Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Prinz Koburg

Prinz Koburg, Friederich,
Feldmarschall der Oestreicher,
Ein Feldherr dem kein gleicher
In seinen Tagen glich.

Er hat die Feldherrnkraft
Im Feld wohl lassen wirken;
Es sprechen noch die Türken
Von seiner Feldherrnschaft.

D'rauf siegreich lang genug
Hat schlagend er bestanden
Den Feind in Niederlanden,
Bis daß der Feind ihn schlug.

Gedenk, o alter Aar,
Du hast es ganz indessen
Vor lauter Kampf vergessen,
Wie nah' dein sechzigst' Jahr.

Steck ein dein Feldherrnschwert
Und trag' es ohne Schande
Heim zu dem Vaterlande,
Und bau' des Friedens Herd.

Da baut er sich ein Haus,
Zu Koburg auf dem Graben,
Um Rast daselbst zu haben,
Und zieht nicht mehr hinaus.

Am Haus ein schöner Gruß,
In goldenen Buchstaben
D'ran ausgeprägt erhaben:
Actis laboribus.

Das heißt: Nach Kriegsthat Ruh!
Das hat er sich erkrieget.
Jetzt, junge Aare, flieget,
Der alte sieht euch zu.

Laßt doch in Deutschlands Herz
Nicht ein die Geier dringen,
Und rupfen eure Schwingen!
Dem alten Aar macht's Schmerz.

Es war ein and'rer Brauch
Zu seiner Zeit im Kriege;
Nicht gab's wohl lauter Siege,
Wohl Schlappen gab es auch.

Doch Sieg und Schlappe nahm
Man in Feindslanden ferne;
Daß so's in Deutschlands Kerne
Jetzt geht, das macht ihm Gram.

Doch als man endlich frei
Den Feind hinausgeschlagen,
Da war, ich kann's euch sagen,
Der Feldmarschall dabei.

Es hat als wie im Krampf
Die alte Faust gezucket,
Das Schwert hat sich gerucket,
Als wollt's nochmal in Kampf.

Bleib' nur in deinem Haus,
Und wollst dich nicht beklagen;
Bleib' nur, und ich will sagen,
Wie du mit zieh'n sollst aus.

Du hast der Neffen drei;
Die heldengleichen Neffen,
Die schick' hinaus in's Treffen,
So bist du selbst dabei.

Und als der Held der Schlacht,
Der Blücher drang, der Vater,
In Frankreich ein, da hat er
Des Feldmarschalls gedacht.

Er schrieb ihm einen Brief:
Du bist in Niederlanden
Vordem, o Held, gestanden,
Hineingedrungen tief.

So schicke mir, o Held,
Was davon aufgeschrieben
Dir auf Papier geblieben,
Daß ich's benutz' im Feld.

Das freut den Feldmarschall;
Dem alten Vater Blücher
Schickt er die Tagebücher
Aus seinem Feldzug all.

Sieh'st du, o alter Held,
Das Glück ist dir gewogen;
Du bist nicht ausgezogen,
Und stehst nun doch im Feld.

Im Feld, wo Blücher steht,
Stehst du mit deinen Planen;
Er sieht nach deinen Bahnen,
Wenn er die seinen geht.

Und ob's unmöglich scheint?
Als Blüchers Kampfgefährte
Schlägt jetzt mit Blüchers Schwerte
Vielleicht dein Plan den Feind.

So soll es seh'n die Welt,
Und soll's geschrieben lesen:
Wer einst ein Held gewesen,
Ist immerdar ein Held. ─

So hab' ich recht mit Lust
Geschrieben und mit Liebe;
Doch dem, für den ich's schriebe,
Ist's blieben unbewußt.

Als er sich hatte satt
Gefreut der deutschen Siege,
Ging er dorthin, wo Kriege
Nicht weiter haben Statt.

Wohin er nicht mit trug
Die Feldmarschallamtsbürden,
Und doch in and'ren Würden
Wird strahlen hell genug.

Ihm war der Lorbeerzweig
Nicht Noth, den ich geboten;
Sein Staub ruht bei den Todten
Auch ohn' ihn sanft und weich.

Allein der schöne Gruß,
Der über'm Eingang thronte
Des Hauses, wo er wohnte
Bis zu des Lebens Schluß;

Es soll der schöne Gruß
Dort sein hinweggenommen,
Weil er nicht mehr kann frommen,
Wo jetzt weilt and'rer Fuß:

Es soll der schöne Gruß
Mit goldenen Buchstaben
Sein auf sein Grab gegraben:
Actis laboribus.