Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Vernimm, der ewigen Natur vier Elemente,
Wie in dir selbst sie sind als vier Temperamente.

Das erste Element, die Luft, lind-ungelind,
Bald sanfter Hauch in dir, bald ungestümer Wind.

Das zweite Element, das Wasser, ist geboren
Bald flüssiger Kristall in dir, bald Eis gefroren.

Das dritte Element, das Licht und Feuer heißt,
Ist ebenso in dir Licht- oder Feuergeist.

Das vierte Element, der andern Grund, die Erde,
Will daß sie Schwerkraft bald in dir, bald Trägheit werde.

Wie die vier Element' in sich zwiefaltig sind,
So sind sie auch in dir zwiespaltig, Menschenkind.

Und wie der viere keins in der Natur vorhanden
Allein ist, ohne daß die drei sich ihm verbanden;

So deine innren Lüft' und Fluten, Erd' und Flammen,
Sind Lebensmischung nur, wo alle sind beisammen.

Die Wesen aber, die Ein Element in freister
Bewegung haben, sind elementarische Geister.

Luftgeister wie die Luft ein Wallen nur und Weben,
Flutgeister wie die Flut ein Schwanken und ein Schweben.

Glutgeister wie die Glut ein Leuchten oder Sprühn,
Erdgeister wie die Erd' ein Starren oder Blühn.

Doch du, o Mensch, bist kein elementarisch Wesen,
Bist, oder kannst doch seyn, vom Sturm zur Ruh genesen.

Du bists, sind erst in dir die vier in rechter Mischung,
Dann wechselwirkend stets einander zur Erfrischung.

Daß keines ohn' und durch das andre nehme Schaden,
Liegt halb, o Mensch, an dir, und halb an Gottes Gnaden.

Die große Hälfte ist des Himmels, dein die kleine;
Er thut das Ganze, doch du thust dazu das deine.

Sei heiter wie die Luft, wie Feuer ohne Scheu,
Wie Wasser still und tief, wie Erde fest und treu.

Wo Elemente so geeint sind und geviert,
Solch ein Temperament ist wirklich temperiert.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5, 1839, XII. 78