Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Das irdische an dir, Geschöpf, sind deine Glieder,
Vom Himmel hast du, sollst du haben dein Gefieder.

Dein Vorbild sei, o Mensch, so lang du Raupe bist,
Der Schmetterling, der ganz Flügel geworden ist.

Die edle Pflanze hat ein Baum sich ausgegliedert,
Und oben schwebt das Blatt im Sonnenschein gefiedert.

Sei von des Himmels Thau, der Pflanze gleich, begossen,
Daß wie an ihr das Blatt, an dir die Flügel sprossen!

Ums Haupt der Schönheit wallt dem Laube gleich die Locke,
Das Himmelslüfte sie zum Spiel herniederlocke.

Und wenn dich selbst es lockt zu spielen mit dem Duft
Der Locken, spiele fein mit ihm wie Himmelsluft.

Der Lock' ermangelt ein behaarter Thieretroß;
Bemähnt ist edel nur der Leu und stolz das Roß.

Den Vögeln aber sind die Flügel angeboren,
Die Vögel haben sie behalten, wir verloren.

Daß du sie hattest, mahnt geflügelt dich der Traum,
Beschwingten Göttern gleich dich flügelnd übern Raum.

Nicht ehr behalten dort dich Götter zum Genossen,
Aus innrer Göttlichkeit bis dir die Flügel sprossen;

Bis ─ also kreist in sich mein Lied ─ ins Morgenroth
Entschwebt der Schmetterling, dem Eins ist Lieb' und Tod.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5, 1839, XII. 66