Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

An jedem Morgen hält der sel'gen Götter Chor
Die Umfahrt um die Welt aus offnem Himmelsthor.

Und die verhüllte nur, die Gottheit bleibt zurück,
Am Herde ruhend, wie der Hausfrau stilles Glück.

Die Geister aber, die vom Stamm der Götter wohnen
Auf Erden, fahren auch empor aus allen Zonen.

Den Göttern folgen sie nacheifernd Roß und Mann,
Doch haben Götter nicht und Menschen gleich Gespann.

Ganz göttlich sind die Ross' auch die die Götter tragen,
Gemischter Art sind die am Menschenseelenwagen.

Das eine zieht hinauf, das andre zieht hinab,
Daß schwer der Lenker sie erhält in gleichem Trab.

Mit Mühe geht es schon die ebnern Himmelsbahnen,
Doch an der Steile stockt das Roß von schlechten Ahnen.

Und wen der Zuruf nicht reißt eines Gotts empor,
Bleibt auf der Hälft' und folgt nicht ganz dem sel'gen Chor.

Die Götter fahren hin am Rand von Raum und Zeit,
Und blicken froh hinaus in die Unendlichkeit.

Dort wo das Ew'ge steht, das Wahre, Gute, Schöne,
An dessen Anblick sich erquicken Göttersöhne.

Und wem's der Geister glückt zu folgen Götterspur,
Der sieht dasselb' entzückt, doch sieht er halb es nur.

Dem einen, wenn ers sieht, so schwindeln ihm die Sinnen,
Den andern trägt zu schnell der Rosse Braus von hinnen.

Dem dritten bäumen sich die Rosse so und sträuben,
Daß er das Wahre nicht gewahret vor Betäuben.

Was aber jeder dort der Geister hat gesehn,
Das tragen sie mit fort, wann sie zur Erde gehn.

Dem wahren Seyn, das sie geschaut in jenen Räumen,
Sinnen sie unten nach, und scheinen euch zu träumen;

Euch andern, die zum Licht empor nicht mochtet dringen,
Weil euern Rossen nicht gewachsen so die Schwingen.

Ihr habt indessen euch, vom Steigen angeregt
Der Götter auch, doch nur im niedern Kreis bewegt;

Wo ein Getümmel ward, ein lärmendes Gedränge,
Ein sinnverwirrendes verwirrtes Schaugepränge;

Wo jeder andres sucht, und alle gleiches Ziel
Im unaufhörlichen Weltwettlaufrennespiel.

Wo jeder jedem vor sich drängt auf engen Pfaden,
Nimmt mancher bald am Roß und bald am Wagen Schaden.

Und stellen sie dann ein, und haben nicht das Seyn
Gefunden, scheinen sie zufrieden mit dem Schein.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5, 1839, XII. 67