Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 01
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 01

Die Herrlichkeit des Schöpfers, der das Ganze
Bewegt, die Glorie, die das All durchdringt,
Strahlt hier in stärkerm, dort in schwächerm Glanze.

D o r t war ich, wo das meiste Licht entspringt:
Im Himmel! Schaute Dinge, die zu sagen
Menschlicher Kraft und Zunge nicht gelingt.

Denn, dicht an seiner Sehnsucht Ziel getragen,
Sinkt unser Geist so tief: den Rückweg weiß
Erinnerung nicht wieder einzuschlagen.

Doch was zu sammeln nur vermocht mein Fleiß
An Schätzen aus dem heilgen Reich - das gebe
Als Stoff dem Liede mein Gedächtnis preis.

Und wo ich mich zum letzten Gang erhebe,
Gütger Apoll, gieß deine Kraft mir ein,
dass dein geliebter Lorbeer mich umwebe.

Bis hierher mochte mir genügend sein
Ein Joch vom Berg Parnass! Jetzt brauch ich beide,
Soll mir des Wettlaufs Schluss den Sieg verleihn.

Lass deinen Hauch mich fühlen, der dem Neide
Die Strafe gab, als du den Marsyas
Aus seiner Haut zogst wie aus einer Scheide.

O Gotteskraft, sei mir geneigt und lass
Des selgen Reiches Umriss mir gelingen,
Wie mir’ s im Geiste nachglänzt, wenn auch blass;

Zu deinem teuern Baum dann will ich dringen,
Geweiht von meinem Stoff, gestärkt von dir,
Und mir den Lorbeer um die Schläfe schlingen.

Wenn heut, o Vater, sich mit dieser Zier
Poet und Kaiser selten sucht zu schmücken -
(O Schuld und Schmach gesunkner Ruhmbegier!)

So muss es wohl dich freuen und beglücken,
O heitre Gottheit Delphis, siehst du einen
Doch noch Peneisch Laub mit Eifer pflücken!

Ein Brand wird aus dem Funken oft, dem kleinen:
So wird vielleicht in Cyrrhas feuchten Gründen
Nach mir ein Bessrer um Bescheid erscheinen! - -

Dem Sterblichen steigt aus verschiednen Schlünden
Des Weltalls Leuchte auf, doch wo vier Kreise
In dreier Kreuze Durchschnittspunkt sich ründen,

Fängt sie mit besserm Sterne an die Reise
Und bildet - wie aus weichem Wachse grabend -
Der Erde Form und Schmuck auf reichre Weise.

Solch Sonnenstand gab diesseits beinah Abend
Und jenseits Tag - hier dunkles Schwarz, dort brannte
Der Himmel, noch im Silberglanz sich labend -

Als Beatrice sich zur Linken wandte
Und in die Sonne sah, fest, ungeblendet,
Wie nie ein Aar den Blick zur Sonne sandte!

Und wie so oft der erste Strahl entsendet,
Im Widerschein rückblitzend, einen zweiten -
Gleich einem Pilgrim, der sich heimwärts wendet -

So ließ von ihrem meinen Blick ich leiten,
Dass ich gleich ihr, mehr als sonst üblich wäre,
Die Sonne aushielt, ohne abzugleiten.

Denn vieles ist erlaubt auf jener Sphäre,
Was hier versagt ist, dank dem Himmelsort,
Bestimmt, dass einst sich dort der Mensch verkläre!

Doch fuhr ich nur so lang im Schauen fort,
Als ich gleichwie von glühnden Schmiedeeisen
Sie Funken sah versprühen hier und dort;

Und nun, als ob zwei Tage in den Gleisen
Sich kreuzten, schien durch des allmächtgen Hand
Noch eine zweite Sonne herzukreisen.

Starrblickend auf die ewgen Kreise stand
Die Herrin - doch von i h r e m, glutentfachten
Gesicht ward meins vom Himmel abgewandt,

Bis ihre Augen mir Verzückung brachten
Wie einst dem Glaukos, als er von den Kräutern
Genoss, die ihn zu einem Meergott machten.

O Übermenschlichsein! Den Seelendeutern
Fehlt Wort hier und Begriff! Doch wen’ s erproben
Die Gnade lässt, verzichtet auf’ s Erläutern!

Ob ich im Leib, ob außerm Leib erhoben?
Du weißt es, heilge Liebe, die du lenkst
Die Welten und im Licht mich trugst nach oben!

Als mich der Kreislauf, den du ewig schwenkst
In Sehnsucht, durch den Einklang angezogen,
Den du - verteilt zum Wohllaut - weiterschenkst,

Da schwamm in roter Glut der Himmelsbogen,
Endlos! Wie Strömung oder Regenflut
Wohl niemals schwellten eines Sees Wogen.—

Der ungewohnte Klang, das Sonnenblut
Erregten nach dem Grund mir solch Verlangen,
Wie ich es nie empfand mit schärferer Glut.

Sie, deren Blicke klarer mich durchdrangen
Als ich mich selber, stillte das bewegte
Gemüt, eh meine Frage noch ergangen,

Und sprach zu mir: »Dein eigner Irrwahn legte
Die Binde dir ums Auge; um zu sehen,
Reiße sie ab, die Blindheit dir erregte.

Du glaubst noch auf der Erde Grund zu stehen,
Doch seinem Glutblitz ist kein Blitz entschossen
So schnell, als wir ihm jetzt entgegengehen.«

Dies kurze Wort, das lächelnd ihr entflossen,
Konnte den Wahn mir siegreich niederstreiten,
Doch schon hielt mich ein zweites Netz umschlossen.

Ich sprach: »Mein großes Staunen weicht beizeiten,
Indes ich staunend neues Rätsel finde,
Weil wir durch leichte Stoffe aufwärts gleiten?«

Mitleidig seufzte sie, und zärtlich linde
Ließ sie die Augen auf mir ruhn, als hinge
Ein Mutterblick am fieberkranken Kinde.

»Ordnung hält miteinander alle Dinge
Verknüpft,« sprach sie, » d i e formt das Weltall nur,
Dass sie es mit Gottähnlichkeit durchdringe.

Die hehren Wesen sehn in ihr die Spur
Allewger Tatkraft, der als Endzweck eben
Die Ordnung dient, wie das Gewicht der Uhr.

Jedweden Stoff lässt diese Ordnung streben
Zum Ursprung, wie das Schicksal seine Bahn
Bald fern, bald nahe diesem Ziel lässt schweben.

Drum lenkt im großen Lebensozean
D e r Trieb sie alle zu verschiednen Häfen,
Dem jeder von Natur aus untertan.

D e r treibt das Blut durch Menschenherz und Schläfen,
D e r presst den Erdball rund - und ohne d e n
Wir auf dem Mond nicht Licht noch Feuer träfen.

Und nicht nur auf die t o t e n Dinge gehen
Von diesem Bogen aus die sichern Pfeile,
Auch Herz und Geist muss sich getroffen sehn.

Und Vorsicht, die zum Ganzen eint die Teile,
Schenkt durch ihr Licht dem Himmel endlos Ruh,
In dem der andre kreist mit größter Eile.

So wird zum vorbestimmten Ort im Nu
Uns beide jetzt die Kraft des Bogens bringen,
Der alles hinschießt frohem Ziele zu.

Nicht immer kann der Künstler zwar erzwingen,
dass sein Gebild sich ganz der Absicht füge,
Lässt spröder Stoff sich geistig nicht durchdringen;

So hat oft darin ein Geschöpf Genüge,
Dass von der Bahn, in die es warf der Bogen,
Sich’ s später trennt durch eigenmächtge Flüge,

Als ob der Blitz aus Wolken kommt geflogen,
Und dann verderblich in die Erde schießt,
Wenn Störung ihn der Ursprungsbahn entzogen.

Wenn du dich also aufwärtssteigen siehst,
Ist’ s wunderbarer nicht, als wenn das schräge
Felsbett hinab ein Bach zu Tale fließt.

Seltsamer wär’ s, verharrtest du noch träge
Auf Erden, seit du ihrer Last enthoben;
Sahst du, dass Feuer je am Boden läge?«

Drauf kehrte sie den Blick zurück nach oben.


Gesang 02

O ihr, die ihr im kleinen Boot, verleitet
Von Sehnsucht mir zu lauschen, nachgezogen
Seid meinem Schiff, das im Gesange gleitet,

Vertrauet ferner nicht den Meereswogen,
Kehrt um, lasst an den Heimatstrand euch tragen,
Verlört ihr mich, so wäret ihr betrogen!

Durch niebefahrne Flut will ich mich schlagen,
Minerva haucht, Apoll will mich geleiten,
Die Musenschar zeigt mir den Himmelswagen.

Ihr andern Wenigen, die ihr beizeiten
Das Haupt erhobt zu jener Engelspeise,
Die hier uns nährt, nicht Sättigung will bereiten,

Ihr wagt ins Salzmeer eher wohl die Reise
Auf euerm Boot, folgt ihr der Furchenspur,
Bevor sich glätten meines Kieles Gleise.

Dann sollt ihr staunen! Halb so staunte nur,
Als Jason griff zur Pflugschar statt zum Bogen,
Die Heldentruppe, die nach Kolchis fuhr.

So schnell fast, als der Himmel umschwingt, flogen
Zum gottgeformten Reiche wir hinan,
Vom miterschaffnen ewgen Durst gezogen.

Ich sah die Herrin, s i e den Himmel an:
Und rascher als am Ziel ein Bolz einschlagen,
Hinfliegen und vom Strang sich lösen kann,

Seh ich zu einem Wunder mich getragen,
Das gleich mich fesselt; doch die Führerin,
Vor der stets offen meine Sorgen lagen,

Kehrt freudigschönen Blicks zu mir sich hin:
»Wir sind dem ersten Stern vereint! Drum richte
Zu Gott das Herz mit dankerfülltem Sinn!«

Mir schien’ s, dass eine Wolke, eine dichte,
Uns einschloss: hell, geschliffen fest und rein
Wie ein Demant, funkelnd im Sonnenlichte.

Des Himmels ewge Perle nahm uns ein,
Wie Wassertropfen in sich dringen lassen,
Und ungeteilt doch bleiben, lichten Schein.

War ich nun Leib, und kann Vernunft nicht fassen,
Dass ich in fremde Körper Einlass fand,
Wie ineinanderschachteln sich zwei Massen,

So sei nur heißer unser Wunsch entbrannt,
Die wunderbare Wesenheit zu schauen,
Darin sich Gott und Menschnatur verband.

Dort wird, worauf wir gläubig hier vertrauen,
Uns durch sich selber klar, statt durch Beweis,
Der ersten Wahrheit gleich, drauf Menschen bauen.

Ich sprach: »O Herrin, ewig soll und heiß
Mein Dank für ihn in aller Andacht währen,
Der mich entrückt sterblichem Erdenkreis.

Doch wollt die dunkeln Flecke mir erklären
In diesem Sterne, deretwegen man
Von Kain drunten hört die alten Mähren.«

Sie lächelte ein wenig und begann:
»Wenn du sich Menschenirrtum siehst bekunden,
Wo nicht der Sinne Schlüssel öffnen kann,

So wird dich fernerhin nicht mehr verwunden
Des Staunens Pfeil: Vernunft hat kurze Schwingen,
Selbst wenn sie mit den Sinnen ist verbunden.

Was aber denkst du selbst bei diesen Dingen?«
Und ich: »Was hier verschieden ist an Dichte,
Wird unten auch verschiednen Anblick bringen.« -

»Dir wird dein Glaube bald als Wahn zunichte,«
Sprach sie, »wenn Gegengründe dir’ s erklären
Und du die Augen nicht verhüllst dem Lichte.

Viel Sterne zeigt die achte dieser Sphären,
An Größe ungleich und Beschaffenheit,
Die drum verschiednen Anblick auch gewähren.

Bewirkte dies die Art der Dichtigkeit,
Dann wär in allen e i n e Kraft allein,
Verschieden nur verteilt und angereiht.

Verschiedne Kraft kann aber Frucht nur sein
Verschiednen Formtriebs: bis auf e i n e n schwänden
Dann alle! - S o sahst du bisher es ein:

Doch wenn aus Dünnheit Flecke hier entständen,
Geschäh es nur, wenn Stellen hier und dort
Sich durch und durch ganz ohne Kernstoff fänden.

Oder: wie durch den Leib an manchem Ort
Abwechselnd Fett und Muskeln sich erstrecken,
So kreuzte sich’ s im Monde schichtweis fort.

Das Erstre ließe sich alsbald entdecken
Bei Sonnenfinsternissen, weil das Licht
Durchstrahlen müsste aller Ort und Ecken.

Dies trifft nicht zu. Lass darum sehn, ob nicht
Das zweite gilt; kann auch nicht dies bestehen,
So folgt, dass deinem Satz der Halt gebricht.

Kann hier nicht durch und durch das Dünne gehen,
So muss ein fester Grenzwall sein: hier schließt
Der Gegenpart die Schranke - umzudrehen

Muss sich der Strahl entschließen, und er schießt
Zurück wie Farbe von des Glases Fläche,
Das rückwärts man mit Silberblei vergießt.

Jetzt sagst du wohl: hier zeige größre Schwäche
Das Licht als anderwärts und hier a l l e i n ,
Weil es aus weitrer Ferne her sich breche.

Doch die Erfahrung kann dich leicht befrein
Von diesem Einwurf - pflegt doch sie die Quelle
Des Nährstroms eurer Wissenschaft zu sein.

Drei Spiegel nimm, die dir ein Licht erhelle,
Doch h i n t e r dir sei aufgestellt das Licht,
Zwei stell gleichweit von dir, den dritten stelle

Dazwischen, doch entfernter dem Gesicht
Und so, dass sich in den drei Spiegeln allen
Des Lichtes Widerschein gleichmäßig bricht.

Ist nun das Bild auch kleiner ausgefallen
Im dritten fernsten Spiegel, wird der Schein
Von allen doch gleichkräftig rückwärtsprallen. -

Jetzt, wie die Sonnenglut, tritt Frühjahr ein,
Den Schnee zerschmelzt, so dass auf Weg und Stegen
Die Felder von der Kälte sich befrein,

Will ich, da noch dein Geist im Bann belegen,
Durchdringen dich mit so lebendger Glut,
Dass dir die Wahrheit funkelnd tritt entgegen.

Im Himmel, drin der Friede Gottes ruht,
Schwingt sich ein Körper, dessen Kraft und Walten
Des Weltalls Inhalt fasst in sichrer Hut.

Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten,
Verteilt das Sein den andern Wesenheiten,
Die ungleich ihm, doch in ihm sind enthalten.

Die andern Kreise ordnen und bereiten
Den Kräften allen, die in ihnen leben,
Den Weg, zum Ziel und Samen sie zu leiten.

So siehst du diese Weltorgane weben,
Die das, was sie von oben Grad für Grad
Empfangen, treu nach abwärts weitergeben.

Verfolge scharf den Weg, den ich betrat,
Er wird dich zur ersehnten Wahrheit führen,
Und selber findest du hernach den Pfad.

Der heilgen Kreise Kraft, ihr Drehn und Rühren,
Das muss - als ob des Hammers Kunst verräte
Den Schmied - selger Beweger Anhauch schüren.

Der Himmel, der mit Sternenpracht besäte,
Empfängt des Lenkers Bild, damit er wieder,
Im Abdruck als sein Siegel ihn verträte.

Und wie die Seele, die der Staub hält nieder,
Vielfältge Kräfte ausübt und entfaltet
Durch angepasste vielgestaltge Glieder,

So auch der Weltgeist, der voll Güte schaltet,
Sich in Millionen Sternen kundzugeben,
Indes er selbst als große Einheit waltet.

Und mit dem kostbarn Leib , darin sie weben,
Verschiednen Bund verschiedne Kräfte schließen,
In ihm sich fesselnd wie in euch das Leben.

Und weil die Kräfte heiterm Born entfließen,
Durchleuchten sie den Leib, wie sich im Lichte
Des Augensterns pflegt Frohsinn zu ergießen.

D a s ist der Grund - nicht Dünne oder Dichte -
Dass ihr im Mondlicht seht manch dunkle Stelle,
Die Bildungskraft ist’ s! Dass gerecht sie richte,

Wägt ihrer Güte Maß den Grad der Helle!«


Gesang 03

Die Sonne, die mir einst die Brust erfüllte
Mit Liebe, lehrend so und widerlegend,
Der Wahrheit süßes Antlitz mir enthüllte.

Und ich, bekehrt und nicht mehr Zweifel hegend,
Ich hatte mich zur Beichte schon ermannt,
Die Stirn soweit sich’ s ziemt emporbewegend,

Als ein Gesicht erschien, das mir gebannt
Die Augen hielt, genau es zu erfassen,
Dass mein Bekenntnis aus dem Sinn mir schwand.

Wie uns in Gläsern, in durchsichtig-blassen,
In klaren Bächen, die so glatt und seicht,
Dass sie den flachen Grund erkennen lassen,

Das Antlitz widerstrahlt, nur so gebleicht,
Dass man auf weißer Stirn die stumpfe Helle
Der Perle wohl erkennt nicht minderleicht -:

So sah ich wortbereit an dieser Stelle
Manch Antlitz, das den Gegenwahn mir weckte
Entflammter Liebe zwischen Mensch und Quelle.

Ich wandte mich, sobald ich sie entdeckte,
Zurück, da sie mir Spiegelbilder schienen,
Und wollte sehn, wo denn ihr Urbild steckte,

Doch sah ich nichts und blickte zu den Mienen
Und heilgen Augen meiner Führerin,
Und sah ein holdes Lächeln glühn in ihnen.

»Ich lächle über deinen Knabensinn,«
Sprach sie zu mir, »welch kindlicher Gedanke!
Nur taumelnd geht dein Fuß auf Wahrheit hin,

Auf dass er nach wie vor ins Leere wanke! -
Wahrhafte Wesen sind’ s! Ihr Schwur bewährte
Die Probe nicht, drum bannt sie diese Schranke.

Doch frage sie und glaube das Erklärte!
Das Licht, das sie beseelt, wird nie gestatten,
Dass sie abirren von der Wahrheit Fährte.«

Ich sprach den, der am meisten von den Schatten
Des Worts begierig mir erschien, rasch an,
Da mich auch schon geritzt die Dornen hatten.

»Seligerschaffne Seele, die fortan
Bestrahlt des ewgen Lebens Lustentzücken,
Das nur, wer es genoss, ermessen kann,

Beliebe dir’ s, mich huldreich zu beglücken
Mit deinem Namen und Geschick - o sprich.«
Ein Lächeln sah ich ihre Augen schmücken;

Sie sprach: »Gerechtem Wunsch entriegelt sich
Gern unsre Liebe, die gleich der gesonnen,
Darin als Vorbild unsre spiegelt sich.

Dort unten war ich eine von den Nonnen,
Und prüfst du mich genau, so wird dein Sinn -
Hält mich auch Glanz verschönend hier umsponnen -

Erinnern sich, dass ich Piccarda bin,
Die selig hier verweilt mit andern Frommen
Als dieses trägsten Sternes Bürgerin.

Nur in des Heilgen Geistes Luft entglommen
Sind unsre Herzen, weil er gnädig jetzt
In seine Harmonie uns aufgenommen.

Dies Los, von dir wohl niedrig angesetzt,
Ward uns beschieden, weil von uns auf Erden
Nachlässig ein Gelübde ward verletzt.«

Drauf ich: »Euch scheint in Antlitz und Gebärden,
Ich weiß nicht wie, was Göttliches zu brennen,
Das lässt euch gegen einst verwandelt werden,

So dass es mir erschwerte das Erkennen,
Bevor dein Wort zu Hilfe mir gekommen;
Jetzt muss ich wohlbekannt dein Bildnis nennen.

Doch nun ihr seid zur Freude aufgenommen,
O sag: Sehnt ihr euch nicht nach höherm Ort,
Dort mehr zu wissen unter andern Frommen?«

Erst lächelte sie samt den Geistern dort
Und fuhr dann freudig - als ob sie durchglühte
Die Ursprungsliebe - mich zu lehren fort:

»Hier, Bruder, gibt der Liebe Kraft und Güte
Mit eigenem Besitz Zufriedenheit -
Und nach nichts anderm dürstet das Gemüte.

Wenn wir ersehnten größre Herrlichkeit,
So würde unser Wunsch zuwidergehen
Dem Willen des, der uns hier eingereiht,

Was nicht in diesen Welten kann geschehen,
Wenn L i e b e hier das Band ist des Vereins,
Und du ihr Wesen prüfst, sie zu verstehen.

Denn das gehört zur Form des Seligseins:
In Gottes Willen halten sich und fügen,
Dass unser Wille schmilzt mit ihm in eins!

Drum lässt man hier sich seines Rangs genügen,
Der jeden andern auch erfreut wie Ihn,
Der uns mit seinem Wunsch weiß zu vergnügen.

Sein Wille ward zum Frieden uns verliehn,
Er ist das Meer, zu dem in mächtgem Schwall
Naturprodukt und Gotterschaffne ziehn.«

Da ward mir klar: im Himmel überall
Ist Paradies, strömt auch der Gnadenregen
Auf alle nicht in gleichem Tropfenfall.

Wie wir uns oft nach e i n e r Speise pflegen,
Die uns gesättigt, andrer zuzuwenden,
Dankend zugleich und bittend beiderwegen,

So ließ ich merken, als ich sie sah enden,
Dass ich gern mehr gesehn von den Geweben,
Die sie nicht ihre Spule ließ vollenden.

»Es hob Verdienst und hochvollkommnes Leben
Ein Weib zum Himmel, deren Norm und Lehren
In eurer Welt noch Kleid und Schleier geben,

Um Tag und Nacht dem Bräutgam sich, dem hehren,
Zu weihn, dem ein Gelübde stets gefällt,
Ist’ s gottgefällig und zu seinen Ehren.

Früh war der Welt Getriebe mir vergällt,
Jung trat ich in den Orden im Bestreben,
Zu wandeln, wie es sein Gesetz enthält.

Da rissen Männer, Bösem mehr ergeben
Als Gutem, mich aus meiner stillen Zelle -
Gott weiß: wie dann gestaltet sich mein Leben!

Die hier zu meiner Rechten glänzt in Helle,
Die Lichtgestalt, in der so hell entbronnen
Der ganzen Sphäre reinste Strahlenquelle,

Ihr ward wie mir das gleiche angesonnen:
Auch sie war Schwester, auch von ihrem Haupt
Riss man den heilgen Schleierschmuck der Nonnen.

Dem Herzen aber ward er nicht geraubt,
Trotzdem man - gegen Recht und Pflicht geschah’ s
Zur Welt verhasste Rückkehr ihr - erlaubt!

Das ist der Himmelsglanz Konstanzias,
Der großen! die vom Schwabenwind, dem zweiten,
Des dritten und des mächtigsten genas.«

So sprach Piccardia, sang im Weiterschreiten
Ave Maria und entschwand mir singend,
Wie Steine schnell zum Grund des Wassers gleiten.

Mein Auge folgte ihr, den Glanz durchdringend,
Soweit es ging, bis sie mir schwand im Flug,
Drauf mich, zum höhern Sehnsuchtsziel sich schwingend,

Zu Beatricen trieb des Herzens Zug;
Doch blitzte sie so hell mir in die Augen,
Dass ich zuerst den Anblick nicht ertrug -

Da mochte nicht die Zeit zum Fragen taugen.


Gesang 04

Der freie Mensch wird zwischen zweien Speisen,
Gleich fern, gleich lockend, hungern und vergehen,
Eh er den Vorzug einer wird erweisen:

So blieb ein Lamm auch zwischen Wölfen stehen
In gleichem Zagen zwischen gleicher Gier,
So auch ein Jagdhund zwischen zweien Rehen.

Schwieg ich daher, von gleichen Zweifeln hier
Gleichstark bedrängt, so kann ich mich nicht rügen
Noch loben, denn notwendig war es mir.

So schwieg ich denn; doch war in meinen Zügen
Mir Wunsch und Frage ausgeprägt s o hell,
Wie sich’ s nicht klarer ließ in Worte fügen.

Und Beatrice tat wie Daniel,
Der grimmem Zorn Nebukadnezars wehrte,
Als er entbrannte ungerecht und schnell,

Und sprach: »Ich sah es längst, dass dich verzehrte
Ein Doppelwunsch, und dass von beiden Quälern
Einer dem andern stets das Wort erschwerte.

Du denkst: bleibt nur der gute Wille stählern
Und fest, wie kann mir fremder Zwang den Wert
Und wie den Umfang des Verdienstes schmälern?

Und dann bezweifelst du, was Plato lehrt,
Ob wirklich zu der Sterne Heimatkreise
Die Seele von der Erde wiederkehrt?

Von diesen Fragen wird gleich laut , gleich leise
Dein Herz bestürmt: die erste bleib verschont,
Dass ich der zweiten schärfres Gift dir weise.

Der Seraph, der dem Herrn am nächsten wohnt,
Auch Moses, Samuel, das Johannes-Paar,
Maria selber, die am höchsten thront,

Weilen im selben Himmel wie die Schar
Der andern Geister, die dir hier erschienen,
Auch währt nicht kürzer ihnen Tag und Jahr.

Dem ersten Kreis zur Zierde alle dienen,
Doch ist verschiedner Art ihr süßes Leben,
Wie Gottes Hauch verschieden-fühlbar ihnen.

Sie zeigen hier sich, nicht weil ihnen eben
D i e Sphäre zuerteilt ward, nein zum Zeichen,
Dass sie nicht höher ließ ihr Schicksal schweben.

So wird man nur verständlich euersgleichen,
Denn nur, was euern Sinnen eingeprägt,
Kann dem Verstand zur würdgen Zier gereichen.

Darum erteilt auch, weil sie dies erwägt,
Die Heilge Schrift dem Schöpfer Fuß und Hand,
Die doch dabei im Sinn ganz andres trägt.

So malt auch Kirchenkunst im Menschenstand
Gabriel, Michael und Raphaelen,
Durch den Tobiä Blindheit Heilung fand.

Doch was Timäus lehrte von den Seelen,
Gleicht dem nicht, was hier sichtbar - aber gerne
Glaubt man, er spreche ohne zu verhehlen.

Er sagt, die Seele kehrt zu ihrem Sterne,
Und glaubt, dass sie ihm ehemals entwich,
Als sie Natur dem Körper gab zum Kerne.

Vielleicht ist’ s richtiger, dass man anders sich
Sein etwa missverstandnes Wort erkläre -
Dann ist der Sinn wohl minder lächerlich;

Denn etwas Wahres träf sein Bogen, wäre
Die Meinung so: in Lob und Tadel kehrte
Der Einfluss wieder heim zu seiner Sphäre.

Fast alle Welt verstand, was Plato lehrte,
Zu Unrecht, so dass früher man die Sterne
Merkur, Mars, Jupiter als Götter ehrte. -

Der andre Zweifel birgt in seinem Kerne
Viel weniger Gift und hätte nie vermocht,
Dass sich z u w e i t von mir dein Weg entferne.

Dass Gottes Rat oft scheinbar unterjocht
Der Menschen Recht - das stärke euch im Glauben,
Statt dass ihr ketzrisch auf die Meinung pocht!

Doch weil auch euch zu hoch nicht diese Trauben,
Will ich - damit du siehst, was Wahrheit sei -
Dir gern auf deinen Wunsch den Schleier rauben.

Wenn d a s Gewalt heißt, wo zu keinerlei
Mitwirkung sich der Dulder lässt verpflichten,
So sind von Schuld nicht jene Seelen frei.

Kein Wille, der nicht will, ist zu vernichten
Und wird wie Feuer den Naturtrieb zeigen,
Trotz tausendfachem Druck sich aufzurichten.

Lässt er nachgiebig etwas nur sich neigen:
Er weicht dem Zwang! Drum hätte jenes Paar
Rückfliegen können in des Klosters Schweigen.

Doch beide waren jenes Willens bar,
Durch den Laurentius auf dem Rost verblieben,
Durch den des Mucius Hand so standhaft war;

Er hätte sonst die zwei zurückgetrieben,
Nachdem sie frei, zum Zufluchtsort der Frommen;
Doch wenige gibt’ s, die Willensstärke lieben.

Hast du dies Wort nun einsichtsvoll vernommen,
So sind die Zweifel sicherlich zerstreut,
Die sonst gewiss noch manchmal dich beklommen.

Doch siehe! schon ein andres Hemmnis beut
Sich deinem Wege, das zu überbrücken
Wohl deine schwache Kraft allein sich scheut!

Ich ließ dich’ s fest dir ins Gedächtnis drücken,
Dass Selige nicht lügen, weil sie hier
Sich mit der Ursprungswahrheit Abglanz schmücken.

Und doch bekräftigte Piccarda dir,
Konstanze wär dem Schleier treu geblieben;
So steht sie denn im Widerspruch mit mir?

Furcht vor Gefahr hat manchen schon getrieben,
Wenn widerstrebend auch, zu einer Tat,
Die als ein Unrecht niemand möchte lieben,

Wie auch Alkmäon, weil der Vater bat,
Die Mutter tötete; den Sohnespflichten
Gehorchend übte er als Sohn Verrat.

Dies ist der Punkt, und den vergiss mitnichten:
Wenn auch der Zwang den Willen unfrei macht,
Wird Tat zur Schuld, muss man den Täter richten!

Wille an sich ist nie darauf bedacht,
Zu schaden; doch aus Furcht, dass mehr er leide,
Wenn er sich sträubt, wird Unrecht oft vollbracht.

Piccarda also sprach - dies unterscheide! -
Vom Willen an sich selbst, vom andern i c h ,
Und darum zeugten Wahrheit dir wir beide.«

Also ergoss die heilge Welle sich,
Die aus der Wahrheit Ursprungsquell entsprungene,
Und söhnte aus mit beiden Zweifeln mich.

»Geliebte der Urliebe, Gottdurchdrungene,«
Rief ich, »wie überströmt mit Lebensmut
Solch Wort die Seele mir, die Lichtbezwungene!

Nicht tief genug ist meiner Inbrunst Glut,
Euch Gabe gegen Gabe darzubringen -:
Der alles kann und sieht, mach’ s freundlich gut!

N i e wird dem Geiste Sättigung gelingen,
Als mit dem Licht, das aus der Wahrheit quillt,
Und außer ihr nicht lässt sie sich erringen.

Da ruht er, wie im Dickicht ruht das Wild,
Wenn er’ s erreicht hat, und er kann’ s erreichen,
Sonst bliebe alle Sehnsucht ungestillt.

Drum sprossen, einem Schössling zu vergleichen,
Am Fuß der Wahrheit Zweifel - doch Natur
Spornt uns, vom Weg zur Höh nicht abzuweichen!

Dies treibt nur, dies ermutigt jetzt mich nur,
Dass ich in Ehrfurcht, Herrin, Euch befrage
Nach einer andern Wahrheit dunkler Spur:

Ob Fehlgelübde man im Lauf der Tage
Durch andres gutes Werk ersetzen kann,
Dass es zu leicht nicht laste Eurer Wage?«

Da sahn mich Beatricens Augen an,
Göttliche Liebesfunken darin zeigend,
Dass meine Kraft mir zu entfliehn begann

Und ich mich selbst verlor, die Augen neigend.


Gesang 05

»Siehst du in Liebesglut entflammt mich stehen,
Die deinen Augen so die Kraft benommen,
Wie nie es mag durch Erdenglanz geschehen,

So staune nicht! ein Anschaun, das vollkommen,
Lässt in der Einsicht, die wir schon ergründet,
Fortschreitend wachsen uns zu Nutz und Frommen.

So seh ich auch, wie klarer schon sich kündet
In deinem Geist ein Strahl vom ewgen Licht,
Das, nur gesehn , die Liebe schon entzündet.

Wenn diese aber andrer Reiz besticht,
Geschieht’ s nur, weil von jenem ewigen Schimmer
Verkannter Abglanz diesen Reiz durchbricht.

Du aber fragst: ob Fehlgelübde nimmer
Ein ander gutes Werk ersetzen kann,
Dass frei die Seele bleib von Anspruch immer?«

So Beatrice diesen Sang begann;
Und dem gleich, der gern ohne Störung lehrt,
Ging sie im heilgen Vortrag weiter dann:

»Das höchste Gut, das Gott uns je beschert,
Ein seiner Güte und Freigebigkeit
Vollgültig Pfand, das er selbst höchlichst ehrt,

Ist freier Wille, den als Ehrenkleid
Er allem, was von ihm Vernunft bekommen,
Sonst keinem, stets verlieh und noch verleiht.

Erwäg es! und der hohe Wert des frommen
Gelübdes wird dir klar sein ohne Frage,
Wenn Gott das angebotne angenommen.

Bei diesem menschlich-göttlichen Vertrage
Muss man den höchsten Schatz zum Opfer bringen,
Dass man durch freie Tat sich sein entschlage.

Welch ein Ersatz nun kann dafür gelingen?
Will nicht, auch wer sein Opfer gut verwandt,
Nur aus geraubtem Gut Gewinn erringen?

Den Hauptpunkt hast du richtig nun erkannt;
Doch weil die Kirche darf Dispens erteilen,
So scheint’ s, dass hier ein Widerspruch entstand.

Drum darfst du eher nicht vom Tische eilen,
Bis ich die schwere Kost, die du gespeist,
Verdaulicher dir machte mittlerweilen.

Merk auf und präg mein Wort in deinen Geist!
Nie kann Gehörtes dir die Zeit vernichten,
Wenn du es dauernd zu behalten weißt.

Zwei Punkte braucht’ s, dies Opfer zu errichten;
Der erste: des Gelübdes Gegenstand,
Der zweite: dem Vertrage sich verpflichten!

Nicht eher löst sich dieses letztern Band,
Bis er erfüllt ist; daher gab ich oben
Dir seine Eigenschaft genau bekannt.

Drum war auch bei den Juden das Geloben
Und Opfern nötig, wenn sie dann und wann
Auch dem Gelobten andres unterschoben.

Den Gegenstand des Opfers also kann
Man wohl vertauscht mit einem andern sehen,
Und ohne dass uns Reue tät in Bann,

Jedoch willkürlich darf es nie geschehen;
Gestatten kann allein den Tausch der Last
Des Weißen und des gelben Schlüssels Drehen.

Doch töricht ist’ s, wenn du gewechselt hast,
Und das Ersatzgelübde nicht vom alten
So abweicht, wie die Sechs die Vier umfasst.

Wenn drum Gelübde als so wertvoll galten,
Dass tief die Wage sank durch ihr Gewicht,
Kann andre Zahlung kaum Ersatz enthalten.

O Menschen, spottet der Gelübde nicht!
Seid treu, doch nicht so vorschnell im Versprechen
Wie Jephtha, der des ersten Opfers Pflicht

Mit einem ‚Herr, ich irrte’ hätte brechen
Gesollt, statt Schlimmes tun! Solch arger Schwur
Vermocht’ s, den Griechenfeldherrn zu bestechen,

Dass Iphigenie nicht sich selber nur
Beweinte, nein! Dass jammernd ihrer dachte,
Wer nur von diesem Götterdienst erfuhr.

O Christenvolk, nach festem Grunde trachte,
Nicht haltlos treib, ein Flaum in Windeseile,
Und dass nicht jedes Wasser wäscht, beachte!

Zwei Testamente wurden euch zuteile,
Der Kirche Hirt will euern Führer machen,
Mehr braucht es nicht zu euerm Seelenheile.

Will das Gelüste euern Sinn entfachen,
Seid nicht wie blöde Lämmer - Menschen seid!
Dass euch die Judenbürger nicht verlachen.

Gleicht nicht den Lämmerchen, die vor der Zeit
Der Muttermilch entfliehn, um nach Belieben
Umherzuschweifen in Einfältigkeit.«

So Beatrice sprach, wie hier geschrieben,
Die Sehnsuchtsblicke dahin aufgeschlagen,
Wo kräftger sprießt die Welt an Lebenstrieben.

Ich sah sie schweigen, sah Verklärung tagen
Auf ihrer Stirn, dass ich den Mut verloren,
Obwohl mich Neues brannte, mehr zu fragen.

Und wie der Pfeil sich pflegt ins Ziel zu bohren,
Eh ausgeschwirrt der Strang, ging’ s aufwärts weiter,
Zum Flug ins zweite Himmelreich erkoren.

Wie sah ich meine Herrin doch so heiter,
Als sie der Weg ins neue Sternlicht brachte,
Das gleich zu hellem Glanze schien bereiter.

War der Planet verwandelt schon und lachte,
Bedenkt, wie mir nun selbst zumute war,
Den die Natur so wandelvoll doch machte!

Als ob in einen Weiher still und klar
Ein Brocken fällt, danach man hastig schieben
Und drängen sieht der Fische ganze Schar,

So drängten her, von Neugier angetrieben,
Vieltausend Leuchten und jedwede sprach:
»Seht den! er kommt, zu mehren unser Lieben!«

Und als die Lichter nahten nach und nach,
Da gab sich kund ihr seelisches Entzücken
In einem Blitz, der hell aus ihnen brach.

Denk, Leser, würd ich jetzt dir unterdrücken
Den Schlussbericht, wie quälte dich mit Pein
Der Wunsch, in der Erzählung fortzurücken.

Erwägst du dies, so siehst du leichter ein,
Wie gern ich selber vordrang auf der Fährte,
Um mit der Geister Los vertraut zu sein.

»O du Begnadigter, dem der verklärte
Triumphesthron im Anschaun wird erschlossen,
Obwohl für dich des Krieges Dienst noch währte!

Das Licht entzündet uns, das ausgegossen
Durch alle Himmel: sollen wir dir dienen,
So frage, bis dir Sättigung erflossen.«

Ein Geist von denen, die mir hier erschienen,
Sprach so und Beatrice rief: »Sprich, sprich;
Und wie man Göttern glaubt, so glaub auch ihnen!« -

»Wohl seh ich, würdger Geist, umsponnen dich
Vom Eigenlicht, das dir beim Lächeln immer
Tief aus dem Auge blitzt und seltsamlich.

Doch sag, wer bist du? und was ward der Flimmer
So niedrer Sphäre dir zum Aufenthalt,
Der überstrahlt wird von dem stärkern Schimmer?«

So sprach ich zu der weißen Lichtgestalt,
Die erst mich angeredet: und umzogen
Ward sie von hellerm Freudenglanz alsbald.

Und wie die Sonne, wenn sie aufgesogen
Den Schleier, den der Nebeldunst gewebt,
Sich dann verbirgt durch neue Flammenbogen,

So barg sich mir, von größrer Lust belebt,
Die heilige Gestalt im Strahlenringe
Und gab zur Antwort, flackerglutumbebt,

Was ich im folgenden Gesange singe.


Gesang 06

»Seit Konstantin dem Sonnenlauf entgegen
Den Adler wandte, der dem Lichte war
Mit seinem Ahn gefolgt Laviniens wegen,

Hielt Gottes Vogel sich zweihundert Jahr
Im Grenzgebiet Europens nah dem Hügel,
Wo er zuerst erhob sein Schwingenpaar;

Es ging im Schatten seiner heiligen Flügel
Das Regiment der Welt von Hand zu Hand,
Bis in die meine kam des Reiches Zügel.

Kaiser war ich, bin Justinian genannt,
Und habe nach der ersten Liebe Walten
Hohlheit und Schwulst aus dem Gesetz verbannt.

Doch eh dies Werk ich anfing zu gestalten,
Hab ich im Wahn gelebt - und war’ s zufrieden:
E i n Wesen sei in Christo nur enthalten.

Da war’ s dem heilgen Agapet beschieden,
Dem Oberhirten, dass er mich bekehrte
Und mir den wahren Weg gezeigt hienieden.

Ich g l a u b t e ihm - heut seh ich, was er lehrte,
So klar wie d i r vom Widerspruch bekannt,
Dass Wahrheit er und Irrtum nie entbehrte.

Kaum hatt ich gläubig mich zu Gott gewandt,
Als seine Gnade mich zum Ausgestalten
Des großen Werks berief und würdig fand.

Die Heerkraft ließ ich Belisar entfalten,
Mit dem des Himmels Rechte so im Bunde,
Dass mir’ s ein Fingerzeig, mich still zu halten.

Hier wäre deinem Wunsch genügend Kunde
Gegeben, doch der Inhalt deiner Frage
Heischt einen Zusatz noch aus meinem Munde,

Damit du siehst, in welch unwürdge Lage
Sich jeder bringt, falls er dies heilge Zeichen
Zu rauben oder zu bekämpfen wage.

Der Adler war durch Tugend ohnegleichen
Der höchsten Ehre wert von Anfang an,
Als Pallas starb, die Herrschaft ihm zu reichen.

Du weißt, dass auf dreihundert Jahr er dann,
Und längre Zeit, nach Alba hingeraten,
Bis zwischen sechs der Dreikampf sich entspann,

Kennst vom Sabinerraub an seine Taten
Bis zu Lucretias Schmerz durch jene Sieben,
Die unterworfen alle Nachbarstaaten,

Weißt, wie er Brennus, Pyrrhus hat vertrieben
Und gegen Städtebund und Fürstenschar
Mit Romas Helden stets im Sieg verblieben,

Drob Quinctius, so genannt vom wirren Haar,
Torquatus, Decier, Fabier Ruhm gefunden,
D e n Ruhm, dem gern ich bringe Weihrauch dar!

Arabiens stolzer Leu ward überwunden,
Als Hannibal die Alpen überbrückte,
Wo du, o Po, entströmst den Felsenschrunden.

Er war’ s, der Scipio und Pompejus schmückte,
Das Jünglingspaar, mit grünem Lorbeerreis,
Drob deinen Heimathügel Herzleid drückte.

Als dann die Zeit sich nahte, wo den Kreis
Der Welt erfüllte neuer Himmelsschein,
Nahm Cäsar selbst den Aar auf Roms Geheiß.

Was er bewirkt vom Varus bis zum Rhein,
Saone und Seine sah’ s und was im Sprunge
Sonst talwärts in die Rhone stürzt hinein.

Wie aus Ravenna dann im stolzen Schwunge
Den Rubikon der Aar durchschritt im Flug,
Das schildert keine Feder, keine Zunge!

Zurück nach Spanien ging der Heereszug,
Durazzo wankte, Pharsalus sank nieder,
Dass schmerzlich selbst das Herz dem Nilstrom schlug.

Sah den Antandros und Simois wieder,
Den Heimatfluss, sah Hektors Grab und schwang
Zu Ptolomäus Unheil sein Gefieder,

Worauf er wie der Blitz auf Juba drang,
Dann westwärts flog unaufgehaltnen Jagens,
Wo laut ihm des Pompejus Tuba klang.

Was dann Augustus tat, beheult voll Zagens
Cassius und Brutus hinterm Höllengatter,
Perusium und Mutina beklagen’ s;

Kleopatra auch weinte, vorm Geflatter
Der Römerbanner fliehend, bis die Bange
Den schnellen Tod erkor vom Stich der Natter.

Das Rote Meer gab Halt dem Siegesgange,
Hier schloss der Aar des Janustempels Tor,
Dass Frieden rings die müde Welt erlange!

Doch was er alles, den mein Wort beschwor,
Vorher und nachher tat als Siegeszeichen,
Das Gott zur Herrschaft ob der Welt erkor,

Es scheint gering und muss an Glanz verbleichen,
Wenn wir’ s mit dem in dritten Cäsars Hand
Vorurteilslos und scharfen Blicks vergleichen.

Denn die Gerechtigkeit, die mir in Brand
Die Seele setzt, hat - ihrem Zorn zur Rache -
Der hohen Sühne Ruhm i h m zugewandt.

Nun hör und staune, was ich kund dir mache:
Dem Titius wies der Aar die rechte Bahn,
Dass Rache - strafend alte Schuld - erwache!

Und als verletzt der Langobardenzahn
Die Kirche, sah man unter seinen Schwingen
Als Sieger Karl den Großen hilfreich nahn.

Nun wird dir selbst ein Urteil wohl gelingen
Für die, die ich verklagt um ihr Vergehen,
Draus euers Unglücks Wurzeln all entspringen!

Wider das Reich lässt d e r die Lilien wehen,
D e r lässt die goldnen flattern für P a r t e i e n -
Schwer urteilt man, wo größre Schuld zu sehen?

Der Ghibellin mag seine Künste weihen
Mit anderm Zeichen! jeden packt die Reue,
Wer mit dem Rechte will den Aar entzweien.

Der neue Karl mit seinen Guelfen scheue
Die Klaue, die zerzaust schon manchen Leuen,
Ob er sich größrer Kräfte auch erfreue.

Oft muss der Sohn des Vaters Schuld bereuen,
Und jener wähne nie, dass Gott den Aar
Hingäb, um sich der Lilien zu erfreuen! -

Hier unsern kleinen Stern ziert jene Schar
Erlauchter Geister, denen Ehrbestreben
Und Ruhmverlangen Lebensinhalt war.

Doch muss solch Ehrgeiz falsche Ziele geben,
Und deshalb kann der wahren Liebe Licht
Nur schwach und abgelenkt sich aufwärts heben.

Doch wägen das Verdienst wir am Gewicht
Des Lohns, so steigern wir durch solch Vergleichen
Die Seelenlust, weil beides sich entspricht.

So weiß Gerechtigkeit uns Trost zu reichen
Und süßen Frieden; nichts reißt mehr uns fort
Mit Sucht und Trieb, vom rechten Weg zu weichen.

Verschiedne Töne geben den Akkord,
Verschiedne Stufen geben unserm Leben
So süße Harmonie an diesem Ort.

Und in der Perle hier, in der wir schweben,
Glänzt auch Romeos Licht in reinen Strahlen,
Dem Undank ward für großes edles Streben.

Doch stirbt das Lachen bald den Provenzalen,
Den hämischen: noch mussten stets verlieren,
Die, schmälernd fremden Wert, sich selbst bestahlen!

Vier Töchter hatte Raimund, und den vieren
Verhalf dazu der demutvolle Mann,
Dass sie ihr Haupt mit Kronen durften zieren.

Doch Raimund heischte Rechenschaft sodann,
Durch Neider aufgehetzt, vom treun Verwalter,
Der Fünf und Sieben ihm für Zehn gewann.

Er schied vom Hof, arm und gebeugt vom Alter; -
Wüsste die Welt, was ihm das Herz durchtobt,
Da er Brot bettelte - es säng ihr Psalter

Lauter sein Lob, als man ihn heut schon lobt!«


Gesang 07

»Osanna sanctus Deus Sabaoth,
Superillustrans tua claritate
Felices ignes horum malahot - »

So ließ der Geist ertönen die Kantate,
Als er, gekrönt mit einem Doppelglanz,
Dem Umschwung seines Sternes wieder nahte

Und mit den andern neu begann den Tanz,
Bis er und alle leuchtend mir von hinnen
Blitzschnell zerstiebten wie ein Funkenkranz.

Ich stand und zweifelte und sagte innen
Zu mir: Sprich, sprich und frag die Führerin,
Die deinem Durst lässt süße Labe rinnen!

Allein die Ehrfurcht, die mir Herz und Sinn
Bei B. . und . .ice schon als Kind bezwang,
Bog mir das Haupt wie schlafbefangen hin.

Bald aber sprach sie - und ein Lächeln drang
Auf mich so strahlend, dass es selig machte,
Wen schon des Scheiterhaufens Glut umschlang -:

»Nach meiner Einsicht, die untrüglich, dachte
Dein Sinn: ob rechtlich strafbar sei die Rache,
Die, was sie tat, doch nur gerecht vollbrachte?

Merk auf mein Wort, weil ich in dieser Sache -
Wenn ich bei dir entwirre dies Geflecht -
Dir große Wahrheit zum Geschenke mache!

Der Ungeborene, der nicht für Recht
Den ihm zum Heil verhängten Zaum erkannte,
Verdammte sich damit und sein Geschlecht,

Darob die Menschheit irrtumsvoll entbrannte
Und kränkelnd sich vieltausend Jahr zerquälte,
Bis sich das Gotteswort zur Erde wandte,

Kraft seiner ewgen Liebe sich erwählte
Die ihrem Herrn entfremdete Natur
Und ihr höchsteigen sich im Fleisch vermählte.

Nun folge treulich der gewiesnen Spur:
Der Mensch, neu seinem Gotte hingegeben,
Ward wieder rein wie einst in Edens Flur;

Doch durch sich selber und sein frevelnd Streben
Verschloss er sich hinfort das Paradies,
Weil er nicht schritt, wo Wahrheit ist und Leben!

Und keine Strafe drum gerechter hieß,
Dem angenommnen Leibe nach erwogen,
Als die, die man am Kreuz erdulden ließ,

Und keine ungerechtre ward vollzogen,
Sieht man auf d e n , der dort sein Blut verlor,
Als er Gemeinschaft mit dem Fleisch gepflogen.

Verschiednes ging aus e i n e r Tat hervor:
Gott und den Juden war e i n Tod willkommen -
Die Erde barst, aufsprang des Himmels Tor!

Macht dich dein Zweifel ferner noch beklommen?
Du siehst, dass Rache ein gerecht Gericht
An der gerechten Strafe hat genommen.

Jedoch um all dein Denken spinnt sich dicht
Ein Netz, das dich umknotet, und ich sehe,
Wie gern du lösen willst, was dich umflicht.

Du sprichst bei dir: Ich höre und verstehe,
Doch warum wollte Gott, das s o l c h e r a r t
Und n u r s o das Erlösungswerk geschehe?

Solch Ratschluss, Bruder, liegt zutiefst verwahrt
Für Augen, deren geistiges Erkennen
Noch nicht gestärkt durch Liebesfeuer ward.

Doch höre - weil so viel nach Einsicht brennen
Und wenig nur erreicht all ihr Bemühen -
Dass d i e Art die g o t t w ü r d i g s t e zu nennen!

Du siehst in sich selbstlos und neidlos glühen
Die Liebe Gottes, siehst in Schönheitsprangen
Ihr Wunder ewger Herrlichkeit erblühen.

Was unvermittelt draus hervorgegangen,
Ändert und endet nie, weil dauerhaft
Es ihres Siegels Prägung hat empfangen;

Was sie unmittelbar verströmt und schafft,
Ist völlig frei , braucht keinen Zwang zu scheuen:
Nichts Neuerschaffnes schmälert seine Kraft.

Je mehr ihr’ s gleicht, je mehr wird sie’ s erfreuen,
Weil jene Strahlen, die das All durchschneiden,
Dem ähnlichsten den hellsten Schimmer streuen.

Der Mensch nun darf im Vollbesitz sich weiden
All dieser Gaben, aber fehlt ihm eine,
So muss er seines Adels sich entkleiden.

Unfrei macht ihn die Sünde, sie alleine,
Unähnlich macht sie ihn dem höchsten Gut,
Dass minderhell er glänzt im Himmelsscheine.

Und wenn er sich nicht straft und Buße tut,
Nicht ausfüllt die durch Schuld entstandnen Lücken,
Nie mehr auf ihm die alte Würde ruht!

Eure Natur zerstörte selbst die Brücken
Zum Paradies und jeden Würdenrang,
Seit sie sich von der Sünde ließ berücken.

Unmöglich ist daher ihr Rückempfang,
Wenn nicht der Mensch von diesen beiden Pfaden -
Du wirst es einsehn - e i n e n wählt zum Gang:

Entweder dass Gott selbst die Schuld aus Gnaden
Ihm nachlässt oder: dass die Kraft ihm eigen,
Sich selbst der Torheit Folgen zu entladen. -

Jetzt aber gilt’ s, das Auge hinzuneigen
Zum Abgrund, darin Gottes Ratschluss ruht,
Und meinen Worten folgsam dich zu zeigen!

Den Menschen hinderte sein sündig Blut,
S o d e m u t s v o l l zu neigen sich zur Sühne,
S o t i e f , als h o c h dereinst voll Frevelmut

In seinem Trotz der Ungehorsam-Kühne
Zu steigen suchte - drum wird’ s nie geschehen,
Dass ihm das Reis der Selbstbefreiung grüne.

So stand’ s bei Gott, des Menschen Auferstehen
Zu unversehrtem Dasein zu erneuen -
Er konnte e i n e n Pfad, auch beide gehen.

Doch weil d i e Handlung mehr pflegt zu erfreuen,
Die von des Herzens gütigem Bestreben,
Als ihrem Lichtkern, Glanz weiß auszustreuen,

So schlug die Güte des Allmächtgen eben
In ihrer Liebe b e i d e Wege ein,
Um euch von tiefem Falle zu erheben.

Und zwischen letzter Nacht und erstem Schein
Des Tages sah man edler nichts gedeihen
Als dieses Werk und nie wird größres sein.

Göttlicher war’ s, sich selbst zum Opfer weihen,
Um Kraft euch einzuflößen, zu erstehen,
Als aus sich selbst euch schlechthin zu verzeihen,

Allzu bescheiden wär es anzusehen,
Wenn Gottes Erbe nicht verwandelt sich,
Um demutsvoll im Fleisch einherzugehen! -

Und nun - um vollauf zu befrieden dich,
Muss ich erläutern dir noch e i n e Stelle,
Dass du so deutlich hier erkennst wie ich!

Du sagst: Ich sehe Luft- und Wasserwelle,
Seh Glut und Staub und wie sich’ s mischt auf Erden,
Und seh’ s nach kurzer Zeit vergehn mit Schnelle;

Was musste erst all dies erschaffen werden,
Wenn, deinem Wort zum Trotz, es kurzerhand
Doch fühlt des Alters und Vergehns Beschwerden? -

Nur Engel, Bruder, nur der Reinheit Land,
Wo du jetzt weilest, werden - wie sie walten
Und sind - mit Recht Erschaffene genannt.

Was Elemente bauen und gestalten,
Und diese selber, lässt der Herr allein
Aus angeborner Formkraft sich entfalten.

Geschaffen ward ihr Stoff, ihr Ursprungssein,
Geschaffen ward die Bildungskraft dem Kranze
Der Sterne, die uns Licht und Wärme leihn;

Wie sie erstrahlen und sich drehn im Tanze,
Entlocken sie - nach Art und Fähigkeit
Des Stoffs - die Seelen ihm für Tier und Pflanze.

Jedoch unmittelbar zum Leben weiht
Uns Gottes Güte, dessen Liebeswehen
Uns ewgen Heimatdrang nach ihm verleiht.

Verständlich wird dir unser Auferstehen,
Wenn du zurück denkst, wie der Werderuf
Des Erdenfleisches Schöpfung ließ geschehen,

Als Gott der Menschen Erstlingspaar erschuf.«


Gesang 08

Es wähnte einst die Welt, törichterweise,
Die schöne Cypris strahle Glutverlangen
Nach Liebe aus vom dritten Nebenkreise,

Weshalb die alten Völker, wahnbefangen,
Mit Weihesang und reicher Opfergabe
Zu ihren Ehren manches Fest begangen.

Verehrt ward auch Dione und ihr Knabe
Kupido, und sie glaubten die Legende,
Dass er in Didos Schoß gesessen habe.

Cypris nun gab dem Stern die Namensspende,
Von dem bekannt, dass, mit dem Sonnenlichte
Liebäugelnd, er sich zu und von ihm wende. -

Ich fühlte nicht, dass unser Flug sich richte
Zu ihm, doch dass wir dort, bewies mir bald
Die Herrin mit verschöntem Angesichte.

Wie Funken man erkennt, wo Feuer wallt,
Wie man im Chor heraushört Einzelstimmen
Nach Einsatz, Pause oder Tonaushalt -

So sah ich Lichter hier im Lichte schwimmen
Und mehr und minder schnell sich kreisend drehen,
Wie sie im Anschaun schwach und stark entglimmen.

Nie mochten Wirbelwinde schneller wehen
Aus kalter Luft - ob sichtbar oder nicht -
Dass sie nicht langsam schienen d e m zu gehen,

Der hier gesehn, wie blitzschnell Licht um Licht
Herflog zu uns, abbrechend seinen Reigen,
Den der Seraph als Urbeweger flicht.

Zum Himmel hörte ich Hosanna steigen
So unbeschreiblich, dass, seit ich’ s vernommen,
Der Wunsch, es neu zu hören, nicht will schweigen.

Und einer aus der Schar, der nahgekommen,
Begann: »Auf dass dir Freude wird zum Lohne,
Sind dir willfährig gern hier alle Frommen.

Ein Kreis, ein Schwung, ein Drang hält nach dem Throne
Der Himmelsfürsten uns, für die entbrennend
Du einst auf Erden sangest die Kanzone:

Die ihr den dritten Himmel lenkter kennend!
Erquickung ist’ s uns, wenn wir dir zuliebe
Hier etwas rasten, uns vom Reigen trennend.

Nachdem ich aufgeblickt im Ehrfurchtstriebe
Zur Herrin und beruhigt wahrgenommen,
Dass sie zustimmend mir gewogen bliebe,

Sprach ich das Licht an, das solch Frohwillkommen
Mir bot, und ließ: »Wie nennst du dich, sprich?« -
Vom Mund mir tönen inbrunstvollentglommen.

Und o! wie mehrte und erhöhte sich
Sein Seelenfreudenglanz, als zum Bescheide
Mir seine Antwort klang so freudiglich:

»Zu früh entwuchs ich meinem Erdenkleide,
Denn wär ich später erst entrückt nach oben,
Ihr merktet weniger vom künftgen Leide.

Du kenntest mich, wär vors Gesicht geschoben
Mir nicht der Wonnen Strahlenmantel hier,
Dem Wurm gleich, der mit Seide sich umwoben.

Du hegtest Liebe, und mit Recht, zu mir:
Gern hätt ich dir gezeigt bei längrem Leben
Von m e i n e r Liebe mehr als Blätterzier!

Wo sich die Fluren links der Rhone heben,
Nachdem sie mit der Sorgue sich verbündet,
Dort wollte man mir einst den Zepter geben.

So auch Ausoniens Kap, wo festgegründet
Gaeta trotzen, Bari und Croton,
Bis wo ins Meer Tronto mit Verde mündet.

Mir glänzte auf dem Haupt die Krone schon
Des Reiches, das benetzt der Donau Wogen,
Sobald den deutschen Ufern sie entflohn;

Und sie auch - deren Meerflut überflogen
Vom Sturm des Eurus wird, die oft mit Rauch
Zwischen Pachino und Pelor umzogen,

Nicht durch Typhoeus, nein durch Schwefelhauch -
Trinacria erhoffte Fürstensprossen
Mit Recht durch mich aus Karl und Rudolf auch,

Wenn nicht die Misswirtschaft das Volk verdrossen,
So dass durch den empörten Racheschrei:
Er sterbe! in Palermo Blut geflossen!

Ahnte mein Bruder dies, er machte frei
Sich gleich vom schmutzgen Geiz der Catalanen,
Eh ihre Gier den Aufruhr führt herbei.

Denn wahrlich! nötig wär es, ihn zu mahnen,
Dass er die schon so stark beladne Barke
Nicht überfrachte, um sich Weg zu bahnen.

Er, karger Sprössling aus freigebgem Marke,
Bedürfte Diener, die nicht ewig sinnen,
Wie ihre Habgier Gold zusammenharke.« -

»O Herr, dass du die Wonnelust tief-innen
In mir, die mich bei deinem Wort durchfließt,
Da wo die Güter enden und beginnen,

So deutlich wie ich selbst erkennst und siehst,
Mehrt meine Lust und steigert ihr Genießen,
Weil sich’ s in Gottbetrachtung dir erschließt.

Wohl ließ dein Wort mir Lust und Lehre fließen,
Doch löse diesen Zweifel mir zuerst:
Wie kann aus edelm Samen Bittres sprießen?«

So ich - und er: »Wenn Wahrheit du begehrst,
So lass mich dir sie erst vor Augen stellen,
Da du bis jetzt ihr noch den Rücken kehrst.

Das Gut, das diesem Reich verleiht den schnellen
Doch selgen Umschwung, lässt als tätge Kraft
Die Vorsicht durch die Weltenkörper schwellen.

Und nicht nur für die Wesen sorgt und schafft
Vorsehend dieser Geist; nein: wohlerwogen
Hält er sie selber und ihr Heil in Haft.

Drum, was auch immer abschnellt dieser Bogen,
Es kommt auf seinem vorbestimmten Lauf
Gleich einem sichern Pfeil ins Ziel geflogen.

Es wäre dieser Himmel sonst, darauf
Du wandelst, keiner Wunderwelt Erreger,
Er schüfe tote Trümmer nur zuhauf.

Dies kann nicht sein: sonst wären auch die Heger
Und Lenker der Gestirne mangelhaft,
Und mangelhaft ihr Schöpfer und Beweger;

Genügt dir, Bruder, diese Wissenschaft?«
Und ich: »Vollständig! Der Natur bleibt immer
Bewahrt zum Wirken Schöpfertrieb und - kraft!«

Und jener: »Sprich, wär’ s für euch Menschen schlimmer,
Wenn ihr nicht Bürger wäret auf der Welt?« -
»Gewiss!« rief ich; »ich zweifle daran nimmer.«

»Und bliebet ihr’ s, wenn ihr nicht treugesellt
Euch ließet zu Beruf und Amt verwenden -
Wie das schon euer Meister festgestellt?«

So folgerte er weiter, um zu enden:
»Drum sind verschiednem Lose auserkoren
Die Wurzeln, die euch dieses Dasein spenden.

Zum Solon wird, zum Xerxes d e r geboren,
Zum Melchisedek d e r , der zum E r f i n d e r
Gleich dem, der fliegend seinen Sohn verloren.

Das Firmament prägt auf die Erdenkinder
Sein Siegel, lässt es wie in Wachs erscheinen,
Bevorzugt Stand und Haus nicht mehr noch minder.

So trennt sich Esau schon seit Kindesbeinen
Von Jakob, und Quirin, dem niedern Sprossen,
Gibt zum Erzeuger man der Götter einen.

Natur im Gleichschritt würde unverdrossen
Erzeugtes dem Erzeuger ähneln lassen,
Wenn es die Vorsicht anders nicht beschlossen. -

Was erst versteckt war, kann dein Blick nun fassen,
Doch dass ich deines Hierseins mich erfreute,
Zum Zeichen des lass dir dies Nachwort passen:

Fällt feindlichem Geschick Natur zur Beute,
Missrät sie so, als ob man auf ein Feld,
Das ungeeignet ihm, ein Saatkorn streute.

Bequemte sich nur immer eure Welt,
Auf die Naturgesetze achtzugeben,
Viel besser mit der Menschheit wär’ s bestellt.

Ihr aber zwingt d e n Mann zum Klosterleben,
Der für das Schwert geboren, um den andern
Statt auf die Kanzel auf den Thron zu heben -

Drum sieht man euch so oft im Irrtum wandern!«


Gesang 09

Schöne Clemenza, als dein Karl im Wahren
Mich so belehrt, wies er den ränkevollen
Betrug mir noch, der euch wird widerfahren,

Doch schloss er: »Schweig, und lass die Jahre rollen.«
Drum schweig ich denn und künde nur: dass bald
Des Räubers Augen euch nachweinen sollen.-

Schon wich zurück die heilige Gestalt
Zur Sonne, die ihr Lebensfülle spendet
Als ihrem Quell, der unversiegbar wallt.

Weh euch, ihr Seelen, ruchlos und verblendet,
Nach eiteln Dingen eure Stirn zu neigen,
Indem ihr euer Herz vom Lichte wendet!

Und eine andre Flamme aus dem Reigen
Hertrat und schien diensteifrig ihr Verlangen
Durch hellres Leuchten liebreich anzuzeigen.

Den Blick an mir ließ Beatrice hangen
Und sah mich mit dem alten Lächeln an,
Das mit Gewährung stets gestärkt mein Bangen,

Worauf ich zu der selgen Glut begann:
»Erhör mich, lass Gewissheit mich durchdringen,
Dass ich in dir mein Denken spiegeln kann.«

Da fing im Hintergrunde an zu singen
Die mir noch fremde, wo sie erst gesungen,
Als freute sie’ s, mir Wohltat darzubringen:

»In des verderbten Welschlands Niederungen
Zwischen der Brenta, der Piava Quelle
Und dem Rialto, meeresflutumschlungen,

Hebt sich ein flacher Berg, von dem die schnelle
Brandfackel einst sich wütend talwärts schwang,
Dass grausem Schrecken sie das Land erhelle;

Mit ihr aus einer Wurzel ich entsprang!
Cunizza war ich und ich strahle hier,
Weil dieses Sternes Glutlicht mich bezwang.

Doch ohne Reu verzeih ich selber mir
Die Ursach meines Loses freudger Seele,
Scheint’ s euerm Pöbel auch unglaublich schier.

Von diesem teuern funkelnden Juwele
Hier neben mir bleibt großer Ruhm den Euern;
Eh dass an Glanz es seinem Namen fehle,

Muss fünfmal das Jahrhundert sich erneuern.
Sieh: ob den Menschen nicht zum zweiten Leben
Die Trefflichkeit im ersten soll befeuern!

Doch will so kühn das Volk sich nicht erheben,
Das Etsch und Tagliamento hält umschlossen,
Selbst Unglück lässt es nicht in Reue schweben.

Doch bald kommt Paduas Blut zum Sumpf geflossen,
Der um Vicenza spült in trägen Wellen,
Weil man der Bürgerpflicht dort ist verdrossen.

Und wo Cagnan und Sile sich gesellen,
Geht heut noch einer stolzen Haupts einher,
Zu dessen Fang sich schon die Netze stellen.

Wär’ s denkbar auch, dass Feltro - wo es schwer
Den Treubruch büßt - des Frevlers je vergäße,
Wie wohl kein schlimmrer in ganz Malta mehr?

Kein Fass auf Erden soviel Raum besäße,
Um alles Blut Ferraras aufzuspeichern -
Und müde würde, wer es quartweis mäße;

Doch lässt sich andre ‚gütigst’ dran bereichern
Der Pfaff - und schimpft sich noch Parteifreund dreist;
Solch Huldgeschenk ist Brauch bei diesen Schleichern!

In Himmelsspiegeln, die ihr Throne heißt,
Wird Gott im Abglanz richtend niedersehen,
So dass mein Wort sich wahrgetreu erweist. - »

Cunizza schwieg und gab mir zu verstehen,
Dass sie auf andres achte, denn sie wandte
Sich wieder in des Sternes Schwung und Drehen.

Der andre, den vorhin Juwel sie nannte,
Der Wonnigliche, ließ mich Wunder schauen,
Als ob ein Sonnblick in Rubinen brannte.

Die Freude lässt uns d r o b e n übertauen
Mit Glanz, auf E r d e n lächeln: so lässt Pein
Die Schatten d r u n t e n finstrer sich umgrauen.

»Alles sieht Gott,« sprach ich; »in seinen Schein,
Glückselger Geist, darf tief dein Schauen dringen,
Kein Wunsch von Gott kann dir verborgen sein.

Lass deshalb deine Stimme - deren Singen
Den Himmel freut, mitjauchzend mit den Frommen,
Die strahlend birgt ein Kleid sechsfacher Schwingen

Lass löschen sie den Wunsch, der mir entglommen!
Könnt ich dein Innres, wie du meins, entdecken,
Nicht ließ ich’ s erst zu einer Frage kommen.« -

»Das mächtigste von allen Wasserbecken
Nächst dem, das um den Erdball schlingt die Wogen,«
So hört ich ihn der Stimme Klang erwecken,

»Ist zwischen Feindeslüsten hingezogen
So weit nach Osten, dass am letzten Rande
Gesichtskreis wird, was dort war Mittagsbogen.

Ich lebte dort im Tal, zwischen dem Strande
Macras und Ebros, das auf kurzem Pfade
Den Genueser trennt vom Tuskerlande.

Die Sonne sieht und flieht im gleichen Grade
Buggea und den Ort, der mich geboren -
Einst ward sein Hafen heiß im blutgen Bade.

Der Name Folko klang vertraut den Ohren,
Dem Himmel leih ich mein Gepränge dar,
Wie ich einst seinem Eindruck war erkoren.

Entflammter nicht des Belus Tochter war
Zu des Sichäus und Creusas Weh,
Als ich - solang sich’ s schickte für mein Haar, -

Glühnder war Phyllis nicht von Rhodope,
Die Demophon betrog, auch des Alciden
Gefühl sprach heißer nicht für Jole.

Doch lächelt man hier reuelos, in Frieden,
Nicht ob der Schuld, dran das Gedächtnis endet,
Nein, weil die Vorsicht weise so entschieden!

Und jene Kunst, die huldreich schmückt und spendet,
Erkennen wir, des guten Zweckes inne,
Dass gleich dem Himmel sich die Welt vollendet.

Doch dass nun ganz Befriedigung gewinne
Dein Wissensdurst nach dieser Himmelssphäre,
Tut’ s not, dass ich den Faden weiterspinne.

Du wüsstest gern, wer in dem Lichte wäre,
Das neben mir erglänzt, als ob die Glut
Der Sonne sich im Silberquell verkläre?

So wisse denn, dass Rahab darin ruht,
Die hier, als Glied erwählt in unsern Orden,
Beprägt mit seinem Siegel, kund sich tut

Und, wo der Schatten von der Erde Borden
Verläuft, vor vielen andern ward empfangen,
Als Christus überwand der Hölle Horden.

Ihr ziemt es wohl, im Himmel hier zu prangen
Als Palmenzweig von jenen großen Siegen,
Die einst zwei Hände an dem Kreuz errangen;

Denn tätig Anteil nahm sie an den Kriegen,
Die Josua geführt im Heilgen Land,
Das nicht mehr scheint dem Papst im Sinn zu liegen!

Und deine Heimat, die durch den entstand,
Der Gott zuerst abtrünnig wies den Rücken,
Und dessen Neid so viele Tränen fand,

Weiß der verruchten Blumen viel zu pflücken,
Die Schaf und Lamm vom rechten Weg gebracht
Durch einen Hirten voller Wolfestücken.

Der Kirchenlehrer wird nicht mehr gedacht,
Der Bibel nicht! jedoch der Dekretalen -
Man sieht’s am Rande - hat man fleißig acht!

Drin wird studiert von Papst und Kardinalen,
Nicht denken sie an Nazareth, den Ort,
Wo seine Schwingen Gabriel ließ strahlen.

Doch Rom und seines Vatikanes Hort
Nebst andern heilgen Stätten, wo gebettet
Sankt Peters Streiter ruhn für Christi Wort -

Sie werden bald vom Ehebruch errettet!«


Gesang 10

Die namenlose Urkraft, die in Liebe
Zum Sohne schaut, die beide Liebe hauchen
In Ewigkeit - sie schuf das Weltgetriebe,

Wie es vor Blick und Geist pflegt aufzutauchen,
So ordnungsreich, dass dank- und lusterhoben
Sich fühlt, wer nur sein Auge will gebrauchen.

Erhebe, Leser, denn den Blick nach droben
Zur heilgen Wölbung, wo du mittenhin
Durch einen Punkt zwei Kreise siehst geschoben.

Dort schwelge an des Meisters Kunst dein Sinn,
Der selbst sie liebt, dass er zu ihrem Preise
Sein Antlitz lächelnd spiegeln lässt darin.

Sieh! wie von diesem Punkt sich, schräg im Gleise
Ein Kreis abzweigt, der die Planeten trägt
Und wirksam dient der Welt nach seiner Weise.

Wär den Gestirnen nicht die Bahn geschrägt,
So wäre viele Himmelskraft verschwendet
Und tot, was eure Welt an Keimen prägt.

Wär minder oder mehr sie abgewendet
Vom graden Weg, nicht hieße Himmelsgang
Noch Erdenlauf des Weltenplans vollendet .

Jetzt bleibe. Leser, still auf deiner Bank,
Und was nur Vorkost war, mit Fleiß betrachte,
Und Lust gewinnst du, eh die Kraft dir sank.

Ich trug dir auf, iss selbst nun das Gebrachte!
Denn all mein Sorgen dreht sich j e t z t und n u r
Um jenen Stoff, der mich zum Schreiber machte. -

Der Dienerinnen größte der Natur,
Die Himmelskraft aufprägt dem Erdenrunde
Und deren Licht uns dient als Zeitenuhr,

Bewegte mit erwähntem Punkt im Bunde
Sich rastlos-drehend im Spiralenzug,
Drin früher sie erscheint zu jeder Stunde.

I c h w a r i n i h r ! und spürte nichts vom Flug
Nach oben: - kann man den Gedanken spüren,
Eh er sich dem Bewusstsein übertrug?

So kann vom Guten Beatrice führen
Zum Bessern hin wie mit Gedankenschnelle,
Dass sich kein Zeiger mag inzwischen rühren.

Was war’ s, was leuchtete mit solcher Helle
Durch’ s eigne Licht und nicht durch Farbenprangen,
Als ich betrat der Sonne Feuerschwelle?

Nicht Kunst, Geist, Übung könnte so verfangen,
Dass hier greifbare Schilderung gelänge;
Nur glauben kann man’ s und zu schaun verlangen.

Umsonst, dass Fantasie so hoch sich schwänge,
Da ihrem Flügel keine Tragkraft eigen:
Wo ist ein Auge, das die Sonne zwänge?

So war ich denn im vierten Dienerreigen
Des hohen Vaters, der ihn sättigt droben,
Um Lebenshauch und Werdelust zu zeigen.

Die Herrin sprach: »Nun heißt es danken, loben,
Dass dich der Engel Sonne voller Güte
Zu dieser sichtbarn Sonne aufgehoben.«

Wenn jemals Andachtsbrunst ein Herz durchglühte,
Das sich dem Herrn, mit tiefster Dankbarkeit
Zu allen Fasern, hinzugeben mühte,

So war dazu das meine vollbereit,
Das jetzt in Liebe heiß zu Gott entbrannte,
(Selbst Bice kam mir in Vergessenheit).

Doch ihr missfiel es nicht: ihr Auge sandte
Ein Lächeln mir, so dass mein Geist sich nicht
In sich verlor, nein: auf die Umwelt wandte.

Und siehe: aus lebendgen Flammen flicht
Um uns ein Kranz sich leuchtender Gestalten,
Süßer von Sang, als glänzend dem Gesicht,

Wie um Latonas Tochter sich entfalten
Zum Kranz die feuchten Dünste dann und wann,
Solang die Fäden diesen Gürtel halten.

So kostbare Kleinodien findet man
Im Hof des Himmels, draus ich wiederkehre,
Dass man dem Reich sie nicht entwenden kann.

So scholl der Sang auch, der unsagbar-hehre;
Wer eignen Flügels nicht hinauf sich schwang,
Der harre eines Stummen, der ihn lehre!

Nachdem die Glutensonnen mit Gesang
Dreimal um uns gekreist wie Nebensterne,
Die um den Pol sich drehn aus innerm Zwang,

Hielten sie still gleich Frauen, die nicht ferne
Vom Tanze lauschend stehen, dass ihr Ohr
Den neuen Klang zum nächsten Tanz erst lerne.

Und aus der einen Sonne klang’ s hervor:
»Wenn sich der Gnadenstrahl in dich ergossen
D e r L i e b e , die durch Liebe wächst empor,

Und sich im Glanz vervielfacht dir erschlossen,
Dass jene Leiter erst dein Fuß gewänne,
Wo Abstieg neu zum Aufstieg lockt der Sprossen,

Wer dann dich nicht zu laben gleich begänne
Mit seinem Wein: unfrei wär der zu nennen,
Unfrei wie Wasser, das ins Meer nicht ränne.

Du möchtest gern des Kranzes Blumen kennen,
Die s i e bestaunen, die dich von der Erde
Aufhob und für die Sternwelt ließ entbrennen?

Ich war der Lämmer eins, die in der Herde,
Mit Sankt Dominikus zur Weide ziehn,
Wo fett wird, wem kein Tand mehr macht Beschwerde.

Der mir zum rechten Nachbar hier verliehn,
Mein Freund und Meister, ist von Köln der weise
Albertus - ich bin Thomas von Aquin.

Drängt dich’ s auch nach der andern Ruhm und Preise,
So folge mit dem Auge meinen Worten,
Dass prüfend es den heilgen Kranz durchkreise.

Des Gratians Lächeln nährt die Flammen dorten,
Der s o sich weihte doppeltem Gerichte,
Dass ihm der Himmel auftat seine Pforten.

Zunächst ihm schmückt den Chor mit hellem Lichte
Der, dem es gleich der Witwe wurde leicht,
Dass er für Gott auf seinen Schatz verzichte.

Das fünfte Licht, dem keins an Schönheit gleicht,
Haucht solche Liebe, dass man eifrig Kunde
Von ihm begehrt, so weit die Erde reicht;

Es birgt den hohen Geist, aus dessen Munde
Die tiefste Weisheit quoll: ihm gleicht kein zweiter -
Wenn Wahrheit wahr ist - auf dem Erdenrunde.

Und jener Kerzenglanz, der sein Begleiter,
Hat Art und Amt der Engel tief durchdacht -
Im Fleische schon ein göttlich Eingeweihter.

Im nächsten kleinern Strahlenschimmer lacht
Der Anwalt, der für Christenruhm geschrieben,
Was Augustin zunutze sich gemacht.

Ist nun von Licht zu Licht im Schritt geblieben
Dein geistger Blick mit meinem Lobeswort,
So fühlst du dich zum achten längst getrieben.

Im Anschaun alles Guten freut sich dort
Die heilge Seele, die dem Trug hienieden
Für Wahrheitsfreunde riss die Maske fort.

Der Leib, von dem sie mit Gewalt geschieden,
Ruht in Cield’or - sie selbst ging aus Tortur
Und Kerkerhaft hier ein zum Gottesfrieden.

Dort: Isidors und Bedas Flammenspur,
Dort: Richards, des Betrachters, der aus hehren
Mysterien mehr als je ein Mensch erfuhr.

Von dem zu mir nun deine Augen kehren,
Ist jener Denker, der’ s dem Tod verargte,
Dass er so säumig war, sein zu begehren;

Sigerius ist’ s, das ewge Licht: er kargte
Mit Schlüssen nicht, scharfsinnig vorzubringen
Missliebge Wahrheit auf dem Garbenmarkte.«

Und wie man morgens hört die Uhr erklingen -
Wenn sich die Himmelsbraut pflegt zu erheben,
Dem Bräutgam Liebesmorgengruß zu singen -

Wie Rad und Zahn dem Triebwerk Anstoß geben,
Bis ein Tingting ertönt mit süßem Klang,
Dass Liebesschauer fromm das Herz durchbeben:

So sah ich, wie der Strahlenkreis sich schwang,
Und hörte süßharmonisch sich verbinden
Die Stimmen, dass vernehmbar solch Gesang

Nur dort, wo nie die Himmelswonnen schwinden.


Gesang 11

Wie töricht ist dein Sorgen doch und Hasten,
O Mensch! - Wie trugvoll sind die Syllogismen,
Die den Gedankenflug mit Blei belasten!

Der folgt dem Jus und d e r den Aphorismen,
Dem steht nach Priesterwürden nur der Sinn,
Der strebt nach Macht durch Waffen und Sophismen,

D e r hofft durch Handel, d e r durch Raub Gewinn;
Der eine ringt, von Sinnenlust umschlungen,
Der andre sinkt durch Müßiggang dahin -:

Indessen ich, dem Trubel ganz entrungen,
Mit Beatricen droben ward empfangen,
Von Himmelslust und Seligkeit umklungen! -

Als sich die Geister wieder rückwärtsschwangen,
Im Kreise standen auf der alten Stelle
Gleich Lichtern, die in hohen Leuchtern prangen,

Da schien mir’ s, dass die Stimme wieder quelle
Aus jenem Lichte, das vorhin begonnen;
Jetzt sprach ich lächelnd, doch in reinrer Helle:

»Wie ich im Glanze Gottes bin entbronnen,
Hab ich im Aufblick zu dem ewgen Lichte
Kenntnis von deines Denkens Grund gewonnen.

Du zweifelst; du verlangst, dass ich in schlichte
Und klare Worte meine Rede kleide
Und deiner Fassungskraft gemäß berichte,

Was ich gemeint mit ‚Fettsein auf der Weide’
Und was ich sprach vom ‚weisheitsvollsten Munde’ -
Und hier ist’ s nötig, dass man unterscheide!

Die Vorsicht - die das Weltall lenkt im Bunde
Mit solcher Weisheit, dass die Nacht umgraut
Den Menschenblick, bevor er dringt zum Grunde;

Sie gab - damit zum Bräutigam die Braut,
Der er in seinem Blut, das uns so teuer,
Sich anverlobt mit wehem Schmerzenslaut -

Die Vorsicht gab der Braut, dass sie ihm treuer
Entgegengeh und sichrer, zwei Genossen
Für rechts und links zum Führer mit und Steuer.

Der eine war von Seraphsglut umflossen,
Dem andern - glänzend gleich den Cherubinen -
War aller Erdenweisheit Schatz erschlossen.

Von einem red ich, aber wer von ihnen
Den einen preist, preist jeden : weil sie beide
Mit ihren Werken e i n e m Ziele dienen!

Bei Chiassos und Tupinos Wasserscheide,
Unfern des seligen Ubaldus Hügel,
Hängt ein Geländ, fruchtreich, in grünem Kleide,

Woher Perugia Frost und Glut vom Flügel
Der Winde fühlt, wo unterm Joch des Zwanges
Nocera knirscht mit Gualdo in den Zügel -

Und dort, wo sanfter wird der Sturz des Hanges,
Ließ eine Sonne Gott der Welt entbrennen,
Wie sie nur selten aufsteigt aus dem Ganges.

Ascesi sollte diesen Ort nicht nennen,
Wer von ihm spricht, weil es zu dürftig wäre:
Als Stadt des Morgens sollte man ihn kennen!

Kaum dass der junge Stern den Himmel kläre,
Beginnt auch schon die Erdenwelt zu spüren
Zum Troste sich die Kraft der neuen Sphäre.

Noch jung, muss Krieg er mit dem Vater führen
Um eine Braut, der man zu öffnen pflegt
So unwillkommen wie dem Tod die Türen,

Bis er vorm geistlichen Gerichte legt
Und coram patre ihre Hand in seine,
Und täglich heißre Liebe für sie hegt.

Elfhundert Jahr saß trüb sie und alleine
Seit dem Verscheiden ihres ersten Gatten,
Bis dieser kam, dass er sich ihr vereine.

Was half’ s, dass in der Fischerhütte Schatten
Sie furchtlos blieb bei jener Stimme Klang,
Vor der die Völker einst gezittert hatten?

Was half’ s, dass sie bei Christi schwerem Gang,
Wo selbst Maria unterm Kreuz verblieben,
Standhaften Muts das Marterholz umschlang?

Doch um nicht länger Rätsel noch zu lieben,
Vernimm jetzt, dass ich unter diesem Paar
Franciscus und die Armut dir beschrieben.

Der Gatten Eintracht wirkte wunderbar
Verzückung und erstaunte Liebesblicke
Und weckte eine neue Heilgenschar,

Dass flugs der greise Bernhard sich die Stricke
Der Schuhe löste und nicht eh geruht,
Bis Frieden ihn, den Eilenden, erquicke.

O unbekannter Reichtum, höchstes Gut!
Es folgt der Braut - weil lieblich sie bemyrtet -
Egidius und Silvester unbeschuht,

Sie folgen, mit der Demut Strick umgürtet,
Der Spur der teuern Frau und des Patrones,
Der sie und die Genossen treu behirtet.

Ist’ s auch der Sohn nur Peter Bernardones,
Kein Kleinmut schiebt vor’ s Herz ihm einen Riegel:
Er lächelt der Verachtung und des Hohnes.

Die Stirn ist königsstolzen Sinnes Spiegel,
Als er den harten Eid schwört Innozenzen,
Der ihm verleiht das erste Ordenssiegel.

Als mehr das Volk ihm zulief aus den Grenzen -
Zu dessen Ruhm man Hymnen sollt erheben
Im Himmel, wo die Freuden ewig lenzen -

Hat Gott es dem Honorius eingegeben,
Dass mit dem zweiten Diadem er lohne
Des Erzmandriten heiliges Bestreben.

Und als er - dürstend nach der Märtyrkrone -
Mit seinen Brüdern sprach von Christi Lehren
Und Wandel vor des mächtgen Sultans Throne,

Doch unreif noch das Volk fand zum Bekehren,
Nahm er, um müßig nicht zu sein, sich wieder
Italiens Frucht an, ihr Gedeihn zu mehren.

Drauf hat ihm Christus, wo Alvern schaut nieder
Ins Land, das letzte Siegel aufgedrückt,
Und noch zwei Jahre trugens seine Glieder.

Als Gott den Heilsberufnen dann entrückt,
Verdienten Lohn und Wonnen ihm zu werben,
Weil er sich stets mit Niedrigkeit geschmückt,

Empfahl sein treustes Weib als echten Erben
Den Brüdern er, dass Liebe man ihr wahre
Uneingeschränkt im Leben wie im Sterben.

Und dass allein aus i h r e m Schoße fahre,
Die lichte Seele heim zu ihrem Reiche,
Verbot dem Leib er jede andre Bahre. -

Wie groß muss sein, der ihm an Würde gleiche,
Wer als Genoss, der Stürme unbeschadet,
Mit petri Schifflein nie vom Ziele weiche.

Und unser Patriarch war so begnadet!
Wer darum folgt, wie er es ihm befiehlt,
Wird wissen, dass er gute Schiffsfracht ladet.

Doch seine Herde hungert jetzt und schielt
Nach andrer Weide, wo die fettern Kräuter,
Sie, die einst unter ihm zusammenhielt.

Und wie die Schäflein immer ungescheuter
Und ferner in die Weite sich zerstreuen,
So kehren sie mit desto schmalerm Euter.

Wohl gibt es derer, die den Schaden scheuen
Und noch zum Hirten halten, doch nicht viele,
Nicht braucht’ s viel Tuch zu Kappen dieser Treuen! -

Wenn dir mein Wort nicht nur gedient zum Spiele,
Wenn du aufmerkend, ohne abzuschweifen,
Der Rede folgtest bis zu ihrem Ziele,

Wird deinem Wunsch zum Teil Befriedgung reifen;
Du siehst den guten Baum zu Splittern werden
Und wirst den Tadel als gerecht begreifen:

Dass fett wird, wem kein Tand mehr macht Beschwerden!«


Gesang 12

Kaum drang aus benedeitem Flammenmunde
Das letzte Wort zu mir, als neu im Gang
Die heilge Mühle anfing ihre Runde.

Doch eh der ganze Kreis herum sich schwang,
Umflocht ein zweiter ihn, der sich an jenen
Im gleichen Rhythmus schloss mit gleichem Sang;

Mit Sang, der unsre Musen und Sirenen
Durch süße Himmelsflöten so besiegt
Wie Sol die Sterne, die nur Licht entlehnen. -

Wie sich durch zarte Wolkenflöre schmiegt
Gleichfarbig, gleichgewölbt der Doppelbogen,
Auf dem der Juno schnelle Botin fliegt,

Wo Außenkreis vom innern wird gezogen
Gleich der, die bis auf’ s Echo schwand durch Glut
Der Liebe wie vom Frühtau aufgesogen,

Wie Gott durch dieses Zeichen kund uns tut,
Dass er den Bund mit Noah eingegangen,
Wonach nie wiederkehren soll die Flut -:

Genau so waren wir auch hier umfangen
Von jenen ewgen Rosendoppelkränzen,
Die sich harmonisch umeinanderschlangen.

Und als nach ihren festlich frohen Tänzen,
Nach all dem Jubelsang und wonnevollen,
Liebreichen, wechselseitigen Beglänzen

Ein Stillstand eintrat durch ein e i n z i g Wollen -
Wie Augen, die auf unsers Willens Wink
Auch nur g e m e i n s a m stillstehn oder rollen -

Da scholl’ s aus einem Licht zu mir, dass flink,
Wie eine Kompassnadel strebt nach Norden,
Mein Blick zu diesem neuen Lichte ging.

Das sprach: »Durch die ich hier verschönert worden,
Die Liebe lässt vom a n d e r n Hort mich singen,
Da man den Gründer pries von m e i n e m Orden!

Wer e i n e n lobt, muss Lob dem a n d e r n bringen,
Und wie sie stets v e r e i n t gestritten hatten,
Muss beiden auch v e r e i n t e r Ruhm erklingen.

Die Heerschar Christi, die neu auszustatten
So schwer war, sah man spärlich, pflichtvergessen
Der Fahne folgen und im Mut ermatten,

Bis der Monarch, der Macht hat unermessen,
Hilfreich die hart Gefährdeten erquickte -
Aus Gnade nur, nicht weil sie würdig dessen,

Indem er seiner Braut zwei Kämpen schickte,
Auf deren Rat und Tat zu neuem Ruhme
Die Schar sich sammelte, die notumstrickte. -

Dort, wo der sanfte Zephir Blatt und Blume
Zuerst erweckt in kosendem Gelüste,
Womit sich schmückt Europens Bodenkrume,

Wo schäumend schlägt die Brandung an die Küste,
Wo, von des Meers Unendlichkeit gewiegt,
Die müde Sonne zeitweis geht zur Rüste -

Dort ist’ s, wo stolz sich Callaroga schmiegt,
Das hochbeglückte, unterm Ehrenschilde,
Darin ein Löwe siegt und unterliegt.

Erzeugt, geboren ward hier im Gefilde
Des Glaubens heilger Bräutgam und Athlet,
Dem Feinde furchtbar, doch den Seinen milde.

Noch ungeboren ward sein Geist durchweht
Von Gott und so mit Lebenskraft befeuert,
Dass er im Mutterleib schon war Prophet.

Denn als er durch den Treueschwur geheuert
Am Taufstein seine Braut, die Christenheit,
Wo reich mit Heil das Paar ward ausgesteuert,

Da träumte seiner Patin, die beim Eid
Das Kind vertrat, welch reicher Ruhm entsprieße
Der Wunderfrucht und dem, der ihr sich weiht.

Und dass sein Wesen klar erkennen ließe
Der Name schon, geschah ein Himmelszeichen,
Dass er nach dem, dem er gehörte, hieße:

Dominikus! - Drum darf ich ihn vergleichen
Dem Ackersmann, der auf den Wink von Christus
Zum Garten kam, um Hilfe ihm zu reichen.

Sein Knecht und Bote war er; fing von Christus
Doch seine Liebe an, die er bezeugt
Beim ersten Rate, der erging von Christus.

Oft fand die Amme demutvoll gebeugt,
Schweigend und wachend ihn auf hartem Kies,
Als spräch er: Sieh, wozu du mich gesäugt!

O Vater, der in Wahrheit Felix hieß,
O Mutter, die in Wahrheit hieß Johanna -
Wenn man den Namen rechte Deutung ließ!

Im Weltdienst nicht, für den man mit Hosanna
Heut den Ostiensis und Taddäus ehrt,
Nein, nur aus Liebe zum wahrhaften Manna

Ward er in kurzem Zeitraum so gelehrt,
Dass er den Weinberg anfing zu umhegen,
Den sonst ein träger Winzer bald verheert.

Vom Stuhl - einst würdger Armut Heil und Segen -
Ja e i n s t ! heut tragen des Besitzers Sünden
Die Schuld, dass Mitleid geht auf andern Wegen -

Vom Stuhl erbat er nicht Dispenz, nicht Pfründen,
Nicht Zehnten, sie der Armut darzubringen,
Noch sah man: »Zwei und drei macht sechs!« ihn künden -

Sein Wunsch war nur, den Irrwahn zu bezwingen,
Der Welt die Kraft d e s Samens zu erhalten,
Draus diese vierundzwanzig Pflanzen dringen.

In Wort und Tat - als ob aus Felsenspalten
Ein Gießbach donnernd Herz und Ohr betäubte -
Schoss er kraft apostolischer Gewalten

Lebendgen Strahl, entwurzelte und stäupte
Der Ketzerei Gestrüpp; und Wucht und Zorn
Wuchs ihm, wo Widerstand sich seiner sträubte.

In kleinre Bäche teilte sich sein Born,
Dass frischbewässert jetzt die Sträucher ragen,
Seit der katholsche Garten frei vom Dorn.

War solcher Art dies e i n e Rad am Wagen,
Auf dem die heilge Kirche stand beim Streite,
Als sie im Bürgerkrieg den Feind geschlagen,

So wirst du deutlich sehn, wie auch das z w e i t e
Vortrefflich war, dem - eh ich vor dir stand -
So liebesreichen Lobspruch Thomas weihte.

Doch ist im Gleis, das einst der höchste Rand
Des Rades furchte, keiner heut zu sehen -
Und Schimmel wächst, wo einst sich Weinstein fand.

Die Schar, die sonst bestrebt ihm nachzugehen,
Von seiner Spur sich längst soweit entfernte,
Dass sie die Fersen setzt, wo er die Zehen!

Doch zeigt den schlechten Anbau bald die Ernte:
Da wird der Lolch, wenn sie den Weizen sieben,
Beklagen, dass er Korn zu sein nicht lernte!

Wer blattweis läse, fände wohl geschrieben
In unserm Buch noch ein- und andermal
Das Wort: so wie ich war, bin ich geblieben!

Doch nicht in Aquasparta noch Casal,
Wo an die Schrift sich solche Leute wagen,
Die teils zu schlaff, zu streng teils an Moral.

Bonaventur hieß ich in Erdentagen -
Im großen Amt hat keiner mich geziehn,
Dass jemals niedern Sorgen galt mein Jagen.

Sieh hier Illuminat und Augustin,
Die mir zuerst als Barfüßer erschienen
Und unterm Strick in Gottes Huld gediehn;

Hugo von Sanvitttore weilt bei ihnen,
Zwei Peter dort: Comestor und Hispan,
Dem zwölf Traktate noch zum Nachruhm dienen;

Der Seher Nathan, Metropolitan
Chrysostomus, Anselm; sieh dort Donaten,
Der siegreich seiner e r s t e n Kunst brach Bahn;

Rabanus und Kalabriens Prälaten
Joachim siehst du hier an meiner Seite,
Der mit Prophetengabe wohlberaten.

Dass solchem Paladin mein Lob ich weihte,
Dazu hat Bruder Thomas mich getrieben,
Der liebentzündet sinnige Worte reihte:

Sein Lob zwang m i c h und a l l e s hier zum Lieben!«


Gesang 13

Dass nun dein Blick, o Leser, besser sieht,
Was ich gesehn - und während ich’ s beschreibe,
Lass feststehn das Gedachte wie Granit -

So denke dir rundum die Himmelsscheibe
Von fünfzehn Sternen so mit Glanz belebt,
Dass er die trübsten Dünste selbst vertreibe -

Denk dir den Wagen, der genügsam strebt,
Am Himmel hinzufahren jede Stunde,
Der rastlos seine Deichsel dreht und hebt -

Denke das Horn dir, wo es mit dem Munde
Der Achse letzten Punkt pflegt zu erreichen,
Um den das erste Rad beschreibt die Runde -

Denke geformt sie aus zwei Himmelszeichen,
Wie eins auf Ariadnes Haupt sich senkte,
Als sie der Frost des Todes ließ erbleichen -

Dann denk, dass eins ums andre strahlend lenkte
Und sich um einen Punkt im Doppelkranz,
Nur nach verschiedner Richtung, wirbelnd schwenkte -:

Dann hast du doch nur erst ganz blassen Glanz
Von dieses Sternbilds Gruppe, die um mich
Sich unermüdlich schwang im Flimmertanz;

Denn unser Wissen lässt dies hinter sich
Soweit als der Chiana träges Rollen
Zurücksteht hinterm schnellsten Himmelsstrich.

Bacchos besang man hier nicht nach Apollen,
Nein: göttlicher Natur in drei Personen,
Der D r e i i n E i n e m hier die Hymnen schollen.

Als Tanz und Sang die heilgen Lichterkronen
Beschlossen, sah ich sie zu mir sich neigen,
Beglückt, mit neuem Liebesdienst zu lohnen.

Da brach aufs neu sein andachtsvolles Schweigen
Das Licht, dem es gefiel, das Wunderleben
Der heilgen Armut mir vorhin zu zeigen,

Und sprach: »Drosch man dir leer ein Strohbund eben,
Und sammelte das Korn man fleißig ein,
Soll Liebe auch vom zweiten Bund dir geben.

Du glaubst: die Brust, aus deren Fleisch und Bein
Der schöne Mund geformt ward, der nachher
Genascht hat, sich und aller Welt zur Pein -

Du glaubst: dass jene, die durchbohrt vom Speer,
Die vor wie nach genügend Sühne brachte,
Dass keine Schuld seitdem wiegt allzuschwer -

Du glaubst: dass beider Brust zur Schale machte
Für alles Licht, das je der Menschheit glänzte,
D i e Kraft, die sie erschaffen und erdachte?

Drum stauntest du, als ich so scharf umgrenzte
Vorhin mein Lob: dass alles unterstünde
Dem Einen, den das fünfte Licht umkränzte!?

Doch öffne d e m dein Auge, was ich künde,
So wahr ist dann dein Glaube und mein Wort,
Wie dass ein Kreis im Mittelpunkt sich gründe.

Was ewig ist - und was hinwelkend dorrt,
Ist nur ein A b g l a n z , der Idee entflossen,
Die liebend zeugt der Schöpfer fort und fort.

Denn das lebendge Licht, das ausgegossen
Vom ewgen Glanzquell ist, bleibt im Vereine
Mit Ihm und Liebe fest zur Drei geschlossen,

Fasst gütig jeden Strahl zu e i n e m Scheine,
Gespiegelt gleichsam in neun Wesenheiten,
Und bleibt in Ewigkeit doch das All-Eine!

Nun kannst du es von Tat zu Taten gleiten
Und stufenweis an Kraft verlieren sehen,
Bis es nur schafft flüchtge Zufälligkeiten,

Darunter solche Dinge zu verstehen,
Die sich entwickeln mit und ohne Samen,
Wie es bewirkt des Himmels Schwung und Drehen.

Doch da die Stoffe, die zur Prägung kamen,
Oft ungleich sind dem Bildner, glänzt zuweilen
Das Urbild mehr und minder hell im Rahmen.

So strotzt in guten Früchten oder geilen
Gleichartger Baum - so pflegt des Schicksals Walten
Auch euch verschiedne Gaben zu erteilen.

Gäb’ s nur vollkommnes Wachs, wies im Entfalten
Der Sterne Reigen stets die v o l l s t e Kraft,
Im Abdruck wär das Siegel g a n z enthalten.

Doch immer gibt Natur es mangelhaft,
Dem Künstler ähnlich, der zwar kunsterfahren,
Doch dem die Hände zittern, wenn er schafft.

Wenn aber Liebesglut ihr Bild dem klaren
Erschaun der Urkraft aufprägt, so muss Großes
Und nur Vollkommenes sich offenbaren.

So war der Tiernatur des Erdenkloßes
Zweimal durch Gott die Höchstvollendung eigen:
In Adam und im Sohn des Jungfraunschoßes.

Ich muss darum zu deiner Ansicht neigen,
Dass nie vollkommner als in diesen Zwein
Sich jemals menschliche Natur wird zeigen.

Doch hielt ich hier im Unterrichte ein,
Du fragtest gleich: Kann also denn im Range
Ein Dritter diesen überlegen sein?

Doch dass du frei kommst aus des Dunkels Zwange,
Bedenk: wer war er? Und aus welchen Gründen
Entstand sein Wünschen, als es hieß: Verlange!?

Nun muss sich’ s klar nach meinem Wort dir künden:
Nach Weisheit nur ging dieses Königs Streben,
Mit Herrschertugend wollt er sich verbünden!

Nicht: wieviel Sternbeweger droben schweben
Wollt er erfahren - nicht: ob das necesse
Mit Möglichem Notwendges kann ergeben,

Nicht: si est dare primum motum esse
Noch: ob im Halbkreis kann ein Dreieck stehen,
Wo nicht ein Winkel neunzig Grade messe.

Erwägst du, was ich sprach, so wirst du sehen,
Dass K ö n i g s weisheit die Zielscheibe war,
Wohin ich ließ den Pfeil der Absicht gehen.

Mein Wort ‚ihm gleicht kein Zweiter’ sagt dir klar,
Ich meinte Könige nur an jenem Orte -
Davon gibt’ s viel , doch sind die g u t e n rar!

Mit solchem Unterschied nimm diese Worte,
Dann kann’ s mit d e m bestehn, was du geglaubt
Vom ersten Vater und von unserm Horte.

Und dies sei Blei am Fuß dir überhaupt:
Stets, wie ein Müder, hastgen Gang zu meiden,
Wo dir nicht J a und N e i n zu sehn erlaubt.

Denn wer da, ohne scharf zu unterscheiden,
Eilfertig ja und nein sagt ohne Sichtung,
Der muss den Tadel größter Torheit leiden.

Die Durchschnittsmeinung rennt in falsche Richtung
Doch gar zu oft, wo bessre Einsicht immer
Der Leidenschaft anheim fällt zur Vernichtung.

Wer Wahrheit fischen will, erhoffe nimmer,
Dass o h n e Übung je ihm lacht Gewinn -
Nein ärmer kehrt zum Strande heim der Schwimmer.

Genug Beweise gibt von solchem Sinn
Parmenides, Bryson, Meliß und viele _:
Sie gingen, doch sie wussten nicht wohin?

Auch Arius, Sabell. Die - weit vom Ziele -
Wie Schwerter fahren durch die heilgen Schriften,
Bis dass ihr gradgebornes Auge schiele.

Übt Vorsicht, Menschen! dass nicht Unheil stiften
Vorschnelle Urteilssprüche! - Überschlagen
Soll man das Korn erst, wenn gemäht die Triften!

Wie oft schon sah ich doch in Wintertagen,
Dass Dornenbüsche stachelspitzig standen,
Die blühnde Rosenmäntel bald getragen.

Und sah schon stolz und schnell durch Meeresbranden
Manch Fahrzeug ziehn und seinem Glück vertrauen,
Das - schon im Hafen - elend musste stranden!

Drum soll nicht gläubig Hinz und Kunz drauf bauen,
Wenn sie d e n stehlen, j e n e n opfern sehen,
Dass sie nun Gottes Ratschluss schon durchschauen:

Denn d e r kann fallen, j e n e r kann erstehen!«


Gesang 14

Vom Mittelpunkt zum Rand und rückwärts wallt
Das Wasser, je nachdem an seine Schale
Ein Stoß von außen oder innen prallt.

Vor meine Seele trat mit einem Male
Dies Gleichnis mir - als das glorreiche Leben
Des heilgen Thomas schwieg im Himmelsstrahle -

Ob dieser Ähnlichkeit: dass d e r soeben
Beschloss und jetzt es Beatricens Mund
Gefiel , im Rückprall gleichsam, anzuheben:

»Dem hier ist’ s nötig, ob er’ s auch nicht kund
In Worten gab, ja noch nicht einmal dachte,
Dass er erschöpfe andrer Wahrheit Grund.

Sagt ihm, ob dieses Licht, dies gottentfachte,
Das euer Sein umblüht, im Glanz wie jetzt
Für ewig währt und ihm kein Ende machte?

Und d a u e r t ’ s, so erklärt ihm, wenn ersetzt
Einst euern Leibern wird das Sichtbarwerden,
Ob es euch dann die Sehkraft nicht verletzt?« -

Wie oft im stärkern Frohsinnsdrang auf Erden
Die Tanzenden, wenn sie den Reigen schlingen,
Mit Jauchzerlaut sich lustiger gebärden,

So zeigte stärkrer Glanz in beiden Ringen,
Dass sie der frommen Bitte Antwort gaben
Mit höherm Lustgefühl und süßerm Klingen.

Wer’ s je beklagt, dass wir zu sterben haben,
Um dort zu leben, hat noch nie empfunden,
Wie Himmelstau erquickend weiß zu laben!

D e r ‚Eins und Zwei und Drei’ bleibt unumwunden,
Der ewig herrscht in ‚Einem Zwein und Dreien’,
Der a l l d a s A l l umfasst, selbst-ungebunden,

Ihn pries dreimal in Wonnemelodein
Der Geisterkranz, dass s o l c h Gesang mir schien
Höchstem Verdienst genügend Lohn zu weihen.

Und aus dem engsten Kreise, dem verliehn
Göttlichstes Licht, klang Stimmenlaut so milde,
Wie einst der Engel wohl gegrüßt Marien:

»Solang das Fest im Paradiesgefilde
Nicht endet, wird sich unsre Liebe schmücken
Mit solchem lichtausstrahlenden Gebilde;

Nach Liebesglut wird Klarheit uns beglücken,
Nach Glut das Anschaun - und dies ist so groß,
Als Gnadenübermaß uns will entzücken.

Doch im verklärten Fleisch und sündenlos
Durchatmet uns ein gottgefällger Wesen:
Wir sind vervollkommt und der Halbheit bloß.

Dann werden wir noch hellern Lichts genesen,
Das gnadenreich das höchste Gut uns spendet,
Und dies zu schaun, wird Er uns Kraft erlesen.

Dann muss das Anschaun wachsen, ungeblendet,
Wachsen die Liebe , die das Schauen nährt,
Wachsen der Strahl , der diese Liebe sendet!

Denn wie die Kohle, draus die Stichglut fährt,
Sie an lebendger Leuchtkraft überwindet,
Dass sie sich stark im Eigenglanz bewährt,

So wird die Glut, die leuchtend uns umrindet,
Besiegen einst des Fleisches lichten Schein,
Wenn Gott der Erdenschollen es entbindet.

Dann wird solch Strahlenmeer uns nicht zur Pein;
Gewappnet - alle Freuden zu genießen -
Wird jedes Werkzeug unsers Leibes sein!« -

Die Chöre riefen Amen gleich und ließen
Die S e h n s u c h t merken durch dies rasche Amen,
Sich ihren toten Körpern anzuschließen,

Nicht nur für sich, als auch in andrer Namen,
Als Eltern, Freunde und was ihnen teuer
Auf Erden war, eh sie zur Lichtwelt kamen.

Und sieh! den frühern Glanz umschlang ein neuer,
Gleichprächtig wie der erste anzuschauen,
Als wenn der Himmel prangt im Morgenfeuer.

Und ähnlich wie beim frühen Abendgrauen
Am Himmel Pünktchen hier und da erglänzen,
Auftauchend bald und schwindend bald im Blauen -:

So schien’ s, dass plötzlich hier mit andern Tänzen
Ein dritter Ring neuartger Wesen kreiste,
Die beiden andern lodernd zu umkränzen.

O wahres Funkensprühn vom heilgen Geiste!
Geblendet schloss sich mir und übermannt
Das Auge, weil urplötzlich alles gleißte!

Doch so in Schönheit lachend und entbrannt
Wies Beatrice sich, dass mir’ s entschwunden
Nebst anderm, dem kein Menschensinn hält Stand.

Als sich die Sehkraft mir zurückgefunden,
Sah ich mit meiner Herrin schon nach oben
Zum höhern Heil entrückt mich in Sekunden;

Doch spürte ich’ s, dass ich emporgehoben,
Am neuen Stern, der mir in lichter Reine
Entgegenlachte, glühendrot-umwoben.

In jener Sprache, die als die all-eine
Von Herzen quillt, bracht ich Dankopfer dar,
Wie sich’ s gebührt, dem neuen Gnadenscheine;

Und dass die Gabe wohlgefällig war,
Ließ mich erkennen schon ein gnädig Zeichen,
Noch eh die Glut erlosch auf dem Altar.

Denn sieh! in zweier Strahlen glühnden Speichen
Erschimmerte korallenrote Pracht -
»O Gott!« rief ich, »wie schön! wie ohnegleichen!«

Wie zwischen beiden Polen pflegt bei Nacht
Milchstrassensterngeschlängel hinzugleiten,
So dass es selbst die Weisen zweifeln macht,

So sterndurchweht sah ich sich hier verbreiten
Den Zwillingsstrahl zum heilgen Kreuzeszeichen
Im Kern des M a r s durch die Quadrantenseiten.

Hier muss die Dichtkunst dem Gedächtnis weichen:
Am Kreuze leuchtend sah ich C h r i s t u m ragen,
So hell, dass es kein Wortbild kann erreichen.

Doch wer sein Kreuz hat C h r i s t o nachgetragen,
Entschuldigt gerne, was ich hier verschwiegen,
Wird ihm in jenem Licht einst C h r i s t u s tagen.

Von Arm zu Arm, vom Fuß zum Gipfel stiegen
Zuckende Lichter, und durch ihren Reigen
Schien beim Begegnen hellre Glut zu fliegen.

So pflegen tanzend wohl mit Heben, Steigen,
Langsam und eilig, grade und geschweift,
Staubteilchen groß und winzig sich zu zeigen

Im Sonnenstrahl, der durch ein Ritzchen streift
Zum dunkeln Raum, wenn Kühlung zu erringen
Absicht und Kunst nach einer Schutzwand greift.

Und wie sich wohlgestimmte Saiten schwingen
Von Harfen oder Geigen süß im Klang,
Mag auch von fern die Weise unklar klingen -

So aus den Lichtern, die das Kreuz umschlang,
Floss eine Melodie, mein Herz berauschend,
Obwohl kein Wort verständlich mir vom Sang,

Als nur, dass er - erhabnen Lobspruch tauschend -
»Steh auf und siege!« rief; war’ s deutlich zwar,
So stand ich doch, umsonst nach Deutung lauschend,

Und hierdurch so von Liebe ganz und gar
Durchzückt, gesteh ich, dass seit jenen Stunden
Mein Herz nie wonniger gefesselt war.

Solch Ausdruck wird vielleicht zu kühn gefunden,
Als trät ich Beatricens Augen nah,
Darin mein Wunsch und Wollen ruht gebunden?

Doch da lebendger Schönheitsausdruck ja
Je höher, desto größre Kraft entfaltet,
Und da ich jetzt nicht i h r e Augen sah,

So hoff ich, dass ihr mich entschuldigt haltet
Und überzeugt seid von des Dichters Wahrheit:
Die Himmelslust wird hier nicht ausgeschaltet,

Je mehr man steigt, je reiner strahlt die Klarheit!


Gesang 15

Hilfreiche Lust, darin die e c h t e Liebe
Ihr wahres Antlitz gütig pflegt zu zeigen,
Wie die Begier verrät die schlechte Liebe,

Gebot dem Klang der süßen Lyra Schweigen
Und Halt dem Schwirren ihrer heilgen Saiten,
Die Himmelshand nachlässt und spannt zum Reigen.

Wie sollten taub sein jene Wesenheiten
Gerechtem Wunsch, die jetzt einmütig schwiegen,
Um selbst zur Bitte Mut mir zu bereiten?

Endloser Klage muss mit Recht erliegen,
Wer dieser heilgen Liebe sich entzieht
Dingen zulieb, die mit der Zeit verfliegen.

Wie man es oft glutstreifig zucken sieht
Durch heiterstille Nacht mit Blitzesschnelle,
Was dann dem überraschten Blick entflieht,

Als hätte dort ein Stern vertauscht die Stelle,
Nur dass kein andrer steht, wo erst er brannte,
Und blitzesschnell er selbst verliert die Helle -

So, wo des Kreuzes rechter Arm sich spannte,
Von da zum Kreuzesfuß ein Lichtstrahl fuhr
Aus jenem Sternbild, das dort Glanz entsandte;

Doch das Juwel entfiel nicht seiner Schnur:
Am Querholz zog dahin das Lichtgebilde
Gedämpft, wie hinter Milchglas, seine Spur

Und sprach zu mir, wie einst Anchises milde -
Wenn Wahrheit aus der Muse Mund geflossen -
Zum Sohn sprach in Elysiums Gefilde:

»O du mein Blut, drauf sich so reich ergossen
Die Gnade Gottes! wem wird doch gleich dir
Des Himmels Pforte zweimal aufgeschlossen?«

So sprach die Glut. Ich blickte hin zu ihr
Und dann zurück in Beatricens Mienen -
Und mich ergriff Erstaunen dort wie hier:

Ein Lächeln war voll Glanz entflammt in ihnen,
Dass mir aus ihren Augen aufzugehen
Des wahren Paradieses Freuden schienen.

Lieblich zu hören, wunderhold zu sehen,
Sprach jetzt der edle Geist von seltnen Dingen,
Doch konnt ich ihren Tiefsinn nicht verstehen.

Nicht Absicht war es, dass sie mir entgingen,
Natürlich war’ s: denn über alle Schranken
Menschlicher Fassung trugen ihn die Schwingen.

Doch als die Feuerpfeile der Gedanken
Allmählich erst vom hohen Fluge nieder
In irdischen Verstehens Grenzen sanken,

Scholl als das erste - mir verständlich wieder -
Der Ruf: »Heil dir, Dreieinigkeit, und Preis,
Die du gesegnet meines Stammes Glieder!«

Und dann: »Was ich ersehnte lang und heiß,
Seit ich in Gottes großem Buch gelesen,
Darin sich nie verwandelt Schwarz und Weiß,

Des bin ich jetzt in dieser Glut genesen,
Aus der ich spreche; heißer Dank sei i h r,
Die Leitstern dir zum Himmelsflug gewesen!

Du wähnest, dein Gedanke käm zu mir
Vom Urgedanken her, wie man entfalten
Wohl aus der Einzahl kann die Drei und Vier?

Drum hast du auch der Fragen dich enthalten,
Wer ich denn sei? Warum ich froher bin,
Beglückter als die andern Lichtgestalten?

Und du glaubst recht: wir alle blicken hin
Zum Spiegel hier, damit er kund uns mache,
Eh du ihn dachtest, des Gedankens Sinn.

Doch dass die heilge Liebe - drin ich wache
Mit stetem Schaun, und die mit Wonnigkeit
Mir Sehnsucht zeugt - dass sie mir heitrer lache,

Lass freudig mir, lass ohne Schüchternheit
Und frei die Stimme dein Verlangen sagen,
Drauf ich die Antwort habe schon bereit.«

Ich sah auf sie - und eh ich noch zu fragen
Vermochte, winkte lächelnd ihr Gesicht:
Ich solle dreist die scheuen Flügel schlagen.

So sprach ich denn: »Bei euch im ewigen Licht,
Seit ihr die erste Gleichheit habt ergründet,
Steht Einsicht und Verstand im Gleichgewicht.

Weil s i e , die euch erhellt, erwärmt, entzündet,
Die S o n n e alles so ins Gleiche bringt,
Wie kein Vergleich der Ähnlichkeit es kündet.

Doch Einsicht, Wunsch, wie sie der Mensch erringt,
Sie sind aus dem euch wohlbekannten Grunde
Zum Flug mit ungleichmäßger Kraft beschwingt, -

Mit solchem Mangel im unlösbarn Bunde
Dank ich als Sterblicher nur mit der Seele
Dir für die Vatergunst, nicht mit dem Munde.

Nun bitt ich dich, o hellstes der Juwele,
Das hier verschönt das funkelnde Geschmeide:
Nicht länger deinen Namen mir verhehle!«

»Du Blättlein, längstersehnte Augenweide,
Sieh deines Daseins Wurzel denn in mir,«
Begann er und fuhr fort dann im Bescheide:

»Der Ahn, der euch vererbt des Namens Zier,
Der länger als seit hundert Sonnenbahnen
Der ersten Sims umkreist im Bergrevier,

Er war mein Sohn, der Vater deiner Ahnen:
Zu kürzen ihm des Bußwegs lange Pein
Durch gute Werke, lass mein Wort dich mahnen!

Florenz, im alten Ringwall, eng und klein,
Von wo noch heute klingen Terz und Nonen,
War mäßig damals, friedlich, sittenrein.

Da gab’ s nicht goldne Kettlein, Krausen, Kronen,
Nicht perlgestickte Schuh noch Gürtelspangen -
Die anzusehn mehr als die Weiber lohnen!

Den Vater machte nicht die Tochter bangen
Bei der Geburt schon, dass sie früh ein schlimmer,
Mitgiftbegierger Freier möcht verlangen.

Bewohnerarme Häuser gab es nimmer,
In Mode war noch nicht Sardanapal,
Mit Prunk zu überladen Saal und Zimmer!

Uccellatojo hatte Montemal
Noch nicht besiegt; wie aber jetzt zum Prangen
Gibt er auch zum Verfall einst das Signal!

Bellincion Bertis Degen sah ich hangen
Im Gurt von Bein und Leder, und sein Weib
Bemalte nicht im Spiegel sich die Wangen.

Mit bloßem Pelzwams deckten ihren Leib
Nerli und Becchio - fleißig sah man tanzen
Die Spindel als der Frauen Zeitvertreib.

O Glück! ins Ausland gab es kein Verpflanzen,
Man starb daheim; die Frau schlief nicht alleine,
Weil Handel nicht ihr Mann trieb mit den Franzen.

Es wachte an der Wiege traut die e i n e
Und ahmte drollig Sprache nach und Ton,
Wie lallend spricht zur Elternlust das Kleine,

Die a n d r e spann den Flachs - und reicher Lohn
Ward ihr, wenn rasch der Abend bei den Mären
Von Troja, Fiesole und Rom entflohn.

Als Wunder müsste damals man erklären
Cianghella oder Lapo Saltarelle,
Was Cincinnat heut und Cornelia wären.

So still-genügsam floss die Daseinsquelle
Friedfertger Bürgerschaft, von Arglist frei,
Hier legte auf so trauter Herberg Schwelle

Maria mich bei meiner Mutter Schrei;
Worauf man mich im alten Taufdom weihte,
Dass ich ein Christ und Cacciaguida sei.

Zwei Brüder nannt ich mein, und die ich freite,
Die Gattin stammte her vom Pogestade;
Von ihr rührt auch dein Name her - der zweite!

Mit Kaiser Konrad zog ich Kriegespfade,
Bis er mich durch den Ritterschlag geehrt
Als Zeichen seiner Dankbarkeit und Gnade.

Ich schwang im gottgefällgen Streit das Schwert
Wider das Schandgesetz, das euerm Recht
Mit päpstlichem Verrat entzieht den Wert.

Dort bin ich durch das schändliche Geschlecht
Von jener gleisnerischen Welt geschieden,
Die viel zu Fall bringt durch ihr Lustgeflecht,

Und ging durch Märtyrtum hier ein zum Frieden!«


Gesang 16

Du, unsers Blutes allzu dürftger Adel,
Wenn du so ruhmesstolz uns machst auf Erden ,
Wo unser Tun und Treiben noch voll Tadel,

Werd ich mich drob nicht mehr erstaunt gebärden,
Seit d r o b e n - wo man doch den Irrtum meidet -
Mein Herz auf dich so stolz noch konnte werden!

Ein Mantel bist du, der an Schrumpfung leidet,
Den - weiß man täglich ihm nichts anzustücken -
Die Zeit mit rascher Schere rings beschneidet.

Mit jenem »Ihr« - womit sich Rom zu schmücken
Zuerst begann, heut ist es außer Sitte -
Trieb mich’ s, ihm meine Ehrfurcht auszudrücken,

Als Beatrice, seitwärts ein paar Schritte,
Mir lächelnd winkte, wie beim ersten Fehle
Ginevras sich geräuspert eine Dritte.

»Ihr seid mein Vater,« sprach ich, »Meine Seele
Hebt hoch Ihr über mich empor, und Mut
Flößt Ihr mir ein, dass ich Euch nichts verhehle.

Aufquillt ein Bronnen reicher Wonneflut
In meiner Brust, doch will sie nicht zerspringen;
Was meinen Geist erfüllt mit stolzer Glut.

Sagt mir, mein teurer Ahne, denn von Dingen
Aus Eurer Kindheit, Euern Knabenjahren,
Nennt mir die Vordern, die voran Euch gingen.

Lasst von Johannis Hürde mich erfahren,
Wie groß sie war, und welche Bürger dort
Der obern Sitze wert und teilhaft waren?«

So heben zur lebendgen Glut sofort
Glimmende Kohlen sich beim Windeshauche,
Wie hier den Ahn verschönt mein Liebeswort;

Und dass nicht nur mein Blick in Schönheit tauche,
Jetzt auch die S t i m m e hold ans Ohr mir drang
In Lauten, wie sie heut nicht mehr im Brauche.

Er sprach: »Vom Tage, wo das Ave klang,
Bis zu der Zeit, wo mich gebar in Qual
Die Mutter, die sich zu den Heilgen schwang,

Zog dieser Stern fünfhundertachzigmal
Zum Löwensternbild heim, um zu entbrennen
Ihm unterm Fuße im verjüngten Strahl.

Gleich meinen Vätern muss ich Stammort nennen
Das letzte Sechsteil, das zuerst berührt
Der Florentiner jährlich Pferderennen.

Dies sei dir als genügend angeführt;
W o h e r die Ahnen und als was entsprossen -
Bescheidnes Schweigen sich darob gebührt.

Die zwischen Mars und Täufer eingeschlossen,
Die waffenfähge Bürgerschaft war klein,
Ein Fünftel kaum der heutgen Heergenossen,

Doch machte sie sich nicht wie ihr gemein
Mit Campi, mit Certaldo und Fighinen -
Ihr Blut blieb bis zum letzten Werkmann rein!

Und besser wär’ s: ihr wäret Nachbarn ihnen
Geblieben, und Trespiano und Galuzz
Könnt euerm Weichbild noch als Markstein dienen,

Als dass ihr jetzt den Muff und Bauernschmutz
Von Aguglion und Signa müsst ertragen,
Die euch betrügen schnöd aus Eigennutz!

Wär nicht der Klerus aus der Art geschlagen,
Hätt er versüßt den Kaisern den Geschmack
Am Herrschen, statt gehässig sie zu plagen,

Längst wär das Krämervolk und Wucherpack
Verduftet aus Florenz nach Simifonti,
Wo schon ihr Ahnherr trug den Bettelsack.

Noch wäre Montemurli Sitz der Conti,
Die Cerchi säßen im Aconer Sprengel,
Und wohl im Grievetal die Buondelmonti.

Stets war des Unheils Grund solch Volksgemengel!
Wie für den Körper Übermaß und Gier,
Ist d a s für jede Stadt ihr böser Engel.

Zu Fall bringt leichter man den blinden S t i e r
Als ein erblindet Lamm, und besser schneiden
Kann e i n e Klinge oft als ihrer vier!

An Luni denk, an Urbisaglia! b e i d e n
Ging’ s schlimm, auch Chiusi wird es kaum verwinden,
Und Sinigaglia liegt schon im Verscheiden!

Drum wirst du’ s weder neu noch seltsam finden,
Dass ein Geschlecht zuweilen untergeht,
Wo ganze S t ä d t e nach und nach verschwinden.

Es stirbt der Mensch und was durch ihn entsteht!
Und zögert oft der Tod, zu überraschen,
Spät dünkt’ s euch, weil ihr selbst so schnell verweht.

Und wie der Mond durch Flutung überwaschen,
Durch Ebbe wieder trocken lässt die Küste,
Spielt mit Florenz das Glück Versteck und Haschen.

Drum staune nicht, dass ich zu klagen wüsste
Ob längst vergessner edler Florentiner,
Von deren Ruhm man heut noch singen müsste.

Ich hab Ormannen, Ugher, Catelliner,
Filipper, Greker, Alberichs gesehen,
Im Sturze noch der Stadt ruhmvolle Diener.

Und sah - die g l e i c h an Ruhm und Alter stehen -
Die von Sanella, Soldanier und Arke,
Ardinghi und Bostichi untergehen.

Am Tor - drauf heute wuchtend drückt so starke
Verräterei, dass baldigst Schiffbruch spürt
Die ohnedies längst überladne Barke -

Stand Ravignanis Stammhaus; daraus rührt
Graf Guido her und was der Bellincione
Berühmten alten Namen sonst noch führt.

Schon wusste, wie es sich zu herrschen lohne,
Der Pressa, schon war Galigajos Schwert
Daheim verziert mit einer goldnen Krone.

Hoch ward der Hermelinschild schon geehrt,
Sacchetti, Giuochi, Galli und Barucci,
Und die das Kornmaß noch mit Scham verzehrt.

Der Stamm, aus dem entsprossen die Calfucci,
War mächtig, und zu den kurulschen Stühlen
Hob man die Sizzi schon und Arigucci.

Und jene sah ich keck ihr Mütchen kühlen,
Die bald gestürzt; die goldnen Kugeln ließen
Florenz sich stolz durch manche Großtat fühlen.

Solch Ruhm will heut der Enkelschar nicht sprießen:
Die mästet sich beim Tode des Prälaten
Und lässt den Wein im Konsistorium fließen!

Die Sippschaft, die entsprosst aus Drachensaaaten
Dem Fliehnden scheint, doch sanft wird gleich dem Lamme,
Zeigt man die Zähne oder die Dukaten,

Kam schon empor, doch aus ganz niederm Stamme,
Weshalb dem Berti es verargt Donato,
Dass er zu solchem Schwager ihn verdamme!

Herab von Fiesole stieg zum Mercato
Schon Caponsacc; als edles Bürgerpaar
Pries man den Giuda schon und Infangato.

Nun höre, was unglaublich, aber wahr;
Das Tor zum kleinen Umkreis stellt bis heute
Ein Denkmal für die Della Pera dar.

Wer nur des schönen Wappens sich erfreute
Des großen Freiherrn - dessen Ruhm und Namen
Beim Thomasfest alljährlich sich erneute -

Von ihm sie alle Ritterschlag bekamen
Und Adelsbrief; doch stieg zum Pöbel nun,
Der um sein Wappen zog den goldnen Rahmen.

Die Gualterotti und die Importun
Erblühten - und blieb fern von Borgos Mauern
Der neue Nachbar, würd es sichrer ruhn.

Das Haus, das Ursprung ward von euerm Trauern
Ob des gerechten Zorns, der euch erschlagen,
Das euer heitres Leben nicht ließ dauern, -

Es stand im Ruhmesglanz in jenen Tagen!
O Buondelmonte, nicht zu deinem Frommen
Ließ falscher Rat der Heirat dich entsagen!

Wie viele wären froh, die jetzt beklommen,
Ließ Gott dich einst vom Emafluss verschlingen,
Als du zum erstenmal zur Stadt gekommen.

Jedoch als Glück und Ruh zu Ende gingen,
Da musste wohl dem alten Trümmersteine
Am Brückenrand Florenz ein Opfer bringen.

Mit solchen Stadtgenossen im Vereine
Florenz so süßes Friedensglück umhegte,
Dass nie ihm Ursach ward, darob es weine,

Dass es den Grund zum schönsten Ruhme legte,
Gerecht und stark, dass mit der Lilienblüte
Die Lanze nie zum Hohn den Boden fegte,

Noch dass sie rot durch Bürgerblut erglühte!«


Gesang 17

Wie jener zu Clymenen lief, dem argen
Verdachte sicher auf die Spur zu kommen,
So dass seitdem mit Worten Väter kargen,

So ich; und so auch ward mein Wunsch vernommen
Von Beatricen und dem heilgen Lichte,
Das sich vom Kreuz getrennt zu meinem Frommen.

Drum sprach die Herrin: »Dreist zu mir nun richte
Den heißen Wunsch, doch komm uns darin rein
Dein inneres Gepräge zu Gesichte.

Nicht dass es kenntnismehrend könnte sein
Für uns - es sei dir nur ein hold Gewöhnen:
Wo Labe fließt, gesteh dein Dürsten ein.« - --

»O teurer Baum, ich seh dich so verschönen
Dein Wissen, dass - wie wir am Dreieck sehen:
Zwei stumpfe Winkel können’ s nicht bekrönen -

Dass du den Zufall, eh er noch geschehen,
In j e n e m Spiegel deutlich siehst erscheinen,
Drin alle Zeiten gegenwärtig stehen.

Als ich den Fuß Virgils anschloss den meinen,
Den Berg hinaufklomm, der die Seelen heilt,
Und dann hinabstieg, wo die Toten weinen,

Ward mir manch dunkler Zukunftswink erteilt;
Und wenn ich mich auch recht als Vierkant spüre,
In den umsonst des Schicksals Stoß sich keilt,

Mir wär’ s doch lieb, dass näher ich erführe,
Welch Los mir droht: gewarnt und vorgesehen,
Schwächt sich ein Pfeil, wo er uns auch berühre.«

So hab ich jenem, der mit süßem Laut
Mich vorhin ansprach, meinen Wunsch vollkommen
Gehorsam Beatricen, anvertraut. -

Nicht unklar noch orakelhaft-verschwommen,
Wie es die blinde Menschheit einst berückte,
Eh Gottes Lamm die Sünde weggenommen,

Nein: klar, mit Worten unzweideutig, drückte
Lateinisch sich mir aus die Vaterliebe,
Die sich im Lächeln barg, mit Glanz sich schmückte:

»Gott schrieb ins Lebensbuch der Welt Getriebe
Und Schicksal ein, wie er es vorbestimmt,
Und ohne dass ihm was verborgen bliebe,

Und ohne dass er euch die Freiheit nimmt;
Wie auch das Schiff, das sich im Auge spiegelt,
Nicht durch des Auges Kraft im Strome schwimmt.

Wie sich das Ohr dem Orgelklang entriegelt,
So wird, was dir die Zukunft lässt geschehn,
Von dorther meinem Blicke klar entsiegelt. -

Wie Hippolyt entflohen aus Athen
Vor seiner zweiten Mutter listgen Ränken,
So wirst du aus Florenz von dannen gehen.

Das wünscht und strebt man dir schon einzutränken,
Und dort, wo Christus täglich steht zu Markt,
Wird d e m es glücken, der dich sucht zu kränken.

Wie stets, wird mit Verlästrung nicht gekargt
Des Unglücks - aber zeugen wird die Rache
Laut für die Wahrheit, bis sie neu erstarkt.

Was dir das liebste nebst dem eignen Dache,
Musst du verlassen: dieser Pfeil entdeckt
Zuerst dir, wie solch Bannfluch elend mache.

Wie scharfgesalzen fremdes Brot doch schmeckt
Erfährst du - und wie über fremde Stiegen
Das Aufundab so bittern Kummer weckt.

Doch wird’ s am tiefsten deinen Stolz besiegen,
Mit jener Schar, der Bosheit ist Bedürfen
Und Arglist Brauch, in e i n e r Kluft zu liegen.

Bald zeigt sie sich an Denkart und Entwürfen
Dir undankbar und ruchlos;doch dabei
Wird s i e - nicht du! - die Stirn sich blutig schürfen.

Doch merkst du erst, wie sie bestialisch sei,
So siehst du, wie es dir nur konnte nützen,
Männlich dich selbst zu machen zur Partei!

Mit erstem Obdach wird dich unterstützen
Die Großmut des Lombarden, dessen Schild
Die Leiter ist, die Adlerflügel schützen.

Dein wird er pflegen rücksichtsvoll und mild,
Dass unter euch vom Geben und Begehren
Das e r s t e ist, was sonst als l e t z t e s gilt.

Dort wirst du i h n sehn, dem von diesem hehren
Gestirn schon durch Geburt ward Kraft gegeben
Zu Taten an Bedeutung reich und Ehren.

Noch konnten auf das Kind sich nicht erheben
Der Völker Augen, weil um seinen Pfad
Neun Jahr lang erst die ewgen Kreise schweben.

Doch eh den hohen Heinrich mit Verrat
Umspinnt der Baske, wird er Funken sprühen,
Er, dem nie Gold und Mühsal Abbruch tat.

So glorreich wird der Herrliche erblühen,
Dass ihn und seine Taten totzuschweigen
Die Feinde selbst vergeblich sich bemühen.

Auf ihn vertrau! er wird sich hilfreich zeigen:
Durch ihn wird Wandel werden, dass die Reichen
Herunter und hinauf die Armen steigen.

Lass nicht dies Wort aus deinem Herzen weichen,
Doch halt’ s geheim . . .« und dann sprach er zu mir
Von Dingen, die noch Wundern werden gleichen

Dem, der sie einst erlebt, und schloss: . . .«Lass hier
Zu meinem Wort dir nun den Schlüssel geben:
Schon droht ganz nah verborgner Fallstrick dir!

Doch auf der Nachbarn bösliches Bestreben
Blick ohne Neid, mein Sohn - denn ihrer Saat
Gerechte Strafe wirst du überleben!« -

Als so der Heilge mir zu wissen tat,
Der Einschlag im Gewebe sei vollendet,
Mit dem ich erst unfertig vor ihn trat,

Begann ich wieder, als der Geist geendet -
Wie man an den sich, der das Rechte sieht,
Wert hält und liebt, um Rat in Zweifeln wendet -:

»Wohl seh ich, Vater, schon, wie näherzieht
Der Tag, der mir mit hartem Stoß will dienen,
Was den am schwersten trifft, der Vorsicht flieht.

Drum heißt es, wappnen sich mit Schild und Schienen,
Damit - muss ich schon e i n e Heimat missen -
Mir nicht die z w e i t e rauben die Terzinen.

Drunten in endlos-bittern Finsternissen,
Am Läuterberg, von dessen Gipfelkreise
Der Herrin Auge mich emporgerissen,

Und dann hier oben auf der Sternweltreise
Vernahm ich viel, das - wenn ich’ s weitersage -
Manchem zu stark gepfeffert dünkt als Speise.

Doch wenn als Wahrheitsfreund ich furchtsam zage,
So flieht man mich, so bin ich tot bei allen,
Die ‚alte Zeit’ einst nennen diese Tage.«

Da sah ich mein Juwel ein Glühn umwallen,
So lächelndhell, als ob die Sonne ließe
Auf goldne Spiegel ihre Strahlen fallen.

Er sprach: »Wer im Gewissen frei nicht hieße
Von eigner Schuld, und wen die fremde drückt,
Wird finden, dass dein Vers zu ätzend fließe.

Trotz all dem künde frei und ungeschmückt
Die ganze Vision, wie sie erschaut hat
Dein Blick -: und kratzen mag sich, wen es jückt.

Wenn anfangs auch vor dem Geschmack gegraut hat
Dem Kostenden, vollkräftge Lebensspeise
Wird sie für jeden, der sie erst verdaut hat!

Dein Ruf wird brausen eine Sturmwindsweise,
Die Stämme rütteln, die am höchsten ragen -
Und das wird dir zu nicht geringem Preise.

Drum wies der Himmel dir, das Tal der Klagen
Und jener Hügel, wo sich Seelen klären,
Nur solche, die bekannte Namen tragen.

Nie wird des Hörers Glauben d a s bewähren
Und sicher machen, was aus Wurzeln sprießt
Bedeutungsloser und verborgner Sphären,

Geglaubt wird nur, was leuchtend Licht umfließt!«


Gesang 18

Schon freute sich allein der Himmelserbe
Des eignen Wortes - ich erwog das meine
Und milderte durch Süßigkeit das Herbe.

Da sprach, die mich zu Gott geführt, die Reine:
»An andres denke! Denk: wie nah ich bin
D e m , der die Unbill tilgt, wie hart sie scheine!«

Solch Liebesruf zog gleich zu ihr mich hin,
Auf deren heilger Stirn ich Schönheit schaute,
Wie sie zu schildern nie erlernt mein Sinn;

Nicht, dass ich meinem Wort allein misstraute,
Auch, weil in sich zurückzugehn s o weit,
Wenn Gott nicht beisteht, dem Gedächtnis graute.

Nur das gesteh ich: in der ganzen Zeit,
Als ich den Blick ließ an der Herrin hangen,
Erquickte wunschlos mich Genügsamkeit,

Weil sie vom Himmel, der ihr Aug mit Prangen
Erhellte, durch ihr schönes Angesicht
Beseligenden Widerschein empfangen.

Besiegend mich mit eines Lächelns Licht,
Rief sie: »Blick auf und höre! denn dir spendet
M e i n Aug allein das Paradies doch nicht?«

Wie oft ein äußres Zeichen sichtbar sendet
Der Wunsch, dem ganz das Herz sich überließ,
Dass er im Antlitz als ein Abglanz endet,

So sah ich, als sie nach dem Geiste wies,
Dass er umloht von hellerm Glutgeblitze,
Was mir ein freundlich Schlusswort noch verhieß.

Er sprach: »In dieses Baumes fünftem Sitze,
Der stets voll Frucht, dem Blätter nie entfallen,
Der Nahrung saugt aus seines Wipfels Spitze,

Sind selge Geister, deren Erdenwallen
In so gewaltgem Ruhmeslauf bestand,
Dass stets der Musen Lieder davon schallen.

Sieh dahin, wo das Kreuz die Arme spannt:
Aufleuchten wird, wen ich dir werde nennen,
Als ob ein Blitz durchreißt die Wolkenwand.

Und wirklich sah ich einen Blitz dort rennen
Beim Namen Josua so schnell! dass Wort
Und Wirkung voneinander nicht zu trennen.

Den hohen Makkabäer sah ich dort
Sich leuchtend drehn, und W o n n e trieb im Schoße
Der Glut als Peitsche diesen Kreisel fort.

Held Roland dann erschien und Karl der Große;
Ich folgte ihrem Flug mit Spähermienen
Wie Jäger spähn, wohin ihr Falke stoße.

Wilhelm und Rinoard am Kreuz erschienen,
Auch Herzog Gottfried schwang sich im Gepränge,
Und Robert Guiskard blitzte hinter ihnen.

Dann stieg empor im funkelnden Gedränge
Der Geist, der mir so liebe Worte weihte,
Mir zeigend, wie er kunstvoll Hymnen sänge.

Ich wandte mich zurück zur rechten Seite,
Ob Beatrice wohl zu neuer Pflicht
Durch Worte oder Winke jetzt mich leite -

Und sah so freudig ihrer Augen Licht,
So rein, dass sie sich selbst nicht zu vergleichen
An frührer Schönheit - selbst der l e t z t e n nicht!

Und wie es dient als guter Werke Zeichen,
Dass man der Tugend täglich näher rückt,
Je mehr die Werke uns zur Lust gereichen,

So sah ich jetzt, im Himmelsflug entzückt,
Zu einem größern Kreise mich gelangen,
Seit größrer Reiz mein Wunderbild geschmückt.

Und wie geschwind mit Lilienweiß die Wangen
Der Jungfrau neu sich färben, wenn die Scham
In ihrem rosigen Gesicht vergangen,

So wechselte ihr Anblick wundersam
Im Silberlicht des milderen Planeten,
Des sechsten, der in seinen Glanz mich nahm.

Als sich der Liebe Funken wirbelnd drehten
Im Jovisfackelbrand, konnt ich gewahren,
Dass sie sich ordneten zu Alphabeten.

Wie Vögel aus dem Fluß aufflatternd fahren,
Gleichsam zur Weide Mahlzeitwunsch sich bringend,
Sich dort zu Knäueln, hier zu Reihen scharen,

So sangen Geister, hin und her sich schwingend,
Dabei im Fluge hier zum D und J,
Und dort zum L sich anmutsvoll verschlingend,

Erst schwebten sie im Takt der Melodie,
Buchstaben bildend; dann - nach jedem Zeichen
Gleichsam nachdenklich rastend - schwiegen sie. -

O heilge Pegasäa, die erbleichen
Den Ruhm nicht lässt den Geistern und mit ihnen
Den Städten Dauer gibt und Königreichen,

Lass deine Klarheit mir zur Leuchte dienen!
Und dass ich mag die Formen richtig malen,
Gieß mir kraftvolle Kunst in die Terzinen!

Ich sah an Konsonanten und Vokalen
Wortweise fünfunddreißig hingesetzt
Und merkte Zahl und Ort der Initialen.

DILIGITE JUSTITIAM sah ich jetzt
Als erstes Haupt- und Zeitwort hingeschrieben,
QUI JUDICATIS TERRAM kam zuletzt.

Beim M, als Schluss des fünften Wortes, blieben
Sie alle stehn, dass Jupiter mir schien
Ein Silberschild, dem Goldschrift eingetrieben.

Und andre Lichter sah ich niederziehn
Auf’ s Haupt des M, dort rastend d e m zu weihen
Ein Lied, dem s o Anziehungskraft verliehn.

Und dann - wie zahllos stieben Funkenreihen,
Wenn man zwei glühnde Scheiter schlägt zusammen,
Draus Aberglaube pflegt zu prophezeien -:

So stiegen auf von hier wohl tausend Flammen
Und flogen mehr und minder hoch empor,
Wie sie die Sonne trieb, der sie entstammen.

Als sich gesetzt der Feuerfunkenflor
An seinen Ort, trat aus den neuen Strahlen
Klar eines Adlers Kopf und Hals hervor.

Ihn, der dort malt, Ihn leitet nichts beim Malen,
Er selber führt die Hand, die Bildungstrieb
Im Nest schon einpflanzt in der Eier Schalen!

Die andre Schar, die erst beim M verblieb,
Beglückt, dass sie zu Lilien dort sich eine,
jetzt rasch die neue Form im Glanz umschrieb.

O holder Stern! durch wieviel Edelsteine
Zeigtest du mir, dass die Grechtigkeit
Der Welt nur Abglanz ist von deinem Scheine!

Zum Geiste, der Bewegung dir verleiht,
Und Kräfte, fleh ich drum, sich umzuschauen,
Welch Rauch dein Licht umdüstert und entweiht,

Dass wiederum sein Zorn schafft denen Grauen,
Die Kaufs und Verkaufs pflegen in dem Tempel ,
Den Marter, Blut und Wunden auferbauen.

O Himmelskriegsschar, die du Gottes Stempel
Im Antlitz trägst, bitte für d i e auf Erden,
Die irreführt verderbliches Exempel!

Sonst pflegte Krieg durchs Schwert geführt zu werden,
Doch jetzt? indem man oft entzieht das Brot;
Und dies entzieht kein g u t e r Hirt den Herden.

Doch du, der schreibt und streicht wie’s grade not,
Merk: für den Weinberg, den du wüst verschwendet,
Starb Paul und Petrus - doch sie sind nicht tot!

Du freilich sprichst: Zum Wüstenpredger wendet
Sich mein Verlangen alle Tage frischer,
Der durch den Tanz als Märtyrer geendet -

Was schiert mich Paul, was kümmert mich der Fischer!


Gesang 19

Vor mir erschien mit ausgespreizten Schwingen
Das schöne Bild, das freudiges Genießen
Im engverflochtnen Kranz schien zu durchdringen;

Und alle Seelen, gleich Rubinen, ließen,
Weil sie im hellsten Sonnenlicht entbrannt,
Den Blitzpfeil mir zurück ins Auge schießen.

Doch soll ich malen jetzt, was vor mir stand?
Nicht Wort noch Feder des sich unterfange,
Da keine Fantasie es je erkannt!

Der Adler sprach - doch sprach er nach dem Klange
Als E i n h e i t auch: mir war sein Ich und m e i n
Ein W i r und U n s e r im Zusammenhange.

Er sprach: »Weil ich gerecht und fromm und rein,
Bin ich zur Himmelsherrlichkeit erhoben,
Die jeden Menschenwunsch macht arm und klein.

Drum ist mein Angedenken nicht zerstoben
Auf Erden, nur beherzgen nicht die Schlimmen,
Was ich sie lehre, ob sie mich auch loben!«

Wie e i n e Glut aus vieler Kohlen Glimmen
Entsteht, vernahm ich hier in Liebesgluten
Zu e i n e m Ton die Stmmenzahl verschwimmen.

Ich sprach: »Ihr Unvergänglichfrohgemuten,
Ihr Blumen, die aus tausend Düften ihr
Mir einen e i n z g e n lasst entgegenfluten,

O stillt durch euern Hauch mir die Begier,
Die lange Zeit mich fastend hingehalten,
Denn keine Kost bot sich auf Erden mir.

Ich weiß, wenn andre Himmel sich gestalten
Zu Spiegeln göttlicher Gerechtigkeit,
Will sie auch e u c h sich schleierlos entfalten.

Ihr wisst, zu lernen bin ich stets bereit,
Ihr kennt den Zweifel, drauf ich mich ertappe
So o f t , weil er mich nagt seit alter Zeit.«

Und wie der Falke, löst man ihm die Kappe,
Den Kopf reckt und sich bläht, um hinzujagen
In Kampflust, bis ihn fliegen lässt der Knappe -

So sah ich hier den Aar die Flügel schlagen,
Dies glanzgeflochtne Lied, um Gott zu loben,
Das nur vernimmt, wem Himmelswonnen tagen.

Dann klang’ s: »Er, der den Zirkel rings erhoben
Bis zu des Weltalls letztem Meilenstein,
Und Klares und Verborgnes drin verwoben,

Er konnte solch Gepräge nicht verleihn
Von seiner Kraft dem All, dass nicht noch immer
Sein Wort endlos-erhabner mochte sein!

So fiel der erste Stolze - dem doch nimmer
Erschaffnes glich - unreif, mit Gott im Zwist,
Weil er nicht harrte auf des Lichtes Schimmer.

Draus folgt: ein jedes kleinre Wesen ist
Zu dürftig als Gefäß, in sich zu schließen
Endloses Gut, dem sich nichts andres misst.

Drum kann sich in kein irdisch Auge gießen
Der Strahlen e i n e r nur der Ursprungsquelle,
Draus allen Dingen Stoff und Leben fließen.

Und keiner steht auf so erhabner Stelle,
Dass ihm der Urgrund, der gewaltighehre,
Jemals erschien in seiner ganzen Helle!

Drum muss der Menschenblick, der erdenschwere,
Im Anschaun ewiger Gerechtigkeit
Sich so verlieren wie der Blick im Meere:

Er sieht den Grund am Ufer nur, doch weit
Auf See nicht mehr, wo er doch auch vorhanden,
Nur hüllt ihn Tiefe dort mit Dunkelheit.

Nur aus den ewig schattenlosen Landen
Strömt wahres Licht - wo nicht: sind’ s Dämmerungen,
Aus Fleischesblindheit oder Gift entstanden.

Jetzt ist das Licht wohl ins Versteck gedrungen,
Drin dir sich die Gerechtigkeit verloren,
Nach der du zweifelsbang so heiß gerungen?

Du fragst dich nun: Am Indus wird geboren
Ein Mensch, dem niemand spricht von Christus dort,
Dem nie der Name kommt vor Aug und Ohren,

Doch zeigt ihn Tun und Denken immerfort,
Soweit der Mensch erkennt, als unverdorben
Und gut und lasterfrei in Werk und Wort -

Wenn er als Heide ungetauft gestorben,
Wo ist das Recht, das ihm sein »schuldig« spricht?
Wo seine Schuld, dass er kein Heil erworben? -

Und wer bist du, zu thronen im Gericht,
Dass er auf tausend Meilen Recht verkünde,
Wo spannenweit nur reicht sein kurz Gesicht?

Zwar, wer mit mir will grübeln über Gründe,
Wohl manchen Zweifel der beim Forschen fände,
Wenn über ihm die Heilge Schrift nicht stünde.

Stumpfgeistge! wenn euch Erdenstoff nicht bände!
Güte an sich ist der Urwille eben,
Undenkbar, dass er je sich selbst entschwände!

Gerecht sein, heißt: Einklang mit ihm erstreben,
Anziehen kann ihn kein erschaffnes Gut,
Nein Er, ausstrahlend, ruft es erst ins Leben.! -

Wie nach dem Füttern seiner Jungen ruht
Der Storch und überm Neste zieht im Bogen,
Draus dankbar zu ihm schaut die satte Brut,

So hob die Wimpern ich, von Dank bewogen,
So schlug das heilige Bild sein Flügelpaar,
Durch soviel Willens-Eintracht hingezogen,

Und kreisend sang’ s: »Wie dir unfasslich war
Mein Lied, so wird dem menschlichen Verstande
Des Ewigen Richtspruch niemals offenbar!«

Als wieder Stillstand war im Flammenbrande
Des heilgen Geists, neubildend jenes Zeichen,
Dem Ehrfurcht Rom verdankt in jedem Lande,

Begann es wiederum: »Zu diesen Reichen
Stieg keiner auf, der nicht geglaubt an Christus,
Nicht e h und s e i t er musst am Kreuz erbleichen!

Doch siehe, viele rufen: Christus, Christus,
Die einst ihm fernerstehn beim Weltgericht,
Als viele, die da nimmer kannten Christus!

Das Strafurteil für derlei Christen spricht
Der schwarze Heide, wenn man einst zu Plagen
D i e schickt, und d i e zu Gottes Angesicht.

Was soll der Perser euern Königen sagen,
Wenn ihre Schmach und ihrer Frevel Saat
Er vor sich sieht im Schuldbuch aufgeschlagen?

Da wird er finden Albrechts Missetat -
Die bald vom Schreibrohr wird verzeichnet stehen -
Durch die dem Pragerland Verwüstung naht!

Auch Frankreichs Schmerz wird er geschrieben sehen,
Weil Münzverfälschung d e r treibt an der Seine,
Der durch den Eberzahn wird untergehen.

Dort steht: wie hochmutsvoll gesträubt die Mähne
Englands und Schottlands war, so dass die Tollen
Nicht Maß und Ziel gekannt für ihre Pläne.

Dem Spanier auch und Böhmen wird man zollen
Ein Blättlein für ihr üppiges Geschlemm,
Die Tugend nie gekannt, noch lieben wollen.

Man sieht beim Lahmen von Jerusalem
Mit I bezeichnet dort sein bisschen Güte,
Doch das gewaltge Gegenteil mit M.

Dort steht, wie feig und geizig im Gemüte
Der , den man auf der Kraterinsel trifft,
Wo lang das Alter des Anchises blühte;

Bei ihm bedürfte großen Raums der Stift:
Drum, dass sein Blatt dem schandbarn Leben gleiche,
Wird man es buchen in gedrängter Schrift.

Vermerkt stehn auch des Ohms und Bruders Streiche,
Die schnöd und frevelhaft entehrt im Fall
Ein edles Stammhaus und zwei Königreiche

Norwegens Fürst und der von Portugal
Wird dort erkannt; auch trifft man jenen Serben,
Der mit ‚Venezia’ prägte schlecht Metall.

Heil dir, o Ungarn, bist du erst der herben
Misshandlung frei! Navarra, wohl auch dir,
Schützt erst dein Bergesgurt dich vorm Verderben!

Schon Famagost - das glaube jeder mir -
Und Nicosia klagt und winselt heute
Im Vorschmack über dies verruchte Tier,

Das sich nicht trennt vom Schwarm der andern Meute!«


Gesang 20

Sobald des Weltenalls Erleuchterin
Von unsrer Erdenhälfte abwärtsschreitet,
Dass rings der Tag ersterbend sinkt dahin,

So wird, dem sie allein erst Licht bereitet,
Der Himmel schnell viel n e u e Lichter zeigen,
Durch die der Widerschein des e i n e n gleitet.

Ich dachte an dies Bild vom Sternenreigen,
Sobald der Weltherrschaft Emblem geschlossen
Den heilgen Schnabel hielt zu tiefem Schweigen,

Und allen Lichtern Hymnen jetzt entflossen,
Die keine Kraft für das Gedächtnis rettet,
Und hellre Flammen sich um sie ergossen.

O Liebe, süß im Lächeln eingebettet,
Wie branntest du im hellen Funkelscheine
Mit göttlichen Gedanken glanzverkettet!

Und als die teuern demantklaren Steine -
Wie schmückten sie den sechsten Stern so schön! -
Gehemmt der Engelsglocken Wohllautreine,

Da schien’ s, als wies mit murmelndem Getön
Ein Fluss, hinplätschernd über Felsenklippen,
Den Reichtum seines Quells aus Bergeshöhn.

Und wie auf des Gitarrenhalses Rippen
Der Ton sich bildet und am Flötenrohr,
Wo durch die Öffnung tritt der Hauch der Lippen,

So, ohne Pause, hörte jetzt mein Ohr
Im Adlerhals das Rauschen aufwärtsdringen,
Als wär er hohl - und oben quoll’ s hervor,

Um deutlich nun mit Stimmenlaut zu klingen
In Worten, die mit Sehnsucht ich erfahren,
Um sie - ins Herz geprägt - mitheimzubringen.

»Den Teil an mir,« so klang’ s, »der sonst bei Aaren
Vermag den Blitz der Sonne auszuhalten -
Blick fest ihn an, genau ihn zu gewahren!

Denn von den Feuern all, die mich gestalten,
Stehn die als höchste hier nach ihrem Grade,
Die meines Auges Funkelglanz entfalten.

Im Stern des Auges leuchtet, reich an Gnade,
Des heilgen Geistes frommer Harfenist,
Der einst von Ort zu Ort geführt die Lade.

Hier sieht er - wie man seinen Psalm bemisst:
Soweit Begeistrung den ihm eingegeben,
Der Lohn auch dem Verdienst entsprechend ist.

Von jenen Fünf, die meine Braue weben,
Gab Trost einst d e r , der meinem Schabel nah,
Der armen Witwe für des Sohnes Leben.

Hier sieht er - was es kostet, wenn man d a
Nicht geht, wo Christus geht, seitdem er droben
Das süße, d r u n t e n bittres Leben sah!

Der andre, der zur Wölbung ward erhoben
Des Auges, hat - weil wahrhaft er bereute -
Des Todes Nahen lang hinausgeschoben.

Hier sieht er - dass dem Wechsel nicht zur Beute
Des Ewgen Richtspruch fällt, wenn frommes Flehen
Dort unten auch zum Morgen macht das Heute.

Des Nächsten Tat, auf G u t e s abgesehen,
Ward schlimm: er wollt mit mir und den Gesetzen
Als Grieche nicht dem Papst im Wege stehen.

H i e r s i e h t e r - dass ihn selber nicht verletzen
Die Schäden, die entkeimt dem besten Streben,
Ob sie die Welt zerrissen auch in Fetzen.

Der vierte, den du siehst nach abwärts schweben,
Ist Wilhelm: wie man seinen T o d beweint,
Beweint man Karl und Friedrich - weil sie l e b e n!

Hier sieht er - wie der Himmel gut es meint
Mit Fürsten, die da ziehn gerechte Bahnen;
Sein Glanz beweist’ s, der freudig ihn umscheint!

Wer von euch blinder Menschheit möchte ahnen,
Dass an der heilgen Lichter fünfter Stelle
Erglänzen des Trojaners Ripheus Manen?

Hier sieht er - hier an ewger Gnadenhelle
So mancherlei, in das kein Auge dringt,
Obwohl auch er nicht späht zum Grund der Quelle!« -

Der Lerche gleich, die erst sich jubelnd schwingt
Zum Morgenäther auf, dann - stillzufrieden
Mit ihrem letzten Triller - nicht mehr singt.

So schien das Bild mir, draus für uns hienieden
Der Sehnsucht ewges Wohlgefallen spricht,
Das allem Stoff und Bildungsform beschieden.

Obwohl mein Zweifel klar mir im Gesicht
Wie Farbe hinterm Glase mochte stehen,
Ertrug ich doch das Warten schweigend nicht,

Und ließ den Ausruf ... »Wie kann das geschehen...?«
Mir durch des Staunens starken Druck entlocken,
Drauf rings ein großer Freudenglanz zu sehen!

Und jetzt - im Auge hellre Flammenflocken -
Gab Antwort mir das benedeite Zeichen,
Damit mein Herz nicht länger sei erschrocken:

»Ich seh, du glaubst die Dinge, weil dergleichen
Ich dir g e s a g t , doch bleibt dir fremd der Grund;
Der Schleier wird dir n i c h t vom Glauben weichen,

Solang dir alles nur nach N a m e n kund,
Gleich dem, der erst die Dinge unterscheiden
Nach ihrem W e s e n lernt durch fremden Mund. -

Wohl kann das Himmelreich Gewalt erleiden,
Wenn Hoffnung es und Liebesglut bekriegen!
Doch wird auch scheinbar Gott besiegt von beiden,

Ist’ s doch nach Menschenart kein Unterliegen:
Gott will besiegt sein, daher sein E r g e b e n ,
Er will durch Güte als Besiegter siegen!

Dich wundert meiner Braue e r s t e s Leben
Und f ü n f t e s , weil du siehst mit Glanz die beiden
Das Land der Engel malerisch durchweben?

Doch starben sie nicht, wie du wähnst, als Heiden:
D e r glaubte an das Leid, a l s es betroffen
Den Heiland, d e r an Christi k ü n f t g e Leiden!

Drum aus der Hölle kam - die sonst nie offen
Der Bessrung steht - der erste neu ins Leben
Zum Lohn allein für sein lebendges Hoffen.

Lebendges Hoffen, das mit Inbrunststreben
Zu Gott gebetet, bis er aus den Banden
Zum Heil sich konnte willensfrei erheben.

So war für kurze Zeit im Fleisch erstanden
Der Ruhmgekrönte, und er glaubte frommen
Gemüts an den, wo alle Hilfe fanden,

Bis an Verdiensten, liebesglutentglommen,
Er bis zum zweiten Tod soviel gehäuft,
Dass er zur Seligkeit ward aufgenommen.

Der zweite war aus Gnade - die entträuft
So tiefem Bronn, dass keine Kreatur
Hinabspäht, wo die erste Welle läuft -

Entbrannt im Eifer für das Rechte nur,
Dass ihm des Ewgen neue Gnaden lösten
Das Auge, bis Erlösung er erfuhr.

Drum glaubte er an Gott, und Abscheu flößten
Ihm Heidenopfer ein, tadelnd die Scharen,
Die blindverstockt sich noch des Heils entblößten.

Es weihten ihn die d r e i vor tausend Jahren,
Die du am rechten Rade sahest stehen,
Weil Taufen damals noch nicht üblich waren.

O Gnadenwahl! in welche Tiefen gehen
Doch deine Wurzeln; e u e r n Augenlichtern
Wird keine Kraft, je auf den Grund zu sehen:

Drum, Sterbliche, werft euch nicht auf zu Richtern!
Selbst uns, die Gott erschaun, enthüllt sich nicht,
Wer auserwählt, vor unsern Angesichtern.

Doch freudig leisten wir darauf Verzicht,
Weil unser Wohl sich steigert in d e m Heile,
Dass Gottes W i l l e unsre schönste Pflicht!«

So ward - dass nicht die Blindheit länger weile
Auf meinem Auge - von den Gottgeweihten
Die süßeste Arznei mir hold zuteile.

Und wie ein guter Harfner zu begleiten
Den guten Sänger pflegt mit kundger Hand,
Dem Liede höhern Wohllaut zu bereiten,

So - während sich der Aar an mich gewandt -
Sah ich mit seiner Worte Klang zusammen,
Gleichmäßig wie sich regt der Wimpernrand,

Bewegen sich die beiden heilgen Flammen.


Gesang 21

Auf meiner Herrin Antlitz hingebannt
Schon wieder Augen mir und Sinne ruhten,
Dass alles andre Denken mir entschwand.

Kein Lächeln schmückte das Gesicht der Guten:
»Mein Lächeln,« sprach sie, »ließ dich branderfasst
Gleich Semele vergehn zu Aschengluten,

Denn meine Schönheit - die sich im Palast
Der Ewigkeit erhöht, jemehr wir steigen,
Wie du es stufenweis erfahren hast -

Geböt ich ihrem Glanz nicht etwas Schweigen,
Sie hätte deine Kraft alsbald erdrückt
Gleich schwachem Laub an blitzversengten Zweigen.

Wir sind zum siebenten Gestirn entrückt,
Das - von des Löwensternbilds Brust umgeben -
Sein Licht, durch ihn gestärkt, herniederzückt.

Den Augen nach lass deinen Geist sich heben
Und mache sie zu Spiegeln der Gestalten,
Die jetzt durch diesen Spiegel werden schweben.« -

Wer’ s wüsste, wie ihr Anblick zu entfalten
Mir stets die höchste Augenlust verstand,
Und ich mich seiner sollte nun enthalten,

Der säh die Freude auch, die ich empfand,
Gehorsam mich der Herrin zu erweisen,
Weil er der Wage Gleichgewicht erkannt.

Und im Kristall, - der durch die Welt im Kreisen
Den Namen seines teuern Führers trägt,
Den heute noch die goldnen Zeiten preisen, -

Stand eine Leiter, so hoch aufgeschrägt,
Dass meinem Blick ihr Ende blieb verschlossen!
Die glänzte wie aus Sonnengold geprägt,

Und Lichtgestalten stiegen von den Sprossen
Soviel herab, als ob die Pracht ich sähe
Des ganzen Sternenhimmels ausgegossen.

Und wie nach angebornem Trieb die Krähe
Beim Morgengraun umherstreicht scharenweise,
Sich zu erwärmen in der Sonnennähe -

Auf Nimmerwiedersehn geht auf die Reise
E i n Schwarm, ein andrer kommt zurückgeflogen,
Ein dritter bleibt am Ort und zieht im Kreise -:

So ward hier hastig hinundhergezogen,
Bis jeden es auf seinen Platz getrieben
Und Stillstand kam ins feuervolle Wogen.

Da sprühte, der zunächst mir stehn geblieben,
Hell auf, dass in Gedanken ich begann:
Wohl seh ich, dass du mir bezeugst dein Lieben.

Doch Jene schweigt, die mir zum Wie und Wann
Beim Reden winkt und Schweigen, drum wird’ s frommen,
Halt ich die Fragesehnsucht hintenan! -

Da rief sie - die mein Schweigen wahrgenommen
Im Anschaun dessen, der da alles sieht -:
»Lass nur den heißen Wunsch zu Worte kommen!«

Und ich: »Nicht eigenes Verdienst beschied
Das Glück mir, dass du Antwort hier erteilest,
I h r dank ich’ s, deren Gunst zum Wort mir riet.

Drum, selger Geist, der du verborgen weilest
Im Flammenkleid der Freude, gib mir Kunde,
Weshalb du so in meine Nähe eilest?

Und weshalb sind verbannt aus euerm Bunde
Die frommen Paradiesessymphonieen,
Die mich erbaut im untern Sternenrunde?«

»Dir ist nur irdisch Aug und Ohr verliehen«,
Sprach er, »und darum schweigen dir die L i e d e r ,
Wie sie ihr L ä c h e l n musste dir entziehen!

Die heiligen Leitersprossen stieg ich nieder
Bis her zu dir, damit dich mein Bericht
Nicht minder freue, als mein Glanzgefieder.

Der Trieb dazu war g r ö ß r e Liebe nicht -
Denn Liebe: gleich und größer glüht nach oben,
Wie dir es offenbart dies Funkellicht -

Nein! Jene Liebe, die uns hat erhoben
Zu willigen Knechten für den Herrn der Welt,
Sie lost uns aus, im Amt uns zu erproben.« -

»Dein Wort, o heilges Licht, hat mir erhellt«,
Sprach ich, »wie freie Liebe die Befehle
Der ewgen Vorsicht hier zufriedenstellt;

Doch quält mich eines, was ich dir nicht hehle:
Dass aus dem glanzbevölkerten Asyle
Just d u zum Dienst bist die erwählte Seele!«

Noch eh ich mir entschlüpft das Schlusswort fühle,
Da sieh! macht sich zum Mittelpunkt das Licht
Und dreht sich, wie ein Rad kreist in der Mühle,

Indem, die es durchglüht, die Liebe spricht:
»Ein göttlich Licht ist in mich eingedrungen
Zur Seele tief, die dieser Glanz umflicht,

Dies stärkt mein Schauen, dass mich’ s aufgeschwungen
Hoch über mich, bis ich das höchste Sein
Erschauen darf, dem jenes Licht entsprungen,

Und darum sprüh ich so im Freudenschein;
Denn wie mir die Erleuchtung wächst im Klaren,
Stimmt mit der klarern Glut sie überein.

Doch selbst der hellste Stern der Engelscharen,
Der Seraph nicht, der Gott am reinsten sieht,
Vermöchte deinem Wunsche zu willfahren.

Denn was der Eifer dir zu fragen riet,
Ist in den Abgrund ewgen Rats versenkt,
Dass es erschaffnen Augen sich entzieht.

Und wenn ins Todestal du heimgelenkt,
Verkünde dies, dass nach so fernem Ziele
Den Fuß zu heben, keiner mehr gedenkt.

Der Geist, hier Licht! dient drunten nur zum Spiele
Dem Dunst -: wie ließ es Gott schon d o r t ihm tagen,
Solang es ihm s e l b s t h i e r noch nicht gefiele?«

So zog er Schranken vor mein forschend Fragen,
Dass ich ihn nur noch bat mit demutvollen
Gebärden, seinen Namen anzusagen.

»Wo um Italiens Brust zwei Meere rollen,
Nah deiner Heimat, reckt Gebirg empor
Sein stolzes Haupt, das Donner nie umgrollen;

Dort ragt der Höcker C a t r i a hervor,
Und drunter liegt die Wildnis tief im Grunde,
Die man zum Gottverehrungswerk erkor.«

So ward vom Geiste mir die dritte Kunde,
Der fortfuhr: »Hier nun hab ich ohne Wanken
Befestigt mich im gottbeflissnen Bunde,

Dass Frost und Glut ich, ohne zu erkranken,
Nur bei olivenölgetränkter Speise
Gelitten, fromm den Himmel in Gedanken.

Einst pflegte reichlich Himmelsfrucht im Kreise
Des Klosters zu gedeihn, jetzt brach sich Bahn
Die Weltlust - bald bringt dir mein Wort Beweise.

Dort hauste ich als Petrus D a m i a n -
Und S ü n d e r Petrus, h a b zu Sanktmarieen
Am Adriastrande frommes Werk getan.

Zu Ende war mein Leben fast gediehen,
Als man mich kor und zwang zu jenem Hut,
Der heute immer Schlimmern wird verliehen.

Kephas ging darbend, arm und unbeschuht,
So ging auch das Gefäß vom heilgen Geiste,
Und jede Herbergskost schien ihnen gut.

Heut will der Hirt, dass man ihm Hilfe leiste,
Von rechts und links, selbst rückwärts soll man halten
Und stützen ihn -: so reitet stolz der Feiste,

Den Gaul selbst hüllend mit des Mantels Falten,
Dass unter e i n e m Tuch zwei Bestien gehen -
Wie lang, o Langmut, lässt du sie noch walten?« -

In schnellem Kreiseln, als dies Wort geschehen,
Stieg eine Flammenschar herab die Speichen
Und wuchs an Farbenpracht bei jedem Drehen,

Bis sie um Damian hielt im Kranzeszeichen;
Sodann erhoben lauten Wehruf alle,
Dem hier an Donnerkraft nichts zu vergleichen,

Und ich ihn nicht verstand, betäubt vom Schalle.


Gesang 22

Ich hatte schreckbetäubt mich umgeschaut
Zur Führerin gleich hilfsbedürftgem Kinde,
Das seiner Zuflucht nie umsonst vertraut,

Und sie - wie eine Mutter, die geschwinde
Beispringt dem bleichen, atemlosen Wicht,
Dass er sich durch ihr Wort beruhigt finde, -

Sie sprach: »Bist du denn hier im Himmel nicht?
Weißt du nicht, dass er Heilges nur umfange,
Dass guter Absicht all sein Tun entspricht?

Wie du bei meinem Lächeln, beim Gesange
Verwandelt worden wärst, kannst du jetzt sehen,
Da du erschüttert schon bei diesem Klange;

Und könntest du des Rufes Sinn verstehen,
Im voraus sähest du die Rache tagen,
Die noch v o r deinem Tode wird geschehen.

Des Himmels Schwert pflegt nicht zu früh zu schlagen
Noch auch zu spät, nur nach der Meinung dessen,
Der darauf harrt in Hoffnung oder Zagen.

Doch lass die Augen andres nicht vergessen:
Erlauchter Geister schaust du große Zahl,
Wenn erst dein Blick den fernen Raum durchmessen.«

Ich wandte mich zurück, wie sie befahl,
Und sah an hundert Sphärlein funkelnd blitzen,
Verschönend sich im bunten Wechselstrahl.

Wie einer fühlt der Neugier Stachelspitzen
Und sie zurückdrängt, quälte mich das Bangen,
Durch zuviel Fragen mich noch mehr zu ritzen.

Die größeste und mit dem reinsten Prangen
Geschmückte Perle sah ich drauf beginnen
Ihr Liebeswerk, zu stillen mein Verlangen.

»O sähest du wie ich«, sprach es von innen,
»Das unter uns entflammte Liebeswalten,
So prägtest du in Worte aus dein Sinnen.

Doch soll kein Aufschub dir den Drang erkalten
Zum hohen Ziel, - drum geb ich dir Bescheid
Auf deinen Wunsch, den du geheim gehalten.

Des Berges Haupt, daran seit alter Zeit
Cassino liegt, war einst den Göttersagen
Verblendeter als Zufluchtsort geweiht.

Ich war’ s, der dort zuerst hinaufgetragen
Den Namen des, der dunkelm Erdenland
Erhebender Allweisheit Glanz ließ tagen.

Und Gottes Huld hat mir so hell gebrannt,
Dass ich des Götzendienstes ruchlos Streben,
Das weltvergiftende, hab rings verbannt.

Einst waren alle, die du hier siehst schweben,
Vom Feuer der Beschaulichkeit durchwallt,
Die heilge Blüten weiß und Frucht zu geben.

Hier ist Macarius, hier Romuald,
Hier meine Brüder, die - um rein zu halten
Ihr Herz und stark - im Kloster machten Halt!«

»Die Liebe, die so freundlich lässt gestalten
Dein Wort«, sprach ich, »der Glanz, drin unversteckt
Rings alle Lichter Freundlichkeit entfalten,

Hat mein Vertraun zu dir so ganz erweckt,
Wie Sonnenschein die Rose, dass sie sich
Mit offnem Blätterkelch zum Lichte streckt.

Drum, Vater, bittet mein Vertrauen dich,
Du wollest ohne Flammenkleid dich zeigen,
Wenn solche Gnade nicht zu groß für mich!« -

»Dein hohes Sehnen, Bruder, wird erschweigen,«
Sprach er, »dort in der l e t z t e n a l l e r Sphären ,
Wo dir und mir Erfüllung wird zu eigen.

Dort sind vollkommen ganz und reif die Ähren
Der Wünsche all, dort stehn in ihr befohlen
Die Teile, wo sie sind und ewig währen.

Fest steht sie, frei vom Raum und allen Polen,
Und bis zu ihr lässt Gott die Leiter reichen,
Drum kann dein Auge sie nicht überholen.

Nur Jacob sah sie einst als Gnadenzeichen
In seinem Traum am Tor des Himmels enden,
Sah Engel tummeln sich auf ihren Speichen.

Heut will kein Fuß sich mehr vom Boden wenden,
Sie zu erklimmen; auf der Welt allein
Blieb meine Regel zum Papierverschwenden.

Die Mauern einst uns heiliger Abtein
Sind Räuberhöhlen, und die Mönchskapuzen
Pflegen multrigen Mehles voll zu sein.

Und doch ist selbst des Wucherns schnöder Nutzen
Nicht so verhasst dem Himmel als die Früchte,
Die herzbetörte Mönche sich ertrutzen.

Nicht Vettern oder schlimmerem Gezüchte
Gehört das Kirchengut, - man soll es sparen
Der Armut, dass zu ihm sie bittend flüchte.

Das Fleisch ist schwach und derart unerfahren,
Dass guter Anfang nicht verbürgen kann,
Ob Eichelsaat einst Eichen lässt gewahren.

Petrus fing ohne Gold und Silber an,
Franz stiftete durch Demut seinen Orden,
Ich selbst mit Fasten und Gebet begann.

Blickst du zu jeden Flusses Ursprungsborden,
Verfolgst dann seinen Lauf zum heutgen Stand,
So siehst du schwarz die reine Flut geworden!

Doch der den Jordan rückwärts einst gewandt
Und flüchten ließ ins Meer, Er lässt geschehen
Leicht größre Wunder hier hilfreicher Hand.« -

So sprach er und ich sah zurück ihn gehen
Zum Geisterchor, und engverschlungen schossen
Sie aufwärts wie durch Wirbelwindeswehen,

Und ich mit meiner Herrin nach die Sprossen
Durch ihren leisen Wink: weil ihre Kraft
Gefügig ganz mein Wesen hielt umschlossen.

Hier, wo man mühsam klimmt und bald erschlafft,
Gab’ s niemals von Natur solch rasches Fliegen
Als ich zur Höhe blitzschnell ward entrafft.

So wahr ich, Leser, zu des Lichtes Siegen
Zu kehren hoffe - drob ich schon seit Jahren
Bußfertig meine Sünden nicht verschwiegen -

So schnell kann keine Hand durch Feuer fahren,
Als nach dem Stier das nächste Sternenbild
Wir sahn und - kaum gesehn - schon i n ihm waren!

O Sterne, die euch Keimkraft reich durchquillt,
Glorreiche, ihr gabt mir den Gottesfunken,
Wie klein er sei, der mir im Herzen schwillt;

Mit euch stieg auf und ist hinabgesunken
Die Mutter, die Alleben gibt und nährt,
Als ich zuerst Toskanerlust getrunken.

Und jetzt, wo Gott die Gnade mir gewährt,
In euers Rades Schwingung einzutauchen,
Grüßt eure Region mich mildverklärt.

O hört andächtge Sehnsuchtsseufzer hauchen
Die Seele mein, dass sie mit Kraft sich rüste,
Wie Sterbliche zu schwerem Werk sie brauchen! -

»Du bist so nah des Heiles letzter Küste«,
Sprach Beatrice, »dass ich doppelt scharf
Und doppelt hell jetzt gern dein Auge wüsste.

Eh drum dein Fuß dem Heil sich nähern darf,
Blick nieder - sieh: wie viel von deiner Welt
Zurückblieb, die dein Fuß sich unterwarf,

Dass deinem Herzen, freudenglanzerhellt,
Die Triumphierenden sich nun verklären,
Die durch den Äther wandeln lustgesellt.«

Ich spähte abwärts durch die sieben Sphären
Auf unsern Globus: und dem dürftgen Balle
Konnt ich ein Mitleidslächeln nur gewähren.

O Weisheit, die da rät in jedem Falle
V e r a c h t u n g unsrer winzgen Welt als Pflicht!
Zum Licht empor! sei Richtschnur für uns alle.

Ich sah Latonens Tochter voll im Licht
Und ohne die bewusste Schattenzone,
Die erst mich raten ließ auf »Dünn und Dicht«;

Den Anblick von Hyperions starkem Sohne
Ertrug mein Aug und sah dann ungeblendet
Ihn eng umkreist von Maja und Dione.

Sah Jupiter, wie er sein Zwielicht spendet
Zwischen Saturn und Mars, und durfte lernen,
Wie stellungswechselnd ihre Bahn sich wendet,

Und ich bemaß an all den sieben Sternen,
Wie die Kolosse durch des Weltraums Pracht
Getrennt hinrasen in ungleichen Fernen.

Das Staubkorn aber, das so stolz uns macht -:
E i n Blick umfasst’ s mit Meer, Gebirg und Talen,
Als ich vom Zwillingsstern es nahm in acht, -

Dann ließ ich mir i h r Auge wieder strahlen.


Gesang 23

Wie traut im laubgeborgnen Neste wachend
Die Vogelmutter bei den Jungen ruht,
Solang die Nacht herrscht, alles dunkel machend,

Wie sie - sich freuend der geliebten Brut,
Die sie mit neuer Speise muss versorgen,
Ein saurer Dienst, den sie doch freudig tut -

Nicht länger ihre Sehnsucht hält verborgen,
Durch’ s Blätterfenster auslugt nach der Quelle
Des Lichts, und so vorauseilt schon dem Morgen -

So stand jetzt meine Herrin, in die Helle
Des Himmels d a h i n ihre Augen hebend,
Wo unsre Sonne eilt mit mindrer Schnelle. -

Als ich sie sah, so in Erwartung schwebend,
Glich dem ich, der sich andres erst versprach
Und jetzt sich tröstet, neuer Hoffnung lebend.

Doch nur geringe Zeit verfloss danach -
Ich meine zwischen Wünschen und Gewähren -
Als Lichtglanz heller durch den Himmel brach.

»Sieh hier,« sprach Beatrice, »sich verklären
Christi Triumph in den vereinten Scharen,
Als ganzer Frucht vom Kreislauf dieser Sphären!«

Und glühend war ihr Antlitz zu gewahren,
Die Augen lusterfüllt! Nicht Worte brächten
Ein Bild davon - drum lasst mich Worte sparen.

Wie Trivia lacht in heitern Vollmondnächten
Im Kranz der Nymphen, die da weit und breit
Dem Himmel Schmuck verleihn mit ihren Prächten,

So sah ich e i n e r Sonne Herrlichkeit
Entfachen tausend Leuchten und erhellen,
Wie u n s r e Sonne Licht den Sternen leiht.

Und durch’ s lebendge Licht, in klaren Wellen,
Die L e u c h t e n d e S u b s t a n z so funkelnd lachte,
Dass sich mein Auge schloss dem allzu grellen.

»O süße, teure Beatrice« - brachte
Mein Mund hervor. Sie sprach: »Was dich bezwungen,
Ist Kraft, die jeden noch zuschanden machte.

Hier ist’ s der Weisheit und der Macht gelungen,
Der Welt zum Himmel Wege zu bereiten,
Wonach erfolglos Sehnsucht längst gerungen.«

Wie Glut sich losreißt aus des Himmels Weiten,
Im Zickzack sprengt, was sie zu eng umsponnen,
Um erdwärts g e g e n ihre Art zu gleiten -

So trat bei dieses Festgelages Wonnen
Vergrößert aus sich selbst heraus mein Sinn,
Der des, was ihm geschah, sich nie entsonnen. -

»Tu auf die Augen - sieh mich wie ich bin!
So hohes sahst du, dass du nun ertragen
Mein Lächeln kannst: und schmilzest nicht dahin.«

Ich stand wie einer, der sich müht zu sagen,
Was er im Traum gesehn und nun vergebens
Versucht, Erinnrungswege einzuschlagen,

Als ich den Ruf vernahm, der Dankbestrebens
So wert ist, dass er - nimmer zu verjähren -
Im Schuldbuch der Erinnrung steh zeitlebens!

Wenn alle Zungen jetzt am Werke wären,
Die Polyhymnia nebst den Gespielen
Einst pflegte mit der reinsten Milch zu nähren,

Sie würden von den Reizen all, den vielen,
Vom heilgen Lächeln, das ihr Antlitz wies,
Mit ihrem Sang kein Tausendstel erzielen.

Der Weihesang vom heilgen Paradies
Muss daher freilich manches überspringen,
Wie einer, der im Weg auf Gräben stieß.

Doch wer die Lasten wägt, die hier zu zwingen
Sterbliche Schultern haben und zu tragen,
Der tadelt nicht, sieht er mich zitternd ringen.

Nicht schwanken Barken ziemt’ s, die Fahrt zu wagen,
Auf der mein Kiel das Meer pflügt sicherkühn,
Nicht Schiffern, die sich schonen, weil sie zagen. -

»Macht dich mein Antlitz so in Liebe glühn,
Dass keinen Sehnsuchtsblick das Auge spendet
Den Gärten, die in Christi Strahlen blühn?

Hier ist die Rose, drin - von Gott gesendet -
Sein Wort zum Fleisch ward; - sieh der Lilien Zier,
Die duftend uns zum rechten Weg gewendet.«

So Beatrice. Und, gehorsam ihr,
Hab ich aufs neu den harten Kampf begonnen
Der matten Augen mit dem Glanzrevier.

Wie ich auf Blumenaun schon oft sich sonnen
Den Himmel sah durch einen Wolkenspalt,
Indes mein Aug im Schatten Schutz genommen,

So sah ich Scharen, sonnenblitzumprallt
Von oben her; doch w o der Quell entsprühte,
Entdeckten meine Augen nicht sobald.

Wohltätge Gotteskraft, du hobst voll Güte
So hoch dich, dass zum Segen und Gewinn
Den schwachen Augen ward, was mächtig glühte!

Der Name jener Blumenkönigin,
Die ich anrufe spät und früh, er zwang
Zum größten Feuer ganz den Geist mir hin.

Und als ins Augenpaar mir deutlich drang
Des Sternes Kraft und Größe, dem im Glanze
Droben der Sieg und drunten stets gelang -

Da neigte eine Fackel, wie zum Kranze
Gebogen, sich herab, den Stern zu krönen,
Und drehte sich um ihn im Schleiertanze. -

Was hier auch säuseln mag an sanften Tönen,
Dass sich die Seele süßgefesselt schaute,
Es wär ein disharmonisch Donnerdröhnen,

Verglichen mit der Harfe süßem Laute,
Die ich hier sah im Saphirgrunde schweben,
Dass blauer noch der Saphirhimmel blaute.

»Als Engelsliebe in der Runde schweben
Seht mich um diesen Schoß, der Heil gebracht
Sehnsüchtger Welt, um Herberg ihr zu geben,

Will dich umkreisen bis verklärt in Pracht -
Nachdem du deinem Sohn dich nachgeschwungen -
Die höchste Sphäre deiner Ankunft lacht.«

Und als die Flammenkrone dies gesungen,
War jauchzend aus dem Kreis der Lichtgestalten
Der Ruf M a r i a tausendfach erklungen. -

Der Königsmantel, der mit seinen Falten
Die Welten einhüllt und von Gottes Hand
Und Hauch die meiste Schöpferkraft erhalten,

Hielt über unserm Haupt den innern Rand
So hoch, dass ich in meiner Augen Rahmen
Ihn dort nicht spannen konnte, wo ich stand,

Und meine Sehkraft fühlte bald erlahmen,
Als dem gekrönten Licht sie nachgeschossen
Zur Höh, wo es sich einte seinem Samen.

Und wie das Kind, wenn es die Milch genossen,
Zur Mutterbrust die Ärmchen pflegt zu strecken,
So sah ich hier - von Inbrunst übergossen,

Die aus dem Herzen strömte - aufwärtsrecken
Die Flammenschar die Häupter zu Marieen:
O, welche Liebe konnt ich hier entdecken!

Und ohne meinem Blick sich zu entziehen,
Scholl es Regina coeli aus dem Feuer
In unvergesslichschönen Melodieen.

O, welche Fülle häufen in der Scheuer
Hier d i e an, die in treuer Pflicht hienieden
Sich wohlbewährt als wackre Samenstreuer!

Dort zehrt vom wahren Schatz man stillzufrieden,
Den man in Erdenbabels Bann und Frone
Weinend erwarb, weil Truggold man gemieden;

Dort, im Triumphe unterm hohen Sohne
Der Jungfrau und des Herrn, prangt mit dem alten
Und neuen Bund in seiner Siegeskrone

Der solcher Glorie Schlüssel hat erhalten.


Gesang 24

»O ihr, zum Mahl des heilgen Lamms erlesen
Und eingeladen, das so reich euch speist,
Dass eurer Sehnsucht ewig ihr genesen,

Wenn Gott die Gnade diesem hier erweist,
Eh er dem Tod verfiel, von euern Tischen
Die Brosämlein zu kosten schon im Geist -:

Erwägt sein Sehnsuchtsglühn, lasst ihn erfrischen
Ein Tröpflein aus dem Kelch, drin euch zum steten
Genuss die Wonnen, die er wünscht, sich mischen.«

So Beatrice. Und die Selgen drehten
Um Pole sich, wie sich die Sphären drehen,
Wobei sie hell entflammten wie Kometen.

Und wie die Räderchen im Uhrwerk gehen,
Wo auch das letzte immer dem Beschauer
Zu fliegen scheint, das erste stillzustehen,

So kreiste hier um mich die Flammenmauer,
Dass ich den Wonnenüberschwang erkannte
An jedes Einzelumschwungs Glanz und Dauer.

Und der im Kreis als herrlichster sich wandte,
Versprühte jetzt so wunderbare Strahlen,
Dass aller andern Klarheit matter brannte.

Um Beatricen schwang zu dreien Malen
Das Licht sich mit so süßer Melodie -
Zu schildern es versuchen, hieße prahlen;

Drum unterdrückt’ s die Feder, denn es lieh
Kein Wort so zarten Schmelz für diese Falte, -
Hier malte selbst zu grell die Fantasie!

»O heilge Schwester, deine Bitte schallte
So fromm und zeugte so von deinem Lieben,
Dass ich im Reigentanz gern innehalte.«

So lauteten - wie ich sie hier geschrieben -
Die zu der Herrin hingehauchten Worte,
Nachdem das heilge Feuer stehngeblieben.

»O ewges Licht, das du von unserm Horte,«
Sprach sie, »die Schlüssel einst in treue Hut
Empfingst zu dieser ewgen Wonnen Pforte.

Prüf diesen hier so, wie dir’ s dünket gut,
In Punkten leicht und schwer, ob er betroffen
Im Glauben wird, der dich trug auf der Flut?

Ob redlich war sein Glauben, Lieben, Hoffen,
Ist dir vertraut: weil deinem Angesicht
Sich alle Dinge spiegeln klar und offen.

Weil aber hier des wahren Glaubens Licht
Die Bürger wirbt, so dien es auch zum Preise
Des Glaubens, dass es ehrend von ihm spricht.«

So waffnen Baccalauren innen leise
Sich auf des Meisters Frage, eh sie kund,
Nicht zur Entscheidung, nein, nur zum Beweise,

Wie ich mich rüstete mit jedem Grund -
Indes sie sprach - um rühmlich zu bestehen
Vor solchem Prüfer mit verständgem Mund.

»Sprich, guter Christ, lass dein Bekenntnis sehen:
Was ist der Glaube?” - Und zum Lichte schnelle,
Als er gesprochen, ließ den Blick ich gehen,

Und dann zu Beatricen, deren helle,
Geliebte Augen winkten: sich ergießen
Zu lassen meines innern Bornes Welle.

»Lässt Gnade mein Bekenntnis mich erschließen,«
Begann ich, »vor so hohem Gottesstreiter,
Lass ausdrucksklar sie auch die Antwort fließen.

Was aus den Wahrheitsworten,« sprach ich weiter,
»O Vater, deines teuern Bruders spricht,
Den Rom gleich dir gehabt zum Stern und Leiter,

Glaube ist Stoff der Hoffnungs zu versicht
Und ein Beweis von dem, was wir nicht sehen -
Darin verkenn ich wohl sein Wesen nicht.«

»Recht denkst du,« hörte ich sein Wort ergehen,
»Sofern du auch den Grund erkennst, weswegen
B e w e i s und S t o f f bei ihm geschieden stehen.«

»Die tiefen Dinge«, hielt ich ihm entgegen,
»Die hier mir ihres Anblicks Wonne leihn,
Sind unsern Augen drunten s o entlegen,

Dass dort im Glauben einzig liegt ihr Sein,
Darauf wir unsre frohe Hoffnung bauen!
Und so nimmt er des Stoffes Stelle ein.

Von hier aus, ohne rechts und links zu schauen,
Muss der Verstand vom Glauben Schlüsse ziehen,
Und daher muss man als Beweis ihm trauen.« -

»Wenn alles, was durch Lehren ist gediehen,«
Vernahm ich jetzt, «ihr unten s o verstündet,
So hätt es kein Sophistenwitz verschrieen.«

So sprach sein Mund, von Liebesglut entzündet,
Und fragte dann: »Wie ich die Münze wäge,
So hast du sie nach Korn und Schrot ergründet,

Doch hast du sie im Beutel?« - Ich, nicht träge,
Sprach rasch: »Jawohl, ich hab sie blank und rund,
Und niemals ward ich irre am Gepräge.«

Und wieder scholl es aus dem Flammenmund:
»Und dies Juwel, darauf zu baun begonnen
Jegliche Tugend als dem festen Grund,

Wo kam dir’ s her?« - Und ich: »Der reiche Bronnen
Des heilgen Geistes, der mit klarer Feuchte
Die beiden Testamente überronnen,

Er galt mir als Vernunftbeweis und scheuchte
Mit seinem scharfen Schluss die andern fort,
Von denen jeder mich als irrig deuchte.«

»Die Testamente,« sprach der heilge Hort,
»Die solche Folgerung dir eingetragen,
Warum verehrst du sie als Gottes Wort?«

Und ich: »Die Proben, die die Wahrheit sagen,
Sind jene Werke, dazu die Natur
Nie Eisen schmolz, den Amboss nie geschlagen.«

Und er: »Wer bürgt bei diesen Werken nur,
Dass w i r k l i c h sie geschehn? Zu ihren Ehren,
Sie zu erhärten, fehlt doch jeder Schwur?« -

»Wenn ohne Wunder,« sprach ich, »Christi Lehren
Die Welt annahm, sind h u n d e r t Wundertaten
Für dieses e i n e Wunder zu entbehren.

Denn arm und dürftig gingst du, um die Saaten
Zu legen in das Feld, wo deine Pflanze,
Einst edle Rebe, jetzt zum Dorn missraten!«

So schloss ich, als vom heilgen Sphärenkranze
Der Sang erscholl: »Herr Gott , wir loben dich,
In Tönen, wie man sie nur hört im Glanze.

Und jener Bannerherr, der prüfend mich
Von Zweig zu Zweige hoch und höher führte,
Wo schon die letzten Blätter zeigten sich,

Fuhr fort: »Die liebend deinen Geist berührte,
Die Gnade hat dir auch den M u n d erschlossen,
Dass er sich aufgetan, wie sich’ s gebührte,

Und ich gebilligt hab, was ihm entflossen;
Doch was du glaubst, vertraue mir nun offen,
Und auch, woher dein Glaube sich ergossen?«

»O Geist, der du hier schaust, erfüllt in Hoffen,
Was du s o fest geglaubt, dass - wie uns kund -
Beim Gruftbesuch du Jüngre übertroffen,

Verklärter,« fuhr ich fort, »aus meinem Mund
Soll meines Glaubens Formel klar dir scheinen,
Und unzweideutig meines Glaubens Grund ?

Vernimm: Ich glaub an Gott , den Ewig - Einen ,
Der kreis enlässt das All, selbst - unbewegt,
Durch seiner Liebe Kraft, der selbstlos reinen!

Nicht Metaphysik noch Physik erregt
Mir diesen Glauben, und er wird vertreten
Durch Wahrheit, die uns ist belegt

Durch Moses, durch die Psalmen und Propheten,
Durch Evangelien und was i h r geschrieben,
Als Gottes Flammen adelnd euch durchwehten.

Ich glaub an drei Personen, die stets blieben
Und ewig bleiben eins, doch drei gestaltig,
D a s s n i e m a l s e s t u n d s u n t i h r B i l d v e r s c h i e b e n !

Und den Begriff, so göttlich-tiefinhaltig,
Beglaubigt und besiegelt im Gemüte
Das Evangelium mir gar mannigfaltig.

Dies ist der Urgrund, ist, was in mir sprühte
Als Funke einst, der jetzt - zum Brand entglommen -
Mir längst als meines Himmels Leitstern glühte!«

Gleichwie der Herr, der Frohbotschaft vernommen,
Den Überbringer wohl im Freudendrang
Umfängt mit beiden Armen als willkommen,

So dreimal um mich her im Kreise schwang
Sich des Apostels Licht, als ich geendet,
Und segnete mein Reden mit Gesang,

Weil es solch Wohlgefallen ihm gespendet.


Gesang 25

Wenn je den Hass mein heilig Lied erweichte,
Dran Erd und Himmel mitschrieb, dass die Bürde
Mich schon seit Jahren magerte und bleichte -

Und ich zum trauten Pferche kehren würde,
Wo ich als Lamm schlief, eh man mich verbannt
Als Feind des Wolfes, der ein Feind der Hürde -:

Mit anderm Haar und rühmlicher bekannt
Käm ich als Dichter heim, d o r t zu empfangen
Den Lorbeerkranz an meines Taufsteins Rand,

Dort , wo ich einst zum Glauben eingegangen,
Der uns mit Gott vermählt und dessentwegen
Sankt Petres Flammen um mein Haupt sich schwangen! -

Nun kam ein Licht uns aus der Schar entgegen,
Drin jener weilte, den zuerst von allen
Der Herr des Stellvertreteramts ließ pflegen,

Da hört ich Beatricens Stimme schallen,
Wonnebeseelt: »Sieh, sieh! das ist der Held,
Um den sie heut noch nach Galizien wallen.«

Wie ein verliebter Täubrich sich gesellt
Der Taube, beide gurrend sich umkreisen,
Die Liebe zeigend, die ihr Innres schwellt,

Sah ich einander Liebesgruß erweisen
Die beiden Himmelsfürsten, und das Brot
Des Himmels hörte ich sie rühmend preisen.

Nachdem Willkommen so ein jeder bot,
Hielt schweigend vor mir an das Paar im Schweben,
Von augenblendendem Geblitz umloht.

Lächelnd sprach Beatrice: »Ruhmreich Leben,
Das unsers Tempels Überfluss und Pracht
In so beredten Worten kundgegeben,

Lass tönen hier die Hoffnung, deren Macht
Du uns ja selbst im Bilde ließest schauen,
Als er euch dreien hellres Licht entfacht.« -

»Erheb dein Haupt und habe nur Vertrauen;
Erst reifen muss in unsern Lichtgloriolen,
Was hier heraufkommt aus des Todes Auen.«

Als so das zweite Licht mir Trost empfohlen,
Sich meine Blicke zu den Bergen fanden,
Vor deren Wucht sie sich gesenkt verstohlen.

»Weil unsers Kaisers Huld dir zugestanden,
Dass du v o r m Tode schon Verkehr darfst pflegen
Mit dem geheimen Hof der Himmelsgranden,

So dass - trat hier erst Wahrheit dir entgegen -
Die Hoffnung, die euch drunten immer blüht,
In dir und andern stärkt der Liebe Segen,

Sag: was sie ist? wie sie dir im Gemüt
Entsprosste und woher sie dir gekommen?«
So schloss die zweite Flamme glanzumsprüht.

Da ward mir von der Führerin, der frommen,
Die sternhinan mein Schwingenpaar geleitet,
Die Antwort aus dem Munde schon genommen:

»Mehr hofft kein Sohn der Kirche, die da streitet,
Als er, wie dieser Sonne Glanz bewährt,
Die hier ihr Lichtkleid um uns alle breitet.

Drum ward er in Ägypten frei erklärt,
Dass er im Glanz Jerusalems sich weide,
Noch eh des Krieges Dienstzeit ihm verjährt.

Die andern Punkte - nicht, dass er e n t s c h e i d e
Darüber - soll er zum Beweis nur wählen:
Wie teuer dir die Hoffnung sei. Auf beide

Wird ihn die Antwort nicht mit Sorge quälen,
Noch minder wird sie ihn zur Prahlsucht reizen;
Und möge Gottes Huld dabei ihn stählen.«

Wie Schüler nicht mit d e m vorm Lehrer geizen,
Was sie gesammelt aus der Weisheit Bronnen,
Und mit der Kenntnis gern sich harmlos spreizen -

Begann ich: »Hoffnung ist zukünftiger Wonnen
Erwartung und gewisse Zuversicht ,
Wo Gnade und Verdienst ihr Werk begonnen.

Von vielen Sternen kommt mir dieses Licht,
Doch machte mir zuerst das Herz entbrennen
Des großen Gottessängers Lobgedicht.

Dein hoffen die, so deinen Namen kennen:
Das war’ s, was er in seinem Psalme rief -
W e r meines Glaubens weiß ihn nicht zu nennen?

Dann träufeltest du selbst in deinem Brief
So reichlich mir ins Herz von deinem Segen,
Dass es von dort in andre Herzen lief.«

Indem ich also sprach, sah ich sich’ s regen
Im Licht, als ob im Wetterleuchtgesprühe
Sich Blitze zuckend durch die Nacht bewegen,

Dann klang’ s: »Die Liebe, drin ich hier noch glühe
Für jene Tugend, der ich mich befleißt,
Bis psalmgekrönt ich schied vom Feld der Mühe,

Sie fragt dich abermals, damit dein Geist
An diesem Himmelsgute sich erfreue;
Sprich denn: was solche Hoffnung dir verheißt?«

Drauf ich: »Die Schriften, alte sowie neue,
Bezeichnen mir das Ziel, das Gott bescheidet
Den Seelen, die mit ihm verknüpft die Treue!

Jesajas spricht, dass jede wird bekleidet
Mit doppeltem Gewand in ihrem Lande:
Dies Land ist h i e r , wo ewge Lust euch weidet.

Dein Bruder lässt noch klarer dem Verstande
Das Licht der Offenbarung leuchten d o r t ,
Wo er vom Schneeweiß redet der Gewande.«

Da rief’ s - kaum dass erklang mein letztes Wort -
Sperent in te! herab aus lichter Fährte,
Und Antwort sang der heilge Chor sofort,

Worauf ich sah, wie sich ein Licht verklärte,
Dass - wenn dem Krebs solch heller Glanz zu eigen -
Der Wintermond nur Tageslicht gewährte.

Und wie ein Mägdlein fröhlich tritt zum Reigen,
Um Ehre anzutun der Neuvermählten,
Und nicht, um eitel ihre Kunst zu zeigen,

So trat das Licht jetzt zu den auserwählten
Aposteln - die durch Tanz und Harmonie
In gegenseitger Liebesglut sich stählten -

Und schloss sich an in Tanz und Melodie;
Doch Beatrice, ohne sich zu regen,
Sah sittsamstumm wie eine Braut auf sie:

»E r ist’ s, der liebend an der Brust gelegen
Dem heilgen Pelikan; e r ward ernannt
Vom Kreuz herab, das hohe Amt zu pflegen.«

So meine Herrin; und wie unverwandt
Zuvor ihr Auge hing an diesen beiden,
Hing’ s auch noch jetzt an ihnen wie gebannt.

Wie bei der Sonnenfinsternis entscheiden
Zu können glaubt, wann sie beginnt und endet,
Dem doch beim Spähen nur die Augen leiden,

So stand ich, starr zum neuen Licht gewendet,
Da rief’ s: »Was suchst du Dinge mit Beschwerde,
Die hier nicht sind? Und stehst nun glanzgeblendet?

Auf Erden weilt mein Leib und bleibt dort Erde
Mit allen andern, bis dass unsre Zahl
Vervollständigt vom ewgen Ratschluss werde.

Es durften hier zum heilgen Klostersaal
Im Doppelkleid nur diese beiden steigen;
Dies magst du melden einst im Erdental.«

So sprach die Stimme, und es stand der Reigen;
Auch der Gesang, drin ineinandergriff
Dreifachbeseelter Hauch, erstarb in Schweigen,

Als ob wir plötzlich auf des Führers Pfiff
Die fleißgen Ruder starrgefesselt schauen,
Heißt’ s rasten oder droht Gefahr dem Schiff.

Doch mir durchlief das Herz ein tiefes Grauen,
Als ich umsonst nach Beatricen spähe
Und sie nicht seh, obgleich ich in den Auen

Der Selgen bin in ihrer nächsten Nähe.


Gesang 26

Indes ich meiner Blindheit zweifelnd dachte,
Ging aus der Flammenglut, die mich geblendet,
Ein Hauch hervor, der aufmerksam mich machte,

Und rief: »Bis du dir fühlst zurückgesendet
Die Kraft des Auges, die mein Glanz verzehrt,
Sei Sprache dir als Trostersatz gespendet.

Sprich denn: Was ist es, das dein Herz begehrt?
Doch nimm als Stärkung erst dies Wort zum Pfand:
Dir ist ver w e h r t die Sehkraft, nicht ver s e h r t!

Und deiner Herrin Auge, die ins Land
Des Herrn dich führte durch den Sternenäther,
Stärkt gleiche Kraft wie Ananias Hand.« -

»Sie heil mein Auge früher oder später,«
Sprach ich, »war’ s doch einst i h r e r Glut die Pforte;
Mein Herz ist heut noch dieser Glut Verräter.

Das Gut, das euch beglückt an diesem Orte,
Ist A und O der Liebe, davon Kunde
Bald laut, bald leise geben Gottes Worte.«

Dieselbe Stimme, die mit gutem Grunde
Die Furcht vor der Erblindung mir vertrieben,
Gebot, noch mehr zu reden, meinem Munde:

»Gewiß! doch musst du es noch feiner sieben,«
Sprach sie, »erkläre drum das Was und Wie,
Drob stets des Ziels gedenk dein Pfeil geblieben.«

Und ich: »Durch Gründe der Philosophie
Und Offenbarung, die von Gott gesandt ist,
Geschah’ s, dass solche Liebe mir gedieh.

Das Gute, das als gut an sich erkannt ist,
Entfacht je größre Liebesflammen immer,
Je stärker es an Güte selbst entbrannt ist.

D e m Wesen also, dem ein andres nimmer
An Güte gleicht, drob jedes sonstge Gut
Von seinem Licht nur scheint ein blasser Schimmer,

D e m kehrt notwendig sich in Liebesglut
D i e Seele zu, die ohne Wank begründet
Die Wahrheit sieht, drauf der Beweis beruht.

Und solcher Wahrheit Licht hat mir entzündet
Er, der zuerst der Liebe Anfang weist.
Und sie als Urtrieb aller Wesen kündet.

Und Gottes Stimme selbst es ja verheißt;
I c h w e r d e d i r j e d w e d e s G u t e z e i g e n ,
Verkündete dem Moses Gottes Geist.

Auch d e i n e Botschaft kann es nicht verschweigen,
Wo tiefer als an jedes andern Hand
Wir in das himmlische Geheimnis steigen.«

Und ich vernahm: »Durch menschlichen Verstand
Und kraft gleichlautender göttlicher Kunde
Muss ja dein Lieben bleiben gottverwandt!

Doch fühlst du dich zur Liebe nicht im Grunde
Auch noch durch andre Fäden hingerissen?
So zeige ihres Zahnes Biss und Wunde.«

Ich merkte wohl, wie Christi Aar beflissen
In heilger Absicht war, um meine Beichte
Auf e i n e Stelle hingelenkt zu wissen;

Drum sprach ich: »Jeder Biss, der mich erreichte,
Wodurch der Herr den Menschen zu sich lenkt,
Mein Herz für Liebe stets nur mehr erweichte.

Der W e l t e n Dasein, m e i n s , das mir geschenkt,
Der Tod, den er ertrug, dass ich soll leben,
Und das, was jeder Christ erhofft und denkt,

Dies und die obgerühmte Kenntnis geben
Mir Rettung aus der falschen Liebe Meer,
Um auf den Strand der wahren mich zu heben.

Für alles Laub im Garten hoch und hehr
Des heilgen Gärtners fühl ich mich durchdringen,
Weil er ihm wohltut, Liebe gar so sehr!«

Ich schwieg und hörte laut den Himmel klingen
Und meine Herrin dreimal Sanctus sprechen,
In das der Chor einfiel mit Jubelsingen.

Wie uns des Schlafes Fesseln jäh zerbrechen,
Sobald ein grelles Licht die Sehkraft weckt,
Dass man es fühlt durch Lid und Wimper stechen,

Und des Erwachens Hast uns erst erschreckt,
Bis Urteilskraft uns, die noch schlafestrunken,
Die Kenntnis unsrer Lage neu entdeckt -

So war der Schleier m e i n e m Blick entsunken
Vor B e a t r i c e n s Blick, der rings verstreute
Wohl über tausend Meilen Lichterfunken,

So dass mich schärfres Sehn als sonst erfreute
Und ich erstaunt sie fragte, was die Pracht
Von jenem neuen, vierten Licht bedeute?

Und sie: »Dort preist des ewgen Schöpfers Macht
Im Strahlenkleid der erste Menschengeist,
Den Urkraft je erschaffen und erdacht.«

Wie sich, sobald ein Wind durchs Laubdach kreist,
Das Blättlein beugt und, wenn der Wind vergangen,
Es eigne Schnellkraft wieder aufwärts reißt,

So hielt ihr Wort mit Staunen mich gefangen,
Doch fasste, als sie schwieg, ich rasch Vertrauen,
Und in mir wuchs zu fragen das Verlangen,

Und sprach: »O e i n z g e Frucht, die reif zu schauen
Bei ihrer Schöpfung war, uralter Ahne,
Vater zugleich und Schmäher aller Frauen,

Vergib, dass dreist zu dir den Weg sich bahne
Mein Wunsch, mit dir zu sprechen - auch im Schweigen
Verstehst du mich und ohne dass ich mahne.«

Wie an den raschelnden, bewegten Zweigen
Dem Jäger sich Bewegung und Gebärde
Des im Gebüsch verborgnen Wildes zeigen,

So ließ der Ersterschaffne dieser Erde
Die Freude schimmern durch sein Lichtgewand,
Dass er mir redend gern gefällig werde.

Dann sprach er: »Ohne dass du ihn genannt,
Hab deines Herzens Wunsch ich längst erfahren,
Und klarer als d u je etwas erkannt;

Denn in d e m Spiegel sah ich ihn, dem wahren,
Der sich zum Abbild macht von allen Dingen,
Doch nirgends lässt sein eignes offenbaren.

Du fragst: w i e v i e l J a h r h u n d e r t e v e r g i n g e n ,
S e i t i c h i n E d e n w a r , wo die Erlauchte
Zum zweiten Flug dir rüstete die Schwingen?

Wie l a n g mein Herz in Edens L u f t sich tauchte?
D e n G r u n d, der den e r h a b n e n Z o r n erweckte?
Und w e l c he S p r a c h e ich ersann und brauchte? -

Mein Sohn, nicht dass ich von dem Baume schmeckte,
War Grund an sich, dass mich der Herr verbannt,
Der B r u c h der Schranke war’ s, der mich befleckte.

Ich sah, bevor ich kam ins Himmelsland,
Viertausendunddreihundertzweimal kreisen
Die Sonne d o r t , wo Beatricen fand

Virgil - sah sie von Stern zu Sterne reisen,
Solang ich mich auf Erden noch befunden,
Neunhundertdreißigmal in ihren Gleisen.

Die Sprache, die ich sprach, war längst verschwunden,
Bevor zum Riesenbau die schwache Kraft
Der Nimrodvölker nutzlos sich verbunden.

Verstandeswerke sind nicht dauerhaft,
Weil Menschenneigung nach der Sterne Walten
Verändrungslustig immer Neues schafft.

Das Sprach v e r m ö g e n hat der Mensch erhalten,
Doch sinnvoll sich in Worten auszudrücken,
So oder so - lässt f r e i Natur ihn schalten!

Eh Gott zur Höllenqual mich ließ entrücken,
Hieß El das höchste Gut, von dem entglommen
Die Wonnestrahlen sind, die mich umschmücken;

Als Eli hat man dann sein Lob vernommen,
Da Menschenwort sich gleich den Blättern zeigt,
Die heute welken, weil schon andre kommen.

Auf jenem Berg nun, der zuhöchst entsteigt
Dem Schoß des Meeres, hab ich sieben Stunden -
Von früh an bis die Sonne sich geneigt -

In Reinheit und in Sünde mich befunden.«


Gesang 27

Dem Vater, Sohn und Heiligen Geist erklang
Im ganzen Paradies ein Gloria-Singen,
Dass rein berauscht ich war vom süßen Sang;

Ein Weltallslächeln schien mich zu umringen,
Als ich die Wonnen wie in Trunkenheit
Durch Ohr und Auge in mich fühlte dringen!

O namenlose Lust! O Seligkeit!
Vollkommnes, friedenvolles Liebesleben!
O sichrer Reichtum, jedem Wunsch gefeit!

Vor meinen Augen standen glutumgeben
Die Fackeln, alle vier, doch heller wieder
Sah ich’ s im erstgekommnen Licht sich heben:

In solchem Schimmer strahlte Zeus hernieder,
Wenn er und Mars - zu Vögeln rasch geworden -
Vertauschen könnten auch ihr Lichtgefieder.

Die Vorsicht, die im heilgen Himmelsorden
Allen verteilt und ablöst Dienst und Amt,
Gebot jetzt Schweigen rings den Dankakkorden.

Und ich vernahm: »Siehst du mich schamentflammt,
So staune nicht; bei meiner Worte Tone
Erröten auch bald diese allesamt.

Er - der da unten protzt auf meinem Throne,
Ja, meinen, meinen Thron sich macht zu nutze,
Der leer vorm Antlitz steht von Gottes Sohne, -

Lässt stinken meine Ruhestatt im Schmutze
Und Blut, dass drob sich freut im Höllenschlunde,
Der drunten liegt zur Strafe seinem Trutze!«

Und wie zur Morgen- oder Abendstunde
Die Wolken rings in Sonnenröte prangen,
Färbte der Himmel sich im tiefsten Grunde;

Und wie auf eines züchtgen Weibes Wangen -
Das, rein im Herzen, um ein fremd Vergehen
Beim Hören schon erschrickt - sich malt das Bangen,

Sah ich verwandelt Beatricen stehen:
So, glaub ich, war - als Gott am Kreuz gelitten -
Die himmlische Verfinstrung anzusehen.

Dann sprach er weiter, doch verändert schritten
Die Worte jetzt im Einklang mit der Glut,
Vom Schwert des Zornes beide gleich durchschnitten:

»Für Christi Braut verströmte nicht mein Blut,
Noch hat des Linus, Cletus Blut sie nähren
Gewollt, dass man sie braucht um schnödes Gut!

Auch gaben, dass sie h i e r einst selig wären,
Sixtus, Calixt, Pius, Urban zum Pfand
Ihr heilig Blut in Martern hin und Zähren.

Wir wollten nimmermehr, dass r e c h t e r Hand
Von uns ein T e i l des Christenvolks erschien,
Indes ein andrer l i n k s vom Stuhl sich fand;

Noch dass der Schlüsselbund, der mir verliehn,
Auf einem Banner - das in Schmach und Nöte
Die Gläubgen führt - als Kriegeszeichen dien;

Noch dass mein Bild ich für die Siegel böte
Käuflicher, trügerischer Freiheitsbriefe,
Drob ich in Zornesfunken oft erröte!

Raubgierig schleichen aus des Dunkels Tiefe
In Hirtenkleidern Wölfe auf die Weiden -
O dass der Zorn des Herrn nicht länger schliefe!

Der Basker und Cahorse, diese beiden,
Sind lüstern schon nach meinem Blut; - welch Ende
Voll Schmach muss doch ein guter Anfang leiden!

Jedoch die Allmacht, die für Rom behende
Die Weltmacht sichern ließ in Scipios Siegen, -
Ich ahne, dass sie bald uns Hilfe sende!

Zwang dich, mein Sohn, erst von den Himmelsstiegen
Die Erdenlast hinab - von meinem Zorne
Verschweige nichts, wie ich auch nichts verschwiegen.«

Wie Flocken aus der Luft gefrornem Borne
Herniederschneien, wenn zur Sonne rückt
Die Himmelsziege mit dem Doppelhorne,

So sah ich rings den Äther ausgeschmückt
Mit Flammenflocken, die sich aufwärts hoben
Samt Christi Jüngerschar, triumphentzückt;

Und als ich ihrem Wirbeltanz nach oben
So weit mit meinem Blicke nachgedrungen,
Bis sie mir im Unendlichen zerstoben,

Und ich die Augen senkte glanzbezwungen,
Rief meine Herrin: »Lass nun abwärts schreiten
Den Blick und sieh, wie weit wir uns geschwungen!«

Vom ersten Niederblick bis jetzt zum zweiten
Ließ dieser Flug des ersten Klimas Bogen
Vom Mittel- bis zum Endpunkt uns durchgleiten,

So dass ich jenseits G a d e s sah die Wogen,
Die einst Ulyß durchflog, und hier den Strand,
Wo Zeus mit süßer Last dahingezogen,

Und mehr noch von dem winzgen Erdenland
Entziffert hätt, wenn Sol nicht unter mir
Schon mehr als um ein Zeichen weiter stand.

Mein liebend Herz, das schmachtend in Begier
Nur meiner Herrin schlug, ließ im Verlangen
Entbrennen mich, zurückzuschaun zu ihr. -

Ließ je Natur im Fleisch und Blute prangen,
Und Kunst im Bild ein schönes Angesicht,
Die Seele durch den Augenreiz zu fangen:

Kunst und Natur vereint erreichen nicht
Die Götterlust, die tief mein Herz durchdrungen,
Als neu mir lachte ihrer Augen Licht;

Und jene Kraft, die ihrem Blick entsprungen,
Entnahm mich Ledas schönem Nest in Eile,
Dass ich zum schnellsten Kreis ward aufgeschwungen,

Der gleich an Licht und Kraft in jedem Teile,
So gleich, dass ich den Ort nicht schildern kann,
Den Beatrice mir erkor zum Heile.

Sie aber sah mir mein Erstaunen an
Und lächelte, als strahlte Gottes Lachen
Aus ihrem Angesichte, und begann:

»Sieh hier Natur voll ewger Ruhe wachen
Im Kern- und Anfangspunkt; sie lässt von hier
Das Weltall seinen großen Kreislauf machen.

Nicht andern Raum hat dieses Lichtrevier
Als G o t t e s G e i s t , der Liebesglut entzündet;
Und dieses Himmels Schwungkraft strömt aus ihr!

Wie alle er umschlingt, schlingt engverbündet
Sich Licht und Liebe auch um ihn: verstehen
Kann e r dies Wunder nur, der es geründet!

Nicht messen lässt sich dieses Himmels Drehen,
Doch gibt er Maß und Ziel den andern Sphären,
Wie sich aus zwei unf fünf ergibt die zehen.

Wie sich in diesem Topf die Wurzeln nähren
Des Zeitenbaums, und wie sein Laub gedeiht
In andern, kannst du dir nun selbst erklären. -

O Menschen, wie ersäuft Begehrlichkeit
Euch gar s o t i e f doch, dass euch aus dem Schaume
Des Meers kein Aufwärtsschaun zum Licht befreit!

N o c h blüht das Wollen euerm Lebensbaume,
Doch wenn der Regen endlos niedergießt,
So fault verhutzelnd auch die beste Pflaume.

Kaum dass du noch im Kinderherzen siehst
Unschuld und Glauben - denn sie beide schwinden,
Bevor der Flaum auf ihren Wangen sprießt.

Ein lallend Kind lässt sich durch Fasten binden,
Kaum kann es sprechen, wirst du es sich laben
Zu jeder Zeit an allen Tischen finden.

Und wer die Mutter pflegte liebzuhaben
Als lallend Kind, wünscht - wenn er fertig spricht -
Im stillen: säh ich sie doch erst begraben!

So schwärzt sich schnell das weiße Angesicht
Der schönen Tochter deren, die am Morgen
Uns schenkt und abends wieder raubt das Licht.

Doch staune nicht - der Grund ist nicht verborgen:
Ein Herrscher fehlt , der euch, die ihr umgittert
Vom Irrtum seid, herausführt aus den Sorgen!

Doch eh des Winters letztes Eis zersplittert -
Weil euch das Hundertstel gedient zum Spotte -
Dröhnt dieser Himmel, dass sein Grund erzittert!

Dann lässt das Glück von seinem trägen Trotte,
Zur Umkehr wird’ s das Ruder schnell ergreifen,
Dass graden Laufs hinsegelt eure Flotte,

Und nach den Blüten wahre Früchte reifen!«


Gesang 28

Mit Wahrheitseifer also mir bewies
Das Menschenelend unsrer heutgen Zeiten
S i e, die für’ s Paradies mich reisen ließ. -

Wenn wir durch einen Raum im Dunkeln schreiten
Und vor uns plötzlich dann im Spiegel sehen
Ein ungeahntes Licht Reflex verbreiten,

Dass wir uns überrascht nach rückwärts drehen
Und sehn, dass Schein und Wahrheit sich verflocht,
Wie Wort und Klang beim Lied zusammengehen,

So hab ich stehen wohl und schaun gemocht
In ihres Auges Pracht, draus Amor Schlingen
Zum Netz sich wob, das einst mich unterjocht.

Rückschauend sah ich mir ins Auge dringen,
Was d e r in diesem Buche lesen darf,
Dem aufmerksam umher die Blicke gingen,

Und traf auf einen Punkt, so stechend-scharf,
Dass sich mein Auge schloss, weil allzu grellen
Lichtschimmer blendend dieses Pünktchen warf.

Ließ neben ihn der kleinste Stern sich stellen,
Groß wie ein Mond erschien er dem Gesicht,
Wenn andre Sterne sich dem Mond gesellen.

Etwa so eng, als um des Mondes Licht
Der Hof den dichten Dunstkreis hält geschlungen,
Draus blass sein Bildnis und verkleinert bricht,

Hielt hier den Punkt ein Feuerrad umschlungen,
Das in der Drehung rasendschnellem Gang
Den schnellsten Himmel hätte leicht bezwungen.

Um diesen Ring sich nun ein zweiter schlang,
Den schloss ein dritter, den ein vierter ein,
Um den ein fünfter sich und sechster schwang.

Der nächste schien bereits so groß zu sein,
Dass der zum Kreis ergänzte Irisbogen,
ihn zu umspannen, wäre noch zu klein.

Neun Feuerschlangen waren so gezogen;
Die größern kreisten mit geringrer Schnelle
Je ferner sie den Mittelpunkt umflogen.

Und jene prangte in der größten Helle,
Die als die innerste in diesem Reigen
Am nächsten kreiste um die Wahrheitsquelle.

Die Herrin sprach, als sie mich sah in Schweigen
Und Sorge stehn: »Sieh Himmel und Natur
Abhängig sich von d i e s e m Punkte zeigen!

Und der zunächst ihm zieht die engste Spur,
Dem Kreise gibt die s e h n s u c h t s v o l l e Liebe
Zum Schwung die rasende Bewegung nur.«

Und ich: »Wenn gleiche Ordnung hielt und triebe
Die Sinnenwelt wie hier die Himmelskreise,
So glaub ich, dass mir nichts zu zweifeln bliebe;

Doch drunten teilt man anders aus die Preise,
Gibt größre Göttlichkeit den Erdendingen,
Je ferner sie ums Zentrum ziehn die Gleise.

Soll drum mein Wunsch Befriedigung erringen
In diesem wunderbaren Engelstempel,
Drum Licht und Liebe sich als Grenzwall schlingen,

So musst du lehren mich, warum sich Stempel
Und Prägstock, Ab- und Urbild widerstreiten:
Allein kann ich nicht lösen dies Exempel!«

»Nicht wundert mich’ s, wenn hier auf Schwierigkeiten
Dein Finger stößt; nur fester ward der Knoten,
Weil niemand an die Lösung ging beizeiten,«

So sprach sie und fuhr fort: »Wird dir geboten
Zu deiner Sättigung noch fernre Speise,
Lass deinen Scharfsinn mahlen sie und schroten!

Weit sind und eng die körperlichen Kreise,
Ganz wie die Kraft durch alle ihre Teile
Hinströmt in stärkrer oder schwächrer Weise.

Die größre Güte wirkt in größerm Heile,
Und größern Raum hält größres Heil umringt,
Gesetzt, dass gleiche Kraft in jedem weile.

Der Kreis nun, der das Weltall nach sich zwingt
In mächtgem Schwung, entspricht im Kern deswegen
D e m , der zutiefst mit Geist und Liebe dringt.

Drum, willst du an die K r a f t den Maßstab legen,
Nicht an die Form und Größe der geschwinden
Substanzen, die sich sphärisch hier bewegen,

So wirst du wunderbaren Einklang finden
In jedem Kreis mit dem was ihn regiert,
Dass Mehr sich pflegt dem Minder zu verbinden.«

Wie klarer Glanz des Himmels Wölbung ziert,
Bläst Boreas aus der uns holdern Wange
Den mildern Hauch, wobei nichts mehr gefriert,

So dass der Nebel weicht dem warmen Zwange,
Und blau der Himmel seinen Fächer spannt,
Als ob drauf aller Engel Lächeln prange -:

So spaltete wie eine Wolkenwand
Es sich vor mir beim Worte ihrer Güte,
Dass wie ein Stern die Wahrheit vor mir stand.

Sie schwieg - und sieh! aus allen Kreisen sprühte
Ein Funkentanz, wie es das Eisen macht,
Wenn unterm Hammer ächzt das weißgeglühte.

Und jeder Funke neue Funken facht,
Dass ich bei diesem Wachsen und Zerspalten
An jenes Schachbrett-Zahlenspiel gedacht,

Worauf von Chor zu Chor Hosannas schallten
Dem festen Punkt, der sie an ihrem Ort
Stets hielt, noch hält, und ewig so wird halten!

Sie, die mein Zweifeln sah, ergriff das Wort:
»Hier wirken in den ersten beiden Ringen
Seraph und Cherubine fort und fort;

Sie lässt ein Liebesband im Kreise schwingen,
Um Gott durch Anschaun soweit gleich zu sein,
Als sie begabt, sein Wesen zu durchdringen.

Die Liebesflammen, die darum sich reihn,
Heißt man des ewgen Angesichtes Throne ;
Sie schließen diese Engelsdreiheit ein.

So viel wird jedem Seligkeit zum Lohne,
Als sich zur Wahrheitstiefe senkt sein Geist,
Dass er darin beglückt und wunschlos wohne.

Das Gott anschaun , wie hieraus sich erweist,
Ist Grundbedingung für ein selig Leben,
Das L i e b e dann als zweites erst verheißt!

Das S c h a u n will dem Verdienst den Maßstab geben,
Und guter Wille wird Verdienst durch Gnade;
So kann Verdienst sich stufenweis erheben.

Die z w e i t e Dreiheit, die im lauen Bade
Himmlischer Lenzluft blüht im ewgen Flore,
Dass nie mit Nachtfrost ihr der Widder schade,

Lässt aus dreifach verschlungnem Freudenchore
Ein ewig Lenzhosanna preisend klingen
Dreifacher Melodie vor Gottes Ohre.

In dieser Hierarchie als erste schwingen
Herrschaften sich, dann siehst du K r ä f t e glänzen,
Und endlich M ä c h t e ihren Reigen schlingen.

Erblick nun in den beiden nächsten Kränzen
Die Fürstentümer und Erzengel schweben -
Der letzte dient zu Engelspiel und Tänzen.

Nach o b e n s e h n , die hier in Andacht leben,
Nach u n t e n w i r k e n sie, bis sie zum Frieden
Sich selbst aufringend alle mit sich heben.

Schon Dionys, der brünstig rang hienieden,
Dass er der Engel Hierarchie betrachte,
Hat sie wie ich genannt und unterschieden.

Gregor als Mensch darüber anders dachte,
Bis er, als ihm sein Auge aufgeschlossen
Hier oben ward, den Irrtum selbst belachte.

Dass sich aus einem Menschenmund ergossen
Solch ein Geheimnis, wundere dich nicht:
Aus d e m , der hier es sah, ist ihm erflossen

D i e s und noch mancher andern Wahrheit Licht!«


Gesang 29

Solang als man die beiden Latoniden
Bedeckt vom Widder und der Wage sieht,
Wenn gleiche Horizonte sie umfrieden,

Solang der Wage Zunge im Zenit
Die beiden Schalen hält im Gleichgewichte,
Bis eine steigt, die andre abwärtszieht,

Solang sah Beatrice, im Gesichte
Ein Lächeln, j e n e n Punkt stillschweigend an,
Der mich vorhin bezwang mit grellem Lichte.

»Nicht brauch ich dich zu fragen, sprach sie dann,
»Was du begehrst, denn dorther sah ich’ s tagen,
Wo engverknüpft ist jedes Wo und Wann.

Nicht für sich selbst Gewinn davonzutragen,
Wie Einfalt meint, nein! dass im Widerglanz
Ihr Schimmer nur ‚ich bin’ vermag zu sagen,

Ergoss, befreit von Zeit- und Raumsubstanz
Die ewge Liebeskraft als Allumfasser
Neunfache Liebe diesem Strahlenkranz.

Nicht, dass sie vorher dalag wie ein blasser,
Erstarrter Leib -: kein V o r- und N a ch h e r war,
Eh Gottes Atem webte überm Wasser!

Nein! Stoff und Form trat als vereintes Paar,
Als ob dreifacher Strang drei Pfeile schösse,
Ins Dasein, rein und jedes Fehlers bar! -

Als ob in Bernstein, Glas, Kristall sich gösse
Ein Lichtblitz, dass kein Auge vom Entzünden
Bis zum Durchflammtsein merkt, ob Zeit verflösse,

So ließ der Herr dreifache Wirkung münden
Aus einer einzgen Tat, dass im Entspringen
Nicht Zwischenraum noch Stillstand zu ergründen.

Zugleich ward miterschaffen allen Dingen
Ordnung und Zweck - und G i p f e l dieser Welt
Sind die, die einzig r e i n e F o r m empfingen.

Zuunterst ward der b l o ß e S t o f f gestellt,
Was F o r m und K r a f t enthält, steht mitteninnen,
Unlösbar voneinander sich gesellt!

Hieronymus lässt freilich vom Beginnen
Der Engelschöpfung bis zu der der Welten
Verschiedene Jahrhunderte verrinnen,

Doch wie in W a h r h e i t soll die Schöpfung gelten,
Lehrt uns die Heilge Schrift in viel Kapiteln,
Die längst verständgen Lesern es erhellten.

Schon die V e r n u n f t kann teilweis dies ermitteln:
Weltlenker o h n e Welt vorher so lange
Tatlos zu sehn - das dürfte sie bekritteln!

Nun weißt du: w a n n und w o und w i e im Gange
Der Schöpfung Engel wurden, und drei Flammen
Sind dir gelöscht von deinem Forschungsdrange.

Doch zählt man zwanzig nicht so rasch zusammen,
Als e i n g e sannen, wie sie untergrüben
Der Erde Grund, zu lockern Schloss und Krammen.

Treu blieben andre, jene Kunst zu üben,
Die du hier sahst, wozu sie Lust entzückt,
Weil keiner Trennung Schmerz sie kann betrüben.

Anstoß zum Falle gab - weil ihn berückt
Verworfner Hochmut - D e r , den du sahst leiden
Und knirschen, von des Erdballs Wucht erdrückt.

Die du hier siehest, fühlten sich bescheiden
In ihrem Selbst als Werkzeug D e m verpflichtet,
Der Kraft gibt, seines Anblicks sich zu weiden.

Drum wurden sie zum Anschaun hier durchlichtet
Im Glanz durch ihr Verdienst und Gottes Gnade,
dass ihre Willenstreue n i c h t s vernichtet!

Drum höre, dass kein Zweifel dich belade:
Verdienstlich ist es, Gnade zu empfangen,
Zeigt nur die Neigung offne Zugangspfade!

Wenn meine Lehren dir zu Herzen drangen,
Wirst du begreifen jetzt der Engel Leben
Und brauchst nicht fremde Hilfe zu verlangen.

Doch weil man euch noch sieht am Wahne kleben,
Der Engeln pflegt in eurer Schulen Sprengel
Gedächtnis, Willen und Vernunft zu geben,

So hör noch dies von der Natur der Engel,
Damit du Wahrheit siehst, die Missverstand
Verhüllt in doppelsinnges Wortgemengel.

S i e , deren Auge Gottes Antlitz fand,
Dem nichts verhüllt ist, werden von dem Schimmer
In Ewigkeit nicht wieder abgewandt.

Drum stört ein andres auch ihr Schauen nimmer,
Auch brauchen sie nicht der Erinnrung Huld,
Denn unzerspalten bleibt ihr Denken immer.

Mir scheint am lichten Tag in Traum gelullt,
Wer glaubt und nicht glaubt, was sein Mund verbreitet,
Das l e t z t e aber bringt euch Schmach und Schuld!

Nicht e i n e Straße ist’ s, die ihr beschreitet,
Wenn ihr philosophiert: ihr irrt und haftet,
Von Eitelkeit und Lust am Schein verleitet.

Doch d e n e n wird das Schuldbuch mehr belastet,
Die mit der Bibel treiben ihre Possen,
Dass gar ihr klarer Sinn wird angetastet!

Dabei denkt niemand, wie viel Blut geflossen,
Sie auszusän, noch: wie in Gnaden steigt,
Wer sich in Demut an sie angeschlossen.

Abstechen will heut jeder, und es zeigt
Der Pfaff, was er spitzfindig ausgeheckt hat -
Wobei er ganz vom Evangelium schweigt.

Der sagt, dass rückwärts sich der Mond versteckt hat
Bei Christi Tod und v o r der Sonne stand,
So dass kein Lichtstrahl sich zur Welt erstreckt hat,

Ein a n d r e r , dass von selbst die Sonne schwand,
Drob sich in Spanien und dem Land der Inder
Die Finsternis wie bei den Juden fand.

Lapi und Bindi zählt Florenz weit minder,
Als derlei Fabelkram, den hier alljährlich
Von Kanzeln schrein des Aberglaubens Kinder!

Dann ziehn die blöden Schäflein heim, nur spärlich
Von solchem Winde satt; - Unwissenheit
Spricht sie nicht frei, die doppelt hier gefährlich!

Christus sprach nicht: Geht hin und seid bereit,
Der Welt zu künden Narretei und Possen! -
Zur Wahrheit hat die Jünger er geweiht!

Und d i e ist voll aus ihrem Mund erflossen;
Denn ihnen ward das Evangelium
Zum Schild und Speer - so stritt man unverdrossen!

Doch heut staffiert man mit Brimborium
Die Predigt aus, und wird der Spott belacht,
Bläht sich die Kutte - schiert sich sonst nichts drum!

Den Vogel, der sein Nest im Zipfel macht,
Sieht nicht der Pöbel! - säh er ihn: er nähme
Den Ablass nicht, drauf sein Vertraun bedacht.

Die Dummheit auch so geil ins Kraut nicht käme,
Dass jeglicher Verheißung, mag sie sein
So dumm sie will, zu traun man sich nicht schäme!

Und damit mästet Sankt Anton sein Schwein;
Und andre, die noch schlimmer sind als Säue,
Die lösen Schuld mit falschem Gelde ein!

Doch da wir abgeschweift sind, lass aufs neue
Den Blick gradaus sich wenden, dass der Pfad
Sich kürze und dich bald das Ziel erfreue!

Der Engel Anzahl ist in solchem Grad
Vervielfacht, dass hier Maß und Grenzen fehlen
Und nie ein Zahlbegriff der Wahrheit naht!

Doch du erkennst im Wort von Danielen,
Dass die Zehntausendmalzehntausend-Zahlen
Bei ihm nur die bestimmte Zahl verhehlen.

Das Urlicht, drin die Engel alle strahlen,
Wird auf so viele Art als Geister sind
Auch aufgefangen in verschiedne Schalen,

Und wie die Freude am Geschenk gewinnt
Nach dessen Art, wirkt hier die Süßigkeit
Der Liebe heiß und lau, träg und geschwind.

Sieh nun die Fülle und Erhabenheit
Endloser Kraft, die ihres Strahlenscheines
Reflex so vielen tausend Spiegeln leiht

Und doch in sich wie vorher bleibt als Eines!«


Gesang 30

Wenn fern von uns wohl an sechstausend Meilen
Die sechste Stunde glüht, wenn ihren Schatten
Die Erde wagerecht lässt westwärts eilen,

Wenn dann des Himmels Mitte sich im satten
Geleucht vertieft, dass manchen Sternes Flimmer
In seinem Weg zur Erde muss ermatten,

Und wenn des Tages Botin höher immer
Sich schwingt und jedes Himmelsauges Glanz
Sanft zuschließt bis zum letzten, schönsten Schimmer -:

Also erlosch jetzt des Triumphes Tanz
Um j e n e n Punkt, der alles hält umschlungen,
Wo alles scheinbar i h n umschlingt im Kranz.

Doch mir ward bang, als er sich fortgeschwungen,
Und aus der Leere ward zu i h r e n Zügen
Mein Blick vom Sehnsuchtsdrang zurückgezwungen.

O! ließen in ein einzig Wort sich fügen
Die Blüten all, die ich ihr huldgend streute, -
Zu dürftig wär es, diesmal zu genügen!

Denn wie sich ihre Schönheit j e t z t erneute,
War überirdisch, dass - ich sag es offen -
Wohl nur ihr Schöpfer g a n z sich ihrer freute!

Und hier erscheint mir aussichtslos mein Hoffen,
Besiegt erklär ich mich, wie je ein Dichter
Es ward von heitern oder ernsten Stoffen.

Was Sonnenlicht für Menschenangesichter,
War ihres Lächelns Wonne mir - hier sieht
Selbst das Gedächtnis löschen alle Lichter!

Seit ich zuerst auf irdischem Gebiet
Sie sah bis hier, wo Himmelswonnen tagen,
Gelangs, ihr Bild zu malen, meinem Lied,

Jetzt kann so hoch kein Dichterflügel tragen!
Dem l e t z t e n Ziel, noch hier i h r Lob zu singen,
Muss ich, wie jeder Künstler, stumm entsagen.

So mögen stärkre Töne denn erklingen,
Als meiner Tuba, die ich darauf richte,
Das schwere Werk zu Ende jetzt zu bringen.

Mit eines Feldherrn Ton und Angesichte
Sie zuversichtlich sprach: »Wir sind entronnen
Dem größten Raum, sind jetzt im reinsten Lichte,

Im geistgen Lichte aller Liebeswonnen,
Wo Liebe quillt zum Guten und zum Wahren
Aus aller Süßigkeiten Himmelsbronnen.

Hier siehst du von den beiden Kämpferscharen
Des Paradieses e i n e so umkleidet,
Wie sie beim Weltgericht sich offenbaren!«

Gleichwie ein unverhoffter Blitz durchschneidet
Des Auges Kraft, dass sie, in Bann gehalten,
Den stärksten Eindruck nicht mehr unterscheidet,

So überschwemmten mächtgen Lichts Gewalten
Mich lodernd, dass mir schwand nach allen Seiten
Der Ausblick durch des Strahlenschleiers Falten.

»Die Liebe pflegt mit solcher Herrlichkeiten
Freudigem Gruß hier immer zu empfangen,
Um für ihr Glühn die Kerze zu bereiten.«

Die kurzen Worte kaum ans Ohr mir klangen,
Als über mich hinaus, wie mich es deuchte,
Sich alle meine Seelenkräfte schwangen:

Ich fühlte, dass ein neuer Geist durchleuchte
Die Augen mir, dass nun - wie stark es glänze -
Kein Licht sie blendend mehr zu Boden scheuchte!

Und blitzewerfend sah ich Wellentänze
In einem Glanzstrom, und die Ufer schienen
Von Frühlingshand geflochtne Blumenkränze;

Lebendge Funken schnellten hoch zu ihnen
Vom Strom, worauf zum Blütenflor die Funken
Sich senkten wie in Gold gefasst Rubinen,

Und tauchten, wie vom Blütendufte trunken,
Aufs neue in die goldnen Wunderwellen -
Hier hob sich d e r , wenn j e n e r dort versunken.

»Dein heißer Wunsch: es möchte sich erhellen
Die Kenntnis dir von dem, was du hier siehst,
Freut mich je mehr, je mehr ich ihn seh schwellen.

Doch eh dein Dürsten Sättigung genießt,«
So sprach sie, meines Auges Licht und Leben,
»Musst du vom Wasser trinken, das hier fließt.

Der Glanzstrom, der Topase Fall und Heben,
Der bunten Blumen Lachen und Sichneigen,
Will nur der Wahrheit Schattenvorspiel geben.

Nicht dass selbst Mangel ihnen wär zueigen;
Ihr Wesen selbst ist klar und bald durchdacht,
Nur Kraft fehlt deinem Blick, so hoch zu steigen.« -

Kein Kind, wenn durstig es der Schlaf gemacht,
Kehrt schneller hin zur Brust, um sich zu nähren,
Den Mund, wenn wider Brauch es spät erwacht,

Als ich die A u g e n beugte - sie zu klären
Zu hellern Spiegeln - auf dies Wasser nieder,
Dem Kraft verliehn ist, Läutrung zu gewähren.

Und kaum berührte dies den Saum der Lider,
Da sieh! was mir zuerst als Fluss erschienen,
Sah ich zu einem See geründet wieder.

Wie Menschen, die erst Angesicht und Mienen
Verlarvten, sich verändert offenbaren,
Wenn sie der Masken sich nicht mehr bedienen,

So konnte ich verwandelt hier gewahren
Die Funken und die Blumen, weil ich da
Des Himmels beide Höfe sah sich scharen!

O Gottesglanz, drin ich dem Siege nah
Des wahren Reichs, gib Kraft dem Unterwinden,
Dass ich ihn schildern kann, w i e ich ihn sah!

Ein Licht ist droben, das kennt kein Erblinden,
Das sichtbar Gott für die Geschöpfe macht,
Die nur in seinem A n s c h a u n Frieden finden!

Soweit erstreckt sich seines Ringes Pracht,
Dass es weit überträf der Sonne Grenzen,
Sofern er als sein Gürtel wär gedacht.

Sein Bild ist Widerschein von j e n e m Glänzen
Des erstbewegten Himmels, dessen Gluten
Ihm Kraft und Glut vom obern Saum ergänzen.

Und wie im Stolzgefühl, im frohgemuten,
Geschmückt zu sein mit buntem Blumentand,
Ein Berg sich spiegelt in des Stromes Fluten -

So rings, im Licht sich spiegelnd, aufwärtswand
Sich d a s auf tausendfacher Stufenschwelle,
Was aus dem Staub herauf hier Heimat fand.

Zeigt schon die t i e f s t e Stufe eine Helle
Von s o l c h e r Größe: welche Weltenweiten
Umspannt der Rose höchste Blätterzelle?

Doch durfte unbeirrt mein Auge gleiten
Entlang der Riesenmasse und durchdrang
Das Wie und Wieviel dieser Seligkeiten.

Hier wurde N a h und F e r n zum hohlen Klang:
Wo Gott unmittelbar der Herrschaft waltet,
Schweigt der Naturgesetze Huld und Zwang.

Ins Gelb der ewigen Rose, die sich faltet,
Abstuft, ausdehnt und Düfte haucht zum Preise
Der Sonne, die hier ewgen Lenz gestaltet,

Zog mich, der ich verstummt war und doch leise
Gern spräch, die Herrin hin: »Sieh! wie viel Stufen
Voll blendender Gewänder hier im Kreise!

Sieh! welche Größe unserm Staat sie schufen,
Schau! Wie besetzt die Reihn des Himmelssaales:
Bald mangelt Raum, noch Gäste zu berufen!

Auf jenem hohen Sitz - drauf lichten Strahles
Der Kronreif blitzt, dahin dein Blick sich neigt,
Wird - eh du Gast bist dieses Hochzeitsmahles -

Die S e e l e sitzen, die der Reif umzweigt,
Der hohe H e i n r i c h , der zum Heil gesendet
Italiens, eh sich’ s reif zur Retung zeigt;

Denn blinde Leidenschaft hält euch verblendet,
Törichtem Kinde gleich, das Hungers stirbt,
Weil es die Brust verschmäht, die Leben spendet.

Der höchsten Herrschaft heilig Amt erwirbt
Dann einer, der dem Kaiser allerwegen,
Versteckt und offen, Pfad und Plan verdirbt.

Doch bald wird ihn vom hohen Stuhle fegen
Der Herr dahin, wo - büßend seine Tücken -
Der Zaubrer Simon Magus ist gelegen;

Den von Anagni wird er tiefer drücken!«


Gesang 31

So in Gestalt von einer weißen Rose
Hielt mich die heilge Kriegerschar umringt,
Vermählt durch Christi Blut, das makellose;

Die andre, die im Fliegen schaut und singt
Die Glorie Des, der Liebe weckt in ihnen,
Und hoher Güte Werk durch sie vollbringt,

Sie schwärmte fleißig wie ein Schwarm von Bienen,
Der sich in Blüten taucht und dann enteilt,
Im Stocke süßem Honigwerk zu dienen,

Und stieg hinab zum Kelch, der sich zerteilt
In so viel Blätter, flog dann aufwärts wieder,
Wo ihrer ewgen Liebe Ursprung weilt.

Lebendge Glut im Antlitz, ihr Gefieder
Goldschimmernd, alles andre rein und weiß,
Wie reinrer Schnee nie fiel vom Himmel nieder,

So schwirrten sie und teilten inbrunstheiß,
Was sie an Liebe droben eingesogen,
Dem Blumenkelche mit von Kreis zu Kreis.

Und ob sie rastlos auf- und niederflogen,
Und um die Rose kreisten dichtgedrängt,
Mir ward kein Schaun, dem Bild kein Glanz entzogen:

Denn Gottes Licht durchleuchtet unverhängt
Das Weltenall nach seinen Würdigkeiten,
Dass es kein Hindernis in Schranken zwängt.

Dies sichre Reich des Friedens, dessen Weiten
Bewohnt von alten Völkern sind und neuen,
Zwingt Herz und Blick, zu e i n e m Ziel zu gleiten.

Licht! das aus e i n e m Sterne zu erfreuen
Dreifachen Strahles weiß die seligen Scharen,
Funkle auch uns, wenn Stürme uns umdräuen!

Wenn aus dem Norden kamen die Barbaren -
Wo Helice an hoher Himmelsbahn
Stets beim geliebten Sohn ist zu gewahren -

Und Romas Wunderwerke staunend sahn,
D o r t sahn, wo alles, was je Menschen schufen,
Weit übertroffen ward vom Lateran -

Wie staunte ich erst, der ich ward berufen
Vom Fleisch zum Geist, zum Engen aus der Zeit,
Und aus Florenz1 vor Gottes Himmelsstufen

Zur Stadt der Weisheit und Gerechtigkeit?
Ich konnte nur betäubt und schweigend stehen,
Weil Wonne mit dem Staunen lag im Streit!

So staunt umher, wenn sein Gelübd geschehen,
Im Gnadenort der Pilger, dass er Kunde
Heimbringe, wie der Tempel ausgesehen,

Wie i c h den Blick hier warf zum Flammengrunde,
Worauf ich, scharf zu jeder Stufe lugend,
Ihn auf und ab ließ schweifen durch die Runde.

Gesichter, holdverschönt zur Himmelsjugend
Durch eignes Lächeln und durch fremdes Licht,
Lockten zur Liebe da, geschmückt mit Tugend.

An Einzelheiten haftete noch nicht
Mein Blick , doch wie im ganzen sich gestalte
Das Paradies, erkannte mein Gesicht,

Und neu entstand die Fragesucht, die alte;
Drum sah ich hin zu ihr, um sie zu fragen,
Wie sich’ s mit dem, was unklar mir, verhalte?

S i e war gemeint - ein andrer sollt es sagen:
Anstatt bei ihr, stand ich bei einem Greise,
Im Kleid, wie hier die Ruhmesreichen tragen.

Sein Blick war Gruß in liebevollster Weise,
Und Güte strahlte ihm im Auge helle
Wie milden Vätern in der Kinder Kreise.

Doch: »Wo ist Beatrice?« rief ich schnelle,
Und er: »Dass deinem Wunsch Gehör ich leihe,
Berief sie selbst mich her von höhrer Stelle.

Blick zu des höchsten Umfangs dritter Reihe,
Dort siehst du sie, auf ihrem Thron erhoben,
Wo ihren Tugenden wird Lohn und Weihe!«

Und wortlos wanderte mein Blick nach oben
Und sah ums Haupt ihr eine Gloriole
Vom Widerschein des ewgen Lichts gewoben.

Nie von des Donnerhimmels höchstem Pole
Stand ferner je ein Mensch, ob er auch tauchte
Bis zu des Meeresgrundes tiefster Sohle,

Als hier mein Auge grüßte die Erlauchte;
Denn klar ihr Bildnis sah ich niederschweben,
Weil Ferndunst ihre Reinheit nicht umhauchte.

»O Himmlische, du meiner Hoffnung Leben,
Die in der Hölle selbst der Tritte Spur
Zurückließ, mich zum Heile zu erheben,

In allem, was ich lebte und erfuhr,
Was mich mit Kraft durch Gnadenwirkung stählte,
Erkenn ich deine Macht und Güte nur!

Die Sklavenfessel, die den Freien quälte,
Du nahmst sie mir, weil zielgerechte Pfade
Und sichre Mittel deine Gunst erwählte!

Bewahr in mir das Kleinod deiner Gnade,
Dass sich des Leibes, wohlgefällig dir,
Die Seele, die du heiltest, einst entlade!« -

So mein Gebet - und sie, weltfern von mir,
Schien lächelnd einen Blick mir zuzusenden,
Und sah dann auf zum ewgen Glanzrevier.

Da sprach der heilge Greis: »Ganz zu vollenden
Den Weg bis an sein Ziel, wozu die Bitte
Der heilgen Liebe mich den Fuß ließ wenden,

Flieg mit den Augen durch des Gartens Mitte,
Auf dass, erstarkt, der ungeübte Sinn
Zum höchsten Gottesglanze wagt die Schritte,

Und Gnade wird die Himmelskönigin,
Für die ich glühe, auf dich niedertauen,
Weil ich Bernardus, ihr Getreuer bin!« -

Treibt einen, etwa aus Kroatiens Gauen,
Zu unsrer Vera Icon heilge Pflicht,
Und kann am alten Ruhm nicht satt sich schauen

Der fremde Fremdling, der wohl staunend spricht:
»O Jesus Christ, wahrhaftger Gott der Ehren,
So also war zu schaun dein Angesicht -?«

So musste ich erstaunt zu ihm mich kehren,
Dem unten schon durch sein betrachtend Streben
Die Welt des Friedens Vorschmack konnte lehren.

»O Gnadensohn,« sprach er, »dies Wonneleben
Erkennst du nicht und wird sich nie dir weisen,
Wenn dir die Augen nur am Boden kleben.

Empor den Blick! bis zu den fernsten Kreisen!
Bis sich die Königin dir thronend zeigt,
Die alle hier als Untertanen preisen!«

Ich sah empor. Wie, wenn der Morgen steigt,
Den ganzen Osten Gluten überfliegen,
Indes der Westen sich ins Dunkle neigt,

So sah ich, als mein Blick bergan gestiegen,
Ein Licht im höchsten Rande funkelnd tagen
Und alle andern Reihn an Glanz besiegen.

Und wie am Himmel - naht der Sonnenwagen
Des armen Phaeton - stets wächst die Flamme,
Das schönste Morgenrot zu überragen,

So glühte diese Friedensoriflamme
In ihrem Kern am hellsten, und es ward
Gleichmäßig seitwärts abgedämpft die Flamme.

Und um die Mitte, tausendfach geschart,
Frohlockten Engel mit gespreizten Schwingen,
An Glanz und Feierkleid verschiedner Art.

Und Schönheit lachte ihrem Tanz und Singen,
Die ließ entzückte Wonnenharmonie
Durchs Auge aller andern Heilgen dringen.

Wenn Menschenwort mir solchen Reichtum lieh,
Zu schildern, was die Seele sah - nie sänge
Den kleinsten Reiz hiervon die Fantasie!

Als Bernhard merkte, wie mein Antlitz hänge
An seiner Königin weltentrückt, da wandte
Auch er so brünstig sich zum Glanzgepränge,

Dass ich zum Anschaun heißer noch entbrannte.


Gesang 32

Ergriffen von des Schauens selgen Wonnen,
Das Lehreramt zu übernehmen eilte
Der Heilge, der nun freiwillig begonnen:

»Die Wunde, die Maria schloss und heilte,
Ward ihr von jenem schönen Weib geschlagen,
Der man zu Füßen ihr den Platz erteilte..

Dort, wo des dritten Umfangs Stufen ragen,
Sitzt unter Eva Rahel, neben ihr
Siehst du das Antlitz Beatricens tagen!

Sarah, Rebekka, Judith zeigt sich dir
Dicht bei der Ahnfrau dessen, der - die Sünde
Bereuend - sang: Herr, schenk Erbarmen mir!

Folgt stufenweis mir in die heilgen Gründe
Dein Blick, so zeigen nach der Reihe sich,
Die ich dir Blatt für Blatt mit Namen künde.

Zur siebenten der Stufen wende dich:
Aufwärts und abwärts sind Hebräerfrauen
Und bilden hier der Rose Mittelstrich.

Denn je nachdem ihr Glaube sich im Schauen
Zu Christo zeigte, dürfen sie als Wand
Sich rechts und links der heilgen Stufen stauen.

Dort, wo vollausgereift der Blütenstand
In allen Blättern, thronen die Bewährten,
Die Christum als den k o m m e n d e n erkannt.

Hier, wo im Halbkreis späteren Gejährten
Noch Raum blieb, thronen d i e , die gläubig schon
Für den g e k o m m n e n Christum sich erklärten.

Und so wie hier auf hochgelobtem Thron
Die Trennung anfängt durch die Benedeite
Und bis zum Kelchgrund scheidet die Region,

So teilt Johannes ein die andre Seite,
Er, der zwei Jahr im Höllenvorhof stand,
Der sich der Marter und der Wüste weihte.

Und unter ihm setzt fort die Scheidewand
Franz, Benedict und Augustin im Bunde
Mit andern noch bis hin zum tiefsten Rand.

Erkenne hier, aus wie erhabnem Grunde
Die Vorsicht teilt den alt und neuen Reigen,
Dass er gleichmäßig füllt des Gartens Runde!

Und wo sich wagerecht durchschnitten zeigen
Die untern Reihen, sitzt die große Zahl,
Der solcher Platz durch i h r Verdienst nicht eigen,

Durch fremdes und bedingtes allzumal:
Denn diese Seelen sind dem Leib entflohn,
Eh sie Erkenntnis hatten freier Wahl!

Du merkst es an den Angesichtern schon,
Wenn prüfend deine Blicke daran hingen,
Und hörst es auch am Kinderstimmenton.

Doch seh ich jetzt dich stumm und zweifelnd ringen,
Drum will ich lösen dir das feste Band,
Drin deine Grübeleien sich verfingen.

So grenzenlos sich dieses Reich auch spannt,
Unmöglich ist’ s, dass Zufall hier regiere,
Wo nie sich Trauer, Durst und Hunger fand.

Gerechte, weise Satzung lenkt durch i h r e
Bestimmung alles hier, dass nie der Ring
Vom Finger als nichtpassend sich verliere!

Nicht ursachlos die Kinderschar empfing
Hier unter sich verschiedne Tugendgrade,
Ob sie auch früh zum wahren Leben ging.

Der König, dessen Reich durch seine Gnade
In Liebe schwebt und wonnigem Vergnügen,
Das Grenzstein bildet jedem Sehnsuchtspfade,

Er schafft nach seines heitern Anblicks Zügen
Die Geister und beschenkt sie auch mit Gaben
Nach Wohlgefallen. Dies lass dir genügen!

Die Heilge Schrift legt in den Zwillingsknaben
Ein klar und unzweideutig Zeugnis dar,
Die sich im Mutterschoß befehdet haben.

Hat solche Gnade ungleichfarbnes Haar,
So nimmt das höchste Licht, zum Schmucke ihnen,
Auch eine passende Bekrönung wahr.

Wie Gottes Huld verschieden sie beschienen,
Sind sie hier stufenweise eingereiht,
Nicht wie nach Tun und Treiben sie’ s verdienen.

Des Kindes U n s c h u l d war in frühster Zeit
Genügend, um zum Heile zu gelangen,
Vorausgesetzt der Eltern Gläubigkeit -

Dann konnten, als Jahrhunderte vergangen,
Die Knäblein durch Beschneidung nur zum Flug
Ins Himmelreich die nötge Kraft empfangen -

Doch seit des Heils Erlösungsstunde schlug,
Ist ohne die vollkommne Taufe Christi
G l a u b e a l l e i n zum Flug nicht stark genug!

Jetzt blick ins Antlitz, das dem Antlitz Christi
Am meisten gleicht: s e i n Glanz nur kann dich segnen
Mit Kraft, um anzuschaun das Antlitz Christi.«

Da sah ich’ s auf Maria niederegnen
Von jenen Engelschwingen wundersam,
Die sich in selgem Fluge hier begegnen,

Dass alles, was mich je gefangen nahm,
Mich nicht mit solchen Wonnen übermannte,
Als hier, wo Gottes Bild mir nahe kam. -

Und jener, der zuerst sich zu ihr wandte,
Ave Maria gratia plena singend,
Vor ihr die weißen Schwingen huldgend spannte,

Dass aus den selgen Chören, jubelklingend,
Antwort ringsum erscholl dem heilgen Lied,
Die Angesichter strahlender durchdringend.

»O heilger Mann, der niedern Ort nicht mied,
Und meinetwegen ließ die hohe Stelle,
Die Gottes Ratschluss ihm zum Thron beschied,

Wer ist der Engel, der so jubelhelle
Die Augen anschaut unsrer Königin
Und glüht, als wär er selbst des Feuers Quelle?«

So wandte ich das Wort zum Lehrer hin,
Der an Mariens Glanze sich verklärte
Dem Morgensterne gleich beim Tagbeginn.

Und er: »Was Kühnheit je und Anmut nährte
In eines Engels, eines Geistes Brust
Zu unsrer Wonne i h m der Herr gewährte,

Weil er palmtragend hohe Mutterlust
Marien verhieß, als Christus unsre Bürde
Sich aufzuladen liebevoll gewusst.

Doch folge meinem Wort nun durch die Hürde
Mit deinem Auge, dass du siehst im weisen,
Gerechten Reiche der Patrizier Würde.

Die zwei - die seligsten in diesen Kreisen,
Weil sie zunächst der Kaiserlichgeweihten -
Sind als der Rose Wurzelpaar zu preisen:

Der Menschheit Vater sieh ihr links zur Seiten,
Durch dessen leckern Gaumen sich uns nie
Der Nachgeschmack verlor der Bitterkeiten.

Der heiligen Kirche alten Vater sieh
Zur Rechten, dem der Herr der Welt im Glanze
Der Himmelsrose Schlüsselpaar verlieh.

Und er - der noch vorm Tode sah die ganze,
Schmerzliche Zukunft der holdseligen Braut,
Die einst gefreit durch Nägel ward und Lanze -

Sitzt neben ihm, wie man beim andern schaut
Den Führer, der das Volk gespeist mit Manna,
Das störrisch war und nicht mit Dank vertraut.

Sankt Petern gegenüber thronet Anna,
Im Anschaun ihrer Tochter so erquickt:
Kein Auge wendend singt sie ihr Hosanna!

Genüber Adam wird von dir erblickt
Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als dir der nahe Sturz den Mut geknickt. -

Jedoch die Zeit des Traumgesichtes endet;
Eh drum der lichtgewobne Schleier reißt,
Bedenken wir, dass bald der Weg vollendet!

Zur ersten Liebe richte Blick und Geist,
In ihre Tiefen schauend einzudringen,
Soweit der Glanz dir nicht ins Auge beißt;

Doch soll der Aufschwung dich nicht rückwärtsbringen,
Statt vorwärts, wie du denkst im Wahn zu schweben,
Lass Gnade durch Gebet uns erst erringen,

Gnade von jener, die dich stärkt im Streben;
Wenn drum das Wort mir jetzt vom Munde geht,
Lass Liebe sich dein Herz mit ihm erheben!«

Und er begann dies heilige Gebet:


Gesang 33

»O Jungfrau, Mutter, Tochter deines Sohnes,
Demütigste und hehrste Kreatur,
Vorauserkornes Ziel des ewgen Thrones,

Du adeltest die menschliche Natur
So hoch, dass es der Schöpfer nicht verschmähte,
Zu wandeln selbst in des Geschöpfes Spur;

Es ward dein Schoß zum flammenden Geräte
Der Liebe, deren Glut im ewgen Frieden
Gedeihlich diese Wunderblume säte.

Als Mittagsliebessonne u n s beschieden
Im Himmel hier, bist du Urquell und Schoß
Lebendger Hoffnung aller Welt hienieden!

So mächtig, Herrin, bist du und so groß,
Dass Gnade wünschen und zu dir nicht flehen
Ein Fliegen hieße dem, der flügellos!

Nicht nur den Betern pflegst du beizustehen
Mit Rat und Tat - oft sehn wir deine Güte
Dem Ruf der Not voran freiwillig gehen!

Mitleid und Großmut wohnt dir im Gemüte,
Barmherzigkeit und alles, was an Milde
Je eines guten Wesens Brust durchglühte. -

Der aus des Weltalls düsterstem Gefilde
Bis hier herauf das Schicksalslos und Leben
Gesehen hat der ganzen Geistergilde,

Er fleht zu dir, ihm huldreich Kraft zu geben,
Dass tiefer noch sein Auge könne dringen,
Zum letzten, höchsten Heil sich zu erheben.

Nie fühlt ich selbst den Drang mich so bezwingen,
Zu schaun, als jetzt für i h n ! Drum lass erneuen
Mein Flehn mich und nicht ungehört verklingen.

Lass dein Gebet die Wolken ihm zerstreuen
Der Sterblichkeit, dass sich sein B l i c k entfalten,
Sein H e r z der höchsten Wonne kann erfreuen!

Dann bitt ich, Königin - du kannst ja schalten
Und walten, wie du w i l l s t - nach s o l c h e m Sehen
Gesund des Herzens Trieb ihm zu erhalten,

Um niedrer Regung fest zu widerstehen:
Sieh Beatricen! händefaltend kehrt
Sie sich zu dir, und alle Heilgen flehen!«

Die Augen, die der Schöpfer liebt und ehrt,
Verklärten sich, als sie am Beter hingen,
Weil andachtsvoll Gebet ihr lieb und wert,

Worauf sie hoch zur ewgen Klarheit gingen
Und dort hinein so hell und leuchtend drangen,
Wie Sterblichen es niemals kann gelingen!

Und ich - bald von der Sehnsucht Ziel empfangen,
Wo jeden Wunsch Erfüllung noch verklärte -
Ich fühlte halbgelöscht schon mein Verlangen;

Denn als mir lächelnd winkte mein Gefährte,
Hinaufzuschauen, war ich längst bedacht,
Dass ich mir selbst die Himmelslust gewährte:

Denn meine Augen, rein und hell gemacht,
Vertieften sich ins Licht und tranken, tranken
Urewge Wahrheit aus des Glanzes Pracht.

Von jetzt an überflog mein Blick die Schranken
Menschlichen Worts, das solchem Schaun erliegt,
Wie solchem Überschwange die Gedanken.

Wie uns ein Traum mit Bildern oft umwiegt,
Die später wir nur dunkel nachempfinden,
Weil beim Erwachen einzles schnell verfliegt,

So geht es mir: fast gänzlich seh ich schwinden
Das Traumgesicht - doch kann sich seiner Fülle
Von Süßigkeit nie mehr mein Herz entwinden.

Wie Sonnenlicht zertaut des Winters Hülle,
Sah ich beim Windeshauche mir entschweifen
Auf losem Blatt den Ausspruch der Sybille.

O höchstes Licht! dem menschlichen Begreifen
So weit entrückt, lass doch nur e i n e n blassen
Nachschimmer dem Gedächtnis wieder reifen;

Lass ihn im Worte meine Zunge fassen,
Der Nachwelt, ach! nur einen kleinen Funken
Von deiner Herrlichkeit zu hinterlassen!

Wenn e t w a s nur von dem, was mir versunken,
Durchzittert leisen Nachhalls mein Gedicht,
Dann lauscht man deinen Siegen wonnetrunken!

Ich fürchte, in dem lebhaftscharfen Licht,
Das ich ertrug, wär ich am Schaun vergangen,
Sobald ich abgewendet mein Gesicht.

Doch ich erinnre mich, dass ich vom langen
Ertragen kühner ward, bis ich begehrte,
Die Urkraft selbst im Auge aufzufangen!

O Gnadenmeer, das mich mit Kraft bewehrte,
Dass fest ans Licht mein Blick geheftet bliebe,
So dass ich meine Sehkraft drin verzehrte!

In seiner Tiefe fand ich, von der Liebe
Wie in ein Buch gebunden, was getrennt
Sonst Gott auf einzle Weltenblätter schriebe.

Was man als Wesenheit und Zufall kennt,
Verschmolz in eines hier, - das Wie? zu künden,
Mit Recht mein Wort zu ausdrucksarm sich nennt!

Den Grundplan freilich mocht ich wohl ergründen
Von diesem Buch, denn während jetzt ich dessen
Gedenk, fühl ich mich neue Lust entzünden.

Da gab e i n Augenblick mir mehr Vergessen,
Als drei Jahrtausende dem Argo-Schatten,
Den staunend sah Neptun sein Reich durchmessen.

So spähte scharf und, ohne zu ermatten,
Reglos mein Geist, dass ihn das Schaun beschwichte,
I h n , den im Schaun Beglückten, doch nicht Satten.

Verwandelt wird, wer hier sich sonnt im Lichte!
Undenkbar, dass - nach andern sich zu wenden -
Auf d i e s e n Anblick, wer ihn kennt, verzichte!

Es eint das Gut, drin Wunsch und Wollen enden,
Sich ganz dem Licht - und i n ihm ist vollkommen,
Was a u ß e r ihm sich niemals kann vollenden!

Doch stammelnd wird mein Wort jetzt und verschwommen
Für das sogar, was ich behielt: dem Kinde
Vergleichbar, das der Brust noch nicht entnommen.

Nicht dass sich mehr als nur e i n Anblick finde
In dem lebendgen Glanz, als ich mich kehrte
Zum wandellosen; - nein: nur weil die Binde

Vom Auge fiel, das seine Sehkraft mehrte,
Geschah’ s, dass eine Wandlung dieser Glanz
M i r , dem nun selbst Verwandelten, bescherte!

Ich drang zur tiefen, klaren Lichtsubstanz
Und sah drei Kreise funkelndhell gezogen,
Gleichgroß, doch andersfarbig jeder Kranz.

Der eine strahlte wie ein Regenbogen
Den andern ab; in Gluten überschwenglich
Schien rings herum der dritte Kreis zu wogen.

Wie schwach ist für mein Anschaun und verfänglich
Mein Wort! und für das hiererblickte Sein
Mein Anschaun? - noch zuviel sagt »unzulänglich«.

O ewig Licht, das du in dir allein,
Dich selbst erkennend und von dir verstanden,
In Liebe ruhst - du freust dich lächelnd dein!

Nicht lange hielt das Auge mir in Banden
Der Kreislauf, den gleich rückgestrahltem Licht
Ich wie von dir erzeugt dich sah umranden,

Als ich, gemalt mit eigner Farbenschicht,
Entdeckte unser Ebenbild tiefinnen;
Gleich rang, es festzuhalten, mein Gesicht.

Doch wie der Geometer, tief in Sinnen,
Das Maß des Kreises sucht betörter Meinung
Und grübelnd nicht den Grundsatz kann gewinnen,

So stand ich bei der plötzlichen Erscheinung:
Ich wollte, wie sich Kreis und Bild bedingen,
Erkennen, und die Bild- und Kreisvereinigung -

Doch dazu taugten nicht die eignen Schwingen.
Da fuhr ein Himmelsblitz durch meinen Geist
Und gab der Sehnsucht Kraft, auch dies zu zwingen,

Dann stand die hehre Fantasie verwaist;
Schon aber folgte Wunsch und Wille gerne
D e r L i e b e , die in ewigem Gleichschwung kreist,

I h r , die die Sonne rollt und andern Sterne.


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