Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Warum die Wahrheit wird so schwer an Mann gebracht?
Weil sie den Menschen vor sich selbst zu Schanden macht.

Die Selbsucht, die dir schließt vor unserm Rath das Ohr,
Verschließt auch selbst den Mund des Rathes uns zuvor.

Wenn du zu spenden hast und zu verweigern Gnaden,
Wie sollten wir, um dir zu nützen, selbst uns schaden?

Wir werden wenigstens die Bitterkeit der Sachen
Durch möglichst süßes Wort dir halb erträglich machen.

Nur wenn von dir nichts ist zu fürchten noch zu hoffen,
Erwarte, daß du hörst die Wahrheit frei und offen.

Drum ist am weitesten von ihr ein Fürst entfernt,
Da leicht ein Bettler sie auch wider Willen lernt.

Warum die Wahrheit wird so schwer an Mann gebracht?
In jedem Zustand ist ein Haben und ein Missen,
Und das Gemisste bist zu haben du beflissen.

Darum bei jedem Glück ist noch ein Wunsch zurück,
Der eben ist davon ein zubehörig Stück.

Und wie ein Zustand in den andern übergeht,
Siehst du, daß aus dem Wunsch ein neuer Wunsch entsteht.

Denn jeder Wunsch, erlangt, ist nicht mehr wünschenswerth;
Doch Glück ist auch, daß man stets neu ein Glück begehrt,

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3, 1837, VIII. 133