Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Die unächten Fahnen von der Hanauer Schlacht

Kaiser Napoleon
Da er dem Rhein zuzog,
Und, als er war entflohn,
Gesiegt zu haben log;
Ließ er von dannen
Zwanzig Kriegsfahnen
Tragen nach Parise
Zur Kaiserin Marie Luise

»Meine Frau Kaiserin,
Die Fahnen schick' ich euch,
Weil ich der Sieger bin;
Sie sind von deutschem Zeug.
Weil ihr, indessen
Ich an der Elb' bin gesessen,
So gut habt hausgehalten.
Sollt ihr zum Dank sie behalten.«

Die Kaisrin sieht sie an,
Spricht mit bedächt'gem Muth:
»Ach mancher deutsche Mann
Ließ wohl daran sein Blut.
Doch nein, ach neine,
Sie sind ja ganz reine;
Ich seh' es an den Nathen,
Die sind nicht von deutschem Faden.

Du sag' mir an geschwind,
Wo sind die Fahnen her?
Bin selbst ein deutsches Kind;
Was deutsch ist, kenn' ich eh'r.«
Ach, wenn ihr nicht wollet
Zürnen, so sollet
Ihr hören alles zusammen,
Woher die Fahnen stammen.

Wir waren gar zu schnell
Auf unsrem Siegeslauf;
Kein deutscher Kriegsgesell
Bot uns 'ne Fahn' zum Kauf:
Da mußten die Sachen
Wir selber uns machen;
Wir hatten genug am flicken,
Und dachten nicht dran, sie zu sticken.

So sind sie unächt zwar,
Was dieses anbelangt;
Doch wenn so ganz und gar
Nach ächten euch verlangt,
Ich bitt' unterthänig,
Verzieht nur ein wenig:
Die Preußen werden mit nächsten
Selbst hier sein mit den ächt'sten.