Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Nikolaus Lenau (1802-1850)

Kompetenz

Männer, welche eine Höh erklommen,
Sind als Richter wert uns und willkommen;
Ist es nicht die Höhe des Gesanges,
Seis die Höhe doch des Forscherganges.
Solchen steht es an, ein Wort zu reden
Von des kühnen Wandrers Mühn und Fehden
Mit Abgründen, Klippen, Eisesflächen,
Wo die Jäger sich die Hälse brechen.
Solche mögen auch mit Recht verspotten
In der niedern Marsch die Pöbelrotten.
Wer mit Gemsen eine Luft getrunken,
Atmet nicht behaglich bei den Unken.
Wer zum Abgrund schwindellos gesehen,
Wird des Bruders kühnen Tritt verstehen;
Wer den Fels der Meisterschaft erklettert,
Ehrt den Mann, der hier nicht sank zerschmettert
Aber alle andern sollen schweigen,
Wenn sich Männer ihrem Volke zeigen;
Schweigen sollen sie und sollen lernen,
Wie man näher wandeln mag den Sternen.
Scheu mit seinem Urteil sich verschliefe,
Wer herum noch stümpert in der Tiefe.
Glaubt ihr denn, ihr lahmen Krüppelwichte,
Daß die Welt nach eurer Weisheit richte?
Ha! ihr wollt als Ellen eure Krücken
Kindisch messend an die Geister drücken!
Und indem ihr mit der Krücke schaltet
Und den Stecken in die Lüfte haltet,
Raubt ihr eurer lahmen Wucht die Stütze,
Und ihr stürzt erbärmlich in die Pfütze,
Denn der Windhauch, den ihr wolltet messen,
Hat euch umgeblasen unterdessen.
Und es hinken weiter unsre Richter,
Vorwärts tragend schmutzige Gesichter,
Während hier und dort aus lyrischen Lacken
Ihre Lieder ihnen Märsche quaken.

Entstanden und Erstdruck 1838.


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