Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Auf halbem Wege unsers Erdenlebens
Musst ich in Waldesnacht verirrt mich schauen,
Weil ich den Pfad verlor des rechten Strebens.

Wie hart ist doch die Schildrung dieses rauen,
Verwachsenen wilden Waldes, voll von Schrecken;
Noch heute schafft Erinnrung mir solch Grauen,

Wie bittrer keins der Tod vermag zu wecken!
Doch um vom Heile, dass ich dort gefunden,
Zu melden, muss ich andres Euch entdecken. -

Wie ich vom Walde kam, kann ich nicht bekunden,
So tief war ich zuvor vom Schlaf benommen,
Als meinem Blick der rechte Weg entschwunden.

Doch nun - an eines Hügels Fuß gekommen,
Wo dieses dunkeln Tales Ende war,
Das mir mit Furcht und Angst das Herz beklommen -

Sah ich, aufblickend, seiner Schultern Paar
Von dem Planeten, der uns allerwegen
Zum Ziele bringt, bekleidet hell und klar.

Ein wenig fühlt ich meine Furcht sich legen,
Und spürte nicht mehr, wie bei Nacht, erschrocken
Des Herzens See im Wellensturm sich regen.

Wie ein Geretteter mit Atemstocken
Noch immer sieht zum sichern Strand geflogen
Die Wellen kommen, weiß von Gischt und Flocken:

So wandte sich, noch scheu zur Flucht bewogen,
Mein Geist zurück, starr auf den Engpass blickend,
draus nie ein Wesen lebend heimgezogen.

Aufs neu gestärkt durch Ruhe, mild-erquickend,
Klomm ich weiter bergan am wüsten Hange,
Zum tiefern Fuß die Last des Leibes schickend.

Da - ! beim Beginn der steilen Felsenwange,
Kam auf mich zu mit buntgeflecktem Felle
Ein Pardelluchs, schmiegsam und flink im Gange;

Der wich bei meinem Nahn nicht von der Stelle,
Vertrat den Weg mir gar, dass ich - nicht gern! -
Auf Umkehr mehrmals sonn. - Da glomm die helle

Frühsonne auf! Die höher stieg von fern,
Mit Sternen wie am Schöpfungstag umgeben,
Als liebreich aus dem Nichts die Hand des Herrn

Die Wunder alle schuf zu Licht und Leben:
So dass mir Hoffnung schon die Angst zerstreute
Und ich des bunten Pardeltiers, wie eben

Des Frühlichts und des Lenzes auch mich freute!
Doch nicht von Herzen so , dass ich vom neuen
Nicht einem andern Schrecken fiel zur Beute:

Ein Löwe nahte mir mit grimmem Dräuen,
Hochauf das Haupt, gereizt von Hungersqual,
Dass selbst die Luft sich schien vor ihm zu scheuen,

Und eine Wölfin, die so rippenschmal
Von jeglicher Begier, dass von der schlimmen
Längst Not und Leid sich herschrieb ohne Zahl.

Ihr Aussehn konnte mich nicht kühner stimmen,
Ich fühlte mich von banger Furcht durchbebt
Und hoffte nimmer, höher noch zu klimmen.

Gleich dem, der hitzig nach Gewinne strebt
Und, hört er des Verlustes Stunde schlagen,
In Reue, Kümmernis und Kleinmut schwebt,

So ließ auch mich dies Ungetüm verzagen;
Und, rückwärtsweichend, um ihm zu entfliehn,
Musst ich den Lauf zur dunklern Tiefe wagen,

Wo ganz die Sonne zu verstummen schien.
Dort zeigte meinem Blick sich plötzlich einer,
Als machte langes Schweigen tonlos ihn.

»Wer du auch seist!« begann ich, als ich seiner
Ansichtig ward in diesem wüsten Leer,
»Ob Schatten oder Mensch: erbarm dich meiner!«-

»Ich war dereinst ein Mensch, ich bins nicht mehr!«
Sprach er. - »Lombarden meine Eltern waren,
Aus Mantua! - Ich ward, spät allzu sehr,

Geboren einst sub Julio, dem Zäsaren,
Als man in Rom zur Zeit Augusts des Guten
Wahngöttern noch ließ Ehrfurcht widerfahren.

Ich war Poet und sang den frommgemuten
Anchisessohn, der Troja musste meiden,
Als Ilions Pracht versank in Staub und Gluten.

Und du nun kehrst zurück zu solchen Leiden?
Warum nicht willst du auf dem Berg der Wonnen,
Der Heimstatt aller Seligkeit dich weiden?« -

»So bist du denn Virgil, der lautre Bronnen,
Dem reich des Wohllauts voller Strom entflossen?«
Ich rief's bestürzt, die Stirn von Scham umronnen.

»Du Glanz und Ehre der Apollgenossen,
Gib, dass mir zur Empfehlung nun gedeihe
Inbrunst und Fleiß, die mir dein Werk erschlossen!

Vorbild und Meister! Dank ich deiner Weihe
Doch nur den schönen Stil, der mir verliehen,
Drob man ein wenig Ruhm ihm prophezeie.

Sieh dort das Tier, davor ich im Entfliehen,
Hilf, Weiser und Berühmter, mir von hinnen,
Mir, dem durch Puls und Ader Schauder ziehen!« -

»Auf einen andern Ausweg musst du sinnen,«
Sprach er zu mir, den Tränen ganz bezwungen,
»Wenn du dem Schreckensorte willst entrinnen.

Denn dieses Tier, das dich mit Furcht durchdrungen,
Lässt keinen fahrlos wandeln seine Straße,
Hemmt ihn zuerst, bis dass es ihn verschlungen;

Voll List und Tücke steckt's in solchem Maße,
Dass seine Fresslust nimmer will ermatten:
Noch heißer lechzt es nach, als vor dem Fraße.

Schon pflegte sich's mit manchem Tier zu gatten,
Und mehr noch werden sein, bis dass es kühn
Der Jagdhund würgt und heimschickt zu den Schatten.

Den lässt nur Weisheit, Tugend; Liebe glühn,
Nicht Ländergier noch Goldesüberfluß;
Und schlichtem Filze wird sein Stamm entblühn.

Vom Staub erhebt er zu des Ruhms Genuss
Italien, für des Nisus einst erlagen,
Camilla, Turnus und Euryalus.

Er wird das Tier durch alle Städte jagen,
Bis es hinabweicht in die Höllenschlünde,
Daraus der Urneid es ans Licht getragen.

Drum denk ich, dass es besser um dich stünde,
Wenn du mir folgst, dass ich dir Rettung leihe
Als sichrer Führer durch die ewgen Gründe.

Dort wirst du hören der Verzweiflung Schreie,
Der Vorwelt Geister schaun, die jammernd flehen,
Dass sie ein zweiter Tod vom Schmerz befreie!

Wirst andre dann in Feuersgluten sehen
Und dennoch froh, weil sie zum selgen Chor,
Wie spät es sei, noch hoffen einzugehen.

Und treib's dich dann zur selgen Schar empor,
Schwebt eine Seele, die an Wert und Preise
Mich übertrifft, als Führerin dir vor.

Denn mir verbot der Herr der Himmelskreise,
Weil einst ich nicht gehorsamt seinen Worten,
Dass ich zu seiner Stadt die Wege weise.

Er herrscht im Weltall, doch regiert nur dorten,
Wo über seiner Stadt sein Thron zu sehen -
Heil jedem, dem sich auftun ihre Pforten!«

Drauf ich zu ihm: «Poet, lass dich erflehen
Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt!
Lass diesem Weh und schlimmern mich entgehen,

Bis ich die Orte sah, die du genannt,
Auf dass ich darf Sankt Peters Pforte grüßen
Und jene schaun, die Trauer übermannt!«

Da schritt er vor - ich folgte seinen Füßen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 02
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 02

Der Tag entwich, die Dämmerung brach ein;
Sie nahm den Wesen, die auf Erden leben,
All ihre Mühsal ab – und ich allein

Hielt mich bereit, das Ringen anzuheben
Mit Wegesmüh und Mitleid: hiervon sei
Getreulich ein Erinnrungsbild gegeben! –

O Musen, Himmelstöchter, steht mir bei;
Gedächtnis, das du schriebst, was ich gesehen,
Jetzt offenbare deinen Adel frei!

Und also sprach ich: »Dichter, eh wir gehen,
Sieh meine Kraft an: bleibt sie wohl verbündet
Dem Willen, schwere Wandrung zu bestehen?

Des Silvius Vater stieg, wie du verkündet,
Obwohl er noch von Fleisch und Blut ein Wesen,
Hinab wo wandellos der Orkus mündet.

Doch ließ des Bösen Feind ihn des genesen
In Gnaden, eingedenk der hohen Taten,
Dazu nach Art und Wirkung er erlesen,

So scheint er würdig des, der ihn beraten;
Sein Anspruch darf sich auf den Himmel gründen
Als Vater Roms und Stifter seiner Staaten;

Denn Rom und Reich, will man die Wahrheit künden,
War vorbestimmt zum Heilsort, dass die Throne
Dort für des größern Petri Erben stünden.

Ihm gab die Wandrung, die du rühmst, zum Lohne
Erkenntnis hoher Dinge; sie errangen
Den Sieg ihm und nachher die Papsteskrone.

Auch durfte das Gefäß dahin gelangen,
Das auserwählt zur Stärkung für den Glauben,
Aus dem von je der Heilsweg angefangen!

Doch wer darf mir dahinzugehn erlauben?
Ich bin Äneas nicht noch Paulus! – Keiner,
Ich selbst nicht darf so hoch den Anspruch schrauben!

Und ging ich doch, so fürcht ich, dass man meiner
Als Toren lache. – Du wirst, was ich sage,
Verzeihn und einsehn mehr als sonnst wohl einer!«

Und dem gleich, der in zweifelvoller Lage
Jetzt will , dann nicht will , prüfend wählt mit Schwanken,
Und seine Ursprungs absicht bringt in Frage,

So ich! – Mutlos verwarfen die Gedanken
Im dunkeln Tal den Plan, der erst mich freute,
Den ich so frisch ergriff und ohne Wanken. –

»Wenn ich der Worte Sinn mir richtig deute,«
Zu mir jetzt des erhabnen Schatten spricht,
»So fiel dein Herz der Kleinmut gar zur Beute,

Der oft des Menschen beste Kraft zerbricht
Und untreu macht den ehrenvollsten Zwecken:
So scheut ein Ross vorm Spuk im Dämmerlicht!

Um diese Furcht aus deiner Brust zu schrecken,
Hör meines Kommens Grund und was soeben
Sich zutrug, rasch mein Mitleid dir zu wecken:

Bei denen war ich, die in Zweifel schweben,
Als mich ein Weib berief, so himmelsschön,
Dass ich sie bat, Befehle mir zu geben.

Ihr Auge schien ein Stern in Himmelshöhn
Ihr Wort erklang so lieblich mir und leise,
Als wär’s aus Engelsmund ein zart Getön:

‚O Mantuaner Geist, zu dessen Preise
Der Ruhm nicht schwieg und niemals schweigen wird,
Solang der Erdball kreist in seinem Gleise;

Mein Freund, der nie des Glücke s Freund, er irrt
Am wüsten Abhang, seit ihn Furcht verstörte!
Schon will entfliehn, schon kommt ganz sinnverwirrt

Vom Wege ab, so fürcht ich, der Betörte,
Weil ich zu spät mich hilfreich aufgerafft,
Seit ich von seiner Not im Himmel hörte.

Auf! Mach ihm Mut durch deiner Worte Kraft,
Mit allem hilf ihm, dass er mag entrinnen,
Und ihm es Rettung, mir Befriedgung schafft.

Ich, Beatrice,sende dich von hinnen,
Woher ich kam, da zieht mich’s wieder hin;
Aus mir spricht Liebe, sie lenkt mein Beginnen.

Wenn ich bei meinem Herrn erst wieder bin,
So will ich dich vor ihm mit Freuden preisen!’ –
Sie schwieg, ich sprach: O Weib von edelm Sinn,

Voll Tugend, die den Menschen macht zum Weisen
Und hoch lässt über allem Inhalt ragen
Des Himmels, der sich dreht in engsten Kreisen,

Es schafft mir dein Befehl so viel Behagen,
Dass Raschgehorchen selbst noch Säumnis hieß;
Du brauchst den Wunsch nicht drinender zu sagen.

Doch sprich: Warum bist du vom Paradies
Furchtlos hierher zum Weltenkern gestiegen,
Wenn Heimweh dich schon jetzt entbrennen ließ? –

‚Der edeln Wissbegier sei nicht verschwiegen
Der Grund,’ sprach sie, ‚drum will ich kurz dir sagen:
Die Wandrung ließ mir nicht den Mut versiegen,

Denn nur vor solchen Dingen soll man zagen,
Die mit der Macht begabt sind, uns zu schaden,
Vor andern nicht, weil nichts dabei zu wagen.

Geartet bin ich s o von Gott in Gnaden,
Dass euer Elend mich nicht rührt zur Schwäche,
Noch mich verletzet dieser Brand und Schwaden.

Dass droben sie des Urteils Härte breche,
Trübt ob der Not, dahin ich dich nun schicke,
Ein himmlisch Weib ihr Aug durch Tränenbäche.

Die rief Lucien an im Augenblicke:
»Deiner bedarf jetzt, der so treu es meint,
Nimm sein dich an, dass Rettung ihn erquicke!«

Lucia drauf, die aller Unbill feind,
Erhob sich schnell, dass sie am Ort erscheine,
Wo ich der greisen Nahel saß vereint:

»O Beatrice , Gottgeweihte, Reine –
Bat sie – hilfst du nicht dem, der dir zulieb
Den Schwarm des Pöbels mied und das Gemeine,

Als ob dein Ohr taub seinem Wehruf bleib,
Den Tod nicht sähest, der ihn will bekriegen
Auf Wogen, wie kein Meer sie wilder trieb?« –

So rasch sah man auf Erden keinen fliegen,
Gewinn zu ernten, Schaden zu entgehen,
Als ich vom selgen Chor herabgestiegen,

Sobald solch Wort erging, mich anzuflehen,
Vertrauend deiner Rede Wert und Macht,
Die dich und alle ehrt, die dich verstehen.’ –

Sie sprach’s – worauf sie ihrer Augen Pracht
In hellen Tränen von mir kehrte;
Und ich – auf größre Eile gleich bedacht –

Kam also her und hab, wie sie begehrte,
Der Wölfin dich entrissen, als sie dir
Den kurzen Weg zum schönen Berg verwehrte.

Doch sprich: Warum, warum verziehst du hier?
Was nährst du in der Brust so feiges Grauen,
Bleibst unentschlossen? Brennst nicht vor Begier,

Wo drei so hochgebenedeite Frauen
Im Hof des Himmels Sorge für dich zeigen?
Und stärkt mein Wort so wenig dein Vertrauen?« –

Wie sich die Blumen schließen und sich neigen
Im Nachtfrost, aber bei der Sonne Prangen
Am Stengel offnen Kelches lichtwärts steigen,

So war mein Mut erfrischt, die Furcht vergangen,
Durchs Herz rann wieder Kühnheit wundersam,
Dass ich zu ihm begann, erlöst vom Bangen:

»Barmherzge, die mir treu zu Hilfe kam,
Du Guter auch, der willig die Befehle
Der Liebe zu vollstrecken übernahm,

Mein Herz entbrennt in Sehnsucht – und ich hehle
Dir’s nicht, dass mir dein Wort verscheucht das Bangen.
Ganz füllt der erste Vorsatz mir die Seele,

Mit dir zu gehen, da Gleiches wir verlangen;
Drum, Führer, Herr und Meister – auf zur Tat!«
So sprach ich; und als er vorangegangen,

Betrat auch ich den rauen Waldespfad.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 03
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 03

Durch mich geht sein zur Stadt der Schmerzerkornen,
Durch mich geht ein zu Qualen ewger Dauer,
Durch mich gehts ein zum Volke der Verlornen.

Es ließ gerechten Sinnes mein Erbauer
Urliebe mit Allweisheit sich verbinden
Und seiner Allmacht türmen diese Mauer!

Vor mir war nichts Er schaffenes zufinden,
Als Ewiges -- und ewig bleib auch ich;
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden! –

Die Inschrift zeigte dunkelfarbig sich
Geschrieben überm Simse einer Pforte;
Ich sprach: « Herr, unklar ist der Sinn für mich!«

Da sprach der Wohlerfahrne diese Worte:
»Hier können Zweifelängste nicht mehr frommen,
Und jede Zagheit sterbe gleich am Orte.

Wie ich’s verhieß, sind wir zum Ziel gekommen,
Wo du das schmerzgequälte Volk siehst ringen,
Dem der Erkenntnis höchstes Teil genommen.« –

Ich fühlte mich Vertraun und Mut durchdringen,
Denn heitern Auges nahm er meine Hand
Und führte mich zu den verborgnen Dingen. –

Ein Heulen, Seufzen, ein Geschrei entstand
In dieser Luft, die Sterne nie erhellten,
Dass ich zuerst mich weinend abgewandt.

Zahllose Sprachen, die das Ohr durchgellten
Mit Stimmen rau und tief, ein Schmerzgestöhne
Und Zorngekreisch, dazwischen unter Schelten

Erteilter Faustschlag: machten ein Getöne
Durch endlos-schwarze Luft, wie lockrer Sand,
Der raschelnd stiebt im Wirbel vor dem Föhne.

Und ich, dem Schreckensangst das Haupt umwand,
Begann: »O Herr, welch Lärm wird hier erhoben?
Und wer sind sie , die Pein so übermannt?«

Und er: »Nach diesen Chören, schmerzgewoben,
Ziehn hier die lauen Seelen ihren Reigen,
Die ohne Lob und Schande lebten droben.

Gesellt sind sie der Rotte jener Feigen,
Der Engel, die sich weder für , noch gegen
Den Herrgott, doch gesondert wollten zeigen!

Der Himmel, ungetrübten Glanz zu hegen,
Trieb sie hinaus, doch nicht zum Höllenschlund,
Dass sich nicht Sünder brüsten ihretwegen!«

Ich sprach: »O Meister, nenne mir den Grund
Von ihrem kläglich-bangen Schmerzgewimmer?«
Und er: »Ich mach’s mit kurzem Wort dir kund:

Des Todes Hoffnung tagt den Ärmsten nimmer;
Ihr Lebenswandel war solch lichtlos-trüber,
Dass ihrem Neid kein ander Los dünkt schlimmer!

Von ihrem Ruhm blieb auf der Welt nichts über,
Mitleid verschmäht sie und Gerechtigkeit –
Genug davon! Schau hin – und geh vorüber!«

Und eine Fahne sah ich jetzt, bereit,
Sich immer-wirbelnd um und um zu schwingen,
Als schüfe Ruh der ruhelosen Leid;

Und so gewaltge Mengen Volkes gingen
Ihr nach, wie ich vordem es nimmer glaubte,
Dass je der Tod so viele mocht verschlingen.

Als erst der Blick Bekannte mir erlaubte
Zu sehn, sah ich auch den ,der durch Entsagen
Aus Feigheit großen Gutes sich beraubte.

Da war mir’s deutlich, ohne noch zu fragen,
Dass dieses wär der Memmen feige Schar,
Die Gott und Gottes Feinden mißbehagen.

Dies Jammervolk, das nie rechtlebend war,
Lief nackt, und Mücken schwärmten, Wespen flogen,
Die stachen es und bissen’s immerdar.

Ihr Antlitz war mit Streifen Bluts durchzogen,
Das abwärts tropfte, tränenuntermengt,
Von scheußlichem Geschmeiß dort aufgesogen.

Und als ich weiterhin den Blick gelenkt,
Sah ich an einem großen Strom sich scharen
Viel Volk, und fragte: »Herr, warum gedenkt

Der Schwarm eilfertig durch den Strom zu fahren?
Was sind sie und was treibt sie? Deute mir,
Was ich nur schlecht im Zwielicht kann gewahren.«

Er gab zur Antwort: »Klar wird alles dir,
Sobald uns erst die Schritte hingetragen
Zu Acherons trübseligem Revier.«

Da ließ mich Scham die Augen niederschlagen;
Und fürchtend, dass ihn weitres Reden störte,
Beschloss ich, nichts mehr bis zum Fluss zu fragen.

Und horch! – zum Strand ein Boot ich plätschern hörte,
Drin ein von Jahreslast gebleichter Greis:
»Weh euch, verworfne Seelen und betörte,

Hofft niemals zu erschaun des Himmels Kreis!
Ich führe euch – er rief’s aus rauer Kehle –
Zur ewgen Finsternis, zu Glut und Eis.

Und du! Was willst du hier, lebendge Seele?
Lass jene, deren Lebenslicht verglommen!«
Doch als er sah, ich trotze dem Befehle,

Da rief er: »Hier wirst du nicht weiterkommen,
Du musst zu anderm Strand und Hafen steigen,
Dir wird dereinst ein leichtres Fahrzeug frommen!«

Virgil darauf: »Nicht ziemt dir’s, Trotz zu zeigen;
Wo eins ist das Vollbringen und Verlangen,
Dort will manss! Drum, Charon, musst du schweigen!«

Da wurden glatter die behaarten Wangen
Dem Steurer dieser fahlen Wasserfläche,
Dem sich ums Auge Flammenräder schlangen.

Doch jene Seelen, nackt und voller Schwäche,
Erblassten zähneklappernd voll Verzagen,
Als Charons Wort verhieß, w i e Gott sich räche!

Gott und der Menschheit galt ihr lästernd Klagen,
Sie fluchten Eltern, Ort und Zeit und Samen,
Draus sie dem Schoß verpflanzt, der sie getragen,

Worauf sie alle weinend näher kamen
Zum vielverhassten Strand, wo bangverzagend
Die Gottverächter stets ein Ende nahmen.

Charon der Dämon treibt sie alle jagend
Mit barschem Wink zusammen; die da säumen
Zornsprühnden Auges mit dem Ruder schlagend.

Und wie der Herbstwind anfängt aufzuräumen,
Und langsam rings zu Boden sinkt die Last
Goldbunter Blätterchen aus Busch und Bäumen –

So stürzt in Scharen Adams Brut mit Hast
Vom Strand ins Boot wie Vögel, die betrogen
Vom Lockruf sind, wenn sie das Fangnetz fasst.

Nun fahren sie dahin auf dunkeln Wogen,
Und eh sie landen noch am Uferwalle,
Sind diesseits neue schon herangezogen.

»Mein Sohn,« der Meister gütig sprach, »sie alle,
Die unter Gottes Zorn dahingegangen,
Strömen hierher vom ganzen Erdenballe

Und eilen fluthinüber zu gelangen,
Gespornt von ewiger Gerechtigkeit,
So dass sich in Begierde kehrt ihr Bangen.

Kein guter Geist stand je hier fahrtbereit:
Drum, führte Charon über dich Beschwerde,
So weißt du nun, was er dir prophezeit!«

Er schwieg – da bebte rings die düstre Erde
So mächtig, dass noch heut in Angstschweiß ich
Bei der Erinnerung gebadet werde.

Vom Land der tränen hob ein Sturmwind sich,
Durchzüngelt von der Blitze roten Schlangen,
Dass mir Empfindung und Besinnung wich

Und ich zu Boden fiel wie schlafbefangen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 04
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 04

Den tiefen Schlaf zersprengte mir im Haupte
Ein Donnerkrach, dass ich zusammenschreckte
Wie einer den man jäh des Schlafs beraubte,

Mit ausgeruhtem Aug mich aufwärtsreckte
Und prüfend spähte rundherum alsbald,
Dass ich genauer, wo ich wär, entdeckte.

Ich fand mich wirklich dicht am Felsenspalt,
Der abwärts führt zum schmerzensreichen Grunde,
Draus ewger Jammer donnernd widerhallt.

Ob ich den Blick auch schickte tief zum Schlunde,
So schwarz blieb der, so neblig allerseiten,
Dass nichts ich unterschied in weiter Runde.

»Lass uns zur blinden Welt nun abwärtsgleiten,«
Sprach der Poet zu mir mit blassen Wangen,
»Ich geh zuerst und du wirst nach mir schreiten!«

Sein bleiches Aussehn war mir nicht entgangen,
Drum ich: »Du schauderst schon – und ich soll’s wagen,
Ich, der von dir erst Mut und Trost empfangen?«

Und er darauf: »Nur Mitleid mit den Plagen
Der Seelen drunten bleicht mir das Gesicht,
Nicht Furcht, wie du zu lesen glaubst, noch Zagen,

Wohlauf! Der lange Weg erlaubt uns nicht
Zu zaudern!« – Und er ging und ließ mich schreiten
Zum ersten Kreis, der diesen Schlund umflicht.

Doch scholl kein Weheruf in diesen Weiten,
Wie mir mein Ohr bewies – nur Seufzer klangen,
Den ewgen Lüften Zittern zu bereiten:

Und dies entstand von marterlosem Bangen,
Von Reue ohne Qual, die über Scharen
Von Männern, Weibern, Kindern war ergangen.

Der gute Meister sprach: »Drängt zu erfahren
Dich’s nicht, was du für Geister hier erschaut?
Ich will dir’s, eh wir fortgehn, offenbaren.

Nicht Sünder waren’s – doch nicht groß und laut
Genug war ihr Verdienst, denn sie entbehrten
Der Taufe, die den Glauben zeugt und baut.

Weil sie vor Christo lebten, also ehrten
Sie auch nicht Gott, wie sich’s mit Fug gebührte –
Ich selbst bin einer dieser Unbekehrten.

Nur dieser Mangel, sonst nichts Böses, führte
Zu den Verlornen uns; hier schmerzt uns eben
Die Sehnsucht nur, die niemals Hoffnung spürte.«

Dies Wort ließ schmerzlich mein Gemüt erbeben,
Konnt ich berühmte Männer doch bemerken
Erwartungsbang in diesem Vorhof schweben.

Ich sprach – (in jenem Glauben mich zu stärken,
Der alles Irrtums Feind): »Meister, sag an,
Steigt keiner durch Verdienst von eignen Werken

Noch auch durch fremden Fürsprech himmelan?
Sag mir’s, o Herr!« – Und er, der offenbar
Des Worts versteckten Sinn erriet, begann:

»Als ich noch Neuling dieses Zustands war,
Sah ich den hochgewaltgen Herrscher kommen,
Glorreichste Siege kronenreif im Haar.

Des Urahns Geist hat er hinweggenommen,
Abels, Noahs und des, der Gott versöhnte
Und sein Gesetz erließ dem Volk zum Frommen;

Auch folgten Abram, David der Gekrönte,
Jakob mit seinem Vater und den Söhnen,
Und Rahel dann, um die so lang er frönte;

Viel, viele sah ich noch mit Heil ihn krönen.
Doch merk: zuvor hat nie sich’s zugetragen,
Dass ein Erlösungsruf hier mochte tönen!« –

Stets-wandernd, ob wir auch Gespräches pflagen,
Den dichten Wald wir unterdes durchdrangen,
(Den Wald, der dicht von Geistern: will ich sagen)

Und waren weit vom Gipfel nicht gegangen,
Als ich ein Feuer, hell von Flammen, sah,
Die durch die Nacht ein leuchtend Halbrund schwangen.

Ich war dem Ort noch nicht genügend nah,
Doch dass ein Wohnsitz nur für Ehrenwerte
Die Stätte sei, erkannt ich schon von da.

»O du, dem Kunst und Wissen Ruhm bescherte,
Sag an: warum solch Vorrecht d i e genießen,
Wo es die Schar der andern doch entbehrte?«

Und er: »Sich von der Menge auszuschließen,
Gewährte Gott, weil sie von ihrem Leben
Auf Erden hehren Nachruhm hinterließen.« –

Da hört ich eine Stimme sich erheben:
»Dem edeln Sänger lasst uns Ehr bezeigen,
Sein Schatten kehrt, der jüngst sich wegbegeben!«

Als diese Stimme drauf erstarb in Schweigen,
Vier hohe Schatten kamen da heran,
Den Mienen war ein edler Gleichmut eigen.

Der wackre Meister drauf zu mir begann:
»Der dort, die Hand bewehrt mit einem Schwerte,
Wie ein Monarch den dreien geht voran,

Homer ist’s, der als Dichterfürst Geehrte;
Ihm folgt Horaz, der scharf gefeilt Satiren,
Ovid sodann, zuletzt Lucan, der werte.

Und weil uns alle gleiche Titel zieren,
Wie denn vorhin der eine mich benannt,
So ehren sie mich schicklich als den ihren.« –

Die schöne Schule einte so ein Band
Mit ihrem Meister vom erhabnen Sange,
Des Adlerflug die andern überwand.

Durch Zwiesprach kurz belehrt von unserm Gange,
Mich zu begrüßen, sie herab sich ließen –
Virgil sah lächelnd, wie man mich empfange!

Doch grössern Vorzug sollt ich noch genießen;
Ich durfte mich als Sechster ohne Bangen
An den Senat der hohen Geister schließen! –

Von Dingen ward zu plaudern angefangen,
Davon so schön zu sprechen war, wie jetzt
Davon zu schweigen schön. – Dem Lichtschein drangen

Wir nach bis an ein Schloss, ringsum-besetzt
Mit siebenfachen hohen Mauerringen,
Von einem Bache wie zum Schutz benetzt,

Drin wir hinüber trocknen Fußes gingen,
Und dann durch sieben Tore rüstig fort,
bis grüne Wiesenauen uns empfingen.

Wir trafen Leute stillen Blickes dort,
Von Haltung würdevoll und ernst an Mienen,
Redselig nicht, doch sanft in jedem Wort,

Und stiegen hügelaufwärts neben ihnen
Zu einer ringsum-offnen, lichten Stelle,
Die uns zur freien Umschau konnte dienen.

Grad vor mir, auf der Wiese grüner Helle,
Sah ich die hohen Geister -: s i e gewährten
Durch ihren Anblick eine Freudenquelle

Bis heute mir! – Im Kreise der Gefährten
Sah ich Elektren, Hektorn und Äneen,
Dann Cäsar, den mit Falkenblick verklärten.

Camilla sah ich und Penthesileen;
Zur andern Seite konnt ich bei Latin
Lavinia, die Tochter, ruhen sehen,

Auch Brutus, den Vertreiber des Tarquin,
Lucretia, Julia und Cornelia
Mit Maria – etwas abseits Saladin.

Und als ich weiter durch die Runde sah,
Bemerkt ich froh den König aller Weisen
In philosophischer Umgebung da,

Den alle ehren und bewundernd preisen.
Zunächst ihm sah ich meinem Blick sich bieten
Plato und Sokrates; auch – der das Kreisen

Der Welt dem Zufall zuschreibt – Demokriten!
Thales und Zeno, Anaxagoras,
Tullius, Diogenes und Herakliten;

Auch den, der Heilkraft aus den Pflanzen las,
Den Dioskorides; Empedokles,
Den Orpheus und den Schatten Senecas,

Des Moralisten. Auch Hippokrates,
Linus, Euklid, Galen und Avicennen;
Den Kommentator, den Averroes,

Und Ptolomäus -: alle hier zu nennen,
Verhindert meines Stoffes Fülle mich,
Und vom Erlebnis muss das Wort sich trennen.

Auf zwei beschränkte jetzt die Sechszahl sich,
Weil mich auf anderm Pfad mein weiser Leiter
Entführte, wo statt Säuseln Sturmwind strich,

Dahin, wo nichts mehr hell ist oder heiter.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 05
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 05

So ging’s vom ersten Kreis hinab zum zweiten,
Der kleinern Raum, doch größres Weh umschlingt,
Das Schmerzgeheul gesteigert zu verbreiten.

Minos am Tor knirscht grausig, forscht und zwingt
Die Schuld ans Licht und schickt als Urteilskünder
Die Seelen fort, wie mit dem Schweif er schwingt.

Ich meine: ohne Rückhalt muss der Sünder,
Der vor ihn tritt, gestehn der Frevel Masse;
Und er, ein unerbittlicher Ergründer,

Erwägt, welch Höllenort den Frevler fasse,
Und schickt ihn soviel Stufen tief zum Grunde,
Als er sich mit dem Schweife peitscht. – Das blasse,

Verstörte Volk drängt sich in banger Runde
Und harrt des Urteilsspruchs in Reihen dicht,
Hört – beichtet – stürzt zum angewiesnen Schlunde.

»Du, der zur Schmerzensnacht hertritt vom Licht,«
Ruft Minos laut, sobald er mich erschaut,
Ablassend von des hohen Amtes Pflicht,

»Schau, wem du traust!
Nicht täusche dich im Drange!«
Mein Führer drauf: »Was eiferst du so laut?

Wo Nacht herrscht, dass gescheh, was man verlange,
Dort will man’s so! Drum unterlass dein Grollen,
Dass d e m vorm vorbestimmten Weg nicht bange!«

Bald hört ich Töne tiefsten Schmerzes rollen
Und grollen – bald war ich hinabgestiegen,
Wo herzerschütternd Klagelaute schollen,

Und stand am Ort, wo alle Lichter schwiegen,
Wo’s brüllte gleich dem Meer, vom Sturm umwittert,
Wenn’s Wirbelstöße peitschend überfliegen.

So packt der höllische Orkan erbittert
Die Geister, reißt sie jähen Schwunges fort,
Dreht, schleudert sie, dass Glied für Glied erzittert.

Und nahen sie des Abgrunds Klippenort,
Vernimmt man endlos Wehruf, Ächzen, Klagen,
Dann lästern sie des Himmels höchsten Hort. –

Ich hörte, dass verdammt zu solchen Plagen
Die werden, die – verlockt vom Sinnentruge –
In Wollust frönend der Vernunft entsagen.

Wie Stare, wenn sie streben – dicht im Zuge
Gedrängt – dass sie dem rauen Frost entrönnen,
So treibt der Wind die Sünder hier zum Fluge

Und ohne ihnen Ruhe zu vergönnen;
Auch keine Hoffnung winkt, dass je versöhnen
Ihr Leid sich ließ, noch dass sie Rast gewönnen!

Und jetzt: wie Kraniche mit Klagetönen
Strichweis-gereiht durchziehn des Äthers Bahn,
So sah ich Schatten mit Geheul und Stöhnen

Wirbelnd-dahergefegt vom Sturme nahn.
Ich fragte: »Meister, wer sind diese Seelen,
Die also peitscht der düstere Orkan?« –

»Dir soll,« entgegnet er, »nicht Nachricht fehlen:
Die erste hier im Zuge war Herrscherin
Vielsprachgen Volks; die schwere Schuld zu hehlen,

Mit der ihr Herz sich gab der Unzucht hin,
Sprach durch Gesetz sie frei des Blutes Schande:
Es ist Semiramis! Mit frevelm Sinn,

So lesen wir, schlug sie in Liebesbande
Den eignen Sohn und zwang ihn sich zum Gatten –
Heut herrscht des Sultans Macht in ihrem Lande.

Die andre – untreu des Sichäus Schatten –
Gab sich aus Liebeskummer selbst den Tod;
Sie schwankt voran der niemals wollustsatten

Kleopatra!« . . . Die Ursach langer Not,
Helenen, sah ich; auch Achill, der allen
Gefahren Trotz, nur nicht der Liebe bot.

Paris und Tristan sah ich näherwallen,
Virgil wies mehr als tausend andre dann,
Die Liebe straucheln ließ und nachtwärts fallen.

So zeigte mir das Wort des Meisters an
Die Fraun und Ritter aus der Vorwelt Tagen,
Bis ich, bedrückt von Mitleid, neu begann:

»O Meister, ein paar Worte möcht ich fragen
Die beiden dort, die engumschlungen gehen,
Wie Sommerfäden leicht vom Wind getragen.«

Er riet: »Wenn nur, sobald sie näher wehen,
Dein Mund bei jener Liebe sie beschwört,
Die sie umhertreibt, bleiben sie wohl stehen.«

Und als das Paar so nahe, dass mich’s hört,
Anruf ich es: »Gequälte Seelen, weilet
Und redet, wenn’s euch freisteht, ungestört!«

So schnell mit ausgespreizten Schwingen teilet
Die Luft kein sehnsuchtsvolles Taubenpaar,
Vom Nest gelockt, vom eignen Wunsch beeilet,

Als diese sich gelöst aus Didos Schar
Und zu uns durch der Luft Beschwerde flogen,
Weil gar zu liebesstark mein Anruf war.

«O freundlich Wesen du, das hold-gewogen
Uns aufsucht hier in purpurdunkler Nacht,
Uns, deren Blut die Erde aufgesogen –

Wär hold uns, der als Weltenkönig wacht,
Wir würden um dein Heil ihn gern beschwören,
Weil unser Elend mitleidsvoll dich macht.

Was dir beliebt, zu reden und zu hören,
Wir sagen’s gern und neigen dir die Ohren,
lässt nur, wie jetzt, der Wind ab, uns zu stören.

Am Strande liegt die Stadt, die mich geboren,
Da wo der Po ins Meer die Fluten drängt,
Drin er und sein Gefolg sich bald verloren.

Liebe, die schnell ein edles Herz befängt,
Mit Macht für meine Schönheit ihn entzückte,
Die mir geraubt; und noch die Art mich kränkt.

Liebe , die Gegenliebe stets beglückte,
Hielt für den Freund mein Herz so glutentbrannt,
Dass ich’s – du siehst es –noch nicht unterdrückte!

Liebe hat uns vereint ins Grab gesandt –
Kaina harrt auf ihn, der uns erschlagen!«
So lautete, was uns das Paar bekannt. –

Als ich die armen Seelen hörte klagen,
Senkt ich und hielt gesenkt den Blick so lange,
Bis ich Virgil : »Was sinnst du?« hörte fragen.

»Weh!« sprach ich, »welch ein Sehnen ängstlich-bange,
Wie mancher stille Liebeswunsch verschrieb
Die beiden hier zum schmerzensreichen Gange!«

Und als, sie anzusehn, mich’s wieder trieb,
Begann ich: »Sieh, Franzeska, wie dein Leiden
Mich schmerzt, dass nicht mein Auge trocken blieb.

Doch sprich: als liebeskrank geseufzt ihr beiden,
Wie und wodurch saht ihr in solchen Stunden
Des Herzens bangen Zweifel sich entscheiden?«

Und sie zu mir: »Kein Schmerz kann mehr verwunden,
Als der : im Elend freudenreicher Tage
Zu denken – auch dein Lehrer kann’s bekunden!

Doch weil so voller Sehnsucht deine Frage:
Was uns zuerst zur Liebe mocht erregen,
So dulde, dass ich’s unter Weinen sage:

Wir lasen eines Tags der Kurzweil wegen,
Welch Liebesnetz den Lanzelot gebunden;
Allein wir zwei und ohne Arg zu hegen.

Oft hatten unsere Augen sich gefunden
Beim Lesen schon, und oft er blassten wir;
Doch nur ein Punkt war’s, der uns überwunden:

Als wir gelesen, wie vom Munde ihr
Ersehntes Lächeln küsst solch hoher Streiter,
Da küsste bebend mich auch dieser hier,

Der nun fortan mein ewiger Begleiter.
Galeotto war das B u c h und der’s gedichtet!
An diesem Tage lasen wir nicht weiter ...

Indem der eine Schatten dies berichtet,
Löste der andre so in Tränen sich,
Dass ich vor Mitleid hinschwand wie vernichtet;

Und wie ein Toter hinfällt, fiel auch ich!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 06
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 06

Kaum dass Gefühl und Sinn mir wiederkehrten,
Die mir verjagt das Mitleid mit den beiden
Verwandten, die mir stark das Herz beschwerten,

So sah ich ringsherum nur neue Leiden
Und Leidende, wohin ich mich bewegen,
Wohin ich mich zu sehen mocht entscheiden.

Ich stand im dritten Kreis, wo ewiger Regen
Als Fluch, gleichmäßig, kalt, in Tropfen schwer
Herniederfällt und niemals darf sich legen.

Prasselnd entströmt der finstern Luft ein Meer
Klatschenden Hagels; Schnee und Wasser brausen,
Und stinkend qualmt davon das Land umher.

Das Untier Cerberus, seltsam, zum Grausen,
Bellt aus drei Kehlen wie ein Hund voll Blut
Das Volk an, das in dieser Nacht muss hausen.

Sein Schwarzbart trieft, sein Aug ist düstre Glut,
Wampig sein Bauch! Die Tatze, scharfbeklaut,
Zerkratzt, zerfleischt die Seelen bis aufs Blut.

Die heulen Hunden gleich im Regen laut
Und sichern sich durch fleißges Körperdrehen
Auf einer Seite zeitweis trockne Haut.

Als uns das Lindwurmscheusal kaum ersehen,
Reißt es die Mäuler auf und zeigt die Hauer,
Wobei ihm Wut k e i n Glied lässt stillestehen!

Mein Führer aber, frei von bangem Schauer,
Griff Erde auf und warf die Faust ganz voll
Ihm in den Schlund, dem gierigen Verdauer.

Und wie ein Hund nachlässt in Gier und Groll,
Fühlt er den Fraß erst zwischen seinen Zähnen,
Nur sinnt, wie er ihn niederwürgen soll –

So ließ der schmutzge Dreischlund gleich sein Gähnen,
Der sonst so schrecklich dröhnt den Leidensmatten,
Dass sie sich Taubheit wünschen unter Tränen.

Auf den vom Regen hingepeitschten Schatten
Schritten wir weiter jetzt, doch wir zertraten
Sie nicht, die wesenlosen Schein nur hatten.

Sie blieben fühllos liegen, als wir nahten,;
Nur einer fuhr sich setzend jäh empor,
Als er uns sah bei sich vorüberwaten.

»Du, der geführt ward durch der Hölle Tor,«
Rief er, »erkenne mich, wenn dir’s gelingt;
Du gingst ins Leben ein, eh ich’s verlor!«

Und ich: »Die Qual, die du erleidest, bringt
Vielleicht entstellt dein Bild mir vor die Sinne:
Sah ich dich je? Nicht weiß ich’s unbedingt!

Doch sprich: wer bist du, der hier im Gerinne
Der Schmutzflut friert? – Gewiss gibt’s größres Leid,
Doch keines ekelhaftern ward ich inne!«

Da rief er: »Deine Stadt, erfüllt von Neid,
So dass der volle Kelch will überfließen,
Umschloss auch mich in heitrer Lebenszeit.

Ich bin’s, den unsre Bürger Ciacco hießen,
Und weil ich nur geopfert meinem Schlunde,
Muss ewger Regen sich auf mich ergießen.

Doch bin ich nicht allein. Im gleichen Bunde
Um gleiche Sünde dulden gleiches Los
Die andern hier!« – Und ich, nach dieser Kunde,

Sprach, als er schwieg: »O Ciacco, wie so groß
Ist Deine Qual, die mich zu Tränen rührt.
Doch sage mir: was birgt der Zukunft Schoß

Für unsre Stadt, die Zwist und Streit verführt?
Weilt ein Gerechter dort? – Kannst du mir sagen,
Aus welchem Grund man ewig Zwietracht schürt?«

Und er: »Es kommt nach langem Streit zum schlagen;
Die Waldpartei, nachdem viel Blut vergossen,
Wird die der andern ächten und verjagen.

Doch eh drei Sonnenläufe noch verflossen,
Wird jene selbst durch d e n der Macht beraubt,
Der jetzt laviert und schmeichelt unverdrossen.

Hochtragen wird sie lange stolz das Haupt,
Die andre halten unter Druck und Banden,
Obgleich aus Scham sie weint und Rache schnaubt.

Zwei sind gerecht nur, aber unverstanden,
Weil die drei Funken: Habgier, Stolz und Neid
Die Herzen brennen machen und zuschanden!«

Hier schloss er seiner Rede Bitterkeit;
Und ich zu ihm: »Noch wünsch ich mehr zu wissen,
Drum fahre fort im freundlichen Bescheid,

Noch lässt mich Mosca, Farinata missen
Dein Wort! – Arrigos, Rusticuccis Seelen,
Tegghiaios und der andern, ruhmbeflissen,

Wo sind sie? Wolle mir dies nicht verhehlen!
Gern wüßt ich : ob sie Himmelsluft erfahren,
Ob sie im btittern Brand der Hölle schwelen?«

Und er: »Sie sind gestürzt zu schwärzern Scharen,
Viel härter drückt ganz andre Schuld sie nieder;
Steigst du so tief, so wirst du sie gewahren.

Doch wenn du kehrst zur süßen Erde wieder,
Erneure bei den Freunden mein Gedenken –
Mehr sag ich nicht!« – Wie nun die Augenlider

Auf den gebrochnen Blick sich müde senken,
Stiert er mich an, um gleich den andern Blinden
Gebeugten Hauptes sich dem Schlaf zu schenken.

Mein Führer sprach: »Der wird nun Ruhe finden,
Bis die Posaune des Gerichtes schallt
Und Er erscheint, zu lösen und zu binden!

Dann wird dem Äußern seiner Staubgestalt
Vom Grab her alles Fleisch zurückgegeben
Und hören, was die Ewigkeit durchhallt!« –

Hindurch, wo sich zu ekelm Wust verweben
Schatten und Regenflut, ging’s langsam fort;
Wir sprachen mancherlei vom Jenseitsleben,

Bis ich ihn fragte: »Was an diesem Ort
Die Seelen quält – sag, Meister, ob sich’s mehre,
Vermindre oder gleich verbleib auch dort?«

Und er: »Gedenke an der Weisheit Lehre:
Um so vollkommner mag ein Wesen sein,
Je mehr es Freude fühlt und Schmerzensschwere.

Ob nun dies Volk, verdammt zu ewger Pein,
Auch nie vollkommne Reise wird erlangen,
Zu besserm Stand als hier geht’s dennoch ein!«

Drauf sind wir weiterfort im Kreis gegangen,
Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint,
Bis hin zur Stätte, wo wir abwärts drangen

Und Plutus trafen, den gewaltgen Feind!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 07
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 07

»Pape Satan, alepp; pape Satan!«
Fing Plutus an mit rauher heisrer Stimme.
Doch er, der alles wohlverstand, begann

Mich zu ermutgen: »Lass dich von dem Grimme
Nicht schrecken! Wie gewaltig er auch tut,
Er duldet’s, dass dein Fuß hier abwärtsklimme!«

Dann, zu der zorngeschwollnen Höllenbrut
Sich wendend, rief er: » Schweig, Vermaledeiter!
Verzehr dich, Wolf, in deiner eignen Wut!

Nicht unbefugt zur Tiefe gehen wir weiter:
Dort will man’s so, wo mit dem Schwert zerspellt
Den stolzen Schmäher Michael der Streiter!«

Wie Segel, die noch eben windgeschwellt,
Zusammenklappen, wenn zerknickt die Masten,
So fiel das Ungetüm der Unterwelt.

Zum vierten Abgrund ging es ohne Rasten,
Wo vollgepfropft in tiefern Schmerzensgründen
Aus aller Welt endlose Qualen lasten!

Gerechter Gott! Wer könnte Häufung künden
Von größern Qualen, als ich hier durchzogen,
Dran wir zugrundegehn kraft unsrer Sünden?

Wie sich an der Charyddis schaumgen Wogen
Die Woge strudelnd stößt und tosend bricht,
So kreist das Volk und wirbelt hier im Bogen.

Und mehr als sonst wo drängte hier sich’s dicht
Und wälzte heulend her von beiden Seiten
Mit Brust und Leibern großer Last Gewicht.

Und stießen sie zusammen, lief mit streiten
Ein jeder Teil zurück – und beide schrien:
Was hältst du? – und: was lässt du es entgleiten?

So mussten sie das dunkle Rund umziehen,
Bis e i n Part auf des andern Platz gekommen,
Manch Schmähwort ließen sie dem Mund entfliehen.

Und war des Gegners Standpunkt eingenommen,
Hub wieder an des Kampfes alter Reigen. –
Mich machte dieses Schauspiel ganz beklommen,

Drum bat ich: »Meister, nicht wirst du’s verschweigen,
Sag mir: besteht dies ganze Volk aus Pfaffen?
Auch die hier links, die sich mit Glatzen zeigen?«

»Die Blinden sind es, die im Geiste Schlaffen,«
Sprach er, »sie wussten nie im Menschenleben
Mit rechtem Maß zu geben und zu raffen.

Ihr Belfern wird dir gültig Zeugnis geben:
Wenn sie im Kreis zum Kreuzungspunkt gekommen,
Trennt sie die Schuld, drin sie sich widerstreben.

Die dort des Haars Beraubten sind die frommen
Prälaten, drunter Papst und Kardinal,
In deren Brust der größte Geiz entglommen.«

Ich sprach: »Aus des Gelichters großer Zahl
Müßt ich doch, scheint mir, manchen wiederkennen,
Gebrandmarkt mit dem gleichen Sündenmal?«

Doch er: » Das muss ich einen Trugschluss nennen!
Besudelt und beschmutzt vom Lasterleben,
Wie könnte sich der Blick erkennbar trennen?

Sie müssen stets im Widerstoß erbeben,
Bis sich die einen mit geschlossnen Händen,
Die andern haarlos aus der Gruft einst heben.

Sie hat beraubt Schlechtsparen und Schlechtspenden
Des schönen Daseins und hierher gesandt zum Zwist! –
Kein Wort mehr will ich dran verschwenden!

Drum sieh, mein Sohn, wie eitel doch der Tand
Fortunas ist und was sie sonst beschieden,
Um das sich rauft des Menschen Unverstand!

Denn alles Gold, was ist und war hienieden
Auf unsrer Erde, kann’s herniedertauen
Nur einer müden Seele hier den Frieden?«

»O Meister,« bat ich, »lass mich klar erschauen
Fortunas Wesen, die, wie du gesagt,
Der Erde Güter hält in ihren Klauen!«

Und er: »Ihr Toren, die euch Blindheit plagt,
Welch Wahn hält schädlich euch den Geist verriegelt?
Gib acht, dass durch mein Wort die Wahrheit tagt!

Er, dessen Weisheit alles gültig siegelt,
Er schuf die Himmel, gab den Himmeln Leitung,
Dass ein Teil allen Teilen Klarheit spiegelt

Durch seines Lichts gerechteste Verbreitung.
So gab dem Erdenglanz des Himmels Hüter
Auch eine Dienerin zur Wegbegleiteung:

Die schickt von Volk zu Volk die eiteln Güter,
Von Stamm zu Stamm, stets wechselnd, nirgends dauernd,
Und lacht der Willkür menschlicher Gemüter.

Drum glänzt ein Volk, ein andres schmachtet trauernd,
Wie sies bestimmt, die sich verborgen hält
Gleich einer Schlange, unter Blumen lauernd.

Und alle Macht und Weisheit dieser Welt
kämpft wider sie vergeblich. Unumschränkt
Hat sie ihr Reich geordnet und bestellt;

Kein Stillstand ihren ewgen Wechsel kränkt:
Vom Flügel der Notwendigkeit getragen,
Ein ander Los sie jeglichem verhängt.

So ist das Glück, das oft ans Kreuz geschlagen
Von denen wird, die eh es preisen sollten,
Statt ungerechten Sinnes anzuklagen.

Doch hört’s die Selge nicht, wird sie gescholten:
Gleich andern Urgeschöpfen lässt sie eilen
Froh ihre Kugel, seit die Sphären rollten. –

Jetzt komm, mit größrer Qual den Raum zu teilen!
Die Sterne, die bei unserm Aufbruch stiegen,
Sie sinken schon, drum frommt kein längres Weilen!«

Den Kreis durchquerten wir, um einzubiegen
Zum andern Rand, wo eine heiße Quelle
Vorsprudelt, einem Bach sich anzuschmiegen.

Dunkler als Purpur noch war dessen Welle;
Und von der trüben Flut begleitet, klommen
Wir abwärts über eine grausige Stelle,

Bis wir zum großen Sumpf, dem Styx, gekommen,
Der rasch den Trauerbach am Fuß des steilen
Felsabhangs brausend in sich aufgenommen.

Aufmerksam ließ ich rings die Blicke eilen
Und sah im Sumpfe schlammbedeckte nackte,
Vom Zorn durchschüttelte Gestalten weilen.

Nicht nur mit Fäusten schlug man sich, man packte
Und stieß sich auch mit Kopf und Fuß, wobei
Man stückweis sich mit scharfem Zahn zerhackte.

Der Meister sprach: »Des Zornes Raserei
Besiegte sie, die hier dein Aug entdeckt..
Und glaube meinem Wort: noch allerlei

Von solchem Volk liegt unterm Pfuhl versteckt;
Denn all die Blasen, die nach oben schlagen,
Verursacht ihr Geseufz, und schlammbedeckt

Hört man sie ewig unterm Sumpfe klagen:
‚Wir waren trüb im hellen Sonnenschein,
Gepreßt von Missvergnügen und Verzagen,

Und traurig sind wir hier im Kot noch immer!’ –
Solch Lied lebt gurgelnd stets in ihrem Schlunde,
Stets schluckend bringen sie’s zu Ende nimmer.« –

Doch zwischen dem Morast und festen Grunde
Wir jetzt den Weg entlang dem Schmutzteich nahmen,
Den Blick gekehrt auf die mit Schlamm im Munde

Bis wir zum Fuße eines Tunnels kamen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

Fortfahr ich im Bericht. Lang ehe wir
Dem Fuß des hohen Turmes nahgekommen,
Fiel seine Zinne schon ins Auge mir,

Weil dort ein Dauerflämmchen hell entglommen,
Dem ich ein drittes winken sah fernher,
So ferne gar, dass kaum ich’s wahrgenommen.

Ich schöpfte neu aus meinem Weisheitsmeer:
»Hier wird ein Feuerzwiegespräch gepflogen?
Warum entzündete man dies? Und wer?«

Und er: »Gleich wird auf diesen schmutzgen Wogen,
Was unser wartet, deinem Blicke nahn,
Sobald der Dunst des Sumpfes sich verzogen!«

Durcheilen sah ich niemals seine Bahn
Den abgedrückten Pfeil mit solcher Schnelle,
Als hergeflogen kam ein kleiner Kahn

Grad auf uns zu, trotzdem ihn durch die Welle
E i n Steuermann nur antrieb. Der begann
Zu schrein: »He, kommst du, sündiger Geselle?«

»Heut strengst du, Phlegias, umsonst dich an,«
Sprach da Vergil. »Wir sind so lang nur dein,
Bis dass die Zeit der Überfahrt verrann.«

Wie einer spürt, dass lügenhafter Schein
Ihn trog, dann heftig zürnt, gekränkt an Ehre,
So brach auf Phlegias die Wut herein.

Mein Führer stieg ins Boot nach dieser Lehre
Und winkte mir zu folgen, und es schien,
Als ich an Bord, zu fühlen erst die Schwere.

Denn als wir drinnen, sah den Kiel ich ziehn
Viel tiefre Furchen, als er sonst beim Eilen
Mit andrer Seelenfracht der Flut verliehn.

Als wir den toten Graben so zerteilen,
Taucht vor mir auf ein schlammbedeckt Gesicht,
Das ruft: »Wer heißt dich hier vorzeitig weilen?«

»Ich k o m m e nur,« sprach ich, »und w e i l e nicht!
Doch wer bist du, so schmutzig und abscheulich?«
»Ein weinend Wesen bin ich,« sprach der Wicht,

Und ich: »So bleib, verdammt und unerfreulich,
Beim Weinen und beim Klagen bis ans Ende;
D i c h kenn ich, schwärzt dich der Morast auch gräulich!«

Da streckte der zum Fahrzeug beide Hände,
Dass ihn der Meister musste barsch verjagen:
»Fort! Zu den andern Hunden hin dich wende,

Drauf er, den Arm um meinen Hals geschlagen,
Mich küssend, sprach: »O Seele voller Glut,
Gesegnet sei der Schoß, der dich getragen!

Den aber blähte einst nur Übermut,
Kein guter Ruf wird sein Gedächtnis loben,
So dass ihn selbst noch hier verzehrt die Wut!

Als große Fürsten ehrt man viele droben,
Die hier einst werden wie die Säue stinken –
Und Flüche nur sind ihnen aufgehoben!«

Drauf ich: »Gern säh ich mir dies Schauspiel winken,
Wenn er von dieser Jauche kosten müsste,
Eh uns des Teiches Ufer wieder blinken.«

Da sprach Virgil: »Noch eh die andre Küste
Uns naht, wirst du es schauen mit Behagen,
Befriedigung darf heischen solch Gelüste.«

Kurz drauf sah ich den Schelm geknufft, geschlagen
Durch eine Schar von Kot- und Mistbeschlammten –
Gott muss ich Dank für diesen Anblick sagen!

»Packt den Argenti!« schrien die Zornentflammten,
Da sah ich selbst sich beißen mit den Zähnen
Aus Wut den florentinischen Verdammten.

Wir ließen ihn – mehr lohnt nicht zu erwähnen;
Auch drang ans Ohr mir jetzt ein schmerzhaft Brüllen,
Dass ich scharf spähte nach dem Grund der Tränen.

Der Meister sprach: »Bald wird sich dir enthüllen
Der Anblick eines Orts: Dis heißt die Stätte,
Die scharenweis unsel’ge Bürger füllen.«

Und ich: »O Meister, ihre Minarette
Bezeichnen glutrot schon im Tal den Strand,
Es brennt, als ob es Feuer in sich hätte.«

Der Meister sprach: »Der ew’ge Glutenbrand,
Der drinnen braust, lässt sie so rot sich weisen,
Wie du jetzt siehst im untern Höllenrand.« –

Wir kamen endlich hin, wo Gräben kreisen
Rings um das hoffnungslose Qualrevier,
Das aufgemauert schien aus hartem Eisen.

Nicht ohne großen Umweg konnten wir
Am Ufer landen, wo mit lautem Worte
Der Ferge rief: »Steigt aus, das Tor ist hier!«

Himmelsverbannter drängten an der Pforte
Vieltausend sich, und trotzig schrien die Frechen:
»Wer ist’s, der in des toten Volkes Orte

Als Lebender es wagt, dreist einzubrechen?«
Mein Meister aber gab den Schreiern Zeichen:
Er wolle insgeheim mit ihnen sprechen.

Da schien der Grimm den Zornigen zu weichen,
Sie riefen: »Komm allein! Doch d e n lass fliehen,
Der vorlaut sich gedrängt zu unsern Reichen;

Des Rückwegs mag er selbst sich unterziehen,
Versuchs der Tolle nur! Doch du bleibst hier,
Der ihm ins Nachtgefild Geleit verliehen!«

Bedenk, o Leser, wie verzweifelnd schier
Das Herz mir der Verruchten Wort bedrückte;
Ich glaubte schon versagt den Rückweg mir.

»O teurer Führer, du! Der mich entrückte
Schon öfter aller Not als siebenmal,
Wenn ringsum, wie es schien, kein Ausweg glückte,

Verlass mich,« rief ich, »nicht in dieser Qual!
Und ist’s verwehrt mir, weiter vorzudringen,
Umkehren lass uns dann zum Ausgangstal.«

Doch der befugt war, mich hierher zu bringen,
Er sprach: »Verzage nicht! Denn unsre Reise
Lässt uns, du weißt es, höhre Macht gelingen;

Drum harre hier! Mit neuer Hoffnung speise
Den schlaffen Mut und sei getrost! Ich werde
Dich nicht verlassen hier im Höllenkreise!«

So schied, der väterlich mich in Beschwerde
Beschützte. – Aber wild mit ja und nein
Bestürmte mich der Zweifel bange Herde!

Was er gesprochen dort, weiß e r allein,
Doch blieb er bei dem Volk nicht allzu lange,
Denn alles stürmte jäh zur Stadt hinein

Und schlug vorm Antlitz ihm mit hartem Klange
Das Tor zu, dass er draußen stand im Grauen
Der Dämmrung, dann in nachdenklichem Gange

Rückschritt zu mir, das Haupt gesenkt, die Brauen
Mutlos-gerunzelt. – Seufzend warf er hin:
»Wer hindert mich, des Jammers Haus zu schauen?«

Und dann zu mir: »Ob ich auch zornig bin,
Sei unbesorgt nur, ich besteh die Proben,
Was man zur Abwehr auch versuch dadrin!

Schon einmal hat sich frech ihr Trotz erhoben
An einer minderfest geschlossnen Pforte,
Vor die seitdem kein Riegel ward geschoben;

Du lasest ja am Sims die Todesworte!
Schon steigt herab diesseits durch Schlucht und Engen,
Der keinen Führer braucht zum dunkeln Orte –

Der hat die Macht, auch dieses Tor zu sprengen!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 09
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 09

Des Kleinmuts Farbe, die mein Antlitz deckte,
Als ich den Führer sah so traurig kehren,
Trieb ihn, dass er die eigne Furcht versteckte.

Er horchte aufmerksam, als ob belehren
Das Ohr ihn sollte, weil nicht in die Weite
Das Auge drang, dem Dunst und Qualm zu wehren.

Er sprach: »Uns krönet d o c h der Sieg im Streite . . .
Wo nicht . . . . darf auf des Mächt’gen Wort ich pochen? . . .
Wie lang doch währt’s, bis er an unsrer Seite!« –

Ich merkte, dass er sich nur unterbrochen,
Um mir den Schlussgedanken zu verstecken,
Denn anders klang, was er zuerst gesprochen.

Und deshalb fasste mich ein großer Schrecken
Weil ich argwöhnte: schlimmres noch, als offen
Erkennbar, will sein Schweigen mir verstecken. –

»Ward einer je im Schlund hier angetroffen,
Der hergeklommen wär vom ersten Grad,
Wo man nur leis beseufzt verlornes Hoffen?«

So ich. Und er: »Kaum einer wohl betrat
Der Unsern, die dem Vorhof auserkoren,
Den heut von uns beschrittnen Höllenpfad;

Zwar i c h war einmal schon hierher beschworen!
Durch der Erichtho mächt’ge Zauberein,
Die Tote weckt, schritt ich zu diesen Toren.

Sie sandte mich, als ich von Fleisch und Bein
Kaum frei, zu einem Geist durch diese Mauern,
Um aus dem Judaskreis ihn zu befrein,

Dem himmelfernsten Ort, zu dessen Schauern
Sich niemals Sonnenstrahlen abwärts schwingen;
Vertraut ist mir der Weg: drum lass dein Trauern.

Von einem Sumpf, draus Stank und Stickluft dringen,
Ist dieser Schmerzenswohnort rings umwunden,
Zu dem Gewalt nur Einlass kann erzwingen!«

Was er noch sprach, ist meinem Sinn entschwunden,
Weil mir der glühnde Turm, starr hinzuschauen,
Die Augen plötzlich schaudernd hielt gebunden.

Und droben aufgereckt – ich sah’s mit Grauen –
Drei blutbedeckte Höllenfurien standen,
Gebärde, Haltung ganz wie Erdenfrauen,

Nur dass die Hüften grüne Hydern banden,
Und dass, wo Haare sonst das Haupt umspinnen,
Sich ekelhafte Nattern ringelnd wanden!

Mein Führer kannte wohl die Dienerinnen
Der Königin nieausgeweinte Zähren
Und sprach: »Sieh hier, die schrecklichen Erinnen!

Rechts weint Alekto, links siehst du Megären,
Dazwischen ist Tisiphone zu schauen!«
So hört ich meinen Führer mir’s erklären. –

Die Brust zerfleischten sie sich mit den Klauen
Und zu der Fäuste Schlägenscholl ihr Brüllen,
Dass ich mich drängte an Virgil vor Grauen.

«Er werde Stein! Lasst uns das Haupt enthüllen
Medusens,« schrien sie, Zornesblicke schießend,
»Dass wir des Theseus Los an ihm erfüllen!« –

»Dreh schnell dich um, fest zu das Auge schließend!
Wenn es bei Gorgos Anblick offen stände,
Du kehrtest nie zurück, das Licht genießend!«

So rief Virgil, der – dass er selbst mich wände –
Sich eilte und noch über m e i n e Hand
Mir auf die Augen legte s e i n e Hände.

Erwägt, die ihr begabt seid mit Verstand,
Die Lehre, die mit dünnen Schleiers Hülle
Geheimnisvoller Verse sich umwand!

Schon überflog ein dröhnendes Gebrülle
Die trüben Wogen s o , als ob vor Graus
Ein jedes Ufer tiefer Schreck erfülle.

Es klang wie beim Gewitter Sturmgebraus,
Wenn schwüle gegen kühle Lüfte wüten:
Den Forst zerpeitscht es, Äste reißt es aus,

Rast ungehemmt, jagt vor sich Blatt und Blüten,
Und trabt mit Stolz, Staubwolken aufzuwerfen,
Dass bang die Herden fliehn und die sie hüten.

Vom Aug nahm mir die Hand Virgil: »Die Nerven
Der Sehkraft kannst du dort am alten Schaume,
Wo Dunst am dicksten brodelt, wieder schärfen!«

Wie Frösche angstvoll aus des Sumpfes Raume
Vor ihrer Feindin Schlange jäh zerstieben
Und dicht sich drängen an des Ufers Saume,

So sah ich tausend Geister hergetrieben,
Ja mehr, vor einem, dem doch beim Durchschreiten
Des grausen Styx die Sohlen trocken blieben.

Vor seinem Antlitz scheuchte nur zuzeiten
Die schweren Dünste seine linke Hand;
Denn das nur schien ihm Unmut zu bereiten,

Sonst schritt er stolz, wie himmelher-gesandt.
Zum Meister kehrt ich mich, doch auf sein Zeichen
Geneigten Haupts ich schweigsam vor ihm stand.

Das Antlitz schien gewaltger Zorn zu bleichen,
Er schlug nur leicht ans Tor mit einer Rute,
Da musst es jedem Widerstande weichen.

»Himmelverbannte, ewgen Trotz im Blute!«
So rief er auf der schreckensvollen Schwelle,
»Was führt euch zu vermessnem Übermute?

Was trotzt dem Willen ihr an höchster Stelle,
Den nichts vermag vom Ziele abzudämmen,
Der euch schon oft vermehrt des Schmerzens Quelle?

Wollt ihr das Schicksal widerspenstig hemmen?
Denkt an den Cerberus: ward Hals und Kinn
Nicht wund und kahl ihm durch sein töricht Stemmen?!«

Und durch den Schlammpfad schritt er wieder hin!
Doch unser achtlos, schweigend ging er fort,
Als kreuzten größre Sorgen seinen Sinn

Als Nichtigkeiten,wie sie vor ihm dort.
Wir setzten in die Stadt nun dreist die Schritte,
Geschirmt und sicher durch so heilges Wort,

Dass man des Eintritts Recht uns nicht bestritte.
Ich aber, - zu erkunden voll Verlangen,
Was wohl die Festung barg in ihrer Mitte, -

Als meine Blicke rundherum gegangen,
Konnt rechts und links ein weites Feld erschauen,
Von Qual und Foltern sonder Zahl umfangen.

Wie sich bei Arles der Rhone Fluten stauen,
Wie bei Pola Quarnaros feuchtes Band
Welschland begrenzt, bespülend seine Auen:

Wie Gräber hügelig machen dort das Land,
So auch vieltausend hier dem Blick sich boten,
Nur dass die Art viel bittrer hier sich fand;

Denn Flammen glühten um den Sarg der Toten,
Und setzten sie in so gewaltigen Brand,
Dass Schmiedeeisen niemals stärker lohten.

Jedweden Sarges Deckel offen stand,
Draus klangen herzzerbrechend Jammertöne,
Dass man des Fluches Schwere bald erkannt.

»O Herr,« sprach ich, »wer sind die Unglückssöhne,
Die, eingesargt in diesen glühnden Zwingern,
Solch Wimmern hören lassen und Gestöhne?«

»Von Ketzern starrt, von höhern und geringern
Sektierern dies GEfild – und solcherart
Gint’s mehr hier, als du ahnst, von Irrtumsbringern;

Sie liegen,« schloss er, »gleich-zu-gleich gepaart,
Und mehr und minder glühn die Gräber innen.«
Er schritt nach rechts und unsre Wanderfahrt

Ging zwischen Martern fort und hohen Zinnen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

Zwischen den Mauern und den Martern allen,
Ich folgte meinem Führer und Begleiter.
Ora sen va per un secreto calle,

die durch die sündgen Hallen
Mich führt,« begann ich, »sprich und gib Bescheid
Auf meiner Wünsche Fragen nach Gefallen!

Die in den Särgen liegen weit und breit,
Darf man sie sehen? – Sind doch abgehoben
Die Deckel, und kein Wächter steht bereit.«

Und er: »Der Särge Schließung bleibt verschoben,
Bis sie zurückgekehrt von Josaphat
Mit ihren Körpern, die sie ließen droben.

Auf dieser Seite der Begräbnisstadt
Liegt Epikur mit seiner Schüler Scharen,
Der die Unsterblichkeit geleugnet hat.

Dort wirst du bald Befriedigung erfahren,
Auch kannst du dort den Wunsch ganz ohne Sorgen,
Den mir dein Herz verheimlicht, offenbaren.«

»Mein treuer Meister,« sprach ich, »nicht verborgen
Bleib dir mein Herz; es ist nur Schweigsamkeit,
Die du mir anempfahlst erst diesen Morgen.« –

»Tusker! Der in die Flammenstadt zu zweit
In ehrendem Gespräch und lebend kam,
Verweil, ich bitte dich, hier kurze Zeit.

Denn deine Mundart, traut und wonnesam,
Zeigt dich in selber edeln Stadt geboren,
Der ich zu oft dereinst die Ruhe nahm!«

So scholl’s aus einem Sarge mir zu Ohren,
Plötzlich, dass an den Führer enger ich
Mich schloss, weil ich beinah den Mut verloren.

Und er zu mir: »Was hast du? Wende dich!
Sieh Farinata doch, der hoch sich richtet;
Vom Haupte bis zum Gürtel zeigt er sich.«

Ich hielt schon meinen Blick auf ihn gerichtet,
Der trotziglich mit Brust und Stirn zutage
Sich hob, ob ihn die Hölle auch vernichtet.

Dann schoben durch die Reihn der Sarkophage
Dicht zu ihm hin mich meines Führers Hände,
Der flüsterte: »Sei kurz in Wort und Frage!«

Als ich ihm nahe, war es mir, ich fände
Die Stirn ihm einen leichten Zorn umschweben.
»Nenn deine Ahnen!« fragt er mich am Ende.

Und ich, dem Wunsch des Meisters nachzustreben,
Begann , ihm alles treu zu offenbaren;
Drauf sah ich seine Brauen leicht ihn heben.

Dann sprach er: »Fürchterliche Gegner waren
Sie meinen Ahnen und auch der Partei,
Und deshalb trieb ich zweimal sie zu Paaren!«

Drauf ich: »Wenn auch verjagt, sie kehrten frei
Zweimal zurück, drum prüfe überlegend:
Ob diese Kunst den Deinen eigen sei?«

Hier hob sich neben ihm, sich langsam regend,
Ein andrer Schatten aufrecht bis zum Kinne,
Sich scheinbar auf den Knien hochbewegend.

Er sah um mich herum, in seinem Sinne
Wohl glaubend, dass mich jemand noch begleite;
Sobald er aber seines Irrtums inne,

Rief weinend er: »Wenn du dies nachtgeweihte
Verlies durchwallst aus hohen Geistes Nacht,
Warum ist nicht mein Sohn an deiner Seite?«

»Nicht eigner Wert hat mich hierhergebracht,
Der dort,« sprach ich, »wies mir den Weg , den schweren;
Dein Guido gab auf ihn wohl wenig acht?«

Die Strafart nämlich, wie auch sein Begehren,
ließ rasch mich seines Namens sicher sein,
Und bündge Antwort konnt ich ihm bescheren.

Doch er, hochschnellend, rief mit lautem Schrein:
»Er g a b ? sagst du? Ist er nicht mehr am Leben?
Trinkt nicht sein Auge mehr den süßen Schein?«

Ihm schien’s, da ich nicht Antwort gleich gegeben,
Als wollt ich sie bedenklich ihm verschieben.
Da sank er um, sich nie mehr zu erheben.

Doch dem, um den ich stehen hier geblieben,
Ihm blieb auch in des Angesichtes Glätte
Starrsinn und Trotz gleichmäßig eingeschrieben.

Und neuverknüpfend seiner Worte Kette
Sprach er: »Wenn ihnen diese Kunst gebricht,
Martert’s mich mehr als dieses Flammenbette.

Doch ehe fünfzigmal sich das Gesicht
Der Herrin dieser Nächte wird entzünden,
Sollst selbst du fühlen dieser Kunst Gewicht.

Sprich: willst du wieder zu den süßen Gründen,
Muss gegen mein Geschlecht denn s o v i e l Wut
Beim Volke sich in jeder Satzung künden?« –

Ich sprach: »Die Schlacht verschuldet’s und das Blut,
Das überpurpurt hat der Arbia Wogen,
Weshalb der Tempel solche Sprüche tut!«

Das Haupt er seufzend schüttelte: »Vollzogen
Hab ich allein nicht diese grause Tat,
Und triftge Gründe hasben uns bewogen.

Doch ich allein war’s, der – als man den Rat
Einstimmig vorgebracht, Florenz zu schleifen –
Offnen Visiers dem Sturm entgegentrat!« –

»Soll euer Stamm nicht heimatlos mehr schweifen,
So löset,« bat ich ihn, »mir das Geflecht,
Drin mir verstrickt sind Urteil und Begreifen:

Zu wissen scheint ihr doch, versteh’ ich’s recht,
Und vorzusehn, was künftge Zeiten bringen,
Doch für das Jetzt scheint euer Blick geschwächt?«

»Weitsichtgen ähnlich, sehn wir von den Dingen
Nur die,« sprach er, »die noch im Fernen liegen –
Soweit lässt unsern Blick der Höchste dringen –

Doch werden sie zur Gegenwart, versiegen
Die Sinne uns; und bringt uns niemand Kunde,
Bleibt uns der Erdendinge Gang verschwiegen.

Drum wisse: dröhnt des Weltgerichtes Stunde,
Die einst auf ewig schließt der Zukunft Tor,
Dann stirbt all unser Wissen uns im Munde.«

Betrübt, weil mich vorhin umsonst beschwor
Des Guido Vater, bat ich: »Sag dem Alten,
Dass seinen Sohn der Tod noch nicht erkor,

Und dass die Antwort ich zurückgehalten,
Weil jenem Wahn, von dem dein Wort mich heilte,
Vorhin noch zweifelnd die Gedanken galten.«

Da rief mich schon Virgil, dass ich mich eilte,
Und schnell beschwor ich drum den Geist vor mir
Um Auskunft: wer noch außer ihm hier weilte?

Er sprach: »Mit mehr als Tausend brenn ich hier;
Dort liegt auch neben Friederich dem Zweiten
Der kardinal! – Von andern schweig ich dir!«

Drauf barg er sich. Doch ich, beim Rückwärtsschreiten
Zum alten Dichter, prüfte überdenkend
Die Worte, die wohl Unheil prophezeiten.

Virgil brach auf, die Schritte vorwärtslenkend
Und sprach: »Du bist verlegen? Bist beklommen?«
Ich sagte ihm den Grund, gern Antwort schenkend.

»Bewahre, was du Bittres hier vernommen,«
Sprach er; dann zeigte himmelan der Weise:
»Merk auf! Bist du dereinst dorthin gekommen

Und weilst in i h r e m holden Strahlenkreise,
Die mit den Augen darf das All umschließen,
Wird klar durch sie dir deine Lebensreise!«

Nun bog er links hinunter; wir verließen
Den Mauerwall, verfolgten bis zur Mitte
Den Weg, der talherabsank und stießen

Auf ekeln Mißduft hier bei jedem Schritte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 11
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 11

An eines steilen Abhangs oberm Saume,
Wo Felsentrümmer rings sich drohend türmen,
Gelangten wir zu noch qualvollerm Raume.

Hier musste vorm Gestank, der einzustürmen
Auf uns stets heftger anfing aus den Schrunden,
Ein hohes Steingrabmal uns schützend schirmen,

Des Aufschrift uns vom Inhalt ließ erkunden:
Hier liegt Papst Anastasius, dem die Gnade
Des Tugendweges durch Photin geschwunden!

»Vorsichtig lass uns abwärtsgehn die Pfade,«
So riet Virgil, »bis wir den ekeln Hauch
Gewöhnt sind, dass er uns nicht später schade.«

Ich bat: »So lass Gewinn nach gutem Brauch
Ersatz mir sein für die verlorne Stunde.«
Er aber: »Dies erwog ich eben auch.

Hör denn, mein Sohn: dies Felstal birgt im Grunde
Drei abgestufte kleinere Regionen,
Kreisförmig gleich den andern in der Runde.

Verruchter Seelen voll sind die drei Zonen;
Doch dass du später frei zum Sehen bist,
Vernimm jetzt, wie sie und warum hier wohnen!

Kern jeder gottverhassten Bosheit ist
Der Zweck: dem Nächsten Unrecht zuzufügen
Durch Trug, Gewalttat oder Hinterlist.

Doch da des Menschen Erbschuld ist das Trügen,
Mißfällt’s am meisten Gott; im tiefsten Schlunde
Trifft größern Schmerz daher das Volk der Lügen!

Gewalttat wird gebüßt im ersten Runde,
Und weil sie kann dreifacher Art geschehen,
Gibt’s auch drei Unterkreise hier im Grunde.

An Gott, an sich, am Nächsten kann man sehen
Gewalt verüben – nach Person und Dingen;
Vernimm den Grund, dann wirst du es verstehen!

Man kann verletzen und zum Tode bringen
Den Nächsten mit Gewalt, und seinem Gute
Brand, Raub, Nachteil und Schanden sonst erzwingen.

Wer drum durch Mord die Hände färbt im Blute,
Wer raubt, zerstört -: im ersten Kreise drüben
Büßt er entsprechend seinem Frevelmute.

Am eignen Leib und Gut auch kann verüben
Gewalt der Mensch: drum müssen sich im zweiten
Bezirk reuvoll, doch hoffnungslos betrüben,

Die aus der Welt sich feige selbst befreiten,
Ihr Gut durch Spiel vertan und Lotterleben,
Und ihren Lebensmai durch Gram entweihten. –

Auch Gott kann mit Gewalt man widerstreben,
Wer laut ihn leugnet und im Herzen leise,
Und wer verschmät, was ihm Natur gegeben;

Drum wird das Brandmal hier im engsten Kreise
Sodom, Cahors und denen aufgeprägt,
Die Gott im Herzen schmähten frevler Weise.

Betrug, der dem Gewissen Wunden schlägt,
Kann dem man antun, der uns schenkt Vertrauen,
Und dem, der keines uns entgegenträgt.

Auf diese Art wird nur das Band zerhauen,
Mit dem uns die Natur umflocht zur Liebe,
Weshalb im zweiten Kreis ihr Nest sich bauen

Die Heuchler,Kuppler, Schmeichler, Fälscher, Diebe,
Wer zaubert und besticht, der Simonist
Und allerlei Geschmeiß von derlei Triebe.

Durch erstre Art die Liebe man vergisst,
Die – mit der angebornen eng verbunden –
Besonderen Vertrauens Ursprung ist.

Drum wird im Mittelpunkt des Alls gefunden,
Im engsten Kreis, am Sitz des grausen Dis,
Der schändliche Verrat, zerfleischt von Wunden!«

»O Meister!« rief ich, »trefflich unterwies
Dein Wort mich; klar nunkann ich unterscheiden,
Wie sich dies Volk einteilt und ihr Verlies.

Doch sprich: die da im ekeln Sumpfe leiden,
Die Sturmgetriebnen, die in Regenschauern,
Und die sich zankend nahn und scheltend meiden –

Was büssen sie nicht auch in diesen Mauern
Der Feuerstadt, wenn Gottes Hass sie drückt?
Hasst Gott sie nicht, was müssen sie so trauern?«

Und er: »Wie ist doch jetzt so weit entrückt
Dein Geist? Weilt er vielleicht am andern Orte,
Dass er nicht diesen Zwiespalt überbrückt?

Gedenk an deiner Ethik schöne Worte,
Die treffend von drei Leidenschaften schrieb,
Die uns verschließen streng die Himmelspforte:

Unmäßigkeit, Bosheit und wilder Trieb,
Von denen wiederum nach Gottes Sinne
Unmaß am leichtesten verzeihlich blieb!

Sobald du dieser Lehre gänzlich inne,
Siehst du: warum für die, die besser waren,
Die Strafe d r o b e n statt erst hier beginne!

Erkennst dann auch, warum von diesen Scharen
Sie Gott getrennt und weshalb minderstrenge
Die Hämmer Gottes auf sie niederfahren!« –

»O Sonne, die der Wolken trübe Menge
Den Blick verscheucht!« rief ich, »derart berichtigt,
Steht Wissen höher kaum als Zweifelsenge!

Jedoch erinnre dich: du hast bezichtigt
Den Wuchrer, dass er Gott Beleidigungen
Zufügt? – Der Zweifel sei mir noch beschwichtigt!« –

»Wer in die Weltweisheit recht eingedrungen,«
Sprach er, »begreift an mehr als einer Stelle:
Als Gottes Tochter ist Natur entsprungen

Aus Gottes Geist und Kunst als Ursprungsquelle.
Und lerntest du erst deine Physik kennen,
So wird dir schon nach wenig Blättern helle,

Dass Menschenkunst nicht von Natur zu trennen,
Dass Kunst ihr nachstrebt treu als Schülerin,
Und man sie Gottes Enkelin darf nennen!

Zurückruf außerdem dir in den Sinn
Die Genesis! Dort heißt’s: Arbeit ist Leben!
Im Schweiß des Angesichts nur blüht Gewinn!

Den Wuchrer aber spornt ganz andres Streben:
Er schmäht Natur samt ihrer Jüngerin
Und hofft und trachtet, dem Gewinst ergeben! –

Doch folge nun, nach vorwärts drängt mein Sinn,
Die Fische zittern schon im Sternenreigen,
Ganz nach Nordwesten lenkt der Wagen hin

Und fern erst winkt der Fels zum Niedersteigen!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

Wo wir zur Tiefe lenkten, war die Stätte
So rauhzerklüftet, an Gefahr so groß,
Dass jedem Blick davor geschaudert hätte!

Dem Bergsturz gleich, der bei Trient den Scoß
Der Etsch mit Trümmerlasten seitwärts drückte
Durch Unterwaschung oder Erdenstoß,

So dass vom Kulm, von wo er talwärts rückte,
Dem Klettrer nur mit Not zum ebnen Lande
Durch Schutt und Steingeröll ein Abstieg glückte -:

So stand man hier an schroffen Abgrunds Rande!
Und auf der klippig-ausgezackten Fluh
Lag hingestreckt der Kreter Schimpf und Schande,

Gezeugt durch die mit List verkappte Kuh.
Als uns der Minotaurus kaum erblickte,
Fiel er sich selbst zornmütig an im Nu.

Da rief Virgil: »Ist’s Wahn, der dich umstrickte,
Als sähst du den Athener vor dir stehen,
Den Herzog, der dich her zur Hölle schickte?

Fort, Scheusal, fort! – Die Wege, die w i r gehen,
Ließ deiner Schwester Arglist uns nicht wissen;
Nein, dieser kommt nur, eure Qual zu sehen!«

Dem Stiere gleich, der sich vom Seil gerissen
Beim Todesstreiche – nur noch taumeln kann
Und hin und her springt unter zorngen Bissen –

Das gleiche Spiel der Minotaur begann.
Drum riet jetzt der Erfahrne: »Lauf zur Schlucht!
Solang er tobt, fang mit dem Abstieg an!«

Und über Trümmer nahmen wir die Flucht,
Wobei oft Steine abwärtsrollen machte
Irdischer Füße ungewohnte Wucht.

Nachdenklich klomm ich – und indem ich’s dachte,
Sprach er: »Du denkst an dies Geröll, bewacht
Von Zornuntier, das ich zum Schweigen brachte?

So wisse: als ich diesem Höllenschacht
Das erste Mal zum Grunde tief gedrungen,
War diese Wand noch nicht herabgekracht.

Doch kurz bevor sich himmelabgeschwungen
E r , der dem grausen Dis imobern Runde
Den großen Seelenraub im Sieg entrungen,

Da schwankten, bebten all die rauen Schlunde,
Als ob – so war mir’s – Liebesdrang durchzücke
Den ganzen Weltenbau im tiefsten Grunde,

Dass er ins alte Chaos fiel zurücke.
So durch gewaltgen Sturz und RIß brach hier
Und anderwärts der ewge Fels in Stücke.

Doch schau talnieder! Schon sind nahe wir
Dem Blutstrom, drin du kochen siehst und sieden,
Die andre schatzten mit Gewalt und Gier!« –

O Habsucht, tolle Wut, die uns hienieden
So anspornt, dass nach diesem kurzen Lenen
Im e w i g e n uns wird solch Bad beschieden!

Und wie mein Führer mir’s beschrieb soeben,
Ergoss sich hier ein breiter tiefer Graben
In Bogenform, von Felsen rings umgeben.

Und zwischen Fluß und Felswand sah ich traben
Gestreckten Laufs Kentauern mit Geschossen,
Wie sie einst pflegten auf der Jagd zu haben.

Kaum sehn sie uns, sondern von den Genossen
Gleich drei sich ab, bewehrt mit Pfeil und Bogen;
Die andern warten, was nun wird beschlossen.

Da rief der eine: »Die ihr hergezogen
Den Abhang kommt! Welch Leiden wartet euer?
Sagt mir’s von dort, sonst kommt mein Pfeil geflogen!«

Der Meister sprach: »Die Worte sind zu teuer
Für Dich! Dem Chiron wird ich Antwort geben - -
Dich riß ins Unheil stets des Jähzorns Feuer!«

Dann, leisberührend mich _: »Der hieß im Leben
Nessus! Als Dejaniren er geraubt,
Ließ er sein Blut als Rächer sich erheben!

Der in Der mitte mit gesenktem Haupt
Ist Chiron, der einst den Achill erzogen,
Der dritte Pholus, der nur Zorn geschnaubt.

Zu Tausenden umzingeln sie im Bogen
Die Flut und schießen jeden, der sich weiter,
Als seiner Schuld ziemt, aufhebt aus den Wogen!« –

So nahten wir dem Trupp der flinken Reiter,
Und rasch mit einem Pfeilschaft strich den Bart
Chiron zurück, so dass sein Mund, sein Breiter,

Sich zeigte, der sonst überlang-behaart,
Und fragte die Gefährten: »Seht ihr diesen,
Dem alles unterm Fuß beweglich ward?

Ein Geisterfuß hat solches nie bewiesen!«
Da sprach Virgil, dicht vor des Halbtiers Brust,
Wo Roß und Mensch zusammenwuchs zum Riesen:

»Er lebt! Und führen hab ich ihn gemusst
So einsam in die Nacht der schroffen Gründe,
Ihn treibt Notwendigkeit – nicht Schauens Lust.

Es stieg, dass sie mein neues Amt mir künde,
Ein Weib herab vom Hallelujasang;
Er ist kein Räuber, ich kein Kind der Sünde!

Drum bei der Kraft, durch die es uns gelang,
Zum Schmerzensland zu gehen auf sicherm Pfade,
Befiehl, dass einer schütze unsern Gang

Und hin zur Furt uns bringe am Gestade,
Und den hier, der kein Geist ist und nicht schweben
In Lüften kann, sich auf den Rücken lade!«

Rechts wandte Chiron sich, Befehl zu geben,
Nach Nessus um: »Schirm sie als ihr Begleiter!
Kein Trupp soll wider sie die Hand erheben!« –

Mit diesem treuen Führer ging’s nun weiter
Entlang des Strudles scharlachroter Flut,
Draus das Gekreisch erscholl Vermaledeiter,

Denn manchem kochte bis zur Stirn der Sud.
»Tyrannen sind’s!« erklärte der Kentauer,
»Raubgierig lechzten sie nach Gut und Blut,

Hier packt ob ihrer Sucht sie Schmerz und Trauer!
Sieh Alexandern hier und Dionys,
Er schuf Sizilien Not von langer Dauer!

Und dort die schwarzumlockte Stirne hieß
Einst Ezzelin, das Blondhaupt ihm zur Seite
Obizzo d’Esti, den – wie sich’s erwies –

Der Rabensohn durch Mord dem Tode weihte!«
Ich sah den Dichter an, der sprach alsbald:
»Zuerst sprech Nessus hier – ich sei der zweite.«

Kurz hierauf machte der Kentauer Halt
Bei einem Schwarm, der von den heißen Quellen
Nur bis zur Gurgel brodelnd war umwallt,

Und wies mir einen, abseits der Gesellen:
»Der dortdurchstach ein Herz in Gottes Schoß;
Noch heut verehrt man’s an der Themse Wellen.«

Drauf sah ich andre, Brust und Haupt schon bloß
Und frei erhoben – manche kannt ich wieder
Von denen, die hier traf solch schmählich Los.

Und seichter sank des Blutes Spiegel nieder,
Bis er den letzten nur die Knöchel leckte –
Und hier durchschritten wir den Qualensieder.

»Wie sich’s auf dieser Seite dir entdeckte,
Dass immermehr die Fluten hier versiegen,«
Sprach der Kentaur, indem die Hand er reckte,

»So wisse auch, dass immer tiefer liegen
Des Flussbetts Gründe jenseit bis zum Ort,
Draus der Tyrannen Schmerzensseufzer stiegen.

Die göttliche Gerechtigkeit straft dort
Den Attila, der Völker Geißelrute,
Pyrrhus und Sextus! Zwingt auch fort und fort

Der beiden Rinier Augenpaar, vom Blut
Gebeizt, zu heißer Tränenflut Erguß,
Die Straßenraub verübt mit frevelm Mute!« –

Heimzog drauf Nessus wieder durch den Fluß.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 13
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 13

Noch war nicht Nessus jenseits angekommen,
Als dichtverwachsen, ohne Wegespur,
Ein düsterwild Gehölz uns aufgenommen.

Nicht grün war hier das Laub, schwarzfarbig nur,
Verkrüppelt Ast und Zweig zu knotgen Knorren,
Statt Frucht bot Giftdorn kärglich die Natur.

Nicht bei Cornet und Cecina lässt dorren
Solch dichtes Waldgestrüpp der Sonne Glühen,
Selbst Raubzeug flieht die Wildnis dichtverworren.

Hier aber nisten scheußliche Harpynen,
Die – von den Inseln Trojas Volk zu scheuchen –
Ihm prophezeit zukünftge Not und Mühen.

Von Brust und Antlitz Mensch, mit Federbäuchen,
Bekrallten Füßen und gewaltgen Schwingen,
Wehklagen sie auf seltsamen Gesträuchen.

Da sprach Virgil: »Bevor wir weiterdringen,
Vernimm, dass dich der zweite Kreis umschließt;
Ihm zu entgehen wird dir erst gelingen,

Wenn grauenvoll das Sandmeer uns umfließt.
Drum habe acht, ob du des Wunderbaren,
Das ich versprochen, die Bestätgung siehst.«

Gleich hört ich Seufzer banger Brust entfahren
Und stand nun, der Verwirrung ganz zum Raube,
Denn nirgends konnt ich Klagende gewahren.

Der Meister, glaub ich, glaubte, dass ich glaube,
Dies Ächzen könnte aus den Herzen steigen
Von solchen, die verborgen sich im Laube?

Da sprach er: »Brich nur einen von den Zweigen,
So muss die Meinung, die dein Argwohn fasste,
Sich dir im Augenblick als irrig zeigen!«

Gleich griff ich mit der Hand nach einem Aste
Und brach ein Reis – da schrie der Dornenbaum:
»Was pflügst du mich? – und tröpfelnd an dem Baste,

Wo ich’s vom Stamm gelöst, stand blutger Schaum.
Und wieder rief’s: »Warum denn mich so zwicken?
Hat deine Seele nicht für Mitleid Raum?

Einst Mensch, kannst du mich jetzt als Strauch erblicken!
Doch deine Hand wär noch zu ungelinde,
Gält es auch Schlangenseelen hier zu knicken!«

Und wie ein Jungholz, dessen grüne Rinde
An einem Ende glüht, am andern zischt
Und schwelt, bis dass der Dunst den Ausweg finde,

So quollen hier auch Wort und Blut gemischt,
Dass mir der Zweig entfiel, den ich geraubt,
Bestürzt wie der, dem aller Mut erlischt.

»Gekränkte Seele, hätt er je geglaubt,«
Sprach der Poet, »was ihm aus meinem Sange
Bekannt nur war, nie hätt er sich’s erlaubt,

Dir wehzutun! Dass Kenntnis er erlange
Vom Wunderbaren, trieb – was jetzt mich reut –
Mein Rat ihn an in seinem Willensdrange.

Doch sag ihm, wer du warst, und er erneut
Auf Erden deinen Ruhm, den Fehl zu sühnen,
Sobald zum Licht die Rückkehr ihn erfreut.«

Da sprach der Stamm: »Des Worts mich zu erkühnen,
Lockt freundlich mich dein Wunsch; nicht tadelt mich,
Lass ich Erinnerung zu reichlich grünen.

Ich bin’s, der Friedrichs Herz vertrauend sich,
Kraft zweier Schlüssel, auf- und zugeschlossen,
Und zwar mit so gelinder Hand, dass ich,

Und ich allein sein ganz Vertraun genossen!
Bis ich im hohen Amt ihm Schlaf und Leben
Geopfert, weihte ich mich unverdrossen.

Die Metze, aller Welt Verderb, daneben
Verpönt als Hofpest, die nicht auszumerzen,
Die geile Blicke pflegt zum Thron zu heben,

Sie schürte gegen mich so aller Herzen,
Bis der entfachte Groll auch ihn entfachte,
Und Glanz und Ehrb mir wurden Schmach und Schmerzen.

Da war’s mein Geist, der zorndurchlodert dachte,
Nur rascher Tod wär’s, der den Schimpf zerstreue,
Und s o mir, dem Gerechten, Unrecht brachte.

Bei diesen Wurzeln schwör ich hier aufs Neue:
Den wohlverdienten Ruhmes Lorbeer schmückt,
Nie brach ich meinem Herrn den Eid der Treue!

Wer drum von euch noch einmal wird entrückt
Zur Erde, helfe mein Gedächtnis heben
Vom Staube, drin der Neid es niederdrückt!«

Er sprach’s und schwieg. – »Soll ich dir Antwort geben,
Und hast du noch zu weitern Fragen Lust,«
Drängte Virgil, »lass nicht die Zeit entschweben!« –

»Gern hätt ich manches Wichtge noch gewusst,«
Sprach ich, »doch d u magst lieber ihn befragen;
Ich kann’s nicht, Mitleid martert mir die Brust.«

Virgil sprach: »Was du dem hier aufgetragen,
Gefangner Geist, wird gern Erfüllung finden,
Doch erst beliebe dir’s, unds anzusagen:

Wie presst in diese knorrigrauhen Rinden
Der Geist sich ein? Und: Hat am jüngsten Tage
Die Seele Macht, der Haft sich zu entwinden?«

Da rauschte laut der Stamm auf diese Frage,
Und langsam ward das Rauschen dann zur Stimme:
»Kurz darf nur sein, was ich zur Antwort sage!

Wenn sich die Seelen losgetrennt im Grimme,
durch den sich Menschen frevelhaft entleiben,
Schickt sie zum siebten Schlund Minos, der schlimme,

Wo sie, des Zufalls Spielball, liegen bleiben
An einem Ort, den nicht ihr Wunsch erkor,
Um wuchernd wie ein Keim dort aufzutreiben:

So schießt hier Busch und Baum zum Wald empor!
Harpynen nähren sich von unserm Laube,
Sie schaffen Qual, doch auch der Qual ein Tor.

Auch uns beschenkt man mit dem Leib von Staube
Dereinst, doch ohne Recht, sich drin zu kleiden:
Verscherzt war sein Besitz im Lebensraube.

Hier schleppen wir ihn her zum Wald der Leiden,
Hier wird an d e m Gehölz die Hülle hangen,
Das jedem eignet, ihn zu unterscheiden!« –

Noch lauschten wir dem Stamme, voll Verlangen
Erwartend, dass er mehr noch wolle sprechen,
Als plötzlich Lärm und wilde Stimmen klangen,

Als ob des Weidmanns Gier mit Stoß und Stechen
Den Eber stellt, dem mit Gebell die Meute
Durchs Dickicht nachstürzt, dass die Zweige brechen.

Und siehe! Zwei von Biß und Schlag zerbleute,
Zerkratzte Nackte stürmten links heran,
Dass ihen Weg zerknickt Geäst bestreute.

»Komm Tod, o komm!« schrie laut der Vordermann;
Dem zweiten schien’s nicht schnell genug zu gehen
»Lano!« rief er, »bei Toppo auf dem Plan

Konnt ich beim Waffenspiel dich träger sehen!«
Doch der verschlang, weil ihm die Lust vergangen,
Sich rasch mit einem Strauch, den er sah stehen.

Gestreckten Laufs, ihm hart am Fuße, sprangen
Schwärzliche Rüden lechzend hinterm Wilde,
Als hielt zu lang die Koppel sie gefangen.

Doch der geduckt den Strauch sich nahm zum Schilde,
Den packten sie zerfleischend wutentbrannt,
Die blutgen Glieder streuend ins Gefilde.

Da nahm mich mein Begleiter bei der Hand
Und zog zu jenem Strauch mich, den vergebens
Aus manchem blutgen Riß ich klagen fand:

»Was half’s, o Jakob, dir: voll eiteln Strebens
Zu fliehn und mich zu deinem Schirm zu machen?
Bin i c h die Ursach deines Lasterlebens?«

Drauf trat Virgil zum Strauch, dem sterbensschwachen:
»Wer bist du, der aus soviel blutgen Toren
Schmerzliche Jammerklagen lässt erwachen?«

Da rief der Strauch: »O Seelen, auserkoren
Zum Anblick meiner martervollen Schmach,
Wodurch mir schmerzhaft ging mein Laub verloren;

Tragt’s her zum Jammerstrauch, davon es brach!
Die Stadt gebar mich, die anstatt des alten
Patrons den Täufer sich erkor, wonach

Des ersten Kunst und List dort schädlich walten.
Und wär am Veccio nicht, zu dem im krümmern
Flussbett der Arno rollt, sein Bild erhalten -:

Der Ruhm der Bürger, die aus Schutt und Trümmern
Florenz nach Attilas Zerstörungsgraus
Neublühen ließen, - würde bald verkümmern.

Zum Galgen schuf ich mir mein eigen Haus!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 14
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 14

Aus Liebe zu der Stadt, die mich geboren,
Gab ich zurück des Laubs verstreutes Kleid
Dem Stamm, der jetzt die Stimme schon verloren.

Drauf kamen wir zur Grenze, wo sich reiht
Der zweite Kreis zum dritten, anzuschauen
Als Schreckenswunder derb Gerechtigkeit.

Getreu zu schildern dieses neue Grauen,
Vernehmt: dass wir zu einer Steppe kamen,
Die keine Pflanze litt in ihren Auen,

Und die der Schmerzenswald umgab als Rahmen,
Wie diesem selbst der Blutstrom dient zum Rande:
Dicht Saum-entlang wir unsern Weg hier nahmen.

DiesFeld bestand ausknietief.trocknem Sande,
Dass es wohl ganz wie jener Boden war,
Den Catos Fuß betrat inLibyens Lande. –

Wie stellst du dich so schrecklich allen dar,
O Rache Gottes, die jetzt lesen werden,
Was meinen Blicken hier ward offenbar!

Von nackten Seelen sah ich ganze Herden,
Die klagten jämmerlich und weinten sehr,
Doch quälten jede andrer Art Beschwerden:

Die eine Schar lag rücklings dumpf und schwer,
Die andre starr in sich hinein gekauert,
Die dritte rannte ruhlos hin und her;

Und diese, deren Laufschritt endlos dauert,
War größer, als die Kauernden, an Zahl,
Doch deren Schreinhat heftger mich durchschauert.

Denn wie bei stiller Luft im Alpental
Der Schnee fällt, so fiel hier ein dichter Schwaden
Von großen Feuerflocken allzumal.

Wie Alexander einst auf Indiens Pfaden
Sein Heer vom Flammenregen sah bedroht,
Der ungedämpft im Sand noch mochte schaden,

Weshalb er zu zertreten rasch gebot
Die Einzelflocken, weil sich so erdrücken
Viel leichter ließ der Qualm, der aufgeloht -:

So sah ich hier des Glutstroms heiße Tücken
Den Sand erhitzen wie den Schwamm den Stahl
Und Doppelschmerz den armen Leib durchzücken.

Den unglückselgen Händen allzumal
Ward keine Ruh; ein fruchtlos ewges Regen
Rang abzuschütteln neuen Brandes Qual.

»O Herr,« sprach ich, »dem alles unterlegen
Bis auf die Teufel, deren trotzge Wut
Am Eingangstor dir trotzte so verwegen,

Wer ist der Große dort, der, diese Glut
Verachtend,noch so dreist den Blick kann heben,
Als spräch er Hohn der Flammenregenflut?«

Da hört ich diesen selbst mir Antwort geben,
Weil er mit Recht auf sich bezog die Frage:
»Im Tode blieb ich wie ich war im Leben!

Ob Zeus mit Arbeit seinen Schmied auch plage,
Dem er entrissen einen seiner Blitze,
Der zürnend mich durchbohrt am letzten Tage –

In Mongibellos rußgem Schmiedesitze
Sei alle zu ermüden er bedacht
Und rufe: Hilf, Vulkan! In Zorneshitze,

Wie er in Phlegras Tal rief bei der Schlacht, -
Und sei auf mich sein stärkster Blitz geschwungen:
Ich weiß, dass nie ihm frohe Rache lacht!«

Da hob so stark, wie sie mir nie geklungen,
Virgil die Stimme, dies ihm zuzuschrein::
»O Kapaneus, dass niemals du bezwungen

Den Hochmut, das wird dir zur größten Pein,
Denn keine Marter als dein eignes Wüten
Kann solcher Wut gerechtre Strafe sein!«

Zu mir sich wendend sprach er mit Begüten:
«Von jenen sieben Drängern war er einer,
Die Theben zu erobern heiß sich mühten;

Er schmähte Gott und spottet heut noch seiner,
Und wie ich sagte: Stolz ist seine Schande,
Und Trotz dient ihm als Ehrenschmuck wie keiner!

Nun folge mir, doch vorm erhitzen Sande
Nimm sorgsam deinen Fuß beim Gehen in Hut,
Dicht halte dich daher am Waldesrande.« –

Stillschweigend kamen wir zu einer Flut,
Die blutrot aus dem Walde sprudelnd schwillt,
So dass noch heut mich schaudern macht dies Blut!

Wie aus Viterbos See der Sprudel quillt,
Den röhrenweis geteilt die Sünderinnen,
So strömte d e r hinab durch’s Sandgefild.

Sein Bett und jede Böschung war von innen
Aus Stein gleich der Umfassung an den Seiten,
Dass leicht der Übergang hier zu gewinnen.

»Von allem, was ich dir in diesen Weiten
Gezeigt, seit wir zum Weg uns angeschickt
Durch jenes Tor, dass jeder darf durchschreiten –

Hat nichts dein Auge bis hierher erblickt,
Dem mehr Bewundrung als der Bach gebührte,
Der alle Flämmchen über sich erstickt!«

So sprach er, der zu diesem Ort mich führte;
Und ich: »Wohl äß ich auch die Speise gerne,
Danach ich durch dein Wort längst Esslust spürte.« –

»Ein wüstes Eiland liegt in Meeresferne,«
Begann Virgil, »das Kreta ist genannt
Und keusch blieb unter seines Herrschers Sterne.

Dort ragt ein Berg, als Ida weltbekannt,
Den grüner Wald mit muntern Quellen schmückte,
Jetzt trauert er verwildert, kahlgebrannt,

Wohin einst Rhea ihren Sohn entrückte,
Die listig, den Verfolger hintergehend,
Durch Lärm des Säuglings Schreien unterdrückte.

Im Berge weilt ein Greis: groß, aufrechtstehend,
Damiette im Rücken; seine Augen wenden
Nach Rom sich, wie in seinen Spiegel sehend.

Sein Haupt ist reines Gold; die Arme enden
In Silbererz, draus auch die Brust geründet;
Aus Kupfer ist der Rumpf bis zu den Lenden,

Von wo hinab sich hartes Eisen kündet.
Der rechte Fuß nur ist gebrannter Ton,
Drauf schier allein des Körpers Last sich gründet.

Bis auf das Gold sind alle Teile schon
Zerborsten; aus den Rissen träufeln Tränen,
Die ganz den Fels noch zu durchfressen drohn,

Erst hier talniederziehn in feuchten Strähnen,
Als Phlegethon, Styx, Acheron sich zeigen,
Dann abwärtsbrausen durch der Felskluft Gähnen

Und dort, wo keiner tiefer mehr kann steigen,
Sich stauen zum Cocyt in Eisesbanden –
Bald siehst du ihn – drum kann ich davon schweigen.«

Doch ich: »Wenn dieses Baches Flut entstanden
Schon auf der Oberwelt, so mach mir kund:
Wie kommt’s, dass wir ihn erst hier unten fanden?«

Und er: »Du weißt, der Höllenraum ist rund
Und ob wir ständig auch beim Weiterschweifen
Nach linkshin abwärtsdrangen in den Schlund,

Wir konnten nicht den ganzen Kreis durchstreifen.
Drum, wenn du auch viel neue Wunder siehst,
Darf Staunen dich nicht allzu sehr ergreifen!« –

»Doch sag, wo Phlegethon und Lethe fließt?
Von Lethe schweigst du? Jenen, hört ich sagen,
Bilde der Regen, der sich hier ergießt?«

Er sprach: »Nicht unlieb sind mir deine Fragen;
Doch sollte nicht des Wassers roter Sud
Für dich schon die Belehrung in sich tragen?

Nicht in der Hölle rieselt Lethes Flut!
Den Seelen dient sie d o r t zum Läutrungsbade,
Wo Buße sie bereuter Schuld entlud.

Doch fort vom Walde nun! – Hart am Gestade
Nachfolge mir, wo überm roten Gischt
Dem Fuß die Ränder bieten sichre Pfade,

Weil über ihnen glut und Brand erlischt!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 15
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 15

So trägt uns fort des Ufers fester Rand,
Und drüber wölbt des Wassers Dunst den Bogen,
Der Damm und Flut beschützt vor Feuersbrand.

Ganz wie in Flandern Deiche sind gezogen
Vor Brügge und Kadsant, dass bei der Flut
Das Bollwerk brechen soll die Kraft der Wogen;

Und wie des Paduaner Vorsicht tut:
Eh Lenzglut drückt auf Kärntens Gletscherkämme,
Nimmt Stadt und Burgen er in sichre Hut

Und schützt die Brenta durch Gestein und Stämme_
In gleicher Art, nur nicht so hoch, erbaute
Hier unbekannten Meisters Kunst die Dämme.

Bald waren wir vom Wald, der uns umgraute,
Soweit entfernt, dass, wo er nur gelegen,
Der rückgewandte Blick nicht mehr erschaute.

Da liefen Seelen uns am Damm entgegen,
Und jede sah, indem sie näher rückte,
Uns prüfend an, wie wir im Neumond pflegen.

Blinzelnd das Augenlid zusammendrückte
Die ganze Schar; so tut ein greiser Schneider,
Bis ihm ins Nadelöhr zu treffen glückte.

So sah der Schwarm das Nahen unser beider,
Und wie sie alle gafften, da entdeckte
Mich einer, griff beim Saum mich meiner Kleider

Und rief: »Welch Wunder!« – Da sein Arm sich reckte
Nach mir, sah ich ihm ins Gesicht, das schier
Verbrannt war; doch das bald-erkannte weckte

Vergangner Zeit Erinnerung in mir.
Da bog ich seinem Antlitz meins entgegen
Und rief: »Wie, Herr Brunetto, seid Ihr h i e r ?«

Und er: »Mein Sohn, nicht sei dir’s ungelegen,
Wenn dein Latini umkehrt ein paar Schritte
Und nicht die andern kreuzt auf ihren Wegen.«

Und ich: »Das ist’s, warum ich herzlich bitte!
Auch rast’ ich gern mit Euch zu kurzem Sitze,
Wenn Ihr es wünscht und dies mein Führer litte.« –

»Mein Sohn, wer sitzend ruht, muss in der Hitze,«
Sprach er, »zur Strafe hundert Jahre liegen,
Wehrlos, wie auch das Feuer ihn bespritze!

Drum geh, ich will an dein Gewand mich schmiegen
Und dann zurück zur Wandersippschaft eilen,
Die über Qualen weint, die nie versiegen.«

Ich wagte nicht, zu ihm hinab der steilen
Abhang zu treten, doch ich hielt gesenkt
Das Haupt: in Ehrfurcht neben Ihm zu weilen.

Und er: »Welch Schicksal oder Zufall lenkt
Dich vor dem Tode schon in diese Tale,
Wer hat zum Weg die Führung dir geschenkt?« –

»Dort oben, über uns, im heitern Strahle
Des Lichts, verirrt ich mich im Tal der Schrecken,
Eh sich gefüllt noch meines Lebens Schale.

Erst gestern früh ließ ich die öden Strecken
Und wandte mich zur Flucht, bis mein Begleiter
Erschien und mir den Herweg half entdecken!«

Brunetto drauf: »Folg deinem Sterne weiter!
Nicht wirst du irregehn zum Port der Ehre,
Falls mich nicht trog das Leben hell und heiter.

Dein Tun hätt ich gestärkt durch Rat und Lehre,
Dir, dem die Sterne sich so günstig scharen, -
Zu früh kam ich zu diesem Jammerheere.

Doch jenes Volk von Schändlich-Undankbaren,
Das ehemals von Fiesole gestiegen
Und noch des Felssteins Härte scheint zu wahren,

Dich wird’s ob deiner Tugend schwer bekriegen,
Und muss auch wohl: denn süßer Feigen Frucht
Wird nie am bittern Dornenstrauch sich wiegen.

Es strotzt von Hochmut, Habgier, Eifersucht,
Ein altes Sprichwort nennt sie schon die Blinden –
Sei stets vor ihrem Beispiel auf der Flucht!

Dein harrt der Ruhm! Gelüst nach dir empfinden
Wird jede der Partein in heißem Ringen –
Dies Kraut soll keins der beiden Mäuler finden!

Einander soll das Viehzeug sich verschlingen
Von Fiesole, jedoch kein Kraut benagen,
Wenn noch ihr Mist ein Kraut hervor kann bringen,

Woraus der heilge Same neu soll schlagen
Der Römer, die geblieben an der Stätte,
Die solch ein schädlich Bosheitsnest getragen!« –

»Wenn Gott mein Hoffen ganz erfüllet hätte,«
Sprach ich, »gelöst hätt seine Hand noch nicht
Euch teures Glied aus der Naturen Kette.

Doch euer gütig Vaterangesicht
Bleibt ewig vorm betrübten Geist mir schweben,
Der nie vergisst, wie Ihr im Erdenlicht

Mich lehrtet, ewgem Ruhme nachzustreben.
Wie hoch ich’s schätze, will ich lebenslange
Mit Worten dankbar zu erkennen geben,

Und was Ihr spracht von meinem Zukunftsgange
Will ich beherzgen, bis ich d i e darf schauen,
Die alle Rätsel löst dem Zweifeldrange.

Doch sei’s gesagt! Und fest sollt Ihr drauf bauen:
Gibt das Gewissen mir kein mahnend Zeichen,
Dann bringt kein Schicksalsschlag mir feiges Grauen!

Ich weiß es wohl, solch Angeld muss ich reichen;
Mag seine Hacke drum der Bauer schwingen,
Mag drehn Fortuna ihres Rades Speichen!« –

Auf mich zurück, indem wir weitergingen,
Wandte Virgil sein Aug und sprach dies Wort:
»Gut hörten, die Gehörtes gut vollbringen!«

Doch ungestört fuhr ich im Gehen fort,
Zu bitten Herrn Brunett, mir d i e zu nennen,
Die am berühmtesten an diesem Ort.

»Ist’s lehrreich,« sprach er, »einige zu kennen,
Andre zu übergehn wird löblich scheinen;
Kurz ist die Zeit – bald müssen wir uns trennen.

Von Ruf und Ruhm sind alle, und es einen
Gelehrte hier sich Gestlichen Zum Bunde
Ob jenes Fehls, den wir alle beweinen.

Franz von Accorso läuft hier in der Runde,
Priscian auch; und – falls dir’s nicht Ekel brächte,
Zu überschaun den Auswurf hier im Grunde –

Ich wies dir d e n auch, den der Knecht der Knechte
Vom Arno schickte zum Vizenzer Lande,
Wo Missbrauch toller Brunft sein Sterben rächte.

Gern spräch ich mehr, doch mitgehn hier am Rande
Darf ich nicht länger, denn schon ballt sich dicht
Ein Qualmgewölk empor vom heißen Sande,

Auch nahen andre, die zu fliehn mir Pflicht!
Nur mein ‚Tesoro’ sei dir noch empfohlen,
Der mich verewgen soll – mehr wünsch ich nicht!« –

Fort lief er, die Genossen einzuholen,
Als ob er zu Veronas Volk gehöre,
Dem Wettlauf spornt uns grüne Tuch die Sohlen,

Als ob er hier gewönne, statt verlöre!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 16
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 16

Schon hörten wir des Wassers Flutgebrause
Zum nächsten Kreis im jähen Falle springen,
Dem Summen gleich in einem Bienenhause.

Da sah ich der, die trennten sich und gingen
Abseits den andern, die vom Funkenbrand
Im Laufen manchen heißen Guss empfingen.

Sie nahten schreiend: »Halt du! Am Gewand
Erkennen wir’s genau, dass im verderbten
Florenz auch deine Wiege einstmals stand!« –

Weh! Was für alt und neue Wunden kerbten
Die Flammen ätzend ein dem weichen Fleische-
Mich schmerzt noch heut das Los der Heilsenterbten.

Mein Lehrer lauschte diesem Schmerzgekreische,
Sah dann zu mir und sprach: »Hier lass uns weilen,
Bedenk, dass Höflichkeit die Schar erheische!

Dann strafte man nicht hier mit Feuerpfeilen,
Wie es der Ort verlangt, ich würde sagen:
Dir ziemte mehr als ihnen, so zu eilen!«

Ich stand und neu begann ihr altes Klagen;
Und als sie nahe, fassten sie zum Drehen
Sich an, gleich einem Rad umher zu jagen.

Wie nackte ölgesalbte Ringer stehen
Und Griff und Blöße zu erspähen pflegen,
Eh sie mit Stoß und Puff zum Angriff gehen:

So mussten sie im Wirbeltanz sich regen,
Das Antlitz immer starr mir zugewandt,
Der Hals dem Fuß an Richtung sich entgegen,

Und einer rief: » Falls uns der heiße Sand
Und unser Anblick nicht verächtlich machte,
Sowie der Glieder Wundenmal und Brand –

Hör unsern Namen, unsers Nachruhms achte,
Dann nenne dich und sag, wie du gefunden
Den Weg, der lebend dich zur Hölle brachte.

Der, dem ich folg wie an den Fuß gebunden,
War höhern Ranges, als du ahnst, im Leben,
Läuft er auch nackt hier, elend und zerschunden.

Wer wird Gualdradas Enkel nicht erheben,
Den Guidoguerra, der als wackrer Held
Von Geist und Schwert uns Proben oft gegeben?

Der hinter mir durchstampft das lockre Feld.
Tegghiajo ist’s, des Warnung man verachtet,
Die doch Gehör verdiente auf der Welt!

Ich selbst nun, der hier gleich den beiden schmachtet,
Bin Rusticucci, und mein Weib vor allen
Verschuldet’s, dass solch Elend mich umnachtet.« –

Wenn irgendwas mich vor des Feuers Wallen
Bewahrt, gestürzt hätt ich mich gleich hernieder,
Denn meinem Lehrer hätt es nicht missfallen;

Doch weil ich schrecklich mir versengt die Glieder,
Ließ Furcht die schöne Absicht mich verwinden,
Ans Herz zu drücken die Verehrten wieder.

»Verachtung nicht, nur Schmerz kann ich empfinden,« –
Begann ich – »dass euch solche Marter quält,
Und nie wird mir das Mitleid mit euch schwinden!

Dass ich hier Männer träfe, auserwählt
Gleich euch, ward mir schon aus den Worten klar,
Mit denen mir mein Meister es erzählt.

Ich bin aus eurer Stadt! Und immerdar
Klingt eurer Taten ehrenvoll Gedenken,
Davon ich Hörer gern und Herold war.

Den Wermut flieh ich; süßre Frucht zu schenken,
Hat mir des Meister Wahrwort prophezeit,
Nur muss ich erst zum Weltenkern mich senken!« –

»Solang den Gliedern noch Bewegung leiht
Dein Geist,« sprach er, »solang in Erdenlanden
Dein Ruf noch leuchten soll in ferner Zeit,

Sprich: ist noch Mannheit, Edelsinn vorhanden
In unsrer Stadt, wie einst in alten Tagen,
Ach! Oder ist es wahr, dass beide schwanden?

Denn Borsiera, der hier unsern Plagen
Vereint seit kurzem – sieh! Da läuft er hin
Im Schwarm! – er schreckt deswegen uns mit Klagen!« –

»Volkszuzug und der plötzliche Gewinn
Hat dich zu Stolz und Übermut betört,
Florenz, dass du’s mit Herzleid schon warst inn!«

Das Auge himmelwärts, rief ich’s empört. –
Starr, wortlos sahen drauf sich an die drei,
Wie jeder tut, der schlimme Wahrheit hört,

Dann riefen sie: »Wohl dir, wenn du so Freitag
Zu jedem sprechen darfst mit solchen Worten
Und ungefährdet bleiben noch dabei!

Doch scheidest du von diesen finstern Orten
Zum Sternenlicht zurück, dem milden, süßen,
Wo dich’s beglückt, zu sagen: ich war d o r t e n ,

Vergiss dann nicht, die Welt von uns zu grüßen!«
Drauf lösten sie sich aus der Arme Schlingen
Und stiebten hin mit eilbeschwingten Füßen.

Kein Amen kann so rasch im Mund verklingen,
Als diese drei der Ferne Dunst verschlungen,
Daher gefiel’s Virgil, dass wir auch gingen.

Und als wir etwas weiter vorgedrungen,
Erreichten wir den Strom, dess’ Lärmgebrülle
Kaum überschrie die Kraft der stärksten Lungen.

Gleich jenem Fluss: - der eignen Gangs die Fülle
Als erster ostwärts lässt vom Viso toben
Am linken Apenninenhang ( das stille

Gewässer wird er nur genannt dort oben,
Eh er talniederstürzt ins tiefe Bette,
Und bei Forli des Namens wird enthoben),

Dann braust auf Benedettos heilge Stätte,
Dem Alpengrat entstürzend mit Zerstäuben,
Der Raum genug für tausend Siedler hätte -.

So brach, die Ohren schmerzhaft zu betäuben,
Die trübe Flut sich trotz der Klippe Bahn,
Die es gewagt, dem Anprall sich zu sträuben. –

Ich hatte einen Strick mir umgetan,
Den bunten Panther in bedrängten Stunden
Damit zu fangen, sollt er nochmals nahn, -

Sobald ich diesen Gurt nun abgebunden,
Wie es Virgil gebot, gab ich den Strick
In seine Hand, zu einem Knaul gewunden.

Da trat Virgil nach rechts im Augenblick
Unweit zum Rand und warf vom klippenreichen
Das Bündel in den Abgrund mit Geschick.

Ei! dacht ich mir: entsprechend diesem Zeichen
Muss Unbekanntes, Neues jetzt geschehen,
Weil nicht von ihm des Dichters Augen weichen. –

Wie vorsichtsvoll muss man zu Werk doch gehen
Bei denen, die nicht nur die Tat gewahren,
Nein, auch Gedanken lesen und verstehen!

Er sprach: »Bald wird nun hoch vom Grunde fahren,
Was ich erhofft! und was dein Sinn erwägt,
Wird deinem Blicke schnell sich offenbaren!« –

Der Wahrheit, die der Lüge Antlitz trägt,
Soll möglichst sich des Menschen Mund verschließen,
Sonst wird nur Scham ihm schuldlos aufgeprägt –

Doch hier zu schweigen, würde mich verdrießen!
Bei der Komödie Versen sei’s beteuert,
Soll sie auch spätern Beifall noch genießen:

Hier, Leser, hätt’ umsonst sein Herz befeuert
Der Kühnste, der wie ich im Zwielicht stand
Vor diesem Untier! – Aufwärts schwimmt’s und steuert,

Als ob von Sandbank oder Klippenrand
Ein Mann den Anker unterhalb der Wogen
Gelöst hat und nun alle Kräfte spannt

Und aufwärts ringt, den Fuß fest angezogen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 17
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 17

»Da ist das Untier mit dem scharfen Schweife,
Das Berge, Wehr und Mauern kann durchstechen,
Damit sein Pesthauch Volk und Land ergreife!«

Anhob mein teurer Meister so zu sprechen,
Dann lockte der’s mit Wink und Ruf zum Rande,
Wo sich die Marmordämme unterbrechen.

Und des Betruges Greuelbild und Schande
Hob Kopf und Rumpf empor und schwamm heran,
Doch zog es seinen Schweif nicht mit zum Strande.

Das Antlitz harmlos wie ein Biedermann,
Schien Milde mit Gerechtigkeit zu paaren,
Doch bei der Brust die Schlange gleich begann!

Zwei Tatzen, bis zur Schulter kraus an Haaren,
Indessen beide Flanken, Brust und Rücken
Bemalt mit Schilderein und Schnörkeln waren:

So scheckigbunt in Stoff und Muster schmücken
Nicht ihr Gewebe Türken und Tataren,
Noch mochte solche Kunst Arachnen glücken!

Gleich Barken, die am Ufer aufgefahren,
Halb noch im Wasser, halb schon auf dem Sande,
Und wie beim Fischfang listig sich gebaren

Die Bilder in der Deutschen Schlemmer Lande –
So saß das Scheusal, drohnden Leibes ragend,
Plump auf des Sandmeers steingefasstem Rande,

Die leere Luft rings mit dem Schwanze schlagend
Und – mit der Waffe des Skorpions versehen –
Den giftigen Doppelstachel aufwärts tragend.

Der Führer sprach: »Wir müssen uns nun drehen
Und auf der Windung, wo das Ungeheuer
Sich hingelagert hat, hinuntergehen!«

Zehn Schritte etwa führte mein Getreuer
Mich rechts hinab, vorsichtig hin am Rand,
Den heißen Boden meidend und das Feuer;

Und angekommen, wo es sich befand,
Sah ich im Sande, nahe vor uns, Leute
Gekauert sitzen nah des Abgrunds Wand.

»Dass du vom ganzen Binnenkreise heute
Kenntnis erlangst,« sprach er, »so geh und siehe,
Was das Gebaren dieses Volks bedeute;

Doch nicht zu lang beim Zwiegespräch verziehe!
Indes verhandl ich mit dem Tier in Eile,
Ob es zum Weg des Rückens Kraft uns liehe?«

So musst ich denn durch die entfernten Teile
Ganz einsam gehen im siebenten der Schlunde,
Wo dieses Elendsvolk fern saß vom Heile.

Ihr Auge war der Qual beredte Kunde:
Es schützte sie der Hände zuckend Schlagen
Nur schlecht vorm Feuer und dem heißen Grunde.

So kratzen Hunde sich in Sommertagen
Und lassen Fuß und Schnauze still nicht stehen,
Wenn Flöhe, Fliegen oder Mücken plagen.

Ich ließ den Blick von dem zu jenem gehen,
Auf die das Feuer fiel zu großem Leide,
Und kannte niemand; konnte aber sehen,

Dass alle eine Tasche unterscheide
Mit farbgen Wappen, die am Halse hing.
Mir schien’s, dass sich ihr Auge daran weide;

Und als ich sie betrachtend näherging,
Auf einer Tasche Gelbgrund ich erblickte
Mit Löwenhaupt ein himmelblaues Ding.

Und als ich weiterweg die Augen schickte,
Fiel mir ein Beutel auf, blutrot zu schauen,
Drauf milchigweiß ein Martinsvogel nickte.

Doch einer, der, bemalt mit einer blauen
Trächtigen Sau den weißen Sack mir wies,
Rief: »Fort, was tust du in der Toten Auen?

Doch da noch nicht das Leben dich verstieß,
Vernimm: hier links den Platz wird mit mir teilen
Mein Nachbar bald, der Vitaliano hieß!

Ich muss hier bei den Florentinern weilen,
Die mit Gebrüll mich Paduaner schrecken:
Her möge aller Ritter Ausbund eilen,

Er, dessen Tasche die »Drei Böcklein« decken!«
Dann zog er’s Maul und wies die Zunge weit
Gleich Rindern, wenn sie sich die Nase lecken. –

Ich fürchtete, verblieb ich längre Zeit,
Den zu erzürnen, der gemahnt zur Eile,
Drum ließ ich dies Gesindel ihrem Leid

Und sah, dass sich mein Meister mittlerweile
Schon auf des Untiers breiten Bug gesetzt.
Er rief: »Nun Mut gefasst! Denn diese Steile

Hinunter geht’s auf solcher Stiege jetzt!
Dir wird der vordre, mir der Rücksitz passen,
Dass dich des Scheusals Schwanzdorn nicht verletzt!«

Wer einen Schüttelfrost sich fühlt erfassen,
Das blau die Nägel werden, und nicht wagt,
Des Weges Sonnenseite zu verlassen,

So war zumut mir, als er dies gesagt.
Doch wusste Scham sein Zuspruch zu entfachen,
Gleichwie vorm gütgen Herrn kein Knecht verzagt:

Drum schwang ich mich auf’s Riesenkreuz des Drachen.
Umfass mich! – wollt ich bitten, doch der Ton
Ließ sich vor Furcht dem Wunsch nicht dienstbar machen,

Und er, der in Gefahr mich nie geflohn,
Mich stets in aller Not zu Dank bewogen,
Umfasste mich mit starkem Arme schon

Und rief: »Auf! Geryon! Die Luft durchflogen!
Bedenk, welch n e u e Last dein Rücken hegt,
Drum lande mit gemächlich-sanftem Bogen!«

Und wie strandrückwärts sich ein Boot bewegt,
Schob er sich hin; und als er wahrgenommen,
Dass Spielraum wär, ward eilig umgelegt,

Worauf – in Gegenrichtung schnell gekommen –
Flott mit dem Schwanze steuernd wie ein Aal,
Die Luft er mit dem Pratzenpaar durchschwommen!

Kein größrer Schrecken wohl ins Herz sich stahl
Dem Phaeton, als ihm entglitt der Zügel,
Wie jetzt noch zeigt des Himmels Feuermal,

Noch auch dem Ikarus, als ihm der Bügel
Aus Wachs zerschmolz am sinkenden Gefieder,
Dass Dädal rief: Falsch steuern diese Flügel! –

Als mir geschah, da mich der Wurm trägt nieder
Durchs Luftmeer, und – wieweit mein Blick auch geht –
Nichts sieht als unter sich die Riesenglieder!

Und langsam, langsam schwimmt es, - kreist es – dreht
Und senkt sich: was ich nur am Luftzug spürte,
Der jetzt von vorne, jetzt von unten weht.

Doch bald von rechts herauf mein Ohr berührte
Des Wasserfalles Sturz und tobend Brausen;
Ich spähte neugiervoll und überführte

Mich voller Schreck, so nah zu sein dem Sausen,
Wo Glut und Klagen ich vernahm und sah,
So dass ich ganz geduckt mich hielt vor Grausen.

Was ich zuerst nicht fühlte, merkt ich da:
Dass wir uns sanft in Kreisen abwärts wanden
Und neuen Qualen kamen wieder nah.

Wie hoch in Lüften lang der Falk gestanden,
Doch weder Vogel sieht noch Federspiel,
So dass der Falkner zürnt: Willst du schon landen?

Und er so langsam sinkt wie schnell zum Ziel
Er stieg, und fern vom Herrn mit Zorngebärde
Sich niedersetzt, weil ihm die Jagd missfiel –

So setzte Geryon uns auf die Erde,
Wo senkrecht sich zur Höh die Felsen zogen;
Und froh, dass unsrer Last er leichter werde,

Schoß er von dannen wie der Pfeil vom Bogen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 18
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 18

Ein Ort der Hölle, namens Unheilsbuchten,
Hat Eisenfarbe und ist ganz von Stein,
Wie auch der Damm, der einschließt diese Schluchten.

Inmitten dieses Ortes arger Pein
Gähnt tief ein Brunnen mit gewaltgem Schlunde,
Von dem erst später wird die Rede sein.

Vom Uferfels bis zu dem Brunnenrunde
Teilt sich das Feld durch Dämme s o , dass zehen
Abschnitte tief einkerben sich dem Grunde!

Wie Wassergräben gürtelartig gehen
Als Schutzwehr um die Mauern der Kastelle,
Belagerungen siegreich zu bestehen:

So ähnlich war der Anblick dieser Wälle.
Und wie den äußern Böschungsrand verbinden
Zugbrücken mit des Ausfallstores Schwelle,

So waren hier Steinrippen auch zu finden,
Die Damm und Gräben regelrecht durchschnitten,
Den Brunnenkranz sternförmig zu umwinden.

Als hierorts wir von Geryons Rücken glitten,
Begab der Dichter sich zur Linken stracks,
Ich aber folgte treulich seinen Schritten.

Rechts bildeten neuartigen Gezwacks
Und neuer Martern Schinder und Erfinder
Den vollen Inhalt dieses ersten Sacks.

Hier gab es Scharen nackter Leidenskinder;
Von ihnen kam die Hälfte uns entgegen,
Die andre ging wie wir, nur viel geschwinder,

Wie sie in Rom des großen Andrangs wegen,
Der sich zusammenstaut im Jubeljahr,
Den Brückenübergang zu regeln pflegen,

Dass rechts nur gehen darf die Menschenschar:
Wer nach Sankt Peter will, sieht zum Kastelle,
Doch wer zurückkommt, nimmt des Berges wahr!

Und rechts und links vom Fels, ergrimmt und schnelle,
Gehörnte Teufel sprangen, die mit Hieben
Durchgerbten dieser Sünder nackte Felle.

Ei! Hat sie da schon eilig angetrieben
Der erste Schlag! dass, lüstern nach dem zweiten
Und dritten, nicht ein einzger stehn geblieben!

Da zog mein Auge, wie ich so im Schreiten,
Ein Schatten auf sich, dass ich plötzlich dachte:
Den sahest du doch schon in frühern Zeiten?

Und als ich stehn blieb, dass ich ihn betrachte,
Hielt auch der Meister, der mir’s zugestand,
Dass ich umkehrend ein paar Schritte machte.

Doch der Gestäupte mühte sich gewandt,
Ob sich zu bergen keine List ihm tauge,
Doch eitel war’s: ich hatt’ ihn längst erkannt.

»He, du!« rief ich, »ob du auch senkst dein Auge,
Du täuscht mich nicht, Venedigo! Doch sage,
Was tunkte dich in diese schwarze Lauge?«

Und er: »Ob mir die Antwort missbehage,
Mich lockt der Menschenstimme heller Klang,
Der mir Gedächtnis wachruft alter Tage!

Ich bin es, der in Schön-Ghisola drang,
Bis sie gefügig wurde dem Narchesen,
Ob andere Gerüchte auch im Schwang!

Doch nicht als einziger der Bolognesen
Verzweifl ich hier; soviel find derer drinnen,
Als niemals Sipa-Sprecher sind gewesen

Am Ort, wo Savena und Reno rinnen.
Nicht brauch ich dir die Wahrheit zu beschwören.
Willst du dich unsrer Habsucht nur entsinnen!«

Da gab ihm schon, den Säumgen aufzustören,
Ein Teufel was auf’s Fell: »Fort, Kuppler, weiter!
Um Gold sind Frauen hier nicht zu betören!«

Drauf schloss ich wieder mich an den Begleiter
Und ging mit ihm, bis wir dahin gekommen,
Wo eine Felsenrippe sich als Leiter

Uns bot, die wir alsbald bequem erklommen.
Auf ihrem Joch ward rechtshin fortgegangen
Und Abschied von dem äußern Kreis genommen,

Bis wo die Felsen auseinander sprangen,
Um Durchlass den Gepeitschten zu gestatten.
Da sprach Virgil: »In gleicher Richtung drangen

Voran mit unserm Schritt die andern Schatten,
Darum betrachte jetzt auch die Gesichter,
Die wir bislang noch nicht gesehen hatten!«

An unsrer Brücke zog nun das Gelichter
Schwarmweis vorüber von der andern Seite,
Gepeitscht von Teufeln. – »Siehe!« sprach der Dichter

»Den Großen dort! Ob ihm auch Schmerz bereite
Der bittre Gang, sein Stolz erlaubt’s ihm nimmer,
Dass e i n e Träne aus der Wimper gleite!

Wie königlich geht er einher noch immer!
Held Jason ist’s, der einst mit List und Mut
Den Kolchiern geraubt den goldnen Schimmer

Des Vlieses, als an Lemnos Strand die Wut
Erzürnter Weiber, eifersucht-entbrannt,
Erbarmungslos vergoss der Männer Blut.

Hypsipylen hat er das Herz entwandt
Mit Schmeichelein von süßem Liebesglücke!
Und sie, die selbst zu heucheln gut verstand,

Ließ er in Mutterhoffnung schnöd zurücke.
Hier büßt er dies, wie auch die an Medeen
Verübte Schuld und buhlerische Tücke;

So trieben’s alle, die hier mit ihm gehen.
Von den Gegeißelten im ersten Tal
Genüg dir dies zu wissen und zu sehen!« –

Wir standen auf dem Grate nun, der schmal
Den zweiten Damm durchkreuzt als Widerlage
Und Stützpunkt für das nächste Felsportal.

Hier hörten wir Gestöhn und dumpfe Klage
Im zweiten Sack, wo sich ein Volk zerfetzte
Den eignen Leib mit grobem Puff und Schlage.

Der Schimmel, der die Wände rings besetzte,
Ward durch Verdunstung schon zur zähen Kruste,
Die Aug und Nase widerlich verletzte.

Mein Blick die Nacht nicht zu durchdringen wusste,
Die überm Abgrund spann ihr schwarzes Laken,
So dass ich erst zur Höhe klimmen musste,

Um zu erkennen, wie im Unrat staken
Die Leute dort, dass sie beinah erstickte
Der Kot, der scheinbar stammte aus Kloaken.

Und da ich forschte, einen ich erblickte,
So kotig, dass es zu erkennen schwierig,
Ob auch für ihn einst die Tonsur sich schickte?

Er schrie mich an: »Was lässt du so begierig
Den Blick auf m i c h als einzgen Schmutzbold gehen?«
Ich sprach: »Weil ich dich einst, zwar minder-schmierig

Und trocknen Haares, sicher schon gesehen!
Interminei, Luccas Spross bist du,
Drum blieb ich aufmerksamer vor dir stehen!«

Und er, den Hohlkopf schlagend, rief mir zu:
»Die Schmeichelsucht hat mich hierher entrückt,
Die meiner Zunge nie ließ Rast noch Ruh!«

Jetzt riet mein Führer: »Halte dich gebückt
Und strecke vor den Kopf, so kannst du schauen
Die Dirne dort, die in den Mist gedrückt

Das Haar zerzaust hat und sich wie mit Klauen
Zerkratzt, die Nägel tief ins Fleisch geschlagen,
Bald steht, bald wälzt im Unrat gleich den Sauen,

Die Thais ist’s!« – Auf ihres Buhlers Fragen:
‚Bist du mir, Liebste, nun zu Dank verpflichtet?’
Ließ sie ‚unsäglich’ ihm tzur Antwort sagen. –

Nun sei auf weitre Schaulust hier verzichtet!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 19
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 19

O Simon Magus! O verruchte Jünger!
Was sich der Tugend nur vermählt mit Recht,
Ihr habt das Heiligste wie schlechten Dünger

Für Geldwert zu verschachern euch erfrecht!
Ihr haust im dritten Unheilssack, drum schalle
Posaunenklang von euerm Schandgeschlecht! –

Schon tauchte unser Blick, wo jäh im Falle
Der Felshang abstürzt, schaudernd tief zum Grunde
Vom Kamm hinab zur nächsten Schreckenshalle.

Kunst höchster Weisheit! – Selbst im Höllenschlunde,
Nicht nur im Himmel und im Erdenland,
Wird deiner Allgerechtigkeit uns Kunde! –

Mein Blick im Grunde wie an jeder Wand
Kreisrunde Löcher, alle gleich an Weite,
In schwärzlich-grauen Fels gemeißelt fand,

Die den Taufurnen ähnlich mir an Breite
In meinem schönen Sankt Johann erschienen,
Die sich befinden an des Beckens Seite:

Vor Jahren erst zerschlug ich eins von Ihnen,
Weil drein ein Knabe fiel und schier erstickte –
Dies mag als Wahrheit Irrtum-tilgend dienen!

Aus jedem Loch vorragend ich erblickte
Der Sünder Füße bis zum Wadenrand,
Sonst war der Leib verdeckt. Von draußen schickte

Das Feuer auf die Sohlen hellen Brand,
Drum war so heftig ihrer Knöchel Drehen,
Dass leicht geborsten wäre Strick und Band.

Wie wir bei ölgetränkten Stoffen sehen,
Dass obenhin Stichflammen bläulich rennen,
So flackert’s zwischen Fersen hier und Zehen.

Ich fragte: »Meister, willst du den mir nennen,
Der mehr als andre mit der Füße Schlagen
Sich wehrt und dessen Sohlen röter brennen?«

Da sprach Virgil: » Soll ich dich abwärtstragen
Die Felsen, wo sie mindersteil sich neigen,
Wird er von sich und seiner Schuld dir sagen.« –

»Beschließe, was sich dir als gut mag zeigen,«
Sprach ich, »du bist der Herr; mein Wille pflichtet
Dir bei, denn du verstehst mich auch beim Schweigen!«

So ward zum vierten Damm der Schritt gerichtet,
Und der Poet trug mich zur Linken nieder,
Wo Loch an Loch im engen Grund sich schichtet.

Nicht eher ließ mich auf den Boden wieder
Der Meister gleiten, bis vor d e m wir standen,
Dem Tränen tropften seine untern Glieder.

Ich rief: »Gequälter Geist, in Glut und Banden,
Kopfanwärts, wie ein festgerammter Pfahl,
Sprich, kam die Sprache dir noch nicht abhanden!«

Ich stand dem Beichtger gleich, den voller Qual
Zurück der Mörder rief, der – schon im Loch –
Den Tod verzögern möchte noch einmal.

Er aber schrie: » Kommst du so zeitig doch,
O Bonifaz, zu diesen Trauerborden,
Trotzdem dir prophezeit manch Jährchen noch?

So schnell bist du der Güter satt geworden,
Drum trügrisch du die schöne Frau bestohlen,
Um Ehr und Seele schändlich ihr zu morden?«

Ich mühte mich umsonst, den Sinn zu holen
Aus diesem Wort, stand sprachlos und beklommen,
Als wär zu spotten meiner, ihm befohlen.

Mein Meister trieb: »Nur rasch das Wort genommen:
Sah ihm, dass du nicht der Geglaubte seist!«
Ich eilte, dem Gebote nachzukommen;

Drauf krümmte heftig Fuß und Bein der Geist,
Um schmerzgepreßt und wimmernd mich zu fragen:
»Welch Wunsch ist’s also, der dich forschen heißt?

Doch ließ dein Wissensdrang den Weg dich wagen
Zur Hölle, will ich Antwort die gewähren:
Den großen Mantel hab ich einst getragen!

Als Bärensprößling nur auf’s Wohl der Bären
Bedacht, hab Gold ich droben eingesackt,
Und hier mich selbst. Doch lass dir nur erklären:

Dass unter mir noch viel sind hingepackt,
Gequetscht vom Fels, die mir das Beispiel gaben,
Wie man beim Ämterschacher plackt und zwackt.

Auch ich versink noch tiefer hier im Graben,
Wenn der, für den ich dich erst angesehen,
Hierherkommt, seiner Sünden Lohn zu haben.

Auch er wird einst in diesem Loche stehen,
Brennenden Fußes, köpflings-hingestreckt,
Nur minder-lange, als mir selbst geschehen.

Denn nach ihm kommt aus West, noch mehr befleckt,
Ein Hirt, missachtend aller Satzung Banden,
Der mich und jenen unter sich bedeckt.

Ein zweiter Jason ist’s, wie wir ihn fanden
Im Makkabäerbuch: wie d e m war mild
Sein Fürst, ist’s i h m der Herr von Frankreichs Landen!«

Ich weiß nicht, ob man mich verwegen schilt,
Weil ich mit diesem Wort mein Schweigen brach:
»Sag an, war Christus etwa so gewillt,

Dass er dem Petrus gegen Geld versprach,
Das hohe Schlüsselamt ihm zu verleihn?
Er sagte weiter nichts, als: Folgmirnach!

Trugs Petrus und den andern Reichtum ein,
Als sie durch Losung den Matthias kürten,
Nachfolger des Ischariot zu sein?

Die Sünden, die mit Recht hierher dich führten,
Verbüße nun und der geraubten Güter
Gedenk, die gegen Karl den Trotz dir schürten.

Dich schützt die Ehrfurcht christlicher Gemüter,
Die Ehrfurcht vor den Schlüsseln, die im Lichte
Des Tages du bewahrtest einst als Hüter,

Sonst ging mit dir ich strenger zu Gerichte..
Durch euern Geiz verderbt die Menschheit ist,
Durch euch wird Schlechtes groß, Gutes zunichte!

Euch Päpste meinte der Evangelist,
Als er das Weib gesehn auf Meereswogen,
Das Könige zu umbuhlen sich vermisst.

Die Siebenköpfige hat Kraft gesogen
Aus zehenfachem Horn, solang – bedacht
Und treu – der Tugend ihr Gemahl gepflogen.

Doch euer Gott ist Gold und Silberpracht,
Und besser sind die Heiden! Denn sie hangen
An e i n e m Götzen, wo ihr hundert macht.

Wie viele Übel, Konstantin, entsprangen –
Nicht deinem Übertritt – nein! Deiner Schenkung,
Die einst der erste reiche Papst empfangen!«

Indem ich vorsang ihm dies Lied – war’s Kränkung
Und Zorn? War’s das Gewissen, das ihn nagte? –
Er krümmte sich in schmerzlichster Verrenkung;

Doch schien es mir, dass es Virgil behagte;
Befriedigt trank sein Ohr und aufmerksam
Die Wahrheit, die ich so mit Nachdruck sagte,

Worauf er mich in beide Arme nahm
Und unermüdet, eng ans Herz geschlossen,
Den Weg hinauf, den er herniederkam,

Bis zu dem Bogen trug, steil aufgeschossen,
Dran sich der vierte Damm und fünfte schmiegen,
Hier mich absetzend, sanft und unverdrossen,

So sanft, als ich ihm schien, als er gestiegen.
Denn so zerklüftet war der Weg und schmal,
Dass er mit Mühe gangbar selbst für Ziegen.

Von hier ward sichtbar mir ein andres Tal.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 20
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 20

Jetzt liegt mir ob, von neuer Pein zu künden,
Die Inhalt sei dem zwanzigsten Gesange
Des ersten Lieds von der Verstoßnen Sünden. –

Ich suchte schon, vom schroffen Klippenhange
Hinab zu spähn zum offnen Höllenschlunde,
Der feucht war von der Tränen Überschwange.

Wallfahrern gleich, die sich vereint zum Bunde,
Sah ich langsamen Schritts Gestalten gehen,
Schweigend und weinend in dem tiefen Grunde.

Doch als ich erst genauer hingesehen,
Da hatte jeder, schauderhaftverquert,
Den Kopf derart auf seinen Schultern stehen,

Dass er nach rückwärts seine Augen kehrt
Und also sich des Krebsgangs muss bestreben,
Weil gradeaus zu schauen ihm verwehrt.

Durch Schlagfluß kann es sich vielleicht begeben,
Dass so gelähmt Genick und Hals verbleiben,
Doch glaub ich’s nicht und sah es nie im Leben.

Wenn Gott dein Lesen segnet und mein Schreiben,
O Leser, leg dir selbst die Frage nah:
Ob mir’s ins Aug nicht Tränen sollte treiben,

Als unser Menschenbildnis ich allda
Verrenkt, verschraubt und von dem ewgen Weinen
Benetzt am Einschnitt ihres Kreuzes sah?

Laut weinend wahrlich! Lehnte an den Steinen
Mein Haupt; da hört ich streng den Führer fragen:
»Auch du willst andern Toren ähnlich scheinen?

Ein Frommer muss sich Mitleid hier versagen,
Denn ist es nicht ein schmähliches Gebaren,
Bedauernd Gottes Urteil anzuklagen?

Blick auf! Blickk auf! Um Jenen zu gewahren,
Den Thebens Erde niederschlang vorzeiten,
Dass alle riefen: Wohin willst du fahren,

Amphiaraos, bist du müd zu streiten?
Doch läßt’s ihn unaufhaltsam fort im Schachte
Bis hin zum Allbezwinger Minos gleiten;

Schau, wie er ihm die Brust zur Schulter machte!
Nun muss er rückwärts gehen und rückwärts sehen,
Er der zu weit voraus zu schaun gedachte.

Sieh dort Tiresias, dem es geschehen,
Dass seine Glieder er durch Zaubergabe
Zur Weibesform sah plötzlich übergehen.

Er musste wieder erst mit seinem Stabe
Beschwörend auf den Schlangenknäuel hauen,
Dass er zurück des Bartes Zierde habe.

Der rücklings vor des Sehers Leib zu schauen
Ist Aruns. Einst auf Lunis Berggeländen,
Wo die Carrarer Tal und Flur bebauen,

Saß er in einer Grotte Marmorwänden,
Dass seine Augen auf die Meeresküste
Und zu den Sternen freien Ausblick fänden! –

Und die, was ich am Leib sonst lockig wüsste,
Jetzt rückwärts trägt, die mit gelösten Haaren –
Was du von hier nicht siehst – sich hüllt die Brüste,

War Manto, die der Länder viel befahren
Bis sie im Orte blieb, der mich gebar.
Doch davon möchte ich mehr dir offenbaren.

Als dieser Welt entrückt ihr Vater War ,
Und Sklavin schon die Bacchos-Stadt geworden,
Durchirrte sie die Welt manch langes Jahr.

Ein See heißt in Italiens schönem Norden
Benaco; die Tiroler Alpen schließen
Germanien ab an seinen Uferborden.

Wohl mehr als tausend Quellen, glaub ich, fließen
Dort zwischen Garda und Camonica,
Die in den See vom Apennin sich gießen.

Wenn den gedachten Punkt sich dort ersah
Der Bischof von Verona, Brescia, Trient,
Sie könnten dreifach Segen sprechen da.

Stolz bietet, wo der See nur Flachland kennt,
die Stirn Peschiera, ihre Kraft zu proben,
Falls Bergamo und Brescia es berennt.

Hierher stürzt all das Wasser sich von oben,
Das nicht im Schoß Benacos Raum gewinnt,
Und fließt durch Uferauen grünumwoben.

Sobald der Fluss erst freien Lauf beginnt,
Schickt er als Mincio weiter seine Wellen,
Bis bei Governo er im Po verrinnt

Und bald danach an niedern seichten Stellen
Sein Bett verbreitert und zum Sumpfe staut,
Draus oft im Sommer giftge Dünste quellen.

Hier hat die grause Jungfrau Land erschaut,
Als sie vorbeizog, mitten im Moraste,
Unangesiedelt, wüst und unbebaut,

Hier blieb sie, floh die Menschheit, die verhasste,
Trieb dort ihr Zauberwerk mit den Genossen
Und hauste da, bis sie im Tod erblasste.

Die Menschen dann, die rings zerstreuten, schlossen
Sich um den festen Ort zum Schutzvereine,
Weil er vom Sumpf allseitiug war umflossen.

So türmte bald zur S t a d t sich Stein zu Steine,
Die kurzerhand ward Mantua genannt,
Erbaut auf ihrer Gründerin Gebeine.

Mehr Volk zuvor sich in den Mauern fand,
Eh Pinamont, den Toren zu betrügen,
Dem Casalodi die Gewalt entwand.

Dies lehr ich dich, falls man mit andern Zügen
Dir meiner Stadt Entstehung je berichte
Und Wahrheit zu entstellen sucht durch Lügen!« –

Ich sprach: »Nichts macht mir mein Vertraun zunichte,
O Meister, dein Bericht nur soll mir frommen,
Auf andres ich als leere Spreu verzichte.

Doch sag: von denen, die jetzt näher kommen,
Ist’s jemand wert, dass man von ihm erfahre?
Denn dafür ist mein Herz doch nur entglommen!«

Er sprach: »Dort jener, dem des Bartes Haare
Bis auf die braunen Schultern nieder fliegen,
War Seher, als in Hellas seltne Ware

Das Mannsvolk hieß und kaum noch in den Wiegen
Ein Knäblein lag. Mit Kalchas gab er an:
Wann Zeit es sei, dass sie zu Schiffe stiegen.

Eurypilus von Aulis ist der Mann,
Es hat mein tragisch Lied von ihm gesungen;
Du weißt es, der es schier auswendig kann.

Und Michel Scott, des Ruf die Welt durchdrungen,
Ist dieser Hagre dort; stets ist behenh
Und leicht das schwerste Blendwerk ihm gelungen!

Sieh auch Guido Bonatti! Sieh Asdent,
Der gern bei Pech und Leisten wär geblieben,
Wie er mit Reue nun zu spät bekennt.

Die Weiber schau! – Statt Garn und Rad zu lieben,
Spindel und Nadel, wurdens Zauberinnen,
Die Hexerei mit Kraut und Wachsbild trieben.

Doch komm nun! Kains Dornenbund ragt binnen
Der Gränze schon von beiden Hemisphären, XXXXX
Die Meerflut bei Sevilla gewinnen.

Du sahst ihn gestern sich zum Vollmond klären
Und dir, du weißt, verschiedne Mal inmitten
Der Waldesnacht willkommnes Licht gewähren!«

So sprach Virgil, indem wir weiter schritten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 21
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 21

Von Brücke so zu Brücke ging es fort,
Zwiesprache pflegend, die nicht festzuhalten
Im Liede lohnt. – Vom Gipfel sahn wir dort

Der Unheilsbuchten nächsten Schacht sich spalten,
Fruchtloser Tränen voll und neuer Qual,
Und sahn ein sonderbares Dunkel walten.

Wie man zur Winterszeit im Arsenal
Venedigs sieht den Teer zähflüssig kochen,
Neu zu kalfatern lecker Schiffe Zahl,

Weil dann die Schifffahrt ruht -: hier stehn und pochen
Am neuen Fahrzeug diese, andre heilen
Die Rippen dem, das oft in See gestochen,

Am Stern und Bugspriet Zimmrer sich beeilen,
Man hockt, zerfetzte Segel auszuflicken,
Hier schnitzt man Ruder, dort dreht man an Seilen -:

So ist ein zäher Pechsee zu erblicken,
Durch Gottes Wunder kochend, nicht durch Glut,
Um sich am Rande klebrig zu verdicken.

Doch keinen Inhalt sah ich in der Flut,
Die siedend hoch quoll, setzend sich verdickte
Und Blasen quirlend auftrieb in dem Sud.

Indes den Blick ich spähend nieder schickte,
Zog mich Virgil – rufend: »Hab acht, hab acht!« –
Zu sich heran, fort wo ich abwärts blickte.

Wie einer, der aus Neugier unbedacht
Ein Grauses wahrnimmt, was er sollte meiden,
Den plötzliches Erschrecken mutlos macht,

Und fliehend doch nicht kann vom Anblick scheiden –
So nahm ich einen schwarzen Teufel wahr,
Der auf dem Grat entgegenlief uns beiden.

Wie war sein Aussehn wild und grimmig gar,
Wie grausam von Gebärde, als er rannte
Geschwinden Laufs mit offnem Flügelpaar.

Auf seiner Schultern eckighoher Kante
Trug einen Sünder hüftlings er daher,
des Knöchel er mit straffer Faust umspannte.

»Von Zita bring ich euch,« höhnte er,
»Ein Ratsherrlein, packt zu, ihr Grausetatzen,
Taucht ihn! Ich hole von der Sorte mehr,

Denn diese Stadt ist ihrer voll zum Platzen!
Und jeder Gauner ‚außer dem Bontur’
Macht dort ein Ja aus Nein für wenig Batzen!« –

Er warf ins Pech ihn, und von dannen fuhr
Der Dämon wie ein Bluthund, der die Kette
Zersprengt und wild verfolgt des Diebes Spur.

Der Sünder sank und hob sich aus dem Fette
Verkehrt – da scholl der Brückenteufel Wut:
»Hier gibt’s kein heilig Antlitz, das dich rette!

Hier schwimmt sich’s anders als in Serchios Flut!
Und soll es nicht mit unsern Gabeln hapern,
Bleib hübsch im Peche, Freundchen, tauche gut

Und such dir was im Trüben zu erkapern,
Dass dir dein unterirdisch Tänzchen glücke!«
Drauf griff man ihn mit hundert scharfen Schrapern,

Als wenn der Koch befiehlt, dass niedderdrücke
Der Küchenjunge zu des Kessels Grunde
Vom Kochfleisch die emporgeschwemmten Stücke.

Drauf rief Virgil: »Bevor den Teufeln Kunde
Von deinem Hiersein wird, duck hinterm Stein
Dich dort als bestem Schutzwall in der Runde.

Und fürchte nicht für mich: ihr lautes Schrein
Ist mir bekannt; schon einmal bei den Feigen
Durft ich ein Zeuge solchen Straußes sein!«

Drauf sah ich ihn die Brücke übersteigen,
Und als er an des Tales sechstem Hange,
War’s wahrlich not, furchtlos die Stirn zu zeigen.

Denn wie mit bissig-ungezähmten Drange
Die Hunde los auf einen Bettler fahren,
Hält er vor einer Tür in seinem Gange,

So stürzten jäh, die unterm Brücklein waren,
Mit ihren Haken alle auf ihn hin –
Er aber schrie: »Zurück, ihr Höllenscharen!

Zu gabeln mich komm keinem in den Sinn!
Erst ordnet einen ab, mit mir zu sprechen,
Dann überlegt, ob ich zu packen bin!« –

»Du, Stechdornschwanz, tritt vor denn!« schrien die Frechen,
Und der trat vor – (die andern blieben stehen)
Und fragte: wer er sei, hier einzubrechen?

»Wer ließ es ungestraft mir wohl geschehen,« –
Mein Meister sprach, »hier wehrlos einzudringen,
Und könnt ich sicher eurer Wut entgehen,

Wenn’s Gott und Schicksal gnädig nicht verhingen?
Drum lasst mich ziehn! Im Himmel ist’s beschlossen,
Ich soll durch diese Wildnis jemand bringen!«

Wie schmählich war der Überstolz zerflossen,
Der Hand entsank der Haken, furchtdurchschauert.
»Lasst ihn denn ungespießt!« sprach er verdrossen. –

»Du, der da drüben an der Brücke kauert,
Verlass den Fels, dahinter du gekrochen,
Und fürchte nicht, dass noch Gefahr dir lauert!«

Vor lief ich, als der Meister so gesprochen,
Doch auf mich zu sah ich die Teufel fahren
Und bangte schon, dass der Vertrag gebrochen.

So sah ich zittern einst die Landknechtsscharen,
Die laut Vertrag Capronas Burg verließen,
Und zahllos dann umringt von Feinden waren.

Ich strebte, ganzen Leibs mich anzuschließen
Dem Führer drum – und mit gespannten Mienen
Sah ich auf sie, die Gutes nicht verhießen.

Schon senken sie die Spieße, und von ihnen
Raunt einer: »Gerb ich ihm den Buckel? Sprich!«
Der andre leis: »Du kannst ihn dreist bedienen!«

Doch jener Teufel, der soeben sich
Besprochen mit Virgil, bog sich zurücke
Und rief: »Still, Raufbold, und bescheide dich!«

Und dann zu uns: »Auf dieser Felsenbrücke
Könnt ihr nicht weiterkommen, weil im Grunde
Der sechste Bogen barst in Trümmerstücke.

Und wollt ihr dennoch fort, geht längs dem Schrunde
Den Damm, bis ihr die Klippe seht sich heben,
Die euch hinüberführt zum nächsten Runde.

Fünf Stunden später als die Zeit soeben,
War’s gestern vor zwölfhundertsechzig Jahren,
Dass diesen Wegh zerstört der Erde Beben.

Dorthin muss just ein Tross aus meinen Scharen,
Ob keiner aus dem Pech taucht, nachzuspüren;
Folgt diesem Trupp und fürchtet nicht Gefahren.

Eistrampler auf! Und ihr, jetzt heißt sich’s rühren,
Schlappflügel, Hundeflabbe, Scharlachhahn!
Du, Sudelschnauzbart, sollst die zehn mir führen!

Auch Drachennas, Sauborst mit Schweinezahn,
Hundskraller, Flederflattrer, und der kecke
Karfunkelfratz – auf! Streift mir ab die Bahn,

Dass keiner aus dem Pech die Nase recke!
Doch diese zwei lasst ungeschoren gehen,
Wo ob dem Dachsbau unversehrt die Strecke!«

»Ach Meister,« bat ich, »Weh! Was muss ich sehen?
Lass uns allein gehen – brauchst d u solch Geleit?
Ich wünsch es nicht, wenn du mir beizustehen

Umsichtig fortfährst, wie sonst allezeit.
Schau! Wie sie zähnefletschend unser spotten,
Die Brauen runzelnd, zum Verrat bereit!«

Er sprach: » Lass sie sich nur zusammenrotten,
Und fürchte nicht, dass uns ihr Fletschen schade;
Es gilt nur denen, die im Pech gesotten!«

Die Teufel schwenkten nun linksab vom Pfade
Zum Damm, wobei die Zunge jeder wies
Dem Obmann, der zum Abmarsch die Schamade

Mit seinem Poschlitz als Trompete blies.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 22
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 22

Ich sah schon Reiter aus dem Lager rücken,
Zur Schlacht geordnet in die Feinde brechen,
Auch schwenken, dass der Rückzug möge glücken,

Patrouillen streifen auf Arezzos Flächen,
Stafetten fliegen, sah Paraden halten,
Sah Ringelrennen und auch Lanzenstechen,

Wobei Trompeten, Trommeln, Glocken schallten,
Leuchtfeuer brannten – und was sonst für Zeichen
Je als Signal im In- und Ausland galten.

Doch nie ließ manövrieren nach dergleichen
Fagott Fußvolk und Reiter ein Trompeter,
Noch Schiffe nach Gestirn und Küsten streichen! –

So führten uns des Hauptmanns zehn Vertreter:
Ekle Gesellschaft! Doch was hilft’s? In Schenken
Sind Säufer heimisch und in Kirchen Beter!

Aufs Pech allein mein Sinnen stand und Denken,
Den neuen Unheilssack ganz zu erkunden,
Und was für Volk sie da im Sude schwenken!

Wie Schiffern wohl Delphine, mit dem runden
Rückgrat auftauchend, Warnungszeichen geben,
Zu landen, eh der Sturm sich eingefunden.,

So sah ich hier sich manchen Sünder heben,
Auf Augenblicke kühlend sich zu laben,
Dann mit dem Rücken blitzschnell nieder streben.

Und wie die Frösche aus dem Wassergraben
Zum Ufer nur die breiten Mäuler strecken,
Doch Fuß und Dickbauch unter Wasser haben,

So konnt’ ich Sünder ringsherum entdecken,
Um gleich, als Sudelschnauzbart nur erschien,
Sich unterm Sude wieder zu verstecken.

Nur einen sah ich in der Flucht verziehn –
Noch heut entsetzt mich’s! – So verspätet sich
Manchmal ein einzler Frosch, wenn alle fliehn.

Hundskraller, ihm zunächst, zog emsiglich
Ihn aus dem Sud an den verklebten Haaren,
So dass er wirklich einem Otter glich.

Der Teufel Namen hatt’ ich schon erfahren,
Als Stechdornschwanz zum Streifzug sie ernannte,
Auch eigner Anruf zeigte, wer sie waren.

»Karfunkelfratz, auf! Mit der schärfsten Kante
Der Kraller musst du ihm das Leder schinden!«
So brüllte jeder Höllenabgesandte.

»O Meister,« bat ich, »such doch auszufinden,
Wie dieser Ärmste heißt, der in der Hand
Erzürnter Feinde sich muss ängstlich winden.«

Und der Poet trat näher an den Rand,
Zu fragen: wer er sei? – Und der Bepechte
Sprach so: »Mich zeugte das Navarrerland.

Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knechte,
Die mich von einem Tunichtgut gebar,
Der erst sein Gut und dann sich selbst verzechte.

Dann, als ich König Thibaut’s Diener war,
Trieb bei dem Guten ich Durchstechereien
Und leg nun hier im Pech die Rechnung dar.«

Sauborst, dem rechts und links das Maul mit zweien
Eckzähnen war bewehrt gleich einem Schweine,
Ließ fühlen ihn, wie scharf die Hauer seien.

Der Katzen Spiel ist nun die Maus, die kleine!
Doch Sudelschnauzbart, ihn umarmend, spricht:
»Fort! Solang ich ihn halt’, ist er der Meine!«

Zum Meister kehrt der Teufel sein Gesicht:
»Willst du, bevor die andern ihn zerfleischen,
Noch etwas wissen, frag und zögre nicht!«

Drauf mein Virgil: »Nur Antwort will ich heischen,
Ob unter denen, die im Leim dort kleben,
Lateiner sind?« – »Nicht braucht ich hier zu kreischen,«

Rief er, »wo Klau und Spieß sich drohend heben,
Und säße beim Lateinernachbar noch,
Hätt’ ich mich nicht von ihm getrennt soeben.«

Drauf Scharlachhahn: »Zu lässig sind wir doch!«
Und wütend riss er ihm mit scharfem Zacken
Ins Fleisch des Armes ein gewaltig Loch.

Am Beine wollte Drachennas ihn zwacken,
Doch drehte schnell sich um ihr Zehentmann
Mit wildem Blick – ihn schien der Zorn zu packen.

Als nun der Lärm zu legen sich begann,
Sprach jenen, der noch schmerzlich auf die Wunde
Hinstarrte, mein Poet von neuem an:

»Wer war’s, von dem in dieser Unglücksstunde
Du dich getrennt und aus dem Pech erhoben?« –
»Bruder Gomita heißt der saubre Kunde;

Von Arglist gab er ausgesuchte Proben:
Als er die Feinde seines Herrn in Händen,
Tat er, was sie an ihm noch heute loben:

Er sorgte, dass für Geld ‚ein Loch sie fänden’,
Wie er’s genannt! – Vertraut mit Maklerpflichten,
Empfand er, dass Prozente niemals schänden!

Da auch Don Zanche weilt bei den Bepichten,
Hört man die beiden unaufhörlich schwatzen
Von allerhand Sardinischen Geschichten.

Doch seht: wie dort des Zähnefletschers Fratzen
Mir drohn; drum schweig ich, eh er seine Klauen
Aufs neue hebt, den Grind mir zu zerkratzen.«

Zum Flederflattrer – der, um loszuhauen,
Die Augen rollte – rief der Obmann: »Fort!
Du schlimmer Vogel!« – »Wollt ihr Tusker schauen?«

Ergriff der Mutgestärkte neu das Wort.
»Wollt ihr Lombarden hören oder sehen?
Ich schaffe sie beliebig her zum Ort,

Nur darf der Teufelstroß so nah nicht stehen,
Weil sie sich fürchten sonst vor dessen Hieben.
Durch pfeifen lock’ ich, ohne fortzugehen,

Zu mir, dem einen, gleich noch ihrer sieben!
Solch Pfiff dient nämlich als Signal, wenn rein
Die Luft ist, um die Nasen vorzuschieben.«

Hundsflabbe fing kopfschüttelnd an zu schrein,
Das Maul vorstreckend: »Schurke, voll von Ränken!
Ins Pech zu schlüpfen ist sein Ziel allein!«

Da sprach der Sünder, reich an List und Schwänken:
»Wohl ist ein Schuft, wer es den Pechgenossen
So derb wie ich versuchte einzutränken.«

Schlappflügeln hielt’s nicht mehr; er rief verdrossen,
Im Widerspruch mit allen: »Magst du springen,
Ich lauf nicht nach! Doch über’s Pech geschossen

Komm ich und fass dich noch beim Flügelschwingen.
Rasch hinter’s Ufer drum versteckt! – Wie sollte
Dem einzeln mehr als uns allsamt gelingen?«

Hör, Leser, welch ein Spaß sich jetzt entrollte!
Strandüber kehrte jeder scharf den Blick,
Und der zuerst, der’s gar nicht dulden wollte.

Doch der Navarrer nutzte mit Geschick
Die Zeit: abschnellend sich mit einem Satze,
Entfloh dem Anschlag er durch diesen Trick!

Schreck und Enttäuschung malte jede Fratze,
Zumeist bei dem, der Schuld am Fehler trug,
Nachflog und schrie: »Schon hält dich meine Tatze!«

Doch wenig half’s, denn schneller als sein Flug
War doch des Flüchtlings Furcht: den barg schon wieder
Das Pech, als jener noch doie Flügel schlug.

So taucht die Ente rasch vorm Falken nieder,
Der dann ermüdet und enttäuscht vom Teiche
Aufsteigt und zürnend schüttelt das Gefieder.

Gleich flog, erbost von diesem Narrenstreiche,
Eistrampler hinterdrein, vom Wunsch bezwungen,
Gezänk hervorzurufen, falls entweiche

Der Gauner, der auch richtig nun entsprungen.
Mit scharfer Klau ergriff er den Genossen,
Dass beide über’m Peche festverschlungen

Sich zausten; doch ein Sperber, unverdrossen
Und billig, war der andre auch; das Paar
Kam daher bald ins Pech hinabgeschossen,

Wo Hitze schnell der Friedensstifter war;
Doch konnten sie sich nicht so bald erheben,
Weil überpicht die Flügel ganz und gar.

Wehklagend gleich den andern ließ entschweben
Der Sudelschnauzbart viere rasch zum Strande,
Dass sie mit ihren Haken sich bestreben,

Wie dies- und jenseits angelnd sie vom Rande
Die überpappten Teufel wohl erwischten,
Die krustig schon gesotten von dem Brande.

Wir ließen sie, wie sie noch emsig fischten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 23
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 23

Allein jetzt wieder, einer hinterm andern,
Gehüllt in Schweigen, schritten wir dahin,
Wie Minoriten ihres Weges wandern.

Der Zwist der Teufel musste in den Sinn
Mir deutlich des Äsopus Fabel bringen
Von Frosch und Maus, denn Ende und Beginn,

Wie diese beiden Szenen vor sich gingen,
Sind völlig gleich, prüft man sie mit Bedacht;
Nicht ähnlicher kann j e t z t und j e t z o klingen.

Indem spann weiter sich mein Denken sacht,
Um sich auf d e n Gedanken zu beschränken,
Der zwiefach Furcht und Schrecken mir gebracht.

Ich sagte mir: »Die sind bei ihren Schwänken
Durch uns mit Schaden und mit Schmach bedeckt,
Und großer Ärger muss sie drüber kränken.

Wenn Zorn die Rachsucht außerdem erweckt,
So rüsten sie sich, um uns nachzusausen,
Wie hinterm Has der Hund die Läufe streckt.

Schon fühlt ich sträuben sich mein Haar vor Grausen,
Rückspähend bat ich: » Herr, lass dich beschwören,
Dass wir uns bergen! Näher hör ich brausen

Die Teufelskralln, die sich gewiss empören,
Weil wir entwischt mit gutem Ungefähre –
Und meinEntsetzen glaubt sie schon zu hören!«

Der Dichter sprach: »Wenn ich ein Spiegel wäre,
Nicht klarer könnte drin dein Bild erscheinen,
Als ich dein Innerstes mir leicht erkläre.

Just mischte dein Gedanke sich dem meinen,
Weil gleicher Ursprung gleichen Weg verliehen,
Dass beide selbigem Entschluss sich einen.

Wenn rechts die Ufer so sich abwärts ziehen,
Dass man zum nächsten Unheilsgraben kann,
So werden wir der Hetzjagd wohl entfliehen.«

Kaum riet er dies, als auch die Hatz begann:
Sie stiebten mit weit ausgespreitzten Schwingen,
Um uns zu fangen, näher schon heran.

Des Führers Arme fühlt ich mich umschlingen!
Der Mutter gleich, die – vom Geräusch erwacht –
Schon knisternd sich die Flammen sieht umringen,

Geschwind den Säugling fasst und, mehr bedacht
Für ihn als sich, nicht länger wagt zu säumen
Und lieber bloßen Hemds eilt in die Nacht -:

So ließ von dort, wo schroff sich Felsen bäumen,
Er rücklings sich abgleiten überm Hange,
Der einführt zu des nächsten Sackes Räumen.

Nie durch’s Gerinne schoss in schnellerm Drange
Der Bach auf’s oberschlächtge Rad der Mühle,
Wenn rauschend er die Schaufeln treibt zum Gange,

Wie hier Virgil herniederglitt vom Bühle,
Mich mirt sich tragend, eng zur Brust gepresst,
Als ob statt Freund den Sohn er in mir fühle.

Kaum stand er unten auf dem Talgrund fest,
Als die Verfolger über uns erschienen,
Ihm aber bangte nicht: denn niemals lässt

Erhabne Vorsicht Macht und Freiheit ihnen,
Sich zu entfernen aus dem fünften Tal,
Das ihnen anbefohlen zu bedienen.

Da unten aber zog in müder Qual
Betünchtes Volk mit langsam schweren Schritten,
Den Kopf gesenkt und weinend allzumal,

Mit Kutten, nach dem Muster zugeschnitten,
Wie sie in Köln am Rhein der Mönche Tracht,
Die keinen Blick durch die Kapuzen litten.

Von außen glänzten sie in goldner Pracht,
Von innen Blei und schwer: dass Friedrichs Kragen
Dagegen schienen wie aus Stroh gemacht.

O Mäntel, schwer in Ewigkeit zu tragen! –
Wir schritten gleichfalls linkshin wie die Schatten
Und lauschten achtsam ihren Jammerklagen.

Doch konnten unter ihrer Last die Matten
Nur schleichen, dass bei jeden Fußes Heben
Wir neben uns stets neue Sünder hatten.

Ich sprach: »O Herr, war einer wohl im Leben
Durch Name oder Wirksamkeit bekannt?
Naht solcher, willst du einen Wink mir geben?«

Ein Geist, der wohl Toskanas Laut verstand,
Rief da uns nach: »Hemmt etwas eure Schritte,
Die ihr’s so eilig habt im dunkeln Land,

Ich kann vielleicht erfüllen deine Bitte!«
Der Meister sprach: »So mäßge deinen Gang
Und bleibe neben ihm im gleichen Tritte.«

Ich hielt und sah den mühevollen Drang,
Mit dem sich zwei uns nahzukommen plagten,
Mit engem Weg und Last in Zwist und Zwang.

Doch scheu, als ob sie nicht zu sprechen wagten,
Sah ich die Angekommnen schel verdrehen
Den Blick, worauf sie leis einander fragten.

»Der lebt, denn wie er atmet, kann man sehen;
Doch sind sie tot, welch Recht gestattet ihnen,
Hier ohne lastenden Talar zu gehen?«

Drauf laut zu mir: »Tusker, der du erschienen
Hier in der Heuchler traurigem Verbande,
Lass, wer du seiest, uns zur Antwort dienen.«

Ich sprach: »Mich hat am schönen Arnostrande
Die große Stadt geboren und erzogen,
Und noch bin ich im irdischen Gewande.

Doch wer seid ihr, aus deren Aug in Wogen
Ein schmerzerpresster Strom von Tränen rinnt,
Was hat euch Gleißende um’s Heil betrogen?«

Und einer sprach: »Die goldnen Kutten sind
An Blei so wuchtig, trüg sie eine Wage,
Sie knarrte unter solcher Last geschwind.

‚Lustge Brüder’ sind wir – vom gleichen Schlage,
Bologner; der: Lodria, ich: Catalan,
Gewählt von deiner Stadt an e i n e m Tage,

Weil sich die Bürger Ledige gern ersahn
Zu Friedensstiftern; und es fühlt noch immer
Gardingos Stadtteil unsern scharfen Zahn!«

Ausrief ich: » O ihr Brüder, euer schlimmer –»
Doch da erstarb mein Wort: denn an drei Pfählen
Gekreuzigt sah ich einen mit Gewimmer

Am Boden krümmen sich und schmerzhaft quälen;
Und wie er ächzte in den Bart mit Stöhnen,
Fing Bruder Catalan an zu erzählen:

»Der hier gekreuzigt knirscht in Jammertönen,
Verhalf einst seinem argen Rat zum Siege:
Ein einzger soll durch Tod das Volk versöhnen!

Du siehst, dass nackt er überm Wege liege,
Damit der hinterlistge Pharisäer
Am Fußtritt fühle, was ein jeder wiege.

Auf gleiche Art gepeinigt wird sein Schmäher
Und alle vom Synedrium; dort fiel
Des Unheils erste Saat für die Judäer!«

Verwundert starren sah ich den Virgil,
Dass einer hier gekreuzigt lag am Orte,
Schmachvoll verbannt zum ewgen Exil.

Drauf sprach er zu dem Froh-Mönch diese Worte:
»wenn ihr es dürft, gefall es Euch, zu sagen,
Ob rechts sich öffnet eine Felsenpforte,

Die ungehemmt uns lässt den Ausgang wagen,
So dass die schwarzen Engel wir vermeiden,
Die sonst aus dieser Schlucht uns müssten tragen?«

Der Bruder sprach: »Viel näher ist euch beiden,
Als ihr es ahnt, ein Felsen, der vom Kreise
Ausgeht, um alle Täler zu durchschneiden;

Nur hier ist er zerschellt, doch solcherweise,
dass leicht ihr über das Geröll könnt steigen.
Es schrägt sich ab und hemmt nicht eure Reise.«

Ich sah Virgil das Haupt ein wenig neigen,
Dann sprach er: Ȇbel musste als Berater
Sich der, der die Bepichten harkt, uns zeigen!« –

»Schon in Bologna,« sprach der Frohsinns – Pater,
»Hieß es von Satans Listen unbestritten,
Er sei als Lügner aller Lügen Vater.«

Mein Meister ging davon in großen Schritten,
Indes die Stirn ein Zornblitz überfuhr;
Auch ich verließ, die bleibeladen litten,

Und schloss mich an des Teuern Sohlenspur.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 24
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 24

Im Anbeginn vom neugebornen Jahre,
Wenn schon die Nacht dem halben Tage gleicht
Und Sol im Wassermann erfrischt die Haare,

Wenn Frühreif bleich die Erde überschleicht,
Vom weißen Bruder Schnee ein Bild zu malen,
Ob seiner Feder Schrift auch schnell verbleicht –

Dann steht der Landmann vor den weißen Talen,
Stemmt in die Hüfte seine Faust betroffen,
Da ihm nun Futter mangelt – kehrt in Qualen

Nach Haus, beklagt sich, wie ihm nirgend offen
Ein Ausweg steht – geht wieder auf die Heide,
Wo ihn, der sich verarmt hielt, neues Hoffen

Beseelt, weil plötzlich in ganz anderm Kleide
Die Welt erscheint, nimmt froh zur Hand den Stecken
Und treibt die Schafe auf die grüne Weide –:

So setzte der Verehrte mich in Schrecken,
Als ich erkannt, dass Missmut ihn bedrücke,
Um auch so schnell dem Kummer trost zu wecken.

Denn als wir nahten der zerstörten Brücke,
Sah er mich an mit gleicher Freundlichkeit
Wie jüngst am Bewrgeshang zu meinem Glücke.

Er öffnete darauf die Arme weit,
Nachdem er scharf gemustert ringss die Trümmer,
Und hob empor mich mit Entschlossenheit

Gleich dem Bedächtgen, der beim Handeln nimmer
Vergisst zu prüfen, was in Zukznft nütze;
So hob und schob er mich, wegweisend immer,

Von dem zum nächsten Fels und rief: »Nun schütze
Vorm Fall dich! Klammre dich an diesen Block,
Doch sieh erst, ob er fest genug zur Stütze!«

D e n Weg hätt’ nie gewagt ein Kuttenrock!
Wir selbst – er: Schatten, ich: von ihm geschoben –
Erklommen nur mit Müh den Felsenstock.

Und senkte sich nicht flacher hier als oben
Des Tales innre Wand, er h ä t t’ v i e l l e i c h t ,
Ich n i e zum Gipfel meinen Fuß erhoben.

Doch weil zum Brunnenrand abschüssig weicht
Der Unheilsbuchten Wand, so muss sich’s zeigen,
Dass jedes Tal sich in der Bauart gleicht,

Wonach die innern Seiten minder steigen
Als seine äußern. Endlich aud der Spitze
Sahn wir den letzten Trümmersturz sich neigen.

Ich war ermattet von der Steigens Hitze,
Mein Atem keuchte nach den Hindernissen,
So dass ich einen Block mir nahm zum Sitze.

»Wohlan! Der Mannheit zeig dich nun beflissen!«
Sprach der Poet. – »Man erntet Ruhm und Ehre
Auf Polstern nicht noch weichen Daunenkissen.

Und wer da trachtet, dass er dies entbehre,
Läßt hinter sich die gleiche Spur der Welt,
Wie Rauch in Lüftzen, Wellenschaum im Meere.

Drum auf! Wirf ab, was dumpf dich niederhält,
Der Geist muss über die Erschöpfung siegen,
Dass er nicht in des Körpers Fesseln fällt.

Noch zu erklimmen gibt es steilre Stiegen,
Genug ist’s nicht an diesem ersten Werke;
Begreifst du’s? Gut! Lass dir’s am Herzen liegen!«

Und ich, dass er nicht meine Schwäche merke,
Mich kräftger machend, als ich wirklich war,
Sprang auf und rief: »Ich h a b e Mut und Stärke!«

Der neue Weg war schmal und steinig gar,
Wie übersät mit Höckern anzusehen,
Und bot sich steiler als der erste dar.

Um stark zu scheinen, sprach ich laut im Gehen,
Bis eine Stimme aufwärts scholl vom Grunde,
Nur zu verworren, als um zu verstehen,

Was sie mir rief, wenngleich ich überm Runde
Schon fußte auf des Berges Brückenjoch:
Doch kam sie wohl aus sehr erzürntem Munde.

Ich bog mich lauschend darum tiefer noch;
Doch da des Abgrunds Nacht nicht war zu lichten,
Bat ich den Meister: »Lasst uns weiter doch

Den Schritt vom nächsten Umkreis abwärtsrichten;
Zwar hört mein Ohr,, doch kann es nicht verstehen,
Und was ich seh, erkenn ich doch mitnichten!«

»Du sollst die T a t allein als Antwort sehen,«
Sprach der Poet, »denn ehrenwerte Bitte
Soll immer schweigend in Erfüllung gehen.«

Vom Brückenpfosten lenkten wir die Schritte
Hinab, wo auf dem achten Wall er ruht,
Und mir sich ganz erschloss des Schlundes Mitte.

Und eine scheußlich-ekelhafte Brut
Von Schlangen sah ich knäueln sich und ballen-
Bei der Erinnrung noch gefriert mein Blut.

Nicht rühme Libyens Sand sich mehr vor allen,
Mag er in Ringel-, Pfeil- und Wasserschlangen,
In Nattern oder Vipern sich gefallen-

I h m , und ganz Äthiopien nicht, entsprangen
Soviel verruchte Schleichen, Ottern, Drachen,
Vom Strand des Roten Meeres angefangen!

Und zwischen solchen aufgesperrten Rachen
Lief nacktes Volk, dem Hoffnung längst entschwunden,
Zu bergen sich und unsichtbar zu machen.

Die Hände waren hinters Kreuz gebunden
Mit Nattern, die durch’s Becken ihrer Lenden,
Vorn Kopf und Schwanz verknotend, sich gewunden.

Da sah ich einen Schlangenkopf sich wenden
In unsrer Näh auf einen und ihn stechen,
Wo unterm Kopf die Nackenwirbel enden.

So schleunig lässt kein O! und A! sich sprechen,
Als ich ihn brennen sah, kurzflackernd flammen
Und dann zum Aschenrest zusammenbrechen.

Doch Wunder! Die gestaltlos jetzt verschwammen,
Aufs neue bauten stückweis sich die Glieder
Zum alten Körper blitzgeschwind zusammen.

So melden von dem Phönix alte Lieder:
Dass, wenn er nach fünfhundert Jahren sterbe,
Ihn seine Zauberkraft verjünge wieder,

Dass Nahrung ihm nicht Kraut noch Korn erwerbe,
Nur Weihrauchsaft; dass köstliche Gewürze
Duftend versüßten ihm des Todes Herbe.

Wie, wer nicht weiß, d a s s und w a r u m er stürze,
Seis böser Krampf durch Stockung in dem Blute,
Seis, dass ein Alb ihm das Bewusstsein kürze,-

Sich wieder dann erhebt, ganz wirr zumute
Umherstarrt, bänglich-seufzend wie in Banden,
Gelähmt von Angst, die bleischwer auf ihm ruhte-:

So war der Sünder taumelnd aufgestanden.
Ewge Gerechtigkeit! Wie streng und schwer
Macht alles deiner Schläge Wucht zuschanden!

Als ihn Virgil befragt, woher und wer
Er sei, rief er: »In diese Unheilstunke
Schneite mich unlängst erst Toskana her!

Vom Menschen lebte nicht der kleinste Funke
In Bastard Fucci, den man B e s t i e nannte,-
Pistoja war mir würdigste Spelunke!« –

»Lass ihn nicht fort!« ich an Virgil mich wandte,
»Von seiner Missetat geb er Bericht,
Da ich ihn einst als durstgen Bluthund kannte.«

Der dies vernahm, entblödete sich nicht,
Und Stirn und Auge dreist mir zugewendet,
Begann er, wilde Scham im Angesicht:

»Das frisst mich m e h r , dass du hierher gesendet,
In diesem Jammerelend mich zu schauen,
Als dass ich meine Lebensbahn vollendet.

Doch Rede will ich stehn und dir vertrauen:
Ich habe freveln Kirchenraub begangen,
Drum ward ich hergeschmettert in dies Grauen!

Bezichtigt wurden viel, einer gehangen.
Doch, dass du hier mich sahst, soll dich nicht freuen,
Darfst du je wieder an das Licht gelangen.

Drum lass dein Ohr mit dieser Mär betreuen:
Pistoja muss die Schwarzen erst verjagen,
Florenz wird Volk und Satzung dann erneuen.

Mars saugt, von Wetterwolkennacht getragen,
Aus Valdimagra Nebeldünste aus,
Dann wird er im Picener Felde wagen

Mit wildergrimmten Stürmen harten Strauß,
Bis all der nebel platzt vor seinem Grolle,
Dass keiner von den Weißen kehrt nach Haus!

Und hab’s gesagt, dass dich es schmerzen solle!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 25
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 25

So sprach der Dieb, ließ drauf in frechem Spott
Durch beide Fäuste seine Daumen ragen
Und höhnte: »Dieser Gruß gilt dir, o Gott!«

Seitdem sind Schlangen mir kein Missbehagen,
Denn eine hielt ihm gleich den Hals umwunden,
Als spräche sie: Kein Wort mehr sollst du sagen!

Die Arme fest-umschnürend hielt gebunden
Die zweite ihm, sich knotend vorn zusammen;
Zum kleinsten Ruck hätt’ er nicht Kraft gefunden.

Warum gehst du von selbst nicht auf in Flammen,
Pistoja, einzuäschern all die Brut,
Draus deiner Frevler Freveltaten stammen?

Nie sah ich so verruchten Übermut
Sich gegen Gott im Höllenkreis erfrechen,
Selbst Kapaneus stand nicht so heiß in Wut.

Doch weiter nichts mehr sollte Fucci sprechen,
Weil ein Kentauer herschoss pfeilgeschwind
Und rief: »Wo ist er, seinen Trotz zu brechen?«

Nicht in Maremma mehr Reptile sind,
Als ihm um Leib und Schultern wimmelnd hingen
Bis auf die Hüften, wo der Mensch beginnt.

Auf seinem Nacken mit gespreizten Schwingen
Ein Drache saß, der mit des Atems Flammen
Entzündet alle, die vorübergingen.

»Der so viel Schlangen häuft auf sich zusammen,
Ist Kakus,« sprach Virgil, »durch den manchmal
Im Blut die Aventiner Auen schwammen.

Fern seinesgleichen haust er hier im Tal,
Weil er an Herkules Betrug vollführte
Und seine Rinderherde frech bestahl;

Der hat das Handwerk ihm, wie sich’s gebührte,
Gründlich gelegt, denn von den hundert Streichen
Der Keule Kakus keine zehn verspürte!«

Drauf sah ich den Kentauern flugs entweichen
Und unter uns auftauchen plötzlich drei,
Von deren Gegenwart uns erst ein Zeichen

Zuteil ward, als sie riefen mit Geschrei:
»Wer seid ihr dort?« – Der Meister schwieg und wandte
Gleich mir sich um, zu sehen, wer da sei.

Nicht einen einzgen von den Drein ich kannte;
Doch kam’s durch Zufall recht nach meinem Sinn,
Dass einer da des andern Namen nannte,

Indem er rief: »Wo ist Cianfa hin?«
Drauf ich, dass aufmerksam mein Führer stände,
Den Finger legte über Mund und Kinn. –

Wenn ich bei dir jetzt keinen Glauben fände,
O Leser, zürn ich nicht. Ich selber nicht,
Der’s sah, des Glaubens leicht mich unterwände

Ich hielt auf sie gerichtet das Gesicht,
Da wirft sechsfüßig plötzlich eine Schlange
Auf einen sich, den sie von vorn umflicht.

Das Mittelfußpaar presst wie eine Zange
Den B a u c h , das vordre seine A r m e flink,
Dann schlägt sie ihr Gebiss in jede Wange,

Das Hinterfußpaar um die Hüften ging,
Indes den Schwanz siew, zwischen beiden Beinen
Durchzwängend, hinten aufwärtsbog zum Ring.

Nie enger sah ich einem Baum sich einen
Des Efeus Ranken, als dies ekle Tier
Die Glieder ringelnd rollte um die seinen.

Wie warmes Wachs verschmolzen sie sich schier,
Die Farbe mischend, die an beiden hängt,
Und keins von beiden schien dasselbe mir.

Wie ein Papier, indem es Feuer fängt,
Im Sengen schon sich kräuselnd bräunt und, ehe
Sich’s schwärzt, die wriße Farbe sacht verdrängt,

So hier! Die andern sahn’s und riefen: »Wehe,
Agnàl, du bist nicht doppelt mehr, nicht einer,
Schau nur, wie solch ein Wandel dir geschehe!«

Verwachsen war dem Schlangenkopf schon seiner,
Mit einem Antlitz wurden’s zwei Gestalten
Aus einer, aber beide glichen keiner.

Zwei Arme sah man vierfach sich zerspalten,
Brust, Bauch und Unterschenkel samt der Lende
Zu niegeschauten Gliedern sich entfalten,

Damit das alte Aussehn gänzlich schände;
Zwei war und keins von beiden das Gebilde!
Langsam entschwand es mitten dunkler Wände.

Als ob vorm Wandrer, wenn auf das Gefilde
Der Juli brütet, aus des Zaunes Dorne
Blitzschnell die Eidechs huscht, die scheue, wilde –

WSo warf jetzt, braunschwarz gleich dem Pfefferkorne,
Blitzschnell sich eine von den kleinern Schlangen
Auf der zwei andern Bauch in bissigem Zorne

Und jenem Teil, draus wir zuerst empfangen
Den Nahrungsstoff, durchbohrte sie dem einen;
Dann fiel sie hin, als wär’ ihr Zorn vergangen.

Der starrte auf das Tier vor seinen Beinen,
Stillstehend, stumm – und gähnte, dass er mir
Verschlafen oder fiebrig musste scheinen.

Die Viper sah auf ihn – er auf das Tier,
Sie dampfte aus dem Maul – er aus der Wunde;
So kreuzte sich der Dampf von ihm und ihr! –

Lucan verstumme jetzt mit seiner Kunde
Vom Elend des Sabellus und Nasid
Und hänge aufmerksam an m e i n e m Munde.

Von Arethus und Kadmus schweig Ovid!
Er mache sie zur Quelle, ihn zur Schlange,
Nicht neid ich ihm sein wandlungsreiches Lied.

Denn nichts zu lesen ist in seinem Sange,
Dass Form und Stoff und Wesen zwei Gestalten
So ganz vertauscht im Wechselbildungsdrange,

Wie ich es hier sich seltsam sah entfalten:
Ich sah den Schwanz sich gabeln bei der Schlange,
Sah den Gestochnen eng zusammenhalten

Die Beine, und es dauerte nicht lange,
So waren sie verschmolzen alsobald,
Dass sie unlöslich im Zusammenhange.

Was ihr verloren ging, gewann Gestalt
Bei ihm und umgekehrt; wie hier die weiche,
So dort die harte Haut als Hülle galt.

Und mit der Armverwandlung war’s das gleiche:
Sie krochen in die Achseln, wie die Beine
Der Schlange länger wurden im Bereiche.

Die Hinterfüße schmolzen im Vereine
Zu jenem Glied ihr, das der Mann versteckt,
Indes zu zweien Armen ward das seine.

Und unterm Dampf, der brodelnd sie beleckt,
Verfärbten sie sich neu, und hier schwand Haar
Am Körper, wo es dort den Leib schon deckt.

Er sank dahin; - der vorher Schlange war,
Stand auf: und unterm Blickzwang voller Tücke
Vertauschte die Gesichter jetzt das Paar!

Ich sah, dass sich der Kopf nach rückwärts drücke
Dem Stehenden und sich zum Überfluß
Des Fleisches bildeten die Ohrenstücke.

Was nun vom Vorhaupt übrig noch, das muss
Sich teils als Nase aus dem Antlitz recken,
Teils wölben sich als Mund zum guten Schluss.

Beim Liegenden sah ich ein Maul sich strecken,
Worauf er in den Kopf die Ohren zog,
Wie ihre Hörner in sich ziehn die Schnecken.

Die in der Rede Kunst sich schmiegsam bog,
Die Zunge teilte sich, doch die geteilte
Des andern schloss sich und der Rauch verflog.

Als Schlange so mit Zischen talwärts eilte
Sein Geist davon, der andre spuckte nach,
Schmähworte rufend, während er verweilte.

Den frischen Rücken wies er ihr und sprach
Zum dritten: »Mag auch Boso auf dem Bauche
Jetzt talwärts laufen so in Schmerz und Schmach!«

So sah ich in der siebten Unheilsjauche
Tausch und Verwandlung; ob der Neuheit sei
Verziehn der Feder, dass mehr Raum sie brauche.

Wenngleich mein Blick von Trübung nicht ganz Freitag
Und abgespannt mein Geist, so viel ermannte
Ich dennoch mich, dass ich – wie schnell die zwei

Enteilten auch – den Pucci doch erkannte,
Den einzigen von diesen drei Genossen,
Der unverwandelt sich von dannen wandte;

Dem andern einst Gavilles Tränen flossen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 26
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 26

Freu dich, Florenz! – Mächtig schwingst du und groß
Die starken Flügel über Land und Meere;
Dein Name prunkt sogar im Höllenschoß!

Fünf deiner Bürger traf ich – wenig Ehre
Trägt dir es ein – bei räuberischen Leuten,
Dass Scham mich niederdrückt mit ganzer Schwere!

Wenn aber Morgenträume Wahrheit deuten,
So wird dir großes Unglück bald gedeihn,
Drob sich besonders die Pratenser freuten.

Wär’s abgetan, man fände sich darein,
Ja wär’s vorbei schon, weil es doch muss kommen
Je älter ich, je schwerer wird mir’s sein! –

Wir gingen fort, und auf der Zacken klommen
Wir wieder hoch, drauf wir herab erst drangen;
Virgil hat helfend mein sich angenommen,

Denn selten ward ein Schritt bergan gegangen
Auf dem Gerölle zwischen Riss und Spalten,
Wo von der Hand der Fuß nicht Halt empfangen.

Schmerz fühlt ich, fühl ihn heut noch nicht veralten,
Erwäg ich, was ich in der Höllenmitte
Geschaut – und straffer muss im Zaum ich halten

Den Geist, dass er nicht irrt vom Berg der Sitte
Damit, was günstger Stern, was höhrer Wille
Geschenkt, mir nicht durch eigne Schuld entglitte!

Gleichwie der Landmann beim Gezirp der Grille
Am Hügel ruht, wenn sich das Licht der Welt
Nur schwach verdunkelt in der Abendstille,

Wenn Fliege dann den Mücken räumt das Feld,
Und er Glühwürmchen zahlreich sieht im Grunde
Des Tales, wo er pflügt und Wein bestellt -:

So viele Flämmchen sah ich in der Runde
Der achten Unheilsbucht das Dunkel klären,
Sobald mein Blick hinunterdrang zum Schlunde.

Gleich jenem, der den Spott gerächt durch Bären
Und das Gespann vor des Elias Wagen
So schnell hinsausen sah zu lichtern Sphären,

Dass nicht sein Aug vermochte nachzujagen
Und er ein fernes Flämmchen nur erkannte,
Das einem Wölkchen gleich ward hoch getragen -:

So wandelnd hier im Grund manch Flämmchen brannte,
Doch keins von allen seinen Inhalt zeigte,
Ob jedes einen Sünder auch umspannte.

Spähend ich tief mich von der Brücke neigte,
Dass ich gestürzt wär’, wenn sich nicht der Hand
Zum Halt ein Vorsprung aus dem Felsen zweigte.

Bemerkend, wie ich spähte unverwandt,
Sprach der Poet: »Die Flammen bergen Geister,
Und jeden Geist hüllt die, dran er entbrannt!«

»Was ich geahnt, bestätigst du mir, Meister,«
Sprach ich, »und was ich glaubte zu erkennen,
Wollt ich schon äußern; drum frag ich dreister:

Wen birgt der Brand, dran sich die Spitzen trennen,
Als wär der Holzstoß dies, in dessen Glut
Eteokles mit dem Bruder musste brennen?«

Und er: »Dort schmilzt Ulyssens Übermut
Und Diomeds. Sie b ü ß e n hier mitsammen,
Wie sie zur T a t gesellte einst die Wut,

Beseufzt wird hier im Innern dieser Flammen
Das Lügenross, das jenes Tier erschlossen
Dem edeln Samen, draus die Römer stammen.

Dort werden Tränen um die List vergossen,
Drob Deidamia den Achill beklagte,
Auch des Palladiums Raub staft die Genossen!« –

»Wenn ihnen nicht die Glut das Wort versagte,«
Sprach ich, »erlaube, Meister, dann die Bitte,
Die ich statt einmal tausendmal gern wagte:

Erlaube mir, zu hemmen meine Tritte,
Bis die gehörnte Flamme hergelange!
Du siehst, wie Sehnsucht hintreibt meine Schritte!« –

»Wert ist die Bitte, dass sie Lob empfange,«
Sprach er, »drum will ich mich gefügig zeigen;
Doch deine Zunge halt in Zaumes Zwange.

Lass m i r das Wort! Denn schon ward mir zu eigen,
Was du verlangst; du könntest leicht erregen
Den Stolz der Griechen – und sie würden schweigen.«

Als meinem Führer Ort und Zeit gelegen
Erschien, den Flammen nah genug zu sein,
Sprach er sie also an auf ihren Wegen:

»O ihr, zu zweit in einem Feuerschein,
Ist mein Verdienst auf Erden, mich zu lieben,
Ist mein Verdienst um euch groß oder klein,

Als einst ich das erhabne Lied geschrieben –
Verweilet dann, und einer sag mir an:
Wo Schuld den Wandrer in den Tod getrieben?«

Der alten Flamme größres Horn begann
Zu flackern und mit Knistern sich zu regen,
Als ob ein Windstoß drohend käm’ heran.

Drauf sah man sich die Spitze schell bewegen
Wie eine Zunge, die gern sprechen wollte,
Und endlich drang die Stimme uns entgegen:

»Als ich von Circe schied, nachdem verrollte
Ein Jahr und mehr wohl in Gaeta, e h XXXXX
Noch diesen Namen ihm Äneas zollte –

Nicht väterlich, nicht kindlich Sehnsuchtweh
Nach Sohn und Vater, nicht die Pflicht der Liebe,
Die längst um mich verdient Penelope,

Bezwang in mir die durstgen Wandertriebe,
Um Länder, Meer und Menschen zu erkunden,
Dass fremd mir Laster nicht noch Tugend bliebe.

Mit wenig Leuten, die ich treu befunden,
Ins offne Meer hinaus gings kühn entschlossen
Zu fernen Küsten, unbekannten Sunden!

An Spaniens Ufern wir vorüberschossen,
An Sardenland, Marokko, und was heiter
Vom blauen Meere sonst dort wird umflossen.

Träg ward ich schon und grau wie die Begleiter
Da winken Herkuls Säulen uns entgegen,
Als warnten sie: Bis hierher und nicht weiter!

Sevilla war zur Rechten uns gelegen
Und links das Meer, das uns von Ceuta trennte,
Da sprach ich, meine Freunde zu bewegen:

‚Gefährten, die ihr bis zum Okzidente
Mir treu gefolgt durch tausend Abenteuer,
Folgt ferner mir auf schwankem Elemente

Und lasst uns Neuland richten unser Steuer
Der Sonne nach, zu unbewohnten Welten,
Solang noch glimmt des Lebens Abendfeuer.

Bedenkt, aus welcher Saat entkeimt wir gelten!
Und strebten wir nach Tugend nicht und Wissen,
#So dürfte man mit Recht uns Tiere schelten!’ –

Wie hat dies Wort die Meinen fortgerissen:
Jetzt hätt’ ich selber sie nicht mehr gezügelt,
Und eifrig sah ich sie die Segel hissen.

Wo westwärts höher sich dieMeerflut hügelt,
Dorthin ging’s tollen Flugs, steuernd zur Linken,
Und alle Ruder scxhlugen eilbeflügelt.

Schon sah das Aug der Nacht die Sterne blinken
Des andern Poles und den unsern tief
Bis zum kristallnen Meeresspiegel sinken;

Fünfmal erwachte und fünfmal entschlief
Das Silberlicht der milden Mondesleuchte,
Seit ich die Freundesschar zum Wagnis rief,

Da sah ich, aus des fernen Dunstes Feuchte
Auftauchend, einen Berg zum Himmel ragen,
Wie keiner je so hoch und steil mich deuchte.

Wir jauchzten, doch dem Jauchzen folgte Zagen!
Denn Wirbelstürme sahen wir entstehen
Vom Neuland her, und stark das Bugspriet schlagen,

Dreimal im Strudel unser Schiff zu drehen,
Bis es am Schnabel ward hinabgezogen,
Wie es durch höhern Willen sollt geschehen,

Und über uns sich schloss das Tor der Wogen!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 27
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 27

Schon stand die Flamme aufrecht, regte länger
Das Haupt nicht und ging hin in tiefem Schweigen,
Als sie entlassen der verehrte Sänger.

Doch sahn wir schon sich eine andre zeigen,
Bei der verworrenes Getön in Fülle
Zu ihrer Spitze unsern Blick ließ steigen.

Wie des sizilschen Stieres erst Gebrülle
Vom Bildner herkam – Recht, dass man’s befahl! –
Der eingesperrt war in die erzne Hülle,

Dass des gequälten Wehruf jedes Mal
So klang, als wär’ sein dumpfes Angstgedröhne
Die von dem Bildwerk selbstgefühlte Qual –

So glich der Flammensprache Schmerzgestöhne,
Solang ihr noch ein Ausweg nicht gelungen,
Des Feuers leise prasselndem Getöne.

Doch als sie sich nach oben durchgerungen,
Ward laut der Zunge Schwung und tastend Regen,
Und tönend kam’s verständlich hergeklungen:

»Du, dem ich diese Worte ruf entgegen,
Du, der soeben auf lombardisch sagte:
I plag di nimmer, geh itzt meinetwegen,-

O dass, wenn ich auch spät zu kommen wagte,
Ein Zwiegespräch nach deinem Sinne stünde,
Das, wie du siehst, mir brennend selbst behagte.

Bist du erst jüngst in diese blinden Gründe
Gestürzt aus der Latiner holdem Lande,
Aus dem sich herschreibt alle meine Sünde,

Sprich: Steht in Frieden oder Kriegesbrande
Romagnas Volk? Ich bin vom Bergesjoch
Urbinos, nah der Tiber Quellenrande.«

Ich stand hinabgebeugt und lauschte noch,
Als leis Virgil mich rührte an der Seite:
»Sprich du mit ihm, er ist aus Latium doch!«

Und ich, als der zur Antwort schon Bereite,
Beeilte mich, die Flamme anzureden:
»O Seele, der Vergangenheit geweihte,

Krieg hat Romagna, jetzt und sonst, durch jeden
Tyrannen viel erfahren; doch ich fand,
Als ich’s verließ, es nicht in offnen Fehden.

Ravenna steht, wie es seit alters stand,
Es horstet von Polenta noch der Aar,
Der seine Schwingen über Cervia spannt.

Die Stadt, die kühn und lange standhaft war,
Das Feld mit Gallierleichen zu bestreuen,
Schützt jetzt des Löwen grünes Klauenpaar.

Verruchios alten Bluthund samt dem neuen,
Die dem Montagna schufen schlimmen Lohn,
Sieht man wie sonst des bissgen Zahns sich freuen.

Die Städte am Santerno und Lamon
Regiert der junge Leu aus weißem Neste;
Mit jedem Mond tauscht er die Fartbe schon.

Und die umspült der Savio – wie die Feste
Selbst zwischen Tal und Berg liegt – muss sie schwanken:
Ob Tyrannei, ob Freiheit sei das Beste?

Doch wer du selbst bist, sag nun ohne Wanken,
Sei spröder nicht, als ich die andern fand,
Soll es die Nachwelt deinem Namen danken!«

Auf’s neu verworrenes Geräusch entstand
Im Flammenkern; sie regte hin und her
Das Haupt, bis sich der Stimme Laut entwand:

»Wenn ich nicht wüsste: jede Wiederkehr
Zur Welt ist dir verwehrt – aus meuinem Munde
Spräch sonst die Flammenzunge nimmermehr.

Doch weil noch nie ein Fuß dem düstern Schlunde
Entrann – das weiß ich wohl – hält Furcht und Schmach
Mich auch nicht ab, dass ich dir frei bekunde:

Erst Kriegsmann war ich, um als Mönch hernach
Aufs Sündenleben büßend zu verzichtern;
Geglückt auch wäre, was mein Herz versprach,

Wenn nicht der Erzpfaff – E r mag ihn vernichten! –
Hinab mich stieß die schon erklommnen Stufen
Zum Heil! – Wie und warum lass dir berichten!

Solang mich Fleisch und Bein zum Menschen schufen,
Ward ich dem Fuchs , dem Löwen nie verglichen,
Weil übel meine Handlungen berufen.

In listgen Ränken, hinhaltgen Schlichen
War ich vom schlausten Fuchs nicht zu erreichen;
Das war mein Ruhm in allen Himmelsstrichen.

Doch als ich fühlte mich die Zeit beschleichen,
Wo uns das Alter mahnt: jetzt heißt es schwenken,
Die Taue einziehn und die Segel streichen,

Da schuf, was einst mich freute, mir Bedenken,
Und Reu und Buße brachten schon mich näher
Dem Himmel, um Vergebung mir zu schenken.

Da ließ der Fürst der neuen Pharisäer
Zum Krieg sich reizen nah beim Laterane,
Nicht etwa gegen Türken und Hebräer,

Nein, gegen Christen schwang er seine Fahne!
Nichgt einer war bei Acres Sturm gewesen,
Nicht einer hat geschachert beim Sultane.

Die höchste Pflicht, dazu der Papst erlesen,
Hielt er nicht hoch, an mir den Strick nicht minder,
Durch den man sonst zur Magerkjeit genesen.

Wie Konstantin, der große Überwinder,
Silvestern rief, vom Aussatz ihn zu heilen,
So rief der Papst mich, um als Listerfinder

Ihm Rat im Herrschsuchtsfieber zu erteilen.
Ich schwieg und wusste keinen Rat zu sagen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort bisweilen.

Er sprach: ‚Es braucht dein Herz nnicht zu verzagen,
Ich sprech dich los, doch musst du mich belehren:
Wie kann ich Pelestrino niederschlagen?

Den Himmel aufzutun und zu verwehren,
Du weißt, ich hab’ dazu der Schlüssel zwei,
Die jüngst mein Vorfahr wenig hielt in Ehren! –

Da er so triftge Gründe brachte bei
Und mir’s der schlimmste Rat schien, wenn ich schwiege,
So riet ich: ‚Vater, sprichst du mich denn Freitag

Von dieser Schuld, eh ich ihr unterliege,
So höre: Vielversprechen, wenighalten!
Dies Wort verhilft dem Heilgen Stuhl zum Siege!

Franziskus kam nach meines Leibs Erkalten,
Der schwarze Cherub aber blieb im Rechte
Und rief: ‚Nur ich darf über diesen schalten;

Der muss hernieder unter meine Knechte!
Seit er den hinterlistgen Rat gegeben,
Hält meine Faust ihn s t e t s beim Haargeflechte.

Nur wer bereut, dem wird verziehn im Leben,
Kann man zugleich bereun und Böses wollen?
Dagegen muss ich Widerspruch erheben!« –

O wie erschrak ich, als mich Jammervollen
Der Böse griff und höhnte: ‚Glaubtest du,
Ich würde nicht der Logik Achtung zollen?’

Zu Minos geht’s hinunter, der im Nu
Mit seinem Schweif sich achtmal peitscht den Rücken;
Sich beißend in den Schwanz, brüllt er mir zu:’Hinab!

Den soll ein Kleid aus Feuer schmücken!’ –
Drum siehst du mich Verlornen hergesendet,
Wo heiße Feuermartern mich bedrücken.«

Nachdem er seine Klagen so geendet,
Ging fort die Flamme unter Schmerz und Bangen,
Die Spitze flackernd hin und her gewendet.

Ich und mein Führer aber aufwärts drangen,
Wo Felsen sich zum Brückenjoch gestalten
Der nächsten Unheilsbucht, drin Lohn empfangen,

Die Spaltung stiftend selber sind gespalten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 28
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 28

Wer kann, spräch’ er auch frei vom Reimeszwange,
Anschaulich künden soviel Blut und Wunden,
Als ich hier sah, und spräch er noch so lange?

Machtlos wär’ jede Zunge hier gebunden,
Auch das Gedächtnis sah im Sprachgewande
Hierfür die Ausdrucksfähigkeit geschwunden.

Und klagten aus dem schicksalsreichen Lande
Apuliens alle Völker hier im Grunde
Um alles Blut, das dort verrann im Sande:

Durch Römer erst, dann in der Schreckensstunde,
Wo Ritterringe scheffelweise lagen
Am Schlachtfeld, nach des Livius sichrer Kunde –

Und klagten, die geschmerzt der Schwerter Schlagen,
Weil sie gerüstet gegen Guiskard zogen,
Dann jene, deren Knochen heut noch ragen

Aus Ceperanos Flur, wo schmählich logen
Die Pulier – endlich die, die waffenlos
Der Greis Alard bei Tagliacozz betrogen:

Und zeigten alle, wie sie Hieb und Stoß
Verstümmelte, nicht wär es zu vergleichen
Des neunten Übelsackes grausem Schoß.

Kein Fass, dem Deckel oder Dauben weichen,
Klafft so vonsammen, als hier einer ging
Mit Rissen, die von Kinn bis After reichen,

Dass Knie-umschlenkernd das Gedärm ihm hing
Samt dem Gekrös, darin zum Kot sich scheidet
Die Nahrung, die der Magensaft empfing.

Und als der Anblick tief ins Herz mir schneidet,
Reißt er die Brust sich auf und schreit: »Fürwahr!
Sie haben kunstgerecht mich ausgeweidet,

Zerhackt ist Muhamed so ganz und gar!
Ali geht weinend vor mir her, zersplissen
Das Angesicht von Kinn bis Scheitelhaar.

Alle, die Zwietracht säten ins Gewissen
Und Ärgernis, sie werden hier zerspellt,
Wie sie die Welt zerspalten und zerrissen.

Ein Teufel, mit dem Schwerte aufgestellt,
Lässt jeden über seine Klinge springen
Dort hinten, wo er grausam Wache hält,

Bis wir den Schmerzensweg zu Ende gingen;
Und jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,
Eh uns zurück zu ihm die Schritte bringen.

Doch wer bist du denn, der heruntergafft?
Du hoffst wohl einen Aufschub zu ergründen
Der Strafe, die das Urteil dir verschafft?«

»Ihn raffte nicht der Tod! Nicht ließen Sünden
Antreten ihn zur Qual die weite Reise!
Vollkommnes Wissen soll ich ihm verkünden;

Ich, der schon tot, soll ihn von Kreis zu Kreise
Hinabgeleiten zu der Höllenmitte,
So wahr i c h mit dir rede!« sprach der Weise.

Da hemmten mehr als hundert ihre Schritte
Im Graben, um mich staunend anzuschauen,
Vergessend, was ihr Leib an Qualen litte.

»Du, dem der Erdenhimmel bald wird blauen,
Sag dem Dolcino: wenn er nicht hierher
Mir schnell nachreisen will zu Schmerz und Grauen,

Er solle vor des Schneefalls Wiederkehr
Vorräte sammeln, dass nicht d o c h zuletzt
Novara siegt, wird ihm der Sieg auch schwer!«

Schon einen Fuß zum Gehn vorangesetzt,
Sprach diese Worte des Propheten Seele;
Den zweiten folgen lassend, ging er jetzt.

Nachschritt ein andrer mit durchstochner Kehle,
Die Nase abgestutzt bis zu den Brauen,
Auch sah ich, dass ein Ohr am Kopf ihm fehle.

Der hielt, um mich verwundert anzuschauen,
Nebst vielen andern still, tat auf den Schlund,
Der blutgerötet war, ein Bild zum Grauen,

Und sprach: »Du, dessen Herkunft keinen Grund
In Sünde hat, den ich in Latium sah,
Wenn sich nicht bloße Ähnlichkeit gibt kund, -

Kommst du den sanften Ebnen wieder nah,
Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
An Pier da Medicina denk allda,

Um Fanos besten Bürgern anzuzeigen,
Dem Angiolell und Guido – falls dem Ort
Hierselbst Prophetengabe wirklich eigen –

Dass einst dies Paar, geworfen über Bord,
Im Sack ertränkt wird bei Cattolica
Durch ein verräterisch Tyrannenwort!

Nie sah bei Cypern und Majolika
Neptun je ein Piratenstück, das schlimmer,
Selbst nicht bei Räubern aus Argolika.

Denn dem da fehlt des einen Auges Schimmer,
Jetzt Herr der Stadt, von der mein Schmerzgeselle
Sich wünscht, er hätte sie gesehen nimmer,

Zur Unterredung ruft er sie – und schnelle
Verfährt er so, dass nicht Gelübde frommen
Noch Bitten bei Focaras Sturm und Welle.«

Drauf ich: »Wenn ich zum Sonnenlicht gekommen
Und von dir melden soll, so gib Bericht:
W e n macht der Anblick jener Stadt beklommen?«

Da fuhr er seinem Nachbar ins Gesicht,
Riss ihm die Kieferladen auf und schrie:
»Der ist es hier! Doch reden kann er nicht!

Er, der verbannt, einst Cäsarn Mut verlieh,
Ihm alle Zweifel mit dem Wort verjagte:
Wer kampfbereit, dem nützt das Zaudern nie!«

O wie verblüfft nun Curio stand und zagte,
Weil argverstümmelt ihm im Schlunde steckte
Die Zunge, die so keck zu schwatzen wagte.

Und in die trübe Luft ein andrer reckte
Der abgehackten Arme rohen Stumpf,
Dass Blutgesicker sein Gesicht befleckte –

»Gedenke auch des Mosca!« rief er dumpf,
»Und seiner Unglückslosung: T a t b r i n g t R a t !
Die für Toscana war des Unheils Trumpf!« –

»Und,« fuhr er fort, »die dein Geschlecht zertrat!«
Als ob der Schmerz ihn Schlag auf Schlag bezwänge,
Floh schaudernd er wie der, dem Wahnsinn naht.

Ich aber, ringsum prüfend das Gedränge,
Erfuhr, was so entsetzlich ist und neu,
Dass ich es ohne weitres hier nicht sänge,

Stünd mir nicht ein Gewissen, rein und treu,
Zur Seite als Gewährsmann, dem Vertrauen
Als Panzer dient vor jeder falschen Scheu!

Ich sah, noch heute glaub ich es zu schauen,
Wie kopflos kam ein Rumpf dahergegangen,
Den andern zugesellt in diesem Grauen.

In seiner Hand am Haupthaar ließ er hangen
Den abgehackten Kopf, gleich der Laterne.
»Weh mir,« rief er, und seine Seufzer klangen.

Er leuchtete sich selbst heran von ferne,
War zwei für eines so und eins für zwei –
Wie solches möglich? Weiß der Herr der Sterne!

Als er am Brückenfuß uns nahebei,
Schwang er den Kopf mit seinem Arm nach oben,
Auf dass sein Wort verständlicher uns sei:

»Sieh, welche Strafe man mir aufgehoben!
Du, der noch atmend schaut uns Toderblasste,«
Rief er, »sahst einen härtre du erproben?

Doch willst du melden, was dein Blick erfasste,
Vernimm: Ich bin Bertran de Born, ich wetzte
Und schärfte Heinrichs Zorn, bis dass er hasste

Und seine Sohnespflicht als Prinz verletzte;
So arglistvoll Ahitophel nicht riet,
Der gegen David Absalon verhetzte!

Ich, der durch Fleisch und Blut Verbundnes schied,
Trag hier mein wurzelloses Hirn, o wehe,
Gelöst vom Rückgrat, das den Rumpf durchzieht,

Damit an mir Vergeltungsrecht geschehe!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 29
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 29

Die Menge Volks und die verschiednen Wunden
Berauschten schmerzhaft so die Augen mir,
Dass sie durch Weinen Ruhe gern gefunden.

Da sprach Virgil: »Was stehst und horchst du hier
Mit Ohr und Auge noch nach neuer Kunde
Aus der zerstückten Schatten Schmerzrevier?

Du säumtest so ob keinem andern Schlunde
Willst du sie zählen? So bedenk, dies Tal
Fasst zweiundzwanzig Meilen in der Runde!

Schon unterm Fuße glänzt uns Lunens Strahl
Und wenig Zeit ist noch für uns geblieben,
Mehr als bisher musst du noch sehn an Qual!«

Ich sprach: »O wüsstest du, was mich getrieben,
Hinabzuspähen mit gefangnen Sinnen,
Du ließest mich den Aufbruch gern verschieben.« –

Doch gingen wir, er mir voran, von hinnen,
Wobei mich’s trieb, Aufklärung ihm zu geben
Von meinem Schauen. –»In der Kluft tiefinnen,«

Sprach ich, »wo ich hinabgeforscht soeben,
Schien mir’s, beweint ein Spross aus meinem Blute
Die Schuld, so hart bezahlbar nach dem Leben.«

Der Meister sprach: »Lass dich in deinem Mute
Fortan nicht stören durch den Blutsverwandten,
Büßen lass ihn, d u nütze die Minute!

Ich sah, dass seine Augen dich erkannten,
Indes er dich den andern wies mit Drohen,
Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten.

Du warst mit dem beschäftigt, der im hohen
Altfort gehaust, so dass dein Ohr nichts hörte,
Und als du hinsahst, war er schon entflohen!«

»Ja, weil des Lebens Blüte ihm zerstörte
Grausamer Mord,« sprach ich, »den keiner rächte
Von seiner Schmach Genossen! Dies empörte

So stark ihn über mich, dass dem Geschlechte
Er zürnt – drum ging er schweigend, grußlos weiter:
Das dürfte Mitleid fordern, wie ich dächte.«

So sprechend kam ich bald mit dem Begleiter
Dahin, wo leicht man sähe bis zum Grunde
Des Tals, wär’s nur vom Lichtschein hell und heiter.

Als wir vorm letzten Klosterbau im Schlunde
Der Unheilslöcher standen, dass den Orden
Der Konvertiten ganz der Blick erkunde,

Scholl solches Wehgeheul von diesen Borden,
Dass mich des Mitleids Pfeil durchstach voll Qual
Und ich das Ohr verschloss den Schmerzakkorden.

Als ob mit Baldichianas Hospital
Die von Sardinien und Maremma wären
Vereint mit ihren Seuchen allzumal,

Wie sie der Sommer brütend bringt zum Gären,
So herrschte hier verwesender Gestank,
Als platzten tausend eitrigfaule Schwären.

Der langen Klippe letzten Felsenhang
Ging’s nun hinunter, wiederum zur Linken,
Bis deutlicher mein Blick die Nacht durchdrang,

Wohin nach des Allmächtgen Wort und Winken
Die Schuld-aufzeichnende Gerechtigkeit,
Des Irrtums ledig, lässt die Fälscher sinken.

Das Volk Äginas litt kein größres Leid,
Als es erfüllt mit Sterbenden und Kranken,
Weil vor der ekeln Pestluft weit und breit

Vergiftet die Geschöpfe niedersanken
Bis auf den kleinsten Wurm; worauf im Land
Der Sage nach, die wir den Dichtern danken,

Ein neu Geschlecht aus Mierenbrut entstand.
So scholl im Zwielicht hier ein Wimmern, Keuchen
Von siechem Volk, das sich am Boden wand.

Hier lagen ächzend viele auf den Bäuchen,
Andre gelehnt an Nachbars Kreuz und Hüften,
Vierfüßig suchten viele hinzukreuchen.

Wir gingen lautlos, langsam in den Klüften
Und sahen, hörten jammernde Gestalten,
Zu schwach, zum Aufstehn nur ein Glied zu lüften.

Wir sahen zwei sich gegenseitig halten,
Wie Pfanne lehnt an Pfanne auf dem Herd,
Von Kopf bis Fuß die Haut vom Grind zerspalten.

So hastig jagt den Striegel über’s Pferd
Kein Stallknecht, sei’s, dass er den Herrn sieht warten,
Sei’s, dass er übermüd’ ins Bett begehrt,

Wie jeder hier sich kratzt und kraut den harten
Blättrigen Grind, sich juckend zu erlaben;
Und unablässig schuppten sie und scharrten,

Dass ihnen Schorf auf Schorf abfiel beim Schaben,
Als ob an Karpfen man das Messer setzt,
Um sie von ihren Schuppen frei zu haben.

»Du, der sich mit den Nägeln so zerfetzt,
Als ob mit Zangen man das Fleisch zerschäle,«
Begann mein Führer zu dem einen jetzt,

»Sag mir, ob hier man auch Lateiner zähle?
Bleib dir dafür in Ewigkeit zum Krauen
Der Nagel scharf, dass es dich minder quäle!« –

»Lateiner kannst du in uns beiden schauen,«
Sprach drauf der eine Kratzer unter Weinen,
Doch wer bist du, der fragt?« – »Durch dieses Grauen,«

Sprach mein Virgil, »geleit ich hier den einen,
Der lebt und atmet, stufenweis hernieder
Zur Hölle; deshalb muss ich hier erscheinen!«

Da löste sich der Stützpunkt ihrer Glieder
Vor Schreck, der ihnen aus den Augen brach
Und andern, denen dieses Wort scholl wieder.

Da trat Virgil dicht hin zu mir und sprach:
»Nun magst du beide nach Belieben fragen,«
Und gerne kam ich seiner Weisung nach:

»Soll euer Name, klingend-fortgetragen
Erinnerung bei Welt und Menschen wecken
Und spurlos nicht verwehn in späten Tagen,

Wollt dann: woher und wer ihr seid, entdecken!
Nicht Scham vor eurer ekelhaften Not
Vermög’ euch von der Wahrheit abzuschrecken.« –

»Arezzo zeugte mich; den Flammentod
Verfügte Albert von Siena mir,«
So sprach der eine, »doch hierher entbot

Mich andrer Grund: ich wollte ins Revier
Der Luft, wie scherzend ich geprahlt, mich schwingen.
Er, arm an Witz, doch reich an Neubegier,

Verlangte Unterricht in diesen Dingen.
Da ließ, weil ich ihn nicht zum Dädal machte,
Sein Vater auf den Flammenstoß mich bringen.

Doch der dem Irrtum nie verfiel, bedachte,
Dass heimlich ich betrieben Alchimie,
Drum stieß mich Minos zu dem zehnten Schachte.«

Und ich zum Dichter: »Welchem Volk verlieh
Gott so viel Leichtsinn wohl als den Sanesen?
Selbst die Franzosen sind nicht so wie die!«

Da rief mit Hohn das andre räudge Wesen,
Das mich gehört: »Doch nimm den Stricca aus,
Der ‚Sparsamkeit’ zur Richtschnur sich erlesen!

Und Riccolo, der jenen Nelkenschmaus
Als kostspieligste Modekost erfunden
Im Garten, wo dergleichen Saat zu Haus!

Nimm auch den Klub aus, wo die Zeit entschwunden
Durch Abbagliatos Witz, wo Caccia sich
Weinberg und Wald als Tafelkost ließ munden.

Doch dass du weißt, wer gegen Siena dich
So kräftig unterstützt, lass nicht ermatten
Den Blick, scharf prüfe mich – dann nennet mich

Mein Antlitz dir: das ist Capocchios Schatten,
Der einst alchimisch fälschte die Metalle,
Die ich, du weißt es, gut verstand zu gatten

Und der Natur sie nachzuäffen alle!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 30
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 30

Als Juno über Semelen entbrannte
Und zornig das verhasste Theben kränkte,
dem sie aus Rachsucht oft schon Unheil sandte,

Und Wahnsinn auch dem Athamas verhängte,
Dass, als sein Weib des Weges kam gegangen
Mit den zwei Söhnlein, die sie eben tränkte,

Er ausrief: »Spannt die Netze, lasst uns fangen
Die Löwin bei der Rückkehr samt den Jungen!«
Und ach! Die mitleidslosen Fäuste langen

Nach dem Learch, den durch die Luft geschwungen
Am Felsen sie zerschmetterten, indessen
S i e mit dem andern Kind ins Meer gesprungen.

Und als die Troer, die sich stolz vermessen,
Alles zu wagen, Reich und Thron verloren,
Seit sie Fortunas Gunst nicht mehr besessen,

Als Hekuba zur Sklavin ward erkoren,
Geopfert Polyxenen erst erblickte,
Dann Polydor, den sie mit Schmerz geboren,

Als Leiche fand am Seegestad - da schickte
Sie durch die Luft Gebell gleich einem Hunde,
Weil Schmerz und Wahnsinn ihren Sinn umstrickte.

Doch nicht von Thebens Furien ward uns Kunde,
Von Trojas nicht, dass je ihr Zorn gepackt
Tier oder Mensch derart, als zur Stunde

Ein Geisterpaar hier, totenblass und nackt,
Herstürzte wie ein Schwein, das - aus dem Koben
In Hast entsprungen - bissig um sich hackt.

Der eine packte den Capocchio oben
Am Hals und schleifte fort ihn, dass sein Bauch
Zerschunden ward vom Grund, dem steinig-groben.

Da sprach der arme Aretinergauch,
Der zitternd hocken blieb: »Der Poltergeist
Heißt Schicchi - uns zu schaden ist sein Brauch.« -

»Soll das Gebiss, das dort der andre weist,«
Sprach ich, »dich nicht zerfleischen, so verhehle
Mir nicht, bevor er fortrast, wie er heißt.«

Und er: »Das ist der Myrrha alte Seele,
Die schändlich einst in Liebesbrunst entglommen
Für ihren Vater bis zum sündgen Fehle.

Sie ist bei ihm ans arge Ziel gekommen,
Weil sie verkleidet zu ihm ging bei Nacht.
Auch Schicchi hat Betrug einst unternommen.

Der - auf des ‚Reitstalls Fürstin’ nur bedacht -
Nachahmend spielte des Donati Rolle
Und Testament nach Simons Sinn gemacht.«

Als ich gesehen hatte, wie dies tolle
Verbrecherpaar fortraste, blieb ich stehen,
Betrachtend andre Schmerz- und Sündenvolle,

Und stieß auf einen, der war anzusehen
Wie eine Laute, hätt’ ihm weggeschafft
Ein Schnitt die Gabel, die man braucht zum Gehen.

Die Wassersucht - durch falschzersetzten Saft
Die Glieder formlos blähend und verdrehend,
Dass dick der Bauch wird, das Gesicht erschlafft -

Sie hielt ihm beide Lippen offenstehend,
Dass kinnwärts die und jene aufwärts strebt,
Als wär’s ein Hektiker, vor Durst vergehend.

»Ihr, die ihr schmerzlos hier das Haupt erhebt -
Warum? Das weiß ich nicht - schaut und betrachtet,
Wie Meister Adam in der Hölle bebt

Und leidet - er, der alles einst missachtet,
Weil er sich gönnen konnt’, was ihm gefiel,
Und jetzt nach einem Tropfen Wasser schmachtet!

Die Bächlein, die im feuchten Wellenspiel
Von Casentinos grünen Hügeln fallen,
Des Arnos mosig-weiches Bett zum Ziel -

Vor meinem Geist seh’ ich sie spielend wallen,
Doch straflos nicht, weil mehr als Wassersucht
Mich Sehnsucht dörrt nach diesen Wassern allen.

So schärft Gerechtigkeit der Strafe Wucht
Durch diesen Ort, wo herstammt mein Verschulden,
Um anzupeitschen meiner Seufzer Flucht.

Dort glänzt Romena, wo den Täufergulden
Ich oft verfälscht an Wert und an Gewicht;
Ich musste drum den Flammentod erdulden.

Wär Aghinolf doch erst vom Tageslicht,
Guido und Alessandro herverschlagen,
Ich gäb um Brandas Flut d e n Anblick nicht!

Zwar, wenn die Rasenden hier Wahrheit sagen,
Hält e i n e n schon der Teufel im Gehege -
Was hilft mir’s? Da mich lahme Glieder plagen.

Wär ich doch s o behend nur, leicht und rege,
In hundert Jahren e i n e n Zoll zu rücken,
So wär ich sicher längst schon auf dem Wege,

Bei den Entstellten ihm die Hand zu drücken:
Ist dieses Tal auch lang elf ganze Meilen
Und eine halbe breit - mir sollt es glücken!

Durch ihre Schuld muss bei dem Volk ich weilen,
Durch sie, die mich verführten, den Florenen
Nur drei Karat Legierung zu erteilen.«

Und ich zu ihm: »Wie steht es hier mit denen?
So raucht im Winter die gewaschne Hand,
Wie diese, die zu deiner Rechten lehnen.«

Und er: »Sie liegen noch, wie ich sie fand,
Als Minos mich in diesen Spalt ließ schneien,
Und liegen so wohl ewig festgebannt.

Des Ehbruchs wollte d i e den Josef zeihen,
Sinon ist d e r - Lug war ihm Schild und Wehre,
Und Fieberhitze dünstet aus den zweien.«

Der Grieche zürnte, weil so wenig Ehre
Ihm Adam gab, und ließ die Fäuste fallen
Auf dessen strammen Bauch mit voller Schwere;

Der ließ gleich dumpfen Paukenton erschallen!
Doch Adam hob den Arm - und ins Gesicht
Schien auch s e i n Schlag nicht minder hart zu prallen,

Indem er heulte: »Wenn ich mich auch nicht
Bewegen kann der Bleiesschwere wegen,
Ist doch der Arm beweglich, dass er ficht!« -

»Als du dem Scheiterhaufen gingst entgegen,«
Rief Sinon, »hobst du ihn nicht so gewichtig,
Doch sah man ihn beim Prägen flink sich regen!« -

Der Wassersüchtge höhnte: »Das ist richtig!
Doch gabst du nicht vor Troja solch Exempel,
Da war dein Zeugnis lügnerisch und nichtig! -

Der schrie: »Ich fälschte Worte, du den Stempel!
Wenn ich um e i n Vergehn mich hier befinde,
Warst du zu Hause stets in Satans Tempel!« -

»Erinnre dich des Pferdes!« rief geschwinde
Der Fälscher mit dem aufgeschwemmten Bauche,
»Zur Strafe dir erschall’s in alle Winde!« -

»Und deine Strafe sei, dass dir die Jauche,«
Rief Sinon laut, »stets breiter schwell den Wanst,
Und dass dein Maulwerk glutvertrocknet fauche!« -

Der Münzer drauf: »Dass du nichts weiter kannst!
Von jeher warst du groß in Unflatwürfen;
Dürft ich, ist doch mein Bauch mit Nass verschanzt -

Doch du hast Brand und Kopfschmerz! Und zu schlürfen
Vom Spiegel des Narzissus würdest du
Wohl keiner langen Einladung bedürfen.« -

Ich hörte stumm dem Zank der beiden zu,
Da rief Virgil: »Sieh da! Was soll das Schauen?
Nur wenig fehlt, ich rügte dich im Nu!«

Erschreckt, als ich vernahm des Meisters rauhen
Vorwurf, schnellt’ ich empor und fühlte Scham,
Und fühl sie heut noch brennen meine Brauen.

Wie der, den ängstlich Traumbild überkam,
Im Traume wünscht, dass Traum sei, was er sehe,
Was ja in Wahrheit auch kein Ende nahm -

So hier! - Als ich mich wende noch und drehe,
Mich zu entschuldgen, war ich’s schon vollkommen,
Nicht wissend, dass durch Scham auch Schuld vergehe. -

»Schon wär durch mindre Scham von dir genommen
Ein größrer Fehl, als eben du begangen,«
Sprach der Poet, »drum sei nicht mehr beklommen!

Doch sollten je wir abermals gelangen
Zu solchem Zank - dass ich stets bei dir bin,
Vergiss dann nicht! Bleib nicht voll Neugier hangen,

Denn solch ein Anteil zeugt von niederm Sinn!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 31
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 31

Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet,
Dass mir die Scham verfärbte beide Wangen,
Gab dann den Heiltrank mir, dran ich gesundet.

Der Lanze, die Achill und Peleus schwangen,
War auch, wie ich vernahm, die Gabe eigen,
Wunden zu heilen, die durch sie empfangen.

Dem Tränental den Rücken nun zu zeigen,
Durchkreuzten wir den Kreisumfang der Wälle,
Und keiner von uns beiden brach sein Schweigen.

Hier stritt sich Tag und Nacht in Zwielichthelle,
Die Sehkraft konnte Fernes nicht durchdringen,
Doch scholl ein Horn mit schmetterndem Gegelle

So laut, wie nicht die stärksten Donner klingen,
Dass - um zu sehn, woher der Lärm entquollen, -
Die Augen dem Geräusch entgegengingen.

Als Karl’s erhabner Plan im wundenvollen
Gemetzel samt der Heerschar ward vernichtet,
Hat nicht so furchtbar Rolands Horn geschollen!

Als forschend jetzt mein Blick dahin gerichtet,
vermeint ich, hoher Türme viel zu schauen,
Drum ich: »Wie heißt die Stadt, so hochgeschichtet?« -

Und er: »Weil du zu früh dies Dämmergrauen
Umsonst mit deinen Augen suchst zu lichten,
Neckt dich der Wahn, dem wir so leicht vertrauen.

Bist näher du, wird dir dein Aug’ berichten,
Wie sich dein Sinn durch die Entfernung fand
So leicht getäuscht - drum säume nun mitnichten!«

Darauf ergriff er freundlich meine Hand
Und sprach zu mir: »Bevor wir näher gehen,
Vernimm, damit dich Schreck nicht übermannt,

Giganten sind’s, nicht Türme, die wir sehen,
Die - rings am Brunnenrande aufgerichtet -
Vom Nabel abwärts tief im Schachte stehen.« -

Als wenn der Nebel nach und nach sich lichtet
Und immer deutlicher hervor lässt lugen,
Was Dunst verhüllte, von der Luft verdichtet,

So, als die Füße durch den Qualm uns trugen,
Floh mich der Irrtum, als wir nah dem Schlunde,
Indes mich Angst und Schreck in Bande schlugen.

Denn wie mit hohen Türmen in der Runde
Montereggiones Steinbastei’n sich krönen,
So türmte hier auch, halben Leibs im Grunde,

Sich um den Brunnenrand von Riesensöhnen
Ein ungeschlachter Kreis, dem zum Erschrecken
Noch heut vom Himmel Jovis Donner dröhnen.

Des einen Antlitz konnt ich bald entdecken,
dann Brust und Schultern und ein Stück vom Bauche;
Sah auch, wie sich die Arme abwärtsstrecken. -

Wie weislich! Dass mit ihrem Werdehauche
Natur dergleichen Wesen nicht mehr schafft,
Dass sie zu Schergenzwecken Mars nicht brauche!

Doch wenn des Wals, des Elefanten Kraft
Natur noch zeugt, muss man gerecht es finden
Bei strenger Prüfung und nicht launenhaft:

Denn wollte Geist und Einsicht sich verbinden
Mit Körperkraft und Bosheit gleicherzeit,
So müsste jeder Schutz dem Menschen schwinden. -

Es schien des Riesen Kopf, so hoch wie breit,
Sankt Peter’ Pinienzapfen mir zu gleichen,
Und so war jedes Glied voll Mächtigkeit,

So dass vom Scheitelhaar bis zu den Weichen,
Wo ihn der Strand umschürzt wie ein Gewand,
Drei Friesen, an die Stirn heranzureichen,

Umsonst der Länge nach sich ausgespannt;
Denn sicher maß er an die dreißig Palme
Bis unterm Hals, wo sonst des Mantels Rand.

»Rafel mai amec icabi alme!«
Erscholl mir’s aus dem grausen Mund ans Ohr -
Solch Mund ist nicht gemacht für sanfte Psalme!«

»Bleib doch bei deinem Horn, blödsichtger Tor!«
Rief ihm Virgil zu. »Magst du Zorn empfinden,
Schmerz oder sonst was, blas es draus hervor!

Such nur, verworrner Tropf! Am Halse finden
Wirst du vom Horn den Riemen, der es hält -
Seh ich ihn doch die Fettbrust dir umwinden!«

Darauf zu mir: »Im Selbstvorwurf gefällt
Sich Nimrod, der durch gottloses Erfrechen
Schuld ist am Sprachenwirrwarr auf der Welt.

Lass stehn ihn! nutzlos wär’s, mit ihm zu sprechen,
Denn i h m bleibt unverständlich jedes Wort,
Wie u n s sein kauderwelsches Radebrechen!« -

Wir schritten nun fürbass zur Linken fort,
Als wir auf Bogenschusses Weite fanden
Schon einen zweiten größern, wildern dort.

Gott weiß, wes Kräfte diesen überwanden!
Vorn linker, hinten rechter Arm: so hingen
Die zwei, die starke Kettenglieder banden

Und knebelten, die auch den Leib umfingen,
Soweit er über’m Brunnenschachte ragte,
In festumschnürenden fünffachen Ringen.

»Der tollkühn seine Kraft zu messen wagte,«
Begann Virgil, »am großen Donnrer droben,
Ephialtes ist’s, der es seitdem beklagte

Mit dieser Pein! Er gab gewaltge Proben
Am Riesenkampf, der bis in Götternähe
Den Schrecken trug. Nie drohend mehr erhoben

Hat er bis heut den Arm.« - »Wohl gerne sähe
Den ungeheuern Briareus ich hier,«
Sprach ich, »wenn’s möglich wär, dass es geschähe.«

Mein Führer drauf: »Antäus zeig ich dir
Dicht nebenbei; er spricht, ist nicht gebunden,
Und hebt uns in das tiefste Qualrevier.

Weit hinten wird erst, den du suchst, gefunden,
Der diesem gleicht, nur anzuschaun viel grimmer
Und fest wie der vom Eisenband umwunden.«

Nie bebte unterm Stoß die Erde schlimmer,
Nie hat sie stärker einen Turm erschüttert,
Als jetzt der Klotz sich schüttelte - und nimmer

Hätt’ ich in Todesbangen mehr gezittert,
Denn groß genug zum Sterben war mein Bangen,
Wenn ich nicht sah die Fesseln unzersplittert. -

Wir merkten bald, als wir vorangegangen,
Wie wohl fünf Ellen aus dem tiefen Bronnen
Die Reckenglieder des Antäus drangen.

»Der du im schicksalsreichen Tal - umsponnen
Von ewgen Ruhmes Glanz, seit Hannibal
Mit seinem Heer vor Scipios Wut entronnen -

Der du dort tausend Löwen hast zu Fall
Gebracht und, wenn du helfend teilgenommen
Am Brüderkampf, wohl d o c h der Erde Ball

Für dein Geschlecht in die Gewalt bekommen,
Heb uns hinab - aus Güte, nicht aus Pflicht -
Wo der Cocyt sich ausdehnt frost-beklommen.

Zu Titius und Typhöus schick uns nicht,
Denn dieser kann, was man hier wünscht, gewähren;
Drum bücke dich und mach kein Schiefgesicht!

Der kann mit Ruhm auf Erden dich verklären,
Da er noch lebt und lange hofft zu leben,
Eh Gnade ihn beruft zu höhern Sphären.«

So sprach Virgil. Und ohne Widerstreben
Ergreift die Riesenhand den, der mich führte,
Die Hand, die Herkules gefühlt mit Beben.

Als sich Virgil von ihm ergriffen spürte,
Rief er: »Komm her! dass dich mein Arm umfange!«
Und wie ein Bündel mich Virgil umschnürte.

Wie Carisenda - schaut zum Überhange
Von unten man zum Turm - wenn Wolken kommen,
Sich zu verneigen scheint vor ihrem Gange,

So schien Antäus mir, als ich beklommen
Sich neigen sah den Unhold, und zur Stunde
Hätt’ gern ich einen andern Weg genommen.

Doch setzte leicht und sanft er uns zum Schlunde
Hinab, der Luzifer und Judas fasst -
Und blieb nicht lang gebückt; empor vom Grunde

Hob er sich wieder wie im Schiff der Mast!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

Fänd ich solch holprigrauhes Versgerölle,
Würdig zu schildern, wie der Schlund hier klafft,
Drauf lastend ruht all das Gebirg der Hölle,

In Fülle strotzend presst ich dann den Saft
Aus meinem Stoff; doch nur mit scheuem Bangen
Geh ich ans Werk, misstrauend schwacher Kraft.

Kein Kinderspiel ist solch ein Unterfangen,
Des Weltalls tiefste Pforten zu entriegeln,
Unmündig Lallen kann dazu nicht langen.

Doch wollten d i e in meinem Reim sich spiegeln,
Die dem Amphion Theben halfen gründen,
Dann sollte Wahrheit meinen Sang besiegeln! -

Könnt ich, o Volk, an diesem Ort der Sünden,
Den zu besingen Schmerz mir schafft und Trauern,
Von dir als Schaf und Ziege lieber künden!

Wie ich noch steh in dieses Abgrunds Schauern
Tief unterm Fuß des Riesen und empor
Die Blicke sende zu den Felsenmauern,

Mich warnend eine Stimme da beschwor:
»Tritt auf die Häupter nicht beim Weiterschreiten
Uns armen müden Brüdern - sieh dich vor!«

Und als ich meinen Blick ließ abwärts gleiten,
Stand ich auf einem Teich, den Eis umzogen,
dass er wie Glas erschien von allen Seiten.

So hart gepflastert sind der Donau Wogen
Im Winter nicht - noch spinnt ein Kleid so dick
Dem Don der nördlichkalte Himmelsbogen:

Fiel selbst der Pietrapan und Tambernick
Auf dieses Eis mit ganzer Riesenwucht,
Am Rande gäb es nicht den kleinsten Knick! -

Froschmäuler sieht man nachts aus sumpfger Bucht
Oft quakend ragen, wenn von Schlaf umfangen
Die Schnittrin träumt von reifer Ährenfrucht -

So stand hier - von des Eises scharfen Zangen
Fest bis zum Hals umklemmt, die Kiefern schlagend
Im Storchgeklapper, mit frostblauen Wangen,

den Kopf gesenkt - ein Volk: verzweifelt, zagend,
Von Kälte zeugend mit des Mundes Beben,
Von Seelenqual mit feuchten Wimpern sagend!

Nach kurzem Umblick sah ich zwei - eng-neben-
Einander, dicht-verfugt, ins Eis gebettet -
Verfilzt mit ihrem Schopf zusammenkleben.

»Wer seid ihr?« rief ich, »Brust-an-Brust gekettet?«
Und als den Kopf erhoben die Genossen,
Sah ich die Augenwimpern eisverklettet,

weil sich die Tränen, die von innen flossen
Aus warmen Lidern, an der Luft, der kalten,
Zu krustigem Eise gleich zusammenschlossen.

So eng hat nie ein Schraubstock Holz gehalten,
Drob sie, zwei Widdern gleich, durch steten Reiz
Zum Zorn gestachelt, aneinander prallten.

Ein andrer, dem die Ohren beiderseits
Der Frost abfraß, rief ohne aufzusehen:
»Du weidest dich am Anblick unsers Leids?

Soll ich betreffs der zwei dir Rede stehen?
Vom Vater Albert erbten sie das Tal,
Aus dessen Flur Bisenzios Fluten gehen.

E i n Leib gebar sie! Keinen in der Zahl,
Die aus Kaina hier im Gallert weinen,
Trifft so mit Fug und Recht die eisge Qual.

Nicht den, dem Brust und Schattenbild durch einen
Speerstoß einst König Artus jäh durchstieß,
Focaccia nicht noch den, des Kopf vor meinen

Sich drängt, dass er mir nimmer Ausblick ließ!
Bist Tusker du, brauch ich dir nur zu sagen,
dass der einst Sasol Mascheroni hieß.

Und ich (dass du mich nicht mehr quälst mit Fragen)
Bin Camiccion und harre auf Carlin -
Der wird mich noch als Schurke überragen!«

Da sah ich tausend Hundsgrimassen ziehn
Vor Frost: seitdem wird stets mir Abscheu rege
Vor Pfützen, wenn Eisblumen drauf gediehn. -

Zur Mitte leiteten uns nun die Wege,
Zu der sich hinsenkt jedes Schwergewicht;
Zitternd ging ich in ewger Nacht Gehege.

Ob’s Absicht, Zufall, Schickung, weiß ich nicht,
Doch wie entlang wir all den Köpfen schritten,
traf derb mein Fuß dem einen ins Gesicht,

Der schmerzlich schrie: »Was quälst du mich mit Tritten?
Willst Montapertis Schlacht du an mir rächen?
Wenn nicht, weshalb hätt’ ich den Stoß erlitten?«

Und ich: »Lass, Meister, mich mit diesem sprechen,
Dass ich durch ihn mir einen Zweifel löse;
Hernach will ich nicht zögern aufzubrechen.«

Der Führer stand, der andre schalt noch böse
Und fluchte derb. - »Der du im Zorne gärst,
Wer bist du?« sprach ich, »warum dies Getöse?« -

»Und du? Der du hier Antenor durchfährst,«
Schrie er, » s o grob zu schinden andrer Wangen,
Z u grob sogar, selbst wenn du lebend wärst?« -

»Noch leb’ ich! Kann noch deinen Dank empfangen,«
Sprach ich, »füg ich den Namen, hell an Ehre,
Den deinen zu, falls Nachruhm dein Verlangen!« -

»Das Gegenteil ist’s just, was ich begehre!«
Schrie er, »drum geh zum Henker, lästger Tropf!
In Schmeicheln gab man dir hier schlechte Lehre.«

Da griff ich beim Genick ihn in den Schopf
Und rief: »Zum Namen musst du dich bequemen,
Sonst bleibt dir auch kein Härchen auf dem Kopf.«

»Zerzause dreist mein Haar nur,« rief der Schemen,
»Ich nenne d o c h mich nicht! verrat’ auch nichts!
Und magst du tausendmal beim Flausch mich nehmen.« -

Umwickelt mit dem Schopf des Bösewichts,
Riss meine Hand ihm aus manch Büschel Haar.
Er heulte laut, gebeugten Angesichts.

Da rief ein andrer: »Bocca, ei fürwahr!
Ist’s nicht genug, mit Zähnen Takt zu schlagen?
Nun bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?«

»Ha, du Verräter,« rief ich, »mehr zu sagen
Brauchst du jetzt nicht. - Als Zeugnis deiner Schmach
Will ich zur Nachwelt deinen Namen tragen.«

»Nur zu. Sag alles, was du willst, mir nach,«
Rief er, »nur trachte, d e n auch nicht zu schonen,
Der eben mit so glatter Zunge sprach!

Er heult um die französischen Dublonen;
Sag nur: du lerntest auch Duera kennen
Dort wo ‚auf-Eis-gelegt’ die Sünder wohnen.

Und dass du andre Größen noch kannst nennen,
Sieh Beccaria hier mir zum Begleiter;
Ihm ließ Florenz den Kopf vom Rumpfe trennen!

Hier Soldanier, dort Ganelon, und weiter
Zurück liegt Tribaldello, der durch’s Tor
Faenzas einließ nachts feindliche Streiter.«

Wir schieden, ihm zu weigern unser Ohr,
Und sahn vereist in e i n e m Loch zwei Nackte:
E i n Kopf kam wie des andern Hut mir vor!

Wie man ins Brot vor Hunger beißt, so hackte
Der oberste den Zahn dem untern ein
Am Nackenwirbel, dass der Knochen knackte.

So zornwutschnaubend mochte Tydeus sein,
Als er die Schläfe Menalipps zernagte,
Wie der hier Wirbel fraß und Schädelbein.

»O du, der so bestialisch sich behagte,«
Rief ich, »aus Hass den andern anzufressen,
Sag an: was dich in diese Zornwut jagte?

Ich will, wenn du gerechten Grund besessen,
Kenn ich beim Namen euch und sein Verbrechen,
Der Nachwelt dich zu melden nicht vergessen,

Wenn die nicht dorrt, die mir verliehn zum Sprechen!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 33
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 33

Der Sünder hob vom schauderhaften Mahle
Den Mund, ihn rein-sich-wischend an den Haaren
Des Hinterkopfs, dem er zerbrach die Schale,

Drauf sprach er: »Soll ich wieder offenbaren
Verzweiflungspein, drob mir das Herz will brechen
Beim Denken schon, und soll sie neu erfahren?

Doch kann ich Worte säen, draus dem Frechen,
Den ich zerfleische, Schmach und Schande sprießen,
Sollst du zugleich mich weinen sehn und sprechen.

Nicht weiß ich, wer du bist, noch wer erschließen
Das Höllentor dir durfte - doch mir scheint,
Ich hörte Florentiner Wohllaut fließen.

Vernimm: dass Ugolono vor dir weint,
Erzbischof Rogier ist’s, den ich zerbissen;
Nun hör, warum dem Nachbar ich vereint.

Dass sein Verrat die Freiheit mir entrissen,
Weil ich vertrauend ihm ins Garn gegangen,
Und dann den Tod erlitt - das wirst du wissen.

Doch nicht zu Ohren konnte dir gelangen,
Welch schändlich-martervollen Tod ich fand -
Vernimm und sprich: ob Schlimmres wer empfangen?

Ein enges Loch in meines Kerkers Wand -
Den man nach mir den ‚Hungerturm’ benennt
Und der seitdem noch manchen festgebannt -

Ließ manchen Monat mich vom Firmament
Ablesen schon, bis mir ein Traum voll Grauen
Der Zukunft dunkeln Schleier jäh zertrennt.

Ich sah hier den als Jagdherrn durch die Auen
Zu j e n e m Berg hinhetzen Wolf samt Jungen,
Der Pisa wehrt, nach Lucca hinzuschauen.

Als Treiber sah ich frisch-vorausgesprungen
Gualandi schon, Sismondi und Lanfranken
Mit Hunden sehnig, gierig, stark von Lungen,

Und sah nach kurzem Lauf ermattend schwanken
Den Wolf und seine Wölflein, sah geschlagen
Rings scharfer Zähne Wut in ihre Flanken.

Drauf, jäh-erwacht, eh es begann zu tagen,
Hör ich im Schlafe wimmern meine Kleinen,
Um Brot mich anflehn und vor Hunger klagen.

Hart wärst du, würde dir nicht hart erscheinen,
Was ahnend ich empfand im Herzensgrunde,
Und weinst du nicht, wann wirst du jemals weinen? -

Die Kinder werden wach - es naht die Stunde,
Wo man uns sonst gespeist - im Antlitz spiegelt
Sich Unglücksahnung jedem in der Runde.

Da hör ich: - unten wird der Turm verriegelt -
Der ‚Hungerturm’ - vernagelt! - - Auf die Kleinen
Blick ich starr - bleich - den Mund vom Schreck versiegelt! ....

Ich weinte nicht, ich ward zu Stein im Innern
Sie weinten, und mein kleiner Anselmuccio
Sagte: "Du schaust so, Vater, fehlt dir etwas"

Kein Wort - keine Träne ... ich saß und sagte
Kein Wort - und Tag und Nacht blieb ich im Schweigen,
Bis abermals das Licht des Ostens tagte,

Das sich als goldner Streif beim Höhersteigen
In unsern Schreckenskäfig mühsam stahl,
Mir vier Gesichter - bleich wie meins - zu zeigen.

Da biss ich beide Hände mir vor Qual!
Die Kinder wähnten, es geschäh aus Gier
Und Hunger - und sie baten allzumal:

‚Vater, iss uns! und minder leiden wir.
Es ist dein Fleisch, das wir von dir empfangen;
Nimm das unselge wieder, nimm es dir!’

Sie zu ermutgen, musst ich mich bezwingen -
Es ward kein Laut zwei Tage lang vernommen - -
O Erde, konntest d u uns nicht verschlingen?

Und als das vierte Morgenrot entglommen,
Fiel Gaddo hin vor mir mit dumpfem Flehen:
‚O Vater, Vater, will nicht Hilfe kommen?’

Er lallt’s und stirbt. - So musst ich alle sehen,
Den - den - am fünften, sechsten Tag erbleichen -
Dicht vor mir, wie du m i c h siehst vor dir stehen! -

Blind tapp’ ich hin, zwei Tage lang die Leichen
Anrufend - bis auch m i r das Herz gebrochen,
Weil Schmerz der Macht des Hungers musste weichen!« -

Und stieren Auges, als er dies gesprochen,
Fiel er den Schädel wieder an, - der brach,
Als ob ein Hundsgebiss zermalmt den Knochen. -

Weh, Pisa, dir, des schönen Landes Schmach,
Wo man das Si hört süß und lieblich klingen -
Träg sehn die Nachbarn deinen Freveln nach!

Drum stauen soll und stillzustehen zwingen
Capraja und Gorgona Arnos Flut,
Dass er sie mag ersäufen und verschlingen!

Sei’s wahr, dass Ugolinos Frevelmut
Verräterisch die Schlösser übergeben -
Warum hast du gequält das junge Blut?

Als Fürsprech diente doch - du neues Theben -
Dem Hugo, dem Brigata samt den beiden,
Die schon mein Lied genannt, ihr zartes Leben! - -

Fortschritten wir aufs neu zu neuen Leiden
Und sahn Gestalten, rücklings-aufgestemmt,
Und so im Liegen ganz mit Eis sich kleiden.

Das Weinen selbst das Weinen ihnen hemmt,
Das Herzleid, das nicht kann nach außen tauen,
Wird innen angstvermehrend festgeklemmt.

Eiszapfig sich die ersten Tränen stauen,
Dass sie, kristallnen Brillen zu vergleichen,
Die Augenhöhlen füllen vor den Brauen. -

Mir drohte von Empfindung jedes Zeichen
Zu schwinden zwar, weil durch den Frost mich schien
Hornhaut zu decken statt der frühern weichen -

Jedoch ich fühlte einen Lufthauch ziehn
Und forschte: »Meister, kann sich Luft hier regen?
Muss nicht hier unten aller Dunst entfliehn?«

Und er: »Du gehst der Antwort bald entgegen;
Am rechten Ort wird dir dein Auge sagen,
Wie und warum sich Lüfte hier bewegen.« -

Drauf hört’ ich eisumkrustet einen klagen:
»O Seelen, also sündhaft, dass vom Lichte
Zum tiefsten Schlund euch euer Los verschlagen,

Löst mir den spröden Schleier vom Gesichte,
Macht Luft der Herzensangst mir armem Schemen,
Bevor sich neu zu Eis das Nass verdichte.«

Ich sprach: » Soll ich von dir die Binde nehmen,
Sag: wer du bist? Wenn ich mich falsch erzeige,
Will ich mich gleich zum tiefsten Eis bequemen.«

Und er: »Ich hab mit Obst vom bösen Zweige
Als Bruder Albrich meinen Feind verdorben,
nun speist mich hier die Dattel statt der Feige.« -

»Was?« rief ich aus, »auch du bist schon gestorben?«
Und er: »Wie’s oben meinem Körper gehe,
Drob hab ich keine Kenntnis noch erworben.

Denn das ist Ptolemäas Vorzug: e h e
Noch Atropos mit ihrer Schere naht,
Stürzt schon die Seele her ins ewge Wehe.

Doch dass du, williger zur Liebestat,
Von den verglasten Tränen mich befreist,
So wisse: wenn die Seele übt Verrat,

Nimmt gleich Besitz vom Leib ein böser Geist,
Der statt der Seele darf darin regieren,
Bis wirklich einst ihr Lebensfaden reißt,

Sie aber stürzt zu diesen Eisrevieren.
Und so vielleicht auch weilt der Leib noch oben
Von jenem, den du hinter mir siehst frieren.

Wissen musst du’s, der eben kommt von droben:
Herr Branca d’Oria ist’s, der jämmerlich
Vor Jahren in dies Eisloch ward geschoben.« -

»Herr Branca d’Oria ist nicht tot,« sprach ich,
»Ich glaube wohl, du hast mich jetzt belogen,
Denn Branca isst, trinkt, schläft und kleidet sich.«

Er aber sprach: »Noch eh vom Brückenbogen,
Allwo die Schar der Grausetatzen wacht,
Herr Michel Zanche tief ins Pech geflogen,

War Brancas Leib schon in des Dämons Macht,
Wie gleichfalls jenes Anverwandten Glieder,
Der mit als Helfer den Verrat vollbracht.

Jetzt aber, bitt ich, löse mir die Lider,
Streck’ aus die Hand! » - Doch fruchtlos blieb die Bitte -:
Zum Schelm an ihm zu werden, schien mir bieder!

O Genueser, Feinde jeder Sitte,
Zermalmte euch und alle eure Schande
Ein Strafgericht doch unter seinem Tritte!

Traf ich beim schlimmsten aus Romagnas Lande
Doch eurer einen, dem schon arges Handeln
Die Seele schlug in des Cocytus Bande,

Indes sein Leib noch droben scheint zu wandeln!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 34
Richard Zoozmann [1908] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 34

»Der Höllenfürst entfaltet seine Fahnen
Jetzt gegen uns! Um deutlich ihn zu sehen,
Späh scharf voran!« hört ich den Meister mahnen.

Und wie, wenn starke Nebel uns umwehen,
Oder der Tag hinstirbt im Abendgrauen,
Von fern Windmühlen aussehn, die sich drehen,

So schien sich plump ein Bauwerk aufzubauen;
Und hinterm Führer, mich vorm Wind zu decken,
Verbarg ich mich, da sonst kein Schutz zu schauen:

Denn ich war dort - hinschrieb ich’s nur mit Schrecken -
Wo wir kristallisiert im Eise fanden
Die Schatten, wie im Glase Splitter stecken.

D i e lagen flach, und senkrecht a n d r e standen,
Teils köpflings und teils aufrecht; andre bückten
Sich krumm, dass Haupt und Füße sich verbanden.

Indem wir schrittweis nah und näher rückten,
Gefiel’s Virgil, mir das Geschöpf zu zeigen,
Das vor Äonen Glanz und Schönheit schmückten.

Er ließ mich vor sich treten, brach sein Schweigen
Und sprach: »Sieh hier den Dis, sieh hier die Stätte;
Jetzt sei ein Panzerkleid von Mut dein eigen!«

Wie sich da lähmend des Entsetzens Kette
Ums Herz mir schnürte - Leser, frage nicht!
Mein armes Wort zu wenig Farbe hätte.

Ich lebte nicht, noch starb ich armer Wicht;
Denkt. muss nicht alles d e r Empfindung weichen,
Der Kraft zum Leben, Kraft zum Tod gebricht? -

Der Kaiser in den wehevollen Reichen
Hob halben Leibs sich aus dem eisgen Glas,
Und eher mag ich einem Riesen gleichen,

Hat ein Gigant nur seines A r m e s Maß!
Nun prüft: ob hier Begriff und Wort verlässlich
Bei einer Größe sei, wie er besaß?

War er so herrlich einst, wie nunmehr hässlich,
So muss er, der den Schöpfer frech bedroht,
Ursprung all dessen sein, was bös und grässlich.

Welch Schreckenswunder doch sein Haupt schon bot!
Drei Angesichter waren da entsprossen,
Das vordre war wie Blut so dunkelrot,

Je eins der andern, seitlich-angeschlossen,
Stand ihm inmitten auf dem Schulterbogen,
Indes im Kamm die drei zusammenflossen.

Das rechts: war weiß und gelblich überzogen,
Das links. gefärbt, als schien es zu entspringen
Dem Volke, das umwohnt des Nilfalls Wogen.

Darunter spannten sich zwei mächtge Schwingen,
Passrecht für Vögel solchen Riesenbaus, -
Nie durch die Meerflut größre Segel gingen.

Ganz federlos wie die der Fledermaus,
So flatterten sie ruhelos und gossen
Gewaltgen Wind dreifacher Richtung aus,

Wodurch mit Eis ganz der Cocyt verschlossen.
Sechs Augen strömten Tränen, die - vermengt
Mit Blut und Geifer - auf drei Kinne flossen.

Je einen Sünder hielt er eingeengt
Zermalmend zwischen seinen drei Gebissen,
Als ob man mit den Brechern Flachs zersprengt.

Der Geist im vordern Maul schien von den Bissen
Minder gequält als von den Klaun zu sein,
Die ihm die Rückenhaut in Fetzen rissen.

Da sprach Virgil: »Hier schmerzt die größte Pein
Judas, der mit dem Kopf steckt in den Fängen,
Indes nach außen zappelt Fuß und Bein.

Dort siehst du von den zwein, die köpflings hängen,
Am schwarzen Maul sich Brutus windend drehen,
Doch ohne dass sich Seufzer ihm enträngen;

Dort Cassius, stark von Gliedern anzusehen! -
Doch mahnend naht die Nacht, jetzt umzukehren,
Drum, da wir alles sahen, lass uns gehen!«

Den Hals umschlang ich ihm auf sein Begehren,
Und den Moment abpassend, wo die breiten
Pelzflügel uns genügend Raum bescheren,

Hängt er sich eiligst an die zottgen Seiten,
Um büschelweise zwischen rauhen Haaren
Und der gefrornen Wand hinabzugleiten.

Doch als wir nun soweit hinunter waren,
Wo sich im Hüftgelenk die Schenkel drehen,
Konnt ich den Meister, ohne Müh zu sparen,

Den Ort von Fuß und Haupt vertauschen sehen.
Ins Haar sich krallend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollt es wiederum zur Hölle gehen.

»Fest klammre hier dich an! Nur solche Leiter
Lässt uns dem großen Weh entfliehn,« so sprach
Ermüdet, atemsuchend mein Begleiter.

Nachdem er Bahn sich durch ein Felsloch brach,
Hob er mich ab auf einen Rand dichtneben
Und folgte mir dann sichren Schrittes nach.

Ich blickte auf und glaubte so wie eben
Auch noch den Dis zu sehn - und sah erschreckt
Gleichsam bergan jetzt seine Beine schweben!

Dass ich verwirrt mich glaubte und geneckt,
Drob mag das Volk sich wundern, das nicht weiß,
Durch welchen Punkt sich unser Weg erstreckt.

«Wohlan, steh auf!« war nun Virgils Geheiß,
»Der Weg ist lang und mühsam zu durchwallen,
Die Sonne dämmert auf am Himmelskreis.«

Wir weilten nicht in Prachtpalastes Hallen,
Nein! in naturerbauten rauhen Schründen,
In die noch nie ein goldner Strahl gefallen.

»Bevor ich scheide von den Höllenschlünden,«
Sprach ich, erhebend mich, »scheuch mein Bedenken
Und lehre, Meister, mich mit guten Gründen:

Wo blieb das Eis? - Wie konnte Dis sich senken
Kopfunter? - Und wie mocht so eilig doch
Von West nach Ost den Lauf die Sonne lenken?«

Er sprach: »Du glaubst dich immer jenseits noch
Des Mittelpunkts, wo ich am Rückenvlies
Des weltdurchbohrnden Lindwurms abwärts kroch.

D o r t warst du, als ich mich hinunterließ;
Beim Umdrehn aber ward d e r Punkt durchschritten,
Wohin Naturgesetz die Schwerkraft wies.

Zum andern Halbkreis bist du jetzt geglitten,
Dem rückwärts, der das große Festland deckt,
Auf deren Berg der Mensch den Tod erlitten,

Wie er entstand und lebte: unbefleckt.
Hier steht dein Fuß auf einem kleinen Kreise,
Der sich dem Judaskreis entgegenstreckt,

Hier glänzt schon Frührot, wenn die Sonnenreise
Dort endet. Und der uns aus seinem Felle
Die Leiter schuf, steckt nach wie vor im Eise!

Vom Himmel fiel er einst auf diese Stelle;
Das Land, das sonst sich über’s Meer erhoben,
Bedeckte sich, ihn fürchtend, mit der Welle,

Ward dann zu eurer Sphäre durchgeschoben,
Ließ hier die Stätte leer, ihm zu entgehen,
Und türmte fliehend sich zum Berg nach droben.«

So sprach Virgil. - Und wo wir ließen stehen
Beelzebub - entfernt von ihm so weit
Als tief sein Grab - hörbar, doch nicht zu sehen,

Entsprang ein Bach in felsiger Einsamkeit,
Der in der Schlucht sich tief ein Bett gegraben,
Das ihm in sanfter Krümmung Abfluss leiht.

Als wir in diesen Hohlweg uns begaben,
Dass er aus Nacht uns bring ans Lichtgestade,
Ging’s bergwärts, ohne rastend uns zu laben,

Er vor und ich ihm nach, auf steilem Pfade.
Bald streute uns des Himmels Hand von ferne
Durch einen Spalt ein Stückchen goldner Gnade,

Dann grüßten wir beim Austritt neu die Sterne!

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