ihren Unterthanen,
Sie folgen nicht des Kriegs und nicht des Ruhmes Fahnen.

Ihr Waffen ist Gebet, ihr Ruhm Gesang und Psalmen,
Im Tempel der Natur gesungen unter Palmen.

Die Palmen sind ihr Dach, das Blatt ist ihr Gewand,
Und mit den Früchten fällt die Speis' in ihre Hand.

In dieser Frucht ist Öl und Milch und Honigtrank,
Der heiter sie berauscht, und nie läßt werden krank.

Die Palmen leben, gleich den Menschen, hundert Jahr,
Und bringen eine Ernt' in jedem Monat dar.

Fällt dann, vom Alter hohl, ein Schaft am Meeresrande,
Dient er zum Nachen, der sie schifft von Strand zu Strande,

Wobei sie Ruder nicht, noch Stang' und Segel brauchen,
Weil über Spiegelflut die Lüfte spielend hauchen.

Zum Gastgeschenk, wohin sie zum Besuche wallen,
Pflücken sie unterwegs nur aus der Flut Korallen;

Die unterm Wasser bleich an weichen Zacken blühn,
Und härtend an der Luft in hohen Farben glühn.

Geld aber führen sie kein andres, als soviele
Sie Muscheln sammelten von buntem Farbenspiele.

Doch weil sie selber Krieg nie führen, kommen ihnen
Dazu denn Fremde, die zu solchem Schauspiel dienen.

Seeräuber suchen auf mit kriegerischen Truppen
Die Meereswindungen der Friedensinselgruppen.

Allein sie schlagen sich nur mit sich selbst herum,
Und tasten niemals an der Inseln Eigenthum.

Denn sie erfuhren es und glaubens, daß belastet
Ein Fluch des Himmels den, der es hätt' angetastet.

Durch diesen Glauben blieb das Volk der Inseln frei,
Das, wehrlos wie es ist, sonst fiel in Sklaverei.

Doch wenn ein Schiffer kommt, ein friedlicher, von ferne,
Mit dem vermählen sich die Inseltöchter gerne.

Dann treibt der Schiffergeist ihn weiter, und zurück
Läßt er dort Weib und Kind, das kurz gefundne Glück.

Denn wol verlassen mag das Land, wer es erkohren,
Doch keiner der dort ist erzogen und geboren.

Der Schiffer bringt davon, wenn's Sturm und Meer erlaubt,
Die Kunde heim, die gern hört jeder, keiner glaubt.