Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Dem Weisheitdurstenden hat nie so recht von Grund
Den Durst gestillt ein Buch, wie eines Lehrers Mund.

Lebendig ist der Trieb nur des gesprochnen Wortes,
Und das beschriebne Blatt vom Baum ist ein verdorrtes.

Selbst jenes Wort, das Erd' erschuf und Himmel dort,
War ein gesprochenes, nicht ein geschriebnes Wort.

Und dem gesprochnen Wort verblieb der Lehrberuf,
Zu schaffen immerfort, wie es zuerst erschuf.

Und selber Gottes Schrift in Schrift und in Natur,
Wird immer neu belebt durch Schriftauslegung nur.

Geschriebnes Wort, dem Buch vertraut, ist halb verlassen
Vom Geist, und halb nur kann der Menschengeist es fassen.

Es geht von Hand zu Hand, es kommt von Land zu Land,
Und findet, wie sichs trifft, Verstand und Misverstand.

Gesprochnes gehet durch erwählter Hörer Runde,
Und immer neu belebt geht es von Mund zu Munde.

Doch bildet es sich um, je weiter um es geht,
Verwandelt sich und schwankt, nur das geschriebne steht.

Ja, hätte nicht die Schrift den Zauberkreis gezogen,
Viel Gold der Vorzeit wär' im Wind wie Spreu verflogen.

Nicht minder drum dem Mund lerndurst'ger Menschenkinder
Als Spracherfinder sei geehrt der Schrifterfinder.

Wer ists? Gott, dessen Stift an Erd- und Himmelstrift
Geschrieben seinen Ruhm in Blum- und Sternenschrift.

Auf Tafeln von Lazur und auf smaragdner Flur,
Wie im Rubin der Brust, lies seine Namen nur.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5, 1839, XII. 70