Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 01
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 01

Nun hisst die Segel meines Geistes Boot,
Durch bessre Fluten steuernd vorzudringen,
Und flieht das Meer, das schreckensvoll gedroht.

Vom zweiten Reiche soll mein Lied erklingen,
Wohin zur Läuterung die Seelen schweben,
Um würdig in den Himmel sich zu schwingen.

Hier mag die tote Dichtkunst sich erheben,
O heilge Musen, da ich bin der Eure!
Hier mag Kalliope auch höher streben,

Dass sie mein Lied mit jenem Klang befeure,
Davor den Elstern schwand die Hoffnung schier,
Dass je Verzeihung ihrem Lose steure!

Das sanfte Blau, das Orients Saphir
Ergossen durch den wolkenlosen Bogen
Des Himmels nebst dem irdischen Revier,

Mit Wonnen hat mein Aug es eingesogen,
Als ich der Grabesluft entronnen war,
Die Herz und Augen mir mit Gram umzogen.

Der schöne Stern, der Liebe weckt, stand klar
Und machte lachen rings den Orient,
Dass bald die Fische alles Glanzes bar.

Und sieh! am andern Pol vom Firmament,
Von rechts erstrahlt des Viergestirnes Schimmer,
Das seit dem ersten Paar kein Mensch mehr kennt.

Der Himmel schien entzückt von dem Geflimmer -
O wie verwaist bist du, arktischer Nord,
Dir leuchten diese Sterne nun und nimmer!

Als ich von ihm die Blicke wende fort,
Ein wenig hinzuspähn zum andern Kreise,
Wo schon der Wagen schwand von seinem Ort,

Begegn ich einem einsam stehnden Greise,
Des Anblick mich zu solcher Ehrfurcht zwang,
Wie größre keinem Vater dient zum Preise.

Der Bart, der lockig ihn umfloss, war lang,
Mit Silberglanz, dem Haupthaar gleich, durchschossen,
Das in zwei Wellen auf die Brust ihm sank.

Des heilgen Viergestirnes Strahlen gossen
Ihm über’ s Haupt so feierliche Helle,
Als hielt’ s ein Sonnendiadem umschlossen. -

»Wer seid ihr, die des ewgen Kerkers Schwelle
Verließen, trotzend finsterm Strom entgegen?«
Klangs aus des Bartes würdger Silberwelle.

»Wer führte euch, wer borgte Licht den Wegen
Aus tiefster Nacht, wo die verlorne Rotte
Mit ewgem Schwarz die Höllenschlünde hegen?

Ward das Gesetz des Abgrunds so zum Spotte,
Geändert jüngst des Himmels Wort und Weise,
Dass ihr, Verdammte, nahet meiner Grotte?«

Da rührte am Gewand Virgil mich leise
Und machte mir die Knie und die Mienen
Durch Wort und Wink ehrfürchtig vor dem Greise,

Und sprach: »Nicht durch mich selbst bin ich erschienen.
Ein Weib stieg bittend von der höchsten Sphäre:
Hilfreich als Führer sollt ich dem hier dienen.

Doch weil’s dein Wille, dass ich dir erkläre,
Wie es in Wahrheit stehe mit uns beiden,
Ist’s auch mein Wille, dass ich dies gewähre.

D e r sah noch nicht den letzten Abend scheiden,
Doch stand er dicht davor, irrtumverblendet,
Dass nur noch wenig Schritte zu vermeiden.

Zu seiner Rettung ward ich da gesendet,
Und keinen andern Ausweg fand ich gut
Als den, auf dem ich mich hierher gewendet.

Ich wies ihm der Verdammten ganze Brut
Und denke, jetzt die Geister ihm zu zeigen,
Die dort sich läutern unter deiner Hut.

Wie ich ihm half und riet, lass mich verschweigen:
Höheres Walten stärkte mein Bestreben,
Ihn herzubringen, sich vor dir zu neigen.

Nun wolle seinem Hiersein Gnade geben;
Freiheit sucht er, heilig genug und teuer,
Um ihr zuliebe zu verschmähn das Leben.

Du kennst sie! gabst du doch als ihr Getreuer
In Utica dahin dein sterblich Kleid,
Das herrlich glühn wird im Verklärungsfeuer.

Des Himmels Schluss ward nicht durch uns entweiht:
D e r lebt, und mich hält Minos nicht im Zwange,
Ich bin vom Kreise, wo in Sittsamkeit

Das Auge deiner Marcia fleht so bange:
O heilig Herz, lass bleiben mich dein Eigen! -
Drum ihr zuliebe huldvoll uns empfange.

Durch deine sieben Reiche lass uns steigen!
Ich will ihr Gruß und Liebes von dir sagen,
Falls ich dort unten nicht von dir soll schweigen!« -

»War Marcia auch mein Glück und süß Behagen,«
Sprach er, »als ich noch drüben mit ihr weilte,
So dass ich keinen Wunsch ihr abgeschlagen,

Jetzt, da die Trennungswelle sie ereilte,
Kann sie mich nicht nach dem Gesetz bewegen,
Das man, seit ich dem Fluch entrann, erteilte.

Doch wenn dich eines Himmelsweibes Segen
Hierher entbot - was braucht’ s da Schmeicheleien?
Genug, wenn du mich anrufst ihretwegen.

Geh denn, mit einem Gürtel ihn zu weihen,
Aus Binsen; auch sein Antlitz lass ihn baden,
Von jedem Staubesfleck es zu befreien.

Nicht ziemt es sich, mit Augen nachtbeladen
Zu treten vor den ersten aller Engel,
Die strahlend gehn auf Paradiesespfaden.

Als grüner Kranz umrauscht des Eilands Sprengel,
Wo an den sumpfgen Rand die Wellen schlagen,
Ein Wald von Schilf mit schmiegsam-weichem Stengel.

Denn andre Pflanzen, die da Blätter tragen
Und sich verholzen, können hier nicht leben,
Wo es sich bücken heißt, wenn Wellen jagen.

Statt nun von dort zurück euch zu begeben,
Erklimmt den Berg; die Sonne wird euch zeigen
Bequemen Weg - schaut: sie erhebt sich eben!«

Damit entschwand der Greis. In tiefem Schweigen
Erhob ich mich vom Knien und ließ sodann
Den Blick zu meinem Führer fragend steigen.

Der sprach: »Komm, schließ dich meinen Fersen an;
Dorthin soll’s gehen, wo sich zum Horizonte
Die Ebne neigt bis dicht ans Meer hinan.« -

Schon floh, weil heller sich der Ost besonnte,
Der Morgendämmer, dass ich bald vom weiten
Der Wellen Flimmerspiel erkennen konnte.

Wir gingen, wo sich öde Strecken breiten,
Wie einer zum verlornen Pfade kehrt
Und bis zu ihm vergebens glaubt zu schreiten. -

Wo sich der Tau des Sonnenpfeils erwehrt,
Solang sich über ihm der Schatten spreitet,
Dass langsam Perl um Perle sich verzehrt,

Am Strand hier sah ich, wie sanft-ausgebreitet
Virgil auf’ s feuchte Gras die Hände reckte,
Dass ich, von seiner Absicht recht geleitet,

Mein tränend Antlitz ihm entgegenstreckte,
Bis er die alte Farbe ihm und Glätte
Zurückgab, die der Höllenqualm noch deckte.

Drauf kamen wir zur öden Küstenstätte,
Die nie auf ihrer Flut ein Fahrzeug sah,
Das jemals wieder heimgefunden hätte.

Er gürtete, treu dem Geheiß, mich da,
Doch kaum, dass er die schlichten Halme knickte:
Sie sprossten neu - ein Wunder, wie’s geschah -

So schnell als ich gebrochen sie erblickte!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 02
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 02

Die Fackel senkte Sol zum Horizont,
Der mit dem höchsten Grad im Mittagskreise
Jerusalem bedeckt, jetzt unbesonnt.

Sol gegenüber kam vom Ganges leise
Die Nacht mit ihrer Wage schon gegangen,
Die ihr den Sieg entreißt nach alter Weise,

So dass Auroras zarte Rosenwangen
Vor unserm Blick, als ob sie Alter dorrte,
Schon mählich zu vergilben angefangen.

Wir standen noch an blauer Meeresborte,
Wie jemand zweifelt, welchen Weg er nimmt;
Schon eilt der G e i s t , noch weilt der L e i b am Orte!

Und sieh, wie oftmals, eh der Morgen glimmt,
Aus Nebeldünsten Mars in roter Helle
Tief auf dem abendlichen Wasser schwimmt,

Dem ähnlich kam jetzt auf der glatten Welle -
O säh ich’s wieder einst - ein Licht geflogen,
Wie nie ein Vogel flog mit solcher Schnelle.

Denn als ich kaum das Haupt zurückgebogen
Ein wenig, um den Führer zu befragen,
Stands größer schon und heller auf den Wogen.

Und jetzt auch sah ich etwas Weißes ragen
Zu beiden Seiten, das nach unten fort
In gleichem Glanz sich schien zu übertragen.

Schwieg erst mein Führer, als das Weiße dort
Beim Nahen wie ein Flügelpaar erschien -
Erkennend jetzt den Fährmann, scholl sein Wort:

»Geschwind! und beuge dich mit beiden Knien
Vor Gottes Engel! Falte deine Hände!
Bald siehst du solcher Diener mehr wie ihn.

Sieh! stolz verschmäht er, was der Mensch erfände:
Kein Ruder braucht er! Seine Schwingen tragen
Als Segel ihn zum fernesten Gelände.

Schau, wie sie prächtig auf ins Blaue ragen,
Die Luft durchstreichen - nie wird sein Gefieder
Gleich sterblichem Veränderung beklagen!« -

Und näher kam und heller strahlte wieder
Der Vogel Gottes, dass ich, von dem Glanze
Beinah geblendet, schlug die Augen nieder,

Als er erschien am grünen Uferkranze
Auf einem Schiff, so leicht, behend und flink,
Dass keine Spur es ließ im Wellentanze. -

Von dessen Stirne Seligkeit ausging,
Der Fährmann auf dem Heck des Fahrzeugs stand,
Das mehr als hundert Geister wohl umfing.

»Als Israel floh aus Ägyptenland«,
So hob einstimmig an der Chor zu singen,
Wie aus dem Psalter Davids wohlbekannt.

Drauf eilten alle, an das Land zu dringen,
Und er, sie segnend mit dem Kreuz, entwich
Schnell, wie er kam, auf seinen weißen Schwingen.

Der Schar, die hier verblieb, schien wunderlich
Und fremd der Ort, sie spähte unentschlossen,
Als sähe sie, was Niegeschautem glich.

Die Sonne schleuderte nun unverdrossen
Die goldnen Lanzen aus des Himmels Mitte,
Dass schon der Steinbock floh vor den Geschossen.

Da scholl zu uns der Angekommnen Bitte,
Als sie uns sahn: »Wenn euch der Weg bekannt,
So sagt: wie lenken wir zum Berg die Schritte?« -

»Ihr irret, wenn ihr wähnt, dass dieser Strand
Uns etwa Heimat sei,« sprach mein Virgil,
»Wir sind gleich euch Fremdlinge hierzuland,

Und kurz vor euch erst kamen wir zum Ziel,
Doch auf so rauhen mühsalsreichen Fahrten,
Dass dieser Berg dagegen Kinderspiel.«

Als jene meinen Atemzug gewahrten,
Der ihnen, dass ich lebe, klar bewies,
Die Mienen blassen Schreck drob offenbarten.

Wie Neugier oft entgegenströmen ließ
Das Volk den Boten, die den Ölzweig bringen,
Ob sich’s dabei auch drängte oder stieß -

So die beglückten Seelen: alle hingen
Am Antlitz mir, wobei sie schier vergaßen,
Dass sie, um schön zu werden, weiter gingen.

Und eine Seele, zärtlich-übermaßen,
Trat vor, mich innig an der Brust zu halten,
Dass meine Sinne gleichen Wunsch besaßen.

O sichtbare, doch haltlose Gestalten!
Dreimal um sie sich meine Hände schlangen,
Sie dreimal um ein Luftgebild zu falten.

Staunend verfärbten sich mir wohl die Wangen,
Denn rückwärts sah den Geist ich lächelnd schweben,
Dass mich ihm nachzog törichtes Verlangen;

Doch als er rief, zu zügeln mein Bestreben,
Erkannt ich ihn und bat ihn inniglich,
Freundlich-verweilend Antwort mit zu geben.

Er sprach: »Wie ich geliebt im Fleische dich,
So lieb ich dich, befreit vom irdschen Zwange,
Drum steh ich still - doch warum du nicht? sprich.« -

»Casella mein, dass man mich hier empfange
Ein zweites Mal betrat ich diese Bahn,«
Sprach ich, »doch wo warst du indes so lange?«

Und er: »Mir ward kein Unrecht angetan,
Als jener, der hier landet die er kürte,
Mir mehrmals weigerte den Seelenkahn,

Da er gerechten Willen nur vollführte.
Doch seit drei Monden nahm er ohne Säumen
In Frieden auf, wer Reiselust verspürte.

Da ich nun harrte, wo die Wogen schäumen,
Und sich den salzgen mengt des Tibers Welle,
Ließ er mich ein zu seines Schiffes Räumen.

Schon lenkt er wieder hin mit Windesschnelle
Und sammelt freudig dort zu seinen Borden,
Was nicht hinabstürzt zu der Urnacht Quelle.! -

»Wenn dir nicht untreu durch Gesetz geworden,«
Bat ich, »Kunst und Gedächtnis all der Lieder,
Die oft mit ihren schmelzenden Akkorden

Mein Herz getröstet, so erhebe wieder
Die Seele, die der schwere Leib umflicht,
Und die sich hier in Schmerzen beugt danieder.« -

»D i e L i e b e , d i e m i t m i r i m G e i s t e s p r i c h t”
So sang er nun - und ach! die sanfte Weise
Verklingt noch heute mir im Herzen nicht!

Mein Herr und ich mitsamt dem ganzen Kreise
Der Geister fühlten uns so tiefbeglückt,
Dass uns die Umwelt schwand unmerklich-leise

Und wir lustwandelnd lauschten hochentzückt
Dem Sange. - Sieh! da hörten wir den Alten,
Der mahnend rief: »Was ist’s, das euch berückt,

Nachlässge, und den Eifer lässt erkalten?
Eilt auf den Berg, die Rinden abzustreifen,
Die Gottes Anblick euch noch vorenthalten!« -

Wie Tauben emsig trippeln, um die reifen
Feldkörner oder Sämlinge zu picken,
Einträchtig, ohne keck sich aufzusteifen,

Jedoch, sobald ein Schrecknis sie erblicken,
Fortschwirren jäh, preisgebend Feld und Speise,
Weil größre Sorgen sie mit Furcht umstricken -:

So trennte von Casellas süßer Weise
Die Schar sich schnell, zum Felsenhang zu eilen,
Wie jemand läuft, dem fremd das Ziel der Reise -

Und wir auch eilten ohne zu verweilen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 03
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 03

Indes in jäher Flucht die Geisterzunft
Sich weit zerstreute durch des Feldes Breite
Dem Berge zu, wohin uns spornt Vernunft,

Schloss ich mich neu an meines Führers Seite.
Wie hätt’ ich ohne ihn auch gehen dürfen?
Den Berg ersteigen ohne sein Geleite?

Mir war’s, als plag er sich mit Selbstvorwürfen:
O reines und empfindliches Gewissen,
Am kleinsten Fehl verletzend sich zu schürfen!

Als nun sein Fuß sich mindrer Hast beflissen,
Weil Hast und Würde nie in Eintracht schaltet,
Hat mein gepresster Sinn sich losgerissen

Vom Kummer bald, und - frei den Blick entfaltet -
Sah ich zur Höh, wo sich zum Himmel reckte
Der Läutrungshügel hehr und hochgestaltet.

Die hinter mir aus blauem Meere streckte
Der Fackel dunkles Rot, - der Sonne Schein
Durchbrach ich, weil mein Leib ihr Licht verdeckte,

Und blickte seitwärts, denn allein zu sein
Vermeint ich, weil ich staunend musste spüren,
Dass ich den Weg beschattete allein.

Da sprach mein Trost: »Kann Argwohn dich berühren?«
Und prüfte mein Gesicht - »kannst Furcht du haben:
Ich hätte mich entfernt, statt dich zu führen?

Schon dunkelt’ s, wo mein Körper liegt begraben,
Der auch gleich deinem einstmals Schatten warf,
Den die Brindiser nach Neapel gaben.

Entbehr ich nun des Abbilds schwarz und scharf,
So denke dran: dass e i n e s Himmels Schimmer
Dem andern auch nicht Durchgang wehren darf.

Doch solch ein Körper bleibt empfänglich immer,
Glut zu empfinden, Frost und alle Qualen -
Das Wie? Entschleiert Menschenweisheit nimmer!

Tor, wer da hofft, mit des Verstandes Strahlen
Die nachtumhüllten Bahnen aufzuklären,
Wo drei in e i n e r Wesenheit sich malen!

‚D a s s e s s o i s t !’ das muss euch Trost gewähren;
Wär alles aufgeschlossen dem Verständnis,
So brauchte nicht Maria zu gebären!

Schon oft rang Sehnsucht fruchtlos nach Erkenntnis,
Doch sie erstrebte ein Unmögliches,
Und Ohnmacht war des kühnen Anfangs Endnis!

An Plato denk ich, Aristoteles
Und andre noch . . .« da schwieg er, schien beklommen
Und neigte seine Stirn. - Es war indes

Zum Fels des Berges unser Schritt gekommen,
Doch fanden wir ihn so voll steiler Schroffen,
Dass hier nicht Kraft noch Eile mochte frommen.

So rauh wird nicht der Bergpfad angetroffen
Von Lerci nach Turbia -: eine Stiege
Scheint’s im Vergleich zu hier, wo nichts zu hoffen.

»Wer sagt mir, wo der Hang sich sanfter schmiege,«
Sprach mein Poet, der innehielt im Schreiten,
»Dass man empor käm, ohne dass man fliege?«

Und wie er bodenwärts den Blick lässt gleiten,
Im Innern Weg und Mittel überlegend,
Und ich den Berg beschau von allen Seiten,

Da siehe! aus dem linken Teil der Gegend
Kommt eine Seelenschar zu uns heran,
Doch langsam, langsam, kaum sich fortbewegend.

»Blick auf und sieh!« zum Herrn ich da begann,
»Die können uns wohl sichern Rat erteilen,
Wenn nicht dein eigner Scharfsinn helfen kann.«

Er sah mich heiter an: »So lass uns eilen,
Denn gar zu schleppend kommt ihr Gang vonstatten,
Drum fasse Hoffnung, lieber Sohn, derweilen.«

Als noch so weit von uns entfernt die Schatten,
Wie gute Schleudrer werfen solche Strecken,
Trotzdem wir tausend Schritt durchmessen hatten,

Da drängten alle nach den Felsenecken
Des Randes hin, um unentschlossen dann
Zu stehn wie Menschen, die in Zweifeln stecken.

»Verklärte und Erwählte!« so begann
Virgil, »bei jener künftgen Seligkeit,
Die jeder wohl von euch erhoffen kann,

Zeigt einen Weg uns, hindernisbefreit,
Der gipfelan uns lässt den Aufstieg glücken -
Stets tut ein Zeitverlust dem Klugen leid.«

Wie Schafe langsam aus der Hürde rücken,
Einzeln, paarweis, zu dritt, indes mit Zagen
Noch andre stehn, das Maul zu Boden drücken,

Um nur, was der Leithammel tut, zu wagen:
Jetzt trippeln, jetzt sich drängen mit Beschwerde,
Geduldig, ohne nach dem Grund zu fragen -

So schritten von der hochbeglückten Herde
Die Vordersten, in Züchten uns zu nahn,
Bescheidner Haltung, sittsam von Gebärde.

Wie sie von mir das Licht in seiner Bahn
Geteilt, gehemmt und - als ein irdisch Zeichen-
Mein Schattenbild rechts an der Felswand sahn,

Begannen sie erstaunt zurückzuweichen,
Und auch die in den letzten Reihen wallten,
Den Grund nichtwissend, taten doch desgleichen.

»Ich will’s euch, ungefragt, nicht vorenthalten,
Dass dessen Körper einem M e n s c h e n eigen;
Und daher wird das Licht durch ihn gespalten.

Doch sollt ihr deshalb kein Erstaunen zeigen,
Wisset vielmehr, dass Gott ihm Kraft bescherte,
Die ihm erlaubt, die Felswand zu ersteigen.«

So sprach Virgil. Die Schar, die ehrenwerte,
Versetzte: »Kehret um und geht voran!«
Indem sie händewinkend uns belehrte.

Und einer aus der Schar zu mir begann:
»Wer du auch seist, blick auf, mich anzuschauen,
Ob meiner sich dein Aug entsinnen kann?«

Ich prüfte ihn mit Blicken, mit genauen:
Blond war er, schön, ritterlich von Gestalt,
Nur war gespalten eine seiner Brauen.

Dass er mir fremd, erklärt ich ihm alsbald
Bescheidentlich. - »Schau her!« rief er und wies
Mir in der Brust der Wunde tiefen Spalt.

Und lächelte: »Ich bin’s, der Manfred hieß,
Constanzens Enkelkind, der Kaiserin;
Und da man dir zur Welt die Rückkehr ließ,

So geh zu meiner schönen Tochter hin,
Die Spaniens und Siziliens Stolz geboren,
Zertritt die Lüge, melde: wo ich bin!

Ich fühlte zweimal mich das Schwert durchbohren
Im Kampfe, da empfahl ich weinend mich
Dem Allverzeiher - und ging nicht verloren!

War ich auch sündenvoll und freventlich,
Doch weit holt aus der Arm der ewgen Güte,
Der liebend, was ihm naht, hinzieht zu sich.

Hätte Cosenzas Hirt, der hasserglühte,
Den Clemens gegen mich gehetzt, dies eine
Blättlein gelesen doch, fromm im Gemüte,

So ruhten meine sterblichen Gebeine
Noch an der Brücke Benevents, vom Male
Friedlich umhegt der aufgetürmten Steine;

Nun bleibt sie Wind und Tau im Sonnenstrahle,
Wo man sie schnöde bei gelöschten Kerzen
Hinwarf jenseits des Reichs im Verdetale.

Doch Menschenfluch tilgt nicht in Gottes Herzen
Die Liebe - sie kann sühnen und begnaden,
Weil Hoffnung bleibt, die Sünden auszumerzen.

Wahr ist’s, wer hinfährt, kirchenbannbeladen,
Ob auch sein Herz der Reue Trost genossen,
Bleibt fern doch diesen heilgen Bergespfaden,

Bis wieder dreißigmal die Zeit verflossen,
Die er durchtrotzt, wenn durch Gebet und Flehen
Ihm früher nicht der Heilsweg wird erschlossen.

Was mich erfreuen kann, hast du gesehen.
Drum künde meiner trefflichen Constanze,
Was hier zu meinem Heile muss geschehen:

Denn irdisch Beten fördert uns zum Glanze!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 04
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 04

Wenn eine Seelenkraft, sei es durch Schmerzen,
Sei es durch Freuden, stark in uns erzittert,
Und man sich dreinversenkt mit ganzem Herzen,

So wird der Sinn durch andres nicht zersplittert:
Folglich muss seinen Irrtum eingestehen,
Wer in uns mehr als e i n e Seele wittert.

Denn wenn wir etwas hören oder sehen,
Was mächtgen Widerhall in uns gefunden,
Wird, ohne dass man’s merkt, die Zeit vergehen.

Ist’s e i n e Kraft nun, die da zählt die Stunden,
Ist’s eine a n d r e , die uns hält gefangen -
D i e fühlt sich frei, und j e n e sich gebunden.

Zu d e r Erfahrung konnt ich hier gelangen:
Als ich gelauscht dem Geiste, war indessen
Die Sonne fünfzig Grad emporgegangen. -

Ich staunte, dass ich so die Zeit vergessen!
Da riefen mir und meinem treuen Freund
Die Geister nach: »Schaut, was ihr gern besessen!«

Der Winzer größre Lücken wohl verzäunt
Durch Dorngestrüpp mit e i n e m Forkenstich
Zur Herbsteszeit, wenn sich die Traube bräunt -

Als hier die Öffnung war, durch die ich mich
Mit meinem Führer kletternd musste schmiegen,
Indes die Geisterschar uns bald entwich.

San Leo wird erklettert, abgestiegen
Nach Noli, Bismantovas Gipfelschwelle
Zwingt unser Fuß, hier aber heißt es fliegen!

Mit Flügeln nämlich, wie sie leicht und schnelle
Mir Sehnsucht gab, um d e n nicht zu verlieren,
Der meine Leuchte blieb und Hoffnungsquelle.

Wir klommen in zerklüfteten Revieren,
Behindert rechts und links vom Felsgedränge,
Den Halt erkämpfend oft auf allen vieren.

Als wir erreicht das obre Randgehänge
Des Durchbruchs, sprach ich: »Herr, nach welcher Seite
Meinst du, dass uns das Weitergehn gelänge?«

Und er: »Nur nicht bergab! Mir nach arbeite
Dich gipfelaufwärts über Grat und Kanten,
Bis uns erscheint ein Kundger, der uns leite.«

So hoch, dass ihn die Blicke nicht umspannten,
Stieg senkrecht fast der stolze Gipfel an,
Steil wie der Mittelstrich des Halbquadranten.

Ich war erschöpft vom Klettern und begann:
»Ach teurer Vater, schau zurück und lasse
Mich nicht allein, weil ich nicht folgen kann.«

»Sohn, schleppe dich bis dort noch zur Terrasse,«
Sprach er und wies nach einem Vorsprung droben,
Der rings umgürtete die Felsenmasse.

So ward ich angespornt, dass ich nach oben
Ihm angestrengt zu folgen selbst mich hetzte,
Bis auf den Vorsprung ich den Fuß gehoben,

Wo ich mich neben meinen Führer setzte
Ostwärts zum Wege hin, den wir erstiegen,
Der nun des Steigers Weg wie üblich letzte.

Zur Tiefe ließ ich erst die Augen fliegen,
Zur Sonne dann: ich weiß nicht, wie’s geschah,
Dass ich sie plötzlich linker Hand sah liegen?

Der Dichter merkte, wie ich staunte da,
Als ich das Lichtgespann zu meiner Seite
Und zwischen uns und Norden stehen sah,

Drum sprach er: »Wenn jetzt Castor im Geleite
Von Pollux Nachbarn jenes Spiegels wären,
Der aufwärts wirft sein Licht und in die Breite,

Sähst du den Tierkreis rötlich sich verklären,
(Sofern er noch im alten Gleise schwirrt)
Und enger kreisen um den Himmelsbären.

Willst du’s begreifen, so lass unbeirrt
Dein Auge durch den Berg nach Zion fliegen:
Begrenzt vom selben Horizonte wird

Dann beides auf verschiednem Halbkreis liegen.
Die Bahn, die durch den Himmel einst gezogen
Die Torheit Phaetons, siehst du sich schmiegen

Von h i e r aus linker Hand am Himmelsbogen,
Von d o r t zur Rechten - wenn du aufmerksam
Dies mit Verstand geprüft hast und erwogen.«

»Niemals ich leichter zum Verständnis kam,
O Meister,« sprach ich, »als mit d e m Beweise,
Der meines Wissens Mangel mir benahm.

Denn jene Linie, die im gleichen Kreise -
Äquator von der Wissenschaft benannt -
Sich zwischen Sonne dreht und ewgem Eise,

Trennt, wenn ich die Erklärung recht verstand,
Von hier sich nordwärts, wie sie sich zu neigen
Den Juden scheint im heißern Morgenland.

Doch sprich: Wie lange müssen wir noch steigen?
Denn höher geht, wie hoch mein Blick auch kreise,
Der Berg hinan und will kein Ende zeigen!« -

Und er: »Das ist des Berges Art und Weise:
Er scheint im Anfang mühsam zu erklimmen,
Doch leichter wird, je mehr man steigt, die Reise.

Wird drum die Mühe dich erst heitrer stimmen,
Dass du hinwandelst so bequemer Art,
Als man stromabwärts pflegt im Boot zu schwimmen,

So winkt das Endziel deiner Pilgerfahrt,
So wird den Müden süße Rast umfangen;
Drum still: dies weiß ich, weil mir’ s offenbart.«

Da - als des Dichters Worte noch erklangen,
Erscholl’ s ganz aus der Nähe uns an’ s Ohr:
»Du wirst vielleicht doch eher Rast verlangen!«

Wir blickten nach der Stimme Klang empor
Und sahn ein Felsstück auf der linken Seite,
Das nicht Virgil noch ich bemerkt zuvor,

Und lagernd hinter ihm in ganzer Breite
Des Schattens, sahn wir Geister träg verziehn,
Wie wer behaglich sich der Ruhe weihte.

Und einer, der besonders müde schien,
Schlang sitzend sich um beide Knie die Hände
Und hielt gestützt das Antlitz auf den Knien.

Ich sprach: »O Herr, schau d e n dort im Gelände,
Nie sah ich einen, lässiger als er,
Der so in Trägheit seine Schwester fände.«

Aufhorchte jener, blickte zu uns her,
Hob leicht das Haupt vom Schenkel nur und lallte:
»Geh selber . . . denn dem Kräftigen . . . fällt’ s . . . nicht schwer.«

Da kannt ich ihn, und ob mir auch noch wallte
Das Blut und mir der Atem war beklommen,
So trat ich doch zu kurzem Aufenthalte

An ihn heran, der - als er mich vernommen -
Den Kopf kaum hob: »Sahst du den Sonnenwagen . . .
Von links her . . . über deine Schulter kommen?«

Sein sparsam Wort, sein schläfriges Behagen
Krauste den Mund zu leichtem Lächeln mir:
»Belacqua,« sprach ich drauf, »dich zu beklagen,

Seh ich nicht Anlass mehr - doch: harrst du hier
Des Führers? oder anderer Gefährten?
Wie? oder steckt die Faulheit n o c h in dir?« -

Und er: »«Was frommt das Steigen? . . . Mir gewährten
Die Pförtner Gottes, die vorm Tore stehen,
Den Eintritt nicht zur Läutrung der Verklärten . . .

So lang nun muss sich mir hier draußen drehen
Der Himmel . . . wie dereinst, wo ich im Leben
Die Zeit der Reue nutzlos ließ vergehen . . .

Wenn nicht Fürbitten himmelaufwärts schweben
Aus einem Herzen - das da steht in Gnade . . .
Kann unerhört Gebet mir Rettung geben?«

Schon war Virgil vorauf die Felsenpfade
Und rief: »Nun komm! die Sonne steht und funkelt
Im Mittagskreise hoch - und am Gestade

Schon unterm Fuß der Nacht Marokko dunkelt!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 05
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 05

Schon trug mich, in des Führers Spuren steigend,
Mein Fuß hinfort von jener müden Schar,
Als einer, mit dem Finger auf mich zeigend,

Mir nachrief: »Seht den einen doch - fürwahr!
Er lässt das Licht nicht durch - wirft einen Schatten
Und tut, als wär er noch lebendig gar!«

Als meine Ohren dies vernommen hatten,
Sah ich, umdrehend mich, nachspähen m i r ,
Dem S c h a t t e n und dem L i c h t die Schläfrigmatten.

»Was hast du? Was umstrickt die Seele dir,«
Mahnte der Meister, »dass du säumst zu gehen?
Was kümmert’ s dich, was andre tuscheln hier?

Mir nach! und lass die Leute redend stehen -
Du sei ein starker Turm, dem seine Zinnen
Nicht beugen kann des Sturmwinds brausend Wehen.

Denn der wird nimmermehr das Ziel gewinnen,
Der von Gedanken sieht sich überschwommen,
Die kraftauflösend durcheinanderrinnen.«

Was sollt ich sagen als: ich werde kommen?
Ich sprach’ s und fühlte schon auf meinen Wangen
Die Glut, die oft mag zur Verzeihung frommen.

Indes kam quer den Berghang hergegangen
Ein Haufe Volkes, höher als wir gingen,
Die Vers für Vers das Miserere sangen.

Als die auch sahn, dass sich bei mir verfingen
Die Strahlen und ich undurchsichtig sei,
Da ward ein langes heisres Ah !! ihr Singen.

Und wie als Abgesandte liefen zwei -
Wer wir denn wären? staunend zu erfragen -
Den Berghang nieder bis zu uns herbei.

Da rief Virgil: »Kehrt um! und lasst euch sagen,
Euch und den andern, die geschickt euch hatten,
Dass dessen Glieder wirklich Fleisch noch tragen!

Und wundert ihr euch über seinen Schatten,
So wisst: durch ihn könnt ihr das Heil erreichen;
Drum soll man ihm willkommnen Gruß erstatten!« -

Am Himmel sah ich nie, dem mondesbleichen,
Sternschnuppen rascher das Gewölk durchziehn,
Noch im August ein Wetterleuchten streichen,

Als dieses Paar bergauf zu stürmen schien,
Um oben mit den andern umzudrehen
Und rückzueilen, wie Geschwader fliehn.

Da sprach Virgil: »Jetzt kommt, dich anzuflehen
Ein ungezählter Schwarm - hör sie nur an,
Doch denk beim Hören auch ans Weitergehen!« -

»O Seele, die zum Heile pilgern kann
Im Leibe, der sie trägt seit Kindesbeinen,
Hemm deine Schritte!« - so das Volk begann.

»Schau her! vielleicht erkennst du unser einen,
Heimwärts von ihm ein grüßend Wort zu tragen!
Ach, statt zu weilen, eilst du - kennst du keinen?

Uns alle hat dereinst Gewalt erschlagen,
Der Sünden bis zum Tode uns erfreuend,
Wo wir gewitzigt sahn den Himmel tagen.

So starben wir - verzeihend und bereuend,
Mit Gott versöhnt; ihn zu erschauen schafft
Uns Sehnsucht nun, dem Herzen Pein erneuend.« -

»Mein Auge prüfte euch gewissenhaft,
Doch kenn ich niemand! aber was euch quälet,
Wonach ihr schmachtet: glückt es meiner Kraft,

Ich tu’ s!« rief ich, »so wahr mir auserwählet
Solch Führer hier, so wahr mich, jenen Frieden
Von-Welt-zu-Welt zu suchen, Gott gestählet!«

Und einer sprach: »Dass du’s vollführst hienieden,
Vertrauen wir dir ohne Eid, wird nur
Beim Wollen dir kein Hindernis beschieden.

Drum, da ich grade spreche: führt die Spur
Auf Erden dich zur Landschaft, in der Mitte
Von Karlos Reiche und Romagnas Flur,

So schenke mir Gewährung dieser Bitte:
Fano soll fromm für mich die Hände falten,
Dass ich die Läutrung schwerer Schuld erstritte.

Dort stamm ich her - die tiefen Wundenspalten
Jedoch, draus meines Lebens Strom verblutet,
Hab ich in Antenorens Schoß erhalten,

Wo ich Verrat am wenigsten vermutet,
Den der von Este wider mich gesponnen;
Sein Hass hat mehr als billig sich gesputet!

Doch wär ich gegen Mira hin entronnen,
Als man mich überfiel an Oriacs Tor,
Ich schlürfte heut noch aus des Lebens Bronnen.

Zum Sumpfe lief ich, wo mich Schlamm und Rohr
Hilflos zu Falle brachten - sprudelnd sprangen
Die Bäche meines Bluts auf’ s dunkle Moor.« -

Ein andrer sprach: »«Soll je sich dein Verlangen
Erfüllen, das zum Berg dich hergelenkt,
Dein Mitleid kürze dann auch mir das Bangen.

Giovanna nicht und niemand sonst gedenkt
Buonconts von Montefeltro - trauernd klagen
Muss ich deshalb, die Stirn in Leid gesenkt.« -

»Welch Zufall,« rief ich aus, »hat dich verschlagen,
Welche Gewalt so weit vom Campaldin,
Dass heut noch keiner weiß dein Grab zu sagen?« -

»Ach,« sprach ich drauf, »den Fuß des Casentin
Durchquert ein Fluss, Archian, der seine Quelle
Beim Kreuz hat oberhalb des Apennin.

Wo er den Namen an des Arno Schwelle
Verliert, dort floh ich hin, den Hals durchstochen,
Und färbte mit dem Blute Sand und Welle.

Nacht ward’ s um mich - doch eh mein Blick gebrochen,
Rief ich die Jungfrau an - dann fiel ich nieder -
Und meine Hülle blieb dort ungerochen.

Das ist die Wahrheit, sag der Welt es wieder!
Schon trug ein Engel mich - doch blitzesschnelle
Fuhr Satan her und schrie: ‚Weil ihm die Lider

Ein Tränlein netzt, willst du zur Himmelszelle,
Beraubend mich, sein ewig Teil erheben?
So büße denn der L e i b an dessen Stelle! -

Du weißt, dass Dünste, die im Luftmeer schweben,
Oft kältre Schichten treffen, und alsdann
In Regenform zur Erde wieder streben -

Drum paarte Satan, der stets Böses sann,
Bosheit mit List, um Sturm und Dunst zu wecken,
Wie seine angeborne Kraft es kann.

Und als die Sonne sank zum Meeresbecken,
Sah man von Pratomagna sich die Fläche
Bis zum Gebirgsstock schwarz mit Dunst bedecken,

Dass keine Wolke war, die nicht zerbreche
Und Wasser gösse in des Erdreichs Spalten;
Und was der Grund nicht schluckte, wurden Bäche,

Bis auch die größern Flüsse überwallten
Und zu des königlichen Stromes Schoß
Die Fluten schossen, dass es gab kein Halten.

So fand der Archian mich starr und bloß
Als Leichnam - stob zum Arno mit dem Funde
Und wusch das armverschränkte Kreuz mir los,

Das ich geschlagen in der Todesstunde,
Wälzte hinstrudelnd weiter seine Beute
Und barg sie endlich tief im schlammgen Grunde!« -

Die dritte Seele, die mein Hiersein freute,
Bat mich: »Wenn du zur Welt erst heimgekommen,
Und Rast und Mühsal dir Erquickung streute,

So lass dein Mitleid auch der Pia frommen,
Der Siena Leben gab, Maremma Tod,
Wie jener weiß, der mich zum Weib genommen

Und mir den Ring zur Doppelehe bot!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 06
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 06

Wenn Würfelspieler sich vom Tisch entfernen,
Bleibt der Verlierer sitzen meist verdrießlich
Und würfelt für sich selbst noch, um zu lernen.

Den aber, dem der Würfel fiel ersprießlich,
Umschwärmen alle beim Nachhausegange:
Der winkt, der fleht, am Rock zupft man ihm schließlich,

Er hört nach hier und dort und säumt nicht lange,
Und wem die Hand er drückte, macht sich fort -
Und so kauft er sich los vom lästgen Drange.

So stand ich in dem dichten Schwarme dort
Und hörte rechts das Bitten, links das Klagen,
Durch Trost mich lösend und Verheißungswort.

Hier war der Aretiner, den erschlagen
Des Ghin di Tacco grimme Rächerhand,
Dort jener, der ertrank im raschen Jagen;

Novello, händeringend vor mir stand,
Auch der Pisaner kam, an dessen Leiche
Man den Marzucco seelengroß erfand;

Graf Orso, und die Seele, die vorm Streiche
Missgünstigen Grolls - wie sie’s benannt - geschieden,
Nicht dass Verbrechen ihr zur Schuld gereiche:

Pier della Broccia ist’s; mag drum hienieden
Sich zeitig vorsehn die Brabanterin,
Dass einst nicht schlimmre Brut ihr stört den Frieden!

Befreit nun von den Schatten, deren Sinn
Auf’ s Bitten nur, für sie zu bitten, steht,
Dass Heiligung bald werde ihr Gewinn -

Sprach ich: »O du mein Licht, was d i e erfleht,
Verwirfst du irgendwo, da du geschrieben:
Des Himmels Ratschluss beuge kein Gebet!

Doch dazu seh ich just dies Volk getrieben -
Soll demnach nur vergeblich sein ihr Hoffen?
Ist unklar mir vielleicht dein Wort geblieben?«

Drauf er: »Was ich geschrieben, das liegt offen,
Und jenen wird die Hoffnung nicht zuschanden,
Wenn du erst des Zitates Sinn getroffen.

Des Urteils strenger Spruch blieb doch vorhanden.
Wenn fromme Glut im Nu auch das bescherte,
Wozu sich alle hier aus Pflicht verbanden.

Dort aber, wo ich jenen Grundsatz lehrte,
Entsühnte niemals ein Gebet die Sünden,
weil Gott sich taub von diesen Betern kehrte.

Doch solche tiefen Zweifel zu ergründen,
Lass ab! solange s i e nicht deinem Geist
Aus ewger Wahrheit wird ein Licht entzünden.

Ich meine Beatricen - wie du weißt;
Glückselig, lächelnd, wirst du bald sie sehen,
Wie dieses Berges Gipfel dir’ s verheißt!« -

»O Herr,« bat ich, »dann lass uns schneller gehen,
Noch fühl ich unermüdet mich und rege,
Doch Schatten seh ich schon vorm Berge stehen.«

Und er: »Noch lass uns gehn auf diesem Wege,
Solang ihn uns das Zwielicht lässt erkennen,
Doch Überraschung bringen noch die Stege.

Denn eh du oben, wird aufs neu entbrennen
Die Sonne, die sich birgt schon hinterm Strand,
Und ihre Strahlen kannst du nicht mehr trennen.

Doch schau die Seele dort! die wie gebannt
Hierher blickt - einsam steht sie, auf uns achtend;
Der nächste Weg ist ihr gewiss bekannt.«

Wir nahten uns: wie stolz doch und verachtend,
Edle Lombardenseele, saßest du,
Gemessenen Blicks uns würdevoll betrachtend!

Wir waren da: er rief kein Wort uns zu,
Sah uns gelassen fördern unsre Schritte,
dem Löwen gleich in unnahbarer Ruh!

Da trieb Virgil es doch, mit kurzem Tritte
Sich ihm zu nahn: er mög uns Weisung geben
Zum nächsten Pfad - doch stumm blieb er der Bitte,

Vielmehr u n s fragend jetzt nach Land und Leben -
Doch als Virgil kaum »Mantua« angefangen,
Sah ich den Schatten blitzschnell sich erheben,

Der still erst tiefem Sinnen nachgehangen.
Er rief: »Sohn Mantuas, ich bin Sordell,
Dein Landsmann!« - worauf beide sich umschlangen. -

Weh dir, Italien! Sklavin! Schmerzensquell!
Du Schiff, vom Sturm umbrandet, ohne Steuer!
Nicht der Provinzen Herrnhaus, nein, Bordell!

Wie schnell doch fing die edle Seele Feuer
Beim süßen Klange schon aus ihrem Lande,
Den Stadtgenossen grüßend, der ihr teuer!

Und du? - Es stehn die Lebenden im Brande
Des Aufruhrs, um sich wechselweis zu morden,
Umschirmt von e i n e m Wall und Grabenrande!

Unselge, such an deinen Küstenborden,
schau in dich selbst: birgt e i n e n Ort dein Schoß,
Dem holden Friedens Frucht zuteil geworden?

Was hilft dir’ s - da dein Sattel reiterlos -
Dass Justinian dir ausgeflickt die Zügel?
Wär’s nie geschehn, die Schmach wär minder groß!

Du hättest längst ergebnen Sinns im Bügel,
O Volk, den Cäsar reiten lassen sollen -
Doch Gottes Wort missdeutet dein Geklügel.

Seit ihr habt die Kandare sparen wollen
Und in den Zaum der Bestie fielt vermessen,
Will störrisch sie nicht mehr Gehorsam zollen!

O, deutscher Albert, hast du es vergessen,
Dem Gaul, der täglich tobt in wildrer Wut,
Den Schenkel kräftig um den Bug zu pressen?

Der Himmel züchtge dich und all dein Blut
Gerecht und offensichtlich, nach Erwarten,
Dass, wer dir nachfolgt, klug sei auf der Hut.

Herrschsüchtig, gleich dem Vater, klagt des harten
Geschickes wegen euch Italien an,
Veröden ließet ihr des Reiches Garten!

Komm! sieh Montecchi, sorglos-träger Mann,
Monaldi, Filippeschi, Capuletten,
Voll Not schon jene, die im Sorgenbann!

Grausamer, komm und mach sie frei der Ketten!
Komm her und sieh dein adlig Volk verzagen
Und sprich: ob Santafior sich kann erretten?

Komm her! sieh deine Roma weinend klagen,
Komm, hör die Witwe flehen Tag und Nacht:
»Kannst du mir, Cäsar, deinen Schutz versagen?«

Sieh, wie dein Volk die Liebe glücklich macht!
Und können w i r kein Mitleid dir erregen,
Komm, dass dir eigner Leumund Scham entfacht!

Und - frag ich, höchster Jahve, zu verwegen? -
Du, der für uns gekreuzigt ward auf Erden:
Wo blickst du hin? gerecht sonst und voll Segen!

Wie? oder soll in Zukunft aus Beschwerden
Durch deinen Rat - geheim in seinen Zielen
Und unerforschbar - d o c h uns Rettung werden?

Von Zwingherrn wimmelt Welschland - ja von vielen!
Wo jeder Bauer zur Partei zu schwören
Sich drängt, um als Marcell sich aufzuspielen!

Freu dich, o mein Florenz! D i c h kann empören
Mein Vorwurf nicht, da er dich nicht berührt,
Dank deinem Volk, das Weisheit nur will hören!

Gerechtigkeit hegt mancher, doch man spürt
Zu spät den Schuss, denn Vorsicht spannt den Bogen -
Im Munde aber wird sie brav geführt!

Wenn Staatsgeschäften viele sich entzogen,
So schreit dein Volk bereits, eh andre fragen -:
»Ich unterziehe mich!« - drum lass die Wogen

Verdienter Freude hoch und höher schlagen:
Reich bist du, friedlich - ach! Und voll Verstand!
Ob ich mich täusche, der Erfolg wird’s sagen!

Athen und Sparta, ehrenvoll genannt
Als der Gesetze helle Ruhmessonnen,
Darf eine lösen dir der Schuhe Band,

Dir? die so manchen feinen Plan gesponnen,
Der, wenn er im Oktober fertig war,
Schon im November zu vergehn begonnen!

Alles erneutest du - und immer dar ;
Was heut gebaut, ward morgen eingerissen:
Amt, Münzfuß, Recht, Gesetz - und Sitte gar!

Blick rückwärts, dann wirst selbst du sehn und wissen,
Sehn: dass du gleich der Kranken dich verhältst,
Die Schutz vor Schmerz auf schlummerlosem Kissen

Vergeblich sucht und hin und her sich wälzt!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 07
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 07

Als ehrbar und erfreut die beiden hier
Drei- oder viermal sich umfangen hatten,
Ließ ab Sordell und sprach: »Und wer seid Ihr?« -

»Bevor zu diesem Berg die Schar der Schatten,
Die Gott zu schauen würdig ist, sich kehrte,
Ließ Octavianus mein Gebein bestatten.

Ich bin Virgil. Nur Glaubensmangel wehrte
Zum Licht den Eintritt mir, nicht andre Sünde,«
So sprach Virgil, wie es Sordell begehrte.

Und jetzt - als ob ein Wunderwerk sich künde,
Wo man sich fragt: Ist’s Wahrheit oder nicht?
Bald glaubt, bald zweifelt, dass man es verstünde -

So sah Sordell ich neigen sein Gesicht,
Ihn dann umarmen demutsvoll wie einer,
der scheu als Schützling zu dem Gönner spricht:

»O Latiums Ruhm! der klar bewies wie keiner,
Dass unsre Sprache reich an Kraft und Zier,
Du ewger Schmuck von deiner Stadt und meiner,

Schickt mein Verdienst, schickt Gnade dich zu mir?
Und wenn ich solcher Gunst mich wert erweise,
So sprich: kommst du aus höllischem Revier?« -

»Ja, aus des Jammerorts gesamtem Kreise,«
Sprach der Poet, »bin ich hierher gekommen,
Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise.

Nicht Tat, nur Unterlassen hat genommen
Der Sonne Anblick mir, die d u wirst schauen -
Zu spät ist ihre Würdgung mir gekommen!

Ein Ort ist drunten, wo zwar Schatten brauen,
Doch der nicht qualvoll ist: - nur leis klingt Weinen,
Kein Jammern stört den Frieden stiller Auen.

Dort bin ich bei den unschuldsvollen Kleinen,
Zermalmt vom Zahn des Todes, eh hernieden
Vom Sündenerbteil frei die Kindlichreinen.

Bei jenen bin ich, denen nicht beschieden
Der Tugend heilge Drei - doch die, nicht blind
Für jede andre Tugend, Sünden mieden.

Doch hast du Macht und Kenntnis: sag geschwind,
Wie wir am kürzesten dahin gelangen,
Wo eigentlich der Läutrungsberg beginnt?«

Er sprach: »Uns halten Grenzen nicht gefangen,
Wir dürfen frei umhergehn, auch bergan -
Soweit ich darf, sollt ihr Geleit empfangen!

Doch sieh, der Tag fängt zu erblinden an,
Drum scheint mir’ s klug, auf Unterkunft zu sinnen,
Weil man bei Nacht schlecht aufwärtsklimmen kann.

Rechts hausen Seelen, nah im Berge drinnen,
Ich führ dich rasch dahin, wenn dir’ s gelegen;
Du kannst durch die Bekanntschaft nur gewinnen.« -

»Wie?« sprach Virgil, »man steigt auf diesen Wegen
Nicht in der Nacht? Was ist da hinderlich?
Spricht etwa Mangel eigner Kraft dagegen?«

Der wackere Sordell zog einen Strich
Am Boden hin: »Selbst den hier überspränge
Dein Fuß nicht mehr, sobald die Sonne wich.

Nicht dass was andres sonst zurück dich dränge!
Es wirkt hier nur die nachtumhüllte Welt,
Dass sie den Willen dir zur Ohnmacht zwänge.

Doch kann hier abwärts wandern, wem’ s gefällt,
Und um den Abhang irren in der Runde,
Solang die Nacht den Tag verschleiert hält.« -

Da sprach mein Herr, erstaunt ob dieser Kunde:
»So führ uns denn dahin, wo beim Verweilen,
Wie du versprachst, köstlich verrinnt die Stunde.« -

Wir brauchten allzu weit nicht zu enteilen,
Bevor ich sah, dass hier der Berg in Scharten
Gespalten, wie bei uns sich Täler teilen.

»Dorthin,« so riet der Schatten, »wo im harten
Geklüft sich jener sanfte Einschnitt findet,
Lass gehn uns und den jungen Tag erwarten.«

Ein Querpfad, der nicht flach noch steil sich windet,
Wies uns zur Mündung einer tiefen Schlucht,
Wo mehr als halb der Böschung Bogen schwindet.

Gold, feines Silber, Bleiweiß, Scharlachfrucht,
Indisches leuchtend Holz, der wasserreine
Smaragd - sie alle schlüg doch in die Flucht

Der Farben Leuchtkraft, wie sie hier im Haine
An Gras und Blumen prangt - und ihr verblasst,
Wie stets dem Größern unterliegt das Kleine!

Hier hat Natur nicht Farben nur verprasst,
Nein, auch gemischt aus tausend süßen Düften
Ein Etwas, das kein Sinn benennt und fasst.

S a l v e R e g i n a ! scholl es in den Lüften;
Im Blumenpolster lagernd sangen’ s Seelen,
Die draußen uns verdeckt erst von den Klüften.

»Gleich wird das bisschen Sonnenlicht verschwelen;
Doch euch erst hinzubringen noch zu ihnen,«
Sprach Mantuas Sohn, »das wird sich kaum empfehlen.

Denn besser doch erkennt ihr sie nach Mienen
Und Haltung hier von dem erhöhten Hange,
Als wenn sie unten euch so nah erschienen.

Der dort am höchsten sitzt und scheinbar bange,
Weil er versäumt, wozu ihn Pflicht verbunden,
Und nicht die Lippen öffnet beim Gesange,

War Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden
Leicht hätt’ geheilt, daran es nun verendet;
Zu spät erst lässt ein andrer es gesunden!

Sein Nachbar, der ihm scheinbar Zuspruch spendet,
Gebot im Lande, wo der Flut Gewässer
Moldau zur Elbe, Elbe meerwärts sendet.

Ottokar ist’s - und er war schon viel besser
In Windeln, als der bärtge Wenzeslas,
Sein Sohn, der Wollüstling und faule Fresser!

Die Stumpfnas dort, die lagernd in dem Gras
Den gütgen Nachbar scheint um Rat zu fragen,
Starb flüchtend - und der Wurm die Lilien fraß;

Seht ihn zerknirscht nun an die Brust sich schlagen.
Der andre aber stützt das Antlitz fest
Auf seine Hand als Bett mit Seufzerklagen.

Vater und Schwäher sind’s von Frankreichs Pest;
Sie kennen sein unflätig Lasterleben,
Daher der Kummer, der ihr Herz so presst! -

Der dort so gliederstark erscheint und neben
Dem Langbenasten singt im gleichen Zug,
Er war mit jedem Tugendschmuck umgeben!

Und wenn nur länger noch die Krone trug
Der Jüngling hinter ihm, statt früh zu sterben,
Gut floss die Tugend dann von Krug zu Krug.

Nicht gilt dasselbe von den andern Erben:
Jakob und Friedrich erbten nur die Reiche,
Ohne das bessre Erbteil zu erwerben.

Wie selten, dass der Zweig dem Stamme gleiche!
Doch Bravheit soll, so hat es Er verhängt,
Nur ein Geschenk sein, das man nicht erschleiche.

Nicht auf die Langnas ist mein Wort beschränkt,
Es gilt auch Petern, der mit diesem singt:
Drob schon Apulien und Provence sich kränkt!

So schlechtern Samen hier die Pflanze bringt,
Um soviel mehr preist den Gemahl Konstanze,
Als es Beatrix und Margret gelingt. -

Einfachen Wandels, abhold äußerm Glanze,
Seht abseits Englands Heinrich dort, den Dritten:
Sein Wurzeltrieb erzeugte bessre Pflanze.

Und der am tiefsten sitzt in aller Mitten
Und aufblickt: das ist Wilhelm der Marchese;
Ob Alessandrias Krieg hat viel gelitten

Mit Tränen Montserrat und Canavese.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 08
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 08

Die Stunde war’s, wo voll von Heimwehtrieben
Des Schiffers weiches Herz in Sehnsucht schwimmt,
Am Tag, da weinend er verließ die Lieben,

Und die auch weich den Pilgerneuling stimmt,
Wenn er vom fernen Abendglockenklange
Den Tag betrauert hört, der sanft verglimmt -:

Da sah ich, nicht mehr lauschend dem Gesange,
Wie eine von den Seelen sich erhoben
Und Winke gab, dass sie Gehör verlange.

Die Hände hielt gefaltet sie nach oben,
Ostwärts den Blick gerichtet, als bekunde
Sie so dem Schöpfer: dich nur will ich loben!

Telucisante scholl’ s von ihrem Munde
So süß und mit so andachtsvollem Preise,
Dass ich darob mich selbst vergaß zur Stunde.

Da fielen auch die andern in die Weise
Der Hymne ein, zu Ende sie zu bringen,
Den Blick emporgewandt zum Sternenkreise.

Willst du die Wahrheit, Leser, jetzt erringen,
Schärf deinen Blick! so zart spinnt sich der Schleier,
Dass du die leichte Hülle kannst durchdringen! -

Noch immer sah, nach dieser Andachtsfeier,
Die edle Schar empor, in Demut schweigend,
Blass und erwartungsbang - und sieh! Aus freier

Sternklarer Höhe schwebten niedersteigend
Zwei Engel, deren Schwerter Flammen schossen,
Doch stumpf nur waren, keine Spitze zeigend.

Grün wie des Lenzes erste zarte Sprossen
Kam ihr Gewand, bewegt von grünen Schwingen,
Im Hauch der Lüfte flatternd nachgeflossen.

Dicht über uns sie sanft herniedergingen,
Auf jedem Rand des Tals blieb einer stehen,
Dass sie die Seelen zwischen sich empfingen.

Ich konnte nur die blonden Scheitel sehen,
Von ihrem Antlitz glitt mein Blick geblendet,
weil jede Kraft am Unmaß muss vergehen.

»Die hat der Schoß Mariens hergesendet
Zum Schutz des Tales vor der Schlange Tücken,
Die bald,« so sprach Sordell, »hierher sich wendet.«

Nicht wissend, wo ihr Einfall möchte glücken,
Erschrak ich, spähte scheu nach allen Seiten,
Um mich des Führers Schultern anzudrücken.

Da riet Sordell: »Lasst uns talniederschreiten,
Mit den erhabnen Schatten plaudern wir,
Die herzlichsten Empfang euch gern bereiten.«

Wir stiegen kaum drei Schritte abwärts hier,
Als ich schon unten stand; da traf ich einen,
Der spähte unablässig her zu mir.

Zwar wuchs die Dämmerung, doch kenntlich scheinen
Ließ sie noch in der Näh’ die Angesichter
Für seine spähnden Augen und die meinen.

Er nahte mir, ich ihm: »O edler Richter,
Wie freut mich’ s, Nino, hier dir zu begegnen
Statt unten beim verlorenen Gelichter!«

Wir säumten nicht, das Wiedersehn zu segnen.
»Wie lang ist’s her, dass du durch’ s Meer gegangen,«
Rief er, »zu diesem Berg, dem weitentlegnen?« -

»Mitten durch’ s Höllentor ging ich voll Bangen
Heute früh,« sprach ich, »und bin im ersten Leben,
Obwohl ich such, das andre zu erlangen.«

Doch als ich diese Auskunft kaum gegeben,
Fuhr Nino und Sordell zurück, wie man
Erschrocken plötzlich jemand sieht erbeben.

D e r sah Virgil, und Nino e i n e n an,
Der in der Nähe saß: »Auf, Konrad, sieh!«
Rief er, »was Gottes Gnade wirken kann.«

Und dann zu mir: »Beim Danke, den du nie
Abtragen kannst bei dem, der keine Pfade
Uns lässt erkennen zum Warum und Wie,

Bist du erst auf dem jenseitgen Gestade,
Sag meinem Hannchen, dass sie für mich flehe,
Wo sich der Unschuld neigt das Ohr der Gnade.

Wohl nicht mehr liebt die Mutter mich wie ehe,
Seitdem sie abgelegt die Witwentracht,
Die sie zurückwünscht noch dereinst im Wehe!

An ihrem Beispiel sieh, wie über Nacht
Oft Liebesglut in Weibesbrust zertaute,
Wenn Sehn und Fühlen sie nicht neu entfacht.

Ich zweifle, ob sie je solch Grabmal schaute
Durch ihre Viper, drunter Mailand ficht,
Als ihr der Hahn Galluras eins erbaute!«

So sprach der Richter, während sein Gesicht
Von jenem echten Eifer war erregt,
Der Herzen wärmt, doch nie die Schranken bricht.

Am Himmel hing mein Blick, sehnsuchtbewegt,
Wo sich die ewgen Lichter träger drehen,
Dem Rad gleich, wo sich’s um die Achse legt.

Da sprach Virgil: »Nun, Sohn, was gibt’s zu sehen?«
Und ich: »Nach den drei Flammen muss ich schauen,
Davon der Pol in Blut scheint aufzugehen.«

Und er: »Das du heut sahst beim Morgengrauen,
Das Viergestirn sank tief schon jenseits fort,
Statt seiner funkeln diese nun im Blauen!«

Da nahm, fortziehend ihn, Sordell das Wort:
»Sieh da, der Widersacher kommt gekrochen,«
Rief er, indem sein Finger wies nach dort,

Wo frei der Talgrund von den Bergesjochen
Und eine Schlange nahte, wohl die gleiche,
Die Even einst die bittre Frucht gebrochen.

Durch Gras und Blumen zog sich ihr Geschleiche,
Sie hob den Kopf und züngelte zum Rücken,
Dass sie ihn katzenartig putz und streiche.

Nicht sah ich’s, noch vermöcht ich auszudrücken,
Wie nun des Himmels Habichte zum Flug
Sich hoben, um auf sie das Schwert zu zücken.

Doch als die Luft ihr Grüngefieder schlug,
Entwich der Wurm, indes das Engelpaar
Zum alten Platz die Kraft der Flügel trug. -

Der auf des Richters Ruf genahet war,
Es hing - auch während sich der Kampf erhoben -
Der Geist an mir mit Blicken immerdar.

»Soll jene Leuchte, die dich führt nach oben,
Ausreichend Öl in deinem Willen schauen
Wie nötig bis zum Blumenschmelze droben:

Ist dir von Valdimagra und den Gauen
Umher, wo ich geblüht, Wahres bekannt,
Wohlan,« sprach er, »so magst du mir’ s vertrauen.

Konrad von Malaspin war ich genannt,
Der Alte nicht, doch seinem Blut entsprungen,
Den Meinen stets in Liebe zugewandt,

Die hier sich läutert!« - »Noch bin ich gedrungen
Nicht in dein Land,« sprach ich, »wer aber kennte
Nicht dein Geschlecht? Europa hat durchklungen

Sein Ruhm! wer ist, der es nicht ehrend nennte?
Laut preist man Land und Leute allerwegen,
Und jeder kennt’ s, ob ihn ein Meer auch trennte!

So wahr ich hohem Ziele streb entgegen,
Ich schwör’ s: dein edler Stamm hat stets gepflogen
Freigebigkeit und einen tapfern Degen.

Gewohnheit und Natur hat euch bewogen -
Mag auch das sündge Haupt die Welt verdrehen -
Dass ihr den graden Weg stets vorgezogen!«

Und er: »Leb wohl! - nicht siebenmal wird gehen
Die Sonne abwärts, wo sie schlummernd ruht
Im Bette, drauf des Widders Füße stehen,

So wird dir diese Meinung, lieb und gut,
Mit bessern Nägeln festgehämmert werden
Ins Haupt, als das Gerücht der Welt es tut,

Wenn Gott nicht hemmt des Schicksals Gang auf Erden!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 09
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 09

Die Bettgenossin des Titan, des alten,
Entglitt dem Arm des Freundes sacht,
Um Silberglanz im Osten zu entfalten,

Die Stirn umschimmert von Demantenpracht,
Nach jenen kalten Tieres Form geschnitten,
Das seinen Schwanz zum spitzen Dolche macht.

Schon hatte zwei von ihren Aufgangsschritten
Die dunkle Nacht gefördert, wo wir standen,
Und ihre Flügel senkte sie zum dritten,

Als ich, der noch beschwert mit Adams Banden,
Vom Schlafe übermannt ins Gras mich streckte,
Wo wir selbfünf uns vorher sitzend fanden.

Zur Stunde war’s, wo sonst den Morgen weckte
Der Schwalbe Lied, vielleicht weil grambewegt
Des ersten Leids Gedächtnis sie erschreckte,

Wo freier sich der Geist zu machen pflegt
Vom Fleisch und den Gedankenfesseln allen,
Und göttergleich sich in Visionen regt:

Da sah ich, t r ä u m e n d , an des Himmels Hallen
Goldflügelspreizend einen Aar erscheinen,
Als ließ er gleich zum Stoß sich niederfallen.

Ich glaubte auf dem Berg mich, wo die Seinen
Zurückließ Ganymed, als er getragen
Ward zum Olymp, den Göttern sich zu einen,

Und dachte, hier nur mag’ s dem Aar behagen,
Zu rauben, weil er’s aus Gewohnheit tut
Und es verschmäht, an anderm Ort zu jagen.

Dann schien’ s, nachdem er kreisend ausgeruht,
Als stieß er furchtbar wie ein Blitz hernieder,
Mich aufwärts reißend bis zur Feuersglut.

Mir war’s, ich brennte selbst wie sein Gefieder,
Und s o war schmerzhaft der geträumte Brand,
Dass mir der Schlummer ward zerrissen wieder.

Nicht minder schreckgelähmt Achilles stand,
Als augenrollend er vom Schlaf erwachte,
Weil er nicht wusste, wo er sich befand,

Da Thetis vom Kentauern Chiron sachte
Nach Scyros weg den Schläfer trug, von wo
Nach Troja ihn die List Ulyssens brachte -:

So schüttelte, als jäh mein Schlaf entfloh,
Durch Mark und Bein mich fröstelndes Erblassen;
Erstarrt von Todesschrecken steht man so!

Denn mit Virgil war ich allein gelassen:
Die Sonne schien schon länger als zwei Stunden,
Und vor mir lag das Meer in blauen Massen.

Mein Meister sprach: »Nun werde stark erfunden
Und fürchte nichts, wir sind zur rechten Stelle -
Entfalte deine Kraft jetzt ungebunden!

Dort, wo es scheint, als ob ein Riss zerspelle
Die Felswand, ist des Purgatoriums Tor,
Hier stehst du auf der felsumgebnen Schwelle.

Noch schwebte nicht dem Tag das Frührot vor,
Du lagst, die Seele schlummertief-umfangen,
Im untern Tal auf buntem Blumenflor,

Da kam ein Himmelsweib dahergegangen:
»Lucia bin ich - lass mich diesen tragen,
Und schlummernd soll er leicht ans Ziel gelangen.«

Sordell blieb mit den andern, wo sie lagen,
Doch sie, als schon der Tag sein Weckhorn blies,
Trug dich empor, ich folgte sonder Zagen.

Hier bettete sie dich, doch erst noch wies
Ihr schönes Auge mir die offne Pforte,
Worauf sie m i c h , der Schlummer d i c h verließ.«

Dem Manne gleich, dem bei der Wahrheit Worte
Der Zweifel flieht, dass er, statt Furcht zu hegen,
Sich mutig das Vertrauen wählt zum Horte,

So konnte mich die Angst nicht mehr bewegen,
Und mein Virgil, dies sehend, schritt zur Wand
Empor und ich ihm nach, der Höh entgegen.

Sieh, Leser, wie sich jetzt mein Gegenstand
Erhebt; drum staune nicht, müht sich beflissen,
Ihn kunstgerecht zu steigern meine Hand. -

Wir schritten fort, nicht mehr im Ungewissen,
Und standen bald vorm Tor, das mir von weitem
Ein Spalt schien, der ein Mauerwerk zerrissen.

Drei Stufen sah ich zu der Pforte leiten,
Doch jede eine andre Farbe zeigend,
Und als ich ließ den Blick zur höchsten gleiten,

So saß der Pförtner sinnend dort und schweigend:
Doch rascher als mein Blick sich hingewandt,
Flog er zurück, sich scheu zu Boden neigend,

Weil das entblößte Schwert in seiner Hand
Ihn gleich in seine Schranken wies, geblendet
Durch seines Glanzes sonnenhaften Brand.

»Sagt mir von dort, welch Wunsch euch hergesendet,«
Rief er, »und wer euch führte hier empor?
Dass euch der Weg nur nicht zum Unheil endet!«

Da sprach Virgil: »Uns zeigte kurz bevor
Ein Himmelsweib, erwählt von Gottes Gnaden
Und eingeweiht, den Weg zu diesem Tor.« -

»Und ihre Huld streu Segen euern Pfaden,
Drum tretet über diese Stufen ein,«
Begann uns jener freundlich einzuladen.

Drauf hoben wir den Fuß zum ersten Stein,
Der marmorn war und so blitzblank geschliffen,
Dass er mein Bild auffing im Spiegelschein.

Der zweite, wie ein Bruch aus rauhen Riffen,
War purpurfarb, geborsten und zerschlitzt,
Als hätte Feuersglut ihn stark ergriffen.

Die dritte Stufe, drauf die Schwelle sitzt,
Schien aus Porphyr und war so scharlachhelle
Als ob ein Blutstrahl aus der Ader spritzt.

Dem Engel diente sie zur Ruhestelle
Für beide Füße, und von Diamant
Schien mir, worauf er saß, des Tores Schwelle.

Gern ließ ich ziehn mich von des Meisters Hand
Die Stufen hoch. - »In Demut ihn begrüße,«
Sprach er, »dann öffnet er des Riegels Band.«

Andächtig fiel ich vor des Heilgen Füße,
Dass er sich des erbarm, was ich begehrte,
Dreifachen Brustschlags kündend, dass ich büße.

Da schrieb er sieben P mit seinem Schwerte
Mir auf die Stirn und sprach: »Da drinnen wasche
Die Stirn dir ab, die siebenfach-versehrte.«

Gefärbt wie dürrer Sand, wie trockne Asche
War sein Gewand; zwei Schlüssel draus hervor
Von Gold und Silber zog er aus der Tasche,

Worauf den weißen er zunächst erkor,
Um dann den gelben in das Schloss zu bringen -
Wie froh sah ich hantieren ihn am Tor!

»Versagt der e i n e nur, will’s nicht gelingen,
Ihn umzudrehen ohne Widerstand,«
Sprach er, »so lässt kein Eintritt sich erzwingen!

Der goldne hat mehr Wert; geschicktre Hand
Und Klugheit heischt der andre, dass er schließe,
Der jeden Knoten noch entwirrbar fand.

M i r gab sie Petrus: eher - sprach er - ließe
Sich öffnend irren, als beim Eintritt - wehren ,
Sofern den Sünder Fußfall nicht verdrieße.«

Der Engel stieß die Pforten auf, die schweren,
Und rief: »Geht ein! Doch wisset: aus der Halle
Muss alsogleich wer umschaut rückwärtskehren!«

Die Pforte drehte jetzt mit solchem Schalle
Sich in den Angeln, dass es an mein Ohr
Erklang vom schweren, dröhnenden Metalle,

Wie einst nicht donnernder Tarpejas Tor
Gedröhnt, als den Metellus sie bezwangen,
Wodurch das Kapitol den Schatz verlor.

Ich lauschte, wie die Riegel knarrend sprangen,
Doch bald schien liebliche Musik zu klingen,
Als ob dort Stimmen ein Tedeum sangen,

So dass zumut mir war bei diesen Dingen
Wie dem, der brausend hört die Orgel gehen
Mit Wucht durch’ s Kirchenschiff, dass er vom Singen

Nur ab und zu ein Textwort kann verstehen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 10
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 10

Die Pforte hatten wir durchschritten grade,
Die falsche Liebe wenig hält im Gange,
Denn grade lässt sie sein die krummen Pfade,

Da schloss sie sich; ich h ö r t e das am Klange,
Denn hätt’ ich da zurückgeblickt zum Tor,
Gäb es Entschuldgung, die im Ernst verfange?

Durch eine Felsenspalte ging’s empor,
Die wie ein Fluss sich wand nach beiden Seiten:
Bald wich sie rückwärts aus, bald sprang sie vor.

»Hier muss man mit Geschick und Vorsicht schreiten,«
Begann Virgil, »sich an die Wände schmiegen,
Wo sie ausbiegend sich zum Weg verbreiten.«

Daher geschah’ s, dass wir nur langsam stiegen,
So dass die Mondessichel schon zur Welle
Hinstrebte, sich im kühlen Bad zu wiegen.

Eh wir erreicht des engen Schlotes Schwelle,
Und glücklich oben standen, wo der Rand
Sich ausgedehnt zu einer lichten Stelle:

Ich müde und wir beide unbekannt
Mit unserm Weg, der vor uns lag so eben
Und einsam wie ein Pfad im Wüstensand.

Vom Saum, wo er von freier Luft umgeben,
Maß er drei Manneslängen bis zur Masse
Des Bergs, wo sie begann sich neu zu heben;

Auch sah ich rings, dass diese Art Terrasse
Den Hang - wohin ich auch den Blick ließ dringen -
Nach rechts und links gleichbreit im Kranz umfasse.

Da fand ich, eh wir droben weitergingen,
Dass marmorn war der Berg - der dem Gelüste
Zum Aufstieg nirgend Hoffnung schien zu bringen -

Und dass er, wie ich’s nirgend schöner wüsste,
Verziert mit Bildwerk war, dass Polyklet,
Ja selbst Natur beschämt hier stehen müsste!

Der Engel, der zur Erde das Dekret
Des langersehnten Friedensschlusses brachte,
Wonach der Himmel wieder offen steht,

War hier so lebensnah geschnitzt, als lachte
Lieblich sein Mund mit holdselger Gebärde,
Dass niemand ihn als stummes Bildwerk dachte;

Man schwor, dass er gleich Ave lispeln werde:
Denn Die war auch zu sehen, die den Riegel
Zur höchsten Liebe aufgetan der Erde!

Ihr Antlitz schien, als wär’s der Worte Spiegel,
Ecce ancilla dei fromm zu sagen
Und deutlich wie in Wachs sich prägt ein Siegel.

»Du siehst nur, was die rechten Seiten tragen
An Bildwerk,« mahnte mich Virgil, der neben
Mir ging, da wo man fühlt des Herzens Schlagen.

Drauf ließ ich meine Blicke weiterstreben,
Bis ich im Rücken der Madonna - da,
Wo meiner Schritte Lenker stand soeben -

Ein ander Gruppenbild im Felsen sah;
Drum trat ich - an Virgil mit raschen Schritten
Vorübergehend - diesem Bildwerk nah

Und sah, gleichfalls in Marmor eingeschnitten,
Das Stiergespann die Bundeslade bringen,
Die unberufne Diener nie gelitten.

In siebenfachem Chor die Völker gingen
Voran, dass Aug und Ohr begann zu streiten,
Ob sie nur scheinbar oder wirklich singen?

Nicht minder greifbar sah ich sich verbreiten
Den Weihrauchsduft, dass sich beim Ja und Nein
Die Augen mit der Nase jetzt entzweiten.

Ich sah vorm Heiligtum, führend den Reihn,
Im Tanzschritt gehn voll Demut den Psalmisten,
Als König mehr und minder hier zu sein,

Und sah die Michal sich am Fenster brüsten
Im Schloss, als ob die Augen bei dem Tanze
Verachtung nur und Zorn zu blicken wüssten.

Ich trat sodann zurück, im Bilderkranze
Das nächste hinter Michal anzuschauen,
Das mir entgegenleuchtete im Glanze,

Und sah den hohen Ruhm in Stein gehauen
Des Römerkaisers, dem dereinst Gregor
Zum Sieg verhalf durch Beten voll Vertrauen:

Es stellte den Trajan beim Ausmarsch vor,
Als ihm die Witwe dreist fiel in den Zügel,
Die unter Tränen bittend ihn beschwor;

Ringsum von Reitern hielt, den Fuß im Bügel,
Ein dichter Tross, umwogt von der Standarten
Goldadlern, spreitend in der Luft die Flügel.

Die Witwe, deren Augen auf ihn starrten,
Schien laut zu flehn: »Herr! räche meinen Sohn,
Der mir erschlagen ward!« - »So musst du warten,

Bis ich zurück,« - sprach er; da fiel sie schon
Ihm in das Wort, vom Schmerz gedrängt zur Eile:
»Und wenn du n i c h t heimkehrst zu deinem Thron?«

Drauf er: »Mein Folger hilft dir mittlerweile!«
Doch sie: »Mag s e i n e Pflicht er immer tun -
Wenn d e i n e du versäumst, ist dir’ s zum Heile?«

Und er: »So sei getrost, ich will nicht ruhn,
Bis Recht dir ward und nicht von dannen gehen;
Die Pflicht erheischt’ s, das Mitleid hält mich nun!« -

Er, dessen Augen niemals Neues sehen,
Hat diese Zwiesprach sichtbar dargestellt,
Uns neu, weil hier es nirgend kann geschehen.

Indes ich mit Genuss die Marmorwelt
Bewunderte demütger Herrlichkeiten,
Die durch den Schöpfer Ruhm und Wert erhält,

Da flüsterte Virgil: »Dort seh ich schreiten
Schwerfällgen Gangs von drüben eine Schar,
Die wird uns berghinauf die Wege leiten.«

Mein Auge, das schon vorher immerdar
Zum Anblick neuer Wunder Neigung spürte,
Schnell umzublicken, jetzt nicht säumig war. -

Den guten Vorsatz, den dein Herz erkürte,
Vergiss, o Leser, nicht, hörst du mit Schauern,
Wie Gott die Schuld hier zur Begleichung führte.

Die Art der Qual erfüll dich nicht mit Trauern,
Auf’s Ende sieh und denk: Auch Schlimmstes kann
Nur bis zum Tage des Gerichtes dauern! -

»O Meister,« sprach ich, »was da kommt heran,
Das halt ich nicht für menschliche Gestalten,
Täuscht mich der Blick? wofür nur seh ich’ s an?«

Und er: »Die großen Bürden, die sie halten,
Lassen sie schleichen bodenwärts-gebückt -
Auch mir erst wollte sich’s nicht klar entfalten.

Scharf prüfe nur, was dorther näher rückt
Und du erkennst die lastbeladnen Bangen,
Von denen jeder keucht, beinah erdrückt!« -

O stolze Christen! elend, qualumfangen,
Irrtum macht euer geistig Auge blind,
Rückgleitend glaubt ihr vorwärts zu gelangen!

Gewahrt ihr nicht, dass wir nur Larven sind,
Draus sich der Himmelsschmetterling entfaltet,
Der schirmlos zur Gerechtigkeit entrinnt?

Was ist’s, dass euer Haupt so stolz ihr haltet,
Ihr, die gleich unentwickelten Insekten
Entschlüpft dem Puppenzustand missgestaltet?

Wie man an Erkern oder überdeckten
Portalen Stützen sieht als Karyatiden
Mit Knien, krampfhaft bis zur Brust gereckten,

Dass oft das Mitleid kaum ein Ach! vermieden,
Ob grundlos auch! - so kam der Schwarm gezogen,
Bis ich beim Nahen einzle unterschieden,

Die mehr und minder keuchten tiefgebogen
Wie ihre Last mehr oder minder schwer;
Und der geduldigste schien selbst bewogen

Zum Klageseufzer: ach - ich kann nicht mehr!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 11
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 11

»O Vater unser, der du bist im Himmel,
Doch unumschränkt, von Liebe nur gehalten
Zu deiner Anfangsschöpfung Glanzgewimmel -

Geheiligt sei dein Name, und dein Walten
Gelobt von jeder Kreatur hienieden
Mit Dank für deiner Weisheit süßes Schalten -

Es komme zu uns deines Reiches Frieden,
Weil wir aus eigner Kraft ihn nicht erringen,
Der uns nur labt, von deiner Huld beschieden -

Wie deine Engel beim Hosianna-Singen
Den eignen Willen dir aufopfernd weihen,
So lass solch Opfer auch uns Menschen bringen -

Dein täglich Manna woll uns heut verleihen,
Dieweil wir sonst trotz nimmermüdem Streben
Irrgehen in des Lebens Wüsteneien -

Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben
All unsern Schuldigern, und sieh in Gnaden,
O Herr, nicht auf’ s Verdienst in unserm Leben -

Und unsre Kraft, die der Versuchung Pfaden
So leicht verfällt, erlös von sündgen Trieben,
Dass uns der alte Feind nicht bringe Schaden!

Die letzte Bitte - Vater, den wir lieben -
Ist nicht für uns! Uns bleibt sie ja erspart,
Sie gilt für die, die jenseits noch verblieben.«

Für sich und uns um gute Pilgerfahrt
Flehten die Schatten so, bedrückt von Bürden,
Wie sie im Traum uns pressen solcher Art,

Und schritten rastlos in den ersten Hürden
Des Berges wegematt und keuchten schwer,
Dass sie vom Erdenqualm gereinigt würden.

Wenn sie für uns dort beten, was kann d e r
Diesseits für jene alles tun und sagen,
Bei dem schon Wurzel schlug Wunsch und Begehr?

Vom Erdenwust, den sie noch an sich tragen,
Helfet sie säubern, dass sie leicht und rein
Zum Sternenkreise sich zu schwingen wagen. -

»O soll euch bald Gerechtigkeit befrein
Und Mitleid, dass ihr regen könnt die Schwingen,
Die euerm Wunsch Befriedigung verleihn,

Zeigt uns den nächsten Weg, emporzudringen;
Und gibt es ihrer mehr, sagt: wo der eine,
Der mindersteil uns kann nach oben bringen.

Denn mein Gefährte hier trägt Fleisch und Beine
Noch her von Adam und ist so beschwert,
Dass schwach er steigt, wie stark sein Wollen scheine.«

So sprach Virgil, zum Schwarme hingekehrt.
Woher die Antwort, die ich nun vernommen,
Mir aber scholl, des blieb ich unbelehrt.

Doch hieß sie so: »Ihr mögt nur mit uns kommen,
So wird ein Pass zu eurer Rechten ragen,
Wie ihn ein Menschenfuß wohl schon erklommen.

Und müsst ihr nicht den wuchtgen Felsblock tragen,
Der mir ins Joch den stolzen Hals gespannt,
Dass ich die Blicke muss zu Boden schlagen,

Würd ich dem Sprecher, der sich nicht genannt,
Ins Antlitz schaun, zum Mitleid ihn zu zwingen,
Und um zu sehn, ob ich ihn einst gekannt?

Ich war Toskaner, nicht von den Geringen,
Guilelm Aldobrandesc war’ s, der mich zeugte -
Hörtet ihr niemals seinen Namen klingen?

Der Ahnen Ruhm, das Blut, das ungebeugte,
Ließ jeden mich verhöhnen, dass vermessen
Missachtung der Allmutter recht mich deuchte,

Bis besser mich der Tod belehrte dessen,
Wie jedes Kind weiß Campagnaticos,
Und auch Siena hat noch nicht vergessen.

Umberto bin ich; und zum selben Los
Riss jeden, der sich meines Namens freute,
Mein Hochmut mit mir in des Unheils Schoß.

Drum ward ich dieser Tragelast zur Beute
Und büße hier - bis Gott mich ledig spricht -
Bei T o t e n , was ich lebend nicht bereute!«

Gesenkter Stirn vernahm ich den Bericht,
Ein andrer drauf - nicht der dies sprach soeben -
Fing unter seinem wuchtenden Gewicht

Sich an zu krümmen und den Blick zu heben,
Bis er ihn mühsam auf mir haften ließ,
Der ich, mich gleichfalls bückend, ging daneben.

»Sieh da,« rief ich, »bist du nicht Oderis?
Stolz darf auf deine Kunst Agubbio sein,
Die man illuminer nennt in Paris.«

»Freund,« sprach er, »prächtger wirkt im Farbenschein
Des Franco Miniatur, des Bolognesen -
M e i n Ruhm verflog, der seine blüht allein !

So neidlos wär ich nicht dereinst gewesen,
Dies zu gestehn, weil ich vor Ruhmsucht brannte,
Als wär nur m e i n Werk trefflich und erlesen.

Und dieser Stolz ist’s, der hierher mich sandte;
Und hier nicht einmal dürft ich jetzt schon schreiten,
Wenn ich mich nicht zu Gott rechtzeitig wandte!

O eitler Ruhm der Menschenfähigkeiten,
Wie bald doch muss dein frisches Grün verfahlen,
Wenn dir nicht folgen kunstverarmtre Zeiten.

Einst wähnte Cimabue sich im Malen
Unübertrefflich - aber ihn will jetzt
Der vielgepriesne Giotto überstrahlen!

E i n Guido hat den andern auch entsetzt
Des Dichterthrons - vielleicht ist schon geboren
Er, der die zwei vom Neste jagt zuletzt!

Der Weltruhm weht wie Wind vorbei den Ohren,
Dem schon, wenn er sich hier- und dorthin wendet,
Der Name mit der Richtung geht verloren.

Ob dich der Tod als Greis zur Grube sendet,
Ob als ein Kind, das lallend Mama schreit,
Gleich bleibt dein Ruhm, wenn tausend Jahr geendet,

Die kürzer im Vergleich zur Ewigkeit,
Als deiner Wimper Zucken ist zum Kreise
Der Sphäre, die zum Drehn braucht längste Zeit.

Einst hallte ganz Toskana von dem Preise
Des, der da vor mir schleicht, träger als alle;
Heut flüstert kaum Siena von ihm leise,

Drin er geherrscht, als kläglich kam zu Falle
Firenzes Wut, damals so scharf und kühn,
Wie kläglich heut beschnitten ihre Kralle.

Irdischer Nachruhm ist wie Wiesengrün,
Es kommt und geht, dieselbe Sonne dorrt
Und bleicht es, die es saftig ließ erblühn.« -

Und ich: »Demut lehrt mich dein wahres Wort
Und weiß des Stolzes Wellen fein zu zwingen -
Wie aber nennt sich der Sanese dort?« -

»Salvani ist’s, hier muss er büßend ringen,«
Sprach Oderis, »weil er sich unterfangen,
Siena ganz in seine Hand zu bringen.

Nun geht er ruhlos, wie er stets gegangen,
Seitdem er starb - solch Zoll wird hier erhoben
Von jedem, der zu hoch einst wollte langen!« -

»Wenn drunten harren muss, wer aufgeschoben
Die Reue hat bis in die letzten Stunden,
Und niemals, «sprach ich, »e h e r darf nach droben,

(Falls ihn Gebete früher nicht entbunden)
Bis nochmals seine Erdenzeit vergangen -
Sprich: wie hat e r denn Eintritt hier gefunden?« -

»In seines Ruhmesglanzes höchstem Prangen,«
Belehrte mich der Geist, »begab er frei
Auf Sienas Markt sich ohne schamhaft Bangen;

Den Freund zu lösen aus der Sklaverei
Im Kerker Karls, erniedrigt er sich dort,
Dass jeder Puls ihm zitterte dabei.

Mehr sag ich nicht; ist dunkel auch mein Wort,
So wirst du die Bedeutung nächstens finden
In deiner Nachbarn Tun - doch ihm sofort

Ließ solch ein Liebeswerk die Schranken schwinden!« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 12
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 12

Wie ein Gespann im Joch geht mit dem Haupte,
Ging ich dem schwerbepackten Geist zur Seite,
Solang mein teurer Lehrer mir’ s erlaubte,

Doch als er sprach: »Lass ihn! und schneller schreite,
Hier ziemt’ s, dass jeder, wie er kann, im Drange
Sein Boot mit Wind und Ruder vorwärts leite«

Da reckt ich mich zum menschenwürdgen Gange
Aufs neu empor - doch die Gedanken waren
Mir tiefgebeugt und missgestimmt noch lange.

Ich folgte gern und mied die Büßerscharen,
Und dass wir leichter wogen, konnten wir
Durch unsre größre Eile offenbaren.

Da sprach Virgil: »Nun blicke unter dir,
Wegkürzend wird es dir die Zeit vertreiben,
Siehst du, worauf die Sohlen wandeln hier!« -

Wie man, dass ihr Gedächtnis möge bleiben,
Den Lebenslauf Verstorbener den Steinen
Der Gruft in Bild und Wort pflegt einzuschreiben,

Dass immer neu die Hinterbliebnen weinen,
Von des Verlusts Erinnerung bedrückt:
Ein frommer Stachel für die Herzensreinen -

So sah ich hier, kunstvoller nur geschmückt,
Bildnisverziert den Pfad in ganzer Breite,
Soweit ausladend er den Berg umbrückt.

Ihn sah ich, den mit höchster Schönheit weihte
Der Herr, wie er aus Himmelshöhn, dem Heile
Verloren, blitzumlodert niederschneite -

Sah liegen auf des Bildes anderm Teile
Den Briareus, der todeskalt und schwer
Die Erde drückt, durchbohrt vom Donnerkeile -

Sah Phöbus, Pallas, Mars in rüstger Wehr
Um Zeus geschart, um staunend zu besehen
Der Riesen Glieder, die verstreut umher -

Sah Nimrod an des Bauwerks Füßen stehen,
Zerknirscht die Völker mustern und verstört,
Dass so Sennahars Hochmut muss vergehen -

O Niobe! mit Augen schmerzempört
Starrst du versteinert hier auf zweimal sieben
Geliebte Kinder, die dir einst gehört -

O Saul! das eigne Schwert ins Herz getrieben,
Liegst du entseelt vor mir auf Gilboe,
Dem Tau und Regen fern seitdem geblieben -

Arachne, Törin! die ich trauernd seh,
Halb Weib, halb Spinne, in des Kunstwerks Fetzen,
Das du gewirkt dir hast zum eignen Weh -

O Rhabeam! nicht fürder kann entsetzen
Dein Abbild hier: du fliehst erschreckt im Wagen,
Eh dich zum Tor hinaus die Meutrer hetzen! -

Noch sah ich hier das harte Pflaster tragen
Alkmäon, der so hoch bezahlen hieß
Am Unglücksschmuck Eriphylens Behagen -

Dann: wie das Bruderpaar daniederstieß
Den Sanherib und in des Tempels Hut
Des Vaters blutgen Leichnam liegen ließ -

Des Cyrus Tod und der Tomyris Wut
War hier zu sehn, als ob sie eben sage:
Du wolltest Blut, nun sättge dich in Blut!

Auch die Assyrer nach der Niederlage
Sah ich entfliehn, nachdem herabgehauen
Judith des Feldherrn Haupt mit wuchtgem Schlage -

Sah Troja brennen im Vernichtungsgrauen -
O Ilion, ärmlicher und ruhmverwaister,
Als hier bist nirgend du im Bild zu schauen! -

Wer dünkte sich des Stifts, des Pinsels Meister,
Um Mienenspiel und Schatten zu verweben,
Wie hier es staunen lässt kunstsinnge Geister?

Tot schienen Tote, Lebende zu leben -
Gebeugt-hinschreitend sah ich’s ausgedrückt
So wahr, als ob sich’s eben erst begeben.

Stolziert nur, himmelwärts den Blick entzückt,
Ihr Evakinder, lasst ihn nicht sich neigen,
Dass er dem Weg des Irrtums bleib entrückt! -

Schon war der Sonnenball im Niedersteigen,
Indes wir mehr, als ich geahnt, gegangen,
Seit ich vertieft war in den Bilderreigen,

Da rief, des Füße schneller vorwärts drangen,
Virgil mir zu: »Das Haupt empor! Nicht frommen
Will’ s mehr, dass wir so langsam fortgelangen.

Schau dort den Engel, der hierher zu kommen
Sich anschickt, sieh! der sechsten Hüterin
Ward schon der Dienst des Tages abgenommen!

Mit Ehrfurcht schmücke Antlitz nun und Sinn,
Dass er uns freundlich weist empor - denn wisse:
D e r Tag geht auf Niewiedersehn dahin!«

Gewohnt der Mahnung, dass man sich beflisse,
Die Zeit zu nützen, prägte sich mir schnelle
Dies wahre Wort ein ohne Hindernisse.

Jetzt kam, umwogt von weißen Kleides Welle,
Das schöne Wesen nah - sein Antlitz war
Umflirrt wie von des Morgensternes Helle.

Die Arme öffnend, dann das Flügelpaar,
Begann er: »Kommt! hier winken euch die Stufen,
Ersteigbar ohne Mühe und Gefahr!« -

Wie selten folgt man doch so ernstem Rufen!
Sinkend lässt dich, o Mensch, ein Windhauch schauen,
Wo Gottes Hände dich zum Flug erschufen. -

Er wies den Eingang uns, in Fels gehauen,
Berührte meine Stirn mit seinem Flügel
Und hieß mich sichrer Wanderschaft vertrauen.

Wie jenseits man vom Rubicon den Hügel (Im Original Tippfehler?: Rubicont)
Rechtsauf zur Kirche klimmt, im Angesicht
Der Stadt, drin Recht und Weisheit führt die Zügel,

Auf Stufen, die der steilen Felsenschicht
Einst wurden eingesprengt in frühern Zeiten,
Da noch verlässlich Grundbuch und Gewicht -

So schrägt sich sanft der Abhang, der zum zweiten
Umkreis sich hier vom ersten Rande schwingt,
Nur streift man steile Wand zu beiden Seiten.

Und als wir hier nun wandeln - horch! da singt
Beati pauperes ein Stimmenchor,
Der unaussprechlich tief-ergreifend klingt.

Ach wie so anders schmeicheln doch dem Ohr,
Als in der Hölle, hier die frommen Lieder -
Dort grollte nur ein Schmerzgeheul empor!

Auf heilgen Stiegen ging es aufwärts wieder,
Und leichter schien mir’ s hier, bergan zu kommen,
Als ich im Flachland rührte sonst die Glieder.

»Welch eine Schwere ward von mir genommen,
O, Meister,« sprach ich, »dass ich ohne Last
Hinwandle und nicht Müdigkeit-beklommen?«

Und dieser: »Wenn die P, die du noch hast,
Obwohl schon blasser, sämtlich erst geschwunden,
Wie eins auf deiner Stirn schon ist verblasst,

So wird, vom guten Willen überwunden,
Dein Fuß hinwandeln mühlos diese Bahnen
Und was sonst Mühsal, wird als Lust empfunden.«

Wie jene tun, die - ohne dass sie’s ahnen -
Im Antlitz etwas haben und nicht sehen,
Bis dass die andern lächelnd sie gemahnen -

Dann lassen sie dahin die Hände gehen
Und tasten sich am Kopf, um so damit,
Was nicht dem Auge sichtbar, zu verstehen:

So ich auch über meine Stirne glitt
Gespreizter Hand und fand nur noch - statt sieben -
Sechs P, die mir der Schlüsselträger schnitt.

Doch lächelnd sah Virgil, was ich getrieben.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 13
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 13

Der Stufen höchste war von uns erklommen,
Woselbst der zweite Ring des Berges liegt,
Der alle reinigt, die zu ihm gekommen,

Wo ebenfalls den Berg ein Sims umschmiegt,
Das gleich dem ersten sich im Vorsprung windet,
Nur dass sich dies in schärfrer Krümmung biegt.

Einförmig starrt hier Wand und Weg; man findet
Sie nicht wie dort mit Bilderschmuck besät!
Ein Schwefelgelb herrscht hier, das nirgend schwindet.

»Wenn wir, bis dass ein Führer kommt und rät,
Hier säumen,« sprach Virgil, nachdenklich stehend,
»So fürcht ich, kommt der beste Rat zu spät.«

Dann nahm er, fest zur Sonnenscheibe sehend,
Zum Wendepunkt des Körpers rechte Seite
Und schwenkte um, die linke Hüfte drehend.

»O holdes Licht! als sicheres Geleite,«
Bat er, »auf neuen Pfaden führ uns hier,
Wie unserm Fuße ziemet, dass er schreite.

Du spendest Glut der Welt, du leuchtest ihr,
Und zwingt kein andrer Grund zum Gegenteile,
Vertraut der Mensch am sichersten nur dir!« -

Soviel man diesseits zählt für eine Meile,
Soweit schon schritten wir auf diesen Pfaden,
Mit rüstigen Schritten und mit kurzer Weile.

Hörbar, doch ungesehn, flog den Gestaden
Freundlichen Worts entlang ein Geisterzug,
Zum Liebesmahle hold uns einzuladen.

Die erste Stimme, die ans Ohr uns schlug,
Sie rief: vinum non habent! - deutlich schallten
Die Worte, und dann abermals im Flug,

Und ehe sie im Ohre mir verhallten,
Fiel eine zweite ein: Orestes bin ich!
Und eilte fort. - »O Vater sprich: wem galten

Die Stimmen?« sprach ich da, »vergebens sinn ich
Den Worten nach.« - Da rief schon eine dritte:
Liebt, die euch wehgetan! - das klang so innig.

Und er: »Gegeißelt in des Ringwalls Mitte
Wird hier des Neides Schuld, und L i e b e schwingt
Die Geißelriemen; doch von andrer Sitte

Und Art der Z ü g e l ist, der rauher klingt;
Du wirst ihn hören, eh im Weiterschreiten
Dein Fuß zum Passe der Vergebung dringt.

Doch lass jetzt scharf dein Auge vorwärts gleiten,
Und vor uns wirst du Geister sitzen sehen
In Reihen lehnend an den Felsenseiten.«

Ich spähte schärfer hin, als erst geschehen,
Und Schatten sah ich. Mit dem Felsenwalle
Im Einklang schien der Mäntel Grau zu stehen.

Uns nähernd hörte ich mit lautem Schalle
»Maria, bitt für uns« die Schatten flehen,
Und dann anrufen unsre Heiligen alle.

So harten Herzens wird auf Erden gehen
Kein Mensch zur Stunde, der des Mitleids bar
Sich fände, wenn er säh, was ich gesehen.

Denn als ich ihnen jetzt so nahe war,
Um mir ihr Tun und Treiben zu erklären,
Da schwamm mein Blick in Tränen ganz und gar.

In einem Bußgewande grob und hären
Lehnte sich einer an des andern Rücken,
Doch allen musste Halt der Fels gewähren.

An Ablassorten sieht man so sich bücken
Erblindete, die dort zu betteln pflegen,
Und ihre Häupter aufeinander drücken,

Weil sich das Mitleid schneller lässt bewegen
Durch solchen Anblick jammervoller Mienen,
Als wenn sich nur die Lippen bittend regen.

Und wie den blinden Bettlern hat auch i h n e n ,
Den Schatten hier, vom Himmelszelt hernieder
Der Sonne Lichtgeschenk umsonst geschienen,

Denn Eisendraht vernäht die Augenlider,
Als gält es, dass man einen Falken zähme,
Wenn zornig sträubt der Wildling sein Gefieder.

Ich fühlte, dass die Scham den Fuß mir lähme,
Sehend, doch ungesehn, vorbeizugehen,
Und wandte mich, dass ich Virgil vernähme,

Der längst den stummen Wunsch mir angesehen
Und mich ermunterte, noch eh ich fragte -:
»Sprich dreist und klug, doch lass es schnell geschehen!«

Virgil ging neben mir, wo steilab ragte
Der Berg und leicht hinabzufallen war,
Weil keine Brustwehr schützend ihn umschragte;

Und drüben, betend, saß die Büßerschar,
Der über’ s Antlitz Tränenströme drangen
Aus grausam-zugenähtem Augenpaar.

»O Volk,« rief ich, »das du einst zu empfangen
Des ewgen Lichts Geschenk darfst sicher sein,
Das einzig euer Wunsch ist und Verlangen,

So wahr euch bald wird Himmelshuld befrein
Von des Gewissens Schaum, dass voller, reiner
Der Geist euch strömen mag ins Herz hinein -

Sagt mir: weilt aus dem Lande der Lateiner
Hier eine Seele? - Ihr verschafft’ s Gewinn
Und mich erfreut’ s, erzählt man mir von einer!«

»O Bruder, jede hier ist Bürgerin
Der e i n e n wahren Stadt; du willst wohl fragen:
Ging sie einst pilgernd durch Italien hin?«

Dies schien erwidernd einer mir zu sagen,
Der etwas ferner saß im Schattenchor,
Drum trat ich vor, mich mehr heranzuwagen,

Wo harrend stand ein Geist mit offnem Ohr;
Und fragt ihr, wie er’s anfing, dies zu zeigen?
Er hielt nach Blindenart sein Kinn empor.

»Du,« rief ich, »der sich anstrengt, aufzusteigen,
Warst du es, Geist, der Antwort mir gegeben,
So magst du Stadt und Namen nicht verschweigen.« -

»Aus Siena bin ich, und mein sündig Streben,«
So rief der Geist, »büß ich in diesem Kreise
Und flehe weinend um ein selig Leben.

Sapia hieß ich, doch ich war nicht weise,
Denn fremder Schaden stand und fremdes Leid
Höher bei mir, als eignes Glück, im Preise.

Und dass du zweifelst nicht an meinem Neid,
Hör, wie ich töricht spielte meine Rolle:
Schon sank der Bogen meiner Lebenszeit,

Als meine Stadtgenossen unweit Colle
Auf ihren Feind in offner Feldschlacht rannten,
Da bat ich Gott um d a s , was selbst er wolle.

Und als ich sah, wie sie zur Flucht sich wandten,
Wie sie der Feind zu Paaren trieb und jagte,
Da füllte mich’ s mit einem niegekannten

Behagen, dass ich dreist zu rufen wagte:
»Jetzt fürcht ich, Gott, dich ferner nicht hienieden,«
Der Amsel gleich, als flüchtge Wärme tagte.

Am Ende meines Lebens wollt ich Frieden
Mit Gott - doch hätten Buße nicht und Reue
Gelindert, was mir nach Verdienst beschieden,

Wenn nicht Pier Pettinajo stets aufs neue
In sein Gebet mich eingeschoben hätte
Aus Nächstenliebe mit beständger Treue.

Doch wer bist du, der atmend diese Stätte
Betritt, hier unsern Zustand zu erkunden
Mit Augen, glaub ich, ohne lästge Kette?« -

»Auch mir,« sprach ich, »wird einst mit Draht verbunden
Das Auge, doch nur kurze Zeit, denn selten
Hat es mit scheelem Blicke Neid empfunden.

Vielmehr befürcht ich, man wird stolz mich schelten;
Und jetzt schon fühl ich bang mein Haupt sich neigen
Der Steinlast, jene Sünde zu entgelten.«

Und sie: »Wer war’s, der dich hierher ließ steigen,
Wenn du zurück nach unten glaubst zu kehren?« -
Ich sprach: »Mich führte, der hier steht im Schweigen;

Ich lebe noch, drum kannst du mich belehren,
Erwählte, soll ich meinen Fuß für dich
Bemühn, dir zu erfüllen ein Begehren!« -

Sapia sprach: »Wie klingt so seltsamlich
Dein Wort; es zeigt, dass du im Schutze gehst
Des Himmels - darum bete auch für mich.

Beim liebsten aber, was du selbst erflehst,
Lass mich dich bitten: bessre mein Gedenken -
Wenn du auf Tusciens Fluren wieder stehst -

Bei meinem eiteln Volk! Vertraun zu schenken
Verführt’ s jetzt Telamon: in größre Qualen
Als der Dianaquell wird sie’s versenken -

Am schlimmsten aber geht’s den Admiralen!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 14
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 14

»Wer ist es, der hier unsern Berg umschreitet,
Eh ihn der Tod beschwingt? der nach Behagen
Die Augen bald verschließt, bald wieder weitet?« -

»Ich kann nur, dass er nicht allein ist, sagen,
Nicht, wer es ist; doch da er näher d i r ,
Magst du ihn, dass er rede, freundlich fragen.«

So sprachen über mich zwei Geister hier;
Sie saßen rechts, das Haupt einander neigend,
Und hoben’ s nun zum Anruf auf zu mir.

Ein Geist rief: »Die du himmelaufwärts-steigend
Hier weilst, o Seele, noch vom Staub umfangen,
Sprich mitleidsvoll, verhalte dich nicht schweigend:

Wer bist du? und wer ließ dich hergelangen?
Als Wunder, nie erlebt, füllt uns die Gnade,
Die Gott dir gab, mit staunendem Erbangen.«

Und ich: »Quer durch Toskana zieht die Pfade
Ein Flüsschen, das dem Falteron entspringt
Und hundert Meilen braucht bis zum Gestade.

Dorther mein Leib stammt, der hier aufwärts dringt;
Doch unnütz wär’s, zu sagen, wer ich bin,
Weil noch bedeutend nicht mein Name klingt.« -

»Begreif ich richtig deiner Rede Sinn,
Meinst du den Arno« - so hielt mir entgegen
Der Geist, der als der erste sprach vorhin,

Worauf der zweite flüsterte: »Weswegen
Vermied er’s nur, den Namen zu verkünden?
Kann solchen Abscheu ihm der Fluss erregen?«

Und der Befragte sprach: »Wer will’s ergründen?
Doch wohlverdient wär’s, wenn der Name schwände
Des Tales; denn von dort an, wo sich ründen

Des Hochgebirges quellenfeuchte Wände
Und sich Pelor abtrennt im steilen Schusse,
Dass sonst kein Ort so wasserreich sich fände,

Bis dahin, wo er neuersetzt im Gusse,
Was aus der Meerflut sog der Himmel schon,
Von der die Nahrung herstammt jedem Flusse -

Dort wird verfolgt die Tugend und geflohn
Gleich einer Viper, sei es, dass hier wirke
Des Ortes Fluch, sei’s arger Sitten Lohn.

Der Völker Lebensart ward im Bezirke
Des Tales drob verderbt in solchem Maße,
Als weideten sie auf dem Feld der Kirke.

Zu wüsten Schweinen, die vom E i c h e l fraße
Sich nähren sollten, statt von M e n s c h e n speise,
Lenkt er zuerst die wasserarme Straße.

Dann trifft er Kläffer, die in feiger Weise
Mehr bellen, als sie Mut zum Beißen haben,
Und kehrt verächtlich sich in weitem Kreise.

Nachdem ihm Nebenflüsse Zuwachs gaben,
Sieht im Gefälle Wölfe rings aus Hunden
Entstehn der fluchbeladne Unglücksgraben,

Der sich nun abwärts bohrt in tiefen Schrunden,
Wo Füchse hausen, trügrisch von Gelüste,
Die noch kein fremder Witz hat überwunden.

Nicht schweig ich, ob’s auch dieser hören müsste;
Was sich prophetisch meinem Geist enthüllt,
Ist lehrreich jedem Lauscher, dass er’s wüsste.

Schon hör ich, wie der Wölfe Rudel brüllt,
Weil sie dein Enkel jagt im Zeitvertreibe
Am Unglücksstrom, dass alle Schreck erfüllt.

Ihr Fleisch verkauft er bei lebendgem Leibe,
Dann schlachtet er sie ab gleich altem Viehe,
Ob auch nur Schmach dem Massenschlächter bleibe.

Den Wald verlässt er blutbespritzt - und siehe:
So kahl steht er, dass ihm in tausend Jahren
Das Laub wohl nimmer so wie einst gediehe!« -

Wie bei der Botschaft drohender Gefahren
Des Hörers Antlitz ängstlich sich verstört,
Woher auch sei der Angriff zu gewahren,

So stand der andre Schatten schmerzempört;
Durch sein Gesicht sah ich Bestürzung gehen,
Als er die Prophezeiung angehört.

Was ich von d e m vernahm, von d e m gesehen,
Machte mir ihre Namen wissenswert,
Drum gab ich’ s ihnen höflich zu verstehen.

Und dessen Worte mich zuerst belehrt,
Begann: »Ich soll dir geben, wie du meinst,
Was du mir selbst vor kurzem erst verwehrt?

Doch will ich nicht, da du erfüllt mir scheinst
Von Gottes Gnade, mit der Antwort kargen;
Vernimm: Guido del Duca hieß ich einst.

Mein Blut war so verbrannt vom Neid, dem argen,
Dass meine Wangen, sah ich Menschen froh
Im Glück, der Missgunst Blässe nicht verbargen.

Aus solcher Saat erwuchs mir solches Stroh;
Was hängt an Gütern, die nur immer e i n e r
Genießen kann, das Herz euch Menschen so?

Vom Hause Calboli siehst du hier Rainer;
Von dessen Jugend aber, dessen Ehre
Ererbte gleichen Ruhm und Adel keiner.

Ach, zwischen Reno, Po, Gebirg und Meere
Ist nicht s e i n Haus allein beraubt zu schauen
All dessen, was zur Freude dient und Lehre.

Von Wurzeln giftger Sträucher sind die Auen
Durchwuchert dort, und nutzlos wär’ s gehandelt,
Das Land zu roden und neu anzubauen.

Die Zeit, wo Lizio und Mainard gewandelt,
Carpigna, Traversar: sie ist vergangen,
Zum Bastard ist der Romagnol verschandelt!

Kann heut ein Fabbro in Bologna prangen?
Kann in Faenzas Bann ein Bernardin (Doppelpunkt - Faenza - auf dem e)
Aus niederm Keim zum Glanze noch gelangen?

Nicht wundre dich’ s, dass Tränen mir entfliehn,
O Tuscier, wenn ich an Prata denke
Und, ach, an unsern teuern Ugolin,

Dann mein Gedächtnis auf Tignoso lenke,
Auf’ s Haus der Traversar und Anastage
Samt dem verderbten Nachwuchs - mich versenke

Erinnernd an die Zeit bewegter Tage
Mit Minnedienst, Turnier und Ritterpflicht,
Wo jetzt ob arger Herzen schallt die Klage.

O Bertinor, warum entfliehst du nicht,
Da deine Edeln dir den Rücken kehren
Samt vielem Volk aus Furcht vorm Strafgericht?

Bagnacaval tut wohl, nicht zu vermehren
Sein Volk, doch Conio lässt und Castrocar
Die Zeugung solcher Grafen sich nicht wehren.

Recht werden die Paganer tun - erst zwar
Verrecken muss ihr Satan; doch nicht einer
Bleibt übrig, der an Nachruhm rein und klar.

Doch Ugolin von Cinsriguano,
Gedenkt man stolz! Denn deinen Ruf entehrt
Bis heut kein Sohn: weil dir beschieden keiner!

Doch geh, Toskaner, jetzt, mein Schmerz begehrt
Zu weinen und das andre zu verhehlen,
Weil ferneres Gespräch mein Herz beschwert.«

Wir merkten, dass am Schritt die teuern Seelen
Uns fortgehn hörten, was uns - da sie schwiegen -
Bewies, dass wir des Wegs nicht würden fehlen.

Als wir nun beide einsam weiterstiegen,
Vernahmen wir, schnell wie ein Blitz entschwindet,
An uns vorüber diese Worte fliegen:

»Totschlagen wird mich jeder, der mich findet!«
Die Stimme drauf dem Donner gleich verhallte,
Wenn er sich krachend durch die Wolken windet.

Und als die erste kaum verklungen, schallte
Mit stärkerm Krach die zweite uns ans Ohr,
Als ob es Schlag auf Schlag gewitternd prallte.

»Ich bin Aglauros, die zum Fels gefror!«
Und als ich an Virgil mich schmiegen wollte,
Wich ich erschreckt zurück anstatt nach vor.

Als still die Luft und mehr kein Donner grollte,
Sprach der Poet: »Dies war der harte Zaum,
Der euch in euern Schranken halten sollte.

Doch ködert euch der Widersacher kaum,
So lasst ihr euch an seiner Angel fangen
Und gebt dem Zaum nicht, noch der Warnung Raum.

Der Himmel ruft! doch statt, dass an dem Prangen
Der ewigen Schönheit euer Blick sich weidet,
Bleibt er tief unter euch am Staube hangen;

Drum züchtigt euch, der alles unterscheidet!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 15
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 15

Soviel des Wegs vom Schluss der dritten Stunde
Bis zum Beginn des Tags die Sphäre macht,
Die wie ein spielend Kind tanzt in der Runde,

Soviel vom Laufe schien noch unvollbracht,
Bevor der Sonnenball zur Ruh gegangen -
Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.

Auf Windungen, wie sie den Berg umfangen,
Traf uns der Lichtstrahl mitten ins Gesicht,
Weil wir dem Niedergang entgegendrangen.

Doch schien die Sonne jetzt ein schärfres Licht
Als erst, die Stirn belästgend, zu entsenden -
Ich staunte drüber und begriff es nicht,

Weshalb ich einen Schirm aus beiden Händen
Mir schützend wölbte vor die Augenlider,
Um so die grelle Fülle abzublenden.

Als wenn vom Wasser oder Spiegel wieder
Der Strahl zurückprallt und nach oben steigt,
In umgekehrter Richtung als er nieder

Gefallen und sich dann gleichwinklig neigt
Zur Richtung senkrecht fallender Gewichte,
Wie es uns Physik und Erfahrung zeigt -:

So schien mir auch zurückgepralltem Lichte
Der Glanz zu ähneln, der vor mir entglommen;
Ich rief mit abgewandtem Angesichte:

»Was ist’ s, das mir die Sehkraft fast benommen,
O teurer Vater, mit so grellem Schein?
Und nah und näher scheint’ s heranzukommen?« -

»Nicht wundre dich, geblendet noch zu sein,
Wenn Gottes Diener nahet,« so belehrte
Virgil mich, »und dich lädt zum Aufstieg ein.

Bald wird, was lästig dein Gesicht beschwerte,
Als Wonneanblick dir soweit zuteile,
Als Gott dir zu ertragen Kraft bescherte.«

Zum Engel kamen wir nun mittlerweile,
Der fröhlich uns begrüßte: »Tretet ein,
Nicht gleicht der neue Weg der frühern Steile.«

Und als wir aufwärts stiegen im Verein,
Klang’ s: »Selig die Barmherzigen!« - und: »Weide
Am Sieg dich!« - im Gesang uns hinterdrein.

Mein Pädagog und ich, wir strebten beide
Allein empor, ich hoffte drum, im Gehen
Durch ein Gespräch auf nützliche Bescheide

Und fragte: »Herr, der Geist, den wir gesehen,
Er sprach vom unteilbaren Gut, das e i n e n
Nur immer freut - wie ist das zu verstehen?

Drauf er: »Wie soll es ihm nicht rätlich scheinen,
Den eignen Fehl erkenntnisvoll zu rügen,
Damit wir dessen Nachteil nicht beweinen?

Weil ihr euch pflegt an Gütern zu vergnügen,
Die Mitbesitz verringert, bläst der Neid,
Um neue Seufzer alten zuzufügen.

Doch wenn nach oben sich, zur Herrlichkeit
Des Himmels, wenden würde euer Sehnen,
Blieb eure Brust von dieser Angst befreit.

Je mehr vom gleichen Gute dort entlehnen,
Je mehr wird jeglichem davon beschieden,
Je mehr wird sich ihr Herz in Liebe dehnen!« -

»Nur halb stellt deine Antwort mich zufrieden,«
Sprach ich, »und zweifelnd tiefer sinkt mein Mut,
Als wenn ich alles Fragen hätt’ vermieden:

Denn wie ist’ s möglich, dass verteiltes Gut
Zu größerm Reichtum viel Besitzer bringe,
Als wenn es nur in wenig Händen ruht?«

Und er: »Weil du den Sinn auf Erdendinge
Beständig heftest, bleibt dir unerkennbar
Das Licht, und wähnst, dass Dunkel dich umfinge.

Das Gut, das unerschöpflich und unnennbar,
Vereint sich droben mit der Seligkeit,
Wie Licht dem Spiegelglas verschmilzt untrennbar

Und soviel Glanz, als es empfängt, verleiht.
Je reichern Lichtstrom lässt die Liebe quellen,
Je reicher ihr die ewge Kraft gedeiht;

Je mehr in Eintracht droben sich gesellen,
Je mehr gibt’ s Grund zur Liebe und je mehr
Wird man, einander spiegelnd, sich erhellen.

Ist, dieses zu verstehn, dir noch zu schwer,
So tilgt dir Beatrice bald im Herzen
Dies und noch manches andere Begehr.

Nur die fünf Male trachte auszumerzen,
Wie schon verheilt der Wunden erstes Paar,
Du weißt: sie schließen sich, nur wenn sie schmerzen.«

Schon wollt ich sagen: Jetzt versteh ich’ s klar,
Da standen wir am dritten Kreis hoch oben,
Wo Schaulust schuld an dem Verstummen war.

Denn plötzlich fand ich mich mir selbst enthoben
Wie durch Verzückung: meine Augen sahn
Viel Volks im Tempel, sah zum Eingang droben

Ein Weib in mütterlicher Sorge nahn,
Das sprach mit vorwurfsvoller Schmerzgebärde:
»Mein Sohn, warum hast du uns das angetan?

Ich und dein Vater suchten mit Beschwerde
Und Schmerzen dich.« - Sie sprach’ s und wundersam
Schwand die Vision, als ob zu Luft sie werde.

Ein zweites Weib, benetzt von Tränen, kam,
Von Tränen, wie sie scharf ins Auge beißen,
Wenn Zorn auf andre sie erpresst im Gram.

Die rief: »Willst du den Herrn der Stadt dich heißen,
Um deren Namen Götter sich entzweit,
Drin alle Wissenschaften leuchtend gleißen,

So räche jenes Arms Verwegenheit,
Der unsre Tochter wagte zu umfassen!«
Doch Pisistrat schien gegen Zorn gefeit

Und wehrte seiner Gattin mild, gelassen:
»Soll den schon, der uns liebt, mein Wort verdammen,
Was tu ich dann den Feinden, die uns hassen?« -

Und Männer sah ich drauf im Zorn entflammen,
Die einen Jüngling unbarmherzig steinigten:
»Auf! martert ihn!« - so schrien allzusammen.

Zu Boden brechen sah ich den Gepeinigten,
Dem Tode nah; doch mit des Himmels Toren
Die Augen im Gebete sich vereinigten,

Als bäte sterbend er vor Gottes Ohren,
Gott möge seinen Peinigern verzeihn,
Mit Blicken, wie sie Mitleid stets beschworen. -

Als ich sich fühlte meinen Geist befrein
Zur Wirklichkeit und zu der Umwelt Dingen,
Sah ich die Täuschung, die kein Trug war, ein.

Virgil bemerkte, wie ich loszuringen
Gleichsam vom Schlaf mich mühte längre Zeit,
Und sprach: »Kannst du nicht mehr die Füße zwingen?

Was gibt’s? Schon eine halbe Meile weit
Schwankst taumelnd du mit halbgeschlossnen Lidern
Wie trunken oder wie vor Müdigkeit?« -

»O teurer Vater,« trieb’ s mich zu erwidern,
»Ich will dir gern, was mir erschienen, künden,
Als mir’ s vorhin lag bleischwer in den Gliedern.« -

»Wenn hundert Larven dir vorm Antlitz stünden,«
Sprach lächelnd er, »ich könnte doch von deinen
Gedanken selbst den kleinsten leicht ergründen.

Dass du es sahst, geschah: dass sich mit keinen
Fasern dein Herz verschlöss’ der Friedensflut,
Die aus der Quelle strömt, der ewgen, reinen.

Ich fragte nicht: was gibt’ s? wie einer tut,
Der nur mit irdschen Augen schaut, zum Sehen
Untauglich, wenn entseelt der Körper ruht -

Um Kraft dir einzuflößen ist’ s geschehen,
Wie wir die Lässigen zu spornen pflegen,
Dass sie - solang es Tag ist - rüstig gehen!«

Wir schritten fort auf abendlichen Wegen
Und sahn, soweit den Augen Kraft verliehen,
Dem goldnen Sonnenuntergang entgegen.

Sieh! Da begann uns mählich zu umziehen
Ein Rauch, der schwarz wie Nacht sich rings erstreckte,
Dass wir ihm nirgend wussten zu entfliehen,

Zumal er Luft und Ausblick uns bedeckte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 16
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 16

Kein Höllendunst, noch die vom Lichtgefunkel
Des allerkleinsten Sterns entblößten Nächte,
Wenn Wolken dunkler färben noch das Dunkel,

Nichts was mir mehr verschleierte und schwächte
Die Sehkraft, als mich hier der Dampf umflossen,
Nichts was mir größres Unbehagen brächte,

Dass meine Augen schmerzberührt sich schlossen! -
Doch näher trat und seine Schulter bot
Zur Stütze mir der treuste der Genossen.

Und ich - dem Blinden gleich, der in der Not
Des Fehltritts pflegt den Führer anzurühren,
Gefahr zu meiden oder gar den Tod -

Ich ließ durch Qualm und Nebel so mich führen,
Lauschend auf ihn, bis ich ihn hörte raten:
»Gib acht, dass wir einander immer spüren.«

Ich hörte Stimmen, die um Frieden baten
Bei Gottes Lamm und um Barmherzigkeit,
Mit der es tilgt der Menschen Missetaten.

Das agnus die sang zu gleicher Zeit
Der Chor, und Einklang war in Wort und Weise,
Als wäre fremd hier die Verschiedenheit.

»Sind’ s Seelen, die ich höre?« fragt ich leise
Der Meister drauf: »Es ist wie du gesprochen,
Zornfesseln sprengt man so in diesem Kreise.« -

»Wer ist’ s, der straflos unsern Rauch durchbrochen
Und von uns spricht, als messe noch die Zeit
Sein Sinn nach Monatsfristen oder Wochen?«

So fragte eine Stimme. - »Gib Bescheid!«
Riet mir Virgil, »und lass dich gleich belehren,
Ob dieser Weg den nächsten Aufstieg leiht?« -

»Geschöpf, das um in Schönheit heimzukehren
Zum Schöpfer, hier sich reinigt,« bat ich, »leite
Uns fort, und Wunder will ich dir bescheren.«

Und er: »Soweit es mir erlaubt ist, schreite
Mein Fuß mit euch! Doch hemmt der Rauch das Schauen,
Drum halte das Gehör uns Seit an Seite.« -

»In Fesseln, die der Tod nur kann durchhauen,«
Sprach ich zum Geist, »steigt hier mein Leib hinauf,
Der hergelangt durch Nacht und Höllengrauen.

Und nahm mich Gott in solchen Gnaden auf,
Zu seines Hofes Glanz mich zu erheben,
Ganz wider der Natur gewohnten Lauf,

So hehle nicht, wer du einst warst im Leben,
Sag auch: ob wir den rechten Weg erkannt,
Und lass dein Wort uns sichre Führung geben.« -

»Lombarde war ich, Marco einst genannt,
Hielt hoch als Weltmann jene Tugend grade,
Danach als Ziel kein Bogen mehr sich spannt;

Doch gipfelan geht ihr auf rechtem Pfade,«
Sprach er und fügte bei: »Ich bitte dich,
Bitte für mich dort oben Gott um Gnade!« -

»Was du verlangst, erfüll ich sicherlich
Auf’ s Wort,« sprach ich; »doch muss ich mich entwinden
Erst einem Zweifel, sonst erstickt er mich.

Erst einfach, muss ich ihn verdoppelt finden,
Wenn ich - nach allem, was du mir gesagt -
Das H i e r sich lasse mit dem D o r t verbinden.

Wohl ist die Welt verderbt, Gott sei’ s geklagt,
Wie du’ s bestätigt mir mit eignem Munde,
An Tugend arm, von Bosheit arg geplagt;

Doch gib mir von der Ursach sichre Kunde,
Sie zu erkennen und zu lehren: d e r
Forscht hier und d e r am Himmel nach dem Grunde.«

Da seufzte Marco, und sein Ach klang schwer;
»O Bruder,« sprach er kummervollen Blickes,
»Blind ist die Welt und du kommst ja daher.

Ihr Lebenden wälzt immer euers Glückes
Und Unglücks Schuld den Sternen zu und sprecht
Vom unentrinnbarn Zwange des Geschickes.

Wär’ s so, stünd’ s um den freien Willen schlecht;
Und zeugte Gutes Freude, Böses Pein,
So wäre Lohn und Strafe ungerecht.

Den A n t r i e b pflanzte euch der Himmel ein,
Nicht j e d e n , sag ich; doch h ä t t ich’ s gesagt,
So habt ihr Urteil doch für ja und nein,

Und Willensfreiheit, die - wenn unverzagt
Sie bleibt im ersten Kampf und weiterstreitet -
Gestärkt im Sieg den Himmel überragt.

Drum unterwerft euch frei d e m, was euch leitet:
Höherer Einsicht, besserer Natur,
Dass kein Gestirn euch Einfluss mehr bereitet.

Folgt nun die heutge Welt des Irrtums Spur -
Euch, euch nur müsst ihr nach dem Grunde fragen;
Hör den Beweis mit wenig Worten nur:

Aus dessen Hand, der sie mit Lust getragen,
Bevor sie ward, gleich einem Mägdelein,
Das lacht und weint mit kindlichem Behagen,

Entsteht die Seele, einfältig und rein;
Dass sie vom heitern Schöpfer ausgegangen
Und nach Ergötzung strebt, weiß sie allein.

Geschmack an kleinem Gut weckt ihr Verlangen,
Enttäuschung treibt sie, größerm nachzugehen,
Schreckt sie kein Zaum, dem Kitzel anzuhangen.

Drum soll sie im Gesetzeszwange stehen,
Auch sei ein Fürst mit Augen so gestaltet,
Dass mindestens sie Zions T ü r m e sehen!

Gesetze gibt’ s - wer ist, der sie verwaltet?
Kein Mensch! weil jener Hirte, der euch führt,
Zwar wiederkäut, doch nicht die Hufe spaltet.

Und weil das Volk die gleiche Neigung spürt,
Nach dem, wonach es sieht den Führer schmachten,
Beruhigt es im selben Breitopf rührt.

Die schlechte Führung musst du drum erachten
Als Ursach nur der weltverderbten Sünden,
Musst nicht Vererbung als den Grund betrachten.

Einst hatte Rom, die Ordnung zu begründen,
Zwei Sonnen: eine sollte d i e s e r Welt,
Die andre G o t t e s Wegen Licht entzünden.

Jetzt ist der Hirtenstab dem Schwert gesellt,
Und eine lischt der andern Sonne Brennen;
Drum ist es nun mit beiden schlecht bestellt,

Weil keins das andre will in Ehrfurcht nennen!
Sieh auf die Ähren, dann wirst du’ s begreifen:
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

In jenem Land, das Etsch und Po durchstreifen,
Fand sich von jeher Adelsinn und Sitte,
Bis Friedrichs Kampf mit Rom begann zu reifen.

Jetzt hemmt dort nicht Gefahr des Wandrers Schritte,
Solang er sich aus Scham nicht sollte scheuen,
Dass er um Freundschaft einen Guten bitte.

Dort in drei Greisen rügt und schilt die neuen
Geschlechter heut die alte Zeit und Art,
Greise, die schon sich auf den Himmel freuen.

Palazzo ist’ s, der wackere Gherard
Und Guid Castell, der richtger heißen würde,
Wie ihn der Franzmann nennt: schlichter Lombard!

So mengt Roms Kirche ihre Doppelwürde
Durch krasse Gier, wobei mit Schlamm sie tränkte
Besudelnd sich und ihres Amtes Bürde!« -

»O Marco, was die Einsicht mir beschränkte,
Räumst du hinweg,« rief ich; »jetzt seh ich klar,
Was Levis Stamm aus seinem Erbrecht drängte.

Doch sag mir, welcher Gherard es denn war,
der als ein Denkmal ragt aus bessern Tagen
Zum Vorwurf dieser Zeit, an Tugend bar?«

»Willst du mich kränken, prüfen, so zu fragen?«
Grollte der Greis; »du, der toskanisch spricht,
Hast nie gehört vom ‚guten Gherard’ sagen?

Ich kenn ihn unter anderm Namen nicht,
Höchstens als Gajas Vater, wie ich meine;
Gott mit euch! Leistet hier auf mich Verzicht,

Denn seht, das Frühlicht trennt, das weißlichreine,
Den Nebel schon; fort muss ich, eh zu stören
Uns im Gespräch der Engel dort erscheine.« -

Er sprach’ s, er ging, er wollte nichts mehr hören.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 17
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 17

Hat, Leser, dir das Antlitz je verkappt
Ein Nebelqualm auf hohem Alpenpasse,
Dass blindlings wie ein Maulwurf du getappt?

Rings wallt und braut die feuchte Wolkenmasse,
Und wenn sie lichter wird, durchflimmert milde
Den leichten Flor der Sonnenball, der blasse.

Erinnre dich an dieses Duftgebilde,
So ahnst du, Leser, wie ich hier erschaute
Die Sonne, als sie sank im Dunstgefilde.

Ich tauchte gleichen Schrittes wie der traute
Gefährte aus dem Wolkenflor ans Licht,
Das schon die tiefern Ebnen übergraute.

O Fantasie, wie oft entrückst du nicht
Uns aus uns selbst, dass wir den Schall nicht spüren,
Der tausendfach aus Erzdrommeten bricht,

Was treibt dich, wenn die Sinne nichts berühren?
Dich treibt ein Licht, gesandt vom Himmel nieder,
Mag sich’ s von selbst, mag’ s höhrer Wille schüren.

Vom Frevel jener, die sich im Gefieder
Des Vogels barg der lieblichsten Gesänge,
Erschien mir als Vision ein Abbild wieder,

Das meinen Geist so einnahm im Gedränge
Und auf sich selbst beschränkte, dass sich nicht
Von außen andres Eindruck noch erzwänge.

Dann schien sich durch das hohe Traumbild - licht
Und deutlich - ein Gekreuzigter zu heben;
Der starb mit Grimm und Stolz im Angesicht.

Mit Esther, seinem Weibe, stand daneben
Der große Ahasver und Mardochai,
Der Vorbild stets in Wort und Tat gegeben.

Als dieses Bild mir plötzlich sprang entzwei
Gleich einer Wasserblase, die gequollen
Und jäh zerplatzt, macht sich der Luftdruck frei -

Sah ich ein Mägdlein, das mit leisem Grollen
Im Tone schluchzend rief: »O Königin,
Warum hast du im Zorn doch sterben wollen?

Du opfertest dich um Lavinien hin,
Und mich verlorst du, der dein frühes Ende
Mehr als des andern Tod bringt Schmerzgewinn!« -

Gleichwie - wenn das geschlossne Lid die Spende
Des grellen Frühlichts trifft - der Schlaf zerbricht
Und noch sich sträubt, dass er zur Flucht sich wende,

So fiel und löste sich mein Traumgesicht,
Sobald ins Antlitz mir ein Lichtstrahl zückte,
Viel greller als gewohntes Sonnenlicht.

Ich sah mich um, wohin mich denn entrückte
Der Traum - da klang’ s: »Hier müsst ihr aufwärts-
Dass jeden andern Wunsch ich unterdrückte.

Die Stimme zwang den Willen sich zu eigen,
Nun zu erforschen, wer soeben sprach,
Und ließ mir nicht des Wunsches Unruh schweigen.

Wie aber, wer zur Sonne späht, hernach,
Dass zuviel Glanz sie birgt, bemerkt mit Schrecken,
So sah ich, dass mir’ s hier an Kraft gebrach.

»Den Weg uns ungebeten zu entdecken,
Kam her ein Genius, den du nicht gesehen,
Weil seine eignen Strahlen ihn verstecken.

Was Mensch dem Menschen tut, ist uns geschehen;
Denn wer uns bitten lässt erst in der Not,
Der denkt schon böslich, uns nicht beizustehen!

Lass uns nach seinem freundlichen Gebot
Denn aufwärts pilgern, eh die Nacht gekommen,
Sonst winkt uns nicht das Ziel vorm Morgenrot!« -

So sprach Virgil; drum war’ s zur Höh genommen
Ein Felspfad, den wir wie auf Stufen gingen;
Und eine war von mir bereits erklommen,

Als meine Stirn ein Lufthauch wie von Schwingen
Umfächelte; dann klang’ s aus holdem Munde:
»Heil den Friedfertgen, die den Zorn bezwingen!«

Schon bleichten über uns am Himmelsrunde
Die letzten Strahlen, hart verfolgt von Schatten,
Und Stern um Stern trat vor aus dunkelm Grunde.

O meine Kraft, was ließ dich so ermatten?
Fragt ich mich selbst und merkte furchtbeklommen,
Dass mir den Dienst versagt die Füße hatten.

Wir waren jetzt, so hoch es ging, gekommen
Und standen beide droben wie gebannt!
Dem Boot gleich, das am Strande festgeschwommen.

Ich lauschte anfangs, ob vom neuen Land
Nicht irgend Lebenszeichen würden grüßen,
Dann sprach ich, meinem Meister zugewandt:

»Sprich, gütger Vater, welche Fehler büßen
Die Seelen hier in diesem neuen Kreise,
Sprich, lass dein Wort nicht rasten gleich den Füßen.«

»Trägheit zum Guten ist es,« sprach der Weise;
»Hier muss der Lässge sich auf’ s Rudern steifen,
Einholen die Versäumnis seiner Reise.

Doch merke auf, dass du es kannst begreifen,
Wenn ich dir’ s deute; dann wird dir zum Lohn
Für diesen Aufenthalt Erkenntnis reifen.

Dass nicht Geschöpf noch Schöpfer, teurer Sohn,
Je ohne Liebe war - sei’ s Seelenliebe,
Sei’ s die natürliche - das weißt du schon;

Weißt auch, dass letzte frei von Irrtum bliebe,
Doch jene irrt, wenn sie zu stark, zu klein,
Und wenn gemein das Ziel ist ihrer Triebe.

Wenn ihr die ersten Güter Ansporn leihn,
Wenn sie den zweiten weiß Maß anzulegen,
Kann böser Lust sie niemals Antrieb sein.

Doch sucht sie Böses oder eifert wegen
Des Guten heftig bald und bald verdrossen,
So wirkt dem Schöpfer das Geschöpf entgegen.

So hab ich die Erkenntnis dir erschlossen,
Dass Liebe aller Tugend Samenkern
Und dass ihr alle Laster auch entsprossen.

Das Wohl des eignen Ichs als ihres Herrn
Kann Liebe niemals aus den Augen lassen,
Drum liegt der Selbsthass allen Wesen fern.

Und weil ein ‚Wesen o h n e Gott’ zu fassen
Undenkbar ist, das für sich selber sei,
So kann man also nicht den Schöpfer hassen.

Folglich ergibt als Letztes sich hierbei
Die Freude an des Nächsten Schlechtergehen!
Und dieser schmutzgen Quellen gibt es drei.

Dass seinem Nachbar möge Leid geschehen,
Wünscht dieser, hoffend, dass er selber stiege,
Kann er tief unter sich den andern sehen.

Der zweite fürchtet, wenn er unterliege,
Von Ruhm, Gunst, Macht und Ehre den Verlust
Und missgönnt andern des Erfolges Siege.

Ein dritter nährt die Rachlust in der Brust
Und wähnt gekränkt sich durch Beleidigungen,
Bis er zu schaden seinem Feind gewusst.

Wen diese Liebesdreiheit einst bezwungen,
Beweint es hier. - Vernimm von Liebe nun,
Die falschen Weges Gutem nachgedrungen.

Ein Gut, drin sicher mag die Seele ruhn,
Ahnt jeder unklar; danach wird er bangen
Und sich im Streben kein Genüge tun.

Doch lässt die Trägheit uns danach nur langen ,
Lockt nichts uns zum Besitz , wird h i e r im Kreise
Nach wahrer Reue auch der Lohn empfangen.

Noch gibt’ s ein letztes Gut, doch macht’ s nicht weise
Noch glücklich, ist der Baum nicht, der im Heile
Festwurzelnd Frucht uns schenkt zur Seelenspeise.

Liebe, die d e m nachstrebt in Gier und Eile,
Wird über uns beweint in dreien Runde;
Doch wie sich dort die Ordnung dreifach teile,

Verschweig ich, da du selbst es sollst bekunden.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 18
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 18

Der hohe Lehrer nahm, als er geendet,
Aufmerksam einige Zeit mein Antlitz wahr,
Ob mich befriedigt, was sein Wort gespendet.

Ich hatte neue Durstempfindung zwar,
Doch schwieg ich äußerlich und sprach nur innen:
Mehr fragen fällt ihm lästig offenbar.

Mir aber las durch mein verschwiegnes Sinnen
Den Wunsch der teure Vater vom Gesichte
Und hieß, selbstsprechend, Sprache mich gewinnen;

Drum sprach ich: »Trinkt mein Blick von deinem Lichte,
O Herr, so sieht er, wie der Nebel sinkt,
Dass selber das Verworrenste sich schlichte.

Sprich denn, dass mir dein Wort Erklärung bringt,
Von jener L i e b e , draus als ihrer Quelle
Nach deiner Ansicht Gut und Bös entspringt.« -

»So merke auf mein Wort,« sprach er, »und schnelle
Wird jener Blinden Irrwahn dir zerstieben,
Die unberechtigt stehn an Führerstelle.

Die Seele, die geschaffen, schnell zu lieben,
Strebt allem lebhaft zu, was ihr gefällt,
Wenn wirklich Reizempfindung sie getrieben.

Die Fassungskraft entnimmt der äußern Welt
Ein Bild, pflanzt es als Eindruck fort nach innen,
Wo es der Seele sich vor Augen stellt.

Neigt sie dem Bild sich, so ist dies Beginnen,
Dies holde Reigen Liebe, ist Natur,
Und teilt sich mit als Lustgefühl den Sinnen.

Denn wie die Flamme strebt nach oben nur,
Durch Stoff und Form bedingt, d a h i n zu dringen,
Wo minder schnell verwischt wird ihre Spur,

So wird die Seele treibend auch beschwingen
Die geistige Bewegung, die nicht ruht,
Bis sie das Heißersehnte darf umschlingen.

Drum sieh, wie unrecht man der Wahrheit tut,
Wenn man den Irrtum teilt, den allgemeinen:
An sich sei Liebe löblich stets und gut.

Der Stoff kann gut sein - wer will das verneinen? -
Doch schützt davor des besten Wachses Masse,
Dass Siegel unschön abgedruckt erscheinen?« -

»Soweit mein Geist gefolgt, dass er’ s erfasse,«
Sprach ich, »kann ich der Liebe Art nun sehen,
Doch ohne dass er Zweifel mir erlasse.

Denn lässt sie äussrer Eindruck nur erstehen,
N u r er - ist sie verantwortlich alsdann,
Wenn sie gekrümmt muss oder grade gehen?« -

»Ich forsche nur, soweit Vernunft es kann,
Doch Beatrice,« sprach er, »wird zufrieden
Dich stellen, fängt die Glaubenssache an!

Jedwede Wesensform ist zwar verschieden
Vom Stoffe, doch unlöslich ihm verbunden,
Und eine Sonderkraft ist ihr beschieden,

Die sich nicht ohne Wirkung kann bekunden,
Nur sichtbar im Erfolg ist, wie das Leben
Des Baums am grünen Laube wird erfunden.

Auskunft kann keine Menschenweisheit geben,
Woher die Urbegriffe uns entstanden,
Woher der Urtrieb stammt, das Urbestreben.

Wie bei den Bienen der Instinkt vorhanden,
Honig zu sammeln, so wird auch dies Wollen, -
An sich nicht gut noch bös - uns nie zuschanden.

Dass d e m Trieb alle andern folgen sollen,
Rät U r t e i l s k r a f t , die als Torhüterin
Euch schützt vor allzuschnellem Beifallzollen!

Der Schuld und des Verdienstes Urbeginn
Ist diese Kraft, sie leitet als Fanal
Zu Gut und Bös die dunkeln Wünsche hin.

Die eingeborne Freiheit unsrer Wahl
Erkennen darum an, die tiefer blicken,
Sie lassen auch dem Menschen die Moral.

Mag drum Notwendigkeit in allen Stücken
Der Liebe Anfang sein: wenn sie entbrannt,
Soll sie in des Verstandes Zaum sich schicken.

Die »freie Wahl« wird diese Kraft benannt
Von Beatricen; drum sei dir’ s befohlen:
Aufmerksam sei, gibt sie es dir bekannt!« -

Der Mond, der sich versäumt auf trägen Sohlen
Bis Mitternacht, bleichend der Sterne Reigen,
Und aussah wie ein Kessel glühnder Kohlen,

Begann denselben Weg hinaufzusteigen,
Drauf zwischen Sardenland und Korsika
Die Römer sehn den Sonnenball sich neigen,

Als er - der höhern Ruhm als Mantua
Pietola ließ erblühn, dem kleinen Flecken, -
Die schwere Last mir abgenommen da.

Drob ich, dem von den Zweifeln alle Decken
Und Hüllen wegzog sein belehrend Wort,
Mich fand noch grübelnd wie im Traume stecken.

Da riss aus der Versonnenheit sofort
Ein Lärm mich, der sich hinter uns erhoben;
Und viele Seelen strömten her von dort.

Wie einst Asopus und Ismen das Toben
Zur Nachtzeit sah des trunknen Volks von Theben,
Wenn sie zum Bacchosfest in Scharen stoben -

So sah ich diese hier die Fersen heben,
Denn rechte Liebe trieb zur Hast die Scharen,
Und guter Wille spornte ihr Bestreben.

Bald waren sie zu uns herangefahren,
denn nichts hielt auf der großen Menge Lauf,
Und laut wehklagten zwei, die vorne waren:

»Maria eilte zum Gebirg hinauf,
Und Cäsar schloss, Ilerda zu gewinnen,
Massilien ein und flog nach Spanien drauf.«

Und andre schrien; »Lasst nicht die Zeit verrinnen
Durch träge Liebe, rasch! und lasst durch Fleiß
Den Baum der Gnade neues Grün umspinnen!« -

»O Volk, das hier durch Eifer glühend heiß,
Was es versäumt mit Lauheit, einzubringen
Sich wacker müht in diesem Büßerkreis -

Hier dieser lebt - mag’ s euch auch seltsam klingen,
Wahr ist’ s! - und mit der Sonne bergempor
Sucht er den Weg; drum fördert sein Gelingen!« -

So sprach Virgil, und aus der Schatten Chor
Erhob sich einer, Antwort uns zu sagen:
»Folgt uns, so kommt ihr an das Felsentor.

Uns aber treibt die Sehnsucht fortzujagen,
Da wir nicht zögern dürfen; drum verzeiht,
Scheint frommer Eifer unhöflich Betragen.

Zum Abt Sankt Zenos hat man mich geweiht
Unter des ‚guten’ Rotbart Herrscherstabe,
Den heute Mailand noch vermaledeit.

Und der steht schon mit einem Fuß im Grabe,
Der um dies Kloster weinen wird alsbald
Und trauern, dass er drin gewaltet habe,

Weil er dem Sohn - verkrüppelt an Gestalt,
Stumpfsinnig, bösen Herzens, missgeboren -
Statt rechtem Hirten dorten gab Gewalt.«

Ob er noch sprach? schon schwieg? - Vor meinen Ohren
Verklang’ s, weil er im Flug vorüberlief;
Doch seine Rede blieb mir unverloren.

Da sprach, der stets mir beisprang, wenn ich rief:
»Schau dorthin! Wo zwei Schatten dem Verderben
Der Trägheit Bisse geben scharf und tief.«

Die riefen allen hinterdrein: »Erst sterben
Musste das Volk, dem aufgetan die Meere,
Bevor der Jordan schaute seine Erben;

Und jenes, das zurückgeschreckt die Schwere
Der Not, Äneen wandernd zu begleiten,
Beschied mit seinem Los sich, bar an Ehre.«

Als drauf die Geisterschar in fernen Weiten
Unsichtbar wurde, kam mir ein Gedanke,
Und der erzeugte baldigst einen zweiten,

Dem wieder andre folgten, dunkle, schwanke,
Bis ich sie ineinander sah zerrinnen,
Dass um mein Aug sich spann des Traumes Ranke,

In Schlaf behaglich wandelnd mir das Sinnen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 19
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 19

Zur Stunde, wo des Tages Wärme schwindet
Und nicht des Mondes Nachtfrost lindern kann,
Weil Erdball und Saturn sie überwindet,

Wenn fern im Ost die Geomanten dann
Ihr »größtes Glück« im Sonnenaufgang sehen,
Indes das Licht allmählich zieht heran -

Zu dieser Stunde sah ich vor mir stehen
Im Traum ein Weib: bleich, schielend, stammelnd, hinkend,
Verstümmelt an den Händen, krumm im Gehen.

Anstarrt ich sie - und wie die Sonne blinkend
Erklammte Glieder löst vom Frost der Nacht,
So schien sie - gleichsam neues Leben trinkend

Aus meinem Blick - erweckt zu alter Pracht,
Zum Sprechen angeregt, die bleiche Wange
Rosig behaucht, von Liebe wie entfacht.

Die Zunge löste sich und mit Gesange
Berauschte sie mein Ohr, dass ich mit Not
Mein Herz entriss dem zauberhaften Zwange.

Sie sang: »Sirene bin ich, und im Boot
Den Schiffer lock ich an, wenn ich beginne,
Weil ihn mein Lied mit Liebeslust durchloht.

Auch den Ulysses zog mein Sang der Minne
Vom Irrpfad ab; wer erst in meinen Banden,
Verlässt mich nicht: so lab ich ihm die Sinne!«

Kaum dass sie endete, war aufgestanden
Ein heilig Weib schon plötzlich neben ihr,
Das machte den Gesang mit Zorn zuschanden,

Indem sie rief: »Wer ist dies Weibsbild hier,
Virgil, o mein Virgil?« - Und rascher Hand,
Den Blick zur Heilgen richtend voll Begier,

Ergriff er die Sirene, das Gewand
Ihr vorn zerreißend, mir den Leib zu zeigen -
Da weckte mich der Missduft, der entstand,

Und ich, aufblickend, sah den Freund sich neigen:
»Dreimal schon rief ich dich,« mahnte der Weise,
»Drum lass uns gehen, bis sich das Tor mag zeigen!« -

Aufsprang ich - und des heilgen Berges Kreise
Bemalte purpurn schon der Sonne Pracht,
Die leuchtend hinter uns begann die Reise.

Gesenkten Hauptes schritt ich und bedacht
Ihm nach wie einer, der von Sorgen schwer
Sich selbst zum halben Brückenbogen macht.

Da tönte eine Stimme: »Kommt hierher!
Der Durchgang winkt!« - Wie hold die Worte schallten!
Auf Erden hört man so es nimmermehr.

Den sanften Sprecher sah ich nun entfalten
Den Schwanensittich, und nach oben gingen
Auf seinen Wink wir durch die Felsenspalten.

Er fächelte uns an mit seinen Schwingen,
Versichernd: »Selig sind, die trauernd klagen,
Denn ihre Seelen werden Trost erringen.«

Ich hörte drauf den teuern Dichter fragen,
Als wir noch unterhalb des Engels standen:
»Warum ist bodenwärts dein Blick geschlagen?« -

»Das letzte Traumgesicht lässt in den Banden
Der Furcht,« sprach ich, »so nachdenklich mich stehen,
Weil noch die Sinne sich ihm nicht entwanden.« -

»Die alte Hexe war’ s, die du gesehen,«
Sprach er, »ob der man weint, wohin wir reisen:
Du sahst, wie man es macht, ihr zu entgehen.

Doch lass sich rüstig nun den Fuß erweisen,
Empor! blick auf die Lockung, die dort blaut,
Vom Herrn der Welt gedreht in ewgen Kreisen!«

Und wie der Falk die Füße erst beschaut,
Die Schwingen auf den Anruf dann entfaltet,
Zum Rand die Fänge reckend, scharfbeklaut,

So tat auch ich; und wo der Fels sich spaltet
Durchklomm ich den Kamin mit Drehn und Schmiegen,
Bis wo der Vorsprung sich zum Sims gestaltet.

Und als der fünfte Umkreis war bestiegen,
Traf ich auf bitterweinend Volk allda
Und sah es mit der Stirn im Staube liegen.

»Adhaesit pavimento anima,«
So klagten sie, doch lauter als ihr Klagen
Erschollen ihrer Seufzer Oh und Ah. -

»Ihr Auserkornen Gottes, deren Plagen
Gerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen,
Zeigt uns die Stiegen, die zum Heil uns tragen!« -

»Wenn ihr nicht kamt, um liegend hier zu büßen,
So müsst ihr immer links vom Felsen streben,
Das kürzt den Weg am schnellsten euern Füßen!« -

So bat Virgil, so ward Bescheid gegeben
Unweit von uns. Ich merkte, inwiefern
Des Schattens Zweifel wäre zu beheben,

Und richtete den Blick auf meinen Herrn,
Der, was auf meinem Antlitz stand geschrieben,
Freundlichen Winks gewährte schnell und gern.

Worauf ich, da mir’ s freistand nach Belieben,
Zu jenem ging, der durch sein zweifelnd Fragen
Mir deutlich im Gedächtnis war geblieben,

Und sprach: »Dem bald die Tränen Früchte tragen,
O Geist, die nottun, um zu Gott zu kommen,
Ein wenig hemme um dein Heil die Klagen.

Wer warst du? sag; was kehren diese Frommen
Den Rücken himmelwärts? Sprich, soll ich dir
Dort nützen, wo ich lebend hergekommen!«

Und jener sprach: »Weshalb den Rücken wir
Zum Himmel kehren, will ich nicht verschweigen,
Doch erst vernimm: Mein war der Tiara Zier!

Es sinkt von Seftis grünen Felsensteigen
Ein schöner Fluss; es leitet von ihm her
Mein Stamm den Titel, der ihm ist zu eigen.

Mir zeigten kaum fünf Wochen: es ist schwer,
Dass man dem großen Mantel Schmutz erspare -
Ein Flaum sind alle Bürden neben der!

Spät war’ s, dass ich das Heil erkannt, das wahre,
Doch kaum gesalbt als Hirt der Christenherde,
Sah ich die Lüge rings, die offenbare,

Sah, dass mein Herz dort nicht befriedigt werde;
Und - weil die Welt mir höhern Rang nicht bot,
Wandt ich den Sinn zum Himmel von der Erde.

Bis dahin war mein Herz vom Geiz durchloht,
Elend, dem Herrn entfremdet; darum fällt,
Du siehst es, hier auf uns solch große Not.

Sinnbildlich wird, was Geiz wirkt, dargestellt
Zur Läutrung derer, die gesündigt haben;
Nicht härtre Strafe dieser Berg enthält.

Gerechtigkeit lässt hier in Staub sich graben
Das Auge, das an Erdentand nur klebte
Und nie am Himmelsglanz sich wollte laben.

Geiz war’ s, der allem Guten widerstrebte,
Der jeden Liebestrieb uns unterbunden,
Dass hier Gerechtigkeit uns Fesseln webte

Für Hand und Fuß, so dass wir festumwunden
Stillliegen müssen, bis uns einst die Glieder
Zu lösen der Gerechte gut befunden!«

Zur Antwort trieb mich’ s, darum kniet ich nieder;
Doch als der Schatten am Geräusch erkannt,
Dass Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder:

»Was zwingt dich auf die Erde?« - »Ich empfand,«
Gab ich zur Antwort ihm, »Gewissensbisse,
Dass ich vor deiner Würde aufrechtstand.« -

Er sprach: »«Wer ist’ s, der hier noch Ehrfurcht misse?
Gleich, Bruder, ist hier aller Macht und Ehre;
Steh auf! Mitknecht bin ich wie du - das wisse!

Begriffst du je des Evangeliums Lehre
Vom neque nubent, wird sich dir erklären
Mein Wort, kraft des ich deinem Knieen wehre.

Nun geh, weil deine Gegenwart die Zähren
Mir hemmt, die - wie bekräftigt selbst dein Wort -
Mir zeitiger das ewge Heil gewähren.

Alagia, meine Nichte, lebt noch dort,
Gut von Natur, wenn sie zu bösem Handeln
Nicht unsers Hauses Beispiel reißt mit fort -

Ich seh nur s i e dort mein-gedenkend wandeln!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 20
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 20

Schlecht kämpft der Wille gegen stärkern Willen,
Und mir gefiel es schlecht, ihm zu Gefallen
Den Quell zu fliehn und nicht den Durst zu stillen.

Wir gingen hart entlang den Felsenhallen,
Wo frei der Weg, als wäre dies Gestade
Ein Festungsweg, den Mauern hoch umwallen.

Denn jenes Volk, das hier im Tränenbade
Das Laster fortwäscht, das regiert auf Erden,
Belagerte zu dicht die äußern Pfade. -

Verflucht, uralte Wölfin, sollst du werden,
Die mehr in ungestillter Fraßgier raubt,
Als sonst ein Raubtier Schaden bringt den Herden.

O Himmel, dessen Kreislauf, wie man glaubt,
Wandlung bewirkt an allen Erdendingen,
Wann kommt, der niedertritt dein trotzig Haupt? -

Als wir gemessen so und langsam gingen,
Begann aufs neu das jammervolle Flehen
Betrübter Schatten auf mich einzudringen.

Der Zufall ließ mich einiges verstehen.
»Süße Maria« - seufzte da ein Wesen
So schmerzlich wie ein Weib in Kindeswehen.

Und dann - »du warst zur Armut auserlesen,
Wie jene Herberg es uns lehren kann,
Drin du von deiner heilgen Last genesen - »

Und endlich noch - »Fabricius, edler Mann,
Dich zog kein goldbetünchtes Lasterleben,
Tugend gepaart mit Anmut zog dich an!«

Die Worte zeugten mir von edlem Streben
Und trieben mich, den Sprecher auszufinden,
Hoffend, er werde weitre Auskunft geben.

Er sprach indem noch von den Angebinden,
Die Nikolaus gemacht den Mägdelein,
Dass ihre Ehrbarkeit nicht möge schwinden.

»Der du so trefflich lobsingst,« fiel ich ein,
»Wer bist du, Seele, und aus welchem Grunde
Erneust du altes Lob - und du allein?

Vergelten lass mich’ s dir durch diese Kunde:
Kehr ich zur Heimat, will ich dir’ s gedenken
Vor meines flüchtgen Lebens letzter Stunde.« -

»Nicht der Verspruch von irdischen Geschenken,«
Sprach er, »löst mir den Mund; vielmehr die Gnade,
Die Gott sich ließ auf den Lebendgen senken.

Ich bin des Giftbaums Wurzel, der die Pfade
Des Christenlands beschattet weit und breit,
Dass ihm erwächst statt guter F r u c h t nur Schade!

Doch wäre längst der Rachestrahl bereit,
Wär Lille, Gent, Brügge und Douais zur Hand -:
Von Gott erfleh ich dies mit Brünstigkeit!

Ich wurde Hugo Capet einst genannt;
Die Ludwigs und die Philipps, meine Sprossen,
Sind Könige neuerdings im Frankenland.

Von einem Fleischer aus Paris entsprossen,
Sah ich der Könige altes Stammhaus enden;
Den letzten hielt ein Mönchsgewand umschlossen.

Da griff ich nach dem Zaum mit festen Händen!
Durch Freundschaft stark, erfolgreich im Erwerben,
Kam ich empor und wusst es s o zu wenden,

Dass die verwaiste Krone meinem Erben
Zuteil ward; und aus dessen Samen sprossen
All die ‚G e s a l b t e n’ - mag sie Gott verderben!

Seit sie die Mitgift der Provence genossen,
Schwand den Bedeutungslosen bald die Scham,
Bis dass ihr Übermut ins Kraut geschossen.

Nun hielt sich das Geschlecht nicht länger zahm,
Log, trog und raubte dreist, bis es - z u r B u ß e !
Ponthieu, Gascogne und Normandie sich nahm.

Herabkam Karl nach Welschland und - z u r B u ß e !
Ließ Konradin er sterben, schickte dann
Ins Paradies Sankt Thomas - auch z u r B u ß e !

Schon seh ich einen andern Karl heran
Aus Frankreich ziehn, ach! und wie d e r beschaffen
Und seine Schar, man bald erkennen kann!

Wehrlos kommt er und führt sonst keine Waffen,
Ischariots Lanze nur schwingt seine Hand,
Doch s o , dass dir, Florenz, die Flanken klaffen.

Er erntet Schuld und Schande, doch kein Land,
Das drückt ihn einst mit um so größrer Schwere,
Je mehr er heut den Schaden hält für Tand.

Der dritte Karl, gefangen jüngst am Meere,
Verkauft sein Kind - so schachern die Korsaren
Um Sklavenmädchen - ohne Scham und Ehre!

O Habgier, kannst du ärger noch verfahren,
Seit du mein Blut bezwangst, dir anzuhangen,
Dass es mit Kindern handelt wie mit Waren!

Ich seh die Lilien in Alagna prangen
Und, künftge Übeltaten auszustechen,
Im Stellvertreter Jesuschrift gefangen.

Von Spöttern seh ich ihn umringt, von frechen,
Und Essig kosten wiederum und Galle,
Seh zwischen Schächern dann sein Auge brechen,

Seh auch des neueren Pilatus Kralle
Nach Kirchengut sich strecken, seh ihn tragen
Der Habgier Banner in die Tempelhalle.

O Herr, wann hör ich froh die Stunde schlagen,
Die du zur Sänftigung des Zorns verschoben,
Die Stunde, wo da wird die Rache tagen?

Was du mich an der B r a u t hast hören loben
Des heilgen Geistes, drauf der Wunsch in dir
Entstand, bei mir Erklärung zu erproben.

Das bildet der Gebete Inhalt hier
Bei Tag - doch steigt die Nacht vom Sternenäther,
So klagen von den Gegensätzen wir:

Dann wird Pygmalion, der Übeltäter,
Betrachtet, den die Gier nach Gold zum Dieb,
Zum Brudermörder machte und Verräter;

Dann Midas, dem der gleiche schmutzge Trieb
Solch lächerliches Elend eingetragen,
Dass er bis heute ein Gespötte blieb.

Auch weiß vom Achan jeder hier zu sagen,
Der frech die Beute stahl, dass Josuas Hand
Noch heut ihn zürnend scheint hier zu erschlagen.

Saphira und ihr Gatte wird genannt
Mit Schimpf, mit Lob der Sturz des Heliodor -
Und schmachbedeckt wird rings dem Berg bekannt

Des Polymnestors Mord an Polydor.
Dann rufen wir am Schlusse: ‚Krassus, sprich:
Wie schmeckt das Gold? Du weißt es, armer Tor.’

So laut und leise pflanzt hier weiter sich
Abscheu und Lob, ganz wie uns überkommen
Bald heftig das Gefühl, bald sänftiglich.

Und nicht nur i c h war’s, der vorhin die frommen
Beispiele pries, ich tat mit lauterm Klang
Dies nur, drum hast du m i c h allein vernommen.« -

So eifrig als es unsrer Kraft gelang,
Dass bald nichts mehr vom Geiste war zu sehen,
Beschleunigten wir unsrer Schritte Gang.

Da zitterte, als wollt er untergehen,
Der Berg im Tiefsten; Furcht durchgraute mich
Wie einen, der den Tod sieht vor sich stehen.

So heftig schüttelte nicht Delos sich,
Eh, beide Himmelsaugen zu gebären,
Latona dort ins sichre Nest entwich;

Und lauter Ruf erklang durch alle Sphären.
Beruhigt aber ward ich da durch ihn:
»Ich führe dich - nicht brauchst du Furcht zu nähren.«

Und »gloria in excelsis deo« schrien
Sie alle, wenn mein Ohr das recht verstanden,
Was nur in nächster Nähe deutlich schien.

Wir standen reglos lauschend wie in Banden,
Den Hirten gleich, die dies zuerst vernommen,
Bis dass der Erdstoß und die Stimmen schwanden.

Als auf den Heilsweg wir zurück gekommen,
Sahn wir am Boden mit gewohnten Tränen
Die Schatten wieder leid- und furchtbeklommen.

Trübt mein Gedächtnis nicht ein irrig Wähnen,
So stritt Unwissenheit und Wissbegier
Sich nie in meiner Brust mit schärfern Zähnen,

Und niemals heftger war mein Durst als hier.
Doch da er eilte, wagt ich keine Fragen,
Und wusste dennoch keinen Aufschluss mir -

So schritt ich in Gedanken und voll Zagen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 21
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 21

Indes ich so vor Seelendurst geschmachtet,
Den nur der Brunnen löscht, nach dessen Gnade
Der Wunsch der Samariterin getrachtet,

Schritt ich in Hast die oftgehemmten Pfade
Dem Führer nach und Mitleid fasste mich
Mit der verdienten Qual im Tränenbade.

Und sieh! wie Lukas schreibt, dass Christus sich
Den beiden Jüngern zeigte auf der Reise,
Als er am dritten Tag dem Grab entwich:

So tauchte hinter uns ein Geist auf, leise,
Wir merkten’ s erst, als er das Schweigen brach
Und, prüfend rings die Knieenden im Kreise,

»Gott geb euch Frieden, Brüder,« zu uns sprach.
Wir wendeten uns schnell, Virgil erwies
Ihm dankend seinen Gegengruß danach

Und sprach: »Mag dir ins Himmelsparadies
Den Friedensweg gerechter Spruch bereiten,
Der mich ihm ewig fernzubleiben hieß.« -

»Wie?« rief der Geist mit uns im Weiterschreiten,
»Wenn Gott euch nicht gewährt, hinaufzugehen,
Wer durfte euch zu seiner Treppe leiten?«

Mein Lehrer drauf: »Sieh hier die Zeichen stehen,
Die ihm vom Engel eingegraben sind;
Sie lassen ihn als Auserwählten sehen.

Doch weil sie, die zur Tag- und Nachtzeit spinnt,
Ihm jenen Rocken noch nicht leergesponnen,
Den Klotho mitgibt jedem Menschenkind:

Wär ihm, a l l e i n , die Kraft zur Höh zerronnen,
Denn seine Seele, Schwester unsrer Seelen,
Hat u n s r e Fassungskraft noch nicht gewonnen.

Entrückt drum ward ich aus der Hölle Schwelen,
Ihm alles zu erklären, und ich lasse
Auch fernerhin ihm keinen Aufschluss fehlen.

Doch sprich: warum vorhin die ganze Masse
Des Bergs gebebt, dass laute Stimmen klangen
Bis unten, wo den Berg umspült das Nasse?«

So traf des Meisters Frage mein Verlangen
Wie man ins Oehr der Nadel trifft, dass schon
Mein erster Durst durch Hoffnung war vergangen.

Und jener sprach: »Nichts kann dem Berge drohn,
Was seine heilgen Satzungen verletzt,
Noch seiner festen Ordnung spräche Hohn.

Und keiner Störung ist er ausgesetzt;
Nur was aus sich der Himmel schöpft, nichts weiter,
Erzeugt er; Regen, Schnee und Hagel netzt

Den Berg hier nicht, stets blaut der Himmel heiter,
Auch fällt nicht höher Tau und Reif nach oben,
Als bis zur dreigestuften Felsenleiter.

H i e r ballt sich keinerlei Gewölk, h i e r toben
Nie Blitze, h i e r hat nie der Iris schnelle
Buntfarbge Brückenkunst die Luft durchwoben -

Auch wirbelt trockner Dunst nur bis zur Stelle,
Wo ihr zum Ruhesitz sich saht erheben
Für Petri Schlüsselwart die Demantschwelle.

Mag’ s drunten stärker oder leiser beben,
H i e r wird der Grund von Winden nicht durchwühlt,
Wie sie im Erdschoß unerforschlich weben,

H i e r bebt’ s, wenn eine Seele frei sich fühlt,
Emporzuschweben, und die Stimmen loben
Den Herrn, wenn sie in Himmelsluft sich kühlt.

Der bloße Wille gilt statt aller Proben
Als Reinigungsbeweis, wenn froh und frei
In sich die Seele fühlt den Trieb nach oben,

Der, wenn er auch zuerst erbötig sei,
Gedämpft wird vom Gerechtigkeitsgefühle,
Dass Sehnsucht nach der Strafe nötig sei.

Und ich, der hier auf solchem hartem Pfühle
Fünfhundert Jahre lag, ich fühl erst jetzt
Den Freiheitstrieb empor aus dieser Schwüle.

Drum hat des Berges Erdstoß dich entsetzt,
Drum hörtest du der Geister Lobgesänge,
Dass sie der Herr berufe auch zuletzt.« -

So sprach er. Und je satter nach der Länge
Des Dürstens labt der Trank, fand ich Entzücken,
Wie es beschreiben kann kein Wortgepränge.

»Jetzt seh ich, welche Netze euch umstricken,
Wie ihr entschlüpft, warum der Berg gebebt,
Warum ihr Hymnen pflegt emporzuschicken;

Doch sag mir, wer du warst, als du gelebt,«
Bat ihn der Weise, »und aus welchem Grunde
Fünfhundert Jahr lang du am Staub geklebt?« -

»Zur Zeit des guten Titus, der die Wunde
Mit Gottes Hilfe rächte, draus das Blut,
Das Judas feilbot, floss zur Todesstunde,

Schmückte der Name mich, drin Ehre ruht
Für mich und Nachruhm; doch zum höchsten Preise,«
Sprach jener, »fehlte mir des Glaubens Gut.

So wohllautvoll floss meines Sanges Weise,
Dass Rom mich rief: Rom! mich! den Tolosanen,
Mich krönend mit verdientem Myrtenreife,

Dass heut die Welt noch ehrt des Statius Manen!
Von Theben sang ich - doch vom Tod bezwungen
Sank ich dahin auf des Achilleus Bahnen.

Gleich tausend andern hat auch mich durchdrungen,
Erwärmt, begeistert e i n e Sonnenflamme,
Dass adlergleich mein Sang sich aufgeschwungen:

Ich meine die Äneis, die mir Amme
Und Mutter war - wie hätt ich sonst gepflückt
Ein einzig Blättlein nur vom Lorbeerstamme?

O hätt ich mit Virgil gelebt! - beglückt
Gäb ich mich drein, wär die Erlösungsstunde
Mir um ein volles Jahr hinausgerückt!«

Da sah Virgil mich an mit ernstem Munde,
Und schweigend sprach sein Blick, ich solle schweigen;
Indes nicht immer steht die Kraft im Bunde

Mit unserm Willen: ungehorsam zeigen
Weinen und Lachen sich, und nachzugeben
Dem Zwang des Reizes ist Aufrichtgen eigen.

So mochte ungewollt ein Lächeln schweben
Um meinen Mund, weil Statius forschend mir
Ins Auge sah, wo die Gedanken leben,

Und sprach: »Wenn du Erfolg erhoffest hier,
Verrate dann, was huschte halbverhangen
Ein Wetterleuchten über’ s Antlitz dir?«

Nun fand ich rechts und links mich eingefangen,
Hier sollt ich reden, dort die Worte sparen;
Ein Seufzerlaut verriet mein zweifelnd Bangen,

Da sprach Virgil mich frei: »Was zu erfahren
Der Schatten wünscht, von Sehnsuchtsglut entglommen,
Magst du ihm ohne Furcht nur offenbaren.«

So sprach ich denn: »Hat wunder dich genommen
Mein Lächeln schon, wirst du, antiker Geist,
Alsbald zu größerm Staunen Grund bekommen.

Denn der mein Auge hier zum Lichte weist,
Ist dein Virgil, der dir dein Lied befeuert,
Das Götter singt und Heldentaten preist.

Kein andrer Grund - im Schwur sei dir’ s beteuert -
Trieb mich zum Lächeln als allein dein Wort,
Mit dem du hier die Huldigung erneuert.«

Ihn zu umfassen, kniete da sofort
Der Geist, doch sprach Virgil: »Begib dich dessen;
Schatten, mein Bruder, sind wir hier am Ort.«

Und er im Aufstehn: »So wirst du ermessen,
Wie heiß in mir die Liebe müsse walten,
Dass unsre Nichtigkeit ich so vergessen,

Um Schatten für ein fühlbar Ding zu halten!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 22
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 22

Schon war der Engel hinter uns geblieben,
Der uns zum sechsten Kreise ließ gelangen,
Der mir das fünfte P getilgt von sieben

Und die, die nach Gerechtigkeit hier bangen,
Als selig pries; doch nur bis sitiunt,
Weil weiter nicht des Engels Worte klangen.

Viel leichter als bisher durch einen Schlund
Klomm hier mein Fuß, nachsteigend ohne Mühe
Den schnellen Geistern aus dem tiefern Grund.

Da sprach Virgil: »Wo auch durch Tugend glühe
Die Liebe, Gegenliebe muss sie zünden,
Gesetzt, dass sie nach aussen sichtbar sprühe.

Und so - seit zu des Höllenvorhofs Gründen
In unsern Kreis hinabstieg Juvenal,
Mir deine Neigung rühmend zu verkünden, -

Empfand ich Neigung auch für dich zumal,
Wie wir sie Niegesehnen selten weihen
Und mir nun klein dünkt dieser Stufen Zahl.

Jedoch - und magst du mir als Freund verzeihen,
Wenn allzu weit mein Freimut löst den Zaum,
Doch offen sprich, als ob wir Freunde seien -

Sag: wie der Geiz doch - ich begreif es kaum
Bei deinem Streben nach Vollkommenheiten -
Wie fand er nur in dir, dem Weisen, Raum?«

Um Statius Mund sah ich ein Lächeln gleiten.
»Es kann mir deine Frage,« sprach er dann,
»Als Liebesmerkmal Freude nur bereiten.

Oft freilich sehn sich so die Dinge an,
Dass man zu Zweifeln kommt und falschen Schlüssen,
Weil man den rechten Grund nicht sehen kann.

So schöpftest du wohl auch aus trüben Flüssen
Und glaubst, dass Habgier mich im Leben plagte?
Vielleicht wohl, weil ich h i e r hab liegen müssen?

Vernimm denn, dass ich stets dem Geiz entsagte!
Sein Gegenteil war’ s grade, die Verschwendung,
Drob ich vieltausend Monde lang hier klagte.

Du gabest meinem Wandel da die Wendung,
Denn ich auch hätt die Höllenlast gerollt,
Doch vorher las ich, wie ob der Verblendung

Der Welt dein Vers in schönem Zorne grollt:
Wohin noch lockst du , dass ihm Rettungschwände ,
Das Menschenherz , verfluchter Durst nach Gold?

Da sah ich ein, dass man z u w e i t die Hände
Auch öffnen kann, bereute drum und glaubte,
Dass Gott mich d e r und andrer Schuld entbände.

Wieviel erstehn einst mit gerupftem Haupte
Nur durch Unwissenheit, die immerfort,
Bis in den Tod, der Reue sie beraubte.

Und wisse: wenn der Schuld am Gegenort
Gradüber steht das Widerspiel der Sünde,
So welken beide und ihr Grün verdorrt!

Und sahn mich also büßen diese Schlünde,
Wo Habgier weint, so hat mich hergezogen
Des Geizes Widerspiel - nicht andre Gründe.« -

»Doch als du sangst, wie heißen Streites pflogen
Die Heldensöhne zu Jokastens Leid,«
Warf ein der Dichter lieblicher Eklogen,

»Als du der Klio deinen Sang geweiht,
Schienst du dem Glauben mir noch nicht verpflichtet,
Dem Glauben, ohne den kein Heil gedeiht?

Sag, welche Sonne dir die Nacht gelichtet,
Welch eine Kerze dich die rechte deuchte,
Dass du dem Fischer nach dein Boot gerichtet?«

Er sprach: »Du hast zuerst mich an die feuchte
Kastalsche Flut zum Trinken hingeleitet,
Und warst mir auch zu Gott die erste Leuchte

Dem Führer gleich, der selbst im Dunkeln schreitet,
Doch - weil er über’ m Haupt die Fackel hält -
Um alle, die ihm folgen, Licht verbreitet,

Indem du sprachst: Es schickt vom Himmelszelt
Gerechtigkeit herab der ewge Richter
Und alte Sitte der verjüngten Welt!

So machtest du zum Christen mich und Dichter;
Doch dass noch deutlicher das Bild dir werde,
Setz ich der Skizze Schatten auf und Lichter.

Vom wahren Glauben war erfüllt die Erde,
Seit rings ihn ausgesät mit frommem Sinn
Des ewgen Reiches Boten trotz Beschwerde.

Da deine Seherworte von vorhin
Gleich klangen mit dem neuen Predigttone,
Gab dieser Born mir Labsal und Gewinn.

Tief litt ich unter all dem Schmerz und Hohne,
Mit dem sie Domitian verfolgend jagte,
Sie, die ich würdig hielt der Heilgenkrone,

So dass ich, als mir noch die Sonne tagte,
Treu beistand der als wahr erkannten Sekte
Und endlich auch der Schritte letzten wagte.

Noch eh die Muse Thebens Lied mir weckte,
Ward ich bekehrt und liess mich heimlich taufen;
Weil ich mein Christentum aus Furcht versteckte,

Und noch als Heide galt dem großen Haufen,
Musst ich ob dieser Lauheit mehr als vier
Jahrhunderte den vierten Kreis durchlaufen.

Du aber, der des Auges Schleier mir
Gelüftet hat zur Wahrheit, die ich preise,
Belehre mich, solang wir steigen hier:

Wo weilen Freund Terenz, Barro der weise,
Cäcil und Plautus, sag mir, wenn du’ s weißt;
Sind sie verdammt? und wenn: zu welchem Kreise?« -

»S i e , P e r s i u s , ich und noch manch Dichtergeist,«
Sprach mein Virgil, »wir sind mit d e m zusammen,
Den Musenmilch wie keinen sonst gespeist,

Im ersten Dämmerkreis, doch fern den Flammen,
Und unsre Sehnsucht dachte oftmals schon
Des Bergs, dem unsre heilgen Neun entstammen.

Dort weilt Euripides mit Antiphon
Und andern Griechen, die im Lorbeer prangen,
Simonides harrt dort und Agathon.

Auch die, von denen deine Verse sangen:
Deïphile weilt dorten mit Argia,
Ismene, noch um Athys schmerzbefangen;

Dann jene, die Adrasten zur Langia
Den Weg gewiesen hat: Hypsipyle;
Im Kranz der Schwestern weilt Deïdamia,

Tiresias Tochter und Antigone.« - -
Wir standen oben frei; die Dichter schwiegen,
Rings spähend, wo der Weg nun weitergeh.

Vier Sonnenmägde, schon hinabgestiegen,
Räumten den Platz der fünften, deren Hand
Die Rosse suchte unter’ s Joch zu schmiegen.

Da sprach Virgil: »Mir dünkt, dass wir zum Rand
Wie sonst die rechte Schulter müssten kehren,
Hier zu umkreisen diese Felsenwand.«

So liessen wir uns durch G e w o h n h e i t lehren,
Und sorglos schlugen wir den Weg dann ein,
Zumal auch Statius nachgab dem Begehren.

Sie schritten vor, ich folgte hinterdrein
Und lauschte still für mich, was sie gesprochen,
Was meiner Dichtkunst könnte dienlich sein.

Der holde Redefluss ward unterbrochen
Plötzlich durch einen Baum in Wegesmitten,
In Früchten prangend, die verlockend rochen.

Nicht wie Natur den Tannenwuchs geschnitten,
Nein umgekehrt: nach u n t e n wurden schmaler
Die Äste, dass sie kein Ersteigen litten.

Und wo der Weg ungangbar, schoss aus kahler
Felswand hervor ein Sprühquell frisch und klar
Und war des Laubdachs kühlender Bestrahler.

Und näher trat zum Baum das Dichterpaar,
Da! - aus dem Laube sprach’ s in Menschentönen:
»An dieser Frucht gebricht’ s euch noch fürwahr!« -

Dann rief’ s: »Nur um die Hochzeit zu verschönen
Und reich zu feiern, sorgte sich Marie,
Nicht um den Mund, der euch will Gott versöhnen!« -

Die Römerin verschmähte Wasser nie!
Das Fasten liess sich Daniel nicht verdrießen
Im Eifer, dass ihm Wissenschaft gedieh!

Es war zu Zeiten, die die goldnen hießen,
Dem Hunger Eichel eine leckre Speise,
Durst sah in jedem Bache Nektar fließen!

Denkt an des Wüstenpredgers strenge Weise;
Heuschrecken mussten ihm das Leben fristen
Und Honig - dennoch ward ihm Ruhm zum Preise,

Wie uns besiegeln die Evangelisten!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 23
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 23

Noch zwang’ s mich, in das Laubgewirr zu stieren
Gleich Vogelstellern, die in Fangbegier
Kostbare Stunden pflegen zu verlieren,

Anrief mich da, der mehr als Vater mir:
»Mein Sohn! der Frist, die uns vergönnt, gebührte
Wohl besserer Gebrauch, drum fort von hier!«

Ich wandte mich den beiden zu und rührte
Den Fuß geschwinder; ihr Gespräch erklang
So hold, dass ich des Wanderns Müh nicht spürte.

Horch, da ertönte Klage und Gesang!
»Domine labia mea« scholl die Weise,
Die mir zu Lust und Leid ins Tiefste drang.

»Was hör ich, teurer Vater?« sprach ich leise,
Und er: »Die Schatten sind’ s, die von den Lasten
Der Buße sich losringen hier im Kreise.«

Wie Pilger ihres Wegs nachdenklich hasten
Und, wenn sich im Begegnen Fremde zeigen,
Nach ihnen wohl sich umdrehn, doch nicht rasten,

So nahte hinter uns ein ganzer Reigen
Andächtigfrommer auf der Felsenklippe,
Die uns bestaunten in tiefernstem Schweigen.

Hohläugig, wangenfahl, blutleer die Lippe,
Und alle ausgemergelt, dass die Haut
Ließ schlotternd sichtbar werden jede Rippe. -

Ob Erisichthon dürrer ausgeschaut,
Als der Verhungerte sich biss ins nackte
Gebein, obwohl ihm selbst davor gegraut?

So sah das Volk aus, das Verzweiflung packte
Ob Zion (dacht ich), als auf’ s eigne Kind
Die Mutter wie mit einem Schnabel hackte. -

Wer, weil die Augenhöhlen Ringe sind,
Ein OMO will im Menschenantlitz sehen,
Der fand das M hier deutlich und geschwind.

Wer glaubte - wüsst er nicht, w i e es geschehen -
Dass sie der Duft der Früchte also schwächte?
Dass ihre Dürre ließ der Durst entstehen?

Ich staunte noch, was sie zum Fasten brächte,
Weil mir nicht kund, welch Unheil sie belade,
Das sich mit Schuppenhaut an ihnen rächte,

Da blitzte her zu mir ein Auge grade
Aus abgrundtiefer Höhlung, und dann drang
Der Ausruf mir ans Ohr: »O welche Gnade!«

Da prüfte ich den Rufer ernst und lang,
Doch seine Züge wurden mir nicht kenntlich,
Bis die Erinnrung durch der Stimme Klang

Mir wachgerufen ward, bis dann verständlich
Das Äußre sprach des, der voll grindger Flecken,
Bis ich in ihm Donat erkannte endlich.

»Lass diese trocknen Schuppen dich nicht schrecken,«
Nahm Freund Forese kläglich drauf das Wort,
»Noch dass mich Fleisch und Muskeln nicht mehr decken!

Sag mir, wer sind die beiden Seelen dort?
Und wie geschieht’ s, dass ihnen du vereint?
O sage mir’ s - nicht schweigend gehe fort!« -

»Dein Antlitz, das ich längst als tot beweint,«
Versetzt ich, »zwingt nicht minder mich zu Klagen,
Da mir das blühnde so entstellt erscheint.

Beim Himmel, sprich! Was hat euch so geschlagen?
Nicht m i c h lass sprechen, weil erstaunt ich stehe -
Ungern gibt Antwort, wen es drängt zu Fragen.«

Er sprach: »Der Ewge schickt uns solches Wehe!
Dies Wasser lässt er eine Kraft durchdringen
Und diesen Baum, durch die ich so vergehe.

Uns allen, die hier weinend Psalmen singen,
Soll diese Kraft nach wüstem Schlemmerleben
Durch Durst und Hungersqual Erlösung bringen.

Der Früchte Duft, die dort verlockend schweben,
Der muntre Sprudel lässt in uns entbrennen
Nach Speis und Trank ein unbezähmbar Streben,

Das uns, so oft wir diesen Kreis durchrennen,
Zu neuer Qual wird: aber ich getröste
Mich des, denn Labsal muss die Qual ich nennen,

Weil uns zum Baum führt Sehnsucht, drob der Größte
Des Himmels, Jesuschrift, mit frohem Munde
Sein Eli rief, als uns sein Blut erlöste.«

Ich sprach: »Forese, bis zur heutgen Stunde,
Seit dich der Herr zur bessern Welt erwählte
Sank noch kein Lustrum hin im Zeitengrunde.

Wenn nun der sündge Trieb dich nicht mehr quälte,
Wenn dir die Kraft gebrach, eh Reue kam,
Die dich aufs neu mit unserm Gott vermählte,

Wer war’ s denn, sprich, der hier hinauf dich nahm?
Dass du noch tiefer weiltest, sollt ich meinen,
Wo Zeitverlust man sühnt durch Wartensgram!« -

»Ich dank es meiner Nella Flehn und Weinen,
Dass ich hierher entrückt ward vor der Zeit,
Wo süß mir diese Wermuttropfen scheinen.

Durch Seufzen und inbrünstig Herzeleid
Hat sie dem Strand des Harrens mich entzogen
Und von den untern Kreisen mich befreit.

Und meiner Witwe umso mehr gewogen
Ist Gott, ihr, die mir höchste Wonne hieß,
Als sie der Tugend fast allein gepflogen.

Denn die Sardinische Barbagia wies
Nie Frauen auf, so schamlos anzuschauen,
Als d i e Barbagia, wo ich sie verließ.

O teurer Bruder, darf ich dir’ s vertrauen?
Ich seh - nicht allzu fern den heutgen Tagen -
Ich seh den Morgen für Florenz schon grauen,

Wo von den Kanzeln man wird untersagen,
Dass frecher Mode sich die Frauen fügen
Und tiefenthüllt zur Schau die Brüste tragen.

Erließen Staat und Kirche jemals Rügen
Und Strafandrohung, dass nicht Heidenfrauen
Und Türkenmädchen nackt den Busen trügen?

O könnten doch die Schamvergessnen schauen,
Was sich am Himmel drohend für sie ballt,
Sie heulten offnen Mundes schon vor Grauen.

Und täuscht mich nicht mein Seherblick, so schallt
Die Klage schon, eh sich beflaumt die Wange
Des Säuglings, der jetzt Eipopei noch lallt!

Doch, Bruder, sprich und birg dich nicht so lange,
Du siehst, wie alle herzuschaun beginnen,
Weil du die Sonne deckst am Felsenhange.« -

»O Freund,« sprach ich, »willst du dich noch besinnen,
Wie dir und mir so mancher Tag entschwand,
So wirst du schwerlich Freude dran gewinnen.

Doch kürzlich hat von solchem nichtgen Tand,
Der vor mir hergeht, abgelenkt mich wieder,
Als deren Bruder voll am Himmel stand -

(Zur Sonne wies ich) - er hat mich hernieder
Geleitet durch die wahre Todesnacht,
Und willig folgten diese Menschenglieder.

Hilfreich hat er mich dann emporgebracht,
Um hier den Berg der Läutrung zu umkreisen,
Der die Gebeugten wieder aufrecht macht.

Den Weg verhieß er mir so lang zu weisen,
Bis ich in Beatricens Glanze bin -
Dann muss ich ohne ihn zwar weiterreisen.

Der mir bis dahin tröstet Herz und Sinn,
Das ist V i r g i l - der andre ist der Schatten,
Um den erbebte euer Berg vorhin,

Als eure Reiche ihn entlassen hatten.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 24
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 24

Nicht hemmte das Gespräch das Gehen, das Gehen
Nicht das Gespräch, nein: plaudernd liefen wir
Nur schneller - gleich dem Schiff im Windeswehen.

Zweimal-Verstorbnen ähnlich schienen mir
Die Schatten, die aus hohlen Augenringen
Erstaunen sogen, weil ich l e b e n d hier.

Und ich fuhr fort, indem wir weitergingen:
»Weil ihn Virgils Begleitung freut, vergisst
Der dort, zum Gipfel schneller vorzudringen.

Du aber sag mir, wo Piccarda ist,
Sag auch, mit wem es sich zu sprechen lohne
Aus dieser Schar, die mich mit Blicken misst!« -

»Die Schwester,« sprach er da, zärtlich im Tone,
»So gut und schön, dass man sich immer fragte,
Ob schön mehr oder gut? - sie trägt die Krone

Siegprangend schon, wo Himmelsglanz ihr tagte.
Doch nennen darf ich dir die ganze Schar,
Weil Hungersqual unkenntlich sie zernagte.«

Nun wies er mit dem Finger: »Der dort war
Aus Lucca Buonagiunta, und der Große
Daneben, mehr als andre mager zwar,

Hielt einst die heilge Kirche auf dem Schoße.
Er stammt aus Tours, jetzt büßt er mit Verdrießen
Bolsenas fetten Aal in Portweinsauce.«

Er zeigte mir und nannte, wie sie hießen,
Noch viele; jeder schien sich drob zu freuen,
Da sie Entrüstung nicht erkennen ließen.

Mit leerem Mund sah Ubaldin ich käuen
Und Bonifaz, der mancher magern Seele
Freigebig pflegte Futter hinzustreuen.

Sah auch Marchesen, der mit feuchtrer Kehle
Als hier zu Forli manche Flasche leerte,
Weil, wie er sagte, niemals Durst ihm fehle.

Lang wählte oft schon, wer nur eins begehrte:
So machte ich es hier mit Buonagiunt,
Der, wie mir schien, mich als Bekannten ehrte.

»Gentucca« klang es murmelnd ihm vom Mund,
Wenn Mund die Höhlung heißt, wo sich die freche
Genusssucht zeigt und rächt durch Lippenschwund.

»Drängt dich’ s, dass ein Gespräch dein Schweigen breche,
Sei als Begleiter,« bat ich, » mir erwählt,
Dass einer mit dem andern lehrreich spreche!« -

Drauf er: »Es lebt ein Weib, noch unvermählt,
Ob deren Tugend dir mein Heimatort
Noch teuer wird, wie sehr man ihn auch schmält.

Nimm hin mit dir denn dieses Seherwort;
Und wenn dir jetzt noch Zweifel drüber blieben,
Die Wirklichkeit bestätigt dir es dort!

Doch sprich, hast die Kanzonen du geschrieben
In neuer Reimesart? - Die eine heißt:
Ihr edeln Frauen, die ihr wisst zu lieben!”

Ich sprach: «Wenn mich erfüllt der Liebe Geist,
Lausch ich der Melodie, zu deren Noten
Den Text zu schreiben mich’ s dann mächtig reißt.«

Drauf er: »Jetzt, Bruder, seh ich wohl den Knoten,
Der den Notar verstrickt, mich und Guittone,
Und uns den neuen süßen Saft verboten.

Was euch der Geist diktiert, in treuer Frone
Hin aufs Papier zu werfen, war euch eigen -
Wir aber klebten starr an der Schablone.

Wer beifallbuhlend drob hinaus will steigen,
Schreibt keinen, weder alt noch neuen Stil.«
Er sprach’ s und sank befriedigt dann in Schweigen. - -

Wie Vögel, die zur Winterfahrt zum Nil
Sich rüsten, bald gesammelt ziehn in Haufen,
Bald schnell in Zügen streben an ihr Ziel,

So sah ich, wie sich, ohne zu verschnaufen,
Die Scharen eilends von uns wegbegaben,
Durch Magerkeit und Sehnsucht leicht zum Laufen.

Doch wie, wer atemlos und matt vom Traben,
Die andern stürmen lässt, gemach zu gehen
Bis dass die Pulse sich beruhigt haben,

So blieb Forese mir zur Seite stehen,
Ließ still die heilge Schar vorüberstreben
Und sprach: »Wann werden wir uns wiedersehen?« -

»Gott weiß, wie lang bemessen noch mein Leben,«
Sprach ich, »doch eilt dem Tode schon voraus
Mein Wunsch, hierher mich wieder zu begeben.

Denn täglich dehnt das Laster mehr sich aus
In jener Stadt, die mich gebar; und reifen
Seh ihren Sturz ich schon im Sündengraus!« -

»Die Rache wird den Schuldgen bald ergreifen,«
Sprach er; »zum Ort, wo keine Tränen gelten,
Seh ich an eines Tieres Schwanz ihn schleifen,

Und schnell, als ob es Eisenmuskeln schwellten,
Rast es dahin, zertritt, zerstampft ihn dann
Und lässt den Körper liegen, den entstellten.

Nicht lange mehr (hier sah er himmelan)
Drehn sich die Kreise dort, bis klar am Ende
Dir wird, was dunkel jetzt mein Wort umspann.

Nun bleib zurück - kostbar ist hier die Spende
Der Zeit; am Heile muss ich dort verlieren,
Was ich durch Säumnis hier mit dir verschwende.«

Und wie man aus der Front vorgaloppieren
Kampflustig sieht bisweilen einen Reiter,
Sich mit des Angriffs erstem Preis zu zieren,

So eilte der auf Sturmwindsflügeln weiter,
Indes ich fürbass ging mit jenen zwein
Berühmten Versmarschällen als Begleiter.

Und als durch die Entfernung mir so klein
Forese schon geworden war im Raume,
Als unklar mir vorhin sein Prophezein,

Da sah ich mich vor einem andern Baume
Mit schwerbeladnen Ästen plötzlich stehen,
Die weit sich streckten überm Straßensaume,

Und vor ihm standen tausend, die mit Flehen
Die Hände reckten nach den vollen Zweigen;
So kann man Kinder stürmisch betteln sehen,

Wobei sich der Umschwärmte hüllt in Schweigen
Und das Begehrte, steigernd ihr Verlangen,
Noch höher hält, um deutlich es zu zeigen. -

Das Volk war bald enttäuscht zurückgegangen,
Indessen wir zum Großen Baum gekommen,
Zu dem umsonst Gebet und Tränen drangen.

»Geht weiter, sich zu nahen kann nicht frommen!
Ein Baum steht droben, davon Eva brach,
Und diese Pflanze ward von ihm genommen!«

Ich weiß nicht, wer so aus dem Laubwerk sprach;
Virgil und Statius drängten an den Seiten
Der Felswand sich vorbei - ich ihnen nach.

Und wieder rief’ s: «Denkt der vermaledeiten
Zweibrüstgen, weinberauschten Wolkenkinder,
Die gegen Theseus wagten frech zu streiten.

An der Hebräer Trunksucht denkt nicht minder,
Die Gideon verschmäht zu Kampfgenossen,
Eh er gen Midian zog als Überwinder!«

So hörten wir, hinwandelnd unverdrossen
Am Felshang, die Genusssucht tadeln dort,
Sowie den bösen Lohn, der ihr beschlossen.

Schon waren wir wohl tausend Schritte fort,
Wo uns den freien Umblick nichts verdeckte,
Beschaulich gehend, keiner sprach ein Wort,

Als mich im Sinnen jäh ein Anruf weckte:
»Was geht ihr drei so nachdenklich mitsammen?«
Dass wie ein junges Fohlen ich erschreckte.

Zu sehn, woher die Rede mochte stammen,
Hob ich das Haupt - und fühlte Glanz mich blenden,
Als schmölze Glas und Erz in roten Flammen.

Und wieder scholl’ s: «Ihr müsst euch h i e r h e r wenden,
Wenn ihr entschlossen seid, emporzukommen -
Nur dieser Weg wird euch den Frieden spenden!«

Mir war vom Glanz die Sehkraft ganz benommen,
So dass ich hinter meinen Führer trat,
Dem Blinden gleich, dem nur Geräusch kann frommen.

Und wie der Mai in lauen Lüften naht
Als Herold der erwachten Morgenhelle,
Mit Blumendüften schwängernd jeden Pfad,

So war’ s, dass jenes Engels Flügel schnelle
Die Stirne mir ambrosiaduftend kühlte
Mit lindem Hauch - und von der Felsenschwelle

Erscholl ein Singen: »Selig, wer da fühlte
Die Gnade, die von Gaumenlust befreit,
Und die Begierden aus dem Herzen spülte,

Dass ihn nur hungert nach Gerechtigkeit!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 25
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 25

Zum Aufstieg litt die Zeit kein längres Säumen:
Die Sonne musste schon den Mittagskreis
Dem Stier, die Nacht dem Skorpione räumen.

Wie nichts von Aufenthalt der Läufer weiß,
Nur vorwärts eilt, was auch am Weg erscheine -
Sein A u f t r a g hält ihm nur den Eifer heiß -

So klommen im zerklüfteten Gesteine
Wir nacheinander, weil vom Weg beengt
Es sich verbot, dass sich ein Paar vereine.

Und wie der junge Storch die Flügel schwenkt,
Den ersten Flugversuch vom Nest zu wagen,
Doch sich, der Kraft misstrauend, wieder senkt:

So stieg und sank in mir die Lust, zu fragen;
Doch eh ich noch zum Sprechen mich ermannte,
Las mir, was auf dem Herzen ich getragen,

Vom Mund der gute Vater ab und wandte
Im Gehen sich und sprach: »Schieß ab den Bogen,
Dran sich der Strang schon bis zum Drücker spannte.«

So ward ich vom Vertrauen nicht betrogen
Und sprach: »Wie kann ein Körperloser magern,
Wo ihn der Trieb zur Nahrung nie bewogen?«

Er sprach: »Gedächtest du, wie Meleagern
Des Holzes Lodern, fern von ihm, verzehrte,
Du zähltest nicht zu den leichtfertgen Fragern.

Und wenn dein Sinn sich auf den Spiegel kehrte,
Der Blick dir und Bewegung zeigt im Bild,
Es brauchte keines Worts, das dich belehrte!

Doch dass sich voll der Seelendurst dir stillt,
Bitt ich Freund Statius hier; Balsam zu gießen
In deine Wunde ist er gern gewillt.« -

»Soll ich in deinem Beisein ihm erschließen
Des Ewgen Werk,« sprach er, »entschuldige mich;
Wo d u befiehlst, darf m i c h es nicht verdrießen.«

Darauf begann er: »Wenn dein Geist in sich
Mein Wort aufsaugt, den Sinn betrachtet weise,
Das W i e wird sich entschleiern dann für dich.

Das beste Blut, das nicht die Adernkreise
Auftrinken - sorgsam bleibt’ s verwahrt als Saft,
Wie man als Vorrat aufhebt eine Speise.

Vom Herzen aus erhält es Bildungskraft
Für unsre Glieder, wie es denn - im Leibe
Wirksam verteilt - auch andre Formen schafft.

Zum Orte sinkt (der ungenannt hier bleibe)
Das Blut, zwiefach-geläutert, träufelt dann
In andrer Form zum andern Blut im Weibe.

Und eines nimmt das andre freudig an,
Dies duldend, jenes handelnd, wie es innen
Im Herzen Trieb und Bildungsdrang gewann.

Vereinigt will ihr Wirken nun beginnen:
Der Keim verdichtet sich, zeugt junges Leben,
Nachdem der Stoff sich formte durch Gerinnen.

Die Tatkraft muss der Seele Anstoß geben
Wie einer Pflanze - mit dem Unterschied,
Dass diese fertig, jene noch muss streben!

Nun regt sich’ s, fühlt, entwickelt Glied für Glied,
Dem Seeschwamm gleich - und ein Organ wächst sacht
Für jede Kraft, das seinen Dienst versieht. -

Nun siehst du, wie hier wirkt verborgne Macht,
Die im Erzeugerherzen schon für’ s Künftige,
Mein Sohn, so weise alles vorbedacht!

Doch wie zum Menschen wird das unvernünftige
Halbtier - das siehst du nicht! - In dieser Sphäre
Verirrte sich selbst der in Weisheit Zünftige!

Er lehrt: gesondert von der Seele wäre
Die menschliche Vernunft, weil kein Organ
Die Äußerungen der Vernunft erkläre.

Horch auf die Wahrheit! meide diesen Wahn!
Und wisse, dass sobald im Embryone
Die Gliederung des Hirns ist abgetan,

So reicht der Schöpfer selbst, e r f r e u t , die Krone
Dem Kunstwerk der Natur, indem sein Geist
Ihm Geist einhaucht, dass selbst er darin wohne.

Er bildet, was er feurig an sich reißt,
Verschmilzt die Kraft mit seinem eignen Leben,
Bis e i n e Seele lebt und webt und kreist.

Und um ein treffend Gleichnis dir zu geben:
Gedenke, wie den edeln Saft des Weines
Die Sonne kelternd kocht im Holz der Reben!

Und wenn’ s der Lachesis gebricht des Leines,
Macht sich die Seele frei und trägt von hinnen
Im Keim Derbmenschliches und Göttlichreines.

Gedächtnis, Wille und Verstand gewinnen
An Kraft und Schärfe jetzt in höherm Grade,
Indes die niedern Kräfte stumm verrinnen;

Und ohne Rast an eines der Gestade
Fällt wunderbar von selbst die Seele nieder,
Und dort erst wird sie kundig ihrer Pfade.

Hält sie die Grenze eines Ortes wieder,
Dann strahlt die Bildungskraft neu um sie her
Nach Art und Weise der lebendigen Glieder.

Denn wie am Horizont, vom Regen schwer,
Im Sonnenwiderschein sich wölbt der Bogen,
Der siebenfarbge, durch der Lüfte Meer,

So nimmt des Äthers nachbarliches Wogen
Die Form an, die auf sie die Seele prägt
Durch innre Kraft, dort, wo sie hingezogen.

Und wie dem Brandherd, den man weiterträgt,,
Die Einzelflamme folgt, wird nie sich trennen
Die Form vom Geist, der sie in Bande schlägt.

Drum wird die Seele sichtbar - und wir nennen
Sie Schatten - und so bilden sich in ihr
Organe, die das Auge kann erkennen.

Und darum sprechen, darum lachen wir,
Daher entstehn die Tränen hier und Klagen,
Die du wohl hörtest längs dem Berge hier.

Und je nachdem wir Lust und Unlust tragen,
Abscheu und Sehnsucht, formt sich unser Schatten -
Nun wirst du deines Zweifels dich entschlagen.«

Zur letzten Marter ging der Weg vonstatten,
Und aufwärts stiegen wir, stets rechter Hand,
Als wir schon eine neue Sorge hatten:

Denn sieh: Sprühflammen speit die Felsenwand!
Zwar wirft ein Sturm von unten her die Lohe
Zurück - doch frei bleibt nur ein schmaler Rand,

Den einzeln wir durchschreiten müssen! - Hohe
Züngelnde Flammen links - und rechts ist füglich
Gefahr, dass ich hinabzustürzen drohe!

Da tröstet mich Virgil schon: »Hier muss klüglich
Die Vorsicht straff im Zaum die Augen zwingen,
Leicht tritt man fehl - denn jeder Schritt ist trüglich.« -

»Gott größter Gnade!« hört ich’ s plötzlich singen
Aus dieses Brandes mächtgem Flackerwehen,
Dass mir trotzdem dahin die Augen gingen.

Da sah ich Geister durch die Flammen gehen;
Und meinen Schritt und ihren wechselweise
Betrachtend, ging ich bald und blieb bald stehen.

Nach dem Gesange scholl es aus dem Kreise:
»Ich weiß von keinem Mann« - dann wieder klang
Der erste Hymnus, doch gedämpft und leise.

Und wieder riefen sie: »Zum Walde drang
Diana, um Callisto zu verjagen,
Weil die Verliebte Jupiter umschlang.«

Dann hört ich singen sie, dann rühmend sagen
Von keuschen Frauen und getreuen Gatten,
Die tugendsam das Eheband getragen.

Solch frommes Werk wird, ohne zu ermatten,
Geübt, solang die Flammen sie umfließen. -
Hilft solcher Eifer, solche Kost den Schatten,

Wird sich auch dir die letzte Wunde schließen!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 26
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 26

Indem wir, einer hinterm andern, gingen,
Sprach warnend dann und wann mein treu Geleite:
»Merk auf! lass meinen Rat dir Nutzen bringen!« -

Die Sonne traf mir voll die rechte Seite
Und wandelte zum Silberozean
Das tiefe Blau der abendlichen Weite.

Doch dunkelroter brannte auf die Bahn
Das Licht durch meinen Schatten, dass viel Seelen
Dies Wunder staunend im Vorbeigehn sahn.

Sie mochten ihr Verwundern auch nicht hehlen
Und nahmen darum Anlass gern zum Worte
Und murmelten: »Dem muss der Scheinleib fehlen.«

Dann traten sie so dicht zur Wegesborte
Und mir so nah als möglich, ohne sich
Jedoch zu trennen von dem Flammenorte.

»Der du als Letzter gehst, weil Ehrfurcht dich
Zurückhält, Trägheit nicht, - o mach gelinder
Durch deine Auskunft Glut und Durst für mich!

Und diese alle sind gleich mir nicht minder
Begierig deiner Antwort, als im Brand
Der Wüste lechzt nach kühlem Quell der Inder.

Sag, wie geschieht’ s, dass du gleich einer Wand
Den Lichtstrahl fängst, als ob dein Körper heuer
Noch nicht vom Netz des Todes wär umspannt?«

So sprach hier einer. Und dem Geist im Feuer
War ich schon willens, Antwort zu erteilen,
Da hielt mich ab ein neues Abenteuer:

Ich sah ein andres Volk entgegeneilen
Dem ersten in der Loderglut der Brände;
Dies zwang mich zu betrachtendem Verweilen.

Sie küssten sich und drückten sich die Hände
Mit Innigkeit, wobei sie kurz sich fassten,
Als bangten sie, dass bald die Freude schwände.

So sieht man mit den Fühlern sich betasten
Ameisen wohl, als ob sie fragten leise:
Wie geht’ s, wie steht’ s? und wimmelnd weiterhasten.

Als sie sich nun begrüßt in Freundschaftsweise,
Und eh sie traten aus der Feuertaufe,
Erschollen Rufe aus dem Doppelkreise:

»Sodom! Gomorra!!« schrie der eine Haufe,
Der andre: »Kuh ward die Pasiphae, (Doppelpunkt auf e in Pasiphae)
Dass ihrer Geilheit Trug den Stier erkaufe!«

Wie Kraniche teils zum Riphäer Schnee,
Teils nach der Wüste flüchten, weil die einen
Die Wärme fliehn, die andern Wintersweh -

So sah ich hier die erste Schar erscheinen,
Die andre fortziehn, teils sich durch Gesänge
Entsühnend, teils durch Losungswort und Weinen.

So stand vor mir denn wiederum die Menge,
Die mich schon einmal bittend angegangen,
Und horchend, lauschend sah ich ihr Gedränge,

Und abermals ihr brennendes Verlangen.
Drum sprach ich: »Seelen, die ihr sicher seid,
Wann es auch sei, den Frieden zu empfangen,

Nicht reif noch unreif ruht mein sterblich Kleid
Im Jenseits - nein, ich geh auf diesen Wegen
Mit meiner ganzen warmen Menschlichkeit!

Durch eure Welt dring ich dem Licht entgegen,
Wo Gnade mir ein Himmelsweib bereitet,
Dort oben meine Blindheit abzulegen.

Doch bei dem heißen Wunsche, der euch leitet,
Bald jenes Wonnehimmels Frucht zu pflücken,
Der endlos sich in Liebesfülle weitet,

Sagt mir, um meinen Sang damit zu schmücken,
Wer i h r seid und wer j e n e , die in Scharen
Soeben erst euch zugewandt den Rücken?«

So steht der Älpler staunend, unerfahren,
Wenn ihm, der sprachlos gafft, als neu und fremd
Die Wunder einer Stadt sich offenbaren.

Wie hier im Geisterkreis, von Schreck beklemmt,
Der Würdge stand; doch war es bald verwunden,
Weil Schrecken denn die Würde niemals hemmt!

So sprach er dann, dem ich zu Dank verbunden:
»Heil dir! dass du Erfahrung als Gewinn
Für’ s bessre Sein an unserm Strand gefunden!

Die uns verließen, sündigten darin,
Wofür man im Triumph, wie sich’ s gebührte,
Dem Cäsar spöttisch zurief: ‚Königin!’

Drum, ehe sie der Weg vondannen führte,
Vernahmst du sie sich schmähn als Sodomiten,
Damit die Scham den Brand der Reue schürte.

Wir aber büßen als Hermaphroditen;
Unmaß hat uns zur Tiernatur erniedert,
Missachtend, was Moral und Recht gebieten.

Drum müssen wir beim Abschied, angewidert
Von eigner Schmach, d e s Weibes Namen künden,
Das sich vervieht, von Viehgestalt umgliedert!

Nun kennst du Art und Strafe unsrer Sünden;
Dass ich dir keinen nenne, lass mich dir
Mit Unkenntnis und knapper Zeit begründen.

Ich selber, wenn du danach zeigst Begier,
Bin Guinicelli und, weil ich bereute
Vorm Tode, läutre ich bereits mich hier!«

Wie jene Mutter, als dem Gram zur Beute
Lykurgus fiel, den Söhnen freudig tat,
Hätt ich’ s gemacht, wenn ich die Glut nicht scheute,

Als hier das teure Vorbild mir genaht,
Der zarter süßer Reime Kunst verstanden,
In dessen Spur manch bessrer Meister trat.

Nichts hörend, sehend, ganz in seinen Banden,
Schritt ich nachdenklich hin und ohne Laut,
Dass wir nur durch die Glut getrennt uns fanden.

Nachdem sein Anblick lange mich erbaut,
Verschwor ich mich, ihm jeden Dienst zu leihen,
Mit Worten, denen auch ein Fremder traut.

»Du lässt mir soviel Liebes angedeihen,«
Sprach er, »dass deines Bildes lichte Spur
Nicht Lethe tilgen könnte noch entweihen.

Doch sprich, wenn deine Lippe Wahrheit schwur,
Warum so warm dir’ s strömt aus Herzensgrunde
Und mir soviel Verehrung widerfuhr?«

Und ich: »Es ist das Lied aus deinem Munde!
Die Tinte, die es hinschrieb, wird man loben,
Solang dein Lied lebt auf dem Erdenrunde!« -

»Ach, Bruder, der da wandelt weiter oben,«
Sprach er, den Geist mir zeigend mit dem Finger,
»Gab in der Sprachkunst bessre Schmiedeproben.

Er ward als Romancier und Minnesinger
Besiegt von keinem! Lass die Toren schrein,
Dass Gerauld wär der feinre Formenzwinger!

Sie trauen dem Gerücht, dem äußern Schein
Und fällen, der Vernunft und Kunst zum Hohne,
Vorschnellen Spruch, der ungerecht muss sein.

So priesen auch die Alten den Guittone,
Den blinder Lober Lobspruch hochgeschraubt,
Bis bessrer Wahrheit doch verblieb die Krone. -

Doch wenn so hohes Vorrecht dir erlaubt,
Du Glücklicher, das Kloster zu betreten,
Wo Christus herrscht, als des Kapitels Haupt -

So magst du mir ein Vaterunser beten,
Soviel uns nottun mag in dieser Welt,
Wo ausgeschlossen sündges Übertreten.«

Drauf sah ich - um dem Nachbar wohl das Feld
Zu räumen - Guido in die Flammen gleiten,
Wie sich ein Fisch zum Grund des Teiches schnellt.

Doch nähertrat ich nun zu jenem zweiten,
Beteuernd ihm, dass seines Namens wegen
Mein Herz ihm Frohwillkommen möcht bereiten;

Da kam sein Freimut freundlich mir entgegen:
»Beglückt, dass euer Wunsch so artig töne,
Ziemt sich’ s mir nicht, auf’ s Schweigen mich zu legen:

Arnauld ist’ s, der hier singt mit Klaggestöhne!
Beugt mich Erinnrung sündger Erdenzeit,
Hebt Hoffnung auf den Tag mich, der mich kröne.

Drum bitt ich euch bei der Barmherzigkeit,
Die euch zum Lichte leitet ungepeinigt,
Gedenkt, zu lindern dort mein Herzeleid.« -

Er sprach’ s, ins Feuer tauchend, das sie reinigt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 27
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 27

Dort, wo ihr Schöpfer einst am Kreuz geblutet,
Verjüngt die Sonne sich im ersten Strahle,
Die Wage leuchtet, wo der Ebro flutet,

Der Mittag brütet schwül im Gangestale
Und hier wird’ s abendlich. - Und sieh! da stand
Der Freudenbote aus dem Himmelssaale

Vor uns, und hinter ihm der Flammenbrand,
Und ließ Beati mundo corde klingen,
Dass es in mir lebendgen Nachhall fand.

Dann rief er: »Eher gibt’ s kein Weiterdringen,
Als euch die Flamme biss! drum tretet ein
Und überhört nicht, was sie jenseits singen!«

Er sprach’ s. Und näher trat ich mit den zwein,
Doch so von Furcht beklommen, als empfände
Lebendgen Leibs ich das Begrabensein.

Ich wand mich voller Schreck und rang die Hände,
Denn mein Erinnern glaubte neu zu sehen
Zuckende Leiber in der Glut der Brände.

Virgil und Statius kam, mir beizustehen,
Und tröstend sprach Virgil: »Mein Sohn, zu Qualen
Kannst du hier wohl, doch nicht zum Tode gehen!

Bedenk, bedenk: wie ich zu vielen Malen
Dich schützte! - Ließ ich dich auf Geryon fahren,
Was werd ich tun so nahe Gottes Strahlen?

Dir würde diese Glut in tausend Jahren,
Wie lodernd auch die Flammen dich umschlügen,
Versengen noch nicht eins von deinen Haaren.

Und glaubst du, dass mein Wort doch könne trügen,
Tritt dreist heran: - an deines Kleides Saum
Muss dir die Feuerprobe dann genügen.

Drum komm! und gib der Furcht nicht länger Raum!
Hindurchgeschritten durch das Glutgeranke!« -
Doch ich, nicht fühlend des Gewissens Zaum,

Stand starr. Und als er sah, dass ich noch schwanke,
»Von Beatricen,« rief er vorwurfsvoll,
»Trennt dich, mein Sohn, nur diese eine Schranke!« -

Wie Pyramus, da Thisbes Name scholl,
Gebrochnen Auges aufsah zu der Teuern,
Als auf den weißen Maulbeer Scharlach quoll,

So - meiner eigensinngen Furcht zu steuern -
Trat ich zum Meister, als i h r Name mir
Ins Ohr drang, der mich ewig wird befeuern.

Kopfschüttelnd sprach er: »Bleiben wir nun hier?«
Und lächelte wie über einen Knaben,
Zähmt seinen Trotz zum Apfel die Begier. -

Ich musste, als wir uns zur Glut begaben,
Dem Meister folgen, um den Statius,
Der uns erst trennte, hinter mir zu haben.

Als ich darin war, hätt ich’ s als Genuss
Empfunden, in geschmolznem Glas zu baden:
So übermäßig war der Gluterguss!

Der teure Freund - mit Trost mich auf den Pfaden
Zu stärken - nur von Beatricen sprach:
»Ich seh ihr Auge schon uns freundlich laden!« -

Wir gingen lieblichem Gesange nach,
Der Führung gab von jenseits unsern Wegen,
Bis wo der letzte Sims den Hang durchbrach. -

»Kommt, Gotterwählte!« klang es uns entgegen
Aus einem Glanzmeer, das mich so geblendet,
Dass ich mein Lid auf’s Auge musste legen.

Und wieder scholl’ s: »Der Abend kommt! Es endet
Der Sonne Lauf, beschleunigt euern Schritt,
Eh sich der Westen schwärzt, der Licht euch spendet!« -

Die Felsentreppe s o den Hang durchschnitt,
Dass immer vor mir her mein eigner Schatten,
Vom blassen Sonnenlicht gezeichnet, glitt.

Als wenig Stufen wir erschritten hatten,
Bemerkten wir am Schatten, der zerrann,
Dass sich der Tag gebettet auf die Matten.

Drum nahm - eh noch der Horizont begann,
Einförmig zu bekleiden jede Stätte,
Eh Nacht ringsum die grauen Schleier spann, -

Zum Bett sich jeder einer Stufe Glätte;
Nur unsre K r a f t brach an des Bergs Beschwerde,
Nicht dass zum Aufstieg L u s t gemangelt hätte!

Wie wiederkäuend eine Ziegenherde,
Die wild erst lief und sprang, mit sattem Brüten
Behaglich liegt im Schatten auf der Erde,

Wenn schon die Höhen mittagsrot erglühten,
Indes auf seinen Stab sich stützt der treue,
Bedächtge Hirt, sie wachsam zu behüten,

Der auch gewohnt, dass er sich nachts nicht scheue,
Die Herde zu bewachen auf den Weiden,
Dass sie kein Raubtier schrecke und zerstreue -

So kam ich mir hier vor mit jenen beiden:
Ich war die Geis, die Hirten waren s i e ,
Und rings die Höhn, die Aussicht abzuschneiden.

Zum Himmel wenig Durchblick nur verlieh
Die Kluft, doch in dem Ausschnitt sah ich Sterne,
So leuchtendgroß wie anderorten nie!

Bei solchem Brüten in die tiefe Ferne
Bezwang der Schlaf mich: und im Schlafe stellt
Sich oft uns schon die Zukunft dar im Kerne. -

Vielleicht, dass östlich schon vom Himmelszelt
Den Berg der erste Strahl Cytherens schmückte,
D e s Sterns, den stete Liebesglut erhellt;

Zu dieser Stunde mich ein Traum entrückte:
Ich sah ein junges, schönes Weib vor mir
Im Wiesengrün, das singend Blumen pflückte.

Die sprach: »Es wisse, wer voll Wissbegier,
Dass ich, die emsig rührt die schönen Hände
Zu einem Kranz aus bunter Blumenzier,

Die Lea bin, die gern vorm Spiegel stände
Mit solchem Schmuck; doch Schwester Rahel rückt
Von i h r e m nicht, dass sie sich schön drin fände.

S i e schaut ihr leuchtend Augenpaar entzückt,
Wie mich’ s erfreut, mit Händen mich zu schmücken:
Das S c h a u e n sie, das S c h a f f e n mich beglückt.«

Des Vortags Frühlicht - um so mehr Entzücken
Dem Wandrer bringend, als je näher dann
Zum eignen Dach ihn seine Schritte rücken -

Vertrieb den Dämmer, und mein Schlaf zerrann,
Als ich im Aufstehn sah, wie schon zum Steigen
Sich schickten die zwei großen Meister an.

»Die süße Frucht, danach auf soviel Zweigen
Voll Eifers forscht der Sterblichen Begier,
Bringt deinen Hunger heute noch zum Schweigen.«

So holden Ausspruch tat Virgil zu mir -
Und nie sah ich mir größre Freuden quillen
Aus einem Festgeschenk als diesem hier.

Ich fühlte Kraft von tausendfachem Willen
Nach oben, dass bei jedem Schritt zum Flug
Die Schwinge wuchs in Sehnsucht, nicht zu stillen,

Und als sie mich zur höchsten Stufe trug,
Wo ich rückblickend oben stand mit ihnen,
Sah mich Virgil an liebevoll und klug

Und sprach: »Die e w g e Glut hat dir geschienen,
Und zeitliche! Jetzt wandelst du in Auen,
Wo meine Kenntnis dir nicht mehr kann dienen.

Mit Kunst und Weisheit war ich voll Vertrauen
Dein Führer - nimm die K r a f t jetzt zum Genossen!
Kein Engpass macht, kein Steilpfad mehr dir Grauen,

Sieh deine Stirn von Sonnengold umflossen,
Sieh Gras und Blumen, Strauch und Bäume stehen,
Die ungesät hier eigner Kraft entsprossen!

Bis dich erfreut die schönen Augen sehen,
Die mich entsandt zu dir mit hellen Zähren,
Magst du hier ruhn, magst wandelnd dich ergehen.

Mein Wink, mein Wort kann dir nichts mehr erklären,
Frei, grad, gesund sind deines Willens Zeichen,
Und falsch wär’ s, ihm nicht Folge zu gewähren -

Drum lass mich Krone dir und Mitra reichen!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 28
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 28

Da ich umsonst den Sehnsuchtsdrang bekämpfte,
Durch Gottes schönen und lebendgen Wald,
Der dichtbelaubt des Morgens Frühlicht dämpfte,

Dahinzustreichen - schritt ich alsobald
Vom Waldsaum nach und nach feldein und machte
Auf einer duftgewürzten Wiese Halt.

Ich fühlte Lufthauch, ohne Wandel sachte
Und lieblich-lächelnd, meine Stirn umspielen,
Als ob des Lenzes Flügel ihn entfachte,

Dass ich das Laubwerk sich auf schwanken Stielen
Anmutig sah nach jener Seite neigen,
Wohin des Berges Morgenschatten fielen,

Doch ohne sich so ungestüm zu zeigen,
Dass es den Vögeln wehrte, frohen Sang
Hinabzuschmettern aus den grünen Zweigen,

Nein, jubelhell ihr Morgenlied sich schwang
Dem Lichte zu, wobei im Bass begleitend
Des Waldesrauschens dunkle Harfe klang,

Als ob an Chiassis Strande leise schreitend
Der Südwind schwillt entlang dem Pinienhain,
Gibt Äolus ihn frei, den Zaum ihm weitend. -

Zum alten Wald drang ich gemächlich ein,
Der bald mich tief umschloss, dass nicht zu sehen,
Wo meines Eintritts Stelle mochte sein.

Da hemmte mich ein Bach im Weitergehen,
Der linkshin bog mit leisem Wellenschlag
Die Gräser, die an seinem Ufer stehen.

Nicht kann, als Spiegelbild vom klarsten Tag,
Irdische Flut beschämen dieses feuchte
Gewog, das bis zum Grund durchsichtig lag,

Obwohl die dunkle Flut mich dunkler deuchte,
Weil nie durchbrach den dichten Kranz der Schatten
Der Sonne Schimmer noch des Mondes Leuchte.

Mein Fuß stand still, doch meine Augen hatten
Das Flüsschen überbrückt, froh zu betrachten
Jenseits die frischen, maiengrünen Matten.

Und mir erschien - wie häufig, eh wir’ s dachten,
Ein Etwas naht, dass hingerissen schier
Wir staunend unsrer Sinne nicht mehr achten -

Ein einsam Weib, das singend nahte mir
Und emsig Blumen aus den Blumen pflückte
Auf dem verschwendrisch knospenden Revier.

»O schöne Frau, der warm das Herz durchzückte
Der Liebe Strahl - ich seh’ s dem Auge an,
Darein noch stets ihr Bild die Seele drückte -

Gefällt dir’ s,« bat ich, »so tritt mehr heran
Zum Ufersaum, dass ich mit durstgen Ohren
Aus deinem Lied den Inhalt schöpfen kann.

Die Flur hier und dein Anblick hat beschworen
Das Bild Proserpinas vor meinen Sinn,
Als sie die Mutter, die den Lenz verloren.«

Und wie beim Reigen eine Tänzerin
Geschlossnen Fußes, kaum die Sohlen hebend,
In anmutsvoller Drehung gleitet hin,

So überm rötlichgelben Teppich schwebend
Kam sie heran, jungfräulich anzusehen,
Mit Augen sittsamscheu zu Boden strebend.

Und sie erhörte gleich vollauf mein Flehen:
Sie sang ihr holdes Lied dicht am Gestade,
Dass jeder Ton mir deutlich zu verstehen.

Und als sie dorten stand, wo sich im Bade
Des klaren Bachs erfrischt das Ufergrün,
Erwies sie mir mich anzusehn die Gnade.

Es konnte kaum - als unabsichtlich-kühn
Der eignen Mutter Amor Herzweh machte, -
In hellerm Glanz der Venus Auge sprühn!

Sie stand am rechten Ufersaum und lachte,
Noch weiter pflückend Blumenschmelz und - schaum,
Die ungesät hervor dies Heilsland brachte;

Drei Schritt nur trennte uns der feuchte Raum.
Der Hellespont, den Xerxes überbrückte -
Jeder Vermessenheit noch heut ein Zaum -

Mit minderm Zorn Leanders Herz bedrückte,
Weil seine Flut von Hero ihn getrennt,
Als dieser mich, der s i e von mir entrückte.

»Ihr seid hier fremd, wie es mein Blick erkennt,
Drum wird mein Lächeln wohl an dieser Stelle,
Die man mit Recht der Menschheit Wiege nennt,

Für euch des Zweifels und des Staunens Quelle?
Das Psalmenwort: ‚Herr, du erfreuest mich’
Gibt aber eurer Einsicht bald die Helle!

Drum du, der vornean steht, sprich denn, sprich,«
So schloss sie, »willst du Weiteres erlauschen,
So frage dreist, und gern bescheid ich dich.«

»Das Wasser,« sprach ich, »und des Waldes Rauschen
Macht wanken jüngsterworbnen Glauben mir;
Gilt es, Erlerntes wieder auszutauschen?«

Und sie: »Setzt dich’ s auch in Erstaunen schier,
Es ist kein Widerspruch! - Von mir beschieden,
Fällt bald vom Auge diese Binde dir!

Das höchste Gut, mit sich in sich zufrieden,
Schuf gut den Menschen und wies diesen Ort
Zum Friedensunterpfand ihm an hienieden.

Nur eigne Schuld trieb bald ihn daraus fort,
Nur eigne Schuld hat ihm zum Tränenleben
Verwandelt harmlos Lachen, heitres Wort! -

Damit der Kampf, den unter ihm erheben
Die Ausdünstungen Wassers und der Erde,
Die gern empor zur Wärmezone streben,

Dem Menschen nicht gedeihe zur Beschwerde,
Darum ist dieser Berg so hoch gestiegen,
Dass er entrückt bleibt diesem dunstgen Herde!

Und weil im Ursprungskreislauf hier noch fliegen
Die Lüfte und solang sich ratlos drehen,
Als nichts sie zwingt, aus ihrer Bahn zu biegen,

So rührt auf diesen Höhn, die einsam stehen
In der bewegten Luft, die Schwungkraft leise
Den dichten Wald - und er muss rauschend wehen.

Und jeder Pflanze Kraft, auf solche Weise
Gereizt, beschwängert neu des Windes Schoß,
Der die empfangne Kraft verstreut im Kreise.

Den Erdenfluren fiel ein ander Los;
Wie Klima oder Boden es bedingen,
Ist andersartig Baum, Gesträuch und Moos.

Wer dies erwägt, dem wird’ s nicht seltsam klingen,
Dass wie durch Wunder Pflanzen eurer Zonen
Anscheinend ohne Samenkorn entspringen.

Und wisse: diese heiligen Regionen
Bergen für Frucht und Kraut die Samenzelle,
Wie sie bei euch mit keiner Ernte lohnen. -

Und so entströmt der Bach auch keiner Quelle,
Die Dunst ernährt und Frost in Fessel zwingt,
Nicht sinkt noch steigt der Spiegel dieser Welle;

Ihn speist ein Born, der unversiegbar springt,
Weil - was ihm durch zwei Arme geht verloren -
Der Wille Gottes immer wiederbringt.

Und jedem Arm ist eine Kraft erkoren:
Hier wäscht sich aller Schuld Gedächtnis fort,
Dort wird Gedächtnis guter Tat geboren.

Der Strom tauscht seinen Namen mit dem Ort:
Wenn er sich h i e r als Letheflut erstreckte,
Heißt er Eunoë d r ü b e n ; aber dort

Wie hier ist’ s nötig, dass man davon schmeckte,
Wenn wirken soll sein Wohlgeschmack: nur dann
Stillt sich der Durst! - Dass ich dir mehr entdeckte,

Wär nötig nicht, doch füg ich dies noch an
Und hoffe, deinen Dank mir zu verdienen,
Wenn ich mehr als versprochen geben kann:

Als Vorbild ist wohl dieser Ort erschienen
Den alten Dichtern, wenn von goldner Zeit
Und Seligkeit zu lesen ist bei ihnen.

Hier spross der Menschheit, sündenfluchbefreit,
Des Lenzes Pracht in reicher Früchte Rahmen
Und des gepriesnen Nektars Lieblichkeit.«

Nach meinen Dichtern, die leis mit mir kamen,
Sah ich zurück - sie standen hinter mir
Und lächelten, als sie ihr Lob vernahmen.

Ich aber wandte mich zurück zu ihr.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 29
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 29

Als ob ihr Herz entflammt in Liebe stünde,
Ließ sie zum Schlusse den Gesang erschallen:
»Glückselig, wem vergeben seine Sünde.«

Wie eine Nymphe, einsam, durch die Hallen
Des Waldes, hier im kühlen Schatten, dort
In warmer Sonne tänzelt nach Gefallen -

So hüpfte drüben sie nach Süden fort.
Ich, meinen Schritt anpassend ihrem kleinen,
Ging nebenher stromauf am Diesseitsbord.

Nach hundert ihrer Schritte und den meinen
Das Bächlein sich nach Osten hin verlor
In scharfem Knick. Ich drang, so wollt mir’ s scheinen,

Erst wenig in der neuen Richtung vor,
Als sie zu mir das schöne Antlitz wandte:
»Jetzt, lieber Bruder, öffne Aug und Ohr!«

Und siehe da - ein Himmelsglanz entbrannte
Urplötzlich in des Waldes weiter Runde,
Als ob der Himmel einen Blitz entsandte;

Doch weil der Blitz das Kind ist der Sekunde ,
Und dieser Glanz an Stärke nur g e d i e h ,
So forschte ich im stillen nach dem Grunde.

Da tönte eine süße Melodie
In lichterfüllter Luft - und eifernd grollte
Der Eva ich, weil voller Vorwitz sie

Und sie allein vom Antlitz ziehen wollte
Den Schleier, sie! die kaum erweckt zum Leben,
Wo alle Schöpfung Gott Gehorsam zollte!

Denn trieb sie’ s nicht, den Schleier dreist zu heben,
So wären solche namenlosen Wonnen
Mir früher schon für Lebenszeit gegeben. -

Ganz von der Erstlingsseligkeit durchronnen,
Ging ich in ahnendem Erwartungsbangen,
Bald mehr zu schlürfen aus dem Freudenbronnen.

Da glänzte wie in feuerbrünstgem Prangen
Der ganze Luftraum durch der Zweige Grün,
Und deutlich hörten wir, dass Stimmen sangen. -

Hochheilge Musen! litt ich Not und Mühn,
Nachtwachen, Frost und Hunger euertwillen -
Den Lohn zu fordern, bin ich jetzt so kühn!

Den Durst durch Hippokrene mir zu stillen,
Lass deinen Chor, Urania, nicht säumen -
Soll doch Unsägliches dem Reim entquillen!

Es schien zu ähneln sieben goldnen Bäumen,
Was fern von mir in Himmelsglanz entglommen.
Doch sah ich bald, dass bei den weiten Räumen

Mein Auge etwas Falsches wahrgenommen,
Getäuscht durch Ferne, Umriss und Gestalt.
Denn als ich näher erst herangekommen,

Ließ einsichtsvolle Urteilskraft alsbald
In diesen Bäumen Leuchter mich erkennen,
Und deutlich hören, dass Hosianna schallt;

Sah das Gerät so leuchtend oben brennen,
Dass selbst in wolkenloser Mitternacht
Der Vollmond blass dagegen wär zu nennen.

Ich wandte, überwältigt von der Pracht,
Zum trefflichen Virgil um Auskunft mich,
Doch war auch er vor Staunen stumm gemacht,

Weshalb mein Auge angezogen sich
Aufs neue fühlte von den Wunderdingen,
Die wie ein Brautzug nahten feierlich.

Da hörte ich der Schönen Vorwurf klingen:
»Was starrst du die lebendgen Lichter an
Und siehst nicht, was sie im Gefolge bringen?«

Und sieh! wie hinterm Führer schritt heran
Ein Menschenstrom, in Weiß gehüllt die Glieder,
Glänzend, wie nichts hienieden glänzen kann,

Dass ich geblendet meine Blicke nieder
Zur Linken schweifen ließ, da, wo ich stand -
Und sah mein Spiegelbild im Bächlein wieder.

Drum trat ich näher, dicht zum Uferrand,
Um besser das in Ehrfurcht anzusehen,
Wovon mich schied des Baches Silberband,

Und sah die Lichter langsam vorwärts gehen,
Und sah die Luft gefärbt mit bunten Streifen,
Wie es durch Pinselstriche mag geschehen.

Sah sieben Farben ineinandergreifen,
Wie sie verflochten sind im Regenbogen
Und eingewirkt in Delias Gürtelreifen.

Wie weit indessen diese Banner flogen -
Nicht konnt ich’ s übersehn; das erste schien
Vom letzten wohl zehn Schritt entfernt zu wogen.

Und unter diesem bunten Baldachin,
Mit Lilien Stirn umkränzt und Scheitelhaar,
Sah ich zwölf Paare würdger Greise ziehn.

Dann sangen sie: »Aus Adams Töchterschar
Sei uns gepriesen, o Gebenedeite,
Und deine Schönheit jetzt und immerdar!«

Wie nun der Blumenteppich, der zur Seite
Des Bachs sich dehnt und farbig ihn begrenzt,
Von den Erwählten langsam sich befreite,

Sah ich - wie Stern um Stern am Himmel glänzt -
Vier Tiere wandeln hinter jenen Scharen,
Mit grünen Reisern jegliches bekränzt,

Und ausgeschmückt mit dreien Flügelpaaren,
Mit Augen jede Schwinge dichtbesetzt,
So sprühend wie sie wohl bei Argus waren.

Sie zu beschreiben, das erlass mir jetzt,
O Leser; wollt ich hier nicht sparsam schalten,
Für’ s Höchste fehlte mir die Kraft zuletzt.

Lies den Ezechiel, der sie vom kalten
Gefilde kommen sah im Traumgesicht,
Als Wolken, Wirbelwind und Gluten wallten.

So sah ich sie; doch hör ich den Bericht
Bei ihm nur von zwei Flügelpaaren klingen,
Wo doch Johannes auch von dreien spricht.

Ich sah sie einen Siegeswagen bringen,
Der auf zwei Rädern fuhr, von einem Greifen
Gezogen, der indes mit seinen Schwingen

Nicht unterbrach die Siebenzahl der Streifen,
Dass drei ich sah an jeder Seite stehen,
Den mittelsten vom Haupt an aufwärts-schweifen.

Die Flügel sah ich hoch zum Himmel gehen,
Aus eitelm Golde war der Vogelrumpf,
Rot war und weiß das andre anzusehen.

Für Scipios nicht, noch für Augusts Triumph
Hat Rom gestiftet einen schönern Wagen,
Apolls war selbst an Glanz dagegen stumpf,

Der Sonnenwagen, den der Blitz zerschlagen,
Als Zeus, weil fromm die arme Erde bat,
Geheimnisvoll gerecht war ihren Klagen.

Drei Jungfraun schlangen vor dem rechten Rad
Den Reigentanz; so hochrot glänzte eine,
Dass man sie kaum erkannt im Feuerbad.

Der zweiten Körper glänzte licht im Scheine
Grüner Smaragden - und es schien die dritte
Zu übertreffen frischen Schneefalls Reine.

Bald tanzte Rot, bald Weiß nach Führersitte,
Voran, und Rot schritt singend durch die Auen
Jetzt in gemessnem, jetzt in schnellem Schritte.

In Purpurkleidern schritten links vier Frauen,
Die tanzten sorgsam wie die e i n e sang,
Die dreigeaugt als Führerin zu schauen.

Auf das, was sich so farbenbunt verschlang,
Folgten verschiedner Tracht zwei ernste Greise,
Bewusst von Haltung, würdevoll im Gang.

Der eine stammte wohl vom Schülerkreise
Des Hippokrat, den die Natur belehrte,
Wie er die Menschheit zur Gesundheit weise.

Aufs Gegenteil bedacht schien mit dem Schwerte
Der zweite - Funken schoss der Stahl im Lichte,
Dass ich am andern Strand erschreckt mich kehrte.

Vier weitre folgten, Demutvolle, Schlichte,
Als letzter kam ein einzler Greis gegangen,
Schlafwandelnd, doch mit sinnigem Gesichte.

Im selben Weiß sah ich die sieben prangen
Wie jene vierundzwanzig Abgesandte,
Nur dass nicht Lilien ihre Stirn umschlangen,

Statt deren man hier Rosenflor verwandte
Und Purpurblumen: aus der Ferne schwur
Man leicht, dass jede Stirn in Feuer brannte.

Als gegenüber mir der Wagen fuhr,
Erscholl ein Donnerkrach, bei dessen Schalle
Der Festzug innehielt in seiner Spur;

Und um die vordern Banner standen alle!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 30
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 30

Des ersten Himmels Siebensterngefunkel
Stand still: d i e s kennt nicht Auf- und Niedergehen,
Hüllt vor dem Schuldigen sich nur in Dunkel

Und lehrt jedweden seine Pflicht verstehen;
So lehrt genau der kleine Bär hienieden
Den Steuermann zum sichern Hafen drehen.

Das Volk, das von dem Siebenlicht geschieden
Und hinterm Greifen herschritt, wandte sich
Zum Wagen freudig wie zu seinem Frieden.

Und wie ein Himmelsbote feierlich
Sang einer dreimal zu der andern Singen:
»Sponsa de Libano, komm, zeige dich!«

Wie einst zum jüngsten Aufgebot sich schwingen
Die Seligen werden, die in Gräbern lagen,
Dass laut ihr Halleluja wird erklingen,

So hoben hundert um den Gotteswagen
Von Dienern sich ad vocem tanti senis
Und Boten , die das ewige Leben tragen.

Hier scholl es »benedictus tu qui venis«,
Mit Blumen Weg und Wagen überdeckend,
Dort »manibus o date lilia plenis«. -

Oft sah ich schon, Auroren freundlich weckend,
Den Osten angehaucht von Rosengluten,
Und rings das Himmelsblau sich klar erstreckend,

Indem sich hob die Sonne aus den Fluten,
Zu mattem Glanz gedämpft von Dunstgeweben,
Dass ungestraft die Augen auf ihr ruhten -

So hier: von Blumenwolken rings umgeben,
Aus Engelshand geworfen und im Tanze
Zu Boden fallend, sah ein Weib ich schweben

Im weißen Schleier unterm Ölblattkranze,
Im grünen Mantel, drunter das Gewand
Erglühte mit lebendgem Feuerglanze!

Und durch mein Herz, dem manches Jahr entschwand,
Seitdem wie einst es ahnungsvoll und bebend
Vor ihrem Antlitz süße Frucht empfand,

Eh sie das Auge wahrnimmt, quillt belebend
Durch’ s Herz mir, aus geheimer Kraft entflossen,
Die alte Liebe wieder, Wunder webend!

Sobald sich strahlend meinem Blick erschlossen
Die hohe Kraft, die frühe schon dem Knaben
So manchen Schmerzenspfeil ins Herz geschossen,

Kehr ich mich um - wie’ s Kinder an sich haben,
Die, wenn sie Leid drückt, oder ein Phantom
Erschreckt, sich gern am Trost der Mutter laben -

Um zu Virgil zu sprechen: »Kein Atom
Durchkreist mein Blut, das sich nicht bang verzehre;
Denn neu umwogt mich alter Gluten Strom« -

Da trifft mein suchend Auge rings ins Leere:
Virgil ist fort, mein Vater, Trost und Licht,
Virgil, den mir zum Heil gesandt die Hehre!

Was Eva uns verscherzte, langte nicht,
Dass mir’ s mit Zähren neu zu trüben wehrte
Mein jüngst im Tau geklärtes Angesicht. -

»Dante! ob auch Virgil von dir sich kehrte,
O weine nicht - n o c h nicht! Du wirst noch weinen,«
Sprach sie, »verwundet erst von anderm Schwerte!«

Gleichwie der Admiral pflegt zu erscheinen
Auf hochgebautem Schiff, um hier und dort
Zu mustern, anzufeuern all die Seinen,

So: thronend auf des Wagens linkem Bord,
Sah ich - als ich mich bei dem Namen wandte,
Dem hier der Zwang nur gönnt bescheidnen Ort -

Das Weib, das mir vorhin der ausgespannte
Streublumenfächer kaum zu sehn erlaubte,
Wie sie von drüben her mir Blicke sandte,

Ob mir der Schleier, der ihr floss vom Haupte,
Wie auch der Pallas Laub in ihren Haaren
Des Anblicks Vollgenuss noch immer raubte.

Und königlich, doch streng noch von Gebaren,
Begann sie mild, gleich dem, der bis zuletzt
Die härtern Worte klug weiß aufzusparen:

»Ich bin’ s! bin Beatrice - glaubst du’ s jetzt?
War’ s lohnend nun, den Heilsberg zu ersteigen,
Der alles Menschenglück zum Ziel sich setzt?«

Ich musste meine Stirn zum Bache neigen,
Doch wandt ich zu den Gräsern mich geschwinde,
Weil die kein schamrot Antlitz spiegelnd zeigen.

So streng erscheint die Mutter wohl dem Kinde,
Doch wer gerecht Erbarmen will genießen,
Weiß, dass er herben Vorgeschmack empfinde.

Sie schwieg, worauf die Engel schallen ließen
Den Psalm »In te speravi domine«,
Um ihn bei pedes meos zu beschließen.

Wie auf Italiens Rückgrat - schickt die See
Slawoniens scharfen Sturm - an jedem Stamme
Zu Eisgebilden friert der lockre Schnee,

Doch sickernd dann zerfällt zu weichem Schlamme,
Weil er nicht kann im Hauch der Syrten währen,
Der ihn wie Wachs lässt träufeln an der Flamme:

So stand ich ohne Seufzer, ohne Zähren,
Bevor die Engel sangen, die da singen
Im Einklang mit der Harmonie der Sphären.

So herzerweichend aber hört ich klingen,
So mitleidweckend tönen ihren Sang,
Als rief’ s: Warum ihn in Zerknirschung bringen?

Da schmolz das Eis, das angstvoll mich umschlang,
Zu Hauch und Wasser, bis mit Seufzerklagen
Und Tränen mir des Herzens Fessel sprang.

Sie stand erhoben noch in ihrem Wagen,
Zum Chor der Selgen wendend ihr Gesicht,
Und sprach: »In ewig wandellosen Tagen

Rollt euch der Zeitenstrom dahin im Licht,
So dass kein Schlaf, die Spende irdscher Nächte,
Den Gang der Weltenuhr euch unterbricht.

Drum ziemt sich’ s, dass ich dessen wohl gedächte,
Der drüben weint; klar soll mein Wort ihm sein,
Dass es ihm Schuld und Schmerz ins Gleichmaß brächte.

Nicht mit der ewgen Kreise Kraft allein,
Die jeden Samen weiß zum Ziel zu lenken,
Wie es die Gunst der Sterne lässt gedeihn,

Nein, auch mit Gottes gütigen Geschenken -
Die aus so dichtverhüllten Wolken schweben,
Dass sie erforscht kein Auge und kein Denken -

War d e r begabt in seinem Kindheitsleben,
Um früh und wunderbar durch gute Taten
Sich zu bewähren und emporzuheben.

Doch um so schneller werden böse Saaten
Entkeimen und je üppiger gedeihn,
Je kräftger ungepflegtes Feld geraten.

Mein Antlitz konnte Kraft zuerst ihm leihn,
Aus meinen jungen Augen trank er Helle,
Da durften sie ihm sichre Führer sein;

Doch als ich an des zweiten Alters Schwelle
Das Leben tauschte, hat er sich verschwiegen
Entzogen mir, dass andrer Born ihm quelle.

Als ich vom Fleisch zum Geist emporgestiegen,
An Schönheit zunahm und Vollkommenheiten,
Schien seine Liebe langsam zu versiegen.

Des Irrtums Bahnen sah ich ihn beschreiten,
Sah ihn Altäre falschen Götzen bauen,
Die nie gewährten, was sie prophezeiten.

Anfänglich ließ ich ihn Visionen schauen,
Ihn wachend oder träumend zu entketten,
Doch er rechtfertigte nicht mein Vertrauen.

Da konnte eins nur den Betörten retten,
Eh er dem Heile gänzlich ging verloren:
Ihn zu geleiten zu der Hölle Stätten!

Selbst stand ich vor des Totenreiches Toren;
Den Dichter, der ihn leitete nach oben,
Hab ich mit Tränen zu dem Dienst beschworen.

Verletzung wär’ s von Gottes Ratschluss droben,
Wenn ihr ihn Lethe überschreiten ließet
Zur Himmelskost, eh ich den Zoll erhoben

Der Reue, die in Tränen sich ergießet!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 31
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 31

»Und nun zu dir da drüben!« - Also wandte
Sie jetzt des Wortes Spitze gegen mich,
Der, ach! die Schneide schon als scharf erkannte -

»Du, jenseits dieses heilgen Stromes, sprich:
Sind unbegründet meine schweren Klagen?
Zum Schuldbekenntnis dann ermanne dich.«

Ich fühlte so zerknirscht mich und zerschlagen,
Dass meine Stimme nicht als Laut zur Kehle
Den Weg sich brach - kein Wörtchen konnt ich sagen.

Sie wartet. Dann: »Was fesselt deine Seele?
Was sinnst du? Noch in Lethes Fluten tauchte
Nicht die Erinnrung tilgend deine Fehle!«

Furcht und Verwirrung pressten mich. Ich hauchte
Solch tonlos J a , dass es nur der erkannte,
Der seine Augen statt des Ohres brauchte.

Und wie die Armbrust, die zu straff gespannte,
Beim Schuss zerreißt die Sehne samt dem Schaft,
Nachdem sie matt zum Ziel den Pfeil entsandte,

So quoll - befreit aus allzu enger Haft -
Ein Strom aus mir von Seufzern und von Klagen,
Dass meiner Stimme ganz gebrach die Kraft.

»Die Sehnsucht, die dein Herz nach mir getragen,«
Sprach sie, »die j e n e s Gut dich zu erringen
Gelehrt, wie man kein bessres kann erjagen,

Hat deinem Fuß sie Fallen oder Schlingen
Gelegt, dass dir so schnell der Mut entsank,
Vorwärts und aufwärts hoffnungvoll zu dringen?

Und was für Vorteil, Förderung und Dank
Schien leuchtend dir der andern Stirn zu schmücken,
Dass es dich treu in ihre Nähe zwang?«

Kann dem Zerknirschten eine Antwort glücken?
Die Stimme brach, ein schwerer Seufzer flog,
Eh mir’ s gelang, im Wort mich auszudrücken.

Weinend sprach ich: »Die Gegenwart betrog
Mit ihrer Lust mich, ihr ans Herz zu fliegen,
Als euer Trostanblick sich mir entzog.«

Und sie: »Wenn du geleugnet und verschwiegen,
Was du gebeichtet - offen doch und kund
Säh deine Schuld des Richters Auge liegen.

Doch beichtet sie des Sünders eigner Mund,
So kehrt bei uns, abstumpfend, sich entgegen
Der Schneide gleich des Schleifsteins rauhes Rund.

Doch kräftger brennen, deines Irrtums wegen,
Muss dich die Scham! Und dass du ganz gefeit,
Wenn dir Sirenen wieder Schlingen legen,

So säe nicht mehr Tränen voller Leid,
Vernimm, welch andrer Weg dich wohl zu trösten
Vermochte, als ich ließ die Zeitlichkeit.

Ich weiß es wohl: Natur und Künste flößten
Dir mindre Lust ein, als die schönen Glieder,
Die einst mich schmückten, nun im Staub sich lösten;

Und sank durch meinen Tod dein Glück danieder,
Das dich erhob - was hing sich dein Verlangen
So bald an niedre Erdendinge wieder?

Zeit war’ s, als du den ersten Streich empfangen,
Dich aufzuschwingen aus dem Sinnentrug,
M i r nach! die allem Erdentand entgangen.

Nicht lähmen durften dich im hohen Flug
Ein Mägdlein oder andre Eitelkeiten,
Eh dir Enttäuschung neue Wunden schlug.

Dem j u n g e n Vogel kann man wohl bereiten
Fallen und Köder oder Netz und Bogen -
Der ä l t r e flieht gewitzigt sie beizeiten!«

Wie schweigend steht ein Kind, schamüberflogen,
Gesenkten Blicks bedacht, wie auszumerzen
Durch Reue sei, was ihm die Gunst entzogen,

So stand ich - sie fuhr fort: »Geht dir zu Herzen
So tief mein W o r t schon, hebe auf den Bart,
Blick her! Noch mehr wird dich das Schauen schmerzen!«

Nicht glaub ich, dass der Eichbaum leichtrer Art
Sich lässt entwurzeln, wenn die Faust der Winde
Aus Jarba ihn erfasst auf wilder Fahrt,

Als ich auf ihr Geheiß das Kinn geschwinde
Aufhob und wohl erkannte, wie versteckt
Im Worte B a r t sich Gift für mich befinde.

Denn als ich meine Brauen aufgereckt,
Hab ich, dass all die Engelsurgestalten
Mit Blumenstreuen ruhten, gleich entdeckt.

Auch sah mein Auge, noch im Bann gehalten,
Sich Beatricen wenden nach dem Tier,
In dem als einem zwei Naturen walten.

Mehr übertraf ihr einstges Selbst sie hier,
Im Schleier thronend auf dem heilgen Sessel,
Als einst auf Erden andrer Frauen Zier.

Wie brannte da mich heiß der Reue Nessel,
Dass hassenswert ich fand die flüchtge Lust,
Die mich Verblendeten einst schlug in Fessel;

Da sank ich in die Knie, weil mir die Brust
Zu scharf der Selbsterkenntnis Zahn zernagte -
Die mir den Schmerz verhängt, i h r ist’ s bewusst!

Doch als mir’ s nach der Ohnmacht wieder tagte,
Sah ich auf mich gebeugt die S ä n g e r i n
V o m W a l d , die »Fasse mich nur« zu mir sagte.

Ich fühlte mich vom Bache bis ans Kinn
Umrauscht, sie zog mich, ohne sich zu senken,
Leicht wie ein Weberschiff mit sich dahin,

Zum selgen Gestade hinzulenken,
Von wo »asperges me« so hold mir klang,
Dass ich’ s nicht schreiben kann noch wiederdenken.

Mit ihren schönen Armen jetzt umschlang
Das Weib mein Haupt und tauchte in die Wogen
So tief es, dass sie mich zu trinken zwang.

Drauf übergab sie, aus dem Bad gezogen,
Zum Tanz den Schönen mich, die alle vier
Hold ihren Arm mir um die Schultern bogen.

»Am Himmel sind wir Sterne, Nymphen hier;
Eh Beatrice ging auf Erdenauen,
Verpflichtete man uns zu Mägden ihr.

Wir führen vor ihr Aug dich; die drei Frauen,
Die tiefer sehen, schärfen erst das deine,
Dass du den Glanz kannst ungeblendet schauen!«

So sangen sie holdselig im Vereine
Und führten mich dicht vor die Brust des Greisen,
Wo uns erwartete die Himmlischreine.

Sie sprachen: »Hier lass frei die Blicke schweifen,
Betrachte der Smaragden helle Pracht,
Draus Amors Pfeil dich einstmals sollte streifen.«

Wohl tausend Wünsche zogen, heiß-entfacht,
Zu ihrer Augen Schimmer hin die meinen -
Des Greisen hatten nur die i h r e n acht,

In deren Glanz, dem fleckenlosen, reinen,
Ich wie im Spiegel sah das Doppeltier
In zwei Gestalten ganz getrennt erscheinen.

O Leser, male mein Erstaunen dir,
Als ich des Abbilds Wandlung d o r t entdeckte
Und unverwandelt sah das Urbild h i e r !

Indem sich meine Seele, die erschreckte,
Der Kost erlabte, die den seligen Drang,
Je mehr sie sättigte, je mehr erweckte,

Sah ich die dreie von erhabnem Rang
Sich herbewegen aus der Seligen Mitte
Im Reigentanz nach himmlischem Gesang.

»O Beatrice - (Wohlklang war die Bitte) -
Dein heilig Auge lass den Dulder sehen,
Der bis hierher sich rang mit Mühsalsschritte.

Begnade ihn mit Gnade! Hör uns flehen:
Lass deiner zweiten Schönheit Strahlenquelle
Ihm durch den Schleier länger nicht entgehen.« -

O Glanz des Himmelslichts! o ewge Helle! !
Wen hat der Musendienst so bleich gemacht,
Wer trank genugsam die kastalische Welle,

Dem matt nicht schien die höchste Farbenpracht,
Soll er dich malen, wie du mir dich neigtest,
Von Himmelslust und Harmonie umlacht,

Als du entschleiert dich dem Äther zeigtest!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 32
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 32

Den Durst von zehen langen bangen Jahren
Zu löschen, hing mein Blick so fest an ihr,
Dass taub mir alle andern Sinne waren.

Und ringsum schloss sie ab wie ein Spalier
Versunkenheit - und ach! die alten Schlingen
Des heiligen Lächeln s streckten sich nach mir,

Bis mit Gewalt das Haupt zurückzubringen
Den Götterfrauen gelang an meiner Linken,
Denn »Maß gehalten!« hört ich mahnend klingen.

Und wie der Sonnenpfeile grelles Blinken
Die Sehkraft lähmt, so stand ich erst geblendet
Und fühlte zitternd meine Lider sinken;

Doch als dem Blick ward mattrer Glanz gespendet,
(Ich sage matter: im Vergleich zum Lichte,
Von dem ich mich gewaltsam abgewendet) -

Sah ich, dass sich rechtsschwenkend rückwärts richte
Das ruhmgekrönte Heer, der Sonne Strahl
Und den Septentrio im Angesichte.

Wie unterm Schild vorsichtig beim Signal
Kehrt macht ein Trupp mit Fahnenschmuck und Zeichen
Und nicht die Stellung wechselt auf einmal -

So schob die himmlische Miliz desgleichen
Die Tete voran, eh sich die Deichsel legte
Und eh sich drehten eines Rades Speichen.

Die Frauen rechts und links: also bewegte
Der Greis anbetungswert den heiligen Wagen,
Dass ihm kein Federlein dabei sich regte.

Die Schöne, die durch Lethe mich getragen,
Statius und ich folgten mit ernstem Schritt
Am Rande, das den engern Kreis geschlagen,

Durch einen öden Forst - der bitter litt
Durch jene, die vom Wurm sich ließ besiegen -
Und Engelshymnen regelten den Tritt.

Und als so weit, wie dreimal mag durchfliegen
Den Raum ein schneller Pfeil, der Wagen fuhr,
Sah ich, dass Beatrice ihm entstiegen.

Da seufzten alle »Adam« - leise nur,
Indem sie einen Riesenbaum umstanden;
Der wies von Blatt und Blüte keine Spur.

Gesträubten Haares stand er - und es fanden
Sich aufwärts immer breiter Zweig und Ast;
Fremd wäre solch Gigant selbst Indiens Landen!

»Selig, o Greis, dass du beraubt nicht hast
Den Baum der Früchte, die Geschmack verleihen,
Indes den Bauch nachher ein Grimmen fasst!«

So klang es um den Baum geschart in Reihen;
»Wird s o verwahrt,« rief jetzt das Doppeltier,
»Der Same jedes Rechts: er m u s s gedeihen!«

Die Deichsel zog der Greis zum Baum - und hier
Band er sie fest an dem verwaisten Stamme,
Draus sie geschnitzt: gab neu die Heimat ihr!

Wie unsre Bäume - wenn die Sonnenflamme
Das Licht dem andern mischt, das sich ergossen
Im Bild der Fische - ihre wundersame

Verjüngungskraft bewähren, blühn und sprossen,
Sich färben bis ins kleinste Blätterteilchen,
Eh Sol den Stier einholt mit seinen Rossen -

So blühte auf der Baum nach einem Weilchen,
Der saftlos schien und tot: die Rose lieh
Ihr Rot ihm, dann sein kräftig Blau das Veilchen!

Verständlich war sie nicht, auch hab ich nie
Vorher gehört die Hymne, die sie sangen,
Und ich entschlief vorm Schluss der Melodie.

Könnt ich beschreiben, wie den Argus zwangen,
Den mitleidlosen, in des Schlafes Bann
Der Syrinx Töne, die bezaubernd klangen:

Wie ich hier einschlief, leicht beschrieb ich’ s dann,
Indem ich’ s wie ein Musterzeichner machte -
Doch wie der Schlaf kommt, male wer da kann!

Drum sag ich lieber, wie ich jäh erwachte,
Wie mir ein Glanz durchriss das Band des Traumes
Und mich der Ruf »Steh auf!« ins Leben brachte.

Wie - um das Blühn zu sehn des Apfelbaumes,
Der Engeln spendet heißersehnte Speise
Zum Brautmahl in der Pracht des Sternenraumes,

Nach Jakobs, Petri und Johannis Weise,
Die wieder auferwachten nach dem Wort,
Das wohl noch tiefern Schlaf reißt aus dem Gleise,

Und vor sich sahn erstaunt am selben Ort
Den Heiland im veränderten Gewande,
Doch Moses und Elias waren fort -:

So stand ich da, zerriss des Schlummers Bande,
Und sah auf mich geneigt die Führerin,
Die bachhinüber mich gebracht zum Strande.

Bang rief ich: »Wo schwand Beatrice hin?« -
»Dort ist ihr,« sprach sie, »wo die Wurzeln breitet
Der Baum, dem neues Laub ward zum Gewinn,

In ihrer Nymphen Schar der Sitz bereitet,
Die andern hat schon, unter süßem Sange
Von tieferm Sinn, der Greis emporgeleitet.«

Nicht weiß ich, ob sie mehr noch und wielange
Gesprochen, weil vorm Auge d i e mir stand,
Die meinen Sinn verschloss all anderm Klange.

Es hütete, allein, auf heiligem Land,
Den Wagen Beatrice unterm Stamme,
Woran das Zwittertier die Deichsel band,

Und sie umgab gleich einem glühnden Damme
Das Siebenleuchtersternbild; nie vermisst
Sich irdscher Wind, zu löschen seine Flamme!

»Hier bist du Fremdling nur für kurze Frist,
Um ewig Bürger dann mit mir zu bleiben
In jenem Rom, drin Christus Römer ist.

Blick auf den Wagen! denn du sollst beschreiben,
Was du jetzt wahrnimmst, (aber nichts verhehle)
Zum Heil der Welt, wo sie es böslich treiben.«

So Beatrice. - Ich, von ganzer Seele
Stets ihrem Wort mich beugend auf der Stelle,
Sah jetzt zum Wagen, folgsam dem Befehle.

Nie raste je der Blitz mit solcher Schnelle
Herab aus Wolken, wenn sie rauschend gossen
Aus höchster Luft des Regens wilde Welle,

Als Jovis Adler kam zum Baum geschossen,
Sich in die Rinde, sie zersplitternd, krallte
Und wild zerhackte Blatt und Blütensprossen,

Worauf er heftig auf den Wagen prallte,
Dass er sich bog, wie im empörten Meer
Ein Fahrzeug schwankend sucht nach einem Halte.

Drauf schlich ein Füchslein sohlenleis daher,
Sich einzunisten in den Siegeswagen -
Am Fett trug der Verhungerte nicht schwer!

Doch wusste ihn die H e r r i n zu verjagen
Mit seines Unrechts Vorwurf eiligst wieder
Soweit, als das Geripp ihn mochte tragen.

Jetzt stob noch einmal auf den Wagen nieder
Der Adler, und als er nach oben kehrte,
Blieb ganz bedeckt der Wagen vom Gefieder.

Und wie die Seele stöhnt, die gramverzehrte,
Klagend vom Himmel eine Stimme sprach:
»Welch böse Last, mein Schifflein, dich beschwerte.«

Und siehe, zwischen beiden Rädern brach
Die Erde, draus ein Drache kam gekrochen,
Der durch den Wagen mit dem Schwanze stach

Und ihn, wie eine Wespe, die gestochen,
Zurückbog; taumelnd zog er dann vom Flecke,
Mitschleppend, was er vom Gestell zerbrochen,

Worauf - vielleicht zu gutem, reinen Zwecke -
Des Wagens Rest mit Federn sich bespann,
Wie saftgem Erdreich wächst die Rasendecke.

Und schneller, als vom Mund ein Seufzer rann,
Vom Rad zum Deichselbaum des Wagens Breite
Und Länge solch ein Federkleid gewann.

Verwandelt stand das Fahrzeug, das geweihte;
Da wuchsen Häupter ihm - seltsame Zier!
D r e i auf der Deichsel, e i n s an jeder Seite.

Doppeltgehörnt die ersten gleich dem Stier,
Eins wuchs den andern vieren auf der Stirne -
Nie fand man solch ein scheußlich Wundertier!

Und sieh! gleich einer Burg auf hoher Firne
Thront oben stolz ein Weib! Die Augen wendet
Schamlos nach rechts und links die feile Dirne.

Und, gleichsam ihr zum Schutz und Schirm entsendet,
Seh neben ihr ich einen Riesen stehen -
Der sie umbuhlt, die Kuss auf Kuss ihm spendet.

Doch als auf mich sich ihre Augen drehen,
Lüstern und dreist, lässt grausam der Gigant
Ihr übern Rücken Geißelhiebe gehen,

Worauf er, lösend ihrer Fessel Band,
Mit eifersüchtgem Zorn die Schmerzbedrückte
Tief in den Wald trieb, dessen grüne Wand

Die zwei Unholde gnädig mir entrückte!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 33
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Läuterungsberg - Gesang 33

»Deus venerunt gentes,« also fingen
Die Frauenchöre, wechselnd vier und drei,
Den süßen Psalm mit Tränen an zu singen.

Die Herrin lieh gerührt der Litanei
Ihr Ohr voll Mitleid und so grambezwungen,
Als ob sie unterm Kreuz Maria sei.

Doch als des Psalmes letzter Ton verklungen,
Sah ich stolz aufrecht Beatricen stehen -
Sie sprach verklärt, begeisterungsglutdurchdrungen:

»In kurzem - und ich muss von hinnen gehen,
Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben,
In kurzem - und ihr sollt mich wiedersehen.«

Voranzugehn befahl sie dann den Sieben;
Es schritt die Blumenleserin und ich
Mit Statius nach, von ihrem Wink getrieben.

So ging sie - doch sie hatte sicherlich
Noch nicht zurückgelegt der Schritte zehen,
Da flammte ihres Auges Glanz auf mich,

Und milde sprach sie: »«Schneller musst du gehen;
Mich drängt mein Herz, so vieles dir zu sagen,
Drum tritt heran, um deutlich zu verstehen. -

Doch, Bruder, warum seh ich dich so zagen,«
Sprach sie, als ich ihr nah wie sie befohlen,
»Hemmt meine Nähe dir so ganz das Fragen?«

Wie einer gleichsam steht auf glühnden Kohlen
Vor Ehrfurcht, redet ihn ein Großer an,
Und sich kein Wort getraut hervorzuholen,

So ich, tonlos, stockend nun begann:
»O Herrin, fremd blieb nie Euch mein Verlangen,
Ihr wisst, was mir zum Heile dienen kann.«

Und sie zu mir: »Ich will von Scham und Bangen
Befreit dich sehen, darum auf! erwache,
Und sprich nicht, wie man redet schlafbefangen.

Vernimm: der Wagen, den zerstört der Drache,
Er w a r und i s t nicht! Doch der Schuldge glaube:
Ein Totenschmaus hemmt niemals Gottes Rache!

Ein Erbe wird erstehen aus dem Staube
Dem Adler, der sein Federkleid zerstreute,
Drob er als Untier andern ward zum Raube.

Ich prophezei - denn klar schon seh ich’ s heute:
Die Sterne lassen eine Zeit erstehen,
Die keinem Hindernisse fällt zur Beute,

Wo Gott uns die Fünfhundert, Fünf und Zehen
Herschickt, durch die das Weib voll Trug und Arg
Samt ihrem Buhlen wird zugrunde gehen!

Und gab ich dir jetzt Worte, knapp und karg,
Wie Sphinx und Themis, dunkelheitbeladen,
Dass noch der Sinn sich dir zweideutig barg -

So werden bald Ereignisse Najaden
Und diesen Rätseln dir die Lösung werben,
Doch nicht den Saaten, noch den Herden schaden.

Du merke, was ich sprach! und mach zu Erben
All dieser Worte die lebendgen Seelen
Des Lebens, das ein Wettlauf ist zum Sterben.

Doch soll auch deine Feder nicht verhehlen,
Wie du den Baum, der nicht für Menschen ward,
Zum zweiten Male heute sahst bestehlen.

Wer ihn beraubt und schädigt frevler Art,
Beleidigt tätlich Gott; er will ihn wissen
Für sich als unantastbar aufgespart.

Der erste, der in diese Frucht gebissen,
Hat heiß fünftausend Jahr nach d e m begehrt,
Der ihn durch seinen Tod der Schuld entrissen.

Du träumst, wenn dich die Einsicht nicht belehrt,
Dass dieser Wunderbaum aus guten Gründen
So hoch an Wuchs ist, doch auch so verkehrt.

Und wär nicht wie durch Elsas Flut mit Sünden
Dein Geist umkrustet, sähst du lustbefleckt
Nicht immer noch sich Pyrams Beeren ründen,

So hättest du am Baume längst entdeckt,
Nach all den Zeichen, was des Herrn Verbot
In seiner Allgerechtigkeit bezweckt!

Doch weil dein Geist versteint in Sündennot,
Und ich dein Herz in buntem Tand seh schwanken,
Dass dich mein Lichtwort nur zu blenden droht,

So nimm, wenn auch als Bild nur, in Gedanken
Mein Wort mit, wie man von der Pilgerfahrt
Den Stab heimbringt, dran Palmenblätter ranken.«

Und ich: »Wie Wachs des Siegels Form bewahrt,
Die ihm des Petschafts Druck vermag zu geben,
So stempelt Ihr mein Herz auf gleiche Art.

Doch warum lasset Ihr so hoch sich heben
Das teure Wort? - Je weniger kann ich’ s sehen,
Je mehr mein Blick sich müht, ihm nachzustreben.«

Und sie: »Dass du die Schule kannst verstehen ,
Der du gefolgt bist, merken kannst, wie weit
Sie Kraft hat, meinem Worte nachzugehen,

S e h n , wie ihr fern auf euerm Irrweg seid,
Der fern von Gottes Weg, wie von der Erden
Des höchsten Himmels ewige Herrlichkeit.« -

»Wie?« sprach ich, »hätt ich je, Euch fremd zu werden
Versucht? Und wär ich wirklich Euch entronnen,
Empfände mein Gewissen nicht Beschwerden?«

»Und wenn du dich trotzdem noch nicht besonnen,«
Sprach lächelnd sie, »gedenke, dass soeben
Dein Herz sich erst erquickt an Lethes Bronnen.

Wie Rauch vermag ein Feuer anzugeben,
So zeigt dein Nichtbesinnen mir: es war
Nicht fleckenlos, nein, schuldvermischt dein Streben!

Fortan soll jedes Redeschmuckes bar
Mein Wort dir klingen, dass sich deutlich weise,
Was deinem stumpfen Menschenblick nicht klar!« -

Noch glühender, doch träger schon im Kreise
Nahte der Sonnenball dem Meridiane,
Der sich dem Blick verschiebt, als ihre Reise

Die sieben Fraun gehemmt - wie bei der Fahne,
Wenn sich Verdächtges scheint am Weg zu zeigen,
Der Führer halten lässt die Karawane.

Beleuchtet war der Ort so blass und eigen,
Wie sich auf Berggewässer Schatten legen,
Wenn sie der Hochwald deckt mit dunkeln Zweigen.

Euphrat und Tigris schienen mir entgegen
Zu strömen: schnell erst aus vereinter Quelle,
Dann träg, wie Freunde sich zu trennen pflegen.

»O du, der Menschheit Ruhm und Sonnenhelle,
Was für ein Strom bricht hier vereint zutage
So stark, und spaltet plötzlich seine Welle?«

Bescheid ward mir auf diese Bitte: »Frage
Matelda um Bescheid.« Und darauf sagte
Wie in der Abwehr vorwurfsvoller Klage

Die Schöne: »Dies und was er sonst noch fragte,
Hab ich ihm schon erklärt und bin gewiss,
Dass er mit Unrecht Lethe drob verklagte.«

Und Beatrice: »Leicht mag Finsternis
Verschleiernd sich auf sein Gedächtnis legen,
Wenn größre Sorge dessen Band zerriss.

Doch sieh: Eunos rieselt uns entgegen!
Um die erstorbnen Kräfte neu zu wecken,
Führ ihn zur Flut, gewohnten Amts zu pflegen.«

Und wie ein edles Herz zu fremden Zwecken
Den eignen Willen rückhaltlos lässt leiten,
Mag sie ihm nur ein leiser Wink entdecken,

So fasste meine Hand beim Weiterschreiten
Die Schöne; und nach edler Frauen Art
Sprach sie zu Statius: »Komm! uns zu begleiten.« -

Hätt ich mir, Leser, größern Raum gespart,
Dir würd ich einen Teil der Wonnen singen
Des Tranks, von dem ich nie ersättigt ward.

Doch weil die Blätter mir zu Ende gingen,
Die ich bestimmte für den zweiten Sang,
So hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen.

Verjüngt ich aus der heiligen Flut mich schwang
Gleich einer Pflanze, die im tiefsten Kerne
Der Lenz mit neuer Lebenskraft durchdrang,

Rein und bereit zum Fluge durch die Sterne.


<<< list operone >>>