Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Liebster! Da so viele Lieder
Du gesungen hast für mich,
Meine Augen schlag' ich nieder,
Noch um eines bitt' ich dich.

Der Geburtstag meiner lieben
Mutter, blieb' er unbefangen?
Selbst ist er das nicht geblieben,
Eh ich, Liebster dich errungen.

Hast mich oft genug geneckt,
Weil ich's thöricht dir verrieth,
Daß ich mich als Kind erkeckt
Selb zu machen solch ein Lied,

Das der Mutter Lieblingshunde
An den steifen Hals ich hing,
Als sie ihn zur Morgenstunde
Bei sich zum Besuch empfing.

Doch es ist mir vorgekommen,
Daß mir Verse schlecht gelingen;
Darum hab' ich dich genommen,
Daß du's sollst für mich vollbringen. ─

Liebste! wie soll der ich danken,
Die dich mir geboren hat!
Liebste! Meine Liederranken
Nimm sie alle, Blatt für Blatt.

Was ich habe dir gesungen,
Sang ich's all nicht ihr zugleich?
Denn mir wär' es nicht entsprungen,
Wär' ich durch ihr Kind nicht reich.

Nimm den reichen Kranz und schling' ihn,
Um des Tages Festaltar,
Sag' du bringest ihn, ich bring' ihn,
Deiner, meiner Mutter dar.

Sieh das reiche Brautgeschmeide
Mutter! das der Liebste mir
Umgehangen hat, zum Neide
Aller Welt, zum Stolze dir.

Diese Zauberketten binden
Ganz mich an den liebsten Mann,
Die mich doch nicht dir entwinden,
Schöner dir gehör' ich an.

Wie vor meinem Blick die Liebe
Hat die ganze Welt verklärt,
Fühl' ich auch mit reinrem Triebe,
Was mir Gott in dir gewährt.

Zum Geburtstag nicht verloren
Hast du heut dein Kind in mir;
Wie mich selber neu geboren
Fühl' ich auch die Mutter mir.