Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 01
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 01

Die Herrlichkeit Des, der bewegt das Ganze,
Durchdringt das All. Und diesem Teile spendet
Sie Licht in stärkerm, dem in schwächerm Glanze.

Im Himmel, dem das meiste Licht Er sendet,
War ich und sah, was nicht vermag zu sagen
Noch weiß, wer je von dort sich heimgewendet.

Denn dicht vor seiner Sehnsucht Ziel getragen,
Sinkt unser Geist sotief, daß nachzulenken,
Gedächtnis keinen Weg weiß einzuschlagen.

Doch was zu sammeln nur vermocht mein Denken
An Schätzen aus dem heiligen Reich: dem Sange
Soll es als Inhalt mein Gedächtnis schenken.

O gieb, guter Apoll, beim letzten Gange,
Daß deiner Kraft als solch Gefäß ich passe,
Wie der geliebte Lorbeer nur verlange.

Bisher war mir ein Gipfel vom Parnasse
Genug. Doch nun bedarfs, daß ich auf beide
Im letzten Teil des Wettlaufs mich verlasse.

Der Brust gieß jenen Hauch ein, der dem Neide
Die Strafe gab, als du herausgezogen
Den Marsyas aus seiner Glieder Scheide.

O Gotteskraft, bleibst du mir so gewogen,
Daß ich die Hülle mag vom Schatten heben
Des seligen Reichs, der meinen Geist umflogen,

Wirst du zu deinem teuern Baum mich streben
Und mit dem Laube sehen dann mich schmücken,
Worauf mein Stoff und du mir Anrecht geben.

So selten, Vater, pflegen heut zu pflücken
Poet und Zäsar deinen Schmuck, den hohen,
(Weil Schuld und Schmach den Ehrgeiz niederdrücken)

Daß Freude neu es wecken muß der frohen
Delphischen Gottheit, sieht sie auch nur einen
Nach des Penëus Laub in Sehnsucht lohen.

Ein Brand wird aus dem Funken oft, dem kleinen:
So wird vielleicht in Cirrhas feuchten Gründen
Nach mir ein Beßrer um Bescheid erscheinen. -

Dem Sterblichen steigt aus verschiedenen Schlünden
Des Weltalls Leuchte auf. Doch wo vier Kreise
In dreier Kreuze Durchschnittspunkt sich ründen,

Kommt sie mit besserm Stern, in besserm Gleise
Vereint hervor und, wie im Wachse grabend,
Beprägt die Erde sie auf reichere Weise.

Fast machte jenseits Morgen, diesseits Abend
Ein solcher Schlund, und einen Halbkreis sinken
In Nacht, den andern noch am Licht sich labend,

Als Beatricens Augen ich zur Linken
Gekehrt sah in die Sonne, ungeblendet.
Nie sah so fest ein Adler in ihr Blinken.

Und wie so oft der erste Strahl entsendet
Den zweiten, der dann wieder aufwärtsreiste
Gleich einem Pilgrim, der sich heimwärtswendet,

So teilte ihr Gebaren meinem Geiste
Durchs Aug sich mit, daß - was ich sonst vermieden -
Ich fest zur Sonne jetzt erhob das dreiste.

Gar vieles ist dort möglich, was hienieden
Sich unsrer Kraft verbietet, dank der Stelle,
Die zum Besitz der Menschheit ward beschieden.

Nicht lang, doch lang genug trug ich die Helle,
Zu sehn, daß rings ein Funkenfeuer zücke,
Alsob dem Ofen glühend Erz entquelle.

Und plötzlich schiens, daß Tag-zu-Tage rücke
Ganz dicht, alsob den Himmel Jener droben,
Ders kann, mit einer zweiten Sonne schmücke.

Doch Beatrice stand, den Blick erhoben
Fest zu den ewigen Rädern. Und ich brachte
Die Augen nun zurück zu ihr von oben.

Tiefinnen mich ihr Anblick so entfachte
Wie Glaukos, als ihn der Genuß vom Kraute
Zum Mitgenoß der Meeresgötter machte.

Das Übermenschsein malt mit keinem Laute
Die Sprache. Doch wen einst es läßt erproben
Die Gnade, im Vergleich genug hier schaute.

Ward nur mein letzterschaffenes Teil erhoben?
Liebe, du weißts, die du den Himmel lenkest
Und mich in deinem Lichte trugst nach oben.

Als mich der Kreislauf, den du ewig schwenkest,
Ersehnter, durch den Einklang angezogen,
Den du, verteilt zum Wohllaut, weiterschenkest,

Da schwamm in roter Glut der Himmelsbogen
So stark, wie Zufluß oder Regenfluten
Wohl niemals schwellten einem See die Wogen.

Der fremde Klang, das mächtige Sonnenbluten
Erhitzten nach dem Grund so mein Verlangen,
Wie ich es nie empfand mit schärfern Gluten.

Doch - deren Blicke klarer mich durchdrangen
Als ich michselbst - sie stillte das bewegte
Gemüt, eh meine Frage noch ergangen,

Und nahm das Wort: »Dein eigener Irrwahn legte
Die Binde dir ums Auge. Klar zu sehen,
Reiße sie ab! die Blindheit dir erregte.

Du glaubst noch auf der Erde Grund zu stehen.
Doch seinem Orte ist kein Blitz entschossen
So schnell, als wir ihm jetzt entgegengehen.«

Dies kurze Wörtchen, lächelnd ihr entflossen,
Konnte den ersten Zweifel niederstreiten.
Doch schon hielt mich ein zweiter netzumschlossen.

Ich sprach: »Mein großes Staunen ruht beizeiten,
Indes ich staunend neues Rätsel finde,
Weil wir durch leichte Körper aufwärtsgleiten.«

Mitleidig seufzte sie; und zärtlichlinde
Ließ sie die Augen auf mir ruhen, als hinge
Ein Mutterblick am fieberkranken Kinde.

»Ordnung hält miteinander alle Dinge
Verknüpft,« sprach sie, »als die Form sich zu künden,
Daß drob Gottähnlichkeit die Welt durchdringe.

Die hehren Wesen sehen die Spur drin münden
Allewiger Tatkraft, der als Richtschnur eben
Die Ordnung dient in ihren letzten Gründen.

Jedweden Stoff läßt diese Ordnung streben
Zum Ursprung und, wie ihm das Los gediehen,
Bald fern, bald nahe seinem Ziele schweben.

Deshalb im großen Lebensmeere ziehen
Zu ganz verschiedenen Häfen hin sie alle,
Wie ihnen der Naturantrieb verliehen.

Der trägt das Feuer hoch zur Mondeshalle,
Der schafft im Menschenherzen das Getriebe,
Der giebt und wahrt die Form dem Erdenballe.

Nicht daß auf einsichtslose Dinge bliebe
Beschränkt der Bogen; nein, er schießt die Pfeile
Auf die auch, die Vernunft beherrscht und Liebe.

Vorsehung, die da alles lenkt zum Heile,
Schenkt durch ihr Licht dem Himmel Ruh, darinnen
Ewig der andere kreist mit größter Eile.

So läßt zum vorbestimmten Ort vonhinnen
Uns jenes Bogens Schnellkraft nun entschweben,
Die alles läßt ein frohes Ziel gewinnen.

Wahr ists, daß oft die Form sich dem Bestreben
Und Zweck des Künstlers nicht entsprechend füge,
weil taub der Stoff ist, Antwort ihm zu geben.

So hat oft darin ein Geschöpf Genüge,
Daß von der Bahn, in die es warf der Bogen,
Sichs später trennt durch eigenmächtige Flüge,

Sobald den ersten Trieb erdwärtsgezogen
Ein bös Gelüste, wie sichs pflegt zu zeigen,
Wenn aus den Wolken kommt der Blitz geflogen.

Drum, wie ich meine, darf dein Aufwärtssteigen
Dich mehr nicht wundern, als wenn du das schräge
Felsbett hinab siehst einen Bach sich neigen.

Solch Wunder wärs an dir, wenn du noch träge,
Wo du von Hemmung frei, lägst drunten nieder,
Alsob ein lebend Feuer am Boden läge.«

Drauf lenkte sie den Blick zum Himmel wieder.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 02
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 02

O ihr – die ihr im kleinen Boot, verleitet
Von Sehnsucht, mir zu lauschen, nachgezogen
Seid meinem Schiff, das im Gesange gleitet –

Kehrt um zum Heimatstrand! Laßt nicht die Wogen
Aufs Meer euch tragen. Die Gefahren wären
Zu groß, verlört ihr mich, vom weg betrogen.

Die Flut, von mir durchfurcht, trug Schiff und Fähren
Noch nie. Minerva haucht, Apoll wird leiten,
Und die neun Musen zeigen mir die Bären.

Ihr andern wenigen, die ihr beizeiten
Den Hals gereckt nach jener Engelsspeise,
Die Nahrung hier, nie Sättigung will bereiten,

Ihr wagt ins Salzmeer eher wohl die Reise
Auf euerm Boot, folgt ihr den Furchenspuren,
Bevor sich glätten meines Kieles Gleise.

Die Ruhmeshelden, die nach Kolchis fuhren,
Staunten nicht so, wie ihr bald staunend stehet,
Als sie den Jason pflügen sahen die Fluren. –

Der anerschaffene Durst, der nie vergehet
Nach dem gottförmigen Reich, riß uns nach droben
So schnell fast, als den Himmelsschwung ihr sehet.

Ich sah auf Beatrice, sie nach oben.
Und hurtig, wie ein Bolz wohl eingeschlagen,
Und hinschwirrt, und der Drücker wird gehoben,

Seh ich mich vor ein Wunder schon getragen,
Das ganz mich fesselt. Doch die Trost mir spendet,
Und der stets offen meine Sorgen lagen,

So schön als liebreich schon zu mir sich wendet:
»Wir sind dem ersten Stern vereint. Drum richte
Zu Gott das Herz, damit es Dank ihm spendet.«

Mir schiens, daß eine Wolke, eine dichte,
Uns einschloß: reingeschliffen, fest und helle,
Funkelnd wie ein Demant im Sonnenlichte.

Die ewige Perle nahm uns auf so schnelle,
Wie Wasserfluten insichdringen lassen
Das Licht, doch ohnedaß es sie zerspelle.

War ich nun Körper, und ists nicht zu fassen,
Daß ich in einen fremden konnte münden –
Was doch der Fall, wenn sich zwei Körpermassen

Durchdringen gegenseits – so sollts entzünden
Mehr unsern Wunsch, die Wesenheit zu schauen,
Drin Gott und Menschnatur vereint sich künden.

Dort wird, worauf wir gläubig hier vertrauen,
Uns durch sichselber klar, nicht mit Beweisen,
Der ersten Wahrheit gleich, darauf wir bauen.

Ich sprach: »Madonna, ewig soll Ihn preisen
Mein Dank, soll Ihm in aller Andacht währen,
Der mich entrückt sterblichen Erdenkreisen.

Doch wollt die dunkeln Flecke mir erklären
In diesem Stern, deswegen längst entsprossen
Von Kain drunten sind die alten Mären.«

Sie lächelte, bevor ihr Wort erflossen:
»Wenn du sich Menschenirrtum siehst bekunden,
Den nicht der Sinne Schlüssel hat erschlossen,

Darf dich des Staunens Pfeil nichtmehr verwunden,
Wo du nun siehst: Vernunft hat kurze Schwingen,
Selbst wenn sie mit den Sinnen ist verbunden.

Was aber denkst du selbst bei diesen Dingen?«
Und ich: »was so verschieden scheint hier oben,
wird wohl des Stoffes Dicht und Dünn bedingen.«

Und sie: »Du wirst mit Irrtum tief verwoben
Dein wähnen sehen, läßt du dirs erklären
Durch Gegengründe, die ich will erproben.

Viel Sterne zeigt die achte dieser Sphären,
An Größen ungleich und Beschaffenheiten,
Die drum verschiedenen Anblick auch gewähren.

Wär dies von Dünn- und Dichtheit herzuleiten,
So würd in allen eine Kraft nur walten,
Mehr, minder oder gleichstark allerzeiten.

Verschiedene Kraft muß sich als Frucht entfalten
Von Formursachen. Bis auf eine schwände
Dann jede ganz, wenn deine Worte galten.

Und wenn durch Lockerheit das Schwarz entstände,
Wonach du fragst, geschähs, daß diese Scheibe
Sich durchunddurch gar arm an Kernstoff fände.

Oder daß der Planet hier – wie im Leibe
Sich Fett und Mager durcheinanderschlingen –
In seines Buches Blättern wechselnd bleibe.

Vom ersten würde bald uns Kunde bringen
Die Sonnenfinsternis, weil dann der Schimmer
Hier wie durch andern Dünnstoff müßte dringen.

Dies trifft nicht zu; drum laß uns sehen, ob nimmer
Das zweite gilt. Kann dies auch nicht bestehen,
So stehts mit deiner Meinung um so schlimmer.

Kann hier nicht durchunddurch das Dünne gehen,
So muß ein Wall sein, der insich geschlossen
Kein Licht durchläßt, nein, nötigt, umzudrehen.

Und dorther kommt der Strahl zurückgeschossen,
Zurück wie Farbe von des Glases Seite,
Das rückwärts man mit Silberblei vergossen.

Nun wirst du sagen: dunkelfarbiger breite
Sich hier das Licht aus, als an andern Stellen,
Weil es zurückprallt aus viel größerer Weite.

Doch dieser Einwurf wird in nichts zerschellen,
Wenn du Erfahrung fragst, die stets erschienen
Als Born, daraus ja eure Künste quellen.

Drei Spiegel nimm, und stell dir zwei von ihnen
Gleichfern. Den dritten, den entfernter sehe
Dein Auge, laß den zweien als Mitte dienen.

Den Spiegeln zu, doch dir im Rücken, stehe
Ein Licht so, daß es spiegle sich in allen
Und sein Reflex auf dich verdreifacht gehe.

Ist nun das Bild auch kleiner ausgefallen
In fernsten, wird an Licht kein Spiegel darben;
Nein, gleichstark wirds von allen rückwärtsprallen.

Und jetzt, wie vor der Sonne Strahlengarben
Freiwird das Erdreich, wenn der Schnee verschwindet,
Und es verliert des Winters Frost und Farben,

Jetzt, wo kein Irrtum deinen Geist mehr bindet,
Soll dir Licht leuchten so lebendiger Weise,
Daß funkenstiebend es dein Blick empfindet.

Dort, in des Gottesfriedens Himmelskreise,
Schwingt sich ein Körper, dessen Kraft und Walten
Des Weltalls Inhalt faßt in sicherm Gleise.

Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten,
Verteilt das Sein verschiedenen Wesenheiten,
Getrennt von ihm und doch in ihm enthalten.

Die andern Kreise ordnen und bereiten
Den Kräften allen, die in ihnen leben,
Den Weg, zum Ziel und Samen sie zu leiten.

So siehst du diese Weltenglieder weben,
Die das, was sie empfangen Grad für Grade
Von oben, treu nach abwärts weitergeben.

Merk auf, wie ich durch diesen Punkt zum Pfade
Der Wahrheit, die du suchst, mich lasse führen,
Daß du allein einst findest ans Gestade.

Der heiligen Kreise Kraft, ihr Drehen und Rühren,
Das muß – alsob des Hammers Kunst verräte
Den Schmied – seliger Beweger Anhauch schüren.

Der Himmel, der mit Sternenpracht besäte,
Empfängt vom tiefen Geist, der ihn läßt schweben,
Sein Bild, daß es im Siegel ihn verträte.

Und wie die Seele, noch im Staubesleben,
Auch Glieder von verschiedener Art und Feinheit
Den Kräften kann und Fähigkeiten geben,

So die Allweisheit ihrer Güte Reinheit
Verhunderttausendfacht durch Sterne kündet
Und dabei kreist um ihre eigene Einheit.

Verschiedene Kraft verschiedenes Bündnis gründet
Mit dem kostbaren Stern, den sie durchdrungen,
Sich einend ihm, wie Leben euch verbündet.

Gemäß der Frohnatur, der sie entsprungen,
Wird Mischkraft leuchtend durch den Körper gehen,
Wie sich ein Auge zeigt von Lust bezwungen.

Sie läßt uns Licht von Licht verschieden sehen,
Nicht Dünn- und Dichtheit ist hierfür die Quelle.
Bildungsurkraft ist sie und läßt entstehen

Nach ihrer Huld das Trübe und das Helle.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 03
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 03

Die Sonne, die mir einst die Brust erfüllte
Mit Liebe, lehrend so und widerlegend,
Der Wahrheit süßes Antlitz mir enthüllte.

Und ich, bekehrt und nichtmehr Zweifel hegend,
Ich wollte mein Bekenntnis schon beginnen,
Das Haupt soweit sichs ziemt emporbewegend,

Jedoch: ein Schauspiel gabs, das all mein Sinnen
So ansichzog, genau es zu erfassen,
Daß mein Bekenntnis rasch mir schwand vonhinnen.

Wie uns aus Scheiben, aus durchsichtigblassen,
Und Wassern, wenn sie rein und ruhig fließen
Und ihren seichten Grund erkennen lassen,

Sich unsere Züge nur so blaß erschließen,
Daß eher noch auf Stirnen weiß und helle
Sich matte Perlen unterscheiden ließen,

So sah ich wortbereit an dieser Stelle
Manch Antlitz, das den Gegenwahn mir weckte
Entflammter Liebe zwischen Mensch und Quelle.

Ich wandte schnell mich, als ich sie entdeckte,
Damit, weil sie mir Spiegelbilder schienen,
Mein Auge sähe, wo ihr Urbild steckte.

Doch sah ich nichts. Und zu den heiligen Mienen
Der Führerin aufblickend, sah ich leise
Ein lieblichholdes Lächeln glühen in ihnen.

»Ich lächle über deine Knabenweise,«
Sprach sie zu mir. »Welch kindlicher Gedanke!
Dein Fuß geht um die Wahrheit scheu im Kreise,

Drum tappt ins Leere nachwievor der schwanke,
Wahre Wesen siehst du! Ihr Schwur bewährte
Die Probe nicht, drum bannt sie diese Schranke.

Doch frage sie und glaube das Erklärte.
Wahrhaftes Licht beseelt sie, das gestatten
Nie wird ein Weichen von der Wahrheit Fährte.«

Ich sprach den, der am meisten von den Schatten
Des Worts begierig schien, drauf an entschlossen,
weil mir auch die Begier nicht wollt ermatten.

»O wohlerschaffener Geist, dem sich ergossen
Des ewigen Lebens strahlendes Entzücken,
Das nie begreift, wer es nicht schon genossen,

Sag deinen Namen mir, mich zu beglücken;
Und euer Los auch sei vor mir entsiegelt.«
Ein Lächeln sah ich erst die Augen schmücken,

Dann sprachs: »Gerechtem Wunsche gern entriegelt
Sich unsre und die Liebe, die gesonnen,
Daß sich ihr ganzer Hof ihr-ähnlich spiegelt.

Dortunten war ich eine von den Nonnen.
Und prüfst du dein Gedächtnis recht, das treue -
Hält mich auch Glan; verschönend hier umsponnen -

Erkennst du als Piccarda mich aufs neue,
Die selig hier verweilt mit andern Frommen,
Daß ich der trägsten Sphäre mich erfreue.

Nur in des Heiligen Geistes Lust entglommen
Sind unsere wünsche, weil er in das Schwingen
Von seiner Harmonie uns aufgenommen.

Uns fiel dies Los, scheinbar von den geringen,
weil unsere Gelübde ohne Eile
Und nur zum Teile in Erfüllung gingen.« -

»Euch scheint, ich weiß nicht was, von Gottes Heile,«
Sprach ich, »im Wunderantlitz zu entbrennen,
Das euerm frühern Bild nicht ward zuteile.

Drum war ich also säumig im Erkennen.
Doch seit dein Wort zuhilfe mir gekommen,
Muß ich als wohlbekannt dein Bildnis nennen.

Doch sag: seit Seligkeit euch aufgenommen,
Sehnt ihr euch nicht nach andern, höhern Orten,
Wo euch mehr Wissen und mehr Freunde frommen?«

Erst lächelnd mit den andern Schatten dorten,
Begann so freundlich sie, alsob sie glühte
Vor erster Liebeslust, mit diesen Worten:

»Bruder, hier weiß der Liebe Kraft und Güte
Am eigenen Besitz uns froh zu laben;
Und nach nichts anderm dürstet das Gemüte.

Denn strebten wir nach höhern Ortes Gaben,
So würde unser Wunsch zuwidergehen
Dem Willen Des, der uns hier wollte haben,

Was nie in diesen Kreisen kann geschehen,
wenn Liebe unserm Sein notwendig eben,
Und wenn du erst ihr Wesen klar ersehen.

Vielmehr ist wesentlich zum seligen Leben,
In Gottes willen halten sich und fügen,
Daß alle unsere Willen einen geben.

Drum läßt man hier sich seines Ranges genügen,
Wie er uns nach des Reiches Wunsch gediehen,
Weil unsers Königs Wunsch uns schafft Vergnügen.

Sein Wille ward zum Frieden uns verliehen:
Er ist das Meer, zu dem in mächtigem Schwalle
Naturgebild und Gotterschaffenes ziehen.«

Da ward mir klar: in jeder Himmelshalle
Ist Paradies, strömt auch der Gnadenregen
Des Höchsten Gutes nicht gleichstark auf alle. -

Doch wie wir uns nach einer Speise pflegen,
Die uns gesättigt, anderer zuzuwenden,
Dankend für die und bittend jenerwegen,

So ließ ich merken, als ich sie sah enden,
Daß ich gern mehr geprüft von den Geweben,
Die sie ihr Weberschiff nicht ließ vollenden.

»Es hoben groß Verdienst und reines Leben
Ein Weib zum Himmel,« sprach sie, »deren Lehren
In eurer Welt noch Kleid und Schleier geben,

Um bis zum Tode Tag und Nacht dem hehren
Bräutigam zu leben, der alle aus Liebe
Gelobten Eide annimmt, die ihn ehren.

Ihm folgend, haßt ich früh der Welt Getriebe,
Trug sein Gewand als Mädchen, im Bestreben,
Zu wandeln, wie es sein Gesetz vorschriebe.

Da rissen Männer, Bösem mehr ergeben
Als Gutem, mich aus meiner trauten Zelle.
Und Gott weiß, wie gewesen dann mein Leben.

Auf jenen andern Glanz - den du so helle
Zu meiner Rechten siehst sich froh umwinden
Mit unserer Sphäre ganzer Strahlenquelle -

Muß, was auf mich paßt, auch Anwendung finden.
Schwester war sie. Auch ihr riß man verwegen
Vom Haupt den Schatten fort der heiligen Binden.

Doch ward zur Welt sie, ihrem Wunsch entgegen,
Auch heimgeführt und gegen gute Sitten,
Ihr Herz zwang nichts, den Schleier abzulegen.

Konstanzia ists, die aus des Lichtes Mitten
Dort funkelt, die vom Schwabenwind, dem zweiten,
Genas des mächtigsten, des letzten, dritten.«

So sprach sie; sang alsdann im Weiterschreiten
»Ave Maria«, und entschwand im Singen,
Wie Lasten wohl in tiefes Wasser gleiten.

Mein Auge suchte noch, ihr nachzudringen,
Solang es ging, um, als es sie verloren,
Zum Ziele größerer Sehnsucht sich zu schwingen,

Wozu es Beatricen sich erkoren.
Doch mir ins Auge blitzte sie so helle.
Daß erst mein Blick dazu nicht schien geboren,

Und mich zum Fragen machte minderschnelle.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 04
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 04

Der freie Mensch wird zwischen zweien Speisen,
Gleichfern gleichlockend, hungern und vergehen,
Eh er den Vorzug einer wird erweisen.

Sie blieb ein Lamm auch zwischen Wölfen stehen,
Und zwischen gleicher Gier vor beiden bange;
So auch ein Jagdhund zwischen zweien Rehen.

Wenn ich daher in gleichem Zweifelsdrange
Hier schwieg, so kann ich mich darum nicht rügen
Noch loben; denn ich handelte im Zwange.

So schwieg ich denn. Doch stand in meinen Zügen
So hell, was ich an Wunsch und Fragen dachte,
Wie sichs nicht klarer ließ in Worte fügen.

Und Beatrice tat, was Daniel machte,
Als er dem Zorn Nebukadnezars wehrte,
Der ihn zu blinder Grausamkeit entfachte,

Und sprach: »Ich sah es wohl, daß dich verzehrte
Ein Doppelwunsch, und daß von beiden Quälern
Einer dem andern stets das Wort erschwerte.

Du denkst: ?Bleibt nur der gute Wille stählern
Und fest, wie kann mir fremder Zwang den Segen
Und wie den Umfang des Verdienstes schmälern??

Und ferner fühlst du sich den Zweifel regen,
Ob wirklich wieder sich zum Sternenkreise
Nach Platos Wort die Seelen heimbewegen?

Von diesen Fragen wird, gleichlaut gleichleise,
Dein Wunsch gespornt. Drum wird zunächst sichs lohnen,
Daß ich der einen schärferes Gift dir weise.

Der Seraph, der dem Herrn zunächst darf wohnen,
Moses, Samuel, und von den Sankt Johannen
Die beiden; selbst Maria, sag ich: thronen

In andern Himmeln nicht, als ihn gewannen
Die Geister alle, die dir jetzt erschienen,
Für die sich Tag und Jahr gleichlang hier spannen.

Dem ersten Kreis als Schmuck sie alle dienen.
Doch ist verschiedener Art ihr süßes Leben,
Wie Ewiger Hauch verschieden-fühlbar ihnen.

Hier zeigten sie sich, nicht weil ihnen eben
Die Sphäre zuerteilt ward, nein: zum Zeichen
Des tiefsten Zustands, drin sie selig schweben.

So muß mans deuten Geistern euersgleichen,
Um eurer Fassungskraft das anzupassen,
Was euch nur Sinneseindruck läßt erreichen.

Drum hat die Schrift sich auch herabgelassen,
Obwohl sie andres meint in ihren Zeilen,
Und giebt Gott Hand und Fuß: nun könnt ihrs fassen!

So mußte menschlich Antlitz auch erteilen
Die Kirche Gabrieln und Michaelen
Und dem, der den Tobias konnte heilen.

Doch was Timäus lehrte von den Seelen,
Ist ungleich dem, was man hier schaut, soferne
Dem, was er sagt, sein Glaube nicht mag fehlen.

Er sagt, die Seele kehrt zu ihrem Sterne,
weil er sie glaubt von dort herabgefahren,
Als sie Natur dem Körper gab zum Kerne.

Vielleicht läßt andre Meinung sich gewahren
In seines Wortes Klang, daß unbetrogen
Der Sinn bleibt; dann müßt man das Lächeln sparen.

Denn meint er: Ruhm und Schimpf käm heimgezogen
Zum Stern, an dessen Einfluß er entbrannte,
So traf in etwas Wahres wohl sein Bogen.

In solch mißkannten Lehrbegriff verrannte
Einst alle Welt sich so, daß man die Sterne
Gar Jupiter, Merkur und Mars benannte.

Des andern Zweifels Bosheit birgt im Kerne
Geringeres Gift. Es quält, doch könnts bestricken
Dich nicht, von mir zu wandeln allzuferne.

Scheint unsere Gerechtigkeit den Blicken
Der Menschen ungerecht, so zeigts den Glauben,
Und ist mit Ketzerei nicht zu verquicken.

Doch will ich - weil euch Einsicht hier erlauben
Und Kraft, in diese Wahrheit einzudringen -
Dir gern auf deinen Wunsch den Schleier rauben.

Heißt das Gewalt, wenn andre jemand zwingen,
Der sich als Dulder läßt zu nichts verpflichten,
So folgt, daß jene Seelen Schuld begingen.

Kein Wille, der nicht will, ist zu vernichten,
Nein: wird wie Feuer den Naturtrieb zeigen,
Trotz tausendfachem Druck sich aufzurichten.

Mag er nun wenig oder viel sich neigen,
Er unterstützt den Zwang, wie die es machten,
Statt rückzufliehen in des Klosters Schweigen.

Wenn jenen Willen sie zur Geltung brachten,
Der den Laurentius festhielt auf dem Roste
Und seine Hand den Mucius ließ verachten:

Die Freigewordnen hätt er, was es koste,
Zurückgejagt, woher man sie entführte.
Doch selten nur solch zäher Wille sproßte.

Und wenn du nun mein Wort, wie sichs gebührte,
Bedenkst, ist rasch zerstreut des Zweifels Samen,
Der sonst dich wohl noch öfter schwer berührte.

Doch nun liegt eine Kluft mit anderm Namen
Vor deinen Augen, die zu überbrücken,
Wohl deine Kräfte würden bald erlahmen.

Ich ließ dichs fest dir ins Gedächtnis drücken,
Daß Unwahrheit die Seligen muß empören,
Weil sie so nah der Urwahrheit Entzücken.

Und konntest dennoch von Piccarda hören,
Konstanzia wär dem Schleier treugeblieben
Da scheint ein Widerspruch mein Wort zu stören.

Furcht vor Gefahr hat manchen schon getrieben,
Bruder, zu dem, was er vermeiden sollte,
Und was als Unrecht niemand möchte lieben.

So ward Alkmäon, weils der Vater wollte,
Der Mutter Mörder. Raubte hier die Pflichten
Der Liebe, die er dort der Liebe zollte.

Dies ist der Punkt, und den vergiß mitnichten,
Daß, wo Gewalt und Wille sich verflechte,
Die Tat als unentschuldbar ist zu richten.

Wille ansich heißt niemals gut das Schlechte.
Und nur aus Furcht, daß er noch Schlimmeres leide,
Versäumt er es, daß er dagegen fechte.

Wenn so Piccarda sprach (dies unterscheide),
Meint sie ansich den Willen. Doch ich meine
Den andern. Darum sprachen wahr wir beide.«

So floß die Welle mir, die heilige reine,
Die zu dem Urquell aller Wahrheit zählte,
Und ungelöster Fragen blieb mir keine.

»O Ihr, der ersten Liebe Anvermählte,«
Rief ich, »o Göttin, deren Wort als Labe
Und Wärme mich mit neuem Leben stählte,

Nicht reicht die Inbrunst, die ich weiß und habe,
Um dankbar Eure Huld mit Huld zu preisen.
Doch der es sieht und kann, lohn diese Gabe!

Ich seh es: unser Geist ist nur zu speisen,
Strahlt ihm der Wahrheit Licht vom ewigen Gotte.
Ihm fern, kann nirgend Wahres sich erweisen.

Er ruht darin wie Wild in waldiger Grotte,
Wenn ers erreicht hat. Und ihm kanns gelingen!
Sonst würde jede Sehnsucht ja zum Spotte.

Die Zweifel drum wie Schößlinge entspringen
Am Fuß der Wahrheit. Doch es will uns leiten
Natur, trotz Berg-um-Berg zur Höh zu dringen.

Dies lockt mich, dies weiß Mut mir zu bereiten,
Daß ich in Ehrfurcht, Herrin, Euch befrage
Nach einer andern Wahrheit Dunkelheiten.

Gern wüßt ich, ob verfehlt Gelübdzusage
Ein andres gutes Werk nicht kann vergüten,
Daß es zuleicht nicht laste eurer Wage.«

Da sah mich Beatrice an. Hell sprühten
Die Augen, Gottesliebefunken zeigend;
Besiegt entfloh die Kraft mir, als sie glühten,

Und ich verlor mich fast, die Augen neigend.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 05
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 05

Siehst du in Liebesglut entflammt mich stehen,
Daß deinen Augen ganz die Kraft entgleitet,
Wie nie es mag durch Erdenglanz geschehen,

So staune nicht! Denn dies wird hergeleitet
Aus tiefem Schaun, das so, wie es ergründet,
In dem ergründeten Gute weiterschreitet.

In deinem Geist ein Strahl sich schon verkündet
Vom Ewigen Lichte, wie ich wahrgenommen,
Das, nur- gesehn, die Liebe schon entzündet.

Und wenn für andres liebend ihr entglommen,
So ists ein Abglanz nur von Jenem Schimmer,
Den euer Sinn erkennt ganz unvollkommen.

Du aber fragst, ob Fehlgelübde nimmer
Ein andrer Dienst ersetzt, so gut ersonnen,
Daß frei die Seele bleib von Einspruch immer?«

Den Sang hat Beatrice so begonnen.
Und dem gleich, der gern ohne Störung lehret,
Hat sie den heiligen Vortrag fortgesponnen:

»Das höchste Gut, das jemals Gott bescheret,
Ein seiner Güte und holdseligen Gaben
Vollgültig Pfand, das Erselbst höchlichst ehret,

War Willensfreiheit, die als hocherhaben
Alljenem, was von ihm Vernunft bekommen,
Sonst keinem, ward und wird ins Herz gegraben.

Erwäg es! und der hohe Wert des frommen
Gelübdes wird dir klar sein ohne Frage,
wenn Gott das so-gegebene angenommen.

Man muß beim göttlich-menschlichen Vertrage
Den Schatz, wie ich ihn pries, zum Opfer bringen,
Daß man durch freie Tat sich sein entschlage.

Welch ein Ersatz nun kann dafür gelingen?
Willst du dein Opfer gut-verwendet meinen,
So tust du Gutes mit geraubten Dingen.

In diesem Hauptpunkt bist du nun im Reinen.
Doch weil die Kirche darf Dispens erteilen,
Mags jener Wahrheit widersprechend scheinen.

Drum darfst du eher nicht vom Tische eilen,
Bis ich die schwere Kost, die du genossen,
Verdaulicher dir machte mittlerweilen.

Merk auf! und halt mein Wort im Geist beschlossen.
Hören allein ist Weisheit noch mitnichten;
Festhalten muß der Geist es unverdrossen.

Zwei Dinge brauchts, solch Opfer zu errichten.
Als erstes ist die Sache selbst zu nennen,
Als zweites, dem Vertrage sich verpflichten.

Nicht eher kannst du dich vom letzten trennen,
Bis er erfüllt ist. Daher ließ ich oben
Sein Wesen dich so nachdrücklich erkennen.

Drum war bei Juden Vorschrift das Geloben,
Obwohl sie, wie du weißt, aufs mannigfache
Auch dem Gelobten andres unterschoben.

Des Opfers Gegenstand, also die Sache,
Darf man vertauscht mit einer andern sehen,
Und ohnedaß solch Tausch uns sündig mache.

Jedoch willkürlich darf es nie geschehen.
Zulässig macht allein den Tausch der Lasten
Des weißen und des gelben Schlüssels Drehen.

Und töricht ists, im Tausch sich überhasten,
Wenn die Ersatzgelübde nicht die alten
So, wie die Sechs die Vier enthält, umfaßten.

Wenn drum Gelübde als so wertvoll galten,
Daß es die Wage abwärts weiß zu richten,
Kann andre Zahlung nie Ersatz enthalten.

Scherzt bei Gelübden, Sterbliche, mitnichten!
Seid treu, doch nicht so vorschnell im Versprechen
Wie Jephtha, der des ersten Opfers Pflichten

Mit einem ?Ich tat übel!? hätte brechen
Gesollt, statt übler tun. Auch der betörte
Feldherr der Griechen ließ sich einst bestechen;

Drob Iphigenia weinend sich empörte,
Daß sie so schön. Auch ?Tor und Weiser? dachte
Des Opfers weinend, wenn er davon hörte.

Langsamer, Christenvolk, zu wandeln trachte!
Nicht haltlos treib, ein Flaum in Windeseile;
Und daß nicht jedes Wasser wäscht, beachte.

Alt und Neu Testament ward euch zuteile;
Der Kirche Hirt will euern Führer machen:
Dies ist genug zu euerm Seelenheile.

Will böse Lust zu anderm euch entfachen,
Seid Menschen, um den Schafen nicht zu gleichen,
Daß nicht die Juden euch daheim verlachen.

Wollt von der süßen Muttermilch nicht weichen,
Dem blöden Lamme gleich, um nach Belieben
Voll Trotz auf eigene Faust umherzustreichen.«

So Beatrice sprach wie hier geschrieben.
Dann schoß ihr Aug dahin die Sehnsuchtsflüge,
Wo kräftiger sprießt die Welt an Lebenstrieben.

Ihr Schweigen, die Verwandlung ihrer Züge
Hielt meinen Wissensdrang zunächst beschworen,
Obwohl ich Fragen hatte zur Genüge.

Und wie der Pfeil sich pflegt ins Ziel zu bohren,
Eh ausgeschwirrt der Strang, gings aufwärts weiter,
Zum Flug ins zweite Himmelreich erkoren.

Hier sah ich meine Herrin also heiter,
Als es in jenes Himmels Licht sie brachte,
Daß der Planet gleich schien zum Glanz bereiter.

Und wenn der Stern sich wandelte und lachte,
Wie war mirselbst zumut, den jederweise
Schon die Natur so wandelvoll doch machte!

Wie sich im Teich, der heiter fließt und leise,
Nach dem, was just hineinfällt, drängend schieben
Die Fische all, vermutend, es wär Speise,

So sah ich tausend Lichtgestalten stieben
Und mehr zu uns und hörte ihre Stimmen:
»Sieh da! durch den wird wachsen unser Lieben.«

Und wie nun alle nah und näher schwimmen,
Giebt jeder Schatten kund sein Lustentzücken
In einem Blitz mit funkelndem Erglimmen.

Denk, Leser, würd ich jetzt dir unterdrücken
Den Schlußbericht: wie quälte die gespannte
Begier dich, im Erzählen fortzurücken.

Und wirst begreifen, wie ichselbst entbrannte
Vor Lust, mehr vorzudringen auf der Fährte
Nach ihrem Los, seit sie mein Aug erkannte.

»O Sohn des Heils, dem Himmelsgunst gewährte,
Die Sessel ewigen Sieges zu erschauen,
Bevor des Krieges Dienstzeit ihm verjährte,

Wir sind vom Licht, das alle Himmelsauen
Durchströmt, entzündet. Sollen wir dir dienen,
So frage, um dich sättigend zu erbauen.«

So sprach ein Seliger, der mir hier erschienen.
Und Beatrice drauf: »Sprich, sprich! Dreist richte
An ihn das Wort und glaub wie Göttern ihnen.« -

»Ich sehe wohl, wie du im eigenen Lichte
Ein Nest dir spinnst; auch, wie beim Lächeln immer
Dirs hell im Auge blitzt und Angesichte.

Doch wer du bist, o Würdiger, weiß ich nimmer,
Noch warum du zu diesem Stern gesendet,
Der sich uns Menschen birgt durch fremden Schimmer?«

So sprach ich, zu dem Lichte hingewendet,
Das angeredet mich. Drob wards umzogen
Von stärkerm Glanz, als ihm bisher gespendet.

Und wie die Sonne - wenn sie aufgesogen
Durch Glut den Nebeldunst, der rings ergossen -
Sich birgt im Übermaß der Flammenwogen,

So barg sich mir, von höherer Lust umflossen,
Die heilige Glanzgestalt im Strahlenringe.
Und was sie sprach, dicht-dicht insich verschlossen,

Das ists, was ich im nächsten Sange singe.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 06
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 06

Seit Konstantin den Aar gewendet hatte
Zurück die Sonnenbahn, die er durchfahren,
Dem Ahnherrn folgend, der Laviniens Gatte,

Sah länger man als seit zweihundert Jahren
Den Vogel Gottes unfern jener Hügel,
Woher er kam, Europens Grenzen wahren.

Und unterm Schatten seiner heiligen Flügel
Von Hand zu Hand die Weltherrschaft sich wandte,
Bis wechselnd so in meine kam der Zügel.

Kaiser war ich, der Justinian genannte,
Der treulich in der ersten Liebe Walten
Hohlheit und Schwulst aus dem Gesetz verbannte.

Doch eh dies Werk ich anfing zu gestalten,
Lebt ich des Glaubens, und ich wars zufrieden,
Ein Wesen sei in Christo nur enthalten.

Doch hat der Oberhirt mich treu beschieden,
Der heilige Agapet, daß bald ich ehrte
Den wahren Glauben, den ich erst gemieden.

Ich glaubte ihm, und seh jetzt, was er lehrte,
So klar wie du am Widerspruch kannst schauen,
Daß eins das Rechte sei, eins das Verkehrte.

Kaum fing ich an, auf Kirchenwort zu bauen,
Als zu des großen Werkes Ausgestalten
Mich Gottes Huld berufen und Vertrauen.

Im Heer ließ meinen Belisar ich walten,
Mit dem des Himmels Rechte so im Bunde,
Daß mirs ein Wink war, tatlos mich zu halten.

Hier wär dem ersten Wunsch genügend Kunde
Gegeben. Doch der Inhalt deiner Frage
Heischt einen Zusatz noch aus meinem Munde,

Damit du siehst, in welch unwürdige Lage
Sich der bringt, der des Adlers heiliges Zeichen
Zu rauben oder zu bekämpfen wage.

Sieh, welche Kraft ihm Ruhm gab ohnegleichen«...
Und nun hat sein Bericht von dort begonnen,
Wo Pallas starb, die Herrschaft ihm zu reichen...

»Du weißt, daß gut dreihundert Jahr verronnen
Dem Aar in Alba, bis die Drei zu schauen
Mit Dreien in Kampf, der neu sich drob entsponnen.

Weißt, was er tat vom Weh sabinischer Frauen
Bis zu Lukretias Schmerz, als er bezwungen
Durch sieben Könige rings die Nachbargauen.

Weißt, was er tat, in Römerhand geschwungen
Auf Brennus, Pyrrhus und die Fürstenscharen
Samt Städtebund, mit denen er gerungen.

Drob Quinktius, so genannt von lockigen Haaren,
Torquatus, Decier, Fabier Ruhm gefunden,
Den Ruhm, dem ewigen Duft ich möchte wahren.

Arabiens Hochmut ward dann überwunden,
Als Hannibal die Alpen überbrückte,
Draus du, o Po, entströmst den Felsenschrunden.

Er wars, der Scipio und Pompejus schmückte,
Die Jünglinge, mit Sieg. Und bitter grollte
Dein Heimathügel, als ihn Herzleid drückte.

Drauf, nah der Zeit, als alle Welt sich sollte
Auf Himmels Wunsch erfreuen an seinem Scheine,
Ergriff Zäsar den Aar, weil Rom es wollte.

Und was er tat vom Varus bis zum Rheine,
Sah Loire, Isere und Seine, und was im Sprunge
Aus jedem Tal der Rhone giebt das seine.

Was dann er tat, Ravenna stolz im Schwunge
Verlassend, übern Rubikon zu schreiten:
Dem Flug folgt keine Feder, keine Zunge.

Zurück nach Spanien galts das Heer zu leiten.
Durazzo wankte, Pharsalus sank nieder;
Der heiße Nil empfand da bittere Zeiten.

Er sah Antandros und den Simoïs wieder,
Von wo er kam. Sah Hektors Grab und reckte
Zum Leid des Ptolemäus sein Gefieder,

Worauf er zornigen Blitzens Juba schreckte,
Um dann nach euerm Westen hinzujagen,
Wo des Pompejus Horn das Echo weckte.

Was dann er tat, vom nächsten Herrn getragen,
Cassius und Brutus heults im Höllenzwange,
Drob Modena und auch Perugia klagen.

Noch weint darob Kleopatra, die bange
Vor ihm entfloh und dann erkor verdrossen
Den schnellen düstern Tod vom Stich der Schlange.

Mit ihm kam er zum Roten Meer geschossen;
Mit ihm gab er der Welt so tiefen Frieden,
Daß man des Janus Tempeltor geschlossen.

Doch was er alles, dem ich Lob beschieden,
Vorher und nachher tat als Siegeszeichen,
Das auserwählt zur Herrschaft ward hienieden,

Es scheint gering und muß an Glanz verbleichen,
Wenn wirs mit dem, was damit leisten sollte
Sein dritter Zäsar, scharf und kühl vergleichen.

Denn die Gerechtigkeit des Himmels wollte,
Die mich begeistert, daß sich darauf gründe
Sein Ruhm, daß ihrem Zorn er Rache zollte.

Nun staune, was ich ferner dir verkünde.
Der Aar zog aus mit Titus, voll Erboßen
Sich rächend an der Rache alter Sünde.

Und als der Langobardenzahn gestoßen
Die Heilige Kirche, ward, von seinen Schwingen
Bedeckt, ihr Sieg und Schutz durch Karl den Großen.

Nun wird dir zu beurteilen gelingen
Wohl die, die ich verklagt, und ihr Vergehen,
Draus euers Unglücks Wurzeln all entspringen.

Der läßt die Goldlilien entgegenwehen
Dem Reichsaar. Der will der Partei ihn reichen,
Sodaß, wer ärger sündigt, schwer zu sehen.

Wählt, Ghibellinen, wählt ein ander Zeichen
Für eure Kunst! Nicht folgt dem Aar in Treuen,
Wer damit sucht vom Rechte abzuweichen.

Auch stürzt der junge Karl ihn nicht! Doch scheuen
Mit seinen Guelfen mag er nur die Klauen,
Die schon das Fell zerzausten stärkerm Leuen.

Schon oft schuf Vaterschuld den Söhnen Grauen.
Auch glaub er nicht, Gott ließ sein Wappen fahren,
Um an den Lilien Karls sich zu erbauen. -

Der kleine Stern hier sammelt jene Scharen
Von wackern Geistern, denen Ruhmesleben
Und Ehrverlangen Lebensinhalt waren.

Und wenn so falschgelenkt die Wünsche streben,
Muß wahre Liebe selbst in diesen Reichen
Mit schwächerm Strahlenglanz sich aufwärtsheben.

Doch wenn den Lohn wir am Verdienst vergleichen,
Wird teilweis unsere Lust dadurch erhoben,
Weil sie an Größe nicht einander weichen.

Lebendige Gerechtigkeit hier oben
Versüßt drum das Verlangen, das wir nähren,
Und etwas Böses kann es nie erproben.

Verschiedene Stimmen süßen Klang gewähren;
Verschiedene Stufen unsers Lebens bilden
Die süße Harmonie in diesen Sphären.

Und hier in dieser Perle Glanzgefilden
Kannst du Romeos leuchtend Licht betrachten:
Schlecht lohnte großes edles Werk den Milden.

Doch lange nicht die Provenzalen lachten,
Die feindlich ihm. Noch mußten stets verlieren,
Die fremd Verdienst als eignen Schaden achten.

Raimund Berengars Töchtern - allen vieren! -
Verhalf dazu der Mann, der schlicht verblieben,
Daß sie ihr Haupt mit Kronen durften zieren.

Und Neiderklatsch hat jenen doch getrieben,
Rechnung von dem Gerechten zu erheben,
Der ihm statt zehn erlegte fünfundsieben.

Fortzog der Greis, dem Elend preisgegeben.
Zwar lobt die Welt ihn; aber wenn sie wüßte,
Mit welchem Herzen stückweis er sein Leben

Erbettelt - sie noch mehr ihn loben müßte.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 07
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 07

Osanna, sanctus Deus Sabaoth,
Superillustrans tua claritate
Felices ignes horum malachoth!«

Indem es seiner Kreisung wieder nahte,
Schien jenes Wesen also mir zu singen,
Zwiefach umstrahlt von goldnem Lichtbrokate,

Sahs mit den andern dann im Tanz sich schwingen,
Bis sie im rasendschnellen Funkenkreise,
Verschleiert durch die Ferne, mir vergingen.

Ich zweifelte und sprach zu mir noch leise:
»Sag, sag, ja sag der Herrin dein Verlangen,
Die süß dein Dürsten löscht und holderweise.«

Doch jene Ehrfurcht, die mich ganz mit Bangen
Beim Klang von B... und ...ice schon durchflutet,
Beugte mein Haupt, als war ich schlafbefangen.

Lang ließ mich Beatrice nicht entmutet,
Nein, sprach so lächelnd, daß es selig machte
Den selbst, der schon von Flammen wär umglutet:

»Nach meiner irrtumsfreien Ansicht dachte
Dein Sinn, ob rechtlich-strafbar sei die Rache,
Die, was sie tat, doch nur gerecht vollbrachte.

Doch merke auf! weil ich in dieser Sache,
Wenn ich dein wirres Denken bring ins rechte,
Dir großen Wahrspruch zum Geschenke mache.

Gekränkt, daß ihn heilsamer Zaum umflechte,
Hat sich der Ungeborne, ders mißkannte,
Verdammt samt allem folgenden Geschlechte,

Darob die Welt, die irrtums-übermannte,
Kränkelnd vielhundertjahrlang hingeschlichen,
Bis Gottes Wort sich gnädig erdwärtswandte,

Daß dort sichs der Natur, die abgewichen
Von ihrem Schöpfer, in Person verbünde
Nur durch der Liebe Tat, der Ewiglichen.

Nun blicke scharf auf das, was ich dir künde!
Diese Natur, vereint dem Schöpfer eben,
War so, wie sie geschaffen, rein von Sünde.

Doch hat das Paradies dahingegeben
Sie selbst für dieses Erdenseins Beschwerden,
Weil sie nicht schritt, wo Wahrheit ist und Leben.

Soll drum die Kreuzespein gemessen werden
Und nach dem angenommenen Leib erwogen,
War sie gerecht, wie keine sonst auf Erden.

Und keine ungerechtre ward vollzogen,
Sieht man auf den, der dort verlor sein Leben,
Als er Gemeinschaft mit dem Fleisch gepflogen.

So hat Verschiedenes eine Tat ergeben:
Gott und den Juden war ein Tod willkommen,
Tat auf den Himmel, ließ die Erde beben.

Jetzt macht dich kaum ein Zweifel noch beklommen,
Sagt man, daß später ward gerechte Rache
Von dem gerechten Richterhof genommen.

Doch seh ich deinen Geist von einer Sache
Verknotet jetzt mit Fragen über Fragen,
Daß froh ihn die ersehnte Lösung mache.

Du sprichst: ?Wohl faß ich, was ich hörte sagen.
Doch warum Gott, daß wir Erlösung haben,
Den Weg nur ging? seh ich mir noch nicht tagen.?

Ein solcher Ratschluß, Bruder, bleibt begraben
Vor aller Augen, denen zum Erkennen
Die Liebesflammen keine Reife gaben.

Doch höre - weil nach dem Ziel so viel rennen,
Und wenig nur erreicht all ihr Bemühen -
Weshalb die Art die würdigste zu nennen.

Du siehst insich selbstlos und neidlos glühen
Die Güte Gottes, daß sich draus ergossen
All ihrer Schönheit unvergänglich Blühen.

Das nun, was unvermittelt ihr entflossen,
Ist ewig, weil ihr Siegel so gesegnet,
Daß im Gepräg ein Wandel ausgeschlossen.

Was unvermittelt von ihr niederregnet,
Ist völlig frei, braucht nicht Verfall zu scheuen,
Der neuerschaffenen Dingen sonst begegnet.

Jemehr ihrs gleicht, jemehr wird sie es freuen,
Weil Gottes Strahlen, die das All durchschneiden,
Dem Ähnlichsten den hellsten Schimmer streuen.

Die Menschnatur darf im Besitz sich weiden
All dieser Gaben. Aber fehlt ihr eine,
Muß sie sich ihres Adels wohl entkleiden.

Unfrei macht sie die Sünde, sie alleine,
Und macht unähnlich sie dem Höchsten Gute,
weil sie zuwenig glänzt in seinem Scheine.

Und eher niemals wieder auf ihr ruhte
Solch eine Würde, bis sie sich entsündigt
Durch Strafen, wie sie ziemen bösem Blute.

Als euer Stamm sich frevelnd selbst entmündigt
Im Samen, wurden diese Würdigkeiten
Ihm mit dem Paradies zugleich gekündigt,

Und ließen niemals sich zurückerstreiten,
Wenn du es scharf erwägst, auf andern Pfaden,
Als eine der zwei Furten zu durchschreiten.

Entweder daß Gott selbst aus freien Gnaden
Verziehen, oder daß der Mensch selbsteigen
Aussich gesühnt hält seiner Torheit Schaden.

Jetzt gilts, den Blick zum Abgrund hinzuneigen,
Drin Gottes Ratschluß ruht, und die Gedanken
Anschließend meinem Redegang zu zeigen.

Es konnte nie der Mensch in seinen Schranken
Genugtun. Denn so tief ließ ihn nie streben
Die Demut, durch Gehorsam spät zu danken,

Als er im Ungehorsam sich zu heben
Versucht. Und deshalb muß sich ohne Frage
Der Selbstgenugtuung der Mensch begeben.

Drum konnte Gott vollkommene Lebenslage
Auf Seinen Wegen ihm allein erneuen:
Auf einem oder beiden, wie ich sage.

Doch weil die Gabe, die aus einem treuen
Gütigen Herzen fließt, durch solch Bestreben
Des Spenders pflegt viel inniger zu erfreuen,

Schritt Gottes Huld, die ihr Gepräg gegeben
Der Welt, auf allen ihren Wegen; immer
Bedacht, von euerm Fall euch zu erheben.

Und zwischen letzter Nacht und erstem Schimmer
Des Tags sah man Erhabneres gedeihen
Auf beider Wege keinem - sieht es nimmer.

Denn gütiger wars von Gott, sichselbst zu weihen,
Daß Kraft der Mensch gewönne, zu genesen,
Als aus sichselbst ihm schlechthin zu verzeihen.

Dürftig wär der Gerechtigkeit gewesen
All andrer Weg, wenn Gottes Sohn hernieden
Sich nicht das Fleisch in Demut hätt erlesen.

Nun, daß ich jeden Wunsch dir stell zufrieden,
Muß ich erläutern dir noch eine Stelle,
Daß du sie siehst gleich mir so klar-entschieden.

Du sagst: ?Ich sehe Luft- und Wasserwelle,
Seh Glut und Staub, und was sich mischt auf Erden,
Nach kurzer Dauer schon vergehen mit Schnelle.

Was mußte alldies erst erschaffen werden,
Wenn es, soll ich dein Wort nicht unwahr schelten,
Doch fühlt des Alters und Vergehens Beschwerden??

Die Engel, Bruder, und die klaren Welten,
Darin du weilest, können, wie sie walten
Nach ihrem Wesen, als erschaffen gelten.

Die Elemente und die Mischgestalten,
Die du genannt und die hervor draus gehen,
Sich nur aus schon-geschaffener Kraft entfalten.

Geschaffen ward der Stoff, draus sie bestehen,
Geschaffen ward die Bildungskraft dem Kranze
Der Sterne alle, die sich um sie drehen.

Und drehen die heiligen Leuchten sich im Tanze,
Entlocken sie - wie Art und Kraft durchweben
Den Stoff - die Seelen ihm für Tier und Pflanze.

Doch Euch unmittelbar haucht ein das Leben
Die Höchste Huld; und ihrer Liebe wehen
Zieht euch zu ihr in stetem Sehnsuchtsstreben.

Und hieraus kannst du euer Auferstehen
Dir folgern, willst du in den Sinn dir rufen,
wie Menschenfleischesbildung einst geschehen,

Als Gottes Hände die Ureltern schufen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 08
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 08

Lang hat die Welt geglaubt schädlicherweise,
Es strahle Liebestollheit aus die hehre
Zypris, wandelnd im dritten Nebenkreise.

Darum erwies denn ihr allein nicht Ehre
Mit Weihgelübden, Sang und Opfergaben
Der alten Völker alte Irrtumslehre,

Nein, ihrer Mutter auch und ihrem Knaben,
Dionen und Kupido. Und sie sangen,
Er soll in Didos Schoß gesessen haben.

Und nun nach ihr, mit der ich angefangen,
Hieß dieser Stern, der bald vorm Sonnenlichte,
Bald hinter ihm liebäugelnd kommt gegangen. -

Nicht merkt ich, daß zu ihm mein Flug sich richte;
Doch daß ich in ihm sei, ließ bald mich sehen
Die Herrin mit stets schönerm Angesichte.

Wie Funken man im Feuer sieht entstehen,
In Stimmen Stimmen höret laut und leise,
Wenn diese weilen, jene nahen und gehen,

Sah ich im Licht hier andre Lichter Kreise
Beschreiben, langsam bald und bald geschwinde:
Mir scheint, nach ihres ewigen Anschauns Weise.

Nie schickten kalte Wolken schnellere Winde,
Ob sichtbar oder unsichtbar sie seien,
Daß sie nicht langsam schienen und gelinde

Dem, der zu uns die Gotteslichterreihen
Hereilen sähe, fliehend jenen Reigen,
Dem hohe Seraphim Urantrieb leihen.

Und aus der Nächsten Mitte hört ich steigen
So süß Hosianna, daß (seit ichs vernommen)
Der Wunsch, es neu zu hören, nicht will schweigen.

Und einer sprach, der näher uns gekommen:
»Daß Freude über uns dir werd zum Lohne,
Sind alle wir bereit zu deinem Frommen.

Ein Schwung im Schwung, ein Durst hält nah dem Throne
Der Himmelsfürsten uns, für die entbrennend
Du einst auf Erden sangest die Kanzone:

? Die ihr den dritten Himmel lenkt erkennend!?
Und sind so liebevoll, daß dir zuliebe
Wir etwas rasten, es Erquickung nennend.«

Nachdem ich aufgeblickt im Ehrfurchtstriebe
Zur Herrin und beruhigt wahrgenommen,
Daß sie zustimmend mir gewogen bliebe,

Wandt ich zum Lichte mich, das solch Willkommen
Mir froh verhieß. Und »Sag, wer seid Ihr?« fragte
Mein Mund in Tönen, inbrunstvollentglommen.

Und oh! welch neue Wonne überragte
Die alte Wonne aus den Flammenherden
Der Seligkeit, indem ich dieses sagte.

Und so umschimmert sprachs: »Drunten auf Erden
War kurz mein Sein. Wärs minderschnell verronnen,
Gäbs weniger Übel, die nun kommen werden.

Unkenntlich bin ich dir, weil meine Wonnen
Mich bergen so in ihrem Strahlenbunde,
Wie sich der Wurm in Seide hält versponnen.

Du liebtest sehr mich und mit gutem Grunde.
Gern hätt ich dir gezeigt bei längerm Leben
Von meiner Liebe mehr als Laub zur Stunde.

Wo sich die Fluren links der Rhone heben,
Nachdem sie mit der Sorgue sich verbündet,
Dort wollte man mir einst die Herrschaft geben.

So auch Ausoniens Horn, wo festgegründet
Gaeta trotzen, Bari und Crotone,
Von wo ins Meer Tronto mit Verde mündet.

Mir glänzte auf der Stirn bereits die Krone
Des Landes, das benetzt von Donauwogen,
Sobald sie fern der deutschen Uferzone.

Trinakrien auch, das schöne, rauchumzogen -
Zwischen Pachino und Pelor am Damme
Des Golfs, der rauh wird vom Südost umflogen -

Nicht durch Typhöus, nein, durch Schwefelflamme:
Es hätte noch erwartet Königssprossen,
Gezeugt von mir aus Karls und Rudolfs Stamme,

Wenn nicht die Mißwirtschaft das Volk verdrossen,
Das mit dem Rufe ?Auf zum Mord!? sich rächte,
Worauf dann in Palermo Blut geflossen.

Und säh mein Bruder dies voraus: er dächte,
Die geizige Ärmlichkeit der Katalanen
Schon jetzt zu meiden, eh es Schaden brächte.

Denn wahrlich, nötig wär es, ihn zu mahnen,
Daß er die schon so starkbeladene Barke
Nicht überfrachte, um sich Weg zu bahnen.

Er, karger Sprößling aus freigebigem Marke,
Bedürfte Diener, die nicht ewig sinnen,
Wie ihre Habgier Gold zusammenharke.« -

»Herr, weil ich glaub, daß - die dein Wort durchrinnen
Mich läßt - die hohe Wonne dort im Einen,
Wo alles Guten Ende und Beginnen,

Sich deinem Blick zeigt, wie sies tut dem meinen,
Freut sie mich mehr. Auch dies schafft mir Behagen,
Daß dirs im Gottanschaun darf klar erscheinen.

Du machtest heiter mich, laß mirs auch tagen!
Drum bitt ich, daß du mir dem Zweifel wehrest:
Wie kann aus süßem Samen Bittres schlagen?«

So ich. Drauf er: »Wenn Wahrheit du begehrest,
Mußt du ihr erst ins Auge schauen lernen,
Da du bisjetzt ihr noch den Rücken kehrest.

Das Gut, das stillt und umschwingt diese Fernen,
Darin du aufsteigst, läßt als Kraft bestehen
Seine Vorsicht in diesen großen Sternen.

Und nicht die Wesen nur sind vorgesehen
In Seinem Geist vollkommen und erwogen,
Vielmehr mit ihnen auch ihr Wohlergehen.

Drum, was auch immer abschnellt dieser Bogen,
Er wills nur vorgesehenem Zweck erkaufen,
Und pfeilgleich kommt er in sein Ziel geflogen.

Wär dieses nicht, so wär, den du durchlaufen,
Der Himmel hier kein Schöpfer oder Pfleger
Kunstvoller Bildung, nein, ein Trümmerhaufen.

Dies kann nicht sein! Sonst wären auch die Heger
Und Lenker der Gestirne unvollkommen,
Und unvollkommen ihr Schöpfer und Beweger.

Soll dir noch mehr Licht für dies Wahre frommen?«
Und ich: »Mitnichten! Der Natur bleibt immer
Der Trieb zum nötigen Schaffen unbenommen.«

Drauf wieder er: »So sage, wärs nicht schlimmer,
Wenn nicht die Menschen drunten Bürger blieben?« -
»Ja!« sprach ich, »und hier brauch ich Gründe nimmer.«-

»Und bliebt ihrs, wenn in Ämtern und Betrieben
Verschiednen nicht verschiedne Pflichten sprießen?
Doch nicht, wenn euer Meister recht geschrieben.«

So folgernd bis hierher, hört ich ihn schließen:
»Drum muß auch ganz verschiedene Wurzeln haben
All euer Handeln. Einen Solon ließen

Und Xerxes sie entstehn mit andern Gaben,
Als Melchisedek oder den Erfinder,
Der fliegend einst verloren seinen Knaben.

Die kreisende Natur prägt auf die Kinder
Der Welt wie wachs ihr Siegel kunstvoll-eigen,
Bevorzugt Stand und Haus nicht mehr noch minder.

Drum Esau schon und Jakob Feindschaft zeigen
Im Reim. Und den Quirinos Mutter säugte,
Hieß Marssohn, niedern Vater zu verschweigen.

Stets käme die Natur als nur-erzeugte
Mit den Erzeugern gleichen Wegs gestiegen,
wenn Gottes Vorsicht sie im Sieg nicht beugte.

Was hinten lag, siehst du nun vor dir liegen.
Doch daß du wissest, wie ich dein mich freute,
Sollst du zum Kleide noch den Mantel kriegen.

Fällt feindlichem Geschick Natur zur Beute,
So wird sie jedem Samen gleich zuschanden,
Den man auf ungeeignet Feld verstreute.

Und hätte drunten stets die Welt verstanden,
Der von Natur gegebenen Bodensphäre
Zu folgen, wär bald besseres Volk vorhanden.

Ihr aber wollt, daß sich als Mönch erkläre,
Der nur zum Schwertumgürten ward geboren,
Und macht zum König, der gut Prediger wäre.

Drum ging die rechte Wegspur euch verloren.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 09
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 09

Schöne Klemenza, als dein Karl im Wahren
Mich so belehrt, sprach er vom ränkevollen
Betrug, der euerm Stamm wird widerfahren.

Doch sprach er: »Schweig, und laß die Jahre rollen,«
Drum darf ich dies allein hinzu noch fügen,
Daß euch gerechte Tränen rächen sollen. -

Schon war das heilige Licht in Sehnsuchtsflügen
Gekehrt zur Sonne, die ihm Inhalt spendet
Mit jenem Schatz, der allem giebt Genügen.

Weh euch! ihr Seelen, ruchlos und verblendet,
Nach eiteln Dingen eure Stirn zu neigen,
Indem von solchem Gut das Herz ihr wendet. -

Und sieh! ein andres Licht aus diesem Reigen
Kam auf mich zu, diensteifrig sein Verlangen
Durch helleres Leuchten liebreich mir zu zeigen.

Den Blick an mir ließ Beatrice hangen,
Kündend auch jetzt mit innigem Versenken,
Daß ich nicht um Gewährung dürfe bangen.

»Möchtest du bald mir Wunscherfüllung schenken,
O Geist,« sprach ich. »Auch den Beweis nicht scheue,
Wie sich rückspiegeln kann in dir mein Denken.«

Worauf das Licht, das mir bisher noch neue,
Aus seiner Tiefe, draus es erst gesungen,
Fortfuhr, alsob sichs guter Tat erfreue:

»In des verderbten Welschlands Niederungen,
Die sich erstrecken vom Rialto droben
Bis hin, wo Brenta und Piav entsprungen,

Wölbt sich ein Hügel, nicht sehr hoch erhoben,
Von dem einst eine Fackel ausgegangen,
Um durch die Gegend schreckensvoll zu toben.

Aus einer Wurzel sie und ich entsprangen.
Cunizza war ich; und in diesem Sterne
Glänz ich, weil seine Gluten mich bezwangen.

Doch ich verzeih die Ursach selbst mir gerne
Von meinem Los; auch grämts nicht meine Seele,
Ob schwerlich euer Pöbel Einsicht lerne.

Dies teuerste der funkelnden Juwele,
Mein Nachbar hier im Himmel, wird verstreuen
Noch großen Ruhm. Und bis der Glanz ihm fehle,

Muß dies Jahrhundert fünfmal sich erneuen.
Sieh, trefflich muß der Mensch sein ohne Frage,
Soll zweites Sein ihn nach dem ersten freuen.

Derlei bedenkt das Pack nicht heutzutage,
Das Tagliamento wie auch Etsch umschließen,
Noch fühlt es Reue trotz erhaltenem Schlage.

Doch statt nach Padua wird zum Sumpf bald fließen
Der Strom, der durch Vicenza schickt die Wellen,
Weil alle Pflichten dieses Volk verdrießen.

Und wo sich Sile und Cagnan gesellen,
Seh ich noch herrschen stolzen Hauptes einen,
Zu dessen Fang sie schon die Netze stellen.

Lang wird auch Feltro ob der Untat weinen
Des argen Pfaffen, eh es sein vergäße,
Weil Malta keinen schlimmern sah erscheinen.

Kein Faß auf Erden soviel Raum besäße,
Um alles Blut Ferraras aufzuspeichern;
Und müde würd, wer Lot für Lot es mäße.

Doch läßt sich andre ?gütigst? dran bereichern
Der Pfaff, und nennt Parteifreund sich zum Hohne.
Solch Huldgeschenk ist Brauch bei diesen Schleichern.

Aus Himmelsspiegeln (ihr benennt sie Throne)
Wird Gott im Abglanz richtend niedersehen,
Sodaß sich diese Rede wohl verlohne.«

Sie schwieg hierauf und gab mir zu verstehen,
Daß sie auf andres achte; denn sie wandte
Sich wieder in des Sternes Schwung und Drehen.

Der andre, mir als Kleinod schon bekannte
Wonnige Glanz, ließ sehen mich ein Prangen
Gleich dem Rubin, drin voll die Sonne brannte.

Durch Freude kann man droben Glanz erlangen,
Wie Lächeln hier. Doch unten fühlt umgrauen
Der Geist sich mehr, jemehr er grambefangen.

»Alles sieht Gott. In ihm versinkt dein Schauen,
Glückseliger Geist,« sprach ich. »Wem wollts gelingen,
Wünsche zu bergen dir, statt zu vertrauen?

Warum will deine Stimme, deren Singen
Den Himmel freut mitsamt den andern Frommen,
Die sich ihr Lichtkleid machen aus sechs Schwingen,

Den Wunsch nicht löschen, der in mir entglommen?
Könnt ich dein Innres wie du meins entdecken,
Nicht ließ ichs erst zu einer Frage kommen.« -

»Das mächtigste von allen Wasserbecken
Nächst dem, das um den Erdball schlingt die Wogen,«
So hört ich ihn der Stimme Klang erwecken,

»Ist zwischen Feindesküsten hingezogen
Soweit nach Osten, daß an Westens Rande
Gesichtskreis wird, was östlich Mittagsbogen.

Ich lebte dort im Tal, zwischen dem Strande
Ebros und Magras, die in kurzem Rennen
Genuas Gebiet trennt vom Toskanerlande.

Fast gleichen Untergang und Aufgang kennen
Buggea und der Ort, der mich geboren,
Des Hafen einst im Blute mußt entbrennen.

Der Name Folko klang vertraut den Ohren
Des Volkes. Und wie er mir Einfluß zollte,
Ist dieser Himmel meinem jetzt erkoren.

Denn mehr als ich, solang mein Haar es wollte,
Trug nicht des Belus Tochter Glutverlangen,
Daß ihr Sichäus und Krëusa grollte,

Nicht, die Demophoon einst hintergangen,
Die Rhodopäerin. Auch vom Alciden
Ward Jole glutherziger nicht umfangen.

Doch lächelt man hier reuelos, in Frieden:
Nicht ob der Schuld, die ganz dem Geist entgleitet,
Nein ob der Kraft, die ordnend so entschieden.

Hier wird die Kunst bestaunt, die Schmuck bereitet
So liebreich; und der Güte wird man inne,
Die auf zur obern Welt die untere leitet.

Doch daß nun ganz Befriedigung gewinne
Dein Wünschen, das nach dieser Sphäre zielte,
Tuts not, daß ich den Faden weiterspinne.

Du wüßtest gern, wen dieses Licht enthielte,
Das neben mir sich so mit Glanz umschmückte,
Alsob im Silberquell die Sonne spielte.

So wisse, Rahab ists, die stillentzückte,
Auf die, vereinigt unserm Glanzgeblitze,
Sein Siegel es als höchste Zierde drückte.

Zum Himmel, drin der Erde Schattenspitze
Verläuft, vor andern Seelen zu gelangen,
Gab Christi Siegeszug ihn ihr zum Sitze.

Wohl ziemt es ihr, im Himmel hier zu prangen,
Daß sie des hohen Sieges Palmzweig trüge,
Den eine und die andre Hand errangen.

Hat sie begünstigt doch die ersten Flüge
Des Ruhms von Josua in Heiligen Landen,
Die gern der Papst sich aus dem Sinne schlüge.

Und deine Stadt - die ja durch den entstanden,
Den Gott zuerst gestraft für sein Verschulden,
In dem sich auch des Urneids Wurzeln fanden -

Zeugt und verstreut die giftigen Liliengulden,
Die Schaf und Lamm verlockten von den Triften,
Weil sie den Wolf als ihren Hirten dulden.

Des Evangeliums und der Väter Schriften
Denkt man nichtmehr, jedoch der Dekretalen:
Die Ränder zeigen es, die eingeknifften.

Damit weiß Papst und Kardinal zu prahlen!
Nicht denken sie an Nazareth, ob dorten
Auch Gabriel die Schwingen ließ erstrahlen.

Jedoch der Vatikan nebst andern Orten
Von Rom, die heilig sind, weil dort gebettet
Die Heerschar ruht, die folgsam Petri Worten,

Sie werden bald vom Ehebruch errettet.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 10
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 10

Betrachtend ihren Sohn mit jener Liebe,
Die Sie und Er in Ewigkeit enthauchen,
Schuf Urkraft, unnennbar im Schöpfertriebe,

Was uns im Geist und Raum pflegt aufzutauchen
So ordnungsreich, daß dank- und lusterhoben
Sich fühlt, wer nur sein Auge will gebrauchen.

Heb, Leser, denn zum hohen Rundtanz droben
Mit mir den Blick und sieh, dorthin-gewendet,
Durch einen Punkt zwei Schwingungen geschoben.

Und froh beginn zu schauen, wie kunstvollendet
Des Meisters Werk ist, daß zu dessen Preise
Sein Antlitz ihm ein ewiges Lächeln spendet.

Sieh, wie von dorten aus im schrägen Gleise
Ein Kreis abzweigt, drin die Planeten ziehen,
Dienstbar dem Erdenruf nach ihrer Weise.

Denn wäre Schrägheit nicht der Bahn verliehen,
So wäre viele Himmelskraft verschwendet,
Und Leben würde jede Keimkraft fliehen.

Wär minder oder mehr sie abgewendet
Vom graden Weg: nicht drunten oder droben
Hieß diese Weltenordnung dann vollendet.

Jetzt, Leser, bleib auf deiner Bank. Die Proben,
Die ich dir vorgeschmeckt, mit Fleiß betrachte;
Und du fühlst Lust, eh dir die Kraft zerstoben.

Ich trug dir auf, iß selbst nun das Gebrachte;
Denn all mein Sorgen muß ich jetzt entfalten
Für jenen Stoff, der mich zum Schreiber machte.

Die größte Dienerin der Naturgewalten,
Die Himmelskraft aufprägt dem Erdenrunde
Und deren Licht als Zeitenuhr wir halten,

Bewegte mit erwähntem Teil im Bunde
Sich rastlosdrehend im Spiralenreigen,
Drin früher sie erscheint zu jeder Stunde.

Und ich war in ihr! Doch ich merkte vom Steigen
Sowenig, als wenn ein Gedanke schreitet
Ins Hirn, der auch nicht pflegt sich anzuzeigen.

Ist es doch Beatrice, die da leitet
Vom Guten hin zum Bessern derart schnelle,
Daß völlig zeitlos sich ihr Tun bereitet.

Wie leuchtend mußte sein aus eigener Quelle,
Was ich beim Eintritt in das Sonnenprangen
Gewahrte; nicht durch Farbe, nur durch Helle.

Nicht Geist, Kunst, Übung würden mir verfangen,
Daß hier greifbare Schilderung gelänge.
Nur glauben kann mans und zu schauen verlangen!

Und wenn sich Fantasie sohoch nicht schwänge,
So dürft ihr darum kein Erstaunen zeigen.
Wo ist ein Auge, das die Sonne zwänge?

So strahlte hier der vierte Dienerreigen
Des Hohen Vaters, der ihn sättigt droben;
Zeigend, wie Geist- und Sohnesschaft ihm eigen.

Und Beatrice: »Nun heißts dankend loben!
Danken, daß dich der Engelssonne Güte
Zu dieser sichtbaren Sonne aufgehoben.«

Kein sterblich Herz je Andacht so durchglühte,
Wenn es sich Gott mit tiefstem Dankbekunden
Und allem Wollen hinzugeben mühte,

Als ich bei diesen Worten mich befunden
Und all mein Lieben so in Ihn versenkte,
Daß Beatrice meinem Sinn entschwunden.

Doch zürnte sie nicht. Nein, ein Lächeln schenkte
Ihr Blick mir, daß sie mit dem schimmerfeuchten
Auf weitres den gefangenen Geist mir lenkte.

Ich sah ein Siegesheer lebendiger Leuchten
Sich um uns drehn in einer Strahlenkrone,
Die süßern Klangs als hell an Licht mich deuchten.

So sieht man oft die Tochter der Latone
Sich gürten, wenn die Luft so dunstbeschweret,
Daß fest das Band hält ihrer Gürtelzone.

Der Himmelshof, draus ich nun heimgekehret,
Ist von Juwelen voll und kostbaren Dingen,
Daß ihre Ausfuhr aus dem Reich verwehret.

Und hierzu zählte jener Lichter Singen.
Wer keine Flügel hat, die aufwärtsdrängen,
Dem soll von dort ein Stummer Nachricht bringen.

Nachdem die glühenden Sonnen mit Gesängen
Dreimal um uns gekreist, alsob im Gleise
Dicht um den festen Pol sich Sterne schwängen,

Schienen sie Fraun mir, die noch nicht vom Kreise
Gelöst beim Tanz, nur schweigsam stehen und sinnen,
Bis sie vertraut sind mit der neuen Weise.

Und eine hört ich drinnen jetzt beginnen:
»Weil jener Gnadenstrahl - der, wahre Liebe
Entzündend, Liebeswachstum läßt gewinnen -

In dir vervielfacht strahlt im Glanzgestiebe,
Zur Leiter führend dich, wo man die Sprossen
Nur absteigt, daß es neu uns aufwärtstriebe,

So wär, der seinen Weinkrug jetzt verschlossen
Hielt deinem Durst, so unfrei wohl zu nennen
Wie Wasser, das ins Meer nicht wär geflossen.

Du möchtest gern des Kranzes Blumen kennen,
Die sie umlächeln, die dich von der Erde
Aufhob und für die Sternwelt ließ entbrennen.

Ich war der Lämmer eins der heiligen Herde,
Die mit Dominikus so fürbaß streben,
Daß, wer nicht abirrt, fett beim Weiden werde.

Der mir zum rechten Nachbar hier gegeben,
Bruder und Meister mir, ist Albert der Weise
Von Köln. Thomas d'Aquin hieß ich im Leben.

Drängt dichs auch nach der andern Ruhm und Preise,
So folge mit dem Auge meinen Worten,
Daß prüfend es den seligen Kranz durchkreise.

Des Gratians Lächeln nährt die Flammen dorten,
Der so sich weihte doppeltem Gerichte,
Daß ihm das Paradies auftat die Pforten.

Nächst ihm schmückt Petrus unsern Chor im Lichte,
Der gleich der Witwe, fromm im Herzensgrunde,
Der Kirche seinen Schatz gab im Verzichte.

Das fünfte, schönste Licht in unserm Bunde
Haucht solche Liebe, daß noch heut nicht missen
Die ganze Erde möcht von ihm die Kunde.

Es birgt den hohen Geist, sotief an Wissen,
Daß, wenn die Wahrheit wahr, niemals ein zweiter
Im Schauen ward sohoch emporgerissen.

Und jener Kerzenglanz, der sein Begleiter,
Hat tief durchdacht der Engel Amt und Leben
Im Fleische schon als göttlich-Eingeweihter.

Im andern kleinen Lichte lacht daneben
Der Anwalt, der fürs Christentum geschrieben;
Was unserm Augustin viel Stoff gegeben.

Wenn nun dein Geistesblick im Schritt geblieben
Von Licht-zu-Licht mit meinen Lobesworten,
Hat Durst dich wohl zum achten schon getrieben.

Im Anschaun alles Heiles freut sich dorten
Die heilige Seele, die dem Trug hienieden,
Wer offenen Sinnes lauscht, verschließt die Pforten.

Der Leib, von dem Gewalttat sie geschieden,
Ruht in Cield'or. Sie selbst ging aus Torturen
Und Kerkerhaft hier ein zu diesem Frieden.

Sieh Isidors und Bedas Flammenspuren;
Dort Richards, des Betrachters, der aus hehren
Mysterien zog, was Menschen nie erfuhren.

Und eh zu mir nun deine Blicke kehren,
Sieh jenes Grüblers Licht, der es verargte
Dem Tod, er wolle sein zuspät begehren.

Sigerius ists, das ewige Licht. Er kargte
Mit Schlüssen nicht und gab scharfsinnige Kunde
Mißliebiger Wahrheit einst am Garbenmarkte.« -

Dann, wie ein Uhrwerk, das uns weckt zur Stunde,
Wenn aufsteht Gottes Braut zur Morgenhelle,
Den Bräutigam bittend neu zum Liebesbunde,

Wie dort dies Zahnrad jenes treibt zur Schnelle,
Bis ein Tingting ertönt mit süßem Klingen,
Daß andachtsvoll der Geist in Liebe schwelle:

So sah ich das ruhmreiche Rad sich schwingen,
Und hörte Stimmen gegen Stimmen tauschen
So süßen Einklangs, wie sie dort nur singen,

Wo solche Wonnen ewig nicht verrauschen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 11
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 11

O dieser Sterblichen wahnwitziges Sorgen!
Wie fehlerhaft bist du in deinem Denken,
Um Bleilast deinem Flügelschlag zu borgen.

Der hofft im Recht, der in der Heilkunst Tränken
Erfolg; als Priester der. Und im Bestreben,
Zu herrschen, greift der zu Gewalt und Ränken.

Dem soll der Raub Gewinn, dem Handel geben.
Der eine ringt, von Sinnenlust umschlungen,
Der andre sinkt, verführt durch müßiges Leben,

Indessen ich, all diesem Wust entrungen,
Mit Beatricen droben ward empfangen,
von Himmelslust und -seligkeit umklungen. -

Als sich nun alle wieder rückwärtsschwangen,
Im Kreise harrend auf der alten Stelle
Gleich Kerzen, die in hohen Leuchtern prangen,

Da hört ich, daß die Stimme wieder quelle
Aus jenem Lichte, das vorhin begonnen.
Und lächelnd sprach sie in vermehrter Helle:

»Wie ich an Seinem Strahle bin entbronnen,
Hab ich im Aufblick zu dem ewigen Lichte
Kenntnis von deines Denkens Quell gewonnen.

Du zweifelst und verlangst, ich soll in schlichte
Und klare Worte meine Rede kleiden,
Daß ich nach deiner Fassungskraft berichte,

Was ich vorhin gesagt von: ?Fett beim Weiden?,
Und dann: ?Kein zweiter ward sohoch gerissen.?
Und hier tuts not, genau zu unterscheiden.

Es gab die Vorsicht - die mit solchem Wissen
Die Welt regiert, daß keinem Auge frommen
Der Einblick mag zu solchen Finsternissen -

Daß ihrer Wonne mag entgegenkommen
Die Braut von Jenem (der im Blut, so teuer,
Und lauten Wehrufs sie zur Eh genommen)

In sich gefestigt und ihm desto treuer -
Zum Heile ihr zwei fürstliche Genossen
Für hier und dort zum Führer mit und Steuer.

Einer von Seraphsinbrunst war umflossen.
Dem andern, glänzend gleich den Cherubinen,
War aller Erdenweisheit Schatz erschlossen.

Von einem red ich. Aber wer von ihnen
Den einen preist, preist jeden, weil sie beide
Mit ihren Werken einem Ziele dienen.

Bei Chiascios und Tupinos Wasserscheide,
Unfern des seligen Ubaldos Hügel,
Hängt ein Geländ, fruchtreich, in grünem Kleide,

Das Frost und Glut durch Porta Soles Flügel
Perugia schickt. Hinten, ob Schattenzwanges,
Fühlt Gualdo samt Nocera rauhen Zügel.

Dorther, wo sanfter wird der Sturz des Hanges,
Ließ eine Sonne Gott der Welt entbrennen,
Wie unsere manchmal aufsteigt aus dem Ganges.

Ascesi sollte diesen Ort nicht nennen,
Wer von ihm spricht, weil es zu dürftig wäre.
Man sollt vielmehr als Morgenland ihn kennen.

Kaum daß ihr junges Licht den Himmel kläre,
Beginnt auch schon die Erdenwelt zu spüren
Zu ihrem Trost die Kraft der neuen Sphäre.

Noch jung, muß Krieg er mit dem Vater führen
Um eine Braut, der man zu öffnen pflegte
So unwillkommen wie dem Tod die Türen,

Bis er vorm geistlichen Gerichte legte
Und coram patre ihre Hand in seine,
Und täglich heißere Liebe für sie hegte.

Elfhundert Jahr saß trüb sie und alleine,
Verachtet seit dem Tod des ersten Gatten,
Bis dieser kam, daß er sich ihr vereine.

Nichts halfs, daß sie mit Amyklet im Schatten
Der Hütte unerschreckt sah den erscheinen,
vor dessen Stimme Furcht die Völker hatten.

Nichts halfs, mit Treue Festigkeit zu einen,
Um, wo Maria unten stehngeblieben,
Mit Christo droben an dem Kreuz zu weinen.

Doch um nicht länger Dunkelheit zu lieben,
Vernimm, daß ich mit diesem Liebespaare
Franziskus und die Armut dir beschrieben.

Der Eintracht Anblick und die wunderbare
Verzückung, drin ihr Liebesglück beruhte,
Schuf heilige Gedanken rings fürs Wahre,

Daß Bernhard, der ehrwürdige, sich entschuhte
Als erster, solchem Frieden nachzuwallen,
Im Lauf noch wähnend, daß er sich nicht spute.

O neuer Reichtum! O du Schatz vor allen?
Barfuß Egidius folgt, barfuß Silvester
Dem Bräutigam, weil so gut die Braut gefallen.

So gingen alle hin mit ihrer Schwester,
Der Gattin ihres Meisters und Patrones,
Umschnürt bereits vom Strick der Demut fester.

Nicht daß, als Sprößling Peter Bernardones,
Den Blick er kleinmutsvoll zu senken dachte,
Noch weil der Armut Bild er und des Hohnes,

Nein: königsstolz sein hart Verlangen brachte
Bei Innozenz er vor, der zum Empfänger
Ihn seines ersten Ordenssiegels machte.

Dann, als die Schar der ärmlichen Anhänger
Zunahm und dem nachlief, des Wunderleben
Zum Lob des Himmels würdiger pries ein Sänger,

Hat Gott es dem Honorius eingegeben,
Daß mit dem zweiten Kronenreif er lohne
Des Ordensvaters heiliges Bestreben.

Und als er, dürstend nach der Marterkrone,
Samt seinen Jüngern sprach von Christi Lehren
Und Wandel vor des Sultans stolzem Throne,

Doch unreif noch das Volk fand zum Bekehren,
Nahm er, um müßig nicht zu sein, sich wieder
Italiens Frucht an, ihr Gedeihen zu mehren.

Zwischen Tiber und Arno, wo hernieder
Felsklippen schaun, nahm Christi letztes Siegel
Er an; und zwei Jahre trugens seine Glieder.

Als Gott vorm Heilserlesenen dann den Riegel
Des Himmels auftat, ihm den Lohn zu werben,
Den er verdient als steter Demut Spiegel,

Empfahl den Brüdern er als echten Erben
Die Herrin sein, daß Liebe man ihr wahre,
Wie er sie liebte, lebend und im Sterben.

Und daß allein aus ihrem Schoße fahre
Die lichte Seele heim zu ihrem Reiche,
Verbot dem Leib er jede andre Bahre.

Nun denke, wie ihm der an Würde gleiche,
Daß als Genoß er, dem kein Sturmwind schadet,
Mit Petri Schifflein nie vom Ziele weiche.

Ja, so war unser Patriarch begnadet!
Drum wissen auch die dem Befehl Getreuen,
Wie man, du siehst es, gute Schiffsfracht ladet.

Doch seine Herde lüstets jetzt nach neuen
Grasplätzen, wo da wachsen fettere Kräuter.
Drum ists kein Wunder, daß sie sich zerstreuen.

Und wie die Schäflein immer ungescheuter
Und von ihm ferner hier- und dorthintappen,
Jeleerer kommt zum Stalle heim ihr Euter.

Wohl halten einige noch, aus Furcht vor Schlappen,
Zum Hirten. Doch weil sie sich nicht vermehrten,
So reicht schon wenig Tuch für ihre Kappen.

Wenn meine Worte nicht des Klangs entbehrten,
Wenn du aufmerktest, ohne abzuschweifen,
Wenn sich dein Geist zurückruft, was sie lehrten,

Wird deinem Wunsch zum Teil Befriedigung reifen.
Du siehst den Baum absplittern durch Beschwerde
Und wirst die Warnung in dem Wort begreifen,

Daß, wer nicht abirrt, fett beim Weiden werde.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 12
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 12

Und als das letzte Wort noch im Verklingen,
Gehaucht aus benedeitem Flammenmunde,
Begann das heilige Mühlenrad zu schwingen.

Und eh der ganze Kreis vollbracht die Runde,
Umflocht ein zweiter schon im Ringe jenen
Mit Schwung-in-Schwung und Sang-in-Sang im Bunde:

Mit Sang, der unsere Musen und Sirenen
Durch süße Flöten so weiß zu besiegen
Wie Glanz den Abglanz, der Licht muß entlehnen. -

Wie sich durch zarte Wolkenflöre schmiegen
Zwei Bogen, gleichgefärbt und gleichgezogen,
Drauf Juno ihre Botin läßt entfliegen,

Wie dort der innere zeugt den äußern Bogen
Gleich jener Flüchtigen Laut, die Liebesgluten
So, wie den Dunst die Sonne aufgesogen,

Wonach der Mensch vom Herrgott will vermuten,
Er sei den Bund mit Noa eingegangen,
Daß nichts die Welt mehr solle überfluten:

So auch sich hier die ewigen Rosen schlangen
Im Kreis um uns mit ihren Doppelkränzen.
So glich der äußere dem, den er umfangen.

Und als nach ihren festlich-hehren Tänzen,
Nach all dem Jubelsang und wonnevollen
Liebreichen wechselseitigen Sichbeglänzen

Ein Stillstand eintrat durch ein einzig Wollen,
Wie Augen sich, die unser Wille bannte,
Gemeinsam schließen oder öffnen sollen,

Da klang aus einem Licht, das neu entbrannte,
Mir eine Stimme, daß ich, wie nach Norden
Die Nadel umschwingt, mich zu dieser wandte.

Die sprach: »Liebe, durch die verschönt ich worden,
Treibt mich, vom andern Herzog zu bekennen,
Da man den Gründer pries von meinem Orden.

Wer den nennt, muß mit Recht den andern nennen,
Weil sie in einem Heer gestritten hatten,
Soll auch ihr Ruhm vereinten Glanzes brennen.

Das Kriegsheer Christi, das neu auszustatten
Soviel gekostet, folgte pflichtvergessen
Der Fahne, spärlich und leicht zu ermatten,

Bis der Monarch, der Macht hat unermessen,
Hilfreich die Heerschar schützte vor Gefahren,
Aus Gnade nur, nicht daß sie würdig dessen,

Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren,
Zwei Kämpen schickte, tat- und worterkoren,
Zu sammeln wieder die zerstreuten Scharen.

Im Lande, wo der Zephir wird geboren,
Der sanften Hauchs das junge Laub macht sprießen,
Mit dem man sich Europa sieht befloren,

Unfern dem Strand, auf den die Wogen schießen,
Dahinter oft sich jedem Blick entrückte
Die Sonne, um den langen Lauf zu schließen,

Dort zeigt sich Callaroga, das beglückte,
Im Schutz des Löwen, der im großen Schilde
Der Unterdrücker ist und Unterdrückte.

Den heiligen Ringer schenkte dies Gefilde
Dem Christentum, den Liebe heiß entfachte;
Furchtbar den Feinden, doch den Seinen milde.

Und kaum gezeugt, eh sie zur Welt ihn brachte,
Fühlte sein Geist sich Lebenskraft durchdringen,
Daß er die Mutter zur Profetin machte.

Dann - als am heiligen Bronnen sie begingen
Sein Fest, des Glaubens Braut ihm anzutrauen,
Wo beide dann als Mitgift Heil empfingen -

Da sah im Traumbild eine von den Frauen,
Die Patin war, welch Wunderfrucht hier sprieße,
Für ihn und seine Erben anzubauen.

Und daß der Name schon erkennen ließe
Sein Wesen ganz, hauchte von hier ein Zeichen,
Daß er nach dem, dem er gehöre, hieße.

Dominikus hieß er, den ich vergleichen
Dem Gärtner darf, der auf den Wink von Christus
Zum Garten kam, um Hilfe ihm zu reichen.

Sein Knecht und Bote war er: fing von Christus
Doch seine Liebe an, sie zu bekunden
Beim ersten Rate, der erging von Christus.

Wie oft hat wach am Boden ihn gefunden
Und schweigend seine Amme, die ihn nährte,
Als spräch er: ?Dazu fühl ich mich verbunden.?

O Vater! der als Felix sich bewährte,
O Mutter! die in Wahrheit hieß Johanna,
Wenn man des Namens rechten Sinn erklärte.

Nicht für die Welt, sich mühend mit Hosianna
Als des Ostiensis und Thaddäus Mehrer,
Nein, nur aus Liebe zum wahrhaften Manna

Ward er in kurzer Zeit solch großer Lehrer,
Daß er begann den Weinberg zu umhegen,
Für den ein träger Winzer ein Verheerer.

Vom Stuhl, einst würdiger Armut Heil und Segen,
(Nicht er hat Schuld, nein, des Besitzers Sünden
Sind Schuld, daß Mitleid geht auf andern Wegen)

Vom Stuhl erbat er nicht Dispens und Pfründen,
Nicht Zehnten, sie der Armut abzudringen,
Noch wollt er Zweiunddrei als Sechs verkünden,

Sein Wunsch war nur, den Irrwahn zu bezwingen,
Der Welt die Kraft des Samens zu erhalten,
Draus vierundzwanzig Pflanzen dich umringen.

Er drang, kraft apostolischer Gewalten,
Voran mit Willensmut und Glaubenslehre,
Und stob, ein Wassersturz aus hohen Spalten,

Aufs Ketzerdorngestrüpp mit ganzer Schwere.
Und dort am schwersten, wo es seinem Zorne
Sich setzte am hartnäckigsten zur Wehre.

Der Bäche viel entsprangen seinem Borne,
Daß frischbewässert jetzt die Sträucher ragen,
Seit der katholische Garten frei vom Dorne.

War solcherart dies eine Rad am Wagen,
Auf dem die Heilige Kirche stand im Streite,
Als sie den Feind im Bürgerkrieg geschlagen,

So wirst du deutlich sehn, wie auch das zweite
Vortrefflich war, dem, eh ich hier gestanden,
So liebesreichen Lobspruch Thomas weihte.

Doch ist im Gleis, drin einst die Räder fanden
Die tiefste Furche, keiner heut zu sehen.
Und Schimmel wächst, wo Weinstein einst vorhanden.

Seine Gefolgschaft, deren Fuß beim Gehen
In seine Spur trat, zeigt jetzt solch Gebaren,
Daß stets der Vordere fühlt des Nachmanns Zehen.

Doch läßt den schlechten Anbau bald gewahren
Die Ernte, wenn der Lolch kommt untern Besen
Und jammert, daß er nicht wird eingefahren.

Zwar sage ich, wer Blatt-für-Blatt wollt lesen
In unserm Buch, wird manche Seite spüren
Mit dem Vermerk: ?Ich blieb, was ich gewesen.?

Doch aus Casal und Acquasparta rühren
Die nicht her, weil von dort zur Schrift nur streben,
Die sie bald lockern und bald enger schnüren.

Bonaventur von Bagnoregios Leben
Bin ich, und sah: in hohen Ämtern schicke
Sichs nicht, geringern Sorgen stattzugeben.

Illuminat und Augustin erblicke!
Als erste Barfuß-Armen einst erschienen,
Wurden sie Gottes Freunde unterm Stricke.

Hugo von Sanvittore weilt bei ihnen
Nebst Pier Comestor und Pier, dem Hispanen,
Dem heut zwölf Bücher noch als Nachglanz dienen.

Den Seher Nathan, Metropolitanen
Chrysostomus, Anselm sieh und Donaten,
Der seiner ersten Kunst brach siegreich Bahnen;

Raban auch und Kalabriens Prälaten
Joachim, leuchtend hier an meiner Seite,
Der mit Prophetengabe reichberaten.

Daß solchem Paladin mein Lob ich weihte,
Dazu trieb mich des Bruders Thomas Weise,
Der liebentzündet sinnige Worte reihte,

Und trieb mit mir auch diese hier im Kreise.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 13
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 13

Es denke sich - wer deutlich wünscht zu schauen,
Was ich jetzt sah (und während ichs beschreibe,
Steh das Gedachte fest wie felsgehauen) -

Von vielen Seiten her die Himmelsscheibe
Durch funfzehn Sterne so belebt mit Schimmer,
Daß er die trübsten Dünste selbst vertreibe -

Denke den Wagen sich, der hinfährt immer
Bei Tag und Nacht an unsers Himmels Grunde,
Daß er beim Deichselwenden schwindet nimmer -

Denke das Horn sich, wo es mit dem Munde
Der Achse letzten Punkt pflegt zu erreichen,
Um den das erste Rad beschreibt die Runde -

Daß sie aussich geformt zwei Himmelszeichen,
Wie eins als Stern des Minos Tochter schenkte,
Als sie der Frost des Todes ließ erbleichen -

Und eins in andre seine Strahlen senkte,
Und beide derart drehten ihre Runden,
Daß dieses sich zuerst, dann jenes schwenkte -:

Und nur ein Schattenbild hat er gefunden
Vom wahren Sternbild und dem Doppelreigen,
Der, wo ich stand, die Stelle hielt umwunden.

Denn was wir kennen, muß vor ihm sich neigen,
Wie vor des allerschnellsten Himmels Rollen
Sich der Chiana Wellen träge zeigen.

Dort galts nicht Bacchos, Päan Lob zu zollen;
Nein - in der Gottnatur den drei Personen
Und Gott und Mensch als einer - Hymnen schollen.

Als Tanz und Sang die heiligen Lichterkronen
Beschlossen, sah ich sie zu mir sich neigen,
Stets neubeseligt Dienst mit Dienst zu lohnen.

Da brach aufs neu das eintrachtsvolle Schweigen
Das Licht, dem es gefiel, das Wunderleben
Des Gottesarmen mir vorhin zu zeigen,

Und sagte: »Ward ein Bund gedroschen eben,
Ward eingeheimst das Korn für Trog und Krippe,
Läßt süße Liebe neu zum Drusch mich streben.

Du glaubst: in jene Brust - aus deren Rippe
Das schöne Weib entstand, das, zur Unehre
Sichselbst, die Welt verdarb mit gieriger Lippe,

Sowie in jene, die, durchbohrt vom Speere,
Vorher und nachher tat soviel Genüge,
Daß sie aufwiegt all andrer Sünden Schwere -

Sei soviel Licht, als irgend nur vertrüge
Die Menschnatur, von jener Kraft ergossen,
Die einst erschaffen dieser Zwei Gefüge,

Und staunst, weil mir vorhin das Wort entflossen:
Daß keinen zweiten ich vergleichbar preise
Dem Gute, das vom fünften Licht umschlossen.

Prüfst du nun scharfen Blicks, was ich dir weise,
Siehst du dein Glauben und mein Wort sich drehen
Ums Wahre, wie ums Zentrum sich die Kreise.

Was nicht stirbt und was sterbend muß vergehen,
Ist nur ein Abglanz, dem Urbild entflossen,
Das unser Herr in Liebe läßt entstehen.

Denn das Lebendige Licht, derart ergossen
Aus Seinem Licht, ist und bleibt im Vereine
Mit Ihm und Liebe fest zur Drei geschlossen,

Faßt gütig jeden Strahl zu einem Scheine,
Gleichsam gespiegelt, in neun Wesenheiten,
Und bleibt in Ewigkeit doch das All-Eine!

Von dort sinkts zu den letzten Möglichkeiten,
Von Tat-zu-Tat kraftärmer anzusehen,
Um endlich nur Zufälliges zu bereiten.

Und als Zufälligkeit sind zu verstehen
Erzeugte Dinge, wie sie mag gestalten
Mit oder ohne Saat des Himmels Drehen.

Ihr Wachs jedoch und ders beprägt, verhalten
Sich ungleich oft; weshalb bald mehr erhaben,
Bald minder sich das Urbild muß entfalten.

Drum kann dieselbe Baumesart uns laben
Mit edeln Früchten oder minderfeinen;
Drum schenkt Geburt euch auch verschiedene Gaben.

Wärs mit dem Wachs bis auf den Punkt im Reinen,
Wär stets der Himmel im kraftvollsten Leben,
So würde voll des Siegels Glanz erscheinen.

Nur wird Natur es immer dürftig geben,
Dem Künstler ähnlich, der zwar kunsterfahren,
Dem aber, wenn er schafft, die Hände beben.

Doch wo die Liebesglut ihr Bild dem klaren
Erschauen der Urkraft aufprägt, da muß Großes
Und nur Vollkommenstes sich offenbaren.

So ward einst der Natur des Erdenkloßes
Die höchste tierische Vollendung eigen,
So ward die Frucht erzeugt des Jungfraunschoßes,

Sodaß ich muß zu deiner Ansicht neigen:
Nie zeigte sich, noch wird in jedem Sinne,
wie in den Beiden, Menschnatur sich zeigen.

Doch hielt ich hier in meinem Vortrag inne -:
?Wie kann nun jeder unvergleichlich ragen??
Ich wär gewiß, daß so dein Wort beginne.

Damit, was noch nicht tagt, dir möge tagen,
Bedenk: wer war er? und was trieb zum Flehen
Ihn an, als er ?Verlange!? hörte sagen.

Ich sprach nicht so, daß du nicht könntest sehen,
Daß er als König Weisheit wollt erstreben,
Um als vollkommener König dazustehen.

Nicht um zu wissen, wieviel droben schweben
An Sternbewegern. Nicht, ob das necesse,
Verknüpft mit Zufall, kann necesse geben.

Nicht, si est dare primum motum esse,
Noch, ob im Halbkreis kann ein Dreieck stehen,
Drin nicht ein Winkel neunzig Grade messe.

Erwägst du, was ich sprach, so wirst du sehen,
Daß ich als Ziel die Königsweisheit meine,
wohin ich ließ den Pfeil der Absicht gehen.

Nun bringt mein Wort ? so hoch? dirs gleich ins Reine,
Daß ich von Königen sprach an jenem Orte -
Davon giebts viel, doch gute beinah keine.

Mit diesem Unterschied nimm meine Worte;
Dann kanns mit deinem Glauben wohl bestehen
Vom ersten Ahn und unserm Freudenhorte.

Und dies sei deinem Fuß stets Blei beim Gehen,
Langsam zu nahen wie mit müdem Tritte
Dem Ja und Nein, kannst du sie klar nicht sehen.

Denn jener steht wohl in der Toren Mitte
Am tiefsten, der da ohne jede Sichtung
Ja sagt und Nein bei dem und jenem Schritte.

Die Durchschnittsmeinung rennt in falsche Richtung
Doch gar zu oft, wo bessere Einsicht immer
Der Leidenschaft anheimfällt zur Vernichtung.

Wer Wahrheit fischen will, erhoffe nimmer,
Daß ohne Kunst er sich erfolgreich preise;
Nein ärmer kehrt zum Strande heim der Schwimmer.

Des sind auf Erden sprechende Beweise
Parmenides, Meliß, Bryson und viele,
Die nicht gewußt, wohin sie bringt die Reise.

Sabell und Arius auch, die - weit vom Ziele -
Wie Schwerter töricht durch die Schriften streifen,
Zerstörend ihr Gesicht im eiteln Spiele.

Die Menge soll sich hüten, vorzugreifen
Im Urteil, jenem gleich, der überschlagen
Die Ähren will im Felde, eh sie reifen.

Sah ich doch oft in langen Wintertagen
Den Dornbusch tot und stachelspitzig stehen,
Der später Rosen auf dem Haupt getragen.

Und sah ein Schiff schon stolz und munter gehen
Aus allen Wegen durch des Meeres Grauen,
Und an der Hafeneinfahrt - untergehen.

Drum soll nicht Grete oder Hans drauf bauen,
Wenn sie den stehlen, jenen opfern sehen,
Daß sie nun Gottes Urteil schon durchschauen;

Denn der kann fallen, jener kann erstehen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 14
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 14

Von innen her zum Rand, vom Rand nach innen
Bewegt das Wasser sich in runder Schale
Dem Anstoß nach von draußen oder drinnen.

Vor meine Seele trat mit einem Male
Dies Gleichnis mir - als das glorreiche Leben
Des heiligen Thomas schwieg im Himmelsstrahle -

Ob dieser Ähnlichkeit, daß der soeben
Beschloß und jetzt es Beatricens Munde
Gefiel, im Rückprall gleichsam, anzuheben:

»Diesen verlangt es, ob er auch nicht Kunde
Davon Euch gab, ja noch nicht einmal dachte,
Daß er noch andrer Wahrheit dringt zum Grunde.

Sagt ihm, ob dieses Licht, dies gottentfachte,
Das euch gleich Blütenpracht umhüllt, bestehen
Wohl bleibt wie jetzt und nicht verschwindet sachte.

Und dauert es, so sagt, wie kanns geschehen,
Wenn ihr euch wieder sichtbar werdet zeigen,
Daß es nicht schadet eurer Kraft zum Sehen?«

Wie oft erhöhte Lust beim Festesreigen
Fortreißt die Tanzenden, aus deren Mitte
Beim schnellern Drehen dann laute Jauchzer steigen,

So boten bei der raschen frommen Bitte
Die heiligen Kreise neue Festgenüsse
Durch wunderbaren Sang zum Reigenschritte.

Wer sich beklagt, daß man hier sterben müsse,
Um dort zu leben, hat noch nie empfunden,
Wie labend hier des ewigen Taues Ergüsse.

Der Eins und Zwei und Drei bleibt unumwunden,
Lebend stets herrscht in Einem, Zweien und Dreien,
Der all-das-All umfaßt, selbst-ungebunden,

Ihm sangen dreimal diese Geisterreihen
So süß - es würden solche Melodieen
Wohl Überlohn jedem Verdienste weihen.

Und aus dem engsten Kreise, dem verliehen
Göttlichstes Licht, klang Stimmenlaut so milde,
Wie einst der Engel wohl gegrüßt Marieen:

»Solang dies Fest im Paradiesgefilde
Uns freut, wird unsere Liebe sich umzweigen
Mit solchem lichtausstrahlenden Gebilde.

Sein Glanz muß sich der Glut entsprechend zeigen;
Die Glut dem Schaun. Und dies ist so erhaben,
Als Gnade eigene Kraft läßt übersteigen.

Wenn wir erst mit dem Fleisch uns neu umgaben
Als glorreich-heiligem Kleid, wird unser Wesen,
weil es vollkommner, uns noch reicher laben.

Drum werden wir vermehrten Lichts genesen,
Das unverdient das Höchste Gut wird bringen;
Licht, das uns, Ihn zu schauen, wird Kraft erlesen.

Dann muß ein Wachstum auch das Schauen durchdringen,
Wachstum die Gluten, die das Schauen gebaren,
Wachstum die Strahlen, die der Glut entspringen.

Doch wie die Kohle Flammen läßt entfahren,
Und durch lebendigen Glanz sie überwindet,
Sodaß sie ihren Eigenglanz kann wahren,

So wird den Blitz, der uns umkränzt und bindet,
Einst siegreich unsers Fleisches Glanz zerstreuen,
Das heut sich noch bedeckt mit Erde findet.

Doch werden wir so großes Licht nicht scheuen,
Weil Kraft des Leibes Glieder wird durchfließen,
Alles zu tragen, was uns kann erfreuen.«

Rasch riefen »Amen!« die zwei Chöre, und ließen
Den Wunsch mich sehn durch dies bereite Amen,
Sich ihren toten Körpern anzuschließen:

Vielleicht nicht nur für sich, nein auch im Namen
Von Eltern, Freunden und wer ihnen teuer,
Eh sie hierher als ewige Flammen kamen.

Und sieh, den frühern Glanz umschlang ein neuer,
Dem ersten gleich an Pracht, alsob am blauen
Osthimmel hell der Morgen strahlt im Feuer.

Und ähnlich wie beim ersten Abendgrauen
Am Himmel neue Lichter schon erglänzen:
Das Auge glaubt und glaubt sie nicht zu schauen,

So schiens, daß plötzlich hier mit andern Tänzen
Ein dritter Ring neuartiger Wesen kreiste,
Die beiden andern gürtend zu umkränzen.

O wahres Funkensprühen vom Heiligen Geiste!
Geblendet schloß sich mir vor solchem Lichte
Das Auge, weil urplötzlich alles gleißte.

Doch so mit schönheitlachendem Gesichte
Wies Beatrice sich, daß mirs entschwunden
Nebst anderm, weil die Kraft fehlt zum Berichte. -

Als sich die Sehkraft mir zurückgefunden,
Sah ich mit meiner Herrin schon nach oben
Zu höherm Heil entrückt mich in Sekunden.

Wohl spürt ich, daß ich höher ward gehoben,
Am neuen Stern, der mir in lichter Reine
Entgegenlachte, glühendrotumwoben.

Herzinnig in der Sprache, die als eine
In allen lebt, bracht ich zu Dank verbunden
Gott Opfer dar vorm neuen Gnadenscheine.

Und noch bevor in meiner Brust geschwunden
Des Opfers Glut, sah ich, der Tiefbeglückte,
Daß es den freundlichsten Empfang gefunden.

Denn Lichter strahlten mir, so glanzumzückte,
So rot im Innern zweier Feuerstreifen,
Daß ich: »O Helios,« rief, »der so sie schmückte!«

Wie wir von Pol zu Pole sehen schweifen
Unsre mit Sternen groß und klein besäte
Milchstraße, die selbst Weise kaum begreifen,

So sterngeflochten hier mein Blick erspähte
Durch die Quadranten, die den Kreis verbinden,
Im Mars das benedeite Kreuzgeräte.

Hier muß den Geist Gedächtnis überwinden;
Denn lodernd sah am Kreuz ich ragen Christus,
Daß ich kein würdig Gleichnis könnte finden.

Doch wer sein Kreuz hat nachgetragen Christus,
Entschuldigt gerne, was ich hier verschwiegen,
Wird ihm so glanzumblitzt einst tagen Christus.

Von Arm zu Arm, vom Fuß zum Gipfel stiegen
Lichtfunken; und durch ihres Tanzes Wogen
Schien beim Begegnen hellere Glut zu fliegen.

So sieht man hier, bald grade, bald gebogen,
Eilig und träg, stets wechselnd im Verbande,
Kleine Staubteilchen, kurz- und langgezogen,

Im Sonnenstrahle wirbeln, der am Rande
Den Schatten säumt, den sich - daß Schutz ihm eigen -
Der Mensch erfand mit sinnigem Kunstverstande.

Und wie in guter Stimmung Harfen und Geigen
Mit vielen Saiten süß im Einklang gehen
Auch dem, dem fremd die Melodien sich zeigen,

So aus den Lichtern, die ich hier gesehen,
Erscholl am Kreuz Gesang, der mich berauschte -
Konnt ich der Hymne Text auch nicht verstehen.

Wohl merkt ich, daß man hohes Lob hier tauschte,
weil »Stehe auf und siege« mir erklungen,
Gleich dem, der nicht versteht, was er erlauschte.

Da fühlt ich mich von Liebe so durchdrungen,
Daß wohl bis dahin nichts mir konnte taugen,
Was mit so süßen Banden mich umschlungen.

Vielleicht sprech ich zu kühn, weil es die Augen
Hintanzusetzen scheint, die schönen Bronnen,
Draus all mein Sehnen Stillung pflegt zu saugen.

Doch wer bedenkt, daß die lebendigen Sonnen,
Jemehr man steigt, jegrößere Schönheit tragen,
Und ich zurück nicht sah zu jenen Wonnen,

Kann mich entschuldigen, will ich mich verklagen,
Mich zu entschuldigen; und wird wahr mich nennen.
Denn hier auch muß mir heilige Wonne tagen,

Weil sie im Aufstieg lauterer wird entbrennen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 15
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 15

Gutherziger Wille - den die echte Liebe
Als schönste Tugend pflegt hervorzubringen,
Wie Gier ein Merkmal ist für schlechte Triebe -

Ließ jener süßen Leier Ton verklingen
Und ruhn das Schwirren ihrer heiligen Saiten,
Die Himmelshand macht schweigen oder schwingen.

Wie sollten taub sein jene Wesenheiten
Gerechter Bitte, die einmütig schwiegen,
Um selbst zur Bitte Mut mir zu bereiten?

Endloser Klage muß mit Recht erliegen,
Wer solche Liebe nicht weiß zu bewahren
Dingen zulieb, die mit der Zeit verfliegen.

Gleichwie in Nächten, stillen, sternenklaren,
Ein Leuchten zuckt von Zeit zu Zeit mit Schnelle,
Daß überrascht ihm nach die Augen fahren,

Als hätte dort ein Stern vertauscht die Stelle;
Nur daß an jenem Ort, wo es entbrannte,
Gar keiner fehlt, und bald erlischt die Helle,

So ward das Kreuz vom Arm, der rechts sich spannte,
Bis an den Fuß von einem Blitz durchschnitten
Aus jenem Sternbild, das dort Glanz entsandte.

Doch das Juwel war nicht der Schnur entglitten:
Nein, längs der Leisten war sein Lauf zu schauen,
Gedämpft wie Licht in Alabasters Mitten.

So liebreich neigte auf Elysiums Auen
Anchises sich dem Gatten der Krëusa,
wenn unserer größten Muse zu vertrauen.

» O sanguis meus, o superinfusa,
Gratia Dei, coeli ianua
Cui usquam sicut tibi bis reclusa?«

So jenes Licht; drob ich zu ihm erst sah
Und dann den Blick zu meiner Herrin führte -
Und mich erfaßte Staunen hier wie da,

Weil ihre Augen solch ein Lächeln schürte,
Daß Gnade meinem Blick schien aufzugehen,
Der schier des Paradieses Grund berührte.

Lieblich zu hören, wunderhold zu sehen,
Sprach anschließend der Geist von seltenen Dingen,
Die ich, weil sie so tief, nicht konnt verstehen.

Nicht Absicht war es, daß sie mir entgingen,
Nein, ganz natürlich; denn es überflogen
Menschliche Fassung seines Denkens Schwingen.

Doch als erst seiner heißen Liebe Bogen
Soweit entspannt war, um sich anzupassen
Dem Grenzbezirk, der unserm Geist gezogen,

Da war das erste, was ich konnte fassen:
»Gesegnet sei, der dreifach ist der Eine,
Der meinen Sproß hat Gnade fühlen lassen!«

Und dann: »Was ich in Sehnsucht, heiß wie keine,
Erhofft, seit ich im großen Buch gelesen,
Drin Schwarz und Weiß auch das ist, was es scheine,

Dessen bin ich durch dich, o Sohn, genesen
In diesem Stern, darin ich mich verkünde.
Dank ihr! die Fittich deinem Flug gewesen.

Du glaubst, vom Urgedanken her ergründe
Dein Denken ich, alsob - gesetzt, man kenne
Die Einheit - draus die Fünf und Sechs entstünde.

Und fragtest drum mich nicht, wie ich mich nenne,
Noch warum freudiger als irgendeine
Der frohen Schar just meine Flamme brenne.

Du glaubest recht, weil Große sowie Kleine
Aus diesem Leben hier im Spiegel sehen,
Wie drin dein Denken, ungedacht, erscheine.

Doch daß mir größere Freude läßt geschehen
Die heilige Liebe, drin ich schauend wache,
Die süßen Sehnsuchtsdurst mir läßt entstehen,

Daß kund dein Wunsch sich, kund dein Wollen mache,
Mags deine Stimme froh, fest, offen sagen,
Drauf meine Antwort schon beschlossene Sache.«

Zu Beatricen wandt ich mich, zu fragen;
Doch winkte sie mit lächelndem Gesichte,
Ich solle dreist die scheuen Flügel schlagen.

Drauf hub ich an: »Bei euch im ewigen Lichte,
Seit ihr die erste Gleichheit habt ergründet,
Stehn Einsicht und Verstand im Gleichgewichte.

Die Sonne, die euch anstrahlt und entzündet,
Weiß Glut und Glanz ja doch so gleich zu bringen,
Daß jedes Sinnbild es nur kläglich kündet.

Doch Wunsch und Kraft, wie Menschen sie erringen,
Sie sind aus dem euch wohlbekannten Grunde
Zum Flug versehn mit ungleichmäßigen Schwingen.

Mit solchem Zwiespalt im unlösbaren Bunde
Dank ich als Sterblicher nur mit der Seele
Dir für die Vatergunst, nicht mit dem Munde.

Recht bitt ich dich, der diesem Prachtjuwele
Als lebender Topas dient zum Geschmeide:
Nicht länger deinen Namen mir verhehle.« -

»O du mein Laub, das mir schon Herzensweide
Gab im Erwarten: Wurzel dir und Samen
Bin ich.« So fing er an mit dem Bescheide.

Dann fuhr er fort: »Er, der dir gab den Namen,
Und mehr als hundert Jahr schon ist erlesen.
Zu kreisen in des Berges erstem Rahmen:

Mein Sohn und dein Urgroßahn ists gewesen,
Wohl ziemt sichs, daß du ihn von langer Reise
Durch deine Werke lässest bald genesen.

Florenz, in seinem alten Mauerkreise,
Von wo es heut noch abhört Terz und Nonen,
Lebte in friedlich-mäßiger, keuscher Weise.

Nicht gab es Kettchen schon, nicht gab es Kronen,
Nicht feinbeschuhte Frauen, nicht Gürtelspangen,
Die sehenswerter noch als die Personen.

Nicht schuf die Tochter schon dem Vater Bangen
Bei der Geburt, daß sie zu früh ein schlimmer
Mitgiftbegieriger Freier möcht verlangen.

Nicht Häuser gabs, leer an Bewohnern immer,
Nicht durfte ein Sardanapal sich zeigen,
Mit Prunk zu überladen jedes Zimmer.

Nicht mußte schon sich Montemalo neigen
Euerm Uccellatojo, der im Sinken
Ihn einst besiegen wird wie jetzt im Steigen.

Bellincion Bertis Schwertgurt sah ich blinken
Von Bein und Leder; und vom Spiegel kommen
Sein Eheweib, das Antlitz frei von Schminken.

Nerli und Vecchio hat zum Wams genommen
Schmuckloses Fell; und spinnend um die Wette
Saßen beim Rocken ihre Frauen, die frommen.

O Glückliche! Gewiß der Gräberstätte
War jede; keine, die da Frankreich brachte
Soweit, daß sie allein geschlafen hätte.

Die eine sorglich an der Wiege wachte
Und schöpfte aus der Kindersprache Wonnen,
Was Väter stets und Mütter fröhlich machte.

Vom Rocken hat die andre Garn gesponnen,
Indem sie in der Kinder Mitte Mären
Von Troja, Rom und Fiesole begonnen.

Cianghella müßt als Wunder man erklären
Nebst Salterello damals, wie es heute
Cornelia und Cincinnatus wären.

Mit solchem Frieden, solcher Bürgersleute
Gemeinschaft, solchem süßen Heimatsherde
Und solchem biedern Bürgertum erfreute

Maria mich, gerufen in Beschwerde.
Ich ward getauft an euerm alten Steine,
Daß ich ein Christ und Cacciaguida werde.

Moront mein Bruder, Elisei seine
Familie hieß. Es kam vom Po-Gestade
Mein Weib. So ward ihr Zuname der deine.

Mit Kaiser Konrad zog ich Kriegespfade,
Der mich gegürtet mit dem Ritterdegen
Als eine durch Verdienst erworbene Gnade.

Ihm nach zog ich, dem Schandgesetz entgegen
Von jenem Volk, das sich durch Schuld des Hirten
Anmaßt, den Rechtsanspruch euch zu verlegen.

Dort ward ich von dem Volk, dem wahnverwirrten,
Aus eurer trügerischen Welt geschieden,
Durch deren Lust viel Seelen schon verirrten,

Und ging durch Heldentod hier ein zum Frieden.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 16
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 16

O unser bißchen Adeltum des Blutes!
Wenn du so ruhmesstolz machst unsereinen
Hienieden, wo wir so hinfälligen Mutes,

So solls nichtmehr verwunderlich mir scheinen.
Denn dort, wo unser Wunsch den Irrtum meidet,
Im Himmel sag ich, rühmt ich mich des meinen.

Du bist ein Mantel, der an Schrumpfung leidet!
Den, weiß man täglich ihm nichts anzupassen,
Die Zeit mit ihrer Schere rings beschneidet. -

Mit Ihr, das Rom zuerst hat zugelassen,
(Heut pflegt sein Volk es weniger zu lieben)
Begann ich wieder fragend Mut zu fassen;

Drob Beatrice, die seitab verblieben,
Lächelnd der glich, die sich beim ersten Fehle
Ginevras räusperte, wie uns beschrieben.

»Ihr seid,« begann ich, »meine Vaterseele.
Ihr gebt mir Kühnheit, alles vorzubringen.
Ihr hebt mich über mich, daß ich nichts hehle.

Aus soviel Bächen fühlt mit Lust durchdringen
Mein Geist sich, daß er jauchzt in ihrer Welle,
Weshalb er standhält, ohne zu zerspringen.

Sagt mir denn, meines Ursprungs teure Quelle,
Von Euern Ahnen; welche Zeit an Jahren
Man schrieb, als Ihr noch auf der Kindheit Schwelle.

Laßt mich vom Schafstall Sankt Johanns erfahren,
Wie groß er war; und welche Bürgersleute
Der obern Sitze wert und teilhaft waren.«

Wie sich der Kohlen Glut noch stets erneute,
Sobald belebt sie wird vom Windeshauche,
So hier mein Schmeichelwort dies Licht erfreute.

Und daß nicht nur mein Blick in Schönheit tauche,
Jetzt auch die Stimme drang aus süßerm Munde,
In Lauten, wie sie heut nichtmehr im Brauche:

»Seitdem das Ave klang bis zu der Stunde,
Wo meiner sich entbürdet unter Qualen
Die Mutter, heilig jetzt im Engelsbunde,

Trat zu fünfhundertdreiundfunfzig Malen
Schon dieses Feuer in des Löwen Zeichen,
Neu unter dessen Fuße zu erstrahlen.

Wie meine Väter war auch ich desgleichen
Ans Licht im letzten Stadtsechsteil gekommen,
Bis Wohin eure Jahresrennen reichen.

Soviel mag dir von meinen Ahnen frommen.
Woher sie kamen und als was entsprossen,
Wird würdiger verschwiegen als vernommen.

Was waffenfähig einst und eingeschlossen
Von Mars bis Täufer: es betrug die Beute
Ein Fünftel kaum der heutigen Heergenossen.

Doch war die Bürgerschaft, vermengelt heute
Mit Campi, mit Certaldo und Figghine,
Noch rein bis auf die letzten Handwerksleute.

Daß solch ein Volk zum Nachbar höchstens diene,
Und daß Galluzzo und Trespian nur taugen
Zum Grenzgebiet, mir wahrlich besser schiene,

Als nun den Stank im Weichbild einzusaugen
Von Aguglions und Signas Bauernherden,
Die schon auf Schacher spähen mit Gauneraugen.

Wenn nicht das Volk, das schändlichste auf Erden,
Stiefmütterlich gehandelt am Zäsaren,
Statt liebe Sohnesmutter ihm zu werden:

Wer heut als »Florentiner« Geld und Waren
Verramscht, war längst gekehrt nach Simifonti,
Wo schon sein Ahn des Söldners Los erfahren.

Noch wäre Montemurli Sitz der Conti,
Die Cerchi säßen im Aconer Sprengel,
Und wohl im Grevetal die Buondelmonti.

Stets war des Unheils Grund solch Volksgemengel!
Wie für den Körper gieriges Speisenschlingen
Ist das für jede Stadt ihr böser Engel.

Zu Fall wird blinden Stier man leichter bringen,
Als blindes Lamm. Und oft wird besser schneiden,
Und mehr auch, eine statt fünf Schwertesklingen.

An Luni denk, an Urbisaglia! Beiden
Gings schlimm. Auch Chiusi wird es kaum verwinden,
Und Sinigaglia liegt schon im Verscheiden.

Drum wirst dus weder neu noch seltsam finden,
Zu hören, daß Geschlechter untergehen,
Wo ganze Städte nachundnach verschwinden.

Was Mensch und Menschenwerk, kann nicht bestehen.
Und zögert oft der Tod, zu überraschen:
Spät scheints; denn ihr müßt selber schnell verwehen.

Und wie der Mondesumlauf überwaschen
Und trocknen läßt im Wechselspiel die Küste,
Spielt mit Florenz das Glück Versteck und Haschen.

Drum staune nicht, daß ich zu nennen wüßte
Wohl ganze Reihen edler Florentiner,
Von deren Ruhm man heut noch singen müßte.

Ich hab Ormannen, Ugher, Catelliner,
Filipper, Greker, Alberichs gesehen,
Im Sturze noch der Stadt gerühmte Diener.

Und sah, die gleich an Ruhm und Alter stehen
Mit jenen von Sannella und von Arke,
Ardinghi, Bostichi, Soldanier vergehen.

An jenem Tor, das neuerdings so starke
Verräterei bedrückt, daß bald verspüren
Den Schiffbruch wird die überladene Barke,

Stand Ravignanis Stammhaus. Daraus rühren
Graf Guido her und die der Bellincione
Berühmten alten Namen sonst noch führen.

Schon wußte, wie es sich zu herrschen lohne,
Der Pressa. Schon war Galigajos Degen
Mit Gold beknauft - daheim! aus Furcht vorm Hohne.

Groß waren schon der Pelzpfahl allerwegen,
Sacchetti, Giuochi, Fifanti und Barucci,
Auch Galli und - die Scham vorm Kornmaß hegen.

Der Stamm, aus dem entsprossen die Calfucci,
War groß schon; und zu den kurulischen Stühlen
Hob man die Sizi schon und Arrigucci.

O wie sah die ich keck ihr Mütchen kühlen,
Die bald gestürzt! Die goldenen Kugeln ließen
Florenz sich stolz bei jeder Großtat fühlen.

Ruhm sah ich auch den Vätern jener sprießen,
Die heut beim Tod sich mästen des Prälaten
Und wein im Konsistorium lassen fließen.

Die Sippschaft - die entsproßt aus Drachensaaten
Dem Fliehenden scheint, doch sanft wird gleich dem Lamme
Zeigt man die Zähne oder die Dukaten -

Kam schon empor; doch aus ganz niederm Stamme:
Drob wars dem Ubertin Donat zuwider,
Daß zu den Vettern ihn der Schwäher verdamme.

Schon stieg zum Markt der Caponsacco nieder
Von Fiesole. Und Giuda galt im Orte
Samt Infangat als Bürger schon treubieder.

Unglaublich aber wahr sind folgende Worte:
Die in den kleinern Stadtteil führt - bis heute
Bildet der Pera Denkmal diese Pforte!

Und alle, die das schöne Wappen freute
Des großen Freiherrn - dessen Ruhm und Namen
Beim Thomasfest alljährlich sich erneute -

Diplom und Ritterschlag von ihm bekamen,
Obwohl jetzt huldigt niederm Volksgebaren,
Der um sein Wappen zog den goldenen Rahmen.

Die Gualtarotti und Importuni waren
Schon da; und Friede wär in Borgos Mauern,
Wenn sie von neuen Nachbarn nichts erfahren.

Das Haus, das Ursprung ward von euerm Trauern
Ob des gerechten Zorns, der euch erschlagen
Und euer heitres Leben nicht ließ dauern,

Sich und den Seinen sah den Ruhm es tagen,
O Buondelmonte! nicht zu deinen Frommen
Ließ falscher Rat der Heirat dich entsagen.

Wie viele lebten froh, die jetzt beklommen,
Wärst du durch Gott im Emafluß verschieden,
Als du zum erstenmal zur Stadt gekommen.

Doch wars dem Torso wohl bestimmt dortnieden,
Dem Brückenwächter, zum Altar zu dienen,
Drauf opfern sollt Florenz den letzten Frieden.

Mit diesen Bürgern und was sonst bei ihnen
Sah ich Florenz in solchem Friedensglanze,
Daß nie ein Grund zum Weinen war erschienen.

Mit diesen Bürgern sah im Ruhmeskranze
Das Volk ich so gerecht, daß man die Blüte
Der Lilie nie verkehrt trug auf der Lanze,

Noch daß sie rot im Bürgerzwist erglühte.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 17
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 17

Wie jener zu Klymenen trat, dem argen
Verdachte sicher auf die Spur zu kommen,
Sodaß seitdem mit Worten Väter kargen,

So war mir. Und so ward ich auch vernommen
Von Beatrice und dem heiligen Lichte,
Das erst den Ort gewechselt mir zum Frommen.

Drum sprach die Herrin: »Dreist zu mir nun richte
Den heißen Wunsch; doch komm uns drin die reine
Innere Prägung deutlich zu Gesichte.

Nicht daß kenntnisbereichernd uns erscheine
Dein Wort, nein! deinen Durst uns unverdrossen
Zu melden, daß man lösche ihn im Weine.« -

»O du mein teurer Stamm, so hochentsprossen,
Daß - wie wir Menschen klar am Dreieck sehen:
Zwei stumpfe Winkel hält es nie umschlossen -

Du so Ereignisse, eh sie geschehen,
Im Anschaun jenes Punktes kannst erkunden,
Drin gegenwärtig alle Zeiten stehen:

Indes ich aufstieg, mit Vergil verbunden,
Den Berg, der Heilung will den Seelen geben,
Und ich zur Todeswelt den Weg gefunden,

Hört ich manch Drohwort für mein Zukunftsleben.
Und fühl ich mich auch quadertrotzig stehen -
Genug, vor Schicksalsschlägen nicht zu beben,

Wär doch Genüge meinem Wunsch geschehen,
Wüßt ich, vor welchem Los ich müßt erbangen:
Der Pfeil fliegt träger, den wir vorher sehen.«

So ich zum Licht, das redend mich empfangen
Vorhin. So war gebeichtet auch vollkommen,
Gehorsam Beatricen, mein Verlangen.

Nicht unklar noch orakelhaft-verschwommen,
Wie es die blinde Menschheit einst berückte,
Eh Gottes Lamm die Sünde weggenommen,

Nein: bündigen Worts und unzweideutig drückte
Sich Vaterliebe aus, die mit Behagen,
Verhüllt und sichtbar, sich mit Lächeln schmückte.

»Zufall, der nie im Buch wird überragen
Die Blätter, draus sich euer Sein bereitet,
Liegt ganz vorm ewigen Antlitz aufgeschlagen.

Doch wird kein Zwang daraus ihm hergeleitet,
Sowenig als vom Auge, drin sichs spiegelt,
Dem Schiff, das mit dem Strom zutalegleitet.

Wie sich das Ohr dem Orgelklang entriegelt,
So wird, was für die Zukunft dir gediehen,
Von dorther meinem Blicke klar entsiegelt.

Wie Hippolyt Athen einst mußte fliehen
Vor seiner zweiten Mutter listigen Ränken,
So mußt du fliehend aus Florenz auch ziehen.

Das wünscht und strebt man dir schon einzutränken,
Und der wirds dort erreichen mittlerweile,
Wo Christus täglich steht vor Schacherbänken.

Schuldgeben wird zwar dem gekränkten Teile,
wie üblich, Volkesstimme; doch die Rache
Zeugt für die Wahrheit, Schuldlosem zum Heile.

Alles, was dich erfreu und hold dir lache,
Mußt du verlassen: der Pfeil wird entdecken
Zuerst dir, wie solch Bannfluch elend mache.

Wie fremdes Brot doch salzig pflegt zu schmecken,
Erfährst du; und wie über fremde Stiegen
Das Aufundab muß bittern Kummer wecken.

Doch wirds am tiefsten deine Schultern biegen,
Mit jener Schar, der Bosheit ist Bedürfen
Und Torheit Brauch, in einer Kluft zu liegen.

Wohl zeigt sie sich an Denkart und Entwürfen
Dir undankbar und ruchlos. Bald indessen
wird sie, nicht du! die Stirn sich blutig schürfen.

Und hast du ihre Roheit erst ermessen,
So siehst du, wie es dir nur konnte nützen,
Partei dirselbst zu sein anstatt sonstwessen! -

Mit erstem Obdach wird dich unterstützen
Die Großmut des Lombarden, der im Schilde
Die Leiter führt, die Adlerflügel schützen.

Sein Auge ruht auf dir mit gütiger Milde,
Daß unter euch beim Geben und Begehren
Als erstes gilt, was sonst das letzte bilde.

Dort wirst du ihn sehn, dem von diesem hehren
Gestirn schon durch Geburt ward Kraft gegeben
Zu Taten, an Bedeutung reich und Ehren.

Noch konnten auf das Kind sich nicht erheben
Der Völker Augen, weil um seine Krone
Neun Jahr lang erst die ewigen Kreise schweben.

Doch eh den hohen Heinrich der Gaskone
Betrügt, wird Funken seine Tugend sprühen,
Die nicht nach Mühsal fragt und goldenem Lohne.

So ruhmreich wird der Herrliche erblühen,
Daß ihn und seine Taten totzuschweigen
Selbst seine Feinde sich umsonst bemühen.

Harre auf ihn, er wird sich hilfreich zeigen.
Wandel wird vielem Volk durch ihn geschehen:
Die Reichen fallen und die Armen steigen.

Und laß von ihm dir dies geschrieben stehen
Im Geist, doch schweig ...« Und nun ward mir erschlossen,
Was dem unglaublich selbst, der es wird sehen,

Dann schloß er: »Dies sind zum Bericht die Glossen,
Mein Sohn. Die Tücken sinds, die noch erscheinen,
Wenn weniger Jahre Kreislauf erst verflossen.

Jedoch beneide deiner Nachbarn keinen!
Denn längere Zukunft bleibt dir zugewendet,
Als bis des Treubruchs Strafe sie beweinen.«

Als dann gezeigt durch Schweigen, daß vollendet
Die heilige Seele des Gewebes Rollen,
Wozu ich nur das Rahmenwerk gespendet,

Begann ich dem gleich, der im Zweifelvollen
Nach dem sich umtut, mit ihm Rat zu pflegen,
Der Rechtes sieht und liebt und nur mag wollen:

»Wohl seh ich, Vater, schon sich herbewegen
Den Tag, der mir mit hartem Stoß will dienen,
Der schwerer den trifft, der nicht trotzt dagegen.

Drum heißt es wappnen sich mit Schild und Schienen,
Damit, muß ich den liebsten Ort schon missen,
Mir nicht noch andre rauben die Terzinen.

Drunten in endlosbittern Finsternissen,
Am Berg, von dessen schönem Gipfelkreise
Der Herrin Auge mich emporgerissen;

Von Licht-zu-Licht dann auf der Himmelsreise
Vernahm ich viel, das - wenn ichs weitersage -
Manchem zustarkgepfeffert scheint als Speise.

Doch wenn als wahrheitsfreund ich furchtsam zage,
So fürcht ich nicht bei jenen fortzuleben,
Die alte Zeit einst nennen diese Tage.«

Das Licht, das lächelnd mein Juwel umgeben,
Das ich dort fand, entsprühte so, als ließe
Die Sonne auf Goldspiegel Strahlen schweben.

Dann sprachs: »Wer im Gewissen frei nicht hieße
Von Schuld, mag eigene oder fremde drücken,
Wird finden, daß dein Wort zu ätzend fließe.

Doch ohne es entstellend auszuschmücken,
Künde nur ganz dein Bild, das traumerschaute;
Und laß sich kratzen, wen der Grind mag jücken!

Denn wem da auch vor deiner Stimme graute
Beim ersten Kosten - lebenskräftige Speise
wird sie für jeden sein, der sie verdaute.

Dein Ruf wird brausen, eine Sturmwindsweise,
Die meistens macht die höchsten Wipfel schwingen;
Und das dient dir zu nicht geringem Preise.

Man zeigte deshalb dir in diesen Ringen,
Am Berge und im Tal schmerzvoller Zähren,
Nur Seelen, die berühmten Namens klingen.

Denn Glauben und Befriedigung wird gewähren
Des Hörers Geist kein Beispiel, das entsprossen
Aus Wurzeln dunkler und verborgener Sphären,

Noch sonst Beweise, die kein Licht umflossen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 18
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 18

Schon wieder still sich seines Wissens freute
Der selige Spiegel. Ich genoß das meine,
Indem ich süßes mir ins bittere streute.

Da sprach, die mich zu Gott geführt, die Reine:
»An andres denke! Denk: wie nahe steh ich
Dem, der das Unrecht tilgt, wie hart es scheine.«

Bei meines Trostes liebem Klange dreh ich
Sofort mich um. Doch wie so schön ich schaute
Die heiligen Augen jetzt, das übergeh ich.

Nicht daß ich meinem Wort allein mißtraute,
Nein, weil soweiten Rückweg einzuschlagen,
Meinem Gedächtnis ohne Führung graute.

Soviel kann ich hiervon nur wiedersagen:
Als ich sie einzig anzuschauen bedachte,
Konnt ich mit keinem andern Wunsch mich tragen.

Indes die Ewige Lust - die gradwegs lachte
Auf Beatricens Antlitz, glanzumsponnen -
Im Widerschein mich überselig machte,

Bezwang sie mich mit ihres Lächelns Sonnen
Und sprach: »Schau hin und höre! Denn dir spendet
Nicht nur mein Auge Paradieseswonnen.«

Wie oft ein äußeres Zeichen sichtbar sendet
Der Wunsch, der ganz der Seele bringt Genügen,
Daß er im Antlitz als ein Abglanz endet,

So sah ich in den heiligen Flammenzügen,
Umwendend mich zum hellern Glutgeblitze,
Den Wunsch, noch einige Worte anzufügen.

Da sprachs: »In dieses Baumes fünftem Sitze,
Der stets voll Frucht, dem Blätter nie entstoben,
Der Nahrung saugt aus seines Wipfels Spitze,

Sind selige Geister, die, eh sie enthoben
Zum Himmel, ruhmvoll schon bei Lebenszeiten,
Daß jede Muse fände Stoff zum Loben.

Drum schau, wo sich des Kreuzes Arme breiten:
Ausleuchten wird, wen ich dir werde nennen,
Als sähst du einen Blitz durch Wolken gleiten.« -

Ich sah ein Leuchten übers Kreuz hinrennen,
Sobald er ließ den Ruf »Josua« ergehen:
Nicht ließ vorm Wort sich mir die Tat erkennen.

Und konnte den hohen Makkabäer sehen
Als kreisend Licht; und Wonne trieb im Schoße
Der Glut als Peitsche dieses Kreisels Drehen.

So Roland dann erschien und Karl der Große.
Ich folgte ihrem Flug mit Spähermienen
Gleichwie das Auge folgt des Falken Stoße.

Wilhelm und Rinoard am Kreuz erschienen.
Auch Herzog Gottfried schwang sich im Gepränge,
Und Robert Guiskard blitzte hinter ihnen.

Vereint dann mit der andern Lichtgedränge
Wies mir die Seele, deren Wort geendet,
Auch sie sei Künstlerin himmlischer Gesänge.

Ich hatte neu zur Rechten mich gewendet,
Ob Beatrice mir vielleicht ein Zeichen,
Vielleicht ein Wort zu meiner Weisung spendet,

Und sah am Augenglanz der Schönheitsreichen,
Daß nichts an klarem wonnigem Entzücken,
Von einst bis hier zuletzt, ihr zu vergleichen.

Und wie, jemehr uns gute Taten glücken,
wir mehr uns freuen, weil es uns gelungen,
Im Tugendwege täglich vorzurücken,

So sah ich, während ich mich umgeschwungen,
Daß größerer Himmelsbogen mich umfangen,
An meines Wunderbilds Verschönerungen.

Und wie in kurzem zarter Jungfrau Wangen
Sich wieder weißlich färben, wenn der Frommen
Der Schamesröte Merkmal ist vergangen,

So war sie meinen Augen vorgekommen
Im Silberlicht des milderen Planeten,
Des sechsten, der mich nunmehr aufgenommen.

Als sich der Liebe Funken wirbelnd drehten
Im Jovisfackelbrand, konnt ich gewahren,
Daß sie sich ordneten zu Alphabeten.

Und wie vom Ufer Vögel aufwärtsfahren,
Gleichsam zur Weide Mahlzeitwunsch sich bringend,
Sich bald zu Gruppen, bald auch anders scharen,

So sangen heilige Wesen hier, sich schwingend
In ihrer Lichter Glanz, und sich beim Fliegen
Zu einem D und I und L, verschlingend.

Erst ließen sie zu ihrem Sang sich wiegen.
Und dann, geformt zu einem jener Zeichen,
Hielten sie etwas an, indem sie schwiegen.

O Göttin Pegasea, die erbleichen
Den Ruhm nicht läßt den Geistern, und mit ihnen
Den Städten Dauer giebt und Königreichen,

Laß deine Klarheit mir zur Leuchte dienen!
Und daß ich mag die Formen richtig malen,
Gieb Kraft dem knappen Versmaß der Terzinen.

Ich sah nun fünfmalsieben an Vokalen
Und Konsonanten, die sich niederließen;
Und merkte Art und Ort der Initialen.

DILIGITE JUSTITIAM: also hießen
Das erste Zeit- und Hauptwort für das Ganze.
QUI JUDICATIS TERRAM sah ichs schließen.

Beim fünften Wort verharrten sie im Glanze
Des M. Und Jupiter schien mir gediehen
Zum Silberschild mit goldener Schrift im Kranze.

Und andre Lichter sah ich niederziehen
Aufs Haupt des M, dort rastend Dem zu weihen
Ein Lied, dem so Anziehungskraft verliehen.

Und dann, wie zahllos stieben Funkenreihen,
Wenn man zwei glühende Scheite schlägt zusammen,
Draus Toren pflegen sich zu prophezeien,

So stiegen dort empor wohl tausend Flammen
Und flogen mehr und minderhoch in Schnelle,
Wie es die Sonne fügt, der sie entstammen.

Und wie nun jede stand an ihrer Stelle,
Sah ich als Adlerhaupt und -hals gestaltet
Die Flammen auf des Hintergrundes Helle.

Ihn leitet nichts, der droben malt und waltet,
Nein, leitet selbst. Und Ihm nur ist entsprossen
Die Bildkraft, die den Nestern Form entfaltet.

Die andre selige Schar, zum M ergossen,
Beglückt, sich dort in Lilienform zu einen,
Hat dann das Bild vollendet und beschlossen.

O süßer Stern! mit wieviel Edelsteinen
Zeigst du: vom Himmel, den verschönt dein Schimmer,
Kann uns Gerechtigkeit allein erscheinen.

So bitt ich denn den Geist, der dir noch immer
Kraft und Bewegung leiht, sich umzuschauen,
Welch Rauch dein Licht umdüstert täglich schlimmer,

Daß wiederum sein Zorn schafft denen Grauen,
Die Kaufs und Verkaufs pflegen in dem Tempel,
Den Wunder einst und Martern halfen bauen.

O Himmelskriegsschar! die wie Gottes Stempel
Vorm Blick mir steht, bitte für die verkehrte
Menschheit, die irreführt ein bös Exempel.

Einst war Kriegsführung üblich mit dem Schwerte,
Die heut durch Brotentziehung wird getrieben,
Das keinem noch ein frommer Vater wehrte.

Doch du, der um zu streichen nur geschrieben,
Merk: für den Weinberg, dran du dich vergangen,
Starb Paul und Petrus, die doch leben blieben.

Du sagst mit Recht: »Nach dem zielt mein Verlangen,
Der einsamleben wollte, täglich frischer,
Dem sie durch Tanz das Martertum erzwangen,

Daß ich nicht Paulum kenne noch den Fischer.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 19
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 19

Vor mir erschien mit ausgespreizten Schwingen
Das schöne Bild, das freudiges Genießen
Die engverflochtenen Seelen ließ durchdringen.

Kleinen Rubinen glichen alle, und ließen,
Weil sie im hellsten Sonnenlicht entbronnen,
Den Blitzpfeil mir zurück ins Auge schießen.

Und was ich nun soll schildern, ist entronnen
Noch keiner Feder und noch nie von Zungen.
Auch keine Fantasie hats je ersonnen.

Denn reden sah ich, hörte, wie erklungen
Der Schnabel, dem ein Ich und Mein entschwebte,
Wo Wir und Unser wär vom Sinn bedungen.

Dann sprach er: »Weil gerecht und fromm ich lebte,
Ward ich zu dieser Herrlichkeit erhoben,
Die niemals je der bloße Wunsch erstrebte.

Drum ist mein Angedenken nicht zerstoben
Auf Erden. Nur beherzigen nicht die Schlimmen
Meine Geschichte, ob sie mich auch loben.«

Wie man aus vieler Kohlen Glut ein Glimmen
Nur fühlt, hört ich von all den Liebesgluten
Aus jenem Bild nur eine aller Stimmen.

Drauf ich: »O Blumen ihr des Ewigguten,
Die ihr aus Reichen mir, die nie verblaßten,
All-eure Düfte laßt als einen fluten,

Stillt mir durch euern Hauch das große Fasten,
Das lange Zeit mich hungernd hingehalten,
Weil keine Erdenspeisen dafür paßten.

Ich weiß, wenn göttliches gerechtes Walten
Sich in dem andern Himmelsreiche spiegelt,
Will es auch euch sich schleierlos entfalten.

Ihr wißt, wie achtsam euerm Wort entriegelt
Mein Ohr bleibt. Wißt, welch zweifelvoller Glaube
Mir alte Gier nach Sättigung aufgewiegelt.«

Gleichwie der Falke, löst man ihm die Haube,
Die Flügel freudig schlägt, den Kopf erhoben,
Und, sich schön-machend, Lust bezeigt zum Raube,

So sah dies Bild ich handeln, das gewoben
Aus Hymnen, Gottes Huld zu offenbaren,
Wie sie nur kennt, wer jauchzen darf dortoben.

Darauf beganns: »Der um die Welt gefahren
Mit seinem Zirkel und, was unverständlich
Und dunkel drinnen, schied vom offenen, klaren,

Er konnte seine Kraft nicht also kenntlich
Aufs Weltall prägen, daß sein Wort nicht immer
Unendlich überragte noch, was endlich.

Dies lehrt der erste Stolze uns; denn schlimmer
Als er, der Schöpfung Krone, fiel doch keiner,
Weil er nicht harrte auf des Lichtes Schimmer.

Draus folgt, daß jegliche Natur, die kleiner,
Zu dürftig als Gefäß ist, einzuschließen
Endloses Gut, das nur ein Selbstmaß seiner.

Drum ist auch euer Blick - in den erfließen
Ein Strahl nur kann von jenes Geistes Brennen,
Den alle Dinge, voll von ihm, genießen -

Seiner Natur nach nicht so stark zu nennen.
Daß nicht sein Ursprung weiterab sich kehre,
Als eurer Einsicht möglich zu erkennen.

Drum muß der Menschenblick, der erdenschwere,
Der ewige Gerechtigkeit will fassen,
Sich so verlieren wie der Blick im Meere.

Am Ufer mag sich Grund erblicken lassen,
Auf See nichtmehr, wo er doch auch vorhanden;
Nur bergen ihn die tiefern Wassermassen.

Was nicht des Himmels schattenlosen Landen
Entstammt, ist kein Licht, sind nur Dämmerungen,
Aus Fleischesblindheit oder Gift entstanden.

Jetzt ist das Licht wohl ins Versteck gedrungen,
Drin dir sich die Gerechtigkeit verloren,
Die lebende, drob fragend du gerungen,

Indem du sprachst: ?Am Indus wird geboren
Ein Mensch, dem niemand spricht von Christus dorten,
Dem Schrift und Wort nie kommt vor Aug und Ohren.

Doch Tun und Denken zeigt ihn allerorten,
Soweit der Mensch erkennt, als unverdorben,
Und gut und lasterfrei in Werk und Worten.

Wenn er als Heide ungetauft gestorben,
Wo ist Gerechtigkeit, die ihn vernichte?
Wo Schuld, daß er den Glauben nicht erworben??

Und wer bist du, zu thronen im Gerichte,
Daß er auf tausend Meilen Recht verkünde
Mit spannenkurzer Sehkraft im Gesichte?

Ja, wer mit mir will grübeln über Gründe,
Dem würde bald vor Zweifeln bang zumute,
wenn über euch die Heilige Schrift nicht stünde.

O Erdentiere! Geister, träg im Blute!
Güte ansich ist der Urwille eben,
Der niemals wich vonsich, dem Höchsten Gute.

Gerechtsein heißt: Einklang mit ihm erstreben.
Erschaffenes zieht ihn an in keiner Weise.
Nein, Er, ausstrahlend, ruft es erst ins Leben.«

Wie überm Nest die Störchin zieht im Kreise,
Nachdem sie wohlverpflegt hat ihre Jungen,
Und wie ihr nachblickt dann, was satt an Speise,

So hat das heilige Bild sich aufgeschwungen,
Durch hundert Willen Eins im Flügelschlagen,
Und so war auch mein Blick ihm nachgedrungen.

Und kreisend sang es und ich hört es sagen:
»Wie unfaßbar mein Lied ist dem Verstande,
So wenig wird euch Gottes Ratschluß tagen.«

Dann, als es stille ward im Flammenbrande
Des Heiligen Geistes, noch in jenem Zeichen,
Dem Ehrfurcht Rom verdankt in jedem Lande,

Begann es wiederum: »Zu diesen Reichen
Stieg keiner auf, der nicht geglaubt an Christus,
Nicht eh noch seit Er mußt am Kreuz erbleichen.

Doch siehe! viele rufen: ?Christus! Christus!?
Die einst Ihm ferner stehn, wenn er wird richten,
Als mancher wohl, der nimmer kannte Christus.

Die wird mit seinem Strafurteil vernichten
Der Neger selbst, wenn einst die Trennung tagen
Den Ewigreichen wird und armen Wichten.

Was können Perser euern Königen sagen,
Wenn sie in jenem Buche sehen die Daten
Von allen ihren Sünden eingetragen?

Dort wird man sehen, nebst Albrechts andern Taten,
Jene, die ich alsbald verzeichnet wähne,
Wodurch zur Wüste Prags Gebiet mißraten.

Dort wird man sehen den Schmerz, den an der Seine
Durch Münzverfälschung der dem Lande brachte,
Der sterben wird am Stoß der Borstenmähne.

Dort wird man sehen den Stolz, der Durst entfachte
Und Tollheit in dem Schotten und dem Britten,
Bis seiner Schranken keiner mehr gedachte.

Man sieht die Wollust und die weichen Sitten,
Drin Spanier sich und Böhme übernahmen,
Die Tugend nie gekannt noch wohlgelitten.

Man sieht bei dem Jerusalemer Lahmen
Mit einem J bezeichnet seine Güte;
Doch wird ein M das Gegenteil umrahmen.

Man sieht, wie feig und geizig im Gemüte
Der Hüter von den Kraterinselstaaten,
Wo lang das Alter des Anchises blühte.

Und wie gering sein Preis, wird man erraten,
Weil man von ihm mit abgekürzten Zeichen
In engen Raum drängt viele schlechte Taten.

Und jeder liest auch von den schlimmen Streichen,
Die zugefügt dem Blute hochgepriesen
Bruder und Ohm, und zweien Königreichen.

Und wird den Norweg dort und Portugiesen
Erkennen und den Raszier, der im schlechten
Gepräg Venedig schlimmen Dank erwiesen.

O glücklich Ungarn! läßt du länger knechten
Dich nicht. Navarra Heil! das nicht mehr zittert,
will es im Schutze seines Bergsaums fechten.

Und jeder glaube, Nicosia wittert
Samt Famagost den Vorgeschmack schon lange
Vom Zorn, der ob der Bestie sie erbittert,

Die mit den andern zieht am gleichen Strange.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 20
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 20

Wenn jene, die dem Weltall Helle spendet,
Von unserer Erdenhälfte abwärtsschreitet,
Sodaß der Tag auf allen Seiten endet,

Dann wird, dem sie allein erst Licht bereitet,
Der Himmel schnell viel neue Lichter zeigen,
Durch die der Widerschein des Einen gleitet.

Ich dachte an dies Bild vom Sternenreigen,
Sobald der Weltherrschaft Panier geschlossen
Den heiligen Schnabel hielt zu tiefem Schweigen,

Weil allen Lichtern Hymnen jetzt entflossen -
Die zu behalten, mein Gedächtnis brauchte
Mehr Kraft - und hellrer Glanz rings war ergossen.

O Liebe! süß in Lächeln eingetauchte,
Wie heiß schien jede Flöte jm Vereine,
Drin heiliger Gedanken Kraft nur hauchte.

Nachdem die teuern leuchtenden Gesteine,
Die ich hier sah das sechste Licht erhellen,
In Ruh gewiegt der Engelsglocken Reine,

War mirs, ich hörte eines Flusses Wellen
Hinplätschern klar von Klippen her zu Klippen,
Vom Reichtum zeugend ihrer Bergesquellen.

Und wie auf des Gitarrenhalses Rippen
Der Ton sich bildet, oder an Schalmeien,
Wo durch das Luftloch tritt der Hauch der Lippen,

So hört ich, alsob hohl die Räume seien,
Im Adlerhals dies Murmeln aufwärtsdringen,
Sich ohne Zwischenpause zu befreien,

Und hörte dann des Schnabels Stimme klingen
In Worten, die mit Sehnsucht ich erfahren,
Um sie, ins Herz geschrieben, heimzubringen.

»Den Teil an mir,« so klangs, »der sonst bei Aaren
Vermag den Blitz der Sonne auszuhalten,
Geziemt es jetzt, aufmerksam zu gewahren.

Denn von den Feuern all, die mich gestalten,
Stehn die als höchste auch nach ihrem Grade,
Die meines Auges Funkelglanz entfalten.

Im Stern des Auges leuchtet reich an Gnade
Des Heiligen Geistes Sänger, der da führte
Von Ort zu Orte einst die Bundeslade:

Jetzt weiß er, wenn er einst die Saiten rührte,
Soweit Begeistrung ließ den Sang erheben,
Wie Lohn entsprechend dem Verdienst gebührte.

Der von den Fünf, die meine Braue weben,
Befugt, daß er zunächst dem Schnabel weile,
Hat Trost der Witwe für den Sohn gegeben:

Jetzt weiß er, wie man viel verliert vom Heile,
Folgt man nicht Christus, seit er mußte proben
Vom süßen Leben und vom Gegenteile.

Und der auf dem erwähnten Kreis nach oben
Ihm folgt im Bogen, hat - weil er bereute
Aufrichtigen Sinnes - seinen Tod verschoben:

Jetzt weiß er, daß dem Wechsel nicht zur Beute
Des Ewigen Richtspruch fällt, wenn frommes Flehen
Dort unten auch zum Morgen macht das Heute.

Des Nächsten Tat, auf Gutes abgesehen,
Ward schlimm. Er wollt mit mir und den Gesetzen
Als Grieche nicht dem Papst im Wege stehen:

Jetzt weiß er, daß ihnselber nicht verletzen
Die Schäden, die entkeimt dem besten Streben,
Ob sie die Welt zerrissen auch in Fetzen.

Und den du siehst am Bogen abwärtsschweben,
War Wilhelm. Wie sie seinen Tod beweinen,
Tun sies um Karl und Friedrich, weil sie leben:

Jetzt weiß er, wie der Himmel gut es meinen
Mit Fürsten kann, ziehn sie gerechte Bahnen.
Sein Glanz beweists und läßt noch froh ihn scheinen.

Wer von euch blinder Menschheit möchte ahnen,
Daß an der heiligen Lichter fünfter Stelle
Erglänzen des Trojaners Ripheus Manen?

Jetzt weiß er hier in Gottes Gnadenhelle
Soviel von dem, darein kein Blick gedrungen,
Obwohl auch er nicht späht zum Grund der Quelle.« -

Wie sich die Lerche singend erst geschwungen,
Befriedigt dann nicht ihrer Kunst mehr waltet,
Vom letzten Jubel satt, der süß verklungen,

So schien das Sinnbild mir, das hier entfaltet
Den Abdruck Ewiger Lust, die nach Belieben
Ein jedes Ding, so wie es ist, gestaltet.

Und ob mein Zweifel ins Gesicht geschrieben
Wie Farbe hinterm Glase mochte stehen,
Konnt schweigend er die Frage nicht verschieben,

Doch mir den Ausruf: »Wie kann das geschehen?«
Mit seines Druckes Wucht vom Munde locken;
Drob rings ein großer Freudenglanz zu sehen.

Hierauf, im Auge hellere Flammenflocken,
Gab Antwort mir das benedeite Zeichen,
Daß nicht mein Herz mehr staunend sei erschrocken:

»Ich seh, du glaubst die Dinge, weil dergleichen
Ich dir gesagt; doch lernst das Wie nie kennen,
Daß sie, obwohl geglaubt, kein Licht dir reichen.

Dem gleichst du, der die Dinge kann benennen,
Nur ihrem Wesen nach nicht unterscheiden,
Lehrt man ihn eines nicht vom andern trennen.

Regnum coelorum kann Gewalt erleiden,
Wenn Hoffnung es und Liebesglut bekriegen,
Wo Gottes Wille wird besiegt von beiden.

Doch ists nach Menschenart kein Unterliegen.
Gott will besiegt sein, daher sein Ergeben.
Er will durch Güte als Besiegter siegen.

Der Braue erstes und ihr fünftes Leben
Erstaunt dich, weil du schmücken siehst die beiden
Das Reich der Engel. Doch sie starben eben

Als Christen, nicht wie du gewähnt als Heiden,
Der glaubte an das Leid, als es betroffen
Die Füße, der an ihre künftige Leiden.

Denn aus der Hölle kam, die sonst nie offen
Der Besserung steht, der eine neu ins Leben
Zum Lohn allein für sein lebendiges Hoffen,

Lebendiges Hoffen: es sei Gott gegeben,
Kraft des Gebetes ihn aus Todesbanden
Zur völligen Willensfreiheit zu erheben.

So war, von dem ich sprach, im Fleisch erstanden
Für kurze Zeit der Geist des ruhmreich Frommen,
Glaubend an den, wo alle Hilfe fanden.

Und glaubend, wahrer Liebe voll entglommen,
So stark, ward an des zweiten Todes Schwelle
Gewürdigt er, zu diesem Fest zu kommen.

Der andere warf - durch Gnade jener Quelle,
Zu deren Tiefen noch hinabgeschossen
Kein irdisches Auge bis zur ersten Welle -

Aufs Rechttun all sein Lieben unverdrossen,
Bis Gott sein Aug, von Gnade zu Gnade steigend,
Unsrer Zukunftserlösung aufgeschlossen.

Drum glaubte er daran und trug nun schweigend
Nicht fernerhin den Stank der Heidenscharen,
Nein, rügte sie, den Irrwahn ihnen zeigend.

Jene drei Frauen ihm Taufvertreter waren,
Die du am rechten Rade sahest stehen,
Eh man getauft vor mehr als tausend Jahren.

O Gnadenwahl! in welche Tiefen gehen
Doch deine Wurzeln vor den Angesichtern,
Die völlig nie den ersten Grund ersehen.

Und ihr, Sterbliche, macht euch nicht zu Richtern,
Da wir sogar, die Gott erschauen im Vollen,
Nicht kennen, die er hier erkor zu Lichtern.

Und Süße weiß solch Mangel uns zu zollen,
Weil unser Heil sich steigert in dem Heile,
Alles was Gott will, selber auch zu wollen.«

So ward - daß nicht die Trübung länger weile
Vor meinem Blick - vom Bild, dem gottgeweihten,
Die süßeste Arznei mir hold zuteile.

Und wie ein guter Harfner im Begleiten
Des guten Sängers Lied weiß zu beleben,
Dem Sange höhern Wohllaut zu bereiten,

So, als der Adler sprach, gedacht ich eben,
Daß die zwei benedeiten Lichter dorten,
wie Augen sich im Gleichschlag senken und heben,

Auch ihre Flämmlein regten bei den Worten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 21
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 21

An meiner Herrin Antlitz neugebunden
Hing schon mein Blick und was die Seele dachte,
Und jeder andere Wunsch war mir entschwunden.

Und jene lachte nicht, nein: »Wenn ich lachte,«
Sprach sie zu mir, »so würd es dich verzehren
Gleich Semelen, die Glut zu Asche machte.

Denn meine Schönheit - die sich pflegt zu mehren
Im ewigen Palast, jemehr wir steigen,
Wie du dich konntest stufenweis belehren -

Sie würde ungedämpft solch Feuer zeigen,
Daß deine Erdenkraft wär bald zerstoben
Gleich schwachem Laub an blitzversengten Zweigen.

Wir sind zum siebenten Glanzgestirn enthoben,
Das, unterm Löwenherzen, dem glutheißen,
Herniederstrahlt, mit dessen Kraft verwoben.

Den Augen nach laß deinen Geist sich reißen
Und laß gleich Spiegeln für das Bild sie walten,
Daß dir in diesem Spiegel hier wird gleißen.« -

Wers wüßte, wie ihr Anblick zu entfalten
Mir stets verstand die höchste Augenweide,
Als andrer Sorge nun die Blicke galten,

Der säh die Lust, Gehorsam dem Bescheide
Der himmlischen Gefährtin zu erzeigen,
Wenn er erwogen die Gefühle beide.

In dem Kristall, der durch die Welt im Reigen
Dahinträgt seines teuern Führers Namen,
Zu dessen Zeit die Bosheit mußte schweigen,

Sah eine goldene Leiter ich im Rahmen
Des Lichtes stehn sohoch, daß mir verschlossen
Ihr Ende, und mein Aug ich fühlt erlahmen.

Auch sah ich niedersteigen auf den Sprossen
Soviel an Glanz, alsob die Pracht ich sähe
Des ganzen Sternenhimmels hier ergossen.

Und wie nach angeborenem Trieb die Krähe
Beim Morgengrauen umherstreift scharenweise,
Ihr kalt Gefieder wärmend in Sonnennähe,

Ein Schwarm dann ohne Rückkehr macht die Reise,
Ein Schwarm zum Ausgangsort kommt heimgezogen,
Ein Schwarm auch wohl verbleibt und zieht im Kreise:

So schienen diese Funken mir bewogen,
Sobald zu einer Sprosse sies getrieben,
Zu der sie scharenweise hergeflogen.

Und jener, der zunächst uns stehngeblieben,
Sprühte hellauf. Drob so zu mir begann ich:
»Wohl seh ich, daß du mir bezeigst dein Lieben.

Doch sie, die sonst mir sagte, wie und wann ich
Spräch oder schwiege, stockt. Drum wird mirs frommen,
Ich frage nicht trotz meinem Wunsch.« - So sann ich.

Drob sprach sie, die mein Schweigen wahrgenommen
Im Anschauen Des, der alles noch erschaute:
»Laß nur den heißen Wunsch zuwortekommen.«

Und ich begann: »Auf mein Verdienst wohl baute
Nur schwach ich, daß du Antwort mir erteilest,
Wenn ich nicht ihr, die mirs erlaubt, vertraute,

Du seliges Leben, das versteckt du weilest
In deiner Wonne. Darum gieb mir Kunde,
Weshalb du so in meine Nähe eilest,

Und weshalb stumm nun sind in euerm Bunde
Die süßen Paradiesessinfonieen,
Die mich erbaut im untern Sternenrunde.« -

»Dir ist nur irdisch Aug und Ohr verliehen,«
Sprach er. »Die Lieder schwiegen drum, die süßen,
Wie Sie ihr Lächeln mußte dir entziehen.

Ich stieg bis zu der heiligen Leiter Füßen
Hinab, genugzutun dem Doppeltriebe,
Mit Wort und Licht dich festlich zu begrüßen.

Nicht machte mich eilfertiger größre Liebe.
Denn Liebe, gleich und größer, glüht nach oben,
Wie dir es offenbart dies Glutgestiebe.

Nein, höchste Güte, die uns hat erhoben
Zu willigen Dienern für den Herrn der Welten,
Läßt uns, du siehsts, hier unser Amt erproben.« -

»O heiliges Licht, nun seh ich klar wie selten,«
Sprach ich, »wie freie Liebe die Befehle
Der ewigen Vorsicht läßt gehorsam gelten.

Doch kann ich eines, Was ich dir nicht hehle,
Schwer fassen: daß aus diesem Glanzgewühle
Just du zum Dienst bist die erwählte Seele.«

Und eh ich mir entschlüpft das Schlußwort fühle,
Hat schon das Licht um seinen Kern begonnen
Als Achse sich zu drehen gleich schneller Mühle.

Dann sprach die Liebe, die darin entbronnen:
»Ein Blitz vom Gottlicht ist in mich gedrungen,
Das Licht durchdringend, das mich hält umsponnen,

Und stärkt mein Schauen, das mich aufgeschwungen
So hoch, daß ich die Wesenheit, die Eine
Und Höchste schaue, draus dies Licht entsprungen.

Und darum sprüh ich so im Freudenscheine.
Denn wie mir die Erleuchtung wächst im Klaren,
So klarer wird auch meine Glut an Reine.

Doch selbst der klarste Geist der Engelscharen,
Der Gott mit schärfern Augen darf betrachten,
Der Seraph nicht kann deinem Wunsch willfahren.

Denn in des ewigen Rates tiefsten Schachten
Verbirgt sich das, was Antwort könnte schenken;
Und ewig wirds erschaffenen Augen nachten.

Und künde, wirst du heim zu Menschen lenken,
Daß nach so hohem Ziele mit Beschwerden
Den Fuß zu heben, keiner mehr soll denken.

Der Geist, hellflammend hier, giebt Rauch auf Erden.
Drum sieh, ob das ihm drunten könnte tagen,
Was selbst im Himmel ihm nicht klar kann werden.«

So sah ich sein Wort meinem Schranken schlagen,
Daß ich das Forschen ließ, um ihn bescheiden
Und demutvoll, wer er wohl sei, zu fragen.

»Es ragen mitten von Italiens beiden
Gestaden, unfern deinen Heimatsauen,
Felsen sohoch, daß sie die Donner meiden,

Und einen Kulm, genannt Catria, bauen.
Darunter liegt die Einsiedelei im Grunde,
Geweiht, sich still in Andacht zu beschauen.«

So wurde mir von ihm die dritte Kunde.
Fortfahrend sprach er dann: »Hier ohne Wanken
Ward ich so treu und stark im Gottesbunde,

Daß Frost und Glut ich ohne zu erkranken,
Nur bei olivenölgetränkter Speise,
Gelitten in beschaulichen Gedanken.

Sonst sproßte reichlich Frucht im Klosterkreise
Für diese Himmel. Doch daß es zu Rande
Nun geht - bald bringt die Zeit dafür Beweise.

Ich, Pier Damianus, lebte dort im Lande,
Petrus Peccator aber in den Hallen
Von Unserer Lieben Frau am Adriastrande.

Beinah am Ziele stand mein Erdewallen,
Als man mich rief und zwang zu jenem Hute,
Den Schlechte jetzt an Schlechtere lassen fallen.

Kephas ging darbend einst, der unbeschuhte.
So ging auch das Gefäß vom Heiligen Geiste.
Beide trotz Herbergskost bei frohem Mute.

Heut will der Hirt, daß man ihm Hilfe leiste
Von rechts und links. Selbst rückwärts soll man halten
Und stützen ihn: so reitet schwer der Feiste!

Den Gaul selbst hüllt er mit des Mantels Falten,
Daß unter einem Fell zwei Bestien gehen:
Wie lang, o Langmut, läßt du sie noch schalten?«

In schnellem Wirbel, als dies Wort geschehen,
Stiegen noch Flämmchen mehr herab die Speichen,
Wachsend an Farbenpracht bei jedem Drehen.

Dann hielten sie um ihn im Kranzeszeichen
Und ließen einen Schrei so laut ertönen,
Daß Klänge ihm von hier nicht mochten gleichen,

Noch daß ich ihn verstand, besiegt vom Dröhnen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 22
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 22

Betäubt vom Schrecken, wandt ich mich und schaute
Zu meiner Führerin gleich einem Kinde,
Das seiner Zuflucht nie umsonst vertraute.

Und sie - wie eine Mutter, die geschwinde
Beispringt dem Söhnlein, dem erschöpften bleichen,
Daß er sich durch ihr Wort beruhigt finde -

Sprach: »Weißt du nicht, daß du in Himmelsreichen?
Und weißt nicht, daß er Heiliges nur umfange?
Und was geschieht, nur guter Absicht Zeichen?

Wie du verwandelt worden beim Gesange
Und durch mein Lächeln wärst, kannst du jetzt sehen,
Da dich der Schrei durchschüttelt schon so bange.

Könntest du seine Bitten drin verstehen,
Im voraus sähest du die Rache tagen,
Die noch vor deinem Tode wird geschehen.

Das Schwert von droben pflegt nicht schnell zu schlagen
Noch langsam auch. Dies mag wohl jener meinen,
Der darauf harrt in Hoffnung oder Zagen.

Doch laß nun andres dir vorm Blick erscheinen;
Und sehn wirst du erlauchter Geister viele,
Folgest du meinen Augen mit den deinen.«

Wie ihrs gefiel, wandt ich den Blick zum Ziele,
Und sah an hundert Küglein hellen Prangens,
Verschönend sich im bunten Wechselspiele.

Ich stand wie wer den Stachel des Verlangens
Zurückdrängt, Zweifelfragen gern noch löste,
Doch als zuviel sie unterdrückt voll Bangens.

Und die am stärksten leuchtende und größte
Der Perlen trat hervor aus ihren Scharen,
Daß sie den Wissensdrang nach ihr mir tröste.

»Könntest du,« sprachs in ihr, »gleich mir gewahren
Das unter uns entflammte Liebeswalten,
Du würdest all dein Denken offenbaren.

Doch soll kein Aufschub dir den Drang erkalten
Zum hohen Ziel. Bescheid deshalb empfange
Auf deinen Wunsch, den du geheimgehalten.

Der Berg, aus dem Cassino liegt am Hange,
War droben vielbesucht in alten Tagen
Von Volk, das Trug und Bosheit übte lange.

Und ich bins, der zuerst hinaufgetragen
Den Namen Dessen, der zur Erde brachte
Die Wahrheit, die uns hier sohoch läßt ragen.

Und also hell die Gnade mich entfachte,
Daß ich ringsum die Orte könnt entheben
Dem Götzendienst, der blind die Menschheit machte.

Die andern Feuer übten all im Leben
Beschaulichkeit, die Inbrunst zu entfalten,
Die Blüten kann und heilige Früchte geben.

Hier sieh Macarius, hier sieh Romuald walten;
Hier meine Brüder, die in Klöstern waren,
Die Füße still und fest das Herz zu halten.«

Und ich zu ihm: »Die Huld, die ich erfahren
Aus deinem Worte, und das gütige Schauen,
Das eure Flammen all mir offenbaren,

Es hat so ganz erweitert mein Vertrauen,
wie sich die Rose öffnet im Gefilde
Den Sonnenstrahlen, die sie sanft durchlauen.

Darum erhöre, Vater, mir voll Milde
Den Wunsch - ich weiß, ich bitte um nichts Kleines -
Zu schauen dich im unverhüllten Bilde.«

Drauf er: »Bruder, solch hoch Begehr wie deines
Erfüllt sich in der letzten aller Sphären,
Wo jedes wünschen sich erfüllt und meines.

Dort wird man jeden Wunsch als reif erklären
Und voll-erhört. Dort stehn in ihr befohlen
Die Teile, wo sie sind und ewig währen,

Weil sie ortsunabhängig, frei von Polen.
Soweit auch unsre Leitersprossen reichen;
Drum kann dein Auge sie nicht überholen.

Soweit sah Jakob sie als Gnadenzeichen,
Der Patriarch, bis zu den letzten Enden,
Als er so voller Engel sah die Speichen.

Heut will kein Fuß sich mehr vom Boden wenden,
Sie zu erklimmen. Und den Büchereien
Schadet mein Orden mit Papierverschwenden.

Die Mauern, die uns dienten zu Abteien,
Sind Räuberhöhlen heut. Und die Kapuzen
Sind Säcke, angefüllt mit schlechten Kleien.

Doch selbst der schwerste Wucher kann nicht trutzen
So gegen Gottes willen wie die Früchte,
Die herzbetörte Mönche gierig nutzen.

Das Kirchengut gehört dem Volk; dies flüchte
Zu ihm mit einem ?Gott vergelts!? Heut sparen
Den Vettern sies und schlimmerem Gezüchte.

Sterbliches Fleisch ist schwach und unerfahren,
Daß guter Anfang kein Beweis, der schlagend,
Ob Eichelsaat einst Eichen läßt gewahren.

Petrus fing an, nicht Gold und Silber tragend,
Und ich mit Fasten und inbrünstigem Flehen;
Und Franz schuf seinen Orden still-entsagend.

Und wenn du siehst von jedem das Entstehen,
Und wieder stehest, wo es jetzt will enden,
So wirst du Weiß in Schwarz verwandelt sehen.

Doch der den Jordan einst sich rückwärtswenden,
Und fliehen ließ das Meer - Gott läßt geschehen
Leicht größere Wunder, als hier Hilfe senden.«

So sprach er, neu zu seiner Schar zu gehen;
Und enger drängte sich die Schar. Dann schossen
Alle empor wie Wirbelwindeswehen.

Die Holde trieb mich ihnen nach die Sprossen
Durch bloßen Wink, der mir wohl mochte zeigen,
Wie ihre Kraft mein Wesen ganz umschlossen.

Hier unten, wo nur Fallen oder Steigen
Natürlich ist, war keinem Flügelschlage
Wie meinem jemals solche Schnelle eigen.

Sowahr ich, Leser, einst zu kommen wage
Zum frommen Sieg, drob oft mir Tränen rinnen
Und ich brustschlagend meine Sünden klage:

So schnell nicht in das Feuer und vonhinnen
Tust du den Finger, als ich sah das Zeichen,
Das hinterm Stier folgt - und auch schon war drinnen.

O Sterne, ruhmesreich! o Licht, ohngleichen
Voll Kraft, dem ich verdank, was ich durch Funken
Des Geists, wieviel es sei, je konnt erreichen:

Mit euch stieg auf, mit euch ist hingesunken
Die Mutter, die da giebt all irdisch Leben,
Als ich zuerst Toskanerluft getrunken.

Und als mir dann die Gnade ward gegeben,
In die erhabene Schwingung einzutauchen,
Durft ich zu euerm Sichtbezirk mich heben.

Zu euch vernehmt andächtige Seufzer hauchen
Die Seele mein, daß sie mit Kraft sich rüste,
Die ich zu schwerem Schritte muß gebrauchen.

»Du bist so nah des Heiles letzter Küste,«
Fing Beatrice an, »daß ich gern helle
Und scharf jetzt deine Augenlichter wüßte.

Drum, eh du höhersteigst, blick einmal schnelle
Hinab und sieh, wieviel du überflogen
Vom Erdball, der nun deines Fußes Schwelle,

Damit dein Herz, nach Kräften lustbewogen,
Sich zeigt dem siegesjauchzenden Verklären.
Das durch den Himmelskreis kommt froh gezogen.«

Ich wandte abwärts durch die sieben Sphären
Den Blick: und unserm dürftigen Erdenkreise
Konnt ich ein Mitleidslächeln nur gewähren.

Und diese Ansicht ich als beste preise:
Wer unsern Erdball werthält des Verzichtes,
Und andres höher schätzt, ist wahrhaft weise.

Ich sah Latonens Tochter vollen Lichtes
Und ohne die bewußte Schattenzone,
Die erst mich raten ließ auf Dünn und Dichtes.

Den Glanz ertrug ich hier von deinem Sohne,
Hyperion, und sah in ihrer Schnellung
Um ihn und nächst ihm Maja und Dione.

Dann leuchtete mir Jovis mäßige Hellung
Zwischen Vater und Sohn; auch konnt ich lernen
Hieraus den steten Wechsel ihrer Stellung.

Und ich bemaß an all den sieben Sternen,
Wie groß sie sind und wie sie rasend fliegen,
Und wie sie wandeln in ungleichen Fernen.

Die Tenne, drauf wir uns so wild bekriegen:
Mich schwingend in den ewigen Zwillingssöhnen,
Sah ich sie ganz von Berg bis Meerflut liegen.

Dann sah mein Aug zurück zum Aug, dem schönen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 23
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 23

Dem Vogel gleich - im trauten Laubverstecke
Schlafend im Nest bei seinen holden Kleinen,
Wenn alles hüllt die Nacht in ihre Decke,

Der - sich am Anblick zu erfreuen der Seinen,
Die er mit neuer Atzung muß versorgen,
Ein saurer Dienst, der süß ihm will erscheinen -

Nun länger nicht die Sehnsucht hält verborgen,
Auf offenem Aste auslugt nach der Quelle
Des Lichts, und so vorauseilt schon dem Morgen:

So stand jetzt meine Herrin, in die Helle
Des Himmels dahin ihre Augen hebend,
wo unsere Sonne eilt mit mindrer Schnelle.

Als ich sie sah, so in Erwartung schwebend,
Glich dem ich, der nach andern, trägt Verlangen
Und jetzt sich tröstet, neuer Hoffnung lebend.

Doch als nur kurze Zeit indes vergangen,
Ich meine zwischen Wünschen und Gewähren,
Sah ich den Himmel hell und heller prangen.

»Sieh Christi Heere siegreich sich verklären,«
Sprach Beatrice, »und reich-eingefahren
Die Frucht voll Wucht vom Kreislauf dieser Sphären!«

Ihr ganz Gesicht schien Glut. Die Augen waren
Von Wonne so erfüllt: nicht Worte brächten
Ein Bild davon. Drum will ich Worte sparen.

Wie Trivia lacht in heitern Vollmondnächten
Im Kranz der ewigen Nymphen, ausgesendet,
Daß sie den Himmel rings mit Schmuck bedächten,

So sah ich tausend Leuchten überblendet
Von einer Sonne, die hier allen Schimmer,
Wie unsere rings den Himmelsaugen, spendet.

Und durchs lebendige Licht warf im Geflimmer
Die Leuchtende Substanz mir Flammengrüße
So hell ins Auge, daß ichs aushielt nimmer.

»O Beatrice, Leiterin, teure, süße...!«
Sie sprach zu mir: »Kraft ists, die dich bezwungen,
So stark, daß jeder Widerstand es büße.

Hier ists der Weisheit und der Macht gelungen,
Bahn zwischen Erd und Himmel zu bereiten,
Wonach solang die Sehnsucht hat gerungen.«

Wie Glut sich losreißt aus des Himmels Weiten,
Im Zickzack sprengt, was sie zu eng umsponnen,
Um erdwärts gegen ihre Art zu gleiten,

So durfte sich bei dieses Festmahls Wonnen
Vergrößert aus sichselbst mein Geist erraffen.
Und seines Tuns hat er sich nie entsonnen.

»Öffne die Augen! Schau, wie ich beschaffen!
Dinge sahst du, die Kraft dir eingetragen,
Vor meinem Lächeln nichtmehr zu erschlaffen.«

Mir war gleich dem, der plötzlich wieder tagen
Vergessenes Traumbild fühlt und nun vergebens
Versucht, Erinnerungswege einzuschlagen,

Als ich den Ruf vernahm, der Dankbestrebens
So wert ist, daß er, nimmer zu verjähren,
Im Buch der Überlieferung steh zeitlebens.

Wenn hilfsbereit mir alle Zungen wären,
Die Polyhymnia nebst den Gespielen
Mit süßevollster Milch gewußt zu nähren,

Sie würden von den Reizen all, den vielen,
Vom heiligen Lächeln, das ihr Antlitz schmückte,
Mit ihrem Sang kein Tausendstel erzielen.

So muß der Weihgesang, der sich entzückte
Am Paradies, auch manches überspringen
Als hindernd, daß der Weg dem Wandrer glückte.

Doch wer des Stoffes Wucht wägt, der zu zwingen,
Und daß die Schulter sterblich, die ihm fronet,
Der rügt es nicht, sieht er sie zitternd ringen.

Hier hilft kein kleiner Kahn, der nicht gewohnet
Solch Wasser, das mein kühner Kiel trotz Mühen
Durchfurcht. Hier frommt kein Fährmann, der sich schonet.

»Was macht mein Antlitz so entzückt dich glühen,
Daß keinen Blick dem schönen Garten spendet
Dein Aug, den Christi Sonne läßt erblühen?

Hier ist die Rose, drin, von Gott gesendet,
Sein Wort zum Fleisch ward. Hier die Lilien, deren
Gedüft uns hin zum rechten Weg gewendet.«

So Beatrice. Und ich, ihren Lehren
Gehorsam, habe wiederum begonnen,
Zum Kampf die schwachen Augen hinzukehren.

Wie ich auf Blumenwiesen schon sich sonnen
Den Himmel sah aus wolkenfreier Stelle,
Indes mein Aug im Schatten Schutz gewonnen,

So sah ich vieler Glanzgestalten Helle,
Auf die Blitzstrahlen glühend niedergingen,
Ohne zu sehn des Lichtes Ursprungsquelle.

O gütige Kraft, die du sie kannst durchdringen,
Du hobst sohoch dich, weil dies Blitzgeflimmer
Die schwachen Augen müßte sonst bezwingen.

Der schönen Blume Namen, den ich immer
Anrufe früh und spät, zog kraftbezwungen
Den Geist mir zu des größten Feuers Schimmer.

Und als in beide Augen mir gedrungen
Des Sternes Kraft und Größe, dem im Glanze
Droben der Sieg und drunten stets gelungen,

Stieg her vom Himmel eine wie zum Kranze
Gewundene Fackel, diesen Stern zu krönen
Und zu umgürten dann mit ihrem Tanze.

Was hier auch säuseln mag in sanften Tönen,
Daß sich die Seele süßgefesselt schaute:
Es wär ein wolkensprengend Donnerdröhnen,

Verglichen mit der Leier süßem Laute,
Dem schönen Saphir eine Krone webend,
Daß blauer noch der Saphirhimmel blaute.

»Die Engelsliebe bin ich, treu-umschwebend
Die hohe Wonne, die der Schoß zu nähren
Vermocht, einst Herberg unserer Sehnsucht gebend.

Auch wird mein Kreisen, Himmelskönigin, währen
Bis du dich deinem Sohne nachgeschwungen,
Vergöttlichend die höchste aller Sphären.«

So ward besiegelt, was der Kreis gesungen
Zuletzt. Und aus den andern Lichtgestalten
Ist dann Marias Name rings erklungen.

Der Königsmantel, der mit seinen Falten
Die Welten einhüllt und im höchsten Grade
Vollkommenes Sein und Gotteshauch erhalten,

Wölbte ob uns sein inneres Gestade
Sohoch, daß meine Augen nicht bekamen
Dort, wo ich weilte, seines Anblicks Gnade.

Drum fühlt ich ihre Sehkraft bald erlahmen,
Der glanzgekrönten Flamme nachzustreben,
Die aufwärts sich erhob zu ihrem Samen.

Und wie das Kind zur Mutter pflegt zu heben
Die Ärmchen, wenn die Milch ihm lieblich schmeckte,
Die innere Liebe dankbar kundzugeben,

So jedes dieser Lichter aufwärtsreckte
Sein flammend Haupt, daß ich, wie zu Marieen
Sie hohe Inbrunst hegten, wohl entdeckte.

Und ohne meinem Blick sich zu entziehen,
Sangen »Regina coeli« diese Feuer
In unvergeßlich-wonnigen Melodieen.

O welche Fülle häufen in der Scheuer
Reichsten Behältern hier an, die hienieden
Als Ackerer waren wackere Samenstreuer!

Hier lebt man im Genuß vom Schatz zufrieden,
Den man in Erdenbabels Bann und Frone
Weinend erwarb, wo man das Gold gemieden.

Hier jauchzt frohlockend unterm hohen Sohne
Gottes und der Maria mit dem alten
Und neuen Bund in seiner Siegeskrone,

Der solcher Glorie Schlüssel hat erhalten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 24
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 24

O Bruderschaft, zum großen Mahl erlesen
Des heiligen Lammes, das so reich euch speiste,
Daß eurer Sehnsucht ewig ihr genesen!

Wenn Gott erlaubt, daß dieser sich erdreiste,
Eh er dem Tod verfiel, von euern Tischen
Die Brosämlein zu kosten schon im Geiste,

So prüft sein Sehnsuchtsglühn. Laßt ihn erfrischen
Ein Tröpflein aus dem Kelch, drin euch zum steten
Genuß die Wonnen, die er wünscht, sich mischen.«

So Beatrice. Und die Seelen drehten
Sich froh gleich Sphären um die feste Base,
Wobei sie heftig flammten gleich Kometen.

Wie Räder kreisen hinterm Uhrenglase,
Wo der Beschauer denkt, es hätt gemieden
Den Gang das erste, und das letzte rase,

So schwang der Reigen sich im Tanz verschieden-
artig, daß seinen Reichtum ich erkannte,
wie er mit Schnell und Langsam war zufrieden.

Aus jenem Kreis, der mich als schönster bannte,
Sah ich ein Feuer nahn und so froh strahlen,
Daß keines übrigblieb, das heller brannte.

Um Beatricen schwangs zu dreien Malen
Sich mit so göttlichsüßen Melodieen:
Zu schildern sie versuchen, hieße prahlen.

Drum unterdrückts die Feder. Worte liehen
Nur Farben, die zu grell für diese Falte.
Selbst Fantasie muß hier den kürzern ziehen.

»O heilige Schwester mein, dein Bitten schallte
So fromm und zeugte von so glühendem Lieben,
Daß ich vom schönen Tanz gern fern mich halte.«

Dann ließ die heilige Glut, die stehngeblieben,
Zu meiner Herrin gehn des Atems Lohen
Nach jenen Worten, die ich hier geschrieben.

Und sie: »O ewiges Licht des Mannes, des hohen,
Dem unser Herr auf Erden übertragen
Die Schlüssel hier zum Fest, dem wunderfrohen,

Prüf, wie du magst, in leicht und schweren Fragen
Den hier, ob er im Glauben wird betroffen,
Der auf dem Meer zu wandeln dich ließ wagen.

Ob recht sein Lieben, recht sein Glauben und Hoffen,
Du weißt es, weil du hinschaust, wo vollkommen
Sich alle Dinge spiegeln klar und offen.

Doch weil dies Reich nur Bürger aufgenommen
Durch den wahrhaften Glauben, mag zum Preise
Des Glaubens hier zu sprechen diesem frommen.«

So wappnet sich der Baccalaureus leise,
Bevor die Frage fällt von Meisters Munde,
(Nicht zur Entscheidung, nein nur zum Beweise)

Wie ich mich wappnete mit jedem Grunde,
Indem sie sprach, um rühmlich zu bestehen
Vor solchem Prüfer und mit solcher Kunde.

»Sprich, guter Christ, laß dein Bekenntnis sehen:
Was ist der Glaube?« - Und zum Lichte schnelle,
Als es gesprochen, ließ den Blick ich gehen;

Und dann zu Beatricen, deren helle
Augen mir winkten, vor ihm auszugießen
All das Gewässer meiner innern Quelle.

»Läßt Gnade mein Bekenntnis mir erfließen,«
Begann ich, »vor dem hohen Erstlingsstreiter,
Laß sie auch klar mein Denken sich erschließen.

Wie es mit wahrem Griffel,« sprach ich weiter,
»Dein teurer Bruder, Vater, schon getroffen,
Den Rom gleich dir gehabt zum rechten Leiter,

Ist Glaube Wesenheit des, was wir hoffen,
Und der Beweis von dem, was wir nicht sehen.
Und darin liegt vor mir sein Wesen offen.« -

»Recht denkst du,« hört ich drauf sein Wort ergehen,
»Sofern du auch den Grund erkennst, weswegen
Stoff und Beweis bei ihm geschieden stehen.« -

»Die tiefen Dinge,« hielt ich ihm entgegen,
»Die hier mir willig ihren Anblick leihen,
Sind unsern Augen drunten so entlegen,

Daß dort im Glauben nur liegt ihr Gedeihen,
Worauf wir unsere hohe Hoffnung bauen.
Dem Stoffbegriff ist er drum anzureihen.

Und weil wir ohne jedes sonstige Schauen
Aus diesem Glauben sollen Schlüsse ziehen,
Daher muß man ihm als Beweisgrund trauen.« -

»Wenn alles, was durch Lehren ist gediehen,«
Vernahm ich jetzt, »ihr unten so verstündet,
So hätt es kein Sophistenwitz verschrieen.«

Dies hauchte jene Flamme liebentzündet,
Und fügte bei: »Wie ich die Münze wäge,
So hast du sie nach Korn und Schrot ergründet.

Doch hast du sie im Beutel?« - Ich, nicht träge,
Sprach rasch: »Jawohl, ich hab die blanke runde;
Und niemals ward ich irre am Gepräge.«

Drauf scholl es aus des Lichtes tiefstem Munde,
Das dort geglänzt: »Dies Kleinod, draus allwegen
Jedwede Jugend baut als festem Grunde,

Wo kam dirs her?« - Und ich: »Der reiche Regen,
Vom Heiligen Geist ergossen, dessen Feuchte
Die alt und neuen Pergamente hegen,

Galt zwingend als Vernunftschluß mir und scheuchte
Die andern fort ganz ohne Vorbehalte,
Daß jeder mich als lahm und irrig deuchte.«

Dann hört ich: »Warum glaubst du, daß die alte
Und neue Schrift, draus dir solch Schluß erblühte,
In Wahrheit Gottes Worte denn enthalte?«

Und ich: »Die Werke, draus mir Wahrheit sprühte,
Beweisens, wozu die Natur entzündet
Kein Feuer noch beim Amboß selbst sich mühte.«

Und er: »Sag, worauf sich dein Glaube gründet
An diese Werke? Nur, was selbst entbehrte
Beweises noch, sonst giebts nichts, was sie kündet.« -

»Wenn ohne Wunder sich die Welt bekehrte
Zu Christus,« sprach ich, »stehen die andern Taten
Der einen nach im Hundertstel am Werte.

Denn arm und darbend gingst du, um die Saaten
Ins Feld zu legen für die gute Pflanze,
Die Weinstock einst und jetzt zum Dorn mißraten.«

So schloß ich. Und da klangs vom heiligen Kranze
Des hohen Hofs: »Laß uns, Herrgott, dich loben,«
In Tönen, die man dort nur hört im Glanze.

Und jener Freiherr, der mich so nach oben
Von Zweig zu Zweige prüfend höherführte,
Wo schon die letzten Blätter sich verwoben,

Fuhr fort: »Die buhlend deinen Geist berührte,
Die Gnade hat bis hierher dir erschlossen
Den Mund, wie solch Erschließen ihm gebührte,

Sodaß ich billige, was ihm entflossen.
Doch was du glaubst, gilts jetzt noch zu bekunden;
Und auch, woher dein Glaube sich ergossen.« -

»O heiliger Vater, Geist, der schauend gefunden,
Was du so glaubtest, daß vorm Grabesschlunde
Du gar noch jüngere Füße überwunden,«

Begann ich da. »Es soll aus meinem Munde
Dir meines Glaubens Inhalt klar erscheinen
Und das, was festgeprägt ihm liegt zugrunde?

Wohlan: Ich glaub an Gott, den Ewig-Einen,
Der unbewegt die Himmel kann bewegen
Aus Liebessehnsucht, seiner göttlich-reinen.

Und diesen Glauben mir nicht nur belegen
Physik und Metaphysik, nein: vertreten
Kann ihn die Wahrheit auch, die hier als Regen

Auf Moses strömt, auf Psalmen und Propheten,
Aufs Evangelium und was ihr geschrieben,
Als Geistesflammen adelnd euch durchwehten.

Ich glaub an drei Personen, die stets blieben
Und ewig bleiben Eins, doch dreigestaltig,
Daß niemals sunt und est ihr Bild verschieben.

Dies Rätsel, das so göttlich-tiefinhaltig,
Besiegelt, wie gesagt, mir im Gemüte
Des Evangeliums Lehre mannigfaltig.

Dies ist der Ursprung. Dies ist, was mir sprühte
Als Funke, der lebendig mich durchglommen
Und dann in mir als Himmelsleitstern glühte.«

Gleichwie der Herr, der Frohbotschaft vernommen,
Den Diener, wenn er schweigt, im Freudendrange
Umarmt der Botschaft halb, die ihm willkommen,

So dreimal schwang um mich wie zum Empfange
Sich des Apostels Licht, als ich geendet,
Und segnete mein Reden im Gesange,

Weil es solch Wohlgefallen ihm gespendet.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 25
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 25

Wenn je den Haß mein heilig Lied erweichte,
Dran Erd und Himmel mitschrieb, daß die Bürde
Seit Jahren mir zur Magerkeit gereichte,

Und ich zum schönen Pferche kehren würde,
Wo ich als Lamm schlief, eh man mich verbannte,
Die Wölfe hassend, die ein Feind der Hürde:

Verändert Haar und Stimme, heim sich wandte
Der Dichter dann, den Lorbeer zu empfangen
An jenem Taufquell, wo man Christ mich nannte,

Weil dort ich einst zum Glauben eingegangen,
Der uns mit Gott vermählt und dessenwegen
Sankt Peters Flammen dann mein Haupt umschlangen. -

Nun trat ein Licht uns aus der Schar entgegen,
Draus vorhin der kam, den zuerst von allen
Christus des Stellvertreteramts ließ pflegen.

Und meine Herrin sprach voll Wohlgefallen
Zu mir: »Sieh, sieh! Das ist des Freiherrn Leben,
Um den sie drunten nach Galizien wallen.«

Ganz so, alsob der Täuberich sich neben
Die Taube setzt und beide mit Umkreisen
Und Gurren ihrer Neigung Kunde geben,

So sah ich dort einander Huld erweisen
Die Fürsten, die zwei großen ruhmreich-frommen,
Die Nahrung preisend, die sie droben speisen.

Doch als ihr Festgruß an sein Ziel gekommen,
Hielt schweigend vor mir an das Paar im Schweben,
So feurig, daß die Sehkraft mirs benommen.

Lächelnd sprach Beatrice: »Ruhmreich Leben,
Das unsers Tempels Überfluß gekrönet
Und in beredten Worten kundgegeben,

Gieb, daß die Hoffnung diesen Höhen tönet.
Du weißt, du ließest sovielmal sie schauen,
Als Jesus vor den Dreien sich verschönet.« -

»Erheb das Haupt und habe nur Vertrauen;
Denn reifen muß in unsern Lichtgloriolen,
Was hierheraufkommt aus des Todes Auen.«

Als so das zweite Licht mir Trost empfohlen,
Sich meine Augen zu den Bergen fanden,
Vor deren Wucht sie sanken erst verstohlen.

»Weil unsers Kaisers Huld dir zugestanden,
Daß du vorm Tode schon Verkehr darfst pflegen
Hier im geheimsten Hof mit seinen Granden,

Sodaß, trat dessen Wahrheit dir entgegen,
Die Hoffnung, die von je euch drunten blühte,
In dir und andern stärkt der Liebe Segen,

Sag, was sie ist, wie sie dir im Gemüte
Entsproßte, und woher sie dir gekommen?«
So schloß das zweite Licht, das glanzumsprühte.

Da ward mir von der Führerin, der frommen,
Die hohen Flugs mein Schwingenpaar geleitet,
Die Antwort aus dem Munde schon genommen.

» Mehr hofft kein Sohn der Kirche, die da streitet,
Als er, wie dieser Sonne Schrift bewähret,
Die ihren Glanz auf unsere Heerschar breitet.

Drum ward er in Ägypten frei erkläret,
Damit Jerusalem ihm sollte tagen,
Noch eh des Krieges Dienstzeit ihm verjähret.

Die andern beiden Punkte deiner Fragen -
Nicht um zu wissen, nein, drunten zu lehren,
Wie sehr dir diese Tugend schafft Behagen -

Erlaß ich ihm, weil sie ihn nicht beschweren
Noch auch zum Prahlen bei der Antwort reizen.
Nun mag ihm Gottes Gnade Rat bescheren.«

Wie der Scholar vorm Lehrer ohne Spreizen
Gern zeigt die Ernte aus der Weisheit Garten,
Um nicht mit seiner Tüchtigkeit zu geizen,

Sprach ich: »Hoffnung ist sicheres Erwarten
Zukünftigen Heils, aus Gnaden uns entsprungen
Von Gott und dem Verdienst, drin wir verharrten.

Von Sternen viel hat mich dies Licht durchdrungen.
Doch machte mir zuerst das Herz entbrennen,
Was Höchsten Lenkers höchster Sänger gesungen.

?Dein hoffen die, so deinen Namen kennen!?
Das wars, wie ich sein Gotteslied erfasse.
Wer meines Glaubens weiß es nicht zu nennen?

Du hast benetzet mich mit seinem Nasse
Im Briefe dann, sodaß ich voll vom Segen
Auf andre euern Regen rieseln lasse.«

Indem ich sprach, sah ich sichs lebhaft regen
Im Licht, alsob im Wetterleuchtgesprühe
Sich Blitze zuckend durch die Nacht bewegen.

Dann klangs: »Die Liebe, drin ich heut noch glühe
Für jene Tugend, die zum Palmenzweige
Mich führte bis ich schied vom Feld der Mühe,

Heißt mich, daß dein Gefühl für sie noch steige,
Dich weiter fragen. Doch nun solls mich freuen,
Sprächst du, welch Endziel dir die Hoffnung zeige.«

Und ich: »Die alten Schriften und die neuen
Weisen solch Ziel (und so versteh ichs eben)
Den Seelen, die mit Gott verknüpft in Treuen.

Auch spricht Jesajas: jeder wird gegeben
Dereinst ein Doppelkleid in ihrem Lande.
Und dies ihr Land ist dieses süße Leben.

Dein Bruder wird noch klarer dem Verstande,
Läßt er sein Licht auf diesen Vorgang fallen,
Wo er vom Schneeweiß spricht der Lichtgewande.«

Und gleich, als noch die Worte im Verhallen,
Scholl es: » Sperent in te!« vom höchsten Kranz,
Und Antwort rief es aus den Reigen allen.

Dann wuchs ein Licht bei ihnen so im Glanz,
Daß, wenn dem Krebse dies Kristall zueigen,
So würd ein Wintermond zum Tage ganz.

Und wie sich froh erhebt und in den Reigen
Ein Mägdlein tritt, zu Ehren und zum Frommen
Der Braut, und nicht um Eitelkeit zu zeigen,

So sah ich den erhöhten Lichtglanz kommen
Zu jenen Zwein, wirbelnd in ihrem Gleise
Gemäß der Liebe, drinnen sie entglommen.

Dort schloß er sich dem Lied an und dem Kreise.
Doch Beatrice ohne sich zu regen
Sah stumm auf sie in bräutlichholder Weise.

»Der ists, der unserm Pelikan gelegen
An seiner Brust. Der ists, den man ernannte
Vom Kreuz hernieder, großen Amts zu pflegen.«

So meine Herrin. Und ihr Antlitz wandte
Zuvor nicht fester hin sich zu den beiden,
Als jetzt, indem ihr Wort mir dies bekannte.

Wie man bei Sonnenfinsternis entscheiden
Zu können glaubt, wann sie beginnt am Rande,
Wo unser Sehen muß beim Sehen leiden,

So ging es mir beim letzten Funkelbrande,
Bis ich vernahm: »Was blendest mit Beschwerde
Du dich, zu schaun, was nie hier kam zustande?

Es ist mein Körper auf der Erde Erde
Solang bis unsere Anzahl nach Gefallen
Vom ewigen Ratsbeschluß vollzählig werde.

Es durften zu den seligen Klosterhallen
Im Doppelkleid nur die zwei Lichter steigen.
Und melde dies auf eurer Erde allen.«

Bei diesem Wort stand still der Funkelreigen.
Und auch der Sang, drin ineinandergriffen
Holdseliger Hauche drei, erstarb in Schweigen,

Alsob wir Ruder bei des Führers Pfiffen,
Die erst das Wasser schlugen, rastend schauen,
Hemmt Wagnis oder Müh das Weiterschiffen.

Ach, wie durchfuhr den Geist mir jähes Grauen,
Als ich nach Beatricen wollte sehen
Und sah sie nicht, obgleich ich in den Auen

Der seligen Welt und bei ihr durfte stehen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 26
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 26

Indes ich meiner Blindheit zweifelnd dachte,
Ging aus der Flammenglut, die mich geblendet,
Ein Hauch hervor, der aufmerksam mich machte,

Und sprach: »Bis du dir fühlst zurückgesendet
Die Kraft des Auges, die mein Glanz verzehrte,
Sei Sprache dir als Trostersatz gespendet.

Beginn denn; sag, wohin dein Geist sich kehrte.
Doch wisse, was ich dir als wahr verpfände:
Du hast verwehrte Sehkraft, nicht versehrte.

Der Herrin Auge, die dich ins Gelände
Der Gottheit führte durch den Sternenäther,
Stärkt gleiche Kraft wie Ananiae Hände.« -

»Sie heil mein Auge früher oder später,«
Sprach ich; »wars ihrer Glut doch einst die Pforte:
Mein Herz ist heut noch dieser Glut Verräter.

Das Gut, das Frieden spendet diesem Orte,
Ist aller Schriften A und O, draus Kunde
Mir Liebe giebt mit laut und leisem Worte.«

Dieselbe Stimme, die mit gutem Grunde
Die Furcht vor der Erblindung mir beschwichtet,
Gab Sorge, mehr zu reden, meinem Munde

Und sprach: »Fürwahr, in engerm Sieb gesichtet
Muß deine Meinung sein. Du mußt verkünden,
Wer deinen Bogen auf solch Ziel gerichtet.«

Und ich: »Die Weltweisheit mit ihren Gründen,
Die Bürgschaft, die von hier herabgesandt ist,
Muß solche Liebe dauernd mir entzünden.

Denn alles Gut, wenn es als Gut erkannt ist,
Entfacht jegrößere Liebesflammen immer,
Jemehr an Güte es insich entbrannt ist.

Dem Wesen drum - so hehr wie andres nimmer,
Daß alles, außer Ihm an sonstigem Guten
Vorhandne, Seines Lichts nur ist ein Schimmer -

Dem kehrt sich jeder Geist in Liebesgluten
Viel inniger zu, der ohne Wank begründet
Die Wahrheit sieht, drauf die Beweise ruhten.

Und solcher Wahrheit Licht hat mir entzündet,
Der mich der Liebe Anfang ließ erfahren
Und sie als Urtrieb aller Wesen kündet,

Entzündet Gottes Stimme mir, des wahren,
Als er zu Moses sprach, gedenkend seiner:
?Ich will dir alles Gute offenbaren,?

Entzündest du auch mir im Anfang deiner
Erhabenen Botschaft, wo du machst entbrennen
Für dies Geheimnis alle Welt wie keiner.«

Und ich vernahm: »Nach menschlichem Erkennen
Und nach gleichlautender biblischer Kunde
Kann nichts von Gott dein höchstes Lieben trennen.

Doch sage - wenn du dich zu Ihm im Grunde
Noch fühlst durch andre Fäden hingerissen -
Mit wieviel Zähnen Liebe dich verwunde.«

Wohl merkt ich, wie sich Christi Aar beflissen
In heiliger Absicht zeigte, meine Beichte
Auf eine Stelle hingelenkt zu wissen.

Drum sprach ich: »Jeder Biß, der mich erreichte
Und hin zu Gott ein Herz vermag zu drehen,
Auch meins für Liebe stets nur mehr erweichte.

Denn dieser Welt Bestehn und mein Bestehen,
Der Tod, den Er erlitt, daß ich soll leben,
Und was gleich mir die Gläubigen hoffend sehen,

Samt obiger lebendiger Kenntnis eben,
Konnten mich falscher Liebe Meer entrücken
Und auf den Strand der echten Liebe heben.

Der Laubschmuck, der den Garten pflegt zu schmücken
Des ewigen Gärtners, muß zur Liebe zwingen
Mich so als Seine Huld es mag beglücken.«

Kaum schwieg ich, scholl im Himmel süßes Singen,
Und meine Herrin ließ mit all den Chören
Ein »Heilig, Heilig, Heilig!« laut erklingen.

Und wie ein Licht uns kann im Schlafe stören,
Weil sich der Sehnerv zu den Strahlen wendet,
Die Haut für Haut zum Widerstand empören,

Und man, erwacht, erschrockene Blicke sendet,
(So ratlos macht ein plötzliches Erwachen,
Bis Urteilskraft uns wieder Hilfe spendet)

So sank mir jeder Dunst vom Aug, dem schwachen,
Vor Beatricens Blick, der rings verstreute
Durch tausend Meilen wohl ein Blitzentfachen,

Sodaß mich schärferes Sehen als sonst erfreute,
Und als ein viertes Licht sein Glühen ergossen
Vor uns, fragt ich erschreckt, was dies bedeute.

Und meine Herrin: »Von dem Strahl umschlossen,
Lacht seinem Schöpfer zu das erste Leben,
Das jemals aus der Ersten Kraft erflossen.«

Wie Blätter, einem Windstoß preisgegeben,
Beugen das Haupt und, wenn der Wind vergangen,
Durch eigene Schnellkraft wieder sich erheben,

So hielt ihr Wort mit Staunen mich gefangen.
Doch als sie schwieg, wuchs wieder mein Vertrauen
In Rededranges brennendem Verlangen.

Und ich begann: »O Frucht, einzig zu schauen
Als reif-erschaffen, o du alter Ahne,
Dem Schnur und Tochter alle Erdenfrauen,

Vergieb, daß ich dich fromm zur Zwiesprach mahne.
Und schneller dich zu hören, laß mich eilen
Zum Schluß: du siehst ja, was ich wünschend plane.«

Ein Hund regt unter Decken sich bisweilen,
Daß sein Empfinden sich muß offenbaren,
Weil es sich weiß der Hülle mitzuteilen:

So ließ der Seelenerstling mich gewahren
Ganz deutlich auch durch stärkeres Entbrennen,
Wie sehr es ihn erfreu, mir zu willfahren.

Dann sprach er: »Ohne deinen Wunsch zu nennen,
Verschließt mir dein Verlangen doch kein Riegel.
Und besser als du selbst kann ichs erkennen,

Weil ich es seh in dem wahrhaften Spiegel,
Der sich zum Abbild macht von allen Dingen,
Wo Ihm doch selbst kein Ding aufdrückt sein Siegel.

Du wüßtest gern die Jahre, die vergingen,
Seit Gott mir Eden schenkte, das erlauchte,
Wo sie zum langen Flug dir schuf die Schwingen,

Wie lang mein Aug in Edens Lust sich tauchte,
Dann: was den großen Zorn in Wahrheit weckte,
Und: welche Sprache ich ersann und brauchte.

Nun denn, mein Sohn: nicht daß vom Baum ich schmeckte,
War Grund ansich, der mich solang verbannte,
Nein, nur weil ich des Grenzbruchs mich erkeckte.

Ich sah, indem nach hier mein Wunsch entbrannte,
Viertausenddreihundertzwei Jahre kreisen,
Wo deine Herrin den Vergil entsandte.

Und sah von Stern-zu-Stern die Sonne reisen,
Solang ich mich auf Erden noch befunden,
Neunhundertdreißigmal in ihren Gleisen.

Die Sprache, die ich sprach, war längst verschwunden,
Eh für das Riesenwerk, das unvollendliche,
Der Nimrodvölker Kräfte sich verbunden.

Denn Menschenwerke dauern nicht, sind endliche,
Weil neuerungssüchtig ist der Menschen Walten.
So wills der Sterneinfluß, der unabwendliche.

Die Sprache habt ihr von Natur erhalten.
Doch auszudrücken euch mit sinnigem Klange,
So oder so, läßt frei Natur euch schalten.

Bevor ich stieg zur Angst im Höllenzwange,
Ward I genannt das Höchste Gut danieden,
Draus herrührt meiner Wonne Gürtelspange.

El hieß es dann - so habt ihr euch entschieden.
Denn wie das Laub am Zweige tauscht die Stelle,
(Eins geht, eins kommt) kennt Menschenbrauch nicht Frieden.

Den Berg, den höchsten ob der Meereswelle,
Bewohnt ich schuldlos und mit Schuld im Bunde
Von erster bis zu der, die nachfolgt schnelle

Bei Sols Quadrantentausch der sechsten Stunde.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 27
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 27

Dem Vater, Sohn und Heiligen Geist erdröhnte
Vom ganzen Paradies ein Gloriasingen,
Daß ich berauscht ward, weil so süß es tönte.

Ein Weltallslächeln schien mich zu umringen,
Als ich die Wonnen wie in Rauschberückung
Durch Ohr und Auge fühlte mich durchdringen.

O Wonne! O unsägliche Entzückung!
O friedenreich-vollkommenes Liebesleben!
O wunschlos-sichern Reichtums Vollbeglückung!

Vor meinen Augen standen glutumgeben
Die Fackeln alle vier. Doch heller wieder
Sah ichs im erstgekommenen Licht sich heben.

Und so wohl strahlte Jupiter hernieder,
Wenn er und Mars, zu Vögeln rasch geworden,
Vertauschen könnten auch ihr Lichtgefieder.

Die Vorsicht, die hier läßt im seligen Orden
Den Dienst nach Ämtern und Beruf geschehen,
Gebot jetzt Schweigen rings den Dankakkorden,

Als ich vernahm: »Siehst du mich zornrot stehen,
So staune nicht. Beim Hören meines Tones
Wirst du hier alle bald erröten sehen.

Der sich auf Erden anmaßt meines Thrones,
Ja, meines Thrones, meines Throns als Beute,
Der leer vorm Antlitz steht des Gottessohnes,

Macht meine Grabstatt zur Kloake heute
Von Blut und Stank, was jenen, der zum Schlunde
Von hier gestürzt, den Argen, drunten freute.« -

Und wie zur Morgen- oder Abendstunde
Der Sonne gegenüber Wolken prangen,
Sah ich den Himmel rot im tiefsten Grunde.

Und wie ein züchtig Weib, das sich umfangen
Von eigener Tugend fühlt, um fremd Vergehen
Beim Hören schon empfindet Schreck und Bangen,

Sah ich verwandelt Beatricen stehen.
So, als die Höchste Macht in Qualen stöhnte,
war, glaub ich, die Verfinstrung anzusehen.

Dann fuhr er redend fort. Doch wie jetzt tönte
Die Stimme anders ganz, als sie begonnen,
Sah auch sein Antlitz aus, das unversöhnte.

»Nicht ist für Christi Braut mein Blut verronnen,
Noch hat des Linus, Cletus Blut sie nähren
Gewollt, daß schnödes Gold man draus gewonnen.

Nein, daß sie hier des seligen Lebens wären,
Gab Sixtus, Pius, Calixt, Urban den Knechten
Das Blut dahin mit vielen bittern Zähren.

Nicht war es unsere Absicht, daß zur Rechten
Von unsern Folgern nur ein Teil erschiene
Des Christenvolks, ein andrer links gleich Schlechten,

Noch daß der Schlüsselbund, der mir verliehne,
Auf einem Banner, das in Glaubensnöte
Die Gläubigen führt, als Kriegeszeichen diene,

Noch daß mein Bild ich für die Siegel böte
Käuflicher und verlogener Ablaßbriefe,
Drob ich zornfunkensprühend oft erröte.

Raubgierig schleichen sieht man in der Tiefe
Wölfe in Hirtenkleidern auf die Weiden -
O daß doch Gottes Schutz nicht länger schliefe!

Der Baske und Cahorse, diese beiden,
Sind lüstern schon nach unserm Blut. Welch Ende
Voll Schmach muß ach! ein guter Anfang leiden.

Doch hohe Vorsicht, die für Rom behende
Die Weltmacht sichern ließ in Scipios Siegen,
Ich sehe, daß sie bald uns Hilfe sende!

Und du, mein Sohn, den Erdenlast die Stiegen
Hinabziehn wird, sprich dreist von meinem Zorne.
Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen.«

Wie Flocken aus der Luft gefrorenem Borne
Herniederschneien, wenn zur Sonne rückte
Die Himmelsziege mit dem Doppelhorne,

Sah ich, wie droben sich der Äther schmückte
Und, die bei uns geweilt, sich aufwärtshoben
Als Flammenflocken, die der Sieg entzückte.

Und ich war ihrem Wirbeltanz nach oben
Soweit mit meinem Blicke nachgedrungen,
Bis sie mir im Unendlichen zerstoben;

Worauf die Frau, die mich sah losgerungen
Vom Aufwärtsschauen, sprach: »Laß abwärtsgleiten
Den Blick und sieh, wie du dich umgeschwungen.«

Vom ersten Niederblick bis jetzt zum zweiten
Ließ dieser Flug des ersten Klimas Bogen
Vom Mittel- bis zum Endpunkt mich durchschreiten,

Daß ich von Gades jenseit sah die Wogen,
Die toll Ulyß durchflog, hier das Gestade,
Wo süß als Last Europa hingezogen.

Und mehr hätt ich entdeckt auf meinem Pfade
Von unserer Tenne; aber mir zu Füßen
Schritt fort die Sonne um ein Zeichen grade.

Mein Geist, der immer-neu mit meiner süßen
Gefährtin liebend buhlt, war voll Verlangen
Entbrannt, sie wieder schauend zu begrüßen.

Wie weit Natur und Kunst auch je gegangen,
In Fleischesreiz und Farbenmeisterstücken
Die Seele durch die Augenlust zu fangen:

Alldiesem könnte keine Schilderung glücken
Der Götterlust, die strahlend mich durchdrungen,
Als mir ihr lächelnd Antlitz schuf Entzücken.

Und jene Kraft, die mir ihr Blick errungen,
Ließ Ledas schönem Neste mich enteilen,
Daß ich zum schnellsten Himmel ward entschwungen.

In seinen nächsten wie auch fernsten Teilen
Ist er so gleich, daß ich nicht könnte nennen
Den Ort, wo Beatrice mich ließ weilen.

Doch sie, die meine Sehnsucht sah entbrennen,
Begann mit also lächelfrohen Sinnen,
Als ließ sich Gottes Freude drin erkennen:

»Natur des Weltalls, die voll Ruhe drinnen
Die Mitte hält, und alles läßt sich drehen,
Sie muß von hier als Ausgangspunkt beginnen.

Und sonst kein Wo läßt dieser Himmel sehen,
Als Gottes Geist, dran Liebe sich entzündet,
Die ihn beschwingt, und Kraft, die ihn läßt wehen.

Liebe und Licht umkreisen ihn verbündet,
wie er die andern. Und jedwede Regung
Bewirkt nur Der, der ihn so wohl geründet.

Nichts andres dient zum Maß ihm der Bewegung;
Vielmehr giebt er das Maß den andern Sphären,
Wie Halb und Fünftel dient zur Zehnzerlegung.

Und wie in dem Topf sich die Wurzeln nähren
Des Zeitenbaums, und seine Blätter leben
Im andern, kannst du dir nun selbst erklären.

O Gier, wie tiefhinab tauchst du das Streben
Der Menschen, daß aus deinem Wogenrollen
Die Augen keiner mehr kann aufwärtsheben.

Wohl blühet in den Menschen noch das Wollen.
Doch strömt der Regen aller Land und Ecken,
Macht er aus echten Pflaumen Hutzelknollen.

Unschuld und Glaube sich allein erstrecken
Auf Kinder noch. Doch beides schwindet leise,
Bevor die Wangen sich mit Flaum bedecken.

Ein lallend Kind hält an der Fastenweise.
Gelöster Zunge siehst du es sich laben
In jedem Jahresmond an jeder Speise.

Und wer die Mutter pflegte liebzuhaben
Als lallend Kind: wenn er der Sprache mächtig,
Dann wünscht er, säh er sie doch erst begraben.

So dunkelt schnell die Haut, erst weiß und prächtig,
Der schönen Tochter jener, die den Morgen
Uns bringt und abends dann macht alles nächtig.

Doch staune nicht, der Grund ist nicht verborgen:
Es fehlt euch, der auf Erden herrsche weise;
Drum macht der falsche Weg der Menschheit Sorgen.

Doch eh der Januar ganz sich löst vom Eise,
Weil drunten ihr das Hundertstel mißachtet,
Werden so dröhnen diese höchsten Kreise,

Daß jener Sturm, den man solang erschmachtet,
Das Heck wird in des Schnabels Richtung lenken,
Sodaß die Flotte graden Laufes trachtet,

Und echte Frucht wird nach der Blüte schenken.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 28
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 28

So wies vom heutigen Leben mir geschäftig
Jene am Menschenleid der Wahrheit Schimmer,
Die meinen Geist schuf paradieseskräftig.

Und dem gleich, der im Spiegel Kerzenflimmer
Gewahr wird, den man hinter ihm entzündet,
Eh er ihn sah und dessen dachte nimmer,

Und umschaut dann, ob sich ihm Wahrheit kündet,
Und sieht, daß Bild und Abbild sich verflochten
Im Glas wie Wort und Weise sich verbündet:

So weiß ichs wohl, daß meine Augen mochten
Betrachten ihre schönen, draus die Schlingen
Mir Amor wob, die einst mich unterjochten.

Rückschauend sah ich mir ins Auge dringen,
Was der in diesem Buch wohl stets erkannte,
Dem aufmerksam umher die Blicke gingen:

Ich sah ein Pünktchen, drin ein Lichtkern brannte,
Der jedes Auge ob des allzugrellen
Blitzscharfen Leuchtens siegreich übermannte.

Ließ neben ihn der kleinste Stern sich stellen,
Groß wie ein Mond erschien er dem Gesichte,
Wenn Sterne neben Sterne sich gesellen.

Im gleichen Abstand wohl, alsob dem Lichte
Ein Hof als Gürtel dient, wenn er umrungen
Von seinem Träger Dunst in stärkster Dichte:

Solch naher Glutring hielt den Punkt umschlungen,
Der in der Drehung rasendschnellem Wogen
Dm schnellsten Himmel hätte leicht bezwungen.

Und diesen hielt ein zweiter Kreis umzogen,
Um den ein dritter sich, ein vierter reihte,
Um den der fünfte dann und sechste flogen.

Dann kam der siebente von solcher Weite,
Daß Junos Botin, voll als Kreis beschrieben,
Ihn zu umspannen wär zu klein an Breite.

Der acht und neunte folgte so den sieben,
Doch stets die größern mit geringerer Schnelle
Jeferner sie der Eins beim Zählen blieben.

Und dessen Flamme war von reinster Helle,
Der minderfern dem lauteren Funkenreigen,
Weil, glaub ich, mehr ihn tränkt der Wahrheit Quelle.

Und meine Herrin, die mich sah in Schweigen
Und Sorge, sprach: »An diesen Punkt gebunden
Natur und Himmel sich abhängig zeigen.

Schau den Kreis, der ihn hält zunächst umwunden;
Und wisse, daß er durch die glühende Liebe,
Die ihn so stachelt, schnellsten Schwung gefunden.«

Und ich zu ihr: »Wenn gleiche Ordnung triebe
Die Welt, drin hier ich seh die Kreise gehen,
Nichts am Gehörten mir zu wünschen bliebe.

Doch in der Welt der Sinne kann man sehen
Um soviel göttlicher die Kreise schwingen,
Jeferner sie vom Mittelpunkt sich drehen.

Soll daher an sein Ziel mein Sehnen dringen
In diesem wunderprächtigen Engelstempel,
Drum Liebe nur und Licht die Grenze schlingen,

So muß ich hören noch, warum sich Stempel
Und Prägstock, Ab- und Urbild widerstreiten.
Allein kann ich nicht lösen dies Exempel.« -

»Kein Wunder ists, wenn hier auf Schwierigkeiten
Dein Finger stößt, weil niemand daran dachte,
Dem Knoten längst die Lösung zu bereiten.«

So meine Herrin. Und dann sprach sie: »Achte
Auf meine Rede. Und soll sie als Speise
Dich sättigen, recht mit Scharfsinn sie betrachte.

Weit sind und eng die körperlichen Kreise,
Ganz wie die Kraft durch alle ihre Teile
Hinströmt in stärkrer oder schwächerer Weise.

Größere Güte wird zum größern Heile,
Größeres Heil hält größeren Raum umschrieben;
Gesetzt, daß gleiche Kraft in jedem weile.

Von dem all-andres Weltsystem getrieben
Im Schwung wird, er entspricht dem Kreis deswegen,
Der da zumeist an Wissen hat und Lieben.

Drum, willst du an die Kraft den Maßstab legen,
Nicht an den äußern Umfang der geschwinden
Substanzen, die als Kreis vor dir sich regen,

So wirst du Wunderbaren Einklang finden,
Wie sich gemäß dem Geist in allen Kreisen
Minder-mit-Klein und Groß-mit-Mehr verbinden.«

Wie klaren Glanz des Himmels Räume weisen,
Wenn Boreas aus der uns holdern Wange
Den mildern Lufthauch bläst, den frühlingsleisen,

Sodaß der Nebel weicht dem warmen Zwange,
Und Himmelsblau uns läßt das Herz aufgehen,
Alsob drauf aller Engel Lächeln prange:

So ward mir, als mit Antwort mich versehen
Die Herrin. Und ich sah durch ihre Güte
Wahrheit wie einen Stern am Himmel stehen.

Und dann, als ihre Worte schwiegen, sprühte
Ein Funkentanz aus jedem Kreis wie Eisen,
Wenn unterm Hammer ächzt das weißgeglühte.

Und alle Funken folgten ihren Kreisen,
Um sich noch tausendfacher zu entfalten,
Als Schachbrettzahlenspiele dies beweisen;

Worauf von Chor zu Chor Hosiannas schallten
Dem festen Punkt, der sie in Schwung und Drehen
Stets hielt, noch hält, und ewig so wird halten.

Und sie, die Zweifel sah in mir entstehen,
Begann: »Du hast in den zwei ersten Reigen
Die Cherubim und Seraphim gesehen,

Die, jenem Punkt sich möglichstgleich zu zeigen,
So hurtig, wie sein Triebseil will, sich schwingen:
Und möglich ists, jemehr sie schauend steigen.

Die andern Wonnen, die darum sich schlingen,
Heißt man des göttlichen Gesichtes Throne,
Die so der ersten Dreiheit Abschluß bringen.

Soviel wird jedem Seligkeit zum Lohne,
(Dies wisse!) als er tief zur Wahrheit schreitet,
Daß drin sein Geist beglückt und wunschlos wohne.

Draus kann man sehn, wie sich den Grund bereitet
Das Seligsein im Schauensvorgang eben,
Des Liebens nicht, der ihn erst später leitet.

Dem Schauen will Verdienst den Maßstab geben,
Erzeugt durch guten Willen und durch Gnade.
So muß es sich von Grad zu Grad erheben.

Die andere Dreiheit, die im lauen Bade
Himmlischer Lenzluft blüht mit ewigem Flore,
Daß nie mit Nachtfrost ihm der Widder schade,

Läßt aus dreifach-verschlungenem Freudenchore
Ein ewig Lenzhosianna dreifach rinnen
Dreifacher Melodie vor Gottes Ohre.

In dieser Himmelsschar sind drei Göttinnen.
Herrschaften siehst du erst, dann Kräfte glänzen;
Die Mächte sind als dritte Ordnung drinnen.

Dann kreisen in den zwei vorletzten Kränzen
Als Fürstentümer und Erzengel Schwebende;
Der letzte dient zu Engelspiel und -tänzen.

Sie alle sind mit Blicken Aufwärtsstrebende;
Nach unten siegend, daß zu Gottes Frieden
Alle gehoben sind und auch sind Hebende.

Schon Dionys, der brünstig rang hienieden,
Daß er all diese Ordnungen betrachte,
Hat sie wie ich genannt und unterschieden.

Doch anders dann Gregor als jener dachte;
Was ihn, sobald er durft den Blick erschließen
Im Himmel hier, sichselbst belächeln machte.

Und ließ solch ein Geheimnis euch genießen
Ein Sterblicher auf Erden, staune nimmer;
Denn wer es droben sah, ließ ihm es fließen

Mit Wahrheit mehr aus dieser Kreise Schimmer.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 29
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 29

Solang Latonas Tochter mit dem Sohne -
Bedeckt vom Widder die, der von der Wage,
Am Himmelsrand einnimmt die gleiche Zone,

Wenn der Zenit sie hält in ebener Lage
Bis sie sich lösen aus dem Gleichgewichte,
Daß jeder einem andern Halbkreis tage -

Solang, ein Lächeln hold im Angesichte,
Schwieg Beatrice, fest den Blick gewendet
Zum Punkt, der mich bezwang mit seinem Lichte.

Dann sprach sie: »Ungefragt sei dir gespendet,
Was du begehrst. Denn dorther sah ichs tagen,
Wo jedes Wo und Wie sich trifft und endet.

Nicht um vermehrtes Gut davonzutragen -
Unmöglich wärs! - nein, daß im Glutgestiebe
Ihr Abglanz nur ?Ich bin? vermag zu sagen,

Erschloß in ihrer Ewigkeit, im Triebe
Eignen Gefallens, Raum und Zeit entgegen,
In neuer Liebe sich die Ewige Liebe.

Nicht daß sie wie erstarrt zuerst gelegen;
Denn kein Vorher noch Nachher war vorhanden,
Eh Gott sich wollt auf diesen Wassern regen.

Gestalt und Stoff, gemischt und lauter, fanden
(Alsob dreifacher Strang drei Pfeile schösse)
Den Weg, im makellosen Sein zu landen.

Und wie in Bernstein, Glas, Kristall sich gösse
Ein Lichtblitz, daß kein Auge vom Entzünden
Bis zum Durchflammtsein merkt, ob Zeit verflösse:

So ließ der Herr dreifache Wirkung münden
In Fülle aus sichselbst, daß im Entspringen
Nicht Anfang oder Ende zu ergründen.

Ordnung ward miterschaffen allen Dingen
Und eingeprägt. Als Weltengipfel standen
All jene, die das reine Tun empfingen.

Die nur die reine Möglichkeit empfanden,
Verblieben drunten, aber mitten innen,
Die Tun und Möglichkeit in eins verbanden.

Hieronymus läßt freilich vom Beginnen
Der Engelschöpfung bis zu der der Welten
Verschiedene Jahrhunderte verrinnen.

Die Schreiber Heiligen Geists jedoch erhellten
Die Wahrheit uns, bezeugt in viel Kapiteln.
Und hast du acht, läßt du sie völlig gelten.

Schon die Vernunft kann teilweis dies ermitteln;
Denn Weltbeweger in des Nichtstuns Banden
Solang zu sehn, darf sie mit Recht bekritteln.

Nun weißt du, wo und wann und wie entstanden
Die Liebesgeister hier, sodaß drei Flammen
Von deinem Wunsch bereits die Löschung fanden.

Doch zählt man zwanzig nicht so rasch zusammen,
Als ein Teil dieser Engel schon gesonnen,
Zu lockern euers Grundbaus Schloß und Krammen.

Der andre blieb und hat die Kunst begonnen,
Die du hier sahst, wozu ihn Lust entzückte,
Daß er sich nie getrennt vom Tanz der Wonnen.

Anstoß zum Falle gab der gottentrückte
Verworfene Hochmut des, den du sahst leiden,
Wo ihn des ganzen Erdballs Wucht bedrückte.

Die du hier siehest, fühlten sich bescheiden
Zum Werkzeug jener Güte festverpflichtet,
Die Kraft giebt, sich an solchem Schauen zu weiden.

Drum wurden sie zum Anschaun mehr durchlichtet
Vom Glanz durch ihr Verdienst und Gottesgnade,
Daß ihre Willensstärke nichts vernichtet.

Drum hoffe (und kein Zweifel dich belade),
Daß es Verdienst ist, Gnade zu erlangen,
Jenachdem Neigung offenhält die Pfade.

Wenn meine Worte dir zu Herzen drangen,
Wirst du begreifen jetzt des Hofstaats Leben,
Auch ohne fremde Hilfe zu empfangen.

Doch weil man euch noch sieht am Wahne kleben,
Der Engeln pflegt in eurer Schulen Sprengel
Gedächtnis, Willen und Vernunft zu geben,

So hör noch dies von der Natur der Engel,
Damit du Wahrheit siehst, die Mißverstehen
Gehüllt in doppelsinniges Wortgemengel.

Sie, deren Augen Gottes Antlitz sehen,
Dem nichts verhüllt ist, werden von dem Schimmer
Niewieder die entzückten Blicke drehen,

Drum stört ihr Schauen etwas Neues nimmer.
Und frei von der Erinnerung Gängelbande,
Bleibt unzerspalten ganz ihr Denken immer,

Sodaß wohl wachend träumt im Erdenlande,
Wer glaubt und nicht dran glaubt, was er verbreitet.
Doch liegt im Letzten größere Schuld und Schande.

Nicht eine Straße drunten ihr beschreitet,
Wenn ihr philosophiert. Ihr irrt im Groben,
Von Klügelei und Lust am Schein verleitet.

Und dies erweckt noch mindern Zorn hier oben,
Als wenn die Heilige Schrift, dem Sinn zum Possen,
Verdreht wird oder gar beiseitgeschoben.

Dabei denkt niemand, wieviel Blut geflossen
Beim Säen dort; noch, wie in Gnaden steigen,
Die sich in Demut an sie angeschlossen.

Abstechen will man; darum sucht zu zeigen
Der Pfaff, was er spitzfindig ausgeheckt hat.
Und dabei muß das Evangelium schweigen.

Der sagt, daß rückwärts sich der Mond versteckt hat
Bei Christi Tod und vor die Sonne stellte,
Sodaß kein Lichtstrahl sich zur Welt erstreckt hat,

Und lügt! Sie barg sichselbst am Himmelszelte,
Weil Finsternis dem Spanier auch und Inder,
Und nicht allein dem Juden sich gesellte.

Lapi und Bindi zählt Florenz weit minder,
Als derlei Fabelkram, den hier alljährlich
Von Kanzeln niederschreien der Torheit Kinder,

Daß heim vom Feld, mit Wind genährt nur spärlich,
Die blöden Schäflein ziehn. Von solchem Schunde
Nichtssehn, ist als Entschuldigungsgrund gefährlich!

Christus sprach nicht zum ersten Jüngerbunde:
Geht hin in alle Welt und predigt Possen!
Nein, Wahrheit gab er hin zum sichern Grunde.

Und die ist so aus ihrem Mund erflossen,
Daß Schild und Lanze sie als Glaubensstreiter
Im Evangelium hielten festumschlossen.

Heut ist ein Possenheld und Witzverbreiter
Der Prediger. Wenn die Hörer lachend schauen,
Bläht sich die Kutte; und man will nichts weiter.

Doch solch ein Vogel pflegt sein Nest zu bauen
Im Zipfel: nähm das Volk den wahr, es nähme
Auch wahr den Ablaß, dem es schenkt Vertrauen.

Die Dummheit auch so geil ins Kraut nicht käme,
Daß jeglicher Verheißung, die gar keine
Beweiskraft stützt, zu traun man sich nicht schäme.

Dies dient zur Fettmast dem Sankt-Antonsschweine.
Und andre, die noch schlimmer sind als Säue,
Die bringen Falschgeld unter die Gemeine. -

Doch da wir abgeschweift sind, laß aufs neue
Gradaus uns schaun und nicht die Zeit verpassen,
Daß wegverkürzend bald das Ziel dich freue.

Natur der Engel wächst zu solchen Massen
Der Anzahl nach, daß Maß und Sprache fehlen
Und sterbliche Gedanken, dies zu fassen.

Und du erkennst im Wort von Danielen,
Daß er zehntausendmalzehntausend kündet,
Um die bestimmte Zahl nur zu verhehlen.

Das Erste Licht, das alle sie entzündet,
Ist so verschieden darin aufgegangen
Als Lichter sind, mit denen sichs verbündet.

Drum, weil der Freude Maß nach dem Empfangen
Sich richtet, muß die Süßigkeit der Liebe
Mehr oder minder heißen Grad erlangen.

Sieh nun die Hoheit und freigebigen Triebe
Der Ewigen Kraft, die Spiegel sich erlesen
Soviel, daß sie millionfach drin zerstiebe

Und Einsinsich bleibt, wie sie stets gewesen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 30
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 30

Wenn fern von uns wohl an sechstausend Meilen
Die sechste Stunde glüht, wenn ihren Schatten
Die Erde fast zum ebenen Grund läßt eilen,

Wenn sich des Himmels Mitte uns im satten
Geleucht vertieft, daß manchen Sternes Flimmer
Bis zu uns herzuscheinen muß ermatten;

Und wie der Sonne hellste Dienerin immer
Noch steigt, bis sich vorm Licht, das rings ergossen,
Zuschließt des letzten Himmelsauges Schimmer:

So war auch der Triumph - der unverdrossen
Den Punkt, der mich bezwang, im Spiel umfangen,
Umschließend das, was scheinbar Ihn umschlossen -

Allmählich ganz vorm Auge mir vergangen;
Weshalb den Blick zu Beatricens Zügen
Des Schauspiels Schluß und Liebe wieder zwangen.

Wenn sich in einen Lobspruch ließe fügen,
Was ich im Sang bisher ihr huldigend streute,
Zu dürftig wär es, diesmal zu genügen.

Denn wie sich ihre Schönheit jetzt erneute,
War überirdisch, daß - ich sag es offen -
Wohl nur ihr Schöpfer ganz sich ihrer freute!

Hier, ich gestehs, seh ich mich übertroffen.
Mehr als ein Komiker, als ein Tragöde
Sich überwältigt sieht von seinen Stoffen.

Die Sonne macht ein schwaches Auge blöde.
Gedenk ich, wie so süß ihr Lächeln taute,
So läßt instich mich das Gedächtnis schnöde.

Vom ersten Tag, wo ich ihr Antlitz schaute
In diesem Dasein bis zum Anblick eben,
Mein Lied ihr nachzufolgen sich getraute.

Doch ferner ihrer Schönheit nachzustreben,
Entsag ich im Gedicht, wie nachzudringen
Dem Letzten sich der Künstler muß begeben.

So - wie ich sie anheimgeb stärkerm Klingen,
Als meiner Tuba Klang, die ich drauf richte,
Das wuchtige Werk zu Ende jetzt zu bringen -

So, mit erprobten Führers Angesichte
Und Ton, begann sie: »Wir sind nun entronnen
Vom größten Raum zum Reich voll reinstem Lichte,

Licht der Erkenntnis: Liebe hälts umsponnen,
Liebe zum wahren Gut: voll von Entzücken,
Entzücken: süßeres träuft kein Himmelsbronnen!

Bald siehst du die zwei Heere näherrücken
Vom Paradies, und eines so umkleidet,
Wie sie beim letzten Urteilsspruch sich schmücken.« -

Gleichwie ein unverhoffter Blitz durchschneidet
Des Auges Kraft, daß es, in Bann gehalten,
Den stärksten Eindruck nichtmehr unterscheidet,

So überschwemmten lebenden Lichts Gewalten
Mich lodernd, daß mir schwand nach allen Seiten
Der Ausblick durch des Strahlenschleiers Falten.

»Liebe, die Frieden schenkt den Himmelsweiten,
Will jeden solches Grußes hier empfangen,
Um für ihr Glühen die Kerze zu bereiten.«

Die kurzen Worte kaum ans Ohr mir klangen,
Als über mich hinaus, wie mich es deuchte,
Sich alle meine Seelenkräfte schwangen.

Auch fühlt ich, daß mir Sehkraft neu durchleuchte
Die Augen so, daß sie kein Licht, und glänze
Sein Feuer noch so stark, zubodenscheuchte.

Und blitzewerfend sah ich Wellentänze
In einem Glanzstrom. Und die Ufer schienen
vom Lenz geflochtene Wunderfarbenkränze.

Lebendige Funken schnellten hoch zu ihnen
Vom Strom; worauf zum Blütenflor die Funken
Sich senkten wie in Gold gefaßte Rubinen.

Die tauchten wie vom Blütendufte trunken
Aufs neue unter in die Wunderwellen.
Und dieser stieg, wenn jener kaum versunken.

»Dein hehrer Wunsch, es möcht sich dir erhellen
Die Kenntnis dessen, was du hier siehst blinken,
Freut mich jemehr, jemehr ich seh ihn schwellen.

Doch mußt du erst von diesem Wasser trinken,«
(So sprach sie, meiner Augen Licht und Leben)
»Eh deinem großen Durst wird Sättigung winken.«

Dann sagte sie: »Der Strom, das Senken, Heben
All der Topase, dieser Blumen Lachen
Will nur der Wahrheit Schattenvorspiel geben.

Nicht daß die Dinge sich undeutbar machen.
Du trägst den Mangel zum alleinigen Teile:
Sohoch zu sehn mißglückt dem Blick, dem schwachen.«

Nie wandte sein Gesicht in größerer Eile
Der Säugling zu den Brüsten, die ihn nähren,
Erwacht er spät nach der gewohnten Weile,

Als ich die Augen beugte - sie zu klären
Zu hellern Spiegeln - auf dies Wasser nieder,
Das hier entströmt, um Besserung zu gewähren.

Und kaum noch trank davon der Saum der Lider,
Da sieh! was mir zuerst als Fluß erschienen,
Sah ich zu einem See gerundet wieder.

Sodann, wie Menschen, die Gesicht und Mienen
Verlarvten, sich verändert offenbaren,
wenn sie der Masken sich nichtmehr bedienen,

So hier zum größern Fest verwandelt waren
Die Funken und die Blumen, daß ich schaute
Des Himmelshofes beide Heeresscharen.

O Gottesglanz, darin den Sieg ich schaute
Des wahren Reichs, gieb Kraft dem Unterwinden,
Daß ich ihn schildern kann, wie ich ihn schaute.

Droben ist Licht, davor die Hüllen schwinden,
Daß sich der Schöpfer dem Geschöpf verkläre,
Das Ihn anschauend nur kann Frieden finden.

Und dieses dehnt sich in der Form der Sphäre
Soweit, daß es der Sonne Raum könnt geben
Und dennoch ihr zuweit als Gürtel wäre.

Nur Strahlen sinds, die ganz sein Bildnis weben,
Die, auf des erstbewegten Himmels Bogen
Zurückgestrahlt, ihm Kraft verleihen und Leben.

Und wie ein Berg sich spiegelt in den Wogen,
Erfreut, daß er vom Fuße bis nach oben
Lieblich von Gras- und Blütenschmuck umzogen.

So sah ich rings-rings, überm Licht erhoben,
Sich spiegeln das auf tausendfacher Schwelle,
Was je von uns heimwanderte nach droben.

Zeigt schon die tiefste Stufe solche Helle
Von solcher Pracht: wie weit mag sich verbreiten
Der Rose allerfernste Blätterzelle?

Mein Blick verlor sich nicht in diesen Weiten
Und Höhen, nein: er durfte ganz durchdringen
Das Was und Wieviel dieser Seligkeiten.

Hier werden Nah und Fern zum hohlen Klingen:
Wo Gott unmittelbar der Herrschaft waltet,
Kann das Naturgesetz nichtsmehr vollbringen.

Ins Gelb der ewigen Rose, die sich faltet
Zu Stufen, dehnt, und Düfte haucht zum Preise
Der Sonne, die hier ewigen Lenz gestaltet,

Zog mich, der schwieg und doch gern fragte leise,
Schon Beatrice hin und sprach: »Betrachte
Die zahllos weißen Kleider hier im Kreise.

Sieh unsere Stadt und ihres Umfangs achte.
Sieh, wie besetzt die Stufen unseres Saales,
Daß kaum ein Gast noch Platz dem andern machte.

Auf jenem Hochsitz, draus schon lichten Strahles
Die Krone ruht, dahin dein Blick sich neiget,
Wird, eh du Gast bist dieses Hochzeitsmahles,

Die Seele, die bei euch der Reif umzweiget,
Des hohen Heinrichs thronen, der gesendet
Zum Heil Italiens, eh es reif sich zeiget.

Die blinde Habgier macht euch ganz verblendet,
Daß ihr dem Kinde gleicht, das nah am Sterben
Schon ist und doch sich von der Amme wendet.

Und Einer wird den Vorsitz dann erwerben
In Gottes Forum, und auf anderen Wegen,
Versteckt und offen, ihm das Spiel verderben.

Doch bald wird Gott aus heiligem Amt ihn fegen
Zu jener Tiefe hin, wo seine Tücken
Verbüßend Simon Magus ist gelegen,

Und wird den von Anagni tiefer drücken.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 31
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 31

So denn zu einer weißen Rose schaute
Mein Blick die heilige Heeresschar sich schmiegen,
Die Christus sich als Braut im Blut antraute.

Doch jene, die da schaut und singt im Fliegen
Die Glorie Des, der Liebe weckt in ihnen,
Sowie die Huld, durch die sie so gestiegen,

Sie senkte sich - gleichwie ein Schwarm von Bienen
Sich taucht in Blüten, um dann zu entweichen,
Daß sie im Stock dem Honigwerke dienen -

Tief in den Riesenkelch, der ohnegleichen
An Blättern reich; und flog dann aufwärts wieder
Zu ihrer Liebe ewigen Bereichen.

Lebendige Glut im Antlitz, ihr Gefieder
Goldschimmernd, alles andre weiß und blendend,
Wie reinerer Schnee nie fiel vom Himmel nieder:

So schwirrten sie, zum Blumenkelch sich wendend,
Und was sie flankenfächelnd eingesogen
An Glut und Frieden, allen Sitzen spendend.

Und ob sie zahllos auf- und niederflogen
Im Raume oberhalb der Blumenzellen,
Mir ward kein Blick, dem Bild kein Glanz entzogen.

Denn Gottes Licht durchdringt und will erhellen
Das Weltenall nach seinen Würdigkeiten,
Sodaß sich nichts ihm kann entgegenstellen.

Dies sichere Reich des Friedens, dessen Weiten
Bewohnt von alten Völkern sind und neuen,
Zwingt Blick und Liebe, auf ein Ziel zu gleiten.

O dreifach Licht, das funkelnd zu erfreuen
Aus einem Stern vermag die seligen Scharen,
Schau doch herab auf unseres Sturmes Dräuen! -

Wenn aus dem Norden kamen die Barbaren,
Wo Helice, von Zärtlichkeit bewogen,
Täglich beim lieben Sohn ist zu gewahren,

Und von Roms Wunderwerken angezogen
Erstaunten, als - was Menschen je erschufen -
Vom Lateran noch wurde überflogen:

Wie staunte ich erst, als die Himmelsstufen
Ich sah, entrückt dem irdischen Geschlechte,
Zum Ewigen vom Zeitlichen berufen,

Und statt Florenz Wahrhafte sah und Echte!
Ja zwischen Lust und Staunen mußt ich stehen,
Hielt Schweigen und Nichtshören für das Rechte.

Und wie ein Pilger, des Gelübd geschehen,
In Tempel staunt und hoffnungsvoll der Kunde
Sich freut, zu melden, wie er ihn gesehen,

So ließ ich zum lebendigen Flammengrunde
Die Augen gehn, zu jeder Stufe lugend,
Dann auf und ab und endlich durch die Runde.

Gesichter, holdverschönt mit Himmelsjugend,
Mit eigenem Lächeln und mit fremdem Scheine,
Lockten zur Liebe da, geschmückt mit Tugend.

Des Paradieses Form, die allgemeine,
Hatte mein Blick schon gänzlich aufgefangen,
Doch sah ich noch von Einzelheiten keine;

Und wandte mich, neuflammend im Verlangen,
Von meiner Herrin Dinge zu erfragen,
Die meinen Geist zu starken Zweifeln zwangen.

Eins meint ich, und ein andres sollt es sagen:
Bei Beatricen nicht, bei einem Greise
Stand ich und sah der Seligen Kleid ihn tragen.

Wohlwollen zeigte der und liebe Weise,
An Haltung fromm, sein Auge gütig-helle,
Wie wohl ein Vater steht im Kindeskreise.

Und: »Wo ist sie geblieben?« rief ich schnelle.
Drauf er: »Daß deinem Wunsch Gehör ich leihe,
Rief Beatrice mich von meiner Stelle.

Und schaut zum höchsten Rang in dritter Reihe
Dein Blick, siehst du sie auf den Thron erhoben,
wo ihren Tugenden ward Lohn und Weihe.«

Und wortlos wanderte mein Blick nach oben,
Und sah ums Haupt ihr eine Gloriole
Vom Widerschein des ewigen Lichts gewoben.

Nie von des Donnerhimmels höchstem Pole
Ein sterblich Auge stand auf fernern Wegen,
Auch wenn es taucht zur tiefsten Meeressohle,

Als Beatrice hier dem Blick entlegen.
Doch tat es nichts. Denn klar trat meiner Lieben
Bildnis und unvermittelt mir entgegen.

»O Frau, in der mein Hoffen Frucht getrieben,
Die mir zum Heile wollt zur Hölle gehen,
Duldend, daß ihre Spuren dort verblieben,

Von soviel Dingen all, die ich gesehen,
Ists deiner Macht und Güte zu verdanken,
Daß dadurch Kraft und Gnade mir geschehen.

Du zogst zur Freiheit mich aus Knechtesschranken
Durch all die Mittel, auf all jenen Pfaden,
Die dies bewirken konnten ohne Wanken.

Bewahr in mir den Schatz all deiner Gnaden,
Daß, wohlgefällig dir, sich ihrer Glieder
Die Seele, die du heiltest, kann entladen.«

So mein Gebet. Und sie sah zu mir nieder
Vom fernsten Sitz, ein Lächeln mir zu spenden.
Dann sah sie auf zur Ewigen Quelle wieder.

Da sprach der heilige Greis: »Daß sich vollenden
Dein Weg kann bis zum Ziele, wozu Bitte
Und heilige Liebe mich den Fuß ließ wenden,

Flieg mit den Augen durch des Gartens Mitte!
Denn ihn betrachtend wächst dein Blick, dein scheuer,
Daß durch den Gottesstrahl er höherglitte.

Die Himmelskönigin, der in Liebe teuer
Mein Herz erglüht, wird Gnade niedertauen
Auf dich, weil ich ihr Bernhard bin, ihr treuer.« -

Wenn einer, etwa aus Kroatiens Gauen,
Herkommt, um zur Veronika zu gehen,
Und kann am alten Ruhm nicht satt sich schauen,

Nein, zu sich spricht, bleibt er vorm Tuche stehen:
»Mein Jesuschrist, wahrhaftiger Gott, hernieden
Hat also, Herr, dein Antlitz ausgesehen...?«

So war mir, als zu sehn mir der beschieden,
Der drunten in lebendigem Liebesweben
Vorsinnend kostete schon jenen Frieden.

»O Sohn der Gnade, dieses Wonneleben,«
Begann er, »wird sich nie dir deutlich weisen,
Wenn deine Augen nur zuboden streben.

Nein, lasse sie bis zu den fernsten Kreisen
Und aufwärts bis zum Thron der Königin klimmen,
Die dieses Reiches Untertanen preisen.«

Ich hob die Augen. Und wie im Entglimmen
Des Morgens Gluten sich im Osten wiegen,
Indessen noch im Westen Schatten schwimmen,

Sah ich, gleichsam von Tal zu Berg gestiegen,
Ein Licht im höchsten Rande funkelnd tagen
Und jeden andern Teil an Glanz besiegen.

Und wie dort, wo man wartet auf den Wagen,
Den Phaëthon schlecht lenkte, wächst die Flamme,
Um rechts und links das Licht zu überragen,

So glühte jene Friedensoriflamme
Kräftig im Kerne, und die Ränder gingen
Gleichmäßig auf in milderem Geflamme.

Und zu der Mitte hin, mit offenen Schwingen,
Sah ich wohl tausende von Engelkränzen,
An Glanz und Kunst verschieden, jubelnd dringen.

Sah ihren Liedern dort und ihren Tänzen
Zulächeln eine Schönheit, die ließ Wonnen
Im Auge aller andern Heiligen glänzen.

Und flösse der Fantasie und Sprache Bronnen
Gleichstark: von ihrem Reize noch so kleinen
Abglanz zu schildern, hieße unbesonnen.

Als Bernhards Augen sahn, wie heiß die meinen
Und fest zum Glutquell seiner Glut sich wandten,
Hob er zu ihr so liebeheiß die seinen,

Daß meine Augen mehr zum Schauen entbrannten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 32
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 32

Und der Beschauliche, von seinen Wonnen
Entzückt, das Lehramt aufzunehmen eilte,
Und hat mit heiligen Worten so begonnen:

»Die Wunde, die Maria schloß und heilte,
Verschärft hat sie die Schöne und geschlagen,
Der man zu Füßen ihr den Platz erteilte.

Im Range, wo die dritten Sitze ragen,
Weilt unter dieser Rahel. Und daneben
Siehst du das Antlitz Beatricens tagen.

Sara, Rebekka, Judith und das Leben
Der Ahnfrau jenes Sängers, der die Sünde
Bereuend ?Miserere? rief mit Beben,

Kannst du erschaun, wenn gradweis durch die Gründe
Der Rose deine Blicke mit mir eilen,
Wie ich dir Blatt für Blatt die Namen künde.

Und abwärts von der Ränge siebentem weilen,
Wie auch bis da hinauf, Hebräerfrauen,
Die alle Locken dieser Blume teilen.

Denn jenachdem ihr Glaube einst im Schauen
Entbrannt für Christus, dürfen die Entbrannten
Sich rechts und links der heiligen Stufen stauen

Als Mauer. Hier, wo sich zur Reife wandten
Schon alle Blüten, sitzen die Bewährten,
Die Christum als den Kommenden erkannten.

Dort, wo im Halbkreis späteren Gefährten
Noch Raum blieb, sitzen die zu jenen zählten,
Die dem gekommenen Christus sich erklärten.

Und wie der Ruhmesthron der Gottvermählten
Samt dem, was drunter sich an Sitzen breite,
Hier bis zum Kelchgrund scheidet die Erwählten,

So teilt Johann der Große jene Seite,
Der, heilig stets, zwei Jahr litt Höllenschwüle,
Doch erst der Marter sich und Wüste weihte.

Und unter ihm trennt so die heiligen Stühle
Franz, Benedikt, und Augustin im Bunde
Mit andern bis zum untersten Asyle.

Nun sieh, wie Gott mit vorsichtshehrem Grunde
Hier abteilt die und jene Glaubensweise,
Daß sich gleichmäßig füllt des Gartens Runde.

Und wisse auch, daß abwärts von dem Kreise,
Der quer durchschneidet die zwei Trennungsseiten,
Kein Sitz wird eigenem Verdienst zum Preise,

Nein, fremdem nur, fest an Verbindlichkeiten.
Denn Geister sinds, die alle heimgegangen,
Eh sie zur wahren Wahl selbst konnten schreiten.

Dies zeigen ihre Mienen schon und Wangen;
Die Kinderstimmchen auch, die ihnen eigen,
Wenn du sie hörst und schauest unbefangen.

Nun zweifelst du, um zweifelnd stillzuschweigen.
Doch will ich dich befrein von der Erblindung,
Die lästig sich dem Grübelgeist will zeigen.

In dieses Reiches schrankenloser Windung
Herrscht Zufall nicht, ob groß er ob geringer;
Auch Gram nicht, Hunger nicht, noch Durstempfindung.

Denn ewiges Gesetz ist der Bedinger
Für alles was du siehst. Und wie mans wendet,
Entspricht der Ring auch immer hier dem Finger.

Drum ist dies Volk, das vor der Zeit gesendet
Zum wahren Sein, nicht ohne Ursach grade
Mehr oder minder unter sich vollendet.

Der König, der sein Reich mit solcher Gnade
Beglückt an Frieden, Liebe und Vergnügen,
Daß es ein Grenzstein jedem Sehnsuchtspfade,

Er schafft nach seines heitern Anblicks Zügen
Die Geister und beschenkt sie nach Belieben
Mit seiner Huld. Die Tat muß dir genügen.

Auch klar und unzweideutig hats geschrieben
Die Heilige Schrift von jenen Zwillingssöhnen,
Die schon im Mutterleib der Zorn getrieben.

Denn jenachdem die Gnade will verschönen
Ein Haupt mit Blondhaar oder dem des Raben,
Wird sie das höchste Licht auch würdig krönen.

Drum, ohne eigenen Tuns Verdienst zu haben,
Sind sie gestuft hier nach verschiedenen Seiten,
Verschieden nur nach ersten Sehkraftsgaben.

Es ward für Kindlein in den frühesten Zeiten,
Nebst eigener Unschuld, nötig nur befunden
Der Eltern Glaube, sie zum Heil zu leiten.

Dann ward, sobald die erste Zeit entschwunden,
An die Beschneidung - kräftiger zu gestalten
Der Unschuld Flug - das Seelenheil gebunden.

Jedoch seitdem der Gnaden Zeiten walten,
Ward ohne die vollkommene Taufe Christi
Dort unten solche Unschuld festgehalten.

Jetzt blicke nach dem Antlitz, das dem Christi
Am meisten gleicht. Denn Kraft allein kann bringen
Dir seine Reinheit für den Anblick Christi.«

Da sah ich solchen Wonneregen dringen
Auf Sie, getragen von den heiligen Scharen,
Geschaffen, sich durch solche Höhe zu schwingen,

Daß alles, was bisher ich schauend erfahren,
Mich so mit Staunen nie erfüllte wieder,
Noch solche Gottesahnung ließ gewahren.

Und jene Liebe, die zuerst stieg nieder,
»Ave Maria, gratias plena!« singend,
Erschloß vor jener weitauf ihr Gefieder.

Erwiderung gab, allseitig froh-erklingend,
Der selige Hof dem Gotteslied, mit Frieden
Und Freude jedes Antlitz hell durchdringend.

»O heiliger Vater, der für mich gemieden,
So tief hier weilend, jene holde Stelle,
Die dir zum Sitz das ewige Los beschieden,

Wer ist der Engel, der so jubelhelle
Hinschaut zu unserer Königin Angesichte,
So liebend, daß er gleicht der Feuerquelle?«

So wandt ich wieder mich zum Unterrichte
Von dem, der sich verschönte an Marieen
Gleichwie der Morgenstern am Sonnenlichte.

Und er: »Mut ist und Schönheit ihm verliehen,
Wie es nur Engeln mag und Seelen frommen.
Und so ists ihm, zur Freude gediehen;

Weil er ja zu Marieen einst gekommen
Mit seinem Palmenzweig, als unsere Bürde
Auf seine Schulter Gottes Sohn genommen.

Doch folge meinem Wort nun durch die Hürde
Mit deinem Blick; und sieh im frommen weisen
Gerechten Reich der hohen Patrizier Würde.

Die zwei - die seligsten in diesen Kreisen,
weil sie zunächst der Kaiserlichgeweihten -
Sind als der Rose Wurzelpaar zu preisen.

Sieh jenen Vater, der ihr links zur Seiten:
Weil er sich kühnen Kostens nicht enthalten,
Kostet die Menschheit soviel Bitterkeiten.

Der heiligen Kirche Vater sieh, den alten,
Zur Rechten ihr, den Christus hier im Glanze
Der schönen Blume Schlüssel ließ verwalten.

Und er, der noch vor seinem Tod die ganze
Passion der Braut, der holden, profezeite,
Die einst gefreit durch Nägel ward und Lanze,

Sitzt bei ihm. Und dem andern ruht zur Seite
Der Führer, der das Volk gespeist mit Manna,
Das danklos-störrische, wankelmutbereite.

Dem Petrus gegenüber siehst du Anna.
Verzückt blickt sie auf ihre Tochter nieder,
Daß sie, kein Auge wendend, singt Hosianna.

Dem ältesten Stammhaupt sitzt genüber wieder
Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du, dem Sturze nah, gesenkt die Lider.

Doch laß uns schließen, weil dein Traum bald endet,
Und sehen dem Schneider gleich, was übrigbliebe
An Stoff, den er zu seinem Rock verwendet;

Und laß den Blick uns auf die Erste Liebe
Hinrichten, daß du schauend in sie dringest,
Soweit ihr Glanz dir nicht die Kraft zerriebe.

Doch wahrlich, daß du dich nicht rückwärtsbringest,
Glaubst flügelschlagend du emporzuschweben,
Ziemts, daß du Gnade durch Gebet erringest;

Gnade von jener, die dir hilft im Streben.
Folgt deine Inbrunst mir mit gleichem Schritte,
Wird meinem Wort dein Herz Geleite geben.«

Und so begann er diese heilige Bitte:


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 33
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 33

Magdliche Mutter, Tochter deines Sohnes,
Demütigstes und hehrstes aller Wesen,
Als Ziel bestimmt vom Rat des ewigen Thrones,

Du bists, durch deren Adel einst genesen
Die Menschheit, weil ihr Schöpfer nicht verschmähte,
Sichselber zum Geschöpfe zu erlesen.

Es ward dein Schoß zum flammenden Geräte
Der Liebe, deren Glut im ewigen Frieden
Die Blume hier entfaltete und säte.

Als Mittagsliebesfackel uns beschieden
Hieroben, sieht aus dir den Quell entspringen
Lebendiger Hoffnung alle Welt dortnieden.

Herrin, so groß und mächtig im Vollbringen,
Daß Gnade wünschen und zu dir nicht kommen,
Ein Fliegen hieße dem, der ohne Schwingen.

Nicht nur dem Beter will zuhilfekommen
Dein Mitleid, nein: freundwillig im Gemüte
Bist du den Bitten oft zuvorgekommen.

In dir lebt Mitgefühl, in dir lebt Güte,
In dir Großmut, in dir vereint sich milde,
Was je an Adel ein Geschöpf durchglühte. -

Nun dieser - der vom tiefsten Qualgefilde
Des Weltalls bis hieroben Los und Leben
Gesehn hat, Grad-für-Grad, der Geistergilde -

Er fleht um Gnade dich, ihm Kraft zu geben,
Sodaß es seinen Augen mag gelingen,
Sich bis zum letzten Heil hinanzuheben.

Und ich - nie mocht mich heißres Schauen bezwingen
Für mich, als jetzt für ihn! Drum laß erneuen
Mein Flehn mich und nicht ungehört verklingen;

Damit sich alle Wolken ihm zerstreuen
Von seiner Sterblichkeit vor deinem Flehen,
Und höchsten Heils Entfaltung ihn mag freuen.

Noch bitt ich, Königin, dich, der dir geschehen
Dein Wille muß, gesund ihm zu erhalten
Die Neigungen fortan nach solchem Sehen.

Dein Schutz mag sieghaft irdischer Triebe walten!
Sieh Beatricen samt den seligen Scharen
Für mein Gebet zu dir die Hände falten.« -

Die gottgeliebten heiligen Augen waren
Gewißheit uns, als sie am Beter hingen,
Daß frommen Bitten gern sie mag willfahren,

Worauf sie hoch zum Ewigen Lichte gingen.
Und glaube man, daß in Sein leuchtend Prangen
Erschaffene Augen niemals könnten dringen.

Und ich, bald von der Sehnsucht Ziel empfangen,
Das allen Wünschen stets Erfüllung zollte,
Sah, wie sichs ziemt, gelöscht mein Glutverlangen.

Bernhardus winkte lächelnd mir, ich sollte
Nach oben sehn. Doch ich war längst gesonnen,
Vorzubereiten mich, wie er es wollte.

Denn meine Augen, die an Kraft gewonnen,
Vertieften sich ins hehre Licht und tranken
Dies Licht, drin Wahrheit in sichselbst entbronnen.

Von jetztan überflog mein Schauen die Schranken
Menschlichen Worts. Denn solchem Schauen erliegen,
Wie solchem Überschwang Wort und Gedanken.

Wie uns im Traume Bilder wohl umwiegen,
Daß nach dem Traum erregt bleibt das Empfinden,
Indes die Bilder selbst dem Sinn verfliegen,

So geht es mir. Fast gänzlich sah ich schwinden
Mein Traumgesicht; doch kann sich seiner Fülle
Von Süßigkeit niemehr mein Herz entwinden.

So taut vorm Sonnenlicht des Winters Hülle,
So mußt auf losen Blättern auch entschweifen
Im Windeshauch der Ausspruch der Sibylle.

O höchstes Licht! sohoch ob dem Begreifen
Der Sterblichen: dem Geist laß nur ganz blassen
Nachglanz von dem, wie du erschienest, reifen.

Und solche Kraft laß meine Zunge fassen,
Künftigem Geschlecht nur eines Funkens Brennen
Von deiner Herrlichkeit zu hinterlassen.

Denn das nur rückerinnernd mein zu nennen,
Das winzige, was dies Lied vermag zu sagen:
Es ließe mehr von deinem Sieg erkennen!

Ich glaube, vor dem Stich, den ich ertragen
Aus dem lebendigen Strahl, war ich vergangen,
wollt ich die Augen vor ihm niederschlagen.

Und ich erinnere mich, daß ich vom langen
Ertragen kühner ward, bis ich begehrte,
Im Blick die unbegrenzte Kraft zu fangen.

O Gnadenmeer, das mich mit Mut bewehrte,
Zu blicken tief ins Licht, ins ewigreine,
Bis meine Sehkraft sich darin verzehrte!

In seiner Tiefe sah ich im Vereine,
Zu einem Band gebunden durch die Liebe,
Was sonst im Weltenbuch zerstreut erscheine:

Wesen, Zufälligkeit und ihr Getriebe
Gleichsam verschmolzen in so fester Bindung,
Daß, was ich spräche, blasser Schein nur bliebe.

Die Grundgestalt von dieses Knotens Windung
Glaubt ich zu sehn. Denn während jetzt ich dessen
Gedenk, erhöht sich meine Lustempfindung.

Da gab ein Augenblick mir mehr Vergessen,
Als dritthalbtausend Jahr dem Argo-Schatten,
Den staunend sah Neptun sein Reich durchmessen.

So spähte scharf und ohne zu ermatten,
Reglos mein Geist, daß ihn das Schauen beschwichte,
Ihn, den im Schauen Beglückten, doch nicht Satten.

Beschaffen wird man so in diesem Lichte,
Daß man unmöglich weg von ihm sich wende
Nach anderm Anblick, und auf dies verzichte.

Denn dieses Gut, als Willensziel und -ende,
Eint sich ihm ganz. Und in ihm ist vollkommen,
Was außer ihm nur mangelhafte Spende.

Doch stammelnd wird mein Wort jetzt und verschwommen
Für das sogar, was ich behielt; dem Kinde
Vergleichbar, das der Brust noch nicht entnommen.

Nicht daß mehr als ein einfach Bild sich finde
Dort im lebendigen Licht, als ich mich kehrte
Zum wandellosen - nein! Nur weil die Binde

Vom Auge fiel, das seine Sehkraft mehrte,
Schiens, daß sich eine Wandlung dieses Glanzes
Mir, dem nun Selbstverwandelten, bescherte.

Im hehren Licht, als klarvertieftes Ganzes,
Sah ich drei Kreise umfangsgleich gezogen;
Doch anders war die Farbe jedes Kranzes.

Wie Iris Iris, spiegelte ein Bogen
Den andern. Und der dritte, überschwänglich
An Glut, schien aus den zweien gleichstark zu wogen.

Oh wie ist schwach mein Wort und wie verfänglich
Meinem Begriff! Und der, das Bildnis sehend,
Ist so, daß noch zuviel sagt »unzulänglich«.

O ewiges Licht, ruhvoll in dir nur stehend!
Nur dir verständlich und, von dir verstanden,
Verstehend, lächelst du dir, Liebe wehend!

Die Rundung, die mir schien in dir vorhanden,
Alsob ein rückgestrahltes Licht sie schenkte,
Hielt mein umspannend Auge kurz in Banden,

Bis unser Ebenbild sie auf sich lenkte,
Das plötzlich farbentreu erschien tiefinnen,
Sodaß mein Blick sich ganz dareinversenkte.

Dem Geometer gleich, der tief in Sinnen
Das Maß des Kreises sucht betörter Meinung,
Und grübelnd nicht den Grundsatz kann gewinnen,

So stand ich bei der plötzlichen Erscheinung.
Ich wollte, wie sich Kreis und Bild bedingen,
Erkennen, und die Bild- und Kreisvereinung.

Doch dazu reichten nicht die eigenen Schwingen.
Da fühlt ich einen Blitz - dem Sehnsuchtstriebe
Gewährung schenkend - meinen Geist durchdringen.

Hier merkt ich, daß der Seelenrausch zerstiebe:
Doch folgte schon mein Wunsch und Wille gerne,
Gleichmäßigen Schwunges wie ein Rad, der Liebe,

Die auch die Sonne schwingt und andern Sterne.


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