Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Richard Zoozmann [1907] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Ich fand mich, grad in unseres Lebens Mitte,
In einem finstern Wald zurück, verschlagen,
weil ich vom rechten Pfad gelenkt die Schritte.

Ha! wie er ausgesehn ist hart zu sagen,
Der wüste Wald mit wildverwachsenen Strecken,
Daß in Gedanken sich erneut mein Zagen.

So herb ists, herber kann der Tod nicht schmecken.
Doch um vom Heile, das ich dort gefunden,
Zu melden, muß ich anderes erst entdecken.

Wie ich hineinkam, kann ich nicht bekunden,
So tief war ich zur Zeit vom Schlaf benommen,
Als meinem Blick der wahre Weg entschwunden.

Doch nun an eines Hügels Fuß gekommen,
Wo dieses Tal zu seinem Ende gleitet,
Das mir mit Bangen hielt das Herz beklommen,

Blickt ich empor und sah schon hingebreitet
Auf Bergesschultern den Planeten prangen,
Der uns auf jedem Wege richtig leitet.

Da war ein wenig gleich die Furcht vergangen,
Die auf des Herzens See mir angedauert
Die Nacht, die ich durchlebt in solchem Bangen.

Und wie, wer atemlos und angstdurchschauert
Dem Meer entrann und nun zurückgebogen
Vom Strande späht zur Flut, die tückisch lauert,

So wandte auch, noch immer fluchtbewogen,
Mein Geist sich rückwärts, auf den Engpaß blickend,
Draus nie ein Wesen lebend heimgezogen.

Nach kurzer Rast, dem müden Leib erquickend,
Klomm ich weiter bergan am öden Hange,
Immer zum tiefern Fuß den Stützpunkt schickend.

Und sieh! wo steil beginnt die Felsenwange,
Ein Panther, mit geflecktem Fell die Glieder
Bedeckt, geschmeidig und behend im Gange,

Der wich vor meinem Angesicht nicht wieder;
Nein, hemmte so mich, daß ich, statt nach oben,
Mehrmals aufs neu zum Walde wollte nieder.

Die Zeit wars, als der Morgen sich erhoben.
Die Sonne stieg, vom gleichen Sternenbilde
Umkränzt, als erstmals Gottesliebe droben

Die Welten umschwang durch des Alls Gefilde,
So daß mit neuer Hoffnung mich belebten
Auf Rettung vor dem buntgefleckten Wilde

Frühlicht und Frühling, die mich hold umwebten.
Doch so nicht, daß die Sinne mir im neuen
Schreckanblick eines Löwen nicht erbebten -

Der mir erhobenen Hauptes schien zu dräuen
Und sich voll Hungers wider mich zu rüsten,
Daß selbst die Luft sich schien vor ihm zu scheuen -

Und einer Wölfin, die von allen Lüsten
Mir trächtig schien trotz ihren dürren Weichen,
Alsob durch sie schon viel sich grämen müßten.

Die machte also meinen Mut erbleichen
Durch ihren Blick, drob ich vor Furcht erschauert,
Daß ich die Höh nicht hoffte zu erreichen.

Und jenem gleich, der gern Gewinn erlauert,
Und kommt die Zeit, wo sich Verluste zeigen,
Was auch sein Denken ist, er weint und trauert,

So schuf das Tier mich, dem kein Friede eigen,
Indem sichs schrittweis nähernd mich im Grimme
Zurücktrieb, wo die Sonnenstrahlen schweigen.

Indes ich fliehend noch bergabwärts klimme,
Auftauchte da vor meinem Blicke einer,
Der vor Erschöpfung scheinbar ohne Stimme.

»Wer du auch seist,« begann ich, als ich seiner
Ansichtig ward in solcher wüsten Heide,
»Ob Schatten oder Mensch, erbarm dich meiner«. -

»Nicht Mensch; Mensch war ich,« gab er zum Bescheide.
»Und meine Eltern einst Lombarden waren;
Denn Mantua war Heimatstadt für beide.

Gezeugt, zwar spät, sub Julio dem Zäsaren,
Lebt ich in Rom zur Zeit Augusts des Guten,
Als Lügengötter Ehrfurcht noch erfahren.

Ich war Poet und sang den frommgemuten
Anchisessohn, der Troja mußte meiden,
Als Ilions Pracht versank in Staub und Gluten.

Doch du, was kehrst du um zu solchen Leiden?
Was steigst du nicht, um auf dem Berg der Wonnen,
Des Glückes Grund und Anfang, dich zu weiden?« -

»So bist du denn Vergil, bist jener Bronnen,
Dem reich des Wohllauts voller Strom entflossen?«
Sprach ich zu ihm, die Stirn von Scham umronnen.

»Du Licht und Ehre der Apollgenossen,
Gieb, daß mir zur Empfehlung nun gedeihe
Inbrunst und Fleiß, die mir dein Werk erschlossen.

Vorbild und Meister, dank ich deiner Weihe
Doch nur den schönen Stil, der mir verliehen,
Drob man ein wenig Ruhm mir prophezeie.

Sieh dort das Tier, davor ich im Entfliehen.
Hilf mir, ruhmvoller Weiser, ihm entrinnen;
Durch Puls und Adern läßt mirs Schauder ziehen.« -

»Auf einem andern Weg mußt du vonhinnen,«
Sprach er zu mir, den Tränen ganz bezwungen,
»Um aus der Wüste Rettung zu gewinnen.

Denn dieses Tier, das dich mit Furcht durchdrungen,
Läßt keinen fahrlos wandeln seine Straße,
Nein, hemmt solang ihn, bis es ihn verschlungen.

Voll Trug und Tücke steckts in solchem Maße,
Daß seine Lüste unersättigt bleiben,
Und stärker hungerts nach als vor dem Fraße.

Viel Tiere sinds, die sich mit ihm beweiben,
Und mehr noch folgen, bis sich wird erheben
Der Jagdhund, es in bittern Tod zu treiben.

Dem wird nicht Erz noch Erde Nahrung geben,
Doch Weisheit, Liebe, Tugend wird ihm munden;
Und zwischen Filz und Filz entsprießt sein Leben.

Italien wird durch ihn der Schmach entbunden,
Drob Turnus und Kamilla einst erlagen,
Euryalus und Nisus ihren Wunden.

Er wird das Tier durch alle Städte jagen
Bis ers zurückscheucht in die Höllenschlünde,
Daraus der Urneid es ans Licht getragen.

Drum denk ich, daß es besser um dich stünde,
Wenn du mir folgst, daß ich dir Rettung leihe,
Von hier dich führend durch die ewigen Gründe.

Dort wirst du hören der Verzweiflung Schreie,
Der Vorwelt Geister schauen, die jammernd flehen,
Daß sie ein zweiter Tod von Schmerz befreie.

Wirst andre dann in Feuersgluten sehen
Und dennoch froh, weil sie der Hoffnung leben,
Wie spät es sei, zur Seligkeit zu gehen.

Willst du zu diesen dich alsdann erheben,
Kommt eine Seele, würdiger im Preise;
Der werd ich dich beim Abschied übergeben.

Denn der als Kaiser herrscht im Himmelskreise
Will nicht, weil widerstrebt ich seinen Worten,
Daß irgendwen zu seiner Stadt ich weise.

Er herrscht im Weltall, doch regiert nur dorten,
Wo seine Stadt ist, und sein Thron zu sehen:
O selig! den er ruft zu ihren Pforten.«

Und ich zu ihm: »Poet, laß dich erflehen
Bei jenem Gotte, dem du fremd verbliebest.
Um diesem Weh und schlimmerem zu entgehen,

Bring mich, wie du zu sagen jetzt beliebest,
Hin wo Sanktpeters Pforten mir erscheinen
Und sie, die als so traurig du beschriebest.«

Drauf ging er und mein Fuß folgte dem seinen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 02
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 02

Der Tag entwich, und Nacht mit dunkelm Scheine
Nahm ab den Wesen, die auf Erden leben,
All ihre Mühsal; und ich ganz alleine

Hielt mich bereit, den Wettkampf anzuheben,
Um Wegesmüh und Mitleid zu erproben,
Davon Erinnrung treues Bild soll geben.

O Musen, helft, und hoher Geist dortoben!
Gedächtnis, das du schriebst, was ich gesehen,
Hier zeige, wie dein Adelsinn zu loben.

Und so begann ich: »Dichter, eh wir gehen,
Prüf meine Kraft, ob sie dazu wird langen,
Wenn du mich lässest schweren Weg bestehen.

Du sagst, des Silvius Vater sei gegangen,
Obwohl er noch hinfällig Fleisch gewesen,
Zur ewigen Welt hinab, vom Leib umfangen.

Doch ließ des Bösen Feind ihn des genesen
In Gnaden, eingedenk der hohen Taten,
Dazu nach Art und Wirkung er erlesen,

So billigts jeder, den Vernunft beraten.
Sein Anspruch darf sich auf den Himmel gründen
Als Vater Roms und Stifter seiner Staaten.

Denn beides war doch, will man Wahrheit künden,
Vorausbestimmt zum Heilsort, daß die Throne
Dort für des größeren Petri Erben stünden.

Ihm gab die Wandrung, die du rühmst, zum Lohne
Erkenntnis hoher Dinge; sie errangen
Den Sieg ihm und nachher die Papsteskrone.

Auch durfte das Gefäß dahingelangen,
Das auserwählt zur Stärkung für den Glauben,
Aus dem von je der Heilsweg angefangen.

Doch ich, warum hingehn? Wer wirds erlauben?
Ich bin Äneas nicht noch Paulus. Keiner,
Ich gar nicht, darf so hoch den Anspruch schrauben.

Und wag ichs dennoch, fürcht ich, daß man meiner
Törichten Wandrung lache. Dieses Bangen
Verstehst du Weiser eher, als sonst einer.«

Und jenem gleich, der aufgiebt sein Verlangen
Und neuem Plan zulieb verfällt ins Schwanken,
Bis gänzlich er verzichtet anzufangen,

So ich. Grübelnd verzehrten die Gedanken
Im dunkeln Tal den Plan, der erst mich freute,
Den ich ergriff im Anfang ohne Wanken.

»Wenn ich mir deine Worte richtig deute,«
Ließ des Erhabenen Schatten sich vernehmen,
»Ist deine Seele jener Feigheit Beute,

Der oft sich schwache Menschen anbequemen,
Bis sie sie schreckt vom ehrenvollsten Wege,
Alsob ein Tier sich scheut vor einem Schemen.

Vernimm, damit sich diese Furcht dir lege,
Warum ich kam und was ich hörte eben,
Als Mitleid mir mit dir zuerst ward rege.

Bei denen war ich, die im Zweifel schweben;
Da rief ein selig Weib mich, schön zu schauen,
Daß ich sie bat, Befehle mir zu geben.

Ihr Auge schien ein Stern in Himmelsauen,
Und sie begann zu reden sanft und leise,
Wie man es hört von Engelslippen tauen:

O Mantuanergeist, zu dessen Preise
Der Ruhm auf Erden niemals Schweigen kannte
Noch schweigen wird, solang die Welt nur kreise:

Mein Freund, den nie Fortuna Freund benannte,
An wüster Felswand irrt der Furchtverstörte
Vom Wege ab, weil er sich rückwärtswandte.

Auch fürcht ich, ging so irr schon der Betörte,
Daß ich zu spät erschien im Helferdrange
Nach dem, was ich im Himmel von ihm hörte.

Nun eile, und mit deiner Worte Klange
Und allem, was ihn sicher läßt entrinnen,
Sei ihm solch Helfer, daß ich Trost erlange.

Ich, Beatrice, sende dich vonhinnen;
Ich komm daher, wohin ich wieder strebe.
Aus mir spricht Liebe, sie lenkt mein Beginnen.

Wenn ich vor meinem Herrn erst wieder schwebe,
Will ich dich oft ihm nennen, dir zum Preise.'
Sie schwieg darauf. Und ich nun Antwort gebe:

O Weib, an Tugend reich, die einzigerweise
Die Menschheit läßt ob allem Inhalt ragen
Des Himmels, der sich dreht im engsten Kreise,

Es schafft mir dein Befehl soviel Behagen,
Daß Raschgehorchen Säumnis noch zu nennen.
Du brauchst den Wunsch nicht dringlicher zu sagen.

Doch warum scheinst du keine Furcht zu kennen
Und bist hierher zum Mittelpunkt gestiegen,
Wenn Heimweh dich schon wieder ließ entbrennen?'

Weil gar soviel dir scheint daran zu liegen,'
Sprach sie, 'vernimm in Kürze denn, weswegen
Der Herweg mir nicht ließ den Mut versiegen.

Furcht soll man nur vor solchen Dingen hegen,
Die mit der Macht begabt sind, uns zu schaden;
Vor andern nicht, weil Furcht sie nicht erregen.

Geartet bin ich so von Gottes Gnaden,
Daß eure Erdennot mich nie beschleiche,
Noch mich verletze dieser Brand und Schwaden.

Es klagt ein edles Weib im Himmelreiche
Der Hemmung halb, dahin ich dich nun schicke,
Daß droben sie den harten Spruch erweiche.

Die rief Lucien an im Augenblicke:
»Soll ferner noch dein Treuer auf dich halten,
Nimm sein dich an, daß Rettung ihn erquicke.«

Lucia, feindlich allem rauhen Walten,
Erhob sich schnell, daß sie am Ort erscheine,
Allwo ich neben Rahel saß, der alten,

Sprach: »Beatrice, Gottgelobte, Reine,
Was hilfst du diesem nicht, der dir zuliebe
Den Schwarm des Pöbels mied und das Gemeine,

Alsob dein Ohr taub seinem Wehruf bliebe?
Sahst du nicht, wie er mit dem Tod gerungen
In Wogen, wie kein Meer sie wilder triebe?«

Nie schneller ist ein Erdenmensch gesprungen,
Mag Glück ihm oder Flucht vor Unheil frommen,
Als ich - da mir ans Ohr solch Wort geklungen

Herab von meinem seligen Sitz gekommen,
Vertrauend deiner edeln Rede gerne,
Die dich und jeden ehrt, der sie vernommen.'

Sie sprachs, worauf sie ihrer Augen Sterne,
In Tränen schimmernd, wieder von mir kehrte,
Daß michs nur schneller hertrieb aus der Ferne.

Und so kam ich zu dir, wie sie begehrte,
Entriß dem Untier dich, das dir zum Hügel,
Dem herrlichen, den kurzen Weg verwehrte.

Und nun? Warum, warum hält dich ein Zügel?
Warum im Herzen nährst du feiges Grauen?
Warum sinkt dir gelähmt der Tatkraft Flügel,

Wo doch drei hochgebenedeite Frauen
Im Hof des Himmels Sorge für dich zeigen,
Und solch ein Heil mein Wort dich läßt erschauen?« -

Wie sich die Blümlein schließen und sich neigen
Im Nachtfrost, aber scheint die Sonne heiter,
Am Stengel offenen Kelches lichtwärtssteigen,

So hob mein welker Mut sich tat-bereiter.
Und so in Eifers Glut mein Herz entbrannte,
Daß ich begann wie ein Albdruckbefreiter:

»O wie voll Mitleid sie! die Hilfe sandte,
Und huldreich du! der eilig nachgekommen
Den Wahrheitsworten, die an dich sie wandte.

Es fühlt mein Herz, von deinem Wort entglommen,
Nach diesem Gange Sehnsucht, frei von Bangen,
Daß ich den ersten Plan neu aufgenommen.

Nun geh, uns beide spornt ein gleich Verlangen,
Du Meister, du Gebieter und du Leiter.«
So sprach ich. Und als er dann vorgegangen,

Ging ich auch auf dem tiefen Waldweg weiter.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 03
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 03

Durch mich gehts ein zur Stadt der Schmerzerkornen,
Durch mich gehts ein zur Qual für Ewigkeiten,
Durch mich gehts ein zum Volke der Verlornen.

Den hohen Schöpfer trieb, mich zu bereiten,
Gerechtigkeit, Allmacht zu offenbaren,
Allweisheit und Urliebe allerzeiten.

Vor mir war nichts Erschaffnes zu gewahren
Als Ewiges, und auch ich bin ewiger Dauer.
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren!

Die Inschrift zeigte sich an einer Mauer
Mit dunkler Farbe über einer Pforte.
Drum ich: »O, Herr, der Sinn erweckt mir Schauer.«

Da sprach der Wohlerfahrene diese Worte:
»Hier können Zweifelängste nicht mehr frommen
Und jede Zagheit sterbe gleich am Orte.

Wie ichs verhieß, sind wir zum Ziel gekommen,
Wo du das schmerzgequälte Volk siehst ringen,
Dem der Erkenntnis höchstes Heil genommen.«

Dann fühlt ich seine meine Hand umschlingen.
Mit heiterm Antlitz, drob ich ganz ihm traute,
Führt er mich ein zu den geheimen Dingen. -

Geseufze, Weinen hier und Wehelaute
Hört ich die sternenlose Luft durchzischen,
Daß drob mein Auge sich zuerst betaute.

Verschiedene Sprachen, grausiges Wortvermischen,
Des Zornes Schreie, schmerzliches Gestöhne,
Stimmen, kreischend und dumpf, Faustschlag dazwischen,

Schufen ringsum ein ewiges Getöne
In dieser Luft zeitloser Dämmerungen,
Als tanzte kreiselnd lockerer Sand im Föhne.

Und ich, dem Grausen hielt das Haupt umschlungen,
Sprach: »Meister, welch ein Lärm wird hier erhoben?
Und wer sind diese, so von Pein bezwungen?«

Und er: »Nach diesen Chören, schmerzgewoben,
Ziehn hier die trüben Seelen ihren Reigen,
Die ohne Schmach und Ehre lebten droben.

Gesellt sind sie der Rotte jener Feigen,
Der Engel, die sich weder für noch gegen
Den Herrgott, nein, parteilos wollten zeigen.

Die Himmel, ungetrübten Glanz zu hegen,
Stießen sie aus, doch nicht zum Höllenschlunde,
Daß sich nicht Sünder brüsten ihretwegen.«

Und ich: »Was, Meister, liegt der Pein zugrunde,
Die sie so drückt zu heftigem Schmerzgewimmer?«
Er sprach: »Ich geb mit kurzem Wort dir Kunde.

Des Todes Hoffnung tagt den Bösen nimmer.
Ihr Wandel hier ist solch ein lichtlos-trüber,
Daß ihren Neid kein ander Los dünkt schlimmer.

Nichts dringt von ihrem Ruhm zur Welt hinüber,
Vergebens Recht und Mitleid sie erflehen.
Kein Wort von ihnen, schau und geh vorüber.«

Und, spähend, konnt ich eine Fahne sehen,
Bereit, sich immerwirbelnd umzuschwingen,
Alsob es sie verdrieße, stillzustehen.

Und so gewaltige Mengen Volkes gingen
Ihr nach, wie ich vordem es nimmer glaubte,
Daß je der Tod soviele mocht verschlingen.

Als erst der Blick Bekannte mir erlaubte
Zu sehn, sah ich auch den, der durch Entsagen
Aus Feigheit großen Gutes sich beraubte.

Da ward mirs deutlich, ohne noch zu fragen,
Daß hier des Weges jene Memmen strebten,
Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.

Die Elenden, die nie in Wahrheit lebten,
Sie waren nackt und peinigend umflogen
Von Mücken- und Wespenschwärmen, die dort webten.

Ihr Antlitz war mit Streifen Bluts durchzogen,
Die abwärtstropften, untermengt mit Zähren,
Von scheußlichem Geschmeiß dann aufgesogen.

Und als dem Blick ich Umschau ließ gewähren,
Sah ich an einem großen Strom sich scharen
Viel Volk, und bat: »Herr, wolle mir erklären,

Wer diese sind, die zum Hinüberfahren
Aus unbekanntem Antrieb so entbrennen,
Soweit ich das im Zwielicht kann gewahren.«

Er gab mir Antwort: »Alles lernst du kennen,
Wenn uns der Fuß zum düstern Rand getragen
Des Flusses, den sie Acheron benennen.«

Da ließ mich Scham die Augen niederschlagen.
Befürchtend, daß ihn weiteres Reden störte,
Enthielt ich bis zum Flusse mich der Fragen.

Und da! zum Strand ein Boot ich plätschern hörte,
Gelenkt von einem altersbleichen Greise:
»Weh euch, verworfene Seelen und betörte,

Hofft niemals zu erschauen des Himmels Kreise!
Ich führe euch,« er riefs aus rauher Kehle,
»Zur ewigen Finsternis, zu Glut und Eise.

Und du, die dort verweilt, lebendige Seele,
Laß diese, deren Lebenslicht verglommen.«
Doch als er sah, ich trotze dem Befehle,

Rief er: »Hier giebt es kein Hinüberkommen!
Daß dichs zu anderm Strand und Hafen trage,
Muß dir dereinst ein leichteres Fahrzeug frommen.«

Der Führer drauf: »Charon, dem Zorn entsage.
Wo eins ist das Vollbringen und Verlangen,
Dort will mans also! Und nicht weiter frage.«

Da wurden glatter die behaarten Wangen
Dem Steuermanne auf dem fahlen Sumpfe,
Dem sich ums Auge Flammenräder schlangen.

Doch jene Seelenschar, die nackte stumpfe,
Erblaßte zähneklappernd voll Verzagen,
Als Charons Wort erscholl, das grausigdumpfe.

Gott und der Menschheit galt ihr lästernd Klagen.
Sie fluchten Eltern, Ort und Zeit und Samen,
Draus sie dem Schoß verpflanzt, der sie getragen,

Worauf sie alle weinend näherkamen
Zum vielverhaßten Strand, wo bangverzagend
Die Gottverächter stets ein Ende nahmen.

Charon, der Dämon, treibt sie alle jagend
Mit sprühendem Blick zusammen; die da säumen,
Ermuntert er, sie mit dem Ruder schlagend.

Und wie der Herbst die Blätter von den Bäumen
Eins nach dem andern rupft, und zwingt die Zweige,
All ihren Schmuck der Erde einzuräumen,

So Adams böse Brut beim Fingerzeige
Zum Strande einzeln lief, als wenn betrogen
Vom Lockruf Vögel ziehen zum Dohnensteige.

So fahren sie dahin auf dunkeln Wogen,
Und eh sie landen dort am Uferwalle,
Sind diesseits neue schon herangezogen.

»Mein Sohn,« der Meister gütig sprach, »sie alle,
Die unter Gottes Zorn dahingegangen,
Sammeln sich hier vom ganzen Erdenballe

Und eilen, fluthinüber zu gelangen.
Denn Allgerechtigkeit macht sie sich sputen,
Sodaß sich in Begierde kehrt ihr Bangen.

Kein guter Geist fuhr je durch diese Fluten.
Drum, führte Charon über dich Beschwerde,
So kannst du seiner Worte Sinn vermuten.«

Als er so schloß, begann die düstere Erde
So stark zu beben, daß ich noch vor Grausen,
Denk ich daran, in Schweiß gebadet werde.

Vom Tränenland hob sich ein Sturmwindsausen,
Durchzüngelt von der Blitze roten Schlangen,
Daß jeder Sinn mir unterging im Brausen.

Und niederfiel ich wie von Schlaf befangen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 04
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 04

Den tiefen Schlaf zersprengte mir im Haupte
Ein Donnerkrach, daß ich zusammenschreckte
Gleich einem, den Gewalt des Schlafs beraubte.

Ich spähte ausgeruhten Auges und reckte
Mich auf, daß ich von meinem Aufenthalte
Geschärften Blicks Genaueres entdeckte.

Und wirklich fand ich mich am Uferspalte,
Der abwärtsführt zum schmerzensreichen Schlunde,
Draus endlos Jammer donnernd widerschallte.

Ob ich den Blick auch schickte tief zum Grunde,
So schwarz blieb der, so neblig allerseiten,
Daß ich nichts unterschied in weiter Runde.

»Laß uns zur blinden Welt nun abwärtsgleiten,«
Begann der Dichter mit ganz blassen Wangen;
»Ich geh zuerst und du wirst nach mir schreiten.«

Drauf ich, dem seine Blässe nicht entgangen:
»Wie komm ich hin, wenn du des Schreckens Beute,
Wo sonst von dir ich Zager Mut empfangen?«

Und er zu mir: »Der Jammer dieser Leute,
Die drunten sind, bemalt mir nur die Wange
Mit solchem Mitleid. Nicht als Furcht dies deute.

Wohlauf drum, weil der Weg uns treibt, der lange.« -
So schritt er zu und so ließ er mich dringen
Zu dieses Abgrunds erstem Kreisumfange.

Doch nach den Lauten, die ich hörte klingen,
Gabs lautes Weinen nicht; nur seufzend Klagen
Ließ hier die ewige Luft erzitternd schwingen.

Und dies entstand von Leiden ohne Plagen,
Die all die großen und zahllosen Scharen
Der Kinder, Frauen, Männer hier ertragen.

Der Meister sprach: »Willst du denn nicht erfahren,
Was hier für Geister dir der Ort bescherte?
So laß mich, eh du gehst, dir offenbaren,

Daß sie nicht sündig. Doch mit eigenem Werte
War nichts getan: sie mangelten der Taufe,
Die jenes Glaubens Tür, den man dich lehrte.

Lebten sie auch vor Christi Zeitenlaufe,
Sie ehrten doch nicht Gott wie sichs gebührte;
So zählt mich zu den Seinen dieser Haufe.

Nur dieser Mangel, keine Schuld sonst führte
Zu den Verlorenen uns. Hier schmerzt uns eben
Die Sehnsucht nur, die hoffnungslosgeschürte.«

Sehr schmerzlich ließ dies Wort mein Herz erbeben;
Denn Seelen, denen hohe Tugend eigen,
Erkannt ich, die in diesem Vorhof schweben.

»Sag, Meister, mir; sag, Herr,« brach ich mein
(Gewißheit jenes Glaubens zu gewinnen, Schweigen,
Vor dem sich muß jedweder Irrtum neigen),

»Half keinem eigenes Verdienst vonhinnen »
Noch fremdes je, daß er dann selig würde?«
Und er, durchschauend mein verhehltes Sinnen,

Begann: »Ich war noch Neuling dieser Hürde,
Da sah ich den gewaltigen Herrscher kommen,
Gekrönt mit seines Sieges Lorbeerbürde.

Des ersten Vaters Geist hat er entnommen,
Abel, den Sohn, und Noa, diesem Bann;
Auch Moses, der Gesetze gab den Frommen.

Erzvater Abram, König David dann,
Israel mit dem Vater und den Söhnen
Und Rahel auch, die er so schwer gewann,

Und viele sah ich noch mit Heil ihn krönen.
Doch merk: zuvor hats nie sich zugetragen,
Daß sein Erlösungsruf hier mochte tönen.« -

Stets-wandernd, ob wir auch Gespräches pflagen,
Wir unterdessen durch das Dickicht stiegen
(Das Dickicht, dicht von Geistern, will ich sagen).

Erst wenig ließen wir des Weges liegen
Vom Gipfel an, da sah ich Feuershelle
Im Halbrund rings die Finsternis besiegen.

Ziemlich entfernt noch waren wir der Stelle,
Doch schon so nah, um etwa zu erkennen,
Daß ehrenwertes Volk sich hier geselle.

»O du, den Kunst und Wissen rühmend nennen,
Sag an, warum solch Vorrecht die genießen,
Daß sie vom Los der übrigen sich trennen?«

Und er: »Sich von der Menge auszuschließen,
Gewährte Gott, weil sie in deinem Leben
Den ehrenvollsten Namen hinterließen.«

Da hört ich eine Stimme sich erheben:
»Dem hohen Dichter laßt uns Ehre zeigen!
Heimkehrt sein Schatten, der sich wegbegeben.«

Als diese Stimme drauf erstarb im Schweigen,
Sah ich heran vier hohe Schatten wallen;
Dem Blick war Trauer nicht noch Frohsinn eigen.

Der gute Meister sprach: »Schau den, der allen,
Die Herrscherhand bewehrt mit einem Schwerte,
Vorangeht wie ein König den Vasallen:

Homer ists, der als Dichterfürst Geehrte.
Ihm folgt Horaz, der Meister in Satiren,
Ovid sodann, zuletzt Lukan, der werte.

Und weil uns alle gleiche Titel zieren,
Womit den Einen du mich hörtest loben,
So ehren sie mich schicklich als den Ihren.«

Die schöne Schule sah ich so verwoben
Mit jenem Meister höchster Sangesweise,
Der ob den andern schwebt als Adler droben.

Nach kurzem Zwiegespräch in ihrem Kreise,
Hold mich zu grüßen sie herab sich ließen -
Und darob lächelte mein Meister leise.

Doch größern Vorzug sollt ich noch genießen:
Sie luden mich als Sechsten in die Mitte,
Mich solchen Geistesriesen anzuschließen.

So lenkten wir zum Lichtschein hin die Schritte,
Von Dingen sprechend, schön an ihrer Stelle
Zu reden, wo sich hier nur Schweigen litte.

Nun gings zu eines stolzen Schlosses Schwelle,
Umschirmt von sieben hohen Mauerringen,
Beschützt von eines schönen Baches Welle,

Durch den wir wie auf trockenem Lande gingen;
Trat mit den Weisen dann durch sieben Pforten,
Wo grüne Wiesenmatten uns empfingen.

Wir trafen Leute stillen Blickes dorten,
Von Haltung würdevoll und ernst an Mienen,
Redselig nicht, doch sanft in ihren Worten.

Wir zogen nunmehr seitwärts hin von ihnen
Zu einer ringsum-offenen, lichten Stelle,
Wo unserm Blick sie insgesamt erschienen.

Dort grad vor mir auf grüner Wiesenhelle
Sah ich die hohen Geister: sie gewährten
Durch ihren Anblick eine Freudenquelle

Bis heute mir! - Im Kreise der Gefährten
Sah ich Elektren, Hektorn und Äneen,
Dann Zäsar, den mit Falkenblick verklärten.

Sah auch Kamilla und Penthesileen
Zur anderen Seite; konnte bei Latinen
Lavinia, seine Tochter, sitzen sehen.

Sah jenen Brutus, der vertrieb Tarquinen.
Lukretia, Julia, Martia durft ich schauen,
Kornelia auch und abseits Saladinen.

Dann, als ich etwas höherhob die Brauen,
Bemerkt ich auch den Meister aller Weisen
Im Kreis der Jünger, die auf Weisheit bauen.

Sie einen sich, bewundernd ihn zu preisen.
Zunächst ihm konnten meinem Blick sich bieten
Sokrates, Plato. Sah auch - der das Kreisen

Der Welt dem Zufall zuschreibt - Demokriten,
Thales, Diogenes, Anaxagoren,
Empedokles, Zeno und Herakliten,

Tullius, Linus, Orpheus, und der geboren
Zum Arzt, Dioskorid. - Die Runde zierte
Auch Seneka, der die Moral erkoren,

Galen, Euklid, der Form und Raum studierte.
Sah Hippokrat, Ptolmäus, Avicennen,
Averroës, der wacker kommentierte.

Eingehend kann ich sie nicht alle nennen,
Weil nicht der Reim des Stoffes Fülle bindet,
Daß sich Gesichte und Berichte trennen.

Der Bund der Sechs auf Zwei nun wieder schwindet.
Auf anderm Pfad führt mich der weise Leiter
Aus stiller Luft hin, wo es zitternd windet;

Und dahin komm ich, wo nichts leuchtet weiter.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 05
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 05

So gings vom ersten Kreis zum zweiten nieder;
Und bildet der auch eine kleinere Schleife,
Hallt er doch mehr vom Schmerzgeheule wider.

Am Tor grinst Minos wild, forscht, zwingt zur Reife
Die Schuld ans Licht und schickt als Urteilskünder
So tief als er es anzeigt mit dem Schweife.

Ich meine: ohne Rückhalt muß der Sünder,
Der vor ihn tritt, gestehn der Frevel Masse.
Und er, ein unerbittlicher Ergründer,

Erwägt, welch Höllenort die Seele fasse:
Er peitscht sich mit dem Schweif sovielemale
Als man sie Stufen niedersinken lasse.

Hier drängt sich stets das Volk, das schreckensfahle,
Tritt einzeln her zum Spruch, ob ihm auch grause:
Sie beichten, hören, stürzen dann zutale!

»O du, der eintritt zu dem Schmerzenshause,«
Rief Minos laut, als er mich wahrgenommen,
Im hohen Amte machend eine Pause,

»Wem traust du? wie bist du hereingekommen?
Nicht täusche dich das Tor, wie weit es rage!«
Mein Führer drauf: »Was soll dein Schreien frommen?

Nicht seinen Schicksalsgang zu hemmen wage:
Wo eins ist das Vollbringen und Verlangen,
Dort will mans also! und nicht weiter frage.« -

Jetzt wars, wo Schmerzenslaute angefangen
Mein Ohr zu treffen; jetzt war ich gestiegen
Hinab, wo endlos Klagen mich durchdrangen.

Ich kam zum Ort, wo alle Lichter schweigen,
Der gleich dem Meere brüllt, wenn es gewittert
Und feindlich sich die Winde drauf bekriegen.

Ruhlose Höllenwindsbraut packt erbittert
Und reißt mit sich dann die Geisterheere,
Dreht, schleudert sie, daß Glied für Glied erzittert.

Sobald sie nun ergreift des Anpralls Schwere,
Bricht los ein Weherufen, Ächzen, Klagen,
Da lästern sie dann des Allmächtigen Ehre,

Ich hörte, daß verdammt zu solchen Plagen
Die wären, die - verlockt vom Sinnentruge -
In Wollust frönend der Vernunft entsagen.

Und wie die Stare fliegen, dicht im Zuge
Gedrängt, daß sie des Winters Frost entrönnen,
So treibt der Wind die Sünder hier zum Fluge

Und auf und nieder ohne Rast zu gönnen.
Mit Trost kann keine Hoffnung sie versöhnen,
Daß mindere Pein noch Ruhe sie gewönnen.

Und wie die Kraniche mit Klagetönen
Die Lüfte rasch durchziehen in langen Fahnen,
So sah ich kommen unter lauten Stöhnen

Die Schatten auf des wütigen Windes Bahnen.
»Meister,« sprach ich, »welch Volk wird in die Runde
Hier so gepeitscht von schwärzlichen Orkanen?« -

»Die erste dieser hier, davon du Kunde
Begehrest,« jener mich darauf belehrte,
»War Kaiserin vielsprachigem Völkerbunde.

Die Wollust war es, die sie so verzehrte,
Daß »Schuld hieß Huld« nach ihrer Satzung Thesen,
Die Schmach zu tilgen, die sie selbst entehrte.

Es ist Semiramis, von der zu lesen,
Daß sie dem Ninus folgte, ihrem Gatten;
Was heut des Sultans ist ihr Land gewesen.

Die andre, untreu des Sichäus Schatten,
Ließ Liebesnot zum Tod freiwillig schreiten;
Sie schwebt voran der nie an Wollust satten

Kleopatra. - Die Ursach schimmer Zeiten,
Helenen sieh! Achill, ein Held vor allen,
Den noch zuletzt die Liebe zwang zum Streiten.

Sieh Paris hier und Tristan näherwallen.«
Wohl mehr als tausend er mir wies und nannte,
Die Liebe straucheln und hierher ließ fallen.

Als ich aus meines Lehrers Mund erkannte
Die Frauen und Ritter aus der Vorwelt Tagen,
Empfand ich, daß mich Mitleid übermannte.

Und ich begann: »Poet, gern möcht ich sagen
Ein Wort den zweien, die umschlungen gehen,
Scheinbar als Windspielball hingetragen.«

Und er: »Wenn nur, sobald sie näherwehen,
Dein Mund bei jener Liebe sie beschwöre,
Die sie umherjagt, bleiben sie wohl stehen.«

Und als das Paar so nahe, daß michs höre,
Ruf ich: »O weilt, ihr Seelen voller Plagen,
Und sprecht mit uns, falls euch kein andrer störe!«

Wie Tauben weit und fest die Flügel schlagen,
Zum holden Nest gelockt vom Sehnsuchtsharme,
Und eigenen Wunsches durch die Luft getragen,

So diese aus der Dido dichtem Schwarme
Zu uns her durch die Luft Beschwerde flogen:
So stark mein Anruf war, der liebeswarme.

»O freundlich Wesen du, das holdgewogen
Uns aufsucht hier in purpurdunkler Sphäre,
Uns, deren Blut die Erde aufgesogen,

Wenn uns geneigt des Weltalls König wäre,
Wir bäten ihn, dir Frieden zu erzeigen,
Weil unserer Qual du zollst des Mitleids Zähre.

Magst du zum Sprechen oder Hören neigen,
Wir reden gern und leihen euch die Ohren,
Will nur, wie jetzt, der Wind indessen schweigen.

Am Strande liegt die Stadt, die mich geboren,
Dort wo der Po die Meeresflut weiß zu finden,
Drin er und sein Gefolg sich bald verloren.

Liebe, die edle Herzen schnell kann binden,
Mit Macht für meine Schönheit ihn entzückte,
Die mir geraubt; wie! kann ich nie verwinden.

Liebe, die Gegenliebe stets beglückte,
Hielt für den Freund so heftig mich verblendet,
Daß ichs, du siehst es, noch nicht unterdrückte.

Liebe hat uns vereint ins Grab gesendet;
Kaïna harrt auf ihn, der uns erschlagen.«
So sprachen diese zwei zu uns gewendet.

Als ich die Seelen also hörte klagen,
Senkt ich und hielt gesenkt den Blick solange
Bis ich Virgil »Was sinnst du?« hörte fragen.

»Weh!« sprach ich, »welch ein Sehnen ängstlichbange
Und wieviel süßes Träumen zog hernieder
Die beiden zu so schwerem Schmerzensgange!«

Drauf kehrt ich mich zu jenen beiden wieder
Und fragte: »Sieh, Franzeska, wie dein Leiden
Mit frommer Trauer mir bewegt die Lider.

Doch sprich: als liebeskrank geseufzt ihr beiden,
Wie und wodurch ließ denn in solchen Stunden
Amor der Wünsche Zweifel sich entscheiden?«

Und sie zu mir: »Kein Schmerz kann mehr verwunden,
Als der: im Elend freudenreicher Tage
Zu denken - auch dein Lehrer kanns bekunden!

Doch weil so voller Sehnsucht deine Frage,
Was uns zuerst zur Liebe mocht erregen,
So dulde, daß ichs unter Weinen sage:

Wir lasen eines Tags zur Kurzweil wegen,
Welch Liebesnetz den Lanzelot gebunden;
Allein wir zwei und ohne Arg zu hegen.

Oft hatten unsere Augen sich gefunden
Beim Lesen und wir fühlten uns erbleichen.
Doch eine Stelle hat uns überwunden,

Als wir gelesen, wie vom Mund, dem weichen,
Ersehntes Lächeln küßt solch hoher Streiter -
Da trieb es, bebend mir den Mund zu reichen,

Auch den hier, der nun ewig mein Begleiter:
Galeotto war das Buch und ders gedichtet.
An diesem Tage lasen wir nicht weiter...«

Indem der eine Geist mir dies berichtet,
Vergoß der andre soviel Tränen wieder,
Daß ich vor Mitleid hinschwand wie vernichtet

Und hinfiel so als fiel ein Toter nieder.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 06
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 06

Kaum daß mir mein Bewußtsein wiederkehrte,
Das mir vergangen vor dem Weh der beiden
Verwandten, das mit Trübsal mich beschwerte,

So sah ich ringsherum nur neue Leiden
Und Leidende, wohin ich mich bewegen,
Wohin ich mich zu sehen mocht entscheiden.

Ich bin im dritten Kreis, wo kalter Regen
Als Fluch herniederfällt in ewiger Dauer,
Des Art und Stoff sich nie zu ändern pflegen.

Schmutzwasser, Schnee und Hagel, körnigrauher,
Durchfegen hier die dunkle Luft mit Brausen.
Die Erde stinkt, die aufsaugt solche Schauer.

Das Untier Zerberus, seltsam, zum Grausen,
Bellt wie ein Hund voll Wut aus dreien Kehlen
Das Volk an, das hier eingetaucht muß hausen.

Sein Schwarzbart trieft, sein Aug ist düsteres Schwelen
Wampig sein Bauch. Die scharfbeklaute Kralle,
Zerkratzt, zerfleischt und schindet schlimm die Seelen.

Die heulen Hunden gleich im Tropfenfalle.
Bald diese und bald jene Seite drehen
Vom Regen ab die Elendswichte alle.

Als Zerberus, der Lindwurm, uns ersehen,
Reißt er die Mäuler auf und zeigt die Hauer;
Kein Glied am Körper blieb ihm stillestehen.

Mein Führer aber, frei von jedem Schauer,
Griff Erde auf und warf die Faust, die volle,
Tief in den Schlund dem gierigen Verdauer.

Und wie ein Hund nachläßt in Gier und Grolle,
Gleich ruhig wird, wenn er den Fraß gefangen,
Und nur noch sinnt, wie er ihn schlucken solle,

So ließ die schmutzigen Fratzen ruhig hangen
Der Dämon Zerberus, der sonst anschmettert
Die Seelen, daß sie taub zu sein verlangen. -

Wir gingen nun auf Schatten, hingewettert
Von Regens Wucht, doch unsere Sohlen traten
Nur scheinbar Körper, die wir überklettert.

So lagen alle fühllos, als wir nahten.
Nur einer hat sich blitzgeschwind erhoben,
Als er uns sah bei sich vorüberwaten.

»O du, der durch die Hölle wird geschoben,«
Rief er, »erkenne mich, will dirs gelingen.
Dir ward vor meinem Hintritt Eintritt droben.«

Und ich: »Die Qualen, die du leidest, bringen
Vielleicht entstellt dein Bild mir vor die Sinne;
Mir scheint, du bist mir fremd in allen Dingen.

Doch sage mir, wer bist du im Gerinne
Des Jammerorts? Mags größere Strafen geben,
Ward ich doch keiner ekelhafteren inne.«

Da rief er: »Deine Stadt, von Neidbestreben
So voll, daß schon der Sack will überlaufen,
Umschloß auch mich dereinst im heiteren Leben.

Ihr Bürger wußtet Ciacco mich zu taufen;
Und weil ich frönte nur dem gierigen Schlunde,
Durchweichen, wie du siehst, mich diese Traufen.

Doch bin ich nicht allein im Unglücksbunde,
Denn alle diese müssen gleiches leiden
Um gleiche Schuld.« Nicht gab er weitere Kunde.

Und ich: »O Ciacco, nicht kann ichs vermeiden,
Daß deine Qualen mich zu Tränen rühren.
Doch, weißt dus, sprich, wie sich das Los entscheiden

Der Bürger wird, die Zwist und Streit verführen?
Weilt ein Gerechter dort? Kannst du mir sagen,
Aus welchem Grund sie solchen Hader schüren?«

Und er: »Es kommt nach langem Streit zum Schlagen.
Die Waldpartei, nachdem viel Blut vergossen,
Wird die der andern ächten und verjagen.

Doch eh drei Sonnenläufe noch verflossen,
Wird diese sinken und die andre steigen
Mit Hilfe des, der noch tut unentschlossen.

Hoch wird sie lange Zeit die Stirne zeigen,
Die andre halten unter Druck und Banden,
Mag sie erzürnen, mag in Scham sie schweigen.

Zwei sind gerecht nur, aber unverstanden.
Stolz, Neid und Habsucht machen allbehende
Dreifachen Brands die Herzen schon zuschanden.«

Hier machte er dem Klagelied ein Ende.
Und ich zu ihm: Noch wünsch ich mehr zu wissen,
Und bitte denn um weitere Redespende.

Noch läßt mich Mosca, Farinata missen
Dein Wort. Arrigos, Rusticuccis Seelen,
Tegghiaios und der andern, ruhmbeflissen,

Wo sind sie? Wolle mir dies nicht verhehlen.
Gern wüßt ich, ob sie Himmelslust erfahren,
Ob sie im bittern Brand der Hölle schwelen?«

Und jener: »Die sind bei den schwärzeren Scharen;
Vielfältige Schuld hält drunten sie auf immer:
Steigst du so tief noch, wirst du sie gewahren.

Doch kehrst du heim zum holden Erdenschimmer,
Laß nicht den andern Kunde von mir fehlen.
Mehr sage und mehr antwort ich dir nimmer.«

Die graden Augen wurden drauf zu scheelen;
Er sah mich flüchtig an, das Haupt dann neigend
Hinfiel er zu den andern blinden Seelen.

Mein Führer sprach: »So wird er schlafen schweigend,
Bis des Gerichts Posaunenrufe schallen
Und machtvoll kommt ihr Feind, vom Himmel steigend.

Zur Trauergruft wird jeder wieder wallen,
Sein Fleisch und Aussehen wird ihm neu gegeben,
Zu hören, was in Ewigkeit wird schallen.« -

Nun ging es langsam fort, wo sich verkleben
Zu ekelm Wuste Schatten und Regenschauer,
Berührend mancherlei vom Jenseitsleben,

Weshalb ich sprach: »Sag, Meister, ob die Trauer
Von diesen nach dem großen Spruch sich mehre,
Sich mindre oder gleich verbleib an Dauer?«

Und er: »Ein Wesen, fragst du deine Lehre,
Kann sich um so vollkommner offenbaren,
Als Lust und Schmerz es fühlt mit größerer Schwere.

Obgleich nun dieser Maledeiten Scharen
Nie wirkliche Vollkommenheit erlangen:
Sie hoffen einst auf mehr als hier sie waren.«

Drauf sind wir weiterfort im Kreis gegangen,
Mehr sprechend als ich sagen will in Worten,
Bis hin, wo wir auf Stufen abwärtsdrangen.

Plutus, den großen Feind ersahen wir dorten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 07
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 07

Pape Satan, pape Satan aleppe!«
Schrie krächzend Pluto; doch des Weisen Stimme,
Dem alles kund, scholl freundlichtröstend: »Schleppe

Dich nicht mit Furcht. Er kann trotz seinem Grimme
Und großer Macht dich nicht verhindern wollen,
Daß diesen Fels dein Fuß herniederklimme.«

Gekehrt zur Fratze, die von Zorn geschwollen,
Rief er sodann: »Schweig, Wolf, vermaledeiter!
Friß und verschlinge dich im eigenen Grollen.

Nicht unbefugt zur Tiefe gehen wir weiter.
Dort will mans so, wo mit dem Schwert stieß nieder
Den stolzen Schänder Michael der Streiter.«

Wie windgeschwellte Segel haltlos wieder
Zusammenklappen, wenn zerknickt die Masten,
So knickten ein des Untiers grause Glieder. -

Zum vierten Abgrund ging es ohne Rasten,
Wo vollgepfropft in tieferen Schmerzensgründen
Aus aller Welt endlose Qualen lasten.

Gerechter Gott! wer könnte Häufung künden
Von größern Martern, als ich hier gesehen,
Dran wir zugrundegehn kraft unserer Sünden?

Wie der Charybdis wilde Wogen gehen,
Zerschellend an der Gegenströmung Toben,
So muß das Volk sich hier im Wirbel drehen.

Hierunten sah ich Seelen mehr als droben,
Die mit Geheul, sich in zwei Gruppen teilend,
Durch ihrer Brust Gewalt Lasten herschoben.

Zusammenstoßen sie und unverweilend
Macht alles Kehrt, beginnt aufs neu die Reise
Und schreit: »Was hältst du?« - und: »Warum so eilend?«

So trieben sies in diesem dunkeln Kreise,
Bis sie von rechts und links zurückgekommen,
Schreiend und lästernd sich in ihrer Weise.

War halb der Kreis durchstürmt und eingenommen
Der Gegenpunkt, gings neu zum Wetterennen.
Und ich, davon im Herzen ganz beklommen,

Ich sprach: »Mein Meister, laß mich nun erkennen,
welch Volk dies ist und ob hier links die Scharen
All der Geschorenen geistlich sind zu nennen?«

Und er zu mir: »Hier diese alle waren
So blind an Geist in ihrem ersten Leben,
Daß rechtes Maß ihr Aufwand nie erfahren.

Ihr Belfern wird dir gültig Zeugnis geben.
Wenn sie im Kreis zum Wendepunkt gekommen,
Trennt sie die Schuld, drin sie sich widerstreben.

Die dort sind geistlich, denen man genommen
Den Haarschmuck. Päpste sinds und Kardinäle,
Bei denen Geiz den Gipfelpunkt erklommen.«

Ich sprach: »Ich glaube, Meister, wohl: ich zähle
Hier manchen, den ich müßte wiederkennen,
Und der sich unter gleichem Schandmal quäle.«

Doch er zu mir: »Das muß ich Täuschung nennen!
Besudelt und entstellt vom Lasterleben,
Wie könnte sie der Blick erkennbar trennen?

Sie müssen stets im Widerstoß erbeben,
Bis sich die einen mit geschlossenen Händen,
Die andern haarlos aus der Gruft erheben.

Sie hat beraubt Schlechtsparen und Schlechtspenden
Der schönen Welt, zum Zank in diese Gosse
Gestürzt - und nun laß mein Erklären enden.

Drum sieh, mein lieber Sohn, die kurze Posse
Der Güter, die Fortunen sind beschieden,
Drob soviel Zwist erwächst dem Menschentrosse.

Denn alles Gold, was unterm Mond hienieden
Ist oder war, es könnte nie betauen
Nur eine müde Seele hier mit Frieden.« -

»Meister,« sprach ich zu ihm, »noch laß mich schauen:
Wer ist Fortuna, die auf unserer Erde,
Sagst du, die Güter hält in ihren Klauen?«

Und er zu mir: »O blinde Menschheitsherde!
Welch Wissensmangel läßt euch doch erkranken. -
Beherzige wohl, was ich dir sagen werde.

Er, dessen Weisheit frei von allen Schranken,
Er schuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Daß alle Teile allen Klarheit danken

Durch seines Lichts gleichmäßige Verbreitung.
So gab dem Erdenglanz der ewige Hüter
Auch eine Dienerin zur Wegbegleitung.

Die schickt zu ihrer Zeit die eiteln Güter
Von Volk zu Volk, von Blut zu Blut, nie dauernd,
Trotz Witz und Einspruch menschlicher Gemüter.

Drum herrscht ein Volk, ein andres schmachtet trauernd,
Wie sies bestimmt hat, die indes gelegen
Gleich einer Schlange, unterm Grase lauernd.

All euer Wissen kämpft umsonst dagegen.
Sie sorgt, sie urteilt und beschickt hienieden
Ihr Reich, wie auch die andern Götter pflegen.

In ihrem Wandel weiß sie nichts von Frieden.
Notwendigkeit erhält sie stets im Jagen,
Drum ist ein Wechsel manchem oft beschieden.

Das ist sie, die so oft ans Kreuz geschlagen
Von denen, die sie lobend sollten ehren,
Und sie mit Unrecht schelten und verklagen.

Doch hörts die Selige nicht, sich dran zu kehren.
Mit andern Urgeschöpfen läßt sie eilen
Die rollende Kugel und erfreut sich deren.

Jetzt komm zu größerer Qual hinab die Steilen,
Schon jeder Stern sinkt, der sich aufgeschwungen
Seitdem ich aufbrach, und es frommt kein Weilen.« -

So ward zum andern Rand der Kreis durchdrungen
Ob einem Quell, der kochend sein Gefälle
In einen Bach gießt, der dem Quell entsprungen.

Dunkler als Purpur noch war seine Welle.
Und von der trüben Flut begleitet, klommen
Wir abwärts über eine grausige Stelle,

Bis wir zu einem Sumpf, dem Styx, gekommen,
Der rasch den Trauerbach am Fuß des steilen
Bösartigen Abgrunds insich aufgenommen.

Begierig ließ ich rings die Blicke eilen
Und sah im Sumpfe schlammbedeckte nackte,
Von Zorn durchschüttelte Gestalten weilen.

Nicht nur mit Fäusten schlug man sich; man packte
Sich auch mit Kopf, Brust, Füßen wie mit Klauen,
Wobei den Leib stückweis der Zahn zerhackte.

Der Meister sprach: »Mein Sohn, hier kannst du schauen
Die Seelen derer, die der Zorn macht rasen.
Und glaub mirs, wenn ich dir will anvertrauen:

Noch andere liegen unterm ekeln Wrasen
Und seufzen so, daß brodelnd aufwärtsfließen,
Wie dich der Blick belehret, diese Blasen.

Sie sprechen tief im Schlamme: 'Traurig ließen
Die süßen Lüfte uns in Sonnentagen,
Gewohnt, ins Herz des Trübsinns Qualm zu schließen.

Jetzt müssen wir in schwarzer Suppe klagen'
Solch eine Hymne gurgeln sie im Schlunde,
Die sie mit klarem Wort nicht können sagen.«

So zwischen dem Morast und festem Grunde
Den Rundgang wir entlang dem Schmutzteich nahmen,
Den Blick gekehrt auf die mit Schlamm im Munde.

Zuletzt zu eines Turmes Fuß wir kamen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

Weiterberichtend sag ich, daß uns lange,
Eh wir zum Fuß des hohen Turms gekommen,
Die Blicke zog zu seines Daches Hange

Ein Flämmchenpaar, das wir dort sahen entglommen,
Und dem fernher ein drittes Antwort kündet,
So fern, daß es dem Auge blieb verschwommen.

Blickend zum Meer, drin alle Weisheit mündet,
Begann ich: »Welch Gespräch wird hier gepflogen
Von diesen zwein? Und wer hat sie entzündet?« -

»Schon kannst du sehen auf den schmutzigen Wogen
Das, was ich zu erwarten im Begriffe,«
Sprach er, »wenn dirs der Sumpfqualm nicht entzogen.«

Kein abgeschossener Pfeil jemals durchpfiffe
Die luftige Bahn mit solcher Blitzesschnelle,
Als ich es sah von einem winzigen Schiffe,

Das grade auf uns zuschoß durch die Welle;
Ein Mann nur drin, ders lenke und beschütze.
Der schrie: »Bist du, verruchter Geist, zur Stelle?« -

»Phlegias, Phlegias, dein Schreien ist nichts nütze
Für diesmal,« hört ich meinen Weggenossen.
»Dein sind wir nur zur Überfahrt der Pfütze.«

Wie jemand merkt, daß ihm ein großer Possen
Gespielt sei, drob ihn Zorn will schier besiegen,
Hielt Phlegias seine Wut insich verschlossen.

Mein Führer war ins Boot hinabgestiegen
Und hieß nach ihm mich nehmen meine Stelle.
Erst als ich drinnen, schien es schwer zu wiegen.

Kaum daß im Schiff ich saß und mein Geselle,
Sah ich den alten Kiel vondannen eilen
Und tiefer furchen wohl als sonst die Welle.

Als wir den toten Graben so zerteilen,
Taucht ein Beschlammter auf und schreit: »Wer immer
Du seist, du kommst zu frühe, hier zu weilen.«

Und ich zu ihm: »Ich kam, doch bleib ich nimmer.
Doch wer bist du, so schmutzig und abscheulich?«
Er sprach: »Du siehst es, einer voll Gewimmer.«

Und ich: »So sei - verdammt und unerfreulich -
Weinend und klagend ewig hier gefunden!
Dich kenn ich, schwärzt dich der Morast auch greulich.«

Da hielt er jede Hand ums Bord gewunden,
Daß ihn der kluge Meister mußt verjagen,
Rufend: »Weg! troll dich zu den andern Hunden.«

Drauf er, den Arm um meinen Hals geschlagen,
Mich küssend sprach: »O Seele, glutenvolle,
Gesegnet sei der Schoß, der dich getragen.

Auf Erden lebte dieser Hochmutstolle
Derart, daß nichts wird seinen Namen loben;
Drum zürnt auch hier sein Schatten noch im Grolle.

Wie viele schilt man große Fürsten droben,
Die hier im Kot wie Säue werden stehen,
Nachlassend grause Flüche nur dortoben.«

Drauf ich: »Gern, Meister, möcht ich eines sehen,
Daß er von dieser Tunke kosten müßte,
Bevor ans Land wir aus dem Sumpfe gehen.«

Und er zu mir: »Noch eh die andere Küste
Uns naht, wirst du es schauen mit Behagen.
Befriedigung fordert billig solch Gelüste.«

Kurz drauf sah ich erbärmlich ihn geschlagen
Von einer Schar der Kot- und Mistbeschlammten:
Gott will ich ewig Lob und Dank drum sagen!

»Packt den Argenti!« schrien die Zornentflammten.
Da sah ich selbstzerfleischen sich mit Bissen
Aus Wut den florentinischen Verdammten.

Hier trennten wir uns -mehr nicht lohnt zu wissen;
Doch drang ans Ohr mir jetzt solch schmerzhaft Brüllen,
Daß ich vorspähend das Auge aufgerissen.

Der gute Meister sprach: »Bald wird enthüllen
Sich dir ein Ort, mein Sohn: Dis heißt die Stätte,
Die scharenweis bösartige Bürger füllen.« -

»Schon konnt ich, Meister, ihre Minarette,«
Sprach ich, »im Talgrund voneinander trennen.
Dort glühts, alsob es Feuer insich hätte.«

Und er: »In ihrem Schoß das ewige Brennen
Macht solche Röte diese Stadt gewinnen.
Bald läßt die untere Hölle dichs erkennen.« -

Einlenkten wir in tiefe Grabenrinnen,
Die jene hoffnungslose Stadt umschlangen.
Mir schienen eisern Mauerwerk und Zinnen.

Nicht ohne einen großen Umweg drangen
Wir dahin, wo des Fergen barsche Worte
»Steigt aus, hier ist der Eingang!« uns erklangen.

Himmelsverbannter sah ich an der Pforte
Tausend und mehr, und trotzig schrien die Frechen:
»Wer ists, der in des toten Volkes Orte

Als Unverstorbner wagt dreist einzubrechen?«
Mein weiser Meister aber gab ein Zeichen,
Er wolle insgeheim mit ihnen sprechen.

Da mocht ihr großer Grimm ein wenig weichen.
Sie riefen: »Komm allein; doch den laß fliehen,
Der vorlaut sich gedrängt zu unsern Reichen.

Allein soll er die Narrenstraße ziehen
Nach Haus, wenn es ihm glückt! Doch du wirst bleiben,
Der ihm ins Nachtgefild Geleit verliehen.«

Ob mich der Mut verließ: muß ichs beschreiben,
O Leser, bei so schnöder Worte Klange?
Wer würde meine Heimkehr hier betreiben?

»O teuer Führer, der mich, wenn mir bange,
Schon siebenmal und öfter hat beschwichtet
Und mich entriß dem unheilvollsten Zwange,

Nicht laß mich,« bat ich, »sonst bin ich vernichtet.
Und ists verwehrt uns, weiter vorzudringen,
Sei schnell auf Rückkehr unser Sinn gerichtet.«

Doch jener Herr, befugt mich herzubringen,
Sprach zu mir: »Fürchte nichts; denn unsere Reise
Hemmt keiner, läßt uns höhere Macht gelingen.

Drum harre hier, und neu mit Hoffnung speise
Den schwachen Mut; denn nie wird es geschehen,
Daß ich dich lasse hier im tiefen Kreise.«

So geht er hin und läßt mich einsam stehen,
Der holde Vater; und in Zweifelsbangen
Laß durch den Kopf ich Ja und Nein mir gehen. -

Nicht konnt ich hören, was dort vorgegangen;
Doch lang nicht blieb er stehen zu kurzem Worte,
Als alle in die Stadt im Wettlauf sprangen.

Die Widersacher schlugen zu die Pforte
Dicht vor des Meisters Brust. So ausgeschlossen,
Kam langsam er zurück zu mir am Orte,

Gesenkten Blicks, dem aller Mut entflossen.
»Wer ists, der mir zu wehren sich gelüste
Des Jammers Haus?« So seufzt er leis-verdrossen.

Und dann zu mir: »Ob ich mich auch entrüste,
Erschrick nur nicht; denn ich besteh die Proben,
Wie man dadrin sich auch mit Abwehr brüste.

Alt ist solch Trotz! Man sah bereits ihn toben
An einer weniger-geheimen Pforte,
Vor die seitdem kein Riegel ward geschoben:

Du sahest über ihr die Todesworte.
Und diesseits schon den Abhang niederschreitet,
Der keinen Führer braucht durch diese Orte -

Solcher, der Zutritt uns zur Stadt bereitet.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 09
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 09

Des Kleinmuts Blässe, die mein Antlitz deckte,
Als ich den Führer sah so traurig kehren,
Trieb ihn, daß er die eigene Furcht versteckte.

Er horchte aufmerksam, alsob belehren
Das Ohr ihn sollte, weil nicht in die Weite
Das Auge drang, dem Dunst und Qualm zu wehren.

»Nur uns allein gebührt der Sieg im Streite,«
Begann er, »wenn nicht ... darf ich auf ihn pochen?
Wie lang doch währts bis Er an meiner Seite!«

Ich sah wohl, daß er sich nur unterbrochen,
Um mir den Schlußgedanken zu verdecken,
Denn anders klang, was er zuerst gesprochen.

Gleichwohl ließ mich sein Selbstgespräch erschrecken;
Denn in dem Satze, den er jäh durchschnitten,
Sah Schlimmres als er selbst mein Argwohn stecken.

»Hat je des Qualenkessels Grund beschritten
Von denen einer, die im ersten Kreise
Getäuschter Hoffnung Strafe nur erlitten?«

So fragt ich. »Nur sehr selten,« sprach der Weise,
»Geschahs, daß unsereiner ward erkoren,
Den Weg zu wandern, den ich jetzt durchreise.

Zwar ich ward einmal schon hierherbeschworen.
Durch der Erichtho grausige Zaubereien,
Die Tote weckt, schritt ich zu diesen Toren.

Kaum ließ mein Tod sich Fleisch und Geist entzweien,
Als sie mich hergesandt zu diesen Mauern,
Um einen Geist Judeccas zu befreien,

Des tiefsten Ortes, dessen finstern Schauern
Zufernst ums All des Himmels Räume schwingen.
Vertraut ist mir der Weg, drum laß dein Trauern.

Von einem Sumpf, draus ekle Dünste dringen,
Ist dieser Schmerzenswohnort rings umwunden,
Zu dem nur Zorn uns Einlaß kann erzwingen.«

Was er noch sprach, ist meinem Sinn entschwunden,
Weil mir der hohe Turm, starr hinzuschauen
Zur Zinnenglut, das Auge hielt gebunden,

Wo plötzlich, steil emporgereckt zum Grauen,
Drei blutbefleckte Höllenfurien standen:
Glieder und Haltung ganz wie Erdenfrauen,

Nur daß die Hüften grüne Hydern banden
Und daß, wo Haare sonst das Haupt umspinnen,
Sich Natternbrut und Vipern grausig wanden.

Und er, dem wohlbekannt die Dienerinnen
Der Königin niemals-ausgeweinter Zähren,
Er rief: »Sieh da die schrecklichen Erinnen!

Rechts weint Alekto, links siehst du Megären,
Dazwischen ist Tisiphone zu schauen.«
Und er verstummte mitten im Erklären.

Die Brust zerriß sich jede mit den Klauen,
Und zu der Fäuste Schlagen scholl ihr Brüllen,
Daß ich mich eng am Dichter hielt vor Grauen.

»Er werde Stein! Laß uns dein Haupt enthüllen,
Medusa,« kreischten sie und stierten nieder,
»An Theseus endlich Rache zu erfüllen!« -

»Dreh dich und drück aufs Auge fest die Lider,
wenn es bei Gorgos Anblick offenstände,
Du kehrtest niemals heim nach oben wieder!«

So rief Vergil, der - daß er selbst mich wände -
Sich eilte und zum Schutze des Gesichtes
Auf meine Hand noch legte seine Hände. -

Ihr, deren Geist sich freut gesunden Lichtes,
Bedenkt die Lehre, die mit Schleiers Hülle
Den Sinn bedeckt des seltsamen Gedichtes! -

Schon überflog ein dröhnendes Gebrülle
Die trüben Wogen so, alsob vor Grausen
Ein jedes Ufer tiefer Schreck erfülle.

Es klang wie Sturmwind, der mit zornigem Brausen
Bekämpft die Lüfte, die zuheiß-erglühten,
Der durch die Waldung rast mit wildem Sausen,

Äste knickt, abreißt, mitsichführt im Wüten,
Und staubaufwirbelnd stolz durchfegt die Aue,
Daß bang die Herden fliehn und die sie hüten.

Mein Auge gab er frei und sprach: »Nun schaue
Dein Sehnerv hin zum abgestandenen Schaume,
Dort, wo am beißendsten der Qualm, der graue.«

Wie Frösche angstvoll aus des Sumpfes Raume
Vor ihrer Feindin Schlange jäh zerstieben
Und eng sich kauern an des Ufers Saume,

So sah ich tausend Seelen angstgetrieben,
Ja mehr, vor einem fliehn, dem beim Durchschreiten
Des grausen Styx die Sohlen trocken blieben.

Die linke Hand bewegte er zuzeiten,
Daß er den dicken Dunst vom Antlitz bannte,
Denn das nur schien ihm Unmut zu bereiten.

Wohl merkt ich, daß der Himmel ihn entsandte,
Zum Meister kehrt ich mich; doch auf sein Zeichen
Ich stummen Neigens Ehrfurcht ihm bekannte.

Ha! wie er schien vor Unmut zu erbleichen.
Er trat ans Tor und schlugs mit einer Rute:
Aufsprangs, denn jedes Hemmnis mußte weichen.

»Himmelsverbannte, ewigen Trotz im Blute,«
Begann er auf der fürchterlichen Schwelle,
»Was führt euch zu so tollem Übermute?

Was trotzt dem Willen ihr von höchster Stelle,
Der, eurer lachend, stets sein Ziel gefunden,
Und euch ward mehrmals neuen Schmerzes Quelle?

Was hilfts, die Stirn am Schicksal zu verwunden?
Denkt euers Zerberus: zu seinem Glücke
Zeigt er nur Kinn und Hals noch heut zerschunden!«

Dann kehrte durch den Schlammpfad er zurücke,
Doch ohnedaß sein Wort an uns erginge,
Nein so, alsob ihn andres quäl und drücke,

Als unsere Sorge, die ihm zu geringe. -
Wir lenkten nun zur Stadt, vom heiligen Worte
Gesichert, daß der Eintritt uns gelinge,

Und schritten ungehindert durch die Pforte.
Ich aber, zu erkunden voll Verlangen,
Was einschloß dieser Festung äußere Borte,

Sah ringsherum, als ich hineingegangen.
Und rechts und links war weites Feld zu schauen,
Von Qual und Foltern sonder Zahl umfangen.

Gleichwie bei Arles, wo Rhodans Fluten stauen,
Gleichwie bei Pola, wo Quarnaros Wellen
Italien schließen, badend seine Auen,

Von Hügelgräbern rings die Felder schwellen,
So hier aus allen Seiten sie erschienen,
Nur daß hier schmerzlicher die Ruhestellen.

Zahlreiche Flammen sprühten zwischen ihnen
Und gaben solche Glut den Sarkophagen,
Daß glühender braucht kein Stahl der Kunst zu dienen.

All ihre Deckel standen aufgeschlagen;
Und drinnen wußten bittere Jammertöne
von Armen und Verletzten viel zu klagen.

»O Herr,« sprach ich, »wer sind die Unglückssöhne,
Die eingesargt in diesen glühenden Zwingern
Solch Wimmern hören lassen und Gestöhne?« -

»Von Ketzern starrt, von höheren und geringern,
Samt ihrem Troß dies Feld; und solcher Arten
Giebts mehr hier als du ahnst von Irrtumsbringern.

Die Gleichen,« schloß er, »sich mit Gleichen paarten,
Und mehr und minder glühen die Gräber innen.« -
Und rechts sich wendend gings zu neuen Fahrten

Zwischen den Mauern fort und hohen Zinnen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

Jetzt geht im abgelegnen Hohlweg weiter
Zwischen dem Stadtwall und den Martern allen
Mein Meister, und ich hinterher als Zweiter.

»O höchste Kraft, die durch die sündigen Hallen,«
Begann ich, »mir zum Führer ward und Fergen,
Sprich nun und laß Belehrung dir gefallen.

Das Volk, das ringsum diese Gräber bergen,
Darf ich es sehn? Sind doch schon abgehoben
Die Deckel und bewacht von keinem Schergen.«

Und er zu mir: »Die Schließung bleibt verschoben
Bis heim von Josaphat die Seelen wallen
Mit ihren Körpern, die sie ließen droben.

Hier liegt bestattet Epikur samt allen
Nachfolgern, die mit ihm am Wahn gehangen,
Daß mit dem Leib die Seele wird zerfallen.

Drum wird die Frage, die an mich ergangen,
Und jene auch, die du bei dir verstohlen
Behieltest, hierdrin schnell Bescheid erlangen.« -

»Mein guter Führer, dir schlägt unverhohlen
Mein Herz. Du wolltest, daß ich schweigsam bliebe,«
Sprach ich, »und hast mirs jüngst erst anempfohlen.« -

»O Tusker, der zur Stadt voll Glutgestiebe
Lebendig eintrat und mit biederer Rede -
Daß etwas hier zu harren dir beliebe!

Zeigt deine Mundart doch, klar wie nicht jede,
Daß du in selber edeln Stadt geboren,
Mit der ich wohl zu häufig lag in Fehde.«

Plötzlich aus einem Sarg drang mir zu Ohren
Solch Anruf, daß ich mich, als dies geschehen,
An meinen Führer schloß ganz mutverloren.

Und der zu mir: »Was giebts? du mußt dich drehen.
Sieh! Farinata hebt sich aus dem Schachte.
Vom Gürtel aufwärts an kannst du ihn sehen.«

Und wie ich ihn schon festen Blicks betrachte,
Hebt er mit Brust und Stirne sich zutage,
Alsob die Hölle gänzlich er verachte.

Dann schoben hurtig durch die Sarkophage
Mich hin zu ihm des Führers mutige Hände,
Indem er riet: »Sei klar in Wort und Frage.«

Als ich am Grabesfuß, war mirs, ich fände
Im kurz mich prüfenden Blick ein leis Verachten.
»Nenn deine Ahnen!« fragt er mich am Ende.

Und ich, dem Wunsch gehorsam nachzutrachten,
Verhehlte nichts, ließ alles ihn erfahren.
Drauf sah ich seine Brauen sich umnachten,

Worauf er sprach: »Furchtbare Gegner waren
Sie mir, den Vätern und Parteigenossen,
Und deshalb trieb ich zweimal sie zu Paaren.« -

»Ob auch verjagt, sie kehrten unverdrossen
Zweimal zurück,« sprach ich, »zweimal zu siegen!
Doch blieb den Euern diese Kunst verschlossen.«

Da war am offenen Grab emporgestiegen
Ein Schatten neben jenem bis zum Kinne:
Ich glaub, auf seinen Knieen mocht er liegen.

Er sah um mich herum, in seinem Sinne
Gern glaubend, daß mich jemand noch begleite.
Doch als er der zerstörten Hoffnung inne,

Sprach weinend er: »Wenn du dies nachtgeweihte
Verlies durchwallst durch hohen Geistes Segen,
Wo ist mein Sohn? Warum nicht dir zur Seite?« -

»Nicht selbst kam ich hierher,« sprach ich dagegen,
»Er, der dort harrt, wies mir den Weg, den schweren.
An ihm schien Eurem Guido kaum gelegen.«

Die Strafart nämlich wie auch sein Begehren
Ließ mich sogleich auf seinen Namen kommen;
Drum konnt ich bündige Antwort ihm bescheren.

Da rief er jäh-aufschnellend, doch beklommen:
»Ihm schien, sagst du? Ist er nichtmehr am Leben,
Daß ihm die süße Sonne schon verglommen?«

Ihm schiens, da ich nicht Antwort gleich gegeben,
Als wollt ich sie bedenklich ihm verschieben;
Drum sank er um, sich niemehr zu erheben.

Der Stolze doch, um den ich stehengeblieben,
Steif hielt er Kopf und Rücken um die Wette,
Und Hochmut blieb dem Antlitz eingeschrieben.

Und »Wenn« anknüpfend neu der Rede Kette,
»Wenn jene Kunst sie,« sprach er, »schlecht verstünden,
So martert das mich mehr als dieses Bette.

Doch nicht wird funfzigmal sich der entzünden
Das Antlitz, die wir hier als Königin grüßen,
Bis du, wie schwer die Kunst, wirst selbst ergründen.

Und willst du je zur Welt zurück, der süßen,
Sag mir, warum in jeder Satzungsfrage
Dies Volk so grausam läßt die Meinen büßen?«

Drob ich zu ihm: »Unheil und Niederlage,
Die einst die Arbia färbte rot im Blute,
Bringt solch Gebet im Tempel dort zutage.«

Kopfschüttelnd seufzte er mit trübem Mute:
»Ich ließ mich nicht allein dazu bewegen;
Und tat ichs, waren meine Gründe gute.

Doch ich allein wars, der - als anzuregen
Einstimmig man gewagt, Florenz zu schleifen -
Offnen Visiers dem kühnlich trat entgegen.« -

»Soll Euer Stamm nicht heimatlos mehr schweifen,
So löset,« bat ich ihn, »mir diesen Knoten,
Drin mir verstrickt sind Urteil und Begreifen.

Es scheint, verstand ich richtig, daß ihr Toten
Voraussehn könnt, was künftige Zeiten bringen.
Doch für die Gegenwart scheints euch verboten.« -

»Weitsichtigen ähnlich sehn wir von den Dingen
Nur die,« sprach er, »die noch im Fernen liegen:
Soweit läßt unsern Blick der Höchste dringen.

Doch sind sie nah und wirklich, so versiegen
Die Sinne uns. Und giebt uns niemand Kunde,
Bleibt uns der Erdendinge Gang verschwiegen.

Drum kannst du einsehn: zu derselben Stunde,
wo sich der Zukunft Tor schließt, geht verloren
Und stirbt all unser Wissen uns im Munde.«

Da fühlt ich mich der Reue Stachel bohren
Und sprach: »Sagt dem dahingesunkenen Alten,
Daß seinen Sohn der Tod noch nicht erkoren;

Und daß ich den Bescheid zurückgehalten,
Weil jenem Wahn, von dem dein Wort mich heilte,
Vorhin noch zweifelnd die Gedanken galten.«

Doch schon rief mich mein Meister, drob ich eilte,
Noch dringlicher dem Geiste anzuliegen,
Daß er mir sage, wer bei ihm hier weilte.

Er sprach: »Mit mehr als tausend muß ich schmiegen
Hierdrin mich, und bei Friedrich liegt, dem Zweiten,
Der Kardinal. Von andern sei geschwiegen.«

Drauf barg er sich. Doch ich beim Rückwärtsschreiten
Zum alten Dichter, prüfte überdenkend
Die Worte, die wohl Unheil profezeiten.

Er ging. Und dann, den Schritt so weiterlenkend,
Sprach er zu mir: »Was bist du so beklommen?«
Ich sagte ihm den Grund, gern Antwort schenkend.

»Bewahr im Geist, was Bitteres du vernommen,«
Sprach er. Dann hob den Finger auf der Weise:
»Und jetzt merk dies! Bist du dorthingekommen

Und weilest in dem holden Strahlenkreise
Der schönen Augen, die das All umschließen,
Wird klar durch sie dir deine Lebensreise.«

Nun bog er links hinunter. Wir verließen
Den Mauerwall, verfolgten bis zur Mitte
Den Weg, daran ein Tal sich schließt, und stießen

Hieroben auf Gestank bei jedem Schritte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 11
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 11

Ob eines tiefen Ufers höchstem Saume,
Gebaut aus Trümmern, die im Kreis hier liegen,
Gelangten wir zu grausenvollerem Raume;

Und mußten hier, weil maßlos aufgestiegen
Der ekle Stank, den dieser Abgrund sandte,
Uns schützend hinter einen Deckel schmiegen

Gewaltigen Sargs, drauf ich die Schrift erkannte:
»Papst Anastasius muß hierdrinnen schmachten,
Den einst Photin vom rechten Wege wandte.« -

»Behutsam abzusteigen laß uns trachten,
Bis wir den Stank, wie stark er uns umspinne,
Gewöhnt sind und ihn später nichtmehr achten.«

Der Meister sprachs. Und ich: »Daß nicht verrinne
Nutzlos die Zeit, laß mich Ersatz genießen.«
Und er: »Du siehst, daß ich darauf schon sinne ...

Mein Sohn, die Felsenwände hier umschließen,«
Fing er erklärend an, »drei kleinere Ringe,
Gradweis gestuft wie die, die wir verließen.

Verdammter Geister voll ist jede Schlinge.
Doch daß der Anblick später dir genüge,
Vernimm, wie und warum man sie so zwinge.

Zweck jeder Bosheit, die mit stärkster Rüge
Der Himmel straft, ist: Unrecht zu erzeigen
Dem Nächsten, seis gewaltsam, seis durch Lüge.

Doch weil Betrug dem Menschen nur ist eigen,
Haßt ihn am meisten Gott. Im tiefsten Schlunde
Trifft größern Schmerz drum der Betrüger Reigen.

Gewalttat wird bestraft im ersten Runde.
Und weil sie kann dreifacher Art geschehen,
Giebts auch drei Unterkreise hier im Grunde.

An Gott, an sich, am Nächsten kann man sehen
Gewalt verüben - nach Person und Dingen,
Wie du es wirst mit klarem Grund verstehen.

Man kann verletzen und zum Tode bringen
Den Nächsten mit Gewalt, und seinem Gute
Brand, Raub, Nachteil und Schaden sonst erzwingen.

Wer drum verletzt und färbt die Hand im Blute,
Wer raubt, zerstört - im ersten Kreise drüben
Büßt er entsprechend seinem Frevelmute.

Am eigenen Leib und Gut kann auch verüben
Gewalt der Mensch. Drum müssen sich im zweiten
Bezirk reuvoll, doch hoffnungslos betrüben,

Die aus der Welt sich feige selbst befreiten,
Ihr Gut durch Spiel vertan und Lotterleben,
Und ihren Lebensmai durch Gram entweihten.

Auch gegen Gott kann mit Gewalt anstreben,
Wer ihn lästert und leugnet laut und leise,
Verachtend, was Natur aus Huld gegeben.

Drum wird hier aufgeprägt im engsten Kreise
Sodom, Cahors und dem des Brandmals Zeichen,
Der Gott im Herzen schmähte frevelerweise.

Trug, den Gewissensbisse stets erreichen,
Kann dem man antun, der uns schenkt Vertrauen;
Und jenem, der uns nicht vertraut, desgleichen.

Die Art kann Liebesfesseln nur zerhauen,
Die auf Gebote der Natur sich gründen;
Weshalb im zweiten Kreis ihr Nest sich bauen

Die Heuchler, Schmeichler, Schacherer mit Pfründen,
Betrüger, Fälscher, Kuppler, Zauberer, Diebe
Und allerlei Geschmeiß mit derlei Sünden.

Auf andere Art vergißt man nächst der Liebe,
Die uns ist angeboren, auch der zweiten,
Die zur besondern Treue weckt die Triebe.

Drum, wo der engste Kreis in diesen Weiten,
Im Mittelpunkt der Welt, wo Dite waltet,
Wird, wer verrät, verzehrt für Ewigkeiten.«

Und ich: »O Meister, sonnenklar entfaltet
Sich dein Bericht und lehrt vortrefflich scheiden
Den Abgrund und das Volk, das drinnen schaltet.

Doch sprich: die da im ekeln Sumpfe leiden,
Die Sturmgetriebnen, die in Regenschauern,
Und die sich zankend nahen und scheltend meiden,

Was büßen sie nicht auch in diesen Mauern
Der Glutstadt, wenn sie Gottes Zorn will drücken?
Und zürnt Gott nicht, was müssen sie so trauern?«

Und er: »Welch Schwärmen kann dir so entrücken
Den Geist? Weilt er vielleicht am andern Orte,
Daß du nicht kannst den Zwiespalt überbrücken?

Wärs möglich, daß die Ethik ihre Worte
Von den drei Neigungen umsonst dir schriebe,
Die uns verschließen streng die Himmelspforte,

Von Unmaß, Bosheit, tierisch-blindem Triebe?
Und wie Gott minder kränk die erstgenannte,
Weil Unmaß eher noch verzeihlich bliebe?

Wenn diese Lehre recht dein Geist erkannte,
Und wenn du dich erinnerst, wer die waren,
Die droben, außerhalb, die Strafe bannte,

So siehst du klar, warum von diesen Scharen
Sie Gott getrennt, und weshalb minderstrenge
Die Hämmer Gottes auf sie niederfahren.« -

»O Sonne, die der trüben Wolken Menge
Dem Blick verscheucht,« rief ich. »Derart berichtigt,
Freut Wissen ebenso wie Zweifelsenge.

Doch kehr nochmals dahin, wo du bezichtigt
Den Wucher, daß er Gott Beleidigungen
Zufügt: der Zweifel sei mir noch beschwichtigt.« -

»Wer in die Weltweisheit recht eingedrungen,«
Sprach er, »begreift an mehr als einer Stelle:
Als Gottes Tochter ist Natur entsprungen

Aus Gottes Geist und Kunst als Ursprungsquelle.
Und wenn du deine Physik recht beachtet,
So wird dir schon nach wenig Blättern helle,

Daß eure Kunst scharf nachzuahmen trachtet
Dem Meister, ihm als Schülerin nachzuschreiten,
Da ihr die Kunst zu Gottes Enkelin machtet.

Durch diese zwei, wenn du die ersten Seiten
Der Genesis nachprüfst, soll seinem Leben
Nahrung und Förderung der Mensch bereiten.

Doch andern Pfaden gilt des Wucherers Streben:
Er kann Natur und Kunstfleiß nicht verstehen,
Nein, er verschmäht sie, anderm ganz ergeben.

Doch folge nun, ich möchte weitergehen.
Die Fische zittern schon im Sternenreigen,
Der Wagen ist ganz in Nordwest zu sehen

Und fern erst winkt der Fels zum Niedersteigen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

Wo wir zur Tiefe lenkten, war die Stätte
So steinig und durch andres so gestaltet,
Daß jedem Blick davor geschaudert hätte.

Wie bei Trient der Bergrutsch sich entfaltet,
Der von der Seite in die Etsch sich drückte,
ob Erdstoß oder Fall ihn losgespaltet,

Sodaß vom Gipfel, wo er talwärtsrückte,
Dem Klettrer nur mit Not zum ebenen Lande
Durch Schutt und Steingeröll ein Abstieg glückte:

So ging es hier hinab am Felsenrande.
Und an dem Saum vom ausgezackten Schachte
Lag hingestreckt der Kreter Schimpf und Schande,

So die verkappte Ruh ins Dasein brachte.
Und bissig fiel, kaum daß er uns erblickte,
Sichselbst er an, weil Zornwut ihn entfachte.

Mein Weiser rief: »Ists Wahn, der dich umstrickte,
Alsob der Herzog von Athen hier stünde,
Der einst auf Erden in den Tod dich schickte?

Fort, Scheusal, fort! Den Weg durch diese Gründe
Ließ deiner Schwester Arglist ihn nicht wissen.
Er kommt, zu sehen die Strafen eurer Sünde.«

Dem Stiere gleich, der sich vom Seil gerissen
Beim Todesstreich, nichtmehr vermag zu stehen
Und hin- und herspringt unter zornigen Bissen:

So war der Minotaurus anzusehen.
Drum rief jetzt der Erfahrene: »Lauf zum Passe!
Solang er tobt, ist gut hinabzugehen.«

So klommen wir bergab die steile Gasse,
Wobei Gestein oft abwärtsrollen machte
Irdischer Füße ungewohnte Masse.

Nachdenklich klomm ich; und er sprach: »Es dachte
Dein Sinn wohl des Gerölls, vom Minotauer
Im Zorn bewacht, den ich zum Schweigen brachte?

So wisse: als ich in die Höllenschauer
Das erstemal bis tief zum Grund gedrungen,
war noch nicht abgekracht die Felsenmauer.

Doch kurz bevor sich Der herabgeschwungen,
(Soviel ich weiß) der aus der oberen Runde
Dem Dis die große Beute abgerungen,

Da bebte dieses Schauertal im Grunde
So stark, als zittere rings im Weltenalle
Ein Liebesdrang, der - wie uns sagt die Kunde -

Schon oft ein Chaos schuf dem Erdenballe,
Daß hier und dort ins Wanken auch geraten
Der alte Fels und endlich kam zu Falle.

Doch schau talnieder jetzt, da wir schon nahten
Dem Blutstrom, drin du kochen siehst und sieden,
Die durch Gewalt dem Nächsten Schaden taten.« -

O blinde Gier! o Tollwut! die hienieden
Uns anhetzt so, daß uns nach kurzem Leben
Solch schlimmes Bad im ewigen wird beschieden.

Ich sah die ganze Ebene hier umgeben
In Bogenform von einem breiten Graben,
wie mein Begleiter mir beschrieb soeben.

Und zwischen Fluß und Felswand sah ich traben
Zentauren, pfeilbewehrt, in langen Zeilen,
Wie sie der Jagd gefrönt auf Erden haben.

Bei unserm Anblick hemmten sie ihr Eilen,
Und dreie lösten sich vom Trupp mit Bogen
Und vorher sorgsam-ausgewählten Pfeilen.

Und einer schrie von fern: »Die ihr gezogen
Bergabwärts kommt, welch Leiden wartet euer?
Sagt mirs von dort, sonst kommt mein Pfeil geflogen!«

Der Meister sprach: »Dem Chiron wert und teuer
In deiner Nähe wird man Antwort geben.
Dich riß ins Unheil stets des Jähzorns Feuer.«

Dann, leis berührend mich: »Der hieß im Leben
Nessus. Als er einst Dejaniren raubte,
Ließ er sein Blut als Rächer sich erheben.

Und mittenin steht mit gesenktem Haupte
Der große Chiron, der Achill erzogen.
Der dort ist Pholus, der so zornig schnaubte.

Wohl tausend kreisen um den Bach im Bogen
Und schießen den, der seiner Schuld zum Spotte
Sich höher, als er darf, enthebt den Wogen.«

Wir nahten uns der schnellen Tiermenschrotte.
Chiron zum Munde einen Pfeilschaft führte
Und strich zum Kiefer weg des Bartes Zotte,

Worauf er freigelegt sein Breitmaul spürte.
»Saht ihr beim Zweiten,« fragte er die Seinen,
»Wie alles sich bewegt, was er berührte?

Das ist sonst nicht der Fall bei Totenbeinen.«
Mein guter Herr, schon vor der Brust ihm stehend,
wo die Naturen beide sich vereinen,

Sprach: »Ja, er lebt! und mir, so einsam gehend,
Gebührts, zu zeigen ihm die dunkeln Gründe,
Er geht aus Zwang, und nicht aus Neugier sehend.

Es stieg, daß sie mein neues Amt mir künde,
Ein Weib herab vom Hallelujasange.
Er ist kein Räuber, ich kein Geist der Sünde.

Doch bei der Kraft, durch die ich hergelange
Und diese wilde Straße hier durchdringe,
Gieb einen uns zum Schutz mit auf dem Gange,

Daß er uns zeig, wo man die Furt beginge,
Und dieser hier auf seinem Rücken reite:
Er ist kein Geist, der durch die Luft sich schwinge.«

Drauf wandte Chiron sich zur rechten Seite.
Zu Nessus: »Kehrt gemacht! und sei ihr Leiter.
Und naht ein andrer Trupp, dann abseitsschreite!« -

Mit diesem sichern Führer gings nun weiter
Entlang des Strudels Flut, der scharlachroten,
Draus das Gekreisch erscholl Vermaledeiter.

Bis an die Brauen versenkt dem Blick sich boten
Gar viel. Da sprach der mächtige Zentauer:
»Bluthunde sinds und räuberische Despoten.

Nebst Alexandern muß um Raubgier Trauer
Der wilde Dionys hier offenbaren.
Er schuf Sizilien Not von langer Dauer.

Und jene Stirne mit den schwarzen Haaren
Ist Ezzelin; das Blondhaupt ihm zur Seite
Obizzo, den - willst Wahrheit du erfahren -

Des Stiefsohns frevele Hand dem Tode weihte.«
Ich sah den Dichter an, und dieser sagte:
»Der spreche hier zuerst, ich als der zweite.«

Als stehenzubleiben dem Zentauern behagte
Nicht lang danach, wo aus dem Sprudelbrande
Ein Volk schon bis zur Gurgel aufwärtsragte,

Wies er uns einen Geist abseits am Rande:
»Der hat in Gottes Schoß ein Herz durchspalten,«
Sprach er; »noch blutets heut am Themsestrande.«

Drauf sah ich andre Brust und Haupt schon halten
Aus diesem Sud, und ich erkannte wieder
Wohl mehr als eine hier von den Gestalten.

Und seichter, seichter sank das Blut jetzt nieder,
Bis es zuletzt den Füßen nur schuf Plage;
Und hier gings leichter durch den Qualensieder.

»Wie diesseits du bemerkt, daß ohne Frage
Die Sprudelwellen immer mehr versiegen,«
Sprach der Zentaur, »so glaub mir, wenn ich sage,

Daß drüben auch stets tief und tiefer liegen
Des Flußbetts Gründe, neu sich anzuschließen
Dem Ort, draus der Tyrannen Seufzer stiegen.

Gerechtigkeit läßt Tränen dort vergießen
Den Attila, des Erdballs Geißelrute,
Pyrrhus und Sextus; zwingt auch, zu zerfließen

Im Tränenschwall, gebeizt vom heißen Blute,
Rainer von Pazzo und Cornet, die schweren
Landstraßenraub verübt im Frevelmute.«

Drauf wandt er sich, heim durch die Furt zu kehren.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 13
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 13

Noch war nicht jenseits Nessus am Gestade,
Als wir eintraten schon in waldige Strecken,
Wo keine Spur sich wies von einem Pfade.

Nicht Grünlaub war, nur schwarzes zu entdecken,
Nicht glatte Zweige gabs, nur Knorrgebilde,
Nicht Frucht, nur warzengiftige Dornenhecken.

Solch Waldgestrüpp flieht selbst das Tier, das wilde,
Das bei der Cecina, wo Dünste glühen,
Und bei Cornet haust, fern dem Saatgefilde.

Es nisten hier die scheußlichen Harpyen,
Die einst, von den Strophaden sie zu scheuchen,
Den Troern profezeiten Not und Mühen.

Von Hals und Antlitz Mensch, mit Federbäuchen,
Gewaltigen Schwingen und bekrallten Zehen,
wehklagen sie auf seltsamen Gesträuchen.

»Bevor du eintrittst,« gab mir zu verstehen
Der Meister, »wisse, daß im zweiten Kreise
Du weilest und solang darin wirst gehen,

Bis uns zum Schreckenssandmeer bringt die Reise.
Drum habe acht: du siehst des Wunderbaren
Soviel, daß man ihm kaum Vertrauen erweise.« -

Gleich hört ich Seufzer banger Brust entfahren
Und stand nun, der Verwirrung ganz zum Raube,
Denn nirgend konnt ich Klagende gewahren.

Ich glaube wohl, er glaubte, daß ich glaube,
Solch Ächzen könnte aus den Herzen steigen
Von Leuten, die verborgen sich im Laube.

Drum sprach er: »Brich nur einen von den Zweigen,
So muß sich deine Meinung, die verworrne,
Im selben Augenblick als irrig zeigen.«

Da streckt ich etwas meine Hand nach vorne
Und brach vom großen Dornstrauch eine Rute,
»Warum mich knicken?« schrie es aus dem Dorne.

Als er sich danach färbte rot vom Blute,
Riefs wiederum: »Warum doch mich so zwicken?
Ist dir denn gar nicht mitleidsvoll zumute?

Einst Mensch, kannst du mich jetzt als Strauch erblicken.
Doch deine Hand wär noch zu ungelinde,
Gält es auch Schlangenherzen hier zu knicken.«

Und wie ein Jungholz, dessen grüne Rinde,
Oben entzündet, unten pflegt mit Zischen
Zu schwelen, daß der Dampf den Ausweg finde,

So quoll ein enges Wortundblutvermischen
Aus diesem Astbruch, daß ich furchtbezwungen
Dastand und mir das Zweiglein ließ entwischen.

»Wär früher dies zu glauben ihm gelungen,
Verletzte Seele,« sprach mein Herr dagegen,
»Was lediglich ihm mein Gedicht gesungen,

Nichts hätt vermocht ihn, Hand an dich zu legen.
Doch zu der Tat, die mich nun selber reuet,
Bewog ich ihn des Wunderbaren wegen.

Doch sag ihm, wer du warst, und er erneuet
Auf Erden deinen Ruhm, den Fehl zu sühnen,
Sobald zum Licht die Rückkehr ihn erfreuet.«

Und drauf der Stamm: »Des Worts mich zu erkühnen,
Lockt mich dein Bitten; doch zugut mirs haltet,
Laß ich Erinnerung zu reichlich grünen.

Ich bins, der beide Schlüssel einst verwaltet
Zum Herzen Friedrichs, das ich aufgeschlossen
Gleich sanft wie sanft ich beim Verschluß geschaltet,

Daß ich allein sein ganz Vertrauen genossen.
Bis ich im hohen Amte Schlaf und Leben
Verlor, dient ich ihm treu und unverdrossen.

Die Buhlerin, der Welt Verderb, daneben
Verpönt als Hofpest, die nicht auszumerzen
Und geile Blicke pflegt zum Thron zu heben,

Entfachte gegen mich so aller Herzen
Bis der entfachte Groll auch ihn entfachte,
Und Glanz und Ehr mir wurden Schmach und Schmerzen.

Da wars mein Geist, der zorndurchlodert dachte,
Nur Selbstmord mache meinen Schimpf zerstieben,
Und so mir, dem Gerechten, Unrecht brachte.

Ich schwörs bei dieses Holzes jungen Trieben
Euch zu: Nie brach ich meinem Herrn die Eide,
Der selbst der Ehre stets so wert geblieben.

Und wer von euch zur Erde von hier scheide,
Er hebe meinen Ruf, der unterm Schlage
Noch niederliegt, den er empfing vom Neide.«

Der Dichter schwieg zuerst noch. »Seine Klage
verstummt,« sprach er sodann; »drum schnell dich rühre
Und, was du von ihm wissen willst, erfrage.« -

»Was du für nützlich hältst, daß ichs erführe,«
Sprach ich zu ihm, »magst du ihn selber fragen.
Ich könnt es nicht vor Mitleid, das ich spüre.«

Drauf sprach er: »Was du dem hier aufgetragen,
Gefangener Geist, wird gern Erfüllung finden.
Doch erst beliebe dirs, uns anzusagen:

Wie hält verknüpft mit diesen knorrigen Rinden
Die Seele sich? Und: darf sie jemals hoffen,
Sag, wenn dus weißt, der Haft sich zu entwinden?«

Da hat ein Rauschen unser Ohr getroffen,
Worauf des Stammes Rauschen ward zur Stimme:
»Euch Antwort geben will ich kurz und offen.

Wenn sich vom Leib die Seele trennt im Grimme,
Durch den sich Menschen frevelhaft entleiben,
Schickt sie zum siebenten Schlund Minos, der schlimme.

Sie fällt zum Wald und wird da liegenbleiben,
Wohin der Zufall grade sie verschlagen,
Um wuchernd wie ein Unkraut aufzutreiben.

Dann wächst der Sproß zum Busch, bis Äste ragen.
Harpyen nähren sich von seinem Laube,
Sie schaffen Plage, doch auch Luft den Plagen.

Auch unser Leib ersteht dereinst vom Staube,
Doch ohne Recht, daß man darein sich kleide:
Missen soll man, was man verscherzt im Raube.

Hier schleppen wir ihn her. In düsterer Heide
Wird unser Leib an dem Gehölze hangen,
Darin sein Schatten haust mit seinem Leide.« -

Noch lauschten wir dem Stamme, voll Verlangen
Erwartend, weitere Kunde einzutauschen,
Als plötzlich Lärmgeräusche näherdrangen,

Wie auf dem Anstand Jäger sie erlauschen,
Wenn hinter Sau und Treiber her die Meute
Durchs Dickicht nachstürzt, daß die Zweige rauschen.

Und siehe da, zwei Nackte und Zerbleute
Stürmten von links heran auf hurtiger Lende,
Daß ihren Weg zerknickt Geäst bestreute.

Der vordere schrie:»Rasch, Tod, rasch her dich wende!«
Dem Zweiten schien er sich zu träg zu zeigen.
»Lano,« rief der, »einst war nicht so behende

Dein Schenkelpaar bei Toppos lustigem Reigen!«
Und dann, wohl weil der Atem ihm vergangen,
Verflocht er sich mit eines Busches Zweigen.

Dicht hinterdrein schwarmweis dem Wald entsprangen
Hündinnen, schwarze, die schon gierig schluckten
Wie Rüden, die der Koppel sich entrangen.

Die Hauer schlugen sie in den Geduckten,
Zerfleischten stückweis ihn und schleppten weiter
Alsbald die Glieder, die noch schmerzlich zuckten. -

Darauf nahm bei der Hand mich mein Begleiter
Und führte mich zum Strauch hin, der vergebens
Aus seinen Rissen weinte Blut und Eiter.

»Jakob von Sankt Andrea, eiteln Strebens
Hast du, mit mir zu schirmen dich, gehastet,«
Rief er. »Bin ich schuld deines Lasterlebens?«

Sobald der Meister neben ihm gerastet,
Sprach er: »Wer bist du, der aus soviel Toren
Sich blutvermischten Klageworts entlastet?«

Da rief der Strauch: »O Seelen! auserkoren,
Mich in dem Anblick meiner Schmach zu grüßen,
Wodurch der Blätterschmuck mir ging verloren;

Ach, sammelt ihn dem Unglücksbaum zu Füßen!
Die Stadt gebar mich, die anstatt des alten
Patrons den Täufer wählte: bitter büßen

Läßt sie es jener nun durch schädlich Walten.
Und wär nicht an des Arno Brückenbogen
Von ihm ein kleines Schaustück noch erhalten,

So hätten ihrer Müh umsonst gepflogen
Die Bürger, die aus Attilas Ruinen
Dem Neuaufbau der Stadt sich unterzogen.

Zum Galgenkreuz ließ ich mein Haus mir dienen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 14
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 14

Von Liebe angespornt zum Heimatsorte,
Eilt ich, die losen Blätter auszubreiten
Rings um den Stamm, dem heiser schon die Worte.

Drauf gings zur Grenze, wo sich trennt vom zweiten
Der dritte Ring, ein Schreckenswerk zu schauen,
Wie die Gerechtigkeit nur kann bereiten.

Getreu zu schildern dieses neue Grauen,
Sag ich, daß wir erreichten eine Heide,
Die keine Pflanze litt in ihren Auen.

Sie kränzt der Schmerzenswald mit seinem Leide,
Wie dem der düstere Graben dient zum Strande.
Hier dicht am Saume machten halt wir beide.

Dies Feld bestand aus knietief-trockenem Sande,
Daß es wohl ganz beschaffen wie die Strecken,
Die Catos Fuß betrat im Wüstenlande. -

O göttliche Vergeltung! Wie erschrecken
Und fürchten müssen sich, die lesen werden,
Was meine Augen mußten hier entdecken.

Von nackten Seelen sah ich ganze Herden,
Die jämmerlich erhoben Klagelieder;
Doch quälten jede andrer Art Beschwerden.

Denn rücklings lag ein Volk am Boden nieder,
Ein andres hockte starr insich gekauert,
Ein drittes rannte ruhlos hin und wieder.

Und solcher, deren Laufschritt endlos dauert,
Gabs mehr als jener, die in Qualen lagen;
Doch dafür hat sie größerer Schmerz durchschauert.

Aufs Sandfeld sah ich sanften Regen schlagen
Von großen Feuerflocken, dichthinfegend
Gleich Alpenschneefall an windstillen Tagen.

Wie Alexander in der glühenden Gegend
Von Indien auf sein Heer sah niederfahren
Brandflocken, noch am Boden feuerhegend,

Drob er ihn vorsichtsvoll von seinen Scharen
Zerstampfen ließ, da leichter zu zerdrücken
Die Flammen noch solang sie einzeln waren:

So fiel der ewige Brand hier, der voll Tücken
Den Sand erhitzt wie Zunder unterm Steine,
Daß Doppelschmerzen jeden Leib durchzücken.

Der armen Hände Kreistanz freute keine
Erholung: ruhlos löschten sie vom Regen
Hier eine Flocke aus, dort wieder eine.

»Meister,« sprach ich, »dem alles unterlegen
Bis auf die Teufel, deren trotziges Trachten
Am Eingangstor dir drohte so verwegen,

Wer ist der Große, der nicht scheint zu achten
Der Glut und trotzig daliegt ohne Beben,
Alsob ihn nicht die Brände mürbemachten?«

Da schrie er selbst schon, Antwort mir zu geben
Auf meine an Vergil gestellte Frage:
»Im Tod auch blieb ich der ich war im Leben!

Ob Zeus mit Arbeit seinen Schmied auch plage,
Dem er entriß den schärfsten seiner Blitze,
Der zürnend mich durchbohrt am letzten Tage,

Ob er in Mongibellos rußigem Sitze
Sie alle plage an den Feuerherden,
Hilf, hilf, wackrer Vulkan!' schreiend in Hitze,

Wie er bei Phlegra tat in Schlachtbeschwerden;
Und ob auf mich sein stärkster Blitz geschwungen -
Froh soll er niemals seiner Rache werden!«

Da rief mein Führer mit so kräftigen Lungen,
Wie ich sie nie gehört mein Ohr zerreißen:
»O Kapaneus! daß nie dir ward bezwungen

Dein Hochmut, muß als größter Schmerz dich beißen.
Denn keine Marter als dein eigenes Wüten
Kann deines Grimms gerechtere Strafe heißen!«

Zu mir sich wendend sprach er mit Begüten:
»Von jenen sieben Königen war er einer,
Die Theben zu erobern heiß sich mühten.

Er schmähte Gott und trotzt wohl heut noch seiner.
Doch wie ichs ihm gesagt, dient ihm zur Schande
Sein Übermut als Schmuck der Brust wie keiner.

Nun folge mir, doch vorm erhitzten Sande
Behüte deine Füße, Vorsicht zeigend;
Ja, halte stets dich nah am Waldesrande.« -

Wir schritten bis zu einem Bache schweigend,
Der blutrot aus dem Walde kam geschossen:
Dies Blut macht noch mein Haar zubergesteigend.

Wie Bulicames Sprudel kommt geflossen,
Darin gebadet sich die Sünderinnen,
So hat sich der durchs Sandgefild ergossen.

Sein Bett und jede Böschung waren innen
Aus Stein gleich der Umfassung an den Seiten,
Daß leicht mirs schien, hier Durchgang zu gewinnen.

»Was ich dir alles wies in diesen Weiten,
Seit unsere Wandrung durch das Tor geschehen,
Des Schwelle keinem wehrt das Überschreiten,

Es gab für deine Augen nichts zu sehen,
Dem mehr Verwundrung als dem Bach gebührte,
Weil alle Flämmchen über ihm vergehen.«

So sprach er, der zu diesem Ort mich führte,
Drob ich nach jener Speise tat die Bitte,
Nach der er mir die Lust zum Speisen schürte.

»Ein wüstes Eiland liegt in Meeresmitte,
Das Kreta heißt,« sprach er. »Dort hat gewaltet
Ein König, der auf Keuschheit hielt und Sitte.

Dort ragt der Idaberg, der einst entfaltet
prächtigen Wald, den mancher Quell erquickte;
Heut ists dort wüst und einsam und veraltet.

Die sichere Wiege für den Sohn erblickte
Dort Rhea, den Verfolger hintergehend,
Weil sie durch Lärm des Säuglings Schreien erstickte.

Im Berge weilt ein Greis, groß, aufrechtstehend,
Damiette im Rücken. Seine Augen wenden
Nach Rom sich, wie in seinen Spiegel sehend.

Sein Haupt ist reines Gold, die Arme enden
In Silbererz, draus auch die Brust geründet.
Aus Kupfer ist der Rumpf bis zu den Lenden,

Von wo hinab sich hartes Eisen kündet.
Der rechte Fuß nur ist in Ton gehalten,
Drauf schier allein des Körpers Last sich gründet.

Bis auf das Gold ist jeder Teil zerspalten
Durch einen Riß, draus niederträufeln Tränen,
Die allesamt die Grotte hier gestalten,

Danach talniederziehen in feuchten Strähnen,
Als Acheron, Styx, Phlegethon sich zeigen,
Dann abwärtsgehn durch dieser Felskluft Gähnen

Bis dort, wo keinem glückt ein Tiefersteigen:
Sie bilden den Kozyt, und welche Lache
Dies ist, erfährst du bald; drum kann ich schweigen.«

Und ich zu ihm: »Wenn Ursprung diesem Bache
Die Oberwelt verleiht, so gieb mir Kunde,
Warum dies Ufer erst ihn sichtbar mache?« -

»Du weißt: der Ort erstreckt sich in die Runde,«
Sprach er; »und mochtest du auch weit schon schweifen,
Absteigend immer linkerhand zum Grunde,

Du konntest noch den Kreis nicht ganz durchstreifen.
Drum, gehst du neuen Wundern jetzt entgegen,
Darf Staunen doch dein Antlitz nicht ergreifen.« -

»Sag mir,« sprach ich, »wo Phlegethon gelegen
Und Lethe? Die verschweigst du. Nur beschieden
Hast du mich: jenen bilde dieser Regen.« -

»Mit deinen Fragen bin ich zwar zufrieden,«
Sprach er; »doch Antwort auf die letzten gaben
Dir jene Fluten schon, die blutrot sieden.

Lethe wirst du, doch ferne diesem Graben,
Dort schauen, wo die Seelen gehen zum Bade,
Wenn reuig sie die Schuld gesühnet haben.«

Dann sprach er: »Zeit ists nun, vom buschigen Pfade
Zu scheiden. Auf! laß hinter mir dich finden.
Zum brandgeschützten Weg dient das Gestade,

Denn über ihm wird jeder Glutqualm schwinden.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 15
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 15

Nun trägt uns weiter eines der sich böschenden
Gestade, drob des Wassers dunstiger Bogen
Flut schützt und Damm vorm Brande, dem verlöschenden.

Ganz wie in Flandern Deiche sind gezogen
Vor Brügge und Wissant, daß bei der Flutung
Das Bollwerk brechen soll den Prall der Wogen,

Wie Padua auch die Brenta nimmt in Hutung,
Weil man zum Schutz von Stadt und Burg verpflichtet,
Bevor noch Kärnten spürt des Sommers Glutung:

Dem ähnlich waren diese hier geschichtet,
Nur daß in gleicher Höhe nicht und Breite
Der Meister sie, wer es auch war, errichtet. -

Schon wich der Wald zurück in solche Weite,
Daß mir nicht kenntlich mehr, wo er gelegen,
Selbst wenn ich umgeschaut nach seiner Seite,

Als eine Seelenschar am Damm entgegen
Uns kam. Und jeder blickte von den vielen
Spähend nach uns, wie wir wohl abends pflegen

Beim Neumond uns einander anzuschielen.
Sie kniffen ihre Brauen gleich dem Schneider,
Dem alten, der ins Nadelöhr will zielen.

So sah der Schwarm die Ankunft unser beider,
Und wie sie alle gafften, da entdeckte
Mich einer, griff beim Saum mich meiner Kleider

Und rief: »Welch Wunder!« - Da sein Arm sich reckte
Nach mir, sah ich ihm scharf ins ganz verdorrte
Gesicht. Und ob manch Brandmal es befleckte,

Mir trat sein Bild aus der Erinnerung Pforte.
Da bog ich seinem Haupt die Hand entgegen
Und rief: »Ihr, Herr Brunetto, hier am Orte?«

Und er: »Mein Sohn, kommt dir nicht ungelegen
Latins Gesellschaft, gern ein Stückchen dreh ich
Dann um, mich trennend von der andern Wegen.«

Ich sprach zu ihm: »Von Herzen dies erfleh ich.
Und soll ich mit Euch setzen mich zur Erde,
Geschiehts, wenns dem beliebt; denn mit ihm geh ich.« -

»O Sohn,« sprach er, »wer hier von dieser Herde
Sich irgend säumt, liegt hundert Jahr im Sande
Als wehrlos Opfer solcher Glutbeschwerde.

Geh drum voran, dir bleib ich am Gewande
Und kehre dann zurück zu meinesgleichen,
Die hingehn dort, beweinend ewige Schande.«

Vom Damme wagt ich nicht hinabzuweichen,
Um neben ihm zu gehn; jedoch ich senkte
Beim Gehen das Haupt als meiner Ehrfurcht Zeichen.

Er sprach: »Welch Zufall oder Schicksal lenkte
Dich schon vorm letzten Tag in diese Tale?
Und wer ist jener, der dir Führung schenkte?« -

»Dort oben über uns im heitern Strahle,«
Sprach ich, »verirrt ich mich im Tal der Schrecken,
Eh halbgefüllt noch meines Lebens Schale.

Erst gestern früh ließ ich die öden Strecken
Und sann auf Umkehr, bis dort mein Begleiter
Erschien, mir hier den Durchgang zu entdecken.«

Und er zu mir: »Folg deinem Stern nur weiter,
Der sicher dich zum Ruhmeshafen wendet,
Wenn mich nicht trog das Leben schön und heiter.

Und wenn ich nicht schon vor der Zeit geendet,
Dir, dem die Sterne sich so günstig scharen,
Hätt ich zum Werk Ermunterung gespendet.

Doch jenes Volk von Schändlich-Undankbaren,
Das ehemals von Fiesole gestiegen
Und noch des Felssteins Härte scheint zu wahren,

Wird dich ob deines Rechttuns schroff bekriegen,
Und zwar mit Recht, denn nie wird zwischen herben
Spierlingen süße Feigenfrucht sich wiegen.

Des Neides, Stolzes und der Habgier Erben
Sind sie; das Sprichwort nennt sie schon die Blinden.
Sieh, daß dich ihre Sitten nicht verderben!

Dein Glück will solchen Ruhmeskranz dir winden,
Daß jede der Partein dich gern erwürbe;
Nur soll ihr hungrig Maul dies Kraut nicht finden.

Daß doch Fiesoles Viehzeug sich zermürbe
Zu Häcksel! doch die pflanze nicht benage,
Falls eine zeugt ihr Mist, die nicht verdürbe,

Nein, daraus neu der heiligt Same schlage
Der Römer, die hier hemmten ihre Schritte,
Als man gebaut dies böse Nest der Plage.« -

»Wenn voll befriedigt worden meine Bitte,«
Sprach ich zu ihm, »wärt Ihr vom Erdenrunde
Noch nicht verbannt und aus der Menschen Mitte.

Denn wehmutsvoll, doch treu im Herzensgrunde
Wird Euer gutes Vaterantlitz leben,
Das teure, da Ihr droben Stund um Stunde

Mich lehrtet, nach Unsterblichkeit zu streben.
Und wie ich drob an Euch voll Dankes hange,
Soll lebenslang mein Wort zu hören geben.

Ich will, was Ihr enthüllt von meinem Gange,
Nebst andern Rätseln für die Frau bewahren,
Die mirs erklärt, wenn ich zu ihr gelange.

Soviel indes will ich Euch offenbaren:
Solang mich nicht Gewissensbisse zwingen,
Will ich des Schicksals Willkür gern erfahren.

Nicht neu will meinem Ohr solch Angeld klingen.
Drum soll Fortuna nach Belieben drehen
Ihr Rad und seinen Karst der Bauer schwingen.«

Mein Meister wandte sich, mich anzusehen,
Zurück nach mir mit seiner rechten Wange
Und sprach: »Gut hörte, wems im Geist blieb stehen.«

Doch ruhig sprach ich fort auf unserm Gange
Mit Herrn Brunett und bat, mir die zu nennen,
Die am berühmtesten nach Ruf und Range.

Und er zu mir: »Gut ist es, einige kennen,
Doch löblich, schweig ich von der andern Herde,
Sonst reichte nicht die Zeit, bis wir uns trennen.

Gelehrte sinds, daß kurz dir Nachricht werde,
Und Priester, deren Namen weithin klangen,
Beschmutzt vom gleichen Laster auf der Erde.

Priszian kommt dort im Unglückstrupp gegangen
Nebst Franz Accorso, und - wenn ich nicht dächte,
Du trügst nach solchem Auswurf kein Verlangen -

Sähst du auch jenen, den der Knecht der Knechte
Abschob vom Arno zum Bacchiglionestrande,
Wo er gebüßt den Mißbrauch am Geschlechte.

Mehr spräch ich, doch ich darf hier nicht am Rande
Noch redend mitgehn, denn schon seh ich neuen
Dunstqualm sich dort erheben aus dem Sande.

Auch nahet Volk; des Umgang muß ich scheuen.
Nur mein Tesoro sei dir anempfohlen,
Drin ich noch leb. Sonst kann mich nichts erfreuen.«

Kehrt macht er und glich denen, deren Sohlen
Ums grüne Tuch Veronas Flur durchfliegen,
Und glich dann dem von ihnen, der zu holen

Den Sieg versteht, nicht dem, den sie besiegen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 16
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 16

Schon war ich dort, wo man des Wassers Lärmen
Abstürzen hört zum nächsten Kreisgeschosse,
Vergleichbar dem Gesumm von Bienenschwärmen,

Als sich drei Schatten gleicherzeit vom Trosse
Der andern lösten, die der Strom der Flammen
Im Laufen peitschte wie aus einer Gosse.

Sie nahten uns und schrieen allzusammen:
»Steh still! du mußt doch unserer argverderbten
Und bösen Stadt der Kleidung nach entstammen.« -

Weh! was für alt und neue Wunden kerbten
Den Gliedern ein die Flammen, scharf im Schnitte:
Mich schmerzt noch heut das Los der Heilsenterbten.

Mein Lehrer hielt bei ihrem Ruf die Schritte,
Sah mir ins Angesicht und sprach: »Jetzt weile.
Für diese hier geziemt sich edle Sitte.

Und regnete die Glut nicht Flammenpfeile,
Wie es des Ortes Art, ich würde sagen,
Dir ziemte besser wohl als ihnen Eile.«

Kaum standen wir, scholl neu ihr Lied der Klagen.
Und als sie bei uns, faßten sie zum Drehen
Sich an, gleich einem Rad rundum zu jagen.

Wie nackte ölgesalbte Ringer stehen
Und Griff und Blöße trachten zu erringen,
Eh sie mit Stoß und Puff zum Angriff gehen,

So sah mir jeder ins Gesicht beim Schwingen,
Daß ihre Hälse trotz beständigem Recken
Den umgekehrten Weg der Füße gingen.

»Wenn auch das Elend dieser sandigen Strecken
Verächtlich uns und unsere Bitten machte,«
Fing einer an, »weil Schorfe uns bedecken,

Dann unsers alten Ruhms aus Mitleid achte,
Dann nenne dich und sag, wie du gefunden
Den Weg, der lebend dich zur Hölle brachte.

Der, dem ich folg wie an den Fuß gebunden,
war höhern Ranges, als du ahnst, im Leben,
Läuft er auch nackt hier, haarlos und zerschunden.

Wer wird Gualdradas Enkel nicht erheben,
Den Guidoguerra, der sooft uns Proben
von Geist und Schwert als wackerer Held gegeben?

Den hinter mir du siehst im Flugsand toben,
Tegghiaio Aldobrandi ists, des Stimme
Gehör verdiente bei den Menschen droben.

Ich, ächzend unter gleichen Kreuzes Grimme,
War Jakob Rusticucci, und zuschanden
Ward ich am meisten durch mein Weib, das schlimme.«

Ich hätte, wär vorm Feuer Schutz vorhanden,
Zum Sprung in ihren Kreis mich rasch entschieden,
Und glaub, mein Lehrer hätt mirs zugestanden.

Doch weil ich nicht verbrennen mocht und sieden,
Ließ Furcht den guten Willen mich verwinden,
Den ich, sie zu umarmen, schwer vermieden.

»Verachtung nicht, nur Schmerz kann ich empfinden,«
Begann ich, »für euch martervoll Gequälte,
Und nie wird mir das Mitleid mit euch schwinden.

Daß ich hier Männer träfe, auserwählte,
Das mußten schon die Worte offenbaren,
Mit denen mein Gebieter mirs erzählte.

Ich bin aus eurer Stadt und hab seit Jahren
Von euch, die hell an Tat und Namen blinken,
Liebes gesprochen nur und auch erfahren.

Den Wermut flieh ich, süßere Früchte winken,
wie mir des Führers Wahrwort profezeite;
Nur muß mein Pfad zum Weltenkern erst sinken.« -

»Sowahr dein Geist noch lang beweg und leite
Den Körper, und noch fern in Erdenlanden,«
Sprach einer, »sich dein Nachruhm hell verbreite,

Sprich, ist noch Mannheit, Edelsinn vorhanden
In unserer Stadt, wie einst in alten Tagen?
Ach! oder ist es wahr, daß beide schwanden?

Denn Wilhelm Borsier, der mit uns zu klagen
Jüngst herkam und dort geht mit den Genossen,
Kränkt uns mit dem, was wir ihn hören sagen.« -

»Weil Volk und Reichtum jäh ins Kraut geschossen,
Hat Stolz und Übermut dich fast vernichtet,
Florenz, daß du schon Tränen drob vergossen!«

So rief ich laut, das Antlitz aufgerichtet.
Da sahen die drei, die wohl den Sinn ersehen,
Sich an wie einer, dem sich Wahrheit lichtet.

»Kommt ein Bescheid dir teurer nie zu stehen,«
War aller Antwort, »bei so offenen Worten,
Heil dir! läßt du so dreist die Worte gehen.

Drum, wenn entronnen du den dunklen Orten
Und heimkehrst, wo die schönen Sterne scheinen,
Und dichs beglückt, zu sagen: 'ich war dorten',

Berichte droben dann von uns den Deinen.«
Drauf lösten sie sich aus des Rades Schlingen
Und flohen, auf Flügeln schien es, statt auf Beinen.

Kein Amen kann so rasch im Mund verklingen,
Als in die Ferne diese drei entschwanden,
Daher gefiels dem Meister, daß wir gingen.

Nachschritt ich ihm, und bald darauf befanden
Wir uns so nah des Wassers Donnerklange,
Daß kaum wir unser eigenes Wort verstanden.

Wie jener Fluß im selbstgebahnten Gange
Als erster ostwärts hoch vom Viso droben
Herfließt am linken Apenninenhange,

Und Acquacheta wird genannt dortoben,
Eh er talniederstürzt ins tiefe Bette,
Und bei Forlì des Namens wird enthoben,

Dann braust ob Benedettos heiliger Stätte,
Stürzend vom Alpengrad zu einem Hange,
Der reichlich Raum für tausend Siedler hätte:

So sahn wir stürzen hier in jähem Drange
Die trübe Flut durch steile Felsenklüfte,
Daß man taub würde bald beim Donnerklange. -

Nun trug ich einen Strick um meine Hüfte,
Den bunten Panter in bedrängten Stunden
Zu fangen, der mich einmal schon verblüffte.

Nachdem ich ihn mir gänzlich abgebunden,
Wie es der Führer mir als ratsam nannte,
Gab ich ihm den, zu einem Knaul gewunden,

Worauf er sich zur rechten Seite wandte
Und in geringem Abstand nur vom weiten
Abgrund ihn in die Tiefe niedersandte.

»Ei« sagt ich mir, »hier muß sich vorbereiten
Doch etwas Neues auf dies neue Zeichen,
Weil es des Meisters Augen so begleiten.«

O wie ist Vorsicht nötig sondergleichen
Bei denen, die nicht nur die Tat gewahren,
Nein, mit dem Geist das Denken auch erreichen.

«Er sprach zu mir: »Bald wird nach oben fahren,
Was meinem Warten, deinem Traum Genüge
Verschafft; bald wird es dir sich offenbaren.«

Der Wahrheit, die das Antlitz trägt der Lüge,
Soll möglichst sich des Menschen Mund verschließen,
Weil er dadurch nur schuldlos Schande trüge;

Doch hier zu schweigen, würde mich verdrießen.
Bei der Komödie Versen will ich schwören,
O Leser, soll sie Nachruhm je genießen:

Ich sah etwas die dunkle Stickluft stören,
Sah schwimmend ein Gebild sich aufwärtsrecken,
Davor Beherzte selbst den Mut verlören.

So taucht empor, wer tief im Meeresbecken
Den Acker löste, seis von einem Steine,
Sei es von anderm, was die Wogen decken,

Der sich emporstreckt und nachzieht die Beine.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 17
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 17

Schau dort das Untier mit dem spitzen Schweife,
Das Berge, Wehr und Mauern kann durchstechen;
Schau! wie sein Pesthauch alle Welt ergreife.«

So fing zu mir mein Führer an zu sprechen
Und winkte ihm, zu nähern sich dem Rande,
Wo sich die Marmorfliesen unterbrechen.

Und jenes Greueltrugbild kam zulande,
Hob Kopf und Rumpf und legte an die Glieder;
Doch zog es seinen Schweif nicht mit zum Strande.

Sein Angesicht sah aus so harmlos-bieder,
Schien milden Sinn mit Freundlichkeit zu paaren;
Doch Rumpf und Beinwerk glitt als Schlange nieder.

Zwei Pratzen, bis zur Schulter voll von Haaren,
Die Brust, die beiden Flanken und der Rücken
Bemalt mit Schilderei und Schnörkeln waren.

So scheckigbunt in Grund und Muster schmücken
Ihr Wollzeug weder Türken noch Tataren,
Noch mochte solch Geweb Arachnen glücken.

Gleich Barken, die am Ufer aufgefahren,
Halb noch im Wasser, halb schon auf dem Sande,
Und wie sich pflegt beim Fischfang zu gebaren

Der Biber in der deutschen Schlemmer Lande:
So kauerte der Tiere schlimmstes droben
Plump auf des Sandmeers steingefaßtem Rande.

Ins Leere schlug der ganze Schwanz, der oben
Mit einer giftigen Gabel war versehen,
Die er gleich dem Skorpionspieß hielt erhoben.

Der Führer sprach: »Nun heißts ein wenig drehen
Auf unserm Pfad, um, wo das Ungeheuer
Sich hingelagert hat, hinabzugehen.«

Drum ging er rechts hinab das Felsgemäuer,
Worauf wir noch zehn Schritt uns weiterwanden,
Den Sand zu meiden und das Funkenfeuer.

Und als wir nunmehr vor dem Tiere standen,
Sah ich im Flugsand etwas ferner Leute,
Die wir gekauert nah dem Abgrund fanden.

»Daß du vom ganzen Binnenkreise heute
Kenntnis erlangst,« sprach er, »so geh und siehe,
Was das Gebaren dieses Volks bedeute.

Doch nicht zu lang beim Zwiegespräch verziehe.
Bis du zurück, besprech ichs mittlerweile,
Daß der uns seine kräftigen Schultern liehe.«

So schritt ich denn zum allerfernsten Teile
Ganz einsam hin in diesem siebenten Schlunde,
Wo dieses Elendsvolk saß fern vom Heile.

Ihr Auge war der Qual beredte Kunde.
Bald hier bald dort versuchte Händeschlagen
Abwehr vorm Feuer und dem heißen Grunde.

So kratzen Hunde sich in Sommertagen
Und lassen Fuß und Schnauze still nicht stehen,
Wenn Flöhe, Fliegen oder Mücken plagen.

Auf manche ließ ich zwar die Blicke gehen
Auf die das Feuer fiel zu großem Leide,
Und kannte niemand; konnte aber sehen,

Daß alle eine Tasche unterscheide
Mit farbigen Wappen wie ein Halsgehänge.
Mir schiens, daß sich ihr Auge daran weide.

Und als ich forschend nahte dem Gedränge,
Auf eines Beutels Gelbgrund ich erblickte
Ein Löwenbild in bläulichem Gepränge.

Dann, als ich weiterweg die Augen schickte,
Ich einen zweiten blutigroten schaue,
Drauf eine Gans weißer als Butter nickte.

Doch einer, der als Wappen eine blaue
Trächtige Sau auf weißem Säckchen führte,
Rief mir: »Was tust du hier im Höhlenbaue?

Pack dich! da dich der Tod noch nicht berührte,
Hör: Nachbar Vitalian wird mit mir teilen
Den Platz bald, den er links von mir sich kürte.

Ich muß hier bei den Florentinern weilen,
Die mit Gebrüll mich Paduaner schrecken:
Her möge aller Ritter Ausbund eilen,

Auf dessen Tasche sich drei Böcklein recken!'«
Dann wies die Zunge er aus schiefem Munde
Gleich Rindern, die sich ihre Nase lecken. -

Aus Furcht, daß längeres Bleiben hier im Grunde
Den kränke, der mich doch gemahnt zur Eile,
Schied ich von dem erschöpften Geisterbunde.

Schon sah ich, daß dem Untier mittlerweile
Aufs breite Kreuz gestiegen mein Begleiter.
Er rief: »Nun Mut gefaßt! denn diese Steile

Hinunter geht es jetzt auf solcher Leiter.
Steig vorne auf, mir wird die Mitte passen,
So bringt der Schwanz dir keinen Schaden weiter.«

Wie einer Schüttelfrost sich fühlt erfassen,
Wo blau die Nägel sind und er beim Schauen
Des bloßen Schattens frierend will erblassen:

So packte mich bei dem Geheiß ein Grauen;
Doch konnte mir sein Zuspruch Scham entfachen,
Die Knechten Mut giebt, zeigt der Herr vertrauen.

Drum schwang ich mich aufs Riesenkreuz des Drachen.
»Jetzt halte mich umschlungen,« wollt ich sagen,
Nur ließ die Stimme sich nicht dienstbar machen.

Doch der sich schon bewährt in schlimmern Lagen,
Sah sich, sobald ich obensaß, bewogen,
Zum Schutze seinen Arm um mich zu schlagen,

Und rief: »Auf Geryon! frisch die Luft durchflogen!
Die ungewohnte Last bedenkend, schwebe
Und lande mit gemächlich-sanftem Bogen.«

Alsob ein Boot vom Strand sich langsam hebe,
Schob er sich hin; und als er erst erkannte,
Daß hinter ihm es neuen Spielraum gebe:

Dahin, wo erst die Brust gewesen, wandte
Den Schwanz er nun, ihn windend gleich dem Aale,
Und Luft zupaddelnd sich mit jeder Brante.

Es blickte, glaub ich, Phaëthon zutale
Bestürzter nicht - als ihm entglitt der Zügel,
Wo jetzt noch sind des Himmels Feuermale,

Noch Ikarus, der arme, als der Bügel
Aus Wachs zerschmolz am sinkenden Gefieder,
Daß bang der Vater rief: »Falsch lenkt dein Flügel -«

Als ich, weil ringsherum und auf und nieder
Nur Luft ich sah und sonst nichts konnte sehen,
Als unter mir des Riesentieres Glieder.

Und nun schwimmts hin in sachtem-sachtem Gehen;
Es kreist und sinkt ... doch weiter nichts ich spürte,
Als Luft ins Antlitz und von unten wehen.

Doch bald von rechts herauf mein Ohr berührte
Des Wasserfalles fürchterliches Brausen,
Wovon ein Niederspähn mich überführte.

Jetzt gab mir, was dadrunten mochte hausen,
Mehr Furcht noch. Flammen lohten, Schreie klangen,
Sodaß ich ganz geduckt mich hielt vor Grausen;

Und sah alsdann, was mir zuerst entgangen,
Das Abwärtskreisen durch die großen Klagen,
Die auf uns her von allen Seiten drangen.

Gleichwie der Falk - vom Fittich lang getragen,
Doch weder Federspiel noch Vogel wittert,
Den Falkner »Ach! du sinkst ja« lässet sagen -

Erschöpft in hundert Kreisen niederzittert
Dahin, von wo er aufstieg stolzen Zuges,
Und, seinem Meister fern, hinhockt erbittert:

So trug uns Geryon sanften Niederfluges
Zum Grund ganz dicht am Fuß der Felsensteile.
Ablud er uns, die Bürde seines Buges,

Und schoß davon gleich abgeschnelltem Pfeile.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 18
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 18

Ein Ort der Hölle nennt sich Übelbuchten,
Ist ganz aus Steinen und hat eisengraue
Färbung, wie auch der Wall um diese Schluchten.

Genau inmitten dieser Unheilsaue
Gähnt tief ein Brunnenschacht mit mächtigem Schlunde:
Ich melde später mehr von seinem Baue.

Der Raum, der bleibt, macht also eine Runde
Vom Schacht bis hin, wo hoch die Felsen stehen,
Und teilt sich in zehn Täler tief im Grunde.

Wie man als Schutzwehr gürtelartig gehen
Um die Kastelle Graben sieht an Graben:
Genau wie dieses Muster anzusehen

War auch das Bild, das diese hier ergaben.
Und wie derartige Burgen von den Türen
Zur äußern Böschung kleine Brücken haben,

So hier vom Fuß des Felsens Klippen führen,
Die, wenn sie Damm und Graben rings durchschnitten,
Den Brunnenkranz in Sternenform umschnüren.

Dort wars, wo wir, von Geryons Kreuz entglitten,
Uns fanden. Linkswärts dieses Steinverhackes
Schritt der Poet, ich folgte seinen Schritten.

Rechts sah ich hier neuartigen Gezwackes
Und neuer Qual sich üben neue Schinder
Als vollen Inhalt dieses ersten Sackes.

Im Grunde gingen nackte Sündenkinder:
Diesseit der Mitte unserm Blick entgegen,
Jenseitig mit uns, doch im Gang geschwinder,

Wie man in Rom des großen Andrangs wegen,
Wie ich ihn sah im Jubeljahr entstehen,
Den Strom geregelt auf den Brückenstegen,

Daß links nur immer darf die Menge gehen:
Wer nach Sanktpeter will, sieht zum Kastelle,
Doch wer zurückkommt, muß zum Berge sehen.

Und rechts und links in schwarzer Felsenzelle
Sah ich gehörnte Teufel, und die hieben
Mit langen Geißeln grausam auf die Felle.

Hei! hat sie da schon eilig angetrieben
Der erste Schlag, daß lüstern nach dem zweiten
Und dritten nicht ein einziger stehngeblieben.

Da zog mein Auge, wie ich so im Schreiten,
Ein Schatten auf sich, daß ich plötzlich dachte:
Den sahest du doch schon in früheren Zeiten?'

Und als ich stehnblieb, daß ich ihn betrachte,
Stand auch der holde Führer und erlaubte,
Daß ich umkehrend ein paar Schritte machte.

Doch der Gepeitschte, niederblickend, glaubte,
Daß, sich zu bergen, diese List ihm tauge.
Umsonst! Ich rief: »Du mit gesenktem Haupte,

Du bist, täuscht eine Maske nicht mein Auge,
Venedico Caccianimic! Doch sage,
Was tunkte dich in diese salzige Lauge!«

Und er: »Ob mir die Antwort mißbehage,
Mich lockt die Stimme, die so hell erklungen
Und mir Gedächtnis wachruft alter Tage.

Ich wars, der in Schön-Ghisola gedrungen,
Bis sie gefügig wurde dem Marchesen,
Ob falsch darum auch zeugen falsche Zungen.

Doch ich als einziger nicht der Bolognesen
Hier weinen muß. Soviel sind deren drinnen,
Als niemals Sipa-Sprecher sind gewesen

Im Land, wo Savena und Reno rinnen.
Und willst du Eid und Zeugnis dafür schauen,
Brauchst du nur unserer Habsucht nachzusinnen.«

So sprach er, als ein Teufel ihn gehauen
Mit seiner Knute schon, ausrufend: »Weiter,
Du Kuppler! Hier giebts keine feilen Frauen.« -

Nun schloß ich wieder mich an den Begleiter,
Drauf wir in kurzem eine Felsenschwelle
Erreicht, wo eine Klippe stand als Leiter.

Wir überklommen mühlos diese Stelle;
Und rechts uns wendend über ihre Schroffen,
Verließen wir die äußeren Kreise schnelle.

Als wir dort, wo die Schwelle unten offen,
Um Durchlaß den Gepeitschten zu gestatten,
Riet mir der Führer: »Warte, bis getroffen

Dein Antlitz wird vom Blick der andern Schatten:
Du sahst von vorn noch nicht die Angesichter
Der Argen, da sie unsere Richtung hatten.«

Vom alten Brückenjoch sahn wir die Wichter
Uns auf der andern Seite nahn, geschlagen
Von Geißeln gleich dem übrigen Gelichter.

Der gute Meister, ohne mein Befragen,
Begann: »Sieh dort den Großen, der trotz schlimmer
Tortur den Schmerz scheint tränenlos zu tragen.

Wie ist sein Anblick königlich noch immer!
Jason ists, der mit List und mutigem Wagen
Den Kolchiern stahl des Goldenen Vließes Schimmer.

Die Insel Lemnos sah sein Segel ragen,
Als die verwegenen Weiber ohne Grauen
Und Mitleid alles Männervolk erschlagen.

Hier sollte seinem Wort und Schmeicheln trauen
Hypsipyle, daß er ihr Täuschung brächte,
Die vorher täuschte alle anderen Frauen.

Einsam zurück hier ließ er die Geschwächte.
So büßt er nun sein heuchlerisches Lügen;
Und auch Medeas Herzleid hier sich rächte.

Mit diesem gehn, die solcherart betrügen.
Von ihnen und vom ersten Talgelasse,
Das sie zerkrallt, mag dieses dir genügen.« -

Schon waren wir, wo mit der engen Gasse
Der zweite Wall sich kreuzt, um Widerlage
Und Stützpunkt zu verleihen dem nächsten Passe.

Hier hörten wir Geschnaufe und Geklage
Vom zweiten Sack, wo sich die Sünder mußten
Selbst wehetun mit flacher Hände Schlage.

Ich sah, daß jede Wand voll Schimmelkrusten,
Und daß vom Dunst der Tiefe dies entstände,
Drob Aug und Nas, was ärger war, nicht wußten.

Der Trichter gähnt sotief, daß kaum sich fände
Ein Ort zum Einblick, wenn man nicht erklommen
Den Bogen bis zum höchsten Punkt der Wände.

Ich sah im Graben, als wir angekommen,
Ein Volk getunkt in einem ekeln Breie,
Der menschlichen Kloaken schien entnommen.

Als nun mein Blick hinabforscht durch die Reihe,
Zeigt sich ein Kopf so kotig, daß es schwierig
Zu sehen, ob es Pfaffe oder Laie.

Der schrie mich an: »Was läßt du so begierig
Den Blick auf mich als einzigen Schmutzbold gehen?«
Ich sprach: »Weil ich mit Haaren minder-schmierig

Und trocken, irr ich nicht, dich schon gesehen.
Interminei, einer der Lucchesen
Bist du: drum blieb vor dir ich länger stehen.«

Da schlug er sich den Kürbis: »Auserlesen
Hat mich die Schmeichelsucht zu diesem Drecke;
Denn niemals ist mein Süßmaul still gewesen.«

Drauf sprach zu mir der Führer: »Nunmehr strecke
Das Angesicht nach vorn, nur wenig eben,
Damit dein Auge das Gesicht entdecke

Der schmutzigen Dirne, deren Haare kleben,
Und deren Haut die kotigen Nägel scheuern,
Die kaum sich setzt, um gleich sich zu erheben.

Thaïs, die Dirne ists, die ihrem Teuern -
Als er gefragt: 'Bist du mir nun verpflichtet
Zu Dank?' - erwiderte: 'Zum ungeheuern!' -

Und hier sei nun auf weitere Schau verzichtet.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 19
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 19

Ha, Simon Magus, und ihr, sein Gelichter,
Das Gottes Dinge, die vermählt mit Güte
Sein sollten, o raubgierige Bösewichter,

Für Gold und Silber, schändlich im Gemüte,
Verkuppelt! Laut jetzt die Posaune schalle,
Wie übel euch die dritte Bucht behüte! -

Schon waren wir zur nächsten Grabeshalle
Gestiegen, wo zur Mitte tief im Grunde
Der Felsen stürzt in lotrechtsteilem Falle.

Kunst höchster Weisheit! Selbst im Höllenschlunde,
Nicht nur im Himmel und in Erdenauen
Wird deiner Allgerechtigkeit uns Kunde.

Ich konnt im Grund und an den Wänden schauen
Kreisrunde Löcher, alle gleich an Weite,
In schwärzlichgrauen Fels hineingehauen,

Die den Taufurnen ähnlich mir an Breite
In meinem schönen Sanktjohann erschienen,
Als Priesterstandort an des Beckens Seite.

Vor Jahren erst zerschlug ich eins von ihnen,
Weil drein ein Knäblein fiel und schier erstickte:
Dies mag als Eidschwur allen Zweiflern dienen. -

Aus jedem Loche ragend ich erblickte
Der Sünder Füße hier bis zu den Waden;
Der Leib war drin versteckt. Ein Feuer schickte

Auf alle Sohlen Glut, sie drin zu baden;
Drum war so heftig ihrer Knöchel Drehen,
Daß Bast und Strick leicht risse wie ein Faden.

Wie wir bei ölgetränkten Stoffen sehen,
Daß obenhin nur Flammen flackernd rennen,
So flimmerts zwischen Fersen hier und Zehen.

Ich fragte: »Meister, willst du den mir nennen,
Der mehr als andre dort mit zornigem Schlagen
Sich wehrt und dessen Sohlen röter brennen?«

Und er zu mir: »Soll ich dich abwärtstragen
Die Felsenwand auf jenem flachern Steige,
So wird er Schuld und Namen selbst dir sagen.«

Und ich: »Gut ist, was dir als gut sich zeige.
Du bist der Herr und weißt, mein Wille pflichtet
Dem deinen bei, und weißt, was ich verschweige.«

So ward zum vierten Damm der Schritt gerichtet.
Wir wandten uns und stiegen links tiefnieder,
Wo Loch an Loch im engen Grund sich schichtet.

Nicht eher lud mich von der Hüfte wieder
Der gute Meister bis vorm Grabe dessen,
Denn also weinten seine untern Glieder.

»Seele, wer du auch seiest, die Qualen pressen,
Kopfabwärts wie ein Rammpfahl eingetrieben,
Sprich!« rief ich, »hast du sprechen nicht vergessen.«

Dem Beichtmönch ähnlich war ich stehngeblieben,
Den schnell zurück der Mörder ruft, bewogen
Von Hoffnung, noch den Pfahltod zu verschieben.

»O Bonifaz, kommst du schon hergezogen,«
Schrie er, »schon hergezogen zu den Borden?
Die Schrift hat mich um ein paar Jahr belogen.

So schnell bist du der Güter sattgeworden,
Drum schamlos du die schöne Frau bestohlen,
Um ihre Seele schändlich dann zu morden?«

Verdutzt bemüht ich mich, den Sinn zu holen
Aus diesem Wort, stand sprachlos bei den Fragen,
Als wär, zu spotten meiner, ihm befohlen.

Da sprach Vergil: »Du mußt ihm hurtig sagen:
Ich bins nicht, bins nicht, der ich dir erscheine.«
Und ich gab Antwort, wie mir aufgetragen,

Worauf der Geist verkrümmte ganz die Beine.
Und dann, indem ihn Angstgeseufz durchzückte,
Sprach weinend er: »Sprich, was dein Wunsch denn meine?

Wenn, wer ich bin, zu wissen dich so drückte,
Daß du herniederklettertest die Schären,
Vernimm, daß mich der hehre Mantel schmückte.

Als Bärensprößling für das Wohl der Bären
Verstand ich, wie man droben Geld einsackte
Und hier michselber. Doch laß dir erklären:

Mir unterm Kopf noch giebts viel Wohlverpackte,
Die Simonie schon vor mir angefangen
Und tief im Felsblock ruhen als Eingezwackte.

Auch ich einst werde dort hinabgelangen,
Wenn jener kommt, auf den ich erst geraten,
Als ich dich hastigfragend angegangen.

Doch mir ward länger schon der Fuß gebraten
Und länger mußt ich hier kopfunter stecken,
Als er mit roten Füßen hier wird waten.

Denn nach ihm kommt aus West voll böserer Flecken
Ein Hirt, mißachtend aller Satzung Banden,
Der ihn und mich wird unter sich bedecken.

Ein zweiter Jason ists, wie wir ihn fanden
Im Makkabäerbuch; denn wie den ehrte
Sein Fürst, ehrt ihn der Herr von Frankreichs Landen.«

Ich weiß nicht, ob der Ehrfurcht ich entbehrte,
Als ich statt Antwort mich vermaß zu fragen:
»Ei sag mir doch, was unser Herr begehrte

Für Schätze, als er Petrus angetragen
Das Schlüsselamt, daß ers verwalte später?
Man hörte nur 'Folge mir nach' ihn sagen.

Nicht Petrus noch wer sonst der heiligen Väter
Verlangten Gold und Silber, als sie wählten
Durchs Los Matthias für den Erzverräter.

Drum bleibe hier bei den mit Recht Gequälten
Und hüte wohl der schlimmgeraubten Güter,
Die gegen Karl den Übermut dir stählten.

Dich schützt die Ehrfurcht christlicher Gemüter,
Scheu vor den hehren Schlüsseln, die im Lichte
Des Tages du bewahrtest einst als Hüter,

Sonst ging mit dir ich strenger zu Gerichte.
Denn euer Geiz, drob schon die Menschheit weinte,
Erhöht die Schlechten, Gute machts zunichte.

Euch Päpste der Evangelist auch meinte,
Als er das Weib gesehen auf Meereswogen,
Das sich in Buhlschaft mit den Königen einte:

Die Siebenköpfige, die Kraft entsogen
Zehnfachem Horn, solange zu betreten
Den Tugendweg ihr Gatte noch gepflogen.

Gold, Silber nehmt ihr, euern Gott zu kneten!
Euch trennt nur das von Götzendienern heute,
Daß ihr zu hundert, die zu Einem beten!

Ach, Konstantin! wieviel des Unheils streute
Nicht deine Taufe, vielmehr jene Schenkung,
Die euern ersten reichen Vater freute.«

Und wie ich vorsang ihm dies Lied - wars Kränkung
Vielleicht, wars das Gewissen, das ihn nagte -
Er krümmte jeden Fuß in Schmerzverrenkung.

Wohl glaub ich, daß dem Führer dies behagte.
Er hörte, was von Herzen mir gekommen,
Zufriedenen Blicks, weil ich die Wahrheit wagte.

Drauf in die Arme hat er mich genommen,
Und als er dicht an seiner Brust mich spürte,
Erklomm den Weg er, den er hergekommen.

Nicht müde wurde, der mich fest umschnürte,
Bis wir des Bogens First erreichten wieder,
Der fort vom vierten Damm zum fünften führte.

Hier ließ er seine Bürde sänftlich nieder,
Die sanft ihm war, obwohl des Felsens Schroffen
So steil, daß sie selbst schwer für Gemsenglieder.

Von dort aus lag ein anderes Tal mir offen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 20
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 20

Nun gilts, daß neue Pein die Verskunst meißelt
Und Inhalt wird zum zwanzigsten Gesange
Des ersten Lieds, das die Versunkenen geißelt.

Höchst eifrig sucht ich schon vom schroffen Hange
Hinabzuforschen zum erschlossenen Schlunde,
Der naß von banger Tränen Überschwange,

Und sah Gestalten in des Tales Runde,
Die trägen Schrittes stumm und weinend zogen
Wallfahrern gleich, die sich vereint zum Bunde.

Ich sah, als tiefer meine Blicke flogen,
Daß dieses Volk sich schauderhaft verschraubte
vom Kinn bis zu des Rumpfes Achselbogen.

Denn nach den Lenden sehn sie mit dem Haupte
Und müssen also rückwärtsgehn für immer,
Weil es des Vorwärtsschauens sie beraubte.

Vielleicht vermag durch seine Kraft ein schlimmer
Starrkrampf so gänzlich jemand zu verqueren;
Doch sah ichs nie und kann es glauben nimmer.

Will Gott dir, Leser, etwas Frucht bescheren
Aus deinem Lesen, selber dann erachte:
Sollt ich der Tränen wohl mich noch erwehren,

Als unser Ebenbild, wie ichs nie dachte,
Ich so verrenkt sah, daß der Augen Weinen
Stets feucht den Einschnitt ihres Kreuzes machte?

Wahrlich, ich weinte, lehnend an den Steinen
Des harten Felsens, bis mein Führer drohte
Und sprach: »Willst du wie andre Toren scheinen?

Hier lebt Erbarmen wohl, doch nur das tote.
Denn zeigt nicht der ein schmähliches Gebaren,
Der Mitleid fühlt trotz göttlichem Gebote?

Erheb das Haupt, erhebs, den zu gewahren,
Den Thebens Volk im Boden sah verschwinden,
Daß alle riefen: 'Wohin willst du fahren,

Amphiaros, und dich der Schlacht entwinden?'
Und der im Sturz nicht eher als im Schachte
Einhielt, wo Minos jeden weiß zu binden.

Sieh! wie er ihm die Brust zum Rücken machte.
Nun muß er rückwärtsgehen und rückwärtssehen,
Weil er zuweit vorauszuschauen gedachte.

Sieh dort Tiresias, dem es einst geschehen,
Daß alle Glieder er durch Zaubergabe
Zur Weibesform sah plötzlich übergehen.

Er mußte wieder erst mit seinem Stabe
Hernach die zwei verknäuelten Schlangen hauen,
Daß er zurück des Bartes Zierde habe.

Rückwärts an seinen Bauch gelehnt zu schauen
Ist Aruns. Einst auf Lunis Berggeländen,
Wo die Carrarer Tal und Flur bebauen,

Saß er in einer Grotte Marmorwänden,
Daß seine Augen auf die Meeresküste
Und zu den Sternen freien Ausblick fänden.

Und jene dort, verhüllend ihre Brüste,
Die du nicht siehst, mit aufgelösten Haaren,
Und abkehrt, was behaart man schauen müßte,

War Manto, die der Länder viel befahren
Bis sie im Orte blieb, der mich geboren.
Doch davon möcht ich mehr dir offenbaren.

Als sie den Vater durch den Tod verloren,
Und Sklavin schon die Bacchosstadt geworden,
Hat sie sich lange Wanderschaft erkoren.

Benaco heißt in Welschlands schönem Norden
Ein See am Alpenfuß, der Deutschlands Auen
Nah bei Tirol abschließt mit seinen Borden.

Von Val Camonica bis Garda tauen
Vom Apennin wohl mehr als tausend Quellen,
Glaub ich, die dann in diesem See sich stauen.

Dort ist ein Punkt, da könnten in den Wellen
Trients, Veronas, Brescias Äbte segnen,
Falls sie sich auf dem Weg dahin gesellen.

Hier liegt Peschiera, mächtig am verwegnen
Brescia und Bergamo die Kraft zu proben,
Wo flachere Gestade rings begegnen.

Hierher muß alles stürzen sich von oben,
Was nicht im Schoß Benacos Raum gewinnt,
Und wird zum Fluß, von Auen grünumwoben.

Sobald das Wasser seinen Lauf beginnt,
Heißt statt Benaco Mincio seine Welle,
Bis bei Governo es im Po verrinnt.

Nach kurzem Lauf trifft er auf seichtere Stelle,
Wo sich sein Bett zu einem Sumpfe weitet,
Der oft im Sommer giftiger Dünste Quelle.

Als hier entlang die grause Jungfrau schreitet,
Sieht sie den Landstrich mitten im Moraste,
Der unbesiedelt, unbebaut sich breitet.

Hier bleibt sie, flieht die Menschheit, die verhaßte,
Übt Zauberkünste aus mit den Genossen
Und hauste da, bis sie im Tod erblaßte.

Die Menschen dann, die ringsverstreuten, schlossen
Sich um den Ort, der wie gemacht zur festen
Ansiedlung, weil er rings vom Sumpf umflossen.

Die Stadt erwuchs auf ihren toten Resten
Und hieß als Omen ohne langes Säumen
Mantua nach der Gründerin am besten.

Mehr Volk fand sich zuvor in ihren Räumen,
Eh Pinamonte wußte zu betrügen
Den Casalodi, der sichs nicht ließ träumen.

Dies lehr ich dich, falls man mit andern Zügen
Dir meiner Stadt Entstehung je berichte
Und Wahrheit zu entstellen sucht durch Lügen.«

Und ich: »Nichts macht mir mein Vertrauen zunichte,
O Meister; dein Bericht nur soll mir frommen.
Auf andres ich als leere Spreu verzichte.

Doch sag: von diesen, die jetzt näherkommen,
Ists jemand wert, daß man von ihm erfahre?
Denn dafür ist mein Sinn nur eingenommen.«

Er sprach: »Dort jener, dem des Bartes Haare
Vom Kinn bis auf die braunen Schultern liegen,
War Seher, als in Hellas seltene Ware

Das Mannsvolk hieß und kaum sich fand in Wiegen.
Mit Kalchas wies den Auliern er die Stunde,
Das Tau zu kappen, um ins Meer zu fliegen.

Er hieß Eurypilus, und so hat Kunde
Mein tragisch Epos auch von ihm gegeben.
Du weißt ja wo, du kennst es aus dem Grunde.

Der hagere hüftenschlanke Mann daneben
Ist Michel Scotus. Der verstands, die Schauer
Des Gauklertruges der Magie zu weben.

Schau Veit Bonatti, schau Asdent, der schlauer
Bei Pechdraht und bei Leder wär geblieben,
Wie er es jetzt zuspät bereut voll Trauer.

Die Ärmsten schau! Statt ihren Flachs zu lieben,
Spindel und Nadel, wurdens Zauberinnen,
Die Hexerei mit Kraut und Wachsbild trieben.

Doch komm nun! Kains Dornenbund ragt binnen
Der Grenze schon von beiden Hemisphären,
Das Meer jenseit Sevilla zu gewinnen.

Du sahst ihn gestern sich zum Vollmond klären:
Er konnte oft, wie dir wohl unvergessen,
Im Waldesgrunde Nutzen dir gewähren.«

So sprach er und wir gingen unterdessen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 21
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 21

So gings von Steg zu Steg mit manchen Worten,
Die es nicht lohnt im Liede festzuhalten,
Zum Kulm. Dann standen wir und sahen von dorten

Der Übelbuchten nächsten Schacht sich spalten
Und neues eitles Jammern tief im Tale.
Und ich sah drin ein seltsam Dunkel walten.

Gleichwie zur Winterszeit im Arsenale
Die Venezianer zähen Teerbrei kochen,
Daß man die wracken Schiffe neu verschale;

Denn weil die Schiffahrt ruht, so stehen und pochen
Am neuen Fahrzeug diese, andere heilen
Die Rippen dem, das oft in See gestochen,

Am Heck und Bugspriet Zimmerer sich beeilen,
Es wird geflickt an Segel und Gebände,
Hier schnitzt man Ruder, dort dreht man an Seilen:

So - nicht durch Feuer, nein, durch Gottes Hände -
Kocht da ein Pechbrei, der zähflüssig klickte
Und rings verkleisterte die Uferwände.

Ich sah das Pech, doch drin ich nichts erblickte,
Als daß es sich im Kochen blasig blähte,
Nach oben quoll und setzend sich verdickte.

Indem ich wie gebannt herniederspähte,
Zog mich mein Führer, rufend: »Achtung, Achtung!«
Von meinem Platz weg, daß ich zu ihm träte.

Ich wandte mich - wie einer, der Betrachtung
Gern schenkte dem, was ihn zur Flucht getrieben,
Und dessen Mut vor Furcht sinkt in Umnachtung,

Der hinstiert zwar, doch nicht wagt aufzuschieben
Die Flucht - und hinter uns sah auf den Steinen
Ich einen schwarzen Teufel näherstieben.

In seinem Antlitz Haß und Grimm sich einen.
Wie schien sein Aussehn grausam, als er rannte
Mit offenen Flügeln und auf schnellen Beinen.

Es hingen von der Schulter hoher Kante
Hüftlings herab ihm eines Sünders Glieder,
Die er am Knöchel straffen Griffs umspannte.

»Ihr Satanskrallen, schaut,« rief er hernieder,
»Ein Ratsherr Santa Zitas! Her die Tatzen,
Und taucht ihn! Gleich mit andern komm ich wieder

Aus jener Stadt, die davon voll zum Platzen.
Feil sind sie dort, bis auf Bontur, den Einen!
Aus Nein wird dort ein Ja für wenige Batzen.«

Abwarf er ihn, und auf den Klippensteinen
Gings rückwärts; und kein Hund, frei von der Kette,
Verfolgte je den Dieb auf rascheren Beinen.

Der sank und hob verkehrt sich aus dem Fette.
Doch unterm Brücklein scholl der Teufel Bellen:
»Hier giebts kein heilig Antlitz, das dich rette!

Hier schwimmt sichs anders als in Serchios Wellen.
Und soll es nicht mit unsern Gabeln hapern,
So wage übers Pech nicht aufzuschnellen;

Nein, such dir was im Trüben zu erkapern,
Daß dir dein unterirdisch Tänzlein glücke«
Drauf stieß man ihn mit hundert scharfen Schrapern,

Als wenn der Koch befiehlt, daß niederdrücke
Der Küchenjunge zu des Kessels Grunde
Vom Kochfleisch die emporgeschwemmten Stücke.

Der gute Meister sprach: »Eh man erkunde
Dein Hiersein, ducke hinterm Steingesplitter
Dich dort als bestem Schutzwall in der Runde.

Und wie man sich mir feindlich zeig und bitter,
Befürchte nichts: ich kenne ihre Tücke,
Und hielt schon einmal aus solch Ungewitter.«

Drauf überschritt er bis zum Kopf die Brücke.
Und als er an des Tales sechstem Hange,
Wars wahrlich not, daß Mut die Stirn ihm schmücke.

Mit selber Wut, mit selbem bissigen Drange
Wie Hunde los auf einen Bettler fahren,
Sobald er gabenheischend hält im Gange,

So preschten jäh, die unterm Brücklein waren,
Hervor mit allen ihren spitzen Zacken.
Er aber rief: »Die Tücke wollt nur sparen!

Bevor mich eure Gabelzinken packen,
Tret einer vor von euch, der mich vernommen,
Und dann bedenkt, obs ratsam, mich zu zwacken.«

Da riefen alle: »Übelschwanz soll kommen!«
Und der trat vor (die andern blieben stehen)
Und murrte, nähernd sich: »Was wirds ihm frommen?«

»Wer, Überschwanz, ließ straflos es geschehen,«
So sprach mein Meister, »bei euch einzudringen
Und euerm Widerstand heil zu entgehen,

Wenns Gott und Schicksal gnädig nicht verhingen?
Drum laß mich gehen! Im Himmel ists beschlossen,
Ich soll durch diese Wildnis jemand bringen.«

Wie schmählich war der Übermut zerflossen;
Den Haken ließ er fallen furchtdurchschauert.
»Verletzt ihn nicht,« befahl er den Genossen.

Mein Führer drauf zu mir: »Du, der da kauert
Im Brückenschutt, komm wieder vorgekrochen!
Und komm zu mir, da nicht Gefahr mehr lauert.«

Gleich lief ich vorwärts, als er so gesprochen,
Doch auf mich zu sah ich die Teufel fahren
Und bangte schon, daß der Vertrag gebrochen.

So sah ich zittern einst die Söldnerscharen,
Die laut Vertrag Capronas Burg verließen,
Als sie von Feinden ganz umzingelt waren.

Ich strebte, ganzen Leibs mich anzuschließen
Dem Führer drum, und mit gespannten Mienen
Sah ich auf sie, die Gutes nicht verhießen.

Schon senkten sie die Spieße, und von ihnen
Raunt einer: »Kratz ich ihn am Schulterblatte?«
Und Antwort scholl: »Ja, such ihn zu bedienen!«

Doch jener Teufel, der gesprochen hatte
Mit meinem Führer, bog sich schnell zurücke
Und sagte: »Ruhe, Ruhe, Wirrwarratte!«

Und dann zu uns: »Auf dieser Felsenbrücke
Könnt ihr nicht weitertippeln, weil im Grunde
Der sechste Bogen barst in tausend Stücke.

Doch lockts euch dennoch fort, geht längs dem Schrunde
Den Damm, bis ihr die Klippe seht sich heben;
Durchkrauchen könnt ihr da zur nächsten Runde.

Gestern, fünf Stunden später wars als eben,
Daß vor zwölfhundertsechsundsechzig Jahren
Den Weg hier schmiß in Klump der Erde Beben.

Dorthin muß just ein Trupp aus meinen Scharen,
Ob keiner aus dem Pech taucht, nachzusehen.
Trollt hinterdrein: ihr werdet nichts befahren.

Auf! Schlapperschwing und Fröstelzeh soll gehen,«
Begann er im Befehl, »auch du, Hundsbolle.
Und Strubbelbart sei Führer dieser zehen.

Antrete Rötelruß und Drachenknolle,
Saubörstel mit den Hauern, Schindewade
Und Flitzibell; auch Funkelfratz, der tolle.

Liegt auf der Lauer rings am Pechgestade!
Doch die laßt heil bis an den Felsen gehen,
Der ob den Gruben dient zum sichern Pfade.« -

»Ach, Meister,« sprach ich, »weh, was muß ich sehen?
Kennst du den Weg, laß die uns nicht begleiten;
Ich brauch sie nicht, es kann auch so geschehen.

Bist du so umsichtsvoll wie allerzeiten
Und siehst nicht, wie sie ihre Zähne blecken,
Die Brauen runzeln und Verrat bereiten?«

Und er zu mir: »Du brauchst nicht zu erschrecken.
Laß nach Belieben ihre Zähne blinken;
Es gilt nur denen, die im Pechbrei stecken.«

Dann auf dem Damme schwenkten sie zur Linken;
Doch jeder erst die Zunge wies in Eile
Dem Obmann durch die Zähne, ihm zu winken,

Und der posaunte mit dem Hinterteile.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 22
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 22

Ich sah schon Reiter aus dem Lager ziehen
Und Sturm beginnen oder manövrieren,
Und manches Mal zu ihrer Rettung fliehen,

Streifzügler auch in euern Feldrevieren,
O Aretiner, hausen. Posten halten,
Und Ringelstechen sah ich und turnieren,

Wobei Trompeten, Trommeln, Glocken schallten,
Blinklicht von Burgen winkte, oder Zeichen
Man gab, die je im In- und Ausland galten:

Doch nie ließ manövrieren nach dergleichen
Fagott Fußvolk und Reiter ein Trompeter,
Noch Schiffe nach Gestirn und Leuchtturm streichen.

So führten uns die höllischen Vertreter:
Ein schauriges Geleite! Doch in Schenken
Sind Säufer heimisch und in Kirchen Beter. -

Aufs Pech allein mein Sinnen stand und Denken,
Den neuen Unheilssack ganz zu erkunden,
Und was für Volk sie da im Sude schwenken.

Wie Schiffern wohl Delphine, mit dem runden
Rückgrat auftauchend, Warnungszeichen geben,
Zu landen, eh der Sturm sich eingefunden,

So sah man hier sich manchen Sünder heben,
Um nach der Hitze kühlend sich zu laben,
Dann mit dem Rücken blitzschnell niederstreben.

Und wie am Saum von einem Wassergraben
Die Frösche hocken, nur das Maul vorstrecken,
Doch Bauch und Beine wohlverborgen haben,

So könnt ich Sünder ringsherum entdecken,
Die gleich, wenn Strubbelbart herangekommen,
Sich im Gebrodel suchten zu verstecken.

Ich sah, und noch macht mirs das Herz beklommen,
Einen verziehn, wie oft ein Frosch entweichen
Nicht will, wenn längst der andere weggeschwommen.

Schindwade, ihm zunächst, konnt ihn erreichen
Und zog ihn hoch an den verpatzten Haaren,
Daß er mir einem Otter schien zu gleichen.

Ich hatte aller Namen schon erfahren,
Da sie mir gleich beim Abmarsch aufgefallen
Und dann ihr Anruf zeigte, wer sie waren.

»Ho Funkelfratz, herbei! Setz deine Krallen
In sein Genick, das Leder ihm zu schinden,«
So scholls von den Vermaledeiten allen.

Und ich: »Mein Meister, such doch auszufinden,
Wie der Pechvogel heißt, bist dus imstande,
Der sich in seiner Feinde Hand muß winden.«

Mein Führer trat an ihn heran zum Rande,
Ihn fragend, wer er sei. Und der Bepechte
Sprach so: »Ich stamme vom Navarrerlande.

Die Mutter machte mich zum Herrenknechte,
Die mich von einem Tunichtgut geboren,
Der sich entleibt und vorher spielte und zechte.

Zu König Thibauts Diener dann erkoren,
Des Guten, wußt ich Schliche auszuhecken,
Zu deren Abrechnung ich hier muß schmoren.«

Doch Saubörstel, dem sich zwei Hauer strecken
Dem Eber gleich aus seines Maules Spalte,
Ließ ihn, wie scharf der eine ritzte, schmecken.

Auf garstige Katzen da mein Mäuslein prallte,
Doch Strubbelbart umschlang ihn mit der Pratze
Und schrie: »Zurück, solange ich ihn halte!«

Und meinem Meister zeigend seine Fratze,
Sprach er: »Soll er noch mehr dir offenbaren,
So frag ihn, eh man ihn zuschandenkratze.«

Der Führer drauf: »So sprich, ob in den Scharen
Latiner sind, die unterm Pech dort kleben,
Und du sie kennst?« - Und dieser: »Hergefahren

Von einem aus der Näh dort komm ich eben.
O säß ich noch im Pech bei ihm, nicht bange
Säh ich nach mir sich Spieß und Klaue heben.«

Und Rötelruß rief aus: »Foppst du noch lange?«
Und schlug den Arm ihm mit den Gabelspitzen,
Daß er ein Stück gleich mitriß bei dem Fange.

Auch Drachenknoll wollt ihn am Schienbein ritzen;
Doch schnell sich wendend ihm der Häuptling wehrte
Und ließ rundum die Augen grimmig blitzen.

Als nun ein wenig Ruhe wiederkehrte,
Sprach den, der noch bestierte seine Wunde,
Mein Führer an, der Aufschub nicht begehrte:

»Wer wars, von dem du dich zur Unglücksstunde,
Wie du erzählst, fort aus dem Pech erhoben?« -
»Bruder Gomita wars,« gab er uns Kunde,

»Der von Gallura, voll von Trug bis oben,
Der seines Herren Feinde fing; inzwischen
Jedoch das tat, was alle an ihm loben:

Er ließ für Geld sie 'kurzerhand' entwischen,
Wie er es nennt. Auch sonst war sein Gedanke,
Im Amt als größter Gauner Geld zu fischen.

Aus Logodoro pflegt Don Michel Zanche
Verkehr mit ihm; und von Sardinien schwatzen
Die nimmermüden Zungen ohne Schranke.

Weh mir! Seht, wie der andere schneidet Fratzen.
Mehr sprach ich, doch mir bangt, daß er die Klauen
Aufs neue hebt, den Grind mir zu zerkratzen.«

Zu Flitzibellen - der, um loszuhauen
Die Augen rollte - rief der Obmann schnelle:
»Fort, schlimmer Vogel!« - »Wollt ihr andere schauen,«

Sprach mutgestärkt aufs neue der Geselle,
»Lombarden, Tusker hören oder sehen?
Ich schaffe sie beliebig her zur Stelle,

Nur darf der Teufelstroß so nah nicht stehen,
Weil sie sich fürchten sonst vor dessen Hieben.
Hier sitzend stell ich, ohne fortzugehen,

Für mich, den einen, euch gleich ihrer sieben.
Ein Pfiff zeigt nämlich an, daß sie die Plauze,
Weil rein die Luft ist, können aufwärtsschieben.«

Hundsbolle hob bei diesem Wort die Schnauze w«
Und rief kopfschüttelnd: »Schurke, voll von Ränken!
Zu tauchen ist der Zweck nur von dem Kauze.«

Da sprach er, der so überreich an Schwänken:
»Wohl bin ich Schurke, meinen Pechgenossen
Durch Bosheit es noch übler einzutränken.«

Nicht länger litt es Schlapperschwing; verdrossen
Rief er im Widerspruch mit allen: »Springe!
Ich komm dir im Galopp nicht nachgeschossen,

Nein, überm Pechsee schlag ich meine Schwinge.
Kommt runter, daß der Strand uns deckt! - Wie sollte
Uns glücken nicht, was dir allein gelinge?«

O Leser, hör, welch Spaß sich nun entrollte!
Strandüber kehrte jeder hin die Blicke
Und der zuerst, ders gar nicht dulden wollte.

Doch der Navarrer nutzte mit Geschicke
Die Zeit: abschnellend sich in einem Satze,
Entfloh dem Anschlag er mit diesem Tricke.

Da zeigte Schuldbewußtsein jede Fratze,
Zumeist bei dem, der schuld war am Mißlingen,
Nachflog und schrie: »Schon hält dich meine Tatze!«

Doch wenig halfs! Es konnte nicht bezwingen
Der Flug die Furcht. Der saß schon unten wieder
Und jener hob die Brust, sich aufzuschwingen.

Nicht anders taucht die Ente blitzschnell nieder,
Sobald der Falke naht, der dann vom Teiche
Aufsteigt und zornig schüttelt das Gefieder.

Doch Fröstelzeh, ergrimmt von diesem Streiche,
Flog nach voll Schadenfreude, daß gelungen
Die Flucht und zum Gezanke nun gereiche.

Und als der Gauner richtig war entsprungen,
Hob er die Klauen schon auf den Genossen
Und hielt ihn überm Graben engumschlungen.

Doch jener, auch ein Sperber unverdrossen,
Zerschrammt ihn wacker, bis die Bösewichter
Mitten zum Siedesumpf hinunterschossen.

Zwar war die Hitze rasch des Kampfes Schlichter;
Doch konnten sie sich nicht sobald erheben,
Weil ihre Flügel jetzt noch überpichter.

Wehklagend mit den Seinen läßt entschweben
Held Strubbelbart gleich vier zum andern Strande,
Daß sie mit allen Haken sich bestreben,

Wie dies- und jenseits angelnd sie am Rande
Die überpappten Teufel wohl erwischten,
Die krustig schon gesotten von dem Brande.

Wir ließen sie, wie sie noch emsig fischten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 23
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 23

Stillschweigend nun, der eine hinterm andern,
Und unbegleitet wir des Weges schritten
Wie Minoriten ihre Straße wandern.

Es mußten mir die Teufel, die gestritten,
Äsopens Fabel ins Gedächtnis bringen,
Wo Frosch und Maus betrogen wird vom Dritten.

Denn jetzt und jetzo ähnlicher nicht klingen
Als dieses dem, prüft man mit scharfen Sinnen,
Wie Anfang hier und Schluß zusammenhingen.

Und wie Gedanken aus Gedanken rinnen,
Entsprang aus allen endlich ein Gedanke,
Die erste Furcht mir doppelt zu gewinnen.

Ich dachte dieses: Weil wir schuld am Zanke,
Durch den sie Schimpf und Schaden nur gefunden,
Kommt, glaub ich, großer Ärger aus dem Schwanke.

Denn hat ihr Zorn der Rachsucht sich verbunden,
Wird hitziger ihre Jagdlust dies erwecken,
Als eine Hasenjagd es tut bei Hunden.

Schon sträubte sich mir jedes Haar vor Schrecken
Und rückwärtsspähend bat ich: »Laß beschwören
Dich, Meister, daß wir zwei uns schnell verstecken!

Denn hinter uns - und schon vermeint zu hören
Es meine Furcht - glaub ich, daß näherdringe
Der Grausetatzenschwarm, uns aufzustören.«

Und er: »Wär ich verbleites Glas und finge
Dein äußeres Bild, nicht schneller könnts erscheinen,
Als ich dein inneres Bild mir nahebringe.

Denn schon traf dein Gedanke auf den meinen,
Weil gleiche Art und Bildung ihm verliehen,
Daß ich die zwei Entschlüsse schmolz in einen.

Wenn rechts die Ufer so sich abwärtsziehen,
Daß man den Schritt zur nächsten Buchtung richtete,
So werden wir der drohenden Jagd entfliehen.«

Kaum daß sein Plan mich völlig noch beschwichtete,
Sah ich sie kommen mit gespreizten Schwingen,
Alsob uns jeder schon zum Fange sichtete.

Den Führer fühlt ich plötzlich mich umschlingen
Der Mutter gleich, wenn die vom Lärm erweckte
Schon Flammen sieht, die knisternd sie umringen,

Und nach dem Sohn faßt, weil sie mehr erschreckte
Für ihn als sich, dann forteilt ohne Säumen
Und selbst mit einem Hemd sich kaum bedeckte:

So ließ er dort, wo schroffe Felsen bäumen,
Sich rücklings niedergleiten überm Hange,
Der einführt zu des nächsten Sackes Räumen.

Nie durchs Gerinne schoß in schnellerm Drange
Der Bach aufs Rad der oberschlächtigen Mühle,
Wo schnellstens er die Schaufeln treibt zum Gange,

Wie hier mein Meister niederglitt vom Bühle,
Mich mitsichtragend, eng zur Brust umfangen,
Alsob statt Freund den Sohn er in mir fühle.

Kaum daß zuboden seine Füße drangen
Im Talbett, als sie droben schon erschienen
Zu Häupten uns, doch schuf es uns kein Bangen.

Denn hohe Vorsicht läßt sie wohl bedienen
Den fünften Graben, aber ein Entweichen
Daraus steht keinem einzigen frei von ihnen. -

Drunten sahn wir Betünchte sondergleichen
Stillweinend und gebeugt mit müden Schritten
wie mutgebrochen durch die Runde schleichen.

Sie trugen Kutten, die so zugeschnitten
Wie jener Mönche Tracht zu Köln am Rheine,
Die keinen Blick durch die Kapuzen litten.

Von außen sind sie Gold, blendend im Scheine,
Von innen Blei und schwer, daß Friedrichs Kragen
Aus Stroh geflochten schienen, wie ich meine.

O Mantel, schwer in Ewigkeit zu tragen! -
Wir schritten jetzt mehr linkshin gleich den Schatten
Und folgten ihnen, lauschend ihren Klagen.

Doch schlichen unter ihrer Last die Matten
So träg, daß wir bei jedes Fußes Heben
Stets andere Gesellschaft bei uns hatten.

Drum ich: »Schau, Herr, mags hier wohl solche geben,
Die sich bekannt nach Tat und Namen fanden?
Und laß rundum beim Gehen die Blicke streben.«

Und einer, der mein tuskisch Wort verstanden,
Rief hinter uns daher: »Hemmt eure Schritte,
Die ihr so eilt durch dunkler Lüfte Branden!

Vielleicht kann ich erfüllen deine Bitte.
Drauf wandte sich und sprach der Führer: »Weile
Und regle deinen Tritt nach seinem Tritte.«

Ich hielt und schaute zwei voll großer Eile,
Die mühsam sich uns einzuholen plagten;
Doch hemmte Last und schmale Wegeszeile.

Und scheu, alsob sie nicht zu sprechen wagten,
Sah ich die Angekommenen scheel verdrehen
Die Augen, drauf sie leis einander fragten:

» Der lebt; man kann die Kehle atmen sehen.
Doch sind sie tot: welch Recht verstattet ihnen,
Hier ohne lastenden Talar zu gehen?«

Drauf laut zu mir: »O Tusker, der erschienen
Hier in der Heuchler traurigem Verbande,
Laß, wer du seiest, zum Bescheid uns dienen.« -

»Die große Stadt am schönen Arnostrande
Erzeugte und erzog mich einst, und nimmer,«
Sprach ich: »entschlüpft ich noch dem Staubgewande.

Doch wer seid ihr denn, deren Wangen immer,
Wie ich bemerkt, von Schmerzenstränen starren;
Und welche Pein verleiht euch solchen Schimmer?« -

»Der gelben Kutten bleigegossene Barren
Sind also schwer,« sprach eins der armen Wesen,
»Daß unter ihnen muß die Wage knarren.

Wir waren Lustige Brüder, Bolognesen:
Loderingo der, ich Catalan geheißen.
Und deine Stadt hat uns zugleich erlesen,

Wie man sonst einen wählt, der sich befleißen
Des Friedensamtes soll. Es fühlt noch immer
Gardingo, wie wir Wölfe konnten beißen.«

Und ich begann: »O Brüder, euer schlimmer...«
Doch da erstarb mein Wort, denn an drei Pfählen
Gekreuzigt sah ich einen mit Gewimmer

Am Boden krümmen sich und schmerzhaft quälen,
Und wie er ächzte in den Bart mit Stöhnen,
Fing Bruder Catalan an zu erzählen:

»Der hier gekreuzigt knirscht in Jammertönen,
Verhalf einst seinem argen Rat zum Siege:
Ein einziger soll durch Tod das Volk versöhnen!

Du siehst, daß nackt er überm Wege liege,
Damit der hinterlistige Pharisäer
Am Fußtritt fühle, was ein jeder wiege.

So leidet auch in dieser Bucht sein Schwäher
Und alle vom Synedrium; dort fielen
Des Unheils Saaten einst für die Judäer.«

Da sah ich großes Staunen bei Vergilen,
Daß einer hier gekreuzigt lag am Orte,
Schmachvoll-verbannt zu ewigen Exilen;

Worauf er sprach zum Frater diese Worte:
»Wenn ihr es dürft, gefall es euch, zu sagen,
Ob rechts sich öffnet eine Felsenpforte,

Die ungehemmt uns läßt den Ausgang wagen,
Da sonst die Schlucht uns in den Notfall brächte,
Daß uns drausfort die schwarzen Engel tragen.«

Der sprach: »Wohl näher, als dein Hoffen dächte,
Zieht sich ein Fels her von der großen Runde,
Der Brücken wölbt ob all der schlimmen Schächte;

Nur barst er hier und führt nicht überm Schlunde.
Doch durch den Steinschutt könnt ihr aufwärtssteigen,
Der sich am Abhang böscht und staut im Grunde.«

Der Führer stockte kurz; ich sah ihn neigen
Das Haupt. Dann sprach er: Ȇbel als Berater
Wollt der sich, der die Sünder harkt, uns zeigen.« -

»Schon in Bologna hört ich,« sprach der Frater,
»Von Teufelstücken reden, auch das Wort:
Er sei ein Lügner und der Lüge Vater.«

Drauf ging der Führer großen Schrittes fort,
Indem Zornblitze durch die Stirn ihm fuhren.
Drob schied ich von den Bleibeladenen dort,

Anschließend mich den teuern Sohlenspuren.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 24
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 24

Zu jener Jahresfrühzeit, wenn im Zeichen
Des Wassermanns die Sonne wärmt die Locken,
Und schon dem halben Tag die Nächte gleichen,

wenn Reif hinmalt aufs Feld mit zarten Flocken
Des weißen Bruders Bild, obwohl der warme
Lufthauch bald seine Feder bringt zum Stocken,

Dann steht, weil er um Futter ist im Harme,
Der Bauer auf und späht, sieht weißbeschlagen
Die Landschaft, stemmt zur Hüfte drob die Arme,

Geht heim ins Haus, um hier und dort zu klagen,
Dem Armen gleich, nicht wissend, was nun werde,
Kehrt um und sieht aufs neue Hoffnung tagen,

weil er verändert schaut das Bild der Erde
Seit kurzen Stunden, greift zum Hirtenstecken
Und treibt zur werde seiner Schäflein Herde -:

So setzte mich der Meister auch in Schrecken,
Als seine Stirn mir wies, was ihn bedrücke.
Doch sollte Balsam bald die Wunde decken.

Denn als wir kamen zur zerstörten Brücke,
Sah er mich an, von Freundlichkeit umflossen,
Wie jüngst am Bergesfuß zu meinem Glücke.

Er überlegte kurz und tat entschlossen
Die Arme auf, als er die felsige Gegend
Gemustert; hob mich hoch und - unverdrossen

Gleich jenem, der sich abmüht überlegend
Und zeitig prüft, was wohl in Zukunft nütze -
So sah er, mich zur Kuppe hinbewegend,

Von dem zum nächsten Fels und riet: »Nun schütze
Vorm Fall dich! Klammre dich an diese Pflöcke;
Doch sieh erst, ob sie fest genug zur Stütze.«

Das war kein Steig für die Kapuzenröcke,
Weil wir ja kaum (er: leicht, und ich: geschoben)
Aufklimmen konnten über Stöcke und Blöcke.

Und hätte sich viel flacher nicht erhoben
Als drüben hier die Böschung aus dem Grunde:
Wenn er nicht, ich erläge solchen Proben.

Doch weil der Übelbuchten ganze Runde
Zum tiefsten Brunnenmund stets tiefer schwenkte,
So wirkt die Gliederung von jedem Schlunde,

Daß dieser Rand sich hebt, wenn der sich senkte,
Doch endlich waren wir zur Höh geklommen,
Allwo sich los der letzte Felsblock sprengte.

Nicht weiter könnt ich droben. Ganz benommen
Von Atemsmangel nach den Hindernissen,
Mußt ich mich setzen, kaum noch angekommen.

»Wohlan! der Mannheit zeig dich nun beflissen,«
Der Meister sprach, »denn Ruhm wird unter weichen
Deckbetten nicht errungen, noch auf Kissen.

Und wer sein Leben ruhmlos läßt verstreichen,
Der hinterläßt nur Spuren auf der Erde,
Die Rauch in Lüften, Schaum im Meere gleichen.

Und darum auf! Der Schwachheit Meister werde
Der Geist, der doch in jedem Kampf muß siegen,
Sonst zieht ihn bodenwärts des Leibes Beschwerde.

Noch zu erklettern giebt es längere Stiegen!
Die zu verlassen, gilt noch nichts, mein Guter:
Verstehst du mich, laß dirs am Herzen liegen.«

Aufsprang ich da und tat viel ausgeruhter
An Lungenkraft, als ich mich wirklich spürte,
Und rief: »Komm! ich bin stark und frohgemuter.«

Am Felsengrat entlang der Weg uns führte.
Ein enger, steiniger wars und mühsamleitender;
Viel steiler auch als der vorhinberührte.

Kraftheuchelnd, sprach ich wie ein rüstig Schreitender,
Bis eine Stimme scholl vom nächsten Grunde,
Als war ihr Mund ein mühvoll-wortbereitender.

Nicht weiß ich, was sie sprach, obschon zur Runde
Des Brückenbogens ich hinaufgegangen;
Doch wer da sprach, tats wohl mit zornigem Munde.

Ich beugte mich hinab, doch nicht durchdrangen m
Irdische Augen diese finstern Schauer.
Drum ich: »Rasch, Meister, laß uns hingelangen

Zum nächsten Kreis und niedergehen die Mauer.
Denn wie ich höre ohne zu verstehen,
Späh ich hinab und seh doch nichts genauer.« -

»Nicht andre Antwort,« sprach er, »sollst du sehen,
Als daß ichs tu; denn ehrenwerte Bitten
Erfülle man mit schweigendem Geschehen.«

Vom Brückenkopf zu jenem Punkt wir schritten,
Der Anschluß läßt zum achten Damm gewinnen,
Wo ungehemmt zur Kluft die Blicke glitten:

Und sah in gräßlichstem Gewimmel drinnen
Verschiedenartige Schlangen pfauchen und gähnen,
Daß noch mein Blut Erinnrung macht gerinnen.

Nicht mehr berühmt soll Libyens Sand sich wähnen!
Denn zeugt er Ringel-Pfeil- und Wasserschlangen,
Nattern- und Vipernbrut mit giftigen Zähnen:

Nie solche Pestilenzen ihm entsprangen
Grausen Gewürms, noch Äthiopiens Gauen,
Jenseit vom Roten Meere angefangen.

Durch solch Gekribbel, wild und voller Grauen,
Lief nacktes Volk, dem Hoffnung längst entschwunden,
Ein Schlupfloch oder Heliotrop zu schauen.

Die Hände waren hinters Kreuz gebunden
Mit Nattern, die durchs Becken ihrer Lenden,
Vorn Kopf und Schwanz verknotend, sich gewunden.

Da sah ich einen Schlangenkopf sich wenden
Auf einen uns zur Seite und die Stelle
Durchbohren, wo am Hals die Schultern enden.

Kein O und I schreibt sich mit solcher Schnelle,
Als hier entzündet sich in Flammen lichtet
Und gleich als Asche hinsinkt der Geselle.

Und kaum am Boden lag er so vernichtet,
Als sich die Aschenreste neu verbanden
Und sich empor der frühere Körper richtet.

So lebt, wie große Weisen eingestanden,
Der Phönix wieder auf, wenn er erleidet
Den Tod, nachdem fünfhundert Jahre schwanden:

An Kraut und Korn hat er sich nie geweidet,
An Weihrauchtränen nur und Balsamwürze,
Bis er im Myrrhenbett auf Narden scheidet.

Wie einer stürzt, unwissend, wie er stürze,
Ob Dämonskraft ihn fällt, den Fuß umstrickend,
Ob Krampf, ob Ohnmacht sein Bewußtsein kürze,

Dann sich erhebt, ringsum die Augen schickend;
Von aller Angst, darinnen er verwoben,
Ganz wirre, und mit Seufzern um sich blickend:

So tat der Sünder, als er sich erhoben. -
O Allmacht Gottes, bist du streng zu schauen,
Daß so dein Rachehammer schlägt von droben!

Drauf bat, ihm seinen Namen zu vertrauen,
Vergil. Er sprach: »In diese Unglücksfalle
Schneiten mich unlängst her Toskanas Auen.

Ein Vieh war ich, kein Mensch; das wissen alle
Von Vanni Fucci, den man Bestie nannte.
Pistoja war mir recht zum Maultierstalle.« -

»Laß ihn nicht fort,« ich mich zum Führer wandte.
»Frag ihn, durch welche Schuld er hergekommen,
Da ich ihn einst als durstigen Bluthund kannte.«

Und scheu war nicht der Sünder, ders vernommen;
Nein, Blick und Antlitz dreist mir zugewendet,
Sprach er, von wilder Scham die Stirn entglommen:

»Das frißt mich mehr, daß du hierhergesendet,
In diesem Jammerelend mich zu schauen,
Als daß ich meine Lebensbahn vollendet.

Doch muß ich redestehn und dir vertrauen:
Weil aus der Sakristei ich stahl die prächtigen
Gefäße, sitz ich hier im tiefen Grauen;

Und andere wußt ich fälschlich zu verdächtigen.
Doch daß dich nicht mein Anblick möge freuen,
Entkommst du diesen Orten je, den nächtigen,

So laß dein Ohr mit dieser Mär betreuen:
Pistoja muß sich erst von Schwarzen leeren,
Florenz wird Volk und Sitte dann erneuen.

Saugt Mars, umhüllt von Wolken, wetterschweren,
Dunst aus dem Magratal in heißen Tagen,
Dann wird, umbraust von stürmischem Verheeren,

Auf dem Picenerfeld die Schlacht geschlagen.
Drauf wird er schnell den Nebeldunst zerfetzen,
Daß alle Weißen Wunden mitsichtragen.

Und dies hab ich gesagt, dich zu verletzen!«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 25
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 25

Aufhob der Dieb am Ende seiner Worte
Die Fäuste, beide Daumen durchgeschlagen,
Und rief: »Nimm, Gott; dir gelten sie zum Torte!«

Seitdem sind Schlangen mir kein Mißbehagen;
Denn eine hielt ihm gleich den Hals umwunden,
Als spräche sie: 'Kein Wort mehr sollst du sagen,'

Und eine zweite hielt ihm festgebunden
Die Arme, vorn sich knotend so zusammen,
Daß er zum kleinsten Ruck nicht Kraft gefunden. -

Pistoja, ach, Pistoja! friß in Flammen
Dich spurlos auf, da du in sündigem Trachten
Sogar die übertriffst, die von dir stammen.

Ich sah in aller Höllenkreise Nachten
Keinen Geist Gott so höhnen, selbst der Grimme
Tats nicht, dem Thebens Mauern Unheil brachten.

Und er entfloh... verhallt war seine Stimme.
Doch ein Zentaur kam wütend hergefahren,
Den hört ich schrein: »Wo ist, wo ist der Schlimme?«

Maremma nährt kaum soviel Schlangenscharen,
Als ihm bis dahin auf dem Rücken hingen,
Wo sich bei ihm der Mensch will offenbaren.

Ihm im Genick lag mit gespreizten Schwingen
Ein Drache, dessen flammenspeiender Rachen
Alle entzündet, die vorübergingen.

Mein Herr sprach: »Kakus heißt der mit dem Drachen,
Der unterm Fels des Aventin vergossen
Von Menschenblut gar häufig ganze Lachen.

Er schreitet seinen Weg fern den Genossen,
Weil er an Herkuls Rinderschar vollführte,
Als sie vorbeizog, seinen Diebstahlspossen.

Der hat das Handwerk ihm, wie sichs gebührte,
Gründlich gelegt, denn - von den hundert Streichen
Der Keule - Kakus keine zehn verspürte.«

Wie er so sprach und Kakus im Entweichen,
Kamen drei Geister unter uns im Tiefen,
Die sich mir und dem Führer durch kein Zeichen

Verraten hätten, wenn sie nicht laut riefen:
»Wer seid ihr dort?« - Wir schwiegen; und nun wandte
Auf die sich unsere Neugier, die dort liefen.

Da traf es sich, obwohl ich keinen kannte,
Wie sich durch Zufall manches schon entdeckte,
Daß einer da des andern Namen nannte,

Indem er rief: »Wüßt ich, wo Cianfa steckte?«
Drauf ich, daß aufmerksam mein Führer stände,
Den Finger übers Kinn zur Nase streckte. -

Wenn ich bei dir jetzt keinen Glauben fände,
O Leser, zürn ich nicht. Ich, der es schauen
Gedurft, mich schwer des Glaubens unterwände.

Als ich auf sie gerichtet hielt die Brauen,
Wirft sich sechsfüßig plötzlich eine Schlange
Auf einen, vorn ihn gänzlich zu umklauen.

Das Mittelfußpaar preßt wie eine Zunge
Den Bauch, die Arme mit den vordern deckend;
Dann schlägt sie ihr Gebiß in jede Wange.

Die Hinterfüße längs den Schenkeln streckend,
Zwängt sie den Schwanz ihm zwischen beiden Beinen
Hindurch, ihn hinterm Rücken aufwärtsreckend.

Nie sah ich enger sich dem Baum vereinen
Des Efeus Ranken, als dies Ungeheuer
Die Glieder ringelnd rollte um die seinen.

Dann schmolzen sie, alsob sie Wachs im Feuer
Gewesen, um die Farben zu vermischen.
Keins war der alte, jeder schien ein neuer,

Wie ein Papier sich, eh es brennt, inzwischen
Am obern Rand schon leise bräunt, noch ehe
Das Schwarze kann das Weiße ganz verwischen.

Hinstarrend riefen da die andern: »Wehe,
Agnel! zu welcher Wandlung du erkoren,
Daß man, ob eines du ob zwei, nicht sehe.«

Schon waren zwei in ein Haupt umgeboren,
Als uns vermischt erschienen zwei Gestalten
In einem Antlitz, worin zwei verloren.

Zwei Arme aus vier Henkeln sich zerspalten;
Brust, Bauch und Unterschenkel samt der Lende
Zu niegeschauten Gliedern sich entfalten.

Das alte Aussehn fand hier ganz ein Ende:
Zwei und doch eines schien das Schreckgebilde...
Und so entschwand es plump und unbehende.

Gleichwie die Eidechs, wenn auf das Gefilde
Der Hundsstern brennt, den Weg vom Heckendorne
Zum Zaune kreuzt, als wär ein Blitz die wilde,

So kam und fuhr den andern beiden vorne
Zum Bauch ein zornig Schlänglein aus den Herden,
Bleifarb und schwärzlich gleich dem Pfefferkorne.

Und durch den Teil, draus wir zuerst im Werden
Die Nahrungsstoffe ziehn, stach sie den einen;
Dann fiel sie vor ihm ausgestreckt zur Erden.

Und wortlos starrte mit reglosen Beinen
Sie der Durchstochne an, blieb gähnend stehen,
Daß er konnt schläfrig oder fieberig scheinen.

Er ließ den Blick zu ihr, sie zu ihm gehen.
Sie dampfte aus dem Maul, er aus der Wunde:
So kreuzte sich der beiden Dämpfe Wehen.

Lucan verstumme jetzt mit seiner Kunde
Von des Sabellus und Nasidius Leiden
Und horche scharf, was sich begab zur Stunde.

Mit Radmus, Arethus mag sich bescheiden
Ovid! Wenn die zur Quelle, der zur Schlange
verwandelt wird, nicht will ich ihm es neiden!

Nie tauschte Stirn an Stirn in seinem Sange
Zwei Wesen er, daß ineinanderflossen
Die Stoffe ganz im Wechselbildungsdrange.

So wurde eins ins andere umgegossen,
Daß sich der Schlangenschweif zur Gabel spaltet
Und sich die Fersen dem Gestochnen schlossen.

Sodann verwuchs, zu einem Glied gestaltet,
Schenkel mit Bein, daß dort kein Spalt zu sehen
Mehr war, wo die Verschmelzung hat gewaltet.

Den Spaltschwanz sah zur Form man übergehen,
Die dort verschwand; und wie sie hier sich krumpfen
Weichhäutig, muß dort harte Haut entstehen.

Die Arme sah ich in die Schultern schrumpfen,
Und strecken sich des Untiers kurze Beine
Solang als jene sich verkürzt zu Stumpfen.

Das Hinterfußpaar schmolz dann im Vereine
Zum Gliede, das der Mann pflegt zu verstecken,
Und zweigeteilt dem Ärmsten ward das seine.

Und während Dämpfe diese zwei umlecken,
Verfärben sie sich neu; und wo dem dichter
Das Haar wird, muß sich jener kahl entdecken.

Der hebt sich, jener fällt, der Augen Lichter
Einander zugewendet voller Tücke:
Und so vertauschen beide die Gesichter.

Zur Schläfe ziehts der Stehende zurücke,
Und aus des Stoffes Überflusse schieben
Aus glatter Wange sich die Ohrenstücke.

Was nicht zurücktrat, sondern vorngeblieben,
Muß sich als Nase aus dem Antlitz recken;
Und passend wird die Lippe aufgetrieben.

Beim Liegenden seh ich das Maul sich strecken
Und in den Kopf zurück die Ohren tauchen
Wie ihre Hörner insichziehn die Schnecken.

Die Zunge, heil erst und zum Wort zu brauchen,
Teilt sich; doch schließt der Riß bei der zerspellten
Des andern sich, und aufhört nun das Rauchen.

Die Seele, die als Tier jetzt hat zu gelten,
Entwischt mit Pfauchen durch des Tales Lücken;
Und hinterdrein der andre spuckt mit Schelten.

Dann wies er ihr den frischentstandenen Rücken
Und sprach zum andern: »Buoso künftig krauche
Statt meiner hier, sich durch dies Loch zu drücken.«

So sah ich in der siebenten Ballastjauche
Wandlung und Tausch. Entschuldigend mag mir frommen
Die Neuheit, daß mehr Raum die Feder brauche.

Und waren mir die Augen auch verschwommen
Ein wenig, daß mein Geist sich kaum ermannte,
Sie konnten doch so heimlich nicht entkommen,

Daß ich Puccio Sciancato nicht erkannte.
Und er allein wars, der sich von den dreien
Zuerstgekommenen unverwandelt nannte.

Gavill, du wirst dem andern Tränen weihen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 26
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 26

Freu dich, Florenz, weil du so groß geworden,
Daß du die Flügel schlägst ob Land und Meere
Und fremd dein Name nicht den Höllenhorden!

Fünf deiner Bürger traf ich in dem Heere
Der Diebe, drob ich schamesrot muß neigen
Die Stirn: und dir bringts keine große Ehre.

Wenn aber Morgenträumen Wahrheit eigen,
Wird sich in kurzer Zeit dir offenbaren,
was Prato wünscht; von andern ganz zu schweigen.

Und nicht verfrüht wärs, wenn dus schon erfahren,
Wärs nur schon da, weils einmal doch muß kommen!
Mehr wird michs drücken, bin ich mehr bei Jahren. -

Wir gingen fort, und auf den Stufen klommen
Wir wieder hoch, drauf wir erst abwärtsdrangen.
Mein Herr hat helfend mein sich angenommen.

Und weiter ward auf ödem Pfad gegangen,
Wo zwischen dem Geröll auf rauhem Stege
Der Fuß oft von den Händen Halt empfangen.

Da fühlt ich Schmerz, und heut noch wird er rege,
Entsinn ich des Erschauten mich, und zähme
Noch straffer meinen Geist, als sonst ich pflege,

Damit er nicht vom Tugendwege käme
Und ich das Gut, was ich durch Glück empfange,
Wenn nicht durch Beßres, mir nicht selber nähme.

Soviel der Landmann - ruhend am Bergeshange,
Wenn sie, die Licht dem Weltall pflegt zu geben,
Ihr Antlitz uns verschleiert minderlange,

Wenn statt der Fliegen nur noch Mücken schweben -
Glühwürmchen schwirren sieht im Talesgrunde,
Wo er teils ackert, teils bestellt die Reden:

Soviele Flämmchen sah ich in der Runde
Der achten Übelbucht das Dunkel klären,
Sobald ich dort, wo Ausblick war zum Schlunde.

Gleich jenem, der den Spott gerächt durch Bären
Und das Gespann vor des Elias Wagen
So schnell hinsausen sah zu höheren Sphären,

Daß nicht sein Blick vermochte nachzujagen
Und er nur sah, wie hin ein Flämmchen fegte,
Das wie ein Wölkchen ward emporgetragen:

So jede Flamme sich im Schlund bewegte.
Doch keine wollte, was sie barg, vertrauen
Dem Blick, obwohl sie einen Sünder hegte.

So stand ich auf dem Steg, gereckt zum Schauen.
Und hielt ich mich an keiner Felsenkante,
Auch ohne Stoß war ich gestürzt ins Grauen.

Der Führer, der wohl merkte, wie ich spannte
Die Augen, sprach: »Die Flammen bergen Geister.
Jeder hüllt sich in die, dran er entbrannte.« -

»Was du mir sagst, macht mein Vermuten dreister,«
Sprach ich, »und was ich glaubte zu erkennen,
Wollt ich schon äußern. Darum frag ich, Meister:

Wen birgt der Brand, dem sich die Spitzen trennen,
Als wär der Holzstoß dies, in dessen Glühen
Eteokles mußte mit dem Bruder brennen?«

Und er: »Dort muß Ulyß in Qual sich mühen
Und Diomed. Wie sie der Zorn mitsammen
Einst führte, einigt sie dies Flammensprühen.

Bejammert wird im Kern von ihren Flammen
Des Pferdes Kriegslist, die das Tor erschlossen
Dem edeln Samen, draus die Römer stammen.

Dort werden Tränen um die List vergossen,
Drob Deidamia den Achill beklagte;
Auch des Palladiums Raub straft die Genossen.« -

»Wenn ihnen nicht die Glut das Wort versagte,«
Sprach ich, »so bitt ich, Meister, ja ich bitte,
Alsob die Bitte ich für tausend wagte:

Erlaube mir, zu hemmen meine Tritte,
Bis die gehörnte Flamme hergelange;
Du siehst, wie Sehnsucht hintreibt meine Schritte.« -

»Wert ist dein Wunsch, daß er groß Lob empfange,«
Sprach er, »drum will ich mich gefügig zeigen.
Doch halte deine Zunge gut im Zwange.

Laß mir das Wort, denn schon ward mir zueigen,
Was du verlangst. Du könntest leicht erregen
Den Stolz der Griechen - und sie würden schweigen.«

Als meinem Führer Ort und Zeit gelegen
Erschien, weil nah genug die Glut gekommen,
Sprach er sie also an auf ihren Wegen:

»O ihr, zuzweit von einem Brand umglommen!
Mag mein Verdienst auf Erden, mich zu lieben,
Mag mein Verdienst mir viel, mir wenig frommen,

Als dort ich das erhabene Lied geschrieben,
Verweilet dann, und einer mag mir sagen,
Wo in den Tod ihn eigene Schuld getrieben.«

Der alten Flamme größeres Horn, getragen
Vom Flackerhauch, begann ein knisternd Regen
Wie Flammen tun, wenn sie im Lufthauch zagen.

Drauf sah man sich die Spitze schnell bewegen
Wie eine Zunge, die gern sprechen wollte,
Und endlich drang die Stimme uns entgegen:

»Als ich von Kirke schied, nachdem verrollte
Ein Jahr und mehr wohl in Gaëta, ehe
Noch diesen Namen ihm Äneas zollte -

Nicht väterlich, nicht kindlich Sehnsuchtswehe
Nach Sohn und Vater, nicht daß Pflicht der Liebe
Mir um Penelope zu Herzen gehe,

Nichts dämpfte mir die glühenden Wandertriebe,
Um Länder, Meer und Menschen zu erkunden,
Daß fremd mir Laster nicht noch Tugend bliebe.

Mit kleiner Mannschaft, längst als treu befunden,
Mit einem Schiff nur gings hinaus die Pfade
Ins offene weite Meer zu fremden Sunden.

Bis Spanien sah ich Nord- und Südgestade,
Die nach Marokko und Sardinien reichen,
Und andres, was sich dort im Meere bade.

Ich war betagt und müd, mein Volk desgleichen,
Als wir erreichten jene Meeresenge,
Wo Herkules gesetzt sein Warnungszeichen,

Daß drobhinaus es nicht den Menschen dränge.
Zur Rechten ich mich von Sevilla trennte,
Zur Linken schwanden Ceutas Uferhänge.

O Brüder,' sprach ich, 'bis zum Okzidente
Brachten euch hunderttausend Abenteuer!
Drum folgt - solang noch irgend in euch brennte

Der Sinnenkräfte letztes Abendfeuer -
Mir ferner nach zu unbewohnten Welten.
Der Sonne folg im Wettlauf unser Steuer.

Bedenkt! aus welcher Saat entkeimt wir gelten.
Und strebten wir nach Tugend nicht und Wissen,
So dürfte man mit Recht uns Tiere schelten.'

Wie hat die kurze Rede fortgerissen
Mein Schiffsvolk, daß ichselbst es andersdenkend
Nichtmehr gemacht: so wars der Fahrt beflissen.

Und unsers Schiffes Heck nach Morgen schwenkend,
Gings tollen Fluges hin, ständig zur Linken,
Die Ruder flügelartig hebend und senkend.

Schon sah des andern Poles Sterne blinken
Mein Aug, und unser war so tief gekommen,
Daß er zum Meeresspiegel schien zu sinken.

Fünfmal entzündet und gleichoft verglommen
War schon der untere Teil der Mondesleuchte,
Seit wir die hohe See so kühn durchschwommen,

Da sah ich, durch des fernen Dunstes Feuchte
Tiefblau erscheinend, einen Berg entragen,
Wie keiner je so hoch und steil mich deuchte.

Wir jauchzten, doch dem Jauchzen folgte Klagen.
Denn her vom Neuland stob mit mächtigem Prallen
Ein Sturmgebraus, des Schiffes Bug zu schlagen;

Machts dreimal kreiseln mit den Wogen allen,
Beim vierten Mal das Heck zur Höhe schießen
Und niedergehen den Bug, wie Dem gefallen,

Der über uns sich ließ die Meerflut schließen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 27
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 27

Schon stand die Flamme ruhig aufgerichtet
Und hatte Abschied stumm von uns genommen,
Von ihm beurlaubt, der so süß gedichtet,

Als eine andre, die ihr nachgekommen,
Aufsich den Blick zog, weil Geräusch in Fülle
Aus ihrer Spitze herdrang, doch verschwommen.

Wie des sizilischen Stieres erst Gebrülle
vom Bildner kam, wie ihm mit Recht gebührte,
Der eingesperrt war in die erzene Hülle,

Worauf es immer, wenn er Lärm vollführte,
So klang, als wär sein dumpfes Angstgedröhne
Die Marter, die das Bildwerk selbst verspürte -:

So glich der Flammensprache Schmerzgestöhne,
Solang ihr noch ein Ausweg nicht gelungen,
Des Feuers leiseprasselndem Getöne.

Doch als sie sich zur Spitze durchgerungen
Und ihr der Zunge Schwung und tastend Regen
Beim Durchgang mitgeteilt war, kams geklungen:

»Du, dem ich diese Worte ruf entgegen,
Du, der soeben auf lombardisch sagte:
I plag di nimmer, geh halt meinerwegen',

O daß, wenn ich auch spät zu kommen wagte,
Ein Zwiegespräch nach deinem Sinne stünde,
Das, wie du siehst, mir brennend selbst behagte.

Bist du erst jüngst in diese blinden Schlünde
Gestürzt aus der Latiner holdem Lande,
Aus dem sich herschreibt alle meine Sünde,

Sprich: steht in Frieden oder Kriegesbrande
Romagna? Von Urbino bin ich einer,
Dem Bergjoch, nah der Tiber Quellenrande.«

Ich stand noch hingebeugt und lauschte seiner,
Da rührte leis mein Führer mir die Seite
Und sagte: »Rede du, der ist Lateiner.«

Und ich, als der zur Antwort schon-bereite,
Beeilte mich, die Flamme anzureden:
O Seele, der Verborgenheit geweihte,

Deine Romagna ist und war durch jeden
Zwingherrn im Herzen stets voll Krieg und Streiten.
Doch jetzt ließ ich sie nicht in offenen Fehden.

Es steht Ravenna wie vor alten Zeiten
Unter Polentas Adler noch, dem alten,
Daß seine Schwingen sich ob Cervia breiten.

Die Stadt, die lange Prüfung ausgehalten
Und dann gehäuft Franzosenleichen streute,
Sieht über sich heut grüne Pranken walten.

Wild hackt Verrucchios alt und junge Meute,
Die dem Montagna Schlimmes gab zum Lohne,
Den Zahn, wo sies gewohnt, in ihre Beute.

Die Städte am Santerno und Lamone
Regiert der junge Leu aus weißem Neste,
Der Sommers tauscht und Winters die Schablone.

Auch muß vom Savio die umspülte Feste,
Wie zwischen Tal und Berg sie liegt, sich fragen,
Ob Tyrannei, ob Freiheit sei das Beste.

Nun bitt ich, wer du seiest, mir zu sagen.
Sei spröder nicht, als andre hier im Kreise,
Soll dauernd auf der Welt dein Name ragen.«

Nachdem das Feuer in gewohnter Weise
Gemurmelt, ließ es hier- und dorthingehen
Das spitze Haupt und hauchte darauf leise:

»Wärs glaublich, einem Rede hier zu stehen,
Der jemals kehrte heim zum Erdenrunde,
So sollte meine Flamme nichtmehr wehen.

Doch da kein Lebender aus unserm Schlunde,
Vernahm ich recht, heimkam zu Diesseitsborden,
Geb ich dir ohne Furcht vor Schande Kunde.

Erst Kriegsmann, hofft ich dann, mir könnt im Orden
Des Heiligen Franz der Strick des Büßers frommen.
Und traun! zur Wahrheit wär mein Wahn geworden,

Wenn nicht der Großpfaff - mags ihm schlecht bekommen!
Aufs neu mich zog in alte Sünde nieder.
Wie und warum sei nun von dir vernommen.

Solange mich noch trugen irdische Glieder
Vom Mutterleibe her, ward ich verglichen
Dem Löwen nie, dem Fuchs nur immer wieder.

In listigen Ränken, hinterhaltigen Schlichen
War ich geeicht, von niemand zu erreichen.
Das war mein Ruhm in allen Himmelsstrichen.

Doch als ich fühlte mich die Zeit beschleichen,
Wo uns das Alter mahnt: jetzt heißt es schwenken,
Die Taue einziehn und die Segel streichen,

Da schuf, was einst mich freute, mir Bedenken.
Und reuig büßend kam dem Heil ich näher,
Ach weh! mir Ärmstem Rettung fast zu schenken.

Da ließ der Fürst der neuen Pharisäer
Zum Krieg sich reizen nah beim Laterane.
Nicht gegen Sarazenen und Hebräer,

Nein, gegen Christen! schwang er seine Fahne.
Nicht einer war bei Acre in den Reihen
Der Stürmer, keiner Händler beim Sultane.

Nicht machten höchstes Amt und heilige Weihen
Noch auch mein Strick ihn in der Ehrfurcht fester,
Der Magerkeit den Trägern soll verleihen;

Nein, wie einst Konstantin berief Silvester
Aus dem Sorakt, vom Aussatz ihn zu heilen,
So bat er, daß ich als der Ärzte bester

Ihm Rat im Hochmutsfieber möcht erteilen.
Ich schwieg und wußte keinen Rat zu sagen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort bisweilen.

Dann sagt er mir: 'Nicht braucht dein Herz zu zagen!
Vorweg sprech ich dich los, willst du mich lehren,
Wie ich kann Penestrino niederschlagen.

Den Himmel aufzutun und zu verwehren,
Du weißt, brauch ich zwei Schlüssel nur zu heben,
Die jüngst mein Vorfahr wenig hielt in Ehren.'

Da er so triftige Gründe angegeben
Und mirs der schlimmste Rat schien, wenn ich schwiege,
So sprach ich: 'Vater, da du mich soeben

Freisprachst von Schuld, der zwangsweis ich erliege,
So höre: Vielversprechen, Wenighalten
Hilft dir auf dem erhabenen Stuhl zum Siege.' -

Franziskus wollte seines Amtes walten,
Als ich verblichen; doch von seinem Rechte
Ließ nicht der schwarze Cherub. ' Mich laß schalten,'

Rief er, 'denn der muß unter meine Knechte,
Weil er den hinterlistigen Rat gegeben.
Seitdem auch halt ich ihn beim Haargeflechte.

Nur wer bereut, dem wird verziehen im Leben;
Doch giebts gleichzeitig Reue nicht und Sünde,
Weil sie sich unversöhnlich widerstreben.'

O wie erschrak bis in die tiefsten Gründe
Mein Herz, als er mich griff und sprach: 'Zu wissen
Schienst du wohl nicht, daß Logik ich verstünde?'

Zu Minos hat er mich hinabgerissen,
Der achtmal schlug um seinen harten Rücken
Den Schweif und, als er wütend dreingebissen,

Ausrief: 'Den soll die Diebesglut umzücken!'
Drum siehst du mich Verlorenen hergesendet
Und fühle, so gekleidet, Gram mich drücken.«

Nachdem er seine Rede so geendet,
Wehklagend ist die Flamme fortgegangen,
Die Spitze flackernd hin- und hergewendet.

Doch wir, ich und mein Führer, aufwärtsdrangen
Die Felsenwand bis hin zum nächsten Bogen,
Der jenen Graben deckt, drin Lohn empfangen

Die sich mehr Last durch Teilung zugezogen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 28
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 28

Wer kann, spräch er auch frei vom Reimeszwange,
Anschaulich künden soviel Blut und Wunden,
Als jetzt ich sah, und spräch er noch solange?

Machtlos wär jede Zunge hier gebunden,
Weil unser Wort und Geist umsonst vermeinte,
Zu fassen dies, da sie zu schwach befunden.

Wenn gleich sich das gesamte Volk vereinte,
Das einst in den verhängnisvollen Landen
Apuliens sein verströmtes Blut beweinte

Durch Troer, und dann langen Krieg bestanden,
Drob Livius, der nie irret, von der Beute
Zahlloser Ringe spricht, die dort sich fanden,

Nebst jenem Volk, das schwertzerhauen bereute,
Daß sichs nicht unter Robert Guiskard schmiegte,
Samt jenem, dessen Knochen man noch heute

Bei Ceperan aufliest, wo treulos kriegte
Ganz Pulien, und auf Tagliacozzos Auen,
wo waffenlos der Greis Alardo siegte,

Und der ein Glied durchbohrt, und der zerhauen
Vorwiese -: niemals wär es zu vergleichen
Des neunten Übelsackes wüstem Grauen.

Kein Faß, dem Reifen oder Boden weichen,
Klafft so vonsammen, als ich dort sah einen
Mit Rissen, die von Kinn bis After reichen.

Die Därme hingen zwischen seinen Beinen;
Und das Gekröse nebst dem schnöden Sacke,
Der Kot aus Nahrung macht, sah man erscheinen.

Und wie ich scharf ihn mit den Augen packe,
Beschaut er mich und seine Hände krallten
Die Brust sich auf. »Schau, wie ich mich zerhacke!

Schau, welche Risse Mahomed erhalten,«
Ruft er. »Und weinend geht Ali vor mir,
Vom Kinn zum Scheitel das Gesicht zerspalten.

Und die du sonst noch antriffst im Revier,
Verstreuten Saat zu Trennungsärgernissen;
Drum werden sie auch so zerspalten hier.

Ein Teufel steht dort hinten. Wildbeflissen
Läßt er uns über seine Klinge springen,
Und wieder wird die Wunde aufgerissen,

Wenn wir den Schmerzensweg zu Ende gingen.
Denn jede frühere Wunde heilt in Eile,
Eh uns zurück zu ihm die Schritte bringen.

Doch wer bist du, der hergafft von der Steile,
Aufschub der Strafe wohl dir zu ergründen,
Die deinem Schuldbekenntnis ward zuteile?« -

»Ihn raffte nicht der Tod, nicht ließen Sünden
Antreten ihn zur Qual die weite Reise.
Nein, um vollkommmes Wissen ihm zu künden,

Muß ich, der Tote, ihn von Kreis zu Kreise
Hinabgeleiten zu der Höllenmitte,
Sowahr ich mit dir rede,« sprach der Weise.

Dies hörend, hemmten hundert wohl die Schritte,
Sich drunten staunend nach mir umzudrehen,
Vergessend, was ihr Leib an Qualen litte.

»Du, der vielleicht bald wird die Sonne sehen,
Dem Fra Dolcino sag: sollts ihn nicht lüften,
Mir bald auf diesem Weg hier nachzugehen,

Mag er vorm Schneefall sich mit Vorrat rüsten,
Daß die Novarrer nicht den Sieg gewinnen,
Mit dem sie sonst nicht so bequem sich brüsten.«

So zu mir sprechend hob, neu zu beginnen
Sein Wandern, einen Fuß Mahomeds Seele.
Ihn niedersetzend ging er dann vonhinnen.

Ein andrer, dem durchstochen war die Kehle,
Die Nase abgestutzt bis zu den Brauen,
Auch zeigte sichs, daß schon ein Ohr ihm fehle,

Stand staunend mit dem Troß, mich anzuschauen,
Riß vor den andern auf des Schlundes Röhre,
Die außen blutgerötet war zum Grauen,

Und sprach: »Du ohne Schuld Gekommener höre!
Ich sah dich schon den Fuß durch Latium lenken,
Falls mich nicht zuviel Ähnlichkeit betöre.

Des Pier da Medicina magst du denken,
Wenn dir die süßen Ebenen wieder lachen,
Die von Vercell nach Marcabo sich senken,

Um den zwei Besten Fanos kundzumachen,
Dem Angiolell und Guido, jenen zweien:
Daß man ins Meer sie werfe aus dem Nachen -

Wenn wirklich wahr, was wir hier profezeien -
Dort bei Kattolika, als exemplarischen
Handstreich, durch des Tyrannen Heucheleien.

Von Zyperns Insel bis zur Balearischen
Sah nie Neptun ein Schandstück so voll Grauen,
Von Korsen nicht noch Griechen, von barbarischen.

Jener Verräter - einäugig zu schauen,
Jetzt Herr der Stadt, die hier wohl ein Geselle
Gesehn zu haben, nimmer kann verdauen -

Zur Unterredung ruft er sie; und schnelle
Verfährt er so, daß nicht Gelübde frommen
Noch Bitten bei Focaras Sturm und Welle.«

Drauf ich: »Soll ich von dir, wenn heimgekommen,
Berichten, mußt du erst Bescheid mir geben,
Wen jener Anblick denn macht so beklommen?«

Da griff zum Kiefer einem er, der neben
Ihm weilte, riß den Mund ihm auf und sagte:
»Dieser, der hier nicht redet, ist es eben!

Er, der verbannt, die Zweifel einst verjagte
In Zäsar, ihm beteuernd, daß ein Zaudern
Dem schade, der gerüstet Kampf nicht wagte.«

O weh, wie schien mir da erschreckt zu schaudern
Er, dem die Zunge man im Schlund verputzte:
Curio, der sonst so dreist verstand zu plaudern!

Und einer, dem man beide Hände stutzte,
Die Stummel in die dunkle Luft erhoben,
Daß Blutgerinsel sein Gesicht beschmutzte,

Rief aus: »Gedenke auch des Mosca droben,
Der ach! einst sprach: 'Was sein muß, muß geschehen,'
Was Unheil viel die Tusker ließ erproben -«

»Und dein Geschlecht,« ergänzt ich, »untergehen!«
Drauf er, dem Schmerz auf Schmerz sich häufte jähe,
Fortging betrübt, wie sinnlos anzusehen.

Doch ich verblieb, daß ich den Troß durchspähe,
Und sah, was ich mit Scheu nur würde sagen,
Geschweige denn, daß ich es nochmals sähe,

Wenn mein Gewissen michs nicht ließe wagen,
Der Treufreund, der stets Mut ins Herz uns streute,
Wenn wir den Harnisch unserer Reinheit tragen.

Wahrlich! ich sah und glaub, ich sehs noch heute,
Daß da ein Rumpf, doch ohne Kopf, hergehe
Im Zuge mit der jammervollen Meute.

Des Rumpfes Hand den Kopf ich tragen sehe
Am Schopf, daß der Laterne man gedachte;
Und ansah uns der Kopf und sprach: »O wehe!«

So aus sichselber er die Leuchte machte,
War eins in zweien, zwei in einem Stücke:
Begreifen kanns nur Er, der dies vollbrachte.

Als er sich grad befand am Fuß der Brücke,
Schwang er den Kopf mit seinem Arm nach oben,
Daß er uns näher seine Rede rücke.

Die hieß: »Sieh, welche Pein ich muß erproben!
Der atmend du die Toten schaust im Graben,
Sieh her, ward größere einem aufgehoben?

Doch daß sie Nachricht droben von mir haben,
Vernimm: ich bin Bertran de Born, der jeden
Arglistigen Rat erteilt dem Königsknaben.

Ich machte Sohn und Vater sich befehden.
Mehr tat Ahitophel an Absalonen
Und David nicht mit hetzerischen Reden.

Weil ich so Engverbundene ohne Schonen
Entzweit, trag ich mein Hirn entzweit, o wehe,
Von seinem Ursprung, der im Rumpf blieb wohnen.

So lehr ich, wie Vergeltungsrecht geschehe.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 29
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 29

Die Menge Volks und die verschiedenen Wunden
Berauschten mir die Augen so mit Grauen,
Daß sie durch Weinen Ruhe gern gesunden.

Doch sprach Vergil zu mir: »Was soll dein Schauen?
Was heftet sich dein Auge nur zum Grunde
Aufs Volk der Schatten, elend und zerhauen?

Du säumtest so bei keinem andern Schlunde.
Bedenk! wenn du ans Zählen wolltest gehen:
Dies Tal hält zweiundzwanzig Meilen Runde,

Und unterm Fuß muß uns der Mond schon stehen.
Nur wenig Zeit ist uns noch zugeschrieben.
Und mehr als hier du siehst giebts noch zu sehen.«

Ich sprach: »O wüßtest du, was mich getrieben,
Hinabzuspähn, du hättest meiner Bitte
Vielleicht willfahrt, daß ich noch stehngeblieben.«

Vondannen ging er schon, als ich, dem Schritte
Des Führers folgend, also ihm beim Gehen
Bescheid noch gab: »In dieser Höhlen Mitte,

Zu der so scharf mein Blick hinabgesehen,
Glaub ich, daß einer meines Bluts beweine
Die Schuld, die hier so teuer kommt zu stehen.«

Drauf sprach der Meister: »Besser wärs, wenn deine
Gedanken sich von diesem künftig trennen.
Auf andres merk und den dort laß alleine.

Am Fuß des Brückleins mocht ichs wohl erkennen:
Sein Finger wies nach dir mit heftigem Drohen;
Auch hört ich ihn Geri del Bello nennen.

Doch dich nahm ganz in Anspruch, der im hohen
Schloß Altaforte als Verteidiger weilte,
Daß du nicht hinsahst, bis er dir entflohen.« -

»O Führer mein! Der Mord, der ihn ereilte
Und der,« sprach ich, »bisher nicht ward gerochen
Von einem, der mit ihm die Schande teilte,

Hat ihn ergrimmt. Drum ist er ausgebrochen,
Glaub ich, verschlossenen Mundes und so schnelle:
Dies läßt mein Herz noch mitleidsvoller pochen.«

So sprachen wir bis zu der ersten Stelle,
Wo man vom Fels leicht sähe bis zum Grunde
Des nächsten Tals bei etwas größerer Helle.

Als wir vorm letzten Kreuzgang überm Schlunde
Der Übelbuchten standen, daß den Orden
Der Konvertiten ganz der Blick erkunde,

Traf mich solch Wehgeheul von diesen Borden
Gleich einem Pfeil, durch Mitleid spitz und stählern,
Daß ich das Ohr verschloß den Schmerzakkorden.

Alsob aus Valdichianos Hospitälern
Die Seuchen all vereint mit denen wären
Aus der Maremma und Sardiniens Tälern,

Wie sie im heißen Heu- und Herbstmond gären,
So schrie es hier, und aufwärts kam gezogen
Ein Stinken wie von eitrigfaulen Schwären.

Wir schritten nun am langen Felsenbogen
Zum letzten Knick hernieder, stets zur Linken.
Und freier hier zum Grund die Blicke flogen,

Wohin Gerechtigkeit nach Gottes Winken -
Sobald sie irrtumsfrei die Fälscher buchte
Als Seine Helferin - sie läßt versinken.

Kein größeres Leid Ägina wohl besuchte -
Als es erfüllt mit Sterbenden und Kranken,
Weil durch die ekle Pestluft, die verruchte,

Vergiftet die Geschöpfe niedersanken
Bis aufs Gewürm, worauf dann in den Landen
Der Sage nach, die wir den Dichtern danken,

Ein neu Geschlecht aus Ämsenbrut entstanden -:
Als dieses Leid in dunkeln Talgestaden,
Wo Geister sich in Gruppen schmachtend wanden.

Der auf den Bauch und der aufs Kreuz geladen
Dem Nachbar war, und jener war zu sehen
Vierfüßig-kriechend auf des Elends Pfaden.

Wir blieben stumm beim sachten Vorwärtsgehen,
An Kranken hing uns Aug und Ohr erschrocken,
Die ohne Kräfte waren, aufzustehen.

Zwei sah ich sicheinander-stützend hocken,
Wie wir zum Wärmen Pfanne an Pfanne schieben,
Von Kopf bis Fuß gemasert wie mit Pocken,

Und sah den Striegel hastiger nie getrieben
Von einem Stallknecht, der den Herrn sieht warten,
Noch auch von dem, der ungern wachgeblieben,

Wie beide mit den Nägeln sich, den harten,
Wahnsinnig kratzten, juckend sich zu laben,
Und dennoch keine Linderung erscharrten.

Es platzten ab die Schorfe unterm Schaben,
Alsob an Karpfen man das Messer setzte
Und Fische sonst, die größere Schuppen haben.

»O du, der mit den Fingern sich zerfetzte,«
Mein Führer zu dem einen sprach von jenen,
»Und sich kneifzangengleich damit verletzte,

Sag uns, ist ein Lateiner unter denen,
Die drunten sind? soferne du zum Krauen
Die Nägel ewigbrauchbar magst ersehnen.« -

»Lateiner zwei kannst so zerfleischt du schauen
In uns,« brach einer winselnd da sein Schweigen.
»Doch wer bist du, der fragt?« - »Durch diese rauhen

Abhänge,« sprach der Führer, »muß ich steigen
Mit dem, der lebt, von Riff zu Riff hernieder;
Und bin gewillt, die Hölle ihm zu zeigen.«

Da löste sich der Stützpunkt ihrer Glieder,
Und bebend wandten sich zu mir die Geister
Nebst andern, denen dieses Wort scholl wieder.

Da trat zu mir und sprach der gute Meister:
»Nun magst du beide nach Belieben fragen.«
Und da er es gewollt, begann ich dreister:

»Soll euer Name, klingend-fortgetragen,
Erinnerung bei Welt und Menschen wecken
Und leben noch in fernsten Sonnentagen,

Wollt euern Stamm und Namen mir entdecken.
Nicht Scham, daß ekle Not euch übermannte,
Laß euch zurück vor der Enthüllung schrecken.« -

»Ich stamme aus Arezzo, mich verbrannte
Albert von Siena,« so der eine klagte;
»Doch darum nicht der Tod hierher mich sandte.

Wahr ists, daß ich zu jenem scherzhaft sagte,
Daß ich die Kunst des Fliegens lernte kennen.
Und er, den wenig Witz, doch Neugier plagte,

Begehrte diese Kunst auch sein zu nennen,
Und ließ, da ich ihn nicht zum Dädal machte,
Von dem mich, dem als Sohn er galt, verbrennen.

Doch hier zur letzten der zehn Schluchten brachte
Mich Minos her, der immer wägt untrüglich,
Weil ich auf Alchimie nur droben dachte.«

Und ich zum Dichter: »Giebts ein Volk, das füglich
Gleich den Sanesen Eitelkeit betörte?
Selbst Frankreich kaum, das darin sonst vorzüglich.«

Der andre Aussatzkranke, der mich hörte,
Gab drauf zur Antwort mir: »Nimm die Verschwendung
Des Stricca aus, den Sparsamkeit nie störte;

Und Niccolo, der erstmals die Verwendung
Der Nelkenröstung für das Fleisch erfunden
Im Beet, wo derlei Saat kommt zur Vollendung.

Nimm auch den Freßklub aus, drin rasch verschwunden
Caccia d'Ascians Weingut und Forstanwesen
Und man sich Abbagliatos Witz ließ munden.

Doch daß du weißt, wer gegen die Sanesen
So stark dich unterstützt: heb auf die Brauen
Und such Bescheid vom Antlitz mir zu lesen.

Dann wirst du des Capocchio Schatten schauen,
Der alchimierend falsches Geld geschaffen;
Und du besinnst dich, darf dem Blick ich trauen,

Auf mich als der Natur geschicktesten Affen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 30
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 30

Zur Zeit, als Juno Haß im Herzen hegte,
Um Semele erzürnt mit Thebens Blute,
Was sie des öftern an den Tag auch legte,

War Athamas in solchem Wahnsinnsmute,
Daß, als sein Weib des Weges kam gegangen
Und ihr in jedem Arm ein Söhnlein ruhte,

Er ausrief: »Spannt die Netze! Laßt uns fangen
Die Löwin bei der Rückkehr samt den Jungen!«
Und die erbarmungslosen Tatzen langen

Nach dem Learch, den durch die Luft geschwungen
Am Felsen sie zerschmetterten, indessen
Sie mit dem andern Kind ins Meer gesprungen.

Und als Fortuna Trojas ganz vergessen,
Des stolzen, das den König samt dem Lande
Verlor, weil jeder Tat sichs dreist vermessen,

Als Hekuba in trauriger Fesseln Bande,
Die Ärmste! Polyxenen tot erblickte
Und ihren Polydor am Meeresstrande

Dann schmerzerfüllt als Leiche fand - da schickte
Sie durch die Luft Gebell gleich tollem Hunde,
Weil ihr so großer Gram den Geist umstrickte.

Doch Troja selbst noch Theben gab nie Kunde,
Daß je solch Wahnsinn Furien könnt erfassen,
Der also grausam Tier und Mensch verwunde,

Als hier ichs in zwei Schatten, nackten blassen,
Gewahrt, die um sich schnappten gleich dem Schweine,
Das eben aus dem Stall wird losgelassen.

Auf den Capocchio platzte rasch der eine,
Biß ins Genick ihm, fort mit ihm dann schlitternd,
Daß ihm den Bauch zerkratzten Sand und Steine.

Der Aretiner, der zurückblieb zitternd,
Sprach: »Gianni Schicchi heißt der Koboldstolle,
Der uns so zusetzt, rasend nach uns witternd.« -

»Oh,« sprach ich, »soll der andre nicht im Grolle
Dein Kreuz zerfleischen, dann mir nicht verhehle,
wer jener ist, eh er davon sich trolle.«

Und er: »Das ist der Myrrha alte Seele,
Die schändlich einst in Liebesbrunst entglommen
Für ihren Vater bis zum sündigen Fehle.

Sie ist bei ihm zum argen Ziel gekommen,
Weil sie, ihr Aussehn fälschend, bei ihm ruhte,
Was jener, der dort läuft, auch unternommen,

Der lüstern auf des Reitstalls beste Stute
Nachahmend spielte des Donati Rolle
Und Testament gemacht mit dessen Gute.«

Als ich gesehen hatte, wie dies tolle
Verbrecherpaar fortraste, blieb ich stehen,
Betrachtend andere Schmerz- und Sündenvolle.

Da sah ich einen, der war anzusehen
Wie eine Laute, hätt ihm weggespalten
Ein Schnitt die Gabel, die man braucht zum Gehen.

Die plumpe Wassersucht - mit dumpfig-alten
Blutsäften oft die Glieder so verdrehend,
Daß Bauch und Antlitz seltsam sich verhalten -

Sie hielt ihm beide Lippen offenstehend,
Daß kinnwärts die und jene aufwärts trachtet,
Als wärs ein Hektiker, vor Durst vergehend.

»O ihr, die straflos ihr die Wege machtet
(Und nicht weiß ich warum) zur Welt des Bebens,«
Rief er uns an, »erwäget und beachtet

Das Elend Meister Adams! Zeit des Lebens
Hatt ich soviel ich wollt: und jetzt? - Genießen
Ein Tröpflein Wassers möcht ich - ach! vergebens.

Die Bächlein, die von grünen Hügeln gießen
Des Casentin zum Arno ihre Wellen,
Daß die erfrischten Ufer üppig sprießen -

Noch immer seh ich quellen sie und schwellen.
Und nicht umsonst, weil mehr als diese Plagen
Ihr Bild mich dörrt, mein Antlitz zu entstellen.

Gerechtigkeit, die mich so hart geschlagen,
Zieht Nutzen selbst vom Ort, wo mein Verschulden
Herstammt, mir Seufzer heftiger anzujagen.

Dort liegt Romena, wo den Täufergulden
Ich oft verfälscht um eine Bagatelle,
Drob ich den Scheiterhaufen mußt erdulden.

Doch säh ich Guidos schnöden Geist zur Stelle
Und Alessandros samt des Bruders - fragen
Ließ mich der Anblick nicht nach Brandas Quelle!

Drin ist schon einer, wenn hier Wahrheit sagen
Die tollen Schatten, rasend durchs Gehege.
Doch was hilft mirs, den lahme Glieder plagen?

Wenn ich nur so behende wär und rege,
In hundert Jahren einen Zoll zu schleichen,
So wär ich sicher längst schon auf dem Weg,

Guido zu suchen bei den Elendbleichen,
Mag dieses Feld nach Länge auch elf Meilen
Und eine halbe in die Breite reichen.

Ich muß um sie bei solcher Sippschaft weilen!
Sie haben mich verleitet, den Florenen
Nur drei Karat Legierung zu erteilen.«

Und ich zu ihm: »Wie steht es hier mit denen?
Im Winter pflegt gewaschene Hand zu rauchen
Wie sie, die eng zu deiner Rechten lehnen.« -

»Hier fand ich sie und sah noch nie sie krauchen,«
Sprach er, »seit michs in diesen Spalt ließ schneien,
Und sind dazu wohl ewig nicht zu brauchen.

Des Ehbruchs wollte die den Josef zeihen;
Der log als Grieche Sinon wohl am meisten
Vor Troja. Fieberdunst stinkt aus den zweien.«

Und einer ihrer, den wohl die so dreisten
Beleidigenden Worte kränkten, ballte
Die Faust und schlug ihm auf den Bauch, den feisten.

Der klang, alsob ein Paukenton erschallte.
Doch Meister Adam hieb ihm in die Fratze
Mit seinem Arm, der wohl nicht sanfter prallte,

Und schrie ihn an: »Wenn ich mich auch vom Platze
Nicht regen kann der Bleiesschwere wegen,
So hab ich meinen Arm doch zum Ersatze.« -

»Als du dem Scheiterhaufen gingst entgegen,«
Rief Sinon, »hobst du nicht ihn so gewichtig;
Doch sah man ihn beim Prägstock flink sich regen.«

Der Wassersüchtige höhnte: »Das ist richtig!
Doch Wahrheit sprachst du nur in diesem Falle.
Vor Troja war dein Zeugnis null und nichtig.«

Der schrie: »Ich fälschte Worte, du Metalle!
Und büß ich ein Vergehn in dieser Herde,
Büßest du mehr als diese Teufel alle.« -

»Meineidiger, denk des Schwankes mit dem Pferde,«
So hört ich den Geschwollenen Antwort geben,
»Dich strafs, daß er bekannt der ganzen Erde.« -

»Dich strafe Durst! Die Zunge soll dir kleben
Und platzen,« rief der Grieche; »und die Jauche
Den Wanst dir bis vors Auge dunstend heben.«

Der Münzer drauf: »Verzerr nach altem Brauche
Dein Maul nur zu gewohnten Unflatwürfen.
Denn dürst ich auch und schwillt mir Naß im Bauche,

So hast du Brand und Kopfschmerz; und zu schlürfen
Vom klaren Spiegel des Narziß gar däftig,
Würdest du keiner Einladung bedürfen.« -

Sie anzuhören war ich ganz geschäftig,
Bis mich der Meister rief: »Das nenn ich schauen!
Nur wenig fehlt, daß ich dich rügte kräftig.«

Erschreckt fuhr ich herum, als ich den rauhen
Vorwurf vernahm, Schamröte auf den Wangen,
Daß noch Erinnrung runzelt mir die Brauen.

Und dem gleich, der von bösem Traum umfangen
Fortträumend wünscht, daß ihm der Traum nicht raubte,
Was ihm ja auch in Wahrheit nicht entgangen,

So bangt ich, daß ich mir kein Wort erlaubte,
Mich zu entschuldigen wünschte, und vollkommen
Entschuldigt war, als ich es noch nicht glaubte.

»Schon mindere Scham hätt größern Fehl genommen
Von dir, als den, dazu man dich verleitet,«
Der Meister sprach; »drum sei nicht mehr beklommen.

Doch nie vergiß, daß du von mir begleitet,
Führt uns ein Zufall abermals so widrig
Dahin, wo sich ein solch Gesindel streitet.

Denn gern dies hören, ist ein Wunsch, der niedrig.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 31
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 31

Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet,
Daß mir die Scham verfärbte beide Wangen,
Gab dann den Heiltrank mir, dran ich gesundet.

So war der Lanze, die Achill empfangen
Vom Vater, wie ich las, die Gabe eigen,
Übles durch sie, dann Gutes zu erlangen. -

Dem Trauertal den Rücken wendend, steigen
Wir auf zum Wall, der es mit seiner Schwelle
Umkränzt, durchquerend ihn, gehüllt in Schweigen.

Dort herrschte weder Nacht noch Tageshelle,
Daß nicht sehr weit mein Auge konnte dringen.
Doch ich vernahm ein schmetternd Horngegelle,

So laut, wie nicht die stärksten Donner klingen,
Daß, um zu sehn, woher der Lärm entquollen,
Die Augen dem Geräusch entgegengingen.

Nach dem Zusammenbruch, dem grauenvollen,
Als Karls geweihte Schar erlag dem Schlage,
Hat nicht so furchtbar Rolands Horn geschollen.

Ich hielt das Haupt nicht lang in solcher Lage,
So glaubt ich hoher Türme viel zu schauen;
Drum ich: »Wie heißt die Stadt dort, Meister, sage?«

Und er zu mir: »Weil du ins Dämmergrauen
Zuweit vorauszudringen unternommen,
So darfst du deiner Einbildung nicht trauen.

Wohl wirst du einsehn, wenn du hingekommen:
Leicht täuscht Entfernung Menschensinn, den kleinen.
Drum wird dir schnelleres Vorwärtsgehen frommen.«

Liebreich griff seine Hand dann nach der meinen,
Worauf er sprach: »Bevor wir nähergehen,
Vernimm - dann wird dirs minderseltsam scheinen -

Daß wir nicht Türme, sondern Riesen sehen,
Die, rings am Brunnenrande aufgerichtet,
Vom Nabel abwärts tief im Schachte stehen.«

Alsob der Nebel allgemach sich lichtet,
Daß immer klarer kann der Blick erschauen,
Was Dunst verhüllte, von der Luft verdichtet,

So drang ich durch des Dunstes dichtes Brauen,
Und als ich nah und näher kam dem Schlunde,
Verschwand mein Irrtum und es wuchs das Grauen.

Denn wie mit hohen Türmen in der Runde
Montereggiones Mauern sich bekrönen,
So türmte hier auch, halbenleibs im Grunde,

Sich um den Brunnenrand von Riesensöhnen
Ein ungeschlachter Kreis, zu dessen Schrecken
Noch heute Jovis Himmelsdonner dröhnen.

Des einen Antlitz konnt ich schon entdecken,
Sah Schultern, Brust, ein großes Stück vom Bauche
Und jeden Arm sich längs den Hüften strecken. -

Wie weislich, daß mit ihrem Werdehauche
Natur nicht mehr erschafft derlei Gestalten,
Daß Mars zu Henkern länger sie mißbrauche.

Ließ mit dem Elefanten sies beim alten
Und mit dem Wal, muß mans gerechter finden
Bei strenger Prüfung und für weiser halten.

Denn wollte geistige Einsicht sich verbinden
Mit Körperkraft und Bosheit im Vereine,
So müßte jeder Schutz den Menschen schwinden. -

Sein Kopf (so hoch als breit) schien, wie ich meine,
Sanktpeters Pinienfrucht in Rom zu gleichen,
Und demgemäß die übrigen Gebeine,

Sodaß der Strand, der abwärts von den Weichen
Als Schurz ihm diente, noch so hoch ließ ragen
Den Oberleib, daß, nur ans Haar zu reichen,

Drei Friesen wenig Lob davongetragen.
Denn sicher maß er seine dreißig Palme
Von dort an, wo sich schließt des Mantels Kragen.

»Rafel mai amech izabi alme,«
Fing er zu brüllen an aus rauher Kehle,
Die wahrlich nicht gemacht für sanftere Psalme.

Mein Führer drauf zu ihm: »Törichte Seele,
Bleib nur beim Horne, darauf auszutoben
Die Zorneshitze oder was dir fehle.

Am Halse such! Der Riemen hängt ja oben,
Verwirrte Seele. Deine Finger werden
Ihn finden um die breite Brust geschoben.«

Darauf zu mir: »Er selbst macht sich Beschwerden.
Der Nimrod ists; und schuld hat sein Erfrechen,
Daß mehr als eine Sprache herrscht auf Erden.

Laß ihn nur stehn und uns umsonst nicht sprechen;
Denn wie ihm Menschenwort verständlich nimmer,
Bleibt unklar uns sein sinnlos Radebrechen.« -

So schritten wir denn weiter, linkswärts immer,
Bis wir auf Bogenschusses Weite fanden
Schon einen zweiten, mächtiger und grimmer.

Welch Meister ihn zu fesseln hat verstanden,
Nicht weiß ichs. Doch die beiden Arme hingen -
Vorn linker, hinten rechter - fest in Banden

Durch eine Kette, die ihm hielt in Schlingen
Abwärts vom Hals den Leib, soweit er ragte,
In festumschnürenden fünffachen Ringen.

»Der tollkühn seine Kraft zu messen wagte,«
Mein Führer sprach, »an Jovis Allmacht droben,
Ephialtes ists, der es seitdem beklagte

Mit dieser Pein. Er gab gewaltige Proben
Im Riesenkampf, der bis in Götternähe
Den Schrecken trug. Nie drohend mehr erhoben

Hat er den Arm.« - Und ich zu ihm: »Nun sähe
Den ungeheuern Briareus wohl gerne
Mein Aug, wenns möglich wär, daß es geschähe.«

Drauf er: »Zuerst Antäus kennenlerne
Hier nebenbei. Er spricht, ist nicht gebunden,
Und hebt uns in die tiefste Qualzisterne.

Mehr hinten erst wird, den du suchst, gefunden,
Der diesem gleicht, nur anzuschauen viel grimmer
Und fest wie der vom Eisenband umwunden.«

Nie bebte unterm Stoß die Erde schlimmer,
Nie schwankte mehr ein Turm, orkanumwittert,
Als sich Ephialtes schüttelte - und nimmer

Hab ich in Todesängsten mehr gezittert.
Denn groß genug gewesen wär mein Bangen;
Doch sah ich ja die Fesseln unzersplittert.

Wir sahen bald, als wir vorangegangen,
Wie des Antäus Glieder aus dem Bronnen,
Ohne den Kopf, wohl an fünf Ellen drangen.

»Der du im Tal - vom Schicksal reich umsponnen,
Wo Szipio hohen Ruhmes Erbschaft freute,
Als Hannibal mit seinem Heer entronnen -

Dir tausend Löwen einst gemacht zur Beute,
Und auch, wenn du als Helfer beigesprungen
All deinen Brüdern (mancher meints noch heute)

Den Erdensöhnen hättest Sieg errungen -
Setz uns hinab, doch laß nicht Mißmut sehen,
Wo den Kozyt ein Frostkleid hält umschlungen.

Laß nicht zu Tityus und Typhon uns gehen,
Denn dieser kann, was man hier wünscht, gewähren;
Drum bücke dich und zeig kein Maulverdrehen.

Der kann mit Ruhm auf Erden dich verklären,
Da er noch lebt und hofft auf langes Leben,
Läßt Gnade nicht zu früh die Frist verjähren.«

So sprach der Herr. Und jenen sah ich heben
Eilig die Hand zu dem, der hier mich führte,
Die Hand, die Herkules gefühlt mit Beben.

Sobald Vergil sich so ergriffen spürte,
Rief er: »Komm her, damit ich dich umfange.«
Drauf wie zum Bündel mich sein Arm umschnürte.

Wie Carisenda - steht man unterm Hange
Und blickt empor - uns vorkommt, wenn hinfliegen
Die Wolken, doch in umgekehrtem Gange,

Schien mir Antäus, als ich ihn sich biegen,
Tief biegen sah mit Staunen. Und zur Stunde
Wär gern ich einen andern Pfad gestiegen.

Dann setzte leicht und sanft er uns zum Schlunde
Hinab, der Luzifer und Judas faßt.
Und ohne lang gebückt zu stehen im Grunde,

Hob er sich wieder wie im Schiff der Mast.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

Fänd ich solch holprigrauhes Versgerölle,
Wie es dem grausen Abgrund angemessen,
Drauf alle andern Felsen ruhen der Hölle,

So würd ich wohl aus meinem Stoffe pressen
Des Saftes mehr. Jedoch da ichs nicht finde,
Kann ich nicht furchtlos mich des Worts vermessen.

Kein Scherzspiel ists, das leicht sich überwinde,
Zu singen von des Weltalls tiefsten Gauen;
Kein lallend Zünglein täts von einem Kinde.

Doch helfen mögen meinem Vers die Frauen,
Die dem Amphion Theben halfen gründen,
Daß Wort und Wirklichkeit vereint zu schauen.

O Volk! vor allem schwerbestraft um Sünden
Mit diesem Ort voll unsagbarer Trauer,
Könnt ich von dir als Schaf und Geiß hier künden. -

Als wir im Brunnen stehn voll nächtiger Schauer
Unter des Riesen Fuß in tiefster Mitte,
Und ich empor noch staune längs der Mauer,

Hört ich ein Rufen: »Achte deiner Tritte!
Sieh zu, daß unter deinen groben Beinen
Der armen müden Brüder Haupt nicht litte.«

Da wandt ich mich. Und vor und unter meinen
Füßen sah ich sich einen See ausbreiten,
Der Glas vor Frost, nicht Wasser mochte scheinen.

Nicht spinnt für ihren Lauf in Winterszeiten
Österreichs Donau ein Geweb so dick,
Auch nicht der Don dort unter eisigen Breiten,

Wie hier es war. Denn fielen Tambernick
Und Pietrapan darauf im Purzelbaume,
Es machte selbst am Rand nicht einmal »Krick!«

Und wie der Frosch herausstreckt dicht am Saume
Des Wassergrabens quakend seine Backen,
Just wenn die Bäuerin Ähren liest im Traume:

Steckten - frostblau bis dort, wo Scham zu packen
Uns pflegt - im Eis die Schatten, schmerzvoll-klagend,
Zahnklappernd gleich der Störche Schnabelknacken.

Den Kopf gesenkt hielt jeder bangverzagend;
Von Kälte mit dem Mund, der zitternd bebte,
Von Seelenqual mit seinen Blicken sagend.

Mein Auge, das erst durch die Runde strebte,
Sah dann vorm Fuß mir zwei beisammenliegen
So enge, daß ihr Haar in eins verklebte.

»Sagt mir ihr, die sich Brust-an-Brust so schmiegen,«
Sprach ich, »wer seid ihr?« - Und die zwei Genossen
Reckten den Hals, ihr Antlitz hochzubiegen.

Und ihre Augen, innen feucht, ergossen
Durchs Lid die Tränen, die gleich im Erkalten
Die Wimpern wieder dicht zusammenschlossen.

Kein Schraubstock hat je Holz-an-Holz gehalten
So eng, drob sie, von stetem Zorn beschworen,
Zwei Widdern gleich, stark aneinanderprallten.

Und einer, der im Froste beide Ohren
Einbüßte, rief - doch ohne aufzusehen:
»Was hast du so zum Spiegel uns erkoren?

Soll ich betreffs der zwei dir redestehen?
Mit Vater Albert wohnten im Gelände
Die zwei, wo des Bisentio Fluten gehen.

Ein Leib gebar sie; und dein Auge fände
Von allen, die in Kainas Gallert weinen,
Nicht einen, der mit größerm Recht hier stände.

Nicht den, dem Brust und Schattenbild durch einen
Speerstoß einst König Artus jäh durchstieß;
Focaccia nicht noch den, des Kopf vor meinen

Sich drängt, daß er mir nimmer Ausblick ließ.
Bist Tusker du, brauch ich dir nur zu sagen,
Daß der einst Sassol Mascheroni hieß.

Und ich (dies wisse, daß du schweigst mit Fragen)
Bin Camicion de Pacci, der hier passen
Muß auf Carlin, der mich wird überragen.«

Da sah ich: tausend zogen Hundsgrimassen
Vor Frost, und fühlte Ekel sich mir heben,
Der stets mich wird vor Eisespfützen fassen.

Und als wir uns zur Mitte so begeben,
Wo alles Schwere sucht sich zu vereinen,
Und ewige Nacht mir schuf ein fröstelnd Beben:

Mags Absicht, Schickung oder Zufall scheinen,
Wer weiß? Doch wie wir ob den Köpfen schritten,
Traf derb ins Angesicht mein Fuß dem einen.

Weinend schrie der: »Was kränkst du mich mit Tritten?
Kommst du, verschärfte Pein mir zu erteilen
Für Montapert, daß ich den Stoß erlitten?«

Und ich: »Mein Meister, laß uns hier verweilen,
Daß ich durch ihn mir einen Zweifel löse.
Dann laß so rasch du willst uns weitereilen.«

Der Führer hielt; und den, der mit Getöse
Fortfluchte, fragt ich: »Wer schreit so elendig?
Wer bist du, der die andern schmäht so böse?« -

»Und du, der Antenor so unverständig
Durchfährt,« schrie er, »grob schindend andrer Wangen,
Zu grob sogar, selbst wenn du wärst lebendig?« -

»Noch leb ich, kann noch deinen Dank empfangen,«
Sprach ich, »füg ich den Namen, hell an Ehren,
Den deinen zu, falls Nachruhm dein Verlangen.«

Er schrie: »Das Gegenteil ist mein Begehren!
Laß mich in Ruh; fort mit dir lästigem Tropfe!
Im Schmeicheln gab dies Loch dir schlechte Lehren.«

Da griff ich ins Genick ihm fest beim Schöpfe
Und rief: »Zum Namen mußt du dich bequemen,
Sonst bleibt kein einzig Haar dir auf dem Kopfe.« -

»Zerzause dreist mein Haar nur,« rief der Schemen.
»Nichts sag ich dir, magst du, mir auszuroden
Den Flausch, auch tausendmal beim Kopf mich nehmen.«

Ich drehte schon die Faust um seine Loden,
Die anfing, manches Büschel auszureißen.
Er bellte laut, die Augen stets am Boden,

Bis einer rief: »Was, Bocca, soll das heißen?
Genügt dirs nicht, mit Zähnen Takt zu schlagen,
Daß du noch bellst? Welch Teufel mag dich beißen?« -

»Schuftiger Verräter!« rief ich. »Mehr zu sagen
Nicht brauchst du! Deine Schmach wird aufgeschrieben
Und soll nach oben wahre Kunde tragen.« -

»Lauf hin,« rief er, »und petze nach Belieben!
Doch kommst du heim, such auch nicht den zu schonen,
Ders mit der Zunge so geschickt getrieben,

Er heult um die französischen Dublonen.
Ich sah den von Duera,' kannst du sagen,
Dort, wo »auf-Eis-gepackt« die Sünder wohnen.'

Und sollt man dich nach andern Gästen fragen,
So steht der, den sie Beccheria riefen,
Bei dir. Ihm schnitt Florenz einst ab den Kragen.

Soldanier, glaub ich, sitzt wohl mehr im Tiefen
An Ganellons und Tribaldellos Seiten,
Der Faenza öffnete, als alle schliefen.« -

Wir gingen, und ich sah beim Weiterschreiten
In einem Loch vereist sich zweie packen,
Sodaß ein Kopf zum Hute ward dem zweiten.

Denn wie man mag ins Brot vor Hunger hacken,
So ich den Obern hier zerbeißen schaute
Den Untern da, wo Hirn sich trifft und Nacken.

Wie Tydeus einst vor Zorn den Zahn einhaute,
Als er die Schläfe Menalippos nagte,
So der am Schädel und dem sonstigen kaute.

»O du, der so bestialisch sich behagte,«
Rief ich, »aus Haß den andern anzufressen;
Sag an, was dich in diese Zornwut jagte?

Ich will, wenn du dazu ein Recht besessen,
Und kenn ich erst euch zwei und sein Verbrechen,
Dir droben Dank zu schassen nicht vergessen,

Wenn die nicht dorrt, die mir verliehen zum Sprechen.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 33
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 33

Der Sünder hob vom schauderhaften Essen
Den Mund, ihn rein-sich-wischend an dem Haare
Des Hinterhauptes, das er angefressen.

Dann fing er an: »Du willst, daß ich erfahre
Aufs neu Verzweiflungspein, mein Herz zu brechen
Beim Denken schon, eh ich sie offenbare?

Doch dient mein Wort zum Samen, draus dem frechen
Verräter Schande sprießt, den ich hier speise,
Sollst du zugleich mich weinen sehen und sprechen.

Nicht weiß ich, wer du bist, noch wer die Reise
So tief dich machen ließ. Doch wohl erkannte
Mein Ohr bei dir Florenzias Redeweise.

Ich war Graf Ugolino; jener nannte
Sich Erzbischof Ruggier. Nun laß dir klagen,
Was mich als solchen Nachbar an ihn bannte.

Wie es bewirkt sein heimtückisch Betragen,
Daß ich, ihm ganz vertrauend, ward gefangen
Und dann getötet, brauch ich nicht zu sagen.

Doch nicht zu Ohren konnte dir gelangen,
welch martervolles Sterben mein Verhängnis.
Vernimms und sieh, wie schlimm er sich vergangen.

Ein schmales Luftloch innen im Gefängnis,
Das man nach mir den Hungerturm geheißen
Und viel noch wird umklammern in Bedrängnis,

Ließ manchen Mond ablesen mich vom weißen
Gemäuer schon, bis mir ein Traum voll Grauen
Der Zukunft Schleier sollte jäh zerreißen.

Ich sah hier den als Jagdherrn durch die Auen
Zu jenem Berg hinhetzen Wolf samt Jungen,
Der Pisa wehrt, nach Lucca hinzuschauen.

Als Treiber sah ich frisch-vorausgesprungen
Gualandi schon, Sismondi und Lanfranken
Mit Hunden sehnig, gierig, stark von Lungen.

Nach kurzem Lauf sah ich ermattet schwanken
Den Vater und die Söhne, sah geschlagen,
Schien mirs, von scharfen Hauern ihre Flanken.

Darauf erwacht, eh es begann zu tagen,
Hör ich im Schlafe wimmern meine Kleinen,
Die bei mir waren, und nach Brot mich fragen.

Hart wärst du, würde dir nicht schmerzlich scheinen,
Was mir, bedenkst dus recht, im Herzen schwante.
Und weinst du nicht, wobei pflegst du zu weinen?

Sie wurden wach, und jene Stunde mahnte,
Wo man uns Nahrung sonst gebracht zum Orte,
Als jedem ob des Traumes Unheil ahnte.

Da hört ich, wie vernagelt ward die Pforte
Des Schreckensturmes drunten. Meinen Kleinen
Stiert ich deshalb ins Antlitz - ohne Worte.

Ich weinte nicht; mein Herz fühlt ich versteinen.
Sie weinten; und mein Anselmuccio fragte:
Was stierst du, Vater, so? Sprich zu den Deinen!'

Und dennoch weinte ich da nicht und sagte
Kein Wort. Und Tag und Nacht blieb ich im Schweigen,
Bisdaß der Welt die neue Sonne tagte.

Als dann ihr blasser Strahl beim Höhersteigen
In unsern Schreckenskäfig eingedrungen,
Mir vier Gesichter bleich wie meines zu zeigen,

Biß ich mir beide Hände schmerzbezwungen.
Da meinten sie, ich wolle mich dran weiden
Aus Hungersqual. Sie waren aufgesprungen

Und sprachen: 'Vater, iß von uns; wir leiden
Dann minder. Denn dies Fleisch so voll Beschwerde
Stammt ja von dir - du magst uns sein entkleiden.'

Still blieb ich, daß ihr Gram nicht größer werde.
So harrten wir zwei Tage, schweigend immer -
Ach, konntest du nicht bersten, harte Erde?

Als uns erschien des vierten Tages Schimmer,
Fällt mir zu Füßen Gaddo hin und windet
Sich jammernd: 'Vater, warum hilfst du nimmer?'

Er starb. Und wie dein Blick mich vor dir findet,
Sah ich die dreie tot am Boden lasten
Vom fünften Tag zum sechsten. Schon erblindet,

Tapp ich dahin mich, jeden zu betasten,
Ruf sie zwei Tage, seit ihr Herz gebrochen -
Sodann vermochte mehr als Schmerz das Fasten.«

Und stieren Auges, als er so gesprochen,
Biß er aufs neu den armen Kopf am Rande.
Der brach wie unterm Hundsgebiß ein Knochen. -

Weh Pisa dir! des schönen Landes Schande,
Worin das Si erklingt mit süßem Tone. -
Der Nachbarn Rache kommt zuspät zustande,

Drum schwimmt heran, Kaprara und Gorgone!
Verstopft des Arno Mund als Damm vereinigt,
Daß er ersäuf, was lebend in dir wohne!

Bleibt Ugolin auch nicht vom Schimpf gereinigt,
Er habe deine Burgen übergeben:
Was hast du seine Rinder so gepeinigt?

Unschuldig machte doch ihr zartes Leben
Uguccion und Brigata samt den beiden,
Die schon mein Lied genannt, du neues Theben. -

Und weiter gings, wo Eis und Frost umkleiden
Andre Gestalten, die nicht abwärtskehren
Ihr Haupt, nein, auf dem Rücken liegend leiden.

Das Weinen selbst muß hier dem Weinen wehren;
Und weil der Schmerz nicht kann durchs Auge tauen,
Frißt er nach innen sich, die Angst zu mehren.

Eiszapfig sich die ersten Tränen stauen,
Daß sie, kristallenen Brillen gleich an Glätte,
Die Augenhöhlen füllen vor den Brauen.

Und wenn mir auch, alsob ich Hornhaut hätte,
Der Kälte wegen jegliches Empfinden
Im Angesichte räumte seine Stätte,

So fühlt ich leisen Hauch doch wie von Winden.
Drum ich: »Mein Meister, woher dieses wehen?
Muß jeder Dunst hierunten nicht verschwinden?«

Und er zu mir: »Bald wirst du dorthingehen,
Wo sich dein Auge selbst wird Antwort sagen,
Wenn du den Grund wirst dieses Hauches sehen.« -

Drauf hört ich einen solchen Eistropf klagen:
»O Seelen, also ruchlos, daß vom Lichte
Zum tiefsten Standplatz euch das Los verschlagen,

Löst mir den harten Schleier vom Gesichte,
Daß etwas Luft die Herzensängste trinken,
Bevor sich neu zu Eis das Naß verdichte.«

Drob ich zu jenem: »Soll dir Hilfe winken,
Sag, wer du bist. Und glaubst du, Falschheit sinn ich,
Will ich zum tiefsten Grundeis gleich versinken!«

Drauf sprach er: »Bruder Alberigo bin ich,
Der seinen Gast mit bösem Obst verdorben;
Und statt der Feigen Datteln hier gewinn ich.« -

»Oh,« rief ich aus, »auch du bist schon gestorben?«
Und er: »Wie oben meinem Leib es gehe,
Des hab ich keine Kunde noch erworben.

Denn das ist Ptolemäas Vorzug: ehe
Die Parzenfinger sich der Schere nahten,
Stürzt oft schon her die Seele in dies Wehe.

Doch daß du, williger zu Liebestaten,
Mir lösest die verglaste Tränenscheibe,
So wisse: wenn die Seele hat verraten,

Wie ich getan, jagt sie aus ihrem Leibe
Ein böser Geist, daß der drin herrschen lerne,
Solang dem Leib noch Lebenszeit verbleibe.

Sie aber platzt in diese Eiszisterne.
Und so weilt wohl des Schattens Leib noch droben,
Der dort durchwintert hinter mir, nicht ferne.

Du weißt es ja, du kommst doch grad von oben:
Herr Branca d'Oria ists, der hier zum Leiden
Vor Jahren in dies Eisloch ward geschoben.« -

»Herr Branca lebt,« sprach ich, »laß dich bescheiden.
Ich glaube wohl, du hast mich jetzt belogen.
Er ißt, trinkt, schläft und weiß sich noch zu kleiden.«

Er aber sprach: »Noch eh vom Brückenbogen,
Allwo die Grausetatzen sind zu schauen,
Herr Michel Zanche tief ins Pech geflogen,

War Brancas Leib schon in des Teufels Klauen,
Wie gleichfalls seiner Anverwandten Glieder,
Die ihm geholfen, den Verrat zu brauen.

Doch nun streck aus die Hand, um mir die Lider
Zu lösen.« - Aber taub blieb ich der Bitte:
Zum Schelm an ihm zu werden, schien mir bieder. -

O Genueser! Feinde jeder Sitte!
Zermalmte euch und alle eure Schande
Ein Strafgericht doch unter seinem Tritte.

Traf ich beim schlimmsten aus Romagnas Lande
Doch eurer einen, dem schon arges Handeln
Die Seele schlug in des Rozytus Bande,

Indes sein Leib noch droben scheint zu wandeln.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 34
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 34

Vexilla Regis prodeunt. Die Fahnen
Des Satans sinds. Um deutlich ihn zu sehen,
Späh scharf voran,« hört ich den Meister mahnen.

Gleichwie, wenn starke Nebel uns umwehen,
Oder der Tag hinstirbt im Abendgrauen,
Von fern Windmühlen aussehn, die sich drehen,

So schien sich mir ein Bauwerk aufzubauen.
Und hinterm Führer, mich vorm Wind zu decken,
Verbarg ich mich, da sonst kein Schutz zu schauen.

Schon war ich dort, mein Lied erzählte mit Schrecken,
Wo wir kristallisiert im Eise fanden
Die Schatten, wie im Glase Splitter stecken.

Die lagen flach, und senkrecht andere standen,
Kopfoben oder -unter. Mancher bückte
Sich krumm, daß Haupt und Füße sich verbanden.

Als unser Schritt sich dahin vorwärtsrückte,
meinem Meister es genehm, zu zeigen
Mir das Geschöpf, das ehemals Schönheit schmückte,

Ließ er mich vor sich treten, brach sein Schweigen
Und sprach: »Sieh hier den Dite, sieh die Stätte.
Nun sei ein Panzerkleid von Mut dir eigen!«

Wie da mir lähmend des Entsetzens Kette
Das Herz umschnürt: ein Bild davon zu geben,
O Leser, keine Sprache Worte hätte.

Ich war gestorben nicht und nicht am Leben.
Drum denk, falls dir nicht Einsicht ganz entweiche,
Den Zustand, zwischen beiden hinzuschweben.

Der Kaiser in dem wehevollen Reiche
Hob halberbrust sich aus der Gletscherfliese.
Und ich wohl eher einem Riesen gleiche,

Als daß nur seinem Arm gleichkäm ein Riese.
Nun denk dir, wie das Ganze unermeßlich,
Das solchem Teil entsprechend sich erwiese.

Wenn er so herrlich einst, wie nunmehr häßlich,
Und gegen seinen Schöpfer hob die Brauen,
Muß er wohl Quell von allem sein, was gräßlich.

Oh! wie sein Haupt mich staunen ließ vor Grauen,
Als ich da drei Gesichter sah entsprossen.
Eins vorn, und das war scharlachrot zu schauen.

Von den zwei andern, die daran sich schlössen
Und grad auf Schultermitte platzgenommen,
Wo sie in einem Kamm zusammenflossen,

Schien mir das rechte weißlichgelb verschwommen,
Das linke an die Farbe anzuklingen
Derer, die her vom untern Nilfluß kommen.

Darunter spannten sich sechs mächtige Schwingen,
passend dem Vogel hier im Eisgehäuse.
Nie sah durchs Meer ich solche Segel dringen.

Ganz federlos wie die der Fledermäuse
War ihre Form. Sie flatterten und gossen
Dreifacher Richtung aus ein Windgesäuse,

Wodurch mit Eis ganz der Kozyt verschlossen.
Sechs Augen weinten ihm, daß in sechs Strähnen
Zu dreien Rinnen Blut und Geifer flossen.

Je einen Sünder malmt er mit den Zähnen
Jedweden Mauls, als gält es, Flachs zu schleißen,
Daß er gleich dreien entpreßte Schmerzenstränen.

Der vordre achtete für nichts das Beißen,
Verglichen mit dem Kratzen; denn am Rücken
Ward oft das Fleisch ihm bloßgelegt beim Reißen.

»Der droben, den die größten Qualen drücken,
Ist Judas,« sprach der Meister. »In den Fängen
Steckt ihm der Kopf, und vor die Beine zücken.

Sieh von den andern zweien, die köpflings hängen,
Am schwarzen Maul sich Brutus windend drehen,
Und ohne daß sich Seufzer ihm enträngen,

Nebst Cassius, der so gliederstark zu sehen. -
Doch mahnend steigt die Nacht, jetzt umzukehren;
Drum, da wir alles sahen, laß uns gehen.«

Den Hals umschlang ich ihm auf sein Begehren,
Und Zeit und Ort abpassend, wo die breiten
Pelzflügel uns genügend Raum bescheren,

Hing er sich klammernd an die zottigen Seiten,
Um büschelweise zwischen rauhen Haaren
Und der gefrorenen Wand hinabzugleiten.

Doch als wir nun soweit hinunter waren,
Wo sich im Hüftgelenk die Schenkel drehen,
Konnt ich den Meister, den ganz atemsbaren,

Den Ort von Fuß und Haupt vertauschen sehen.
Ins Fell sich krallend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollt es wiederum zur Hölle gehen.

»Halte gut fest! denn nur auf solcher Leiter
Gelingts, daß man dem großen Weh entglitte,«
Sprach keuchend und ermüdet mein Begleiter.

Dann nahm er durch ein Felsloch seine Schritte
Und ließ mich oben auf dem Rande nieder.
Drauf trat er neben mich mit sichern: Tritte.

Aufblickend glaubt ich Luzifer so wieder
Zu sehn, wie Abschied ich von ihm genommen,
Und sah ihn aufwärtsstrecken jetzt die Glieder.

Und wenn ich da bestürzt war und beklommen,
Einfältige wunderts wohl, die nicht vermuten,
Welch Punkt es war, wo ich hindurchgekommen.

»Auf,« sprach der Meister, »auf, du mußt dich sputen!
Schlimm ist der Aufstieg, lang der Weg des Tales,
Auch fehlen an halbacht nur noch Minuten.«

Das war kein Estrich eines Fürstensaales.
wir standen in naturerbauten Klüften;
Holprig der Grund, bar jedes Sonnenstrahles.

»Bevor ich mich entringe diesen Grüften,«
Sprach ich aufstehend, »laß dich, Meister, bitten,
Mir eines Irrtums Schleier doch zu lüften.

Wo blieb das Eis? Und wie ist der geglitten
Kopfunter so? Und wie aus Westens Weiten
Ist schnell nach Ost die Sonne schon geschritten?«

Er sprach: »Du glaubst noch jenseit hinzuschreiten
Des Mittelpunkts, wo ich am Fell gehangen
Dem weltdurchbohrenden Wurm, hierher zu gleiten.

Jenseits warst du, als ich hinabgegangen.
Beim Umdrehn aber ward der Punkt durchschritten,
Wohin von je die Lasten alle drangen,

Und bist zum andern Halbkreis nun geglitten,
Dem rückwärts sich des Festlands Massen heben,
Auf dessen Berg der Mensch den Tod erlitten,

Der sündlos von Geburt war und im Leben.
Hier steht dein Fuß auf einem kleinen Runde,
Das Rückwand ist von der Judecca eben.

Hier ist schon Morgen, wenn dort Abendstunde.
Und der uns schuf die Leiter aus dem Felle,
Steckt fest noch immer wie zuvor im Grunde.

Vom Himmel fiel er diesseits her zur Stelle.
Und was an Land sich früher hier erhoben,
Barg sich vor ihm erschaudernd mit der Welle,

Ward dann zu eurer Sphäre durchgeschoben,
Und ließ, vielleicht ihm zu entfliehen, zur Stunde
Die Leere hier und türmte sich nach droben.« -

Dort unten ist ein Raum, so fern dem Schlunde
Des Belzebu, als breit sein Grab sich weitet,
wovon dem Blick nicht, doch dem Ohr giebt Kunde

Ein kleiner Bach, der dort herniedergleitet
In einer Schlucht, die er sich grub zum Bade
Gewundenen Laufs, der sänftlich abwärtsleitet.

Eintrat mit mir zu dem versteckten Pfade,
Zur Heimkehr in die Lichtwelt, mein Begleiter.
Und ohne daß ein Wunsch zur Rast uns lade,

Gings bergempor, er erster und ich zweiter,
Bis mir durch eine runde Kluft von ferne
Des Himmels Schönheit winkte hell und heiter.

Und hier beim Austritt sahen wir neu die Sterne.


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