Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Der deutsche Großvater

Hör' zu, mein lieber Enkel,
Und häng' dein hölzern Schwert
Derweil an seinen Henkel;
Die Sach' ist redenswerth.

Gezogen ist dein Vater
Von hier zum Feind hinaus,
Begierig wie der Kater
Auf seinen Raub, die Maus;

Und ließ uns zwei bei'n Knechten
Daheim im Hinterhalt,
Weil du zu jung zum Fechten
Und, leider, ich zu alt.

Die Zeit uns zu vertreiben,
Komm, setz dich auf mein Knie,
Und laß uns durch die Scheiben
Seh'n auf die Gass' ─ o sieh!

Was zieht für ein Gewimmel
Von Volk das Haus vorbei;
Wohl Niemand als der Himmel
Weiß, wer ein Jeder sei.

Man sieht's an den Gewändern
Und an der Waffenart,
Daß sie aus gar viel Ländern
Zusammen sind geschaart.

Ich kenne wohl die Preußen,
Die Schweden auch zur Noth,
Das aber sind die Reußen
In Dunkelgrün und Roth.

Der mit dem großen Spieße
Auf seinem kleinen Gaul
Wenn der das Reiten ließe!
Doch scheint das Thier nicht faul.

Das nennt man die Kosacken,
Die dort, den Bart voraus,
Den Fitschepfeil im Nacken,
Seh'n wahrhaft heidnisch aus.

Anstatt zur Musik reiten
Im Takt sie zum Gesang;
Es klingt recht sanft von weiten,
Nah macht's doch fast mir bang.

Sie rufen durcheinander
Ganz unverständlich hohl:
Da klang's wie Alexander!
Das ist ihr Abgott wohl.

So zieh'n sie, fremden Schalles,
Und ihres Seins und Thuns
Ist nichts wie hier, und alles
Ganz anders als bei uns.

Am Karren selbst drei Rosse
Zieh'n nebeneinander gar,
Und hinten erst beim Trosse
Kommt wunderliche Schaar.

Kind, wenn du glaubst zu wissen,
Was ganz ich selbst nicht weiß,
Sag' mir, was hat gerissen
Die all' aus ihrem Gleis

Der Vogel, ungescheuchet,
Bleibt gern in seinem Nest;
Nicht springt das Reh und keuchet,
Wenn man in Ruh' es läßt.

Es ruhen Stier und Kälber,
Wenn nichts sie treibt in's Joch;
Die gift'ge Otter selber
Bleibt, ungereizt, im Loch.

Was hat denn diese Völker
In ihrer Ruh' verstört,
Daß sie als wie Gewölke
Sich drängen unerhört?

Hast du noch keinen Geier
Geseh'n, der sich entschwingt
Vor einem Haufen Schreier,
Der folgend ihn umringt?

Die Elstern allenthalben,
Die Dohlen zieh'n heran,
Sogar die frommen Schwalben
Auch nehmen Theil daran.

Die lärmenden Betäuber
Umschwärmen ihn mit Braus,
Und rupfen ihrem Räuber
Im Flug die Federn aus.

Er hat sie lang gereizet
Durch seinen Uebermuth,
Bis daß sie sich gespreizet,
Zu wehren seiner Wuth. ─

Die Vögel unter'm Himmel,
Mein Sohn, sie sind ein Bild
Von diesem Volksgewimmel,
Das unaufhörlich schwillt.

Die auch von einem großen
Würggeier and'rer Art
Aus ihrem Nest gestoßen,
Zieh'n gegen ihn geschaart.

Er rüttelte mit Pochen
An einem Wespenschwarm,
Der jetzt ist ausgebrochen,
Und bohrt in seinen Arm.

Gewachsen ist den Mücken
Ein Stachel kühn und dreist;
Auf scheuer Tauben Rücken
Fährt her ein heil'ger Geist.

Es speien Wuth und Flammen
Die Vöglein klein und kraus,
Und wachsen all' zusammen
Zu einem Vogel Strauß.

Der regt sein Kampfgefieder
Weit über alle Welt,
Dazu sich haben Glieder
Aus jedem Volk gestellt.

Dazu von der Welt Enden
Sind hergekommen die
Mit rauhgestruppten Lenden,
Und suchen and're hie.

Von diesem großen Strauße
Zu sein ein kleines Glied,
Du weißt, aus diesem Hause
Daß auch dein Vater schied.

Die Zeit scheint jung zu werden
Und ich bin alt genug;
Lang sah ich geh'n auf Erden
In gleichem Gleis den Pflug.

Daß nun in neuem Gleise
Der Pflug zum Schwerte wird,
Hat in der alten Weise
Mich Alten fast verwirrt.

Ich sah in meinen Tagen
Den großen Friedrich auch;
Der Feind ward auch geschlagen,
Allein nach ander'm Brauch.

Es galt die alte Regel:
Soldat in's Feu'r hinein,
Der Bauer mit dem Flegel
Sieht zu, und läßt es sein.

Die Regel schien zu fruchten
Nicht gegen diesen Feind,
Bis and'res sie versuchten,
Das anzuschlagen scheint.

Der Landsturm rief den Bauer,
Der schnell ein Kriegsmann ward;
Und künftig soll auf Dauer
Die Sitte sein bewahrt.

Mein Kind, ich selber lerne
Das neue Handwerk nicht;
Du aber lernst es gerne,
Mir sagt es dein Gesicht.

Ich schalt, wenn du mit Bolzen
Geschossen in die Thür,
Bleiklumpen eingeschmolzen,
Und wußtest nicht, wofür.

Ich will dir stören, Bube,
Nicht mehr dein krieg'risch Spiel,
Wähl' in der warmen Stube
Dem jungen Muth ein Ziel.

Geh, nimm das Schwert vom Nagel,
Und dort, der alte Tisch,
Darauf laß einen Hagel
Von Hieben regnen frisch.

Du kannst Franzos ihn taufen;
Spalt ihm's Gedärm im Bauch.
Er wird dir nicht entlaufen,
Und dich nicht fressen auch.

Kind, bitte Gott mit Machten,
Daß er den Vater schützt,
Der jetzt in ernsten Schlachten
Vielleicht sein Blut verspritzt.