Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 01
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 01

Nun läßt das Schifflein meines Geistes ragen
Die Segel, um durch bessere Flut zu dringen,
Fliehend ein Meer, drauf grause Wellen schlagen.

Und von dem zweiten Reiche will ich singen,
Wo sich die Seele läutert im Bestreben,
Sich würdig in den Himmel aufzuschwingen.

Doch mag sich hier der tote Sang beleben,
O heilige Musen! denen ich mich weihen
Gedurft, hier auch Kalliope sich heben

Und meinem Liede jenen Klang verleihen,
Der den unseligen Elstern also dröhnte,
Daß sie verzweifeln mußten am Verzeihen. –

Indiens Saphir, der herrlichblau-getönte,
Hatte mit Licht den Himmel rings durchronnen,
Daß Klarheit selbst den fernsten Kreis verschönte,

Und schenkte meinen Augen neue Wonnen,
Als ich die Stickluft ließ der Grabeszelle,
Die Brust und Augen mir mit Nacht umsponnen.

Der schöne Stern, der unserer Liebe Quelle,
Ließ hell ein Lächeln rings im Ost entstehen,
Daß bald vor ihm den Fischen schwand die Helle.

Scharf ließ nach rechts zum andern Pol ich gehen
Den Blick und sah des Viergestirnes Schimmer,
Das seit dem ersten paar kein Mensch gesehen.

Der Himmel schien entzückt von dem Geflimmer.
O Norden! als verwaist tief zu beklagen,
Da dieser Anblick dir versagt auf immer.

Als ich mich seines Anschauens dann entschlagen,
Mehr spähend nach des andern Poles Breite,
Wo schon verschwunden war der Himmelswagen,

Sah einen Greis ich, einsam, mir zur Seite,
von Ansehn solcher Ehrfurcht wertzuhalten,
Wie größre nie ein Sohn dem Vater weihte.

Ein langer lockiger Bart umfloß den Alten,
Mit Silberglanz, dem Haupthaar gleich, durchschossen,
Davon zur Brust zwei Wellen niederwallten.

Des heiligen Viergestirnes Strahlen gossen
Ihm übers Haupt so feierliche Helle,
Als hielts ein Sonnendiadem umschlossen.

»Wer seid ihr, die des ewigen Kerkers Schwelle
Verließen, trotzend finsterm Strom entgegen?«
Klangs aus des Bartes würdiger Silberwelle.

»Wer führte euch? Wer borgte Licht den Wegen
Aus tiefster Nacht, wo die verlorene Rotte
Mit ewigem Schwarz die Höllenschlünde hegen?

Ward das Gesetz des Abgrunds so zum Spotte,
Ward neu Beschluß gefaßt im Himmelskreise?
Ihr als Verdammte kommt zu meiner Grotte?«

Darauf berührte mich mein Führer leise,
Andeutend mir durch Worte, Hand und Mienen,
Daß Ehrfurcht ich mit Knie und Blick erweise,

Und sprach: »Nicht durch michselbst bin ich erschienen.
Ein Weib stieg bittend aus des Himmels Sphäre:
Hilfreich als Führer sollt ich dem hier dienen.

Doch weils dein Wille, daß ich dir erkläre,
Wie es in Wahrheit stehe mit uns beiden,
Ists auch mein Wille, daß ich dies gewähre.

Der sah noch nicht den letzten Abend scheiden;
Doch stand er dicht davor irrtumverblendet,
Daß wenig Zeit ihm blieb, ihn zu vermeiden.

Zu seiner Rettung ward ich da gesendet
Und konnt nur diesem Weg den Vorzug zollen,
Drauf, wie ich sagte, ich mich hergewendet.

Gezeigt hab ich ihm all die Sündenvollen
Und denke jetzt die Geister ihm zu zeigen,
Die unter deiner Hut sich läutern sollen.

Der Herkunft lange Mär laß mich verschweigen.
Mich stärkte höhere Kraft, hierherzustreben
Mit ihm, daß Ohr und Auge sich dir neigen.

Nun wolle seinem Hiersein Gnade geben.
Die Freiheit sucht er, die doch sonder Frage
Geschätzt hat, wer geopfert ihr das Leben.

Du weißt es! Denn du starbest ohne Klage
Für sie in Utika, wo dir entglitten
Dein Kleid, das leuchten wird am Großen Tage.

Kein ewig Recht durch uns ward überschritten:
Der lebt, und mich hält Minos nicht im Zwange.
Ich bin vom Kreise, wo mit keuschen Bitten

Das Auge deiner Marcia fleht so bange,
O heilig Herz, daß sie verbleib dein eigen –
Drum ihr zuliebe huldvoll uns empfange.

Durch deine sieben Reiche laß uns steigen!
Ich will ihr holde Grüße von dir sagen,
Erlaubst du, drunten nicht von dir zu schweigen.« –

»Mein Auge fand an Marcia solch Behagen,«
Sprach er darauf, »als ich noch jenseits weilte,
Daß ich ihr keine Bitte abgeschlagen.

Nun sie der Bann des schlimmen Stroms ereilte,
Kann dies mich nichtmehr laut Gesetz erregen,
Das man, nachdem ich dort entrann, erteilte.

Doch sagst du, daß ein Himmelsweib voll Segen
Dich schickt und führt, brauchts keiner Schmeicheleien.
Genug, wenn du mich anrufst ihretwegen.

Geh denn, mit einem Gürtel ihn zu weihen
Aus glattem Schilf, und sein Gesicht zu baden,
Um es von jedem Staubfleck zu befreien.

Nicht ziemt es sich, mit Augen nachtbeladen
Zu treten vor den ersten aller Engel,
Die strahlend gehen auf Paradiesespfaden.

Als grüner Kranz umrauscht des Eilands Sprengel,
Wo an den sumpfigen Rand die Wellen schlagen,
Ein Schilfgebüsch mit schmiegsam-weichem Stengel.

Denn andere Pflanzen, die da Blätter tragen
Und sich verholzen, können hier nicht leben,
Wo es sich schmiegen heißt, wenn Wellen jagen.

Statt dann hierher zurück euch zu begeben,
Erklimmt den Berg! Bequemen Weg euch zeigend
Zur Höh, geht dort die Sonne auf soeben.« –

Damit entweicht er. Und ich heb mich schweigend
Vom Knieen, und zu meinem Führer sende
Den Blick ich, mich ganz nahe zu ihm neigend.

Anhub er: »Sohn, folg meinem Schritt behende,
Zurück gehts, wo sich senkt zum Horizonte
Die Ebene bis zu ihrem untern Ende.«

Schon floh, weil heller sich der Ost besonnte,
Der Morgendämmer, daß ich bald vom weiten
Des Meeres Flimmerspiel erkennen konnte.

Wir gingen, wo sich öde Strecken breiten,
Wie einer umkehrt zum verlorenen Wege
Und bis zu ihm vergebens glaubt zu schreiten.

Kaum daß wir angelangt, wo frisch und rege
Der Frühtau mit den Sonnenstrahlen streitet
Und schwerer weicht, wo schattig das Gehege,

Als schon mein Meister, sänftlich ausgebreitet
Aufs junge Gras, die beiden Hände reckte,
Daß ich, von seiner Absicht recht geleitet,

Mein tränend Antlitz ihm entgegenstreckte,
Bis er die alte Farbe ihm und Glätte
Zurückgab, die der Höllenqualm noch deckte.

Drauf kamen wir zur öden Küstenstätte,
Die niemals sah durch ihre Fluten wallen
Ein irdisch Boot, das heimgefunden hätte.

Hier gürtet er mich, jenem zu Gefallen.
O Wunder! denn sooft er sich auch bückte
Nach einer schlichten Pflanze: schnell an allen

Den Stellen sproß sie neu, wo er sie pflückte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 02
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 02

Schon stand der Sonnenball am Horizonte,
Der mit dem höchsten Punkt im Mittelkreise
Sich durch Jerusalem erstrecken konnte,

Und jenseitskreisend kam vom Ganges leise
Die Nacht mit ihrer Wage hergegangen,
Die wachsend ihr entfällt nach alter Weise,

Sodaß der schönen Morgengöttin Wangen -
Sonst weiß und rot - alsob sie Alter dorrte,
Da wo ich stand, zu welken angefangen.

Wir weilten so noch an der Meeresborte
wie man wohl zweifelt, welchem Weg zu trauen:
Schon eilt der Geist, noch weilt der Leib am Orte.

Und sieh! Wie überrascht vom Morgengrauen
Durch dichten Nebel Mars in roter Helle
Fern überm Meer im Westen ist zu schauen,

Dem ähnlich kam jetzt auf der Meereswelle,
O säh ichs wieder einst! ein Licht geflogen,
Wie nie geflogen ward mit solcher Schnelle.

Denn als ich kaum das Haupt zurückgebogen
Ein wenig, um den Führer zu befragen,
Stands größer schon und heller auf den Wogen.

Ein rätselhaftes Weiß dann sah ich ragen
Zu beiden Seiten, und die Unterkante
Schien nach und nach ein andres Weiß zu tragen.

Noch schwieg mein Meister, bis das erstgenannte
Seitliche Weiß sich auswuchs zum Gefieder.
Doch als er dann den Fährmann recht erkannte,

Rief er: »Geschwind, geschwind, und kniee nieder!
Sieh Gottes Engel! Falte deine Hände.
Bald siehst du mehr dergleichen Diener wieder.

Sieh, stolz verschmäht er, was der Mensch erfände.
Kein Ruder braucht er. Seine Schwingen tragen
Als Segel ihn zum fernesten Gelände.

Sieh, wie er himmelaufwärts sie läßt ragen,
Die Luft durchstreichend. Nie wird sein Gefieder
Gleich sterblichem Veränderung beklagen.«

Und näher kam und heller strahlte wieder
Der Gottesvogel, daß ich von dem Glanze
Beinah geblendet schlug die Augen nieder,

Als er ganz nahe und zum Uferkranze
Herflog in so geschwindem leichtem Boote,
Daß keine Spur es ließ im Wellentanze.

Am Hecke stand der himmlische Pilote,
(Beseligt wär schon, wer nur von ihm sänge!)
Und drinnen saßen mehr als hundert Tote.

»In exitu Israel«, schollen die Klänge
Des Chors, der anhob einstimmig zu singen
Den Davidspsalm in seiner ganzen Länge.

Nachdem des Kreuzes Zeichen sie empfingen
vom Fährmann, warfen alle sich zur Küste;
Doch er schied wie er kam auf raschen Schwingen.

Die Menge, die zurückblieb, tat als wüßte
Sie nichts vom Ort und blickte unentschlossen,
Alsob sie neue Dinge proben müßte.

Rings schleuderte die Sonne unverdrossen
Blitzpfeile aus des Himmels Höhe droben,
Daß schon der Steinbock floh vor den Geschossen,

Drob die Neuangekommnen zu uns hoben
Die Stirn und zu uns sagten: »Zeigt die Pforte
Zum Berg uns, wenn ihr kennt den Weg nach oben.«

Da sprach Vergil: »Ihr glaubt, nach euerm Worte,
Daß wir schon heimisch sind auf diesen Wegen;
Doch wir sind Fremde hier gleich euch am Orte.

Seit kurzem, kurz vor euch, auf andern Stegen
Herkamen wir, nach rauhen und schlimmen Fahrten,
Daß dieses Steigen hier ein Spiel dagegen.«

Die Seelen, die sogleich bei mir gewahrten
Am Atemzug, daß mir noch Leben eigen,
Im Antlitz blasses Staunen offenbarten.

Und wie dem Boten mit des Ölbaums Zweigen
Die Menschen neugiervoll entgegendringen
Und keine Scheu vor dem Gedränge zeigen,

So ganz vertieft an meinem Anblick hingen
All die beglückten Seelen und vergaßen,
Daß sie, um schön zu werden, weitergingen.

Und eine Seele, zärtlich-übermaßen,
Trat vor, die Brust mir innig zu umstricken,
Daß meine Sinne gleichen Wunsch besaßen.

O nichtige Schatten, sichtbar nur den Blicken!
Dreimal um ihn sich meine Hände schlangen,
Dreimal zur Brust sie leer zurückzuschicken.

Erstaunen, glaub ich, bleichte mir die Wangen;
Denn rückwärts sah den Geist ich lächelnd schweben,
Daß mich ihm nachzog törichtes Verlangen.

Sanft bat er mich, zu zügeln mein Bestreben.
Da kannt ich ihn und flehte, daß er bleibe,
Um freundlich kurze Antwort mir zu geben.

Er sprach: »Wie ich dich liebte einst im Leibe,
So lieb ich dich, befreit vom irdischen Zwange,
Drum steh ich. Aber sag, was dich hier treibe?« -

»Casella mein, daß man mich hier empfange
Ein zweites Mal, mußt ich hierher mich wagen,«
Sprach ich. »Doch wo bliebst du indes solange?«

Und er zu mir: »Kein Unrecht heißts beklagen,
wenn er, der wen und wann er will hier kürte,
Die Überfahrt mir mehrmals abgeschlagen,

Da er gerechten Willen nur vollführte.
Und wirklich: seit drei Monden nahm in Gnaden
Er jeden auf, wer Lust zur Fahrt verspürte;

Weshalb ich, angelangt an den Gestaden,
Wo sich der Salzflut mischt des Tibers Welle,
Huldvoll von ihm auch wurde eingeladen

Am Mündungsort, wohin der Flügelschnelle
Stets eilt, weil dort sich sammelt an den Borden,
Was nicht hinab muß zu des Acheron Quelle.« -

»Wenn dir nicht untreu durch Gesetz geworden,«
Sprach ich, »Kunst und Gedächtnis all der Lieder,
Die oft mit ihren tröstenden Akkorden

Mich freuten, o so labe freundlich wieder
Die Seele mein, die her ermüdet reiste
Und unter ihres Leibes Last liegt nieder.« -

» Die Liebe, welche mit mir spricht im Geiste,«
Begann er nun die schmelzendsüße Weise,
Die noch für mich an Süße hat das meiste.

Mein Meister und ichselbst mitsamt dem Kreise,
wir fühlten uns die Wonne so beglücken,
Daß ganz dem Sinn entschwand die Umwelt leise,

Und wir lustwandelnd lauschten mit Entzücken
Dem Lied. - Da hörten wir den würdigen Alten,
Der mahnend rief: »Was darf euch so berücken,

Ihr Geister? Welche Trägheit, welch Erkalten!
Eilt hin zum Berg, die Hüllen abzustreifen,
Die Gottes Anblick euch noch vorenthalten.«

Wie Tauben emsig trippeln, um die reifen
Feldkörner oder Trespen aufzupicken,
Einträchtig, ohne keck sich aufzusteifen,

Jedoch, sobald ein Schrecknis zu erblicken,
Fortschwirren jäh und sich vom Futter trennen,
weil größere Sorgen sie mit Furcht umstricken:

So sah ich hier fort vom Gesange rennen
Die neue Schar und hin zum Abhang eilen
wie Wanderer hasten, die das Ziel nicht kennen.

Und wir auch eilten, ohne zu verweilen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 03
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 03

Indessen nun, zu jäher Flucht vereinigt,
Die andern sich zerstreuten in die Weite
Zum Berg hin, wo Gerechtigkeit uns reinigt,

Hielt ich mich an des treuen Führers Seite.
Und wie sollt ohne ihn den Gang ich wagen?
Wer gäbe mir bergaufwärts das Geleite?

Er schien mir auch sichselber anzuklagen.
O reines und empfindliches Gewissen,
wie kann dich kleiner Fehl so bitter nagen!

Als nun sein Fuß sich minderer Hast beflissen,
Weil Hast und würde niemals Eintracht zeigen,
Fühlt ich den Geist, dem frühern Bann entrissen,

Begierig sich zu neuen Zielen neigen.
Und hin zum Berg mein Angesicht ich wandte,
Den ich als höchsten sah dem Meer entsteigen.

Die Sonne hinter mir, die rotentbrannte,
Von vornher ich durch meinen Leib verdeckte,
Des Widerstand die Strahlen an mich bannte.

Ich kehrte seitwärts mich, weil michs erschreckte,
Allein zu sein, und mußte staunend spüren,
Daß nur vor mir der Schatten sich erstreckte.

Da sprach mein Trost: »Kann Argwohn dich berühren?«
Und wandte ganz zu mir sich mit dem Haupte.
»Glaubst du, ich fliehe dich statt dich zu führen?

Dort schon ist Abend, wo im Grab zerstaubte
Mein Erdenkleid, das auch einmal warf Schatten.
Neapel birgts, das es Brundisium raubte.

Verdunkl ich also vor mir nicht die Matten,
So denke dran, daß eines Himmels Schimmer
Dem andern sein Durchglänzen muß verstatten.

Doch bleibt für Schmerzen, Glut und Kälte immer
Empfänglichkeit in solchen Körpern wohnen
Durch eine Kraft, die sich entschleiert nimmer.

Ein Tor hofft, daß unendliche Regionen
Mit irdischem Verstand durchlaufbar wären,
Was Er nur kann, der Eins in drei Personen.

So ists! Hier, Menschheit, ende dein Erklären.
Denn läge alles dem Verständnis offen,
So brauchte nicht Maria zu gebären.

Schon manche saht ihr fruchtlos streben, hoffen,
würdig, daß ihre Sehnsucht käm zum Ziele,
Die sie mit ewigen Qualen jetzt betroffen:

So Plato, Aristoteles und viele.«
Hier senkte er die Stirn und schwieg beklommen,
Leise Wehmut in seinem Mienenspiele.

Wir waren so zum Bergesfuß gekommen,
Doch fanden wir den Fels voller Schroffen,
Daß flinke Beine wenig mochten frommen.

Kein Absturz wird so steil und wüst getroffen
Von Lerici nach Turbia: eine Stiege
War jeder gegen ihn, bequem und offen.

»Wer weiß nun, wo der Hang sich sanfter schmiege,«
Mein Meister sprach, der innehielt im Schreiten,
»Daß man emporkäm, ohne daß man fliege?«

Und wie er bodenwärts den Blick ließ gleiten,
Im Geiste Weg und Mittel überlegend,
Und ich den Fels besah von allen Seiten,

Da lenkte aus dem linken Teil der Gegend
Von Seelen eine Schar zu uns die Schritte,
Doch träg und merklich kaum sich fortbewegend.

»Meister, blick auf! Rat wissen unsrer Bitte
Vielleicht die,« sprach ich, »die wir dort getroffen,
Falls Rat dein eigener Scharfsinn nicht erstritte.«

Hinschauend sprach er mit dem Blick, so offen:
»Schnell hin! denn schleppend kommt ihr Gang vonstatten,
Du aber, lieber Sohn, bleib fest im Hoffen.«

Als noch soweit entfernt von uns die Schatten,
wie gute Schleuderer werfen solche Strecken,
Nachdem wir tausend Schritt durchmessen hatten,

Da drängten alle an die Felsenecken
Der Höhe hin, um wie vom Schreck beschworen
Zu stehen gleich Menschen, die in Zweifeln stecken.

»O Geister! frommgestorben, schon erkoren.
Bei jenem Frieden,« sprach freundlich-beflissen
Vergil, »der, glaub ich, euch bleibt unverloren,

Sagt uns, wo wir des Berges Steilheit missen,
Daß uns emporzukommen möge glücken.
Denn Zeitverlust kränkt mehr, jemehr wir wissen.«

Gleichwie die Schäflein aus der Hürde rücken,
Einzeln, zuzweit, zudritt, andre mit Zagen
Noch stehn, zuboden Maul und Augen drücken,

Um nur, was der Leithammel tut, zu wagen:
Steht er, stehn sie, anschmiegend sich solange,
Einfältig, ruhig, nach dem Grund nicht fragen -

So sah ich, wie den Vortrab im Gedränge
Zu uns herschob die hochbeglückte Herde,
Sittsam das Antlitz und gesetzt im Gange.

Doch als zu meiner Rechten auf die Erde
Die Vordern sahen das Licht gebrochen reichen,
Sodaß der Fels von mir beschattet werde,

Da stockten sie, etwas zurückzuweichen.
Und auch die in den letzten Reihen wallten,
Den Grund nichtwissend, taten doch desgleichen.

»Ich wills euch, ungefragt, nicht vorenthalten,
Daß dessen Körper einem Menschen eigen,
Durch den das Licht am Boden wird gespalten.

Ihr sollt deswegen kein Erstaunen zeigen;
Doch glaubt, daß ihm der Himmel Kraft bescherte,
Der ihm erlaubt, die Felswand zu ersteigen.«

Der Meister so. Und jene Schar, die werte,
Begann: »Kehrt um und geht vor uns vonhinnen,«
Indem sie händewinkend uns belehrte.

Und einen aus der Schar hört ich beginnen:
»Wer du auch seist, such gehend herzuschauen,
Ob meiner sich dein Auge kann entsinnen?«

Ich prüfte ihn mit Blicken, mit genauen.
Blond war er, schön, voll Adel in dem feinen
Gesicht, nur eine Braue war zerhauen.

Zu kennen ihn, mußt höflich ich verneinen.
»Sieh her!« sprach er. Ich sah von einer Lanze
Da einen Spalt hoch an der Brust erscheinen.

»Manfred bin ich, von Kaiserin Constanze
Der Enkel,« sprach er lächelnd. »Ward erkoren
Die freie Heimkehr dir zum Sonnenglanze,

Sag meiner schönen Tochter, die geboren
Siziliens Ruhm und Aragons, ja sage
Die Wahrheit ihr, drang andres ihr zu Ohren.

Zweimal den Leib durchbohrt vom scharfen Schlage,
Hab ich im Tod mich weinend dem ergeben,
Der gern verzeiht der reueheißen Klage.

Sehr sündig war und frevelhaft mein Leben...
Doch weit holt aus der Arm der ewigen Güte,
Der zu sich hinzieht die, die zu ihm streben.

Hätte Cosenzas Hirt, der haßerglühte,
Den Clemens mir hat nachgehetzt, dies eine
Blättlein gelesen doch, fromm im Gemüte,

So würde meine sterblichen Gebeine
Der Brückenkopf von Benevent noch hegen
Im stillen Schutz der aufgetürmten Steine.

Nun peitscht sie Wind und badet sie der Regen,
wo er sie ließ bei ausgelöschten Kerzen
Jenseit des Reichs am Verde niederlegen.

Doch Menschenfluch vermag nicht auszumerzen
Ewige Liebe, die uns will begnaden,
Wenn noch ein Hoffnungsblümchen sprießt im Herzen.

Wahr ists, wer hinstirbt, kirchenbannbeladen,
Ob er zuletzt auf Reue auch gesonnen,
Bleibt außerhalb hier stehn vor den Gestaden,

Bis wieder dreißigmal die Zeit verronnen,
Die er durchtrotzt, wenn dieser Frist nicht Mindrung
Durch eifrige Gebete wird gewonnen.

Sieh nun, ob du mich kannst erfreuen mit Lindrung,
Der trefflichen Konstanze Kunde gebend,
Wie du mich fandest und von dieser Hindrung;

Denn mächtig fördern hier uns, die noch lebend.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 04
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 04

Wenn eine Seelenkraft, sei es durch Schmerzen,
Sei es durch Freuden, stark in uns erzittert,
Und man sich dreinversenkt mit ganzem Herzen,

So wird der Sinn durch andres nicht zersplittert.
Folglich muß seinen Irrtum eingestehen,
Wer in uns mehr als eine Seele wittert.

Und darum, wenn wir hören oder sehen,
Was mächtig unsere Seele hält umwunden,
So wird uns unbemerkt die Zeit vergehen.

Denn eine Kraft hat aufmerksam empfunden,
Und eine andre hält den Geist gefangen:
Jene ist frei und die gleichsam gebunden.

Zu der Erfahrung könnt ich hier gelangen,
Als ich gelauscht dem Geist und ihn betrachtet.
Denn funfzig Grad war schon emporgegangen

Die Sonne, und von mir ganz unbeachtet,
Als wir dort, wo uns im Vorüberschweifen
Die Schar zurief: »Hier ist, wonach ihr schmachtet.«

Mit soviel Dornicht, wie die Zinken greifen,
Mag wohl der Winzer stopfen größere Lücken
Im Zaun zur Herbstzeit, wenn die Trauben reifen,

Als diese Öffnung, wodurch ich mit Bücken
Mich hinterm Führer kletternd mußte schmiegen,
Als wir die Seelen hatten schon im Rücken.

Sanleo wird erklettert, abgestiegen
Nach Noli, und Bismantoas Gipfelschwelle
Zwingt unser Fuß - hier aber heißt es fliegen!

Mit Flügeln nämlich, wie sie leicht und schnelle
Mir Sehnsucht gab, um den nicht zu verlieren,
Der Führer, Leuchte mir und Hoffnungsquelle.

Wir klommen in zerklüfteten Revieren
Und allseits eingekeilt durch Felsenwände,
Den Halt erkämpfend oft auf allen vieren.

Als wir erreicht des Randes letztes Ende,
Hochoben auf des Durchbruchs offner Breite,
Sprach ich: »Mein Meister, wer nun weiterfände!«

Und er: »Nur nicht bergab! Mir nach arbeite
Dich gipfelaufwärts über Grat und Kanten
Bis uns erscheint ein Kundiger, der uns leite.«

Hoch war der Berg, den Blicke nicht umspannten,
Und trotziger seine Steilung anzusehen
Als wie der Mittelstrich des Halbquadranten.

Ich war erschöpft, als ich begann zu flehen:
»O teurer Vater, schau dich um und lasse
Mich nicht allein; nein, bleib ein wenig stehen.« -

»Mein Sohn,« sprach er, »nur noch bis dahin fasse
Dir Mut,« und wies nach einem Vorsprung droben,
Der wie ein Sims umgab die Felsenmasse.

So spornten seine Worte mich, nach oben
Mich zu mühseligem Kriechen anzuschicken,
Bis ich die Füße auf den Sims gehoben.

Hier setzten wir uns beide, mit den Blicken
Nach Ost gewandt, woher wir aufgestiegen;
Denn jeden pflegt solch Rückblick zu erquicken.

Zur Tiefe ließ ich erst die Augen fliegen,
Dann staunend aufwärts zu des Himmels Borden,
Weil ich die Sonne linkerhand sah liegen.

Wohl war der Dichter aufmerksam geworden,
Als ich betroffen wahrnahm, daß hier gleite
Des Lichtes Wagen zwischen uns und Norden.

Drum er zu mir: »Wenn Kastor im Geleite
Von Pollux Nachbarn jenes Spiegels wären,
Der auf- und abwärtswirft sein Licht ins Weite,

Sähst du den Tierkreis rötlich sich verklären
(Sollt er sich noch im alten Gleise drehen)
Und enger kreisen um die Himmelsbären.

Willst dus begreifen, laß dein Auge gehen
Durch diesen Berg bis hin auf Zions Flur,
Dann wirst du auf verschiedenem Halbkreis sehen,

Doch unter einem Horizonte nur
Die beiden. Siehst den Weg dann auch gezogen,
Den Phaëthon unwissend schlecht durchfuhr,

Von hier aus linkerhand am Himmelsbogen,
Von dort zur rechten, wenn du, was ich sagte,
Recht mit Verstand geprüft hast und erwogen.« -

»Gewiß, mein Meister,« sprach ich. »Niemals tagte
Mir schneller, als mit deiner Unterweisung,
was mein Verstand erst kaum zu fassen wagte.

Denn jenes höchsten Himmels Mittelkreisung,
Die uns die weisen als Äquator künden
Und zwischen Glut stets feststeht und Vereisung,

Entfernt sich aus den mir genannten Gründen
Nordwärts soweit, als ihn die Judenscharen
Zur heißen Zone hin sich sahen ründen.

Doch wenn es dir gefällt, laß mich erfahren,
wie weit der Weg noch; denn ich fühle steigen
Den Berg und kann den Gipfel nicht gewahren.«

Und er zu mir: »Dies ist dem Berge eigen,
Daß unten er zuerst schwer zu erklimmen,
Um leichter sich, jemehr man steigt, zu zeigen.

Wird drum der Weg dich erst so heiter stimmen,
Daß er so mühlos wird von dir erklommen,
Als hieß es stromhinab im Boot zu schwimmen,

So bist du an des Weges Ziel gekommen.
Dort wird den Müden süße Rast umfangen...
Mehr sag ich nicht; Wahrheit hast du vernommen.«

Und kaum daß seine Worte noch verklangen,
Erscholls dicht neben uns: »Doch kanns geschehen,
Daß du vielleicht wirst eher Rast verlangen.«

Uns beide zwang ihr Klang, uns umzudrehen,
Und sahn ein großes Felsstück linkerseite,
Das weder ich noch er zuvor gesehen.

Hinzogen wir; und dort in ganzer Breite
Hinter dem Felsblock lag ein Volk im Schatten,
Wie wohl ein Müder sich dem Ausruhen weihte.

Und einer, der mir ganz schien zu ermatten,
Schlang sitzend sich um beide Kniee die Hände,
Die zwischen sich gesenkt das Antlitz hatten.

»O du mein teurer Herr,« sprach ich, »o wende
Den Blick auf den, der mir will träger scheinen,
Alsob in Faulheit er die Schwester fände.«

Da sah er horchend auf, ob wir ihn meinen,
Hob leicht das Haupt vom Schenkel nur und lallte:
»Steig selbst hinauf, denn du bist stark von Beinen.«

Da kannt ich ihn. Und ob mir auch noch wallte
Das Blut und mir der Atem war beklommen,
So trat ich doch zu kurzem Aufenthalte

Ihm näher, der, als er mich wahrgenommen,
Den Kopf kaum hob: »Sahst du den Sonnenwagen,«
Sprach er, »links über deine Schulter kommen?«

Sein sparsam Wort, sein schläfriges Behagen
Ließ mich ein Lächeln da nicht unterdrücken:
»Belacqua, nichtmehr darf ich dich beklagen,«

Sprach ich. »Doch sag, was du mit krummem Rücken
Hier sitzest? Harrst du eines, der dich führe?
Oder sollt alte Trägheit dich noch schmücken?«

Und er: »Was, Bruder, hilfts, wenn ich mich rühre?
Nicht eingehn ließ mich zu den Martern oben
Der Vogel Gottes vor der Himmelstüre.

Erst muß umkreisen mich der Himmel droben
Solang hierdrauß wie einst, wo ich im Leben
Die Reueseufzer bis zuletzt verschoben,

Wenn früher nicht Fürbitten aufwärtsschweben
Aus einem Herzen, das da steht in Gnade...
Was helfen, die sich nicht zum Himmel heben?«

Und vor mir klomm der Dichter schon die Pfade
Und sprach: »Nun komm! Denn sieh, die Sonne funkelt
Im Mittagskreise hoch, und am Gestade

Schon unterm Fuß der Nacht Marokko dunkelt.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 05
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 05

Schon hatt ich mich von jenen Schattenleuten
Entfernt und folgte meines Führers Schritte,
Als einer mir nachrief mit Fingerdeuten:

»Sieh doch, mir scheint, daß nicht der Untre litte,
Daß durch ihn durch linkshin die Strahlen fahren.
Auch tut er ganz nach der Lebendigen Sitte.«

Den Worten nach, als sie gesprochen waren,
Mich wendend, sah ich staunend mich anblicken,
Nur mich und das gebrochene Licht die Scharen.

»Was kann dir denn die Seele so umstricken,«
Begann der Meister, »daß du säumst im Gehen?
Was kümmert dich das Tuscheln hier und Nicken?

Mir nach! und laß die Leute redend stehen.
Du sei ein fester Turm, dem seine Zinnen
Nicht beugen kann des Sturmwinds brausend Wehen.

Denn der wird nimmermehr das Ziel gewinnen,
Der von Gedanken sieht sich überschwommen,
Die kraftauflösend durcheinanderrinnen.«

Was sollt ich sagen als: »Ich werde kommen!«
Ich sprachs und fühlte schon auf meinen Wangen
Die Glut, die oft mag zur Verzeihung frommen.

Indes kam quer den Abhang hergegangen
Ein Haufe Volks, nah vor uns, wo wir gingen,
Die Vers für Vers das Miserere sangen.

Als die bemerkten, daß sich vorm Durchdringen
Der Sonnenstrahlen meine Glieder wehren,
Da ward ein langes heiseres Oh! ihr Singen.

Und ihrer zwei gleich Abgesandten kehren
Im Lauf entgegen uns, bittend zu fragen:
»Wollt über euer Wesen uns belehren.«

Mein Meister drauf: »Kehrt um, und laßt euch sagen,
Euch und den andern, die geschickt euch hatten,
Daß dessen Glieder wirklich Fleisch noch tragen.

Verweilten sie, zu schauen seinen Schatten,
Wie ichs vermut, mag der Bescheid genügen.
Man ehre ihn, denn ihnen kommts zustatten.«

Nie sah ich abends hoch aus Wolkenzügen
Sternschnuppen schießen auf geschwinderm Flügel
Noch Blitze im August die Nacht durchpflügen,

Als die bergaufgestürmt, um gleich vom Hügel
Mit allen dann zu uns zurückzuschwenken,
Alsob ein Trupp hersprengt, verhängt den Zügel.

Der Dichter sprach: »Viel sinds, die zu uns lenken,
Um dich nun anzuflehen in brünstigem Drange.
Geh nur voran, Gehör im Gehen zu schenken.« -

»O Seele, welche, daß sie Heil erlange,
Mit angeborenen Gliedern hier darf gehen,«
Kamen sie rufend; »halt etwas im Gange.

Schau, ob du einen je von uns gesehen,
Kunde von ihm nach drüben hinzutragen.
Ach, warum eilst du? Ach, und bleibst nicht stehen?

Uns alle hat Gewalttat einst erschlagen,
Der Sünden bis zum Tode uns erfreuend,
Wo wir gewitzigt sahen den Himmel tagen.

So starben wir, verzeihend und bereuend,
Mit Gott versöhnt, der uns, Ihn zu erschauen,
Mit Sehnsucht füllt, dem Herzen Pein erneuend.«

Und ich: »Ob ich euch prüfte im Genauen,
Keinen kenn ich. Doch wenn ihr mir erzählet,
Was euch erfreut, Geister voll Gottvertrauen,

Ich tus, sowahr solch Führer mir erwählet,
Sowahr in dessen Spuren jenen Frieden
Von-Welt-zu-Welt zu suchen, Kraft mich stählet.«

Und einer sprach: »Daß du es tust danieden,
Wir glaubens schwurlos: Güte ist vorhanden,
Wird Hemmnis gutem Wollen nicht beschieden.

Drum hör mich, der wortführend aufgestanden.
Kommst du zur Gegend jemals in der Mitte
Von Karlos Reiche und Romagnas Landen,

So schenke freundlich Fürspruch dieser Bitte:
Laß Fano fromm für mich die Hände falten,
Daß ich die Läuterung schwerer Schuld erstritte.

Dort stamm ich her. Die tiefen Wundenspalten
Jedoch, draus meines Lebens Strom verblutet,
Hab ich in Antenorens Schoß erhalten,

Wo ich Verrat am wenigsten vermutet,
Den der von Este wider mich gesponnen.
Sein Haß hat mehr als billig sich gesputet.

Doch wär ich gegen Mira hin entronnen,
Als man mich überfiel an Oriacs Tore,
Noch atmen würd ich froh im Licht der Sonnen.

Ich lief zum Sumpf, wo ich in Schlamm und Rohre
Zu Fall kam, und aus meinen Adern sprangen
Blutbäche, mündend in dem dunkeln Moore.« -

Ein andrer sprach: »Soll je sich dein Verlangen
Erfüllen, das zum Berg dich durfte lenken,
Dein Mitleid kürze dann auch mir das Bangen.

Giovanna nicht und niemand sonst will denken
Buonconts von Montefeltro, daß ich klagen
Hier muß und meine Stirne trauernd senken.« -

»Welch Zufall,« rief ich aus, »hat dich verschlagen,
welche Gewalt soweit vom Campaldino,
Daß heut noch keiner weiß dein Grab zu sagen?« -

»Oh,« sprach er drauf, »den Fuß des Casentino
Durchquert ein Fluß, Archian, der seine Quelle
Hoch ob der Einöd hat im Apennino.

Wo er den Namen tauscht, zu dieser Stelle
Floh ich zufuße mit durchstochener Kehle,
Den Grund benetzend mit des Blutes Welle.

Hier lischt mein Augenlicht und ich empfehle
Maria mich mit letztem Wort, fall nieder,
Und laß den Leib dort liegen ohne Seele.

Nun höre Wahrheit, und der Welt sags wieder!
Schon griff mich Gottes Engel, da fuhr schnelle
Der höllische her und schrie: ?Weil ihm die Lider

Ein Tränlein netzt, darfst du zur Himmelszelle,
Beraubend mich, sein ewig Teil erheben?
So büß das andre an des andern Stelle!?

Du weißt, daß Dünste, die im Luftmeer schweben,
Oft kältere Schichten treffen, und als Regen
Dann wiederum zur Erde niederstreben.

Der Böse, der nur will das Böse pflegen,
Paart List mit Scharfsinn, Sturm und Dunst zu wecken,
Was von Natur in seiner Macht gelegen.

Und als die Sonne sank zum Meeresbecken,
Sah man von Pratomagno sich die Fläche
Bis hin zum Hochjoch schwarz mit Dunst bedecken,

Daß keine Wolke war, die nicht zerbreche
Und Wasser gösse in des Erdreichs Spalten.
Und was der Grund nicht schluckte, wurden Bäche,

Bis diese gleich den größern Flüssen wallten
Und zu dem königlichen Strom hernieder
Ihr Wasser stürzten, daß es gab kein Halten.

An seiner Mündung fand die starren Glieder
Der wütende Archian, der mit dem Funde
Zum Arno stob, das Armkreuz lösend wieder,

Das ich geschlagen in der Todesstunde;
Ließ längs den Ufern mich hinstrudelnd-gleiten,
Bis seinen Raub er barg im schlammigen Grunde.« -

»Ach, bist du heimgekehrt zu Erdenweiten
Und ausgeruht vom langen Weg dortoben,«
So schloß ein dritter Geist sich an den zweiten,

»Gedenke mein. Die Pia hieß ich droben;
Siena gab, Maremma nahm mirs Leben:
Er weiß es, der mir, sich mir zu verloben,

Als schon Vermählter seinen Ring gegeben.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 06
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 06

Wenn man das Zarawürfeln abgeschlossen,
Bleibt der Verlierer wohl zurück im Harme
Und übt die würfe neu und lernt verdrossen.

Der andre wird umringt vom ganzen Schwarme:
Der drängt sich vor, rückwärts zupft ihn ein zweiter,
Und der macht sich bemerkbar ihm am Arme.

Er, den und jenen hörend, schreitet weiter.
Wem er die Hand gedrückt, den sieht er laufen,
Und wehrt so ab dem Zudrang der Begleiter.

So ging es mir in jenem dichten Haufen,
Bald rechts bald links hinblickend auf ihr Klagen,
Um durch Versprechungen mich loszukaufen.

Hier war der Aretiner, den erschlagen
Ghino di Tacco, rächend so die Seinen,
Und jener, der ertrank im wilden Jagen.

Hier rang die Hände der Novello mit Weinen;
Hier bat mich der von Pisa, der den weichen
Marzucco stark an Seele ließ erscheinen.

Ich sah Graf Orsos Geist und den desgleichen,
Den Haß und Neid, so sagte er, geschieden
Vom Leib: nichts könnt ihm sonst zur Schuld gereichen.

Pier della Broccia ists. Mag drum hienieden
In Vorsicht die Brabantrin nicht ermatten,
Daß einst nicht schlimmere Brut ihr stört den Frieden.

Als ich mich losgemacht von all den Schatten,
Die nur erflehten, daß ein andrer flehte,
Daß ihre Läuterung schneller geh vonstatten,

Begann ich: »O mein Licht, mir scheint, hier trete
Ein Widerspruch zutag, da du geschrieben:
Des Himmels Ratschluß wankt nicht vorm Gebete.

Doch dazu seh ich just dies Volk getrieben.
Soll demnach nur vergeblich sein ihr Hoffen?
Ist unklar mir vielleicht dein Wort geblieben?«

Und er zu mir: »Das was ich schrieb, liegt offen.
Und jenen wird die Hoffnung nicht zuschanden,
Wenn man gesunden Geists den Sinn getroffen.

Des Urteils hoher Spruch bleibt doch vorhanden,
Wenn Liebesglut im Nu auch das bescherte,
Wozu sich alle hier aus Pflicht verbanden.

Dort aber, wo ich diesen Grundsatz lehrte,
Entsühnte niemals ein Gebet die Sünden,
Weil dem Gebete Gott Erhörung wehrte.

Fürwahr, so tiefe Zweifel zu ergründen,
Laß ab, bis sie dichs heißt, die zum Gewinne
Der Wahrheit Licht wird deinem Geist entzünden.

Ich weiß nicht, ob du mich verstehst? Im Sinne
Liegt Beatrice mir. Du wirst sie sehen
Lächelnd und selig auf des Berges Zinne.«

Und ich: »O Herr, dann laß uns schneller gehen;
Denn nicht wie sonst macht mir der Anstieg Plage.
Und sieh auch schon den Berg im Schatten stehen.« -

»Wir werden weitergehn mit diesem Tage,«
Sprach er, »soweit den Weg wir noch erkennen.
Doch anders als du denkst ist unsere Lage.

Denn eh du oben, wirst du neu-entbrennen
Die sehn, die jetzt ins Bergversteck will steigen;
Und ihre Strahlen kannst du nichtmehr trennen.

Doch sieh die Seele dort die Blicke neigen
Hierher; ganz einsam harrt sie, auf uns achtend.
Sie kann gewiß den nächsten Weg uns zeigen.«

Wir kamen hin. - Wie stolz doch und verachtend
Throntest, Lombardengeist, du ohne Regen,
Gemessenen Blicks uns würdevoll betrachtend!

Er rief uns auch kein einzig Wort entgegen,
Sah uns gelassen fördern unsere Schritte
Dem Löwen gleich, will er der Ruhe pflegen.

Da trat Vergil zu ihm in kurzem Tritte
Und bat, er mög uns freundlich Weisung geben
Zum besten Pfad. Doch stumm blieb er der Bitte,

Ja, fragte uns nach Vaterland und Leben.
Und als der teure Führer angefangen:
»Mantua...« da kam der Schatten, noch soeben

Tiefbrütend, blitzschnell auf ihn zugegangen
Und rief: »O Mantuas Sohn, wir sind Landsleute;
Ich bin Sordell!« Drauf beide sich umschlangen. -

Weh dir, Italien! Sklavin! Schmerzensbeute!
Du Schiff, vom Sturm umbrandet, ohne Steuer;
Nicht Länderfürstin, Dirnenkammer heute.

Wie schnell doch fing die edle Seele Feuer
Beim süßen Klange schon aus ihrem Lande,
Den Stadtgenossen feiernd, der ihr teuer.

Und du? - Es stehn die Lebenden im Brande
Des Aufruhrs, um sich wechselweis zu morden,
Umschirmt von einem Wall und Grabenrande.

Unselige, such an deinen Küstenborden,
Schau dir ins Herz: kein Ort ist zu erblicken,
Dem holden Friedens Glück zuteilgeworden.

Was halfs, daß Justinian dir konnte flicken
Den Zaum, wo du dich leeren Sattels brüstest?
Die Schmach würd ohne ihn dich minder knicken.

Ha, Volk, das du voll Demut leben müßtest,
Den Sattelplatz dem Zäsar einzuräumen,
Wenn du zu deuten Gottes Vorschrift wüßtest.

Siehst du denn nicht des Tieres tückisch Bäumen,
Weil es die spitzen Sporen nichtmehr zwingen,
Seit deine Hand plump faßte nach den Zäumen?

O deutscher Albert, laß nicht störrisch springen
Die Bestie, die von Zucht sich will entfernen;
Du solltest fest dich in den Sattel schwingen.

Gerechtes Urteil treffe aus den Sternen
Dein Blut, weltkund und wider all Erwarten,
Daß Furcht daraus dein Erbe möge lernen.

Denn du sowie dein Vater auch verharrten
In Ländergier jenseit der Alpenketten,
Indes zur Wüste ward des Reiches Garten.

Komm, sieh Montecchi an und Cappelletten,
Leichtsinniger; sieh voll Angst Monaldi beben
Und Filippeschi, die nichtmehr zu retten.

Komm, Harter, komm, sieh deine Edeln leben
Bedrückt, laß Hilfe ihrer Not erscheinen,
Und sieh, wie Santafior von »Schutz« umgeben.

Komm, deine Witwe Rom sieh einsam weinen,
Nicht Tag noch Nacht, wo sie nicht rufend bliebe:
»Mein Zäsar, willst du nicht dich mir vereinen?«

Komm, sieh mit an, wie heiß dein Volk sich liebe.
Und dürfen wir nicht aus dein Mitleid bauen,
So komm, daß dich zur Scham dein Leumund triebe.

Und darf ich, höchster Jupiter, michs trauen,
Du, der für uns gekreuzigt ward auf Erden:
wohin mag dein gerechtes Auge schauen?

Oder soll uns in Zukunft aus Beschwerden
Durch deinen Rat, geheim in seinen Zielen
Und unerforschbar, Heil und Rettung werden?

Von Zwingherrn strotzt Italien rings, von vielen,
wo jeder Bauer zur Partei zu schwören
Sich drängt, um als Marcell sich aufzuspielen.

Dich, mein Florenz, braucht nicht zu empören
Mein Vorwurf; denn dich kann er nicht berühren
Dank deinem Volk, daß so sich läßt betören.

Viel hegen Recht im Herzen, doch wir spüren
Zuspät den Schuß, weil Vorsicht spannt den Bogen;
Doch dein Volk pflegt es brav im Mund zu führen.

Viel sinds, die Amtsgeschäften sich entzogen;
Doch dein Volk schreit bereits, eh andere fragen:
»Ich übernehm es!« - Darum laß die Wogen

Verdienter Freude hoch und höher schlagen,
Da Reichtum, Friede, Weisheit in dir walten!
Ob wahr ich spreche ... der Erfolg wirds sagen.

Athen und Lazedämon, die die alten
Gesetze schrieben und geherrscht besonnen,
Sind gegen dein Gemeinwohl klein zu halten,

Die du manch herrliches Gesetz gesponnen,
Das, kam es im Oktober glücklich nieder,
Mitte November schon in Nichts zerronnen.

Wie oft, wenn du zurückschaust, hast du wieder
Gesetz, Gebräuche, Geld und Amt beflissen
Verändert, und erneuert alle Glieder.

Und denkst du nach, sagt klar dir dein Gewissen,
Daß du der Kranken gleichst, die sich mit Sträuben
Windet und dreht auf schlummerlosem Rissen,

Und fruchtlos sucht die Schmerzen zu betäuben.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 07
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 07

Als jene würdig und beglückt zuzweit hier
Drei- oder viermal sich bewillkommt hatten,
Zog sich Sordell zurück und sprach: »Wer seid ihr?« -

»Bevor zu diesem Berg die Schar der Schatten,
Die Gott zu schauen würdig ist, sich kehrte,
Ließ Oktavianus mein Gebein bestatten.

Ich bin Vergil. Nur Glaubensmangel wehrte,
Nicht andere Sünde, mir des Himmels Licht.«
So mit Bescheid mein Führer ihn belehrte.

Wie der, dem plötzlich etwas vorm Gesicht
Erscheint, daß er muß wundernd um sich schauen,
Bald glaubt, bald zweifelnd sagt: »Es ist...! Nein, nicht...!«

So schien mir der. Drauf senkte er die Brauen
Und trat zu ihm, umarmend ihn voll reiner
Ergebenheit, wo Niedre sichs getrauen.

»O Latiums Ruhm,« sprach er, »der klar wie keiner
Die Vollkraft unserer Sprache könnt erweisen,
O ewiges Kleinod deiner Stadt und meiner,

Dich sehn: muß ichs als Lohn, als Gnade preisen?
Und darf ich hören dich, so laß mich fragen,
Entstiegst der Hölle du? Und welchen Kreisen?« -

»Durch alle Ringe dieses Reiches der Klagen,«
Gab er ihm Antwort, »bin ich hergekommen:
Von Himmelskraft, die mit mir geht, getragen.

Nicht Tat, nein, Unterlassung hat benommen
Der hehren Sonne mich, die du wirst schauen.
Zuspät ist ihre Würdigung mir gekommen.

Ein Ort ist drunten, wo zwar Schatten brauen,
Doch der nicht qualvoll ist. Nur leis klingt Weinen
Und Seufzen, doch kein Wehlaut schafft uns Grauen.

Dort bin ich bei den unschuldsvollen Kleinen,
Zermalmt vom Todeszahn, eh sie hernieden
Von Menschenerbschuld konnten frei erscheinen,

Dort unter jenen, denen nicht beschieden
Der Tugend heilige Drei, die ohne Sünden
Jedoch die andern kannten und nicht mieden.

Doch kannst und weißt dus, wolle dann uns künden,
wie man am kürzesten dorthingelange,
wo zu dem Läuterungstor die Wege münden.«

Er sprach: »Uns hält kein fester Ort im Zwange,
Freisteht mir das Umhergehn und das Steigen.
Soweit ich darf, begleit ich euch im Gange.

Doch sieh, der Tag beginnt schon sich zu neigen,
Und bergan kann man nicht zu nächtiger Stunde.
Drum sinn ich, traute Herberg euch zu zeigen.

Hier rechts sind Seelen, nahebei im Grunde,
Wenn dirs genehm, will ich dahin dich bringen:
Nicht ohne Lust nimmst du von ihnen Kunde.« -

»Wie ist das?« ward erwidert. »Wenn wir gingen
Bei Nacht empor, so glückt es nicht dem Mute?
Wie, oder ließ ein andrer es gelingen?«

Mit seinem Finger strich Sordell, der gute,
Am Boden hin: »Sieh her! Nicht überspränge
Den Strich dein Fuß mehr, wenn die Sonne ruhte.

Nicht daß was andres sonst zurück dich dränge,
Als dunkle Nacht, wenn sie sich rings ergossen,
Daß sie die Kraft dir und den Willen zwänge.

Wohl könnte jeder abwärts unverdrossen,
Am Hang auch wandeln, wenn es gut ihm schiene,
Solang der Horizont den Tag verschlossen.«

Da sprach mein Herr mit ganz erstaunter Miene:
»So führ uns denn dahin, wo ein Verweilen,
Wie du versprachest, uns zur Freude diene.« -

Wir brauchten allzuweit nicht zu enteilen,
Bevor ich sah, daß hier der Berg in Scharten
Gespalten, wie bei uns sich Täler teilen.

»Dorthin,« sprach jener Schatten, »wo im harten
Geklüft sich diese sanfte Senkung findet,
Laß gehn uns und den neuen Tag erwarten.«

Ein Querpfad, der nicht flach noch steil sich windet,
Führte von seitwärts uns zur tiefern Stätte,
Wo mehr als halb des Randes Böschung schwindet.

Gold, feines Silber, Scharlach, Bleiweißglätte,
Indigo, Ebenholz, wie blank es prahle,
Smaragd, so frisch man ihn gebrochen hätte:

Vor Gras und Blumen, wie sie hier im Tale
So farbig leuchten, schmählich alles verblaßte,
Alsob das Große Kleines überstrahle.

Nicht daß Natur hier Farben nur verpraßte;
Nein, auch gemischt aus tausend würzigen Düften
War da was Neues, was kein Sinn erfaßte.

»Salve Regina,« scholl es in den Lüften.
Im Blumenpolster lagernd sangens Seelen,
Die draußen uns verdeckt erst von den Klüften.

»Gleich wird das bißchen Sonnenlicht verschwelen,«
Der Führer aus Mantua sprach. »Doch noch zu ihnen
Euch hinzubringen, wird sich kaum empfehlen.

Denn besser doch erkennt ihr sie nach Mienen
Und Haltung hier von dem erhöhten Hange,
Als wenn sie drunten euch so nah erschienen.

Der dort am höchsten sitzt und dreinsieht bange,
Weil er versäumt, wozu ihn Pflicht verbunden,
Auch nicht die Lippen öffnet zum Gesänge,

War Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden
Leicht hätt geheilt, daran er jetzt verendet,
Daß spät es erst ein andrer macht gesunden.

Der zweite, der ihm scheinbar Tröstung spendet,
Gebot im Lande, wo ihr Quellgewässer
Moldau zur Elbe, Elbe meerwärtssendet.

Ottokar ists, in Windeln schon viel besser
Als Wenzeslas, der bärtige Sohn, der gegen
Den Vater Lüstling heißt und fauler Fresser.

Die Stumpfnas, die in ernstem Überlegen
Den gütigen Nachbar scheint um Rat zu fragen,
Starb flüchtend und den Lilien nicht zum Segen.

Schaut hin, wie er sich an die Brust muß schlagen!
Den andern sehet, der zur Wange näher
Die Hand als Bett geführt mit Seufzerklagen.

Von Frankreichs Pest sind Vater sie und Schwäher.
Sie kennen gut sein Schmutz- und Lasterleben,
Und darum nagt der Gram sie um so zäher.

Der dort so gliederstark erscheint und neben
Dem Langbenasten singt im gleichen Zuge,
Er war mit jedem Tugendschmuck umgeben.

Und wenn der Jüngling hinter ihm, der kluge,
Länger geherrscht hätt nach des Vaters Sterben,
Gut floß die Tugend dann von Krug zu Kruge,

Was man nicht sagen kann vom Rest der Erben.
Jakob und Friedrich erbten wohl die Reiche
Ohne das bessere Erbteil zu erwerben.

Wie selten, daß der Zweig dem Stamme gleiche
An Rechtlichkeit! So wills Er, der sie schenkte,
Daß man drum bitte, doch sie nicht erschleiche.

Nicht auf die Langnas sich mein Wort beschränkte,
Auch Petern gilts, die miteinander singen,
Drob schon Apulien und Provence sich kränkte.

Je schlechtern Samen wird die Pflanze bringen,
Um sovielmehr preist den Gemahl Konstanze,
Als Beatricen und Margret gelingen.

Seht dort den König, abhold äußerm Glanze,
Gesondert sitzen, Heinrich, Englands Dritten.
Sein Wurzeltrieb erzeugte bessere Pflanze.

Der dort am tiefsten sitzt in aller Mitten
Und aufwärtsblickt, ist Wilhelm der Marchese.
Ihn, weil er Alessandria bestritten,

Beweinen Montserrat und Canavese.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 08
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 08

Schon war die Stunde, die den Schiffern leise
Das Herz rührt und erweicht im Heimwehtriebe
Am Abschiedstag vom holden Freundeskreise,

Und die auch in dem Pilgerneuling Liebe
wachruft bei eines fernen Glöckleins Klange,
Das scheinbar wehklagt, daß der Tag entstiebe,

Als ich, schon abgelenkt von dem Gesange,
Nach einer Seele sah, die sich erhoben
Und Winke gab, daß sie Gehör verlange.

Die Hände hielt gefaltet sie nach oben,
Ostwärts den Blick geheftet, als bekunde
Sie so dem Schöpfer: dich nur will ich loben! -

»Te lucis ante« scholls von ihrem Munde
So süß und mit so andachtsvollem Preise,
Daß ich darob michselbst vergaß zur Stunde.

Die andern fielen dann in zarter Weise
Inbrünstig ein, den Hymnus ganz zu singen,
Die Augen richtend auf die obern Kreise.

Schärf, Leser, hier den Blick, willst du erringen
Die Wahrheit, denn so fein ließ ich sich weben
Den Schleier, daß du leicht ihn kannst durchdringen. -

Ich sah die edle Heerschar nun erheben
Den Blick, gleichsam erwartungsbange schweigend,
Die blassen Mienen demutsvoll-ergeben.

Und sah im Schweben dann herniedersteigend
Zwei Engel, deren Schwerter Flammen schossen,
Doch stumpf nur waren, keine Spitze zeigend.

Grün wie die Blätter, eben erst entsprossen,
Kam ihr Gewand, bewegt von grünen Schwingen,
Im Hauch der Lüfte flatternd nachgeflossen.

Dicht über uns sie sanft herniedergingen.
Auf jedem Talesrand blieb einer stehen,
Daß sie die Seelen zwischen sich empfingen.

Ich konnte wohl die blonden Scheitel sehen;
Jedoch vom Antlitz glitt mein Blick geblendet,
Wie Kraft, wenn überanstrengt, muß vergehen.

»Sie beide hat Marias Schoß entsendet
Zum Schutz des Tales vor der Schlange Tücken,
Die gleich-gleich,« sprach Sordell, »hierher sich wendet.«

Nicht wissend, wo ihr Einfall möchte glücken,
Sah schreckerstarrt ich erst nach allen Seiten,
Mich dann den treuen Schultern anzudrücken.

Sordell fuhr fort: »Nun laßt uns talwärtsschreiten
Und plaudern dort mit den erhabenen Schatten,
Die freudigen Empfang euch gern bereiten.«

Drei Schritte, glaub ich, gings hinab die Matten,
Da war ich unten, und sah forschen einen
Mit Augen, alsob sie erkannt mich hatten.

Schon wuchs die Dämmerung; doch kenntlich scheinen
Ließ sie noch in der Nähe die Gesichter
Für seine spähenden Augen und die meinen.

Er nahte mir, ich ihm. (O edler Richter;
wie freute, Nino, michs, dir zu begegnen
Nicht unten beim verlorenen Gelichter!)

Wir säumten nicht, das Wiedersehen zu segnen,
»Wie lang ists her, daß du durchs Meer gegangen,«
Fragt er, »zum Bergesfuß, dem weitentlegnen?« -

»Oh,« sprach ich, »mitten durch das Reich voll Bangen
Schritt ich heut früh und bin im ersten Leben,
Obwohl ich such das andre zu erlangen.«

Da wich, als ich die Auskunft kaum gegeben,
Sordell und er zurück, wie Leute scheinen,
Die vor Bestürzung plötzlich rückwärtsbeben.

Der sah Vergil an, und der andre einen,
Der dorten saß, und rief: »Auf, Konrad, eile
Und sieh, was Gottes Gnade wirkt den Seinen.«

Sodann zu mir: »Bei dem besondern Heile,
Das dem du schuldest, der uns keine Pfade
Auftut, daß man sein Ur-warum ereile:

Bist du erst auf dem jenseitigen Gestade,
Sag meiner Vanna, daß sie für mich flehe,
Wo sich der Unschuld neigt das Ohr der Gnade.

Kaum liebt mich ihre Mutter noch wie ehe,
Seit sie das Kopftuch abgelegt, das helle,
Das sie zurückwünscht ach! dereinst im Wehe.

Sie zeigt, wie Liebesglut erlischt so schnelle
Oft unter eines Frauenbusens Glätte,
Wird Blick und Hand nicht neuen Brandes Quelle.

Solch schönen Schmuck leiht ihrer Grabmalsstätte
Die Viper nicht, die Mailands Banner führen,
Als ihr Galluras Hahn verliehen hätte.«

So sprach er. Und im Antlitz war zu spüren
Von jenem wahren edeln Zorn die Helle,
Der maßvoll weiß die Herzen anzuschüren.

Fest hing mein Blick an jener Himmelsstelle,
Wo sich die Sterne träger drehn dortoben,
Dem Rade gleich zunächst der Achsenwelle.

Und drauf mein Führer: »Sohn, was siehst du droben?«
Und ich: »Nach den drei Flämmchen muß ich schauen,
Drob diesseits ganz der Pol ist glutumwoben.«

Und er: »Das du heut sahst beim Morgengrauen,
Das Viergestirn sank jenseits nieder jähe.
Statt seiner funkeln diese nun im Blauen.«

Noch sprach er, als Sordell in seine Nähe
Ihn zog: »Schau, unser Feind kommt hergekrochen,«
Rief er und hob den Finger, daß er sähe.

Wo frei das Tälchen von den Bergesjochen,
Kam eine Schlange her, und wohl die gleiche,
Die Even einst die bittere Frucht gebrochen.

Durch Gras und Blumen ging ihr bös Geschleiche.
Sie hob den Kopf manchmal, züngelnd zum Rücken,
Daß sie ihn katzenartig putz und streiche.

Nicht sah ichs, noch vermöcht ichs auszudrücken,
Wie sich des Himmels Habichtspaar erhoben;
Nur mochte beider Flug zu sehen mir glücken.

Vernehmend, wie die grünen Schwingen stoben,
Entwich der Wurm. Die Engel aber schwangen
Im Gleichflug sich zum alten Platz nach oben.

Der Schatten, der zum Richter hingegangen,
Als der ihn rief, ließ bei dem ganzen Streite
Unabgewandt an mir sein Auge hangen.

»Soll jenes Licht, das aufwärts dein Geleite,
Ausreichend Öl in deinem Willen schauen,
Bis auf der Höh dein Fuß in Blumen schreite:

Ist dir von Valdimagra und den Gauen
Umher, wo groß ich war, bekannt das Wahre,
Wohlan,« sprach er, »so magst du mirs vertrauen.

Ein Malaspin, nicht der im grauen Haare,
Bin ich; als Konrad ihm entstammt. Die Liebe
Zu all den Meinen bring ich hier ins Klare.« -

»Zwar,« sprach ich, »lenkten mich die Wandertriebe
Noch nicht in Euer Land. Doch wer mag leben
In ganz Europa wohl, dem fremd es bliebe?

Der Ruf von Euers Hauses Ehrbestreben
Rühmt Landschaft laut, rühmt Fürsten und Gedinge:
Des kann, wer auch nicht dort war, Zeugnis geben.

Auch schwör ichs Euch, sowahr ich aufwärtsdringe,
Daß Eure edeln Erben nie vergaßen
Des Ehrenschmucks der Börse und der Klinge.

Zucht und Natur beschenkte sie dermaßen,
Daß - ob das sündige Haupt die Welt mißleitet -
Sie nur gradausgehn und nie krumme Straßen.«

Und er: »Nun geh. Denn siebenmal nicht gleitet
Die Sonne hin zu ihrem Schlummerorte,
Den vierfüßig der Widder überschreitet,

So wird solch gute Meinung dir zum Horte
In Hauptes Mitte fest geheftet werden
Mit Nägeln, stärker als der andern Worte,

Soll nicht des Rechtsspruchs Lauf entkräftet werden.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 09
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 09

Schon trat die Buhlin des Tithon, des alten,
Zum östlichen Altan im Silberglanze,
Von süßen Freundes Arm nichtmehr gehalten.

Demanten schmücken ihre Stirn im Kranze,
Die jenes kalten Tieres Umriß zeigen,
Das Menschen pflegt zu stechen mit dem Schwanze.

Schon hatte auch die Nacht im Aufwärtssteigen
Zwei Schritt zurückgelegt da, wo wir standen,
Und ließ die Flügel nun des dritten neigen,

Als ich, der noch beschwert mit Adams Banden,
vom Schlaf besiegt, ins Gras mich streckte nieder,
Wo wir uns alle fünf schon sitzen fanden.

Zur Stunde wars, wo ihre Klagelieder
Die Schwalbe anstimmt bei des Tags Beginnen,
Wohl in Erinnerung alten Jammers wieder,

Wo unser Geist auch leichter mag entrinnen
Dem Fleisch und den Gedankenfesseln allen,
Fast Göttlichkeit im Schauen zu gewinnen:

Da sah im Traum ich an des Himmels Hallen
Mit Goldgefieder einen Aar erscheinen,
Als wollt er offenen Flügels niederfallen.

Und dorten glaubt ich gar mich, wo die Seinen
Zurückließ Ganymed, als es ihn jähe
Hochriß, dem höchsten Rat sich zu vereinen.

Ich dachte mir, nur aus Gewohnheit spähe
Nach Raub er hier, statt daß ihn Beute nähre
Woanders, wo die Klaue sie verschmähe.

Dann schiens, alsob er noch im Kreisen wäre.
Doch furchtbar wie ein Blitzstrahl schoß er nieder
Und riß empor mich bis zur Feuersphäre.

Dort schiens, ich brennte selbst wie sein Gefieder.
Und derart die geträumte Glut mich brannte,
Daß mir der Schlummer ward zerrissen wieder.

Erschreckter nicht Achilles einst sich wandte -
Als augenrollend er vom Schlaf erwachte
Und, wo er sich befände, nicht erkannte,

Da ihn aus Chirons Hut die Mutter sachte
Im Schlaf nach Skyros trug, von wo ihn wieder
Hinweg die kluge List der Griechen brachte -

Als ich (da frei vom Schlaf die Augenlider)
Erschrak und tödlich fühlte mich erblassen
Wie der, dem eisiger Schreck durchrinnt die Glieder.

Nur der mich tröstet war mir dagelassen;
Auch stand die Sonne höher schon zwei Stunden
Und vor mir lag das Meer in blauen Massen.

»Sei furchtlos nun und werde stark befunden,
Wir sind am Ziel,« klangen des Meisters Worte.
»Entfalte jede Kraft jetzt ungebunden.

Du bist nun angelangt vorm Läuterungsorte.
Sieh dort die Felswand, die ihn hält umfangen,
Sieh dort, wo sie zerklafft, die Eingangspforte.

Noch lagest du mit schlummerroten Wangen,
Eh daß vorm Tagesnahen das Frühlicht fliehe,
Und schliefst in Blumen, wie sie drunten prangen,

Da kam ein Weib und sprach: ?Ich bin Lucie.
Laß diesen mich ergreifen und ihn tragen,
Daß ich Erleichterung seinem Weg verliehe.?

Sordell blieb mit den Edeln, wo sie lagen.
Doch sie - der Tag begann schon auszubleichen -
Trug dich empor. Ich folgte sonder Zagen.

Hier bettete sie dich; doch gab ein Zeichen
Ihr schönes Aug mir erst zur offenen Pforte.
Drauf sah ich sie und deinen Schlaf entweichen.«

Dem Manne gleich, dem bei der Wahrheit Worte
Der Zweifel flieht, daß er, statt Furcht zu hegen,
Sich mutig das Vertrauen wählt zum Horte,

So tat auch ich. Und als mein Führer legen
Sich meine Unruh sah, schritt er am Hange
Hinaus, und ich ihm nach, der Höh entgegen. -

Leser, du siehst wohl, wie ich meinem Sange
Aufschwung verleih. Drum staune nicht, geselle
Mehr Kraft zur Kunst ich, daß sie Halt empfange. -

Wir nahten uns und waren bald zur Stelle,
Daß dort, wo erst ein Spalt sich schien zu zeigen,
Alsob ein Riß ein Mauerwerk zerspelle,

Ein Tor ich sah und drunter zum Ersteigen
Drei Stufen, die verschiedene Farbe trugen.
Und einen Torwart, vorerst noch in Schweigen.

Und als ich suchte, schärfer hinzulugen,
Da saß er, wo zuhöchst die Stufen enden,
Mit Mienen, die den Blick mir niederschlugen.

Und sah ein bloßes Schwert in seinen Händen,
Das auf uns Strahlen warf in solchem Grade,
Daß ich den Blick oft seitwärts mußte wenden.

»Von dort sagt, was ihr wollt auf diesem Pfade.
Wo ist der Führer?« klangen seine Worte.
»Gebt acht, daß dieser Aufstieg euch nicht schade.« -

»Ein Himmelsweib, wohl kundig dieser Orte,«
Gab Antwort ihm mein Meister, »sprach soeben
Zu uns: ?Dort gehet hin, dort winkt die Pforte.?« -

»Und euern Schritten mag sie Förderung geben,«
Des Pförtners Stimme klang, freundlich wie keine.
»Kommt denn, auf unsern Stufen hochzustreben.«

Wir traten jetzt dorthin, zum ersten Steine.
Weißmarmorn war er und so blankgeschliffen,
Daß er mein Bild auffing im Spiegelscheine.

Schwarzpurpurn schien, ein Bruch aus rauhen Riffen,
Der zweite; voller Risse, krumm und grader,
Als hätte Feuersglut ihn stark ergriffen.

Der dritte, aufgetürmt als höchste Quader,
Schien aus Porphyr und war so scharlachhelle,
Alsob ein Blutstrahl spritze aus der Ader.

Dem Engel diente der zur Ruhestelle
Für jeden Fuß. Und bis zum tiefsten Kerne
Schien mir demanten, drauf er saß, die Schwelle.

Ich ließ mich über die drei Stufen gerne
Vom Führer ziehn. Der sprach: »Mit Demutsgrüßen
Erfleh es, daß er den Verschluß entferne.«

Andächtig sank ich zu den heiligen Füßen,
Daß er sich des erbarm, was ich begehrte;
Doch dreimal schlug ich erst die Brust im Büßen.

Da schrieb er sieben P mit seinem Schwerte
Mir auf die Stirn und sprach: »Dadrinnen wasche
Die Stirn dir ab, die siebenfach-versehrte.«

Gefärbt wie dürrer Sand, wie trockene Asche
War sein Gewand zu sehn. Dann zog er schnelle
Darunter vor zwei Schlüssel aus der Tasche.

Einer war Gold, der andre silberhelle.
Erst sah ich ihn ins Schloß den weißen bringen,
Den gelben dann, daß michs zufriedenstelle.

»Versagt der eine nur, wills nicht gelingen,
Ihn umzudrehen frei von Hindernissen,«
Sprach er, »so läßt kein Eintritt sich erzwingen.

Kostbarer ist der eine, doch mehr Wissen
Und Kunst bedarf es, daß der andere schließe,
Der bei des Knotens Lösung nie zu missen.

Mir gab sie Petrus. Eher, sprach er, ließe
Sich öffnend irren, als beim Eintritt-wehren,
Wenn nicht das Volk Fußfall vor mir verdrieße.«

Aufstieß er dann den Eingang zu dem hehren
Portal: »Geht ein! Doch hört vor allen Dingen,«
Sprach er, »wer rückwärtsblickt muß rückwärtskehren.«

Und wie sich nun in ihren Angeln schwingen
Am heiligen Tor die Zapfen und die Zungen,
Die, weil sie ganz Metall, starktönend klingen,

Da knarrten sie, wie lauter nicht erklungen
Tarpeja, als sie den Metell bezwangen,
Den guten, bis sie ihr den Schatz entrungen.

Aufmerksam lauscht ich, wie zuerst sich schwangen
Die Töne, und »Te Deum« schiens zu klingen
Von Stimmen da, die lieblich dazu sangen,

Sodaß mir war zumut bei diesen Dingen,
Alsob man, wie es manchmal mag geschehen,
wenn Orgelton sich untermischt dem Singen,

Nur ab und zu die Worte kann verstehen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 10
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 10

Als hinter uns die Pforte lag, die selten
Der Seelen irrige Liebe hält im Gange,
weil krummen Weg sie läßt als graden gelten,

Da schloß sie sich, wie ichs vernahm am Klange.
Und blieb ich, um zurückzuschaun, nun stehen,
Gäb es Entschuldigung, die hier verfange?

Nun galts in einem Spalt emporzugehen,
Der sich abwechselnd wand nach jeder Seite
Gleich Wellen, die wir fliehen und nahen sehen.

»Hier tut es not, daß etwas Kunst uns leite,«
Begann mein Führer, »um sich anzuschmiegen,
Wo Raum giebt hier und dort des Weges Breite.«

Daher geschahs, daß wir nur langsam stiegen,
Sodaß die Mondeshälfte schon zur Welle
Hinstrebte, neu in ihrem Bett zu liegen,

Eh wir erreicht des Nadelöhres Schwelle.
Doch als wir oben waren auf der Scheide,
Wo rückwärtstritt der Berg an offner Stelle,

Standen wir, ich erschöpft, und fremd wir beide
Mit unserm Weg, auf einer Fläche, eben
Und öder als ein Pfad in wüster Heide.

Vom Saum, wo sie von freier Luft umgeben,
Maß sie drei Manneslängen bis zur Masse
Des Bergs, wo der begann sich steil zu heben.

Auch sah ich rings, daß diese Art Terrasse
Den Hang, wohin ich auch den Blick ließ dringen,
Nach rechts und links gleichbreit im Kranz umfasse.

Da fand ich, eh wir droben weitergingen,
Daß marmorn war die Wand, die dem Gelüste
Zum Aufstieg nirgend Hoffnung schien zu bringen;

Und daß sie, wie ichs nirgend schöner wüßte,
Verziert mit Bildwerk war, daß Polykleten,
Ja selbst Natur die Scham anwandeln müßte.

Der Engel, der zur Welt des langerflehten
Und bannauflösenden Friedens Botschaft brachte,
Wonach aufs neu der Himmel zu betreten,

War hier so lebenswahr geschnitzt, als lachte
Lieblich sein Mund ob der holdseligen Kunde,
Daß niemand ihn als stummes Bildwerk dachte.

Man schwur, ein Ave flösse ihm vom Munde;
Denn Die war auch zu sehen, die den Riegel
Uns aufgetan zum höchsten Liebesbunde.

Ihr Antlitz schien, als wärs der Worte Spiegel,
»Ecce ancilla Dei« fromm zu sagen
Und deutlich, wie in Wachs sich prägt ein Siegel.

»Laß nicht nur einen Ort dem Geist behagen,«
Mahnte der holde Meister mich, der neben
Mir ging, da wo man fühlt des Herzens Schlagen.

Drauf ließ ich meine Blicke weiterstreben
Und sah, rückwärts Marias, aus der Seite,
Wo meiner Schritte Lenker stand soeben,

Ein anderes Bildwerk an der Bergesleite;
Weshalb ich an Vergil vorbeigeschritten,
Daß ichs vor Augen hätt in minderer Weite.

Ich sah, in selben Marmor eingeschnitten,
Das Stiergespann die heilige Lade bringen,
Die unberufene Diener nie gelitten.

Vorn sah man Volk, zum Chor in sieben Ringen
Geteilt, daß zwei von meinen Sinnen streiten,
Der eine »nein«, der andre »ja, sie singen!«

Auch ob sich schien der Weihrauch zu verbreiten,
Hier beim Bejahen oder beim Verneinen
Die Augen mit der Nase sich entzweiten.

Dort tanzte vor dem Schrein, dem göttlich-reinen,
Demütig der Psalmist, das Kleid gehoben,
Als König mehr und minder hier zu scheinen.

Jenseits war dargestellt, wie Michol droben
Von hohen Schlosses Fenster diesem Tanze
Zusah, im Blicke Spott und Gram verwoben.

Ich trat sodann zurück, im Bilderkranze
Mich an dem nächsten Kunstwerk zu erbauen,
Das neben Michol mir erschien im Glanze.

Hier war des Römerfürsten Ruhm zu schauen,
Der einst Gregor durch makelloses Leben
Zum großen Siege stärkte mit Vertrauen.

Trajan, den Kaiser, mein ich. Und daneben
Fiel eine Witwe kühn ihm in den Zügel,
Den Tränen und dem Schmerze hingegeben.

Ringsum ein Rittertroß, den Fuß im Bügel;
Und Adler spreizten über diesem Schwarme
Im goldenen Felde scheinbar ihre Flügel.

Inmitten dieser Menge schien die Arme
Zu sprechen laut: »O Herr, verschaff mir Rache
Für meinen Sohn, ermordet mir zum Harme.«

Und er zu ihr: »Vertage deine Sache,
Bis ich zurück.« Und sie: »O Herr« - wie einer
Wohl spricht, alsob ihn Kummer eilig mache -

»Und kehrst du nicht?« Und er: »So tuts statt meiner,
Der nach mir kommt.« Und sie: »Was kann dir frommen
Die fremde Tat, wenn du vergissest deiner?«

Drauf er: »So sei getrost! Ich hab vernommen,
was meine Pflicht, und will nicht eher gehen,
Bis Recht und Mitleid ihren Teil bekommen.«

Er, dessen Augen niemals Neues sehen,
Weiß diese Zwiesprach sichtbar zu entfalten,
Uns neu, weil solches hier nicht kann entstehen.

Indes ich mit Genuß die Steingestalten
Bewundert als demütige Herrlichkeiten,
Die durch den Schöpfer Ruhm und Wert erhalten,

Sprach flüsternd der Poet: »Sieh näherschreiten
Schwerfälligen Ganges dort ein Volk in Scharen.
Das wird uns zu den hohen Stufen leiten.«

Mein Auge, immer Neues zu gewahren
Begierig, war - als ich das Nahen spürte
Des Volkes - eilig schon dahingefahren.

Den guten Vorsatz, den dein Herz erkürte,
Vergiß, o Leser, nicht, hörst du mit Schauer,
Wie Gott die Schuld hier zur Begleichung führte.

Sieh auf der Marter Form nicht, doch genauer
Ans Ende denk! Denk, Schlimmstes angenommen:
Der große Urteilsspruch schließt ihre Dauer!

Anhub ich: »Meister, was ich da seh kommen,
Das halt ich nicht für menschliche Gestalten.
Doch wofür sonst? Ich seh es nur verschwommen.«

Und er: »Die Last zwingt, sich gebückt zu halten,
Dies Volk, ob es vor Qualen schier verdürbe.
Auch mir erst wollte sichs nicht klar entfalten.

Doch blicke scharf, daß Klarheit sich erwürbe
Dein Blick ob dieser lastbeladenen Bangen:
Schon kannst du sehn, wie jeder matt und mürbe.« -

O stolze Christen! elend, qualumfangen,
Mit Schleiern, die des Geistes Blick umweben:
Rückschreitend glaubt ihr vorwärts zu gelangen.

Merkt ihr nicht, daß wir Raupen sind im Leben,
Draus sich der Himmelsschmetterling entfaltet,
Der zur Gerechtigkeit muß wehrlos schweben?

Was ists, daß euer Haupt so stolz ihr haltet,
Ihr, die gleich unentwickelten Insekten
Entschlüpft dem Puppenzustand mißgestaltet? -

Wie man an Erkern oder überdeckten
Portalen Stützen sieht als Karyatiden,
Mit Knieen, krampfhaft bis zur Brust gereckten,

Daß man oft kaum ein Mitleidsach vermieden,
Ob grundlos auch: so kam der Schwarm gezogen,
Bis ich beim Nahen einzle unterschieden.

Zwar waren mehr und minder sie gebogen,
Wie mehr und minderschwer die Last zu tragen;
Doch der Geduldigste selbst schien bewogen,

Weinenden Tons: »Ich kann nicht mehr,« zu sagen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 11
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 11

O Vater unser in den Himmeln droben,
Nicht eingeschränkt, von Liebe nur gehalten,
Die größer zu den Erstlingswerken oben,

Geheiligt sei dein Name; und dein Schalten
Gelobt von jeglichem Geschöpf hienieden
Mit Dank für deines Odems holdes Walten!

Es komme zu uns deines Reiches Frieden,
Weil wir aus eigener Kraft ihn nicht erringen.
Kommt er nicht selbst, wird er uns nie beschieden.

Wie deine Engel beim Hosianna-Singen
Den eigenen Willen dir aufopfernd weihen,
So mag die Menschheit auch den ihren bringen.

Dein täglich Manna woll uns heut verleihen,
Da ohne dies trotz nimmermüdem Streben
Wir irrgehn in des Lebens Wüsteneien.

Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben
All unsern Schuldigern, und sieh in Gnaden
Nicht an, was wir durch Schuld verdient im Leben.

Und unsere Kraft, die der Versuchung Pfaden
So leicht verfällt, erlös von sündigen Trieben,
Daß uns der alte Feind nicht bringe Schaden.

Die letzte Bitte, Vater, den wir lieben,
Sie dienet uns nichtmehr zur Wegesspeise,
Sie gilt für die, die jenseits uns verblieben.«

So gingen, sich und uns heilsame Reise
Erbittend, jene Schatten unter Bürden,
Wie man sie wohl im Traum fühlt solcherweise,

Rastlos im Kreise dieser ersten Hürden,
Wobei sie Angst und Müh verschieden litten,
Daß sie vom Erdenqualm gereinigt würden. -

Wenn drüben die so liebreich für uns bitten,
Was können hüben für sie tun und sagen,
Die guten Willens sind und frommer Sitten?

Vom Erdenwust, den sie noch ansichtragen,
Helfet sie säubern, daß sie würdig seien,
Zum Sternenkreis den Fittich aufzuschlagen. -

»O soll euch bald Gerechtigkeit befreien
Und Mitleid, daß ihr regen könnt die Schwingen,
Die euerm Wunsch Befriedigung verleihen,

Zeigt uns den nächsten Steig, emporzudringen.
Und giebt es ihrer mehr, sagt, wo der eine,
Der mindest-steil uns kann nach oben bringen.

Denn mein Gefährte hier trägt Fleisch und Beine
Noch her von Adam, was ihn so beschwerte,
Daß schwach er steigt, wie stark sein Wollen scheine.«

Die Antwort, deren Klang nun den belehrte,
Der mir voran die Führung übernommen,
Ließ mich erkennen nicht, wer sie bescherte.

Doch ward gesagt: »Wollt mit uns rechtshinkommen
Den Sims entlang, so wird ein Aufstieg ragen,
Wie ihn schon leicht manch Lebender erklommen.

Und müßt ich nicht den wuchtigen Felsblock tragen,
Der mir ins Joch den stolzen Nacken spannte,
Daß ich die Blicke muß zubodenschlagen,

Würd ich den, der noch lebt und sich nicht nannte,
Betrachten, ob nicht meine Last zum Grame
Ihn rühre und ob ich vordem ihn kannte.

Ich war Lateiner, großen Tuskers Same;
Wilhelm Aldobrandesco einst mich zeugte.
Nicht weiß ich, ob euch jemals klang sein Name.

Der Ahnen Ruhm, das Blut, das ungebeugte,
Ließ jeden stolz mich höhnen, und vermessen
Mißachten die Allmutter, die uns säugte,

Bis besser mich der Tod belehrte dessen,
Wie dies in Campagnatico die Kinder
Erzählen und Siena nicht vergessen.

Umberto bin ich, und es riß nicht minder
Jedweden, der sich meines Namens freute,
Mit mir hinab mein Stolz, mein allzeit-blinder.

Drum ward ich dieser Tragelast zur Beute
Und büße hier, bis Gott mich freispricht wieder,
Bei Toten, was ich lebend nicht bereute.«

Gesenkter Stirn bog ich mich lauschend nieder.
Und einer drauf, nicht der da sprach soeben,
Verrenkte unter seiner Last die Glieder,

Um auf michhin mühsam den Blick zu heben.
Da kannt er mich und rief mich an, der ihren
Rundgang gebückt-verfolgend schritt daneben.

»Oh,« rief ich, » du bists, Oderis, der zieren
Agubbio wird, zieren die Kunst wie keiner,
Die in Paris man nennt illuminieren?« -

»Bruder,« sprach er, »die Blätter lachen feiner,
Die ausgemalt von Franco Bolognesen.
Der Ruhm ist ganz nun sein, und hin ist meiner.

So selbstlos wär ich lebend nicht gewesen,
Dies zu gestehn, weil ich vor Ruhmsucht brannte,
Als wär nur mein Werk trefflich und erlesen.

Und dieser Stolz ists, der hierher mich sandte.
Und hier nicht einmal dürft ich jetzt schon schreiten,
Wenn ich als Sünder nicht zu Gott mich wandte.

O eitler Ruhm der Menschenfähigkeiten!
Wie bald doch muß dein Wipfelgrün verfahlen,
Wenn dir nicht folgen kunstverarmtere Zeiten.

Einst wähnte Cimabue wohl im Malen
Das Feld zu halten: heut hört man nur sagen
Von Giotto, der ihn wußt zu überstrahlen.

So konnt ein Guido auch den andern schlagen
An Sprachruhm... und vielleicht? ist schon geboren,
Der den wie jenen wird vom Neste jagen.

Der Weltruhm weht wie Wind vorbei den Ohren,
Dem schon, wenn er sich hier- und dorthinwendet,
Der Name mit der Richtung geht verloren.

Was bleibt dir mehr vom Ruhm - ob du geendet
Als Hochbetagter, ob dein Mund verbleiche
Als lallend Kindlein, dem man Spielzeug spendet -

Nach tausend Jahren? kürzer im Vergleiche
Zur Ewigkeit, als einer Wimper Zucken
Zum trägsten Sphärenlauf im Sternenreiche!

Der dort vor mir hinschleicht in trägem Rucken,
Hat ganz Toskana einst erfüllt. Und zage
Nur raunt von ihm heut Siena, das nicht mucken

Gedurft, als Herr er, und die Niederlage
Florenzias Wut erlitt, die einst als Garbe
So üppig stand, als niedrig heutzutage.

Bei euch ist Nachruhm wie des Grases Farbe:
Es kommt und geht und jene läßts erblassen,
Die es erweckt aus rauher Erdennarbe.«

Und ich: »Dein Wahrwort lehrt mich Demut fassen
Und senken die geblähte Hochmutsfahne.
Doch wer ist der, den du mich sehen lassen?« -

»Salvani,« sprach er, »ists, der Provenzane.
Und weil er ganz Siena einzufangen
Gedacht, sieht er sich hier mit seinem Wahne.

Nun geht er ruhlos, wie er stets gegangen,
Seitdem er starb. Solch Zoll wird hier erhoben
Von jedem, der zu hoch einst wollte langen.«

Und ich: »Wenn doch ein Geist, der aufgeschoben
Die Reue hat bis in die letzten Stunden,
Und drunten harrt und nicht gelangt nach oben,

(Falls ihn Gebete früher nicht entbunden)
Bis nochmals seine Lebenszeit vergangen:
Wie hat denn dieser Eintritt hier gefunden?« -

»Als er gelebt in höchsten Ruhmes Prangen,«
Sprach jener, »hat er willig sich begeben
Auf Sienas Markt, frei, ohne schamhaft Bangen.

Und dort - den Freund der Marter zu entheben
Im Kerker Karls - hat er derart verfahren,
Daß jeder Puls dabei ihm mußte beben.

Mehr sag ich nicht und weiß, die Worte waren
Dir dunkel. Doch der Nachbarschaft Beginnen
Wird bald dir die Bedeutung offenbaren.

Dies Werk nahm jene Schranken ihm vonhinnen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 12
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 12

Gleichmäßig, wie im Joch zwei Stiere gehen,
Ging ich dem schwerbepackten Geist zur Seite,
Solang es ließ des Lehrers Gunst geschehen.

Doch als er sprach: »Laß ihn und schneller schreite!
Hier ziemts, daß jeder, wie er kann, im Drange
Sein Boot mit Wind und Ruder vorwärtsleite« -

Da reckt ich nun zu menschenwürdigem Gange
Den Leib empor, doch die Gedanken bogen
Bedrückt sich und verstimmt noch erdwärts lange.

Und rüstigen Gangs bin gern ich nachgezogen
Des Meisters Schritt; und es bewies im Gehen
Ein jeder schon, daß wir viel leichter wogen,

Als er mir riet: »Du mußt nach unten sehen.
Wegkürzend wird es dir die Zeit vertreiben,
Siehst du, worauf hier deine Sohlen stehen.«

Wie man, daß ihr Gedächtnis möge bleiben,
Über der Toten Gruft den Marmorsteinen
Das, was sie waren einst, pflegt einzuschreiben,

Darob die Trauernden erneut oft weinen,
Geritzt vom Stachel der Erinnerungen,
Der aber Frommen nur ein Sporn mag scheinen:

So sah ich hier, kunstvoller nur gelungen,
Bildnisverziert den Pfad in ganzer Breite,
Soweit er hält als Sims den Berg umschlungen.

Ich sah den auf des Felsens einer Seite,
Den höchste Schönheit schmückte, wie in Eile
Blitzähnlich er vom Himmel niederschneite.

Ich sah den Briareus - vom Donnerkeile
Durchbohrt die Erde pressen beim Erschlaffen
Im Todesfrost - dort auf dem andern Teile.

Ich sah Thymbräus, sah Pallas, Mars (in Waffen
Die zwei noch) stehn beim Vater und mit Grauen
Auf die verstreuten Riesenglieder gaffen.

Ich sah Nimrod vorm großen Bau dreinschauen
Zerknirscht, die Völker musternd, die betörten,
Die sich gleich ihm erfrecht auf Sennaars Auen.

O Niobe! mit Augen, schmerzverstörten,
Starrst du gemeißelt hier auf zweimalsieben
Geliebte Kinder, die dir einst gehörten.

O Saul! das eigene Schwert ins Herz getrieben,
Wie lagst du, tot auf Gilboë vor mir,
Wo Tau und Regen fern seitdem geblieben.

O törichte Arachne! dich auch hier
Sah ich, halb Spinne schon, betrübt auf Fetzen
Des Werks, das du zum Weh gewoben dir.

O Roboam! nichtmehr schafft hier Entsetzen
Dein Bild, nein: fort im Wagen, unterm Drucke
Der Todesangst fliehst du, eh sie dich hetzen.

Sehn ließ er noch, der Boden, hart im Stucke,
wie hoch Alkmäon einst im Blutvergießen
Der Mutter Schuld bezahlt am Unglücksschmucke.

Sehn ließ er, wie die Söhne niederstießen
Den Sanherib, als er im Tempel ruhte
Zum Beten, wo sie tot ihn liegenließen.

Sehn ließ er grauses Werk, als toll im Mute
Tomyris sprach zu Cyrus, haßgetrieben:
»Blut war dein Durst, nun tränk ich dich im Blute.«

Sehn ließ er fliehend Assyriens Heer zerstieben,
Als Holofern zuboden ward gehauen,
Und was als Rest vom Blutbad noch geblieben.

Ich sah von Troja Trümmerbrand und Grauen:
O Ilion! niedrer Ort und ruhmverwaister,
Sehn ließ er hier dein Bild, schmachvoll zu schauen.

Wer war des Pinsels oder Griffels Meister,
Um Mienenspiel und Schatten zu verweben,
Wie hier es staunen macht die feinsten Geister?

Tot schienen Tote, Lebende zu leben.
Deutlich sah ichs, als ich mich gehend bückte,
Wie ders kaum sah, ders einst sich sah begeben.

Hochtragt das Haupt nur, das mit Stolz geschmückte,
Ihr Evaskinder! Nur den Blick nicht neigen,
Daß er dem falschen Weg euch nicht entrückte. -

Schon war der Sonnenball im Niedersteigen,
Und mehr vom Berge hatten wir umgangen,
Als dem vertieften Geist sich mochte zeigen,

Als er, dem stets voraus die Blicke drangen
Im Wandern, rief: »Das Haupt empor! Nicht frommen
Wills mehr, daß wir so grübelnd fortgelangen.

Sieh dort den Engel, der hierher will kommen,
Und sieh, die sechste von den Dienerinnen
Geht heim, weil ihr der Tagdienst abgenommen.

Mit Ehrfurcht schmücke Antlitz und Beginnen,
Daß er uns freundlich weist empor; denn wisse,
Der Tag wird auf Niewiedersehn verrinnen.«

Gewohnt der Mahnung, daß man sich beflisse,
Die Zeit zu nützen, prägte sich mir schnelle
Der Rede Sinn ein ohne Hindernisse.

Jetzt nahte uns, umwogt von weißer Welle,
Das schöne Wesen. Sein Gesicht umfingen
Lichtstrahlen gleich des Morgensternes Helle.

Auftats die Arme und dann auf die Schwingen
Und sagte: »Kommt! Hier winken euch die Stufen,
Und mühlos könnt ihr fürder aufwärtsdringen.«

Wie selten folgt man doch so ernstem Rufen!
O Mensch, dich läßt ein Windhauch sinkend schauen,
Wo Gottes Hände dich zum Flug erschufen.

Er führte uns zum Fels, wo er zerhauen,
Berührte meine Stirn mit seinem Flügel,
Und hieß dann sicherer Wandrung mich vertrauen.

Wie man hoch überm Rubakont den Hügel
Rechtsauf zur Kirche klimmt, im Angesichte
Der Stadt, darinnen Weisheit führt den Zügel,

Wo Zugang wird zur steilen Felsenschichte
Durch Stufen, eingesprengt in jenen Zeiten,
Da noch verläßlich Grundbuch und Gewichte:

So schrägen sich die Lehnen, die zum zweiten
Umkreis vom Rand hier sanft talniederhangen;
Nur streift man steile Wand zu beiden Seiten.

Und als wir uns dorthingewendet, sangen
»Beati pauperes« viel Stimmen dorten,
Die lieblich wie kein Wort beschreibt erklangen.

Ach, wie ganz anders sind doch hier die Pforten,
Als in der Hölle. Grüßen hier uns Lieder,
Empfängt uns Wehgeheul an jenen Orten.

Schon gings hinan auf heiligen Stiegen wieder,
Und leichter schien mirs hier, berganzukommen,
Als ich im Flachland selbst gerührt die Glieder.

»Welch eine Schwere ward von mir genommen,
Sag, Meister,« sprach ich, »daß ich leicht zu gehen
Vermag und nichtmehr Müdigkeit-beklommen?«

Und dieser: »Wenn die P, die dir noch stehen
Im Angesicht, ob auch schon halbverschwunden,
Getilgt sind, wie schon eins nichtmehr zu sehen,

So wird, vom guten Willen überwunden,
Dein Fuß hinwandeln freudig diese Bahnen;
Ja, was sonst Mühsal, wird als Lust empfunden.«

Wie jene tun, die, ohnedaß sies ahnen,
Etwas am Kopfe haben und nicht wissen,
Bisdaß die andern winkend sie gemahnen,

Wo dann die Hand sich fühlt emporgerissen
Und sucht und findet, weil der so Gewitzte
Dadurch den Dienst der Augen kann vermissen:

So ich die Finger meiner Rechten spitzte
Und fand nur sechs noch von den Lettern stehen,
Die in die Stirn der Schlüsselwart mir ritzte.

Mein Führer lächelte, als ers gesehen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 13
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 13

Der Stufen höchste war von uns erklommen,
Woselbst der zweite Ring den Berg durchschneidet,
Der jeden reinigt, der zur Höh gekommen.

Auch dort wird er von einem Gurt umkleidet,
Der gleich dem ersten sich im Vorsprung windet,
Doch sich durch kürzern Bogen unterscheidet.

Kein Schattenriß, kein Bildnis hier sich findet.
Die Hänge tragen und die Wege tragen
Graubleiche Farbe rings, die nirgend schwindet.

»Auf Leute warten hier, sie zu befragen,
Das wird,« sprach der Poet, nachdenklich stehend,
»Zulange, fürcht ich, unsere Wahl vertagen.«

Dann, mit den Augen fest zur Sonne sehend,
Nahm er zum Wendepunkt die rechte Seite
Und schwenkte so herum, die linke drehend.

»O holdes Licht, dem trauend ich beschreite
Den neuen Pfad, führ uns auf diesen Wegen,«
Sprach er, »wie man hierinnen braucht Geleite.

Du wärmst die Welt, schenkst ihr des Lichtes Segen.
Und zwingt kein andrer Grund zum Gegenteile,
Kommt uns dein Licht als Führer stets gelegen.« -

Soviel man diesseits rechnet eine Meile,
Soweit schon waren wir vorangeklommen
In kurzer Frist durch unseres Willens Eile,

Als auf uns zu ein Flügelschlag vernommen
von Geistern ward, die hold, doch ungesehen,
Einluden uns, zum Liebesmahl zu kommen.

Die erste Stimme ließ den Ruf ergehen:
»Vinum non habent!« und noch einmal schallte
Sie hinter uns gleichlaut im Weiterwehen.

Und eh sie mir im Fluge ganz verhallte,
War schon ein zweiter Geistesruf erschollen:
»Ich bin Orest!« worauf auch die entwallte.

»O Vater, sag, was diese Stimmen sollen?«
Sprach ich und fragte noch, als horch! die dritte
Schon mahnte: »Liebet, die euch Übles wollen!«

Der Gute sprach: »Des Neides arge Sitte
Wird hier gegeißelt, und die Schnüre schlingen
Muß Liebe drum in dieses Kreises Mitte.

Der Zügel will vom Gegenteile klingen.
Du hörst ihn, glaub ich, eh im Weiterschreiten
Wir zu der Pforte der Vergebung dringen.

Doch laß die Augen scharf die Luft durchgleiten,
Und vor uns wirst du Leute sitzend schauen,
Alle gelagert längs der Felsenseiten.«

Drauf hob ich höher als zuerst die Brauen,
Bis Schatten dort ins Auge mir gefallen,
In Mänteln, farbig gleich dem Stein, dem grauen.

Als wir dann näher kamen, hört ich schallen
Den Ruf: »Maria, bitt für uns!« und flehen
Zu Michael, Petrus und den Heiligen allen.

Wohl glaub ich, daß heut mag auf Erden gehen
Kein Mensch so grausam, daß er nicht entglommen
In Mitgefühl bei dem, was ich gesehen.

Denn als ich ihnen jetzt so nahgekommen,
Um ihr Verhalten ganz mir zu erklären,
Hielt bittrer Gram die Augen mir umschwommen.

Sie trugen, schiens, ein Bußgewand, das hären.
Und Schulter ließ von Schulter Halt sich schenken;
Und allen mußte Halt der Fels gewähren.

So stehn, auf Lindrung ihrer Not zu denken,
Blinde an Ablaßorten bettelnd, pflegen
Auch so den Kopf zum Nachbar hinzusenken,

Weil sich das Mitleid schneller läßt bewegen
Durch solchen Anblick jammervoller Mienen,
Als wenn sich nur die Lippen bittend regen.

Und wie den blinden Bettlern hat auch ihnen,
Den Schatten hier, vom Himmelszelt hernieder
Der Sonne Lichtgeschenk umsonst geschienen.

Denn allen bohrt sich Stahldraht durch die Lider,
Zunähend sie derart, alsob man zähme
Den Falken, sträubt er störrisch sein Gefieder.

Mir schien, daß einem Unrecht gleich es käme,
Sehend, doch ungesehen, vorbeizugehen;
Und wandte mich, daß ich Vergil vernähme,

Des Weisheit längst den stummen Wunsch gesehen,
Und drum, ermunternd mich, noch eh ich fragte,
Mir riet: »Sprich klug, doch laß es kurz geschehen.«

Vergil ging neben mir, wo steilab ragte
Der Sims, und leicht ein Sturz war zu befahren,
weil keine Brustwehr schützend ihn umschragte.

Zur andern Hand hatt ich die Büßerscharen,
Auf deren Wangen Tränenströme sprangen
Aus grausam-zugenähten Augenpaaren.

»O Seelen,« rief ich, »die ihr nie müßt bangen,
Daß sich das höchste Licht euch nicht erschlösse,
Das einzig euer Sorgen und Verlangen,

Wenn anders Gnade will, daß euch zerflösse
Bald des Gewissens Schaum, daß voller, reiner
Sich der Erinnerung Strom hindurch-ergösse,

Sagt mir: weilt aus dem Lande der Lateiner
Hier eine Seele? Sie nur kann gewinnen,
Und mich erfreuts, erzählt man mir von einer.« -

»O Bruder mein, alle sind Bürgerinnen
Der einen wahren Stadt. Du willst wohl fragen,
Ob sie in Welschland pilgernd mocht beginnen?«

Dies schien erwidernd eine mir zu sagen
Von einem Platz, der mehr nach vorn gelegen;
Drum trat ich näher, Antwort hinzutragen.

Einer der Schatten harrte mir entgegen,
So schiens. Und fragt ihr, wie ers mochte zeigen?
Er hielt das Kinn empor wie Blinde pflegen.

»Geist,« sprach ich, »der sich beugt, um aufzusteigen;
Wenn du es bist, der Antwort mir gegeben,
Magst du mir Ort und Namen nicht verschweigen.« -

»Ich war Sienesin, und mein sündig Streben,«
Sprach sie, »büß ich mit allen hier im Kreise,
Zu ihm aufweinend um ein seliges Leben.

Sapia hieß ich, nur war meine Weise
Nicht weise. Sah ich andre glücksbetrogen,
Stands höher mir als eigenes Glück im Preise.

Und damit du nicht glaubst, daß ich gelogen,
Hör, wie ich töricht spielte meine Rolle,
Wo schon sich senkte meiner Jahre Bogen.

Als meine Stadtgenossen unweit Colle
Auf ihre Gegner einst im Felde stießen,
Da bat ich Gott um das, was selbst er wolle.

Man schlug sie so, daß sie sich überließen
Bitterster Flucht. Und dieses tolle Jagen
Ließ Freude ohnegleichen mich genießen,

Daß ich, zu Gott den Blick dreist aufgeschlagen,
Ausrief: ?Jetzt fürcht ich dich nichtmehr hienieden,?
Der Amsel gleich in ersten warmen Tagen.

Am Ende meines Lebens wollt ich Frieden
Mit Gott. Doch hätte mir bußfertige Reue
Sobald nicht Minderung meiner Schuld beschieden,

Wenn nicht Pier Pettinagno stets aufs neue
Mich fromm in sein Gebet geschlossen hätte,
Daß Mitleid seine Liebesglut mir streue.

Doch wer bist du, der atmend diese Stätte
Betritt, hier unsern Zustand zu erkunden
Mit Augen, glaub ich, ohne lästige Kette?« -

»Auch mir,«sprach ich, »wird einst mit Draht verbunden
Das Auge, doch nur kurze Zeit; denn selten
Hat es mit scheelem Blicke Neid empfunden.

Mehr fürcht ich, daß man mich wird anders schelten:
Schon jetzt fühlt meine Seele bang sich neigen
Der Steinlast, jene Sünde zu entgelten.«

Und sie zu mir: »Wer half dir aufwärtssteigen
Zu uns, wenn du glaubst wieder umzukehren?«
Und ich: »Der neben mir hier steht in Schweigen.

Ich lebe noch, drum kannst du mich belehren,
Erwählte, soll ich, jenseits angekommen,
Den irdischen Fuß bemühn für dein Begehren.« -

»Oh, wie so seltsam klingt, was ich vernommen:
Ein Wink, daß Gott dich rechnet zu den Seinen,«
Sprach sie; »drum laß Gebet mir manchmal frommen.

Bei dem, was dir das Liebste mag erscheinen,
Bitt ich: Betrittst du jemals Tusciens Bahnen,
Sei meines Rufes Anwalt bei den Meinen.

Du siehst sie unter jenen Dummerjanen,
Die sich bei Talamon noch mehr verzählen,
Als sie verzählt sich haben bei Dianen.

Doch schlimmer noch wirds gehn den Admirälen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 14
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 14

Wer ist es, der hier unsern Berg umschreitet
Und seine Augen nach Belieben, ehe
Der Tod ihm Schwingen lieh, verschließt und weitet?«

»Nicht weiß ich, wer es sei: weiß nur, er gehe
Nicht einsam. Drum magst du ihn freundlich fragen,
weil er dir näher, daß er Rede stehe.«

So sprachen, die da beieinanderlagen
Zur Rechten, über mich zwei Geister. Beide
Hoben den Kopf, um etwas mir zu sagen,

Und einer sprach: »O Seele, die im Kleide
Des Körpers noch darf himmel-aufwärts-gehen,
Aus Mitleid tröste uns und uns bescheide,

Woher du kommst und wer du bist, wir sehen
Mit Staunen solche dir vergönnte Gnade
Als etwas, das noch nie vorher geschehen.«

Und ich: »Quer durch Toskana zieht die Pfade
Ein Flüßchen, das dem Falteron entgleitet
Und hundert Meilen braucht bis zum Gestade.

Von dorther stammt der Körper, der hier schreitet.
Unnütz wärs, meinen Namen euch zu sagen,
weil ihm bisher noch wenig Klang bereitet.« -

»Darf ich die Deutung deiner Worte wagen,
Meinst du den Arno,« so hielt mir entgegen,
Der vorhin an mich tat die ersten Fragen.

Und zu ihm sprach der andre dann: »Weswegen
Hat er den Fluß zu nennen ganz verzichtet,
Wie man bei Dingen tut, die Grauen erregen?«

Der Schatten drauf, an den dies Wort gerichtet,
Gab so Bescheid: »Weiß nicht; doch recht ichs fände,
wenn solches Flußtals Name würd vernichtet.

Denn vom Beginn der quellenreichen Wände
Des Alpstocks - wo Palor sich steil im Schusse
Losriß, daß feuchter selten ein Gelände -

Bis dahin - wo er neu ersetzt im Gusse,
was schon der Himmel sog aus Meeresmitte,
Davon die Nahrung herstammt jedem Flusse -

Verfolgt die Tugend man auf Schritt und Tritte
Gleich einer Viper: sei es, daß hier wirke
Des Ortes Fluch, seis Folge böser Sitte.

Der Völker Lebensart ward im Bezirke
Des Tales drob verderbt in solchem Maße,
Als weideten sie auf der Flur der Kirke.

Durch wüste Schweine, die vom Eichelfraße
Sich nähren sollten statt von Menschenspeise,
Lenkt er zuerst die wasserarme Straße;

Trifft unten Kläffer dann, die feigerweise
Beißlustiger sind, als sie Beißkräfte haben,
Und kehrt das Maul verächtlich ab im Kreise.

Er sinkt. Und jemehr Flüsse Zuwachs gaben,
Jemehr sieht Wölfe rings entstehn aus Hunden
Der unglückselige und verfluchte Graben.

Abstürzend dann zu manchen tiefen Schrunden,
Trifft er auf Füchse, trügrisch im Gelüste,
Daß sie noch nicht der Schlaueste überwunden.

Nicht schweig ich, obs auch dieser hören müßte.
Was mir der Geist der Wahrheit will enthüllen,
Ist gut für diesen, daß ers später wüßte.

Ich höre schon, wie diese Wölfe brüllen,
Seh deinen Neffen schon, wie er sie treibe
Am Unglücksstrand, daß Ängste alle füllen.

Ihr Fleisch verkauft er bei lebendigem Leibe.
Dann schlachtet er sie ab gleich altem Viehe,
Daß wenigen Leben, ihm kein Ruhm verbleibe;

Läßt blutbespritzt den Unglückswald - und siehe,
Er läßt ihn so, daß ihm in tausend Jahren
Des Laubes Pracht niemehr wie einst gediehe.« -

Wie bei der Botschaft drohender Gefahren
Sich dessen Antlitz trübt, der sie vernommen,
woher auch sei der Angriff zu gewahren,

So stand der andre Schatten schmerzbeklommen.
Durch sein Gesicht sah ich Bestürzung gehen,
Als ihm zu Ohren solch Bericht gekommen.

Was ich von dem gehört, von dem gesehen,
War so, daß ihren Namen ich begehrte;
Drum gab ichs ihnen höflich zu verstehen,

Worauf der Geist, der mich zuerst belehrte,
Begann: »Du willst, daß mir dein Wunsch entreiße,
Was deine Rede mir vorhin verwehrte?

Doch da es Gott gefällt, daß dich durchgleiße
Solch Gnadenglanz, so will ich auch nicht kargen.
Vernimm, daß ich Guido del Duca heiße.

Mein Blut war so verbrannt vom Neid, dem argen,
Daß, wenn sich frohe Menschen sehen ließen,
Dir meine Wangen nicht ihr Gelb verbargen.

Aus meiner Saat muß solches Stroh mir sprießen.
O Menschenvolk! du hängst dein Herz ans Leere,
An das, was nicht gemeinsam zu genießen.

Dies hier ist Rinier, dies ist Preis und Ehre
Des Hauses Calboli, darinnen keiner,
Der seine Tugenderbschaft heut begehre.

Und nicht nur sein Blut ward darin gemeiner
Vom Po zum Berg, vom Meer zum Rhenostrande:
Des Lebens wahres Glück versteht nicht einer!

Denn von viel giftigen Sträuchern sind die Lande
Durchwuchert dort, und nutzlos wärs gehandelt,
Setzte man jetzt den Boden noch instande.

Die Zeit, wo Lizio und Mainard gewandelt,
Carpigna, Traversar, sie ist vergangen.
Zum Bastard ist der Romagnol verschandelt.

Kann heut ein Fabbro in Bologna prangen?
Ein Bernard Fosco in Faënza sprießen,
Aus niederm Keim zum Glanze zu gelangen?

Nicht staune, Tusker, daß mir Tränen fließen,
Denk ich, was Prata einst und Azzo waren
(Der Ugolin), den wir den Unsern hießen,

Friedrich Tignosos denk und seiner Scharen.
An die erloschenen Geschlechter beide
Der Anastagi denk und Traversaren,

An Frauen und Ritter, als zu Lust und Leide
Uns Minnegunst und Ritterpflicht gediehen,
Dort wo kein Herz mehr schlägt, das Bosheit meide.

O Brettinor, warum nicht willst du fliehen,
Da deine Edeln dir den Rücken kehren
Samt vielem Volk, sich Bösem zu entziehen?

Recht tut Bagnacaval, sich nicht zu mehren;
Und Castrocar tut schlimm, und Conio schlimmer,
Wills nicht der Zeugung solcher Grafen wehren.

Recht werden die Pagani tun: auf immer
Muß aber erst ihr Satan weg sein! - Reiner
Wird freilich dadurch auch ihr Leumund nimmer.

O Ugolin de' Fantolin, nur deiner
Gedenkt man stolz. Du brauchst auch nicht zu bangen;
Denn weil du kinderlos, entehrt dich keiner.

Doch geh nun, Tusker, denn ich hab Verlangen,
Zu weinen und das Weitere zu verhehlen;
So hat mir dies Gespräch den Geist befangen.«

Wir merkten, daß am Schritt die teuern Seelen
Uns fortgehn hörten, was uns, da sie schwiegen,
Bewies, daß wir des Wegs nicht würden fehlen. -

Als wir nunmehr vereinsamt weiterstiegen,
Hört ich, schnell wie ein Blitz in Wolken schwindet,
Uns da entgegen eine Stimme fliegen,

Rufen: »Totschlagen wird mich wer mich findet,«
Und fliehn, alsob ein Donnerschlag verhalle,
Der sich durch Wolken, sie zerreißend, windet.

Kaum ruhte das Gehör uns von dem Schalle,
Traf eine zweite krachend so die Ohren,
Alsob ein Donner hinterm andern knalle:

»Ich bin Aglauros, die zu Stein gefroren!«
Und als ich mich zum Dichter schmiegen wollte,
Trat ich zurück statt vorwärts, schreckverloren.

Schon war der Luftkreis still und nichtsmehr grollte.
Und er zu mir: »Dies war der Zaum, der harte,
Der in der Bahn euch Menschen halten sollte.

Doch kaum, daß euch des Erzfeinds Köder narrte,
Seid ihr ihm an die Angel schon gesprungen.
Umsonst, daß Zaum und Rückruf euer warte.

Euch ruft der Himmel, der um euch geschwungen,
Zeigt euch, welch ewige Schönheit ihn umkleidet;
Doch stets bleibt erdwärts euer Blick gezwungen.

Drum züchtigt euch, der alles unterscheidet.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 15
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 15

Soviel des Wegs am Schluß der dritten Stunde
Seit Tagbeginn der Sphäre wird beschieden,
Die kindesähnlich spielt in steter Runde,

Soviel auch hatte bis zum Abendfrieden
Scheinbar der Sonne Lauf noch nicht durchschnitten:
Am Berg war Vesper, Mitternacht hernieden.

Es traf ihr Strahl uns auf der Nase Mitten,
Weil wir bereits den Berg soweit umgangen,
Daß wir nun grade gegen Westen schritten.

Da fühlt ich: lästigere Strahlen drangen
Zur Stirne mir, als wie sie sonst zu schauen,
Und ob der Neuheit ward mein Sinn befangen;

Weshalb ich meine Hände zu den Brauen
Erhob, ein Schutzdach für die Augenlider
Vor dieses Lichtes Übermaß zu bauen.

Als wenn vom Wasser oder Spiegel wieder
Der Strahl zurückprallt, um emporzusteigen
Zur Gegenseite gleicherart als nieder

Er fiel, um sich dann gleichwinklig zu neigen
Zur Richtung senkrechtfallender Gewichte,
Wie Beispiel dies und Wissenschaft uns zeigen:

So schien ich vom zurückgeprallten Lichte
Getroffen auch, das da vor mir entglommen;
Drum eilt ich, Schutz zu bieten dem Gesichte.

»Was, teurer Vater, ists, was mir benommen
Die Sehkraft, daß sich mir kein Schutz will zeigen,«
Sprach ich, »und was uns näher scheint zu kommen?« -

»Nicht staune, mußt du dich geblendet neigen
Der Himmelsdienerschaft,« er mich belehrte.
»Ein Bote ists; er kommt und lädt zum Steigen.

Bald wird, was lästig dein Gesicht beschwerte,
Als Wonneanblick dir soweit zuteile,
Als dir Natur Empfänglichkeit bescherte.«

Zum seligen Engel kamen wir derweile,
Der fröhlich sprach: »Hier tretet ein; denn innen
Die Treppe gleicht der frühern nicht an Steile.«

Und als wir stiegen, weiter schon vonhinnen,
Klangs: »Beati misericordes« und: »Weide
Am Sieg dich,« singend hinter uns von drinnen.

Mein Meister nun und ich, allein wir beide,
Stiegen empor. Ich hoffte drum, es ließen
Sich gehend schöpfen nützliche Bescheide,

Und wandte mich an ihn: »Bedenken stießen
Mir auf, was wohl Romagnas Geist verstünde
Mit dem, was ?nicht gemeinsam? zu genießen?«

Drob er zu mir: »Von seiner größten Sünde
Kennt er den Fluch; drum kanns nicht staunen machen:
Er rügt ihn, daß euch weniger Schmerz entzünde.

Weil eure Gier nur geizt nach solchen Sachen,
Die sich verringern, wenn sie sich entfernen
Von der Gemeinschaft, muß der Neid entfachen

Euch Seufzer. Doch wenn zu den höchsten Sternen
Die Liebe eure Sehnsucht zöge - kennen
Würd nimmer eure Brust solch Bangen lernen.

Denn umsomehr wir Gutes ?unser? nennen,
Jemehr wird jedem von dem Gut beschieden,
Und mehr muß Liebe hier im Kloster brennen.« -

»Noch minder stellt mich dein Bescheid zufrieden,«
Sprach ich, »als wenn ich hätte wollen schweigen,
Und stärkere Zweifel bleiben unvermieden.

Ists möglich, daß ein Gut, nach soviel Zweigen
Verteilt, den Vielen größern Reichtum bringe,
Als wenn es einigen Wenigen blieb zueigen?«

Und er zu mir: »Weil du auf Erdendinge
Den Sinn festheftest, bleibt dir unerkennbar
Das Licht und wähnst, daß Dunkel dich umfinge.

Das Gut, das unerschöpflich und unnennbar
Dort oben, eilt der Liebe so entgegen
Wie Licht von hellen Körpern ist untrennbar.

Soviel giebts Glut, als Glut die andern hegen,
Sodaß, jemehr die Liebe sich verbreitet,
Sie auch der ewigen Kraft pflegt zuzulegen.

Jemehr sich droben das Verständnis weitet,
Jemehr muß Gut und Liebe sich entfalten,
Wie Licht von Spiegel hin zu Spiegel gleitet.

Und siehst du jetzt noch kein Verständnis walten,
Bald siehst du Beatrice. Deinem Herzen
Hat sie für alles Stillung aufbehalten.

Doch sei bedacht nur, dir bald auszumerzen,
Wie schon die zwei, auch die fünf andern Wunden,
Die sich nur wieder schließen, wenn sie schmerzen.«

Schon wollt ich sagen: »Licht hast du gefunden,«
Da sah ich mich zum nächsten Kreis gekommen,
Wo Schaulust mir die Lippe hielt gebunden.

Hier war es mir, ich sei hinweggenommen
plötzlich wie durch Verzückung, und zu sehen
Schien ich in einem Tempel viele Frommen.

Und eine Frau sah ich am Eingang stehen,
Die sprach sanftmütterlich zu ihrem Knaben:
»Mein Sohn, was ließest du uns das geschehen?

Denn sieh, ich und dein Vater, beide haben
Mit Schmerzen dich gesucht.« Sie schwieg. Vergangen
waren die Bilder, die mich erst umgaben.

Drauf sah ich eine zweite, naß die Wangen
Von Tränen, wie sie nur so schmerzhaft beißen,
wenn Zorn auf andre hält das Herz umfangen.

Die sprach: »Willst du den Herrn der Stadt dich heißen
Um deren Namen Götter heftig stritten,
Drin alle Wissenschaften leuchtend gleißen,

So straf die Arme, die auf Marktes Mitten,
O Pisistrat, dreist unser Kind umfingen!«
Doch milde schien und taub zu sein den Bitten

Der Herr; denn freundlich schien sein Wort zu klingen:
»Wie würde erst, der Leid uns wünscht, gepeinigt,
Wenn wir dem, der uns liebt, Verdammung bringen?«

Drauf sah ich Volk, entflammten Zorns vereinigt,
Mit Steineswürfen einen Jüngling töten,
Zurufend sich nur immer: »Steinigt! Steinigt!«

Und sah, daß jener, schon in Todesnöten,
Aufwärts die Augen noch, zubodengleite,
Alsob sie offenes Tor dem Himmel böten,

Erflehend vom höchsten Herrn in solchem Streite
Verzeihung für das Volk, das haßentbrannte,
Mit einem Ausdruck, den das Mitleid weihte.

Als meine Seele nun zurück sich wandte
Zu jenen außer ihr noch wahren Dingen,
Ich gleich den doch nicht falschen Wahn erkannte.

Mein Führer merkte, wie ich loszuringen
Gleichsam vom Schlaf mich mühte eine Weile,
Und sprach: »Kannst du nichtmehr die Füße zwingen?

Was giebts? Schon reichlich eine halbe Meile
Schwankst taumelnd du mit halbgeschlossenen Lidern.
Hemmt Schlaf dir oder Trunkenheit die Eile?« -

»O teurer Vater mein,« mußt ich erwidern,
»Ich will dir gern, was mir erschienen, künden,
Als Lähmung mir vorhin lag in den Gliedern.«

Und er: »Wenn dir auch hundert Larven stünden
Vorm Angesicht, ich könnte doch von deinen
Gedanken selbst den kleinsten rasch ergründen.

Nur darum sahst du dies, daß sich mit keinen
Fasern dein Herz verschlöß den Friedensbächen,
Dem Quell entströmend, dem allewigen reinen.

Ich fragte nicht ?Was giebts??, wie solche sprechen,
Die nur mit Augen schaun, die nie sich heben
Zum Sehen mehr, wenn sie im Tode brechen.

Ich fragte nur, den Füßen Kraft zu geben,
Wie wir die Lässigen anzuspornen pflegen,
Daß sie die Wachezeit zu nutzen streben.«

Achtsam gings fort auf abendlichen Wegen
Und sahen, soweit den Augen Kraft verliehen,
Dem letzten Abendsonnenstrahl entgegen.

Sieh, da begann uns mählich zu umziehen
Ein Rauch, als käme dunkle Nacht geschwommen,
Daß wir ihm nirgend wußten zu entfliehen.

Der hat uns Blick und reine Luft benommen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 16
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 16

Kein Höllendunst noch die vom Lichtgefunkel
Des allerkleinsten Sterns entblößten Nächte,
Wenn Wolken dunkler färben noch das Dunkel,

Nichts was mir mehr verschleierte und schwächte
Den Blick, als hier der Rauch, der uns umflossen;
Nichts was mir größeres Unbehagen brächte,

Daß sich die offenen Augen schnell mir schlossen.
Drum trat heran und bot die Schulterseite
Zur Stütze mir der treueste der Genossen.

Und wie ein Blinder nachfolgt dem Geleite,
Nicht fehlzutreten oder anzurennen,
Was Schmerz ihm oder gar den Tod bereite,

So ging ich durch der Stickluft bitteres Brennen,
Auf meinen Führer horchend, der zu raten
Nicht abließ: »Achte, daß wir uns nicht trennen!«

Ich hörte Stimmen, die um Frieden baten
Und um Erbarmen Gottes Lamm angingen,
Das wegnimmt alle unsere Missetaten.

Mit »Agnus Dei« nur begann ihr Singen.
Ein Wort, ein Klingen war in ihren Chören,
Als schien sie alle Eintracht zu durchdringen.

»Sprich, Meister, sind das Geister, die wir hören?«
Fragt ich, und er: »Es ist, wie du gesprochen.
Hier gilts, des Zornes Knoten zu zerstören.« -

»Wer bist du, der du unsern Rauch durchbrochen
Und von uns sprichst, als wärst du noch am Leben
Und teilst die Zeit noch nach Kalenderwochen?«

So hört ich eine Stimme sich erheben.
Drum sprach der Meister: »Antwort gieb; und lehren
Laß dich, ob wir uns hier bergan begeben.« -

»Geschöpf, das, um in Schönheit heimzukehren
Zum Schöpfer, hier sich reinigt,« bat ich; »leite
Uns fort, und Wunder will ich dir bescheren.«

Und er: »Soweit es mir erlaubt ist, schreite
Mein Fuß mit euch. Doch hemmt der Rauch das Schauen,
Dann halte das Gehör uns Seit-an-Seite.«

Drauf hob ich an: »In Fesseln, die durchhauen
Der Tod erst kann, klimm ich auf diesen Wegen,
Und kam hierher durch Angst und Höllengrauen.

Und weil mich Gottes Gnaden so umhegen,
Bis, wenn ers will, ich seinen Hof erschaute,
Ganz allem Brauch der neueren Zeit entgegen,

So sag, wer warst du, eh dich Tod umgraute?
Ja sags, und sag: gehts hier zur oberen Kante?
Und laß uns Führung sein dein Wort, das traute.« -

»Lombarde war ich, der sich Marco nannte,
Als Weltmann liebend jene Tugend grade,
Nach der sich längst schon mehr kein Bogen spannte.

Doch gipfelan gehst du auf richtigem Pfade,«
Sprach er und schloß: »Ich bitte dich, daß droben
Bei Gott du für mich bitten magst um Gnade.« -

»Was du verlangst,« sprach ich, »will ich geloben.
Doch muß ich einem Zweifel mich entwinden,
Der mich erstickt, wird er mir nicht behoben.

Erst einfach, muß ich ihn jetzt doppelt finden,
Laß deine Antwort ich auf meine Frage
Mit anderwärts Erlauschtem sich verbinden.

Wohl ist, wie mir bekräftigt deine Klage,
Die Welt an Tugend arm, reich an Beschwerden,
Die ihr die Bosheit macht vom ärgsten Schlage.

Doch bitt ich, laß die Ursach klar mir werden,
Daß ich sie seh und künde allerorten;
Denn der sucht sie am Himmel, der auf Erden.«

Tiefseufzend schuf ein schmerzlich »Ach!« den Worten
Erst Luft; und dann begann er: »Bruder, wisse,
Blind ist die Welt und du kommst ja von dorten.

Ihr, die ihr lebt, schiebt alle Vorkommnisse
Dem Himmel zu, alsob der alles immer
In seinem Lauf notwendig mitsichrisse.

Wärs so, stünds um die Willensfreiheit schlimmer
In euch: sie wär zerstört. Und nach dem Rechte
Fänd Gut und Böse Lohn und Strafe nimmer.

Antrieb zum Handeln geben Sternenmächte.
Nicht jeden, sag ich; und wenns alle wären,
So habt ihr Licht fürs Gute und fürs Schlechte

Nebst freiem Willen, der - wenn mit der Sphären
Einfluß im ersten Kampf er standhaft streitet -
Allsieger bleibt, wenn wir ihn richtig nähren.

Beßre Natur und stärkerer Wille leitet
Als Freie euch, und die Natur will schenken
Den Geist euch, dem kein Stern Einfluß bereitet.

Sucht drum die Jetztzeit aus dem Gleis zu lenken,
Seid ihr der Grund, weil ihr euch schuldig machtet.
Nun laß dir zeigen scharf, wie dies zu denken.

Aus dessen Hand, der liebend sie betrachtet,
Bevor sie ward, tritt wie ein Kind ins Leben,
Das launisch-wechselnd lacht und weinend schmachtet,

Die schlichte Seele, die nichts weiß, als eben,
Daß sie vom heitern Schöpfer ausgegangen,
Und drum nur mag nach Lust und Frohsinn streben.

Ein kleines Gut weckt anfangs ihr Verlangen.
Dies täuscht sie; doch sie läßt sichs nicht entgehen,
Wenn Zaum und Leitung ihr Gelüst nicht zwangen.

Drum muß sie im Gesetzesbanne stehen.
Ein Fürst muß sein, mit Augen so gestaltet,
Daß mindestens sie Zions Türme sehen.

Gesetze giebts. Wer ist, der sie verwaltet?
Kein Mensch! Weil euer Hirte und Begleiter
Zwar wiederkäut, doch nicht die Hufe spaltet.

Sieht nun das Volk beständig seinen Leiter
Nach dem, woran esselbst hängt, gierig brennen,
Nährts auch sich davon und begehrt nichts weiter.

Wohl kannst du schlechte Führung nun erkennen
Als Grund, daß eure Welt umstrickt von Sünden,
Darfst die Natur in euch verderbt nicht nennen.

Einst hatte Rom, Ordnung der Welt zu gründen,
Zwei Sonnen. Eine sollte unsern Wegen,
Die andre Gottes Wegen Licht entzünden.

Jetzt, wo das Schwert zum Hirtenstab sie legen,
Löscht eine Sonne aus der andern Brennen;
Drum wandeln beide schlimmem Ziel entgegen,

Weil keins vorm andern furchtsam mehr zu nennen.
Sieh auf die Ähren, dann wirst du begreifen,
Daß jedes Kraut am Samen zu erkennen.

Sonst war das Land, das Etsch und Po durchstreifen,
Berühmt durch Tapferkeit und edle Sitten,
Eh Friedrichs Händelsucht begann zu reifen.

Heut wirds von jedem ohne Fahr durchschritten,
Solang er sich aus Scham nicht sollte scheuen,
Wackre um Freundschaft und Verkehr zu bitten.

Noch giebts drei Greise dort; drin schilt die neuen
Geschlechter heut der Glanz aus alten Tagen,
Greise, die längst sich auf den Himmel freuen.

Palazzo ists, Gherard, groß im Betragen,
Und Veit Castell, der richtiger heißen würde
Schlichter Lombard, wie die Franzosen sagen.

Gesteh mir also: weil die Doppelwürde
Roms Kirche insichfaßt als zu gewichtig,
Fällt sie in Schlamm, beschmutzt sich und die Bürde.« -

»O du mein Marco,« sprach ich, »du denkst richtig.
Jetzt muß ichs auch bei Levis Stamme loben,
Daß er am Erbe nicht ward anteilspflichtig.

Doch welchen Gherard hast du so erhoben,
Daß er als Denkmal ragt aus alten Tagen
Zum Vorwurf dieser Zeit, der sittlich-groben?« -

»Mich täuschen oder prüfen deine Fragen,«
Sprach er. »Du, dem Toskanisch lebt im Munde,
Hast nie gehört vom guten Gherard sagen?

Von anderm Beiwort ward mir keine Kunde,
Höchstens als Gajas Vater, wie ich meine.
Gott mit euch, denn ich kehre um zur Stunde.

Schau, Zwielicht trennt bereits, das weißlichreine,
Den Rauch; drum heißts, zum Abschied sich bequemen,
Daß ich nicht vor dem Engel dort erscheine.«

So ging er hin und wollt nichtsmehr vernehmen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 17
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 17

Erinnere, Leser, dich, wenn dich umbraute
Ein Nebelqualm auf einem Alpenpasse,
Daß wie durchs Maulwurfsfell dein Auge schaute,

Wie dann beginnt die dichte feuchte Masse
Sich zu zerstreun, bis langsam durch das Rauchen
Der Sonnenball erscheinen kann, der blasse:

Und nur geringer Mühe wirst du brauchen,
Dir vorzustellen, wie ich wiederschaute
Zuerst die Sonne, schon im Untertauchen.

So trat ich gleichen Schrittes wie der traute
Gefährte aus dem Wolkenflor ins Helle,
Indes den Strand schon Dämmerung umgraute. -

O Fantasie, wie oft entrückst du schnelle
Uns aus unsselbst, daß man das Ohr nicht wendet,
Was auch aus tausend Tuben uns umgelle.

Was reizt dich denn, wenn dir der Sinn nichts spendet?
Dich reizt ein Licht, wirkend vom Himmel nieder,
Selbständig oder weils ein Wille sendet. -

Vom Frevel jener, die sich im Gefieder
Des Vogels barg, der immer gern gesungen,
Gab mir Einbildungskraft ein Abbild wieder,

Das meinen Geist so insich hielt gezwungen,
Daß sich von außen her vor solchem Schilde
Auch nichts den kleinsten Eindruck hätt errungen.

Dann senkte sich ins hohe Traumgebilde
Mir ein Gekreuzigter. Zorn sah ich beben
Und Stolz im Blick, und so auch starb der wilde.

Den großen Ahasver sah ich daneben,
Esther sein Weib und Mardochai, den frommen,
Der Vorbild stets in Wort und Tat gegeben.

Und als dies Bild vonselbst insich zerschwommen -
Wie eine Blase platzt, wenn sie verzichten
Aufs Wasser muß, draus sie hervorgekommen -

Sah ich im Traum ein Mägdlein sich aufrichten:
»O Königin,« klang es von der tränenblassen,
»Was mußtest du im Zorn dichselbst vernichten?

Du gabst dich hin, Lavinien nicht zu lassen,
Jetzt ließest du mich, Mutter. Dein Verderben
Muß vor des andern Tod mit Schmerz mich fassen.«

Gleichwie der Schlummer - bohren sich die herben
Lichtstrahlen durch das Aug, das noch geschlossen -
Bricht und im Brechen zuckt vor seinem Sterben,

So meine Traumgebilde jäh zerflossen,
Sobald ins Antlitz mir ein Lichtstrahl zückte,
Greller, als sich ein irdisch Licht ergossen.

Ich sah mich um, wohin michs denn entrückte,
Als eine Stimme sprach: »Hier müßt ihr steigen,«
Daß jeden andern Wunsch ich unterdrückte

Und meinen Eifer ließ so stark sich zeigen,
Den zu gewahren, den ich hörte sprechen -:
So etwas quält, bis Stirn zu Stirn sich neigen!

Doch wie ins Aug die Sonnenstrahlen stechen,
Durch zuviel Glanz vom Anblick abzuschrecken,
So fühlt ich meine Sehkraft hier zerbrechen.

»Den Weg uns ungebeten zu entdecken,
Erschien ein Gottgeist, den du nicht gesehen,
Weil seine eigenen Strahlen ihn verstecken.

Was Mensch dem Menschen tut, ist uns geschehen.
Denn wer uns bitten läßt, wenn Not erst drohte,
Der denkt schon böslich, uns nicht beizustehen.

Laß unsern Fuß denn folgen dem Gebote.
Aufwärtsgestiegen! eh die Nacht gekommen,
Sonst können wirs nichtmehr vorm Morgenrote.«

So sprach mein Führer, und zur Höh genommen
Ward nun ein Pfad, den wir auf Stufen gingen.
Und jetzt, als ich die erste kaum erklommen,

Fühlt ich im Antlitz leises Flügelschwingen.
»Pacifici beati« hört ichs gleiten
Ans Ohr mir, »Heil, die sündigen Zorn bezwingen.«

Schon standen über uns in solchen Weiten
Die letzten Strahlen, die der Nacht sich gatten,
Daß Sterne blitzten von verschiedenen Seiten.

»O meine Kraft, was ließ dich so ermatten?«
Fragt ich michselbst und merkte ganz beklommen,
Daß mir den Dienst versagt die Füße hatten.

Zur höchsten Stufe waren wir gekommen,
Gehemmt dort stehend, wie die Fahrt beendet
Ein Boot, wenn es am Strand sich festgeschwommen.

Erst lauscht ich kurz, ob ein Geräusch nicht spendet
Dem Ohr der neue Kreis, der hier zu sehn.
Dann sprach ich, meinem Meister zugewendet:

»Mein teurer Vater, sprich, welch ein Vergehen
Läutert der Kreis hier? Äußere dein Vermuten.
Stehn auch die Füße, laß dein Wort nicht stehen.«

Und er zu mir: »Ergänzt wird hier zum Guten
Liebe, die nahe war, daß sie erkalte.
Wer träg im Rudern war, muß hier sich sputen.

Doch daß sichs dir noch deutlicher entfalte,
Wende den Geist mir zu, damit dir lohne
Heilsame Frucht aus unserm Aufenthalte.

Du weißt, mein Sohn,« begann er, »nie war ohne
Die Liebe Schöpfer und Geschöpf; ob Liebe
In der Natur, ob sie im Geiste wohne.

Die der Natur irrt nie in ihrem Triebe,
Doch jene irrt; seis, daß verfehlt ihr Streben,
Seis daß zu stark, seis daß zu schwach sie bliebe.

Solang den ersten Gütern sie ergeben
Und Maß den irdischen weiß anzulegen,
Kann sie nie Sündenantrieb sein im Leben.

Doch sucht sie Böses oder jagt sie wegen
Des Guten bald zu stark, bald zu verdrossen,
So wirkt dem Schöpfer das Geschöpf entgegen.

Drum muß die Liebe, wie ichs dir erschlossen,
Jedweder Tugend Keim in euch umfassen
Und jeder bösen Tat, die euch entsprossen.

Nun, weil denn Liebe nie kann unterlassen,
Vom eigenen Wohlergehen den Blick zu lenken,
Liegts allen Wesen fern, sichselbst zu hassen.

Und weil man sich kein Wesen könnte denken
Getrennt vom Schöpfer, insichselbst zufrieden,
Kann nie auf ihn ein Haß ins Herz sich senken.

Drum bleibt, sofern ich richtig unterschieden,
Des Nächsten Mißgeschick als Freudenwürze,
Die dreifach sprießt in euerm Schlamm hienieden.

Der hofft, wenn Druck des Nachbars Macht verkürze,
Eigne Erhebung; drum ist sein Begehren,
Daß jener tief von seiner Höhe stürze.

Der fürchtet, daß ihm Macht, Gunst, Ruf und Ehren
Entgehn, kommt hoch ein andrer, der sich brüstet;
Drum wills sein Grimm ins Gegenteil verkehren.

Der glaubt beleidigt sich und ist entrüstet,
Was ihn so hält mit Rachedurst durchdrungen,
Daß nach des andern Schaden ihn gelüstet.

Wen diese Liebesdreiheit einst bezwungen,
Beweint es hier. Laß nun von der dich lehren,
Die falschen Weges Gutem nachgerungen.

Verworren fühlen alle und begehren
Ein Gut, als Seelenfrieden zu benennen;
Drum wird ihr Drang nach solchem Ziel sich kehren.

Treibt Liebe euch zu träg, es zu erkennen
Und zu erwerben, wird der Kreis hier zwingen
Zur Buße euch nach echter Reue Brennen.

Noch giebts ein Gut, doch kanns uns Glück nicht bringen,
Ist selbst kein Glück, liegt fern dem wahren Heile,
Draus alles Guten Frucht und Wurzeln dringen.

Liebe, die dem nachstrebt in Gier und Eile,
Wird über uns beweint in dreien Runden.
Doch wie sich dort die Ordnung dreifach teile,

Verschweig ich, da du selbst es sollst erkunden.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 18
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 18

Nachdem der hohe Lehrer so geendet,
Sah er ins Antlitz mir, wie um zu fragen,
Ob mich befriedigt, was sein Wort gespendet.

Und ich, den neuer Durst begann zu plagen,
Blieb äußerlich zwar stumm, doch sprach ich innen:
»Frag nicht zuviel, leicht machts ihm Unbehagen.«

Doch ward mein schüchternes verschwiegenes Sinnen
Von diesem echten Vater schnell ergründet,
Und sprechend hieß er Sprache mich gewinnen.

Drum ich: »Mein Blick wird, Meister, so entzündet
An deinem Licht, daß ich mir leicht erkläre,
Was deine Schilderung mir schenkt und kündet.

Drum, lieber teurer Vater du, gewähre
Mir Aufschluß von der Liebe, die als Quelle,
wie du gesagt, Gutes und Böses nähre.« -

»Blicke auf mich scharf und verstandeshelle,«
Sprach er; »dann wird der Irrtum dir zerstieben
Der Blinden, die da stehen an Führerstelle.

Die Seele, die geschaffen, schnell zu lieben,
Sucht allem, was sie freut, stark zuzustreben,
Wenn wirklich Lustempfindung sie getrieben.

Die Fassungskraft zieht aus dem wahren Leben
Ein Bild sich ab, das sie in euch entfaltet,
Sodaß die Seele völlig ihm ergeben.

Und wenn zu ihm die Neigung in euch waltet,
Nennt Liebe, nennt Natur sich dieses Neigen,
Die das Gefallen neu in euch gestaltet.

Denn wie das Feuer muß nach oben steigen,
Nach seiner Art erzeugt, dahin zu dringen,
Wo seinem Stoff die längste Dauer eigen,

So fühlt die Seele Sehnsucht sich bezwingen
(Was geistige Regung ist) und ruhet nimmer,
Bis sie das Heißgeliebte darf umschlingen.

Nun kannst du sehn, wie doch der Wahrheit Schimmer
Verhüllt so tief ist jenen, die da meinen,
Ansich sei jede Liebe löblich immer.

Der Stoff kann gut sein, wer will das verneinen?
Doch schützt davor des besten Wachses Masse,
Daß Siegel unschön-abgedruckt erscheinen?« -

»Dein Wort und mein Verstand, soweit ers fasse,«
Sprach ich, »läßt mich enthüllt die Liebe sehen;
Doch so nicht, daß michs neu nicht zweifeln lasse.

Denn macht ein äußerer Eindruck sie entstehen:
Ists recht, daß man verantwortlich sie mache,
Wenn sie gekrümmt muß oder grade gehen?«

Und er: »Ich kann nur sagen, wie die wache
Vernunft es sieht. Noch besser wird entfalten
Dir Beatrice, weil dies Glaubenssache.

Jedwede Wesensform, die losgespalten
Vom Stoff ist, aber doch mit ihm verbündet,
Hat eine Sonderkraft in sich erhalten,

Die lediglich wird an der Tat ergründet,
Die erst in Wirkung offenbart ihr Leben,
Wie grünes Laub des Baumes Leben kündet.

Auskunft kann keine Menschenweisheit geben,
Woher die Urbegriffe uns entstanden,
Woher der Urtrieb stammt, das Urbestreben.

Wie Honigsammeln als der Drang vorhanden
In Bienen, wird des Wollens Ursprungsquelle,
Ansich nicht gut nicht bös, uns nie zuschanden.

Daß dem Trieb jeder andre sich geselle,
Ließ die Geburt euch Urteilskraft erringen;
Und die soll hüten des Entschlusses Schwelle.

Sie ist der Urgrund, und aus ihr entspringen
Euch Gründe zum Verdienst, ob schlechte Liebe
Ihr meiden wollt und gute an euch bringen.

Die eingeborene Freiheit eurer Triebe
Sahn die, die bis zum Grunde konnten blicken,
Und wollten, daß Moral der Menschheit bliebe.

Gesetzt, Notwendigkeit mag euch umstricken
Zu jeder Liebesglut in euerm Leben:
Macht habt ihr, daß sie sich muß fügsam schicken.

Solch edle Kraft nennt Beatrice eben
Die Willensfreiheit. Drum sei dirs empfohlen,
Sollt ihr Gespräch Erwähnung davon geben.« -

Der Mond, der sich versäumt auf trägen Sohlen
Bis Mitternacht, bleichend der Sterne Reigen,
Und aussah wie ein Kessel glühender Kohlen,

Begann denselben Weg hinaufzusteigen,
Drauf dann die Sonne flammt, wenn Rom sie gegen
Sardinien sieht und Korsika sich neigen.

Und jener edle Schatten, dessentwegen
Pietola mehr als Mantua wird erhoben,
Entlud der Last mich, die auf mir gelegen,

Drob ich, der eine Auskunft durft erproben
Aus alle Fragen klar und unverschwommen,
Dastand gleich dem, den Schlafsucht hält umwoben.

Doch diese Schlafsucht ward mir schnell genommen
Durch Leute, die im Rücken uns die Pfade
herliefen, um an uns heranzukommen.

Wie einst Asopens und Ismens Gestade
Zur Nachtzeit sahen das rasende Gestiebe,
Wenn Thebens Volk zum Bacchus rief um Gnade,

So lief durch diesen Kreis im Wirbeltriebe,
Soviel ich sah beim Nahen all der Scharen,
Wen guter Wille spornt und echte Liebe.

Bald waren sie zu uns herangefahren,
Denn ihre Eile konnte nichts besiegen,
Und weinend riefen zwei, die vorne waren:

»Maria ist in Hast bergaufgestiegen,
Und Zäsar schloß, Ilerda zu gewinnen,
Massilien ein, nach Spanien dann zu fliegen.« -

»Schnell, schnell,« schrien andre, »laßt nicht Zeit verrinnen
Durch Liebesträgheit! Neues Grün laßt geben
Der Gnade uns durch heilsames Beginnen.« -

»O Volk, in dem solch inbrunstheißes Streben
Vielleicht der trägen Säumnis tut Genüge,
Die Gutes lau euch üben ließ im Leben,

Dieser hier lebt - und glaubt, daß ich nicht lüge -
Und will empor beim ersten Tagesscheine.
Drum sagt, wo man zum Eingang sich verfüge.«

So meines Führers Worte. Und der eine
Von jenen Geistern sprach: »Folg unserm Tritte,
So findest du die Öffnung im Gesteine.

Uns spornt der Drang zur Eile so die Schritte,
Daß wir nicht rasten können; drum verzeihe,
Scheint unser rechtes Tun unfeine Sitte.

Zu Zenos Abt schuf mich Veronas Weihe
Unter des ?guten? Rotbart Herrscherstabe,
Dem heut noch schallen Mailands Weheschreie.

Und jemand hat schon einen Fuß im Grabe,
Der bald weint um dies Kloster angstbeklommen
Und trauert, daß er drin gewaltet habe,

Weil er den Sohn, der leiblich ganz verkommen
Und geistig schlimmer noch, und schlimmgeboren,
Statt eines rechten Hirten angenommen.«

Ich weiß nicht, schwieg er, sprach er noch - den Ohren
Verklangs, weil er entlief ins Ungewisse.
Doch hört ich dies und halts gern unverloren.

Da sprach der Helfer meiner Kümmernisse:
»Dreh dich! schau! Zweie nahn, die dem Verderben
Der Trägheit strafend geben scharfe Bisse.«

Die riefen allen hinterdrein: »Erst sterben
Mußte das Volk, das Durchgang fand im Meere,
Bevor der Jordan schaute seine Erben.

Und jene, die nur halb die Drangsalsschwere
Mit dem Anchisessohne überwanden,
Zogen ein Dasein vor, bar jeder Ehre.«

Als drauf die Schatten uns soweit entschwanden,
Daß sie vor meinem Blick in Nichts zerflossen,
War ein Gedanke neu in mir entstanden,

Draus wieder andere, mannigfache schossen.
Und so von dem zu jenem mußt ich schwanken,
Bis sich die Augen mir vom Schwärmen schlossen

Und mir zum Traume wurden die Gedanken.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 19
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 19

Zur Stunde, wo die Tagesglut zu lindern
Nichtmehr imstande ist des Mondes Frosten,
Weil Erdball oder auch Saturn es hindern,

Wo dann vor Tag der Geomant im Osten
Erblickt, was ihm als »größtes Glück« soll dienen,
Auf Wegen, die das Morgenrot bald kosten,

War mir ein stammelnd Weib im Traum erschienen,
An Füßen krumm, schielend das Aug, das fahle,
Verkrüppelt jede Hand und blaß von Mienen.

Ich sah sie an. Und wie am Sonnenstrahle
Sich nachtfrost-starre Glieder neu beleben,
So löste ihr mein Blick mit einem Male

Die Zunge, schuf den Wuchs ihr schlank und eben
Nach kurzer Zeit, indes den welken Wangen,
wie Liebe wünscht, die Farbe ward gegeben.

Und als gelöst das Band der Lippen, sangen
Sie so, daß ich empfand: vergeblich lehne
Das Ohr sich auf, ihr fest am Mund zu hangen.

»Ich bin,« sang sie, »ich bin die süße Sirene.
Des Meeres Schiffer lock ich, umzuschwenken,
Daß er nach mir sich, lusterlauschend, sehne.

Ich wußt Ulyß vom Irrpfad abzulenken
Mit meinem Sang. Wer erst in meinen Banden,
Kommt selten los: solch Labsal kann ich schenken.«

Kaum schloß ihr Mund sich, da war jäh erstanden
Ein heilig Weib vor mir und nahgekommen;
Die machte deren Stolz alsbald zuschanden.

»Vergil, Vergil,« so rief sie zornentglommen,
»Wer ist dies?« - Und, das Aug in edelm Brande,
Hat er zur Heiligen schnell den Weg genommen,

Und griff auch schon der andern zum Gewande,
Zerriß es vorn und ließ den Leib mich sehen.
Da sprengte Mißduft meines Schlafes Bande.

Aufblickend sah Vergil ich bei mir stehen.
»Schon dreimal rief ich: ?Komm, steh auf!?« sprach leise
Der Gute. - »Komm! zum Eingang laß uns gehen.«

Aufsprang ich schnell und sah, daß alle Kreise
Des heiligen Bergs die neue Sonne schmücke,
Die hinter uns schon hoch auf ihrer Reise.

Ihm folgend, trug ich meine Stirn, als drücke
Gedankenlast sie so, daß ich gegangen
Ähnlich dem halben Bogen einer Brücke.

Da riefs: »Kommt! hier ist Einlaß zu erlangen,«
In Lauten, die so sanft und gütig schallten,
Wie sie im Reich der Sterblichkeit nie klangen.

Den sanften Sprecher sah ich drauf entfalten
Den Schwanenfittich, winkend, daß wir gingen
Den Weg empor durch rauhe Felsenspalten.

Er fächelte uns dann mit seinen Schwingen,
Versichernd, daß » qui lugent« selig leben,
Weil ihre Seelen werden Trost erringen.

»Was giebts, was bleibt dein Blick am Boden kleben?«
Begann darauf mein Führer mich zu fragen,
Als wir vom Engel kaum uns fortbegeben.

Und ich: »Hinwandeln läßt mich so in Zagen
Das neue Traumbild, das mir spukt im Hirne,
Daß ich des Sinnens mich nicht kann entschlagen.« -

»Du sahst,« sprach er, »die alte Hexendirne,
Um die allein sie über uns noch büßen;
Du sahst auch, wie man bietet ihr die Stirne.

Genug sei dirs! Tritt fest auf mit den Füßen!
Blick aufwärts, um im mächtigschwingenden Kreise
Des ewigen Königs Federspiel zu grüßen.«

Wie erst der Falk beschaut nach seiner Weise
Die Füße, auf den Anruf dann entfaltet
Die Schwingen, wild sich reckend nach der Speise,

So tat ich. Und soweit der Fels sich spaltet,
Daß sich der Steiger drin mag aufwärtsschmiegen,
Klomm ich, bis wo der Sims sich neu gestaltet.

Als ich die fünfte Windung nun erstiegen
Und freistand, sah ich weinend Volk dortoben
Und völlig umgekehrt am Boden liegen.

»Adhaesit pavimento,« so erhoben
Den Ruf sie mit so lauten Seufzerklagen,
Daß kaum ihr Wort vernehmlich zu erproben.

»Ihr Auserwählte Gottes, deren Plagen
Gerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen,
Zeigt uns, wo die erhabenen Stufen ragen.« -

»Wenn ihr nicht kamet, liegend hier zu büßen,
Müßt ihr, stets links vom Fels, euch fortbewegen;
Das kürzt den Weg am schnellsten euern Füßen.«

So bat der Dichter und so klangs entgegen
Unweit von uns. Drum hätt ich gern gesehen
Den Sprechenden, der mir verdeckt gelegen,

Und ließ zu meinem Herrn die Augen gehen,
Der mir gefälligen Winkes gleich bescherte,
Was er als Wunsch mir sah im Antlitz stehen.

Da ich nun durfte tun, was ich begehrte,
Bog ich zu dem Geschöpf mich, das mit Fragen
Mein Augenmerk vorhin schon aufsich kehrte,

Und sprach: »Dem bald die Tränen Früchte tragen,
O Geist, die nottun, um zu Gott zu kommen,
Ein wenig hemme meinethalb die Klagen.

Wer warst du? Und was zeigen diese Frommen
Den Rücken? Sprich, soll dich Gebet beglücken
Dortoben, wo ich lebend hergekommen.«

Und er: »Gleich hörst du, weshalb wir den Rücken
Zum Himmel drehn. Doch erst sei dir verkündet,
Daß mich des Papstes Würde durfte schmücken.

Zwischen Chiaveri und Sestri mündet
Ein schöner Fluß zutal, der einst durch seinen
Den Namen meines Bluts ruhmreich begründet.

Fünf Wochen zeigten mir: schwer ists für einen,
Daß er dem großen Mantel Schmutz erspare,
Daß alle andern Lasten Federn scheinen.

Spät wars, daß ich das Heil erkannt, das wahre.
Doch kaum gesalbt als Hirt der Christenherde,
Sah ich die Lüge rings, die offenbare,

Sah, daß mein Herz dort nicht befriedigt werde,
Und daß die Welt auch höhern Rang nicht spendet;
Drum kehrt ich mich zum Himmel von der Erde.

Arm war bis dahin und Gott abgewendet
Die Seele mir, um sich am Geiz zu weiden.
Nun siehst du hier, mit welchem Lohn dies endet.

Was Habsucht tut, lernt man hier unterscheiden
An Seelen, die bekehrt zur Läuterung streben;
Und bittrer schmeckt auf diesem Berg kein Leiden.

Wie nie zum Himmelsglanz sich wollte heben
Das Auge, das auf Erdentand nur blickte,
So läßts Gerechtigkeit am Staub hier kleben.

Wie Geiz zu allem Guten uns erstickte
Die Liebe, und der Tat Verdienst ließ schwinden,
So die Gerechtigkeit uns hier verstrickte,

Um Hand und Fuß zu fesseln und zu binden.
Bis dem gerechten Herrn uns aufzuheben
Gefällt, sind wir hier starr und steif zu finden.«

Ins Knie gesunken, wollt ich sprechen eben.
Doch als ich anfing und ihm unbetrogen
Sein Ohr schon meine Ehrfurcht kundgegeben,

Sprach er: »Was hat dich so ins Knie gebogen?«
Und ich: »Es hat mich mein Gewissen, deines
So hohen Amtes halb, dazu bewogen.«

Und er: »Steh, Bruder, ungebeugten Beines.
Nicht irre dich! Mitknecht bin ich und ehre
Mit dir und allen hier die Herrschaft Eines.

Begriffst du je des Evangeliums Lehre
Vom neque nubent, wird sich dir erklären
Mein Wort, kraft des ich deinem Knieen wehre.

Nun geh, weil deine Gegenwart die Zähren
Mir hemmt, die zeitiger im Himmelslichte
Die Reife dem, das du genannt, gewähren.

Ich hab, Alagia heißt sie, eine Nichte
Noch dort, die gut ist, falls zu schlechtem Treiben
Nicht unsers Hauses Beispiel sie verpflichte.

Und sie nur durfte jenseits mir verbleiben.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 20
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 20

Weil schlecht mit besserm Wollen kämpft das Wollen,
Zog (ihm erwünscht, mir unerwünscht) vom Rinnen
Des Wassers ich den Schwamm fort, den halbvollen.

Ich ging, und auch mein Führer ging vonhinnen,
Entlang dem Felsen stets, wo frei die Schneise,
Wie man auf Mauern geht hart an den Zinnen.

Denn jenes Volk, des Auge tropfenweise
Vom Laster trieft, das stets die Welt kasteite,
Lag allzunah dem äußern Rand vom Kreise. -

Uralte Wölfin du, vermaledeite,
Die du mehr raubst, als andre Bestien rauben,
Du nie von heißer Hungersgier befreite!

O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir glauben,
Die Erdendinge wandelt mächtigen Zwanges,
wann kommt, vor dem umsonst dein Trotz wird schnauben? -

Wir gingen langsam und gemessenen Ganges.
Und ich, der Schatten achtend, hörte flehen
Und weinen sie erbarmungswürdigen Klanges.

Der Zufall ließ mich einiges verstehen.
»Süße Maria,« seufzte da ein Wesen
So schmerzlich wie ein Weib in Kindeswehen.

Und dann: »Du warst zur Armut auserlesen,
Davon die Herberg giebt so schöne Proben,
Drin du von deiner heiligen Last genesen.«

Und endlich: »O Fabricius, hoch zu loben!
Armut im Tugendkleid war dein Verlangen,
Statt Reichtum, der mit Lastern ist verwoben.«

Ich schritt, weil diese Worte lockend klangen
Und mehrversprechend, näher, achtsam-lugend
Zum Geist, von dem sie scheinbar ausgegangen.

Der sprach auch noch von der freigebigen Tugend
Des Nikolaus, der reich die Jungfrauen machte,
Um Ehrbarkeit zu wahren ihrer Jugend.

Ich sprach: »Du, der so schöner Tat gedachte,
Wer warst du, Seele? Und aus welchem Grunde
Geschahs, daß nur dein Mund hier Lobspruch brachte?

Nicht ohne Lohnentgelt bleibt deine Kunde
Wenn hinter mir der kurze Weg gelegen
Des Lebens, das da hinfliegt Stund-um-Stunde.«

Und er: »Ich will dirs sagen. Doch nicht wegen
Des Trosts, der mich von jenseits läßt genesen,
Nein, weil dir schon vorm Tode strahlt solch Segen.

Wurzel des argen Baums bin ich gewesen,
Der alles Christenland so sehr beschattet,
Daß selten gute Frucht davon zu lesen.

Doch Rache hätte längst der Herr verstattet,
Falls Douay, Lille, Gent, Brügge sich entschließen:
vom Weltallsherrn erfleh ichs unermattet.

Auf Erden sie mich Hugo Capet hießen.
Die Philipps und die Ludwigs, heut Berater
Und Lenker Frankreichs, sah ich mir entsprießen,

Und in Paris ein Fleischer war mein Vater.
Als schon der alte Königsstamm zuende,
Bis auf den, der den Graurock trug als Frater,

Fand ich so festgedrückt mir in die Hände
Des Reiches Zaum, zumal sich mir verbanden
Durch Neuerwerb und Freundschaft alle Stände,

Daß meinem Sohn von den verwaisten Landen
Die Krone fiel aufs Haupt. Aus seinem Blute
All die gesalbten Häupter dann entstanden.

Eh nicht am provenzalischen Heiratsgute
Ganz mein Geschlecht verlernte, sich zu schämen,
Wars nicht viel wert, doch frei vom Frevelmute.

Nun ließen sich die Meinen nicht mehr zähmen.
Gewalt und List hielt her, daß sie, zur Buße!
Ponthieu, Gascogne und Normandie sich nähmen.

Karl kam dann nach Italien. Und, zur Buße!
Ward Konradin geköpft; und für die Sterne
Dann reifgemacht Sankt Thomas, auch zur Buße!

Ich seh aus Frankreich schon, und nicht ist ferne
Die Zeit, sich einen andern Karl aufraffen,
Daß ihn man und sein Haus erst kennen lerne.

Wehrlos kommt er und führt sonst keine Waffen
Als nur des Judas Speer. Den wird er schwingen
Dann so, daß dir, Florenz, Flanken klaffen.

Das wird kein Land, nur Sündenschuld ihm bringen
Und Schmach, was ihn einst umsomehr läßt bangen,
Als er den Schaden hält für ganz geringen.

Den andern, der vom Schiff einst stieg gefangen,
Seh ich sein Kind verschachern, wie Korsaren
Die Sklavin, hohes Kaufgeld zu erlangen.

O Habgier, kannst du ärger noch verfahren,
Seit du mein Blut so fingst in deinen Maschen,
Daß es mit Kindern handelt wie mit Waren?

Um alte Schuld und künftige abzuwaschen,
Seh ich die Lilien nach Alagna dringen,
Christum in seinem Stellvertreter haschen.

Seh zum erneuten Mal ihn Spott umringen,
Seh Essig dann und Galle sich erneuern
Und zwischen neuen Schächern Tod ihm bringen.

Seh Wut den neuen Pilatus so befeuern,
Daß Nimmersatt er höhnt des Rechtes Sache,
Zum Tempel gierigen Segels hinzusteuern.

O Herr, wann seh ich froh, daß deine Rache
(Verborgen noch nach deinem bessern Meinen)
Aus deines Zornes Langmut auferwache?

Was von der Braut ich sprach - der einzig-einen
Des Heiligen Geists, und was dich zu der Frage
Bewogen, die ich dir nicht will verneinen -

Dient allen unsern Bitten hier bei Tage
Als Inhaltsvorschrift. Aber wenn es nachtet,
Ertönt vom Gegenteile unsere Klage.

Dann wird Pygmalion wiederholt betrachtet,
Der zum Verräter, Freundesmörder, Diebe
Geworden, weil er nur nach Gold geschmachtet,

Und Midas, dem die nimmersatten Triebe
Der Habsucht soviel Elend eingetragen,
Damit er ein Gespött bis heute bliebe.

Vom Toren Achan wird dann jeder sagen, wo
Der von der Beute stahl, daß alle grollten
Und hier noch Josuas Zorn ihn scheint zu schlagen.

Saphira und ihr Gatte wird gescholten,
Gelobt die Tritte, die zubodenrissen
Den Heliodor. Mit Schmach wird rings vergolten

Des Polymnestors Mord, der geizbeflissen
Den Polydor schlug. Endlich ruft es: ?Sage,
O Krassus, wie schmeckt Gold? Du mußt es wissen!?

So laut und leise pflanzt sich fort die Klage,
Ganz wie in Gang uns läßt die Inbrunst kommen,
Bald rasch, bald sanft mit ihres Spornes Schlage.

Und nicht nur ich wars, der vorhin die frommen
Beispiele pries; nur in der Näh soeben
Klang keine Stimme, daß du sie vernommen.« -

Wir hatten uns von ihm grad wegbegeben,
Bemüht, daß unser Fuß bezwungen sähe
Soviel vom Weg, als Kraft war, fortzustreben,

Als ich den Berg, alsob ein Sturz geschähe,
Erbeben fühlte, daß ein Frost mich preßte
Gleich einem, der sich sieht in Todesnähe.

So heftig bebte Delos nicht, das feste,
Eh, beide Himmelsaugen zu gebären,
Latona dort entwich zum sichern Neste.

Dann klang ein Schrei aus allen Berges-Sphären,
Daß zu mir trat der Meister: »Hab kein Bangen,«
Sprach er, »da ich dir Führung will gewähren.«

Und »Gloria in excelsis Deo« klangen
Die Stimmen, wie von denen ichs verstanden,
Die mir als Nächste dies von allen sangen.

Wir standen reglos-lauschend wie in Banden -
Den Hirten gleich, zu deren Ohr gekommen
Erstmals dies Lied - bis Klang und Erdstoß schwanden.

Dann ward der heilige Weg neu aufgenommen,
Die Schatten prüfend, die - gewohnte Tränen
Weinend - am Boden lagen furchtbeklommen.

Nie fühlt ich einen Kampf mit schärfern Zähnen
Unwissenheit und Wißbegier beginnen,
Trübt mein Gedächtnis nicht ein irrig Wähnen,

Als damals mirs erschien in meinen Sinnen.
Und weder wagt ich bei der Hast zu fragen,
Noch konnt ich Auskunft durch michselbst gewinnen.

So schritt ich denn nachdenklich und mit Zagen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 21
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 21

Indes ich so vor Seelendurst geschmachtet,
Den nur das Wasser löscht, nach dessen Gnade
Der Wunsch der Samariterin getrachtet,

Trieb mich dem Führer nach auf engem Pfade
Die Hast; und Mitleid schmerzte mich zur Stunde
Mit jener Qual, gerecht in vollstem Grade.

Und sieh, wie uns von Lukas ward die Kunde,
Daß Christus sich zwei Wandrern anvertraute,
Als er entstiegen schon dem Grabesschlunde,

So kam ein Schatten hinter uns und schaute
Zu seinen Füßen auf der Sünder Reihen;
Und erst von uns bemerkt am Stimmenlaute.

»Mag Frieden euch, ihr Brüder, Gott verleihen,«
Sprach er. Wir wandten uns und ohne Weile
Ließ gleichen Gruß Vergil ihm angedeihen,

Und hub drauf an: »Mag dich zum Himmelsheile
Friedsam der Spruch des wahren Hofes bringen,
Durch den der ewige Bann mir ward zuteile.« -

»Wie?« sagte er und lieh dem Fuße Schwingen;
»Wenn Schatten ihr, unwert vor Gott zu kommen,
Wer ließ auf seinem Steg soweit euch dringen?«

Mein Lehrer drauf: »Sobald du wahrgenommen
Des Engels Merkmal, das bei dem sich findet,
So weißt du: herrschen darf er bei den Frommen.

Doch weil, die Tag und Nacht den Faden windet,
Ihm seinen Rocken noch nicht leergesponnen,
Den Clotho einem jeden flicht und bindet,

Hätt seine Seele nicht allein begonnen,
Die unserer Seelen Schwester zwar, zu steigen,
Da sie noch unsere Einsicht nicht gewonnen.

Deswegen ward ich, ihm den Pfad zu zeigen,
Aus weitem Höllenschlunde herberufen,
Und will ihn zeigen, soweit Kraft mir eigen.

Doch sag uns, weißt dus: was für Stöße schufen
Dem Berg vorhin das Beben? Was für Chöre
Erklangen bis zu den umspülten Stufen?«

So fragend traf er scharf zum Nadelöhre
Von meinem Wunsch, daß halb mein Durst gelindert,
Und Hoffnung war, daß ich ihn ganz verlöre.

Und jener sprach: »Nichts stört hier oder hindert
Die Ordnung in des Berges heiligen Runden,
Und nichts was dieser Räume Satzung mindert.

Niemals wird je ein Wechsel hier gefunden.
Nur was der Himmel selbst als seinesgleichen
Zurücknimmt, wird als Wirkung sich bekunden.

Drum kann kein Schnee noch Regen höherstreichen,
Kein Hagel, Reif noch Tau, als bis zur Schwelle
Des kurzen Treppchens die drei Stufen reichen.

Hier läßt sich dunkle Wolke nicht noch helle,
Nicht Blitzschein noch des Thaumas Tochter sehen,
Die jenseits häufig wechselt ihre Stelle.

Selbst trockener Dunst kann niemals höhergehen,
Als zu den drei genannten Stufen eben,
Drauf Petri Stellvertreters Füße stehen.

Drunten mags lauter oder leiser beben,
Doch hier kann Wind, ob ihn der Erdschoß hehle,
Nicht weiß ich wie, niemals ein Zittern geben.

Hier bebts nur, wenn sich reinfühlt eine Seele
Zum Aufstehn oder Aufschwung nach dortoben;
Und zum Geleit jauchzt also jede Kehle.

Die Reinheit kann der Wille nur erproben,
Der, wenn er völligfrei zum Tausch der Scholle,
Die Seele packt und Lust ihr giebt nach droben.

Längst drängt sies; doch flößt göttlich Recht ihr volle
Erkenntnis ein, daß sie - dem Drang entgegen -
Wie sie gesündigt gern, jetzt büßen solle.

Und ich, der hier in solcher Qual gelegen
Fünfhundert Jahr und mehr, empfand erst eben
Nach besserer Stufe freien Willens Regen.

Darum vernahmest du der Erde Beben
Und rings am Berg der frommen Geister Sänge
Zum Herrn: und mag er bald sie aufwärtsheben.«

So sprach er. Und je süßer nach der Länge
Des Dürstens labt der Trank, fand ich Erquicken,
Wie es beschreiben kann kein Wortgepränge.

»Jetzt seh ich, welche Netze euch umstricken,
Wie ihr entschlüpft, warum der Berg muß beben,
Warum ihr Hymnen pflegt emporzuschicken.

Doch sag mir gütig, wer du warst im Leben,«
Bat ihn der Weise, »und aus welchem Grunde
Am Staub du manch Jahrhundert mußtest kleben?« -

»Zur Zeit des guten Titus, der die Wunde
Durch Gott gerächt, aus der das Blut geflossen,
Das Judas feilbot« - so gab er uns Kunde -

»Trug ich den Namen jenseits, drin beschlossen
Der Ruhm, der dauernd schmückt mit höchstem Preise.
Doch hat ich noch den Glauben nicht genossen.

So wohllautvoll floß meines Sanges Weise,
Daß Rom berufen mich, den Tolosanen,
Mich krönend mit verdientem Myrtenreise.

Noch heute ehrt die Welt des Statius Manen.
Thebens Ruhm, dann Achills hab ich verkündet.
Beim zweiten Werk riß michs aus Lebensbahnen.

Mein Glühen ward durch Funken mir begründet,
Die mich erwärmt aus jener Götterflamme,
Die wohl schon mehr als Tausende entzündet.

Die Äneide mein ich, die mir Amme
Und Mutter war, im Dichten mich zu üben.
Ich wöge ohne sie nur wenige Gramme.

Und mit Vergil gelebt zu haben drüben,
Nicht würde michs - wär die Erlösungsstunde
Mir um ein Jahr hinausgerückt - betrüben.«

Da sah Vergil mich an mit ernstem Munde,
Und schweigend sprach sein Blick »nun gilt es schweigen.«
Indes nicht immer steht die Kraft im Bunde

Mit unserm Willen. Ungehorsam zeigen
Lachen und Weinen sich, und nachzugeben
Dem Zwang des Reizes, ist Aufrichtigen eigen.

So lacht ich nur, wie man sich zublinkt eben;
Weshalb der Schatten schwieg, doch schon zu frühe
Im Aug mir las, wo die Gedanken leben,

Und darauf sagte: »Soll dir soviel Mühe
Gedeihn, so sprich, was huschte durch die Wangen
Ein Lächeln dir, alsob ein Blitz dort sprühe?«

Nun fand ich rechts und links mich eingefangen,
Hier sollt ich reden, dort die Worte sparen.
Ich seufzte drum, doch gleich verstand solch Bangen

Mein Meister da und sprach: »Was zu erfahren
Hier dieser wünscht, von Sehnsucht so entglommen,
Magst du ihm ohne Furcht nur offenbaren.« -

»Antiker Geist, hat wunder dich genommen,«
Sprach ich, »was mich zum Lächeln mochte zwingen:
Bald wirst du mehr zum Staunen Grund bekommen.

Er, der empor will meine Augen bringen,
Ist der Vergil, durch dessen Kraft du wagtest,
Die Menschen und die Götter zu besingen.

Wenn du nach anderm Grund des Lächeln fragtest,
Laß ihn als unwahr gelten. Deine Worte
Nur warens, glaub mir, die du von ihm sagtest.«

Schon wollt er knieend umfassen meinem Horte
Die Füße. »Bruder, laß,« sprach der indessen,
»Schatten bist du, Schatten siehst du am Orte.«

Und er im Aufstehn: »Nun kannst du ermessen,
Wie heiß in mir die Liebe müsse walten,
Wenn unserer Nichtigkeit ich so vergessen,

Um Schatten für ein greifbar Ding zu halten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 22
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 22

Schon war der Engel hinter uns geblieben,
Der Engel, der zum sechsten Kreis gelangen
Uns ließ und meiner Stirn ein Mal vertrieben.

Und die da nach Gerechtigkeit hier bangen,
Pries er »Beati«; doch nur »sitiunt« riefen
Die Worte, weil den Rest sie übersprangen.

Und ich, viel leichter als in frühern Tiefen,
Ging also, daß ich nachstieg ohne Mühe
Den schnellen Geistern, die bergaufwärtsliefen.

Da sprach Vergil: »Wo auch durch Tugend glühe
Die Liebe, Gegenliebe muß sie zünden;
Gesetzt, daß sie nach außen sichtbar sprühe.

Und so - seit zu des Höllenvorhofs Gründen
Hinabstieg Juvenal, und ich von deinen
Gesinnungen für mich ihn hörte künden -

Fühlt ich für dich Wohlwollen wie für keinen,
Dem man es mag als Niegesehenem weihen,
Daß mir jetzt kurz wird diese Treppe scheinen.

Doch sag - und wolle mir als Freund verzeihen,
Wenn so mein Freimut läßt die Zügel schießen,
Und sprich alsob wir alte Freunde seien -

Wie konnte nur sich deine Brust erschließen
Dem Geiz bei deines Geists Vollkommenheiten,
Wie sie dich ließ dein edler Fleiß genießen?«

Ein Lächeln sah ich um den Mund erst gleiten,
Eh Statius sprach: »Mir kann die kleinste Frage
Als Liebesmerkmal Freude nur bereiten.

Wohl bringen Dinge oft uns in die Lage,
Die fälschlich Anlaß sind, zu zweifeln leise;
Denn selten liegt der wahre Grund zutage.

Du glaubst (mir dient dein Fragen zum Beweise),
Daß Habgier mich im andern Leben plagte:
Wohl weil ich mich befand in jenem Kreise.

Vernimm denn, daß ich stets dem Geiz entsagte.
Sein Gegenteil wars grade, die Verschwendung,
Drob ich vieltausend Monde lang hier klagte.

Und gabst du meinem Wandel nicht die Wendung
Als ich es las, wo du in zornigen Zeilen
Empört zurufst der menschlichen Verblendung:

?Wohin noch, frevler Golddurst, läßt du eilen
Der Menschen Gier?? - ich würd im Höllengelände
Lastwälzend heut den bittern Streit noch teilen.

Da sah ich ein, daß man zuweit die Hände
Auch öffnen kann; bereute drum und glaubte,
Daß Gott mich der nebst andrer Schuld entbände.

Wieviel erstehn einst mit gerupftem Haupte,
Weil Unkenntnis des Fehls ein Insichgehen
Im Leben wie im Sterben ihnen raubte.

Und wisse: siehst du eine Schuld hier stehen,
Und drüben grad ihr Widerspiel dagegen,
So wirst du beider Laub verwelken sehen.

Drum, wenn ich bei dem geizigen Volk gelegen,
Dem weinenden, daß Läutrung mir gelänge,
Geschah mirs nur des Gegenteiles wegen.« -

»Doch als du sangst die grausen Waffengänge,
Die ob zwiefachen Leids Iokaste rügte,«
Sagte der Sänger ländlicher Gesänge,

»Schienst du nach dem, wie Klio sich dir fügte,
Dem Glauben gläubig wohl noch nicht verpflichtet,
Ihm, ohne den kein Rechttun je genügte.

Ist dem so, welche Sonne hat durchlichtet,
Welch Kerze deine Nacht, bis gut dichs deuchte,
Daß du dein Boot dem Fischer nachgerichtet?«

Und er: »Du hast zuerst mich an die feuchte
Parnassusflut zum Trinken hingeleitet,
Und warst sodann, nächst Gott, mir eine Leuchte.

Du tatest dem gleich, der im Dunkeln schreitet,
Die Fackel hinter sich, die seinem Tritte
Nicht frommt, doch allen Folgern Licht bereitet,

Indem du sprachst: ?Verjüngt wird Welt und Sitte;
Gerechtigkeit kehrt heim nach Urzeitsfristen,
Ein neu Geschlecht naht aus des Himmels Mitte.?

Durch dich ward ich Poet, durch dich zum Christen.
Doch daß noch deutlicher das Bild dir werde,
Brauch ich die Hand nach Art des Koloristen.

Vom wahren Glauben voll war ganz die Erde,
Den ausgesät, damit Erfolg sie krönte,
Des ewigen Reiches treue Botenherde.

Und dein vorhinerwähnter Ausspruch tönte
So sinnverwandt dem neuen Predigertone,
Daß ich, sie aufzusuchen, mich gewöhnte.

Heiß weint ich mit ob allem Schmerz und Hohne,
Mit dem sie Domitian verfolgend jagte,
Sie, die ich würdig hielt der Heiligenkrone,

Daß ihnen ich, solang das Licht mir tagte,
Beistand und an den sittlichen Genüssen,
Abhold den andern Sekten, mich behagte.

Und eh die Griechen ich zu Thebens Flüssen
In meinem Lied geführt, ließ ich mich taufen.
Doch weil ichs glaubt verheimlichen zu müssen,

Und lang noch heidnisch galt dem großen Haufen,
Ließ mehr als vier Jahrhunderte hier oben
Den vierten Kreis die Lauheit mich durchlaufen.

Du aber, der den Schleier aufgehoben,
Der mir das Heil barg hinter seiner Falte,
Sag mir, solang wir steigen noch nach droben:

Wo ist Plautus, unser Terenz, der alte,
Cäcilius, Varius? Hast du ihrer Kunde,
Sag mir, falls sie verdammt, welch Kreis sie halte.« -

»Sie, Persius, ich und mehr noch sind im Bunde,«
Mein Führer sprach, »mit jenem Griechengreise,
Dem Musenmilch zumeist geträuft zum Munde,

Dort in des blinden Kerkers erstem Kreise.
Vom Berg, wo unsere Nährerinnen thronen,
Sprechen wir oft in uns erfreuender Weise.

Euripides und Antiphon dort wohnen;
Simonides und Agathon erscheinen
Nebst Griechen sonst, geschmückt mit Lorbeerkronen.

Dort ist zu sehen aus der Schar der Deinen
Antigone, Deïphila, Argia;
Ismene auch, die heut noch pflegt zu weinen.

Man siehet, die den Weg wies zur Langia,
Dann des Tiresias Tochter. Siehet dorten
Thetis, und bei den Schwestern Deidamia.« -

Schon schwieg das Dichterpaar nach diesen Worten,
Aufs neue scharf umher die Blicke sendend,
Erlöst vom Aufstieg durch die Felsenpforten.

Vier Mägde, schon den Tagesdienst beendend,
Blieben zurück, die fünfte kam gezogen,
Aufwärts die glühende Deichselspitze wendend.

Drauf sprach mein Führer: »Längs dem Außenbogen,
Glaub ich, muß man die rechte Schulter kehren
Um diesen Berg, wie wir bisher gepflogen.«

So ließen wir uns durch Gewohnheit lehren
Und schritten fort, weil wir getroster schienen,
Da es auch nach des würdigen Geists Begehren.

Sie gingen vor; ich folgte einsam ihnen
Und lauschte still für mich, was sie gesprochen,
Daß mirs beim Dichten könnt zum Vorteil dienen.

Doch hat ihr hold Gespräch bald unterbrochen
Ein Baum, der vor uns stand in Wegesmitten,
Von Früchten voll, die süß und lieblich rochen.

Wie Tannen aufwärts schmaler sind geschnitten,
So wurden abwärts hier die Zweige schmaler:
Ich glaub, damit sie kein Ersteigen litten.

Links, wo der Weg versperrt war, sprang aus kahler,
Hoher Felswand ein Sprühquell frisch und helle,
Und war des Laubdachs kühlender Bestrahler.

Die beiden Dichter nahten sich der Stelle,
Und eine Stimme rief aus Laubesmitte:
»An dieser Frücht gebricht es euch gar schnelle.«

Dann riefs: »Maria hat an Schmuck und Sitte
Der Hochzeit wohl gedacht, doch um so lasser
Des eigenen Mundes, daß für euch er bitte.

Und Römerinnen alter Zeit schuf Wasser
Als einziger Labetrunk niemals Verdrießen,
Und Daniel Weisheit fand, weil er kein Prasser.

Es sah zu Zeiten, die die goldenen hießen,
Hunger in Eicheln eine leckere Speise,
Und Durst in jedem Bache Nektar fließen.

Denkt an des Wüstenpredigers strenge Weise:
Heuschrecken mußten ihm das Leben fristen
Und Honig. Dennoch ward ihm Ruhm zum Preise,

Wie uns erklärt ward vom Evangelisten.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 23
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 23

Indes ich fest noch ließ die Augen hangen
Am grünen Laub, wie jener gern mag weilen,
Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen,

Sprach, der mir mehr als Vater: »Laß uns eilen,
O Sohn. Die Zeit, die man uns heut bescherte,
Verlangt, nutzbringender sie einzuteilen.«

Gesicht und Gang nicht minderschnell ich kehrte
Den Weisen nach, die sich von solchen Dingen
Erzählten, daß mich nicht das Gehen beschwerte.

Und horch, da hörte Weinen man und Singen,
»Domine, labia mea« scholl die Weise,
Mit Lust und Leid zutiefst mich zu durchdringen.

»Was hör ich, teurer Vater?« sprach ich leise.
Und er: »Schatten wohl sinds, die von den Lasten
Der Bußpflicht sich losringen hier im Kreise.« -

Wie Pilger ihres Wegs nachdenklich hasten
Und, wenn sich im Begegnen Fremde zeigen,
Nach ihnen wohl sich umdrehn, doch nicht rasten,

So überholte uns ein ganzer Reigen
Andächtig-frommer, eilender Genossen,
Die uns bestaunten in tiefernstem Schweigen.

Aus dunkler Höhlung kam ihr Blick geschossen.
Blaß war das Antlitz, das von Fleisch kaum wußte.
Und ihr Gebein war prall von Haut umschlossen.

Nicht glaub ich, daß so gänzlich bis zur Kruste
Den Erysichthon Hunger aufgerieben,
Als ihm davor am meisten schaudern mußte.

»Sieh da, vom Fall Jerusalems wohl blieben
Die übrig,« mußt ich da im stillen meinen,
»Als in den Sohn Marias Zähne hieben.«

Die Augen glichen Ringen, leer an Steinen.
Wer »omo« sieht im Menschenantlitz stehen,
Der sähe hier auch leicht das m erscheinen.

Wer glaubte je, kann er das Wie nicht sehen,
Daß Apfelduft und Wasser wohl entfachte
Solch Lustempfinden, wie es hier geschehen?

Ich staunte noch, was sie so mager machte,
Weil mir nicht kund, welch Unheil sie belade,
Das Magerkeit und Schuppenhäute brachte,

Und sieh! aus eines Hauptes Tiefe grade
Stierte mich an mit düsterm Augenlichte
Ein Schatten, der dann ausrief: »Welche Gnade!«

Erkannt hätt ich ihn niemals am Gesichte.
Doch seine Stimme ließ mich deutlich lesen,
was ganz in seinen Zügen ward zunichte.

Denn dieser Funke, wie entstellt gewesen
Sein Bildnis auch, entfachte mir geschwinde
Erinnrung an das Antlitz von Foresen.

»Ach, nimm nicht Anstoß an der Schuppenrinde,«
Bat er, »drob meiner Haut Verfärbung eigen,
Noch daß ich völlig fleischberaubt mich finde.

Nein, zaudre nicht, mir Wahrheit anzuzeigen:
Wer ist das Paar dort, das sich dir vereinte?
Und wie kommst du hierher? O brich dein Schweigen.« -

»Dein Antlitz, das ich einst als tot beweinte,«
Versetzt ich, »macht aufs neu mich weinend klagen,
Weil es entstellt ist, wie ich nie vermeinte.

Doch sag um Gott, was hat euch so geschlagen?
Nicht mich laß sprechen, der erstaunt ich stehe:
Schlecht giebt, wer andres sinnt, Antwort auf Fragen.«

Er sprach: »Vom ewigen Ratschluß kommt solch Wehe.
Dies Wasser läßt er eine Kraft durchdringen
Und diesen Baum, durch die ich so vergehe.

All diesen Scharen, die da weinend singen,
Soll jene Kraft nach wüstem Schlemmerleben
Durch Durst und Hunger Heiligung hier bringen.

Der Früchte Duft, die dort verlockend schweben,
Der muntre Sprudel läßt in uns entbrennen
Nach Speis und Trank solch unbezähmbar Streben,

Daß es, sooft wir diesen Kreis durchrennen,
Uns jedesmal aufs neue Qual einflößte ...
Ich sage Qual und sollt es Wonne nennen.

Denn hin zum Baum treibt Sehnsucht uns, die größte,
Die Christum freudig trieb zum Ruf ?Eli?,
Als er mit seinem Herzblut uns erlöste.«

Ich sprach: »Forese, seit dem Tage, sieh,
Wo Gott die bessere Welt zum Heim dir wählte,
Bis heute noch nicht ein Jahrfünft gedieh.

Wenn nun der Sündentrieb dich nichtmehr quälte
Und starb, eh heilsam dir der Schmerz gekommen,
Der reuig uns mit Gott stets neu vermählte,

Wie bist du hier soweit schon aufgeklommen?
Daß du noch tiefer weiltest, sollt ich meinen,
Wo Zeit für Zeit wird zum Ersatz genommen.«

Drob er zu mir: »Was mich sobald erscheinen
Hier ließ zur süßen Wermutsmarterspeise,
War meine Nella. - Mit maßlosem Weinen,

Mit Bitten und mit Seufzern frommerweise
Hat sie dem Strand des Harrens mich entzogen
Und freigemacht all dieser andern Kreise.

Der kleinen Witwe umsomehr gewogen
Ist Gott, ihr, die ich liebend durft umfassen,
Als sie der Tugend fast allein gepflogen.

Denn zur Barbagia von Sardinien passen
Selbst Frauen nicht, so schamlos im Betragen,
Wie zur Barbagia, wo ich sie verlassen.

O lieber Bruder, was soll ich dir sagen?
Schon sieht mein Auge eine Zukunft grauen,
Die unser Heut nicht zählt zu alten Tagen,

Wo man von Kanzeln her Florenzias Frauen
Verbietet, also frech am Tuch zu sparen,
Daß man die Brust kann bis zur Warze schauen.

Mußten bei Sarazenen und Barbaren
Wohl jemals Frauen, um verhüllt zu gehen,
Erst kirchliche und andre Zucht erfahren?

Ach, dürften doch die Schamlosfrechen sehen,
Was ihnen schickt der Himmel unverzüglich,
Schon würd ihr Mund zum Heulen offenstehen.

Denn wenn mein Seherblick hier nicht betrüglich,
Beginnt ihr Leid, eh bärtig dessen Wange,
Dem jetzt noch Eipopeia klingt vergnüglich.

Doch, Bruder, sprich und birg dich nicht solange;
Du siehst, wie alle herzuschauen beginnen
Gleich mir, weil du die Sonne deckst am Hange.«

Drob ich zu ihm: »Willst du dich recht besinnen,
Was du mit mir, was ich mit dir gepflogen,
So wirst du schwerlich Freude dran gewinnen.

Doch hat mich solchem Lebenstand entzogen,
Der vor mir geht; kürzlich, als vollrund wieder
Der Bruder jener stand am Himmelsbogen

(Zur Sonne wies ich). Er hat mich hernieder
Geführt durch tiefe Nacht der wahrhaft-Toten
Und mit mir diese wahren Fleischesglieder.

Von dort half er, der Zuspruch stets geboten,
Zum Berge mir mit Steigen und Umkreisen,
Der grade macht, den krumm die Welt geschroten.

Solang, sagt er, will er den Weg mir weisen,
Bis ich vor Beatricens Antlitz stünde;
Von dortan muß ich ohne ihn dann reisen.

Vergil ists, der so sprach, wie ich dir künde
(Und auf ihn wies ich.) Und dies ist der Schatten,
Um den vorhin erbebten alle Gründe,

Als eure Reiche ihn entlassen hatten.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 24
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 24

Nicht hemmte das Gespräch das Gehn, das Gehen
Nicht das Gespräch; nein plaudernd gings vonstatten
Schnell wie ein Schiff in günstigem Windeswehen.

Und die scheinbar zweimal-verstorbenen Schatten
Blickten erstaunt aus hohlen Augenringen,
Als sie Beweis von meinem Leben hatten.

Und ich fuhr fort, indem wir weitergingen:
»Des andern halb mag er wohl minder eilen,
Als sonst geschäh, zum Gipfel aufzudringen.

Doch weißt dus, sag, wo mag Piccarda weilen,
Sag auch, mit wem es sich zu sprechen lohne
Von diesen, deren Blicke sind gleich Pfeilen.« -

»Die Schwester mein (ich weiß nicht, ob die Krone
Der Schönheit oder Güte mehr sie ehrte)
Strahlt schon gekrönt am hohen Olymposthrone.«

So sprach er erst; und dann: »Nichts, was mir wehrte
Zu nennen jeden, weil der Fleischverschlinger,
Der Hunger, unser Aussehn so verzehrte.

Der dort ist Buonagiunt, (er hob den Finger)
Der Buonagiunt von Lucca. Und daneben,
Der mehr als alle im Gesicht geringer:

Die heilige Kirche hielt sein Arm im Leben.
Er war aus Tours, und büßt hier mit Verdrießen
Bolsenas Aal und firnen Saft der Reben.«

Er zeigte mir und nannte, wie sie hießen,
Noch viele. Jeder schien sich drob zu freuen,
Da sie Entrüstung nicht erkennen ließen.

Ich sah Ubaldin Pila zwecklos käuen
Und Bonifaz, der Futter mancher Seele
Unter dem Krummstab pflegte hinzustreuen.

Ich sah Marchesen, der mit feuchtrer Kehle
Als hier sich wußte zu Forlì zu laben,
Weil, wie er sagte, niemals Durst ihm fehle.

Doch wie man vieles prüft und dann der Gaben
Beßre sich wählt, macht ichs mit dem Lucchesen,
Der auch mehr Lust schien zum Gespräch zu haben.

Gentucca, glaub ich, murmelte das Wesen
Von dorther, wo Gerechtigkeit die freche
Genußsucht so zerpflückt hat und zerlesen.

»Drängt dichs, daß ein Gespräch dein Schweigen breche,
O Geist,« sprach ich, »sag klar denn, was dich quälte,
Daß einer mit dem andern lehrreich spreche.« -

»Es lebt ein Weib, daß sich noch nicht vermählte,«
Sprach er; »drob wird dir meine Stadt behagen
Dereinst, wie sehr man sie bis jetzt auch schmälte.

Du magst dies Seherwort nun mit dir tragen;
Und wenn mein Murmeln dunkel dir geblieben,
So wird es bald als Wirklichkeit dir tagen.

Doch sprich, seh ich hier jenen, der geschrieben
Die neuen Reime?, die also beginnen:
? Ihr Frauen, die ihr recht versteht zu lieben.?«

Ich sprach: »Fühl ich die Liebe mich durchrinnen,
Lausch ich der Melodie, zu deren Noten
Den Text ich schreibe, den sie vorspricht innen.« -

»O Bruder,« sprach er, »jetzt seh ich den Knoten,
Der den Notar verstrickt, mich und Guittone,
Und uns den neuen süßen Stil verboten.

Was euch der Geist diktiert, in treuer Frone
Hin aufs Papier zu werfen, war euch eigen;
Wir aber klebten starr an der Schablone.

Und wessen Blick sich mag noch schärfer zeigen,
Der schaut nichtmehr von dem zu jenem Stile.«
Und wie befriedigt sank er dann in Schweigen.

Wie Vögel, die zur Winterfahrt zum Nile
Sich rüsten, vorerst sammeln sich in Haufen,
Dann schnell in Zügen streben hin zum Ziele,

So sah ich, wie sich ohne zu verschnaufen
Die Scharen eilends von uns wegbegaben,
Durch Magerkeit und Sehnsucht leicht zum Laufen.

Und wie ein Mensch, der atemlos vom Traben,
Die andern vorläßt, langsam nachzugehen,
Bisdaß ganz ausgekeucht die Lungen haben,

So ließ es mit der heiligen Schar geschehen
Forese, dann mit mir ihr nachzustreben,
Und sprach: »Wann werd ich wohl dich wiedersehen?« -

»Wer weiß, wie lang bemessen mir mein Leben,«
Sprach ich. »Doch käm die Rückkehr noch so schnelle,
Mein Wunsch wird früher sich zum Strand begeben.

Denn täglich mehr versiegt der Tugend Quelle
Am Orte, wo ich leben muß; und reifen
Seh dessen Sturz ich schon, der ihn zerschelle.« -

»Nun geh; den Schuldigen wird die Rache greifen,«
Sprach er. »Zum Tal, wo Schuld nichts kann besiegen,
Seh ich an eines Tieres Schwanz ihn schleifen.

Schrittweis scheint rasender das Tier zu fliegen,
Zerstampft ihn dann in wildes Zornes Gären,
Und graus-entstellt läßt es den Körper liegen.

Nicht lang wird dieser Räder Umschwung währen,
(Zum Himmel sah er) bis dir klar am Ende,
Was dir mein Wort nicht weiter kann erklären.

Nun bleib zurück, die Zeit ist teure Spende
In diesem Reich. Zuviel müßt ich verlieren,
Wenn ich noch Schritte mehr mit dir verschwende.«

Wie manchmal pflegt hervorzugaloppieren
Aus nahender Schwadron ein einzler Reiter,
Sich mit des ersten Angriffs Ruhm zu zieren,

So eilte der mit größern Schritten weiter.
Und ich ging fürbaß nun, noch treu-verbunden
Mit jenen Großmarschällen als Begleiter.

Und als er unserm Ort so fern entschwunden,
Daß ihn mein Blick nicht besser sah im Raume,
Als ich in seinen Worten Sinn gefunden,

Sah ich von einem zweiten Apfelbaume
Fruchtschwere Äste winken - als ich eben
Mich umgewandt - nicht fern vom Straßensaume.

Sah Leute unter ihm die Hände heben,
Unklare Worte rufend nach den Zweigen,
Wie Kinder töricht-bettelnd aufwärtsstreben,

Wobei sich der Umschwärmte hüllt in Schweigen
Und das Begehrte, steigernd ihr Verlangen,
Noch höher hält, um deutlich es zu zeigen.

Bald waren sie enttäuscht zurückgegangen,
Indessen wir zum großen Baum gekommen,
Den niemals Bitten noch und Tränen zwangen.

»Geht fort vom Baum, sich nahen wird nicht frommen!
Der, davon Eva brach, steht weiter oben,
Und dies Gewächs hier ward von ihm entnommen.«

So sprach, ich weiß nicht wer, im Laubwerk droben,
Darob Vergil und Statius an den Seiten
Der Felswand sich mit mir vorüberschoben.

»Gedenket,« rief es, »der vermaledeiten
Zweibrüstigen weinberauschten Wolkenkinder,
Die gegen Theseus wagten frech zu streiten.

Denkt an der Juden gierigen Trunk nicht minder,
Die Gideon verschmäht zu Kampfgenossen,
Als er gen Midian zog als Überwinder.«

So gingen, einer Wand engangeschlossen,
Wir hin und hörten dort im Felsgehege,
Welch böse Frucht der Gaumenlust entsprossen.

Alsdann, bequemer auf dem freien Wege,
Trugen uns tausend Schritt und mehr ins Freie:
Nachdenklich jeder, und kein Laut ward rege.

»Was geht so einsamsinnend denn ihr dreie?«
Sprach eine Stimme jäh, daß ich erschreckte,
Wie sich ein Tier bäumt, scheu vor einem Schreie.

Ich hob das Haupt, daß ich, wers sei, entdeckte.
Und niemals sah man, daß im Flammenspiele
Glas oder Erz so hell und rot sich streckte,

Als ich hier einen sah, der sprach: »Gefiele
Der Aufstieg euch, so müßt ihr hier euch drehen.
Hierdurch gelangt, wer Frieden sucht, zum Ziele.«

Mir schwand vor seinem Glanz die Kraft zum Sehen;
Drum drängt ich mich an meiner Lehrer Hüften
Gleich dem, der dem Gehör pflegt nachzugehen.

Und wie der Mai sich wiegt in lauen Lüften,
Den Herolden der nahen Morgenhelle,
Geschwängert reich mit Kraut- und Blumendüften,

So fühlt ich eines Fittichs leise Welle
Mich fächeln mitten um die Stirne grade,
Und daß Ambrosiaduft sich ihm geselle;

Und hörte sagen: »Selig, wem die Gnade
So leuchtet, daß er nicht des Gaumens Knecht ist,
Daß Qualm der Gier die Brust nicht überlade,

Und er nur soviel hungert stets als recht ist.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 25
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 25

Zum Aufstieg litt die Stunde mehr kein Säumen,
Denn Sonne mußte schon den Mittagsbogen
Dem Stier, und Nacht dem Skorpion einräumen.

Drum jenem gleich, der schnell kommt angeflogen,
Und vorwärtseilt, was auch am Weg erscheine,
weil er sich fühlt vom Auftrag fortgezogen,

So klommen im zerklüfteten Gesteine
Wir nacheinander, weil die engen Stiegen
Nicht duldeten, daß sich ein Paar vereine.

Und wie der junge Storch voll Lust zum Fliegen
Die Schwingen hebt, doch wieder senkt voll Zagen,
Weil er nicht wagt, sich überm Nest zu wiegen,

So stieg und sank in mir die Lust, zu fragen.
Doch eh ich noch zum Sprechen mich ermannte,
Erriet, was auf dem Herzen ich getragen,

Der holde Vater, der kein Stillstehn kannte,
Und dennoch zu mir sprach: »Schieß ab den Bogen,
Dran sich der Strang schon bis zum Drücker spannte.«

Ich tat den Mund auf, vom Vertrauen bewogen,
Und ich begann: »Wie wird denn jemand mager,
Der nie durch Not zur Nahrung wird gezogen?« -

»Wenn du gedächtest, wie sich Meleager,
Weil sich ein Holz verzehrte, mitverzehrte,
Nicht wärst du,« sprach er, »ein so heftiger Frager.

Und dächtest du, was auch der Spiegel lehrte:
Zuckt ihr, muß zuckend ers im Bild bekunden -
Leicht sich das Harte dir ins Weiche kehrte.

Doch daß du Einblick bald nach Wunsch gefunden,
Sieh Statius hier. Er wird nun Balsam gießen,
Bitt ich ihn drum, als Arzt in deine Wunden.« -

»Soll ich in deinem Beisein ihm erschließen
Des Ewigen Werk,« sprach er, »mußt du verzeihen.
Wo du befiehlst, darf mich es nicht verdrießen.«

Dann hob er an: »Soll dir mein Wort gedeihen,
O Sohn, betrachte dann den Sinn recht weise,
Und helles Licht wird er dem Wie verleihen.

Vollkommenes Blut - vom durstigen Aderkreise
Nicht aufgesaugt und übrigbleibend wieder,
Wie man nach Tische aufhebt eine Speise -

Empfängt Formkraft für alle Menschenglieder
Im Herzen, gleich dem andern Blut im Leibe,
Das gliederbildend strömt die Adern nieder.

Zum Orte sinkts, der ungenannt hier bleibe,
Zwiefach geläutert, bis er sich ergossen
Aufs fremde Blut in ein Gefäß beim Weibe.

Hier werden beide nun in eins geschlossen.
Dulden will dies, auf Tat will jenes sinnen
Nach dem vollkommenen Ort, draus sie entflossen.

Dort angelangt, regt sich ein frisch Beginnen.
Zuerst gerinnts; dann zeugt es junges Leben
In dem, was es zum Stoffe durft gewinnen.

Die Tatkraft - der nun Seele ward gegeben
Ähnlich der Pflanze, nur daß die gehalten
Vom Anker schon, und jene noch muß streben -

Läßt sich Bewegung und Gefühl entfalten
Dem Seeschwamm gleich, worauf sie anfängt, Glieder
Den ihr entkeimten Kräften zu gestalten.

Jetzt, Sohn, erstarkt, jetzt dehnt die Kraft sich wieder,
Die im Erzeugerherzen sich bereitet,
Drin vorsorglich Natur legt alles nieder.

Doch wie das Tier zum Kinde weiterschreitet,
Siehst du noch nicht; es fand in dieser Sphäre
Sich schon ein Weiserer als du mißleitet.

Er lehrte, daß getrennt die Seele wäre
Vom möglichen Verstande, weil sein Sinnen
Kein Werkzeug sah, daraus er sichs erkläre.

Öffne dein Herz, die Wahrheit zu gewinnen,
Die jetzt erscheint; und wisse - wenn vollendet
Des Hirnes Gliederung im Fötus drinnen -

Daß froh der Urbeweger sich zuwendet
Solchem Naturkunstwerk. Sein Hauch entzündet
Ihm einen neuen Geist, dem Kraft er spendet,

Der ansichzieht, was sich dort tätig kündet,
Sein Selbst zu einer Seele zu verweben,
Die lebt und fühlt und insichselbst sich gründet.

Soll mindern Staunens Grund mein Wort dir geben,
Gedenke, wie den edeln Saft des Weines
Die Sonne kelternd kocht im Holz der Reben.

Und wenns der Lachesis gebricht des Leines,
Läßt sie den Leib; als Fähigkeit vonhinnen
Mitnehmend Menschliches und Göttlichreines.

Die andern Kräfte alle stumm verrinnen,
Indes an Schärfe jetzt in höherm Grade
Gedächtnis, Wille und Verstand gewinnen.

Und ohne Rast an eines der Gestade
Fällt wunderbar vonselbst die Seele nieder;
Und dort erst wird sie kundig ihrer Pfade.

Sobald ein Raum sie hält in Grenzen wieder,
So strahlt hervor die Formkraft allerwegen,
wie sie es tat, als lebend ihre Glieder.

Und wie die Luft, drückt sie ein schwerer Regen,
In fremder Strahlen Spiegelschein entglommen,
Ein buntes Farbenkleid pflegt anzulegen,

Wird von der Nachbarluft hier angenommen
Die Form auch, die darein die Seele drückte
Durch geistige Bildkraft, wenn sie angekommen.

Und wie dem Brandherd, den man weiterrückte,
Die Einzelflamme folgt, pflegt nachzugehen
Dem Geist die Form, mit der er neu sich schmückte.

Weil er daher kann sichtbar vor uns stehen,
Heißt Schatten er, und läßt daher erwachen
Werkzeuge allen Sinnen samt dem Sehen.

Daher wir sprechen und daher wir lachen,
Daher entstehen die Tränen und die Klagen,
Die längs dem Berg dich achtsam konnten machen.

Ganz nach den Wünschen, drin wir uns behagen,
Und durch Gefühle sonst, formt sich der Schatten.
Und dies wird deines Staunens Grund dir sagen.« -

Zur letzten Windung ging indes vonstatten
Der Weg, wobei wir uns zur Rechten wandten,
Als wir schon eine neue Sorge hatten:

Sprühflammen schleudern hier die Felsenkanten.
Doch wirft ein Wind von untenher die Lohe
Zurück, daß oben nur die Flammen brannten,

Die einzeln wir durchschreiten müssen. Hohe
Züngelnde Flammen dort; und hier ist füglich
Gefahr, daß man hinabzustürzen drohe.

Mein Führer sprach: »An diesem Ort muß klüglich
Dem Zaum der Vorsicht unser Auge trauen,
Denn Fehltritt kann geschehen unverzüglich.« -

»Summae Deus elementiae!« Tief im Brauen
Des großen Feuers hört ich dieses singen,
Drob ichs nicht lassen konnte, hinzuschauen.

Und Geister sah ich, die im Feuer gingen,
Drob achtsam bald an meinem Wegesgleise
Und bald an ihrem meine Augen hingen.

Sobald beendet dieses Loblieds Weise,
Scholls: »Virum non cognosco!« laut von allen.
Dann wiederholten sie den Hymnus leise.

Zum Schlusse riefen sie: »In Waldeshallen
Weilte Diana, und sie trieb vondannen
Helice, die dem Venusgift verfallen.«

Hierauf sie wieder den Gesang begannen.
Dann hört ich, wie man Frauen und Gatten preise,
Die nur auf Ehezucht und Tugend sannen.

Zufrieden stellt sie, glaub ich, diese Weise
Die ganze Zeit, wo Flammen sie umfließen.
Mit solcher Pflege und bei solcher Speise

Wird endlich sich die letzte Wunde schließen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 26
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 26

Indem wir einer hinterm andern gingen
Am Rand hin, sprach der gute Meister immer:
»Hab acht! laß dir mein warnen Nutzen bringen.«

Rechts traf die Schulter mir der Sonne Schimmer,
Die strahlend schon den Westen ganz entfachte,
wandelnd sein Himmelblau in Silberflimmer.

Ich sah, daß meinen Schatten röter machte
Der Flamme Schein, und sah, daß nur dies Zeichen
Viel Schattenvolk in seinem Gehen betrachte.

Dies mochte denn zum Anlaß auch gereichen,
Von mir zu reden hier; und sie begannen:
»Der dort scheint keinem Schattenleib zu gleichen.«

Es traten drauf, soweit sie Raum gewannen,
Einzle zu mir heran; doch sich zu trennen
Vom Feuer nicht zuweit, sie ängstlich sannen.

»O du, des Säumnis Trägheit nicht zu nennen,
Der wohl nur folgt aus Ehrfurcht, mach gelinder
Durch deine Antwort Durst und Feuersbrennen.

Nicht ich nur, auch die andern sind nicht minder
Begierig deines Worts. Stärker verlangen
Nach kühlem Quell kann kein Äthiop noch Inder.

Sag uns, woher du hast die Macht empfangen,
Gegen die Sonne dich als Wand zu heben?
Bist du dem Tod noch nicht ins Netz gegangen?«

So sprach mich einer an, und Antwort geben
Wollt ich, als meine Augen auf sich wandte
Ein neues Schauspiel, sich entrollend eben:

Denn auf des Weges Mitte, der da brannte,
Kam diesem Volk ein andres jetzt entgegen,
Daß ich den Blick, es zu betrachten, spannte.

Ich sah sich aufeinanderzu bewegen
Die Schatten und sich küssen; doch nicht rasten,
Nein, wie im Flug solch kurzer Feier pflegen.

So auch in braunen Scharen sich betasten
Ameisen wohl, als gäben ihres Ganges
Und Wohlseins halb sie Auskunft trotz dem Hasten.

Doch eh beim Schluß des freundlichen Empfanges
Ein Schwarm vorbei am andern war im Laufe,
So riefen sie wetteifernd lauten Klanges:

»Sodom! Gomorra!« hier der neue Haufe;
Der andre rief: »Pasiphaë, o Schande,
Ward Ruh, daß ihre Brunst den Stier erkaufe!«

Falls ein Schwarm Kraniche zum Wüstensande,
Ein andrer den Riphäern zu enteile,
Der vor dem Frost und der vorm Sonnenbrande:

So geht ein Trupp, ein andrer kommt derweile,
Und kehrt sich weinend zu den Anfangssängen
Und zu dem Ruf, der ihnen mehr zum Heile.

Und wieder sah ich sich mir nahedrängen
Dieselben, die mich schon bestürmt mit Flehen,
Und sah ihr Ohr an meinen Lippen hängen.

Ich, der nun zweimal ihren Wunsch gesehen,
Begann: »O Seelen, die ihr dürft in Gnaden
Zum Frieden gehn, wann es auch mag geschehen,

Nicht reif noch unreif ward ich dort entladen
Der Glieder, nein: vom Tod noch nicht erlesen,
Hab ich noch jeden Blut- und Muskelfaden.

Hier steig ich, meiner Blindheit zu genesen.
Weil droben Gnade uns ein Weib bereitet,
Trag ich durch eure Welt mein irdisch Wesen.

Doch bei dem Wunsche, der euch sehnlichst leitet,
Daß euch bald jener Himmel mag beglücken,
Der sich zumeist in Liebesfülle weitet,

Sagt mir, mein Pergament damit zu schmücken,
Wer seid ihr und wer sind die andern Scharen,
Die dort enteilen hinter euerm Rücken?«

So steht der Älpler staunend, unerfahren,
Wenn ihm, der sprachlos wird bei seinem Gaffen,
Die Wunder einer Stadt sich offenbaren,

Wie aller Schatten Aussehn war beschaffen.
Doch als des Staunens jeder nun entsagte,
Dem edle Herzen sich gar bald entraffen,

Sprach jener wieder, der zuerst mich fragte:
»Heil, daß als Ladegut von unserm Strande
Erfahrung dir zum seligern Tod behagte.

Das Volk, das uns verließ, büßt für die Schande,
Drob hinter Zäsarn her laut ?Königin!? riefen
Die Spötter beim Triumphzug durch die Lande.

Drum schrien sie ?Sodom?, als sie uns entliefen,
Wie du gehört, um selbst sich zu erbittern
Und durch die Scham das Brennen zu vertiefen.

Wir aber sündigten als Volk von Zwittern.
Sittenverachtung hat uns so erniedert,
Um ekeln Tiergelüsten nachzuwittern.

Drum müssen wir beim Abschied, angewidert
Von eigner Schmach, des Weibes Namen künden,
Das sich vervieht, von Viehgestalt umgliedert.

Nun kennst du unser Tun und unsere Sünden.
Daß ich dich Namen sonst nicht lasse wissen,
Muß Unkenntnis und knappe Zeit begründen.

Ich selbst (nicht sollst du diese Antwort missen)
Bin Guido Guinicell; doch quält michs linder,
Weil mich vorm Tod die Reue schon gebissen.« -

Wie nach Lykurgens Unglück beide Kinder
Die Mutter bei dem Wiedersehn umschlungen,
So war mir, nur erkühnt ich des mich minder,

Als hier des Vaters Name mir erklungen,
Der zarter süßer Reime Kunst verstanden,
Dem ich und noch manch Besserer nachgesungen.

Nichts hörend oder sprechend, ganz in Banden
Des Denkens schritt ich hin, ihn zu beschauen;
Doch ihm zu nahen verbot des Feuers Branden.

Als ich dann satt, an ihm mich zu erbauen,
Verschwor ich mich, ihm jeden Dienst zu leihen,
Mit der Beteurung, der auch Fremde trauen.

»Du läßt mir soviel Liebes angedeihen,«
Sprach er zu mir, »daß Lethe nicht zerstören
Die Spuren jemals könnte noch entweihen.

Doch sprich, wenn deine Worte Wahrheit schwören,
Warum Verehrung du aus Herzensgrunde
In Wort und Blick mich ließest sehen und hören?«

Und ich: »Die Lieder sinds aus Euerm Munde;
Die Tinte, die sie hinschrieb, wird man loben,
Solang besteht die neue Dichtungskunde.« -

»O Bruder! Der da wandelt weiter oben,«
Sprach er (und einen Geist wies mir sein Finger)
»Gab in der Sprachkunst bessere Schmiedeproben.

Er hat als Romanzier und Minnesinger
Besiegt sie alle. Und laß schreien die Toren,
Der Limosiner wäre sein Bezwinger.

Auf Ruf mehr als auf Wahrheit eingeschworen,
Steht ihre Meinung fest nach der Schablone,
Eh Kunst und Einsicht ihnen kommt zu Ohren.

So priesen viele Alte den Guittone
Von Mund zu Mund in vollen Lobakkorden,
Bis Wahrheit ihm samt andern nahm die Krone.

Doch, wenn solch hoher Vorzug dir geworden,
Der dir erlaubt, das Kloster zu betreten,
Wo Christus selbst als Abt vorsteht dem Orden,

Magst du für mich ein Vaterunser beten,
Soviel in dieser Welt hier einer brauche,
wo wir der Sünde längst den Rücken drehten.«

Drauf sah ich - um dem Nachbar wohl im Rauche
Das Feld zu räumen - in die Glut ihn gleiten,
Alsob ein Fisch zum Grunde niedertauche.

Doch nähertrat ich nun zu jenem zweiten,
Beteuernd ihm, daß seines Namens wegen
Mein Wunsch den besten Platz ihm möcht bereiten.

Da kam sein Freimut freundlich mir entgegen:
»Beglückt, weil Euer Wunsch so artig tönt,
Ziemt sichs mir nicht, aufs Schweigen mich zu legen.

Ich bin Arnaut, der wandelnd singt und stöhnt.
Beugt tief mich Torheit, die mich hielt in Haft,
Hebt Hoffnung auf den Tag mich, der mich krönt.

Deshalb beschwör ich Euch bei jener Kraft,
Die hochführt Luch, ob Frost ob Hitze peinigt:
Gedenkt, daß meinem Leid Ihr Linderung schafft.«

Dann barg er sich im Feuer, das sie reinigt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 27
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 27

Wie dorthin, wo ihr Schöpfer einst verblutet,
Die Sonne scheint mit ihrem ersten Strahle,
Wenn Ebro unterm Bild der Wage flutet

Und schwüler Mittag glüht im Gangestale,
So stand die Sonne, als im Abendbrande
Ein Engel uns erschien mit einem Male.

Noch außerhalb der Glut stand er am Strande
Und ließ »Beati mundo corde« klingen
Weit heller, als mans hört im Erdenlande.

Dann: »Eh die Glut euch biß, ist vorzudringen
Verwehrt euch, heilige Seelen. Kommt mitsammen
Denn her und höret, was sie drüben singen.«

Er sprachs. Wir traten näher an die Flammen.
Alsob ich das Begrabensein empfände
Lebendigen Leibs, fühlt ich mein Herz erklammen.

Ich bog mich vorwärts ganz und rang die Hände,
Denn mein Erinnern glaubte neu zu sehen
Zuckende Leiber in der Glut der Brände.

Die guten Führer triebs, mir beizustehen,
Und tröstend sprach Vergil: »Mein Sohn, zu Plagen
Kannst du hier wohl, doch nicht zum Tode gehen.

Bedenk, bedenk!... Und wenn ich dich getragen
Auf Geryon schon, dich schützend vor Gefahren,
Was werd ich, Gott viel näher jetzt, nicht wagen?

Glaub mirs, es würden dir in tausend Jahren
Die Flammen hier, wie wild sie dich umschlügen,
Versengen noch nicht eins von deinen Haaren.

Und glaubst du, daß mein Wort doch könne trügen,
Tritt her! Gewißheit laß die Hand erlangen
Am Kleidessaum. Das muß dir dann genügen.

Leg ab daher, leg ab so feiges Bangen.
Komm her! und dreist voran durchs Glutgeranke.« -
Ich, gegen mein Gewissen, stand befangen.

Und als er sah, ich weiche nicht noch wanke,
Hört ich ihn »Sieh doch, Sohn,« fast zürnend sagen
»Von Beatricen trennt dich diese Schranke.«

Wie Pyramus noch sterbend aufgeschlagen
Beim Namen Thisbe seinen Blick zur Teuern,
Als rote Frucht der Maulbeerbaum getragen,

So, meinem harten Eigensinn zu steuern,
Trat ich zum weisen Meister, als erschollen
Ihr Name, der mich ewig wird befeuern.

Drob sprach kopfschüttelnd er: »Wienun! Wir wollen
Hierbleiben?« - Lächelnd wie ob eines Knaben
Sprach ers, besiegt ein Apfel dessen Schmollen.

Als wir uns, er voran, zur Glut begaben,
Bat er den Statius, hinter mir zu schreiten,
Den wir erst pflegten zwischen uns zu haben.

Dortdrinnen hätt ich mir ein Bad bereiten
Aus glühendem Glas gemocht, mich zu erquicken:
So mächtig war die Glut hier allerseiten.

Mein teurer Vater sprach, mir Trost zu schicken,
Von Beatricen nur auf unserm Gange
Und rief: »Schon glaub ihr Aug ich zu erblicken!«

Uns führte eine Stimme mit Gesange
Von drüben, der wir lauschten auf den Wegen,
Bis wir vortraten, wo man steigt am Hange.

»Venite benedicti« scholls entgegen
Aus einem Licht uns, das mich so geblendet,
Daß ich mein Lid aufs Auge mußte legen.

»Die Sonne sinkt,« fuhrs fort; »der Abend wendet
Sich her. Nicht rastet! Fördert eure Schritte,
Eh sich der Westen schwärzt, der Licht euch spendet.« -

Gradauf der Weg stieg durch der Felsen Mitte
Derartig, daß die Sonne beim Ermatten
Den Schatten vor mich warf bei jedem Tritte.

Als wenig Stufen wir erklommen hatten,
Sahn ich und meine Weisen, daß zerronnen
Das Taglicht, weil zerronnen auch mein Schatten.

Drum nahm - eh noch der Horizont begonnen,
Einförmig zu bekleiden jede Stätte,
Und eh die Nacht den fernsten Saum umsponnen -

Zum Bett sich jeder einer Stufe Glätte.
Nur unsre Kraft brach an des Bergs Beschwerde,
Nicht daß zum Aufstieg Lust gemangelt hätte.

Wie wiederkäuend eine Ziegenherde,
Die flink erst über Hügel sprang, im Brüten
Gesättigt ruht im Schatten auf der Erde,

Wenn schon die Höhen mittagsrot erglühten,
Bewacht vom Hirten, der auf seinen Stecken
Sich stützt, um so gestützt sie zu behüten;

Und wie sich nachts die Schäfer ruhig strecken
Zu ihrer Herde draußen, und nicht leiden,
Daß sie ein Wolf kann auseinanderschrecken:

So kam ich hier mir vor mit jenen beiden.
Ich war die Geiß, die Hirten jene waren,
Umringt von Höhen, die Aussicht abzuschneiden.

Ein Streif nur wollte sich mir offenbaren;
Doch sah ich an dem kleinen Streif die Sterne,
Die seltsamgroßen hier und leuchtendklaren.

So, achtsam und bedachtsam-schauend gerne,
Befiel mich Schlaf; der Schlaf, dem unverborgen
Oft Dinge sind, die ungeschehen und ferne. -

Zu jener Stunde, dünkt mich, wo vom Morgen
Den Berg Cytherens erster Strahl umzückte,
Die immer scheint zu glühen vor Liebessorgen,

Sah träumend ich ein Weib, das Jugend schmückte
Und Schönheit, das durch eine Wiese ginge
Und singend sprach, wobei es Blumen pflückte:

»Wer fragt, der wisse, wie mein Name klinge.
Die Lea bin ich, die ich eifrig pflücke
Mit schönen Händen und mir Kränze schlinge,

Und mich, vorm Spiegel schön zu sehen, hier schmücke.
Doch Schwester Rahel scheint sich festzusaugen
An ihrem, daß sie täglich sich entzücke.

Sie freut der Anblick ihrer schönen Augen,
Wie michs, reg ich zum Schmuck die Hände schnelle.
Ihr will das Schauen, mir das Schaffen taugen.«

Und schon entwich vorm Glanz der Morgenhelle -
Den Wandrern umsolieber, als dann wieder
Jenäher ihnen rückt die Herbergstelle -

Die dunkle Nacht; und auch mein Schlaf sank nieder,
Als ich im Aufstehn sah, wie schon zum Steigen
Die großen Meister rüsteten die Glieder.

»Die süße Frucht, nach der auf soviel Zweigen
Der Sterblichen Begier sich stets entfachte,
Sie macht noch heute deinen Hunger schweigen.«

Mit diesen Worten mich Vergil bedachte.
Und keinem Festgeschenk mochts je gelingen,
Daß gleiche Lust es dem Beschenkten machte.

Nun wuchs mir Wunsch-auf-Wunsch, emporzudringen,
So überstark, daß ich zum Höherfliegen
Schrittweise wachsen fühlte meine Schwingen. -

Als unter uns nun lagen alle Stiegen
Und wir haltmachten auf dem höchsten Rande,
Ließ fest auf mir Vergil die Augen liegen

Und sprach: »Vom zeitlichen und ewigen Brande
Sahst du das Glühen, mein Sohn, und weilst nun droben,
Wo ich nichts zu erkennen mehr imstande.

Mit Geist und Kunst bracht ich dich nach hieroben.
Eignes Belieben nimm jetzt zum Genossen.
Bist steilem Steg, bist engem Weg enthoben.

Sieh deine Stirn von Sonnengold umflossen,
Sieh Gräser, Blumen und Gebüsche stehen,
Die aussichselbst in diesen Triften sprossen.

Bis dich erfreut die schönen Augen sehen,
Die mich zu dir geschickt mit ihren Zähren,
Kannst du in Blumen ruhn, kannst darauf gehen.

Mein Wink, mein Wort kann nichtsmehr dir erklären.
Frei ist dein Wille, grad, gesund! Als Denkender
Wärs falsch, nicht völlig Folgschaft ihm gewähren:

Drum bin ich dir ein Kron- und Mitra-Schenkender.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 28
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 28

Begierig schon, zu prüfen auß und innen
Den grünlebendigen waldigen Gottesgarten,
Der Schutz dem Blick vorm Frühlicht ließ gewinnen,

Nahm ich vom Bergrand Abschied ohne Warten,
Hinwandelnd langsam-langsam durchs Gefilde,
Drauf Blumen schwangen ihre Duftstandarten.

Ein Lüftchen süß, das unverändert-milde
Insich verblieb, nicht stärker mir umfegte
Die Stirn, alsob ein sanfter Wind es bilde,

Wodurch das ganze Laub sich zitternd regte
Und dahin, wo vom heiligen Berge droben
Der erste Schatten fiel, die Blätter legte;

Doch ohnedaß sich die so stürmisch hoben,
Daß es die Vöglein abhielt, auf und nieder
Im Wipfelwerk all ihre Kunst zu proben.

Nein, jubelnd grüßten ihre Morgenlieder
Den Frühwind aus dem Laubdach, drin sie hausen,
Und das im Baß ertönte hin und wieder

Gleichwie von Ast zu Aste schwillt das Brausen
Hin durch den Pinienhain an Chiassis Küste,
Wenn Äolus läßt den Scirocco sausen.

Schon brachte mein lustwandelndes Gelüste
Sotief zum alten Wald mich, daß zu sehen,
Wo ich hineinging, nicht mein Blick mehr wüßte.

Und sieh, da wehrt ein Bach mein Weitergehen,
Der linkshin beugt mit seinen kleinen Wellen
Die Gräser, die an seinem Saume stehen.

Von allen Wassern, die hernieden quellen,
Schien trüb das reinste gegen diese Feuchte,
Die nichts verbirgt selbst an den tiefsten Stellen,

Obwohl die Flut mich dunkel-dunkel deuchte,
Weil nie durchbricht den immerwährenden Schatten
Der Sonne Schimmer noch des Mondes Leuchte.

Mein Fuß hielt Rast; doch meine Augen hatten
Das Flüßchen überbrückt, froh zu betrachten
Jenseits die frischen maienbunten Matten.

Und mir erschien - wie häufig, eh wirs dachten,
Ein Etwas naht, sodaß vor dem Geschehen
Wir staunend alles Denkens nichtmehr achten -

Einsam ein Weib, das mit Gesang im Gehen
Sich emsig Blumen aus den Blumen pflückte,
Mit denen ganz bemalt ihr Weg zu sehen.

»Ach schöne Frau, die Liebe warm durchzückte,
Wie du den Zügen nach zu glauben zwingest,
Darein das Herz noch stets sein Zeugnis drückte,

Laß dirs gefallen, daß du nähergingest
Zum Ufersaum,« bat ich, »daß meine Ohren
Besser verstehen können, was du singest.

Du hast Proserpina mir herbeschworen
Nach Zeit und Ort, wo sie dahin mußt geben
Der Lenz und dann der Mutter ging verloren.«

Wie Tänzerinnen dicht am Boden schweben,
Geschlossenen Fußes sich zuweilen schwenkend
Und kaum den einen Fuß vorm andern heben,

So, überm rötlich-gelben Teppich lenkend
Der Blumen, kam sie zu mir, anzusehen
Gleich einer Jungfrau, züchtige Augen senkend.

Und sie befriedigte vollauf mein Flehen:
Sie sang ihr süßes Lied dicht am Gestade,
Daß jedes Wort mir deutlich zu verstehen.

Sobald sie dort war, wo die grünen Pfade
Des Ufers schon der schöne Bach bespritzte,
Erwies sie mir mich anzusehen die Gnade.

Ich glaube nicht, daß gleichen Lichtstrahl blitzte
Der Venus Augenstern und sich entfachte,
Als sie ihr Sohn ganz ohne Absicht ritzte.

Sie stand jenseit gradüber mir und lachte,
Mehr Farben pflückend aus dem bunten Raume,
Die ungesät hervor dies Hochland brachte.

Drei Schritt ihr ferne nur stand ich am Saume,
Doch Hellespont, den Xerxes überbrückte,
(Noch heut hälts allen Menschentrotz im Zaume)

Mit minderm Haß Leanders Herz bedrückte,
Weil Sestos von Abydos schied sein Branden,
Als dieser mich, weil mir kein Nahen glückte.

»Ihr seid,« begann sie, »fremd in diesen Landen;
Drum wird mein Lächeln wohl an heiliger Stelle,
Wo einst der Menschheit Wiege hat gestanden,

Für euch des Argwohns und des Staunens Quelle.
Doch bringts der Delectasti-Psalm zutage,
Und euers Geistes Nacht weicht seiner Helle.

Du, Vorderster, der mich gebeten, sage,
willst du - denn darum kam ich - mehr erlauschen?
Ich will dir gern befriedigen jede Frage.« -

»Das Wasser,« sprach ich, »und des Waldes Rauschen
Macht mir den jüngsterworbenen Glauben wanken,
Als gält es, das Erlernte auszutauschen.« -

»Ich will dir deuten, was dich in Gedanken
Verwundert,« sprach sie, »bis - von mir beschieden -
Die dich umhüllenden Nebel alle sanken.

Das höchste Gut schuf mitsichselbst-zufrieden
Den Menschen gut fürs Gute und erteilte
Zum ewigen Frieden ihm den Ort hienieden.

Durch eigene Schuld nicht lang er hier verweilte,
Durch eigene Schuld er bald zum Tränenleben
Sein heitres Lächelspiel zu wandeln eilte.

Damit der Kampf - den unter sich erheben
Die Ausdünstungen Wassers und der Erde,
Die, wie sie können, hin zur Wärme streben -

Dem Menschen nicht gedeihe zur Beschwerde,
Ist dieser Berg so himmelan gestiegen
Und bleibt am Eingang frei dem dunstigen Herde.

Und weil im ersten Kreisflug hier noch fliegen
Die Lüfte alle und solang sich drehen,
Als nichts sie zwingt, aus ihrer Bahn zu biegen,

So rührt auf diesen Höhen, die einsam stehen
In der lebendigen Luft, die Schwungkraft leise
Den dichten Wald, und er muß rauschend wehen.

Und Pflanzen, die erregt auf solche Weise,
Schwängern mit ihrer Kraft der Lüfte Gleiten,
Und die verstreuen die Kraft dann rings im Kreise.

Und anderer Boden, je nach Würdigkeiten,
Empfängt und zeugt wie Art und Luft bedingen
Verschiedenes Holz, reich an Verschiedenheiten.

Nun wird es jenseits nichtmehr seltsam klingen,
Wenn man vernimmt, daß Pflanzen eurer Zonen
Oft ohne sichtbaren Samenkern entspringen.

Und wisse, diese heiligen Regionen,
Darauf du stehst, sind voll von Samenzellen
Für Früchte, wie sie euerm Fleiß nie lohnen.

Das Wasser, das du siehst, strömt nicht aus Quellen,
Die Dunst ernährt und Kälte hält verschlossen
Gleich Flüssen, die bald mehr bald minder schwellen;

Nein, sicherm, starkem Borne kommts entflossen.
Und was ihm durch zwei Arme geht verloren,
Wird ihm durch Gottes Willen neu ergossen.

Und jedem Arm ist eine Kraft erkoren:
Sündenerinnrung tilgt hier diese Seite,
Dort wird Erinnerung guter Tat geboren.

Lethe heißt der, und Eunoë der zweite.
Doch nötig ists, um Wirkung zu bezwecken,
Daß man an jeden Fluß zum Trinken schreite.

Nichts ist wohlschmeckender als dies zu schmecken.
Und könnte deinem Durst dies auch genügen,
Selbst wenn ich dir nichts Weiteres wollt entdecken,

Treibt michs, noch einen Nachsatz anzufügen,
Und hoffe drum - kann ich mit mehr dir dienen,
Als ich versprach - es mache dir Vergnügen.

Als Traumbild am Parnaß ist wohl erschienen
Der Ort den Alten, wenn von goldenen Zeiten
Und Seligkeit zu lesen ist bei ihnen.

Hier sproß dem Menschheitsbaum, dem fluchbefreiten,
Ein ewiger Lenz, hier Früchte jeder Sorte;
Nektar fließt hier, dem alle Lob bereiten.«

Ich wandte ganz zurück mich nach dem Orte
Von meinen Dichtern, und ihr Lächeln zeigte,
Daß sie vernahmen gut die letzten Worte.

Drauf ich zur schönen Frau mich wieder neigte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 29
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 29

Gleich liebeseligem Weib ließ die Kantata
Am Schlusse ihrer Worte sie erschallen:
»Beati, quorum tecta sunt peccata!«

Wie Nymphen einzeln wandeln in Waldeshallen,
Diese dem Schatten nach die Schritte leitend,
Jene dahin, wo Sonnenstrahlen fallen,

So ging sie jetzt, am Strand stromaufwärtsschreitend.
Und ich auch hatte mich zum Gehen gewendet,
Den kleinen Schritt mit kleinem Schritt begleitend.

Kaum hundert Schritte hatten wir vollendet,
Als beide Ufer eine Biegung machten,
Daß mir des Ostens Anblick ward gespendet.

Doch nicht sehr weit uns unsere Füße brachten,
Da sprach das Weib, das ganz zu mir sich wandte:
»Jetzt heißts, mein Bruder, hören und betrachten.«

Und sieh, in einem Leuchten hell entbrannte
Plötzlich der weite Wald nach allen Seiten,
Alsob der Himmel einen Blitz entsandte.

Doch weil die Blitze, kaum-gesehen, entgleiten,
Und dieser Glanz sich immer mehr erhellte,
Sprach ich zu mir: »Was wird sich vorbereiten?«

Und eine süße Melodie durchschwellte
Die lichte Luft, daß ich fromm-eifernd grollte,
Weil Eva noch verdiente härtere Schelte,

Daß, wo Gehorsam Erd und Himmel zollte,
Ein Weib allein, und kaum zum Sein entsprossen,
Nicht eines Schleiers Hülle leiden wollte.

Ich konnt, hielt sie ihn demutsvoll verschlossen,
So namenlose Wonnen früher haben
Und hätte sie auch länger schon genossen.

Indem ich unter soviel Erstlingsgaben
Der ewigen Wonne schritt, erwartungsbange
Und dürstend, mich glückseliger noch zu laben,

Da strahlt vor uns, alsob sie Feuer fange,
Die Luft durchs Waldesgrün, soweit ich sehe,
Und süßer Ton erklingt schon im Gesange. -

O heilige Jungfraun, wenn mich Hungerswehe,
Nachtwachen, Frost um euch je leiden ließen,
Jetzt drängt michs, daß ich Lohn dafür erflehe.

Jetzt muß die Quelle Helikons mir fließen
Und mir mit ihrem Chor Urania dienen,
In Verse Schwerzudenkendes zu gießen. -

Nicht lang, und sieben goldene Bäume schienen
Mir vorgetäuscht zu werden glanzumglommen
Durch die Entfernung zwischen mir und ihnen.

Doch als ich ihnen dann so nahgekommen,
Daß Täuschung sich trotz Formgleichheit vermiede,
Weil durch Entfernung minder sie verschwommen,

Da ließ die Einsicht mich, die Unterschiede
Uns lehrt, als sieben Leuchter sie erkennen,
Und ließ »Osanna!« hören mich im Liede.

Nach oben stieg der Prachtgeräte Brennen
So hell, daß Lunas mitternächtiges Gluten
In Monatsmitte wäre blaß zu nennen.

Ich wandte voll Verwunderns mich zum guten
Vergil, und sah, daß Zeichen nicht geringen
Erstaunens auch auf seinem Antlitz ruhten.

Drauf kehrte ich den Blick den hohen Dingen
Noch einmal zu; doch nahten sie so sachte,
Daß junge Bräute schnell dagegen gingen.

Da schalt die Frau: »Was ists, was dich entfachte,
Daß der lebendigen Lichter einzig immer,
Und des was nachfolgt nicht dein Auge achte?«

Und sieh: gleich ihrem Führer folgt dem Schimmer
Ein dichter Schwarm, und weiße Kleider winken.
Und solch ein blendend Weiß gabs diesseits nimmer.

Gleich einem Spiegel blitzte mir zur Linken
Der Fluß und ließ, wenn ich hineingesehen,
Die linke Hüfte mir entgegenblinken.

Als ich am Strand nicht weiter konnte gehen
Und nur das Wasser hemmte mein Bemühen,
Da blieb ich, besser sehen zu können, stehen;

Und sah die Flämmchen uns entgegensprühen,
Die bunt, alsob zum Pinsel Maler greifen,
Den Luftraum ließen hinter sich erglühen,

Sodaß er oben von den sieben Streifen
Geteilt blieb in den Farben, draus den Bogen
Sich Sol, und Delia macht den Gürtelreifen.

Nach rückwärts diese Banner weiter flogen
Als meine Sehkraft; doch die äußern Gleise
Schienen mir wohl zehn Schritt entfernt zu wogen.

Und unter solchem schönen Himmelskreise
Sah ich, bekränzt mit weißen Lilien, ziehen,
paarweis-geordnet, vierundzwanzig Greise.

»Heil dir,« so klangen ihre Melodieen,
»Heil dir aus Adams Töchtern, Benedeite.
Ewig sei deiner Schönheit Preis verliehen!«

Kaumdaß genüber mir in seiner Breite
Der Blumenteppich, der den Ufern eigen,
Vom auserwählten Volke sich befreite,

So kamen, wie sich Stern-auf-Stern zu zeigen
Am Himmel pflegt, dahinterher vier Tiere;
Bekränzt ein jegliches mit grünen Zweigen.

Sechs Flügel hatte jedes dieser Viere,
Und dichtbesetzt mit Augen jede Schwinge.
Des Argus Augen wären wohl wie ihre.

Ihr Bild zu schildern, Leser, mich nicht zwinge,
Mit Reimen wird kein Aufwand jetzt getrieben,
Sonst ist ihr Vorrat später zu geringe.

Doch lies Ezechiel, der sie beschrieben,
Wie er sie sah, als kalte Winde wehten,
In Wolken, Wirbelsturm und Feuer stieben.

Wie sie dir läßt sein Buch vor Augen treten,
So waren die hier; nur betreffs der Schwingen
Stimmt mir Johannes bei, nicht dem Propheten.

Im Zwischenraum, den diese Vier umfingen,
Zog auf zwei Rädern einen Siegeswagen
Ein Greif her, dem am Hals die Gurte hingen.

Der ließ hochauf die beiden Flügel ragen
Zwischen dem Mittelstreif und den je-dreien;
Doch ohne einen trennend zu durchschlagen.

Der Blick verfolgte nicht, wie hoch sie seien.
Es war der Rumpf des Vogels goldgediegen,
Und Weiß und Rot dem Rest die Farbe leihen.

Nicht Afrikanus noch August bestiegen
Je schöneren, von Rom geschenkten Wagen,
Selbst der des Sol als ärmlich müßt erliegen,

Sols wagen, den, entgleist, der Blitz zerschlagen,
Als Zeus auf der demütigen Erde Flehen
Geheimnisvoll gerecht war ihren Klagen.

Drei Frauen sah vorm rechten Rad ich gehen
Im Reigentanz. So hochrot glänzte eine,
Daß sie im Feuer wäre nicht zu sehen.

Die Zweite war, als wären Fleisch und Beine
Ganz aus Smaragd. Der dritten wohl gebührte,
Daß man sie frischem Schnee verglich an Reine.

Bald schien es, daß den Tanz die Weiße führte
Und bald die Rote; und nach deren Singen
Der andern Fuß schnell oder sacht sich rührte.

Links sah ich Vier den Festesreigen schlingen
In Purpurkleidern nach der Einen Sange,
In deren Haupt drei Augen leuchtend gingen.

Nach diesem hierbeschriebenen Festempfange
Folgten verschiedener Tracht zwei ernste Greise,
Bewußt von Haltung, würdevoll im Gange.

Der eine stammte wohl vom Schülerkreise
Des Hippokrat, den die Natur belehrte,
wie ihrer Lieblingsschöpfung dien der Weise.

Aufs Gegenteil bedacht schien mit dem Schwerte
Der Zweite. Funken schoß der Stahl im Lichte,
Daß ich jenseit des Bachs erschreckt mich kehrte.

Dann sah ich vier Bescheidene und Schlichte.
Als letzter kam ein einzler Greis gegangen,
Schlafwandelnd, doch mit Geist im Angesichte.

In selber Tracht sah ich die sieben prangen
Wie jene ersten, doch statt Lilienblüten
Hier rote Rosen jedes Haupt umschlangen

Und andre Blumen, die wie Purpur glühten.
Drum würde auch wer näher stand nicht zagen,
Zu schwören, daß die Brauen Flammen sprühten.

Und als mir gegenüber hielt der Wagen,
Erklang ein Donner. Und das Weitergehen
Schien er dem würdigen Volk zu untersagen;

Denn mit den vordern Bannern blieb es stehen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 30
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 30

Des ersten Himmels Siebensternbild droben -
Das nie gewußt vom Auf- und Untergange
Noch Nebel, außer dem von Schuld gewoben,

Und das dort jeden wacker hält im Zwange
Der Pflicht, wie auch das untre tut hienieden,
Daß, wer das Steuer führt, zum Port gelange -

Still stands. Und das wahrhafte Volk, geschieden
Von ihm und hinterm Greifen schreitend, wandte
Sich hin zum Wagen als zu seinem Frieden.

Und einer sang, alsob der Himmel ihn sandte,
»Veni, sponsa de Libano!« lautklingend
Dreimal, drauf auch der Chor zum Sang entbrannte.

Wie einst, beim jüngsten Ruf sich aufwärtsschwingend,
Die Seligen ihren Gräbern rasch entschweben,
Dem Herrn im Festkleid Halleluja singend,

So sah ich auf dem Gotteswagen heben
Sich hundert wohl ad vocem tanti senis
Diener und Boten aus dem ewigen Leben.

Jedweder rief: »Benedictus qui venis,«
Mit Blumen Weg und Wagen überdeckend,
»Manibus o date lilïa plenis.« -

Oft sah ich schon, den jungen Tag erweckend,
Den Osten angehaucht von Rosengluten,
Und sonst das Himmelsblau sich klar erstreckend,

Wenn sich der Sonne Haupt hob aus den Fluten,
Zu mattem Glanz gedämpft von Dunstgeweben,
Daß ungeschwächt die Augen auf ihr ruhten -

So hier vom Blumenwolkenflor umgeben,
Aus Engelshand geworfen und im Tanze
Rings niederrieselnd, sah ein Weib ich schweben

Im weißen Schleier mit dem Ölblattkranze.
Das Kleid, vom grünen Mantel halbumwunden,
Erglühend mit lebendigem Feuerglanze.

Und mein Gemüt - dem soviel Zeit entschwunden,
Seit es von ihrer Gegenwart das Walten
Der wunderbaren Schauer tief empfunden -

Erfuhr, eh Kunde noch mein Blick erhalten,
Durch überirdische Kraft, die ihr entflossen,
Der alten Liebe mächtiges Entfalten.

Doch wie sich nun ins Auge mir ergossen
Die hohe Kraft, die frühe schon dem Knaben
So manchen Schmerzenspfeil ins Herz geschossen,

Wandt ich nach links mich - wie es ansichhaben
Wohl Kinder, die sich gern bei bangem Mute
Nach Schmerz, nach Schreck, am Trost der Mutter laben -

Um zu Vergil zu sagen: »Ach im Blute
Rinnt kein Atom, das ich nicht fühle beben;
Die Zeichen alter Glut sinds, die nie ruhte.« -

Doch hatte sich Vergil schon wegbegeben,
Vergil, auf den als Vater ich geschworen,
Vergil, dem ich mich, mir zum Heil, ergeben.

Was auch die alte Mutter einst verloren,
Es langte nicht, daß ich den Tränen wehrte,
Den taugeklärten Blick neu zu umfloren.

»Dante! Ob auch Vergil vonhinnenkehrte,
Nicht weinen sollst du, darum noch nicht weinen.
Denn weinen wirst du, wund von anderm Schwerte.«

Gleichwie der Admiral pflegt zu erscheinen
Am Bug und Heck, um scharf an Musterungstagen
Zu prüfen, anzufeuern all die Seinen,

So aufrechtstehen am linken Bord im Wagen
Sah ich - als ich mich bei dem Namen wandte,
Den ich gezwungen nur hier eingetragen -

Die Frau, die mir noch nicht der weitgespannte
Festliche Engelsgruß zu sehen erlaubte,
Wie sie jenseit vom Bach mir Blicke sandte,

Obwohl der Schleier, der ihr floß vom Haupte,
Wie auch Minervas Laubkranz in den Haaren
Mir ihres Anblicks Vollgenuß noch raubte.

Königinhaft und streng noch von Gebaren,
Sprach sie gleich dem, der, sicher des Gewinnes,
Der Rede herbsten Teil weiß aufzusparen:

»Schau! Beatrice bin ich, ja ich bin es.
Geruhtest du, den Berg doch zu ersteigen?
Weißt nicht, daß hier man wohnt beglückten Sinnes?«

Zum klaren Bach mußt ich die Augen neigen.
Doch weil ich drin mich sah, blickt ich geschwinde
Aufs Gras, weil schwere Scham der Stirne eigen.

So streng erscheint die Mutter wohl dem Kinde,
Wie sie mir schien; denn Bittres muß genießen,
Wer sicher, daß er herbe Liebe finde.

Sie schwieg, worauf die Engel schallen ließen
Den Psalm »In te speravi«, um ihn hinter
Den Worten »pedes meos« zu beschließen.

Wie auf Italiens Rückgrat, wenn im Winter
Slavoniens Sturm heult, am lebendigen Stamme
Zu Eis gefriert der Schnee, der - im Gesinter

Auftauend - dann zerfällt zu weichem Schlamme
Vorm Hauch vom Land, wo keine Schatten währen,
Der ihn wie Wachs läßt träufeln an der Flamme:

So stand ich ohne Seufzer, ohne Zähren,
Eh jene sangen, die bei ihren Sängen
Stets gehn im Einklang mit den ewigen Sphären.

Doch als ich wahrnahm aus den süßen Klängen
Ihr Mitleid stärker, als wenn ich vernommen
Ihr Trostwort: »Frau, warum ihn also drängen?«,

Da schmolz das Eis, das starr mein Herz umklommen,
Zu Hauch und Wasser; und im Angstgedehne
Der Brust aus Mund und Augen kams geschwommen.

Sie, fest noch stehend an beschriebener Lehne
Des Wagens, zu den mitleidig-Bereiten
Sich kehrend, wandte so das Wort an jene:

»Ihr wacht im Tagesglanz der Ewigkeiten,
Daß euch berauben weder Schlaf noch Nächte
Um einen Schritt vom Erdenlauf der Zeiten.

Drum ziemts, daß ich die Antwort so bedächte,
Daß sie, der drüben weint, sich kann erklären,
Und sich ihm Schuld und Schmerz ins Gleichmaß brächte.

Nicht nur durch Wirkung jener großen Sphären,
Die jeden Reim zu seinem Ziele lenken,
Soweit die Sterne ihm Geleit gewähren,

Nein auch aus Gottes gütigen Geschenken,
Die überreich so hoch aus Wolken schweben.
Daß sich kein Blick in seinen Quell kann senken,

Floß diesem hier in seinem Kindheitsleben
Begabung so, daß alle guten Taten
Ihm hätten wunderbar Erfolg gegeben.

Doch um so üppiger werden böse Saaten
Entkeimen und gedeihen in größerer Eile,
Jekräftiger ungepflegtes Feld geraten.

Mein Antlitz hielt ihn aufrecht eine Weile.
Als ich ihm wies die Augen jung und helle,
Hab ich ihn gradenwegs geführt zum Heile.

Doch als ich an des zweiten Alters Schwelle
Das Leben tauschte, mocht ihm nichtsmehr liegen
An mir, und andres fesselte ihn schnelle.

Als ich vom Fleisch zum Geist emporgestiegen,
An Schönheit zunahm und Vollkommenheiten,
Schien ich ihm minderlieb und -wert zu wiegen,

Und Irrtumsbahnen sah ich ihn beschreiten,
Von Bildern falschen Glückes festgehalten,
Die nie erfüllten, was sie prophezeiten.

Nichts half es, ihm Gesichte zu entfalten,
Durch Träume oder andres ihn zu retten
Zurück zu mir; so wenig sie ihm galten!

Er fiel sotief, daß alle Mittel hätten
Zu seinem Heil versagt, eins ausgenommen:
Ihm zeigen des verlorenen Volkes Stätten.

Drum bin ich vor der Toten Tor gekommen,
Und darum sah, der ihn geführt nach oben,
weinen und bitten mich zu seinem Frommen.

Verletzung wärs von Gottes Ratschluß droben,
Durchschritt er Lethes Flut, um zu genießen
Solch eine Speise, eh der Zoll enthoben

Der Reue, die sich weinend muß ergießen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 31
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 31

O du, jenseit der heiligen Wasserscheide,«
So auf mich ihrer Rede Spitze lenkend,
Die mir schon scharf geschienen an der Schneide,

Sprach sie fortfahrend, nicht an Aufschub denkend,
»Sprich, sprich, ob dieses wahr? Bei solchen Klagen
Mußt du bekennen, reine Wahrheit schenkend.«

Es war so gänzlich meine Kraft zerschlagen,
Daß mir die Stimme brach schon im Beginnen,
Eh noch die Lippen sie hinausgetragen.

Nach kurzem Warten sprach sie: »Welch Besinnen?
Gieb Antwort. Denn dir tilgte die unreine
Erinnerung noch nicht des Wassers Rinnen.«

Furcht und Verwirrung preßten im Vereine
Aus meinem Mund ein Ja, daß es erkannte
Ob seines schwachen Tons der Blick alleine.

Gleichwie die Armbrust, die zustraffgespannte,
Beim Schusse sprengt den Bogen samt dem Strange,
Daß abgeschwächt der Pfeil zum Ziel sich wandte,

So quoll, befreit aus allzu-engem Zwange,
Ein Strom aus mir von Tränen und von Klagen,
Und meine Stimme stockte kraftlos-bange.

»Die Sehnsucht, die dein Herz nach mir getragen,«
Sprach sie, »die jenes Gut dich zu erringen
Gelehrt, wie man kein beßres kann erjagen,

Wo hielt sie je dir Gruben oder Schlingen
Bereit, daß du so gänzlich sahst entgleiten
Die Hoffnung, vorwärts- und emporzudringen?

Und welch ein Vorzug, welche Herrlichkeiten
Schien dir der andern Stirne denn zu schmücken,
Daß du vor ihnen huldigend mußtest schreiten?«

Der Stimme wollte keine Antwort glücken;
Sie brach. Und einige bittere Seufzer flogen,
Eh mirs gelang, mich wortklar auszudrücken.

Weinend sprach ich: »Mit falscher Lust betrogen
Hat mich die Gegenwart, ihr nachzufliegen,
Sobald sich Euer Anblick mir entzogen.«

Und sie: »Wenn du geleugnet, ja verschwiegen
Die Schuld, die du bekannt - gleich offener Kunde
Säh doch sie solches Richters Auge liegen.

Doch Selbstvorwurf aus Sünders eignem Munde
wendet die Schneide gleich dem Rad entgegen
Des Schleifsteins hier in unsers Hofes Runde.

Nun, daß du kräftiger deines Irrtums wegen
Dich schämst und künftig standhaft bleibst im Wollen,
wenn dir Sirenenlieder Schlingen legen,

So laß nichtmehr die Saat der Tränen rollen
Und hör, wie dich im Gegenteil hätt trösten
Mein eingesargtes Fleisch und spornen sollen.

Weder Natur bot dir, noch Künste flößten
Dir größere Lust ein, als die schönen Glieder,
Die mich umhüllt und nun in Staub sich lösten.

Und sank dir so der Wonnen höchste nieder
Durch meinen Tod: was hing sich dein Verlangen
Sobald an niedre Erdendinge wieder?

Zeit wars, als du den ersten Pfeil empfangen
Vom Erdentrug, zur Höh dich zu entzücken -
Mir nach! die irdischen Dingen längst entgangen.

Nicht durften dir die Flügel erdwärtsdrücken,
Mehr Pfeile zu gewärtigen, Eitelkeiten
Und Mägdelein, die flüchtige Reize schmücken.

Gelbschnäbeln kann ein Pfeil Gefahr bereiten
Zwei-dreimal, oder daß ins Netz sie gehen.
Die älteren fliehen die Gefahr beizeiten.« -

Wie schamerfüllte Kinder schweigend stehen,
Gesenkten Blicks bedacht, wie auszumerzen
Die Schuld, die sie durch Vorwurf eingesehen,

So stand ich. Und sie sprach: »Schmerzt dich im Herzen
Sotief mein Wort schon - deinen Bart erhebe,
Und stärker wird dich noch mein Anblick schmerzen.«

Ich glaube nicht, daß minder widerstrebe
Der Eichbaum, ob er knick vor unserm Winde,
Ob der aus Jarbas Land den Rest ihm gebe,

Als ich auf ihr Geheiß das Kinn geschwinde
Aufhob; und da sie Bart mein Antlitz nannte,
Das Gift wohl merkte, das im Wort sich finde.

Und als mein Antlitz sich nach oben wandte,
Da ruhten auch die Engelsurgestalten
Mit Blumenstreuen, wie mein Blick erkannte.

Und meine Augen, unstät noch im Halten,
Sahn Beatricen nach dem Tiere schauen,
In dem als einem zwei Naturen walten.

Verschleiert auf des andern Ufers Auen
Schien sie ihr früheres Bild zu überstrahlen
Mehr, als sie überstrahlt einst andere Frauen.

Wie brannten mich der Reue Nesselqualen,
Daß sich, statt einstiger Lust an nichtigen Scherzen,
Jetzt Haß und Abscheu in das Herz mir stahlen.

Sosehr fraß Selbsterkenntnis mir am Herzen,
Daß ich hinfiel besiegt. Und wie michs nagte,
Sie weiß es, die verursacht mir die Schmerzen.

Sodann, als neue Kraft dem Herzen tagte,
Sah ich, die ich erst einsam traf, gebogen
Auf mich die Frau, die »Faß mich, faß mich« sagte.

Sie hatte bis ans Kinn mich in die Wogen
Getaucht und, ohne tiefer sich zu senken,
Leicht wie ein Weberschiff mitsichgezogen.

Als ich sie sah zum seligen Strande lenken,
Hört ich »asperges me!«. Und so süßklingend,
Daß ichs nicht schreiben kann noch wiederdenken.

Die Schöne tat die Arme auf, umschlingend
Mein Haupt, es tauchend, bis mein Mund berührte
Das Wasser, mich davon zu trinken zwingend.

Drauf nahm sie mich, und so gebadet führte
Sie mich zum Tanz der schönen Vier; und gerne
Mit sanftem Arme jede mich umschnürte.

»Hier sind wir Nymphen und am Himmel Sterne;
Erwählt dazu, sie dienend zu umringen,
Eh Beatrice stieg zur Erdenferne.

Vor ihre Augen werden wir dich bringen.
Doch für ihr heitres Licht wird dir gespendet
Erst Kraft von jenen Dreien, die tiefer dringen.«

So sangen jene. Und als sie geendet,
ward ich geführt dicht vor die Brust des Greifen,
wo Beatrice stand, uns zugewendet.

Sie sprachen: »Hier laß frei die Blicke schweifen,
Wir stellten dich vor die smaragdnen Funken,
Draus Amors Pfeil dich einstmals sollte streifen.«

Wohl tausend Wünsche trieben, feuertrunken,
Die Augen mir zu ihren strahlendreinen,
Die auf dem Greifen ruhten starrversunken.

Wie Sonnenlicht im Spiegel, sollt ich meinen,
Ganz so sah ich das Doppeltier darinnen
In zweierlei Gestalt getrennt erscheinen.

Denk, Leser, ob ich staunend mußte sinnen,
Als ich das Urbild wandellos entdeckte,
Doch Zwiegestalt das Abbild sah gewinnen.

Als meine Seele sich, die froh-erschreckte,
Noch labte an der Kost im seligen Drange,
Die sattmacht, daß sie neue Eßlust weckte,

Schwebten die andern Drei, von höchstem Range
Dem Wesen nach, hervor, sich zu erfreuen
Am Tanz nach ihrem engelhaften Sange.

»Neig, Beatrice, neige deinem Treuen
Die heiligen Augen,« sangs in ihrer Runde,
»Der dich zu schaun sich keinen Schritt ließ reuen.

Aus Gnade gieb uns Gnade! Zieh vom Munde
Den Schleier, daß ihm unverhüllt jetzt schnelle
Von deiner zweiten Schönheit werde Kunde.«

O Glanz lebendigen Lichts voll ewiger Helle!
Wer ward so bleich in des Parnassus Schatten,
Wer schlürfte tiefgenug aus seiner Quelle,

Daß doch sein Geist nicht schiene zu ermatten,
will er ganz schildern deines Anblicks Feier,
Wo dich die Himmel leicht gemalt nur hatten,

Als du in freier Luft gelöst den Schleier?


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 32
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 32

So fest und gierig schlürften meine Augen,
Damit ihr zehenjähriger Durst sich letze,
Als wollte sonst kein andrer Sinn mir taugen.

Auch wars, alsob man Wände um mich setze,
Daß ich nichts weiter säh: so hielt gefangen
Das heilige Lächeln mich im alten Netze,

Bis mit Gewalt das Angesicht mir zwangen
Jene göttlichen Frauen hin zur Linken,
Weil mir die Worte »Mäßige dich!« erklangen.

Und ähnlich wie der Sonne grelles Blinken
Die Augen trifft zuweilen beim Erwachen,
So fühlt ich anfangs meine Sehkraft sinken.

Doch als sie mir erstarkte an dem Schwachen,
(»Schwach« sag ich nach dem allzuvielen Lichte,
Davon nur Zwang vermocht mich freizumachen)

Sah ich, daß sich rechtsschwenkend rückwärtsrichte
Die hehre Schar, zur Sonne hinzusehen
Und zu dem Siebenstern mit dem Gesichte.

Wie unterm Schild, Gefahren zu entgehen,
Ein Trupp ums Banner schwenkt beim Rückwärtswogen,
Eh sich das Ganze insichselbst kann drehen,

So kamen ganz an uns vorbeigezogen
Im Vortrab hier des Himmels Heeresglieder,
Eh noch des Wagens Deichsel umgebogen.

Die Frauen kehrten zu den Rädern wieder.
Und also zog der Greif den heiligen Wagen,
Daß sich kein Flaum ihm regte am Gefieder.

Die Schöne, die mich durch die Furt getragen,
Statius und ich folgten mit rüstigen Schritten
Am Rade, das den engern Kreis geschlagen,

Durch hohen Wald - öde, weil er gelitten
Durch jene, die vom Wurm sich ließ besiegen -
Und Engelshymnen gaben Maß den Tritten.

Ein dreimal-abgeschossener Pfeil kann fliegen
Soweit wohl, als den Raum durchmaß der Wagen
Bis dort, wo Beatrice ihm entstiegen.

Im Chor hört ich sie flüsternd » Adam« sagen,
Indem sie alle einen Baum umstanden,
Den ich nicht Blätter sah noch Blüten tragen.

Jemehr sich wipfelan die Zweige wanden,
Jebreiter ward dies Astwerk auch, das nackte.
An Höh ein Wunder selbst in Indiens Landen.

»Heil dir, o Greif, daß nicht dein Schnabel hackte
Vom Holz hier, das erst Süßes läßt erfahren,
Doch nachher stets den Bauch mit Grimmen packte!«

So riefen um den starken Baum die Scharen.
Und darauf rief das Tier mit zwei Gestalten:
»So muß sich jedes Rechtes Same wahren!«

Die Deichsel, die gelenkt er und gehalten,
Zog er zum Fuße vom entlaubten Stamme,
Anfügend sie, die davon abgespalten.

Wie unsere Bäume - wenn die große Flamme
Das Licht dem andern mischt, das sich ergossen
Hinter den Fischen - ihre wundersame

Verjüngungskraft bewähren, blühen und sprossen,
Sich färbend bis ins kleinste Blätterteilchen,
Eh Sol den Stier einholt mit seinen Rossen:

So, nicht ganz Rose, aber mehr ein Veilchen
An Farbe, schien Verjüngung zu durchdringen
Den Baum, der gänzlich kahl vor einem Weilchen.

Ich faßte nicht, auch hört ich niemals singen
Den Hymnus hier, den jetzt dies Volk gesungen,
Noch hielt ich horchend stand bis zum Verklingen.

Könnt schildern ich, wie Syrinx süß geklungen
Den Augen, deren Strafe nichts könnt mildern,
Den harten Augen, weil sie Schlaf bezwungen,

Dann, wie ein Maler nach vorhandenen Bildern,
Beschrieb ich, wie ich einschlief hier ganz sachte.
Doch wer es kann, mag das Entschlummern schildern.

Drum laß ichs und beschreib, wie ich erwachte.
Ein Glanz durchriß den Schlaf, indem vom Traume
Der Ruf: »Steh auf! Was tust du?« wach mich machte.

Wie - um das Blühen zu sehn vom Apfelbaume,
Mit dessen Frucht, selbst Engeln ein Verlangen,
Man ständige Hochzeit hält im Himmelsraume -

Petrus, Johann und Jakob einst gegangen,
Die aus der Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
Durch das wohl tiefern Schlafes Fesseln sprangen -

Die dann, weil Moses und Elias schwanden,
Verminderung ihrer Schule wahrgenommen,
Und ihres Meisters Kleid verändert fanden -:

So fuhr ich auf und ward gewahr der Frommen
Zu Häupten mir, die längs dem Uferhange
Wegweisend vorher zu mir war gekommen.

Und »Wo ist Beatrice?« rief ich bange.
Drauf sie: »Am Baum, draus Blätter neu entspringen.
Schau an der Wurzel sie, dir zum Empfange.

Schau die Gefährtinnen, die sie umringen.
Die andern mit dem Greifen ziehen nach oben
Mit süßerem und inhaltsreicherm Singen.«

Ob sie noch mehr sprach, konnt ich nicht erproben.
Denn nichts zu spüren war ich sonst imstande,
Seit meine Augen ich zu ihr erhoben.

Sie hütete, allein, auf nacktem Lande
Den Wagen unterm Stamm, dran ich den Zwitter
Ihn sah befestigen mit starkem Bande.

Der Nymphen Siebenzahl stand wie ein Gitter
Um sie mit ihrer Leuchter ewigem Scheine,
Der nie erlischt im Nord- noch Südgewitter.

»Nur kurz verweilst du hier im Erdenhaine,
Um ewig Bürger dann mit mir zu bleiben
Des Roms, drin Christus Römer ist alleine.

Darum, der Welt zunutz, wo schlimm sies treiben,
Lenk hin den Blick zum Wagen, um, ins Leben
Zurückgekehrt, Geschautes aufzuschreiben.«

So Beatrice. Und ich, ganz ergeben
Ihrem Befehl zu Füßen, ließ zur Stelle,
Wie sie befohlen, Blick und Geist sich heben.

Nie raste je der Blitz mit solcher Schnelle
Aus dichten Wolken, wenn sie rauschend gießen
Aus höchster Luft des Regens wilde Welle,

Als Jovis Vogel ich sah niederschießen
Zum Baum, um selbst die Rinde zu zersplittern,
Nicht Blatt und Blüten nur, die im Entsprießen.

Mit voller Wucht ließ er den Wagen zittern,
Daß er sich bog nach eines Schiffes Weise,
Bebt Back- und Steuerbord in Ungewittern.

Drauf sah ich einen Fuchs, der sohlenleise
Zur Lade stürzte von dem Siegeswagen.
Fremd schien dem Tier längst jede gute Speise.

Doch wußte ihn die Herrin zu verjagen
Mit schmutziger Laster Vorwurf eiligst wieder
Soweit, als das Geripp ihn mochte tragen.

Drauf sah ich, wie den alten Weg hernieder
Der Adler nochmals hin zur Arche kehrte
Und diese ganz bedeckte mit Gefieder.

Und wie die Seele seufzt, die gramverzehrte,
Schiens, daß vom Himmel eine Stimme spräche:
»Welch böse Last, mein Schifflein, dich beschwerte.«

Dann war mirs: zwischen beiden Rädern bräche
Die Erde, draus ein Drache käm gekrochen,
Der durch den Wagen mit dem Schwanze stäche.

Dann zog er, gleich der Wespe, die gestochen,
Den Giftschwanz ein; und mitsichnahm der Kecke
Fangfreudig, was er am Gestell zerbrochen.

Wie saftigem Erdreich wächst die Rasendecke,
Hat drauf der Rest mit Federn sich besponnen,
Die wohl geschenkt zu reinem edelm Zwecke.

Und schneller, als dem Mund ein Ach! entronnen,
Geschahs, daß jedes Rad in ganzer Breite
Wie auch die Deichsel solch ein Kleid gewonnen.

Also verwandelt streckte das geweihte
Gebäude Köpfe vorwärts, ihrer viere:
Drei auf der Deichsel, eins an jeder Seite.

Die ersten drei mit Hörnern wie beim Stiere;
Doch wuchs den Vieren eins nur an der Stirne.
Nie gabs ein Tier gleich diesem Greueltiere!

Und kühn wie eine Burg auf hoher Firne
Trotzt oben frech ein Weib. Die Augen wendet
Behend nach rechts und links die feile Dirne.

Und, gleichsam ihr zum Schutz und Schirm entsendet,
Seh neben ihr ich einen Riesen stehen,
Erwidernd Küsse viel, die sie ihm spendet.

Doch als auf mich sich ihre Augen drehen
Lüstern und dreist, läßt grausam dieser Wilde
Von Kopf zu Fuß ihr Geißelhiebe gehen.

Voll Zorn und Argwohn band das Schreckgebilde
Der Buhle los und zogs dann in die Gründe
Des Waldes, daß mir der schon ward zum Schilde

Vor jener Dirne und dem Tier der Sünde.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 33
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Läuterunsberg - Gesang 33

Deus venerunt gentes,« also fingen
Die Frauen zu drei und vier im Wechselsange
Mit Tränen an den süßen Psalm zu singen.

Und Beatrice lauschte seufzendbange
So mitleidsvoll, daß blasser kaum sich zeigen
Maria mochte auf dem Kreuzesgange.

Doch als die andern Jungfraun ihr durch Schweigen
Das Wort einräumten, stand sie auf, noch eh
Sie sprach; und Feuerfarbe war ihr eigen:

»Modicum, et non videbitis me;
Et iterum, ihr Schwestern, meine lieben,
Modicum, et vos videbitis me.«

Dann ließ sie vor sich hergehn alle Sieben,
Und folgen, nur auf ihrer Winke einen,
Die Frau, mich, und den Weisen, der geblieben.

So ging sie hin. Und wie mirs wollte scheinen,
Sanken kaum erdwärts ihrer Schritte zehen,
Als ihre Augen trafen tief die meinen.

Und ruhigen Ansehns sprach sie: »Schneller gehen
Mußt du, daß sich dein Geist kann vorbereiten,
Was ich dir sagen werde, zu verstehen.«

Kaum war ich, wie befohlen, ihr zur Seiten,
Sprach sie zu mir: »Was wagst du nicht zu fragen,
O Bruder, da du neben mir darfst schreiten?«

Wie denen, die vor zuviel Ehrfurcht zagen
Vor ihren Obern, daß hervorzukommen
Die Stimme zu den Zähnen nicht will wagen,

So ging es mir, der ich, im Ton beklommen,
Nun anhub: »Meine Herrin, mein Verlangen
Erkennt Ihr, und auch was dazu mag frommen.«

Und sie zu mir: »Ich will von Scham und Bangen
Fortan befreit dich sehen, drum erwache,
Daß du nicht länger sprichst wie schlafbefangen.

Vernimm: der Wagen, den zerstört der Drache,
Ist nicht; er war! Doch vor der Hostie scheute -
Der Schuldige glaubs - sich niemals Gottes Rache.

Nicht immer ohne Erben bleibt wie heute
Der Adler, der die Federn ließ dem Wagen,
Wodurch er Scheusal ward und nachher Beute.

Denn deutlich seh ichs und drum darf ich sagen,
Daß nahe Sterne eine Zeit uns spenden,
Die weder weiß von Hemmung noch Vertagen,

Wo den ?Fünfhundert-Zehn-und-Fünf? Gott senden
Uns wird, durch den die Dirne und der Riese,
Der mit ihr sündigte, im Tod wird enden.

Und falls mein Wort sich dunkel dir erwiese
Gleich Sphinx und Themis, weil es nachtbeladen
Dem Geist die Überzeugung wehrt, wie diese,

So werden bald Tatsachen als Najaden
Des schweren Rätsels Lösung dir erwerben,
Ohne den Herden und dem Korn zu schaden.

Du merke, was und wie ichs sprach, daß Erben
All dieser Worte werden, die dort leben
Ein Leben, das ein Wettlauf ist zum Sterben.

Und wenn du schreibst, bedenke auch daneben,
Zu hehlen nicht, wie du den Baum sahst droben,
Der nun dem Raub ward zweimal preisgegeben.

Wer Raub und Schändung will an ihm erproben,
Kränkt durch Tatlästerung Gott; er will ihn wissen
Für seinen Dienst als heilig aufgehoben.

Die erste Seele, die hineingebissen,
Sich sehnsuchtsvoll fünftausend Jahr verzehrte
Nach dem, der sterbend sie der Schuld entrissen.

Es schläft dein Geist, wenn er dich nicht belehrte,
Daß dieser Baum aus ganz besonderm Grunde
So hoch ist und den Wipfel so verkehrte.

Und wenn den Geist dir nicht die ungesunde
Weltliche Lust mit Elsas Flut befleckte,
Wie einst die Maulbeerfrucht aus Pyrams Wunde,

Längst dann der Zeichen Fülle dir entdeckte,
Was durch Verbot des Baums sittlich alleine
Die göttliche Gerechtigkeit bezweckte.

Doch weil ich seh, es ward dein Geist zum Steine,
Daß fleckenlos dein Wollen nicht geblieben,
Und blind du stehst bei meines Wortes Scheine,

So nimm, wenn auch gemalt nur statt geschrieben,
Mein Wort mit dir, wie wohl bei ihren Fahrten
Am Stab die Pilger Palmenblätter lieben.«

Und ich: »Wie Siegel stets im Wachs bewahrten
Das Bild, das ihm das Petschaft hat gegeben,
So stempelt Ihr mein Herz auf gleiche Arten.

Doch warum muß so hoch sich denn erheben
Euer ersehntes Wort? Nur ferner sehen
Die Augen es, jemehr sie danach streben.«

Sie sprach: »Daß du die Schule kannst verstehen,
Der du gefolgt, und siehst, wie ihre Weise
Beschaffen, meinem Worte nachzugehen,

Und siehest, wie die Straße eurer Reise
So fern von Gottes Weg, wie von der Erden
Fern sind des schnellen Himmels höchste Kreise.«

Drauf ich: »Erinnerlich will mirs nicht werden,
Daß Euer ich mich jemals hätt entzogen.
Auch schuf mir mein Gewissen nie Beschwerden.« -

»Und wenn dir die Erinnrung dran entflogen,«
Sprach lächelnd sie, »gedenke, daß soeben
Du erst getrunken hast von Lethes Wogen.

Und wie der Rauch ein Feuer anzugeben
Vermag, hat solch Vergessen mirs beeidet,
Daß schuldvermischt dein mißgelenktes Streben.

Wohl! fortan sei des Redeschmucks entkleidet
Mein Wort, soweit sichs ziemt; daß minder sauer
Am Sinne sich dein blödes Auge weidet.« -

Und heißer und mit Schritten längerer Dauer
Hielt schon die Sonne sich im Mittagskreise,
Der stets den Ort vertauscht mit dem Beschauer,

Als stillehielten - ganz nach dessen Weise,
Der einen Trupp anführt und, wenn zustatten
Ihm etwas kommt, stillhält auf seiner Reise -

Die sieben Frauen in so bleichem Schatten,
Wie ihn aus grünem Laub und schwarzen Zweigen
Auf kalte Bäche werfen Alpenmatten.

Euphrat und Tigris schienen sich zu zeigen
Vor ihnen, wachsend wie aus einer Quelle,
Dann zögernd scheiden, wie es Freunden eigen.

»O du, der Menschheit Ruhm und Sonnenhelle,
Welch Wasser bricht aus einem Quell zutage
Vor mir, und trennt dann von sichselbst die Welle?«

Auf solche Frage ward Bescheid mir: »Frage
Matelda um Bescheid.« Und darauf sagte,
Wie in der Abwehr vorwurfsvoller Klage,

Die Schöne: »Dies und was er sonst noch fragte,
Erklärt ich ihm schon, und bin sicher dessen,
Daß Lethes Wasser es ihm nicht verjagte.«

Und Beatrice: »Leicht mag ein Vergessen
Verschleiernd vor des Geistes Blick sich legen,
Wenn größere Sorgen das Gedächtnis pressen.

Doch sieh, Eunoë rieselt uns entgegen.
Erstorbene Lebenskräfte neu zu wecken,
Führ ihn zu ihr, gewohnten Amts zu pflegen.«

Wie nie ein edles Herz zurück wird schrecken,
Nein, eigenen Wunsch dem fremden Wunsch läßt frommen,
Mag den ihm nur ein leiser Wink entdecken,

So hat die Schöne meine Hand genommen
Und sprach im Gehen zu Statius, in den Zügen
Frauliche Anmut: »Du darfst mit mir kommen.« -

Könnt, Leser, ich ob größerm Raum verfügen
Zum Schreiben, säng ich mindestens Einzelheiten
Des süßen Tranks, dran nie ich fänd Genügen.

Doch weil nunmehr beschrieben alle Seiten,
Die für das zweite Lied zurückzustellen,
Läßt mich der Zaum der Kunst nicht weiterschreiten.

Ich schwang empor mich aus den heiligen Wellen,
Wie eine junge Pflanze sich im Kerne
Verjüngt fühlt und von jungem Laube schwellen:

Rein und bereit zum Aufschwung in die Sterne.


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