Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Wenn du um die Abendstunden
Jenes Tages, wo von dannen
Mich von dir die Rosse trugen,
Deines Freunds mit Unruh dachtest;
Laß es nur für Ahnung gelten
Der gedoppelten Gefahren,
Die dem Freunde damals drohten
Zwischen Fluth und Bergeshalden;
Das soll jetzt dir keinen Schrecken,
Sondern stille Freude machen,
Liebste! denn ja jedes Unglück
Ist ein Glück, wenn überstanden.
Daß ich dir's hier kurz berichte,
Was du weiter kannst erfragen,
Wann ich selb zurück dir kehre
Ueber heut in vierzehn Tagen!

Weißt du, wie die Wolken gossen
In den letzten jener Tage,
Die uns noch der Himmel gönnte,
Uns auf's Scheiden vorzulaben?
Wie die Wolken unsren Herzen
Ihre letzte Lust verdarben,
Den bescheidnen Wunsch beschränkten,
Uns noch zu ergehn im Garten,
In den Lauben noch zu sitzen,
Wo wir oft gesessen hatten.
Aber für des Tags gestörte
Freuden schadlos uns zu halten,
Schloß der Abend uns in's Zimmer,
Wo, beim Sonnenschein der Lampe,
Aus dem reinen Himmel deiner
Augen schönre Tropfen kamen,
Wenn sie, auf dem Freunde ruhend,
Süß im Thau der Rührung standen.
Ich vergaß des Regenwetters,
Deinen Thau auf Lippen habend,
Fand von jenem, als ich reiste,
Erst die Spur auf meinen Straßen.
Denn des Himmels losgebrochne
Schleußen, die aus jedem Bache
Einen Riesenstrom gebildet,
Weit vor meinen Augen hatten
Sie das grüne Thal der Wiesen
In ein offnes Meer verwandelt.
Als zur Stadt ich rückwärts blickte,
Wo ich dich, mein Glück, verlassen;
Die, bekrönt mit Citadellen,
Sich um blühn'de Hügel lagernd,
Jetzt in einem Wellenspiegel,
Den sie sonst entbehret hatte,
Sich beschaute, schien, o Liebste,
Mir die Stadt ein klein Neapel.
Diesen Golfo zu beschiffen,
Fehlte nur ein Wimpelnachen,
Da des Wagens ehrne Räder
Hier zu schwere Ruder waren.
Denn, wie vormals wohl nach einem
Jener reizenden Eilande,
Die am sonn'gen Horizonte
Jenes andern grösseren Napels,
Fern gesehn, als duftig blaue
Berg' aus grünen Wogen ragen,
Ich hinüber schiffen mochte,
Aus Vergnügen, nicht aus Zwange;
So aus Zwang, nicht aus Vergnügen,
(Könnt' ich ohne Zwang dich lassen?)
Steuern sollt' ich jetzt aus diesem
Thal hinüber in ein andres,
Das zum Eiland die dazwischen
Ausgegossne Fluth mir machte.
Und unschlüssig fuhr ich nieder
An des Binnenmeeres Rande,
Unten eine Furth zu finden,
Da ich leider nicht bedachte,
Daß, je mehr je weiter nieder,
Von den Bächen, die sich sammeln,
Aehnlich Schulden, die sich häufen,
Müßten die Gewässer wachsen
Nun es galt sich zu entschließen,
Rief ich einen Rath zusammen,
Eine ganzen Dorfs Gemeinde,
Wo ich eben angelanget;
Daß nach Wissen und Gewissen,
Ob der große Schritt zu wagen,
Sie mit Ja und Nein entschieden.
Und es traf sich, daß die Alten
Alle sprachen Nein bedächtig,
Neck die Jungen Ja nur sprachen.
Weil mein Herz denn jung sich fühlte,
Folgt' ich nicht der Alten Rathe.
Liebste! sieh nun deinen Liebsten,
Der in seinem Rädernachen
Durch den Wogenaufruhr schwebet
Eines Wiesenoceanes.
Als das Schwimmens ungewohnte
Fahrzeug doch zu seltsam schwankte,
Fing mir an mit leisem Schwindel
Durch das Haupt die Furcht zu schwanken.
Doch wie einst in Sturmesnöthen
An der Felseninsel Capri
Durch ein festes Wort des Glaubens
Ich des Meeres Grausen bannte;
Durch die Kraft desselben Wortes
Schwichtet' ich hier die Gedanken,
So zu meinem Herzen sprechend:
Gott kann dich nicht sinken lassen!
Gott kann dich nicht lassen sinken
Hier in diesen schnöden Wassern,
Da du hast aus seiner schönen
Erde noch soviel zu schaffen,
Wenn es auch nur Lieder wären,
Die du ihm zum Preis entfaltest.
Gott kann dich nicht lassen sinken,
Niemals, und jetzt gar nicht aber,
Jetzo gar nicht, da der Liebsten
Du versprachst beim Abschiedsagen:
Daß du ihr zurück willst kehren
Ueber heut in vierzehn Tagen!

Liebste! der Tumult des Herzens
Schwieg vor diesem Talismane.
Liebste! der Tumult der Wogen
Schwand vor diesem Zauberstabe.
Und hin fuhr ich trotzig sicher,
Wie Neptun im Muschelwagen,
Mit den mähnumtrieften Rossen,
Welche gleich Delphinen schwammen.
Als sie mit dem ersten Griffe
Der beerzten Hufe aber
Aus dem fremden Elemente
Festen Grund nun drüben faßten;
Stand ein greiser Mann am Ufer,
Der gesehn die Schwimmfahrt hatte,
Und, am Trocknen jetzt uns sehend,
Seine Händ' andächtig faltend,
Von uns auf zum Himmel blickte,
Mit dem einen Blicke strafend
Unsre Kühnheit, und für unsre
Rettung dankend mit dem andern.
Aber lustig, sich im Sonnschein
Trocknend ging die Fahrt; der Schwager
Stieß ins Horn wie triumphirend,
Gleichalsob wir über alle
Berge wären, da wir doch erst
Ueber alle Wasser waren.
Daß dich nicht die Berg' ermüden,
Liebste! wie sie mich es thaten:
Niemals hab' ich das erlitten,
Niemals hab' ich das erfahren,
Selbst in rauher Apenninen
Mitte nicht, bei Pietra mala,
Holpernd über Stock und Steine,
Streifend Aest' und Wurzelfasern
Schlimm hinauf und schliiumer nieder,
Vorwärts, rückwärts, seitwärts hangend,
Pferde keuchend, Räder knirrend,
Kutscher fluchend, Achsen krachend,
Eine Müh' auf jedem Schritte,
Ging es langsam, gings doch aber.
Wenn mir unsanft so gewiegtem,
So gerütteltem, der Faden
Der Geduld zerreißen wollte,
Liebste! durft' ich nur mir sagen:
Daß ich bei dir ausruhn sollte
Ueber heut in vierzehn Tagen!

Liebste! diese mag'sche Formel
Zauberte vor die Gedanken
Mir sogleich das traute Stübchen
Mit dem Sopha, mit dem Platze,
Dem von mir einst eingenommnem
Dem für mich itzt leergelassnen.
Weich darauf im Geist gebettet,
Ließ ich fort auf rauhen Straßen
Meinen Leib geduldig schleppen.
Liebste! und im nahen Thale,
Hell vom Strahl der Abendsonne,
Wie mit goldbelegtem Dache,
Trat mir schon das Haus entgegen,
Das mich heut als Gast erwartet.
Da, von ferner Bergesveste,
Wo die Rittergeister manchmal,
Freud' an Hexenspuke findend,
Wetter brauen, Schnee und Hagel,
Kam ein finstrer Riesenpopanz,
Ein Gewölke regenschwanger
Gegen mich daher gezogen,
Das die schönste Anstalt machte,
Mich von unten eingenetzten
Obenher nun auch zu baden.
Und ich hieß den Kutscher eilig
Unserm Obdach zuzujagen
Doch eh' wir's erreichen konnten,
Kam die Eil' mit uns zu Falle.
Und kaum hatt' ich Zeit zu rufen,
Als ich fühlt' es sank der Wagen:
Gott kann dich nicht lassen sinken!
Ueber heut in vierzehn Tagen!

Freilich fand ich mich gesunken,
Aber ziemlich weich gelagert,
Auf dem feuchten Heidekraute,
Zwischen dem Gestrüpp des Angers.
Als ich nach dem Wagen schaute,
Fand ich schlimmer ihn behandelt,
Ganz gequetscht und ganz geschunden,
Aus den Fugen ganz gegangen,
Oberstes nach unten kehrend,
Und nach oben Rad und Achsen.
Da ihm nicht war aufzuhelfen,
Nahm ich meinen Regenmantel,
Ließ in Gottes und des Kutschers
Hut das Fuhrwerk, schritt als Wandrer
Meinem Ziel im Sturm entgegen,
Wo ich, zwar nicht so erwartet,
Doch auch so willkommen eintrat,
Meinen Unfall offenbarend
Und die Leute meines Wirthes
Gingen hin mit starken Armen,
Ihn, der mich nicht tragen konnte,
Meinen Wagen heimzutragen.
Liebste! solche Fährlichkeiten
Hat dein flücht'ger Freund bestanden
Gleich auf diesem ersten Schritte,
Den er that, dich zu verlassen.
Soll mir das nicht eine Lehre,
Nicht ein Wink sein, der mich warne?
Liebste! beim vereinten Grausen
Der bestandenen Gefahren,
Schwör' ich es, in meinem Leben,
Nie dich wieder zu verlassen,
Keinen Schritt von dir zu thun,
Nicht zu Fuß und nicht im Wagen,
Wenn ich erst zu dir gekehrt bin
Ueber heut in vierzehn Tagen!