Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Ich war im fremden Land in Sklaverei gekommen,
Da hat ein frommer Herr sich meiner angenommen.

Ich dient' ihm treu ein Jahr, da gab er schon mich frei,
Und mir als Lohn dazu der Silberstücke zwei.

Sogleich gelobt' ich eins zur Heimreis' anzuwenden,
Das andre dankbar als Almosen auszuspenden.

Da kam ich über'n Markt, und nahm im Käfich wahr,
Vom Fänger zum Verkauf gestellt, ein Vogelpaar.

Was ist für einen der Gefangenschaft entgangnen
Verdienstlicher als frei zu kaufen die Gefangnen?

Für beide forderte der Mann zwei Silberstücke;
Doch eins behielt' ich selbst zur Reise gern zurücke.

Ich bot ihm auf die zwei ein Stück, nicht wollt' er's thun.
So kauf' ich also los von beiden einen nun?

Allein sie sind vielleicht ein Paar, sollt' ich sie scheiden?
Da blieben besser in Gefangenschaft die beiden.

Doch wollt' er für die zwei durchaus zwei Silberstücke;
Die beiden gab ich hin, und mir blieb keins zurücke.

Der diese speist und tränkt, wird tränken dich und speisen,
Er wird wie ihnen dir den Weg zur Heimat weisen.

Doch ließ' ich hier euch los in der euch fremden Stadt,
Wo gastlich euch empfängt kein Baum mit grünem Blatt?

Von neuem würden hier euch fangen bald die Bösen,
Und einer fehlte dann vielleicht um euch zu lösen.

So trug ich sie hinaus zur Stadt, hinaus vom Weg,
Ins unzugänglichste Waldeinsamkeitsgeheg.

Und ließ sie los, und wie sie froh empor sich schwangen,
Hört' ich, wie unter sich sie sprachen oder sangen:

Womit vergelten wir dem Manne, der sein Geld
Daran verwendet, uns zu bringen frei ins Feld?

Mög' ein geliebtes Weib er sein in Zukunft nennen,
Daß er ein Vogelpaar nicht grausam wollte trennen.

Wir kennen Weg und Steg, wir kennen Land und Stadt,
Und würden Boten gern, wenn er sie nöthig hat.

Doch lieber sollten wir ihm einen Führer geben,
An dessen Hand der Mensch am liebsten geht durchs Leben.

Kennst du nicht einen Platz, kennst du nicht einen Schatz,
Der könnte dienen ihm zum Reisegeld-Ersatz?

Dort unter jenem Baum dem dürren soll er graben,
Dort liegt aus alter Zeit ein Silberschrein vergraben.

Daraus nehm' er soviel um unterwegs zu zehren,
Und mehr, um seiner Braut daheim es zu verehren. ─

Sie schwangen sich hinweg, und ich sah nach und dachte:
Ob ich die Schwätzerei der Losen wohl beachte?

In Lüften fliegen sie, und wollen sich geberden,
Verborgne Heimlichkeit zu wissen in der Erden.

Wie hätten einen Schatz gesehn die Müßiggänger,
Die nicht die Schlinge sahn, gelegt vom Vogelfänger?

Doch blind und sehend macht, zum Frommen und zum Schaden,
Das Schicksal, es ist groß, doch größer Gottes Gnaden.

In Gottes Namen denn am angewies'nen Platz
Fieng ich zu graben an, und fand den Silberschatz.

Ich fand für meine zwei soviele Silberstücke,
Daß ich davon nach Haus baun könnte Weg und Brücke.

Doch Weg und Brücke war gebahnt schon und gebaut;
Ich nahm nur wenig mit zum Schatz für meine Braut.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1, 1836, II. 3