Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Coburgs Jugend
an ihre beiden Prinzen, am Schulfeste 21. Juni 1826
(als die Stadt fürchtete, der Herzog möchte seine Residenz nach Gotha verlegen).

Wir wollen's uns nicht nehmen lassen,
Das angestammte Prinzenpaar,
Sie sollen zieh'n durch diese Straßen
Vor ihrer künft'gen Bürger Schaar;
Daß es der Stadt ein Freudenzeichen
Sei ein Verheißungsunterpfand:
Nie wird der Fürstenstamm entweichen
Von seiner Stadt, von seinem Land.

Wir haben heut' uns umgebildet
In die Gestalten alter Zeit.
Behelmt, bepanzert und beschildet,
Ein Heer von Rittern, kampfbereit.
Die Stadt, gewiegt im Friedenschooße,
Seh' als ein Spiel den Krieg allein:
Es soll vom Kinderlanzenstoße
Die Ruh' nur leicht gefährdet sein.

Doch von der Kleidung altem Schnitte
Bleibt junges Herz nicht unberührt;
Sei von der scherzgeborgten Sitte
Ein Hauch des Ernsts ihm zugeführt:
Zu treuer muth'ger Bürger-Innung
Weihn wir uns euch auf künft'ge Zeit;
Zu deutscher fürstlicher Gesinnung
Seid, junge Fürsten, uns geweiht!

O stellt die besten eurer Ahnen
Euch heut' im Geist zum Muster vor,
Und denkt, ihr zieht auf ihren Bahnen,
Indem ihr zieht in unserm Chor.
Ja, wälzt des Krieges Ungewitter
Sich jemals neu auf deutsche Flur,
So wißt, ihr findet eure Ritter
In allen euern Bürgern nur.

Doch heute soll uns Heitres ahnen!
O kommt, dem Festspiel vorzustehn,
Ihr sehet hier die beiden Fahnen
Von Rosenau und Coburg wehn.
Sie fordern sich zum Kampf mit Schweigen,
Die gute Stadt, die schöne Flur;
Wettstreitend wollen Liebe zeigen
Dem Fürsten Menschen und Natur.

Freund der Natur, an Deinem Blicke
Berose sich die Rosenau;
Und daß es lind Dein Herz erquicke,
Steh' jeder Rose Aug' im Thau.
Fürst, Vater Deines Volkes! wohne
In Deiner Stadt, o milder Ernst;
Und nie welk' ihre Bürgerkrone,
Weil du dich nie von ihr entfernst.

Nun kommt, ihr tapfern Rosenauer,
Und zeigt, wie ihr im Kampf meint!
Ergießet einen Rosenschauer
Zum Angriff über euern Feind.
Und ihr, um euren jungen Fürsten,
Coburger! schwenket hochgesinnt
Die Spieße, die nach Blut nicht dürsten,
Weil sie geweiht der Freude sind.

Die ursprüngliche Lesart der beiden Schlußzeilen war:
Die Spieße mit den Bratewürsten,
Die unsrer Stadt Wahrzeichen sind.
Gegen diese zu freie Anspielung auf Coburgs beliebtestes Markterzeugniß machten die Besteller des Gedichtes Einwendungen, und die Nachgiebigkeit des Dichters ward auf's glänzendste, mit dem Ehrenbürgerrecht der Stadt belohnt.