Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Bei einem Lehrer ist von Schülern eine Gilde,
Die unterweiset er in Gottesfurcht und Milde.

Er weist zu Gottesfurcht und Milde nur sie an,
Doch einer eilt voraus den andern auf der Bahn.

Am allerjüngsten hat der Meister Wohlgefallen,
Weil er ihn sieht im Geist voran den andern wallen.

Die andern aber, die voran im Alter gehn,
Sie fragen sich, warum ihr Meister vorzieht den?

Warum uns ältern ihn, den jüngsten, ziehst du vor?
Er sprach: Ich sag' es euch, doch thut mir dis zuvor:

Von diesen Vögelein (er nahm sie aus dem Neste)
Nehmt jeder eins zur Hand, und geht damit aufs beste

Hinaus an einen Ort, da wo euch sieht kein Blick;
Erwürgt die Vögel dort, und bringt sie her zurück. ─

Sie gehn, und bringen dann die todten ohne Beben,
Als sollt', ein Wundermann, der Meister sie beleben.

Der jüngste aber bringt sein Vögelein lebendig;
Was würgtest du es nicht? Er sprach darauf verständig:

Weil ich den Ort nicht fand, o Meister, welchen du
Mich suchen hießest, da kein Blick mir sähe zu.

Ein Blick sieht überall, er sieht aufs Leben nieder,
Wie meins, des Vögeleins; drum bring' ichs lebend wieder. ─

Der Meister sah sich um, die Schüler waren stumm;
Den jüngsten zog er vor, nun wußten sie, warum. ─

Die todten Vögelein setzt' er zurück ins Nest,
Ums lebende herum, und drückte sanft sie fest.

Vom Wunderhauch der Huld sind sie lebendig worden;
Beleben kann der Herr, doch soll der Mensch nicht morden.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3, 1837, VIII. 122