Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Der Kieß der Reue wird ein Edelstein genannt,
Der schönres Namens dir ist als Smaragd bekannt.

Ich sage dir, warum er heiße Kieß der Reue;
Daß sich an ird'schem Glanz kein Herz vollkommen freue!

Als Alexander zog der Held ohn' Hindernis
Von West zu Ost, und kam ins Land der Finsternis,

Wo er des Lebens Brunn gesucht, den er nicht fand,
Drang er mit seinem Heer tief in die Felsenwand.

Da hörten sie von fern den Brunn des Lebens rauschen;
Doch wo er fließ' und wie, das war nicht zu erlauschen.

Vor ihren Augen schwebt' ein falscher Wasserschein,
Der führt' itzt durstig sie heraus, wie erst hinein.

Da sahen sie den Grund mit grünem Kieß bestreut;
Die davon nahmen, und die nicht, hats gleich gereut.

Smaragde waren es, da sie ans Licht gekommen,
Und alle reut' es, die davon nichts mitgenommen.

Mehr aber reut' es die was mitgenommen hatten,
Weil sie das beste doch gelassen in den Schatten.

Denn wer die Gnüge nicht geschöpft im Lebensbronnen,
Der findet, o mein Sohn, nur Reue selbst in Wonnen.