Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Den höchsten Menschensinn, das Augenlicht zu missen,
Gefangen wohnend in beständ'gen Finsternissen,

Ist doch, Erfahrung spricht, das höchste Unglück nicht,
Weil inneres ersetzt das äußerliche Licht.

Der blindgewordene sieht in Erinnerungen,
Der blindgeborene wird doch vom Licht durchdrungen;

Dolmetschen kannst du ihm den Stral, der ihn berührt,
Daß der ein geistig Bild der Welt in ihm aufführt.

Im Worte wird ihm kund die Weisheit aller Weisen,
Er kann mit Dichtermund die Wunder Gottes preisen.

Doch diesen andern Sinn zu missen, den im Ohr,
Entbehrend ewigen Weltharmonieenchor;

Verlust, der schwerer schien, ersetzen kann auch ihn
Theilnahme doch der anschaubaren Harmonien.

Des Menschen Auge spricht dir und des Frühlings Trift,
Die Sprache spricht dir selbst in ihrem Bild, der Schrift.

Dem taubgebornen auch, und darum stumm geboren,
Ist alle Fähigkeit der Bildung nicht verloren.

Zum handeln kannst du ihn, zum denken auch erziehn;
Gewiß zum Dichter nur erziehst du niemals ihn.

Wer aber blind und taub zugleich ist uranfänglich,
Der höhern Menschheit scheint er Menschen unempfänglich.

Gott, der ihn so gemacht, empfänglich wird er machen
Ihn aus der Doppelnacht hier oder dort erwachen.

Wer blind und taub nur ward, kann fort das Feuer schüren
Im Innern, mag man auch nach außen es nicht spüren,

Der Muschel gleich im Schlamm, Licht saugen mit Begier,
Das zu viel schönrer Perl' in ihm wird als in ihr.

So sah ich einen Greis, an Aug' und Ohr verwittert,
Von Lustentzückungen im Frühlingshain durchzittert.

Der Blüten Duftgeruch, der Abendlüfte Wehn,
Macht ihm den Mund voll Preis, das Aug' in Thränen stehn.

Er sog, was er nicht sah, und roch, was er nicht hörte,
Und fühlte Vollgenuß und Andacht ungestörte.

So schön ist Gottes Welt, daß auch ein leises Flüstern
Von ihr der Blindheit kann und Taubheit Nacht entdüstern.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4, 1838, IX. 130