Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Wann wacher Sinne Krieg geschlichtet Gottesfriede,
Und aufgehoben hat des Daseyns Unterschiede,

Wo Inn- und Äußres ist in Einen Duft verschwommen,
Besonderheitsgefühl ins All zurückgenommen,

In solchem Schlaf, in den hinein kein Wachen bebt,
In dessen Ruh' kein Traum verwirrte Bilder webt;

Wann jeder Thätigkeit Thorweg geschlossen steht,
Und ungehemmt nur aus und ein der Athem geht;

Erloschen ist das Aug' und jedes Bild des Schönen,
Erloschen ist das Ohr mit allen hellen Tönen,

Erloschen Red' und Wort mit der Begriffe Samen,
Den Zeichen aller Ding' und aller Wesen Namen;

Erloschen, ausgelöscht, das Denken der Gedanken,
Des Wollens Wallungen und der Gefühle Schwanken;

Und nur ein stilles Licht, geklärt von Glut und Rauch,
Und von dem Leben nichts zurückbleibt als der Hauch:

Der Hauch (sagt der Brahman), der Gottes Athem ist,
Bezeugt, daß du in Gott dann aufgenommen bist;

Und wann du dann vom Schlaf erwachest sanft und kühl,
Bezeugt dasselbe dir ein seligs Nachgefühl.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3, 1837, VII. 38