Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Die Hungerjahre.

1.

Bei Bamberg in Franken da ackert ein Bauer,
Er ackert und strenget die Kräfte,
Es wird ihm so schwer und es wird ihm so sauer,
Er stocket in seinem Geschäfte,
Er sucht in den Taschen ein Krümelein Brot
Und sei es kein Pfund, so sei es ein Loth,
O drückende Noth!
Und als sich kein Krümlein dem suchenden bot,
Da ackert er weiter den Acker,
Verackert den Hunger sich wacker.

Da denkt er beim Ackern: Wie lange wird's währen?
Nun bin ich Gottlob! doch beim Pflügen;
Und streu' ich den Saamen, so sprossen die Aehren
Dann muß mir die Hoffnung genügen;
Und wenn sie kein Regen zerstört und kein Frost,
Kein Hagel, kein Reif, kein Brand und kein Rost,
So ernt' ich getrost,
Dann bring' ich zu Müller und Bäcker die Kost,
Und wenn mich die zwei nicht betrügen,
So ess' ich, jetzt muß ich nur pflügen.

So pflügt er und ackert und hungert, da kollert
Ein Laib aus der Furch' ihm entgegen,
Ein Brotlaib, gebacken und fertig; er tollert
Begierig und hascht nach dem Segen.
Er greift nach dem Messer, und schneidet hinein;
Da springt aus dem Laibe, von Fleisch und von Bein
Ein Männlein so klein,
Den Bauer verwandelt das Staunen zu Stein;
Drei Münzen auch siehet er rollen,
Hervor aus dem Laibe gequollen.

Die eine von Gold und von Silber die zweite,
So blank auf die Erde gefallen,
Die dritte, den glänzenden dunkler zur Seite,
Von Kupfer,
die Kleinste von allen.
Die silberne dünkt ihm von mittlerem Schlag,
Die goldne so groß, so schwer von Betrag,
Dergleichen er mag
Nie haben gesehn bis zum heutigen Tag.
Das Männlein mit spitzigen Fingern
Berührt sie, und redet beim Klingern:

Ihr Leute, so theuer, so theuer ist's heuer,
Doch wird es noch theurer auf Erden.
Ein Laiblein so groß als wie dieses, so theuer
Bezahlet mit Gold wird es werden;
Dann wird man es geben, noch einmal so groß,
Nicht theuerer als um den Silberling blos,
O glückliches Loos!
Dann wirft man um's Kupfer den Laib in den Schooß.
Zwar wenige werden's erleben,
Die aber genießen es eben.

So redet das Männlein, und neigt sich und schweigt,
Und schlüpft in den Boden zurücke;
Der Bauer ist gar nicht zum Essen geneigt,
Doch nimmt er von Geld die drei Stücke,
Und trägt sie zur Stadt, und das Laiblein dabei,
Anzeigt er's, damit es kein Schaden ihm sei,
Der Stadtpolizei;
Die sieht es, da ist's mit dem Zauber vorbei:
Das Geld und das Brot ist verschwunden,
Schlimm lauten im Lande die Kunden.

2.

Zu Stuttgart im Jahr tausend achthundert siebenzehn
Hat man erzählt ein Wunder, wie keines je geschehn.
Zu Tübingen, wo blühet die Universität,
Hat es sich zugetragen, wie's hier geschrieben steht:

Ein Weib kam mit drei Kindern in Wochen auf einmal,
Die sprachen, wie geboren sie wurden, nach der Zahl,
Das erste: Bauet Scheuern! das zweite: Keller baut!
Das dritte: Bauet Särge! So furchtbar war der Laut.

So schön klingt: Bauet Scheuern! Das Jahr wird fruchtbar sein.
So schön auch: Bauet Keller! zum Brot geräth der Wein.
Was hilft's, wenn »Bauet Särge!« so dumpf dazwischen klingt,
Den Doppelerntesegen ein großes Grab verschlingt?

Das war mein Freund, Herr Uhland, als er das Wort vernahm,
Es dünkt' ihm so bedeutsam, er sprach in finsterm Gram:
»Und wenn das erst' und zweite nicht wird erfüllet sein,
So mag um desto sichrer das letzte treffen ein.« ─

Ich bitte Gott vom Himmel, daß er es anders kehrt,
Und besser seine Kinder auf ihn vertrauen lehrt;
Daß er uns lasse Scheuern und lasse Keller baun,
Und lasse vor den Särgen dahinter uns nicht graun.

Die Scheuern für die Körner, die Keller für den Wein,
Und soll der Sarg nicht fehlen, so soll ein Sarg es sein,
Darin der Mensch versarge den Unmuth und den Wahn,
Daß Brot und Wein uns labe, dem Trauern abgethan.

3.

Man hat mir einen Schwank gesagt,
Ich sag' ihn euch, wenn's euch behagt.
Zwei Bauern in der Schenke saßen
Und wuchrisch ihren Schatz ermaßen,
Die Körnerfrucht in ihrer Scheuer,
Wiewohl der Kern schon wäre theuer,
Müßt' er viel höher noch hinauf,
Bevor sie schritten zum Verkauf;
Da sprach der eine im Verlauf:
Nicht ehr' verkauf' ich meinen Trödel,
Bis einen Gulden kost't ein Knödel.
Das hat der Wirth mit angehört;
Ob ihn der Wucher hat empört,
Oder hat ihn blos der Schalk gestochen,
Genug, er hat es brav gerochen.
Denn da sich eben die Gesellen
Thäten ein Mittagsmahl bestellen,
Ließ er, sie wacker zu bedienen,
Kochen zwei Dutzend Knödel ihnen,
Die gar so wohl bereitet schienen,
Daß die zwei Bauern gar nicht stutzend
Von Knödeln jeder fraß ein Dutzend,
Drauf nach dem Mahl den Mund abputzend,
Sie nach der Zehrung fragten den Wirth.
Der sprach: Zwei Dutzend Knödel wird
Grad vierundzwanzig Gulden machen.
Da wollten erst die Bauern lachen:
Ob denn ein Knödel ein Gulden kost't?
Sprach der Wirth aber gar getrost:
Ihr habet selber ja gesagt,
Daß es nicht anders euch behagt,
Eh'r zu verkaufen euern Trödel,
Bis einen Gulden kost' ein Knödel;
So mögt ihr nun verkaufen getrost,
Weil das Knödel ein Gulden kost't.
Da schnitten's grämliche Gesichter,
Und appellirten an den Richter;
Der aber, zu gemeinem Frommen,
Verurtheilt' auch sie zu der Summen,
Und zu den Kosten obendrein.
Da mußten sie, um quitt zu sein,
Weil sie nicht hatten baare Gulden,
Um zu tilgen die Knödelschulden,
Vom aufgesparten Körnerhaufen
Ein tüchtig Zahl und Maß verkaufen.
Soviel es eben kosten will.
Der Wirth strich ein die Gulden still,
Und sprach: Ihr könnt in Frieden gehn,
Denn euer Will' ist heut geschehn;
Doch kehrt ihr künftig bei mir ein,
Werden die Knödel wohlfeiler sein.