Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Bezähme deinen Zorn, und lasse dem die Rache,
Der besser als du selbst kann führen deine Sache.

Der strenge König, der nie ein Vergehn vergeben,
Erhielt, weil eines er vergab, dadurch sein Leben.

Du fragst, wie dieses war? ich will es dir berichten,
Wie mir es kund gethan wahrhaftige Geschichten.

Der König auf der Jagd in kühnem Übermuth
Schwelgt in der Thiere jetzt wie sonst in Menschenblut.

Auf einmal, wie er steht im stolzen Jägerchor,
Fliegt her ein Unglückspfeil und streift sein linkes Ohr.

Wie wird der rasche Grimm des Königs jetzt entlodern,
Und sein vergoßnes Blut wie blut'ge Rache fodern!

Allein es ist alsob der Pfeil ihm hab' ins Ohr
Ein leises Wort gesagt, das seinen Grimm beschwor.

Ich hätte können dir, sagt' er, das Herz durchbohren,
Und streifte schonend nur das Läppchen an den Ohren.

Vom Boden nimmt er auf den Pfeil, von Blut befleckt,
Den zum Gedächtnis er in seinen Busen steckt.

Wo ist der Schütze, der den Meisterschuß gethan,
Der eines Königs Herz gelenkt zur bessern Bahn?

Der fremde Jüngling ist's, der, wannen er gekommen,
Nicht sagen wollte, da er ward in Dienst genommen.

Man soll, der König spricht, sein Reisegeld ihm geben;
Denn immer würd' er hier vor meiner Rache beben.

Denn freilich ist die Welt von mir nicht des gewohnt,
Zu sehn Vergehungen verziehen, ja belohnt.

Der fremde Jüngling zieht davon und dankt dem Glücke,
Und bei dem König bleibt von ihm der Pfeil zurücke;

Von dem er stets gemahnt, dem ernsten Vorsatz treu,
Blieb zum Verzeihn geneigt, vor Blutvergießen scheu.

Doch alle Herzen, die vordem sein Zorn gekränkt,
Empören jetzt sich, da zur Huld er umgelenkt.

Er muß aus seinem Land, dem Aufruhr weichend, fliehn,
Und heimlich im Gewand der Pfeil begleitet ihn.

Es ist der Reue Pfeil, der ihm am Herzen nagt,
Doch ihm auch einzig Trost in der Verbannung sagt.

Zuletzt in fernem Land, wo zu Gefangenschaft
Man jeden Fremdling bringt, wird er gebracht in Haft.

Im dunkeln Königshof liegt er am Tag gefangen,
Wo Sonnenstralen matt hoch über Mauern drangen.

Da hört er frohen Hall von Stimmen aus der Ferne,
Und denkt an laute Jagd, wobei er wäre gerne.

Er zieht den Pfeil hervor mit ahnungsschwerem Sinn,
Der ihm bisher gereicht zu nichts denn Ungewinn.

Ein Königsreiher schwebt hoch über ihm gemach;
Und schnell aus freier Hand wirft er den Pfeil danach.

Den Vogel fehlt der Schuß, doch ist er nicht gefallen
Vergebens draußen, wo die frohen Stimmen hallen.

Dort steht der Königssohn im stolzen Jägerchor,
Da fliegt der Pfeil heran, und streift sein linkes Ohr.

Sie fragen sich bestürzt: wo kam er her geflogen?
Dort von den Mauern, um den dunkeln Hof gezogen.

Wer sitzt in jenem Hof? Ein Fremdling, jüngst gefangen.
Schnell, spricht der Königssohn, laßt ihn hieher gelangen.

Er wird herbei geführt, und glaubt zum Tod zu gehn;
Inzwischen hat den Pfeil der Königssohn besehn.

Den Pfeil in seiner Hand, spricht er zu dem Verbannten:
Du hattest, Fürst, in Dienst einst einen Unbekannten.

Der Unbekannte war ein fremder Fürstensohn,
Der seines Vaters Zucht im Jugendmuth entflohn.

Erkenne mich, wie ich dich kenn', an diesem Pfeile,
Der uns verhängnisvoll berührt am gleichen Theile.

Du rächtest nicht, daß er von mir dein Ohr verletzt,
Doch sieh, der Himmel rächt's zur guten Stunde jetzt.

Durch welch Geschick du bist aus Land und Reich gefallen,
Komm, das erzähle dort in meines Vaters Hallen!

Heut ruhen wir darin, doch morgen ziehn wir aus,
Und führen dich zurück mit Heermacht in dein Haus.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1, 1836, II. 7