Dante Alighieri - La Divina Commedia
L. Zuckermandel - Die Göttliche Komödie - Purgatorium - Gesang 01

Nach andern Meeren, freundlicher und besser,
Hebt meines Geistes Schifflein jetzt die Schwingen,
Das läßt zurück so grausames Gewässer.

Von jenem zweiten Reiche will ich singen,
Wo sich zur Läuterung die Seelen heben
Und würdig werden, himmelan zu dringen.

Doch hier ersteh' der tote Sang zum Leben,
O heil'ge Musen, denn ihr sollt mich leiten;
Hier mag sich leis Calliope erheben,

Mein Lied mit jenem Tone zu begleiten,
Ob dessen Wucht den armen Elstern schwand
Die Hoffnung ganz, Verzeihung zu erstreiten.

Die Farbe (wie Saphir vom Morgenland)
Die süß der reinen Luft- im heitern Bild
Bis hin zum höchsten Kreise sich verband,

Hat wieder gleich mein Aug mit Lust erfüllt,
Als aus der Todesluft ich mich befreite,
Die Herz und Aug in Trübnis mir gehüllt.

Der schöne Stern, der fördert Liebesleute,
Ließ um den Ost ein einzig Lächeln wehen,
Die Fische hüllend ein, die sein Geleite.

Nach rechts gewandt, zum andern Pol zu spähen,
Erblickte ich vier Sterne dort, die nimmer,
Seit sie das erste Paar sah, wer gesehen.

Den Himmel, schien es, freute ihr Geflimmer.
O nordisch Land ! Verwaist wirst du befunden,
Weil solcher Schau beraubt du bist für immer.

Sobald ich ihrem Anblick mich entwunden
Und mich zum andern Pol ein wenig kehrte,
Dorthin, wo schon der Wagen war verschwunden,

Sah einen Greis ich einsam, des Gebärde
Im Ansehn so, zur Ehrerbietung drängte,
Daß mehr dem Vater nicht ein Kind gewährte.

Es wallte lang sein Bart, dem Weiß sich mengte,
Und von dem Haupthaar, drin es ähnlich bleichte,
Ein Doppelstreif hinab zur Brust sich senkte.

Und der vier Sterne heilig hehre Leuchte
Beschien sein Haupt, es so mit Glanz umhegend,
Daß eine Sonne mir sein Antlitz deuchte.

«Wer seid ihr, die, aus ew'ger Haft euch regend,
Der blinden Flut zu Trotz entfloht dem Schachte?»
So sprach er, jenen biedern Bart bewegend.

«Wer war's, der führte oder Licht euch brachte,
Als aus der tiefen Nacht ihr euch gewunden,
Die immer schwarz das Tal der Hölle machte?

Kam neu des Himmels Ratschluß? Brachen drunten
So die Gesetze, daß zu meinen Gauen
Ihr, die verdammt seid, euch habt eingefunden?»

Zum Führer, der mich anstieß, ging mein Schauen.
Sein Wort, wie Hand und Winke mühten sich,
Ehrfürchtig mir zu machen Knie und Brauen.

Dann sprach er : «Nicht aus Eignemm komme ich.
Ein himmlisch Weib stieg nieder und begehrte,
Daß dem zur Hilfe ich gesellte mich.

Doch heischest du, daß mehr erklärt noch werde,
Wie es um uns bestellt ist aller Enden,
Drum kann's mein Wunsch nicht sein, der deinem wehrte.

Der hier sah nie den letzten Abend enden,
Doch führte nah ihn hin sein tolles Jagen,
So daß ganz wenig Zeit noch war zum Wenden.

Wie ich schon sagte, ward mir aufgetragen,
Zu ihm zu geh'n, auf daß ich ihn befreite,
Doch gab's den Weg nur, den ich eingeschlagen.

Ich zeigte ihm die ganze frevle Meute
Und denk' zu zeigen jetzt die Geisterherde,
Die untersteht zur Läutrung deiner Waide.

Wie ich ihn fortzog, lang wär's, bis ich's klärte:
Von droben floß mir Kraft, ihn so zu heben,
Daß er dich säh' und deine Rede hörte.

So mög sein Kommen dir nicht widerstreben!
Die Freiheit sucht er, und wie teuer die,
Weiß, wer um sie verschmähet selbst das Leben.

Du weißt's, dem drum nicht herb schien Todesmüh'
In Utica, wo du tatst ab die Hülle;
Und rein am großen Tag wird leuchten sie.

Nicht wird gekränkt durch uns der ew'ge Wille,
Denn dieser lebt, und nicht bannt Minos mich.
Ich bin vom Kreis, wo deine Marcia stille

Und keusch dich, heilig Herz, fleht sichtbarlich,
Daß duu als dein sie ansähst noch da unten;
Um ihre Liebe laß erweichen dich;

Laß deine sieben Reiche uns erkunden!
Und Gruß von dir ich ihr bestellen werde,
Geruhst du, daß man dich erwähne drunten.»

«Die Lust, die Marcia's Anblick mir gewährte,
Als ich noch drüben war» er drauf versetzt
«Ließ tun mich, was sie je als Gunst begehrte;

Doch wohnt jenseits des argen Stroms sie jetzt
Und rührt reich nicht mehr, weil's das Recht nicht litte,
Das ward, als ich dort ausging, festgesetzt.

Lenkt aber dir ein himmlisch Weib die Schritte,
Wie du gesagt, so braucht es Schmeichelns nicht;
Genug, daß ihrethalb kommt deine Bitte.

So geh, und sorg, zu gürten diesen schlicht
Mit Schilf, und - daß ihm werde fortgenommen
Ein jeder Schmutz - zu waschen sein Gesicht;

Denn nicht geziemt's, das Auge dunstverschwommen,
Vor jener Diener Erstem sich zu zeigen,
Die aus des Paradieses Schar gekommen.

Wo sich dem Wogenprall die Ufer neigen,
Läßt dieses Inselchen an tiefster Schwelle
Rundum dem weichen Schlamme Schilf entsteigen.

Kein andres Pflänzlein wüchse an der Stelle,
Das Laub trägt oder dauerhaft sich dichtet,
Weil es willfährig nicht dem Stoß der Welle.

Dann sei der Rückweg nicht hieher gerichtet.
Euch zeigt die Sonne, die jetzt kommt herauf,
Wo sanfter sich der Berg zum Aufstieg schichtet.»

So schwand er hin, und ich stand wortlos auf,
Und hin zu meinem Führer drängt' ich nur,
Und nur zu ihm noch ging mein Blick hinauf.

«Mein Sohn» begann er «folg jetzt meiner Spur!
Laß hier uns wenden, denn es senkt sich immer
Bis hin zum tiefsten Rande diese Flur.»

Schon floh die Dämmerung, besiegt vom Schimmer
Des jungen Tags, so daß ich fern erkannt
Der Meeresfluten zitterndes Geflimmer.

Am flachen Ödweg gingen wir selband
Und glichen dem, den eitel dünkt sein Gehen,
Bis den verlornen Pfad er wiederfand.

Und angelangt, wo schon der Sonne Spähen
Zum Kampf geht mit dem Tau, der im Gelände
Nur wenig weicht, weil Schatten drüber wehen,

Seh ich den Meister, wie er sanft die Hände,
Weit greifend aus, zum jungen Grase streckt;
Drob ich, sein Tun erkennend, zu ihm wende

Die tränendüstre Wange, und er deckt
Ganz ihre Farbe auf, die in dem Brande
Der Höllendünste sich zuvor versteckt.

So kommen hin wir zum verlassnen Strande,
In dessen Meer kein Schiffer noch sich wies,
Der dann zurückzukehren war imstande.

Hier gürtet er mich, wie's ihm jener hieß,
Jedoch ein Wunder, so wie er es pflückte,
Der Demut Pflänzlein neu erstehen ließ,

Schnell und stets da, wo er's dem Grund entrückte.


Gesang 02

Schon rührte Tag an jenen Horizont,
Des Mittagskreis, zum Scheitelpunkt geleitet,
Jerusalem, die hohe, übersonnt,

Und Nacht war, die im Kreis genüber schreitet,
Am Ganges mit der Wage vorgegangen,
Die ihr, wenn sie die stärkre wird, entgleitet,

So daß da, wo ich war, Aurora's Wangen
Ihr holdes Weiß und Rot des Alters wegen
In Gelb zu wandeln hatten angefangen.

Wie Leute, die ihr Wanderziel erwägen,
So machten längs des Meeres wir noch Halt,
Der Fuß gebannt, das Herz schon auf den Wegen.

Und sieh! Wie wenn der Morgen dämmert bald,
Mars tief im West am Meeresplan sich kündet
In ros'ger Glut, von Dämpfen schwer umwallt,

So schien mir jetzt (o säh ich's neu entzündet)
Ein Licht zu nah'n so hurtig auf den Wogen,
Daß solcher Fahrt kein Flug sich je verbündet.

Und als ich kurz von ihm zurückgezogen
Die Blicke, die zum Führer fragend schossen,
Kam's größer noch und leuchtender geflogen,

Unsagbar ist ein Weiß ihm dann entsprossen
Auf jeder Seite, und am untern Rande
Kam mählich, andres Weiß aus ihm geflossen.

Noch blieb mein Meister still, bis wir imstande,
Im ersten Weiß zwei Flügel zu erspähen;
Da schrie er, der den Schiffer wohl erkannte:

«Schnell, schnell, die Hände falte! Aus den Höhen
Kommt Gottes Engel. Schnell das Knie gesenkt!
Von nun an wirst du solche Boten sehen.

Schau, er verschmäht, was Menschenwitz erdenkt:
Nicht Ruder braucht's noch Segel, da zum Saume
So fernen Strands der Flügel Schwung ihn lenkt.

Schau, wie sie ragen auf im Himmelsraume!
Mit ew'gen Federn rührt die Luft ihr Flug,
Die nicht vergänglich, gleich dem irdschen Flaume.»

Dann, als uns nah und näher kam der Zug
Des Gottesvogels, wuchs er so an Helle,
Daß ihn mein Aug so nahe nicht ertrug.

Ich schlug es nieder, und zur Anlegstelle
Kam leicht sein Schifflein, das so flüchtig war,
Daß nichts von ihm verschlang des Meeres Welle.

Des Himmels Fährmann stand am Heck, so klar,
Daß selig macht sein Bild schon, wenn beschrieben;
Drin saß (an Hundert) eine Geisterschar.

«In exitu Israel» sangen drüben
Einstimmig alle, und noch ward vernommen,
Was mehr in jenem Psalme dann geschrieben.

Nun wies des Kreuzes Zeichen er den Frommen,
Worauf sich alle warfen an den Strand,
Und er zog fort, schnell, wie er hergekommen.

Der Schwarm verblieb, wie's schien wildfremd im Land,
Und glich, wie rings er spähte, unbestritten
Dem Mann, der prüft, was neu und unbekannt.

Die Sonne ging, allseitig auszuschütten
Den Tag, so daß den Steinbock schon sie bannte,
Verjagt vom blanken Pfeil aus Himmels Mitten,

Als her zu uns das neue Volk sich wandte
Und sprach : «O zeigt uns, wenn ihr wißt Bescheid,
Den Weg, zu steigen auf am Bergesrande.»

Vergil darauf : «Ihr glaubt mit Sicherheit,
Wir seien kundig dieses Orts, allein
Wir sind Pilgrime, so wie ihr es seid.

Wir trafen jetzt erst, kurz vor euch, hier ein
Auf andrem steilem Weg durch rauhe Lande,
Drum wird der Aufstieg, scheint's, ein Spiel uns sein.»

Daß ich noch lebte, alsobald erkannte
Die Geisterschar an meines Atems Flug,
Darob sie blasses Staunen übermannte.

Und, wie dem Boten, der den Ölzweig trug,
Die Menge zuströmt, und im Drang zu stehen,
Sich keiner scheut, bis er gehört genug,

So hing an mir, nach meinem Aug zu spähen,
Die ganze sel'ge Schar, vergessend schier,
Daß schön sie mache sich, hinanzugehen.

Und einer drunter trat heraus zu mir,
Mich stürmisch zu umarmen, so voll Glück,
Daß ich, bewegt, ihm Gleiches tat dafür.

O leere Schatten, fühlbar nur dem Blick!
Dreimal schloß hinter ihm ich meine Hände,
Die dreimal kamen leer zur Brust zurück.

Vor Staunen, scheint's, entfärbt ich mich am Ende,
Und er, drob lächelnd, wandte sich zum Gehen,
Indes ich vordrang, daß ich folgen könnte.

Daß ich nicht weiter geh', kam sanft sein Flehen,
Und ihn erkennend jetzt, bat ich ihn sehr,
Zum Zwiegespräch ein wenig still zu stehen.

«Dich lieb' ich, jetzt erlöst, wie ich vorher
Als Mensch es tat; drum halt' ich ein im Gange;
Doch warum wanderst du?» So sagte er.

«Casella mein, daß neu ich hingelange,
Wo jetzt ich bin» sagt' ich «muß solcher Art
Ich reisen; doch was hemmte dich so lange?»

Und er: «Nicht mein' ich, daß gekränkt ich ward
Durch ihn, der fortführt wen und wann's ihm dünkt,
Als er mir öfters weigerte die Fahrt,

Weil rechtem Wollen seines auch entspringt.
Doch seit drei Monden nahm er, die ihn baten
Um Zutritt, friedlich an und unbedingt.

Drum ward ich, der verweilt an den Gestaden,
Wo sich des Tibers Flut dem Salze mengt,
An jener Mündung liebreich aufgeladen,

Zu der sein Flügel jetzt aufs neue lenkt.
Dort sammelt stets er alle, außer jenen,
Die man hinab zum Acheron versenkt.»

Und ich: «Raubt nicht Gesetz und neu Gewöhnen
Dir die Erinnerung der Minnelieder,
Die mir zu stillen pflegten all mein Sehnen,

So laß herbei dich, tröste damit wieder
Ein wenig meine Seele, die bekleidet
Mit ihrem Körper kommt, der beugt sie nieder.»

«Die Liebe, die im Geiste mit mir streitet»
Begann er drauf, und also süß klang's her,
Daß noch die Süßigkeit mein Herz besaitet.

Darob mein Meister, wie das Geisterheer
Und ich 'so sehr zufrieden uns erweisen,
Als ob an Andres keiner dächte mehr.

Dem Sang zu lauschen, alle sich befleißen,
Doch plötzlich kommt der Ruf des biedern Alten
«Ihr trägen Geister, auf, was soll das heißen!

Was soll dies Steh'n und lässige Verhalten?
Lauft hin zum Berg, die Schuppen abzulösen,
Die euch den Anblick Gottes vorenthalten.»

Wie Taubenvolk, das noch beim Körnerlesen
Vereint, am Hafer und am Lolche pickt,
Still, ohne das gewohnte kecke Wesen,

Wenn etwas kommt, wovor es jäh erschrickt,
Mit einemmal die Atzung lässet stehen,
Weil andre, größre Sorge es bedrückt,

So sah das neue Volk ich zu den Höhen
Vom Sange fortzieh'n, gleichend jenem Mann,
Der geht und weiß nicht, wo sein Weg wird gehen.

Nicht minder schnell war unser Aufbruch dann.


Gesang 03

Indessen jene Schar in schneller Flucht
Sich übers Land zum Berge hin ergossen,
Wo rechtes Maß uns Menschen untersucht,

Drängt' ich mich eng zum treuen Fahrtgenossen;
Und ohne ihn, wie hätt' ich schreiten sollen,
Wer sonst zog mich hinauf an Felsensprossen?

Er schien mir mit sich selber noch zu grollen;
O hohe, reine Seele, der sogar
Ob kleinsten Fehls Gewissensbisse schwollen!

Und als sein Fuß nicht mehr die Hast bot dar,
Die einer jeden Regung raubt die Würde,
Wuchs meinem Geist, der eingeengt erst war,

Das Ziel ins Weite, und mein Schauen schwirrte,
Da wo zuhöchst der Berg entstieg dem Meer,
Hinauf zum Himmel, so wie frei von Bürde.

Die Sonne, rot von rückwärts flammend her,
Brach ihre Strahlen ab vor meinem Stand,
Wo sie in meinen Formen traf ein Wehr.

Ich sah zur Seite, weil ich Angst empfand,
Daß ich verlassen sei, als ich die Erde
Nur an dem Fleck vor mir verdunkelt fand.

Erregt ganz, sprach der tröstende Gefährte:
«Warum mißtraust du? Bin ich nicht am Ort,
Und glaubst du nicht, daß ich dich führen werde?

Der Leib, in dem ich Schatten warf, ruht dort,
Wo Vesper schon kehrt ein; Neapel wahrt
Ihn, den sie, von Brundisium nahmen fort.

Drum dunkelt's nicht vor mir in 'solcher Art;
Mehr staune, daß die Himmel Strahlen wecken,
Von denen Keiner stört des Andern Fahrt.

Zu dulden Glut, Frost und der Marter Schrecken
Befähigt solche Körper jene Kraft,
Die, wie sie's macht, nicht will, daß wir's entdecken.

Ein Narr, wer hofft, daß uns Verstandeskraft
Den Weg erschlösse, wo im ew'gen Währen
Eine Substanz in drei Personen schafft.

Nehmt nur das quia; mehr soll nicht begehren
Der Mensch, denn könnte er den Urgrund heben,
So brauchte nicht Maria zu gebären,

Und klar wär' euch, wie fruchtlos Viele streben;
Erfüllen würde deren Sehnen sich,
Das ihnen ewig ist zum Leid gegeben.

Plato und Aristoteles mein' ich
Und andre noch!» Hier schwieg er wie beklommen,
Die Stirn gesenkt, um die Verwirrung schlich.

So sind zum Fuß des Berges wir gekommen,
Wo so die Steile, daß umsonst die Beine,
Sich regten, die den Aufstieg unternommen.

Von Lérici gibt's bis Turbia keine
So wilde Klippe, daß sie nicht als Stiege,
Mit ihm verglichen, leicht und glatt erscheine.

«Wer weiß jetzt, wo sich neigt das Felsgefüge,»
So sprach mein Herr und hielt im Schreiten ein,
«So daß, wer ohne Flügel, es erstiege.»

Und während sein Gesicht der Meister mein
Gesenkt hielt, unsern Pfad im Geist erwägend,
Und ich hinauf sah, prüfend rings den Stein,

Gewahrt ich links, sich zu uns her bewegend
(So langsam schien es, als ob still sie stünden)
Ein Volk von Seelen, kaum dem Blick sich regend.

«Herr,» rief ich, «heb dein Aug, um zu ergründen,
Ob Rat uns gibt das Volk, das wir dort sehen,
Wenn du ihn aus dir selbst nicht könntest finden.»

Drauf er mit freiem Blick: «Laß hin uns gehen,
Denn langsam nur hat es sich hergewandt.
Du, holder Sohn, bleib fest im Hoffen stehen!»

Noch war so ferne jenes Volkes Stand,
(Nach unsern tausend Schritten meine ich)
Wie noch ein Wurf reicht aus geübter Hand,

Als still es hielt und spähte, pressend sich
Eng an den harten Stein der hohen Wände,
Wie Wandrer späh'n, wenn Zweifel sie beschlich.

«Ihr Geister, schon erkürt zum guten Ende;
Daß jenen Frieden,» so begann Vergil,
«Der, mein' ich, eurer wartet, Jeder fände,

Sagt uns, wo so sich neigt der Felsenbühl,
Daß er ersteigbar; Zeit verlieren kränkt
Am meisten den, der's Meiste weiß vom Ziel.»

Wie aus dem Stand die Lämmerherde drängt,
Erst eins, dann zwei und drei, und viele stumm
Und scheu noch stehen, Maul und Aug gesenkt;

Und was das erste tut, tun alle drum,
Und bleibt es stehn, umdrängen sie's und drücken
Einfältig still und wissen nicht warum;

So sah ich näher jetzt den Vortrab rücken
Der Herde, die dem Glücke war versprochen.
Grad kam ihr Schritt, und sittsam war ihr Blicken.

Und als die vordern sahen unterbrochen
Das Licht am Grund zu meiner Rechten, wo
Der Schatten ist von mir zum Fels gekrochen,

Da hielten sie, etwas zurück geh'nd, so,
Daß alle, die gefolgt am Felsenschrunde,
(Keins weiß warum) es machten ebenso.

«Auch ohne daß ihr fragt, geb ich euch Kunde,
Daß dies ein irdscher Leib, den ihr könnt sehen;
Drum spaltet sich das Sonnenlicht am Grunde.

Und glaubet nur, anstatt erstaunt zu spähen:
Nicht ohne Kraft, die droben offenbar,
Will er den Kampf mit dieser Wand bestehen.»

So sprach mein Herr, und drauf die würd'ge Schar:
«Kehrt um, geht vor uns her denn» und durch Deuten
Mit umgewandter Hand macht sie es klar.

«Wer du auch seist» sagt einer von den Leuten
«Schau her im Gehen, Rat mit dir zu halten,
Ob irgend drüben du mich sahst vor Zeiten.»

Scharf wandte ich die Blicke, die ihm galten;
Blond war und zierlich er, und schön im Bunde,
Doch eine Braue hat ein Hieb gespalten.

Als höflich kam das «nein» aus meinem Munde,
Daß je ich ihn gesehn, sprach er: «Merk auf»
Und oberhalb der Brust wies er die Wunde.

«Manfred bin ich» sagt lächelnd er darauf.
«Sieh Kaiserin Konstanzes Enkelsprossen
Dich fleh'n: Geh, wenn zurück dich führt dein Lauf,

Zu meiner schönen Tochter, der entsprossen
Siziliens Ruhm und der von Aragon;
Sag Wahres ihr, wenn andres sie verdrossen.

Als mir zwei Todesstreiche brachen schon
Den Leib, ergab ich Jenem weinend mich,
Der gern verzeihet dem verlornen Sohn.

lind meine Sünden waren fürchterlich;
Doch reicht so weit der Arm der ew'gen Güte,
Daß er umhegt, was zu ihm wendet sich.

Wenn dies Cosenza's Hirt wohl unterschiede,
Und diese Seite las im Testamente,
Als mit der Jagd auf mich ihn Clemens mühte,

So wäre mein Gebein am Brückenende
Bei Benevento noch wie zu Beginn,
Wo es des Pfeilers Wucht behüten könnte.

Jetzt peitscht es Regen und der Wind spielt drin,
Am Saum des Verde fast, auf fremder Erde,
Wo er's - gelöscht die Lichter - brachte hin.

Doch ging es nicht, daß gänzlich uns verwehrte
Ihr Fluch die Wiederkehr der ew'gen Liebe,
So lange grün ein Keim der Hoffnung währte.

Nur ist's Gebot, auch wenn ihn Reue triebe,
Daß, stirbt wer in der heil'gen Kirche Bann,
Er diesem Felsen so lang ferne bliebe,

Als dreißigmal dieselbe Zeit verrann,
Da er verblendet war, doch dem Dekrete
Mag redlich Fleh'n die Frist verkürzen dann.

Sieh, ob du glücklich wendest mir die Nöte,
Berichtend, wie du mich hier sahst, der lieben
Konstanze, und von dem Verbot auch rede,

Weil sehr uns fördern können Jene drüben.»


Gesang 04

Wenn in der Freude oder in der Pein,
Die eine unsrer Kräfte schwingen machte,
Die Seele fest auf diese sich stellt ein,

So scheint's, daß keiner andern sie mehr achte.
Dies klärt den Irrtum, der vermeinte gar,
Daß in uns Seel' auf Seele sich entfachte.

Hört (oder sieht) man, was unmittelbar
Die Seele fesselte, so gehn die Stunden
Vorüber, und der Mensch wird's nicht gewahr.

Hier wird des Hörens Kraft getrennt befunden
Von der der ganzen Seele, denn befreit
Scheint jene ganz und diese schier gebunden.

Und dies erfuhr ich klar, weil in der Zeit, .
Da ich erstaunt am Wort des Geist's gehangen,
Die Sonne aufstieg fünfzig Grade weit,

Und ich sah's nicht, als wir so weit gegangen,
Daß die gesamte Geisterschar den einen
Bescheid uns zurief : «Hier ist eu'r Verlangen.»

Noch größre Lücke wird gar oft umzäunen
Mit ein paar Dornen, dem Gestrüpp entnommen,
Der Bauersmann, wenn seine Trauben bräunen,

Als hier der Steig bot, bei dem angekommen,
Wir einsam ganz, und jenes Trupps nun ledig,
- Mein Herr und ich ihm nah - nach oben klommen.

Bismantua's Kulm ersteigt, wer schreitet stetig;
Auf nach San Leo und nach Noli nieder
Trägt uns der Fuß, doch hier war Fliegen nötig,

Ich meine mit dem leichten Fluggefieder
Des mächtgen Drangs, sich hinterm Führer schwingend,
Der Leuchte war und ließ mich hoffen wieder.

Wir stiegen, durch das Felsgeklüft uns ringend,
Des Zacken engten allerseits uns ein,
Die Hände und den Fuß zum Boden zwingend.

Und angelangt, wo uns der letzte Stein
Am hohen Riff erschloß die offnen Runden,
Sagt' ich : «Wo geht der Weg, o Meister 'mein?»

Und er erwidert «Keinen Schritt nach unten.
Hinauf am Berg stets folge mir dein Gang,
Bis den erfahrnen Führer wir gefunden.»

Hoch stieg der Gipfel, daß kein Aug ihn zwang,
Und steil, mehr als sich neiget die Gerade
Vom Halbquadrant zur Mitte, war der Hang.

Da rief ich, weil Erschöpfung mir schon nahte:
«Schau, holder Vater, einmal schaue doch!
Ich bleib, wenn du nicht hemmst, allein am Pfade.»

Drauf er: «Mein Sohn, bis dort nur steige noch»
Und hat nach einem Felsenband gewiesen,
Das nicht viel höher dort den Berg umkroch.

So fühlt' ich Kraft dem Sporn des Worts entfließen,
Daß ich hinanklomm neben dem Geleite,
Bis jener Vorsprung unter meinen Füßen.

Hier setzten wir uns nieder alle beide,
Gen Ost, wo unser Aufstieg war, gewandt,
Denn Jedem macht die Rückschau wieder Freude.

Ich blickte, suchend erst den tiefen Strand,
Zur Sonne auf, wo Staunen ich erfuhr,
Weil von der Linken her uns traf ihr Brand.

Wohl sah der Dichter, daß ganz blöd ich nur
Hinstarrte auf des Sonnenwagens Fährte,
Die zwischen uns und Nord, zog ihre Spur.

«Wenn Castor wie auch Pollux» so belehrte
Er mich darob «gesellt dem Spiegel wären,
Der führt sein Licht nach oben und zur Erde,

So sähst du, rötlich, näher bei den Bären
Den Tierkreis schwingen sich, es müßte sein,
Daß hier die alten Straßen sich verlören.

Willst du es fassen, denk dich scharf hinein:
Jerusalem liegt so, mußt du dir sagen,
Daß es mit diesem Berge hat gemein

Den Horizont, indessen sie entragen
Verschiednen Hemisphären, drum die Spur,
Drin lenkte Phaëton so schlecht den Wagen,

Wenn auf der einen Seite Zions Flur,
Den Berg muß haben auf der andern Hand,
Wenn klar dein Geist jetzt faßt, was er erfuhr.»

«Gewiß sah nie» sagt' ich, zum Herrn gewandt,
«Mein Geist so klar noch, wie er jetzt erkennt,
Daß das (bisher scheint's fehlte mir Verstand)

Was eine Wissenschaft Äquator nennt:
Der Mittelkreis im hehren Weltgefüge;
Der zwischen Sonne stets und Winter trennt,

Aus Gründen, die du gabst, hier nordwärts liege,
Indes gen Süd er den Hebräern lag,
Dort wo den heißen Lüften steht die Wiege.

Doch, ist's genehm dir, wüßt' ich gern, o sag,
Wie weit der Weg noch, denn es steigt die Zinne
Mehr als zu steigen je mein Aug vermag.»

Und er: «Der Berg ist so, daß im Beginne
Der Weg stets hart, doch scheint's im Weiterschreiten,
Als ob die Mühsal mehr und mehr zerrinne.

Drum, wenn den Hang du siehst sich sanfter breiten,
Und dir so mühlos wird das Steigen gar,
Als ließest du im Schiff dich talwärts gleiten,

Dann beut sich dir des Pfades Ende dar,
Und dort erwarte Ruhe deinen Lungen.
Mehr sag ich nicht, und dies weiß ich als wahr.»

Und kaum daß seine Rede war verklungen,
Scholl nah der Ruf : «Vielleicht daß nicht erst dort
Du doch zum Niedersetzen bist gezwungen.»

Als wir zurück uns wandten auf dies Wort,
War links ein mächtger Felsenblock zu sehen,
Den weder ich gewahrt erst noch mein Hort.

Hier trafen Leute wir beim Nähergehen,
Die sich im Schatten hielten hinterm Stein,
Wie Lässige wohl pflegen dazustehen.

Und einer drunter, der schien müd zu sein,
Saß, um die Knie gewunden beide Hände,
Und tief dazwischen sank sein Antlitz ein.

«Mach, holder Herr, daß sich dein Auge wende
Auf den» sagt' ich «für träger halt' ich ihn,
Als wenn er Faulheit seine Schwester nennte.»

Da stutzte dieser, hebend nur, wie's schien,
Am Schenkel hin den Blick, der auf uns spannte,
Und rief: «Geh du hinauf doch, der so kühn.»

Nicht hielten mich, da ich ihn jetzt erkannte,
Die Nöte, die den Atem mir noch schoben,
Und als ich, angelangt, mich an ihn wandte,

Sagt' er und hat den Kopf noch kaum gehoben:
«Sahst du auch wohl, wie jetzt von links den Wagen
Zu deiner Schulter führt die Sonne droben?»

Sein faul Gebahren, wie die Art zu fragen
Ließ auf die Lippen mir ein Lächeln kommen,
Dann fing ich an : «Belacqua, nicht beklagen

Kann ich dich mehr. Was soll dies Sitzen frommen?
Harrst du, daß man dich führe fort von hier?
Hast deine alte Art du aufgenommen?»

«Was, Bruder» sagt er «nützt das Steigen mir,
Da doch zur Sühne mich nicht lassen könnte
Der Engel Gottes, der sitzt an der Tür?

Der Himmel will, daß ich so lang mich wende
Und drehe draußen, wie ich's dort getan,
Wo ich die guten Seufzer schob ans Ende.

Mir hülfe nur Gebet, wenn himmelan
Ein Herz es schickt, das lebt im Stand der Gnade;
Kein andres frommt; der Himmel hört's nicht an.»

Da sprach der Dichter, schon voraus am Pfade:
«Jetzt komm'; schau, wie zum Mittagkreis sich streckend
Die Sonne stieg und drüben Nacht sich nahte,

Schon mit dem Fuß Marocco's Strand bedeckend.»


Gesang 05

Fort von den Schatten war ich schon, beschreitend
Des Führers Spur, als hinter mir ganz dicht
Der eine ausrief, mit dem Finger deutend:

«Hier schaut nur! Scheint es doch, als leuchte nicht
Der Strahl zur linken Hand des Untern dort,
Und Leben, scheint's, aus seinen Mienen spricht.»

Ich sah, als ich mich wandte auf dies Wort,
Sie staunend schauen nur auf mich, auf mich
Und den gebrochnen Lichtschein immerfort.

Der Meister: «Was verwirrt dein Denken sich
So, sehr, daß deine Schritte sich verspäten?
Ob sie auch flüstern hier, was kümmert's dich?

Komm hinter mich, und laß die Leute reden.
Steh fest so wie ein Turm, der, nie läßt wanken
Die Zinne, ob auch Winde ihn befehden.

Der Mensch, der häuft Gedanken auf Gedanken,
Sieht stets sein Ziel weit von sich fort verschlagen,
Denn einer zieht der Kraft des andern Schranken!»

«Ich komm'» sagt' ich; was sollte sonst ich sagen?
Doch mich umflog die Farbe eine Weile,
Die wert oft der Verzeihung macht den Zagen.

Jetzt kam ein Volk, das, quer hin an der Steile,
Ein wenig vor uns noch, zog seine Fährte,
Das Miserere singend Zeil' um Zeile.

Kaum sah'n sie, daß mein Leib nicht Raum gewährte
Zum Durchlaß für die Strahlen, als ihr Sang
Sich in ein langes heis'res O verkehrte.

Und zwei von ihnen eilten her am Hang,
Gleich Boten rufend: «Klärung sollt ihr spenden,
Wie euer Wesen und Zusammenhang.»

Mein Meister drauf: «Ihr könnt gleich wieder wenden,
Denn ganz wahrhaftig Fleisch und Bein ist er,
Und solches meldet denen, die euch senden.

Zieht sie, wie's scheint, des Schattens Anblick her,
So ist für sie genügend mein Bericht.
Er kann euch nützlich sein; erweist ihm Ehr.»

So blitzschnell zucken Dunstesgluten nicht
Bei Nachtbeginn am klaren Himmelsspiegel,
Noch durch Augustgewölk im Dämmerlicht,

Wie jenes Paar nun klomm hinauf am Hügel,
Um mit der Schar vereintt zurückzukehren,
Die glich dem Trupp, der hinsprengt ohne Zügel.

«Viel Volk drängt zu uns her, und sie begehren,
Dich anzuflehen» sagte der Poet;
«Doch schreite zu, und schreitend magst du hören.»

«O Seele, die dem Glück entgegengeht
In ihres Leibes angeborner Hülle»
So kam es schreiend «geh doch etwas stet!

Schau, ob du einen kennst in unsrer Fülle,
Daß drüben du berichtest seine Not.
Ach, warum eilst du? Ach, so steh doch stille!

Wir alle fanden durch Gewalt den Tod
Und blieben Sünder bis in letzter Stunde
Des Himmels Lichtstrahl uns Erkenntnis bot.

So schieden reuvoll wir vom Lebensbunde,
Verzeihend, und mit Gott versöhnt, der rührt
Mit Sehnsucht, ihn zu schau'n, des Herzens Wunde.»

«Nicht Einen drunter hab ich aufgespürt»
Sagt' ich «doch wenn ich, was euch so gefällt,
Vermag, ihr Geister, die zum Heil erkürt,

Sagt's, und ich tu's dem Frieden zum Entgelt,
Der jetzt, zu suchen ihn, lenkt meine Schritte
In solchen Führers Spur von Welt zu Welt.»

Und Einer dann: «Auf dich zählt unsre Bitte
Auch ohne Schwur, soweit nicht im Nichtkönnen
Dein Wollen doch Behinderung erlitte.

So bitt' als Erster ich um dein Vergönnen,
Wenn je dein Auge noch die Lande sähe,
Die jene Karls von der Romagna trennen,

Daß deine Güte mir zuliebe flehe
Um heiß Gebet für mich in Fano drunten,
Damit die schwere Schuld bald von mir gehe.

Da kam ich her, doch Tod von tiefen Wunden,
Daraus das Blut, in dem ich lebte, floß,
Hab bei den Antenoren ich gefunden,

Wo ich, so schien's mir, jeden Schutz genoß.
Der Este gab es an, der mir zum Leide
Mehr Grimm als rechtens war auf mich ergoß.

Wenn ich gen Mira floh, als seine Leute
Mich in Oriago holten ein zur Stund,
So wäre, wo man atmet, ich noch heute.

Ich lief zum Sumpf, wo Schilf und Schlamm im Bund
Zu Fall mich brachten, und von meinen Venen
Sah ich zürn See verwandeln sich den Grund.»

Ein Andrer dann: «Auf daß sich deinem Sehnen,
Das dich zum Berg drängt, mög' das Ziel erschließen;
Hilf mitleidsvoll, das meine zu bekrönen.

Buonconte aus Monfeltro sie mich hießen;
Nicht denkt Johanna mein, noch Andre dort,
Drum geh gebeugten Haupts ich unter diesen.»

Und ich: «Zog dich so weit die Schickung fort
Von Campaldin, traf dich Gewalt so schwer,
Daß Keiner ausfand deinen Grabesort?»

«Am Fuß des Casentin» erwidert er
«Strömt quer ein Flüßlein hin, genannt Archian;
Am Apennin kommt's, ob der Einöd, her.

Bis dort, wo es den Namen abgetan,
Trug mich, des' Hals durchbohrt, mein Fuß noch fort,
Im Fliehen färbend blutigrot den Plan.

Hier schwand mein Sehen, und es starb mein Wort
Im Namen der Maria. Ich fiel nieder,
Und nur allein mein Leib blieb liegen dort.

Wahr red' ich jetzt, und du, sag's drüben wieder!
Ein Himmelsbote griff mich, und Geheul
Kam «Was beraubst du mich?» vom Höllenhüter.

«Du trägst, was an ihm ewig, hin zum Heil!
Ob eines Tränleins, das ihn mir entzogen,
Doch anders lenke ich den andern Teil.»

Du weißt, wie, von der Luft erst eingesogen,
Sich feuchter Dunst als Wasser wieder senkt,
Wenn ihn beim Aufstieg fassen kalte Wogen.

Der Böse, der nur böslich alles lenkt,
Erregte schlauen Sinnes Dunst und Winde,
Wozu sein Ursprung ihm die Kraft geschenkt,

Und deckte nächtlich Pratomagno's Gründe
Mit Nebel bis zum Hochjoch, sorgend dann,
Daß er bereit den Himmel drüber finde,

So, daß die schwangre Luft zu Wasser rann:
Der Regen fiel, und zu den Gräben flossen,
Die Fluten, die der Grund nicht mehr nahm an.

Und als sie stromweis sich zusammenschlossen,
Zum königlichen Flusse drängend sich,
Hielt nichts sie mehr, wie sie dahin nun schossen.

Erstarrt, am Ausfluß des Archian fand mich
Der grimme Strom, der mich zum Arno trug,
Das Kreuz mir lösend auf der Brust, das ich

Aus mir gemacht, als mich der Schmerz erschlug.
Zum Grund mich rollend hin am Strandgestein,
Umwand und deckte mich sein Beutezug.»

«Oh, wenn du wieder in der Welt wirst sein,
Und Ruh dein Leib nach langer Reise fand»
So fiel der Dritte nach dem Zweiten ein,

«Denk mein! Die Pia bin ich; ich entstand
In Siena, mich zerstörte die Maremme;
Und das weiß Jener, der mich an sich band,

Beringend mich zuvor mit seiner Gemme.»


Gesang 06

Beim Aufbruch, wenn das Zaraspiel beschlossen,
Bleibt der Verlierende betrübt beiseite,
Erneuert Wurf um Wurf und lernt verdrossen.

Der andre geht, mit ihm der Schwarm der Leute,
Von vorn, von hinten drängend und begehrend,
Und ihm empfiehlt man sich von jeder Seite.

Er bleibt nicht stehen, den und jenen hörend.
Wem er die Hand hinstreckt, der drängt nicht mehr;
So geht er fort, der Menge sich erwehrend.

Nicht anders zog ich im Gewühl einher,
Mich wendend rings, wo Blicke mich gesucht,
Und lösend mich, weil ich versprach Gewähr.

Dort war der Aretiner, den die Wucht
Von Ghin di Tacco's wildem Arm erschlagen,
Und Jener, der ertrunken auf der Flucht.

Ich sah Novello händeringend klagen
Und den Pisaner, der Marzucco ließ,
Den guten, groß in Seelenstärke ragen;

Graf Orso sah ich, und der Geist sich wies,
Den Neid und Haß (sagt er) getrennt vom Leibe
Und nicht begangne Schuld, wie es wohl hieß.

Pierre de la Brosse mein' ich; und achtsam bleibe
Drum die Brabanterin, so lang's noch Zeit,
Daß man sie nicht in schlimmre Sippschaft treibe.

Als ich von all dem Schattenvolk befreit,
Das fleht nur, daß man flehe seinetwegen,
Damit es schneller käm' zur Heiligkeit,

Sagt' ich: «Mir scheint es, daß dem sprach entgegen
Dein Text mir irgendwo, du lichter Hort,
Daß höchsten Rat könnt' ein Gebet bewegen.

Und darum fleht dies Volk doch immerfort;
So wär' ihr Hoffen nichtig ganz und gar;
Sag, oder fasse ich nicht recht dein Wort?»

Und er zu mir dann: «Meine Schrift ist klar,
Und Jenen braucht die Hoffnung nicht zu schwinden,
Wenn man gesunden Sinns den Grund nimmt wahr.

Denn nicht sinkt höchstes Recht zu niedern Gründen,
Wenn heißes Mitleid füllet auf durch Bitten,
Was jenen obliegt, die am Berg sich winden;

Und dorten, wo ich diesen Punkt bestritten,
Hat Flehen keinen Mangel aufgehoben,
Weil das Gebet von Gott war abgeschnitten.

Laß ruh'n so ernsten Streit; sei nicht verschroben,
Da Jene du noch sprichst, die Leuchte dir
Wird zwischen dem Verstand und Wahrheit droben.

Verstehst du? Von Beatrix red' ich hier.
Du wirst sie auf des Berges Gipfel sehen,
Wo sie im Glücke lächelt für und für.»

«Laß, guter Herr» sagt' ich, «uns schneller gehen,
Denn schwinden schon fühl ich die Müdigkeit.
Und sieh', wie schon vom Berg die Schatten wehen.»

Und er: «Mit diesem Tag geh'n wir so weit,
Als wir nur können, doch laß dich belehren:
Ganz anders, als du wähnst, ist Wirklichkeit.

Bevor du droben, siehst du wiederkehren
Sie, die schon mit der Bergwand sich hüllt ein,
So daß du ihre Strahlen nicht kannst stören.

Schau jene Seele dort, ganz, ganz allein;
Schau, wie sie mit den Augen uns umkreist!
Sie wird zum schnellsten Weg uns Führer sein.»

Wir kamen hin : O du lombardscher Geist,
Wie hehr und unnahbar verweiltest du;
Gemessnen Blicks, der deine Würde weist!

Stumm ließ er unser Näherkommen zu,
Nur immer hat sein Aug an uns gehangen,
Wie eines Löwen, der sich streckt in Ruh.

Vergil, der trotzdem zu ihm hingegangen,
Bat ihn, den besten Steig uns kund zu geben,
Doch Jener, nicht beachtend sein Verlangen,

Frug nur nach unsrer Heimat, unserm Leben;
Und als mein Führer anfing : «Mantua . . . . .»
Sprang er, in sich versunken noch soeben,

Mit einmal auf und rief, ihm rückend nah:
«Mantuaner, Landsgenoß! Ich bin Sordell»
Und schon umschlungen hielten sie sich da.

Weh, Knechtin du, Italia, Jammers Quell!
Schiff ohne Steuermann, vom Sturm bedrängt,
Nicht Herrin der Provinzen, nein, Bordell!

Wie hat der Edle, der der Heimat denkt,
Nur weil ihr holder Klang ihm zugeflossen,
So schnell dem Landsmann seinen Gruß geschenkt.

Und jetzt benagen drüben sich verdrossen
Die Lebenden, die nie vom Kriege ließen,
Ob auch ein Wall und Graben sie umschlossen.

Such, Ärmste, rings wo deine Meere fließen,
Am Strande, und ins Innre schaue dann,
Ob nur ein einzig Teil kann Ruh genießen.

Was hilft es, daß den Zaum dir Justinian
Geflickt hat, wenn der Sattel leer geblieben?
Die Schmach säh ohne ihn sich kleiner an.

Du solltest fromm sein, Volk, und Cäsar drüben
Im Sattel lassen, der ihm zugehört,
Wenn recht du auslegst, was Gott vorgeschrieben.

Schau, wie so wild geworden ist dies Pferd,
Weil keine Sporen regeln seine Gänge,
Seit deine Hand ihm in die Zügel fährt.

Du deutscher Albrecht ließest im Gedränge
Das ungebärdge Tier; du, dem vor allen
Es oblag, daß dein Schenkel es bezwänge.

Mög rechtes Urteil aus den Sternen fallen
Auf dein Geschlecht, so klar und wesensneu,
Daß furchtbar deinem Nachfahr es wird schallen.

Weil drüben ihr der Habgier dientet frei,
Du und dein Vater, ward indes verweht
Des Reiches Garten ganz zur Wüstenei.

Komm, die Montecchi schau und Capulet,
Die schon im Leid; schau, pflichtvergessner Mann,
Wie's um Monaldi, Filippeschi steht.

Komm, Harter, komm, schau die Bedrückung an
Der Edlen alle; heile ihre Leiden!
Wie fest noch Santa Fior ist, siehst du dann.

Komm, schau dein Rom, verwitwet, einsam schreiten;
Es weint, und Tag und Nacht ruft's flehentlich:
Mein Cäsar; kommst du nicht, mich zu begleiten?

Komm, schau das Volk doch, wie es liebet sich!
Brennt nicht für uns dein Mitleid lichterloh,
So komm, zu schämen deines Namens dich.

O höchster Jupiter (ziemt mir es so?)
Der ward für uns gekreuzigt auf der Erde,
Ist dein gerechtes Aug denn anderswo?

Bereitest du nur vor, daß schlüssig werde
Dein abgrundtiefer Rat und uns errette,
Wo ganz von unserm Aug sich trennt die Fährte?

Voll von Tyrannen sind Italiens Städte;
Heut würde jeder Bauer zum Marcell,
Sobald er die Partei erwählt sich hätte.

O mein Florenz, sei froh, daß der Appell
Bei dir nicht rühren wird an eine Wunde,
Dank deinem Volke, des Verstand so hell.

Gar mancher trägt das Recht im Herzensgrunde
Und zielt nur lang, daß ratsam löse sich
Der Pfeil, jedoch dein Volk trägt's vorn im Munde.

Gar manchem ist Gemeindienst widerlich,
Doch deine Bürger, dienstbeflissne Leute,
Sie rufen ungefragt: Ich nehm's auf mich.

So freu dich nur, da Ursach ist zur Freude:
Klug bist du, lebst in Frieden und hast Güter;
Ob wahr ich sprach, zeigt im Erfolg sich heute.

Athen und Lazedämon, einst die Hüter
Der guten Sitte und des Rechts der Alten,
Mit dir verglichen, standen sie doch nieder,

Weil du kannst sorgsam wirken und verwalten
Und im Oktober an Verordnung denken,
Die nicht wird bis Novembermitte halten.

Wie oft seit alters sah man neu dich lenken
Gesetz und Münzen, wie Gebrauch und Pfründen
Und jedes Glied erneuern und verrenken.

Und forschest du im Lichte nach den Gründen,
So wirst du seh'n dich jener Kranken gleichen,
Die in den Daunen nicht kann Ruhe finden,

Und sich herumwirft, ihren Schmerz zu scheuchen.


Gesang 07

Drei, viermal ward mit biedrer Freudigkeit
Der Gruß erneuert, doch es trat alsdann
Sordell zurück und rief: «Sagt, wer ihr seid.»

«Noch eh' an diesem Berge kamen an
Die Seelen, wert, hinauf zu Gott zu gehen,
Hat mein Gebein bestattet Oktavian.

Ich bin Vergil; mir raubt sonst kein Vergehen
Den Himmel, als daß Glauben mir gebrach.»
So war des Führers Antwort zu verstehen.

Wie wer bestaunt, was vor sein Aug kommt jach,
Und glaubt es, glaubt es nicht, und sein Erwägen
Sagt ihm: «So ist's» und «so ist's nicht» hernach,

So kam ihm Jener wieder scheu entgegen,
Demüt'gen Blicks, ihn zu umarmen dort,
Wo sich die Kleinern anzuklammern pflegen.

«Du, der Lateiner Ruhm» sprach er «des Wort
Bewies, was unsre Sprache kann; du Preis
In alle Ewigkeit, dem Heimatsort!

Verdien' ich's? Ist's von Gnade ein Beweis,
Der dich mir zeigt? Ist wert mein Ohr der Kunde?
Kommst von der Hölle du? Aus welchem Kreis?»

«Durch all die Klausen in dem Schmerzensgrunde»
Erwidert er «bin ich den Weg gekommen,
Wie ich hier steh, mit Himmelskraft im Bunde.

Mein Nichttun, nicht mein Tun hat mir genommen,
Was du ersehnst: der höchsten Sonne Strahl,
Der spät erst meiner Kenntnis ist entglommen.

Ein Ort ist drunten, traurig nicht durch Qual,
Durch Finsternis allein nur, wo nicht Weinen
Vom Wehleid klingt, doch Seufzen überall.

Dort weile ich bei den unschuld'gen Kleinen,
Die schlug des Todes Zahn, eh' noch blieb Zeit,
Die alte Schuld der Menschheit zu bereinen;

Bei Jenen, ohne Fehl, nur nicht im Kleid,
Der heiligen drei Tugenden; bekannt
Mit allen andern und stets folgbereit.

Doch wenn du kannst und darfst, sei uns zur Hand,
Daß schnell und sicher wir dort kämen an,
Wo sich zur Läuterung tut auf das Land.»

Und er: «Kein Ort beschränkt mich, und kein Bann
Hemmt in der Höh und Runde mein Beginnen;
Drum führ ich dich, so lang ich schreiten kann.

Doch sieh, wie schon der Tag ist im Verrinnen;
Und nicht kann man des Nachts nach oben gehen,
Drum ist es gut, auf schöne Rast zu sinnen.

Hier weilen Seelen, rechts, abseits der Höhen;
Zu ihnen führ ich dich, wenn dir's entspricht,
Und nicht wirst ohne Wonne du sie sehen.»

«Wie das?» kam's drauf «wenn ohne Tageslicht
Hinauf wollt' Einer, wär' es ihm verboten
Durch fremde Mächte, oder könnt' er's nicht?»

Jetzt mit dem Finger rieb Sordell den Boden
Und sprach: «Du überschrittest nicht den Strich,
Sobald der Sonne Strahlen hier verlohten.

Nicht daß im Aufstieg Andres hemmte dich
Als Nacht, die, wenn dein Wille aufwärts lenkt,
Läßt im Nichtkönnen ihn verwirren sich.

Wohl gingest nachts du, wo der Hang sich senkt
Und irrtest drunten rings am Berge wieder,
So lang der Horizont den Tag verschränkt.»

Darauf sprach, schier verwundert, mein Gebieter:
«So führe da uns hin, wo Freuden lachten,
Wie du gesagt, indes wir ruh'n die Glieder.»

Und als wir kaum dann ein paar Schritte machten,
Sah ich am Berge eine Schachtung offen
In der Art, wie sich hier die Täler schachten.

«Wir werden dahin gehen, wo der Schroffen»
So sagte jener Geist «zum Schoß sich ründet;
Da wollen wir den neuen Tag erhoffen.»

Ein Querpfad, der vom Riff zu Tale mündet,
Trug uns zur Flanke jener Bucht hinunter,
Wo mehr als halb des Randes Höhe schwindet.

Gold, Silber, Bleiweiß, Scharlach; was an bunter
Und froher Leuchtpracht Indiens Hölzer bieten,
Und frisch gebrochenen Smaragdes Wunder,

Ein Jedes wär' vom Grün und von den Blüten
An Farbe doch besiegt in jenem Schoß,
Wie Klein vom Großen wird besiegt hiernieden.

Nicht wirkte die Natur in Farben bloß;
Sanft kam aus tausend Düften, die sich einen,
Ein Etwas, unbestimmt und namenlos.

Hier fand im Grün ich und auf Blumenrainen,
Salve Regina singend, Seelen, die
Ich ob der Buchtung erst nicht sah erscheinen.

«Bevor im Nest jetzt Ruhe angedieh
Dem bißchen Sonne» kam des Mantuers Bitte
«Wollt nicht, daß ich euch führe unter sie.

Und besser seht ihr ihre Art und Sitte
Und jedes Antlitz hier von diesem Hange,
Als stündet ihr am Grund in ihrer Mitte.

Der dort erhaben sitzt, zuhöchst im Range,
Dem gleichend, der versäumt, was Pflicht war drunten,
Und regt den Mund nicht bei der andern Sange,

War Kaiser Rudolf, der doch wohl die Wunden
Konnt' heilen, die Italiens Tod bedeutet,
So daß es schwer durch andre wird gesunden.

Und der, des Anblick Jenem Trost bereitet,
Einst Herr des Landes, wo das Wasser quillt,
Das Moldau elbwärts, Elbe meerwärts leitet,

Hieß Ottokar; als Kind schon gut gewillt,
Mehr als im Bart, an Wollust sich erquickend,
Wenzel, sein Sohn, den träger Sinn erfüllt.

Der Stumpfbenaste, nah zu Jenem rückend,
Der würdig blickt und Rat scheint's mit ihm pflegt,
Starb auf der Flucht, der Lilie Glanz zerpflückend.

Schaut ihn nur an, wie er die Brust sich schlägt;
Den Andern seht, der seufzt, indem er fest
Ins Bett der flachen Hand die Wange legt.

Vater und Schwager sind's von Frankreichs Pest;
Sie wissen, wie im Laster der unbändig,
Daher ihr Schmerz, der so sie zagen läßt.

Der Starkgebaute, der, im Sang lebendig,
Zu Jenem hält, des Nase zeigt den Mann,
Umgürtete mit Tugend sich beständig.

Blieb König nur nach ihm der Jüngling dann,
Der sitzet hinter ihm, so wär's geglückt,
Daß doch von Kelch zu Kelch die Tugend rann.

Die andern Erben sind dem Lob entrückt:
Jakob und Friedrich ward ihr Reich zu eigen,
Jedoch das bessre Erbteil Keinen schmückt.

Nur selten wird bis zu den Ästen steigen
Des Menschen Redlichkeit; so will's Der droben,
Der gibt sie, auf daß Bitten sich ihm neigen.

Und dies wird auch am Langnas sich erproben
Und Piero, den ihr singend bei ihm seht:
Drob Puglia und Provence schon gramumwoben.

So weit die Frucht hier unterm Samen steht,
So viel rühmt mehr des Gatten sich zur Zeit
Konstanze als Beatrix und Margret'.

Nun seht den König schlichter Einfachheit,
Heinrich von England, ganz allein dort lehnen,
Dem in den Zweigen bessrer Trieb gedeiht.

Der etwas tiefer sitzt und nun zu Jenen
Hinaufschaut, ist Guglielmo, der Marchese;
Um ihn läßt Alessandria's Krieg in Tränen

Vergehen Monferrat und Canavese.»


Gesang 08

Schon war's die Stunde, die zur Heimat zieht
Des Schiffers Wunsch und zart sein Herz umwirbt
Am Tag, da er von holden Freunden schied,

Und quält den neuen Pilger, der zermürbt
Von Sehnsucht wird, tönt fern des Glöckleins Bangen,
Wie wenn es weinte, da der Tag nun stirbt;

Da schwand mein Hören, und den Blick gefangen
Hielt mir ein Schatten, der erhoben sich,
Und mit der Hand Gehör schien zu verlangen.

Zum Ost gewandt, von dem sein Aug nicht wich,
Ließ er zu Gott hinan die Hände gehen,
Als riefe er: Nichts andres kümmert mich.

«Te lucis ante kam so fromm das Flehen
Aus seinem Mund und mit solch süßem Klange,
Daß es mein Ich schien aus mir fortzuwehen.

Dann ließ der Chor im selben Demutsdrange
Die ganze Hymne süß zu Ende klingen,
Den Blick zur Höh', daß er zu Gott gelange.

Nun spähe, Leser, nach den wahren Dingen,
Die hier so fein der Schleier decken soll,
Daß dir es sicher leicht wird durchzudringen.

Dann sah ich, als der Sang nicht mehr erscholl,
Stumm aufwärts blicken jene holden Scharen,
Bleich und in Demut, wie erwartungsvoll.

Und sah aus Himmelshöhen niederfahren
Zwei Engel, deren Schwerter Flammen schienen,
Doch stumpf und auch beraubt der Spitze waren.

Grün, wie des Blättleins neugebornes Grünen,
War ihr Gewand, das flatterte, getrieben
Von grünen Federn, luftig hinter ihnen.

Still halten sah ich an dem Rande drüben
Den einen und nah über uns den zweiten,
So daß die Völker in der Mitte blieben.

Ihr blondes Vließ konnt' ich wohl unterscheiden,
Doch machte ihr Gesicht mein Aug verschwommen,
Weil im Zuviel die Kraft muß Schiffbruch leiden.

Da sprach Sordell: «Maria's Schoß entnommen
Sind beide, die zum Schutz des Tals man sandte
Der Schlange wegen, die wird hurtig kommen.»

Darob ich, da ich ihren Weg nicht kannte,
Zur treuen Schulter mich (erfüllt von Schaudern
Und ganz erstarrt) des holden Meisters wandte.

Sordell noch: «Jetzt hinunter ohne Zaudern
Zum großen Schattenvolk, das sicherlich
Dein Anblick freut, und laßt uns mit ihm plaudern.»

Drei Schritt' nur schien's, und schon war drunten ich
Und sah', wie Einer Blicke und Gebärden
Auf mich nur lenkt, als wollt' er kennen mich.

Zeit war's, wo düster schon die Lüfte werden.
Nicht so doch, daß, was erst sie unterdrückt,
Sie zwischen uns von Aug zu Aug nicht klärten.

Zu mir kam er, zu ihm ging ich beglückt:
O edler Richter Nino, wie's mich freute,
Daß nicht beim. schlimmen Volk ich dich erblickt.

Als jeden schönen Gruß getauscht wir beide,
Frug er: «Wann bist zur Schwelle du gekommen
Des Bergs durch der Gewässer ferne Weite?»

«Oh» sagte ich «dem Jammerort entkommen
Bin ich heut früh. Im ersten Leben stehend,
Soll mir zum zweiten dieses Wandern frommen.»

Dies hörend, wandten sich, nach rückwärts gehend,
Sordell, und er, wie Leute, die verstörte
Ganz plötzlich etwas, ihren Sinn verdrehend.

Der sah Vergil an, und der andre kehrte
Zu einem Geist sich, den sein Ruf erkürt:
«Auf, Konrad, schau, was gnädig Gott gewährte.»

Zu mir dann : «Von besondrer Gunst geziert,
Die Jenem du verdankst, der so hüllt ein
Sein Ur-Warum, daß keine Furt hinführt:

Wenn jenseits du der großen Flut wirst sein,
Sag meiner Hanna, daß sie für mich flehe
Dort, wo Unschuldigen Gehör sie leih'n.

Daß ihre Mutter nicht mehr zu mir stehe,
Scheint sicher, seit sie ließ die weißen Binden,
Die sie zurück noch wünscht in ihrem Wehe:

An ihr wird's klar, wie lang beim Weibe zünden
Der Liebe Gluten, wenn nicht Nahrung sie
Oft in Berührung und im Blicke finden.

So schön begleitet ihre Leiche nie
Die Viper, mit der Mailand schlägt die Schlachten,
Wie wenn den Schmuck der Hahn Gallura's lieh.»

So sprach er, und das Antlitz wies sein Trachten
Geprägt vom Eifer, der hält Maß im Ziele,
Ob Flammen auch dem Herzen sich entschachten.

Mein Aug hing gierig nur am Himmelsbühle,
Dort wo am langsamsten der Sterne Lauf,
So wie der Schwung des Rads zunächst am Stiele.

Mein Herr jetzt: «Sohn, was schauest du hinauf?»
Und ich: «Zu den drei Fackeln nur, von denen
Der Pol diesseits in Flammen gehet auf.»

Und er zu mir : «Hinunter sind die schönen
Vier Sterne, die dir wies die Tageswende,
Und diese glüh'n an Stelle jetzt von jenen.»

Als er noch sprach', zog ihn Sordell behende
Zu sich, ihm sagend: «Schau dort unsern Feind»
Und hob den Finger, daß sein Blick ihn fände.

Da wo kein Wehr das kleine Tal verzäunt,
War eine Schlange; sicher bot die gleiche
Den bittern Bissen, darob Eva weint.

Durch Grün und Blumen kam die böse Schleiche;
Oft, oft hob leckend sie den Kopf zum Rücken,
Wie's Kätzlein tut, damit es glatt sich streiche.

Nicht konnt' ich (und ich sag's drum nicht) erblicken,
Wie sich die Himmelsfalken jäh erhoben,
Doch sah im Flug ich beide niederzücken.

Und als die grünen Flügel rauschend stoben,
Entfloh der Wurm, und gleichen Flugs zurück
Schwang sich das Engelpaar zum Stand nach oben.

Und unterdeß nicht einen Augenblick
Hat jener Geist, der, als der Ruf erschallte,
Zum Richter ging, gelöst von mir den Blick.

«Auf daß dein Wille so viel Wachs enthalte,
(Das Licht zu nähren, das dich führt hinan)
Als not tut bis zum Schmelz der Gipfelhalde;

Wenn zuverlässig Neues» fing er an
«Vom Gau des Magratals erreichte dich,
Sag's mir, denn ich war dort ein mächt'ger Mann.

Man nannte Konrad Malaspina mich,
(Der Alte war mein Ahn) und all den Meinen
Schenkt' ich die Liebe, die hier läutert sich.»

«Oh» sagte ich, «noch nie war ich in deinen
Gebieten, aber gibt es wen, dem nicht
Bekannt sie sind? In ganz Europa Keinen,

Weil eures Hauses Ruf so weithin spricht,
Daß er die Herren und die Lande ehrt;
Und wer nicht dort war, hat davon Bericht.

Ich schwör's euch - sei des Aufstiegs ich drum wert -
Daß euer ehrbar Haus niemals wird träge
Im Preis, mit dem es Börse führt und Schwert.

Ihm schuf Natur wie Übung Privilege;
Und ob vom schlimmen Haupt verdreht die Welt,
Geht's gradaus nur, verachtend krumme Wege.»

«Geh» sprach er «eh' die Sonne sieb'nmal fällt
Ins Bett des Widders, der mit allen Vieren
Es deckt und einschließt, wirst du, klar erhellt,

An eigner Stirn dies holde Urteil spüren,
Und besser wird es festgenagelt sein,
Als durch Gespräch, das andre Leute führen,

Hält nicht im Lauf der höchste Ratschluß ein.»


Gesang 09

Des Ostens Auftakt ließ sie schon erblassen,
Die nachts dem alten Tithonos zur Seit',
Jetzt aus dem Arm des süßen Freunds entlassen;

Auf ihrer Stirn war leuchtendes Geschmeid
In solche Form gefügt, wie sie zu eigen
Dem kalten Tier, das mit dem Schwanz uns dräut.

Und wo wir waren, hatte Nacht im Steigen
Zwei Schritt getan, bis sie den dritten reckte,
Um dessen Schwingen abwärts schon zu neigen,

Als ich, der noch im Erbe Adams steckte,
Ins Gras hinsinkend, da mich Schlaf bezwang,
Wo unsre Fünfzahl saß, zur Ruh mich streckte.

Zu jener Stunde, wo der Klaggesang
Des Schwälbleins anfängt, kurz vor Morgengrauen,
Als ob noch altes Weh es machte bang,

Wo unser Geist, durchwandernd weite Auen,
Des Denkens ledig, nicht am Leib mehr klebend,
Schier göttlich im Erraten wird und Schauen,

Erschien im Traum ein Adler mir, der schwebend
Des Fittigs Gold dem Himmel schien zu einen,
Und wie zum Niederstieg die Flügel hebend.

Und dorten war ich, wollte es mir scheinen,
Wo Ganymedes, jäh emporgetragen
Zum Göttersitz, vermißt ward von den Seinen.

«Er pflegt wohl» dachte ich «nur hier zu jagen,
Verschmähend es vielleicht, die Klau'n zu weisen
An anderm Ort, uns drin hinaufzutragen.»

Dann, schien es mir, kam er nach kurzem Kreisen
Furchtbar, so wie ein Blitz, herabgeschossen,
Um bis zum Feuer mich emporzureißen.

Dann schien's, daß Flammen ihn und mich umflossen,
Und der geträumte Brand versengte mich,
Den Schlummer brechend, der mich eingeschlossen.

Nicht anders schüttelte Achilles sich,
Das Auge neu erwacht im Kreise schwingend
Am Ort, wo nichts ihm war erinnerlich,

Als ihn die Mutter, ihn im Schlaf umschlingend,
Aus Chirons Hut nach Scyros trug, wo dann
Die Griechen kamen, wieder fort ihn zwingend,

Wie ich, geschüttelt mich, als nun entrann
Der Schlaf vom Antlitz und ich im Versiegen
Dem Manne glich, den Schreck fällt eisig an.

Mehr als zwei Stunden war schon aufgestiegen
Die Sonne; neben mir war nur mein Hort,
Und draußen sah die Meerflut ich sich wiegen.

«Hab keine Furcht» kam meines Meisters Wort
«Laß sinken nicht die Kraft, sei stark im Hoffen;
Verlaß dich drauf, wir sind am rechten Ort:

Beim Purgatorium bist du eingetroffen.
Den Vorsprung schau, der rings es abschließt; schau
Die Lücke dort, die scheint zum Eintritt offen.

Als noch vor Tagbeginn im Dämmergrau
Dein Geist im Tale drin auf Blumenhalden
Da unten schlief, kam zu uns eine Frau

Und sprach: «Ich bin Lucia; laßt mich halten
Ihn, der hier schläft, denn daß ihm leichter werde
Die Wanderung, will seines Wegs ich walten.»

Sordell blieb und die andre edle Herde.
Dich zog sie fort, und mit dem Sonnenbrand
Kam sie herauf, und ich auf ihrer Fährte.

Sie lud dich ab, und hin zur offnen Wand
Hat noch ihr schönes Auge mich gewiesen;
Darauf entwich sie mit dem Schlaf selband.»

Wie Zweifler wieder steh'n auf sichern Füßen,
Sobald ihr Zagen dem Vertrauen wich,
Da sie die Wahrheit sahen sich erschließen,

So ging es mir, und als erhoben sich
Mein Führer, der zu End sah mein Bekümmern,
Stieg er am Sims hinan. Ihm folgte ich.

Sieh, Leser, wie ich höher lasse schimmern
Jetzt meinen Stoff; drum staune nicht hinfort,
Wenn ich mit größrer Kunst ihn will umzimmern.

Wir kamen näher, und an jenem Ort,
Wo sich zuvor ein Riß nur schien zu zeigen,
Gleich einem Sprung, der an der Wand zieht fort,

Sah ich ein Tor, und zu ihm aufzusteigen,
Drei Stufen aus verschiedenfarbnem Stein;
Davor ein Pförtner, harrend noch in Schweigen.

Ich sah ihn, als mein Aug sich fügte ein,
Zuoberst sitzen an der Stufen Ende,
So von Gesicht, daß ich nicht litt den Schein.

Ein nacktes Schwert umklammerten die Hände,
Dem spiegelnd solches Blitzen ist entglommen,
Daß ich umsonst den Blick oft zu ihm wende.

«Bleibt stehn und sprecht» hat er das Wort genommen
«Was wollt ihr, wer geleitet euch empor?
Habt acht, daß euch nicht schade euer Kommen!»

«Ein himmlisch Weib» so kam mein Herr nun vor,
«Hier wohl erfahren, sprach uns eben an:
Dort gehet hin, dort weist sich euch das Tor.»

«Und lenke recht sie euren Schritt voran,»
Versetzt der Pförtner, milder als vorhin,
«So kommt zu unsern Staffeln denn heran.»

Wir traten zu der ersten Stufe hin,
Die weißer Marmor war, so blank und gleißend,
Daß ich mich spiegelte, so wie ich bin.

Die zweite, purpurn (dunkler noch) sich weisend,
War rauher Stein, vom Feuer ausgeschlitzt,
Und Brüche drin, ihn längs und quer zerreißend,

Die dritte, die zuoberst wuchtig sitzt,
Schien mir Porphyr von flammend rotem Brand,
So wie das Blut, das aus den Adern spritzt;

Die bot den beiden Sohlen Unterstand
Des Gottesengels, dem zum Sitz erlesen
Die Schwelle war, die schien mir Diamant.

Der Führer sprach (der willig erst gewesen,
An den drei Stufen mich zu zieh'n empor):
«Demütig fleh ihn an, das Schloß zu lösen.»

Ich warf mich fromm den heil'gen Füßen vor,
Auf daß er öffne aus Barmherzigkeit;
Doch dreimal schlug ich mir die Brust zuvor.

Er ritzte sieben P mit Schwertesschneid
Auf meine Stirn und sprach die Worte aus:
«Sorg, wenn du drin, zu waschen ab das Leid.»

Wie Asche oder so wie man gräbt aus
Die trockne Erde bot sein Kleid sich dar,
Darunter er zwei Schlüssel zog heraus.

Der eine Gold. der andre silberklar,
Und mit dem weißen erst, dann mit dem gelben,
Schafft' er am Tor, daß ich zufrieden war.

«Versagt im Schloß nur einer von denselben
Und dreht nicht richtig sich» so sagte er,
«So kann dies Tor sich nicht zum Eintritt wölben.

Kostbarer dieser, doch beim Öffnen mehr
Verstand und Kunst der Andere bedarf,
Denn er nur gibt des Knotens Lösung her.

Mir gab sie Petrus, sagend: Eher darf
Man irrend öffnen als verweigern hier,
Wenn Jeder nur zu Füßen dir sich warf.»

Er stieß den Zugang auf der heil'gen Tür
Und sprach : «Geht ein, doch merkt, wer vorwärts dringend
Schaut um, wird wieder ausgesperrt dafür.»

Und wie, gelöst, in ihren Angeln schwingend,
Die Kanten der geweihten Pforte rücken,
Die sind aus starkem Erz und wuchtig klingend,

Da stöhnt sie, wie so herb in Mißgeschicken
Selbst nicht Tarpeja, die blieb arm und bange,
Da sie Metell, den Wackern, sah entrücken.

Scharf lauschte ich dem ersten Donnerklange,
Und Te Deum laudamus hörte ich,
So schien's, dem Ton gemengt, in süßem Sange.

Ein rechtes Bild gab dies, so dünkte mich,
Vom Eindruck, den der hat, der Sangesstimmen
Vermischt mit Orgelklängen hört, wenn sich

Die Worte klären bald und bald verschwimmen.


Gesang 10

Im Torweg drin, den die verkehrte Liebe
Der Menschenseelen außer Übung brachte,
Weil krummen Weg als grad sie preist dem Triebe,

Hört' ich, wie schließend sich, die Pforte krachte,
Und hätt' ich mich gewandt, wie fände ich
Entschuldigung, die würdig man erachte?

Durch einen Spalt ging's aufwärts, und es wich
Der Fels nach einer und der andern Hand,
So wie die Welle flieht und wendet sich.

«Hier heißt's ein wenig Scharfsinn angewandt»
Begann mein Führer «um sich anzuschmiegen,
Da wo zerrissen hier und dort die Wand.»

Und dies ließ spärlich unsern Schritt sich fügen,
So daß wir, was vom Monde blieb, dort fanden,
Wo es schon wieder ist ins Bett gestiegen,

Eh' wir uns jenem Nadelöhr entwanden.
Doch als wir droben, offen nun und frei,
Wo wiederum die Felsen sich verbanden,

Ich müd, und ungewiß wir alle zwei,
Bot Rast ein Pfad uns, der sich eben streckte,
Und öder war, als Weg durch Wüstenei;

So breit, vom Rand, an dem die Leere leckte,
Zum Fuß des hohen Riffs, das aufwärts zog,
Daß dreier Männer Länge ihn wohl deckte.

So weit des Augs Gefieder ihn umflog,
Schien's mir, daß dieser Sims gleichmäßig fließe,
Wie er zur Rechten und zur Linken bog.

Eh' droben noch geregt sich unsre Füße,
Sah ich, daß jene Wand, rundum geleitet,
Die grade aufwärts keinen steigen ließe,

Von weißem Marmor war und schmuck bekleidet
Mit Bildwerk, um das Polyklet gewiß,
Ja die Natur sogar sie hätt' beneidet.

Der Engel, der der Erde Kümmernis
Mit lang erweinter Friedensbotschaft stillte,
Den Himmel öffnend, dessen Bann zerriß,

Erschien vor uns wahrhaftig, und so milde
War eingemeißelt Haltung und Gebärde,
Daß nie er gliche einem stummen Bilde.

Man schwor, daß man ihn Ave sagen hörte,
Denn Sie war da, die einst den Schlüssel drehte,
Daß aufgeschlossen höchste Liebe werde;

Und so im Ausdruck, daß der Spruch entwehte
Ecce Ancilla Dei, als ob ihn
In Wachs geprägt des Siegels Bild uns böte.

«Laß nicht den Sinn nach einem Punkt nur zieh'n»
Versetzte hold mein Herr, der hatte mich
Auf jener Seite, wo die Herzen glüh'n,

Und drauf mein Antlitz wendend, schaute ich
Hinter Maria gleich (zu jener Hand,
Zu welcher der mir war, der lenkte mich)

Noch eine Mär, geritzt in jene Wand.
Drob an Vergil vorbei ich näher schreite,
Damit sie besser mir vor Augen stand.

Im selben Marmor war auf dieser Seite
Die Bundeslade mit dem Stiergespann,
Vor der, wer nicht berufen war, sich scheute.

Davor sieb'n Haufen Volks, das kam heran
Und ließ den einen meiner Sinne sagen:
«Sie singen» und den andern «nein» alsdann.

Der Weihrauch, um den ähnlich kam das Fragen,
War so im Bild, daß Aug und Nase schwer
Ob ihres Ja und Nein im Streite lagen.

Und vor dem heiligen Gefäße her,
Tanzt aufgeschürzt der demüt'ge Psalmist,
Hier weniger als König oder mehr.

Genüber groß die Burg gezeichnet ist,
Von derem Auslug Michol blickt hernieder,
Die höhnisch jene Schau und traurig mißt.

Nun reg ich von der Stelle meine Glieder,
Um nah zu schau'n ein anderes Geschehen,
Das weiß mir schimmert hinter Michol wieder.

Hier war im Bild der hohe Ruhm zu sehen
Des Römerfürsten, dessen Redlichkeit
Ließ Gregor seinen großen Sieg bestehen.

Trajan, den Kaiser mein' ich, dem zur Seit',
Am Zaum, stand eine Witwe, und es waren
Die Tränen ihre Rüstung und das Leid;

Er hielt inmitten großer Reiterscharen,
Und über ihm, als ob der Wind sie schwenkte,
Konnt' in dem Gold die Adler ich gewahren.

Die Ärmste, die der Haufen rings umdrängte,
Schien hier zu sagen : «Herr, hilf rächen mich
Ob meines Sohns, des' Tod das Herz mir engte.»

Und er : «Bis ich zurück, gedulde dich»
Drauf sie: «O Herr» (als ob sie reden müßt',
Weil Schmerz in ihr jetzt überstürzte sich)

«Und kehrst du nicht!» Und er «der dann hier ist,
Schafft Rache dir.» Und sie «was wäre dir
Des Andern Rechttun, wenn du dein's vergißt?»

Und er: «Sei jetzt getrost, denn nicht von hier,
Eh' diese Pflicht ich löse, werd' ich gehen.
So will's das Recht, und Mitleid sagt es mir.»

Er, der sieht niemals Neues im Geschehen,
War's, der ins Werk sichtbares Sprechen setzte,
Uns neu, weil es hienieden nicht zu sehen.

Indes ich an den Bildern mich ergötzte,
So vielem demutsvollem Sinn zum Preise,
Und hold, weil drin man ihren Meister schätzte:

«Hier kommen» murmelte der Dichter leise
«Doch gehn sie kargen Schrittes, viele Leute;
Sie schicken uns hinauf zum hohern Kreise.»

Mein Blick, voll Sehnsucht, daß er Augenweide
An neuen Dingen fänd' im Sehbereiche,
War lässig nicht, zu drehn nach seiner Seite.

Doch will ich, Leser, nicht, daß dir's verscheuche
Den guten Vorsatz, wenn du hörst Bericht,
Wie Gott will, daß die Schuld man ihm begleiche.

Und auf die Form der Marter achte nicht;
Denk an die Folgen; schlimmstens sollst du denken,
So kann's nur gehn, bis kommt das Weltgericht.

Ich sagte: «Meister, die hier zu uns lenken,
Sind nicht Personen, scheint's; ich weiß nicht was,
So fühl' ich meine Augen sich verschränken.»

Und er : «Die Schwere des Gewichtes, das
Hier ihre Pein mißt, drückt sie so zur Erde,
Daß erst mein Aug noch schwankend war im Maß.

Doch fest schau hin, auf daß entwirrt dir werde,
Was hier sich naht, und unter jenen Steinen
Siehst schon zerknirscht du Jeden von Beschwerde.

O stolze Christen, die doch elend scheinen,
Und die, weil krank ihr geistiges Gesicht,
Im Rückwärtsgehen recht zu gehen meinen.

Wir sind Gewürm, aus dem (seht ihr's denn nicht?)
Sich formen sollen Himmelsschmetterlinge,
Die hüllenlos auffliegen zum Gericht.

Was hilft's, daß euer Sinn so hoch sich schwinge;
Ihr gleicht unfertigen Insekten bald,
Ja einem Wurme, eh' er Form empfinge.

Wie man oft sieht die kauernde Gestalt,
Als Tragstein stützend Dachwerk oder Mauer,
Die Brust und Kniee eng zusammenballt,

So daß sie, die nicht lebt, doch im Beschauer
Lebend'gen Kummer aufweckt, so erblickte
Ich Jene, als ich prüfte sie genauer.

So wie sich viel und wenig Jeder bückte,
War's viel und wenig, was er mußte tragen,
Und der am meisten in Geduld sich schickte,

Schien weinend doch: «Mehr kann ich nicht» zu sagen.


Gesang 11

«O Vater unser, du im Himmel droben!
Nicht dort beschränkt, nur daß du liebentfacht
Zuhöchst das Erstgeschaffne hältst umwoben;

Dein Name sei gelobt und deine Macht
Von jeder Kreatur. Wie's ihr beschieden,
Sei deinem süßen Hauch ihr Dank gebracht.

Und zu uns komme deines Reiches Frieden,
Denn hin zu ihm aus uns nie könnten wir,
Wenn er nicht kommt, so viel wir uns auch mühten.

Und wie die Engel ihren Willen dir
Hosanna singend opfern, so bereite
Die Menschheit dir das Opfer für und für.

Und gib uns unser täglich Manna heute,
Sonst führt uns dieser Wüste herbe Bahn
Noch mehr zurück, ob eifrig auch man schreite.

Wie wir das Böse, das uns angetan,
Verzeih'n Jedwedem, so auch uns verzeih
Liebreich, und schau nicht nach Verdienst uns an.

Und unsre Tugend nicht versuchet sei
- Die leicht sich hingibt - durch den alten Feind;
Mach sie von ihm, der so sie peinigt, frei.

Nicht ist die letzte Bitte je gemeint
Für uns, o teurer Herr, die wir entrückt;
Nur für die Schar, die hinter uns noch weint.»

So bat das Schattenvolk, daß fahrtbeglückt
Gleich ihm wir seien, und von Last beladen,
Die der glich, die im Traum uns manchmal drückt,

Stieg mehr und minder müd es auf den Pfaden
Des ersten Vorsprungs, der rundum sich zieht,
Noch bang sich reinigend von Erdenschwaden.

Da so ihr Wort sich drüben für uns müht,
Was kann hier Jeder für sie tun und sagen,
Dem guter Wille wurzelt im Gemüt?

Helft, daß sie waschen ab, was sie noch tragen
An irdschem Merkmal und hinausgeh'n neu
Zu den besternten Kreisen ohne Zagen.

«Daß Recht und Mitleid bald euch mache frei
Und eurer Flügel Schwung zur Höh sich rege,
Auf daß erfüllt dort euer Sehnen sei:

Wo geht's, auf welcher Hand und welchem Wege
Zum schnellsten Steig? Und sind der Pfade mehr,
Weist den uns, der am sanftesten sich schräge.

Denn ihn, der mit mir herkommt, kleidet schwer
Noch Adams Fleisch, und darum lastbehangen,
Steigt seinem Drang zum Trotz nur dürftig er.»

Den Worten, die auf diese sind ergangen,
Die von dem kamen, der mir schritt voran,
War anzumerken nicht, von wem sie klangen.

So war's: «Kommt mit uns, und am Riff hinan
Wird euch zur rechten Hand der Paß sich zeigen,
Den ein Lebendiger erklimmen kann.

Wenn ich nicht diesem Stein mich müßte beugen,
Der mir den stolzen Nacken spannt ins Joch,
So daß die Augen sich zum Grunde neigen,

Ich spähte, ob der hier, der lebet noch
Und nennt sich nicht, bekannt mir, und ob ich
Erwecke mit der Last sein Mitleid doch.

Latium gebar dem großen Tusker mich,
Wilhelm Aldobrandesco, doch wer weiß,
Ob je sein Name schon erreichte dich.

Ob meines Stamms, ob meiner Ahnen Preis
Vergaß ich, daß von einer Mutter sind
Wir hergekommen alle gleicherweis'.

Mißachtend Jeden, war im Stolz ich blind
Und starb darob; wohl wissen's die Sienesen,
In Campagnatico auch jedes Kind.

Humbert bin ich; nicht ich bloß ward erlesen,
Zu büßen für den Hochmut, denn erfaßt
Hat Unheil alle, die mir Freund gewesen.

Nun trage ich dafür so lang die Last,
Bis Gott versöhnt, in den ich mich nicht schickte,
Als ich noch lebte, jetzt da ich verblaßt.»

Ich merkte, als ich lauschend abwärts blickte,
Daß Einer (nicht der sprach), verrenkend sich,
Hervorsah unterm Stein, der ihn bedrückte.

Und mich im Seh'n erkennend, rief er mich
Indeß sein Aug er mühsam haften ließ
An mir, der ganz gebückt mit ihnen schlich.

«Bist du's» sagt' ich «der Oderisi hieß,
Du Gubbios Ruhm? War jene Kunst nicht dein,
Genannt 'Illuminieren' in Paris?»

«O Bruder» sprach er «lachender gedeih'n
Franco Bologna's bunt bemalte Seiten;
Sein ist der Ruhm nun ganz; ein Teil ist mein.

Dereinst auf Erden hätte so bescheiden
Ich kaum gesprochen, denn mein Leben lang
Sann nur mein Herz, den Vorrang zu erstreiten.

Für solchen Stolz zahlt hier der Büßergang,
Doch nicht wär' hier ich, wenn zu Gott nicht führte,
Als ich noch konnte sündigen, mein Drang.

O eitler Ruhm der menschlichen Begierde,
Der nicht sich lange grün im Wipfel hält,
Es sei denn, daß an rohe Zeit er rührte!

Im Malen glaubte: Cimabue das Feld
Zu halten, und nun steht's in Giotto's Zeichen,
Des Ruf den andern in den Schatten stellt.

Ein Guido ließ des andern Ruhm erbleichen
Im Glanz der Sprache, und vielleicht ersteht
Schon wer, der alle zwei vom Nest wird scheuchen.

Nur Windhauch ist der Ruf der Welt; er weht
Bald hier, bald dorthin und nennt lediglich
Sich anders, wenn er anders sich gedreht.

Wird dir mehr Ruhm, wenn alt erst löset sich
Dein Fleisch, als wärst du tot, eh' sie dich lehren,
Dem Kinderlallen zu entwöhnen dich,

Nach tausend Jahren, die so viel nicht wären
Im Ew'gen, wie ein Lidschlag wär im Rahmen
Des Umschwungs jener langsamsten der Sphären?

Der vor mir, dessen Schritt du siehst erlahmen,
Ließ ganz Toskana dröhnen laut, und jetzt:
Kaum daß noch Siena flüstert seinen Namen,

Wo Herr er war, als man hat matt gesetzt
Fiorenza's tolle Wut, die war so kühn
Zu jener Zeit, wie heut man feil sie schätzt.

Ja, euer Ruf ist wie des Grases Grün,
Das kommt und geht, und sie läßt es verschießen,
Die Schmelz zuvor dem herben Keim geliehn.»

Und ich: «Dem Herzen läßt, was du bewiesen,
Ihm große Beulen glättend, Demut nah'n;
Doch sag, wer ist's, den du mir jetzt gewiesen?»

«Es ist» kam's drauf «Salvani Provenzan,
Und hier ist er, weil es gelüstet ihn,
Ganz Siena sich zu machen untertan.

So ging er hin, und seitdem geht sein Müh'n
Ruhlos, denn solche Münze wird erhoben
Von Jedem, der war drüben allzu kühn.»

Und ich: «Da jede Seele, die verschoben
Die Reue hat bis zu des Lebens Rande,
Da unten harrt und steiget nicht nach oben,

Wenn helfend nicht sich fromm Gebet verwandte,
Bis so viel Zeit um, als ihr Leben währte,
Was brachte denn sein Kommen doch zu Stande?»

Drauf er : «Als höchsten Prunk ihm lieh die Erde,
Stellt' er sich (jede Scheu ließ er daneben)
Frei hin am Markt, wo Siena's Volk verkehrte,

Und, um aus Qualen seinen Freund zu heben,
Den Karl in Haft hielt, unternahm er dort,
Was alle seine Pulse ließ erbeben.

Ich schweig und weiß, daß dunkel ist mein Wort;
Doch bald schon wird dein Volk, das du siehst wieder,
Sich so betragen, daß dir's klar hinfort.

Und jene Tat riß ihm die Schranke nieder.»


Gesang 12

Im Gleichschritt, wie im Joch die Ochsen schreiten,
Ging mit dem Lastbedrückten ich hinan,
So lang's der holde Pädagog wollt' leiden.

Doch als er sprach : «Laß ihn, und geh voran!
Mit Segel muß und Ruder stets lebendig
Sein Schiff hier Jeder treiben, wie er kann»

Da reckte ich, wie es zum Geh'n notwendig,
Die Glieder, doch mir blieben die Gedanken
Beklommen noch und tief gebeugt beständig.

Ich folgte meinem Meister ohne Schwanken,
Und beide regten wir schon, losgebunden
Zu flinkem Schritt, die leichtbeschwingten Flanken,

Als er mir sagte: «Lenk den Blick nach unten!
Dir wird's den Weg zu kürzen nützlich sein,
Das Bett zu sehen, das dein Fuß gefunden.

Wie Toten zum Gedächtnis mancher Stein
Der flachen Gräber Merkmal trägt und Zeichen,
Die, wer sie waren einst, uns prägen ein,

Weshalb uns oftmals Tränen dort erweichen,
Ob jenes Stachels der Erinnerungen,
Der nur die Frommen spornt und Mitleidreichen.

So sah ich, aber besser noch gelungen,
Kunstvolle Bilder dort, so weit wie nur
Der Fels als Weg nach außen vorgesprungen.

Ich sah den über jede Kreatur
Edel Erschaffnen, der aus Himmelshöhen
Im Blitz auf einer Seite niederfuhr;

Und anderseits war Briareus zu sehen,
Durchbohrt vom Pfeile, den die Götter sandten;
Schwer lag er da, erstarrt in Todeswehen;

Apollo sah ich, Pallas, Mars; sie standen
Gewappnet um den Vater noch und schauten
Auf die verstreuten Glieder der Giganten;

Ich sah Nimrod am Fuß der großen Bauten,
Fast sinnlos blickend hin auf seine Leute,
Die sich in Sennahar so viel getrauten.

O Niobe, wie sah ich dich im Leide
Das Aug (im Bild) nach deinen Kindern regen,
Den sieb'n und sieben, die des Todes Beute.

O Saul, der scheint es auf dem eignen Degen
In Gilboë, vom Tod getroffen, liegt,
Das seitdem weder Tau gespürt noch Regen;

Arachne, Törin, die betrübt sich wiegt,
Schon halb als Spinne, auf zerfetzten Fäden
Des Werks, das sie zum Leide sich gefügt;

O Roboam, nicht mehr bedrohst du Jeden;
Das Bild läßt fliehn zu Wagen ihn voll Bangen,
Eh' auf der Jagd nach ihm sie ihn erspähten.

Der Stein zeigt noch Alkmäons Unterfangen,
Darob gar teuer seiner Mutter scheint
Die Zierde jener unglücksel'gen Spangen;

Er zeigt, wie sich auf Sanherib vereint
Im Tempel drinnen wirft der Söhne Brut,
Und läßt ihn, daß er tot zu liegen scheint;

Er zeigt, wie, grausam in des Mordens Wut
Tamyris sagt zu Cyrus nach dem Schlachten
«Blut war dein Durst, so füll ich dich mit Blut;»

Er, zeigt Assyriens Heere, wie sie trachten,
Als Holofernes tot, zu retten sich,
Und läßt des Greuls Trophäen auch beachten;

Und Troja sah zerstört in Asche ich;
Wie niedrig, wie gering, o Ilion,
Wies dich das Bild, das dort geschildert dich.

Gab es den Pinsel, gab's den Griffel schon,
Der so den Umriß, so die Handlung zeigte,
Daß auch der schärfste Geist erstaunt davon?

Was lebt, schien lebend, tot, was tot sich neigte.
Kaum sah wie ich, wer sah die Wirklichkeit,
Was unterm Fuß mir, wenn den Kopf ich beugte.

Geht nur erhobnen Haupts, voll Eitelkeit,
Ihr Söhne Eva's, keinen Blick nach unten,
Zu seh'n, daß ihr auf üblem Wege seid.

Schon höher war der Berg von uns umwunden
Und von der Sonnenbahn weit mehr vollendet,
Als es der Sinn vermeinte, der gebunden,

Da sagte er, der stets vorausgewendet:
«Erheb das Haupt, dieweil nicht Zeit hinfort,
Daß du einhergehst so wie traumgeblendet.

Sieh, wie bereit sich macht ein Engel dort,
Entgegen uns zu geh'n; schon wendet sich
Die sechste Magd vom Dienst des Tages fort.

In Mien' und Haltung ziere Ehrfurcht dich,
Daß es ihn freue, uns hinaufzuführen:
Denk, nie tagt mehr ein Tag, der diesem glich.»

Ich war gewohnt, daß, Zeit nicht zu verlieren,
Er mich ermahnt, drum war kein dunkler Kern
In seiner Rede für mich aufzuspüren.

Schön kommt der Himmlische daher von fern;
Weiß das Gewand, und sein Gesicht strahlt wieder,
Als zitterte darin der Morgenstern.

Die Arme öffnet er, dann das Gefieder,
Und sagt: «So kommt; nah geht's hier zu den Graden;
Von nun an wandern leicht hinauf die Glieder.»

Wie selten folgen sie, die so geladen.
O Mensch, geschaffen, daß empor er fliege,
Wie läßt ein Hauch dich so hinab geraten?

Er führte uns zum Spalt im Felsgefüge.
Hier hat sein Flügel meine Stirn berührt;
Darauf versprach er, daß ich sicher stiege.

Wie an dem Hang, der rechts zur Höhe führt
Von Rubaconte, zu der Kirche droben,
(Die Stadt beherrschend, die so wohl regiert),

Die kühne Steigung sacht wird aufgehoben
Durch Treppen, die geschaffen in den Zeiten,
Als Buch und Maß noch gaben sichre Proben,

So läßt sich sanft im Felsbruch abwärts gleiten
Vom andern Kreise her die jähe Wand,
Doch das Geklüft starrt hoch zu beiden Seiten.

Ein Singen tönt, als wir uns hingewandt
«Beati Pauperes spiritu» doch sagen
Könnt' es kein Wort, wie ich den Klang empfand,

O wie ganz anders diese Schlünde ragen
Als in der Hölle, denn beim Eintritt hier
Erschallt Gesang und drunten wilde Klagen.

Empor am heil'gen Steig schon klommen wir,
Und mir erschien's um vieles leichter fast,
Als ebnes Geh'n zuvor erschienen mir.

Drob ich : «O sage, Meister! Welche Last
Hob sich von mir, da kaum noch Müdigkeit
Mich anrührt, wenn ich schreite ohne Rast?»

Und er: «Sind alle P. erst, die zurzeit
Beinah verwischt in deinem Antlitz stehen,
Getilgt ganz, wie von einem du befreit,

So werden willig deine Füße gehen;
Nicht nur, daß sie von Müdigkeit nicht leiden,
Sie folgen froh dem Zuge nach den Höhen.»

Nun tat wie Jener ich, der trägt im Schreiten
Etwas am Kopf, was ihm bewußt ist nicht;
Und stutzend, weil die Andern nach ihm deuten,

Die Hand zu Hilfe nimmt, daß im Gesicht
Sie übernähme (suchend und entdeckend,
Was er nicht konnte seh'n) des Auges Pflicht;

So fand die Rechte, ihre Finger streckend,
Nur sechs der Lettern (die mir eingegraben
Der mit den Schlüsseln) meine Schläfen deckend.

Und lächelnd sah der Führer mein Gehaben.


Gesang 13

Am Kopf der Stiege kamen wir zum Steh'n,
Da wo ein zweites Mal der Berg sich schründet,
Der von der Schuld uns löst im Aufwärtsgeh'n.

Dort ist ein Vorsprung rund herum, der bindet
So wie der erste Sims die Felsenwand,
Nur daß sein Bogen hurtiger sich windet.

Kein Bildwerk mehr, kein Schattenriß sich fand;
So schien der kahle Weg, so schien der Schroffen
Gefärbt in des Gesteines fahlem Brand.

Der Dichter überlegte : «Wenn wir hoffen,
Jemand zu fragen hier, so bin ich bang,
Daß unsre Wahl von Aufschub wird betroffen.»

Er hob den Blick, der fest zur Sonne drang,
Und ließ zum Drehpunkt seine rechte Flanke
Der linken werden, die herum sich schwang.

«Du holdes Licht, dem Zuversicht ich danke
Zur neuen Fahrt» sprach er «führ du uns weiter,
Wie Führung man ersehnt an dieser Schranke.

Du wärmst die Welt, du leuchtest droben heiter;
Wenn andrer Grund sich nicht entgegensetzt,
Soll immerdar dein Strahl sein unser Leiter.

So weit als man hier eine Meile schätzt,
War drüben unser Gang nach kurzem Sputen
Voran schon, denn Begierde trieb ihn jetzt.

Da hörte man - zu seh'n war nichts - ein Fluten
Von Geistern, die, als näher kam ihr Zug,
Mit holdem Wort zum Mahl der Liebe luden.

Die erste Stimme zog vorbei im Flug:
«Vinum non habent» sprach sie, daß es schallte,
Und hinter uns den Klang sie weiter trug.

Und eh' sie fern dem Ohre ganz verhallte,
«Ich bin Orest» die zweite rief, und fort,
Nicht haltend an, sie gleich der ersten wallte.

Ich frug: «Was sind's für Stimmen, o mein Hort?»
Da kam auch schon die dritte hergeflogen:
«Liebt, die euch Übles taten» scholl ihr Wort.

Der gute Meister drauf : «Da dieser Bogen
Die Schuld des Neides geißeln soll, sind Saiten
Der Liebe durch die Peitschenschnur gezogen.

Als Zaum tut not der andre Ton zu Zeiten,
Du wirst ihn hören, mein' ich, ehe wir
Im Passe der Vergebung droben schreiten.

Doch bohre fest den Blick ins Luftrevier,
Und dort vor uns wird sich ein Volk ihm bieten,
Entlang am Felsen sitzend, scheint es mir.»

Die Augen weitend, die noch mehr sich mühten,
Ersah ich Schatten jetzt mit Mänteln an,
Von dem Gestein an Farbe nicht verschieden.

Und als ein wenig weiter wir voran,
Hört' ich «Maria, bitt' für uns» sie flehen,
Und: «Michael, Petrus, alle Heil'gen» dann.

Nicht glaub ich, daß auf Erden Menschen gehen,
So hart, daß nicht zu Mitleid sie bewogen,
Was sich nun offenbarte meinem Spähen.

Denn als mein Schritt so nah mich hingezogen,
Daß ihr Getriebe deutlich vor mir stand,
Hat schwerer Schmerz durchs Aug mich ausgesogen.

Es deckte sie, schien's, grobes Bußgewand,
Die mit den Schultern eins das andre stützen,
Indes sie alle stützt die Felsenwand.

So sieht man Bettler, Zehrung heischend, sitzen
Am Gnadenort, den Kopf herabgesenkt
Der eine auf den andern, weil sie nützen

Des Fremden Mitleid, das gar schnell sich schenkt
Nicht nur, wenn Worte sich der Pein entwinden,
Noch mehr im Anblick, der nicht minder drängt.

Und wie nicht landet Sonnenschein beim Blinden,
So will dem Volk, von dem ich jetzt hier rede,
Des Himmels Leuchte nicht zum Auge münden,

Denn ihre Lider schließen Eisendrähte,
Wie bei dem Wildfangsperber, welchem man,
Auf daß er ruhig blieb, das Aug vernähte.

Im Schreiten schien es mir wie Unbill dann,
Sie anzuseh'n, die mich nicht konnten sehen,
Drum blickte meinen weisen Rat ich an.

Wohl konnte er des Stummen Wunsch verstehen,
Denn, wartend nicht auf Fragen, sagte er
«Sprich, doch soll kurz und klar dein Wort ergehen.»

An jenem Rande schritt Vergil einher,
Des Felsenvorsprungs, wo man leicht zur Beute
Dem Abgrund fällt, weil nirgends eine Wehr.

Die Frommen waren mir zur andern Seite;
So preßte sie des Drahtes Furchtbarkeit,
Daß ihre Wangen badeten im Leide.

Zur Schar gewandt: «Ihr, die ihr sicher seid»
Begann ich «zu erschaun die lichte Höhe,
Die einzig Wunsch und Sorge euch zur Zeit:

So wahr euch Gnade bald den Schaum verwehe,
Der das Gewissen trübt, auf daß der klare
Strom der Gedanken von ihm niedergehe,

Sagt (und als hold und wert ich es bewahre)
Ob ein latein'scher Geist in eurem Kreise;
Vielleicht wird's gut ihm sein, wenn ich's erfahre.»

«O Bruder; wir sind Bürger gleicherweise
Der einen wahren Stadt, doch du willst sagen,
Ob durch Italien ging die Lebensreise.»

So klang Bescheid, von weiter hergetragen,
Als wo ich stand, schien's mir; drum drängt' ich hin,
Daß näher zu Gehör dort kam mein Fragen.

Und sichtlich harrte in der Menge drin
Ein Geist. Früg Einer: Wie? Ich sah's ihn zeigen
Nach Art der Blinden, hebend auf das Kinn.

«O Seele» sagt' ich «die, um aufzusteigen,
Sich beugt! Wenn du's bist, die gab Antwort mir,
Laß Ort jetzt oder Namen von dir zeugen.»

«Sienesin war ich, und ich säubre hier
Mit diesen» sagte sie «mein Sündenleben
Im Fleh'n zu Ihm, der helf' uns für und für.

Sapia zwar genannt einst, doch ergeben
Drum nicht der Weisheit, labte mehr stets mich
Der Andern Leid, als eignen Glückes Streben.

Daß du nicht glaubst etwa, ich täuschte dich,
Hör' ob ich wirklich, wie ich sage, tollte ! -
Schon senkte meiner Jahre Bogen sich,

Als mit dem Feind mein Volk bei Colle sollte
Den Kampf besteh'n; da ließ Gebet ich steigen
Hinauf zu Gott um das, was selbst er wollte.

In bittrer Flucht gebrochen, sah entweichen
Die Meinen ich, und als ich sah das Jagen,
Erfüllte Lustgefühl mich sondergleichen,

So daß ich kühn hinauf die Stirn ließ ragen
Und schrie zu Gott: «Jetzt fürcht' ich nimmer dich»
Der Amsel gleich im ersten Lenzbehagen.

Am Rand, des Lebens wollte Frieden ich
Mit meinem Gott, doch nicht wär jetzt verflossen
Die Bußzeit schon, daß sie die Schuld beglich,

Wenn nicht, erinnernd, mich hätt' eingeschlossen
Pier Pettignano's heiliges Gebet,
In das die Nächstenliebe sich ergossen.

Doch wer bist du, der fragend sich ergeht
Ob unsrer Not, das Aug scheint's losgebunden,
Und Reden hält, dieweil sein Atem weht?»

«Auch mir wird hier das Schauen noch entwunden»
Sagt' ich «doch kurz, weil wenig nur vergangen
Mein Auge sich mit neid'schen Blicken drunten.

Um Vieles mehr läßt meine Seele bangen
Die Pein am ersten Sims, die immerfort
Mich schon bedrückt, als wär, ich lastbehangen.»

Und sie: «Meinst du, es ging zurück nach dort?
Wer zog dich dann herauf zu uns? So sprich!»
Und ich : «Der bei mir ist und sagt kein Wort.

Ich lebe, drum gebiete über mich,
Erwählter Geist, wenn drüben angekommen
Mein irdscher Fuß für dich soll regen sich.»

«Gar neu ist's» sprach sie «was ich hier vernommen,
Doch läßt es klar, daß Gott dich liebt, erscheinen;
Drum möge manchmal mir dein Beten frommen.

Bei deinem hohen Ziele fleht mein Weinen:
Kommst je du in Toskanschen Landen an,
Stell wieder her den Ruf mir bei den Meinen.

Du triffst beim eitlen Volk sie, dem im Bann
Von Talamon mehr Hoffnung geht zu Tale,
Als, die Diana suchend, ihm zerrann;

Doch mehr noch spüren es die Admirale.»


Gesang 14

«Wer ist's, der unsern Berg umkreist, bevor
Ihn flügge noch gemacht der Tod, und weitet
Und schließt, wie's ihm gefällt, der Augen Tor?»

«Ich weiß nicht, wer es ist, weiß nur, er schreitet
Allein nicht; du stehst nah, heisch du Bericht;
Und hold sei, daß zur Red' es ihn verleitet.»

So sprach von mir ein Geisterpaar, das dicht
Einander zugeneigt stand rechts zur Seite;
Dann hob, zu sprechen mich, sich ihr Gesicht.

Und. einer rief : «O Seele, die im Kleide
Des Leibes noch zum Himmel geht empor,
Erquick' aus Mitleid uns mit dem Bescheide:

Wo kommst du her, wer bist du? Was erkor
Zur Gnade dich, die Staunen uns entfacht,
Wie man bestaunt, was nie geseh'n zuvor?»

Und ich: «Quer durch Toskana schlendert sacht
Ein Flüßchen, Falterona's Schoß enthoben,
Das hundert Meilen Lauf noch satt nicht macht.

Von dort her trag ich diesen Leib nach oben,
Ich spräch ins Leere, sagt' ich, wer ich bin,
Weil nicht viel Klang den Namen noch umwoben.»

«Verkörpert mein Verstand des Wortes Sinn»
Versetzte drauf der das Gespräch geweckt
«So zielt dein Reden auf den Arno hin.»

Der andre dann zu dem: «Warum versteckt
Des Tales Namen er, wie man wohl Dinge,
Weil Grauen sie erregen, überdeckt?»

Und der befragte Geist löst so die Schlinge:
«Ich weiß nicht, doch wär's recht in allen Fällen,
Wenn solchen Flusses Namen unterginge;

Denn vom Beginn (gefüllt ist dort mit Quellen
Der Berg, von dem Peloro abgesprengt,
Und übertrifft dies Maß an wenig Stellen)

Bis er der Meerflut als Ersatz sich schenkt
Für das, was Trocknung himmelan geleitet,
Davon die Flüsse haben, was sie tränkt,

Ist Jedermann der Tugend feind und meidet
Sie wie die Schlange; ob sich Unheil paart
Dem Lande dort, ob's übler Brauch verleitet.

Drob so sich wandelt der Bewohner Art
In jenes Tals erbärmlichem Gehege,
Als hätte Circe weidend sie geschart.

Durch wüsten Schweinetroß, dem's näher läge,
Daß Eicheln er statt Menschennahrung nimmt,
Zieht er im Anfang ärmlich seine Wege.

Sich senkend, trifft er Kläffervolk, das grimmt
Und fletscht, mehr als es Kraft mag haben;
Drob er vor ihm die Schnauze zornig krümmt.

Beim Abstieg sieht, je mehr ihn Bäche laben,
Aus Hunden Wölfe formen sich am Ende
Der gottverfluchte und unsel'ge Graben.

Dann in des Tals vielschründigem Gelände
Trifft er die Füchse, die, vom Truge feist,
Den Witz nicht fürchten, der sie überwände.

Ob man's auch höre, fahr' ich fort doch dreist,
Und gut wär's diesem, später noch zu schätzen
All das, was mir enthüllt ein wahrer Geist.

Ich seh' als Jäger jene Wölfe hetzen
Dein Enkelkind am grimmen Strom. Nun höre,
Wie er sie alle wird in Schrecken setzen:

Ihr Fleisch verkauft per, ob es lebend wäre,
Und schlägt sie, wie das Opfertier man schlachtet,
Das Leben raubend Manchem, sich die Ehre.

Und aus dem öden Wald, mit Blut befrachtet,
Tritt er, und läßt ihn, daß nach tausend Jahren,
Ihn zu bewalden neu, umsonst man trachtet.»

Wie beim Verkünden drohender Gefahren
Des Hörers Stirn sich trübt, weil voller Bangen,
Daß irgendwie ihm Leid könnt' widerfahren,

So sah den andern Geist ich, des Verlangen
Sich horchend wandte, her, nun trüb verzagen,
Sobald das Wort in ihm war aufgegangen.

Des Einen Anblick wie des Andern Sagen
Trieb mich, zu forschen, wie sie nannten sich;
So kam mit Bitten untermischt mein Fragen;

Darob der Geist, des Red' vernommen ich,
Aufs neu begann: «Ich soll bereit mich finden,
Zu tun dir, was nicht tun du willst für mich;

Doch weil Gott will, daß hell aus dir soll zünden
All seine Gnade, red' ich unbeschränkt:
Guido del Duca bin ich, laß dir künden.

Es war mein Blut vom Neide so versengt,
Daß, wenn ich einen Glücklichen erspäht,
Du mich drum sahst von finstrer Glut besprengt.

Solch Stroh ernt' ich von dem, was ich gesät.
O Menschheit, daß dorthin, wo den Genossen
Gemeinschaft ist verwehrt, dein Herz nur geht!

Dies ist Rinier, der Ruhm und Ehr erschlossen
Dem Hause Calboli, doch macht zum Erben
Sich seiner Tugend keiner von den Sprossen.

Und nicht sein Stamm nur sieht das Gut in Scherben,
Dort zwischen Meer und Reno, Berg und Po,
Um das Wahrhaftigkeit und Frohsinn werben.

Denn überfüllt ist die Gemarkung so
Von dem Gestrüpp, dem giftigen, verdorrten,
Daß Keiner würde mehr des Anbau's froh.

Kein Lizio, kein Mainardi ist mehr dorten,
Kein Traversaro und Campigna mehr;
Zum Bastard ist Romagna's Volk geworden.

No nimmt Bologna einen Fabbro her,
Wo steht ein Fosco in Faenza's Auen,
Das edle Reis, das kleinem Stamm macht Ehr'?

Nicht staune, Tusker, weinend mich zu schauen:
Mit Guido Prata füllt den Sinn mir aus
Ugolin Azzo, heimisch unsren Gauen,

Die Traversar, Tignoso's freies Haus,
Die Anastagi (diesen so wie jenen
Ging ihre Erbschaft unter in 'dem Graus),

Und Frau'n und Ritter, Lust und Müh, bei denen
Uns feiner Sinn und Minne noch gediehen,
Wo jetzt die Herzen wildem Laster frönen.

O Brettinoro, willst du denn nicht fliehen,
Da deine Sippe ging, und hinterher,
Daß sie verderbt nicht würden, Viele ziehen?

Recht macht's Bagnacaval, der zeugt nicht mehr,
Schlecht macht es Castrocar, und Conio schlimmer,
Zu zeugen solcher Grafen noch ein Heer.

Recht machen's die Pagani, wenn für immer
Ihr Teufel fort sein wird, doch nie derart,
Daß ihrem Leumund bliebe rein der Schimmer.

Dir, Hugo Fantoli, bleibt Sorg' erspart
Um deinen Ruf, denn man erwartet Keinen,
Der könnt' ihn trüben, schlagend aus der Art.

Doch geh nun, Tusker, fortan letzt mich Weinen
Viel mehr als Reden noch, denn so verstörte
Das Herz mir die Erzählung von den Meinen.»

Daß diese teure Schar uns gehen hörte,
War uns bewußt und daß, weil alle schwiegen,
Sie uns Vertrauen gab zu unsrer Fährte.

Als wir allein dann, da wir weiter stiegen,
Traf uns ein Ruf, wie Blitz die Luft durchzündet,
Und also hörten wir sein Wort sich fügen

«Mich wird ein Jeder töten, der mich findet»
Drauf zog er fort, wie Groll des Donners, der,
Wenn jäh er das Gewölk durchbrochen, schwindet.

Kaum daß von ihm fand Ruhe mein Gehör,
Kam flugs ein andrer Ruf, der dröhnend krachte,
Dem Donner gleich, der schnell folgt hinterher.

«Ich bin Aglauros, die zu Stein man machte»
Da ging nicht vorwärts, nein, zurück mein Schreiten,
Auf daß dem Dichter es mich nahe brachte.

Und als die Luft schon schwieg auf allen Seiten:
«Dies war der harte Zügel» hörten wir
«Zu hindern euch, das Maß zu überschreiten;

Doch nehmt vom alten Feind den Köder ihr,
Des Angel euch zieht hin zu seinem Bunde,
Drum nützen Zaum und Zuruf wenig hier.

Der Himmel ruft euch, kreisend in der Runde,
Euch zeigend seine Schönheit ohne End',
Und doch klebt euer Auge nur am Grunde;

Drum schlägt euch Er, der Alles klar erkennt.»


Gesang 15

So weit als bis zum Schluß der dritten Stunde
Seit Tagbeginn die Kugel scheint zu steigen,
Die immer wie ein Kind spielt in der Runde,

So nahe schien zum Abend schon zu neigen
Der Sonne Lauf. Es wies nach solchem Maße
Dort Vesperzeit, hier Mitternacht der Reigen.

Uns traf der Lichtstrahl mitten auf die Nase,
Denn so weit war der Berg von uns umwunden,
Daß schon gen West ging gradwegs unsre Straße,

Als unverseh'ns ein Glanz kam, zu verwunden
Die Stirne mir, viel stärker als zuvor,
Der ließ, weil neu, Erstaunen mich bekunden.

Drum gingen meine Hände stracks empor
Zum höchsten Rand der Brauen, Schutz mir bringend,
Der schlösse dem Zuviel des Seh'ns das Tor.

Wie, wenn vom Wasser oder Spiegel springend,
Der Lichtstrahl in der Gegenrichtung steigt,
In ganz derselben Weise aufwärts dringend,

Wie er herabkam, wieder abgezweigt
Vom Fall des Steins im gleichen Winkel, so
Wie es Erfahrung und die Kunst uns zeigt,

So traf von vorn, vom Ort her, schien es, wo
Er unterbrochen war, ein Strahl auf mich
Und machte, daß mein Blick ihn schleunig floh.

«Was, holder Vater ist's» so sagte ich
«Vor dem mein Aug ich nicht kann richtig schützen?
Und uns entgegen scheint's zu wenden sich.»

Und er versetzt : «Nicht staune, wenn das Blitzen
Des himmlischen Gesindes dich noch scheucht.
Ein Bote kommt; er lädt, den Steig zu nützen.

Bald bist du so, daß Schauen dir wird leicht
Und du von so viel Glück dich fühlst belichtet,
Als, von Natur, heran dein Fühlen reicht.

Dann, angelangt beim sel'gen Engel, richtet
Der froh das Wort an uns: «Hier tretet ein,
Wo sanfter sich als sonst die Stiege schichtet.»

Im Rücken uns (schon klommen wir am Stein)
«Beati Misericordes» kam ein Singen,
Und «Freu dich, der du siegst» klang hinterdrein.

Der Meister sowie ich, wir beide gingen
Allein hinauf, und Nutzen, wie ich dachte,
Sollt' mir im Gehen seine Rede bringen.

Und als ich so vor ihn die Frage brachte,
Was wohl der Schatten aus Romagna meine,
Daß er «Gemeinschaft» als «verwehrt» erachte,

Sagt er: «Er kennt den Schaden, den ihm seine
Besondre Schuld gebracht; kein Wunder dann,
Wenn er sie rügt, daß minder drob man weine.

Weil euer Sehnen gehet dort hinan,
Wo stets Genossenschaft das Teil beschränkte,
Treibt Neid den Seufzern das Gebläse an.

Nicht käm dem Herzen Angst, die so es engte,
Wenn euch die Liebe zu den höchsten Sphären
Mit aller Macht den Wunsch nach oben drängte.

Je mehr man «unser» sagt, wird Jedem mehren
Sein Gut sich, und an solchem Bund mit Lust
Wird Nächstenliebe ihre Flamme nähren.»

«Mein Wunsch» sagt' ich «wird so sich mehr bewußt
Des Hungers noch, als harrte ich in Schweigen,
Denn Zweifel häuf' ich jetzt in meiner Brust.

Wie kann verteiltes Gut in seinen Zweigen
Den vielen Eignern mehr an Reichtum bringen,
Als wär's Besitz, der Wenigen zu eigen?»

Und er zu mir : «Weil in den ird'schen Dingen
Sich immer wieder dein Verstand verfängt,
Läßt Nacht er dir aus wahrem Licht entspringen.

Das hehre Gut, das droben euch geschenkt,
Rinnt hin zur Liebe, der es sich verbindet,
So wie der Strahl zum lichten Körper drängt.

Und gibt so viel, als es an Wärme findet,
Drum, wenn verteilend Liebe wird geübt,
Wird mehr an ew'ger Kraft durch sie entzündet.

Je mehr des Volks das Höchste droben liebt,
Wächst mehr sein Gut, und größrer Liebe Fülle
Gibt eins dem andern, wie der Spiegel gibt.

Und ob mein Geist den Hunger dir nicht stille,
Wirst du doch Beatrice seh'n, die dir
So den wie jeden andern Wunsch erfülle.

Doch sorge nun, daß bald vernarben hier
Wie zwei es schon getan, noch die fünf Wunden,
Die weh tun, weil die Heilung vor der Tür.»

Als ich: «Du gibst genug mir» wollt' bekunden,
Bot meinem Fuß der nächste Kreis sich dar,
Drum hielt des Augs Begehr mein Wort gebunden.

Und dort schien plötzlich, überirdisch klar,
Mich eine Vision zu zieh'n hinan
Zu einem Tempel, der voll Menschen war.

Und eine Frau trat ein, schien's, und begann
(Hold mütterlich sich ihre Mienen wiesen):
«Mein Sohn, mein Sohn, was tatest du uns an?

Ich und dein Vater suchten dich und ließen
Die Sorg' nicht ruh'n.» Und kaum schwieg ihr Verlangen,
Als nun zerfloß, was erst schien herzufließen.

Ein andres Weib erschien, von deren Wangen
Das Wasser troff, gelöst von Schmerzen, wie
Der Zorn sie schickt ob Andrer Unterfangen.

Und sprach: «Bist du der Herr der Stadt, um die
Der Götter Streit entbrannt des Namens wegen,
Die jeder Wissenschaft den Funken lieh,

So räche an dem Arm dich, der verwegen
Umfaßte unsre Tochter, Pisistrat!»
Und gütig, schien es, gab der Herr dagegen

Voll Mäßigung im Antlitz sanften Rat:
«Wenn den man straft, der liebend uns umfangen,
Was tun wir Jenem, der im Haß uns naht?»

Dann sah ich Volk, in heller Wut befangen,
Mit Steinen einen Jüngling schlagen tot;
Und «Steinigt, steinigt» ihre Schreie klangen.

Schon sah ich ihn in schwerer Todesnot
Zum Grund sich neigen, doch sein Aug zog fern
Hinauf zum Himmel, dem es Einlaß bot,

In der Bedrängnis betend zu dem Herrn,
Daß den Verfolgern er die Schuld beglich,
Und solchem Anblick floß das Mitleid gern.

Heraus trat nun mein Geist, wo körperlich
Die Dinge rings um ihn, um klar zu sehen,
Was Täuschung war und doch nicht täuschte mich.

Der Führer, der mein Tun wohl konnt' erspähen,
Sah lösen sich vom Schlafe meine Glieder
Und sprach: «Was ist's? Kaum kannst du aufrechtstehen.

Die halbe Meile schon, gesenkt die Lider
Und schwankend deine Beine, kamst du her,
Wie der, den Schlaf beugt oder Wein darnieder.»

«O holder Vater! Leihst du mir Gehör,
So will ich sagen dir, was mir erschienen,
Als meinen Beinen ward das Gehen schwer.»

Und er versetzte: «Wären deine Mienen
Bedeckt von hundert Larven selbst, sie ließen
Das Kleinste seh'n mich, das sich regt in ihnen,

Dich mahnt die Schau, dein Herz nicht zu verschließen,
Wenn von des Friedens Wässern auferweckt,
Die aus dem ewiglichen Borne fließen.

Die Frag' «was hast du» hat nicht das bezweckt,
Was Jenen treibt, der mit dem Aug nur wägt,
Das sieht nicht, wenn entseelt der Leib sich streckt.

Ich frug, damit dein Fuß sich kräftig regt,
So wie man immer treiben muß den Trägen,
Daß er sein Stündlein nützt, wenn's wieder schlägt.»

Wir schritten durch den Abend hin, entgegen
Der späten Leuchte, und so weit's erlaubt,
Das wache Aug im Vorsprung allerwegen,

Und sieh, ein Rauch kam mählich angeschnaubt,
Schwarz wie die Nacht, und nirgends, ihn zu meiden,
Bot sich uns Zuflucht, so daß er' geraubt

Die Augen und die reine Luft uns beiden.


Gesang 16

Kein Schwarz der Hölle und der Nacht, entbehrend
Jedwed Gestirn am kargen Himmelsplan,
Voll Wolken überdies, das Dunkel mehrend,

Umflorte meinem Sehen so die Bahn,
Wie jener Rauch, der dort uns hüllte ein,
Noch fühlt so rauh sich ein Gewebe an,

Da er nicht litt des Augs Geöffnetsein;
Darob mein kundiges und treu Geleite
Nah zu mir kam, die Schulter mir zu leih'n.

Wie ihrem Führer folgen blinde Leute,
Daß sie nicht irrten oder stießen sich,
Da wo es Schmerz und Tod sogar bedeute,

Ging durch der Lüfte ekle Beize ich,
Stets horchend, meinen Lenker auszufinden,
Der rief «Hab acht, nicht zu verlieren mich.»

Ich hörte Stimmen im Gebet sich winden,
Nur Frieden heischend und Barmherzigkeit
Von Gottes Lamm, das fort uns nimmt die Sünden.

Mit «Agnus Dei» nur begann allzeit
Ihr Flehn, so gleicher Art in Wort und Wesen,
Daß völlig eins sie waren, schien's, im Leid.

«Sind, die ich höre, Meister, Schattenwesen?»
Sagt' ich, und er: «Recht kannst du unterscheiden;
Sie geh'n, des Zornes Knoten aufzulösen.»

«Doch wer bist du, der unsern Rauch durchschreiten
Und von uns sprechen will, als mäße man
Noch immer nach Kalenden unsre Zeiten?»

So kündet eine Stimme sich uns an;
Drum sagt mein Meister: «Sprich du förderlich,
Und frag, ob man hinauf hier gehen kann.»

Und ich : «Du Wesen, das du läuterst dich,
Daß schön zu Ihm du heimkehrst, der dich schuf,
Wirst Wunder hören, wenn du stützest mich.»

«Ich folg', soweit's erlaubt» kam drauf ein Ruf
«Und ist im Rauch das Sehen nicht imstande,
Zu einen uns, dient Hören dem Behuf.»

Und ich begann : «Ich geh' in dem Gewande,
Das sich im Tode löst. Durch Höllendrang
Bin so gekommen ich zum Bergesrande.

So wahr Gott gnädig will, daß auf dem Gang
Mir Seines Hofes Glanz zum Auge loht,
Wie es ganz außer Brauch ist schon so lang,

Verhehl mir's nicht ; wer warst du vor dem Tod?
Sag mir's und sag, ob recht mein Fuß sich wandte;
Und Leitstern sei uns deines Worts Gebot.»

«Ich war Lombarde, Marco man mich nannte;
Der Welt vertraut; die Tugend schätzte ich,
Nach der den Bogen Jeder nun entspannte.

Es führt der Steig hier recht zum Gipfel dich»
So gab er Antwort, fügend bei: «Ich flehe,
Daß du, wenn droben, flehest dort für mich.»

Und ich zu ihm : «Mein guter Glaube stehe
Dir ein dafür, doch muß ich lösen jetzt
Den Zweifel, der mich füllt, sonst berst' ich jähe:

Erst einfach, hat verdoppelt ihn zuletzt
Dein Wort, das jenen Punkt mir sicher stellt,
An dem er hier wie dort hat eingesetzt:

Wohl ist so ganz und gar entblößt die Welt
Von aller Tugend, wie du mich beschieden,
Von Bosheit eingehüllt und aufgeschwellt;

Doch fleh ich, zeig den Grund mir, daß ich bieten
Ihn Andern kann, denn Einer hat gefunden
Im Himmel ihn und Einer ihn hienieden.»

Ein Seufzer, durch den Schmerz zum O gewunden,
Löst sich ihm tief; dann «Bruder» kam Bescheid
«Die Welt ist blind, und du kommst von da unten.

Ihr, die ihr lebt, sucht stets die Gründe weit,
Im Himmel droben so, als müßte kommen
Von ihm her Alles mit Notwendigkeit.

Träf Solches zu, so wäre euch genommen
Der freie Wille; nicht wär's recht deswegen,
Daß Leid folgt böser Tat und Glück der frommen.

Der Himmel regt euch an, euch zu bewegen;
Ich sag' nicht überall, doch wär's gesagt:
Euch ward Erleuchtung, Gut und Schlecht zu wägen.

Und freies Wollen, wenn es unverzagt
Im ersten Kampf mit droben nicht erschlafft,
Wird's recht genährt, dann über Alles ragt.

Frei unterwerft ihr euch der höhern Kraft
Und besseren Natur, die formt den Geist,
Den nicht der Himmel hält in Vormundschaft.

In euch liegt, wenn die jetz'ge Welt entgleist,
Der Grund; in euch wär's nötig, daß man wachte,
Und ich will Späher sein, der's recht dir weist.

Aus Dessen Hand, der sie, eh' sie erwachte,
Gehegt, entschlüpft gleich einem Mägdelein,
Das tändelt, ob es weinte oder lachte,

Die schlichte Seele, und nichts fällt ihr ein,
Als daß, vom frohen Schöpfer angetrieben,
Nur das, was sie ergötzt, sie sucht allein.

Am kleinen Gut will ihr Geschmack sich üben
Und täuscht sich, doch geht hinter ihm ihr Stürmen,
Wenn Führer oder Zaum nicht wehrt den Trieben.

Drum braucht's Gesetz, zu zügeln und zu schirmen,
Den Herrscher braucht's, der wenigstens zu sichten
Die wahre Stadt vermag in ihren Türmen.

Gesetz gibt's, doch die Hand fehlt, es zu richten,
Weil zwar der Hirt, der führt, kann wiederkauen,
Doch ungespalten sich die Hufe dichten.

Und sieht den Führer man zum Gut nur schauen,
Nach dem die Welt auch giert, so will man nur
Noch dieses kosten und nicht weiter bauen.

Du siehst: Daß schlechte Führung sie erfuhr,
Ist Ursach, daß die Welt zur Schuld sich kehrte,
Nicht daß verderbt ihr wäret von Natur.

Rom pflegte (und der Welt war's gute Fährte)
Zwei Sonnen zu besitzen, deren Sicht
Wies beide Pfade, Himmels und der Erde.

Gelöscht hat eine nun der andern Licht;
Zum Krummstab kam das Schwert, und der Verband
Der zwei Gewalten ist ersprießlich nicht,

Weil keine Scheu mehr beiderseits sie bannt.
Glaubst du es nicht, so sieh die Ernte reifen,
Denn an der Saat wird jedes Kraut erkannt.

Rundum im Land, das Po und Etsch durchstreifen,
War Tugend noch und edler Sinn zu sehen,
Eh' Friedrich kam, die Händel aufzugreifen.

Jetzt kann ganz sicher durch die Lande gehen,
Wer bang, daß mit ihm sprächen wackre Leute,
Und schämte sich, in ihrer Näh' zu stehen.

Noch sind drei Greise dort, die, mürb vom Streite,
Der alt und neuen Zeit, im Wunsch entbrennen,
Daß Gott zum bessern Leben sie geleite:

Palazzo, Gerhard, den sie «gütig» nennen,
Guido Castel, den besser noch die Franken
Nur als den «einfachen Lombarden» kennen.

Sag nur: Roms Kirche fällt, weil ohne Schranken
Sie will in sich vermengen zwei Gewalten;
Drum Hirt und Hut beschmutzt im Kote wanken.»

«O Marco» sagt' ich, «gut kannst du gestalten;
Drum ward - ich seh' den Grund nun zur Genüge -
Ihr Teil den Söhnen Levi's vorenthalten.

Doch welchen Gerhard meinst du, der noch Züge
Erloschener Geschlechter trägt an sich,
Dem wütigen Jahrhundert so zur Rüge?»

«Dein Wort» sprach er «trog oder lockte mich,
Denn tuskisch redend, ist dir doch, wie's schien,
Vom 'guten' Gerhard nichts erinnerlich.

Kein andres Beiwort weiß ich sonst für ihn,
Wenn ich nicht seine Tochter Gaia nenne.
Sei Gott mit euch; nicht weiter darf ich zieh'n.

Die Dämmrung schau, als ob den Qualm entspönne
Ihr Flimmer schon; mir ziemt es umzukehren,
- Der Engel kommt - eh' mich sein Aug gewänne.»

So sprach er und nicht länger wollt' er hören.


Gesang 17

Denk', Leser, wenn dich je auf Bergeshöhen
Der Nebel faßte, daß du anders nicht,
Als durch sein Fell der Maulwurf, konntest sehen;

Wie nur ganz schwach durch feuchte, schwere Schicht,
Die anfängt, sich zur Lösung durchzuringen,
Die Sonnenkugel wieder Bahn sich bricht;

Und leicht wird's deiner Vorstellung gelingen,
Die Sonne, die schon sank, so wie uns beiden
Sie anfangs wieder schien, zur Schau zu bringen.

So trat, aus solchem Qualm, dem sichern Schreiten
Des Meisters nach, ich zu den Strahlen vor,
Die tot schon drunten an des Strands Gebreiten.

O Kraft der Einbildung, die schließt das Tor
Nach außen oft, daß nichts wir merkten drinnen,
Ob tausend Tuben schallten rings zum Ohr!

Wer treibt dich, wenn du nicht entspringst den Sinnen?
Ein Schein vom Himmel tut's, aus sich geweckt,
Wenn nicht ein Ratschluß ihn läßt niederrinnen.

Vom Frevel jener Frau, die ward versteckt
In Form des Vogels, der im Sang fühlt Wonnen,
Erschien im Wahn das Bild mir aufgedeckt

Und engte mir den Geist, der so versonnen
In sich war, daß von draußen nichts sich bot,
Was hätte Zutritt noch zu ihm gewonnen.

Dann ließ mich Einen seh'n in Kreuzesnot
Der hehre Schein, gar wild zu schauen an,
Und zornig, und so blieb er bis zum Tod.

Der große Ahasver stand neben dran,
Esther sein Weib und Mardochai, erfüllt
In Wort und Tat vom Recht, ein ganzer Mann.

Und als von selbst zerbrach dies Wahngebild
In sich, wie man die Blase sieht verwehen,
Wenn sie dem Wasser, das sie hob, entquillt,

Sah eine Maid mein geistig Aug erstehen.
«O Königin» sprach sie, gelöst in Tränen,
«Warum trieb 'dich der Zorn, ins Nichts zu gehen?

Lavinia nicht zu missen, war dein Wähnen,
O Mutter! Nun verlorst du mich, die leidet
Um deinen Sturz, eh' Trauer kam um jenen.»

So wie der Schlaf, wenn neuer Glanz geleitet
Jäh zum verschlossnen Auge wird, zerfällt
Und zuckt im Brechen, eh' er ganz verscheidet,

So war mein Phantasiegebild zerschellt,
Sobald ein Lichtschein mir ins Antlitz schlug,
Viel heller, als gewöhnt es unsre Welt.

Ich wandte mich, und wo ich sei, ich frug;
Da kam ein Ruf : «Hier steigt man auf zur Wand»
Der jedes andre Denken fort mir trug.

Darob geriet mein Wunsch in hellen Brand,
(Zu sehen, wer es war, der uns belehrte)
Und ruhte nicht, eh' Stirn an Stirn ich stand.

Doch so wie unserm Aug erzeugt Beschwerde
Die Sonne, die im Lichtschwall sich verhüllt,
Ging hier es meiner Kraft, die sich verzehrte.

«Dies ist ein Geist des Himmels, der gewillt,
Zum Aufstieg ungefragt zu lenken dich,
Verbergend sich im Licht, das aus ihm quillt.

Er meint mit uns es, wie der Mensch mit sich;
Denn wer auf Bitten harrt und sieht die Nöte,
Sinnt böslich schon, daß er dem Ja entwich.

Laß unsern Fuß sich fügen seiner Rede,
Den Steig versuchend, eh' das Dunkel naht,
Sonst könnt' man's erst, wenn Tageslicht sich böte.»

So sprach zu mir mein Herr, mit seinem Rat
Zu einer Treppe unsern Schritt zu leiten,
Und kaum daß ihre Stufen ich betrat,

Fühlt' ich's wie Flügelschlag durchs Antlitz gleiten,
Mich fächelnd, und «Beati» klang ein Wort
«Pacifici, die Zornessünde meiden.»

So hoch schon waren über unserm Ort
Die letzten Strahlen, denen Nacht folgt nach,
Daß Sternenschimmer aufging hier und dort.

«O warum sinkt in mir die Kraft» so sprach
Ich bei mir selber jetzt; weil ich empfunden,
Daß meinen Beinen Fähigkeit gebrach.

Wir waren, wo nicht aufwärts mehr gewunden
Der Steig, so fest der Bergwand angereiht,
Wie nur ein Schiff, das Halt am Strand gefunden.

Am neuen Ring blieb still ich kurze Zeit,
Nur lauschend, ob ich etwas hörte nun,
Dann sprach ich mit dem Blick auf mein Geleit:

«Sag, holder Vater, welches böse Tun
Wird hier im Kreise, wo wir sind, gereinigt?
Denn, ruht der Fuß, soll doch dein Wort nicht ruh'n.»

Und er: «Wenn karg mit ihrer Pflicht sich einigt
Die rechte Liebe, wird hierselbst sie heilen:
Hier wird des Ruders Lässigkeit beschleunigt.

Doch daß du's klarer sähst in allen Teilen,
Lenk her den Geist, und du entnimmst als Lohn
Etwelche gute Frucht von unserm Weilen.

Nicht Schöpfer noch Geschöpf war je, mein Sohn,
Ob von Natur ob seelisch, ohne Liebe»
So fing er an «und dieses weißt du schon.

Nie irrte die natürliche im Triebe.
Die andre kann's: nach schlechtem Ziel entrafft
Und im Zuviel und wenn sie lässig bliebe.

Zielt nach den höchsten Gütern ihre Kraft
Und mißt sich selbst der mindern Güter wegen,
So zeugt sie nimmer üble Leidenschaft;

Doch spinnt sie Böses, oder wenn im Wägen
Zu eifrig oder träg zum Gut sie geht,
So wirkt dem Schöpfer sein Geschöpf entgegen.

So wird's dir klar: Die Liebe ist's, die sät
In euch jedwede Tugend aus, doch steigen
Läßt sie auch jedes Tun, drauf Strafe steht.

Daß nicht vom Heile dessen, was ihr eigen,
Die Liebe je vermag das Aug zu wenden,
Schützt jedes Ding, Haß gegen sich zu zeigen.

Und weil wir uns kein Wesen denken könnten,
Das ganz für sich, getrennt vom Höchsten, bliebe,
Ging's nicht, daß gegen Ihn wir Haß empfänden.

Drum wenn ich richtig schätze diese Liebe,
Liebt nur beim Nächsten man die böse Zeit,
Und euer Beet hegt dreifach solche Triebe.

Da ist, wer Förderung erhofft vom Leid
Des Nachbars und nur deshalb wünscht, daß er
Herunter soll vom Platz, der Glanz ihm leiht.

Da ist, wer bang, daß Ruhm, Gunst, Macht und Ehr
Ihm ganz verloren ging, wenn Andre stiegen;
Drum liebt er's Gegenteil, sich grämend sehr.

Da ist noch, der dem Schimpf meint zu erliegen,
So daß er, rachedürstend, unverweilt
Dem Andern trachtet Böses zuzufügen.

Um diese dreigestalte Liebe heult
Man drunten, doch zur andern jetzt dich wende,
Die in verderbter Art zum Gute eilt.

Unklar strebt Jeder, daß ein Gut er fände,
In dem zur Ruhe käme seine Seele,
Und wünschend kämpft er, daß er's an sich bände.

Wer, daß er's schau und zum Besitz erwähle,
In Liebe träg, zahlt diesem Sims Tribut,
Auf daß ihn der nach schuld'ger Reue quäle.

Ein andres gibt's noch, drin kein Segen ruht;
Kein Glück ist's, dem der gute Kern verbliebe,
Der Frucht und Wurzel ist jedwedem Gut.

Und gibt sich diesem zu sehr hin die Liebe,
Muß weinen sie an drei verschiednen Schründen
Hier oberhalb; doch wie man stuft die Triebe,

Verschweig ich, denn für dich sollst du's ergründen.»


Gesang 18

Der hohe Lehrer hatte den Sermon
Geschlossen, und, mein Aug erforschend, kehrte
Den Blick er her, ob ich erbaut davon.

Und ich, an dem noch neues Dürsten zehrte,
Schwieg äußerlich und sprach in mir: Kann sein,
Daß doch mein zu viel fragen ihn beschwerte.

Er aber sieht als wahrer Vater mein
Das Wollen, das aus Schüchternheit nicht mündet,
Und redend flößt er Mut zur Red' mir ein.

Drauf ich: «In deinem Licht, o Meister, zündet
Mein Schauen so, daß klar ich unterscheide,
Was mir dein Geist vermittelt und begründet.

Erklär' mir drum, du väterlich Geleite,
Die Liebe, fleh ich, der du läßt entspringen
Ein jedes Rechttun, wie die andre Seite.»

«Laß des Verstandes Licht scharf zu mir dringen»
Sprach er «und dir wird kund der Irrtum drüben
Der Blinden, die die Führung an sich bringen.

Die Seele, von Natur geneigt zu lieben,
Wird angelockt von allem, was gefällt,
Sobald sie Lust zur Regsamkeit getrieben.

Faßt euer Geist das Bild der äußern Welt,
So rollt er's in euch auf, es so zu zeigen,
Daß auch der Blick der Seele darauf fällt;

Kommt sie und neigt sich ihm, so ist dies Neigen
Die Liebe, ist Natur, die Lust will geben,
Daß sie aufs neu sich mache euch zu eigen.

Dann wird, wie Feuer sich zur Höh' muß heben,
Weil seiner Art nach es nach oben quillt,
Wo seinem Stoff mehr Dauer ist gegeben,

Die so erfaßte Seele angefüllt
Im geist'gen Trieb vom Wunsch, der ruhet nimmer,
Bis das geliebte Ding die Lust ihm stillt.

Hier siehst du, wie von Wahrheit nicht ein Schimmer
Sich Jenen auftut, denen wahres dünkt,
Daß jede Liebe wäre löblich immer.

Ist auch vielleicht ihr Grund stets gut, so zwingt
Man doch kein Siegel je, daß gut es werde,
Wenn gutes Wachs man ihm zur Prägung bringt.»

«Dein Wort, wie mein Verstand auf dessen Fährte»
Sagt' ich «deckt mir die Liebe auf, doch weitet
Dies mehr den Zweifel noch, der mich beschwerte:

Wenn Liebe sich von draußen zu uns leitet
Und unsre Seele nicht den Schritt verdreht,
Ist's kein Verdienst, ob grad ob krumm sie schreitet.»

Und er zu mir: «So weit Vernunft hier geht,
Kann ich dich führen, doch ein mehr enthüllt
Dir nur Beatrix, weil's beim Glauben steht.

Jedweder substantiellen Form entquillt
(Die los vom Stoff ist, doch ihm angeschlossen)
Besondre eigene Kraft, die sie erfüllt,

Nur fühlbar, wenn zur Tätigkeit erschlossen,
Und sichtbar, wo sich Wirkungen entringen,
Wie Pflanzenleben in den grünen Sprossen.

Nicht weiß der Mensch, wo dem Verstand entspringen
Die ersten Gründe, noch woher sein Neigen
Hin zu den ersten gehrenswerten Dingen,

Das in euch wohnt, wie Lust ist Bienen eigen,
Zu machen Honig, drum auf alle Fälle
Kann weder Lob noch Tadel es erzeugen.

Daß jeder andre Trieb sich ihm geselle,
Habt ihr die angeborne Kraft, die hier
Euch Rat gibt und dein Placet wahrt die Schwelle.

In diesem Ursprung liegt der Grund, wenn ihr
Verdienst habt: ob ihr gute Lieb allzeit
Wohl aufnahmt und der schlechten wiest die Tür.

Die angeborne freie Fähigkeit
Sah'n Jene, deren Geist erforscht die Gründe
Und zeigten so der Welt die Sittlichkeit.

Gesetzt auch, daß notwendig in euch zünde
Die Liebe stets, wenn etwas sie gelüstet,
Habt ihr die Kraft doch, die sie überwinde.

Im freien Willen, meint Beatrix, müßtet
Die edle Kraft ihr seh'n, drum habe acht
Und spricht sie dir davon, so sei gerüstet.»

Der Mond ließ warten schier bis Mitternacht,
Und, uns den Schein der Sterne dämpfend, glich
Er einem Kessel, ganz von Glut durchfacht.

Dem Himmelslauf entgegen hob er sich
Am Pfad, den Rom von Sonne sieht umglommen,
Eh' zwischen Sarden sie und Korsen blich.

Durch jenen Edlen, der ließ höher kommen
Piétola im Ruf als Mantua's Stadt,
War meiner Last die Schwere fortgenommen;

Darob verblieb ich, als mein Fragen glatt
Und klar den Grund geerntet, wie ein Mann,
Der träumt und wird des Träumens nimmer satt.

Doch dieses Dämmerschlafes war ich dann
Durch einen Haufen Volkes plötzlich ledig,
Das, folgend uns am Weg, schon Raum gewann.

Wie nachts Asopus und Ismen sah'n stetig
Das rasende Gedräng an ihrem Strande,
So oft nur Theben Bachus hatte nötig,

So stürmte es einher an jenem Rande,
Und guter Wille, rechte Liebe war
Dem Volke Sporn, so weit ich es erkannte.

Bald kamen sie, da sich die ganze Schar
Im Laufschritt regte, bis zu uns heran,
Und weinend schrie der Vordersten ein Paar:

«Stracks ging Maria zum Gebirg hinan»
Und «Cäsar griff, daß er Ilerda büße,
Nach Spanien ziehend, erst Massilia an.»

«Schnell, schnell, daß nicht die Zeit umsonst verfließe,
Weil Liebe fehlt» schrie'n andre «und daß grün
Im Trieb zum Rechttun Gnade uns ersprieße.»

«O Volk, das nun vielleicht in heißem Müh'n
Ersetzen will, was es versäumt an Pflicht
Im Rechttun durch sein lässiges Verzieh'n;

Der lebt (ja wahrlich, ich belüg' euch nicht)
Und will hinauf, sobald es wieder tagte;
Drum sagt, wo nah ein Spalt den Felsen bricht.»

Dies waren Worte, die mein Führer sagte;
Drauf eins der Schemen: «Folge unserm Gang,
Und du wirst finden, was dein Wort erfragte.

Nicht können ruh'n wir, so füllt uns der Drang,
Zu regen uns; darum entschuld'ge mich,
Wenn schnöd dich dünkte unsres Rechttuns Zwang.

San Zenós Abt war in Verona ich,
Im Reich des guten Rotbart, um den weinen
Sie heut in Mailand noch, bekreuzend sich.

Mit einem Fuß im Grab schon seh ich Einen,
Dem Tränen bald dies Kloster bringt und Bürden;
Und schlimm wird, daß er Herr dort war, ihm scheinen,

Weil er den Sohn dort eingesetzt in Würden
(Der krank am ganzen Leib, an Geist noch schlimmer,
Und schlimm geboren) statt des rechten Hirten.»

Schwieg er? Floß noch sein Wort? Ich weiß es nimmer.
Weil er uns überholt schon hatte weit;
Doch hört' ich dies und merk' es gern für immer.

Und er, der half, wo's not tat, mir allzeit,
Sprach: «Wende dich, und sieh die Zwei dort nahen,
Die fassen scharfen Zahns die Lässigkeit.»

Sie schrie'n zur Schar: «Erst sollte Tod umfahen
Das Volk, vor dem das Meer sich mußte heben,
Eh' Jordans Fluren ihre Erben sahen;

Und jenes Volk, das, weil von Leid umgeben,
Nicht mit Anchises Sohn zog bis zu Ende,
Bot selbst sich dar zu ruhmeslosem Leben.»

Als so viel Raum uns von den Schatten trennte,
Daß man sie nicht mehr sah, ist neu entsprossen
Im Geist mir ein Gedanke, und ohn' Ende

Sind andre und noch viele zugeflossen.
Ich taumelte von einem in den andern,
Bis, als vor Lust die Augen sich mir schlossen,

In Traum verwandelt war des Denkens Wandern.


Gesang 19

Zur Stunde, wenn des Mondes kalten Strahl
Kein Tageshauch mehr lindert, der sich beugen
Der Erde muß und dem Saturn manchmal,

Wenn ihr «Fortuna Major» seh'n entsteigen
Im Ost vor Tagesgrau'n die Geomanten
Am dunkeln Pfad, der bald sich hell wird zeigen,

Ist mir im Traum ein stotternd Weib erstanden,
Verkrümmt an Fuß und Hand, fahl und zuwider
Das Antlitz, darin scheel die Augen brannten.

Ich sah sie an, und, wie erstarrte Glieder
Die Sonne auflöst, die den Nachtfrost bricht,
So löste ihr mein Blick die Zunge wieder

Und hob in kurzer Zeit zum Gleichgewicht
Sie völlig, und, wie Liebe es begehrte,
So färbte er ihr ödes Angesicht;

Und als die Sprache ihr dann wiederkehrte,
Fing sie zu singen an, daß schwer nur ließe
Der Sinn sich lenken ab von ihrer Fährte.

«Sirene bin ich» sang sie «bin die süße,
Und führ die Schiffer irr auf hohem Meer,
Weil ich dem Ohr von Wollust überfließe.

Vom eitlen Weg zog ich Ulysses her
Zu meinem Sang, und selten wird entweichen,
Wer bei mir wohnt, so voll schenk ich Gewähr.»

Kaum daß die Worte noch mein Ohr erreichen,
Als augenblicks an meine Seite rückte
Ein heilig Weib, um Jene zu verscheuchen.

«Vergil, wer ist dies? O Vergil!» so schickte
Den Zornesruf sie ihm, der her sich wandte,
Indem er fest zur Ehrbaren nur blickte.

Und sie ergriff die andre beim Gewande,
Es vorn zu spalten, daß der Bauch erschien,
Der weckte mich mit Stank, den er entsandte.

Ich blickte fort und hörte jetzo ihn,
Den guten Hort: «Daß wir den Eingang fänden,
Rief mehr als dreimal ich: «Komm, laß uns zieh'n!»

Da sprang ich auf und sah schon aller Enden
Am heil'gen Berg die neue Sonne wogen,
Die wir im Gehen fühlten an den Lenden.

Dem war ich ähnlich, als wir weiter zogen,
Der, weil Gedankenschwall die Stirn beschwerte,
Aus sich macht einen halben Brückenbogen,

Bis: «Kommt, hier ist der Paß» ich sagen hörte,
So sanft und voller Huld, wie nie wir könnten
Vernehmen es auf der hinfäll'gen Erde.

Mit offnen Flügeln, wie des Schwanes Blenden,
Wies der so sprach, auf daß hinan wir gingen
Am harten Stein inmitten von zwei Wänden.

Dann sprach er, und uns streiften seine Schwingen:
«Die trauern, werden selig einst befunden,
Weil, sie zu trösten, ihre Seelen ringen.»

«Was ist's, daß sich dein Blick nur kehrt nach unten?»
So fing der Führer wieder an zu fragen,
Als nah wir beide unterm Engel stunden.

Und ich : «Es läßt mich gehn mit solchem Zagen
Ein neu Gesicht, das so mich lockt allzeit,
Daß sich mein Sinn nicht los von ihm kann sagen.»

«Sahst du» sprach er «die alte Zaubermaid,
Ob der allein die über uns noch leiden?
Sahst du, wie sich der Mensch von ihr befreit?

Genug sei's. Stoß die Fersen ein beim Schreiten;
Blick auf zur Lockung, die dein Aug empfängt
Im Weltenschwung vom Herrn der Ewigkeiten.»

Wie wenn der Falke, der den Kopf erst hängt,
Beim Ruf sich umschaut, sich zum Flug entfaltend,
Weil hin zur Atzung die Begierde drängt,

So wurde ich und schritt, soweit sich spaltend
Der Fels den Anstieg weist, bis wo gebunden
Vom Sims man geht, sich an die Rundung haltend.

Und als zum fünften Kreis ich mich gewunden,
Sah eine Menge Volks ich weinen dort,
Ganz hingestreckt, mit dem Gesicht nach unten.

«Am Staub klebt meine Seele» klang ihr Wort,
Jedoch ich konnte kaum es unterscheiden,
So kam ihr tiefes Seufzen immerfort.

«O Auserwählte Gottes, deren Leiden
Geduld hier lindert und Gerechtigkeit,
Ihr sollt uns zu den hohen Stufen leiten.»

«Kommt ihr und seid vom Liegen hier befreit
Und wollt den Weg schnell finden, müßt bewegen
Nach außen eure Rechte ihr allzeit.»

So bat der Dichter, und so kam dagegen
Die Antwort nah vor uns, drob ich erkannte
Am Sprechen den, der dort versteckt gelegen.

Zum Auge meines Herrn das Aug ich wandte,
Und da sein holder Wink mir gleich gewährte,
Was sichtbar mein Verlangen ihm benannte,

Und frei ich konnte tun, was ich begehrte,
Ging hin ich, mich zu neigen über Jenen,
Den ich beachtet, als sein Wort ich hörte,

Und sprach : «Du Geist, dem reift hier aus den Tränen,
Was hilft allein, aufs neu zu Gott zu sehen;
Um mich laß etwas ruh'n dein größtes Sehnen!

Wer warst du? Und warum nach oben stehen
Die Rücken, sag! Soll dort ich fördern dich,
Von wo ich lebend lenkte her mein Gehen?»

Und er: «Weshalb der Himmel hin zu sich
Die Rücken wendet, wird dir noch gezeigt;
Doch hör' erst: Petri Schlüssel führte ich.

Inmitten Chiavari und Sestri neigt
Sich hold ein Fluß, der gibt den Namen her
Zum höchsten Range, den mein Haus ersteigt.

Vier Wochen spürte ich, wie den so schwer
Der hehre Mantel drückt, der rein ihn hält,
Daß Flaum scheint jede andre Last nur mehr.

Spät, ach, bekehrt' ich mich, doch als bestellt
Zum Hirten Rom's ich ward, hab ich ergründet,
Wie von der Lüge ist erfüllt die Welt.

Ich merkte, daß kein Herz dort Ruhe findet,
Auch daß nicht höher mehr trug jenes Leben;
Drum ward nach diesem heiß mein Wunsch entzündet.

So lang war krank die Seele und ergeben
Dem Geiz nur, abgewandt von Gottes Schimmer;
Nun sieh die Strafe hier für solches Streben.

Hier zeigt die Läuterung, daß Habsucht immer
Den abgekehrten Seelen bringet Leid;
Der Berg hat keine Pein, die brennte schlimmer.

Wie unser Aug nicht ging empor zur Zeit,
Verfangen in den irdschen Dingen drunten,
So beugt es hier zum Grund Gerechtigkeit.

Wie jeder gute Drang im Geiz geschwunden,
Darinnen sich verlor das Tun der Welt,
So sind an Fuß und Hand wir hier gebunden,

Wo uns Gerechtigkeit gefangen hält,
Und müssen regungslos gestreckt hier ruh'n,
So lang es dem gerechten Herrn gefällt.»

Ins Knie sank ich und wollte reden nun,
Doch als ich anfing und ihm kam zu wissen,
Nur durch sein Ohr, mein ehrerbietig Tun,

Sprach er: «Was war's, das dich zum Grund gerissen?»
Und ich drauf: «Eure Würde hat's getan,
Denn aufgerichtet schlug mir das Gewissen.»

«Auf, Bruder, streck das Bein, fort mit dem Wahn!
Bin Knecht wie du» so kam's aus seinem Munde,
«Derselben Macht wie alle untertan.

Ward je vom evangel'schen Wort dir Kunde,
Das Neque nubent klingt, so wird darin
Dir klar, was meiner Rede liegt zu Grunde.

Jetzt geh, nicht sollst du hier dich halten hin!
Dein Weilen wird mein Weinen sonst verschieben,
Aus dem mir reift, was du gesagt vorhin.

Alagia, eine Nichte hab ich drüben,
Die gut an sich, wenn nicht mein Haus wirkt ein,
Mit schlimmem Vorbild ihre Art zu trüben;

Und sie bleibt mir auf Erden noch allein.»


Gesang 20

Weil schlecht das Wollen kämpft mit besserm Wollen,
Hat mich, mir unerwünscht, sein Wunsch geleitet,
Und fort zog ich den Schwamm, den nicht ganz vollen.

Ich ging, wie auch mein Herr, wo schmal gebreitet
Am Fels entlang noch freier Raum sich streckte,
Wie auf der Mauer eng am Kranz man schreitet,

Da jenes Volk, dem tropfenweise leckte
Durchs Aug das Übel, das die Welt durchdringt,
Zu nah am Außenrand den Grund bedeckte.

Fluch, alter Wolf, dir, der mehr Beute schlingt
Als all die andern Bestien, ob der Gier
Des nimmer satten Hungers, die dich zwingt

O Himmel, dessen Umschwung, meinen wir,
Da unten Wandel schafft in allen Dingen,
Wann kommt er, dem muß weichen dieses Tier?

Als wir, mit Schritten kargend, langsam gingen,
Hört' ich, den Schatten lauschend, ihrer steten
Bedrängnis Jammer aus dem Weinen klingen.

«Süße Maria» kam vor uns ein Beten,
Vom Ohr erhascht aus jenen Weheklagen,
Sc wie der Schrei der Frau in Kindesnöten.

«Wie arm du warst» so hörte drauf ich sagen
«Zeigt uns die Krippe, wo du legtest nieder
Die heilige Beschwer, die du getragen.»

«Fabricius, Wackrer du» kam dann es wieder
«Dir galt die Armut mit der Tugend mehr,
Als mit dem Laster ungezählte Güter.»

Und diese Worte freuten mich so sehr,
Daß hin ich ging, den Schatten zu gewahren,
Von dem sie, wie mich dünkte, kamen her.

Dann sprach es von des Nikolaus Gebahren,
Der die drei Jungfrau'n großmutsvoll betreute,
Auf daß ihr junges Blut sollt' Ehr' erfahren.

«O Seele, die so schöne Worte streute,
Sag mir, wer warst du» sagt' ich «und warum
Bist du's allein, die würd'ges Lob erneute?

Nicht bleibt mein Dank für deine Antwort stumm,
Wenn heim ich kehre, wo auf kurzem Pfade
Zum Ziel mich führt das flücht'ge Pilgertum.»

Und er: «So red' ich, nicht weil ich entrate
Des Trosts von drüben, aber weil aus dir
Erstrahlt, bevor du tot bist, so viel Gnade.

Ich war des Unkrauts Wurzel, das hat schier
Die ganze Christenwelt so arg entlichtet,
Daß gute Frucht man selten pflückt von ihr.

Stünd' Lille, Douai und Brügge aufgerichtet
Und Gent, so wär dort Rache bald beschieden,
Die ich von ihm erfleh, der alles richtet.

Hugo Capet ward ich genannt hienieden;
Die Louis und Philipps stammen all' von mir,
Die neuerdings im Frankenreich gebieten.

Ein Schlächter zu Paris war Ahnherr mir,
Und als das alte Königshaus verschwand,
Bis auf den einen, der nahm das Brevier,

Sah ich die Reichsgewalt in meiner Hand,
Und, im Erwerb sie festigend aufs neue,
Bot so viel Kraft und Freunde mir das Land,

Daß die verwaiste Krone fand die Weihe
Auf meines Sohnes Haupt, und so begonnen
Hat der gesalbten Schädel lange Reihe.

Als meine Sippe die Provence gewonnen,
Nicht schämend solcher Mitgift sich, galt sie
Nicht viel, doch war nichts Schlimmes noch entsponnen.

Da fing sie mit Gewalt und Felonie
Den Raubzug an und nahm sich drauf zur Buße
Ponthieu, Gascogne und die Normandie.

Und Karl kam nach Italien, wo zur Buße
Er Konradin geopfert, und er sandte
Zurück zum Himmel Thomas dann als Buße.

Nah seh' die Zeit ich, die aus fränk'schem Lande
Den andern Karl holt, daß man seine Leute
Und ihn zu kennen besser sei imstande.

Kein Heerbann, nur der Speer ist sein Geleite
Den Judas schwang, und der wird eingesetzt,
Daß bersten muß Fiorenzas Eingeweide.

Nicht Land gewinnt er draus; ihm wird zuletzt
Nur Sünd und Schand, und schlimmer wird er fahren,
Je minder solchen Schaden er geschätzt.

Der, den im Schiff sie fah'n, kam schon gefahren.
Ihn seh' ich feilschend bieten aus sein Kind,
Wie jede andre Sklavin die Korsaren.

Bringst du, o Geiz, noch schlimmres Angebind,
Da so du an dich zogst die Kinder mein,
Daß nicht besorgt ums eigne Fleisch sie sind?

Daß alt und neuer Greul erschiene klein,
Seh' nach Anagni ich die Lilien ziehen
Und Christum im Vertreter fangen ein.

Ich seh' zum zweitenmal ihn angespieen,
Ich seh' ihn, dem sie Gall und Essig spenden,
Im Tod sich bei lebend'gen Schächern mühen.

Pilatus läßt's, der neue, nicht bewenden;
Ich seh' ihn grausam, ohne Rechtsbeschluß,
Die gier'gen Segel nach dem Tempel wenden.

O Herr, wann seh' ich (mir zum Hochgenuß)
Die Rache treten vor, daß hold sie klärte
Des Himmels unerforschten Zornerguß?

Was von der einz'gen Braut dein Ohr jetzt hörte
(Des heil'gen Geists), darob dann in mich drang
Dein Fragen, das Verdeutlichung begehrte,

Ist allem unserm Beten Vorschriftszwang,
So lang der Tag währt, aber kommt die Nacht,
Tritt an die Stelle gegenteil'ger Klang.

Dann wird stets noch Pygmalions gedacht,
Den Drang nach Gold zum Diebe, zum Verräter,
Zum Mörder seiner Sippe hat gemacht;

Des geiz'gen Midas auch, wie Elend später
Gefolgt auf seine grenzenlose Gier,
Die müßte heut verlachen noch ein Jeder.

Des Toren Acham noch gedenken wir,
Der von der Beute stahl, so daß ihn plagt
Der Zorn des Josua, scheint es, selbst noch hier.

Safira wie ihr Mann wird angeklagt;
Lob klingt dem Hufschlag, der traf Heliodor,
Und Schmach tönt rings, so weit der Berg nur ragt,

Dem Polymnestor, der schlug Polydor.
Dann: «Crassus, sag es uns, du hast doch Kunde,
Wie schmeckt denn Gold?» ruft schließlich unser Chor.

Laut kommt's von einem, leis von andrem Munde,
So wie in größerm oder minderm Drang
Zur Rede uns der Ansporn treibt der Stunde.

Drum war beim Lobe, das am Tag ich sang,
Ich nicht allein, nur hob sich eine Weile
Der Andern Stimme nicht zu hellerm Klang.»

Als wir schon fort von ihm, und hin in Eile
Die Wandrung ging, Trotz bietend jenen Stegen,
So viel als unsrer Kraft erlaubt die Steile,

Fühlt' ich, als sänke er, den Berg sich regen,
Drob jener Frost mich anfiel, der befällt
Den Menschen, wenn dem Tod er geht entgegen.

So bebte Delos nicht, eh' hingestellt
Ihr Nest Latona, wo sie brachte dann
Die beiden Himmelsaugen auf die Welt.

Ein Schrei'n von allen Seiten nun begann;
Drob wandte sich mein Herr, mir beizuspringen,
Und sprach : «Nicht sorge, denn ich führ' dich an.»

«Gott in der Höh' sei Ehre» hört' ich's klingen
Aus jener Schar, wo nah genug ich stand,
Daß mir noch zum Verstehen kam ihr Singen.

Starr lauschten wir den Tönen, und gespannt,
Den Hirten gleich, die erstmals sie vernommen,
Bis sie zu Ende und das Beben schwand.

Und als am heil'gen Weg wir weiter klommen,
Sah'n wir zur Schar, die dort am Boden liegt,
Und ihr gewohntes Klagen hört' ich kommen.

Nie hat, sofern nicht mein Gedächtnis trügt,
Wenn Ungewißheit wollte klarer sehen,
Sie in so heißem Ansturm mich bekriegt,

Wie, scheint's, mein Grübeln damals ließ entstehen.
Ob meiner Hast Erkundigung nicht wagend,
Noch auch vermögend, selbst etwas zu sehen,

Schritt ich gedankenvoll dahin und zagend.


Gesang 21

Der inn're Durst, der niemals sättigt sich,
Wenn nicht am Wasser, das erbat zum Segen
Die Samariterin, bedrängte mich;

Mich spornte auf den angefüllten Wegen
Die Hast dem Führer nach, und ich war matt
Vom Mitleid, der gerechten Rache wegen.

Und sieh! Wie Lukas uns geschrieben hat
Von Christus, der am Weg erschien den Zwei'n,
Schon aufgestiegen aus der Grabesstatt,

Erschien ein Geist, der hinter uns kam drein,
Und sah zur Schar zu seinen Füßen nieder,
Doch merkt' ich's nicht, bevor sein Wort fiel ein.

Er sagte: «Schenk euch Gott den Frieden, Brüder»
Worauf wir schnell uns wandten, und Vergil
Gab so wie es entsprach den Gruß ihm wieder,

Und fing dann an : «Im seligen Konzil
Mög Frieden Dir der wahre Hof bescheiden,
Der mich verweist ins ewige Exil.»

«Wie?» sprach er, indes mächtig ging sein Schreiten
«Seid Schatten ihr, die nicht vor Gott bestehen,
Wer konnt' auf Seiner Treppe so euch leiten?»

Mein Lehrer drauf : «Schau den, und du wirst sehen,
An Zeichen, die der Engel angebracht,
Daß hin zum Reich der Guten er soll gehen.

Doch weil bei ihr, die spinnet Tag und Nacht,
Es noch vom Flachs für ihn am Rocken knistert,
Den Klotho Jedem zuteilt mit Bedacht,

Kam seine Seele - dir und mir verschwistert -
Allein empor nicht, denn nicht schaut hinan
Nach unsrer Art sein Aug, das noch umdüstert.

Drum ward vom weiten Höllenmund heran
Zur Führung ich geholt, und ich führ' ihn,
So weit als meine Schule es nur kann.

Doch weißt du's, sag, warum der Berg wie's schien
So sehr gebebt, und bis zum weichen Pfühle,
In dem sein Fuß steht, alle plötzlich schrie'n?»

So fragend, trifft er meines Wunsches Ziele
Im Augenpunkt, so daß ich, hoffend schon,
Den Drang des Durstes minder lechzend fühle.

Und jener: «Nichts stört je die Religion
Des Bergs, an dem stets Ordnung nach Gebühr
Und Brauch nur herrscht; nichts wiche ab davon.

Auch ist er frei von jeder Wandlung hier;
Nur was aus sich Gott ruft zu sich, begründet
Die Ursach; keine andre gibt's dafür.

Darum kein Hagel, Reif, noch Tau sich kündet,
(Auch Schnee und Regen fallen höher nicht,
Als wo das Trepplein von drei Stufen mündet)

Noch Blitz, noch Wolken, weder dünn noch dicht;
Noch Thaumas Tochter, daß sie sehen ließe,
Was drüben sie in stetem Wechsel flicht;

Noch trockner Dunst, der an die Stufen stieße,
Wo auf der höchsten, wie erzählt schon ehe,
Der Stellvertreter Petri hat die Füße.

Ob stark es, ob es schwach da unten wehe,
Kann doch vom Wind, den sperrt die Erde ein,
(Wie weiß ich nicht) nie beben diese Höhe.

Hier bebt's, wenn irgendeine Seele rein
Sich fühlt und regt sich, oder wird gehoben
Zum Aufstieg, den begleitet solches Schrei'n.

Ob rein sie, muß am Willen sich erproben,
Der, frei die Klause wechselnd, Kräfte schenkte
Der Seele unverhofft zum Drang nach oben.

Er wollte erst schon, wenn ihn nicht beschränkte
Nach Gottes Recht des Gegenwillens Zwang,
Der wie zur Sünde einst, zur Qual auch drängte.

So lag fünfhundert Jahr ich schmerzensbang,
Und länger, und erst eben fühlte ich
Das freie Wollen, heischend höhern Rang.

Drum traf das Beben und das Rufen dich
Des frommen Haufens, der dem Herrn lobsingt,
Der ihres Aufstiegs bald erbarme sich.»

So kam sein Wort, und weil, wenn Einer trinkt,
Die Lust so groß ist, wie der Durst erst war,
Hat es unsagbar meinen Mut beschwingt.

Der weise Führer drauf: «So seh' ich klar,
Welch Netz euch hält, und wie, wenn es zerreißt,
Der Berg erbebt und sich mitfreut die Schar.

Jetzt lasse hold mich wissen, wer du seist,
Und weshalb du jahrhundertlang gelegen,
Sorg', daß sich's mir in deinem Worte weist.»

«Als Gott dem guten Titus half sich regen,
Daß ob des Bluts er sitze zu Gericht,
Das Judas schnöd verriet des Geldes wegen,

Trug, was am ersten langen Ruhm verspricht,
Mein Name dort» so hat der Geist begonnen
«Berühmt war ich, doch noch im Glauben nicht.

Und meines Wortes Geist schuf solche Wonnen,
Daß Rom mich Toulousaner zog zu sich,
Wo Myrtenschmuck ward meiner Stirn gewonnen.

Noch ruft das Volk dort Statius, nennend mich;
Mein Lied galt Theben, dann Achillens Mut,
Doch sank ob dieser Last am Wege ich.

Mich wärmte - und der Keim war's meiner Glut -
Die Funkensaat aus jener Götterflamme,
Die Tausenden befeuerte das Blut;

Die Äneide, mein' ich, die war Amme,
War Mutter meinem Vers, der auch nicht wagte
Ein Titelchen, das nicht aus ihr entstamme.

O daß zur Zeit Vergils mein Leben tagte!
Ich stimmte zu, daß ich darob im Bann
Noch einen Sonnenumlauf länger zagte.»

Auf diese Worte sah Vergil mich an.
Und: «Schweige» seine Miene schweigend meinte,
Doch Willenskraft nicht alles meistern kann.

Denn, ob nun Einer lachte oder weinte,
Er folgt der Regung, die so dazu zwingt,
Daß Zaum am schwersten wird dem Wahrheitsfreunde.

Ich lächelte nur wie ein Blinzeln winkt;
Da stutzte schon der Geist, ins Aug mir blickend,
Wo allermeist der wahre Ausdruck blinkt,

Und sprach: «Soll so viel Mühe, dich beglückend,
Zum Ziele geh'n: wie kam's, daß Lächeln sich
Jetzt in dein Antlitz stahl, es jäh durchzückend?»

Nun bin gefangen von zwei Seiten ich
Der heißt mich schweigen, der zum Reden drängt;
Darob ich seufze; und, verstehend mich,

Sagt mir der Meister : «Sprich nur, nicht beengt
Von Furcht sei länger; sprich du nur und lasse
Ihn seh'n, woran er bittend so sehr hängt.»

Drob ich: «Dein Staunen, scheint's, heischt eine Gasse,
Du alter Geist, der sah mein Lächeln ringen,
Doch will ich, daß dich größres Staunen fasse.

Hier dieser, der mein Aug lehrt auf sich schwingen,
Ist der Vergil, von dem du Kraft entlieh'n,
Von Menschen und von Göttern noch zu singen.

Wenn andrer Grund des Lachens dir erschien,
Verwirf als falsch ihn. Glaub', ich sag dir's zu:
Nur davon kam es, daß du nanntest ihn.»

Da wollt' umfassen er das Knie im Nu
Dem Lehrer: «Nicht doch, Bruder» kam's indessen
«Denn Schatten bist und Schatten siehest du.»

Und er im Aufsteh'n: «Nun kannst du ermessen,
Wie zu dir fliegen meiner Liebe Schwingen,
Da unsrer leeren Hülle ich vergessen,

Nach Schatten greifend wie nach festen Dingen.»


Gesang 22

Schon war der Engel hinter uns geblieben,
Der mir getilgt, zum sechsten Kreis uns lenkend,
Der Zeichen eins, die mein Gesicht beschrieben.

«Beati» nannte er, sein Wort uns schenkend,
«Die lechzen nach Gerechtigkeit» und sprach
Mit «sitiunt» es, auf dies nur sich beschränkend.

Wo an den andern Schründen Kraft gebrach,
Wird hier es leichter, da sich mühlos windet
Mein Schritt hinan, den flinken Geistern nach.

Vergil begann jetzt : «Liebe, angezündet
An Tugend, macht die andre stets erglühn,
Sobald sich äußerlich ihr Glühen kündet.

Drum, seit beim Abstieg Juvenal erschien
Im Höllenvorhof, sich uns zu vereinen,
Und kund mir deine Liebe ward durch ihn,

Blieb ich so wohl gesinnt dir, wie man Keinen,
Eh' man ihn sah, kann freundlicher betreu'n;
Drum wird mir dieser Steig jetzt kurz erscheinen.

Doch sage, und als Freund magst du verzeih'n,
Wenn zu viel Zutrau'n mir gelöst den Zaum;
Und geh als Freund nun Zwiesprach mit mir ein:

Wie konnte je der Geiz gewinnen Raum
In deiner Brust, die du doch selbst mit reichen
Verstandesschätzen fülltest bis zum Saum?»

Und Statius, der ein Lächeln schien zu scheuchen,
Erwiderte: «Wenn deine Rede quillt,
Ist wert mir jedes Wort als Liebeszeichen.

Wohl oft erscheinen Dinge, uns ein Bild
Aus trügerischem Stoffe bietend dar,
Anstatt des wahren Grundes, der verhüllt.

Nach deiner Frage meintest du wohl gar,
Daß mich im andern Leben Geiz verzehrte,
Vielleicht ob jenes Kreises, wo ich war.

So wisse, daß vom Geiz ich ab mich kehrte
So ohne Maß, daß Strafe deshalb nur
Durch Tausende von Monden mich beschwerte.

Und wär' es nicht, daß Wandlung ich erfuhr,
Als deinen Vers ich hörte, wo er grollte,
Empört schier ob der menschlichen Natur:

«Wohin nicht, schnöder Hunger nach dem Golde,
Treibst du der Menschen Gier!» so fühlt' ich heut
Des Wettspiels Pein, indem ich Lasten rollte.

Da merkt' ich, daß die flügge Hand zu weit
Im Spenden aufgehn kann, und dies Vergehen
Hab ich so wie die andern dann bereut.

Gar Viele werden kahlen Haupts erstehen,
Weil sie dies Fehl im Leben nicht bereu'n,
Es nicht erkennend, und wenn heim sie gehen.

Und wisse, daß die Schuld, die einzureih'n
Als andern Lasters grades Gegenteil,
Ihr Grün hier dörrt mit diesem im Verein.

Drum wenn ich, läuternd mich, am Weg zum Heil
Bei jenem Volke stand, das Geiz beugt nieder,
So ward's mir ob der andern Schuld zuteil.»

«Doch als du sangst vom grausen Kampf der Brüder,
Der zwiefach lokastens Jammer fügt»
So sprach der Sänger der Bukolschen Lieder

«Schien's mir, da du an Klio dich geschmiegt,
Daß sich dein Herz noch nicht dem Glauben schenkte,
In des Ermanglung Rechttun nicht genügt.

Und welche Sonne, welch ein Lichtstrahl senkte
Sich so herab, die Nacht dir zu entwinden,
Daß dann dem Fischer nach dein Segel lenkte?»

Und er: «Dein Ruf erst ließ Parnass mich finden
Und trinken dort, in seinen Grotten flehend;
Durch dich erst sah um Gott ich Klarheit zünden.

Du warst wie Jener, der im Dunkel gehend,
Das Licht nach rückwärts hält, das ihn nicht lenkt,
Jedoch die Leute hinter ihm macht sehend,

Als du gesagt: «Ein neu Jahrhundert drängt,
Das Recht will sich, die Urzeit sich erneu'n,
Und neu ein Sproß vom Himmel her sich senkt.»

Poet ward ich, ward Christ durch dich allein,
Und daß noch deutlicher mein Bild dir werde,
Reck' ich die Hand, um Farbe ihm zu leih'n

Schon war des Rufes voll die ganze Erde
Vom wahren Glauben, der ward ausgesät,
Da man des ew'gen Reiches Boten hörte.

Auch schien dein Wort, so wie es oben steht,
Sich ganz den neuen Predigern zu einen,
Die ich darum besuchte früh und spät.

Und so geheiligt wollten sie mir scheinen,
Daß, als sie hart verfolgte Domitian,
Nicht ohne meine Tränen war ihr Weinen.

So lang als drüben meines Bleibens dann,
Betreut' ich sie, die reinen Wandels waren,
Und sah gering die andern Sekten an.

Bevor mein Lied geführt die Griechenscharen
Zu Thebens Flüssen, war getauft ich zwar,
Doch hielt als Christ geheim ich mein Gebahren

Voll Angst und bot mich lang als Heide dar;
Drum ließ mich kreisen solche Lauigkeit
Im vierten Kreis mehr als vierhundert Jahr.

Doch du, der mir den Deckel lüpfte weit,
Der alles Heil mir barg, von dem ich sagte,
So viel beim Aufstieg uns noch bleibt an Zeit,

Sag, wo ist Freund Terentius, und ich frage:
Cäcilius, Plautus, Varius, wo sind die?
Weißt du's? Sind sie verdammt? Zu welcher Plage?»

Mein Herr dann: «Jenem Griechen folgen sie
Mit Persius, mir und Vielen, dem man rinnen
Die Milch der Musen sah wie andern nie,

Im ersten Kreis des blinden Kerkers drinnen,
Und oftmals sprachen wir vom Berge schon,
Den stets umschweben unsre Nährerinnen.

Euripides ist bei uns, Antiphon,
Simonides; viel Griechen sieht man schreiten,
Lorbeergeschmückt die Stirn; auch Agathon.

Und hier gewahret man von deinen Leuten
Antigone, Deiphile, Argia;
Isinene auch, so traurig wie vor Zeiten.

Die sieht man, die den Weg wies zur Langia,
Tiresias Tochter, Thetis auch ist drunten
Und mit der Schwesternschar Deidamia.»

In Schweigen hatte wieder sich gefunden
Das Dichterpaar und wandte rings den Blick,
Vorn Zwang der Wände wie des Steigs entbunden;

Vier Tagesmägde blieben schon zurück;
Die fünfte lenkte noch zu höhern Wegen
Der Deichsel flammenhelles Horn ein Stück.

Da sprach mein Herr: «Gut scheint es mir, zu legen
Die rechte Schulter stets nach außen hin,
Umkreisend so den Berg, wie wir es pflegen.»

So wurde Übung dort uns Führerin,
Und da auch jener Würd'ge zu uns stand,
Schwand unsre Sorge schon im Wegbeginn.

Vor mir die zwei, schritt' ich zur Spur gewandt
Allein, und also gab, was sie gesprochen
Und ich erlauscht, zum Dichten mir Verstand.

Doch bald hat holde Zwiesprach unterbrochen
Ein Baum, der in des Weges Mitte winkt,
Mit Äpfeln, die gar mild und lieblich rochen.

Und wie die Tanne aufwärts sich verjüngt,
Wird abwärts schmäler der von Sproß zu Sprossen,
Daß Keiner ihn besteige, wie mich dünkt.

Dortseits wo unser Weg war abgeschlossen,
Fiel klare Flut herab an hoher Steile,
Die über seine Blätter sich ergossen.

Das Dichterpaar ging nah zum Baum voll Eile,
Als aus dem Laub ein Rufen kam derart:
«Von dieser Speise wird euch kaum zuteile.

Maria dachte mehr rechtschaffner Art,
Wie sie die Hochzeit völlig doch bestelle,
Als ihres Munds, der jetzt euch Fürsprech ward.

Roms Frauen gnügte einst die Wasserquelle
Für ihren Trank, und Daniel ließ steh'n
Die Speise und gewann der Weisheit Helle.

Das erste Säkulum war golden schön:
Selbst Eicheln ließ der Hunger köstlich preisen,
Und Durst in jedem Bächlein Nektar seh'n.

Heuschreck' und Honig boten sich als Speise
Einstmals dem Täufer in der Wüste dar;
Drob man ihn glorreich und so groß geheißen,

Wie euch durchs Evangelium offenbar.»


Gesang 23

Ich ließ mein Aug das grüne Laub durchspüren,
Wie Jene pflegen, die das ganze Jahr
Nur hinterm Vöglein her die Zeit verlieren;

Da sagte, der mir mehr als Vater war:
«Komm jetzt mein Sohn, eh' unsre Frist verstrich,
Die anzuwenden nützlicher fürwahr.»

Mein Aug, und flink mein Schritt auch, wandten sich
Zum Lehrerpaar, das sprach von solchen Dingen,
Daß droh das Gehen mühelos für mich.

Nun hörte man ein Weinen und ein Singen,
Und Labia mea, Domine erklang
In Tönen, wie sie Lust und Trauer bringen.

«Was, holder Vater» frug ich «meint der Klang?»
Und er: «Den Knäul der Schuld zu lösen gehend,
Sind Schatten es vielleicht, die zieh'n entlang.»

Wie Pilger, fremdes Volk am Wege sehend,
Es überholen und gedankenschwer
Vorangeh'n ohne Rasten, nach ihm spähend,

So folgte, schnellem Schrittes, uns ein Heer
Von frommen Seelen, die im Weiterzieh'n
Stumm und voll Staunen sahen zu uns her.

Ihr hohles Auge tief beschattet schien,
Das Antlitz bleich und mager anzuschauen,
So daß die Knochen Form der Haut verlieh'n.

So dürr bot Erysichton nicht den Klauen
Des Hungers seine letzte Haut wie Jene,
Als Fasten auf den Gipfel trieb sein Grauen.

[m Denken sprach ich: dieses sind die Söhne
Jerusalems, die mit ihm untergingen,
Als in ihr Kind Maria grub die Zähne.

Die Augen glichen steinentblößten Ringen:
Wer OMO liest im menschlichen Gesicht,
Dem würde hier, das M zu sehn, gelingen.

Wer glaubte, daß so schwer fiel ins Gewicht
Des Apfels Duft, indem er Gier entfachte,
Und eines Quells, erfuhr das Wie er nicht!

Als ich ihr Aussehn staunend schon bedachte,
Weil, was der Dürre Grund war, nicht sich wies,
Noch was die schlaffe Haut so häßlich machte,

Rief laut ein Schatten, der zu mir hin ließ
Aus seines Schädels Tiefe unverwandt
Die Blicke geh'n: «Welch Gnadenschein ist dies?»

Nie hätte ich am Ausseh'n ihn erkannt,
Doch durch die Stimme ward mir offenbar,
Was, schon verfallen, dem Gesicht entschwand:

An diesem Funken zündend, kam dann klar
Die Kenntnis der entstellten Lippen wieder,
Und mir bot sich Forese's Antlitz dar.

«Nicht sei die dürre Räude dir zuwider,
Die mir die Haut verfärbt» begann sein Flehen
«Noch daß entblößt vom Fleische meine Glieder,

Doch sag, wer bist du, und laß mich noch sehen,
Wer die zwei Seelen sind, dort dein Geleit;
Nicht zaudre länger mehr, mir Red' zu stehen.»

«Dein Antlitz, das ich tot beklagt zur Zeit,
Bewein ich jetzt, nicht minder leidbeseelt,
Da ich verzerrt es seh'» gab ich Bescheid.

«Doch sag bei Gott mir, was euch so entschält.
Laß nicht mich reden mit erstauntem Sinn,
Denn schlecht spricht, wen der Wunsch nach andrem quält!»

Und er: «Die Kraft, die fließt zum Wasser hin
Aus ew'gem Ratschluß, und zum Baum, den wir
Zurück dort ließen, sie macht mich so dünn.

Dies ganze Volk, das weinend singt mit mir,
Weil ohne Maß die Kehle es geweidet,
Macht sich im Durst und Hunger heilig hier.

Um Speis und Trank jetzt Sorge ihm bereitet
Des Apfels Duft und jenes Quells Behagen,
Der übers Laub hin sprudelnd sich verbreitet.

Und nicht nur einmal kommen uns die Plagen,
Die unser Rundlauf auffrischt im Betrachten;
Was sag ich Plagen, Wonnen müßt' ich sagen;

Denn hin zum Baum führt uns dasselbe Trachten,
Das Christum frohgemut ließ Eli schreien,
Als blutend seine Adern frei uns machten.»

Und ich, «Forese, seit du mit dem neuen,
Dem bessern Leben hast vertauscht die Welt,
Sah man nicht fünfmal sich das Jahr erneuen.

War Kraft zu sündigen in dir zerschellt,
Eh' heilsam dich der Schmerz gebeugt ins Joch,
Der in den Bund mit Gott uns wieder stellt,

Wie kamst du dann zur Höhe? Immer noch,
Zu finden dich da unten, wollt' ich meinen,
Wo Zeit an Zeit nur mißt die Sühne doch.»

Und er: «Es zog so schnell empor wie Keinen,
Aus Qual zu schlürfen süße Bitterkeit,
Mich meiner Nella jämmerliches Weinen.

Ihr Seufzen und des Betens Brünstigkeit
Hat mich dem Strande, wo man harrt, enthoben
Und von den andern Ringen mich befreit.

Darob wird Gott um so viel mehr noch loben
Mein Wittiblein, dem Lieb ich stets erwies,
Je seltner kommen solchen Rechttuns Proben.

Denn selbst Sardiniens Bergeswildland wies
Mehr Scham noch in des Weibervolks Betragen,
Als jenes Wildland, wo mein Weib ich ließ.

Was, holder Bruder, soll ich dir noch sagen!
Schon seh' ich künftig eine Zeit erstehen
Und seh', nah dieser Stunde, sie schon tagen,

Wo von der Kanzel wird Verbot ergehen,
Weil Florentinscher Frauen frech Gebahren
Bis zu den Warzen läßt die Brüste sehen.

Gab's je ein Weib bei Türken und Barbaren,
Das brauchte, um verhüllt zu geh'n, als Grund
Ein geistlich oder sonstiges Verfahren?

Doch wüßten diese Frechen klar zur Stund,
Was ihnen bringt des Himmels schneller Gang,
Sie öffneten zum Heulen schon den Mund;

Denn täuscht Vorausseh'n nicht, so werden bang
Sie zagen schon, eh' Wangenhaare sprossen
Dem, den noch einlullt jetzt der Singesang,

Ach, Bruder, halt' nicht länger dich verschlossen.
Mich und dies Volk sieh, wie wir nur dorthin,
Wo du die Sonne deckst, schau'n unverdrossen.»

Und ich: «Wenn dir zurückruft jetzt dein Sinn,
Wie du mit mir und ich mit dir war droben,
So siehst du schwere Sorg' noch heut darin,

Aus jenem Treiben fort hat mich gehoben,
Der vor mir geht (zwei Tage sind's), als rund
Euch Jener schien, des Schwester steht da oben.»

Die Sonne wies ich. «Durch den finstern Grund
Zu wahrhaft Toten lenkte er die Fährte;
Ihm folgte ich, wahrhaft im Fleisch jetzund.

Dann zog empor mich tröstend der Gefährte,
Den Berg umkreisend, der euch, wie mir schien,
Gerad macht, da verdreht euch hat die Erde.

Und so lang, sagt er, will er mit mir zieh'n,
Bis dort ich bin, wo ich Beatrix finde;
Von da ab muß ich bleiben ohne ihn.

Vergil ist dies, des Wort ich so dir künde,
(Ich wies auf ihn) und sieh im Andern dort
Den Geist, um den ließ wanken alle Schründe

Jetzt euer Reich, das schafft ihn aus sich fort.»


Gesang 24

Nicht hemmte Geh'n das Wort, noch Wort das Gehen,
Da wir im Zwiegespräche rüstig gingen,
Wie nur ein Schiff, dem günst'ge Winde wehen.

Die Schatten glichen zwiefach toten Dingen,
Die Staunen sogen durch der Augen Gräben
Aus mir, den lebend sie sah'n vorwärts dringen.

Und ich fuhr fort: «Der hier wird kaum nun streben
So flink, wie sonst er's tät, zur obern Wand,
Aus Ursach, die der andre ihm gegeben.

Doch wo Riccarda ist? Wenn dir's bekannt,
Sag's, und ob Jemand wert für mich zu seh'n
Im Volk hier, das mich anstarrt unverwandt.»

«Die Schwester mein, die war so gut und schön,
Nicht weiß ich, was sie mehr war, trägt verklärt
Schon ihre Krone auf Olympus Höh'n.»

So sprach er erst und dann: «Nicht sei's verwehrt,
Zu nennen Jeden hier, weil so die Plagen
Des Fastens unsre Ähnlichkeit zerstört.

Schau Bonagiunt aus Lucca dort (beim Sagen
Wies ihn sein Finger) und den hinterdrein,
An dem noch mehr den Hunger du siehst nagen;

Er schloß im Arm die heil'ge Kirche ein;
Aus Tours war er und büßt durch Fasten hier
Bolsena's Aale und den süßen Wein.

Er nannte viele Andre einzeln mir,
Und allen machte, schien's, die Nennung Freude,
Denn keinen finstern Blick drob sahen wir:

Ubaldin Pila war des Hungers Beute,
Wie Bonifaz, des Zahn im Leeren wühlte;
Einst wies sein Krummstab vielem Volk die Waide;

Messer Marchese, der am Trunk sich kühlte
In mindrer Dürre zu Forlì im Leben,
Und so es trieb, daß er nie satt sich fühlte.

Doch wie man prüft, um eins hervorzuheben
Vor Andrem, ward aus Lucca der mir wert,
Der schien am meisten auf mich acht zu geben.

So wie «Gentucca» klang's, was ich gehört
Im Murmeln von dort her, wo Pein ihn engte
Nach Rechtsbeschluß, der so sie abgezehrt.

«O Seele» sagte ich «die scheinbar drängte,
Zu sprechen mich; laß mich dein Wort ergründen,
Auf daß es dir und mir den Frieden schenkte.»

«Geboren ward ein Weib, doch trägt die Binden
Es annoch nicht» sprach er «um das wird freuen
Dich meine Stadt trotz vielgeschmähter Sünden.

Geleit sei deinem Weg dies Prophezeien!
Wenn Irrtum dir aus meinem Murmeln bliebe,
Wird ihn die Wirklichkeit dir noch zerstreuen.

Doch sag, bist du's, der weckt zu neuem Triebe
Den Vers, wenn er, sein Lied beginnend, singt
Ihr Frau'n, die ihr den Sinn versteht der Liebe?»

«Sieh Einen, der, wenn Liebe in ihm klingt»
Sagt' ich «wohl aufmerkt und dieselben Noten,
Die drin sie anschlug, dann zum Vortrag bringt.»

Drauf er: «Jetzt, Bruder, sehe ich den Knoten,
Der dem Notar, mir und Quittone wehrte
Den neuen holden Stil, den ihr geboten.

Wohl seh' ich eng in des Diktates Fährte
Getreulich stets bei euch die Federn gehen,
Was von den unsern man gewiß nicht hörte.

Und wer darüber noch hinaus will spähen,
Sieht kaum von einem noch zum andern Stil.»
Hier blieb er stumm und wie erleichtert stehen.

Wie Vögel, um zu wintern, zieh'n zum Nil,
Geschart erst, dann in Reihen zieh'nd entlang,
Wenn schnellem Flugs sie lenken nach dem Ziel,

So wandte das Gesicht und kam in Gang
Das ganze Volk, das dort war, und es eilte,
Leicht durch die Magerkeit und seinen Drang;

Und wie der Mann, der müd vom Laufen weilte,
Die Weggefährten zieh'n läßt, bis die wehen,
Gehetzten Pulse seiner Brust er heilte,

So ließ die heil'ge Herde weiter gehen
Forese, daß nach meiner Spur er strebe,
Und: «Wann» sprach er «werd' ich; dich wiedersehen?»

«Ich weiß nicht» sagt' ich ihm «wie lang ich lebe,
Doch wird so schnell nicht meine Rückkehr sein,
Daß nicht zuvor mein Wunsch zum Strand sich höbe.

Denn jene Stadt, die schloß mein Leben ein,
Hat mehr von Tag zu Tag ihr Gut vertan,
Und schien sich ödem Untergang zu weih'n.»

«Geh» sprach er «ihn, der schuld zumeist daran,
Seh' ich geschleift, an Tieres Schweif gebunden,
Zum Tal, wo nie man sich entschulden kann.

Und jeden Schritts gehn schneller losgewunden
Des Tieres Hufe, die ihn schlagen sollen,
Den Leichnam lassend grauenhaft zerschunden.

Nicht brauchen jene Räder weit zu rollen»
Zum Himmel sah er «und klar wirst du sehen,
Was meine Worte nicht dir deuten wollen.

Du bleibe jetzt. So hoch kommt Zeit zu stehen
In diesem Reich, daß viel Verlust es brächte,
Wollt' ich mit dir in gleichem Schritte gehen.»

Wie manchmal vorsprengt im Galopp der rechte
Berittne aus dem Trupp der Reitersleute,
Der Ruhm im ersten Stoß sich holen möchte,

So stürmt' er von uns weg, und mir zur Seite
Verblieben nur noch jene Weisen dort,
So groß einst in der Welt, Marschälle beide.

Und als er vor uns hinlief, so weit fort,
Daß ihm zu folgen ist mein Aug gegangen,
So wie mein Denken nachging seinem Wort,

Erschien lebendig mir und schwer behangen
Ein zweiter Apfelbaum, nah, weil soeben
Ich erst mich hingewandt zu seinem Prangen.

Darunter sah ich Volk die Hände heben
Und schrei'n, ich weiß nicht was, auf zum Geäst,
Wie Kinder schier, die gierig flehn und streben

Um das, was seh'n der Angeflehte läßt,
Der wortlos bleibt, jedoch verschärft ihr Sehnen,
Weil er es offen, höher noch, hält fest.

Dann lief es fort, wie nach enttäuschtem Wähnen,
Indes beim großen Baum wir langten an,
Der abweist so viel Fleh'n und so viel Tränen.

«Zieht weiter, ohne mehr euch hier zu nah'n:
Ein Baum, von dem einst Eva aß, steht oben
Aus ihm, als Reis, wuchs dieses Holz heran.»

So rief, ich weiß nicht wer, durchs Blattwerk droben;
Drum zog, Vergil und Statius eng zur Seite,
Ich weiter, wo der Weg sich hat gehoben.

«Denkt» sprach es «an die Schar, die maledeite,
Gezeugt in Wolken, die ging trunken hin,
Daß sie im Doppelleib mit Theseus streite;

Denkt der Hebräer von so schlaffem Sinn
Beim Trinken, daß sie Gideon verschmähte
Im Zug, der talwärts ging gen Midian hin.»

So hörten wir von Gaumensünd' die Rede,
(Stets an der Ränder einem eng uns schrägend)
Und kargem Lohn, der folgte schon für jede.

Dann tausend Schritt und mehr zurück noch legend,
Erleichtert durch den Weg nur, der jetzt frei,
Ging Jeder wortlos und nachdenklich wägend.

«Was gehet sinnend einsam hin ihr drei»
Kam eine Stimme plötzlich, drob ich jähe
Auffuhr, wie Tiere tun, erschreckt und scheu.

Mein Aug ging hoch, daß es zum Rufer spähe;
Und nie schweißt Erz noch Glas des Ofens Glut,
Daß man so leuchtend und so rot es sähe,

Wie jetzt ich Einen sah, der so uns lud:
«Ihr müßt hier wenden, wollt hinauf ihr finden;
Wer eingeh'n will zum Frieden, geht hier gut.»

Sein Anblick, der die Sehkraft mir ließ schwinden,
Trieb mich, zu meinem Lehrerpaar zu fliehen;
Dem folgt' ich, wie dem Ohr nach geh'n die Blinden.

Und wie, verkündend erstes Morgenglühen,
Der duft'ge Maienhauch sich regt gelind,
Durchwürzet ganz vom Grünen und vom Blühen,

Fühlt' mitten an der Stirn ich einen Wind,
Wohl merkend Flügelschlag, der, als er nahte,
Ließ fühlen, wie Ambrosia's Düfte sind.

Und rufen hört' ich : «Selig, wen die Gnade
Erleuchtet so, daß Gaumenlust ihm nimmer
Zu sehr die Brust mit Qualm der Gier belade,

Und daß er nach dem Rechten hungre immer.»


Gesang 25

Die Zeit war's, wo nicht Aufschub litt das Steigen,
Weil schon die Sonne gab den Mittagskreis
Dem Stier, die Nacht dem Skorpion zu eigen.

Drum, wie ein Mann, der nichts von Zaudern weiß,
Und seinen Weg geht, was auch immer dräut,
Wenn Not mit ihrem Sporn ihn drängte heiß,

So trat im Paß ich ein mit dem Geleit,
Und einzeln Jeder zu der Treppe lenkte,
Die, weil sie eng, die Steigenden entzweit.

Und, wie das Störchlein, das zum Fluge drängte,
Die Flügel hebt und senkt sie gleich, weil Zagen
Dem Anlauf wehrt, der aus dem Nest es schwenkte,

So wurde jetzt in mir die Lust zu fragen
Entflammt und ausgelöscht, bis ich erschien
Wie Einer, den es drängt, etwas zu sagen.

Nicht ließ mein süßer Vater so mich zieh'n
Trotz aller Hast: «Den Pfeil des Worts» sprach er
«Den schon zum Schloß du zogst, laß nun entflieh'n.»

Jetzt tat getrost sich auf des Munds Begehr:
«Wie ist es möglich, daß man mager werde,
Hier wo Ernährung doch tut not nicht mehr?»

«Sähst du, wie Brand an Meleager zehrte,
Der mußt' in Asche wie das Brandscheit sinken,
So machte dies» sprach er «dir nicht Beschwerde.

Und sähst du, wie im Spiegel euer Winken
Durch Winken eures Bilds sich muß bekunden,
So würde, was dir schwer scheint, leicht dich dünken.

Doch soll dein Sehnen bis zum Kern gesunden:
Sieh Statius hier! Ihn rufet an mein Flehen,
Auf daß er jetzt sei Heiler deiner Wunden.»

Drauf Statius : «Wenn ich den lass' Ew'ges sehen,
Mag mich entschulden deine Gegenwart,
Denn nie könnt' weigernd ich vor dir bestehen.»

Und er begann: «Sohn, wenn dein Geist gewahrt
Und aufnimmt meine Worte, wird vollkommen
Das Wie, von dem du sprichst, dir offenbart.

Erlesnes Blut, das nicht mehr aufgenommen
Von durst'gen Adern wird, und überschießend,
Wie Speisen, die vom Tische wieder kommen,

Gewinnt im Herzen Bildungskraft, erschließend
Die Glieder alle, die das andre Blut
Gestaltet, durch die Adern sich ergießend.

Es rinnt geklärt hinab, wo Schweigen gut,
Und träufelt auf das fremde Blut alsdann,
In dem Gefäß, zu dem Natur es lud.

Und hier schließt. eines sich dem andern an,
Zu dulden eins, das andre zu gestalten
Nach dem vollkommnen Ort, aus dem es rann.

So weit gelangt nun, fängt es an zu walten,
Zuerst gerinnen lassend, dann belebend,
Was seines Stoffes halb es fest will halten.

Die tät'ge Kraft wird Seele, und fortwebend,
Wie die der Pflanze (anders nur deswegen,
Weil die am Ziel und jene weiterstrebend)

Kann bald sie fühlen schon und sich bewegen,
So wie der Seeschwamm, und was ihr entflossen,
Dem geht sie nun, Organe zuzulegen.

Jetzt, Sohn, beginnt ein Klären und ein Sprossen
Der Kraft, die aus Erzeugers Herz gesandt,
Wo aller Glieder Plan schon war beschlossen.

Doch wie aus Tierischem das Kind entstand,
Siehst du noch nicht, und solch ein Punkt ist dies,
Daß sich sogar ein Klüg'rer drin verrannt,

Durch seinen Lehrsatz, der die Seele ließ
Getrennt vom Intellekt vorhanden sein,
Weil sich für diesen kein Organ ihm wies.

Tu auf die Brust der Wahrheit hellem Schein:
Sobald im Fötus das Gehirn so schwillt,
Daß es vollkommen sich ihm gliedert ein,

Kommt schon der Urbeweger froh gewillt
Zum Kunstwerk der Natur, ihm neuen Geist
Zu hauchen ein, ganz von der Kraft erfüllt,

Die, was sie wirksam antrifft, mit sich reißt,
Um eine einz'ge Seele auszubauen,
Die lebt und fühlt und in sich selber kreist.

Und daß du minder staunest, magst du schauen,
In Wein verwandelt, Sonnenwärme rinnen,
Wenn sie zum Saft kommt, den die Reben brauen.

Und hat nicht Flachs mehr Lachesis zum Spinnen,
So löst vom Fleisch sie sich und nimmt an Kraft
Mit sich, was menschlich und was göttlich drinnen.

Dann sind die niedern Sinne ganz erschlafft,
Doch reg Erinnern, Wollen und Verstehen,
Und noch viel schärfer ihre Eigenschaft.

Und rastlos muß von selbst sie niedergehen,
Auf eins der Ufer fallend wundersam,
Wo erstmals ihre Straße sie kann sehen.

Kaum daß zu einem festen Ort sie kam,
Strahlt Bildkraft rings, die also formt und schichtet,
Wie sie im Menschenleib es unternahm.

Und wie die Luft, die regenschwer verdichtet,
Wenn spiegelnd sie den Sonnenstrahl gebunden,
Mit mannigfarb'gem Glanze sich umlichtet,

So wird der Luftkreis, der sie hält umwunden,
Zur Form, in der sich ausgeprägt erweist
Die Seele, die ihr Bleiben so gefunden.

Und wie ein Brand das Flämmlein mit sich reißt,
Das folgt ihm, ob auch wechsle seine Bahn,
So folget nach die neue Form dem Geist,

Und Schatten heißt sie, denn sie wird Gespan
Dem Geist und stellt ihn dar; und jedem Fühlen,
Dem Sehen auch, schafft sie noch das Organ.

Drum sprechen wir und lachen, und drum wühlen
Uns Tränen auf und Seufzer allerwegen,
Die du gehört wohl an den Felsenbühlen.

So wie uns Wunsch und andrer Drang bewegen,
Gibt es der Schatten durch sein Tun bekannt.
Hier siehst den Grund du, der dir angelegen.»

Schon tat sich auf der Marter letzter Rand,
Wo sich nach rechts die Straße bog uns Dreien,
Die neuer Sorge waren zugewandt.

Hier sahen wir die Bergwand Flammen speien,
Die biegt zurück ein Hauch, hinaufgelenkt
Vom Sims, der will vom Feuer sich befreien.

Drum muß man einzeln schreiten, hingedrängt
Am Abgrund, wo der Absturz mich läßt bangen,
Indes ich bang, daß drüben Glut mich sengt.

Da hat mein holder Führer angefangen
«Hier gilt's, daß fest das Aug gezügelt werde,
Denn um ein Kleines würde fehl gegangen.»

«Summae Deus clementiae so hörte
Ich Sang, der kam hervor aus Feuers Mitten,
Und zog nicht minder mich zu seiner Fährte.

Und Geister sah ich, die durchs Feuer schritten.
Drum ging mein Schauen, eingeteilt getreu,
Bald hin zu ihren, bald zu meinen Tritten.

Kaum daß der Sang der Hymne war vorbei,
Rief's «Virum non cognosco», daß es hallte;
Dann sangen leis die Hymne sie aufs neu.

«Diana» wiederum ihr Rufen schallte
«Als sie Callisto forttrieb, die empfangen
Das Gift der Venus hatte, blieb im Walde.»

Dann wieder Sang, dann Namensrufe klangen
Von Frau'n und Gatten, die so keusch einst waren,
Wie Tugend und der Eh'bund es verlangen.

In dieser Art, scheint's, g'nügen sich die Scharen
Die ganze Zeit, da sie erglühn im Brande.
Durch solche Speise kommt, durch solch Gebahren

Des letzten Wundmals Heilung erst zustande.


Gesang 26

So schritten einzeln wir am Rand des Pfades,
Indes der gute Meister manchesmal
Rief : «Obacht, und bedien' dich meines Rates.»

Die rechte Schulter sengte mir der Strahl
Der Sonne, die im ganzen West ließ weichen
Des Himmels Blau dem Weiß schon überall.

Und röter machte noch die Flammen streichen
Mein Schatten, der sie traf, drum merkten bald
Im Gehen viele Schatten auf dies Zeichen.

Dies gab zum Zwiegespräche, das mir galt,
Den Anlaß ihnen, und ich konnt' verstehen:
«Der sieht nicht aus wie eine Scheingestalt.»

Dann drängten Viele eifrig, mich zu sehen,
Doch jeder hat behutsam sich gescheut,
Da, wo ihn Glut nicht sengte, vorzugehen.

«O du, der schreitet, nicht aus Lässigkeit,
Kann sein aus Ehrfurcht, hinter jenen Zweien:
Gib mir, den Durst und Feuer brennt, Bescheid!

Nicht soll dein Wort nur mir allein gedeihen;
Sie alle dürsten danach, wie vielleicht
Um kühles Naß Habesch und Indien schreien.

Sag doch, wie kommt es, daß du, wie mir deucht,
Als Wand die Sonne deckst, als hätte dich
Bisher der Tod noch nicht ins Netz gescheucht?»

Dies rief mir Einer zu, und schon wollt' ich
Mich öffnen ihm, erfüllend sein Verlangen,
Als eine neue Schau gefesselt mich.

Mittwegs am Glutpfad kamen hergegangen,
Entgegen jenem Volke andre Leute,
Die nahmen gänzlich meinen Blick gefangen.

Hier sah ich drängen sie auf jeder Seite,
Um paarweis sich zu küssen, und sie waren
Im Weitereilen froh der kurzen Freude.

Nicht anders grüßt sich in den braunen Scharen
Des Ameisvolks ein Paar, und es kann sein,
Um Wegziel zu erforschen und Gefahren.

Als kaum gelöst ihr traulicher Verein,
Und eh' den ersten Schritt noch tun die Füße,
Müht Jeder sich, um überlaut zu schrei'n

«Sodom Gomorrha» jene Schar, und diese:
«Es birgt sich in der Kuh Pasiphaë
Und lockt das Stierlein, das die Lust ihr büße.»

Wie Kranichvolk, wenn zur Riphäer Höh'
Der eine Teil, zum Sand der andre flöge,
Weil eins die Sonne scheut und eins den Schnee,

So kam ein Volk, und eins zog fort am Wege,
Im Weinen wiederholend ihren Sang
Und Ruf, wie er am besten frommen möge.

Und wieder her zu mir begann der Drang
Derselben Schatten, in demselben Flehen,
Erwartungsvoll und ob der Antwort bang.

Ich, der schon zweimal ihren Wunsch ersehen,
Fing an : «O Seelen, die ihr sicher seid,
Wann es auch sei, zum Frieden einzugehen

Nicht herb noch reif blieb in der Zeitlichkeit
Mein Leib zurück; ihm gibt des Blutes Lauf
Mit den Gelenken hier noch das Geleit.

Daß ich nicht länger blind sei, steig ich auf;
Ein Weib ist droben, dessen Gnade leitet
Mein irdisch Teil zu eurer Welt herauf.

Doch, daß ihr, satt im größten Wunsch, euch freutet
Der Heimstatt bald, die euch im Himmel blüht,
Der voll von Liebe sich am höchsten weitet,

Sagt, und ich schreib es nieder noch im Lied:
Wer seid ihr, wer die Schar, die von euch geht,
Und euch im Rücken ihre Straße zieht?»

So blöd verstummt, wenn scheu er um sich späht,
Der wilde Sasse vom Gebirg dahinten,
Sobald er tölpisch in die Stadt gerät,

Wie hier die Mienen aller sich nun künden,
Doch als das Staunen anfing sich zu heben,
Das starken Herzen bald pflegt zu entschwinden,

Sprach Jener wieder, der mich frug soeben:
«Gesegnet du, der sucht an unserm Rande
Erfahrung, daß er bessre drob sein Leben.

Am Volk, das uns verließ, klebt jene Schande,
Ob der einst Cäsar hörte, wie man ihn
Beim Siegeszuge «Königin» benannte.

Drum schreien Sodom sie im Weiterzieh'n,
Sich tadelnd, wie du hören konntest hier,
Und helfen durch ihr Schämen noch dem Glüh'n.

Und wie Hermaphrodit, so fehlten wir,
Nicht lassend uns von Menschensatzung führen
Und folgend, wie die Bestie, nur der Gier.

Drum läßt die Schmach als Ausruf uns erküren
Den Namen Jener, wenn voran wir gehen,
Die ward im Tiergehäuse gleich den Tieren.

Nun kannst du unser Tun und Fehlen sehen.
Nicht wüßt' ich Namen, wolltest du sie wissen,
Auch ist nicht Zeit dafür, 'dir Red' zu stehen.

Jedoch von mir sollst Kunde du nicht missen:
Bin Guido Guinicelli, und ich kann
Mich läutern, weil ich reuvoll ward entrissen.»

Was, ihre Mutter wiederseh'nd, getan
Zwei Söhne, da Lykurg verfiel dem Leid,
Tat ich, nur nicht so kühn durft' ich mich nah'n,

Als er sich selbst genannt, der war zur Zeit
Im zierlichen und holden Minnesange
Mir und noch Bessern väterlich Geleit.

Zu ihm hob ich, nachdenklich jetzt im Gange,
Nicht hörend und nicht sprechend, lang die Brauen,
Und ging nicht nah, weil ob der Gluten bange.

Als ich dann voll gesättigt war im Schauen
Und ganz zu Dienst ihm mich bereit erklärte,
Mit der Versich'rung, der die Andern trauen,

Sprach er zu mir: «Das, was ich von dir hörte,
Läßt solche Spur zurück mir, und so klar,
Daß Lethe nimmer tilgte sie noch störte.

Doch daß dein Schwur erweise sich als wahr,
Warum bringst du, o sage mir den Grund,
In Wort und Blick mir solche Liebe dar?»

Drauf ich: «Der süße Klang aus deinem Mund,
Der macht, so lang man singt die neue Weise,
Die Tinte kostbar selbst, die ihn gibt kund.»

Und er: «O Bruder! Der, den ich dir weise»
Und einen Geist, der vorn stand, wies sein Finger,
«Schuf besser noch dem Heimatlaut Geleise.

Sein Minnesang schlug alle, und geringer
War seine Prosa nicht. Laß Toren reden,
Die seh'n im Limosiner den Bezwinger.

Mehr nach dem Ruf des Tags beschau'n sie Jeden,
Als nach dem wahren Kern, und sie entscheiden,
Eh' Kunst sie und Vernunft um, Rat nur bäten.

So machten mit Guittone sie's vor Zeiten,
Den pries, weil stets der Lärm wuchs, alle Welt,
Bis Wahrheit ihn erschlug mit andern Leuten.

Doch gibt dein Vorrecht dir so weites Feld,
Daß es dich zu dem Kloster führt hinan,
Wo Christus Abt ist und Kapitel hält,

Fleh ihn für mich im Vaterunser an,
So weit es nötig noch an dieser Schwelle,
Wo Macht zur Sünde für uns abgetan.»

Dann - wohl, daß einem andern Geist die Stelle
Er räume jetzt - huscht er im Feuer fort,
So wie der Fisch schlüpft unter in der Welle.

Dem mir Gezeigten naht' ich, und mein Wort
Ging hin: wenn er den Namen wollt' enthüllen,
So fänd' bei meinem Wunsch er holden Ort.

Und freigemut ließ er die Rede quillen
«Mich freuet euer Wunsch, so lieblich klingend,
Daß ich nicht kann, noch will vor euch mich hüllen.

Ich bin Arnald, der weint und wandert singend;
Betrübt schau ich zur alten Torheit heute,
Und froh zum Tag, der nahet, Hoffnung bringend.

Drum bitt' ich euch beim mächtigen Geleite,
Das führt zum Kopf der Stiege euch hinan,
Erinnert euch, wenn's Zeit ist, wie ich leide.»

Im Feuer, das sie läutert, schwand er dann.


Gesang 27

Wie, wenn im ersten Strahl sie blitzt zutage
Dort, wo ihr Schöpfer dargebracht sein Blut,
Und auf den Ebro fällt die Himmelswage,

Indes im Ganges brütet Mittagsglut,
So stand die Sonne; drob der Tag schon schwand,
Als Gottes Engel vortrat frohgemut.

Der Loh' entrückt, hielt er am Wegesrand
Und sang so hell: «Beati mundo corde»
Wie nie den Ton noch unsre Stimme fand.

Dann: «Geht hinein, nicht weiter kommt am Borde,
Ihr heil'gen Seelen, wen die Glut nicht sengt;
Und seid nicht taub, wenn's drüben klingt, dem Worte.»

So sagte er, als näher wir gelenkt,
Und so ward ich beim Hören, als empfände
Wie der ich, den man in die Grube senkt.

Ich starrte vorgestreckt, gespreizt die Hände,
Zum Feuer, und mir wies des Denkens Flimmer
Von Menschenleibern einst geschaute Brände.

Es wandten her zu mir sich, hilfreich immer,
Die guten Führer, und Vergilt «Mein Sohn,
Hier mag wohl Qual sein, aber Tod doch nimmer.

Denk' nur, so denk' doch, wenn auf Geryon
Ich dich in Sicherheit hinunterlenkte,
Was tät' ich hier, wo Gott wir näher schon?

Und wenn dich tausend Jahre lang bedrängte
Die Esse selbst inmitten dieses Brands,
So glaub nur, daß kein Haar sie dir versengte.

Und trautest meinem Worte du nicht ganz,
So überzeug nur selber dich im Sehen;
Versuch's, die Hand am Saume des Gewands.

Fort, fort mit aller Furcht; kühn magst du gehen,
Komm her und schreite fürbaß hier am Rand.»
Doch, gegen mein Gewissen, blieb ich stehen.

Erkennend, wie ich doch unbeugsam stand,
Sprach er, bedrückt schier: «Schau, mein Sohn, o schaue,
Von Beatrice trennt dich diese Wand.»

Wie sterbend Pyramus erhob die Braue
Beim Namen Thisbe, schauend zu ihr hin,
Als rot der Maulbeerbaum ward in der Aue,

So blickt' ich (und es wich mein harter Sinn)
Zum weisen Führer, als der Name klang,
Der immerfort mir sprießt im Herzen drin.

Kopfschüttelnd sprach er: «Wie ist's mit dem Gang;
So bleiben diesseits wir?» Hier lächelt er,
Wie man's zum Kind tut, das der Apfel zwang.

Dann trat er, mir voran, ins Flammenmeer,
Ersuchend Statius, der auf langer Straße
Getrennt uns erst, zu folgen hinterher.

Als drin ich war, hätt' in geschmolznem Glase
Kühlung gesucht ich, stürzend mich hinein,
So war die Feuersbrunst dort ohne Maße.

Mich tröstend sprach, im Schritt nicht haltend ein,
Mein süßer Hort nur von Beatrix droben:
«Schon seh' ich» meint er «ihres Auges Schein.»

Den Pfad wies uns ein Sang, der sich erhoben
Von drüben her, bis wir, ihm nach stets dicht,
Zum Wege traten vor, der führt nach oben.

«Venite» klang es dort aus einem Licht
Und «benedicti Patris», doch konnt' ich,
So war mein Aug besiegt, es schauen nicht.

«Nicht bleibet steh'n» sprach's noch «die Sonne blich,
Der Abend kommt; geht hin, den Paß zu finden,
So lang der Westen nicht verdunkelt sich.»

Der Weg stieg grade zwischen Felsenschründen
So, daß vor mir gebrochen war die Flucht
Des Strahls der Sonne, die bereits im Schwinden.

Dann wies, als wenig Stufen wir versucht,
Der Schwund des Schattens mir und meinen Weisen,
Daß hinter uns die Sonne Ruh gesucht.

Und ehe sich geeint auf fernen Gleisen
Zu gleichem Ausseh'n alle Himmelsweiten
Und sich die Nacht bemächtigt aller Schleußen,

Wählt eine Stufe Jeder, zu bereiten
Das Bett sich, denn uns raubt des Berges Art
Die Kraft mehr als die Lust, hinaufzuschreiten.

So wie beim Wiederkäuen zahm geschart
Die Ziegen, die an jeder Felsenspitze
Erst flink und dreist, eh' satt noch jede ward,

Im Schatten ruhen, ob der Sonnenhitze,
Vom Schäfer überwacht, der auf den Stecken
Gestützt sich haltend, ihnen dient als Stütze;

Und wie der Hirt, des Wohnstatt Feld und Hecken,
Still längs der Herde wacht und sorgt dafür,
Daß wilde Tiere nicht sie nächtlich schrecken,

So waren damals alle dreie wir:
Ich als die Geis, als Hirten meine Weisen,
Vom hohen Riff gebunden dort wie hier.

Von draußen konnte wenig Raum sich weisen,
Doch durch das wenig konnt' ich Sterne sehen;
So groß und hell, wie nimmer sonst sie gleißen.

Als da mein Grübeln hinging und mein Spähen,
Griff mich der Schlaf; der Schlaf, der oftmals findet
Das Neue schon, bevor es noch geschehen,

Wohl war's zur Stunde, wo am Berg sich kündet
Erst noch Cytherens morgendliches Sprüh'n,
Die endlos scheint von Liebesglut entzündet,

Als jung und schön im Traume mir erschien
Ein Weib, das singend hinschritt im Gelände
Und sagte, holend Blumen aus dem Grün

«So wisse, wer auch immer fragen könnte,
Daß ich bin Lea, die zu flechten sich
Hier einén Kranz, bewegt die schönen Hände.

Daß mich der Spiegel letze, schmück' ich mich,
Doch an dem ihren sitzt nur allezeit
Die Schwester Rahel, drin zu spiegeln sich.

Ihr schönes Aug zu schauen macht ihr Freud,
Mir, daß zu schmücken mich, die Hände trachten.
Sie letzt das Schauen, mich die Tätigkeit.»

Im Frühlicht, dessen Schimmer schon erwachten,
(Darob den Pilgern wächst des Heimwegs Freude,
Je weniger entfernt sie übernachten)

Entfloh die Dunkelheit auf jeder Seite;
Mit ihr mein Schlaf, drum sprang ich auf im Nu,
Denn auf sah ich die großen Meister beide.

«Die süße Frucht, die suchen immerzu
An manchem Zweig die Menschen eifrig sich,
Bringt heute deinen Hunger ganz zur Ruh.»

Vergil sprach diese Worte, die an mich
Gerichtet, und um Lustgefühl zu bringen,
Gab kein Geschenk es je, das diesem glich.

Mir kam so Wunsch auf Wunsch, zur Höh' zu dringen,
Daß zu dem Fluge ich gefühlt fortan
Mit jedem Schritte wachsen mir die Schwingen.

Als unter uns die ganze Stiege dann,
Und bis zum höchsten Grad gedrungen wir,
Sah unverwandten Augs Vergil mich an,

Und sprach: «Mein Sohn, du sahst das Feuer hier,
Wie auch das ewige und bist nun droben,
Wo weiter nicht ich sehen kann aus mir.

Dich zog mit Kunst und Scharfsinn ich nach oben;
Fortan sei Führer dir dein eignes Regen.
Des Steilwegs bist, der Enge du enthoben.

Schau dort die Sonne, die dir strahlt entgegen,
Den Rain, die Sträucher schau, die Blumenreihen,
Die hier das Land aus sich zeugt allerwegen.

Bis hold die schönen Augen dich erfreuen,
Die weinend mich gerufen zu dir her,
Kannst sitzen du, kannst wandeln unter Maien.

Nicht Wort, noch Wink von mir erwarte mehr;
Es steht dein Wille frei, gerad und kernig hier,
Falsch wär' dein Tun, das lenkte nicht wie er.

Drum über dich verleih' ich Kron und Mitra dir.»


Gesang 28

Die Lust, die schon mich trieb, um aller Enden
Im frischen, dichten Gotteswald zu spähen,
Der linderte dem Aug des Frühlichts Blenden,

Ließ ohne Säumen fort vom Rand mich gehen,
Hinan bedächtig strebend durch die Gründe
Am Weg, den Düfte allerseits umwehen.

An meine Stirn schlug süßer Hauch gelinde,
Der nimmer einem Wandel unterliegt,
Nicht stärkern Anschlags wie von sanftem Winde,

Und ließ die Blätter, leicht von ihm gewiegt
Und zitternd allesamt, sich dahin neigen,
Wo früh des heil'gen Berges Schatten liegt,

Doch ohne ihr Gerank so stark zu beugen,
Daß in den Wipfeln er gewehrt dem Drange
Der Vöglein, ihre ganze Kunst zu zeigen,

Denn Jubels voll erschallte zum Empfange
Der Morgenstunden ihr gesamter Chor,
Im Laubwerk, das den Baß hielt ihrem Sange.

So geht von Zweig zu Zweig und schwillt empor
Gebraus an Chiassi's Strand im Pinienhain,
Wenn Äolus dem Südwind löst das Tor.

Schon war ich steten Schritts gedrungen ein
Im altehrwürd'gen Wald so weit, daß ich
Nicht mehr entdeckte, wo ich kam herein;

Und sieh, nicht weiter ließ ein Bächlein mich,
Das bog nach links mit seiner sanften Welle
Die Gräser, die am Ufer reckten sich.

An ihm gemessen, wär' die reinste Quelle
Hierorts nur ein Gemisch aus trübem Bronnen,
So klar war, nichts verbergend, seine Helle,

Obschon es gänzlich schwarz kam hergeronnen
Im ew'gen, Schatten, der läßt keinerzeit
Den Strahl zu ihm des Mondes noch der Sonnen.

Es hielt mein Fuß, doch übersprang ich weit
Mit meinem Aug den Bach, um hinzusehen
Auf frischer Maien Mannigfaltigkeit.

Und mir erschien, wie wir vor Dingen stehen,
Die fort aus dem Geleise plötzlich zieh'n
All unser Denken, weil wir staunend spähen,

Ein Weib, das singend einsam ging im Grün,
Sich Blumen unter Blumen auszulesen,
Mit denen ganz bemalt ihr Pfad mir schien.

«Vom Glanz der Liebe, o du schönes Wesen,
Wirst du erwärmt, wenn ich darf trau'n der Hülle,
Die meist dem Herzen Zeugnis ist gewesen,

O daß voran noch zöge dich dein Wille,
Dem Ufer nah», so wandt' ich mich an sie,
«Damit dein Sang mir seinen Sinn enthülle.

Du rufst zurück mir in dem Wo und Wie
Proserpina, zur Zeit, als ihr entrissen
Der Frühling wurde, und der Mutter sie.»

So wie die Tänzerin tritt vor, beflissen,
Daß eng beisamm' die Sohlen, die am Boden,
Indes kaum Fuß vor Fuß kommt, gleiten müssen,

Kam sie auf gelben Blümlein her und roten,
Nicht anders wie die Jungfrau anzusehen,
Die keusch ihr redlich Auge schlägt zu Boden.

Sie kam so nah, befriedigend mein Flehen,
Daß mit dem süßen Klang, der hergeflossen,
Der Inhalt auch des Lieds war zu verstehen.

Sobald sie vortrat, wo die Gräser sprossen
Benetzt schon von des Bächleins schöner Flut,
Hat, zum Geschenk mir, sie ihr Aug erschlossen.

Nicht mein' ich, daß so leuchtend sich entlud
Der Schimmer unter Aphroditens Brauen,
Als unbedacht der Sohn geritzt ihr Blut. -

Und grad herüber lachte sie im Schauen,
Und pflückte mehr des Bunten noch am Saum,
Das ungesät entsprießt den hehren Auen.

Drei Schritte weit schied uns das Bächlein kaum,
Doch wies dem Hellespont (wo Xerxes querte,
Noch heute allem Menschenstolz ein Zaum)

Leander nicht so zornige Gebärde,
Weil zwischen Sestos und Abydos fließend,
Wie ich dem Bach, der frei nicht gab die Fährte.

Sie sprach : «Weil neu ihr hier und sehet grüßend
Mein Lachen an dem Ort, den Gott ließ ragen,
Der menschlichen Natur als Nest ihn kiesend,

Wird euch vielleicht des Staunens Zweifel plagen,
Doch kann Psalm Delectasti euch belehren
Und leuchtend solchen Dunst dem Geist verjagen.

Willst du, der vorn steht, mehr noch von mir hören;
Du, der mich bat vorhin? Denn ich zog aus,
Bereit, zu stillen völlig dein Begehren.»

«Das Wasser» sagt' ich «wie des Walds Gebraus
Bekämpft in mir den Glauben an das Neue,
Das ich gehört, denn anders sieht dies aus.»

Drauf sie: «Merk auf, daß Kunde ich dir leihe,
Wie das sich fügt, was dich mit Staunen schlug,
Und ich den Nebel, der dich stört, zerstreue:

Das Höchste Gut schuf, selbst nur sich genug,
Euch gut zum Guten und gab euch dies Land,
Das ew'gen Friedens Bürgschaft in sich trug.

Durch eure Schuld war kurz nur der Bestand,
Durch eure Schuld kam Ungemach und Weinen,
Wo ehrsam Lachen, holde, Lust sich fand.

Die Dünste meidend, die im Kampfe scheinen,
Des Wassers drunten, sowie die der Erde,
Und sich nach Kräften stets der Wärme einen,

Und daß ihr Streit den Menschen nicht gefährde,
Steigt himmelan so weit der Berg und ringt
Sich frei, von dort ab, wo man schloß die Fährte.

Da nun der ganze Luftschwall rundum schwingt,
Eins mit der Urbewegung, wenn ihn nicht
Im Kreislauf irgendwie ein Hemmnis zwingt,

So muß am Berg, der aufragt frei und licht,
Der Schwung der starken Luft den Wald durchfegen
Und macht ihn brausen darum, weil er dicht.

Die Pflanze, die er trifft, hat solch Vermögen,
Daß ihre Kraft sich mit den Lüften paart,
Die streu'n sie aus im kreisenden Bewegen.

Und drüben sprießt je nach des Landes Art
Und seines Himmels das Gewächs verschieden,
Gedeihend wie ihm Kraft beschieden ward.

Dies Wort wird eurem Staunen Halt gebieten,
Wenn ohne Aussaat, die das Aug erblickt,
Doch irgend welche Pflanzen dort erblühten.

Und wissen mußt du, daß, gar voll beschickt
Mit jeder Saat, dies heilige Gefild
Birgt Frucht in sich, die drüben man nicht pflückt.

Dies Wasser sieh, das nicht aus Adern quillt,
Drin Dünste wirken, die im Frost sich scheiden,
So wie der Fluß, der schmachtet oder schwillt.

Es fließt aus sicherm Born zu allen Zeiten,
Und dieser holt im Willen Gottes wieder
So viel er ausgießt, offen nach zwei Seiten.

Die Kraft, die mit der Flut diesseits geht nieder,
Tilgt jedem Fehl Erinn'rung, die sie dort
Weckt jeder guten Tat als ihr Behüter.

Hier Lethe, und was drüben rinnet fort,
Heißt Eunoë, und nimmer wird gesunden,
Wer nicht zuvor probt beide hier am Ort;

So köstlich ward noch kein Geschmack befunden.
Und ob gelöscht dein Durst jetzt könnte sein,
Selbst wenn ich mehr nicht wollte dir bekunden,

Geb' hold als Anhang ich noch Worte drein,
Die dann selbst, mein' ich, Beifall nicht versäumten,
Wenn mehr sie, als versprochen, lösen ein:

Vielleicht daß Jene, die die Wonne reimten
Der goldnen Zeit, in ihren Schilderungen
Am Berg Parnassus diesen Ort erträumten.

Rein ist der Menschheit Wurzel hier entsprungen,
Wo ewig Lenz, wo jede Frucht beschert.
Nektar fließt hier, den alle sie besungen.»

Ich wandte mich zurück, ganz hingekehrt
Zum Dichterpaar, das ich konnt' lächeln sehen,
Als diese letzte Wendung es gehört.

Dann ließ den Blick zur schönen Frau ich gehen.


Gesang 29

Wie Mädchensang, den Liebeslust geweckt,
Kam ihre Rede, uns den Schluß zu bringen:
«Wohl denen, deren Sünden sind bedeckt.»

Und so wie Nymphen einsam sich ergingen,
Im Waldesschatten, sehnend sich die einen,
Das Licht zu fliehen, andre hinzudringen,

Ging sie stromauf dann an den Uferrainen;
Und ich, wie sie, am Rand mich haltend dicht,
Ging ihren kleinen Schritten nach mit kleinen.

Noch waren's (ihr' und meine) hundert nicht,
Da machten beide Ufer gleiche Kehre
So, daß ich schritt nach Osten das Gesicht.

Doch eh' noch lang ich so gegangen wäre,
Hat sich die Frau ganz zu mir hingewendet,
Mir sagend: «O mein Bruder, schau und höre!»

Und sieh, ein Glanz ward plötzlich hergesendet,
Der allerseits durchlief den weiten Hain,
So daß mir schien, ein Blitz hielt mich geblendet.

Doch wie er kommt, vergeht des Blitzes Schein,
Und jenes Glänzen hielt noch an und schwoll;
Drum sagte ich bei mir: «Was mag dies sein?»

Und durch die glanzbeschwingten Lüfte scholl
Süß holde Melodie, so daß sich kehrte
Scharf gegen Eva's Übermut mein Groll.

Denn, es gehorchten Himmel, sowie Erde;
Ein Weib allein, geschaffen erst soeben,
Litt nicht, daß irgend ihr ein Schleier wehrte;

Und unter diesem, war sie fromm ergeben,
Hätt' früher ich und endlos dann gefühlt
So unsagbare Freude mich umweben.

Indes ich ging, wo mich in Spannung hielt
Die ew'ge Lust durch so viel erste Boten
Und ich nach mehr der Wonnen noch geschielt,

Gewahrt' ich, daß wie offne Flammen lohten
Vor uns die Lüfte unter grünen Zweigen,
Und hold als Sang sich jene Klänge boten.

Ihr hehren Jungfrau'n, wenn um euch mich beugen
Frost, Hunger, nächtlich Wachen, gibt mein Ringen
Zu fordern Grund, daß Lohn mir sei zu eigen.

Mir lasse Helikon den Quell nun springen,
Urania's Reigen helfe meinem Reime,
Was schwer zu denken, in den Vers zu bringen.

Ein wenig weiter täuschten goldne Bäume,
Sieb'n an der Zahl, dem Anschein vor die weiten,
Von uns zu ihnen offnen Zwischenräume;

Doch, als der Wirklichkeit so nah mein Schreiten,
Daß dem Gesamtbild, das getäuscht die Sinne,
Die Ferne nicht entzog die Einzelheiten,

Ward jene Kraft, die unterscheidet, inne,
Es seien Leuchter, und was Sang mir deuchte
Zu hören als «Hosanna» ich beginne.

So rein wie dieses Prunkes ob're Leuchte
Flammt nicht der Mond in klarer Mitternacht,
Wenn seines Monats Mitte er erreichte.

Des Staunens voll hab auf Vergil ich acht,
Den Guten, dessen Mienen Antwort bringen,
Daß ihn die Schau nicht minder staunen macht.

Dann blickt' ich wieder zu den hehren Dingen,
Die hoben sich so langsam uns entgegen,
Daß schneller jung vermählte Bräute gingen.

Drob schalt die Frau : «Warum entflammst du wegen
Der hellen Lichter nur und schaust nicht weiter
Auf Dinge, die dahinter noch sich regen?»

Jetzt nahte, wie ein Zug folgt seinem Leiter,
Ein Volk, und schimmernd, wie das ird'sche Maß
Es nie begriffe, war das Weiß der Kleider.

Zur Linken leuchtete der Bach, so daß
Mich wiedergab (von links geseh'n) sein Blenden,
Wenn ich hineinsah, wie des Spiegels Glas.

Als so mein Stand, daß mich vom Zug nur trennten
Die Fluten, gab den Schritten Ruhe ich,
Auf daß die Augen bessre Fährte fänden.

Ich sah voran die Flämmlein schwingen sich,
Die hinter sich bemalt den Luftraum ließen,
So daß ihr Zug geschwungnen Bannern glich,

Denn oben sah ich sieben Streifen fließen,
In Farben, die die Sonne wählt zum Bogen,
Und Delia, sich im Gürtel einzuschließen.

Und weiter als mein Aug vermochte, flogen
Die Wimpel rückwärts, und zehn Schritt breit dehnten
Die äußern, schien's, den Raum, in dem sie zogen.

Und unterm Himmel, den sie so verschönten,
Sah her ich kommen vierundzwanzig Alte,
Zu zwei und zwei, und Lilien sie bekrönten.

«Gebenedeit bist du» ihr Chor erschallte
«Aus Adams Töchtern, und gebenedeit
Sei deine Huld, daß ewiglich sie walte.»

Und als des Blüh'ns und Grünens Üppigkeit
Genüber mir, am Rain des andern Strands,
Von der erlesnen Schar dann war befreit,

Bot, wie am Himmel aufgeht Glanz an Glanz,
Ein Zug sich von vier Tieren dem Betrachten,
Und jedes schmückte grünes Laub als Kranz.

Sechs Flügel, schien es, jedem sich entfachten,
Die Federn voller Augen, und so könnten
Des Argus Augen sein, wenn sie noch wachten.

Mehr Verse will ich ihrer Form nicht spenden.
Denk, Leser, daß noch andrer Aufwand bleibt,
Der mich bedrängt, drum darf ich nicht verschwenden.

Doch lies Ezechiel, der dir beschreibt,
Wie her aus kalter Nacht kam das Getier,
Und wie es Wolke, Wind und Feuer treibt.

Wie dir sein Buch es zeigt, so war es hier;
Und lediglich ob des Gefieders ging
Er von Johannes ab, der steht zu mir.

Der Spielraum zwischen diesen vier umfing
Zweirädrig gehend, einen Siegeswagen;
Ein Greif davor, an dessen Hals er hing,

Ließ beide Flügel durch die Streifen ragen
(Zwischen dem mittlern und den drei und drei'n,
So daß sie schwingend keinen konnten schlagen)

So hoch, daß nie der Blick sie holte ein;
Die Glieder gold, so weit er Vogel schien,
Die andern weiß, mit rot gemengt darein.

Nicht Africanus noch August ließ zieh'n
Den Wagen so, als Rom in Freud entbrannte;
Ja, arm wär' der der Sonne gegen ihn,

Der Sonnenwagen, der entgleist verbrannte,
Ob der gebeugten Erde brünst'gem Flehen,
Als Jupiter, versteckt, gerecht erkannte.

Am rechten Rad sah ich drei Frauen gehen,
Im Tanze kreisend, und so rot war eine,
Daß sie im Feuer wäre kaum zu sehen.

Die andre, als wär' Fleisch ihr wie Gebeine
Gebildet aus Smaragd auf allen Seiten;
Die dritte glich dem frischen Schnee an Reine.

Und einmal schien die weiße sie zu leiten,
Einmal die rote, und wie diese sang,
Maß langsam oder schneller sich ihr Schreiten.

Am linken kamen festlich vier entlang,
In Purpur ganz, und eine unter ihnen,
Die aus drei Augen sah, maß ihren Gang.

Und hinter dem beschriebnen Zug erschienen
Zwei Greise, die verschieden im Gewande,
Doch gleich in ihren biedern, festen Mienen.

Und es erwies der eine sich vom Stande
Des großen Hypokrat, den dem Getier,
Das ihr am liebsten, die Natur entsandte.

Der andre wies aufs Gegenteil dafür
Mit einem Schwerte, das so scharf und gleißend,
Daß übern Bach es schickte Schreck zu mir.

Dann sah ich vier, der Demut sich befleißend,
Und hinter allen her ein Greis allein,
Versenkt in Schlaf, im Antlitz Klugheit weisend.

Und mit der vordern Schar stimmt überein
Die Kleidung dieser Siebenzahl, nur frieden
Die Lilien nicht ihr Haupt als Garten ein,

Doch Rosen und noch andre rote Blüten.
Wer etwas fern sie sah, schwor ohne Fragen,
Daß ob den Brau'n im Feuér alle glühten.

Und als mir gegenüber war der Wagen,
Erscholl ein Donner, der das Weitergehen
Dem würd'gen Volke schien zu untersagen,

Und mit den vordern Leuchten blieb es stehen.


Gesang 30

Als so dies Nordgestirn der höchsten Sphäre,
(Das Aufgeh'n nie gekannt, noch Untergehen,
Noch Nebelschwall, wenn Qualm der Schuld nicht wäre,

Das Jeden droben seine Pflicht ließ sehen,
Wie unsres drunten weist die Wege klar
Zum Hafen allen, die am Steuer stehen)

Nun still hielt, wandte die wahrhaft'ge Schar,
Die zwischen Greif und Leuchtern zog einher,
Zum Wagen sich, der schien's ihr Frieden war.

Und: «Veni sponsa» wie vom Himmel her,
«De Libano» rief ihrer einer singend,
Dreimal, und dann die andern so wie er.

Wie Selige, in Hast dem Grab entspringend
Beim Ruf des jüngsten Tags, und im Gewande,
Des neu erlangten Leibs leicht auf sich schwingend,

So hoben hundert Diener und Gesandte
Der Ewigkeit ad vocem tanti senis
Im göttlichen Gefährt sich bis zum Rande.

Sie riefen : «Benedictes» laut «qui venis»
Und warfen Blumen rundum und nach oben
«Manibus o date lilla Plenis.»

Oft sah den Ost ich rosig ganz durchwoben
Bei Tagbeginn und heitre Miene tragen
Die andern schön geschmückten Auen droben;

Und sah umflort der Sonne Antlitz tagen,
So daß die Dünste milderten den Glanz,
Den lange Zeit das Auge konnt' ertragen.

In einer Wolke so von Blumen ganz,
Die aus den Engelshänden aufwärts flogen,
Zurück dann fallend beiderseits des Rands,

Des Schleiers Weiß von Ölgezweig umzogen,
Erschien, bedeckt von ihres Mantels Grün,
Die Frau mir, deren Kleid glich Flammenwogen.

Drob hat mein Geist (obwohl schon lange ihn
Nicht ihre Gegenwart mehr übermannte,
Die ließ vor Staunen zitternd ihn erglüh'n),

Noch eh' er durch das Auge mehr erkannte,
Durch stille Kraft, die von ihr hergeflossen,
Gefühlt der alten Liebe mächt'ge Bande.

Und als zu meinem Auge kam geschossen
Die Wunderkraft, die schon mich jenerzeit
Durchbohrte, als die Kindheit kaum beschlossen,

Wandt' ich nach links mich mit der Eifrigkeit
Des Kleinen, das zur Mutter springt, wenn Not
Es ängstlich machte oder brächt' in Leid,

Um zu Vergil zu sprechen : Nicht ein Lot
Von Blut blieb mir, das ich nicht fühlte beben.
Ich merk' die alte Glut, die wieder loht.

Doch hatte seiner uns beraubt soeben
Vergil, der Väter holdester, Vergil,
Vergil, dem ich zum Heil mich hingegeben.

Nicht galt, was Eva uns verlor, so viel
Dem taubefreiten Auge, daß es wehrte
Dem Tränenschwall, dem wieder es verfiel.

«Dante! Wenn auch Vergil sich ab nun kehrte,
Noch weine nicht, noch nicht, weil du mit Fug
Wirst weinen müssen unter anderm Schwerte.»

Schier wie der Admiral am Heck und Bug
Das Arbeitsvolk der Schiffe überwacht,
Ermunternd es, daß recht es blieb im Zug,

So stand am linken Rand der Wagenpracht,
Als ich auf meines Namens Klang mich wandte,
Den die Notwendigkeit hier nennen macht,

Die Frau, die vorhin sich an ihrem Stande
Im Engelsjubel barg, der sie umdrängte,
Und übern Bach den Blick sie zu mir sandte.

Obwohl der Schleier, der vom Haupt sich senkte
Und von Minerva's Laub umwunden ward,
Nicht offenbar mir ihren Anblick schenkte,

Schien streng und königlich doch ihre Art,
Als fort sie fuhr, so haltend sich zurück
Wie noch das stärkste Wort ein Redner spart:

«Ja, ja, Beatrix ist's, schärf nur den Blick!
Bequemst du dich, zu steigen auf zur Helle?
War's fremd dir, daß hier blüht des Menschen Glück?»

Da sank mein Aug hinab zur klaren Quelle,
Doch, mich drin sehend, zog ich's hin zum Grünen,
Weil Scham zur Stirn mir quoll in schwerer Welle.

So scheint die Mutter, (wie mir sie erschienen)
Die streng sich zeigt, den Söhnen mitleidslos,
Denn bitter schmeckt die herbe Liebe ihnen.

Sie schwieg, und plötzlich brach ein Singen los
Der Engelscharen: «In te Domine
Speravi»
doch bis «pedes meos» bloß.

Wie auf Italiens Rückgrat friert der Schnee,
Gehäuft in dem lebendigen Gemäuer
Des Walds, wenn slav'scher Wind bedrängt die Höh',

Und dann in sich zerfließt, sobald ein neuer
Anhauch vom Mittag kommt, dem schattenleeren,
So wie die Kerze sich verzehrt am Feuer,

So stockten erst mir Seufzer so wie Zähren,
Bevor der Klang aus jener Schar kam her,
Die stets dem Klange folgt der ew'gen Sphären;

Doch als an Mitleid ich dann hörte mehr
Im süßen Ton, als wär' ihr Wort erklungen
«O Frau, warum denn quälst du ihn so sehr?»

Da ward das Eis, das hielt mein Herz umschlungen,
Zu Hauch und Wasser, und die Angst entsandte
Durch Mund und Aug, was sie der Brust entrungen.

Sie, die noch aufrecht stand am selben Rande,
War auf die frommen Wesen jetzt bedacht,
An welche sie dann so die Rede wandte

«Ihr wacht im ew'gen Tag, so daß nicht Nacht
Noch Schlaf je eurem Auge hüllte ein
Nur einen Schritt, den das Jahrhundert macht;

Drum soll's der Antwort größte Sorge sein,
Daß er sie hört, der weinend steht beiseiten,
Damit von gleichem Maß sei Schuld und Pein.

Nicht bloß der Weltenräder Vorbereiten,
Das jedes Saatkorn lenkt zu einem Ende,
Je nach dem Stand der Sterne, die es leiten,

Auch Gottes überreiche Gnadenspende,
Die aus so hehrem Dunstkreis quillt,
daß dessen Sich unser Auge nie versehen könnte,

Hat diesem alle Kräfte so bemessen,
Als jung er war, daß jedes rechte Kleid
Ihm bei der Probe prächtig hätt' gesessen.

Doch um so wilder wird das Land allzeit,
Das schlecht besät und hat der Pflege nicht,
Je mehr sich gute. Bodenkraft ihm leiht.

Ich stützt' ihn kurze Zeit, da mein Gesicht
Ihm wies die jungen Augen, deren Helle
Ihn mit sich zog am Wege rechter Pflicht.

Doch kaum, daß an des zweiten Alters Schwelle
Mein Leben sich gewandt, riß los er sich,
Sich einer andern schenkend auf der Stelle.

Als ich vom Fleisch zum Geist erhoben mich
Und Schönheit so wie Tugend mir sich mehrte,
Bin minder wert ihm drum geworden ich.

Auf nahm sein Schritt die trügerische Fährte,
Wo ihm das Glück im falschen Bild erschien,
Das nie, was es versprach, am End gewährte.

Nicht half's, daß ich durch Visionen ihn
Im Traum und sonst auch Mahnung ließ erfahren,
So wenig kümmerte ihn mein Bemüh'n.

So tief fiel er, daß nicht mehr übrig waren
Der Mittel viel, zum Heil ihm beizustehen,
Nur daß man wies ihm die verlornen Scharen.

Dies ließ mich zu dem Tor der Toten gehen,
Und hin zu dem, der durch die Höllenbrut
Geleitet ihn, trug weinend ich mein Flehen.

Zerschellt wär' göttlich Recht, wenn Lethe's Flut
Durchschritten würde, und sie letzte einen,
Der solcher Kost nicht einigen Tribut

Durch Reue zahlt, die sich ergießt im Weinen.»


Gesang 31

«Du, der jenseits des heil'gen Stroms » so zielte
Jetzt mit der Spitze ihre Red' auf mich,
Von der vorhin ich herb die Schneide fühlte,

Als ohne Rast sie fortfuhr : «Sprich, so sprich,
Sag ob dies wahr. Es muß an solche Klage
Mit Fug dein Eingeständnis reihen sich.»

So wirr ward meine Kraft, daß, als mir zage
Die Stimme kam, sie wieder schwand sofort,
Eh' ihr Organ den Weg erschloß zutage.

«Was denkst du» kam nach kurzer Zeit ihr Wort.
«Steh Rede, da man nicht schon dir versenkte
Dein schlimm Erinnern in den Fluten dort.»

Der wirre Sinn, dem noch die Angst sich mengte,
Hat solch ein «Ja» aus meinem Mund gezogen,
Daß zum Verständnis nur das Sehen lenkte.

So sprengt beim Schuß die Armbrust Strang und Bogen,
Wenn überspannt (drob minder wuchtig faßt
Der Pfeil das Ziel, zu dem er hingeflogen)

Wie mich der Druck zerbrach der schweren Last,
Die Tränen mir und Seufzer ausgerungen,
Und mir das Wort gehemmt am Ausgang fast.

«Ob innerhalb von meinen Forderungen»
Sprach sie «die jenes Gut dich lieben lehrten,
Darüber noch kein Wunsch hinaus gedrungen,

Du Gräben fandest, die den Pfad durchquerten,
Sag! Oder waren drin etwelche Ketten,
Die deinem Vorwärtsdrang die Hoffnung wehrten?

Und welche Lockung kam? Sahst du sich glätten
Die Stirn der andern so, zu kirren dich,
Daß du an sie die Schritte mußtest ketten?»

Nach einem bittern Seufzer hatte ich
Die Stimme kaum, um Antwort zu bekunden,
Die an den Lippen mühvoll formte sich.

Und weinend: «Falsche Lust hielt mich umwunden,
Den gegenwärt'gen Dingen zugewandt,
Sobald mir euer Antlitz war entschwunden.»

Und sie: «Verschwiegst du auch, was du bekannt,
Und leugnetest, so wär' doch klar deswegen
Dein Fehl. Von solchem Richter wird's erkannt.

Doch wenn die eignen Wangen selbst sich regen
Als Kläger ob der Schuld, so wendet sich
An unserm Hof das Rad der Schneid entgegen.

Gleichwohl, damit du mehr noch schämest dich
Des Fehls, und säh'st ein ander Mal dich vor,
Wenn wieder dich Sirenenruf beschlich,

Grab ein des Leides Saat, und leih dein Ohr!
Hör', daß im Gegenteil dich mußte leiten
Mein eingesargter Leib zum Weg empor.

Nie bot Natur, um Lust dir zu bereiten,
Noch Kunst dir Solches, wie (die mich umschlossen)
Die schönen Glieder, die zu Staub sich scheiden.

Und ist die höchste Lust dir so zerflossen
Durch meinen Tod, welch Ding durft' auf der Erde
In dir nach sich noch Wünsche lassen sprossen?

Du mußtest, als dich Zeitlichkeit versehrte
Mit ihrem ersten Pfeil, dich aufwärts kehren,
Mir folgend nach, die nicht mehr ihr gehörte.

Nicht durftest neue Mahnung du begehren,
Nicht durfte Mädchentand den Flug bedrücken,
Noch Eitelkeiten sonst, die kurz nur währen.

Zwei-, dreimal harrt das Vöglein sonder Tücken,
Doch wird vergeblich mit dem Pfeil man dräuen
Und Netze stellen vor dem Aug' der Flüggen.»

Wie Kinder schämig sich zu reden scheuen,
Indes, das Aug gesenkt, sie lauschend stehen
Und selber sich erkennen und bereuen,

So stand ich, und sie ließ die Red' ergehen:
«Den Bart heb', wenn vom Hören Schmerz dich brannte,
Und mehr an Schmerz wirst finden du beim Sehen.»

So bricht der Eiche Kraft im Widerstande,
Wenn, zu entwurzeln sie, die Winde toben
Vom Norden, oder her aus Jarba's Lande,

Wie ich auf ihr Geheiß das Kinn gehoben.
Und als «den Bart» das Antlitz sie benannt,
Merkt' wohl das Gift ich, das sie eingeschoben,

Und sah, als aufzuschau'n ich mich ermannt,
Daß mit dem Blumenstreuen nun geendet
Die Wesen, die zu Anfang Gott entsandt.

Und meine Augen, scheu noch und geblendet,
Sah'n Beatrice zu dem Tier, das eine
Person in zwei Naturen ist, gewendet.

In ihrem Schleier und am grünen Raine,
Schien's, übertraf sie mehr ihr einstig Bild,
Als dieses einst die andern Frau'n an Reine.

Der Reue Nesseln brannten mich so wild,
Daß jedes Ding, je mehr es einst mich freute,
Mit desto größrer Feindschaft mich erfüllt.

So stach mein Herz Erkenntnis, daß im Leide
Ich hinsank, und was dann ich ward und wie,
Weiß sie, von der die Ursach her ich leite.

Als wieder Kraft das Herz nach außen lieh,
Sah ich die Frau, die stand allein vorhin,
Jetzt über mir. «Faß', fasse mich» rief sie.

Im Bach hat sie, versenkt mich bis zum Kinn,
Und ziehend mich, glitt auf der Flut behende
Und leicht sie wie das Weberschifflein hin.

Als wenig Raum vom sel'gen Strand mich trennte,
Hört' ich «Asperges me», so lieblich klingend,
Daß ich's nicht faßte, noch beschreiben könnte.

Die offnen Arme um den Kopf mir schlingend,
Taucht' mich die schöne Frau, und mich bedeckte
Das Wasser, mich es einzuschlucken zwingend.

Sie zog hervor mich, den vom Bad sie weckte,
Und bot mich dar dem Kreis der schönen Vier,
Und eine jede mit dem Arm mich deckte.

«Im Himmel sind wir Sterne, Nymphen hier;
Eh' man Beatrix hin zur Welt ließ gehen,
Da waren wir bestellt als Mägde ihr.

Wir führen vor ihr Aug dich, doch zu spähen
Zum frohen Glanz darin, sei dein's geklärt
Durch jene andern drei, die tiefer sehen.»

Sie lenkten mich, der so ihr Lied gehört,
Bis dicht wir vor der Brust des Greifes waren,
Wo Beatrice stand, zu uns gekehrt.

Und dann : «Hier gilt's, die Blicke nicht zu sparen;
Du stehst vor den Smaragden, die entluden
Auf dich die Waffen Amors schon vor Jahren.»

Und tausend Wünsche, heißer als die Gluten
Des Feuers, drängten hin mein Aug zum Schimmer
Der Augen, die nur fest am Greife ruhten.

Nicht anders wie im Glas der Sonne Flimmer
War drin gespiegelt jenes Doppelwesen,
Von einer Art zur andern wechselnd immer.

Denk, Leser, dir, wie ich erstaunt gewesen,
Zu seh'n das Ding, das aus der Ruh nicht wich,
In seinem Abbild wandeln sich und lösen.

Als voller Staunen, das beglückte mich,
Mein Geist zur Labung jene Kost erkor,
Die sättigend mit sich, schafft Durst nach sich,

Da traten, so wie höhern Ranges, vor
Die andern drei, die noch erhabner glühen,
Wenn sich im Engelstakte schwingt ihr Chor.

«Laß, laß Beatrix zu dem Treuen ziehen
Dein heilig Aug» so tat ihr Singen kund
«Der dich zu schau'n, ließ Schritt um Schritt sich mühen.

Aus Huld für uns enthüll' ihm hold jetzund,
Was du noch birgst, auf daß er säh' die Wonnen
Auch deiner zweiten Schönheit, deinen Mund.»

O Abglanz du des Lichts der ew'gen Sonnen!
Wer bleichte, als er am Parnassus frönte,
In seinem Schatten so, wer trank am Bronnen,

Daß nicht verwirrt sein Geist schien, wenn er wähnte,
Dich so zu schildern, wie erschien dein Bild
Dort, wo harmonisch es der Himmel tönte,

Als du den freien Lüften dich enthüllt?


Gesang 32

So fest und wachsam ging mein Auge hin,
Zehnjähr'gem Durst Erfüllung zu bereiten,
Daß mir versiegt war jeder andre Sinn;

Und Nichtbeachten schuf auf allen Seiten
Ihm eine Wand, so war's im Netz verfangen
Des Lächelns wiederum, des benedeiten,

Als scharf ein Ruck nach links zog meine Wangen,
Weil Rufe von den Göttinnen gekommen,
Daraus wie «allzu starr» mir Worte klangen.

Vom Vorgang, der das Auge macht verschwommen,
Das noch soeben in die Sonne blickte,
Blieb kurze Zeit mir das Gesicht benommen;

Doch als mein Aug sich in das Wenig schickte,
- Ich sage «wenig», weil das Viel noch sprach
Des Eindrucks, dem Gewalt mich jäh entrückte -

Sah ich, nach rechts sich wendend, allgemach
Den ruhmbestrahlten Heerbann rückwärts lenken,
Zur Sonne hin, den sieben Leuchten nach.

Wie wenn, zu sichern sich, an Rückzug denken
Die Truppen und, eh' sich das Ganze regte,
Erst schildgedeckt die Fahne ab wird schwenken,

So war's, wie sich vorbei an uns bewegte
Als himmlische Miliz die Schar der Väter,
Bevor sein vordres Holz der Karren schrägte.

Die Frauen traten wieder an die Räder,
Der Greif hat die geweihte Last gezogen,
Doch nicht verschob sich drob ihm eine Feder.

Die Schöne, die geschleppt mich durch die Wogen,
Ging hinterm Rad mit mir und Statius her,
Das sein Geleise schrieb im kleinern Bogen.

Durchwandernd so den hehren Wald, der leer
Durch Schuld des Weibs, das sich vom Wurm ließ trügen,
Maß unsern Schritt, ein Klang vom Engelsheer.

Dreimal so weit wohl, schien's, wie Pfeile fliegen,
Daß vorgeschritten unser Wandern war,
Als vom Gefährt Beatrix abgestiegen.

«Adam» hört' murmeln ich die ganze Schar
Und sah sie einen kahlen Baum umringen,
Entblättert ganz und aller Blüten bar;

Sein Astwerk, breiter stets im Aufwärtsdringen,
Stieg so, daß, wenn nach Indiens Wald entrückt,
Dort seine Höhe Staunen würde bringen.

«Heil dir, o Greif, daß nicht dein Schnabel pickt
Dies Holz, das im Geschmack von süßer Art,
Denn übel hat es dann den Leib bedrückt.»

So rief das Volk, am mächt'gen Stamm geschart,
Und jenes zwiegeborne Tier alsdann:
«So wird der Samen jeden Rechts bewahrt.»

Die Deichsel ziehend, ließ jetzt das Gespann
Zum Fuß sie des verwaisten Baumes rücken,
Von dem sie war, und dem es sie schloß an.

Wie unsre Pflanzen vom Herniederzücken
Des großen Lichts (wenn jenes zugeflossen,
Das leuchtet in der Himmelsfische Rücken)

Aufgeh'n und eine jede dann läßt sprossen
Neu ihre Farben, eh' den Sternenstand
Die Sonne wechselte mit flinken Rossen,

Sproß neu, und nicht ganz so wie Rosen fand,
Wie Veilchen mehr, die Farbe ich entsprungen,
Der Baum, des Astwerk erst so öde stand.

Nicht konnt' versteh'n ich, noch wird hier gesungen,
Die Hymne, die jetzt aus der Schar erklang,
Noch litt es mich, bis sie war ausgeklungen.

Könnt' schildern ich, wie von Syrinx man sang,
Und Schlummer drauf die harten Aug an füllte,
Die teuer büßten, daß sie wachten lang,

Ich malte so genau, wie Schlaf mich hüllte,
Wie sein Modell im Bild ein Maler weckte,
Doch geb' wer will Entschlummern gut im Bilde.

Drum überspring ich's, bis ich neu mich reckte,
Als mir ein Glanz zerriß des Schlafes Band,
Und mich ein Rufen : «Auf, was machst du?» schreckte.

Wie, zu dem Blüh'n des Apfelbaums entsandt,
Der macht die Engel seine Frucht begehren,
(Ein ständig Hochzeitsmahl in Gottes Land)

Zurück Johannes und Jakobus kehren,
Und Petrus, aus der Ohnmacht, auf das Wort,
Das stärkern Schlaf vermochte zu zerstören,

Und, findend ihr Geleit genommen fort,
(So Moses als Elias auch) nun sehen,
Wie ihres Meisters Kleid verändert dort,

So wacht' ich auf, und über mir nun stehen
Sah ich die Fromme, die als Führerin
Zuvor am Bach entlang gelenkt mein Gehen.

«Wo ist Beatrix?» frug mein banger Sinn,
Und sie «Schau dort, wie auf den Wurzelsträngen
Sie unterm neuen Grün sitzt; schau nur hin;

Schau die Gefährtinnen, die sie umdrängen!
Die andern geh'n hinan, dem Greife nach
Mit süßeren und tieferen Gesängen.»

Nicht ist's bewußt mir, ob sie weiter sprach,
Denn Jene füllte schon das Auge mir,
Die alle andern Sinne legte brach.

Allein im wahren Lande saß sie hier,
Belassen, um den Wagen zu behüten,
Den fest ich binden sah vom Doppeltier.

Die sieben Nymphen, rings sie einzufrieden,
Bewegten jene Leuchten, die dem Hauch
Vom Norden sicher trotzen und vom Süden.

«Kurz wirst du folgen hier des Waldes Brauch
Und mit mir ohne Ende Bürger bleiben
Von jenem Rom, wo Christus Römer auch.

Darum zum Heil der Welt, wo schlimm sie's treiben,
Schau fest zum Wagen, und was sich dir beut,
Sollst du nach deiner Rückkehr niederschreiben.»

Beatrix so, und ich, der folgbereit
Ganz zu den Füßen ihres Willens stand,
Lenkt' Aug und Denken hin, wo sie gebeut.

So jäh fiel nie herab der Feuerbrand
Aus dichter Wolke, wenn die Wässer flossen,
Aus der entferntesten Region entsandt,

Wie ich sah Jovis Vogel, der geschossen
Kam durch den Baum (ihm Rinde reißend ab
Nicht nur die Blüten und die neuen Sprossen)

Und wuchtig auf den Wagen stieß herab,
Schwank wie ein Schiff in Not, dem Drang der Wogen
Bald Steuerbord, bald Backbord zieht hinab.

Dann sah ich, wie ein Fuchs schlich hin verwogen
Zum Siegeskarren und ins Innre gar,
Dem jede gute Kost, schien's, war entzogen.

Doch trieb die Herrin, streng ihm legend dar
Die grimme Schuld, ihn so zur Flucht, wie kaum
Den Knochen ohne Fleisch erlaubt sie war.

Dann sah ich, wieder stürzend aus dem Baum,
Den Adler nach des Karrens Arche trachten,
Und lassen sie, bedeckt mit seinem Flaum.

Wie Klagelaute sich der Brust entschachten,
Kam her vom Himmel eine Stimme drauf:
«O Schifflein mein, was trägst du schlimme Frachten.»

Dann tat sich zwischen beiden Rädern auf
Der Grund, schien's, draus ein Drache ward entsendet,
Der streckte durchs Gefährt den Schwanz hinauf.

Und, wie die Wespe ihren Stachel wendet,
Zog er den Giftschwanz ein, vom Boden noch
Mitreißend, und entfloh, wie lustgeblendet.

Und über das, was blieb, der Flaum nun kroch,
(Wie frisches Land vom Gras wird überflossen)
Den wohl gespendet fromme Absicht doch.

Dann sah den Flaum ich auf der Deichsel sprossen
Und also schnell die beiden Räder decken,
Daß länger hielt ein «ach» den Mund erschlossen.

Und Häupter da und dort sah vor ich strecken
Das heil'ge Haus, das so verwandelt sich;
Drei auf der Deichsel, eins je an den Ecken.

Gehörnt wie Stiere sah die ersten ich,
Doch trug ein einzig Horn die Stirn der vier;
Nie sah ein Untier man, das diesem glich.

Kühn thronte, wie ein Fels am Berg schien's mir
Und schamlos eine Dirne dort, beflissen
Im Kreise wendend ihrer Augen Gier.

Und wie, daß nicht sie würde ihm entrissen,
Sah neben ihr ich einen Riesen stehen,
Und sah sie manchesmal einander küssen.

Drauf hab ich, weil zu mir hin sie ließ gehen
Ihr lüstern Aug, von ihrem Buhlen wild
Von Kopf zu Fuß die Dirne geißeln sehen.

Dann band er zornig los das Mißgebild,
Und Argwohns voll, zog er's zu weiter Fahrt
Im Walde fort, daß der allein zum Schild

Der Dirne und dem Wundertiere ward.


Gesang 33

«Deus venerunt gentes» also fingen
Wehklagend an die Frauen, wechselseits,
Bald drei, bald vier, den süßen Psalm zu singen.

Beatrix lauschte ihnen, ob des Leids
Schwer seufzend und ward so, daß anzuschauen
Viel herber nicht Maria war am Kreuz.

Doch als zur Red' ihr gaben Raum die Frauen,
Sprach sie und stand grad aufgerichtet jäh,
Die Stirn gefärbt, als flammten ihre Brauen:

«Modicum ei non videbitis me
Et iterum,
ihr Schwestern mein, ihr lieben,
Modicum et vos videbitis me.»

Dann reihte vor sich auf sie alle sieben,
Und hinter sich, nur winkend, wies sie mich,
Die Frau und auch den Weisen, der geblieben.

So ging's voran, und nicht hat, meine ich,
Zum zehnten Schritt ihr Fuß berührt die Erde,
Als auf mein Aug ihr Aug geheftet sich.

«Komm schneller» rief (und sanft war die Gebärde)
Zu mir sie «denn, geht hin mein Wort zu dir,
Sei so dein Platz, daß hörbar dir es werde.»

Als ich, wie ich gesollt, war neben ihr,
Begann sie : «Bruder, warum kommt dein Fragen
Nicht kühnlich vor, da du nun gehst mit mir?»

Wie denen, die, vor Höhern redend, zagen,
So daß in übergroßer Ehrfurcht Bann
Nicht zu den Zähnen vordringt, was sie sagen,

Ging mir es, als ich klanglos schier begann:
«Madonna, was mir not tut, zu erlangen,
Wißt ihr und auch, was helfen dazu kann.»

Und sie zu mir: «Vom Schämen und vom Bangen
Will ich, daß fürder frei dein Herz sich mache,
So daß du nicht mehr sprächst wie traumbefangen.

Vernimm: Die Lade, die zerschlug der Drache,
Sie war und ist nicht, doch wer schuld daran,
Merk', daß kein Panzerhemd scheucht Gottes Rache.

Nicht immer unbeerbt wird sein fortan
Der Aar, der sein Gefieder ließ im Wagen,
Weil Bestie dieser ward und Beute dann:

Schon kann ich deutlich (und ich will's drum sagen)
Aus nahem Stern die Zeit uns kommen sehn,
Vor Einbruch sicher, Hindernis und Plagen;

Drin tötet ein fünfhundert fünf und zehn,
Den Gott schickt, jene Dirn' und (der mit ihr
In Sünden fährt) den Riesen, ja, auch den.

Klärt selbst mein dunkles Wort, das klinget dir
Wie Sphinx und Themis, wenig deine Blicke,
Weil es wie die den Geist umnebelt schier,

Bald lösen als Najaden die Geschicke
Das Schwere auf, das hier im Rätsel droht,
Doch Frucht wie Herde leiden keine Tücke.

Du höre, und, wie hier mein Wort jetzt loht,
So lehr' es den Lebend'gen im Gewühl
Des Lebens, das ein Rennen ist zum Tod.

Und acht gib, wenn es niederschreibt dein Kiel,
Nicht zu verschweigen, wie du sahst die Pflanze,
Die zweimal nun dem Raube hier verfiel.

Wer je sie zerrt, wer raubt von ihrem Kranze,
Kränkt Gott und flucht Ihm tätlich, der gewiß
Sie heilig schuf nur Ihm zum, Nutz und Glanze.

Die erste Seele, da hinein sie biß,
War bang darob mehr als fünftausend Jahr
Nach ihm, der an sich selbst bestraft den Biß.

Es schläft dein Geist, wenn er nicht wird gewahr,
Warum sie ganz besonders steht erhaben
Und sich am Wipfel umgekehrt heut dar.

Und hüllte, gleich der Flut in Elsas Graben,
Nicht eitles Denken deinen Geist noch ein,
Ihn, wie den Maulbeer Pyrams Blut, zu laben,

So sähst durch so viel Zeichen du allein
Gottes Gerechtigkeit am Baum vollendet
In des Verbots moral'schem Widerschein,

Doch will ich, da dein Geist zu Stein gewendet,
Des Farbe, seh' ich, trübe ihn umhüllt,
So daß das Licht in meinem Wort dich blendet,

Daß du, wenn nicht geschrieben, doch im Bild,
Es in dir heimträgst und es dir bedeutet,
Was Palmgewind am Pilgerstabe gilt.»

Und ich: «Wie unterm Siegel Wachs sich breitet
Und läßt des Bildes Prägung treu bestehen,
So ist von euch mein Hirn jetzt zubereitet.

Doch warum fliegt weit über meinem Sehen
Eu'r holdes Wort, denn, mag ich auch mich müh'n,
Seh' immer ferner ich's verloren gehen?»

«Daß du erkennest» sprach sie «die Doktrin,
Der du gefolgt, und wie es ihr gelingt,
Zur Folgschaft meines Worts dich zu erzieh'n,

Und sähst, wie euer Weg weit abseits springt,
So fern vom göttlichen, wie fern die Erde
Vom Himmel, wo am höchsten er sich schwingt.»

Drauf ich: «Daß je von euch ich ab mich kehrte,
Sagt mein Gedenken mir an keiner Stelle,
Noch fühl' ich Reu darob, die mich beschwerte.»

«Und findet dein Erinnern nicht die Schwelle»
Sprach lächelnd sie «so denke nur daran,
Daß du erst heute trankst aus Lethe's Quelle.

Und wie der Rauch das Feuer kündet an,
Weist dies Vergessen deutlich, daß dein Wille
Verschuldet war, wenn er auf andres sann.

So tut's wahrhaftig not, daß nackt dir quille
Mein Wort fortan, so weit sich's, ziemt, daß ich
Es deinem rohen Blicke ganz enthülle.»

Die Sonne wuchs im Glanze noch und wich,
Nun stetern Schritt's, nicht aus dem Mittagskreise,
Der deckt allorts mit den Aspekten sich,

Da hielten die sieb'n Frau'n (wie solcherweise
Ein Vortrab stockt, der auf die Sicherheit
Des Zugs bedacht, wenn Fremdes kommt am Gleise)

Wo Schatten anhob, der so blaß sich beut,
Wie ihn durch schwarz Geäst und Blättergrün
Die Alpe ihren kalten Bächen streut.

Vor ihnen floß ein Born, der ließ, wie's schien,
Euphrat und Tigris, sie vereint entsendend,
Getrennt dann, so wie Freunde zögernd, zieh'n.

«O Glanz, o Ruhm, das Menschentum vollendend!
Welch Wasser ist dies, das zutag hier mündet
Aus einem Quell, dann von sich ab sich wendend?»

«So fleh» ward auf mein Flehen mir verkündet
«Matelda, dir's zu sagen» und begonnen
Hat, wie der tut, der aus der Schuld sich windet,

Die schöne Frau : «Gar vieles, auch den Bronnen
Erklärt' ich ihm, und sicher kann ich sein,
Daß in der Lethe dies ihm nicht zerronnen.»

Beatrix drauf : «Vielleicht daß Sorg und Pein,
In denen oft Erinnrung wird versiegen,
Das Auge seines Geistes hüllen ein.

Doch sieh dort Eunoë, dem Quell entstiegen;
Führ' ihn zu ihr, und wie du sonst pflegst immer,
Beleb' ihm jene Kraft, die im Erliegen.»

Gleich einer Huldin, die verweigert nimmer
Den fremden Wunsch, der ihrer wird fortan,
Sobald von ihm sich äußert nur ein Schimmer,

Trat jene schöne Frau vor: Es umspann
Ihr Griff mich und, auf Statius bezogen,
Sprach hold gebietend sie: «schließ dich ihm an.»

Wohl, Leser, säng' ich noch - böt' Raum der Bogen -
Vom Tranke einen Teil der Süßigkeiten,
Daran ich nie mich hätte satt gesogen;

Doch voll sind für dies zweite Lied die Seiten,
Bemessen nach dem Plan an jeder Stelle,
Drum läßt der Zaum der Kunst mich nicht mehr schreiten:

Ich kehrte wieder aus der heil'gen Welle,
Erneuert, wie erneut in seinen Kernen
Der Baum sproßt, daß er grüne neu und schwelle,

Rein und bereit, zu steigen zu den Sternen.


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