Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Der König Löwe hält im Walde Mittagsruh,
Verdrießlich gehen ihm die Augen auf und zu.

Die Sorge kann er sich nicht aus dem Sinne schlagen;
Den Unmuth minder noch verträumen als verjagen.

Da sieht er über sich im Baum ein Eichhorn hüpfen,
Behaglich durchs Gezweig und unermüdlich schlüpfen.

Er ruft hinauf: Warum trag' ich des Thierreichs Krone
Du sitzest, kleines Thier, dort auf der Freiheit Throne.

Wie kommt es, daß du hast ein Glück, das mir nicht ward?
Es rief herab: Das kommt von unsrer Lebensart.

Ihr esset Fleisch und Blut, und habet schweren Muth;
Ich esse Knosp' und Frucht, und habe leichtes Blut.

Entbehrung ist Genuß, Genuß ist eine Bürde;
Herr König, unvereint ist leichter Sinn und Würde.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3, 1837, VII. 83