Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 01
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 01

Des Allbewegers Herrlichkeit durchdringt
Das ganze Weltall, aber sie erglänzet
An einer Stelle mehr, als an der andren.

Im Himmel, dem von seinem Licht am meisten
Zuteil wird, war ich und ich schaute Dinge,
Die weder sagen kann, noch weiß, wer heimkehrt.

Denn, naht sich unser Geist dem letzten Ziele
Der Sehnsucht, so versinkt in solche Tief' er,
Daß das Gedächtnis ihm nicht folgen kann.

Doch, was an Schätzen aus dem heil'gen Reiche
Aufspeichern ich in der Erinnrung konnte,
Sei nun der Gegenstand von meinem Liede.

O gütiger Apollo, mach du mich
So zum Geräte für die letzte Arbeit,
Wir du verlangst zur werten Lobeerspende.

Der eine von den Gipfeln des Parnasses
Genügte mir bisher; nun muß mit beiden
Ich auf den Plan, der noch zurück ist, treten.

So zeuch denn ein in meine Brust und hauche,
Sowie du tatest, als den Marsyas
Du aus der Scheide seiner Glieder zogest!

O Himmelskraft, gewährst du dich so weit mir,
Daß des gebenedeiten Reiches Schatten,
Wie ihn mein Haupt bewahrt, ich offenbare,

So siehst du zu dem Baume der dir lieb ist
Mich kommen, mit dem Laub mich zu bekränzen,
Des du mich wert machst und der Gegenstand.

So selten wird davon gepflückt, o Vater,
Damit zu krönen Feldherrn oder Dichter
(Zur Schuld und Schande menschlicher Begierden),

Daß des Penéus Laub dem frohen Gotte
Von Delphi, wenn in jemand es Verlangen
Nach sich hervorruft, Lust bereiten sollte

Aus kleinem Funken lodert große Flamme;
Vielleicht, daß einst mit mehr befugter Stimme
Gebeten wird um Cirrha's günst'ge Antwort.

Aus manch verschiedner Mündung steigt die Leuchte
Der Welt den Sterblichen empor; jedoch
Aus keiner bess'ren Laufs und mit Gestirnen

Von höhrer Kraft verbunden, nie bereitet
Und siegelt sie so gut das Wachs der Welt,
Als wenn vier Kreisen sie drei Kreuze einet.

Fast hatte Morgen jene Mündung dort,
Und Abend hier gemacht; deshalb war jene
Halbkugel völlig hell, die unsre dunkel,

Als ich Beatrix nach der linken Seite
Gewendet sah und in die Sonne schauen;
Kein Adler schaute je so fest hinein.

Und wie ein zweiter aus dem ersten Strahle
Hervorzugehn und aufzusteigen pflegt,
Gleich wie ein Pilger, der sich wieder heimsehnt,

So folgte ihrem Tun, das durch die Augen
Sich mitgeteilt mir hatte, meines nach,
Und über Menschenbrauch blickt' ich zur Sonne.

In Kraft des Ortes, der geschaffen ward
Zum Eigentum der Menschheit, können dort
Die Sinne manches, was sie hier nicht können.

Nicht lang' ertrug ich's, aber doch so lange,
Daß ich rings um sie funkeln sah, wie wenn
Das Eisen siedend aus dem Feuer rinnet.

Und plötzlich schien ein zweiter Tag dem Tage
Hinzugefügt, als hätte, der es kann,
Mit einer Sonne mehr geschmückt den Himmel.

Es haftete nur an den ew'gen Rädern
Beatrix' Auge, und als ich die meinen,
Von oben abgekehrt, auf sie nur wandte,

Ward ich in ihren Anblick innerlich
Dem Glaukus ähnlich, der als er vom Kraute
Geprobt, Genosse ward der Meeresgötter.

»Die Menschheit überschreiten« ist durch Worte
Nicht auszudrücken, drum genüge jedem,
Dem Gnad' Erfahrung vorbehält, das Beispiel.

Ob ich nur das war, was du neu geschaffen,
Weißt du, o Liebe, die den Himmel lenket,
Da du mit deinem Lichte mich emporhobst.

Als mich das Kreisen, welches du durch Sehnsucht
Verewigst, durch die Harmonie, die du
Bestimmst und einteilst, zu sich hingewendet,

Schien durch der Sonne Flamme mir vom Himmel
So viel entbrannt zu sein, daß Überschwemmung
Und Regen nie so großen See gebildet.

So machten mich nach ihrem Grund begierig
Des Tones Neuheit und das große Licht,
Daß gleiche Wißbegier ich nie gekannt.

Doch sie, die mich verstand, so wie ich selber
Tat eh' zum Fragen ich den Mund geöffnet,
Den ihren, um mich zu befried'gen, auf,

Und sie begann: In deinem falschen Wahne
Betörst du selber dich: so daß du nicht siehst,
Was, würfest du ihn ab, du sehen würdest.

Nicht auf der Erde bist du wie du wähnest;
Nie fuhr ein Blitz, verlassend seine Stätte,
So schnell hinab, als du zu ihr hinauf eilst. -

Wenn mich die kurzen, unter süßem Lächeln
Gesprochnen, Worte von dem ersten Zweifel
Befreit, verstrickte nun ein zweiter mich.

Ich sagte: Schon werd' ich von großem Staunen
Beruhigt; doch, wie diese leichten Körper
Mein Körper überfliegt, bestaun' ich nun. -

Drauf richtet' unter mitleidsvollem Seufzer
Auf mich den Blick sie mit der Mutter Ausdruck,
Die ihres Kindes Fieberwahne zuschaut.

Und sie begann: Geordnet zueinander
Sind alle Dinge; dies Gesetz allein
Macht, daß das All der Welt Gott ähnlich ist.

Es sehn in ihm die hohen Kreaturen
Die Spur der höchsten Kraft, in der das Ziel liegt,
Zu welchem die gedachte Ordnung hinweist.

Es fügen ihr sich alle Wesen ein,
Die ihrem Ursprung, je nach ihrem Lose,
Mehr oder minder fern und nahe sind.

Drum schiffen in des Daseins großem Meere
Sie nach verschied'nen Häfen, und Naturtrieb
Ward jedem zugeteilt, daß er es leite.

Er ist es, der das Feuer mondwärts treibt,
Des Menschenherzens Regung kommt von ihm,
Er ist es, der den Erdball eint und festigt.

Und dieses Bogens Pfeile treffen
Nicht nur erkenntnislose Wesen, nein,
Auch die begabt mit Einsicht sind und Liebe.

Es gibt die Vorsehung, die dies geordnet,
Mit ihrem Licht dem Himmel ew'ge Ruhe,
In welchem, der am schnellsten eilt, sich drehet.

Jetzt aber trägt, wie zu beschlossenem Ziele
Dorthin uns jener Bogensehne Kraft,
Die was sie losschnellt lenkt zu frohem Ende.

Wohl ist es wahr, daß, wie des Künstlers Absicht
Die Form oft nicht entsprechen will, indem
Der Stoff, als wär' er taub, nicht Antwort gibt,

So das Geschöpf sich oft von dieser Bahn
Losmacht, da, trotz des Antriebs, es die Macht hat,
Sich auch nach andrer Seite hinzuwenden

(Wie ja zur Erde Feuer aus der Wolke
Man fallen sieht), sobald durch falsche Lüste
Zu Irdischem der erste Drang gelenkt wird.

Nun hast du, schließ' ich recht, nicht größren Anlaß
Zum Staunen, als wenn du von hohem Berge
Zum Tal hernieder fließen siehst den Bach.

Wär'st, frei vom Hemmnis, unten du geblieben,
So wäre das nicht minder zu verwundern,
Als blieb' am Boden haften frisches Feuer. -

Dann wandt' ihr Aug' aufs neue sie gen Himmel.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 02
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 02

Die hörbegierig ihr in kleinem Nachen
Bis hieher nachgefolgt seid meinem Schiffe,
Das mit Gesange seine Bahn durchmißt,

Kehrt nun zurück zu eurem Heimatsstrande,
Wagt nicht ins hohe Meer euch; denn ihr wäret,
Verlört ihr meine Spur, gar leicht verloren.

Nie ward das Meer beschifft, das ich befahre,
Mich führt Apoll, Minerva schwellt die Segel
Und die neun Musen zeigen mir die Bären.

Ihr wenigen jedoch, die ihr bei Zeiten
Den Hals gestreckt nach jenem Engelsbrote,
Das Nahrung hier, nie Sättigung gewährt,

Wohl dürft eu'r Schifflein in die hohe Meerflut
Ihr lenken, haltet ihr nur meine Furche,
Eh sich das Wasser wieder glättet, ein.

Die Ruhmgekrönten, die nach Kolchis fuhren,
Erstaunten minder, wie zum Pflüger Jason
Geworden war, als ihr erstaunen werdet. -

Uns trug der anerschaff'ne ew'ge Durst
Nach jenem Reich, das Gottes Stempel trägt,
So schnell fast als der Fixsternhimmel kreis't.

Beatrix sah nach oben, ich auf sie,
Und in der Zeit, in der ein Pfeil ans Ziel kommt
Und fliegt und von der Nuß sich losmacht,

Gelangt' ich dorthin wo ein wunderbares
Gesicht mein Auge auf sich zog; Sie aber,
Der nichts verborgen blieb, was in mir vorging,

Sie wandte sich zu mir so schön als freudig
Und sagte: Richte dankbar nun den Geist
Zu Gott, der uns dem ersten Stern vereint hat. -

Mir war es, als bedeck' uns eine Wolke,
Die licht und dicht war, fest und wie geglättet,
Daß Diamant im Sonnenstrahl sie schien.

Es nahm uns in sich selbst die ew'ge Perle
Nicht anders auf, als wie den Strahl des Lichtes
Das Wasser aufnimmt und in sich geeint bleibt.

War ich nun Körper, und ist's unbegreiflich,
Daß eine Räumlichkeit die andre zuließ,
Wie wenn ein Körper in den andren schlüpfte,

So sollten drum nur heißer wir verlangen
Die Wesenheit zu schauen, welche zeigt,
Wie Gott sich menschlicher Natur geeinigt.

Was hier wir glauben, das wird dort man schauen,
Nicht als erwiesen, nein als selbstverständlich,
So wie die erste Wahrheit, die wir glauben.

Andächtig, wie ich irgend nur zu sein weiß
(Sagt' ich darauf), o Herrin, dank' ich dem,
Der mich der Welt der Sterblichkeit entrückt hat.

Doch saget mir, was sind die dunklen Zeichen
An diesem Körper, die zu Kainsfabeln
Dort unten auf der Erde Anlaß geben? -

Nach kurzem Lächeln sprach sie: Daß die Meinung
Der Menschen da auf falschen Wegen geht,
Wo nicht aufschließen kann der Sinne Schlüssel,

Darf mit des Staunens Pfeil dich nicht mehr treffen,
Siehst du zu kurz die Flügel der Vernunft
Selbst da, wo ihr den Weg die Sinne weisen.

Doch sage mir, was deine Ansicht ist? -
Und ich: Was uns verschieden scheint hier oben,
Bewirkt, so glaub' ich, Lockerheit und Dichte. -

Und sie zu mir: Gewiß wirst du dein Wähnen
In Irrtum tief versunken sehn, vernimmst du,
Was ich dagegen dir entwickeln werde.

Es hat die achte Sphäre viele Lichter,
Die, als an Art verschieden wie an Größe
Erkennen muß, wer auf ihr Aussehn acht hat.

Wenn Lockerheit und Dichte das bewirkten,
So wäre eine Kraft in ihnen allen.
Verschieden nur verteilt nach mehr und minder.

Verschiedne Kräfte müssen unterschiedner
Urgründe Früchte sein; die aber wären
Nach deiner Meinung, bis auf einen, tot.

Und wäre Lockerheit der Grund des Dunkels,
Nach dem du fragst, so wäre ja entweder
Der Mond dort durch und durch so stofflos, oder

In seinem Umfang wechselten die Schichten
Von dicht und locker, so wie fett und mager
In eines Körpers Fleisch verteilt wir sehen.

Das erste würde, wär' es wahr, sich zeigen,
So oft die Sonne sich verfinstert, da ihr Licht
Durchscheinen müßte, wie durch andres Lock're.

Ist dem nun nicht, so ist nur noch das andre
Zu prüfen; wenn ich dann auch dies vernichte,
Wird deine Meinung sich als falsch ergeben.

Durchdringt das Lock're denn den Mond nicht ganz,
So muß ein Endpunkt sein, an dem das Dichte
Das Licht verhindert, weiter vorzudringen.

Dort aber müßte so der fremde Strahl
Abprallen, wie ein farbig Bild vom Glase,
Das hinten überkleidet ist mit Blei.

Nun sagst du wohl, es zeige sich um deshalb
Der Strahl dort dunkler als an andren Stellen,
Weil weiter rückwärts er gespiegelt werde;

Von diesem Einwurf kann, willst du sie machen,
Erfahrung dich befreien, die die Quelle
Von allen Bächen eurer Kunst zu sein pflegt.

Drei Spiegel nimm, entferne deren zweie
Gleich weit von dir, und lasse zwischen beiden
Den dritten ferner ab dein Auge treffen.

Laß hinter deinem Rücken, bist den Spiegeln
Du zugewandt, ein Licht aufstell'n, das alle
Erhell' und rückgestrahlt von allen werde.

Erreicht nun auch, des Bildes Größe nach,
Der fernre Spiegel nicht die beiden nähern,
So siehst du doch gleichmäßig alle glänzen.

Da, so wie von der Kraft der warmen Strahlen
Der Boden schneebefreit sich wieder bloßlegt,
Des Winters Farbe und den Frost verlierend,

Nunmehr dein Geist geworden ist, so will ich
Mit so lebend'gem Lichte dich erleuchten,
Daß du erbeben sollst bei dessen Anblick.

Im Himmel ew'gen Gottesfriedens dreht
Ein Körper sich, in dessen Kraft das Wesen
Vor allem dem beruht, was er enthält.

Der nächste Himmel mit den vielen Lichtern
Verteilt dies Wesen in verschiedne Gaben,
Von ihm verschieden und in ihm enthalten.

Die andren Kreis', in gar verschiedner Weise,
Verteilen ihrer Kräfte Unterschied
Je nach dem Zwecke und je nach dem Samen.

So ist der Gang von diesen Weltorganen,
Von Stufe, wie du nun erkennst, zu Stufe;
Von oben nehmen sie und wirken abwärts.

Nun achte wohl auf mich, wie zu der Wahrheit,
Die du begehrst, ich diesen Punkt durchschreite,
Damit allein du einst die Fuhrt nicht fehlest:

Die Kraft der hei'gen Kreis' und die Bewegung
Muß, wie die Kunst des Hammers von dem Schmiede,
Ausgehen von den seligen Bewegern.

Der Himmel, den so viele Lichter schmücken,
Nimmt von dem tiefen Geist, der ihn beweget,
Das Abbild in sich auf und wird sein Stempel.

Wie ihr die Seele sich in eurem Staube
In Gliedern mannigfacher Art und Zweckes
Auflösen sehet zu verschiednen Kräften,

So wird die Güte der Intelligenz,
Indem sie selbst um ihre Einheit kreiset,
Zur Vielfachheit in der Gestirne Wirkung.

Verschiedene Kraft tritt in verschiedner Mischung
Zum Himmelskörper, welchen sie belebt,
An ihn sich, wie an euch das Leben, bindend.

Aus der gemischten Kraft strahlt durch den Körper
Die freudige Natur, von der sie herstammt,
Wie aus lebend'gem Augenstern die Freude.

Das ist es, und nicht Lockerheit und Dichte,
Was einen Stern verschieden macht vom andren:
Ein wesentlich Prinzip, das Hell und Dunkel

Je nach dem Maße seiner Güt' erzeuget. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 03
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 03

Die Sonne, die mein Herz in Lieb' entflammte,
Sie hatte mir das Antlitz schöner Wahrheit
Beweisend und verwerfend nun enthüllet.

Um zu bekennen, daß ich überzeugt
Und meines Irrtums mir bewußt sei, hob ich
So weit zum Reden nötig war mein Haupt;

Doch ein Gesicht erschien mir, das mein Auge
So ganz gefangen hielt, daß mein Geständnis
Vergessen wurde und nicht ausgesprochen.

Gleich wie aus glattem und durchsicht'gem Glase,
Und wie aus klarem wellenlosem Wasser,
Das, weil es flach, den Boden nicht verbirgt,

Die Linien unsrer Züge so verschwimmend,
Daß eine Perl' auf weißer Stirne leichter
Das Auge unterscheidet, wiederkehren,

Sah ich Gesichter, die bereit zum Reden
Mir schienen, und ich irrte umgekehrt,
Als der in Liebe zu dem Quell entbrannte.

Denn kaum, daß wahrgenommen ich sie hatte,
Als ich, im Wahn, es seien Spiegelbilder,
Zu sehn von wem sie sei'n, das Auge wandte.

Als nichts ich sah, wandt' ich sie wieder vorwärts
Grad' in das Licht der süßen Führerin,
Die lächelnd in den heil'gen Augen glühte.

Sie sprach: Belächl' ich deinen knabenhaften
Gedanken, so verwundre das dich nicht,
Da noch dein Fuß, nicht sicher in der Wahrheit

Sich gründend, wie er pflegt, Abwege wandelt.
Wahrhafte Wesen, die hierher gebannt sind
Weil ihr Gelübde sie gebrochen, siehst du.

Drum sprich sie an, und glaube was sie sagen,
Denn das wahrhafte Licht, das sie befriedigt,
Erlaubt nicht, daß von ihm den Fuß sie wenden. -

Den Schatten, der, so schien es, das Gespräch
Am meisten wünschte, sprach ich an und sagte
Gleich einem, den zu großer Wunsch bedränget:

Zum Heil geschaffner Geist, der bei den Strahlen
Des ew'gen Lebens du die Süße fühlest,
Die ungekostet nie verstanden wird,

Als Gunst nähm' ich es auf, wenn euer Los
Und deinen Namen du mir künden wolltest. -
Bereit und frohen Blick's sprach dann der Schatten:

Gerechtem Wunsche schließet unsre Liebe
Die Pforte nimmer; denn sie gleicht der höchsten,
Die ihren ganzen Hof sich ähnlich sehen will.

Auf Erden war ich gottverlobte Jungfrau,
Und wenn du dein Gedächtnis recht befragest,
Kann mich vermehrte Schönheit Dir nicht bergen,

Und als Piccarda wirst du mich erkennen,
Die mit den andren Seligen hier selig
Ich in der langsamsten der Sphären bin.

Es fügen unsre, nur im Wohlgefallen
Des heil'gen Geist's entbrannte, Wünsche freudig
Der Ordnung sich, die er für sie verfügte.

Dies Los, das niedrig vor den andren scheint,
Ward uns, weil die Gelübde, die wir taten,
Versäumt wir und zum Teil gebrochen haben. -

Und ich: Es strahlt aus euren wunderbaren
Gesichtern solch besondrer Gottesglanz,
Daß er den alten Bildern euch entfremdet;

Darum war ich so säumig im Erinnern.
Nun aber, wo was du gesagt mir nachhilft,
Wird leichter mir, dich wieder zu erkennen.

Doch sage, die ihr selig hier euch fühlet,
Begehrt ihr nicht nach einer höhren Stelle,
Um mehr zu schauen und werter Gott zu werden? -

Als mit den andren etwas sie gelächelt,
Gab sie mir Antwort mit solch frohem Ausdruck,
Als glühte sie im ersten Liebesfeuer:

O Bruder, Ruhe spendet unsrem Willen
Der Liebe Kraft, die uns nur was wir haben
Begehren läßt und nach nichts andrem dürsten.

Wenn wir verlangten höher aufzusteigen,
Wär' unser Wunsch nicht mit dem Willen dessen
In Einklang, welcher diesen Stern uns anwies;

Das aber kann nicht sein in diesen Kreisen.
Du siehst es ein, erwägst du, daß in Liebe
Hier alle sind, und die Natur der Liebe'

Denn wesentlich im Sein der Sel'gen ist es,
Daß in dem göttlichen ihr Wille bleibe:
Einträchtig ist drum unser aller Wille.

Wie wir verteilt in diesem Reich von Stufe
Zu Stufe sind, gefällt's dem ganze Reiche;
Denn aller Willen lenkt des Königs Wille.

Sein Will' ist unser Will', er ist das Meer
Zu welchem alles hinfließt, was er selber
Geschaffen und was die Natur gebildet. -

Da ward mir klar, daß, wenn auch gleichermaßen
Nicht allen träuft des höchsten Gutes Gnade,
Doch überall im Himmel Paradies ist.

Doch, wie man von der einen Speise wohl
Genüge hat, und noch begehrt der andren,
Um die man bittet, wenn man dankt für jene,

So tat auch ich in Worten und Gebärden,
Um von ihr zu erfahren, welches Linnen
Ihr Weberschiffchen unvollendet ließ.

Verdienste seltner Art und Lebensreinheit
Erhöhn ein Weib zu schön'rem Himmel, sprach sie,
Nach deren Weise drunten Kleid und Schleier

Man trägt, um mit dem Bräut'gam bis zum Tode
Zu weilen Tag und Nacht, der, was aus Liebe
Zu ihm gelobt ward, immerdar genehm heißt.

Ihr nachzufolgen floh ich jung an Jahren
Die Welt und hüllte mich in ihr Gewand,
Gelobend, ihrer Regel nachzuleben.

Doch raubten Menschen mich dem süßen Kloster,
Die Böses mehr zu tun als Gutes pflegen,
Und wie seitdem mein Leben war, weiß Gott.

Was so von mir ich sage, will der Lichtglanz,
Den du zu meiner Rechten in der Fülle
Des Lichtes unsrer Sphär' entbrennen siehst,

Gleichmäßig auch von sich verstanden wissen:
Auch sie war Schwester, und vom Haupte ward
Auch ihr geraubt der heil'gen Binde Schatten.

Doch, ward der Welt sie gegen ihren Willen
Und gute Sitte wieder zugewendet,
So legte nie sie ab des Herzens Schleier.

Constanza strahlt aus diesem Licht, die große,
Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenlande
Den dritten zeugte, ihrer Herrschaft letzten. -

So sprach sie; dann begann sie singend: »Ave
Maria«, und indem sie sang verschwand sie,
So wie der Stein, der sinkt in trübem Wasser.

So lang es möglich war, folgt' ihr mein Auge;
Doch, als es sie verloren hatte, kehrt' es
Zurück zum Ziel des größeren Verlangens

Und wandte ganz sich Beatrice zu.
Sie aber strahlte so mit Blitzeshelle,
Daß es mein Auge anfangs nicht ertrug;

Weshalb zu fragen ich ein wenig säumte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 04
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 04

Bevor ein freier Mann von zweien Speisen,
Die ihm gleich nah sind und gleich sehr ihn reizen,
Zum Mund die eine führte, stürb' er Hungers.

So stünd' ein Lamm auch zwischen zweien Wölfen
Blutdürst'ger Gier, in gleicher Furcht vor beiden;
Also ein Hund inmitten zweier Hirsche.

Drum, wenn von meinen Zweifeln gleicherweise
Bedrängt, ich schwieg; will ich mich weder loben,
Noch tadeln; tat ich doch so, weil ich mußte.

Und wenn ich schwieg, so stand mir im Gesichte
Mein Wunsch geschrieben, und mit ihm die Bitte
Viel dringender als in gesprochnen Worten.

Wie Daniel Nebucad Nezar tat,
Den Zorn, der ungerechterweis' ihn grausam
Gemacht, besänftigend, so tat Beatrix.

Sie sprach: Wohl seh' ich, wie dich so der eine
Und andre Wunsch ergriff, daß dein Verlangen,
Sich selber fesselnd, nicht nach außen durchdringt.

Du folgerst also: Wenn der gute Wille
Nur bleibt, mit welchem Recht kann dann die fremde
Gewalttat des Verdienstes Maß mir mindern?

Und ferner bietet dir zum Zweifel Anlaß,
Daß, folgen Plato's Meinung wir, die Seelen
Zurückzukehren zu den Sternen scheinen.

Das sind die Fragen, die auf deinem Willen
Gleichmäßig lasten, und zuerst will ich
Die lösen, die am meisten Galle birgt.

Der Seraph, der in Gott am tiefsten schaute,
Auch Moses, Samuel und wen von beiden
Johannes' du auch wählst, ja selbst Maria,

Es sind in keinem andren Himmel ihnen
Die Sitze zugeteilt, als diesen Geistern,
Auch hat ihr Sein nicht mehr, noch minder Jahre;

Nein, alle schmücken sie den ersten Himmel.
An Seligkeit verschieden sind sie darin,
Daß Gottes Hauch sie mehr und minder spüren.

Hier zeigten sie sich, nicht weil diese Sphäre
Für sie bestimmt ist; als die niedrigste,
Ist Sinnbild sie für ihres Schauens Umfang.

Zu solchem Ausdruck nötigt eu'r Verständnis,
Das von den Sinnen erst empfangen muß,
Was sich das Denken dann zueignen soll.

Darum läßt sich zu eurer Fähigkeit
Die heil'ge Schrift herab, wenn Gott sie Füße
Und Hände beilegt, und es anders meinet.

So stellt euch Michael und Gabriel
Gleich dem, der Heilung dem Tobias brachte,
In menschlicher Gestalt die Kirche dar.

Doch, was Timaeus von den Seelen aussagt,
Ist dem nicht ähnlich, was du hier gesehn hast,
Wenn er es so meint, wie er scheint zu sagen.

Er sagt: zurück zu ihrem Sterne kehre
Die Seel', als hätte sie Natur von dort
Entlehnt, als eines Leibes Form sie wurde.

Doch kann es sein, daß anders seine Meinung
Als wie die Worte lauten ist, so daß
Sie, recht verstanden, keinen Spott verdienet.

Meint er, der Ruhm für ihren Einfluß falle,
So wie der Tadel, heim an diese Räder,
So trifft vielleicht sein Bogen etwas Wahrheit.

Dies falsch verstandene Prinzip verführte
Beinah die ganze Welt einst; Jupiter,
Mars und Merkur als Götter anzurufen.

Der andre Zweifel, welcher dich bedränget,
Ist minder giftig; denn durch seine Bosheit
Kannst abgewandt von mir du nimmer werden.

Scheint ungerecht den Menschenaugen unsre
Gerechtigkeit, so liegt darin ein Zeichen
Des Glaubens und nicht ketzerischer Tücke.

Weil aber eure Fassungskraft gar wohl
Vermag, in diese Wahrheit einzudringen,
Will deinen Wünschen ich Genüge leisten:

Liegt dann nur Zwang vor, wenn, der ihn erduldet,
In nichts dem nachgibt, der Gewalt ihm antut,
So handelten nicht schuldlos diese Seelen.

Der Wille, der nicht will, ist unbezwingbar,
So wie naturgemäß das Feuer aufflammt,
Ob Zwang auch tausendmal es niederbeuge.

Doch, gibt er nach, sei's minder oder mehr,
So leistet Folg' er der Gewalt, wie diese
Als Wiederkehr zum Kloster ihnen freistand.

Wär' ungebeugt ihr Wille fest geblieben,
Gleich dem, der auf dem Rost Laurentius festhielt,
Und Mucius gegen seine Hand verhärtet,

So hätten sie den Weg, den man sie schleppte,
Zurückgetan, sobald sie frei geworden;
Doch wunderselten ist so fester Wille.

Hast diese Worte, du, so wie du solltest
Dir angeeignet, so zerfällt der Einwand,
Der sonst noch öfter dich belästigt hätte.

Jetzt aber tut vor deinen Augen sich
Ein andres Hemmnis auf, und du erlahmtest,
Bevor aus eigner Kraft du dies bezwängest:

Als Wahrheit hab' ich fest dir eingeprägt,
Daß nie ein sel'ger Geist vermag zu lügen,
Weil stets er bei der ersten Wahrheit ist.

Und doch vernahmst du von Piccarda, daß
Constanza's Liebe stets dem Schleier blieb,
Weshalb es scheint, daß sie mir widerspreche.

O Bruder, um Gefahren zu entrinnen,
Tat wider seinen Willen schon so mancher,
Was er verpflichtet war zu unterlassen.

So tötete auf seines Vaters Bitte
Alkmäon seine Mutter, und verletzte
Die Kindespflicht der Kindespflicht zu Liebe.

Erkenne nun, daß sich in solchem Zustand
Gewalt und Wille mischen, und deshalb
Die Übeltaten nicht entschuldbar sind.

Nicht stimmt der Will' an sich dem Unrecht bei,
Doch tut er es insofern, als er fürchtet
Noch größrem Leid durch Weigern zu verfallen.

Deshalb gilt, was Piccarda sagt, vom Willen
An sich, und meine Rede vom bedingten,
So daß wir bei der Wahrheit beide blieben.

So lautete des heil'gen Baches Wallen,
Der aus der Quelle jeder Wahrheit strömte,
Und also ward mein Doppelwunsch befriedigt.

Drauf ich: o Göttliche, der ersten Liebe
Geliebte, so erwärmt und überströmt mich
Eu'r Wort, daß es mich mehr und mehr belebet.

Nicht tief genug ist mein Gefühl, um würdig
Durch Danken eurer Gabe zu entsprechen;
Entspreche der denn, der da schaut und kann.

Wohl seh' ich unser Geist wird nie gesättigt,
Solange nicht die Wahrheit, außer der
Sich keine Wahrheit findet, ihn erleuchtet.

Er ruht in ihr, so wie das Wild im Lager,
Sobald er sie erfaßt hat, und das kann er,
Sonst wär' erfolglos jegliches Verlangen.

Am Fuß der Wahrheit keimet, wie ein Schößling
Der Zweifel, und so fördert die Natur
Von Hügel uns zu Hügel bis zum höchsten.

Das ist es, was mich antreibt, und mir Mut gibt,
Um eine andre, mir noch dunkle, Wahrheit,
O Herrin, ehrerbietig euch zu fragen:

Zu wissen wünsch' ich, ob für unerfüllte
Gelübde so der Mensch durch andre Werke
Genügen kann, daß eurer Wag' es ausreicht? -

Vom Liebesfeuer so vergöttlicht blickten
Mich da die Augen Beatrice's an,
Daß meine Kraft, besiegt, zur Flucht sich wandte

Und fast bewußtlos ich die Blicke senkte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 05
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 05

Wenn heller ich, als man auf Erden sieht,
Dir flamme in der Gut der heil'gen Liebe,
So daß ich deiner Augen Kraft besiege,

So wundre dich nicht; nur dein tiefres Schauen
Ist dessen Grund, und, so wie es erfaßte,
So schreitet im erfaßten Gut es vorwärts.

Ich sehe wohl, wie schon in deinem Geiste
Der Strahl des ew'gen Lichts zu glänzen anfängt,
Das, nur gesehn, auf ewig Lieb' entzündet.

Was immer eure Liebe sonst verführt,
Es lockt euch, weil auch darin eine Spur,
Obwohl verkannt, von jenem Lichte schimmert.

Du wünschst zu wissen, ob für unerfüllte
Gelübde man so viel durch andere Dienste
Erstatten kann, daß sicher sei die Seele. -

Dies war der Anfang, den Beatrix diesem
Gesange gab, und wie, wer seine Rede
Nicht trennt, gab sie ihm also heil'gen Fortgang:

Die größte Gabe, welche bei der Schöpfung
Aus Gnaden Gott verlieh, die seiner Güte
Zumeist entspricht, die er am höchsten hält,

Des Willens Freiheit war's mit welcher alle
Vernunftbegabte Wesen, und nur sie,
So wohl begnadigt waren, als noch sind.

Erwägst du dies, so wirst du des Gelübdes
Erhabnen Wert erkennen, ist der Art es,
Daß, willigst du ein, Gott zugleich einwilligt.

Sobald als den Vertrag der Mensch mit Gott schließt,
So opfert er den Schatz solch hohen Wertes
Als ich gesagt, und zwar durch dessen Tat.

Was kann man also zum Ersatze bieten?
Willst du, was du geopfert, gut verwenden,
So willst du mit Geraubtem Gutes tun.

Klar ist dir nun der wichtigste der Punkte;
Doch weil Dispens erteilt die heil'ge Kirche
(Was dem zuwider scheint, was ich dir sagte),

Mußt du ein wenig noch bei Tische weilen;
Denn, weil die Speise, die du nahmst, so schwer ist,
Bedarfst der Hilfe du sie zu verdauen.

Eröffne denn den Geist dem was ich künde
Und halt' es fest darin; denn wenig fruchtet,
Wenn man es nicht behält, gehört zu haben.

Zu dieses Opfers Wesen sind zwei Dinge
Gehörig: eines ist der Gegenstand,
Die Übereinkunft aber ist das andre.

Die letzte ist nicht anders zu beseit'gen
Als durch Erfüllung, und auf sie bezog sich
Was so entschieden oben ich dir sagte.

Drum war das Opfern nur die Pflicht der Juden,
Wenn auch im einzelnen die Opfergabe,
Wie dir bekannt ist, manchesmal vertauscht ward.

Das andre, was ich Gegenstand dir nannte,
Kann füglich so sein, daß mit etwas andrem
Vertauscht es ohne Fehltritt werden kann.

Doch soll die Bürde seiner Schultern niemand
Aus eigener Willkühr, wenn die beiden Schlüssel,
Der weiß' und gelbe, sich nicht drehten, tauschen.

Und jeden Tausch soll er für Täuschung halten,
Wo das Erlass'ne nicht im Übernommnen
Enthalten ist, wie in der Sechs die Viere.

Drum, ist so schwer nach ihrem Wert die Sache,
Daß stets sie niederzieht der Wage Schale,
So kann durch andres nimmer man erstatten.

Nicht soll'n die Menschen mit Gelübden spielen.
Was ihr gelobt, das haltet; doch gelobt nicht
Blindhin, wie Jephta bei dem ersten Opfer.

Ihm ziemte mehr, zu sagen: übel tat ich,
Als durch Worthalten Schlimmeres zu tun.
Gleich töricht war der große Griechenführer,

Als Iphigenien er ihr schönes Antlitz
Beweinen ließ und mit ihr Weis' und Toren,
Die je von solchem Götterdienst vernommen.

O Christen, was ihr tut, das tut besonnen!
Seid nicht der Feder gleich in jedem Winde,
Und wähnet nicht, Euch wasche jedes Wasser.

Ihr habt das alt' und neue Testament,
Sowie den Kirchenhirten, der euch leitet;
Genügen kann euch das zu eurem Heile.

Wenn üble Leidenschaft euch andres zuruft,
So seiet Menschen, nicht sinnlose Tiere,
Daß euch der Jude unter euch nicht höhne.

Gleicht nicht dem Lamme, das die Milch der Mutter
Verläßt, und voller Einfalt übermütig
Nach eigner Lust mutwillig sich umhertreibt! -

So wie ich schreibe, sprach zu mir Beatrix;
Dann wandte sie sich voll Verlangen dorthin,
Wo Leben mehr als sonstwo hat die Welt.

Ihr Schweigen, wie der Wechsel ihres Ausdrucks
Gebot dem wißbegier'gen Geiste Schweigen,
Der neue Fragen schon in Vorrat hatte.

Und wie ein Pfeil, der in das Ziel hineinschnellt,
Bevor die Sehne ruhig noch geworden,
So flogen wir dem zweiten Reiche zu.

So freudestrahlend sah ich meine Herrin,
Als dieses Himmelslicht sie in sich aufnahm,
Daß heller der Planet darob erglänzte.

Und wandelte sich das Gestirn in Lächeln,
Wie mußte mir erst sein, der von Natur
So wandelbar ich bin nach jeder Richtung!

Wie man die Fische wohl im klaren Weiher
Zuschießen sieht auf was von außen kommt,
Wenn sie zum Futter es für tauglich halten,

So sah auf uns ich mehr als tausend Lichter
Zueilen, und es tönt' aus einem jeden:
Dort kommt, der einst wird unser Lieben mehren. -

Und jede Seele, wie sie sich uns nahte,
Bekundete die Fülle ihrer Freude
Im hellen Lichtblitz, welcher von ihr ausging.

Denkst Leser du, welch peinliches Begehren
Mehr zu vernehmen du empfändest, bräch' ich
Hier plötzlich ab was ich begonnen habe,

So wirst du selbst erkennen, welch Verlangen
Ich zu erfahren trug, wer diese seien,
Seit offenbar sie meinem Blick geworden.

O du zum Heil Geborner, welchem Gnade,
Zu schauen die Throne ewigen Triumphes
Verstattet, während du noch Streiter bist!

Vom Lichte, das den Himmel ganz durchdringt,
Sind wir entbrannt; drum, wünschst du über uns
Belehrung, so soll Sättigung dir werden. -

So sprach zu mir von jenen frommen Geistern
Der eine, und Beatrix sagte: Rede
Vertrauensvoll, und glaube so wie Göttern. -

Ich sehe wohl, wie in dem eignen Lichte
Du nistest, und es ausstrahlst aus den Augen,
So daß sie hell aufleuchten, wenn du lächelst;

Doch weiß ich, wer du sei'st nicht, und warum
Du, würdge Seele, des Planeten Stufe,
Den fremder Strahl für uns verschleiert, einnimmst. -

So sprach ich, zu dem Lichte hingewendet,
Das erst mich ansprach, und es ward darob
Noch leuchtender, als es bisher gewesen.

So wie die Sonne sich durch Übermaß
Des Lichtes selbst verbirgt, sobald die Wärme
Der dichten Dünste Mildrung aufgesogen,

So barg sich mir durch höhre Freudigkeit
Die heilige Gestalt in ihren Strahlen,
Und was sie, so verhüllet, mir erwidert,

Das wird der nächste der Gesänge singen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 06
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 06

Seit Constantin des Adlers Flug, entgegen
Dem Himmelslauf, gewandt, dem mit dem Ahn er
Gefolgt war, der Lavinien freite, hatte

Der Vogel Gottes schon am fernen Ende
Europa's nah dem Berg von dem er ausging,
Mehr als zweihundert Jahr geweilt, auch war

Im Schatten seines heiligen Gefieders
Das Regiment der Welt von Hand zu Hand
Gegangen, als es in die meine kam.

Ich bin Justinian und war ein Cäsar;
Der ersten Liebe, die ich fühle, folgend
Schied aus dem Recht' ich was zuviel und nichtig.

Bevor ich mich zum großen Werk gewendet,
Vermeinte ich, in Christo sei nur eine
Natur, und mir genügte solcher Glaube.

Allein es führte mich durch seine Worte
Zum wahren Glauben Agapet zurück,
Der Oberhirte, den ich benedeie.

Ich glaubte ihm, und seines Glaubens Inhalt
Seh' ich so klar nun, wie in Widersprüchen
Du siehst, daß eins wahr, das andre falsch sei.

Sobald mein Fuß den Weg der Kirche ging
Gefiel's in Gnaden Gott, die hohe Arbeit
Mir einzugeben, der ich ganz mich weihte.

Die Waffen ließ ich meinem Belisar,
Und also war mit ihm des Himmels Rechte,
Daß mir's ein Zeichen war, mich zu enthalten.

Empfangen hast auf deine erste Frage
Du nun die Antwort; doch ihr Gegenstand
Verlangt, daß einen Zusatz ich dir gebe.

Damit du könnest sehn, mit welchem Rechte
Entgegen streben dem hochheil'gen Zeichen
Die sich's anmaßen und die es bekämpfen,

Sieh, welche Wunderkraft der Ehr' es würdig
Gemacht von jener ersten Stunde an,
Wo Pallas starb, um ihm das Reich zu lassen.

Du weißt es, daß dreihundert Jahr und länger
Der Adler seinen Horst in Alba hatte,
Bis mit den Drei'n um ihn die Dreie kämpften;

Weißt, was vom Leide der Sabinerinnen
Er tat bis zu Lucretiens Schmerz, besiegend
Die Nachbarvölker unter sieben Kön'gen.

Du weißt, was, von den hochverdienten Römern
Getragen, gegen Brennus er und Pyrrhus
Geleistet und viel Fürsten noch und Städte.

Da ward der Ruhm, der mich erfreut, dem Quinctius
Den man vom ungepflegten Haar benennt,
Zuteil, den Deciern, Fabiern und Torquatus.

Er bändigte den Hochmut der Araber,
Die das Gebirg, von dem der Po herabströmt,
In Hannibals Gefolge überstiegen.

Pompejus triumphierte unter ihm
Noch jung, und Scipio, und verderblich ward er
Dem Berg', an dessen Fuße du das Licht sahst.

Als nahe dann die Zeit war, wo der Himmel
Sein heitres Friedensbild der Welt gewährte,
Ergriff ihn Cäsar nach dem Willen Roma's.

Was er getan vom Var bis hin zum Rheine,
Das sahn Isère, Aire sowie Seine
Und jedes Tal von dem der Rhodan anschwillt.

Was von Ravenna dann den Rubicon
Er überschreitend tat, ist solchen Fluges,
Daß Zung' und Feder nimmer folgen kann.

Nach Spanien wandt' er seine Kriegerschar,
Dann nach Durazzo, und Pharsalien traf er
So, daß den Schmerz am heißen Nil man fühlte,

Den Simois sah er, sah Antandros wieder,
Wo Hektor ruht, von wo er selber ausging,
Und flog zu Ptolemäus' Unheil weiter.

Dann schloß er blitzesgleich herab auf Juba,
Und wandte sich demnächst nach eurem Westen,
Wo die Pompejische Drommete rief.

Was mit dem nächsten Bannerherrn er tat,
Bellt Brutus in der Hölle noch und Cassius,
Und Modena beweint es gleich Perugia.

Auch weint Kleopatra in herber Trauer,
Weil, vor ihm fliehend, sie den jähen Tod
Sich durch der Schlange gift'gen Biß bereitet.

Mit diesem eilt' er bis zum Roten Meere,
Mit diesem gab der Welt er solchen Frieden,
Daß zugeschlossen ward des Janus Tempel.

Doch alles, was das Zeichen, das ich meine,
Im Reich der Sterblichkeit, das er regiert,
Getan, und was zu tun ihm ferner oblag,

Das muß, schaut in der Hand des dritten Cäsar
Man hellen Aug's und reinen Sinn's es an,
Gering und dunkel im Vergleich erscheinen;

Denn, die mir, was ich sage eingibt, Gottes
Gerechtigkeit, gewährt in dessen Händen
Den hohen Ruhm ihm, seinen Zorn zu rächen.

Nun staune, was ich daran weiter knüpfe:
Mit Titus eilte dann der Adler, Rache
Zu nehmen für der alten Sünden Rache.

Denn schützte siegend unter seinen Flügeln
Der große Karl die heil'ge Kirche, als
Der Zahn der Longobarden sie verletzte.

Urteilen kannst du über jene nun,
Die ich vorhin verklagt und ihre Sünden,
Die Ursach sind an allen euren Übeln.

Entgegen stellt dem allgemeinen Zeichen
Die gelben Lilien der, den andren ist es
Parteisymbol. Wer sagt, wer schlimmer fehle?

Wählt, Ghibellinen, euch für eure Künste
Ein ander Zeichen; nimmer ziemt sich dieses
Für den, der von Gerechtigkeit es scheidet.

Und dieser neue Karl mit seinen Guelfen,
Er soll's nicht stürzen, nein, die Fänge fürchten,
Die höh'ren Löwen schon des Fell's beraubten.

Es weinten um der Väter Schuld die Kinder
Schon manchmal, und man glaube nicht, daß Gott
Sein Wappenschild für diese Lilien tauschet.

Es sammeln sich auf diesem kleinen Sterne
Die guten Geister, welche tätig waren,
Um Ehre sich und Nachruhm zu erwerben.

Doch wenn abirrend dorthin sich die Wünsche
Begehrend richten, müssen wohl die Flammen
Der wahren Liebe matter aufwärts zielen.

Mit dem Verdienste unsren Lohn zu messen
Ist Teil von unsrer Freude, denn wir sehen,
Daß kleiner er so wenig ist, als größer.

Darum versüßet in uns die lebend'ge
Gerechtigkeit so das Verlangen, daß es
Zu keinem Argen je sich wenden kann.

Mehrstimmiger Gesang tönt drunten süßer;
So folgt der süße Wohlklang dieser Räder
Aus der Verschiedenheit von unsren Sitzen.

In dieser Perle strahlt das Licht Romeo's,
Dem seine Tat, so groß sie war und schön,
Vergolten ward mit üblem Dankeslohne.

Allein die Provençalen, die so feindlich
Ihm waren, lachten nicht; denn übel wandelt
Wer fremde Guttat sich zum Schaden rechnet.

Vier Töchter hatte Raimund Berengar,
Und Königin ward jede; das verdankt' er
Romeo, dem bescheidnen fremden Manne.

Und dann bewogen ihn scheelsücht'ge Worte,
Von jenem Wackren Rechenschaft zu fordern,
Der ihm statt Zehen, Fünf und Sieben aufwies.

Von hinnen ging er arm und alt an Jahren.
Wohl preist die Welt ihn; aber wenn sie wüßte,
Mit welchem Herzen stückweis er sein Brot sich

Erbettelt, würde sie noch mehr ihn preisen. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 07
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 07

Bewähre Heil, o du Herr Zebaoth,
Den sel'gen Flammen dieser Königreiche,
Indem du sie bestrahlst mit deiner Klarheit! -

So hört' ich, sich bei seinem Liede wendend,
Den sel'gen Geist, in dem zwiefaches Licht
Entbrannt, das Aug' auf mich gerichtet, singen.

Dann dreht 'er mit den andren sich zum Tanze,
Und, überschnellen Funken gleich, verbargen
Sie sich vor mir durch plötzliche Entfernung.

Ich schwankte noch und: sage ihr's, ja sag' ihr's,
Sagt' ich bei mir, der teuren Herrin sag' es,
Die deinen Durst dir löscht mit süßem Taue;

Doch jene Ehrfurcht, die mich ganz bemeistert,
Sobald ich B und ICE nur vernehme,
Ließ mich das Haupt, gleich dem, der einschläft, senken.

Nicht lange ließ sie mich in solchem Zustand,
Dann strahlte sie mich an mit einem Lächeln,
Das selig selbst im Feuer macht' und sprach:

Nach meinem Dünken, das sich nimmer täuschet,
Macht dir Bedenken, wie gerechter Rache
Gerechte Rache folgen könn' als Strafe.

Doch werd' ich bald dir deine Zweifel lösen,
Und du merk' auf, denn meine Worte werden
Dir großen Richterspruch vor Augen stellen.

Der niegeborne Mensch, weil seines Willens
Heilsamen Zügel er nicht tragen wollte,
Verdammte mit sich allen seinen Samen.

Drum lag das menschliche Geschlecht dort unten
Viel hundert Jahre krank in großem Irrtum,
Bis Gottes Wort zur Erde niederstieg,

Wo die Natur, die sich von ihrem Schöpfer
Entfremdet hatte, Er mit Sich persönlich
Durch seiner ew'gen Liebe Tat vereinte.

Nun richte deinen Blick auf meine Rede:
Es war, geeint mit ihrem Schöpfer, jene
Natur, wie sie geschaffen wurde, rein und gut.

Sie selber hat sich aus dem Paradiese
Vertrieben, weil sie sich vom Weg der Wahrheit
Und ihrem eignen Leben abgewendet.

Der angenommenen Natur nach wurde
Gerecht're Strafe nimmer denn verhängt,
Als jene, die gebüßet ward am Kreuze.

Und doch war keine je so ungerecht,
Erwägt man die Person, die sie erduldet
Und sich mit menschlicher Natur bekleidet.

Aus einer Tat entsprang verschiedne Wirkung:
Gott und die Juden wollten einen Tod,
Den Himmel schloß er auf, die Erd' erbebt' ihm.

Nun kann dir nicht mehr unbegreiflich scheinen,
Wenn dir gesagt ward, daß gerechte Rache
Dann von gerechtem Richterhof gerächt ward.

Doch seh ich deinen Geist, von dem zu jenem
Gedanken, nun verstrickt in einen Knoten,
Den sehnlich er gelöst zu sehn erwartet.

Du sagest, wohl versteh' ich, was ich höre;
Doch warum Gott nur diese Weise wählte
Uns zu erlösen, das bleibt mir verborgen.

Begraben bleibt, o Bruder, dieser Ratschluß
Für jeden, dessen Geist nicht in der Flamme
Der Lieb' herangewachsen ist zur Reife;

Doch weil so viel nach diesem Ziel man ausschaut
Und wenig es erkennt, will ich dir sagen,
Warum das würdigste der Mittel dies war.

Die Güte Gottes, die jedwede Mißgunst
Von sich zurückweist, sprühet solche Funken,
Daß Sie die ew'ge Schönheit offenbar macht.

Was unvermittelt niederträuft von ihr,
Hat nie ein Ende, weil wenn sie gesiegelt,
Der Abdruck keinem Wandel unterliegt.

Was unvermittelt von ihr niederregnet,
Ist völlig frei, denn nimmer unterliegt es
Geschaffner Dinge wandelbarem Einfluß.

Was ihr am meisten gleicht, ist ihr das Liebste;
Denn die das All bestrahlt, die heil'ge Glut,
Ist in dem Ähnlichsten am meisten wirksam.

Geschmückt mit jedem Vorzug ward
Die menschliche Natur, und fehlt ihr einer,
So muß von ihrer Würde sie verlieren.

Die Sünde ist's, die ihr die Freiheit raubt
Und sie unähnlich macht dem höchsten Gute,
Weshalb sein Licht nur wenig sie erleuchtet.

Und nie gewinnt sie wieder ihre Würde,
Fällt nicht die Lücke, die die Schuld geschlagen,
Trotz böser Lust, gerechte Strafe aus.

Von diesen Würden, wie vom Paradiese,
Ward ausgeschlossen, als sie sündigte,
Die menschliche Natur in ihrer Ganzheit.

Und einsehn mußt du, wenn du sorgsam spähest,
Daß sie sich wieder nicht erwerben ließen,
Ward eine dieser Furten nicht durchschritten:

Entweder mußte Gott aus seiner Gnade
Vergeben, oder aus sich selber mußte
Der Mensch Genüge tun für seine Torheit.

Nun hefte in den Abgrund ewigen
Beschlusses deinen Blick soviel dir möglich
Und folg' in engem Anschluß meiner Rede!

Es konnte nie der Mensch in seinen Schranken
Genüge tun, weil nimmer er in Demut
Soweit gehorsam niedersteigen konnte,

Als er emporgestrebt in Ungehorsam.
Und darin liegt der Grund, warum der Mensch
Von sich aus zu genügen nicht vermochte.

So mußte Gott denn zum vollkommnen Leben
Zurück die Menschen seine Wege führen,
Der Wege einen sag' ich, oder beide.

Doch weil das Werk um so viel werter ist,
Je reichlicher es von des Herzens Güte,
Aus welchem es hervorging, Zeugnis beut,

Gefiel's der Güte Gottes, die im All
Sich ausprägt, um euch wieder zu erheben,
Auf allen ihren Wegen vorzuschreiten.

Vom ersten Morgen bis zum letzten Abend,
Sah man so großen und erhabnen Vorgang
Auf jener Wege keinem, sieht ihn nimmer.

Freigebiger, als hätt' er nur verziehen,
War Gott, als er sich opferte, damit
Der Mensch sich zu erheben Kraft gewinne.

Und der Gerechtigkeit genügte keiner
Von allen Wegen, hätte Gottes Sohn
Sich nicht so weit erniedrigt, Fleisch zu werden.

Doch um dir jeden Wunsch nun zu erfüllen,
Kehr' ich zurück, dir einzelnes zu deuten,
Damit so klar du schauest, wie ich schaue.

Du sagst, ich sehe Wasser, sehe Feuer
Und Luft und Erd' und alle ihre Mischung
Zugrunde gehn und kurze Zeit nur dauern,

Und diese Dinge sind doch auch geschaffen;
Drum müßten sie, wenn wahr ist was ich sagte,
Gesichert alle vor Verderbnis sein.

Die Engel, Bruder, und das lautre Land
In dem du weilest sind, so wie sie noch sind,
In ihrer vollen Wesenheit geschaffen.

Die Elemente aber, die du nanntest
Und was daraus gebildet wird, Gestaltung
Erhält es durch geschaffne Kräfte nur.

Erschaffen ward der Stoff, den sie enthalten,
Erschaffen auch die Kraft in diesen Sternen,
Die Kreise um sie ziehn, sie zu gestalten.

Es ziehn aus Stoffen, die dazu sich schicken,
Der heil'gen Lichter Strahlen und Bewegung
Die Seele jedes Tieres und der Pflanzen.

Eu'r Leben aber strömet unvermittelt.
Die höchste Huld aus, und in solcher Liebe
Entflammt sie's, daß es stets nach ihr begehrt.

Auch eure Auferstehung kannst hieraus du
Entnehmen, überlegst du nur gehörig,
In welcher Art der Menschen Fleisch geformt ward,

Als Gott die ersten Eltern beide schuf. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 08
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 08

Es pflegte wahnbetört die Welt zu glauben,
Daß, sich im dritten Epizykel drehend,
Die schöne Göttin Cypern's Liebe strahle.

Drum taten ihr die alten Völker Ehre
Im alten Irrtum, nicht nur durch Gelübde
Und feierliche Opferdienste, an,

Nein, sie verehrten so Dionen, wie
Cupido: sie als Mutter, ihn als Sohn,
Der, sagten sie, geruht in Dido's Schoße.

Und diesen Stern, der, bald der Sonne folgend,
Bald ihr voraus, ihr nah bleibt, nannten sie
Nach ihr, mit welcher oben ich begonnen.

Nicht ward gewahr ich, daß zu ihm ich aufstieg;
Doch die vermehrte Schönheit meiner Herrin
Gab mir Gewißheit, daß ich in ihm sei.

Und wie man Funken in der Flamme wahrnimmt,
Wie Stimme man von Stimme unterscheidet,
Wenn die den Ton hält, jene auf- und absteigt,

So sah in diesem Licht ich andre Leuchten
Sich drehn mit größerer und mindrer Schnelle,
Wohl nach dem Maße ihrer ew'gen Einsicht.

Ein Windstoß fuhr aus kalter Wolke nimmer,
Ob sichtbar oder nicht, so rasch hernieder,
Daß der nicht langsam ihn und säumig fände,

Der mitgesehn, wie schnell die heil'gen Lichter
Den Tanz, der mit den hohen Seraphinen
Begonnen war, abbrechend, zu uns eilten.

Und »Hosianna!« tönt' aus deren Mitte,
Die wir zunächst sahn, uns so süß entgegen,
Daß stets seitdem ich's neuzuhören wünschte.

Dann kam das ein' uns näher und begann
Allein: Wir alle sind dir zu Gefallen
Bereit, damit du unsrer dich erfreuest.

Mit jenen Himmelsfürsten haben wir
Den Kreis, das Kreisen und den Durst gemeinsam,
Zu denen einst dort in der Welt du sagtest:

»Die ihr erkennend dreht den dritten Himmel.«
So lieberfüllt sind wir, daß dir zu Liebe
Nicht minder süß uns deucht, etwas zu ruhen. -

Nachdem mein Aug' in Ehrfurcht meiner Herrin
Sich dargeboten, und Befriedigung
Wie Zuversicht von ihr erhalten hatte,

Kehrt' ich zum Lichte, das so viel verheißen,
Mich um, und mit dem Ausdruck heißen Wunsches
In meiner Stimme sprach ich: Sag', wer seid ihr? -

Wie sah ich da vor neuer Freudigkeit,
Die zur bisher'gen als ich sprach hinzutrat,
Vergrößern sich dies Licht und heller leuchten.

So glänzend sprach es: Kurze Zeit besaß mich
Die Welt dort unten, aber manches Übel,
Das sein wird, wäre nicht, blieb ich am Leben.

Eb macht die Freudigkeit, die mich umstrahlet,
Mich dir unkenntlich und verbirgt mich dir,
Wie sich der Wurm in seine Seide einhüllt.

Du hast mich sehr geliebt und hattest Ursach;
Denn, starb ich nicht so bald, so zeigt' ich dir]
Von meiner Liebe mehr als nur die Blätter.

Das linke Ufer, das der Rhodan netzt,
Nachdem er mit der Sorgue sich vermischt hat,
Erwartete als seinen Herrn mich künftig.

Italiens Horn auch, das von wo der Tronto
Und Verde sich in's Meer ergießt, mit Bari
Gaeta und Catona sich bevölkert.

Schon leuchtete auf meiner Stirn die Krone
Des Landes, das der Donaustrom bewässert,
Nachdem die deutschen Ufer er verlassen.

Trinakrien auch, das schöne, das in Qualm
Sich einhüllt vom Pachynus zum Pelorus,
Am Busen, den der Ost am schlimmsten heimsucht,

Weil Schwefel dort entsteht, nicht durch Typhoeus,
Es würde die durch mich von Karl und Rudolph
Gezeugten Kön'ge noch erwartet haben,

Wenn nicht die schlechte Herrschaft, welche immer
Der Untertanen Groll erweckt, Palermo
Zum Todesrufe aufgestachelt hätte.

Erkennte dies mein Bruder, sicher mied' er
Die geizige Ärmlichkeit der Catalonen
Schon jetzt, damit er sie nicht mehr erbittre.

Denn wahrlich Not tut's, daß auf seinen Nachen
Er selber achte, oder jemand für ihn,
Daß die schon schwere Last sich nicht vermehre.

Sein Wesen, das sich von freigeb'gem Ursprung
Zum Geiz gewandt, bedürft' ein Kriegsheer,
Das andres trachtete, als Geld zu sammeln. -

Indem ich glaube, daß die hohe Freude,
Dir mir dein Wort gewährt, o teurer Herr,
Du dort erblickst, wo alles Guten Anfang

Und Ende ist, wie ich sie selbst erblicke,
Ist sie mir wert, und dadurch um so werter,
Daß du sie siehst, indem in Gott du schauest.

Du gabst mir Freude, gib mir nun auch Klarheit,
Weil deine Rede Zweifel in mir weckte,
Wie süßer Same Bittres zeugen kann. -

So ich zu ihm, und er: Wenn ich die Wahrheit
Dir kund getan, so wird, wie jetzt dein Rücken,
Dein Antlitz zugewandt sein deiner Frage.

Das Heil, daß dieses Reich, in dem du aufsteigst,
Befriedigt und bewegt, läßt seine Fürsicht
Zur Kraft in diesen großen Körpern werden.

Und in dem Geiste, der in sich vollkommen,
Vorhergesehn sind, nicht nur die Naturen
An sich, mit ihnen ist es auch ihr Heil.

Darum, was immer dieser Bogen abschießt,
Das trifft, vorherbedacht, bereites Ziel,
Wie alles, was gelangt, wohin es sollte.

Wenn anders sich's verhielte, so erzeugte,
Den du durcheilst, der Himmel, solche Früchte,
Daß sie nicht Kunstwerk, nein, Ruinen wären.

Das aber kann nicht sein, sind nicht die Geister,
Die diese Sterne lenken, mangelhaft
Und mangelhaft der mangelhaft sie schuf.

Willst du noch mehr erklärt sehn diese Wahrheit? -
Und ich: O, nein; wohl seh' ich, daß unmöglich
Natur in dem ermüden kann, was not ist. -

Drauf er: Sag' an, ob Schlimm'res für den Menschen
Auf Erden wär', als Bürger nicht zu sein? -
Nein, sagt' ich; keinen Grund dafür bedarf ich. -

Und kann er Bürger sein, lebt man dort unten
Verschieden in verschiednen Ämtern nicht?
Gewiß nicht, hat eu'r Meister recht geschrieben, -

So schritt schlußfolgernd er bis hierher fort;
Zum Schlusse kam er dann: Verschieden müssen
Die Wurzeln dessen, was ihr wirkt dann sein.

Der kommt zur Welt als Solon, der als Xerxes,
Der als Melchisedek, der als der Künstler,
Der fliegend durch die Luft den Sohn verlor.

Die kreisende Natur, die gleich dem Siegel,
Dem Wachs der Menschen ist, übt ihre Kunst,
Doch unterscheidet sie nicht Haus vom Hause.

Daher geschieht's, daß schon im Mutterleibe
Sich Jacob trennt von Esau, und Quirin
So niedrig abstammt, daß man Mars' ihn zuschreibt.

Mit den Erzeugern würde die erzeugte
Natur stets auf demselben Pfade wandeln,
Wenn Gottes Vorsicht hier nicht überwöge.

Was dir im Rücken war, siehst du nun vor dir.
Doch, daß du spürst, wie ich an dir mich freue,
Geb' einen Zusatz ich dir zum Gewande.

So oft Natur ihr feindlichen Geschicken
Begegnet, bringt sie üble Frucht hervor,
So wie der Samen tut auf falschem Boden.

Wenn auf den Grund, den die Natur gelegt hat,
Acht haben wollte eure Welt, so könnte
Ein wohlgeartetes Geschlecht sie haben;

Ihr aber zwingt zum Ordenskleide manchen,
Den die Natur bestimmt, das Schwert zu tragen,
Und macht zum König, der zum Pfaffen taugt;

Drum muß eu'r Weg abirren von der Straße.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 09
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 09

Nachdem dein Karl, anmutige Clemenza,
Mich so belehrt, erzählt' er mir den Trug,
Den künftig sein Geschlecht erfahren sollte;

Doch sagt' er: Schweig, und laß die Jahre kreisen. -
Verkünden darf ich denn nur dies: Es werden
Gerechte Tränen eurem Schaden folgen.

Schon hatte sich des heil'gen Lichtes Leben
Der Sonne zugewandt, die als das Heil,
Das jedem Ding genüget, es erfüllet.

Betörte Seelen, arge Kreaturen,
Die ab von solchem Heil das Herz ihr wendet,
Der Eitelkeit zukehrend eure Schläfe!

Und sieh, da nahte mir sich eine andre
Von jenen Flammen, und daß sie bereit sey,
Gefällig mir zu sein, bewies ihr Leuchten.

Die Augen Beatrice's, die wie vorher
Fest auf mir ruhten, gaben mir Gewißheit
Willkommener Bewill'gung meines Wunsches.

Laß bald Erfüllung mein Verlangen finden,
Sagt' ich, o seel'ger Geist, und mich erproben,
Daß sich auf dich rückspiegelt was ich denke. -

Drauf fuhr das andre Licht, das mir noch neu war,
Als freute guter Tat sich's, aus dem Inn'ren,
Von wo zuvor sein Lied gekommen, fort:

In jenem Teil des schnöden Land's Italien,
Das zwischen dem Rialto und den Quellen
Der Brenta und der Piave sich erstreckt,

Erhebt ein Hügel sich zu mäß'ger Höhe,
Von welchem eine Fackel, die das Land
Mit Ungestüm verheerte, einst hervorging.

Mit ihr ensproß ich aus der gleichen Wurzel,
Cunizza war mein Name, und hier glänz' ich
Weil mich bezwungen dieses Sternes Kraft.

Indes verzeih' ich meines Loses Ursach
Mir selber gern und fühle kein Bedauern,
Mag's auch befremdlich eurem Pöbel scheinen.

Von dieser teuren Flamme, mir zunächst,
Die unsres Himmels leuchtendes Juwel ist,
Blieb hoher Ruhm zurück, und eh' er endet

Verfünffacht sich noch des Jahrhunderts Zahl
Drum suche sich hervorzutun der Mensch,
Daß ihm vom ersten Leben bleib' ein zweites.

Des aber achtet das Gesindel nicht,
Das zwischen Etsch und Tagliamento hauset,
Und keine Reue fühlt, obwohl geschlagen.

Doch bald wird Padova bis hin zum Sumpfe
Das Wasser wandeln, das Vicenza netzet,
Weil störrisch gegen seine Pflicht das Volk ist.

Und wo den Sile der Cagnan begleitet
Herrscht einer jetzt mit hochgehobnem Haupte,
Den einzufangen schon das Netz gestrickt wird.

Wohl wird die Sünden seines schnöden Hirten
(Und Malta ward um größre nie beschritten)
Noch zu beweinen Feltro Ursach haben.

Der Bottich, der das Blut der Ferraresen
Aufnehmen sollte, müßte wahrlich groß sein,
Und müde würde, wer es lotweis wöge:

Das Blut, das so gefällig dieser Pfaffe
Verschenken wird, nur der Partei zu Liebe;
Doch solche Gaben sind dort landesüblich.

Dort oben weilen Spiegel, »Throne« sagt ihr,
Aus denen Gott, der Richtende, uns glänzet;
Drum heißen wir auch solche Rede gut. -

Hier schwieg sie, und indem sie in den Kreis,
Dem sie zuvor gehörte, wieder eintrat,
Bewies sie, daß sie nun an andres dachte.

Die andre Wonne, die, als hohen Wertes,
Mir schon bekannt war, glich zu mir gewendet
Dem edelsten Rubin im Sonnenstrahle.

So wie das Lächeln hier, so mehrt dort oben
Die Freudigkeit den Glanz, nur daß hienieden
Die Trauer auch der äußre Schatten zeigt.

O seel'ger Geist, so sagt' ich, Gott sieht alles,
In ihn versenkt dein Schaun sich also, daß
Kein Wünschen sich vor dir verbergen kann.

Warum entspricht denn deine Stimme, welche,
Verbunden mit dem Lied der in sechs Flügel
Gehüllten heil'gen Flammen, stets den Himmel

Erfreuet, nicht von selber meinem Wunsche?
Erkennt' ich dich, so wie du mich erkennest,
So würd ich nicht auf dein Begehren warten. -

Das größte Becken, drin sich Wasser sammelt,
Also begann nun seine Rede, wenn man
Vom Meere absieht, das die Welt umgürtet,

Erstreckt sich zwischen zwiegespaltnen Ufern
So weit, daß man am einen Ende Mittag
Da hat, wo für das andre Horizont ist.

An dieses Beckens Ufer, zwischen Ebro
Und Macra, die das Land der Genovesen
Abschneidet von Toscana, war ich heimisch.

Fast einen Untergang und Aufgang haben
Budscheia und die Stadt aus der ich stammte,
Die einst mit eignem Blut den Hafen wärmte.

Von denen die mich kannten ward ich Foulquet
Genannt, und also wie ich dieses Himmels
Gepräge trage, trägt er auch das meine.

Denn mehr entbrannte Belus Tochter nicht,
Als ihr Sichaeus und Creusa zürnten,
Denn ich, solang' es meinem Alter ziemte.

Nicht mehr auch, von Demophoon betrogen,
Die Rhodopäerin, nicht mehr Alkides,
Als in sein Herz er Jole geschlossen.

Doch fühlt man hier nicht Reue, nein, man lächelt;
Nicht ob der Schuld, denn die hat man vergessen,
Nein, ob der Kraft, die ordnet und vorhersieht.

Die Kunst bestaunt man hier, die solche Wirkung
Hervorbringt, und man lernt das Heil begreifen,
Das nach der obern Welt die niedre wendet.

Doch damit jeden der in dieser Sphäre
Entstandnen Wünsche du erfüllt davon trägst,
Muß sich noch weiter meine Red' erstrecken.

Zu wissen wünschest du, wer in dem Lichte
Hier neben mir, so wie der Sonnenstrahl
Im klaren Wasser, hell erglänzend weilet.

So wisse denn, in ihm fand Rahab Ruhe
Und dieser Kreis trägt, seit sie ihm gehört,
Voll ausgeprägt den Stempel ihres Siegels.

Sie war die erste Seele, die von Christi
Triumphe dieser Himmel (wo der Schatten
Sich zuspitzt, den die Erde wirft) empfangen.

Wohl ziemte sich's, daß, als des Sieges Palme
Den eine und die andre Hand erkämpfte,
Aufnahme sie in einem Himmel fand;

Denn sie begünstigte den ersten Ruhm,
Den Josua sich erwarb im heil'gen Lande,
An das den Papst zu denken wenig kümmert.

Es prägt und es verbreitet deine Stadt
Die der gepflanzt hat, welcher seinem Schöpfer
Zuerst den Rücken wandt', und dessen Neid

So viel beklagt wird, die verwünschte Blume,
Die ab vom Wege führt so Schaf als Lämmer,
Weil sie zum Wolf gewandelt hat den Hirten.

Die Evangelien und die Kirchenväter
Versäumt man ihrethalb; nur Dekretalen
Studiert man, daß die Ränder davon zeugen.

Nach ihr nur streben Papst und Kardinäle,
Nicht ist ihr Sinn nach Nazareth gewendet,
Dorthin, wo Gabriel die Flügel auftat.

Allein der Vatikan und all' die andren
Erwählten Plätze Rom's, die Kirchhof wurden
Für jene Kriegsschar, welche Petro folgte,

Bald werden frei sie sein von solchem Ehbruch.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 10
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 10

Indem die unnennbare erste Kraft
Auf ihren Sohn mit jener Liebe blickte,
Die stets von einem und der andern ausgeht,

Schuf sie was sich in Geist und Raum bewegt
Mit solcher Ordnung, daß wer dies betrachtet,
Nicht ohne Vorschmack von ihr selber sein kann.

So hebe Leser zu den hohen Rädern
Mit mir den Blick denn auf jener Stelle,
Wo sich Bewegung und Bewegung treffen.

Und da beginne, jenes Meisters Kunst
Voll Staunens zu beschaun, der seine Schöpfung
So liebt, daß er das Aug' nicht von ihr wendet.

Sieh, wie von dort der schräge Kreis sich abzweigt,
Der die Planeten trägt, damit Genüge
Der Welt geschehe, welche sie herbeiruft.

Und hätte ihre Bahn nicht schräge Richtung,
So blieb' erfolglos manche Himmelskraft
Und tot die meiste Fähigkeit auf Erden.

Entfernte jene Bahn von grader Richtung
Sich mehr und minder, bliebe manches drunten
Und oben mangelhaft in eurer Schöpfung.

Nun bleib' auf deiner Bank, o Leser, sitzen
Und denke dem was dir kredenzt ward nach,
Soll, eh du müde bist, dir Freude werden.

Ich trug dir auf; nun nimm dir selbst die Speise,
Weil jener Stoff, des Schreiber ich geworden,
Ausschließlich meine Sorg' in Anspruch nimmt.

Der größte von den Dienern der Natur,
Durch den des Himmels Kraft im All sich ausprägt
Und der die Zeit mit seinem Licht uns abmißt,

Bewegte sich mit jenem Himmelsteile,
Den oben ich erwähnte, in der Spirale,
In der er täglich sich uns früher zeigt.

Schon war ich ihm verbunden; doch das Steigen
Ward ich nur so gewahr, wie man den ersten
Gedanken kommen sieht, bevor er da ist.

Beatrix ist es, die mich so vom Guten
Zum Besseren geleitet, und so plötzlich,
Daß ihr Vollbringen keine Zeit umfaßt.

Wie mußte selber reich an Lichte sein,
Was in der Sonne, die ich nun betreten,
Durch Licht mir, nicht durch Farbe, sichtbar ward!

Ob ich Talent anriefe, Kunst und Übung,
Nie sagt' ich's so, daß man sich's denken könnte;
Doch kann man's glauben und zu schaun verlangen.

Ist unsre Phantasie für solche Hoheit
Zu niedrig, soll uns das nicht Wunder nehmen;
Bewältigte die Sonne doch kein Auge.

So strahlte dort die vierte Schar der Kinder
Des hohen Vaters, der sie immer sättigt,
Beweisend wie er haucht und wie er zeuget.

Und es begann Beatrix: Danke, danke
Der Sonne aller Engel, daß aus Gnade
Zu dieser sichtbaren sie dich erhob! -

Nie war ein Menschenherz so ganz von Andacht
Durchdrungen und niemals so gern bereit,
Sich Gott mit jedem Wunsche zu ergeben,

Als ich bei jenen Worten, und so gänzlich
Versenkte sich in ihn nur meine Liebe,
Daß in Vergessen sie Beatrix hüllte.

Nicht zürnte drum sie; nein, sie lächelte,
So daß das Leuchten ihrer freud'gen Augen
Den ein'gen Sinn in zwei Gefühle teilte.

Viel Flammen, heller als die Sonne, sah ich
Nun uns, als ihren Mittelpunkt, umkränzen,
An Stimmen süßer noch, als licht dem Auge.

So sehn umgürtet wir Latona's Tochter,
Wenn so die Luft gesättigt ist von Dünsten,
Daß sie die Fäden solchen Gürtels festhält.

Im Himmelshof, von dem ich wiederkehre,
Trifft man viel Edelsteine schön und wertvoll,
So daß unmöglich ist sie auszuführen,

Und dieser Lichter Lied war solcher Art.
Wer sich dorthin zu fliegen nicht befiedert,
Dem gebe von dorther der Stumme Kunde.

Nachdem so singend jene lichten Sonnen
Sich dreimal um uns her gedreht im Kreise,
Wie Sterne in des festen Poles Nähe,

Erschienen sie gleich Frau'n, die nicht im Tanze
Hineilen, sondern still aufhorchend weilen,
Bis sie die neue Weise aufgefaßt.

Und aus dem einen hört' ich so beginnen:
Erglänzt in dir der Gnadenstrahl, an welchem
Wahrhafte Liebe sich entflammt, und liebend

Zu immer höhrem Liebesreichtum anwächst,
So daß sie diese Leiter dich hinanführt,
Die niemand, der nicht wiederkehrt, hinabsteigt,

So wäre, wer den Wein aus seiner Flasche
Nicht deinem Durst gewährte, gleich dem Wasser
Unfrei, das nicht hinab zum Meere fließet.

Die Blüten willst du kennen, draus der Kranz
Besteht, den deine Herrin liebend anblickt,
Der Herrin, die dich für den Himmel zeitigt.

Ich war ein Lamm von jener heil'gen Herde,
Die Sankt Dominicus auf Pfaden führt,
Wo man gedeiht, wenn man nicht Eitlem nachjagt.

Der mir der nächste ist zu meiner Rechten,
War Bruder mir und Meister, er ist Albrecht
Von Cöln und ich bin Thomas von Aquino.

Willst du der andern ebenso gewiß sein,
So laß, entlang dem sel'gen Blumenkranze,
Dein Auge meinem Wort im Kreise folgen.

Dies andre Flammen leuchtet aus dem Lächeln
Des Grazian, der beiderlei Gerichten
So half, daß man sich freut im Paradiese.

Der aber nach ihm unsres Chores Schmuck ist,
War jener Petrus, der der heil'gen Kirche,
Wie einst die Witwe, seinen Schatz geboten.

Das fünfte Licht, in unsrem Kreis das schönste,
Haucht solche Liebe aus, daß alle Welt
Dort unten Kunde von ihm haben möchte:

Der hohe Geist, in den so tiefes Wissen
Gelegt ward, daß, wenn Wahrheit wahr, kein Zweiter
Zu solchem Schaun sich aufschwang, weilt in ihm.

Das nächste Licht gehört der Kerze an,
Die dort im Fleische die Natur der Engel
Und ihren Dienst am richtigsten erschaute.

Aus jenem kleinen Licht daneben lächelt
Der Christenzeiten kräftiger Verteid'ger,
Auf dessen Wort sich Augustinus stützte.

Hat nun dein geistig Auge, meinem Lobe
Nachfolgend, sich gewandt von Licht zu Lichte,
So fühlt bereits den Durst es nach dem achten.

Im Anschau'n alles Heils freut sich in ihm
Die heil'ge Seele, die den Trug der Welt
Dem offenbart, der recht vernahm die Kunde.

Es ruht der Leib, aus welchem sie verjagt ward,
Dort in Cieldauro; aber sie erhob sich
Von Martern und Exil zu solchem Frieden.

Sieh' weiterhin den brünst'gen Hauch des Beda,
Des Isidor und jenes Richard flammen,
Der an Gedankentiefe mehr als Mensch war.

Und der, von dem dein Blick zu mir zurückkehrt,
Ist eines Geistes Leuchte, dem in ernsten
Gedanken spät der Tod zu kommen schien.

Das ew'ge Licht von jenem Sigier ist es,
Der, als er las, wo Streu die Gasse deckt,
Schlußfolgernd neidenswerte Wahrheit nachwies. -

Dann sah ich, gleich dem Uhrwerk, das zur Stunde,
Wo, um die Gunst des Bräut'gams zu gewinnen,
Sich Gottes Braut erhebt zur frühen Mette,

Uns ruft, und, wie die Räder zieh'n und treiben,
Tin Tin erklingen läßt, so süßen Tones,
Daß liebend schwillt der gottbereite Geist,

Sich jenes ruhmesreiche Rad bewegen
Und Stimm' und Stimme also sich in Wohlklang
Und Süß' entsprechen, als man nur verstehn kann,

Wo solcher Wonne Ewigkeit gewährt ist.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 11
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 11

Sinnlose Sorge du der Sterblichen,
Wie sind so trügerisch all' deine Schlüsse,
Ob deren abwärts du die Flügel schlägst;

Der ging dem Jus, der Aphorismen nach,
Dem Priestertum ein andrer, jener strebte
Durch Trug zu herrschen oder durch Gewalt,

Der raubte, der trieb bürgerlich Gewerbe,
Der mühte ruhlos sich, in Fleischeslüste
Verstrickt, der faulen Muße pflegt' ein andrer,

Indessen, frei von all' dem nied'ren Treiben,
Mit Beatrice droben ich im Himmel
Im Kranze solchen Ruhms empfangen ward.

Als jeder dann zu jenem Punkt des Kreises
Zurückgekehrt, an dem zuvor er weilte,
Stand fest er, wie ein Licht im Leuchter steht.

Ich aber hört' im Innern jener Leuchte,
Die mir zuvor gesprochen und nun heller
Erglänzte, unter Lächeln so beginnen:

So wie von seinen Strahlen ich erglänze,
So seh' ich die Gedanken, die du hegest,
Schau' ich in's ew'ge Licht, woher sie stammen.

Du zweifelst, und begehrst in klarer Rede
Und deutlich so, daß deine Fassungskraft
Nachfolgen könn', Erläut'rung meiner Rede,

Als ich vorhin gesagt: »Wo man gedeiht«,
Und weiterhin: »Kein Zweiter schwang sich auf.«
Hier aber muß genau man unterscheiden:

Die Vorsehung, die mit so tiefer Weisheit
Die Welt regiert, daß kein geschaff'nes Auge
Unüberwältigt wagt, sie zu ergründen,

Verordnete, damit die Braut des Bräut'gams,
Der unter lautem Ruf mit heil'gem Blute
Sie sich verlobte, sich'rer in sich selbst,

Und treuer ihm, zu ihrem Trauten ginge,
Zu Schutz und Hilfe ihr zwei hohe Ritter,
Daß sie ihr Führer sei'n zu beiden Seiten.

War seraphgleich an Liebesglut der eine,
So schien der andr' an Weisheit dort auf Erden
Ein Abglanz von dem Licht der Cherubim.

Vom einen will ich sagen: Wen zu preisen
Man wählen möge, gilt das Lob von beiden;
Denn beider Taten hatten nur ein Ziel.

Es senkt von hohem Berg' ein Abhang fruchtbar
Sich zwischen dem vom seligen Ubaldo
Erkor'nen Hügel und Tupino nieder,

Von wo Perugia nächst dem Sonnentore
So Frost als Hitze fühlt, und jenseits Gualdo
Den rauhen Berg beklagt, sowie Nocera.

Von diesem Abhang, da wo seine Steile
Am schwächsten ist, stieg eine Sonne auf,
Wie diese manchmal aus dem Ganges aufsteigt.

Wer also reden will von diesem Orte,
Der sag Assisi nicht, das wäre dürftig:
Er sage Morgenland, will recht er reden.

Noch war nicht ferne sie von ihrem Aufgang,
Als einige Erquickung sie der Erde
Von ihrer großen Kraft zu kosten gab.

Noch jung entzweite sich mit seinem Vater
Der, den ich meine, um ein Weib, dem jeder
Das Tor der Lust, als wie dem Tode schließt.

Und vor dem Hofe geistlichen Gerichtes,
In Gegenwart des Vaters freit' er sie
Und liebte mehr sie dann von Tag zu Tage.

Es hatte, seit sie ihres ersten Gatten
Beraubt war, bis auf ihn elfhundert Jahr
Um die Verachtete niemand geworben.

Nicht half es ihr, daß bei der Stimme dessen,
Vor dem die Welt erbebte, mit Amyklas,
Wie man vernahm, sie unerschüttert blieb.

Nicht half ihr Treue, noch so fester Sinn
Daß sie, wo selbst Maria drunten blieb,
Das Kreuz erstieg, mit Christo dort zu weinen.

Doch, daß ich dir nicht unverständlich bleibe,
So nimm für diese Liebenden Franciscus
In meiner langen Rede und die Armut.

Es riefen ihre Freudigkeit und Eintracht
In Lieb', in süßem Blick und in Erstaunen
Bei manchem heilige Gedanken wach,

So daß Bernardus, der ehrwürd'ge, sich
Entschuhte, solchem Frieden nachzueilen,
Und eilend glaubt' er noch zu sehr zu zögern.

O unbekannter Reichtum, fruchtbar Gut!
Der Braut zu Liebe folgen, sich entschuhend,
Dem Bräutigam Aegidius und Sylvester.

So geht mit seiner Braut und mit der Schar
Der seinen, welche der demüt'ge Strick
Schon gürtete, ihr Vater und ihr Meister.

Auch drückte Feigheit nicht die Stirn ihm deshalb,
Weil Peter Bernardone's Sohn er war,
Noch weil gering geschätzt er allen schien.

Mit königlichem Mut tat Innocenzen
Er seinen harten Vorsatz kund, und dieser
Gab ihm das erste Siegel seines Ordens.

Und als, ihm folgend, dessen Wunderleben
Geeigneter dort in des Himmels Glorie
Man sänge, sich, das arme Volk vermehrte,

Ward dieses Oberhirten heil'ger Wille
Vom ew'gen Hauche durch Honorius Hand
Mit einer zweiten Krone noch umwunden.

Als dann im Durste nach dem Martertume
Er in des Sultans schnöder Gegenwart
Gepredigt Christum und die ihm gefolgt sind,

Und, da er jenes Volk für die Bekehrung
Nicht reif erfand, um nicht umsonst zu weilen,
Zur Frucht ital'scher Pflanzen heimgekehrt war,

Empfing auf rauhem Felsen zwischen Tiber
Und Arno er das letzte Siegel, welches
Sein Leib zwei Jahre lang noch trug von Christo.

Als dem, der ihn für solches Heil erkoren,
Demnächst gefiel, ihn zu dem Lohn zu rufen,
Den er durch Selbsterniedrigung verdienet,

Empfahl er seine Braut, die vielgeliebte,
Den Ordensbrüdern, seinen rechten Erben,
Mit dem Befehl, in Treue sie zu lieben;

Doch wollt' aus ihrem Schoß sein lichter Geist
Zu seinem Reich heimkehrend sich erheben,
Und für den Leib wollt' er nur diese Bahre.

Bedenke nun, wie der war, der mit diesem,
Als würdiger Genoß, das Schifflein Petri
Im hohen Meer erhielt auf rechten Wegen,

Und das ist unser Patriarch gewesen;
Drum kannst du sehn, daß wer, wie er geboten
Ihm nachfolgt, sicher gute Ladung führt.

Doch seine Herde ward nach neuer Nahrung
So lüstern, daß, wie könnt' es anders sein,
Sie sich verstreut auf Weiden mancher Art.

Je mehr, abirrend, aber seine Schafe
Von ihm sich trennen, um so leerer kehren
An Milch sie wieder heim zu ihrem Stalle.

Wohl sind noch ein'ge, die den Schaden fürchten
Und sich zum Hirten halten, doch so wen'ge,
Daß ihre Kutten nicht viel Tuch erfordern.

Sind meine Worte klanglos nicht gewesen,
Hast aufmerksam du ihnen zugehört,
Und rufst du das Gesagte dir zurück,

So muß dein Wunsch zum Teil befriedigt sein;
Denn du erkennst den Baum, den man verstümmelt,
Und siehst weshalb der Riementräger sagte:

»Wo man gedeiht, wenn man nicht Eitlem nachjagt.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 12
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 12

Kaum hatte die gebenedeite Flamme
Ihr letztes Wort gesprochen, als auf's neue
Die heil'ge Mühle sich zu dreh'n begann.

Noch hatte sie die Runde nicht vollendet,
Da schloß sich rings um sie ein zweiter Kreis,
Einhaltend gleichen Takt im Tanz und Liede.

Und wie der erste Glanz den rückgestrahlten,
So übertrifft dies Lied in solchen Kehlen
Das unsrer Musen, unserer Sirenen.

So wie, wenn Juno ihre Botin sendet,
Zwei gleichgefärbte, parallele Bogen
Auf zartem Wolkengrunde sich bewegen,

Und so den inn'ren wiedergibt der äuß're,
Wie jener Flücht'gen Wort tut, die von Liebe
Verzehrt ward, wie die Sonne Dunst verzehrt,

Uns aber, ob des Bundes, welchen Gott
Mit Noah schloß, die Zuversicht gewähren,
Daß niemals überschwemmt die Welt mehr wird,

So wanden sich um uns die beiden Kränze
Von jenen Rosen, welche nie verblühn,
Und so entsprach dem inneren der äuß're.

Als nun der Tanz und all die Freudenzeichen,
Die, singend und von Licht zu Licht einander
Anstrahlend, sie in Lust und Liebe tauschten,

Gleichzeitig und in Willenseinheit ruhten,
Wie, dem Belieben das sie lenkt gehorchend,
Die Augen sich zusammen auf- und zutun,

Da tönte aus der neuen Lichter einem
Mir eine Stimme, die nach ihrem Ursprung
Mich zog, so wie der Nordstern zieht die Nadel:

Die Liebe, welche mich verschönt, begann sie,
Heißt von dem andren Herzog mich noch reden,
Um dessenthalb der meine so gerühmt ward.

Wo man vom einen spricht, soll man des andren
Gedenken; wie sie für das gleiche Ziel
Gekämpft, muß auch ihr Ruhm vereinigt leuchten.

Die Heerschar Christi, welche neu zu waffnen
Soviel gekostet, folgte ihrer Fahne
Unsich'ren Mutes und langsamen Schrittes,

Als unser Kaiser, der ohn' Aufhör herrschet,
Für seine Streiter, die gefährdet waren,
Aus Gnaden sorgte, nicht weil sie's verdienten,

Und, wie gesagt, zur Hilfe seiner Braut
Zwei Kämpfer sandte, deren Tun und Reden
Dem Volke seinen Irrweg offenbarte.

In jenem Land, von wo die jungen Knospen,
Mit denen dann Europa neu sich kleidet,
Der süße Zephyr aufzuschließen ausgeht,

Nicht weit vom Strand, an den die Wellen schlagen,
Wo jenseits, ob der großen Wasserwüste,
Zeitweis die Sonne keinem Menschen scheinet,

Dort liegt von Heil begnadigt Calaroga
Im Schutz des großen Schildes, das den Löwen
Hier unterliegend zeigt, dort unterjochend.

Zur Welt kam dort der liebentbrannte Buhle
Des Christenglaubens, jener heil'ge Kämpe,
Der, mild den Seinen, hart war mit den Feinden.

Und, kaum erschaffen, war schon seine Seele
So voll lebend'ger Kraft, daß zum Propheten
Sie ihn gemacht hat in der Mutter Schoße.

Als zwischen ihm das Bündnis und dem Glauben
Am heil'gen Born geschlossen war, wo beide
Mit Heil einander wechselsweis begabten,

Erblickte, die für ihn das Jawort gab,
Die Frau, im Traum die wunderbare Frucht,
Die bringen sollten er und seine Erben.

Und, daß er heiße wie er wirklich war,
Gebot ein Geist, ihn mit dem Eigenschaftswort
Von dem zu nennen, dem er ganz gehörte.

Dominicus ward er genannt, und von ihm red' ich,
Als von dem Ackermanne Christi, welchen
Er sich zur Hilf' erkor für seinen Garten.

Wohl schien er Christi Bote und Vertrauter,
Indem die erste Liebe, die er kund tat,
Den ersten Rat, den Christus gab, befolgte.

Gar manches Mal fand schweigend ihn und wach
Die Wärterin am Boden, daß es schien,
Als ob er sagen wollte: Dazu kam ich.

Wohl hieß mit vollem Recht sein Vater »Felix«,
Und ebenso »Johanna« seine Mutter,
Wenn dies den Sinn hat, welchen man ihm beimißt.

Nicht in dem Dienst der Welt, in dem, Thaddaeus
Und dem von Ostia folgend, man sich abmüht,
Nein, um des wahren Manna's willen nur

Gewann in kurzem er so tiefes Wissen,
Daß er den Weinberg durchzuforschen anfing,
Der bald verrottet, wenn der Winzer schlecht ist.

Und von dem Stuhl, der den gerechten Armen
Einst wohler wollte, weil zwar nicht er selbst,
Wohl aber der ihn einnimmt, aus der Art schlug,

Begehrt' er nicht das Recht, für zwei bis drei
Von sechs zu dispensieren, nicht den Nießbrauch
Vakanter Pfründen, nicht die, Gottes Armen

Gehör'gen Zehnten; nein, das Recht, den Irrtum
Der Welt für jenen Samen zu bekämpfen,
Aus dem zweimal zwölf Pflanzen dich umgeben.

Dann brach er, wie ein Strom aus reicher Quelle,
Gestützt auf apostolische Berufung,
Mit Wissens- und mit Willenskraft hervor,

Und stürzte auf die ketzerischen Knorren
Mit um so größrem Ungestüm, je zäher
Die Störrigkeit des Widerstandes war.

Viel Bäche sind von ihm dann ausgegangen,
Berieselnd des kathol'schen Glaubens Garten,
So daß nun frischer seine Sträucher grünen.

War so das eine Rad des Kriegeswagens,
In dem die heil'ge Kirche sich verteidigt,
In ihrem Bürgerkrieg das Feld behauptend,

So sollte die Vortrefflichkeit des andren,
Die Thomas eh' ich kam so freundlich pries,
Nun zur Genüge dir erkennbar sein.

Allein, verlassen ist jetzt das Geleise,
Das es gemacht mit seinem obren Umkreis,
So daß nun Schimmel sich statt Weinsteins ansetzt.

Denn sein Gefolge, das die Füß' einst grade
In seine Spur gesetzt, verwandte so sich,
Daß an der Zehen Platz der Hacken eintritt.

Doch bald wird an der Ernte man die schlechte
Bestellung sehn, wenn klagen wird der Lolch,
Daß in der Lade keinen Platz er findet.

Wer unsren Band von Blatt zu Blatt durchsuchte,
Der würd', ich sag' es selbst, auf Seiten treffen,
Auf denen stünd': Ich bin was ich gewesen.

Doch wäre deren Heimat nicht Casale,
Noch Acquasparta, woher die gekommen,
Die bald die Schrift verengen, bald verleugnen.

Ich selber bin Bonaventura's Leben
Von Bagnoregio. In den höchsten Ämtern
Stellt' immer ich hintan die falsche Sorge.

Hier sind Illuminat und Augustin,
Die ersten fast der schuhelosen Armen,
Die strickumgürtet Gottes Freunde wurden.

Hier ist mit ihnen Hugo von Sankt Victor,
Petrus Comestor und Hispaniens Petrus,
Der heute noch in zwölf Traktaten leuchtet.

Auch Nathan, der Prophet, Chrysostomus
Metropolit, Anselm und der Donatus,
Der nicht verschmäht, die erste Kunst zu lehren.

Raban ist hier, und mir zur Seite endlich
Erglänzt Abt Joachim der Calabrese,
Der mit dem Geist der Prophetie begabt war.

Solch hohem Paladine nachzueifern
Bewog die liebentbrannte Freundlichkeit
Des Bruders Thomas und sein edles Wort

So mich, als diese, die mit mir vereint sind. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 13
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 13

Es denke sich, wer was ich nun gewahrte
Recht fassen will (und während ich dann rede,
Halt' er das Bild gleich einem Felsen fest),

Die fünfzehn Sterne, die, ringsum verteilet,
Den Himmel so mit ihrem Glanz erhellen,
Daß sie selbst dickgewebte Luft durchdringen:

Den Wagen denk' er sich, der Tag und Nacht
Genüge hat an unsres Himmels Schoße,
So daß ihn uns nicht birgt der Deichsel Wendung,

Er denke sich die Mündung jenes Hornes,
Das an der Spitze von der Achse anfängt,
Um welche sich das erste Rad bewegt;

Sie alle denk' er zu zwei Himmelszeichen
Vereinigt, ähnlich dem, das Minos' Tochter,
Als sie des Todes Frost empfand, gebildet,

Und so, daß eines in dem andren strahlte,
Und beide sich in solcher Weise drehten,
Daß eines vor, das andre rückwärts ginge.

Dies Bild kann ihm gleich einem Schatten dienen
Des Sterngebildes und des Doppeltanzes,
Der jenen Punkt umkreiste wo ich war.

Als Schatten nur; denn über unsren Brauch
Ist es so weit hinaus, als die Bewegung
Des schnellsten Himmels über die der Chiana.

Dort sang, statt Bacchus man und statt Päanen,
Die göttliche Natur in drei Personen
Und mit der menschlichen geeint zu einer.

Es wandten, als ihr Maß Gesang und Kreisen
Vollendet, sich zu uns die heil'gen Lichter,
Von einer Sorge froh zur andren greifend.

Dann brach das Schweigen der einmüt'gen Geister
Das Licht, aus dem das wunderbare Leben
Des Armen Gottes mir berichtet worden,

Und es begann: Da nun die ersten Garben
Gedroschen sind und eingeheimst die Körner,
Heißt süße Liebe mir den zweiten Ausdrusch.

Du glaubst, daß in die Brust, aus der die Rippe
Entlehnt ward, der entstammt die schöne Wange,
Für deren Gaum so schwer die ganze Welt zahlt,

Und in die andre; die, durchbohrt vom Speere,
So viel genug getan, zuvor wie nachher,
Daß drob die Schale jeder Schuld besiegt wird,

Was nur an Licht die menschliche Natur
Vermag, von jener Kraft die beide sie
Geschaffen, völlig eingegossen sei.

Darum verwundert dich mein früh'res Wort,
Als ich gesagt, es habe seines Gleichen
Das Heil im fünften Lichte nie gehabt.

Nun öffne meiner Antwort deine Augen,
Und sieh, dein Glaube und mein Wort verhalten
Wie Zentrum sich und Umkreis in der Wahrheit.

Unsterbliches und was da sterben kann,
Es ist ein Abglanz nur von der Idee,
Die unser Herr aus Liebesfülle zeugt.

Denn das lebend'ge Licht, das aus dem Lichtquell
Also hervorgeht, daß von ihm so wenig
Sich's trennt, als von der Liebe, die die dritt' ist,

Vereiniget aus Güte seine Strahlen
Gleich wie in Spiegeln, in neun Wesenheiten,
Obwohl es ewig in sich selber eins bleibt.

Abwärts von ihnen steigt von Kraft zu Kraft es
Hinab bis zu den letzten Fähigkeiten,
So daß es endlich nur Zufäll'ges bildet.

Als dies Zufällige bezeich'n ich alle
Erzeugten Dinge, die der Himmel kreisend
In's Dasein ruft, mit oder ohne Samen.

Ihr Wachs und der es aufträgt, sind nicht immer
Gleich gut; drum prägt der ideale Stempel
Bald besser sich, bald wieder schlechter aus.

Daher geschieht es, daß der Art nach gleiche
Gewächse doch verschiedne Früchte tragen;
Drum kommt zur Welt ihr mit verschiednen Gaben.

Wenn makellos des Wachses Reinheit wäre,
Und auch der Himmel in der höchsten Kraft,
Dann sähe man des Siegels volle Schönheit;

Doch unvollkommen nur drückt's die Natur aus,
Weil ihre Arbeit der des Künstlers gleich ist,
Der, kunstgeübt zwar, mit den Händen zittert.

Bereitet nun und prägt die heiße Liebe,
Der ersten Kraft lichtvolles Schauen aus,
So wird Vollkommenheit schlechthin erreicht.

So ward das Land geschaffen, das befähigt
Zu jeder tierischen Vollendung war,
In solcher Weise ward die Jungfrau schwanger.

Beistimmen muß ich also deiner Meinung,
Daß, was in jenen Zwei'n die menschliche
Natur gewesen, sie nie war noch sein wird.

Wohl würden deine Worte, wenn ich nun
Nicht weiter reden wollte, so beginnen:
Wie war denn also jener ohne Gleichen?

Doch damit klar, was jetzt dir unklar, werde,
So denke, was er war, und was ihn antrieb,
Zu fordern, als zu ihm gesagt ward: Bitte!

Ich sprach nicht also, daß du nicht vermöchtest
Zu sehn, wie er als König bat um Weisheit,
Damit ein König rechter Art er sei.

Nicht nach der Zahl der Himmelslenker frug er,
Noch ob Notwend'ges mit Zufälligem
Verknüpft Notwendiges ergeben könne.

Auch nicht, ob Urbewegung anzunehmen,
Noch ob ein Dreieck ohne rechten Winkel
Sich machen lasse aus dem halben Kreise.

Erwägst du dies und was ich oben sagte,
So sieh die Königsklugheit und das Schauen,
Auf das sich richtet meiner Absicht Pfeil.

Und fassest du das »schwang sich auf« in's Auge,
So wirst du sehn, daß es nur Kön'gen gilt,
Die zahlreich sind, doch gute drunter wenig.

Nimm denn mein Wort mit dieser Unterscheidung;
So kann's mit dem, was du vom ersten Vater
Und unsrer Wonne glaubest, wohl bestehn.

Das sei dir immer Blei an deinen Füßen,
Daß du zum Ja und Nein, das du nicht siehst,
Gleich einem Müden langsam dich bewegest;

Denn unter Toren selbst steht der gar niedrig,
Der ohne Unterschied bejaht und nein sagt,
Mag es um dies sich oder jenes handeln.

Gar oft geschieht's, daß die gemeine Meinung
Zur falschen Seite hinneigt, aber dann
Die Leidenschaft die bessre Einsicht fesselt.

Noch schlimmer als vergeblich stößt vom Ufer,
Weil er nicht heimkehrt wie er ausfuhr, wer
Nach Wahrheit fischt, und nicht die Kunst versteht.

Des liefern deutlichen Beweis der Welt
Parmenides, Melissus, sowie Brissus
Und andre, die des Weges Ziel nicht wußten.

Sabellius auch, Arius und die Toren,
Die so wie Schwerter mit der Schrift verfuhren,
Ihr grades Antlitz frevelhaft entstellend.

Es sei'n die Leut im Urteil nicht so sicher!
Sie soll'n nicht tun wie einer, der die Ernte
Schon auf dem Felde schätzt, bevor sie reif ist.

Wohl sah den Winter über ich den Dorn
Voll Stacheln dastehn, starr und ungefüge,
Und dann auf seinem Zweig die Rose tragen.

Auch sah ein Schiff ich rasch und grader Richtung
Das Meer durchfliegen auf der ganzen Reise.
Dann aber scheitern an des Hafens Eingang.

Frau Bertha und Herr Martin soll'n nicht glauben,
Wenn den sie stehlen sehn und jenen opfern,
Sie säh'n drum, was sie sind in Gottes Ratschluß;

Denn der kann fallen, jener sich erheben.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 14
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 14

Vom Mittelpunkt zum Kreis, von ihm zu jenem
Bewegt in runder Schale sich das Wasser,
Wird es berührt von außen oder innen.

In meinem Geist trat plötzlich was ich sage
Hervor, nachdem das ruhmgekrönte Leben
Des Thomas aufgehört zu reden hatte,

Weil ähnlich zu der Rede Beatrice's
Die seine sich verhielt; doch ihr gefiel es
Als er geendet, also zu beginnen:

Not täte diesem, doch er spricht es nicht
In Worten aus, auch denkt er es bis jetzt nicht,
Noch einer Wahrheit Wurzel zu erkennen.

Sagt ihm denn, ob das Licht, von dem eu'r Wesen
Hier Blütenschmuck erhält, so wie es jetzt ist,
Euch bleiben wird in alle Ewigkeit.

Und wenn's der Fall ist, so erklärt ihm weiter,
Wie, nachdem Sichtbarkeit euch wieder ward.
Dies Licht nicht eurer Sehkraft Schaden tut?

Wie manchmal, von erhöhter Lust getrieben,
Die sich im Ringeltanze drehn und singen
Die Stimm' erhebend freud'ger sich gebärden,

So zeigten bei der frommbereiten Bitte
Die heil'gen Kreis' in ihres Liedes Tone
Und in des Tanzes Schwingung neue Freude.

Wer sich beklagt, daß man hienieden sterbe,
Um droben fortzuleben, fühlte nimmer
Des Gnadenregens ewige Erquickung.

Der immer lebt und eins und zwei und drei ist
Und immer herrscht in dreien, zwei'n und einem,
Der, schrankenlos, das All der Welt umschränkt,

Er ward von jedem dieser sel'gen Geister
Dreimal in solcher Melodie gesungen,
Daß jeglichem Verdienst sie reichlich lohnte.

Dann hört ich wie im strahlendsten der Lichter
Des klein'ren Kreises eine sanfte Stimme,
Vielleicht wie die des Engels zu Marien,

Zur Antwort gab: Solang die Festesfeier
Des Paradieses währt, wird unsre Liebe
Aus sich hervor ein solches Lichtkleid strahlen.

Es wird der Glut ensprechen seine Helle,
Die Glut dem Schau'n; dies aber dringt so tief,
Als über eigne Kraft es Gnad' empfängt.

Wenn mit dem heiligen verklärten Fleische
Wir angetan sind, dann wird unser Wesen,
Weil nun vollständig, wohlgefäll'ger sein.

Drum wird sich, was an unverdientem Lichte
Das höchste Gut uns schenkt, alsdann vermehren,
Dem Licht, das uns befähigt ihn zu schau'n,

So muß denn unsres Schauens Tiefe wachsen,
Die Glut auch wachsen, die sich dran entzündet,
Und so der Lichtglanz, der von dieser ausgeht.

Doch wie die Kohl', aus welcher Flamme lodert,
Durch weißen Lichtglanz sie noch übertrifft,
So daß im Feuer sie erkennbar bleibt,

So wird der Glanz, der uns schon jetzt umhüllet,
Vom Fleische, das die Erde jetzt bedeckt,
An Helligkeit noch übertroffen werden.

Auch wird so großes Licht uns nicht beschweren;
Denn Kraft wird den Organen unsres Leibes
Für alles dann zuteil, was uns erfreuet. -

So rasch und eifrig sagten beide Chöre
Hierzu ihr »Amen«, daß man wohl die Sehnsucht
Nach ihren toten Leibern dran erkannte;

Vielleicht nicht nur den ihren, auch wohl denen
Der Väter, Mütter und der andren, die sie
Geliebt, bevor sie ew'ge Flammen waren.

Und, siehe, gleich an Helligkeit, erschien
Rings um die schon vorhandenen ein Glanz,
Dem Horizont, der sich erhellt, vergleichbar.

Und wie, wenn eben erst der Abend aufsteigt,
Sichtbar am Himmel neue Lichter werden.
Daß man sie bald zu seh'n, bald nicht zu seh'n glaubt,

So schien es mir, als fing' ich neue Wesen
Dort zu erblicken an, die einen Kreis
Noch außerhalb der beiden andren schlössen.

O wahres Funkensprüh'n des heil'gen Geistes,
Wie zeigte sich's so plötzlich mir und glühend,
Daß mein geblendet Aug' es nicht ertrug!

Doch Beatrice sah so schön und lächelnd
Mich an, daß davon, wie von sonst Geseh'nem,
Das die Erinn'rung nicht bewahrt, ich schweige.

Als wieder Kraft gewonnen meine Augen
Emporzublicken, sah ich mich entrückt
Zu höh'rem Heil, allein mit meiner Herrin.

Daß ich emporgestiegen sei, bewies mir
Das feuerfarbne Lächeln des Planeten,
Der röter mir erschien, als ich gewohnt war.

Von ganzem Herzen bracht' ich in der Sprache,
Die gleich für alle ist, solch Dankesopfer
Dem Herren dar, wie solche Gnad' es heischte.

Es war des Opfers Glut in meinem Herzen
Noch nicht erloschen, als ich schon gewahr ward,
Daß günstig aufgenommen war mein Opfer;

Denn Lichter solchen Glanzes und so rot
Erschienen mir im Inn'ren zweier Strahlen,
Daß, Helios, wie schmückst du sie! ich ausrief.

Wie die Milchstraße, Weisen selbst ein Rätsel,
Weißschimmernd sich von Pol zu Pole zieht,
In Sterne, mehr und minder klein, zerfallend,

So konstellieret zeigten auf dem Grunde
Des Mars das heil'ge Zeichen diese Strahlen,
Das in dem Kreise die Quadranten bilden.

Es unterliegt der Geist hier dem Gedächtnis;
Denn Christus leuchtete von jenem Kreuze
So, daß kein würd'ges Bild ich finden kann.

Doch wer das Kreuz auf seine Schultern nimmt
Und Christo nachfolgt, der verzeiht mein Schweigen,
Sieht Christum er in jenem Schimmer leuchten.

Von Arm zu Arm, vom Wipfel zu dem Fuße
Bewegten Lichter sich, die hell aufflammten,
Wenn sie sich trafen und wenn sie sich trennten.

So sieht hienieden man die Sonnenstäubchen,
Bald schnell, bald langsam, krumm bald und bald grade,
Bald kurz, bald langgezogen, in dem Strahle,

Der manchmal durch den Schatten hinstreift, welchen
Zum Schutz vor Sonnenglut die Menschen, sinnreich
Vorkehrend, hergerichtet, sich bewegen.

Wie, wenn bei vieler Geigen oder Harfen
Zusammenklang, auch wer die Melodie
Nicht auffaßt, doch ein süßes Klingen hört,

So tönte mir vom Kreuz der Lichter, die mir
Dort sichtbar wurden, eine Weise, welche,
Verstand ich auch das Lied nicht, mich entzückte.

Ich fühlte wohl, es sei ein hohes Loblied;
Denn mich erreichte: »Du erstehst und siegest«,
Wie den, der reden hört und nicht verstehn kann.

Daran entbrannte ich in solcher Liebe,
Daß bis dahin kein Gegenstand mich jemals
Gefesselt hatte mit so süßen Banden.

Und wem mein Wort allzu verwegen schiene,
Weil ich hintan die schönen Augen setze,
In die zu schaun mir jede Sehnsucht stillt;

Erwägt der wohl, daß die lebend'gen Siegel
Der Schönheit mit dem Steigen Kraft gewinnen,
Und ich nach jenen dort noch nicht geblickt,

So kann ob dessen, des ich mich beschuld'ge,
Er mich entschuld'gend, sehn, daß wahr ich rede;
Schließ' ich die heil'ge Freude doch nicht aus,

Die laut'rer wird mit jeder höh'ren Stufe.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 15
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 15

Geneigter Will', in welchen sich die Liebe,
Die nach dem Rechten hinstrebt, immer auflöst,
Wie die verkehrte Liebe in Begierde,

Gebot der süßen Leier nun zu schweigen
Und hieß die heil'gen Saiten, die die Rechte
Des Himmels anzieht oder nachläßt, ruhn.

Wie sollten taub sein für gerechte Bitten
Die Wesen, welche um mir Mut zu machen,
Daß ich sie bitte, jetzt einmütig schwiegen?

Wohl ist es Recht, daß endlos sich beklage,
Wer Dingen, die vergänglich sind, zu Liebe
Auf ewig dieser Liebe sich beraubt!

Wie in der Stille einer klaren Nacht
Rasch durch den Himmel wohl ein Feuer eilt,
Auf sich die Blicke ziehend, die da ruhten,

Als wär's ein Stern, der seinen Ort vertauschet,
Nur daß, von wo es ausging, keiner fehlet,
Und daß es selber kurze Zeit nur dauert,

So eilte von dem Arm des Sterngebildes
Das dort erglänzt, der sich nach rechtshin ausdehnt,
Ein Stern zum Fuße jenes Kreuzes nieder.

Auch schied nicht das Juwel von seinem Bande;
Nein, durch des Kreuzes Strahlen flog es hin,
Wie hinter Alabaster man ein Licht sieht.

So eilte liebevoll herbei Anchises,
Ist unsre größte Muse glaubenswert,
Als im Elysium er den Sohn erblickte.

O du mein Blut, o Gnade, die von Gott
Herniederströmt, Wem wurde je gleich dir
Des Himmels Pforte zweimal aufgeschlossen? -

So sprach dies Licht und fesselte mein Ohr;
Dann wandte ich den Blick zu Beatrice,
Und hier und da fand ich zum Staunen Anlaß.

Denn solch ein Lächeln brannt' in ihren Augen,
Daß ich das höchste mir beschiedne Ziel
Von Gnad' und Paradies erreicht nun glaubte.

Dann fügt', erfreulich, wie dem Ohr, dem Auge,
Der Geist dem Anfang weiteres hinzu,
So tiefen Sinnes, daß ich's nicht verstand.

Indes verbarg er sich mir nicht aus Willkür,
Nein, aus Notwendigkeit, weil sein Gedanke
Hinausflog über sterbliches Verständnis.

Und als der Bogen glühender Erregung
So weit ermäßigt war, daß nun die Rede
Hinabstieg in des Menschengeistes Schranken,

War: Sei gebenedeit du drei und einer,
Der du so gnädig bist in meinem Sohne -
Von dem was mir verständlich war das erste.

Dann fuhr er fort: Gestillt in diesem Lichte,
In dem ich zu dir rede, hast du Sohn,
Der sei's gedankt, die dich zum Flug befiedert,

Den langgehegten und willkommnen Hunger,
Der mir erwuchs, seit ich im großen Buche,
In dem nie Schwarz und Weiß vertauscht wird, las.

Du meinst, zu mir gelange dein Gedanke
So aus dem ersten, wie das fünf und sechs
Hervorgeht aus dem eins, das man erkennt;

Drum fragst du, wer ich sei nicht, noch warum
Ich freudiger mich gegen dich bezeige,
Als irgendwer von dieser frohen Schar.

Wohl glaubst du wahr, denn kleine so wie große
Hier Lebende schauen alle in den Spiegel,
In dem, noch ungedacht, dein Denken kund wird.

Doch, daß der ew'gen Liebe mehr Genüge
Gescheh', in der ich ewig schauend wache,
Und die mir süßer Sehnsucht Durst erweckt,

So künde deine Stimme freudig, sicher
Und kühn den Wunsch und Willen, die du hegst,
Auf welche meine Antwort schon bestimmt ist. -

Nach Beatrice blickt' ich; doch sie hatte
Gehört noch eh' ich sprach, und meinem Willen
Ließ Flügel ihr beifäll'ger Wink erwachsen.

Drauf hub ich an: Seit euch die erste Gleichheit
Erschienen, ward für jeden unter euch
Gleich an Gewichte Wunsch und Fähigkeit;

Denn, die mit Licht und Wärme euch erleuchtet
Und brennen macht, die Sonne ist so gleich,
Daß jedes Bild nur ungenügend wäre.

Doch, aus dem Grunde, der euch offenbar ist,
Sind Wunsch und Fähigkeit bei Sterblichen
Nicht in dem gleichen Maß zum Flug befiedert.

Weil ich, als Sterblicher, daß sie es nicht sind
Jetzt fühle, dank ich mit dem Herzen nur
Für diesen Audruck väterlicher Freude.

Doch bitt' ich dich, lebendiger Topas,
Der du dies köstliche Geschmeide zierest,
Daß du den Durst mir stillst nach deinem Namen. -

O du mein Laub, an dem schon in Erwartung
Ich mich erfreute, ich war deine Wurzel. -
Also begann er, Antwort mir erteilend.

Dann sagt' er weiter: Der, nach dem dein Stamm sich
Benennt, und der seit mehr als hundert Jahren
Den Berg umkreist auf seiner ersten Stufe,

Er war mein Sohn und war dein Ältervater.
Wohl sollst du dich bemühn, durch deine Werke
Der Buße lange Arbeit ihm zu kürzen.

Es war im alten Mauerkreis, von wo
Ihm None noch und Terz gezählt wird, Florenz
Friedfertig, voller Mäßigkeit und schamhaft.

Nicht kannt' es gold'ne Ketten und nicht Kronen,
Nicht aufgeputzte Weiber und nicht Gürtel,
Die mehr als die sie trägt in's Auge fielen.

Noch machte nicht bei der Geburt die Tochter
Dem Vater Sorge; denn noch überschritten
Mitgift und Zeit das Maß nicht beiderseitig.

Noch gab's nicht Häuser von Bewohnern ledig,
Noch war Sardanapal nicht angelangt,
Was in Gemächern man vermag, zu zeigen.

Noch übertraf nicht eu'r Uccellatojo
Den Berg des Marius; aber, wie im Steigen,
Wird auch im Fallen er ihn übertreffen.

Gegürtet sah mit Leder ich und Knochen
Bellincion Berti, und sein Weib vom Spiegel
Mit unbemaltem Angesichte kommen.

Mit bloßem Lederwamms sah ich Del Vecchio
Und Nerli sich begnügen; beider Frauen
Sah bei der Spindel ich und bei der Kunkel.

Die Glücklichen! Der Grabesstätte sicher
War ihrer jede, und um Frankreichs willen
War keine noch in ihrem Bett verlassen.

Die eine wachte sorglich bei der Wiege
Und redete beschwichtigend die Sprache,
An der die Eltern sich zuerst ergötzen.

Es plauderte die zweite mit den Ihren,
Indes dem Wocken sie das Haar entzog,
Von den Trojanern, Fiesole und Rom.

Ein Wunder wär' ein Weib wie die Cianghella,
Ein Lapo Salterello da gewesen,
Wie Cincinnat jetzt und Cornelia wären.

So ruhigem, so schönem Bürgerleben,
So zuverlässiger Genossenschaft,
So süßem Heimatsort hat mich Maria

Gewährt auf lautem Schmerzensschreies Flehen.
In eurem altehrwürd'gen Baptisterium
Ward ich ein Christ zugleich und Cacciaguida.

Moronto hatte ich und Eliseo
Zu Brüdern, aus dem Potal kam mein Weib,
Und da her stammt der Name den du führest.

Dann folgt' ich Kaiser Conrad. Wackre Taten
Gewannen so mir seine Gunst, daß er
Den Gürtel seiner Ritterschaft mir schenkte.

Ich folgt' ihm nach zum Kampf mit des Gesetzes
Verkehrtheit, dessen Volk, was euer Recht ist,
Allein durch eurer Hirten Schuld, sich anmaßt.

Entfesselt von der trügerischen Welt,
In deren Lust viel Seelen sich beflecken,
Ward ich im Kampf mit jenem schnöden Volke

Und kam vom Martertod zu diesem Frieden.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 16
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 16

Wohl bist gering du, unsres Blutes Adel;
Doch wenn die Menschen hier sich deiner rühmen,
Wo Schwachheit unsre Neigungen bestimmt,

So soll's in Zukunft nimmer mich verwundern,
Da dort, wo nichts den Wunsch vom Rechten ablenkt,
Im Himmel sag' ich, deiner ich mich rühmte.

Du bist ein Mantel, der gar bald zu kurz wird;
Die Zeit bestutzt ihn rings mit ihrer Schere,
Tut man von Tag zu Tage nicht hinzu!

Dann fingen meine Worte mit dem »ihr«,
Das Rom einst zuließ, und in dem die Seinen
Am mindesten beharren, wieder an.

Da war in ihrem Lächeln Beatrice,
Die etwas ferner stand, der zu vergleichen,
Die bei Ginevra's erstem Fehl gehustet.

Und also hub ich an: Ihr seid mein Vater;
Zum Reden gebt ihr mir den vollen Mut,
Mich so erhebend, daß ich mehr als ich bin.

Mit Freudigkeit erfüllt aus so viel Bächen
Mein Herz ihr, daß es in sich jauchzet, weil es
So viele Lust erträgt und doch nicht berstet.

So sagt mir denn, ihr mein geliebter Urahn,
Von wem ihr abgestammt und welche Zahlen
Der Jahre man in eurer Kindheit schrieb.

Sagt mir auch von dem Schafsstall Sankt Johannis,
Wie groß er war, und nennt mir die Geschlechter,
Die wert der höchsten Sitze damals schienen. -

Wie bei der Winde Hauch entbrannte Kohlen
Lebend'ger sich entzünden, so erglänzte
Dies Licht bei meinen Schmeichelworten heller.

Und wie es meinem Auge sich verschönte,
So sprach's mit süßerer und sanftrer Stimme,
Doch nicht in dieser Sprache neurer Zeit,

Zu mir: Vom Tag' an dem gesagt ward: Ave
Zu dem, wo meine Mutter, die jetzt heilig,
Von mir, der Frucht, befreit ward, die sie trug,

Kam dieser Stern fünfhundertachtzigmal
Zu seinem Löwen, unter dessen Sohlen
Neu anzufachen seine Glut, zurück.

Es wohnten meine Alten, und zur Welt
Kam ich, wo wer eu'r Jahresrennen läuft
Zuerst betritt den letzten Stadtbezirk.

Von meinen Vordern möge dies genügen;
Wer sie gewesen und woher gekommen,
Verschweig' ich schicklicher als ich es sage.

Was zwischen Mars zu der Zeit und dem Täufer
Der Waffen fähig war, betrug ein Fünftel
Von denen, welche heutzutage dort leben.

Allein das Bürgerblut, das jetzt gemengt ist
Mit Campi, mit Fighine und Certaldo,
War damals rein im kleinsten Handwerksmann.

O wie viel besser wär's, wenn ihr zu Nachbarn
Die hättet, die ich nannt', und eure Grenze
Noch bei Trespiano wär' und beim Galluzzo,

Als innen sie zu haben, und den Stank
Des Aguglion zu tragen und des Signa,
Der schon nach wem, der ihn besteche, ausschaut.

Und hätten die nicht, die am schlimmsten sünd'gen,
Stiefmütterlich gehandelt an dem Kaiser,
Statt, wie den Sohn die Mutter, ihn zu hegen,

So hätte mancher, der als Florentiner
Nun kauft und verkauft, sich nach Simifonte
Gewandt, wo betteln ging sein Ältervater.

Dann hätten Montemurlo noch die Grafen,
Pivier d'Acon bewohnten noch die Cerchi,
Das Grevetal vielleicht die Buondelmonti.

Vermengung der Personen war von jeher
Die Ursach des Verderbens für die Städte,
Wie für den Leib was man zur Speis' ihm beut.

Es fällt geschwinder als ein blindes Lamm
Der blinde Stier, und mehr und besser schneidet
Ein Schwert gar manches Mal, als ihrer fünfe.

Beachtest Luni du und Urbisaglia,
Wie sie verkommen sind, und wie nach ihnen
Auch Sinigaglia schwindet so wie Chiusi,

So wird, wenn du vernimmst wie die Geschlechter
Vergehn, dich das nicht wundern, noch dir neu
Erscheinen, da auch Städt' ein Ende nehmen.

Dem Tod' ist all das eurige verfallen,
So wie ihr selbst; doch birgt sich das an Dingen
Die lange währen, ob des Lebens Kürze.

Und wie der Mondeshimmel durch sein Kreisen
Den Meeresstrand bald überschwemmt, bald aufdeckt,
So tut Fortuna mit dem Volk von Florenz.

Drum darf, was von den hohen Florentinern
Ich sagen werde, deren Ruf die Zeit
Verborgen hat, dir wunderbar nicht scheinen.

Schon sinkend, doch als hochgestellte Bürger,
Sah ich die Ughi, Greci, Catellini,
Filippi, Alberichi und Ormanni.

So alt als blühend sah ich, neben denen
Vom Haus della Sannella, die dell' Arca,
Die Soldanier, Ardinghi und Bostichi.

Die Ravignani, deren Stamm Graf Guido
Entsprossen ist, und jeder der am Namen
Des hohen Bellincione Teil hat, wohnten

Am Tore, das von neuer Büberei
So überladen jetzt ist, daß in kurzem
Man über Bord solch schlimme Ladung wirft.

Der della Pressa kannte schon die Kunst
Des Regiments, schon führte Galigajo
Vergoldet Heft und Degenknopf im Hause.

Schon waren mächtig die gescheckte Säule,
Sacchetti, Giuochi, Fifanti, Barucci,
Galli, und die des Scheffels halb erröten.

Der Stamm, aus dem erwuchsen die Calfucci,
War groß bereits, und zu des Staates Ämtern
Berief man Arrigucci schon und Sizj.

Wie sah so groß ich jene, deren Stolz
Sie dann gestürzt! Die goldnen Kugeln blühten,
Wo immer Florenz Großes unternahm.

Nicht minder taten es die Väter derer,
Die, wenn erledigt ist eu'r Bischofstuhl,
Sich mästen, weis sie sitzen im Kapitel.

Die übermüt'ge Brut, die den der fliehet
Mit Drachenwut verfolgt, doch gegen den,
Der Zähne oder Geld ihr weist, zum Lamm wird,

Kam schon empor, doch von geringem Volke,
Weshalb es Ubertin Donato kränkte,
Daß sie zu Vettern ihm sein Schwieher machte.

Schon waren gute Bürger Infangato
Und Giuda; Caponsacco war schon nieder
Von Fiesole auf unsren Markt gestiegen.

Unglaublich scheint es wohl, doch ist es wahr:
Das Tor, durch das man in den kleinen Kreis
Eintrat, es hieß nach denen della Pera.

Wer immer an dem schönen Schild des großen
Barones teilnahm, dessen Ruhm und Namen
Das Fest des heil'gen Thomas jährlich auffrischt,

Entnahm von ihm den Adel wie die Rechte,
Obwohl sich jetzt dem niedern Volke anschließt,
Der es umwindet mit dem goldnen Streifen.

Mehr Friede wäre jetzt im Borgo, hätten
Die Gualterotti und die Importuni,
Die schon bestanden, Nachbarn nicht erhalten.

Schon war mit den Genossen hochgeachtet
Das Haus, von welchem durch gerechten Zorn,
Der euch getötet und das frohe Leben

Bei euch beendet hat, eu'r Weinen ausging.
Zu welchem Unheil horchtest, Buondelmonte,
Du schlechtem Rat und miedest jener Hochzeit!

Froh wären manche, die nun traurig sind,
Wenn, als das erstemal zur Stadt du kamest,
Dich Gott der Ema überlassen hätte.

Doch wohl geziemte sich's daß solch ein Opfer
Dem Trümmerstein, der bei der Brücke wacht,
In seinem letzten Frieden Florenz brachte.

Mit diesen und mit anderen Geschlechtern
Sah Florenz ich in solcher Ruhe leben,
Daß ihm zum Klagen jeder Anlaß fehlte.

Mit solchen Bürgern sah so reich an Ruhme
Und so gerecht sein Volk ich, daß die Lilie
Niemals verkehrt gesteckt ward auf die Lanze

Und niemals rotgefärbt im Bürgerzwiste.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 17
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 17

Wie Wahrheit über das, was gegen ihn
Gesagt war, der von Klymene verlangte,
Der noch die Väter karg den Söhnen macht,

So fühlt ich mich und so verstand mich auch
Sowohl Beatrix, als die heil'ge Lampe,
Die meinethalb zuvor den Platz gewechselt.

Drauf meine Herrin: Laß des Wunsches Flamme
Hervor nur brechen; aber sei bedacht,
Daß sie gezeichnet sei vom innren Stempel.

Nicht daß sich unsre Kunde durch dein Wort
Vermehre; nein, damit du so den Durst
Zu künden dich gewöhnst, daß man dir schenke. -

Mein teurer Stamm, der du so hoch erhöht bist,
Daß, so wie Menschengeister sehn, im Dreieck
Sei für zwei stumpfe Winkel nimmer Platz,

So du die Dinge, die der Zufall lenket,
Bevor sie sind, hinschauend auf den Punkt
Erkennst, dem gegenwärtig jede Zeit ist;

Als ich noch mit Virgil verbunden war,
Den Berg hinauf, der Heilung bringt den Seelen,
Und niedersteigend in die Welt der Toten,

Vernahm ich über mein zukünft'ges Leben
Viel schwere Worte, ob ich mich auch gegen
Des Schicksals Schläge wohlgekantet fühle.

Drum würde mir's Befriedigung gewähren,
Zu hören, welches Schicksal mich erwartet;
Vorhergesehner Pfeil trifft minder heftig. -

So sprach ich zu dem Lichte, das zuvor
Mit mir geredet, und gestanden hatt' ich
Nun meinen Wunsch, wie Beatrice wollte.

Und nicht mit Umschweif, wie die tör'gen Völker
Sich drin verstrickten, ehe das Lamm Gottes
Getötet war, das alle Sünde trägt;

Mit klarem Wort und in bestimmter Rede
Erteilte Antwort jene Vaterliebe,
In's eigne Licht gehüllt und aus ihm leuchtend:

Des Zufalls Wechselspiel, das sich nicht weiter
Erstreckt als wie eu'r Stoff, vollständig liegt es
Vor Gottes Aug' im voraus abgebildet;

Jedoch Notwendigkeit erhält es davon
So wenig, als vom Auge, drin sich's spiegelt,
Ein Schiff das mit dem Strom zu Tale fährt.

Von dort empfang ich, sowie von der Orgel
Zum Ohre süße Harmonie gelangt,
In das den Einblick, was dir noch bevorsteht.

Wie wegen seiner argen, unbarmherz'gen
Stiefmutter Hippolyt Athen verließ,
Also wirst Florenz du verlassen müssen.

Das wünscht man dort, das will man dort erreichen
(Und bald wird was man dort bezweckt erfolgen),
Wo Christum man verkauft von Tag zu Tage.

Auf den Gekränkten wird im Mund der Leute
Das Unrecht fallen; doch es wird der Wahrheit
Der Zeugnis geben, der die Rache austeilt.

Was dir am liebsten ist, das wirst du alles
Verlassen, und das ist der erste Pfeil,
Den der Verbannung Bogen auf dich schleudert.

Dann wirst du fühlen, wie das fremde Brot
So salzig schmeckt, und welch ein harter Pfad ist
Die fremden Treppen auf- und abzusteigen.

Was dir die Schultern mehr noch wird beschweren,
Ist die nichtsnutz'ge schmähliche Gesellschaft,
Mit der du fallen wirst in diese Schlucht.

In allem töricht, undankbar und schlecht
Wird gegen dich sie sein; doch ihre Schläfe,
Nicht deine, werden bald darob sich röten.

Wie sehr sie Bestien gleicht, das wird ihr Fortgang
Beweisen, und zum Ruhm wird dir gereichen,
Daß du dir für dich selbst Partei gebildet.

Die erste Zuflucht und die erste Herberg'
Wird dir der mächtige Lombarde bieten,
Der auf der Leiter führt den heil'gen Vogel.

So gütig wird er gegen dich gesinnt sein,
Daß unter euch an Bitten und Gewähren,
Was sonst das spätre ist, das erste sein wird.

Mit ihm wirst den, der dieses starken Sternes
Eindruck bei der Geburt so sehr erfahren,
Daß was er tun wird Staunen weckt, du sehn.

Noch hat die Welt, ob seines zarten Alters
Ihn nicht bemerkt, denn diese Räder haben
Erst seit neun Jahren sich um ihn gedreht;

Doch eh' den hohen Heinrich der Gascogner
Verrät, wird an des Geldes und der Mühen
Nichtachtung Funken seines Wert's man sehen.

So wird von seiner Großmut sich die Kunde
Verbreiten, daß sogar der Feinde Zungen
Darüber stumm zu bleiben nicht vermögen.

Auf ihn vertrau' und das was er dir tun wird;
Verwandelt wird durch ihn das Los von vielen,
Indem er Arme reich macht, arm die Reichen.

Was du von ihm vernahmst, das trag' im Geiste
Mit fort; doch sage nichts. - Und Ding' erzählt' er,
Unglaublich denen selbst, die's einst erleben.

Dann fuhr er fort: Mein Sohn, das sind die Glossen
Zu dem was dir gesagt ward, das die Schlingen,
Die wen'ger Jahre Kreislauf noch verbirgt.

Doch sollst du deine Nachbar'n nicht beneiden;
Denn länger währt die Zukunft deines Lebens,
Als ihrer Missetaten Strafe reicht. -

Als nun die heil'ge Flamme durch ihr Schweigen
Bezeigte, daß sie des Gewebes Einschlag
Vollendet, das gezettelt ich ihr darbot,

Begann ich, einem gleich, der, selber zweifelnd,
Von jemand Rat begehrt, der rechten Willen
Und Einsicht hat, und der zugleich ihm wohl will:

Ich sehe wohl, mein Vater, daß die Zeit
Auf mich heranstürmt, um mich so zu schlagen,
Wie der am schwersten fühlt, der sich ergibt.

Drum tu' ich gut, mit Vorsicht mich zu waffnen,
Daß, wenn der Orte liebster mir geraubt wird,
Ich durch mein Lied die andren nicht verscherze.

Dort unten in der endlos bittren Welt
Und auf dem Berg', von dessen schönem Gipfel
Die Augen meiner Herrin mich erhoben,

Und dann im Himmel hier von Licht zu Lichte
Vernahm ich, was, im Fall ich's wiedersage,
Nach herber Säure schmecken wird für viele.

Und, bin ich furchtsam in der Wahrheit Freundschaft,
So fürcht' ich, geht das Leben mir bei denen
Verloren, welchen alt heißt diese Zeit. -

Das Licht, in dem mein dort gefundnes Kleinod
Mir lächelte, erglänzte erst so hell
Wie in der Sonne Strahl ein goldner Spiegel;

Dann gab es mir zur Antwort: Ein Gewissen,
Das eigne oder fremde Schuld befleckt,
Wird deines Wortes Herbigkeit empfinden.

Doch soll dich das nicht hindern, ungeschminkt
Vollständig dein Gesicht zu offenbaren,
Und wer dann räudig ist, den laß sich kratzen.

Wird deines Wort's anfänglicher Geschmack
Auch lästig sein, so wird es, wenn verdaut,
Dem Hörer Lebensnahrung hinterlassen.

Es wird dein Ruf dem Winde gleichen, welcher
Am heftigsten die höchsten Gipfel trifft,
Und zu nicht kleinem Ruhm wird das gereichen.

Gezeigt sind deshalb dir in diesen Rädern,
Den Berg herauf und in dem Tal der Schmerzen
Nur Seelen, welche durch den Ruf bekannt sind;

Denn nicht befriedigt, noch überzeugt
Des Hörers Geist ein Beispiel, dessen Wurzel
Ihm unbekannt ist und verborgen blieb,

Noch sonst ein Grund, der nicht in's Auge fällt. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 18
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 18

Schon freute seines Wort's der sel'ge Spiegel
Sich nun allein, und im Geschmack des meinen
Ermäßigt' ich das Herbe mit dem Süßen.

Und jene Herrin, die zu Gott mich führte,
Sie sprach: Laß ab von Sorgen, und bedenke,
Daß dem, der jedes Unrecht sühnt, ich nah bin. -

Auf deren, die mein Trost ist, liebend Wort
Wandt' ich den Blick; doch welche Lieb' ich damals
In ihren heil'gen Augen sah, verschweig' ich.

Nicht nur, daß meiner Rede ich mißtraue,
Nein, auch weil das Gedächtnis, ungeleitet,
Sich über sich so hoch nicht schwingen kann.

Berichten kann von diesem Augenblicke
Ich nur, daß, sie anschauend, mein Verlangen
So lange frei von jedem andren Wunsch war,

Als mich die ew'ge Wonne, die Beatrix
Unmittelbar bestrahlt', im Wiederscheine
Aus ihrem schönen Angesicht beglückte.

Durch eines Lächelns Leuchten mich besiegend
Sprach sie zu mir: Nun wende dich und höre;
Nicht nur in meinem Aug' ist Paradies. -

Und wie man hier, ist der Affekt so groß,
Daß er in Anspruch nimmt die ganze Seele,
Ihn manchmal ausgedrückt sieht in den Zügen,

So konnt' ich in des heil'gen Glanzes Flammen,
Zu dem ich mich gewandt, den Wunsch erkennen,
Noch etwas weiteres mit mir zu reden.

Und er begann: Auf dieser fünften Stufe
Des Baums, der aus dem Gipfel Nahrung zieht,
Der immer Frucht bringt und das Laub nie abwirft,

Sind sel'ge Geister, die, bevor der Himmel
Sie aufnahm, drunten solchen Ruf genossen,
Daß jeder Muse reichen Stoff sie böten.

So schau' nun auf die Arme dieses Kreuzes,
Und jeden, den ich nenne, wirst du tun sehn,
Wie in der Wolke tut ihr schnelles Feuer. -

Da sah ein Licht ich durch das Kreuz hin eilen,
Sobald der Name Josua's genannt ward,
Und früher als mein Sehn war nicht das Hören.

Und bei des hohen Makkabäers Namen
Sah wirbelnd ich ein andres sich bewegen,
Und innre Freude war des Kreisels Peitsche.

Bei dem des großen Karl und Roland's folgte
Mein aufmerksamer Blick zwei andren dann,
Wie seinem Falk' im Fluge folgt das Auge.

Dann zogen Wilhelm und dann Rennewart
Und Herzog Gottfried, sowie Robert Guiscard
Mein Aug' entlang den Armen jenes Kreuzes.

Drauf zeigte mir, vereint sich mit den andren
Bewegend, jenes Licht das zu mir sprach,
Wie es im Himmelschor ein Künstler sei.

Ich wandte mich zu meiner rechten Seite,
Um in Beatrix' Reden oder Miene
Zu lesen, was mir nun zu tun gebühre.

Und solchen Glanzes sah ich, sah so freudig
Ihr Auge, daß die Schönheit ihres Aussehns
Die früh'ren übertraf und selbst die letzte.

Und wie der Mensch an größrer Freudigkeit
Im Gutestun von Tag zu Tag gewahr wird,
Daß für die Tugend ihm die Kräfte wachsen,

Also erkannt' ich, größer sei der Bogen
Geworden, drin ich mit dem Himmel kreis'te,
Weil soviel schöner ich dies Wunder schaute.

Wie einer Jungfrau weißes Antlitz schnell
Die Farbe wechselt, wenn von ihren Wangen
Die Scham verschwindet, welche sie gerötet,

So war's vor meinem Aug', als ich mich wandte
Des weißen Lichts des sechsten Sternes wegen,
Der milder strahlend mich nun aufgenommen.

Ich sah in jener Fackel Jupiters
Das Funkensprühn der Liebe, die dort weilte,
Vor meinen Augen Menschenrede zeichnen.

Wie Vögel, die vom Ufer sich erheben,
Als freuten sie der Atzung sich gemeinsam,
In Linien bald und bald im Kreis sich scharen,

So sangen jene heiligen Geschöpfe,
In ihren Lichtern hin und wieder fliegend,
Ein D erst bildend, dann ein I und L.

Erst tanzten sie nach ihres Sanges Takte,
Dann wurden sie das eine jener Zeichen,
Dann hielten sie ein wenig ein und schwiegen.

O Pegasea, Göttin, die den Geistern
Du Ruhm verleihst und Leben langer Zeiten,
Wie sie durch dich den Städten und den Reichen,

Erhelle mich aus dir, daß ihre Bilder,
Wie ich sie aufgefaßt, ich wiedergebe;
Es leuchte deine Kraft aus meinen Versen.

In fünfmal sieben Konsonanten und
Vokalen zeigten sie sich, und ich merkte
Die Teile, wie sie mir zu lauten schienen.

Diligite justitiam, das waren
Der ganzen Rede erstes Zeit- und Hauptwort,
Die mit qui judicatis terram schloß.

Und zu dem M des fünften Wort's geordnet,
Beharrten sie, so daß dort Jupiter
Mit Golde eingelegtes Silber schien.

Und andre Lichter sah ich auf der Höhe
Des M sich niederlassen, und, lobsingend
Dem Gut, das sie zu sich zieht, glaub' ich, weilen.

Dann schienen mir, wie bei entbrannter Scheite
Zusammenstoß unzähl'ge Funken sprühn
(Woraus die Narr'n sich künft'ges Glück verkünden),

Von dort wohl tausend Lichter aufzusteigen,
Die einen niedriger, die andren höher,
Wie es die Sonn', in der sie brennen, wollte.

Und als an seinem Ort nun jedes ruhte,
Sah eines Adlers Hals und Kopf dies Feuer
Ich auf dem weißren Hintergrunde bilden.

Der dorten malt, hat niemand der ihn leite;
Er aber leitet, und nur ihm entstammt
Die Kraft, die Formen bildet in den Nestern.

Die andre sel'ge Schar, die erst zufrieden
Schien, sich dem M zur Lilie anzufügen,
Schloß der Gestaltung, schwach bewegt, sich an.

Wieviel und was für edle Steine zeigten
Mir menschliche Gerechtigkeit als Wirkung
Des Himmels, den du schmückst, o schöner Stern!

So bitt' ich denn den Geist, von dem dein Kreisen
Herstammt und deine Kraft, daß er den Ursprung
Des Rauch's, der deine Strahlen trübt, erwäge,

So daß er ob des Kaufens und Verkaufens
Im Tempel, der durch Wunder und durch Martern
Gemauert ward, auf's neu' in Zorn entbrenne.

O bitte du, des Himmels Kriegerschar
Die ich betrachte, für die Erdbewohner,
Die in die Irre schlechtes Beispiel führte.

Einst pflegte mit dem Schwert man Krieg zu führen;
Jetzt tut man's, da und dort das Brot entziehend,
Das keinem Kind versagt ein frommer Vater.

Du aber, der nur schreibt um auszustreichen,
Bedenk, daß Petrus noch und Paulus leben,
Die für den Weinberg, den du schädigst, starben.

Wohl kannst du sagen: So steht mein Verlangen
Nach dem nur, der die Einsamkeit erwählte,
Und dem den Martertod das Tanzen brachte,

Daß ich nicht Fischer und nicht Paulus kenne.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 19
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 19

Das schöne Bild, das die vereinten Seelen
Im freudigen Genuß befriedigte,
Erschien vor mir mit ausgespannten Flügeln,

Und ein Rubin zu sein schien eine jede,
In welchem so das Licht der Sonne brannte,
Daß es zurückgestrahlt ward in mein Auge.

Das aber, was mir nun zu schildern obliegt,
Sprach keine Zunge je, schrieb keine Feder,
Und Phantasie hat nimmer es gestaltet.

Denn reden sah und hört' ich jenen Schnabel
Und »ich« und »mein« in seiner Rede sagen,
Wo die Bedeutung »wir« und »unser« war.

Und er begann: Weil ich gerecht und fromm bin,
Ward ich hierher erhöht zu dieser Glorie,
Die mehr gewährt als je ein Wunsch erstrebte.

Zurück auf Erden ließ ich solch Gedächtnis,
Daß zwar die argen Völker es beloben,
Doch der Geschichte Beispiel schlecht befolgen. -

So wie nur eine Glut aus vielen Kohlen
Man brennen fühlt, so ging aus diesem Bilde
Von vielen Liebenden ein Ton nur aus.

Drauf sagt' ich: O unwandelbare Blumen
Der ew'gen Freude, die all' eure Düfte
Ihr mich empfinden laßt, als wär' es einer,

O macht mit eurem Hauch dem großen Fasten
Ein Ende, das durch Hunger lang' mich quälte,
Weil Speise dafür nicht die Erde bot.

Wohl weiß ich, ist der Himmelreiche eines
Ein Spiegel göttlicher Gerechtigkeit,
So sieht das eurige sie ohne Schleier.

Ihr wißt, wie aufmerksam ich mich bereite,
Euch zuzuhören, wißt auch, welcher Zweifel
Der Inhalt meines alten Hungers ist. -

So wie der Falke, nimmt man ihm die Kappe,
Den Kopf bewegt und mit den Flügeln schlägt,
Indem er Jagdlust zeigt und sich herausputzt,

So sah ich unter Liedern, die nur kennt
Wer dort beseligt ist, den Adler tun,
Der ganz aus Lob von Gottes Huld bestand.

Alsdann begann er: Der bis zu den Enden
Der Welt den Zirkel schlug, und der in ihr
So viel des Dunkeln schied vom Offenbaren,

Vermochte nicht, in das gesamte Weltall
So seine Kraft zu prägen, daß sein Wort
Es nicht unendlich weit noch überragte.

Beweis davon ist, daß der erste Stolze,
Der doch der Kreaturen höchste war,
Aus Ungeduld nach Licht so schmählich fiel.

Es folgt hieraus, daß jedes kleinre Wesen
Ein kärgliches Gefäß des Gutes ist,
Das, schrankenlos, sich selber nur zum Maß dient.

So kann denn unser Blick, der von den Strahlen
Des Geistes, dessen alle Dinge voll sind,
Ein einzelner nur sein kann, nie aus eigner

Natur vermögend sein, soviel zu schauen,
Daß nicht sein Urgrund noch viel tiefer dränge,
Als was in seiner Macht steht zu erkennen.

Drum in die ewige Gerechtigkeit
Dringt so der Blick ein, der der Welt gewährt ist,
Wie auf des Meeres Grund das Auge dringt.

Wohl sieht es nahe ihn dem Küstensaume,
Doch nicht im hohen Meer, und dennoch ist er
Vorhanden; nur daß seine Tief' ihn birgt.

Was von dem Himmel, dessen Blau nie dunkelt,
Nicht herkommt, ist kein Licht, ist Finsternis,
Ist fleischgeborner Schatten oder Gift.

Nun ist die dunsle Schlucht dir aufgehellt,
Die die lebendige Gerechtigkeit
Dir barg und dich bewog zu soviel Fragen.

Du sagtest, an des Indus Ufer wird
Ein Mensch geboren; aber dort ist niemand
Der redet, oder liest und schreibt von Christo.

Doch ist in allem was er will und tut
Nach menschlichem Begriff er gut zu nennen,
Im Leben wie in Worten ohne Sünde;

So stirbt er ungetauft und ohne Glauben.
Ist's nun Gerechtigkeit, ihn zu verdammen?
Wo ist denn seine Schuld, wenn er nicht glaubte?

Wer bist denn du, der auf den Richterstuhl
Dich setzen willst, um auf viel tausend Meilen
Zu richten, und dein Blick reicht keine Spanne?

Wohl hätte, wer mit mir so feine Fragen
Ergründen wollte, Grund zu schwerem Zweifel,
Wenn über euch die heil'ge Schrift nicht stünde.

Ihr Tiere ird'schen Stoff's, ihr stumpfen Geister;
Der höchste Wille, welcher gut an sich ist,
Entfernt sich nie von sich, dem höchsten Gute.

Was ihm entsprechend ist, das ist gerecht.
Ihn an sich ziehn kann kein erschaffnes Gut,
Er aber ist, ausstrahlend, dessen Ursach. -

Sowie der Storch, nachdem er seine Jungen
Gefuttert, über seinem Neste kreist,
Und die Gesättigten zu ihm emporschaun,

So tat das benedeite Bild, die Flügel
Im Einklang vielfachen Entschlusses regend,
Und so schlug ich zu ihm die Wimpern auf.

Im Kreise schwang es singend sich und sprach:
Wie mein Gesang dir unverständlich bleibt,
So ist's das ewige Gericht euch Menschen. -

Zur Ruhe kehrten dann die lichten Brände
Des heil'gen Geistes wieder in dem Zeichen,
Durch das die Welt den Römern Ehrfurcht zollte.

Dann fuhr es fort: Es stieg zu diesem Reiche
Nie jemand auf, der nicht an Christum glaubte,
Sei's eh' man ihn ans Holz schlug oder nachher.

Doch sieh, gar viele rufen: Christe, Christe!
Die im Gericht ihm werden minder nah sein,
Als mancher, der von Christo nichts vernommen.

Und manchen Christen wird der Mohr verdammen,
Wenn die zwei Scharen einst geschieden werden,
Die eine ewig reich, und arm die andre.

Was können nicht die Perser euren Kön'gen
Vorhalten, wenn das Buch sie offen sehn,
Drin deren Sünden alle sind geschrieben.

Drin wird man lesen unter Albrechts Taten
Die welche bald bewegen wird die Feder,
So daß verödet bleibt das Prager Reich.

Das Unheil wird man sehn, das an der Seine
Durch seine Münzverfälschung der herbeiführt,
Der sterben wird von eines Hauers Stoße.

Man wird den Stolz sehn der den Engelländer,
Den Toren, gleich dem Schotten so erfüllt,
Daß ihre Schranken sie nicht dulden wollen.

Man wird die Wollust und die Weichlichkeit
Des Spaniers sehen, sowie die des Böhmen,
Der Tüchtigkeit nie kannt' und nie gewollt hat.

Dort wird dem Ciotto von Jerusalem
Mit I man seine Güte, doch mit M
Das Gegenteil ihm angezeichnet finden.

Man wird den Geiz, die niedrige Gesinnung
Des Hüters von der Feuerinsel sehn,
Auf der Anchises schloß sein langes Leben.

Und um zu zeigen, wie gering er ist,
Wird seine Schrift mit abgekürzten Lettern
Verfaßt, die viel in wenig Raume sagen.

Des Oheims und des Bruders schmutz'ge Taten
Wird jeder sehn, die solch ein edles Volk,
Sowie zwei Kronen, tief herabgewürdigt.

Den Portugiesen wird und den Norweger
Man dort erkennen, sowie den von Rascien,
Der, sich zum Unheil, sah Venedig's Stempel.

Ein Glück für Ungarn, läßt es sich nicht länger
Mißhandeln; glücklich auch Navarra, braucht es
Als Waffe das Gebirg, das es umgürtet.

Erkenne jeder, daß zum Zeichen dessen
Schon Nicosia sowie Famagosta
Laut über ihre Bestie murr'n und klagen,

Die von der andren Flanke sich nicht losmacht. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 20
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 20

Wenn der Planet, der Licht dem Weltall spendet,
Von unsrer Hemisphäre niedersteigt,
So daß der Tag auf allen Seiten schwindet,

So schimmert bald der Himmel, der zuvor
Von ihm allein entbrannt war, in viel Lichtern,
In denen allen nur das eine glänzt.

An solche Himmelswandlung mußt' ich denken,
Als das Panier der Welt und seiner Führer
Nun mit dem benedeiten Schnabel schwieg.

Denn alle die lebend'gen Lichter stimmten,
Nun heller als zuvor, Gesänge an,
Die mein Gedächtnis nicht bewahren konnte.

Die du dich hüllst in Lächeln, süße Liebe,
Wie glühend hört' ich dich in jenen Flöten,
Die nichts als heilige Gedanken hauchten.

Nachdem die teuren leuchtenden Juwele,
Womit geschmückt das sechste Licht ich sah,
Die Engelglockentöne schweigen hießen,

Glaubt' eines Flusses Murmeln ich zu hören,
Der klar herniederfällt von Fels zu Felsen,
Die Wasserfülle seines Quell's bewährend.

Und, wie der Klang Gestalt am Hals der Zither
Gewinnt, und wie die Luft, die durch sie hinzieht,
Zum Ton wird an der Mündung der Schalmei,

So stieg, ein weitres Säumen nicht erwartend,
Des Adlers Murmeln in dem Hals' empor,
Wie wenn er ausgehöhlt zur Gurgel wäre.

Zur Stimme wird es dort, und aus dem Schnabel
Trat es hervor in Form von Worten, wie
Das Herz, drin ich sie aufschrieb, es vermutet:

Aufmerksam sollst du nun, also begann er,
Den Teil von mir, der Sehkraft hat, beschauen,
Und der die Sonn' erträgt an euren Adlern;

Denn von den Flammen all, die mich gestalten
In Stufen mannigfach, sind die die höchsten,
Von denen mir im Haupt das Auge funkelt.

Der mir inmitten als Pupille leuchtet,
Er war des heil'gen Geistes Sänger, der
Die Bundeslade trug von Ort zu Orte.

Nunmehr erkennt er seines Lied's Verdienst,
Soweit aus seinem Ratschluß es hervorging,
Durch die Belohnung, welche gleiches Maß hält.

Von Fünfen, die sich mir zur Braue biegen,
Hat, der dem Schnabel mir der nächste ist,
Getröstet wegen ihres Sohn's die Witwe.

Nun sieht er ein, wie, Christo nicht zu folgen
So teuer kostet, da dies süße Leben
Er, wie zuvor sein Gegenteil erfahren.

Und der nun in des Bogens höchster Wölbung,
Von dem ich rede, nachfolgt, hat den Tod
Hinausgeschoben durch wahrhafte Buße.

Nun sieht er ein, daß sich gerechter Ratschluß
Nicht ändert, möge auch gerechtes Bitten
Zu Morgigem dort unten Heut'ges machen.

Es machte, der nun folgt, mit den Gesetzen
Und mir, in guter, schlecht belohnter, Absicht
Dem Hirten Raum zu geben, sich zum Griechen.

Nunmehr erkennt er, wie das Unheil, welches
Aus seiner guten Tat floß, ihm nicht schadet,
Obwohl die Welt dadurch zugrunde ging.

Und den du in des Bogens Neigung siehst,
War jener Wilhelm, den das Land betrauert,
Das über Karl und Friedrich weint, die leben.

Nun sieht er ein, wie den gerechten König
Der Himmel liebt, und dessen gibt er Zeugnis
Durch seines Glanzes helleres Entflammen.

Wer glaubte wohl in eurer Welt voll Irrtum,
Daß von den heil'gen Lichtern dieser Rundung
Das fünfte Ripheus, der Trojaner, sei!

Gar viel erkennt er nun von Gottes Gnade,
Was unsichtbar dem Menschenauge bleibt,
Obwohl auch sein Blick nicht den Grund erreicht. -

Der Lerche gleich, die in die Luft sich schwingend
Erst singt, dann aber, von der letzten Wonne,
Die ihr Genüge tut, befriedigt, schweigt,

Also befriedigt däuchte mir dies Bild
Des Abdrucks ew'ger Wonne, durch das Sehnen
Nach welcher jedes Ding wird was es ist.

Und, war ich gleich für meinen Zweifel dort
Wie Glas der Farbe, die es überkleidet,
Ertrug er's doch nicht, schweigend zu erwarten.

Und aus dem Munde trieb durch seine Schwere
Er: Was für Dinge sind das? - mir hervor,
Weshalb, auflodernd, Freude mir bezeigt ward.

Drauf gab zur Antwort, noch entflammt'ren Auges,
Das benedeite Sinnbild mir, um länger
Mich in des Staunens Schwebe nicht zu halten:

Ich sehe wohl, du glaubst was du vernommen,
Weil ich's gesagt; doch du erkennst den Grund nicht,
So daß, obwohl geglaubt, dir's dunkel bleibt.

Du gleichest einem, dem der Sache Namen
Bekannt ist; doch der ihre Wesenheit
Nicht sieht, bis sie ihm kund ein andrer tut.

Gewalt erleidet durch lebend'ge Hoffnung
Und heiße Liebesglut das Himmelreich;
Denn sie besiegen auch den Willen Gottes.

Nicht wie ein Mensch dem andern obsiegt; sondern
Weil er besiegt sein will wird er besiegt,
Und so besiegt, siegt er durch seine Gnade.

Der Braue erstes sowie fünftes Leben
Macht dich erstaunen, weil mit ihnen beiden
Du ausgestattet siehst das Reich der Engel.

Doch nicht als Heiden, wie du wähnst; sie ließen
Den Leib als Christen, an die Füße glaubend,
Die schon gelitten, oder leiden sollten.

Heim zum Gebeine kehrte aus der Hölle,
Wo niemand Gutes wollen kann, der eine,
Und das war Lohn für lebenskräft'ge Hoffnung:

Für jene Hoffnung, die auf die Gebete,
Daß Gott ihn auferweck' und sich sein Wille
Zum Glauben wenden könne, fest vertraute.

So kehrt' auf kurze Zeit in's Fleisch zurück
Die ruhmgekrönte Seele, die ich meine,
Und glaubt' an den, der Hilf' ihr geben konnte.

Und glaubend brannte sie in solchem Feuer
Wahrhaft'ger Liebe, daß beim zweiten Tode
Sie zugelassen ward zu diesen Spielen.

Die andre richtete aus Gnadenwirkung
So tiefer Quelle, daß das Auge keines
Geschöpfes je zur ersten Welle drang,

All ihre Liebe auf Gerechtigkeit;
Weshalb den Blick von Gnade ihr zu Gnade
Der künftigen Erlösung Gott erschloß.

So glaubte sie an jene, und von da an
Trug sie nicht mehr den Stank des Heidentumes
Und schalt darob die irrenden Geschlechter.

Wohl tausend Jahr und länger vor dem Taufen
Vertraten die drei Frau'n des rechten Rades,
Die du gesehn hast, ihr der Taufe Stelle.

O Gnadenwahl, wie doch so weit entlegen
Ist deine Wurzel von den Blicken deren,
Die nicht die erste Ursach ganz erkennen!

Ihr Sterblichen indes, enthaltet euch
Zu richten, denn selbst wir, die Gott wir schauen,
Wir kennen doch nicht all' die Auserwählten.

Und dies Nichtwissen süß bedünkt es uns;
In solchem Heil erhöht sich unser Heil noch,
Denn Gottes Willen ist auch unser Wollen. -

So ward von jenem göttlichen Gebilde
Mein Auge, das kurzsicht'ge, zu erleuchten,
Mir Arzenei voll Süßigkeit gereicht.

Und wie des Sängers Lied der Saitenspieler
Begleitet mit den Schwingungen der Saite,
Wodurch erhöht wird des Gesanges Wohlklang,

Sah während dieser Rede ich die beiden
Gebenedeiten Lichter, mit den Worten
Zusammenstimmend, wie der Augen Blinken

Zusammenstimmt, bewegen ihre Flämmlein.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 21
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 21

Die Augen hatt' ich und zugleich die Seele
Dem Antlitz meiner Herrin zugewendet
Und sie entzogen jedem andren Ziele.

Doch lächelte sie nicht: Denn, lächelt' ich,
Also begann sie, würde dir geschehen,
Wie Semele, als sie zu Asche wurde.

Es leuchtet meine Schönheit, die, wie du
Gesehn, des ewigen Palastes Stufen
Hinan sich immer strahlender entzündet,

Jetzt so, daß wenn sie ungemildert bliebe,
Dem Laub dein sterbliches Vermögen gliche,
In das ein Wetterstrahl herniederfährt.

Entrückt sind wir zum siebenten Planeten,
Der unter des entflammten Löwen Brust,
Vermischt mit ihm, jetzt seine Kraft entsendet.

Nun folge sorglich mit dem Geist den Augen
Und mache sie zu Spiegeln von dem Bilde,
Das dir erscheinen wird in diesem Spiegel. -

Wer wüßte, welche Wonne meinen Blicken
Das Schau'n des sel'gen Angesichtes bot,
Als ich mich doch zu andrer Sorge wandte,

Der sähe draus, wie gern bereit ich war,
Der himmlischen Begleiterin zu folgen,
Wög' er die ein' und andre Seite ab.

In dem Kristalle, der die Welt umkreisend
Den Namen seines hohen Führers trägt,
Zu dessen Herrscherzeit die Bosheit tot war,

Sah in des Goldes Farbe, das ein Strahl
Bescheint, ich eine Leiter aufgerichtet,
So hoch, daß sie mein Auge nicht verfolgte.

Die Sprossen sah so mannigfachen Glanz
Ich niedersteigen, daß jedwedes Licht
Des Himmels dort ich ausgestreuet wähnte.

Und wie, natürlicher Gewohnheit folgend,
Die Kräh'n bei Tagesanbruch sich gemeinsam,
Die kalten Federn zu erwärmen, regen,

Dann diese gehn, nicht wieder umzukehren,
Zurück zum Ausgangspunkte andre fliegen,
Noch andre weilend sich im Kreise drehn,

Also zu tun schien jenes Lichtgefunkel,
Das auf und ab dort stieg, sobald zu einer
Bestimmen Sprosse sie gekommen waren.

Das Licht indes, das uns am nächsten weilte,
Erglühte so, daß bei mir selbst ich dachte:
Die Liebe seh' ich wohl, die du mir kündest. -

Doch sie, von welcher ich das wie und wann
Des Schweigens und der Red' erwart', ist stumm,
Weshalb ich trotz des Wunsches besser schweige.

Sie aber, die mein Schweigen in dem Anschaun
Von dem gewahrte, welcher alles sieht,
Sie sagte: Löse nur dein heiß Verlangen. -

Und ich begann: Wohl macht mich mein Verdienst
Nicht deiner Antwort wert; doch ihretwillen,
Die mir vergönnt zu fragen, sel'ges Leben,

Das in den Glanz der eignen Freudigkeit
Du dich verbirgst, verkünde mir die Ursach,
Die dich so nahe zu mir hergeführt,

Und sage mir, warum in diesem Kreise
Die süße Symphonie des Himmels schweigt,
Die in den andren so andächtig tönte? -

So wie dein Aug', ist sterblich dein Gehör,
Sagt' er; derselbe Grund, der Beatrice
Nicht lächeln ließ, verhindert unser Singen.

Der heil'gen Leiter Stufen stieg so weit ich
Hinab, durch meine Rede und das Licht
Das mir als Mantel dient dich zu erfreuen.

Nicht größ're Liebe machte mich bereiter,
Denn, wie der Glanz der Lichter zeigt, entflammt
Auch andre Seelen mehr und gleiche Liebe.

Doch, die uns zu bereiten Dienerinnen
Vom Ratschluß der die Welt regieret, macht,
Die hohe Liebe ist es, die hier auswählt. -

Ich sehe wohl, begann ich, heil'ge Leuchte,
Wie freie Lieb' an diesem Hofe ausreicht,
Um was die Vorsehung bestimmt, zu wollen;

Was aber schwer mir zu begreifen dünkt,
Das ist, warum nur du vorherbestimmt wardst
Zu solchem Amte vor so viel Genossen. -

Es machte, eh' ich noch zum letzten Worte
Gelangt, dies Licht zum Zentrum seine Mitte,
Um die sich's drehte, gleich geschwinder Mühle.

Dann sprach die Liebe, die darinnen weilte:
Ein Strahl von Gottes Licht kehrt sich zu mir;
Das Licht durchdringend, welches mich umhüllt.

Indem mich seine Kraft mit meinem Schauen
Verbunden über mich erhebt, gewahr' ich
Die höchste Wesenheit, aus der es stammt.

Da her die Freudigkeit in der ich leuchte;
Denn nach dem Maß der Klarheit meines Schauens
Bestimmt sich auch die Klarheit meiner Flamme.

Doch die verklärteste der Himmelsseelen,
Der Seraph, der sein Aug' in Gott versenkt,
Genügen kann er deiner Frage nicht;

Denn in den Abgrund ewigen Beschlusses
Vertieft sich, was du wissen willst, so weit,
Daß kein erschaffner Blick bis dahin vordringt.

Berichte, wenn du heimkehrst, dies der Welt
Der Sterblichen, daß sie sich nicht erkühne,
Nach solchem Ziele hin den Fuß zu heben.

Auf Erden qualmt der Geist, wenn hier er leuchtet;
Erwäge denn, ob drunten er vermag,
Was ihm versagt bleibt auch als Himmelsbürger. -

So fühlt' ich mich gehemmt durch seine Worte,
Daß ich die Frage aufgab und in Demut
Ihn, wer er sei zu fragen mich beschränkte:

Inmitten von Italiens beiden Ufern
Erheben, unfern deiner Heimat, Felsen
So hoch sich, daß die Donner tiefer rollen.

Den Höcker, den sie bilden, nennt man Catria;
Ein Eremitenkloster liegt darunter,
Bestimmt nur zu andächtiger Betrachtung. -

Also begann er seine dritte Rede;
Dann aber fuhr er fort und sprach: Im Dienste
Des Herrn befestigt' ich mich dort so sehr,

Daß ich bei Speisen, nur mit Saft des Ölbaums
Bereitet, Frost und Hitze leicht ertrug,
Befriedigt von beschaulichen Gedanken.

Wohl lieferte dies Kloster unsren Himmeln
Sonst reiche Ernte; doch nun ist's verweltlicht,
So sehr daß bald es allen offenbar wird.

Im Kloster hieß ich Petrus Damianus;
Petrus peccator aber in dem Hause
Von unsrer Frau am Strand der Adria.

Nur wenig Lebenszeit war mir geblieben,
Als zu dem Hute man mich lud und drängte,
Den nach dem Schlechten meist ein Schlecht'rer trägt.

Einst gingen Kephas und das große Rüstzeug
Des heil'gen Geistes mager her und schuhlos,
Die Speise nehmend aus jedweder Herberg';

Die Hirten unsrer Zeit bedürfen rechts
Und links, wer sie geleit' und unterstütze,
So schwer sind sie, und wer die Schleppe trage.

Den Zelter auch bedecken ihre Mäntel,
So daß in einem Fell zwei Bestien stecken.
O göttliche Geduld, wie lang' erträgst du's? -

Bei dieser Rede sah ich viele Flämmlein
Die Stufen niedersteigen und sich drehn,
Und schöner machte sie jedwede Drehung.

Um ihn gesammelt ruhten sie dann alle
Und taten einen Schrei so mächt'gen Tones,
Daß sich ein Gleichnis hier nicht finden läßt.

Verstehn konnt' ich ihn nicht, vom Schall bewältigt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 22
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 22

Betäubt von Staunen wandt' ich, gleich dem Kinde,
Das dort die Hilfe sucht, wo es am meisten
Vertrauen hegt, mich zu der Führerin.

Sie aber, gleich der Mutter, welche schleunig
Durch ihre Stimme, die ihm neuen Mut gibt,
Dem Kinde hilft, das atemlos und bleich ist,

Sie sprach zu mir: Vergißt du, daß im Himmel
Du bist, und daß in ihm nur Heil'ges sein kann?
Was hier geschieht, kommt nur von gutem Eifer.

Hat jener Schrei schon dich so sehr erschüttert,
So denke selber, wie dich der Gesang
Und wie mein Lächeln umgewandelt hätten.

Wenn du die Bitten, die in jenem lagen,
Verstanden hättest, kenntest du die Rache
Bereits, die noch bevor du stirbst, du sehn wirst.

Das Schwert des Himmels schneidet weder langsam,
Noch schneidet's eilig; nur erscheinet's dem so,
Der es erwartet, hoffend oder fürchtend.

Nun aber wende zu den andren dich;
Noch viel erlauchte Geister wirst du sehn,
Läßt meinen Worten du die Blicke folgen. -

Wie sie geboten, richtet' ich die Augen
Und sah wohl hundert Sphären, die einander
Durch ihre Wechselstrahlen noch verschönten.

Ich war gleich einem, der des Wunsches Stachel
In sich zurückdrängt, und nicht wagt zu bitten,
Weil er besorgt, daß es zuviel erscheine.

Da trat die glänzendste und größte aller
Der Perlen aus den übrigen hervor,
Freiwillig meinem Wunsche zu genügen.

Aus ihrem Inn'ren hört ich: Sähest du
Gleich mir die Liebe, welche in uns glühet,
So gäb'st du Ausdruck dem, was dir im Sinn liegt.

Doch, damit wartend du dein hohes Ziel
Nicht aufschiebst, will ich dir auf den Gedanken,
Den du zu sagen scheust, die Antwort geben.

Der Berg, an dessen Hang Casino liegt,
War einst auf seinem Gipfel viel besucht
Von schlechtgesinnten und betörten Leuten.

Ich bin es, der zuerst auf jenen Berg
Den Namen dessen trug, der uns die Wahrheit
Zur Erde brachte, die uns nun so hoch hebt.

Und mich erleuchtete so reiche Gnade,
Daß ich vom schnöden Gottesdienst ringsum
Die Orte abzog, der die Welt verführte.

Beschaulich war das Leben all der Feuer
Die du hier siehst; sie brannten in der Liebe;
Die heil'ge Blüten wachsen macht und Früchte.

Hier sind Macarius und Romuald,
Hier meine Brüder, deren Füß' im Kloster
Verweilten, während fest zugleich das Herz blieb. -

Und ich zu ihm: Die Neigung, welche redend
Du mir beweisest und der güt'ge Ausdruck,
Der sich mir zeigt in jeder eurer Flammen,

Hat, wie die Sonne mit der Rose tut,
Wenn dies' in ihrem Strahl sich soweit auftut
Als sie vermag, erweitert mein Vertrauen.

Drum bitt' ich dich, und, Vater, du belehre
Mich, ob ich soviel Gnade finden kann,
Daß ich dich seh' im unverhüllten Bilde? -

Drauf er: Es wird dein hoher Wunsch, o Bruder,
Erfüllung finden in der letzten Sphäre,
Wo alle sich erfüllen und auch meiner.

Dort ist vollkommen, reif und schon gewährt
Ein jeder Wunsch; in ihr ist jeder Teil
Am selben Orte, wo er stets gewesen.

Dort ist kein Raum und dort sind keine Pole,
Und unsre Leiter steiget dort hinauf;
Deshalb entzieht sie so sich deinem Blicke.

Jacob der Patriarch sah sie bis dorthin
Hinauferstrecken ihren obren Teil,
Als ihm so voller Engel sie erschien.

Jetzt aber hebt, um sie hinanzuklimmen,
Niemand den Fuß vom Boden; meine Regel
Ist nur geblieben zur Papierverschwendung.

Es sind die Mauern, die einst Klöster waren,
Nun Räuberhöhlen, und der Mönche Kutten
Sind Säcke nun voll von verdorbnem Mehle.

Doch wucherliche Zinsen nimmt man nicht
So wider Gottes Willen, als die Frucht,
Durch die das Herz der Mönche so betört wird.

Denn denen, die um Gotteswillen bitten,
Gehört was nur die Kirche inne hat,
Nicht Vettern, oder schlimmerem Gezüchte.

Das Fleisch der Menschen ist so leicht verführbar,
Daß guter Anbeginn bei euch nicht ausreicht
Vom Keim der Eiche bis die Eichel reif wird.

Petrus begann mit Golde nicht und Silber,
Und ich mit Fasten nur und mit Gebeten,
In Demut gründete sein Kloster Franz.

Wenn eines jeden Ursprung du betrachtest
Und dann erwägst, wohin sie nun gelangt sind,
So siehst du wohl, daß dunkel ward, was weiß war.

Zurückgewandt hat wahrlich sich der Jordan;
Doch wunderbarer war, als Gott es wollte,
Des Meeres Fliehn, wie hier die Hilfe wäre. -

So sprach er, und dann wandt' er sich zurücke
Zu seiner Schar; die aber schloß sich enger,
Und fuhr empor gleich einem Wirbelwinde.

Die süße Herrin trieb mit einem Winke
Mich leiteran und ihnen nach; so ward
Durch ihre Kraft besiegt mein eignes Wesen.

Nie war hinieden, wo man auf- und absteigt
Nach Ordnung der Natur, so schleunige
Bewegung, daß sie meinem Fluge gliche.

So wahr ich zum gesegneten Triumphe
Zu kehren hoffe, Leser, dessenthalb ich
Ob meiner Sünden oft die Brust mir schlage,

Du zögst nicht schneller aus dem Feu'r den Finger,
Den du hineingetan, zurück, als ich
Das Zeichen, das dem Stier folgt, sah und drin war.

Glorreiche Sterne, Licht an Kräften schwanger
Dem ich verdanke, was ich an Begabung
Empfangen, sei es wenig oder mehr,

Mit euch erhob sich, mit euch ging zur Rüste
Das Licht, das alles Erdenlebens Quell ist,
Als ich zuerst Toskanerluft geatmet;

Und als mir dann gespendet ward die Gnade,
In's hohe Rad, das euch bewegt, zu treten,
Ward mir beschieden euer Himmelszeichen.

Zu euch seufzt eherbietig meine Seele,
Um Kraft zu finden für das hohe Wagnis,
Von dem in Anspruch sie genommen wird!

Du bist so nahe schon dem letzten Heile,
So hub Beatrix an, daß deine Augen
Der Klarheit nun bedürfen, wie der Schärfe.

Drum, eh' du weiter dich darein vertiefest,
Schau niederwärts und sieh, welch ein Stück Welt
Bereits ich dir zu Füßen liegen machte,

Damit dein Herz so freudig als es kann
Der Schar der Triumphierenden sich zeige,
Die froh daherkommt durch das Ätherrund.

Zurück durch all die sieben Sphären kehrt' ich
Mit meinem Blick, und diese Kugel sah ich
So klein, daß lächeln mich ihr Anblick machte.

Drum halt' ich für den besten den Entschluß, der
Sie am geringsten achtet; wahrhaft redlich
Ist der zu nennen, der auf andres denkt.

Latona's Tochter sah ich von dem Schatten
Befreit, der einstens Anlaß mir gegeben
An Lockeres und Dichteres zu denken.

Den Anblick, Hyperion, deines Sohnes
Ertrug ich hier, und wie um ihn und nah' ihm
Sich Maja und Dione drehten, sah ich.

Alsdann erschien mir zwischen Sohn und Vater
Des Jupiter gemäßigt Licht, und klar
Ward mir der stete Wechsel ihrer Stellung.

Und alle sieben ließen mich erkennen,
Wie groß sie sind, wie schnell sie sich bewegen,
Und wie ihr Abstand wohl bemessen ist.

Und jenen Ball, den Schauplatz unsres Wütens,
Sah, während mit dem ew'gen Zwillingspaare
Ich kreiste, vom Gebirg' ich bis zum Strande;

Dann wandt' ich zu den schönen meine Augen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 23
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 23

So wie der Vogel, der im lieben Laube
Die Nacht hindurch, die uns verbirgt die Dinge,
Im Nest geruht hat bei den süßen Kleinen,

Daß er erkenne die ersehnten Häupter
Und Futter suche, sie damit zu nähren,
Wobei die schwerste Mühe ihm genehm ist,

Der Zeit voran auf freiem Aste eilt
Und heiß verlangend auf die Sonne wartet,
Aufmerksam schauend, ob es noch nicht dämmre,

So aufgerichtet und mit festem Auge
Der Seite zugewandt, wo minder eilig
Die Sonne sich bewegt, stand meine Herrin;

So daß, weil ich gespannt sie sah und sinnend,
Dem Manne glich, der ob wohl andres wünschend,
Inzwischen mit der Hoffnung sich begnügt.

Doch kurze Zeit verging nur von dem einen
Zum andren Augenblick, dem des Erwartens,
Und dem wo hell und heller ward der Himmel.

Und Beatrice sagte: Sieh die Scharen
Von dem Triumphe Christi, sieh die Frucht
Des Kreisens dieser Sphären eingesammelt! -

Ihr ganzes Angesicht schien mir zu glühen,
Und so voll Wonne waren ihre Augen,
Daß ohne Schild'rung ich es muß verschweigen.

Wie Trivia in den heit'ren Vollmondsnächten
Umgeben von den ew'gen Nymphen lächelt,
Die schimmernd jeden Himmelsraum bemalen,

So sah ich über tausendfachem Lichtglanz
Die eine Sonne, welche Licht den andren
So leiht, wie unsre tut den Himmelsaugen.

Es schien durch das lebend'ge Licht hindurch
So hell die strahlenreiche Wesenheit
In meine Augen, daß sie's nicht ertrugen.

Beatrix, süße, teure Führerin ...! -
Sie aber sagte: Das, was dich bewältigt,
Ist eine Kraft, der niemand widerstehn kann.

Die Weisheit und die Macht, die von der Erde
Den Weg zum Himmel aufgetan, wonach
So lang' erfolglos man verlangt, sind hier. -

Wie Feuer sich von seiner Wolke losreißt,
Hat sich's so ausgedehnt, daß ihm der Raum fehlt,
Und niederfährt, zuwider seinem Wesen,

So ging mein Geist, der unter solchem Festmahl
Gewachsen war, heraus aus seinem Selbst
Und was er tat, kann er sich nicht erinnern.

Tu' auf die Augen nun und siehe mich
So wie ich bin; nach dem was du gesehn hast,
Vermagst du auch mein Lächeln zu ertragen. -

Wie wer an ein Gesicht, das er vergessen
Zurückedenkt, und sich umsonst bemüht,
Es der Erinn'rung wieder vorzuführen,

So war mir, als ich dies Erbieten hörte,
Das solchen Dankes wert war, wie er nimmer
Im Buch verlischt, das das Geschehne aufnimmt.

Ob alle Zungen nun ertönen möchten,
Die Polyhymnia mit ihren Schwestern
Durch ihre süße Milch zumeist gekräftigt,

Mir beizustehn; des heil'gen Lächelns Schild'rung,
Und wie das heil'ge Antlitz es verschönte,
Erreichte doch kein Tausendteil der Wahrheit.

So muß das gottgeweihte Lied, gleich einem,
Der plötzlich unterbrochen sieht den Pfad,
Es überspringen in des Himmels Schild'rung.

Doch wer des Gegenstand's Gewicht erwägt
Und daß die Schulter, die sich's auflud, sterblich,
Der wird's nicht tadeln, wenn sie drunter zittert.

Das Wasser, welches kühn der Kiel durchschneidet,
Ist nicht geschaffen für geringe Nachen,
Noch für den Steuermann der Mühen scheut.

Was fesselt dich mein Antlitz so in Liebe,
Daß du dich nicht zum schönen Garten wendest,
Der unter Christi Strahl in Blüten prangt?

Hier ist die Ros', in der das ew'ge Wort
Zum Fleische ward, hier sind die Lilien, deren
Geruch zum guten Wege hat geleitet. -

So sprach Beatrix, und bereit, wie immer,
Zu folgen ihrem Rate, unterwarf ich
Die schwachen Lider abermals dem Kampfe.

Wie einst mein Auge, selbst im Schatten weilend,
Beim Sonnenstrahl, der durch den Spalt der Wolke
Hindurchbrach, eine Blumenwiese sah,

So sah durch Lichtglanz der von oben kam
Hell angestrahlt ich Scharen lichter Geister,
Obwohl des Glanzes Ursprung ich nicht sah.

Huldreiche Kraft, die sich in ihnen ausprägt,
Du schwangest dich empor, um meinen Augen,
Die nicht mehr konnten, wieder Raum zu geben!

Der schönen Blume Namen, die ich stets
Anrufe, früh und spat, hieß meinen Geist
Sich einzig nach der größten Flamme wenden.

Als des lebend'gen Sternes Glanz und Größe,
Der dorten siegt, wie er hienieden siegte,
Sich mir gemalt in beide Augen hatte,

Stieg eine Fackel von dem Himmel nieder
In Kreisgestalt, vergleichbar einem Kranze,
Den Stern umwindend und um ihn sich drehend.

Der Melodien süßeste hienieden,
Die mehr als eine an sich zieht die Seele,
Sie klänge gleich zerrißner Wolke Donner

Verglichen mit der Leier süßem Klange,
Das jenen köstlichen Saphir umkränzte,
Von dem Saphiresglanz der Himmel lieh:

Als eines Engels Lieb' umkreise ich
Die hohe Wonne, die dem Schoß entströmet,
In welchem Herberg' unsre Sehnsucht nahm.

So lange werd' ich's tun, o Himmelsherrin,
Als du dem Sohne folgst, und als
Durch dich verherrlicht wird die höchste Sphäre. -

So siegelte, im Kreise sich bewegend,
Sich selber diese Melodie, und alle
Die andren Lichter riefen aus: »Maria!«

Der königliche Mantel aller Bände
Des Weltalls, der in Gottes Art und Odem
Am meisten brennt und sich daran belebet,

War über uns mit seinem inn'ren Ufer
Noch so entfernt, daß, wo ich mich befand,
Die Blicke nichts von ihm entdecken konnten.

Darum vermochten der gekrönten Flamme,
Die ihrem Sprosse nach gen oben schwebte,
Bis dorthin meine Augen nicht zu folgen.

Und wie das Kind, wenn es die Brust genommen,
Zur Mutter hin die kleinen Arme streckt,
Weil auch nach außen flammt wie es gesinnt ist,

So streckte jeder Lichtglanz seine Flamme
Hinauf gen oben, und gar wohl erkannt' ich,
Mit welcher Inbrunst sie Maria liebten.

Dann blieben sie vor meinen Augen dort,
So süßen Ton's: Regina Coeli singend,
Daß mich die Lust daran niemals verließ.

Wie ist so groß der Reichtum, der gesammelt
In jenen Truhen ist, die hier auf Erden
Zum Säen tücht'ge Ackerleute waren!

Man lebt hier von dem Schatz und freut sich seiner,
Den unter Tränen man in dem Exile
Von Babylon erwarb, wo man das Gold ließ.

Hier feiert unter Gottes und Mariä
Erhabnem Sohne den Triumph des Sieges
So mit dem neuen als dem alten Rate

Der, welcher dieser Glorie Schlüssel hält.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 24
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 24

Genossenschaft zum hohen Abendmahle
Des Lamm's erkoren, welches so euch speist
Daß jeder eurer Wünsche stets erfüllt ist!

Gewährt, eh' ihm der Tod die Zeit beendet,
Die Gnade Gottes diesem, vorzukosten
Von dem was niederfällt von eurem Tische,

So denket seiner schrankenlosen Liebe
Und netzt mit Tau ihn, da ihr aus der Quelle
Beständig trinkt, aus der sein Denken fließt. -

Beatrix sprach's, und jene Seelen drehten
Als Sphären freudig sich um feste Pole,
Wobei sie Flammen sprühten gleich Kometen.

Und so wie Räder in der Uhr Gefüge
Sich so bewegen, daß wer aufmerkt, glaubt
Das erste stehe still, das letzte fliege,

So ließen jene Kreisenden, indem sie
Verschiedenartig tanzten, ihren Reichtum
An mehr und mindrer Schnelle mich bemessen.

Aus dem, der vor den andren schön mir dünkte
Sah ich ein Feuer solcher Freude strahlen,
Daß keiner ihn an Helle übertraf.

Alsdann umkreist' er dreimal Beatrice,
Sich mit so göttlichem Gesang begleitend,
Daß mir's die Phantasie nicht wiedersagt.

Drum sag' ich's nicht, die Feder überspringt es;
Denn unsre Einbildung, und gar die Sprache
Hat Farben nur, zu hell für solche Falten.

O meine heil'ge Schwester, die so innig
Uns bittest, durch dein glühendes Verlangen
Machst du mich los von jener schönen Sphäre. -

Als stillstand das gebenedeite Feuer,
Wandt' es zu meiner Herrin seinen Hauch,
Der also redete, wie ich berichtet.

Und sie: O ew'ges Licht des hohen Mannes,
Dem unser Herr die Schlüssel dieser Freude
Die er zur Erde brachte, übertragen,

Erprob' in schweren oder leicht'ren Fragen
Des Glaubens, der dich auf dem Meer ließ wandeln,
So wie es dir gefällig diesen hier.

Ob er recht liebt, recht hoffet und recht glaubet,
Weißt du; denn dahin ist dein Blick gewendet,
Wo abgebildet jedes Ding du siehst;

Weil aber unser Reich sich seine Bürger
Erwarb durch wahren Glauben, ziemt's für diesen
Sich, daß er dessen Ruhm zu künden habe. -

So rüstet sich der Baccalaur' und schweiget
Bis daß der Meister aufgestellt die Frage,
Um sie zu billigen, nicht zu beenden,

Wie ich mich rüstete mit allen Gründen,
Indes sie sprach, auf daß bereit ich sei
Für solchen Frager und für solch Bekenntnis.

Sag' an denn guter Christ und gib dich kund:
Was ist der Glaube? - Drauf erhob die Stirn ich
Dem Geiste zu, aus welchem dieses hauchte.

Dann wandt' ich zu Beatrix mich, und sie
Hieß durch Gebärden mich, der innren Quelle
Gewässer willig vor ihm auszugießen.

Die Gnade, welche vor dem hohen Herzog
Zu beichten mir gewährt, also begann ich,
Sie lasse, was ich denke, recht mich sagen.

Dann fuhr ich fort: So wie es deines Bruders,
Der mit dir Rom auf rechte Wege führte,
Wahrhafter Griffel niederschrieb, o Vater,

Ist Glaube die Substanz gehoffter Dinge
Und der Beweisgrund für die unsichtbaren;
Hierin scheint mir sein Wesen zu bestehn. -

Darauf vernahm ich: Recht ist deine Meinung,
Wenn du verstehst, weswegen er Substanz,
Weshalb Beweisgrund er zu nennen ist. -

Und ich entgegnete: Die tiefen Dinge,
Die meinen Blicken hier zu schaun vergönnt ist. -
Sie sind dem Aug' auf Erden so verborgen,

Daß nur im Glauben dort ihr Wesen ist,
Auf welchen sich die hohe Hoffnung gründet;
Und drum ist als Substanz er zu bezeichnen.

Da uns nun, ohne weitres Anschaun Schlüsse
Aus diesem Glauben herzuleiten obliegt,
Ist er für uns zu gleicher Zeit Beweisgrund. -

Drauf hört' ich: »Wenn, was immer man durch Lehren
Dort unten lernt, so gut verstanden würde,
So fehlte Raum für der Sophisten Scharfsinn. -

So hauchte es aus dieser glüh'nden Liebe;«
Dann sprach es weiter: Wohl erprobt ist schon
Das Korn sowie das Schrot von dieser Münze.

Nun aber sprich: Hast du sie auch im Beutel? -
Und ich: Wohl hab' ich sie so blank und rund,
Daß ihr Gepräge keinem Zweifel Raum läßt. -

Darauf ertönte aus dem tiefen Lichte,
Das dort erglänzte: Jenes teure Kleinod,
Auf das gegründet ist jedwede Tugend,

Woher empfingst du es? - Und ich: Der Regen
Des heil'gen Geist's, der reichlich auf die alten
Und neuen Pergamen' ergossen ist,

Gewährt so bündige Schlußfolgrung mir,
Daß im Vergleich mit ihr mir jeder andre
Beweis nur lahm und unzutreffend scheint. -

Darauf vernahm ich: Warum aber hältst du
Den alten und den neuen Bund, aus denen
Du also folgerst, für die Rede Gottes? -

Und ich: Beweis, der mir die Wahrheit darlegt,
Sind all die Taten mir, wozu Natur
Nie Eisen glühte, nie den Ambos schlug. -

Wer aber bürgt dir, wurde mir zur Antwort,
Daß jene Taten wahr sind? Was beglaubigt
Erst werden soll, kein anderer, beschwört dir's. -

Wenn ohne Wunder sich zum Christentume
Die Welt bekehrt hat, sagt' ich, ist dies eine
So groß als hundertfach die andren alle.

Denn in den Kampfplatz trat'st du arm und fastend,
Die gute Pflanze auszusä'n, die Rebe
Einst war, und nun geworden ist zum Dorne. -

»Herr Gott dich loben wir«, klang aus den Sphären
Des heil'gen Hofs, sobald als ich geendet,
In einer Weise, die man dort nur singt.

Und jener Glaubensritter, der von Zweige
Zu Zweige also prüfend mich geleitet,
Daß nah wir schon den höchsten Blättern kamen,

Begann auf's neu': Die deinen Geist in Liebe
Umwirbt, die Gnad', hat deinen Mund bis hierher
So aufgetan, wie du ihn öffnen solltest;

So heiß' ich denn genehm, was ihm entströmte.
Nun aber sollst du sagen, was du glaubst,
Sowie woher dir solcher Glaube kam. -

O heil'ger Vater, Geist, der du jetzt schauest,
Was also du geglaubt hast, daß zum Grab' hin
Du obgesiegt hast über jüngre Füße,

Du willst (also begann ich), daß ich meines
Bereiten Glaubens Form hier offenbare,
Auch willst du dessen Ursach von mir hören.

Ich glaube, sagt' ich drauf, an einen Gott,
Einzig und ewig, der den ganzen Himmel,
Selbst unbewegt, bewegt durch Lieb' und Sehnsucht.

Beweise liefern mir für diesen Glauben
Nicht die Physik nur und Metaphysik,
Die Wahrheit auch, die von hier niederregnet

In Moses, den Propheten, wie den Psalmen,
Dem Evangelium, und in euch, die als
Der heil'ge Geist beseelt euch hatte, schriebet.

Dann glaub' ich an drei ewige Personen,
Die so in ihrem Wesen eins und drei sind,
Daß »sind« und »ist« zugleich von ihnen gilt.

Dies innre tief verborgne Wesen Gottes,
Von dem ich sprach, besiegelt meinem Geiste
Des Evangeliums Lehre mannigfach.

Dies ist der Anfang, dieses ist der Funke,
Der dann in mir lebend'ge Flamme anfacht,
So daß sie leuchtet gleich dem Stern am Himmel. -

Sowie, wenn er willkommne Botschaft hört,
Der Herr den Knecht, sobald er ausgesprochen,
Durch jene Nachricht hocherfreut, umarmt,

So kränzte dreimal mich, als ich geschwiegen,
Den Segen mit Gesange mir erteilend,
Das Apostol'sche Licht, das mir zu reden

Geheißen, so gefiel ihm meine Rede.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 25
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 25

Geschäh' es je, daß das geweihte Lied,
An welches Hand gelegt so Erd als Himmel,
Und welches jahrelang mich hager machte,

Die Grausamkeit bezwänge, die mich ausschließt
Von jener schönen Hürde, drin als Lamm
Ich schlief, den Wölfen feind, die sie befehden,

Mit andrer Stimme und mit andrem Vließe
Kehrt' ich dann heim als Dichter, um die Krone
Zu nehmen an dem Born wo ich getauft ward.

Dort trat ich in den Glauben, der die Seelen
Gott kund macht, ein, und um des Glaubens willen
Umkreiste Petrus also mir die Stirne.

Dann naht' ein Licht uns aus demselben Kreise,
Aus dem der Erstling von den Stellvertretern,
Die Christus hinterließ, gekommen war,

Und voller Freudigkeit sprach meine Herrin:
Sieh hin, sieh hin, das ist der hohe Ritter,
Deswegen drunten man Galizien heimsucht. -

Wie wenn die Taube neben die Gefährtin
Sich setzt, und eines dann dem andren kreisend
Und durch Gemurmel seine Neigung kund tut,

Also empfangen sah den einen jener
Glorreichen großen Fürsten ich den andren,
Die Speise feiernd, die man dort genießt.

Dann stellte jeder, als das freud'ge Grüßen
Beendigt war, sich schweigend vor mich hin,
So flammend, daß das Aug' es nicht ertrug.

Drauf sagte unter Lächeln Beatrice:
Erlauchtes Leben, das die Freudigkeit
Geschildert, die in unsrer Kirche herrscht,

Ertönen laß die Hoffnung nun hier oben;
Du weißt ja, daß du sie so oft bedeutest,
Als Jesus sich den dreien mehr verklärte. -

Richt' auf das Haupt und fasse Zuversicht;
Denn reif erst muß an unsren Strahlen werden
Was von der Welt der Sterblichkeit hierher kommt. -

Vom zweiten Feuer kam mir dieser Zuspruch,
Weshalb das Aug' ich zu den Bergen hob,
Die durch zu große Last zuvor es beugten.

Weil denn aus Gnaden unser Kaiser will,
Daß vor dem Tod' in dem geheimsten Rate
Du seinen Grafen gegenüberstehest,

Damit in dir und andren du die Hoffnung,
Die drunten rechte Liebe weckt, bestärkest,
Nachdem du unsres Hofes Wahrheit sahst,

Sprich was sie ist (so fuhr das zweite Licht
Noch weiter fort), wie deine Seele sie
Mit Blüten schmückt, und wie sie dir zuteil ward. -

Da kam die Fromme, welche mir die Flügel
Geleitet hatte zu so hohem Fluge,
Der Antwort, die mir oblag, so zuvor:

An Hoffnung reicher ist kein Sohn der Kirche
Die streitet, und so steht es in der Sonne
Die diese ganze Schar bestrahlt, geschrieben.

Drum ward vor seines Kriegesdienstes Ende
Ihm, von Ägypten nach Jerusalem
Gewährt zu kommen, daß er es beschaue.

Die beiden andren Punkte, die gefragt sind,
Nicht um zu wissen, nein, daß er berichte
In welchem Maß dir diese Tugend lieb ist,

Die lass' ich ihm; nicht Schwierigkeit, noch Selbstlob
Enthalten sie für ihn. Antworte er denn,
Und dazu wolle Gott ihm Gnade geben. -

Sowie der Schüler, der bereit und willig
Dem Lehrer folgt in allem das ihm kund ist,
Um seine Tüchtigkeit zu zeigen, sagt' ich:

Die Hoffnung ist ein sicheres Erwarten
Zukünft'ger Herrlichkeit, durch Gottes Gnade
Bewirkt und durch vorgängiges Verdienst.

Von vielen Sternen kommt mir dieses Licht;
Der aber träufelt' es zuerst in's Herz mir,
Der höchster Sänger war des höchsten Lenkers.

»Die deinen Namen kennen«, sagt er, »hoffen
Auf dich o Herr«, in seinem Gottgesange;
Kennt aber der ihn nicht, der glaubt wie ich?

Und dann betau'test du mit seinem Taue
Im Briefe mich, so daß ich dessen voll bin.
Und andren euren Regen weiter regne. -

Es zuckt', indes ich sprach, in dieses Feuers
Lebend'gem Schoß' ein häufiges und rasches
Aufflammen, dem des Blitzes zu vergleichen.

Dann sprach's: Die Lieb' in der ich noch entbrenne
Für jene Tugend, die mir bis zur Palme
Und bis zum Ausgang aus dem Kampfplatz folgte,

Heißt mich noch weiter zu dir reden, der
Du ihrer dich erfreust, und so verlang' ich,
Daß, was die Hoffnung dir verheißt du sagest.

Und ich: Die alten und die neuen Schriften
Bezeichnen mir das Ziel. - Und er: So nenn' es. -
Es sagt Jesaias von den Seelen, welche

Sich Gott befreundet, daß in ihrem Lande
Zwiefältige Kleider jede haben soll,
Und dieses süße Leben ist ihr Land.

Und viel gereifter noch enthüllt dein Bruder,
Da wo der weißen Kleider er gedenket,
Uns das Verständnis dieser Offenbarung. -

Zuerst vernahm nach dieser Worte Schlusse
Ich über uns: Es hoffen auf dich Herr! -
Worauf die Reigen alle Antwort gaben.

Dann wuchs zu solcher Helle eins der Lichter,
Daß wenn der Krebs solch ein Juwel besäße,
Ein Wintermonat einen Tag nur hätte.

Und sowie freudig eine Jungfrau aufsteht,
Vorschreitet und zum Tanze antritt, nur
Der Braut zu Ehren, nicht um eigne Lust,

So sah ich jenen neu erhellten Glanz
Zu den zwei andren kommen, die im Kreise
Nach ihrer heißen Liebe Maß sich drehten.

Wie in ihr Lied, trat er in ihren Tanz,
Und meiner Herrin Auge hing an ihnen
Gleich einer Braut bewegungslos und schweigend.

Der hat an unsres Pelikanes Brust
Gelegen, und der ward herab vom Kreuze
Zum großen Pflichtberufe auserlesen. -

So meine Herrin; doch ihr Auge hing
Nachher nicht minder als zuvor an ihm,
Indessen sie auf seine Worte lauschte.

Wie dem, der hinblickt und zu sehn erwartet
Wie sich die Sonne anfängt zu verfinstern,
Vor lauter Sehn die Kraft zu sehn erlischt,

So ging es mir bei dieser letzten Flamme.
Da ward gesagt: Was blendest du dein Auge,
Bemüht, was hier nicht Statt hat, zu gewahren?

Mein Leib ist Erd' auf Erden; mit den andren
Bleibt er so lange dort, bis unsre Zahl
Dem ew'gen Ratschluß gleichgekommen ist.

Mit beiden Kleidern sind im sel'gen Kloster
Allein die beiden aufgefahrnen Lichter,
Und das sollst du berichten eurer Welt. -

Bei diesem Wort schloß das entflammte Kreisen
Und mit ihm auch das süße Tongemische,
Das durch dreifachen Hauch gebildet war;

So halten, um Gefahr zu meiden, oder
Anstrengung, Ruder, die das Wasser schlugen,
Auf einer Pfeife Tönen alle ein.

Ach aber wie entsetzt war meine Seele,
Als ich mich wandte, um nach Beatrice
Zu schaun, und, wenn auch in der Welt des Heiles

Und neben ihr, sie nicht zu sehn vermochte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 26
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 26

Noch zweifelt' ich ob der erloschnen Sehkraft;
Da ging ein Hauch von jener lichten Flamme,
Die sie geblendet, aus und hieß mich lauschen.

Er sagte: Bis in dir der Sinn des Auges
Erwacht ist, welchen du an mir verzehrtest,
Ziemt es, durch Reden ihm Ersatz zu bieten.

Beginne denn, und wohin deine Seele
Sich kehre, sprich; doch halte dich versichert,
Daß deine Sehkraft schläft, nicht aber tot ist,

Indem die Herrin, die durch diesen hehren
Bezirk dich führt, in ihrem Blick die Kraft hat,
Die in der Hand des Ananias lag. -

Und ich: Früh oder spät genesen mögen,
Wie's ihr gefällt, die Augen, welche Pforten
Der Glut gewesen, die mich stets entzündet.

Das Heil, das diesen Hof zufriedenstellt,
Ist jeder Schrift, die laut mir oder leise
Die Liebe zum Gesetz macht, A und O. -

Dieselbe Stimme, welche mir die Furcht
Der plötzlichen Erblindung abgenommen,
Belud mich mit der Sorge weitren Redens.

Sie sagte: Wahrlich, ein noch eng'res Sieb
Bedarf's zu deiner Klärung; sagen sollst du,
Wer auf dies Ziel gerichtet deinen Bogen. -

Und ich: Durch Gründe der Philosophie
Und manches Zeugnis, das von hier herabstieg,
Hat solche Liebe sich mir eingeprägt.

Das Gut, sobald es nur als Gut erkannt wird,
Entzündet Liebe, und zwar um so größre,
Je mehr von Güte es in sich begreift.

Deshalb muß zu dem Wesen, das an Güte
So reich ist, daß von seinem Strahl ein Licht nur,
Was Gutes außer ihm sich findet, ist,

Die Seele jedes, der die Wahrheit einsieht
Auf der mein Schluß beruht, in größrer Liebe
Als zu jedwedem andren sich bewegen.

Und meinen Geist versichert dieser Wahrheit
Der mir die erste Liebe schildert, welche
Die ewig dauernden Substanzen fühlen.

Gleichfalls versichert mich der Mund der Wahrheit
Die, von sich selber redend, sagt zu Mose:
Ich will dir alle meine Güter zeigen.

Auch du versicherst mich's in deiner hohen
Verkünd'gung Anfang, die vor allen andren,
Dort unten eu'r Geheimnis offenbart. -

Und ich vernahm: Nach menschlicher Erkenntnis
Und nach dem Wort der Schrift, das jener beistimmt,
Gehört die höchste deiner Lieben Gott;

Doch sage ferner, ob noch andre Fäden
Dich zu ihm ziehn, so daß, mit wie viel Zähnen
Dich diese Liebe beiße, du verkündest. -

Verborgen war mir nicht die heil'ge Absicht
Des Adlers Christi, und gar wohl erkannt' ich,
Wohin er leiten wollte mein Bekenntnis.

Darum begann ich wieder: All' die Bisse,
Durch die das Herz zu Gott gewendet wird,
Sie haben mitgewirkt zu meiner Liebe.

Das Sein der Welt, sowie mein eignes Dasein,
Der Tod, den er erlitt, damit ich lebe,
Und das, was jeder Gläub'ge mit mir hofft.

Sie haben mich, vereint mit jener sichren
Erkenntnis, aus dem Meere der verkehrten
Gerettet an der rechten Liebe Ufer.

Die Blätter, die des ew'gen Gärtners Garten
Belauben, lieb' ich alle in dem Maße,
In dem sie Heil von ihm empfangen haben. -

Sobald ich schwieg, ertönte durch den Himmel
Ein wundersüßes Lied, und meine Herrin
Rief mit den andren: Heilig, heilig, heilig!

Und wie bei grellem Licht der Schlaf entweicht,
Weil, wie der Glanz in's Auge tief und tiefer
Eindringt, zurück der Sehkraft Geister eilen

Und den Erwachten, dessen neues Wachsein
Bewußtlos ist, bis ihm die Urteilskraft
Zu Hilfe kommt, zurückschreckt was er sieht,

Also vertrieb Beatrix jede Trübung
Von meinen Augen durch den Strahl der ihren,
Die tausend Meilen weit und weiter glänzten.

Nun sah ich besser als zuvor ich sah,
Und schleunig frug nach einem vierten Licht ich,
Das ich bei uns gewahrte, voll Erstaunens.

In jenem Lichtglanz, sagte meine Herrin,
Beschaut die erste Seele, die die Urkraft
Jemals geschaffen, liebend ihren Schöpfer. -

Wie, wenn der Wind vorüberzieht, der Baum
Den Wipfel neigt, und dann durch eigne Spannkraft,
Die ihn nach oben treibt, empor sich richtet,

So tat ich staunend während ihrer Worte;
Dann aber gab mir neue Zuversicht
Der Wunsch zu reden, welcher mich entflammte,

Und ich begann: O Apfel, der allein du
Schon reif geschaffen bist, uralter Vater,
Dem jede Gattin Tochter ist und Schnur,

So ehrfurchtsvoll ich kann beschwör' ich dich
Zu mir zu reden. Mein Verlangen siehst du,
Doch sag' ich's nicht, auf daß ich bald dich höre. -

Wenn sich ein Tier bewegt, das überdeckt ist,
Erkennt durch die entsprechende Bewegung
Der Hülle oft man was das Tier begehrt.

Nicht anders ließ der Erstling aller Seelen
Durch seine Flammenhüll' hindurch mich sehn,
Wie gern bereit er sei, mir zu genügen.

Dann haucht' er: Dante, ob mir gleich dein Wunsch
Nicht ausgesprochen ist, kenn' ich ihn besser
Als du kennst was am besten dir bekannt ist;

Denn ich erblick' ihn im wahrhaften Spiegel,
Der alle Dinge macht nach seinem Bilde,
Indes kein Ding zu seinem Bild ihn macht.

Vernehmen willst du, vor wie langer Zeit
Mich Gott gesetzt hat in den hohen Garten
Wo diese dich gereift zur hohen Stiege.

Sodann, wie lang' er meinen Blick erfreute,
Was wahrer Grund des großen Zornes war,
Und welche Sprach' ich bildete und brauchte.

Nun denn, mein Sohn, daß ich vom Baum gekostet,
War nicht an sich der Grund so schweren Bannes;
Allein der Schranke Überschreitung war es.

Viertausend und dreihundert zweimal kreiste
Die Sonne, während ich, wo deine Herrin
Virgil berief, nach diesem Chor mich sehnte.

Und während ich auf Erden weilte, sah ich
Zu allen Lichtern ihrer Bahn die Sonne
Neunhundertdreißig Male wiederkehren.

Die Sprache, die ich redete, war eh' noch
Zum Werke, das sich nie vollenden ließ,
Sich Nimrod's Völker wandten, ganz erloschen;

Denn kein vernünftiges Erzeugnis war
Von ew'ger Dauer je, weil das Gefallen
Der Menschen wechselt mit dem Drehn des Himmels.

Natur gebeut dem Menschen, daß er rede;
Ob aber diese oder jene Sprache,
Das überläßt sie euch und eurer Willkür.

Eh' ich zur Angst der Hölle niederstieg,
Ward L das höchste Gut genannt auf Erden,
Von dem die Freude kommt, die mich umgürtet.

Dann heiß es El, und solcher Wechsel ziemt sich;
Denn gleich dem Laub' am Zweige ist der Brauch
Der Menschen, dieser geht, ein andrer kommt.

Den Berg, der aus der Flut am höchsten ragt,
Bewohnt' ich, reinen und gefallnen Lebens,
Vom Morgen bis zur Stunde, die der sechsten

Nach dem Quadrantentausch der Sonne folgt. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 27
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 27

Dem Vater, wie dem Sohn' und heil'gen Geiste,
Begann das ganze Paradies, sei Ehre! -
So daß der heiße Sang mich gar berauschte,

Was ich gewahrte däuchte mir ein Lächeln
Des ganzen Weltalls, so daß das Entzücken
Zugleich durch Ohr und Augen in mich eindrang.

O Freud', o Wonn' in Worten nicht zu schildern,
Der Liebe und des Friedens lautres Leben,
O sichrer Reichtum, frei von weitrem Wunsche!

Vor meinen Augen standen die vier Fackeln
In lichtem Brand, und die zuerst gekommen
Begann noch heller als zuvor zu leuchten.

So war sie anzuschaun wie Jupiter,
Wenn Vögel wären er sowohl als Mars,
Und das Gefieder wechselweis sie tauschten.

Es hatte, die Beruf und Folge dort
Bestimmt, die Vorsehung, dem sel'gen Chore
Stillschweigen auferlegt nach jeder Seite,

Als ich vernahm: Wenn ich mich so verfärbe,
Soll dich's nicht wundern; alle diese wirst du
Verfärben sich bei meiner Rede sehn.

Der auf der Erde meinen Stuhl sich anmaßt,
Den Stuhl, den Stuhl, der in dem Angesichte
Des Sohnes Gottes jetzt erledigt ist,

Verwandelt hat er zu des Blut's und Stankes
Kloake meinen Kirchhof, drob der Arge
Der von hier niederstürzte, drunten froh ist. -

Da sah den ganzen Himmel in der Farb' ich,
Mit der die Sonne, gegenüberstehend,
Die Wolken früh und Abends malt, erglühend.

Und wie ein sittig Mädchen, das auch ferner
Sich rein fühlt, dennoch ob des fremden Fehltritts
Betreten wird, wenn sie ihn nur mit anhört,

So wechselte das Aussehn Beatrice,
Und solche Finsternis ward wohl im Himmel
Als an dem Kreuz die höchste Macht gelitten.

Dann fuhr in seiner Red' er weiter fort,
Doch so verändert klang dabei die Stimme,
Daß größer nicht des Aussehns Wandlung war:

Es ward mit meinem Blut und dem des Linus
Und Cletus Christi Braut nicht aufgezogen,
Daß sie gebraucht zum Gelderwerbe werde.

Nein, zum Erwerbe dieses sel'gen Lebens
Vergossen Sixtus, Pius und Calixt
Ihr Blut gleich Urban unter manchen Tränen.

Wir wollten nicht, daß von dem Christenvolke
Ein Teil zur Rechten und ein Teil zur Linken
Von denen säße, die im Amt uns folgten,

Und nicht, daß die mir anvertrauten Schlüssel
Zum Wappenschild für eine Fahne würden,
Die zu dem Kampfe mit Getauften führte.

Auch nicht, daß ich das Siegelbild erkaufter
Und lügenhafter Privilegien werde,
Darob ich oft erröt' und Funken sprühe.

Im Kleid des Hirten sieht man von hier oben
Auf jeder Weide gier'ge Wölfe gehn;
O Schutz des Herrn, was zögerst du so lange!

Gascogner rüsten sich und Cahorsiner
Von unserem Blut zu trinken. Hoher Anfang,
Zu was für schnödem Ende mußt du sinken!

Doch die mit Scipio Rom den Ruhm der Welt
Erhielt, die hohe Vorsehung, zur Hilfe
Wird bald Sie, wie ich schon erkenne, eilen.

Und du, o Sohn, der ob der Erdenschwere
Noch dorthin wiederkehrst, tu' auf den Mund
Und birg den andren nicht was ich nicht berge. - o

Wie von gefrornen Dünsten unsre Luft,
Wenn mit der Himmelsziege Horn die Sonne
Zusammenstößt, nach unten Flocken sendet,

So sah ich aufwärts sich den Äther schmücken
Und jene siegesfrohen Flammen schnein,
Die dort bisher mit uns geweilet hatten.

Es hing mein Aug' an ihrer Lichterscheinung
Und folgte bis des Zwischenraumes Größe
Nicht mehr gestattete hindurchzudringen.

Worauf die Herrin, die vom Aufwärtsschauen
Befreit mich sah, mir sagte: Senke nun
Den Blick und sieh, wie weit du dich gewendet. -

Seit meinem ersten Niederblick durchmessen
Hatt' ich den Bogen, den die erste Zone
Von ihrer Mitte macht bis an ihr Ende,

So daß ich Gades jenseits von Ulysses'
Tollkühnem Paß erblickte, diesseits aber
Den Strand, wo süße Last Europa ward.

Und weiter wäre dieses Balls Gestaltung
Mir noch entdeckt; indes, ein Zeichen vor mir
Und mehr, schritt unter mir die Sonne vorwärts.

Mein liebentbrannter Geist, der immerdar
Um meine Herrin wirbt, begehrte heißer
Als je, den Blick auf sie zurückzuwenden.

Bot Lockungen Natur, bot jemals Kunst sie
Im Fleisch des Menschen, oder dessen Bilde
Den Augen, um durch sie den Geist zu fangen,

Sie würden insgesamt gleich nichts erscheinen
Der Himmelslust verglichen, die mir strahlte,
Als in ihr lächelnd Angesicht ich schaute.

Die Kraft, die solcher Anblick mir gewährte,
Entriß dem schönen Neste Leda's mich,
Und trieb hinan mich zu dem schnellsten Himmel.

So gleich in sich sind seine lebensvollen,
Erhabnen Teile, daß den von Beatrix
Erkornen Ort ich nicht bezeichnen kann.

Sie aber, die erkannte was ich wünschte,
Begann, und lächelte dabei so selig,
Daß Gottes Freud' aus ihrem Antlitz strahlte:

Der Welt Beschaffenheit, die nur der Mitte
Zu ruhn, sonst allem sich zu drehn gebeut,
Beginnt von hier aus ihrem Ausgangspunkte.

Es gibt kein andres wo in diesem Himmel
Als Gottes Geist, an dem die Lieb' entbrennt,
Die ihn bewegt, dem seine Kraft entstammt.

Wie alle andren er, also umgibt ihn
Ein Kreis von Licht und Lieb', und diesen Kreis
Erkennet der allein der ihn gewölbt hat.

Nicht andres dient zum Maß für dieses Himmels
Bewegung, sondern sie mißt alle andren,
Wie Hälft' und Fünftel Maß sind für die Zehn.

Nun kann dir offenbar geworden sein,
Daß dies der Boden ist, in dem die Zeit
Die Wurzeln hat, und anderwärts die Blätter.

O Habsucht, die du unter dich die Menschen
So tief hinabdrückst, daß aus deinen Fluten
Die Augen zu erheben keiner Kraft hat!

Es blüht der Wille wohl im Menschenherzen;
Jedoch der stete Regenguß verwandelt
Was edle Pflaume war in schlechte Huzel.

Unschuld und Treu und Glauben findet man
Nur noch bei Kindern; doch bevor die Wange
Behaart ist, flieht die eine wie die andre.

Gar mancher fastet noch solang' er stammelt;
Doch mit gelöster Zunge schlingt in jedem
Kalendermonat jede Speis' er nieder.

Auf seine Mutter hört in Liebe mancher
Solang' er stammelt; doch ist seine Rede
Entwickelt, möcht' er sie begraben sehn.

So schwärzt sich, die beim ersten Anblick weiß
Erschien, die Haut der schönen Tochter dessen,
Der, Morgen bringend, hinter sich die Nacht läßt.

Damit du aber dich nicht wunderst, denke,
Daß jetzt auf Erden keiner ist, der herrsche;
Drum irrt soweit ab das Geschlecht der Menschen.

Doch eh' noch (weil das Hundertsteil ihr drunten
Nicht rechnet) Jänner aus dem Winter austritt,
Wird solch ein Tönen dieser Himmelskreise

Bewegung wecken, daß die allersehnte
Fortuna, wo das Steuer ist, den Schnabel
Hinwenden wird, so daß die Flotte recht läuft

Und nach der Blüte wahre Frucht man erntet. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 28
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 28

Der jammervollen Menschheit jetz'ges Leben
So richtend, hatte, die zum Paradiese
Den Geist erhebt, mir Wahrheit offenbart.

Und wie, wer einer Fackel Licht, das ihm
Im Rücken strahlt, und das zuvor er weder
Gesehn, noch sich gedacht, im Spiegel wahrnimmt,

Sich umkehrt, zu erkennen ob das Glas
Die Wahrheit spricht, und dann es so entsprechend
Ihr findet, wie das Lied und seine Weise,

So sagt mir mein Gedächtnis, daß ich tat,
Als ich geblickt in jene schönen Augen,
In deren Schlinge Amor mich gefangen.

Als ich mich umgewandt, fühlt' ich die meinen
Vom dem getroffen, was aus jener Wölbung
Stets leuchtet, sieht man recht in ihren Kreis.

Ein Pünktlein sah ich, das so helles Licht
Ausstrahlte, daß die Augen, die's entflammet
Sich schließen müssen ob der großen Schärfe:

Mit ihm verglichen, wie man Stern bei Sterne
Am Himmel sieht, erschien' in Mondesgröße
Sogar der Stern, der uns der kleinste dünket.

Vielleicht so nahe, als ein Hof das Licht
Das in die Luft ihn zeichnet, dann umgürtet,
Wenn dicht die Dünste, die ihn tragen, sind,

Bewegte sich um jenen lichten Punkt
Ein Feuerkreis so eilig, daß die Drehung
Des höchsten Himmels diese nicht erreichte.

Umgeben war er rings von einem andren,
Vom dritten der, vom vierten wieder dieser,
Der vierte dann vom fünften, der vom sechsten.

Dann folgt' ein siebenter von solcher Weite,
Daß Juno's Botin in der vollen Rundung
Nicht weit genug, ihn zu umspannen wäre.

So auch der acht' und neunt, und es bewegte
Langsamer jeder sich, im Maße wie er,
Der Zahl nach sich, vom ersten mehr entfernte.

An Lauterkeit des Lichtes überwog
Der minder abstand von dem reinen Funken;
Wohl weil ihn dessen Wahrheit mehr durchdringt.

Und meine Herrin, die mich schwer befangen
In Zweifel sah, begann: Es hängt der Himmel
Sowie das Weltall ab von diesem Punkte.

Sieh auf den Kreis nun, welcher ihm am nächsten
Verbunden ist, und wisse, er bewegt sich
So schnell ob seiner heißen Liebe Glut. -

Und ich zu ihr: Wär' in der gleichen Ordnung
Wie diese Räder sind die Welt gegliedert,
So würde was du sagest mich befried'gen.

Doch sieht man in der Welt, die unsre Sinne
Erkennen, um so göttlicher die Kreise,
Je weiter sie vom Mittelpunkte abstehn.

Drum, wenn mein Wunsch gelangen soll zum Ziele
In diesem wunderbaren Engelstempel,
Der Lieb' und Licht allein zu Schranken hat,

So muß Belehrung mir, warum das Abbild
Vom Vorbild so verschieden ist, noch werden,
Da ich allein vergebens drüber sinne. -

Nicht zu verwundern ist's, wenn deine Finger
Für diesen Knoten ungenügend sind;
Weil niemand sich dran wagte, ward er fest. -

So meine Herrin, und dann fuhr sie fort:
Willst du dich sättigen, so nimm zunächst
Was ich dir sagen werd' und denk ihm nach.

Weit sind die körperlichen Kreis' und enger
Je nach der größren oder mindren Kraft,
Die sich erstreckt durch alle ihre Teile.

Die größre Güte wirket größres Heil,
Und sind die Teile beider gleich vollkommen,
So fasset größres Heil der größre Körper;

Deshalb entspricht denn dieser Himmel, welcher
Das ganze Weltall mit sich reißt, dem Kreise
In dem am meisten Liebe ist und Wissen.

Legst also an die Kraft dein Maß du an,
Und nicht an die Erscheinung der Substanzen,
Die sich in sphärischer Gestalt dir zeigen,

So siehst in Himmeln und Intelligenzen
Das Mehr dem Größer, wie das Weniger
Dem Kleiner du gar wunderbar entsprechen. -

Sowie, wenn aus der Wange Boreas,
Auf der am sanftesten er atmet, bläst,
Der Dunstkreis glänzend wird und wolkenfrei,

Weil sich der Nebel, der zuvor ihn trübte,
Auflöst und reinigt, und deshalb der Himmel
Mit jeder Schönheit seiner Scharen lacht,

So tat auch ich, seit ihre klare Antwort
Die Herrin mir gewährte, und die Wahrheit
Ich leuchten sah, gleich einem Stern am Himmel.

Und als dann inne hielten ihre Worte,
Da glich das Funkensprühen jener Kreise
Geschmolznen Eisens blendendem Gefunkel.

Und wie der ganze Brand, tat jeder Funke,
Und deren Zahl vertausendfachte sich
Mehr als die Doppelung der Schachbrettfelder.

Lobsingen hört' ich sie von Chor zu Chore
Dem festen Punkte, der an seinem Platze
Jedweden hält und hielt und halten wird.

Sie aber, die im Geist mir las den Zweifel,
Begann: Es haben dir die ersten Kreise
Die Seraphim und Cherubim gezeigt.

Den Liebesbanden folgen sie so willig
Um, soviel möglich, gleich dem Punkt zu werden;
Und möglich ist's je nach des Schauens Maße.

Des Angesicht des Herren Throne nennt man
Die Liebesgluten die um diese kreisen,
Und sie beendigen die erste Dreizahl.

Und wisse, daß der Wonne sie soviel
Genießen, als ihr Blick sich in die Wahrheit
Vertieft, die jedem Geiste Ruhe bietet.

Drum kann man sehn, daß auf den Akt des Schauens
Die Seligkeit sich gründet, nicht auf den
Der Liebe, welche jenen nur begleitet.

Wie tief das Schauen sei, hängt vom Verdienst ab,
Und das beruht auf Gnad' und gutem Willen,
Und so von einer Stufe fort zur andren.

Die andre Dreizahl, die hier also sprießt
Im ew'gen Lenze, den vom nächt'gen Himmel
Kein Widder seines Blätterschmucks beraubt,

Singt Hosianna stets als Frühlingslied,
Das aus drei Freudenchören, die sie bilden
In dreigestalter Melodie ertönt.

In dieser Hierarchie sind die drei Scharen,
Die weiblich man benennet: Herrschaften, Kräfte
Und, als die dritte Ordnung, die Gewalten.

Dann kreisen in den Reigen nächst dem letzten
Erst Fürstentümer und sodann Erzengel;
Dem Spiel der Engel nur gehört der letzte.

All diese Himmelschöre schau'n nach oben
Und wirken siegend niederwärts; zu Gott hin
Gezogen sind sie all', und alle ziehn sie.

Mit solcher Sehnsucht wandte Dionys
Sich dieser Ordnungen Betrachtung zu,
Daß er, wie ich, sie unterschied und nannte.

Zwar ist Gregor dann von ihm abgewichen;
Doch hatt' er kaum das Aug' in diesem Himmel
Geöffnet, als er selber sich verlachte.

Erschloß ein Sterblicher solch ein Geheimnis
Der Erdenwelt, so soll dich das nicht wundern;
Denn dies und andre Wahrheit dieser Kreise

Entdeckte ihm wer sie gesehn hier oben. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 29
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 29

Wie wenn sich beide Kinder der Latona,
Von Widder und von Wage überdeckt,
Zugleich umgürten mit dem Horizonte,

Wie lange dann, von wo im Gleichgewicht
Zenith sie hält, es währt, bis jenen Gürtel,
Die Hemisphäre wechselnd, beide lassen,

So lange schwieg, in ihrem Antlitz Lächeln,
Beatrix, nach dem Punkte unverwandt
Hinschauend, der mein Auge überwunden.

Dann hub sie an: Auch ohne dich zu fragen,
Was du begehrest, red' ich; denn ich sah es
Dort, wo das Ziel von jedem wo und wann ist.

Nicht um vermehrtes Gut sich zu erwerben
(Das wär' unmöglich), nur daß ausgestrahlt
Sein Glanz imstande sei, »ich bin« zu sagen,

Entfaltet' er in seiner Ewigkeit
Nach eigner Wahl und außer Zeit und Schranken
In neuen Lieben seine ew'ge Liebe.

Auch ruhte bis dahin er nicht wie müßig;
Denn Gottes Geist ging, über den Gewässern
Zu schweben, weder vorher aus, noch nachher.

Rein und verbunden traten Form und Stoff
Ins makellose Dasein, wie drei Pfeile
Ein Bogen, der drei Sehnen hat, entsendet.

Und wie in Glas, in Bernstein und Kristalle
Also ein Strahl glänzt, daß von seinem Kommen
Bis zum Durchleuchten keine Zeit vergeht,

So strahlte jene dreigestalte Wirkung
Von ihrem Herrn ununterscheidbar aus,
So daß kein Anfang sich erkennen ließ.

Den Wesen eingeprägt bei der Erschaffung
Ward ihre Ordnung, und die erste Stelle
Erhielten die der reinen Tätigkeit.

Zu unterst kam der bloße Stoff zu stehn;
Inmitten einet Stoff und Tätigkeit
Ein solches Band, daß nie sich's wieder löset.

Wohl schrieb Hieronymus euch von den Engeln,
Daß sie geschaffen sei'n so manch Jahrhundert
Eh' noch die andre Welt in's Dasein trat;

Allein die Wahrheit ward auf manchen Seiten
Geschrieben von des heil'gen Geistes Schreibern,
Und merkst du wohl auf, wirst du's selbst erkennen.

Auch kann es die Vernunft zum Teil begreifen;
Denn, daß solang unwirksam die Beweger
Gewesen seien, kann sie nicht gestatten.

Wo diese Lieben, wann und wie erkoren
Sie wurden, weißt du nun, so daß drei Flammen
Von deinem Wunsche ihre Löschung fanden.

Nicht könnte zählend man so schnell bis zwanzig
Gelangen, als ein Teil von diesen Engeln
Aufwühlte eurer Elemente Grund.

Die andren blieben, und mit solcher Lust
Begannen sie die Kunst, die du hier wahrnimmst,
Daß nimmer sie von ihrem Kreisen lassen.

Es war die maledeite Hoffahrt dessen,
Den du bedrückt gesehn von allen Lasten
Der ganzen Welt, der Anfang dieses Falles.

Die hier du siehst beschieden sich in Demut,
Daß, was sie sei'n nur von der Güte stamme,
Die zum Erkennen also sie befähigt.

Drum wurde durch die Gnade, die erleuchtet,
Und ihr Verdienst gesteigert ihre Einsicht,
So daß ihr Wille völlig nun und fest ist.

Nicht zweifeln sollst du, sondern sicher glauben,
Daß, jenachdem der Wille sich ihr öffnet,
Verdienstlich ist, die Gnade anzunehmen.

Hast du nun meine Worte wohl erwogen,
So kannst du über diese Ratsgemeinde
Auch ohne Hilfe reichlich weiter denken.

Doch weil auf Erden man in euren Schulen
Von der Natur der Engel lehrt, sie eigne
Sich zum Verstehn, zum Wollen und Erinnern,

So will ich weiterreden, daß du rein
Die Wahrheit siehst, die man durch Mißverständnis
Dort unten arg verwirrt in dieser Lehre.

Es wandten diese Wesen, seit begnadigt
Sie durch das Antlitz Gottes wurden, nimmer
Von ihm, dem nichts verborgen bleibt, den Blick.

Drum wird ihr Sehn durch neue Gegenstände
Nie abgelenkt, und weil sie nichts zerstreuet,
Bedürfen sie auch nicht erst des Erinnerns.

Drum träumen drunten wachend, die für richtig
Die Lehre halten, und die sie bestreiten,
Doch liegt im letzten größre Schuld und Schande.

Ihr geht nicht eines Weg's, wenn ihr auf Erden
Philosophiert, so sehr verlockt die Liebe
Zum Scheine, und der Wunsch zu scheinen euch.

Und dennoch wird das hier mit mindrem Zorne
Geduldet, als wenn ihr die Gottesschrift
Hintansetzt, oder ihren Sinn verdreht.

Man glaubt bei euch nicht, wie viel Blut es kostet
Sie zu verbreiten, und wie wohlgefällig
Ist, wer in Demut ihrem Wort sich fügt.

Hervortun will sich jeder, drum ersinnt er
Erfindungen, die dann er in der Predigt
Erörtert, doch vom Evangelium schweigt.

Der eine sagt, daß sich beim Leiden Christi
Der Mond zurückgewandt und vor die Sonne
Gestellt, so daß der Erd' ihr Licht er barg.

Ein andrer, daß ihr Licht von selbst erlosch,
Weshalb die Finsternis, sowie den Juden,
Sich auch den Spaniern und den Indern zeigte.

Nicht soviel Lapi's trifft man, soviel Bindi's
In Florenz, als im Jahr dergleichen Fabeln
Von Kanzeln da und dort verkündet werden.

Die unerfahrnen Schäflein aber kehren
Mit Wind gefuttert von der Weid', und wenig
Hilft ihnen, daß sie nicht gesehn den Schaden.

Nicht sagte Christus zu den ersten Jüngern:
Geht hin und predigt Narretei der Welt;
Den rechten Grundbau gab er ihrer Predigt.

Und diese tönte so aus ihren Wangen,
Daß in dem Kampf, den Glauben zu entzünden,
Ihr Schild und Speer das Evangelium war.

Jetzt predigt man mit Späßen und Geschichtchen,
Und, wird nur gut gelacht, schwillt die Kapuze
Dem Pfaffen, und nichts weiteres begehrt man.

Doch nistet in dem Kragen solch ein Vogel,
Daß, wenn's die Leute sähen, so erkennten
Sie, was der Ablaß wert sei, dem sie trauen.

Es wuchs auf Erden also diese Torheit,
Daß, ohne eines Zeugnisses Beweis,
Das Volk zu jeglicher Verheißung liefe.

Mit derlei mästet Sankt Anton das Schwein
Und andre, die noch schlimmre Schweine sind,
Indem mit ungeprägtem Geld sie zahlen.

Doch weil wir um nicht wenig abgeschweift sind,
So richte auf den graden Weg die Augen,
Damit die Straße mit der Zeit sich kürze.

So hoch läuft in die Zahlen die Natur
Der Engel, daß kein sterblicher Gedanke,
Noch Menschensprache sich soweit verstiege.

Erwägst du recht was Daniel uns verkündet,
So siehst du wohl, daß die bestimmte Zahl
Sich hinter seinen Tausenden verbirgt.

Das erste Licht, das alle ausstrahlt, nehmen
Sie in so mannigfacher Weise auf,
Als Lichter sind, mit denen es sich einet.

Weil das Ergriffensein nun dem Erkennen
Entspricht, so fühlen sie der Liebe Süße
Verschiedenartig, heißer oder lauer.

Sieh denn die Höhe, die Freigebigkeit
Der ew'gen Kraft, die, ob so viele Spiegel
Sie sich erschuf, darin sie sich verteilet,

Doch in sich selber eins bleibt, wie zuvor. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 30
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 30

Es glüht vielleicht Sechstausend Meilen weit
Von uns die Mittagsstund', und diese Welt
Senkt ihren Schatten fast zum ebnen Bette,

Wenn von des Himmels Mitte, der für uns
Der tiefe ist, schon manches Sternes Schimmer
Nicht mehr herabreicht bis auf unsren Grund.

Und wenn der Sonne lichte Dienerin
Dann weiterschreitet, schließen sich die Augen
Des Himmels nacheinander bis zum hellsten.

In solcher Weis' erlosch vor meinen Blicken
Allmählich der Triumph, der immerdar
Den Punkt umspielt, der mich bewältigte,

Scheinbar von dem umschlossen, was er einschließt;
Drum hießen Lieb' und jenes Anblick's Ende,
Den Blick auf's neu, mich auf Beatrix richten.

Wenn alles was bisher von ihr gesagt ward
Zu einem einz'gen Lob verbunden wäre,
So wär' es diesmal dennoch zu gering.

Es übersteigt die Schönheit, die ich sah,
Nicht unser Maß nur; nein, ich glaube sicher,
Daß nur ihr Schöpfer ganz sich ihrer freut.

Besiegt erkenn' ich mich an dieser Stelle,
Wie so weit über ihre Kraft noch nimmer
Den Stoff Tragöd' und Komiker gefunden.

Denn, wie dem schwächsten Aug' im Strahl der Sonne,
So schwindet dem Gedächtnis seine Kraft,
Erinnert es sich an dies süße Lächeln.

Vom ersten Tag, wo ich im Erdenleben
Ihr Antlitz sah, bis hin zu diesem Anblick
War meinem Lied das Folgen nicht benommen;

Hier aber muß ich davon, ihrer Schönheit
Noch weiter dichtend nachzufolgen, abstehn,
Wie jeder Künstler von dem letzten Ziele.

Schön, wie zu schildern ich sie höhrer Stimme,
Als meiner Tuba zusteht, überlasse,
Indes ihr schweres Werk nun diese endet,

Begann mit eines sichren Führers Miene
Und Ton sie: Aus dem größten Körper sind wir
Zum Himmel nun gelangt, der reines Licht ist,

Licht der Erkenntnis, ganz erfüllt von Liebe,
Von Liebe wahren Heiles voller Wonne,
Der Wonne, welcher keine Süße gleichkommt.

Des Paradieses ein' und andre Heerschar
Wirst du hier sehn: in der Gestalt die eine,
In der sie beim Gericht sich zeigen wird. -

Wie, unvorhergesehn, ein Blitz die Geister
Der Sehkraft so zerstreut, daß unempfänglich
Das Aug' er macht, selbst für den stärksten Eindruck,

So glänzte um mich her lebend'ges Licht,
Mit einem Schleier solcher Helligkeit
Mich rings umgebend, daß ich sonst nichts sah:

Die Liebe, die dem Himmel Frieden gibt,
Nimmt immer in sich auf mit solchem Gruße,
Daß reif der Leuchter sei für seine Flamme. -

Als diese kurzen Worte kaum zu mir
Gelangt, ward ich gewahr, daß nun erhoben
Ich über meine eignen Kräfte sei.

Und so entbrannte ich in neuer Sehkraft,
Daß meine Augen standgehalten hätten
Jedwedem Lichte, auch dem allerhellsten.

Lichtfülle sah ich, glänzend wie von Blitzen,
Gestaltet wie ein Fluß, des beide Ufer
Die wunderbarste Pracht des Frühlings malte.

Es sprühten aus dem Fluß lebend'ge Funken,
Die in die Blumen rings sich niederließen,
Rubinen gleich, gefaßt in goldne Reifen.

Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken
Sich wieder unter in den Wunderstrom,
Indessen andre sich aus ihm erhoben.

Der hohe Wunsch, der dich entflammt und dränget,
Kenntnis von dem, was du erblickst, zu haben,
Erfreut mich um so mehr, je mehr er anwächst.

Doch mußt du erst von diesem Wasser trinken,
Bevor so hoher Durst in dir gestillt wird. -
So sprach zu mir die Sonne meiner Augen.

Noch sagte sie: Der Fluß und die Topase,
Die aus- und eingehn, und der Blumen Lächeln
Sind ihrer Wahrheit schattengleiches Vorspiel.

Auch sind an sich nicht schwierig diese Dinge;
Der Mangel liegt allein auf deiner Seite,
Weil noch dein Auge nicht soweit hinaufreicht. -

So eilte nie ein Kind, der Muttermilch
Das Antlitz zugewandt, wenn es, verspätet
Weit über die gewohnte Zeit, erwachte,

Als ich, um meiner Augen Spiegelkraft
Noch zu vermehren, mich zur Welle neigte,
Die, um vollkommener zu machen, fließt.

Kaum, daß die Ränder meiner Augenlider
Davon getrunken, so erschien zur Rundung
Der Fluß, der lang sich streckte, mir gewandelt.

Und wie ein Mensch, der hinter einer Larve
Sich barg, ein anderer geworden scheint,
Wirft er das Scheinbild ab, das ihn verhüllte;

So wandelten die Blüten und die Funken
Sich mir zu höhrem Freudenfest, so daß ich
Die beiden Himmelshöfe nun gewahrte.

O Lichtglanz Gottes, der mir den erhabnen
Triumph des wahren Reichs zu sehn gewährt,
Gib du mir Kraft, wie ich ihn sah, zu schildern!

Licht ist dort oben, welches dem Geschöpfe
Gott sichtbar werden läßt, das seinen Frieden
Nur in dem Anschaun seines Schöpfers findet.

Und es erstreckt in Kreisesform so weit sich,
Daß seines Umfangs Maß, selbst für die Sonne
Ein Gürtel wäre von zu großer Weite.

Das Auge sieht von ihm nichts als nur Strahlen,
Die, auf des erstbewegten Himmels Umkreis
Zurückgestrahlt, ihm Kraft verleihn und Leben.

Und wie ein Hügel sich im Wasser spiegelt,
Als wollt' er sehn, wie reich geschmückt an Kräutern
Und Blüten er vom Fuß zum Gipfel ist,

So sah ich was von uns zu jener Höhe
Heimkehrte, sich auf mehr als tausend Stufen
Im Lichte, das sie rings umragten, spiegeln.

Umfaßt die niedrigste von diesen Schwellen
So großes Licht, wie mächtig muß der Umfang
Der äußren Blätter dieser Rose sein!

Und doch verlor in solcher Weit' und Höhe
Mein Blick sich nicht; nein er erfaßte völlig
Das Wie und das Wiegroß von dieser Wonne.

Dort gibt und raubt nicht Nähe und nicht Ferne;
Denn da wo unvermittelt Gott regiert,
Sind der Natur Gesetze unwirksam.

In's gelbe Zentrum jener ew'gen Rose,
Die sich ausdehnt und abstuft und zur Sonne
Des steten Lenzes Lobesdüfte sendet,

Geleitete Beatrix mich, der schwieg
Und reden wollte; doch sie sagte: Schaue
Wie groß die Schar der weißen Kleider ist.

Sieh, wie so weit der Umfang unsrer Stadt ist,
Sieh, wie so voll schon unsre Sitze sind,
Daß, sie zu füllen, wen'ge nur noch fehlen.

In jenem großen Stuhl, zu dem die Krone,
Mit welcher er schon prangt, dein Auge lenkte,
Wird, eh' an diesem Hochzeitsmahl du teilnimmst,

Des hohen Heinrichs Seele, der auf Erden
Den Purpur tragen wird, und der Italien
Zu heilen kommt, eh' es bereit ist, thronen.

Es hat die blinde Gier, die euch verzaubert,
Euch so betört, daß ihr dem Kinde gleichet,
Das Hungers stirbt und doch die Amme fortjagt.

Und wer um jene Zeit dem geistlichen
Gerichtshof vorsitzt, wird geheim und offen
Nicht auf demselben Wege mit ihm gehn.

Doch wird ihn Gott in diesem heil'gen Amte
Nicht lange dulden, dann stürzt er hinab,
Wo Simon Magus büßt was er verdient hat,

Und tiefer drängt er noch den von Anagni.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 31
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 31

So zeigte denn in einer weißen Rose
Gestalt sich mir die heilige Streiterschar,
Die Christus durch sein Blut zur Braut sich machte.

Die andre Schar, die fliegend dessen Glorie
Der sie in Lieb' entzündet, und die Güte,
Die sie so hoch erhöht hat, schaut und preiset,

War Bienen zu vergleichen, die sich bald
In Blumen tauchen, und bald dahin kehren,
Wo ihre Arbeit sich in Honig wandelt.

Sie stiegen nieder in die große Blume,
Die so viel Blätter schmücken; dann erhoben
Sie dorthin sich, wo ihre Liebe weilt.

Das Antlitz aller glich lebend'ger Flamme,
Die Flügel waren Gold, so weiß das andre,
Daß solche Weiße nimmer Schnee erreicht.

Wenn in die Blumen sie sich senkten, teilten
Von Sitz zu Sitz sie Frieden aus und Inbrunst
Die, ihre Flanken fächelnd, sie erworben.

Und ob auch fliegend noch so viele zwischen
Die Blum' und das was drüber schwebte kamen,
So hemmten sie das Sehn nicht und den Glanz;

Denn es durchdringt das Gottentstammte Licht
Je nach der Würdigkeit das ganze Weltall,
So daß ihm nichts den Weg versperren kann.

Es richtete dies ganze freuderfüllte
Und sichre Reich, von Geistern alt und neu
Bevölkert, auf ein Ziel so Blick als Liebe

Dreifaches Licht, das du aus einem Sterne
Auf ihre Blicke strahlend sie beseligst,
Blick' auf den Sturm, der uns bedroht, hernieder!

Wenn die Barbaren, aus dem Lande kommend
Das stets, mit ihrem Sohn, nach dem sie schmachtet,
Den Pol umkreisend Helice bedeckt,

Als Rom sie sahn und seine hohen Werke,
Erstaunten, um wie viel der Lateran
Was Menschen sonst geschaffen überragte,

Welch' Staunen mußte da sich mein bemächt'gen,
Der ich zum Göttlichen vom Menschlichen,
Zum Ew'gen von der Zeit gekommen war,

Und zu gerechtem, lautrem Volk von Florenz
Erfüllt von Staunen und von Freude, war mir
Willkommen stumm zu sein und nicht zu hören.

Und wie der Pilger in dem Tempel seines
Gelübdes am Beschaun sich freut, und schon,
Wie er beschaffen, zu erzählen hofft,

So ließ in dem lebend'gen Licht die Blicke
Lustwandelnd ich von Sitz zu Sitze schweifen,
Bald aufwärts, bald hinab, und bald im Kreise.

Antlitze sah ich, die zur Liebe mahnten,
Verschönt durch fremdes Licht und eignes Lächeln,
Gebärden auch im Schmuck der Zucht und Sitte.

Die allgemeine Form des Paradieses
War deutlich meinem Auge schon geworden;
Doch hatte nirgends noch mein Blick verweilet.

Da wandt' ich mich mit neuentflammtem Wunsche
Zu meiner Herrin, Dinge sie zu fragen,
Die mit Erstaunen meinen Geist befingen.

Sie meint ich; Antwort sollt' ein andrer geben.
Beatrix galt mein Blick, und einen Greis,
Gekleidet gleich den sel'gen Scharen, sah ich.

Wohlwollen übergoß und Freudigkeit
So Aug' als Wangen ihm, und die Gebärde
War teilnahmsvoll in väterlicher Liebe.

Und: Wo ist sie? - rief alsobald ich aus.
Er aber: Daß dein Wunsch sich ganz erfülle,
Entsandte mich von meinem Platz Beatrix.

Blickst du hinauf, so wirst im dritten Kreise
Vom obersten du auf dem Thron sie sehen,
Der ihr beschieden ward für ihr Verdienst. -

Nicht Antwort gab ich und erhob die Augen;
Da sah ich sie, und wie die ew'gen Strahlen
In ihr sich spiegelten und sie umkränzten.

Kein sterblich Auge, das in's Meer am tiefsten
Sich tauchte, ist von jener Himmelsgegend,
Wo es am höchsten donnert, so entfernt,

Als Beatrice meinen Blicken dort war;
Doch hinderte mich's nicht, denn unentstellt
Durch Zwischenliegendes sah ich ihr Bild.

O Herrin, du, in der mein Hoffen lebt,
Die deiner Füße Spuren in der Hölle
Zu lassen du nicht scheutest, mich zu retten,

Die Gnade und die Heilskraft all der Dinge,
Die mir zu sehn gewährt ward, danke ich
Nur deiner Güte, danke deiner Macht sie.

Du hast vom Knechte mich auf allen Wegen,
In allen Weisen, so wie dir die Macht
Darüber zustand, hingeführt zur Freiheit.

Erhalte deine Herrlichkeit in mir,
So daß die Seele, die durch dich gesund ward,
Dir wohlgefällig sich vom Körper löse. -

So bat ich, und wie fern sie mir auch schien,
So lächelte und blickte sie mich an;
Dann kehrte sie zurück zur ew'gen Quelle.

Der heil'ge Greis begann: Damit du völlig
Den Weg beendest, welcher dir bestimmt ist,
Wozu mich heil'ge Lieb' und Bitte sandten,

So fliege mit dem Blick durch diesen Garten;
Sein Anschaun wird dein Auge mehr befäh'gen,
Empor dann durch den Gottesstrahl zu steigen.

Des Himmels Königin, für die in Liebe
Ich ganz entbrenne, wird uns Gnade spenden,
Dieweil ich Bernhard, ihr Getreuer, bin. -

Wie wer von fernher, etwa von Kroatien,
Gekommen die Veronica zu sehn,
Sich ob des alten Rufes nimmer satt sieht,

Und während sie gezeigt wird, bei sich sagt:
Mein Heiland, Jesus Christus, wahrer Gott,
So war dein Antlitz also denn gestaltet?

So war mir, als ich die lebend'ge Liebe
Des Mannes ansah, der in dieser Welt
In frommem Schau'n den Frieden jener schmeckte.

O Sohn der Gnade, dieses heitre Sein,
Also begann er, wirst du nicht erkennen,
Wenn nur an diesem Grund dein Auge haftet.

Blick auf denn zu den Kreisen bis zum fernsten,
So daß die Königin du sitzen siehst,
Der in Verehrung untertan dies Reich ist. -

Ich schlug die Augen auf, und wie am Morgen
Was von dem Horizont gen Aufgang liegt,
Des Niederganges Gegend überstrahlt,

So sah ich, wie vom Tal zu Berg die Augen
Erhebend, einen Teil des obren Randes
An Helligkeit des Kreises Rest besiegen.

Und wie's am hellsten da ist, wo der Deichsel,
Die übel Phaëthon gelenkt, man wartet,
Indessen rechts und links das Licht sich mindert,

So sah ich jene Friedens-Oriflamme
Am hellsten mitten, und zu beiden Seiten
Die Flamme gleicher Weise sich vermindern.

Um jene Mitte sah ich tausend Engel
Und mehr mit ausgespanntem Fittig jubeln;
Verschieden war an Glanz und Weise jeder.

Zu ihren Spielen sah, zu ihren Liedern
Ich eine Schönheit lächeln, welche Wonne
Den Augen all der Heiligen gewährte.

Und gliche meiner Rede Reichtum dem
Der Phantasie, so wagt' ich dennoch nimmer,
Von ihrem Reiz das Mindeste zu schildern.

Als Bernhard meine Augen auf die Glut
Der eignen Wärme fest gerichtet sah,
Wandt' er die seinigen mit solcher Inbrunst

Zu ihr, daß ich im Schau'n noch mehr entbrannte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 32
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 32

Das Lehramt übernahm freiwillig dieser
Beschauer, noch versenkt in seine Wonne,
Und er begann mit diesen heil'gen Worten:

Die Wunde, die Maria schloß und salbte,
Schlug und vergiftete die du an Schönheit
So reich zu ihren Füßen sitzen siehst.

Es folgt dann in der dritten Sitze Ordnung
Grad' unter jener, und, wie du gewahr wirst,
Zu Beatrice's Seite sitzend, Rahel.

Steigst du von Stufe dann zu Stufe nieder,
Wie ich von einem Rosenblatt zum andren
Die Namen nenne, kannst du Sarah, Judith,

Rebecca und des Sängers Ältermutter
Erkennen, der im Schmerz ob seiner Sünden,
O Herr, erbarme meiner dich! gesprochen.

Und von der siebenten der Stufen nieder,
Wie bis zu ihr, sind nur Hebräerinnen,
Die dieser Blume Lockenbau zerteilen,

Indem, je nach der Art, in der der Glaube
Auf Christum blickte, sie die Mauer bilden,
Die diese heil'gen Stufen unterscheidet.

Auf dieser Seite, wo in allen Blättern
Die Blume reif ist, fanden ihren Platz
Die an den Christus der Verheißung glaubten.

Zur andren, wo von Lücken unterbrochen
Die Plätze sind, verweilen, die die Blicke
Dem schon gekommnen Christus zugewendet.

Und so wie diesseits der erhabene Sitz
Der Himmelsherrin, und die andren Stühle
Grad' unter ihrem, solche Scheidung bilden,

So tut es jenseits der des großen Täufers,
Der, immer heilig, Wüst und Martertod
Und dann zwei Jahre lang die Höll' erduldet.

Und unter ihm bewirken diese Scheidung
Franciscus, Benedict und Augustinus
Und andre bis hierher von Kreis zu Kreise.

Sieh nun die Höhe göttlicher Voraussicht,
Da die und jene Art des gläub'gen Schauens
Gleichmäßig diesen Garten füllen wird.

Vernimm auch, daß von jener Stufe abwärts,
Die die zwei Scheidewänd' inmitten schneidet,
Man nicht aus eignem, sondern nur aus fremdem

Verdienst bedingungsweise Platz gewinnt;
Denn frei vom Körper wurden all' die Seelen,
Eh' zwischen Bös' und Gut sie wählen konnten.

Erkennen kannst du's wohl an ihren Zügen
Und ebenso auch an den Kinderstimmen,
Betrachtest du sie recht und hörst auf sie.

Nun zweifelst du, und trotz des Zweifels schweigst du;
Doch will den festen Knoten ich dir lösen,
In den dein Denken grübelnd dich verstrickte.

In dieses Reiches schrankenloser Weite
Ist für Zufälliges kein Raum zu finden,
So wenig als für Trauer, Durst und Hunger.

Denn, was du siehst, durch ewiges Gesetz
Ward es vorherbestimmt, darum entspricht es
Genau einander, wie der Ring dem Finger.

So ist auch diese, zu dem wahren Leben
Früh abgerufne, Schar nicht ohne Ursach
Hier an Vollendung unter sich verschieden.

Der hohe König, der dies Reich befriedet
Mit solcher Liebesfüll' und solcher Wonne,
Daß höher sich kein Wünschen je vermaß,

Begabt, indem vor seinem heitren Antlitz
Er sie erschafft, verschiedentlich die Seelen
Mit Gnaden; daß es also sei, genüge.

Ausdrücklich sagt euch dies mit klaren Worten
Die heil'ge Schrift, der Zwillinge gedenkend,
Die in der Mutter Schoß einander zürnten.

Darum bekränzen sich, je nach der Färbung
Der Haare solche Gnade, diese Seelen
Der Würdigkeit gemäß mit höchstem Lichte.

So sind denn ohne sittliches Verdienst
Verschiedne Plätze ihnen angewiesen;
Doch ungleich ist nur ihre erste Sehkraft.

In frühesten Jahrhunderten genügte,
Damit man Heil erlange, neben eigner
Unschuld, daß nur die Eltern gläubig waren.

Als abgelaufen war der erste Zeitraum,
Da mußte dem unschuldigen Gefieder
Beschneidung neue Kraft zum Fliegen leihn.

Doch als gekommen war die Zeit der Gnade,
Ward solche Unschuld, hatte Christi Taufe
Sie nicht empfangen, drunten festgehalten.

Nun schaue in das Antlitz, welches Christo
Am meisten gleich; denn seine Klarheit nur
Kann dich bereiten, Christum selbst zu schauen. -

Und regnen sah auf sie ich soviel Freude,
Gehegt in jenen heil'gen Geistern, welche
Geschaffen wurden zu so hohem Fluge,

Daß, was ich auch bis dahin wahrgenommen
Mit solchem Staunen nimmer mich befangen
Und mir solch Gottes Abbild nicht gezeigt.

Und es entfaltete vor ihr die Flügel
»Ave Maria, gnadenvolle«, singend
Die Liebe, die zuerst dorthin herabstieg.

Darauf erwiderte von allen Seiten
Den göttlichen Gesang der Hof der Sel'gen,
So daß sich jedes Antlitz drob verklärte.

O heil'ger Vater, der du meinetwillen
Hier unten weilst, den süßen Ort verlassend,
Den du nach ewiger Bestimmung einnimmst,

Wer ist der Engel, der mit solchem Spiele
Der Himmelskönigin in's Auge schaut,
So liebeglühend, daß er Feuer scheint? -

Belehrung sucht' ich so bei dessen Kunde,
Der sich verschönte an Maria's Anblick,
Wie an der Sonne tut der Morgenstern.

Und er zu mir: In ihm ist soviel Kühnheit
Und Anmut, als in Engel oder Seele
Nur immer sein kann, und so wünschen wir's.

Ist er es doch, der zu Marie'n hernieder
Die Palme brachte, als sich Gottes Sohn
Mit unsrer Sünden Last beladen wollte.

Nun aber folge, wie ich reden werde,
Mit deinem Blick, und merke die Patrizier
Von diesem frommen und gerechten Reiche.

Die Zwei dort oben, deren Glück das höchste,
Weil sie der Königin am nächsten sitzen,
Sind gleichsam die zwei Wurzeln dieser Rose.

Der dort zur linken Seite sich ihr anfügt
Ist jener Vater, deß verwegnes Schmecken
Das menschliche Geschlecht so bitter nachschmeckt.

Zur rechten Seite sieh den alten Vater
Der heil'gen Kirche, dem die Schlüssel Christus
Zu dieser schönen Blume anempfahl.

Und der, bevor er starb, die schweren Zeiten
Der schönen Braut, die mit den Nägeln und
Dem Speer erworben wurde, alle sah,

Sitzt neben ihm, wie neben jenem andren
Des Führers Sitz ist, unter dem von Manna
Das störrig undankbare Volk gelebt.

Sieh Petrus gegenüber Anna sitzen,
Die in der Tochter Anschaun so beglückt ist,
Daß auch beim Hosianna sie nicht wegsieht.

Der Stammeshäupter ält'stem gegenüber
Siehst du Lucìa, welche deine Herrin,
Als fliehend du die Wimpern senktest, sandte.

Weil aber deines Schlummers Zeit entflieht,
So halt ich ein, wie ein bedächt'ger Schneider,
Je nach dem Tuche, das er hat, den Rock macht.

So woll'n die Augen denn zur ersten Liebe
Wir richten, daß im Dorthinschauen du
In ihren Glanz soviel als möglich dringest.

Doch wahrlich, soll dein Flügelschlagen rückwärts,
Statt vorwärts, wie du wähntest, dich nicht bringen,
So muß Gebet erst Gnade dir erwirken:

Die Gnade deren, die zu helfen Kraft hat.
So folge mir denn mit der rechten Inbrunst,
Daß sich dein Herz von meinem Wort nicht trenne. -

Und dieses heilige Gebet begann er:


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 33
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 33

O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohnes,
Demütigste und höchste der Erschaffnen,
Vorherbestimmtes Ziel vom ew'gen Ratschluß.

Du bist es, die die menschliche Natur
So hoch geadelt, daß ihr eigner Schöpfer
Es nicht verschmäht, in ihr Geschöpf zu werden.

In deinem Schoß entflammte neu die Liebe,
Durch deren Wärme hier im ew'gen Frieden
Sich diese Blume also hat entfaltet.

Der Liebe mittagshelle Fackel bist du
Hier oben uns; den Sterblichen dort unten
Bist du der Hoffnung lebensvolle Quelle.

Solch' hohe Herrin bist, soviel vermagst du,
Daß wer nach Gnade sucht und dich nicht anruft,
Des Wünschen möchte fliegen ohne Flügel.

Doch Hilfe leistet deine Huld nicht nur
Dem, der dich bittet; oftmals eilt freiwillig
Der Bitte des Bedürft'gen sie voraus.

In dir ist Mitleid und in dir Erbarmen,
In dir ist Großmut, ja, in dir vereint sich
Was immer im Geschöpfe ist an Güte.

Nun bittet dieser, der der Geister Leben,
Beginnend von des Weltalls tiefster Lache,
Bis hierher, alle, eines nach dem andren,

Gesehn hat, daß aus Gnaden du die Kraft
Ihm spendest, höher noch mit seinen Augen,
Bis zu dem letzten Heil sich zu erheben.

Ich, der für eignes Schau'n nie mehr entbrannte,
Als jetzt für seines, bringe meine Bitten
Dir alle dar, und flehe, daß sie g'nügen,

Auf daß du ihn durch deine Bitten losmachst
Von jeder Wolke seiner Sterblichkeit,
Und sich die höchste Wonne ihm entfalte.

Noch bitt' ich, Königin, dich, die du alles
Vermagst was du nur willst, daß du gesund ihm
Nach solchem Schau'n die Neigungen bewahrest.

Menschliche Regung zügle deine Obhut,
Sieh', wie Beatrix und die Sel'gen alle
Zu dem, was ich erbat, die Hände falten. -

Die Augen, welche teuer Gott und lieb sind,
Bewiesen uns, fest an dem Redner haftend,
Wie ihr willkommen sind andächt'ge Bitten.

Zum ew'gen Lichte wandten sie sich dann,
Zu dem den Blick, wie uns zu glauben obliegt,
Nie ein Geschöpf mit gleicher Klarheit wandte.

Ich aber, der dem Ende alles Sehnens
Mich nahte, fühlte des Verlangens Glut
Gebührend nun in mir zu Ende gehn.

Da winkte mir mit einem Lächeln Bernhard,
Daß ich nach oben blicke; doch schon hatt' ich
Von selbst getan, was er von mir verlangte.

Denn meine Sehkraft, wie sie lautrer wurde,
Drang in den Strahl des hohen Lichtes tiefer
Und tiefer ein, das an sich selber wahr ist.

Und größer wurde, als die Rede kündet,
Die diesem Anblick weicht, nunmehr mein Schauen,
Und solchem Übermaß folgt kein Gedächtnis.

Wie einer, der im Traum Gesichte sieht,
Und nach dem Traum bleibt die dadurch geweckte
Erregung, doch des Traumes Bilder schwanden,

Also bin ich, da mein Gesicht fast ganz mir
Entschwunden ist, indes die Süße noch,
Die von ihm herstammt, mir im Herzen träufelt.

Also vergeht der Schnee am Strahl der Sonne,
Also verloren sich auf leichten Blättern
Beim Windeswehn die Sprüche der Sibylle.

O höchstes Licht, das über menschlichem
Verständnis du so hoch schwebst, leihe meinem
Gedächtnis dessen etwas, das du schienest.

Gewähre meiner Zunge solche Kraft,
Daß einen Funken sie von deinem Ruhme
Dem künftigen Geschlecht verlassen könne;

Denn mehr wird man von deinem Sieg begreifen,
Wenn etwas wiederkehrt in mein Gedächtnis
Und diese Vers' ein wenig davon künden.

Die Schärfe des lebend'gen Strahles, den
Ich aushielt, hätte, glaub' ich, mich geblendet,
Wenn abgewandt von ihm den Blick ich hätte.

Das aber weiß ich, daß infolgedessen
Ich kühner ward, so daß mit meinen Augen
Die Kraft ich, die unendlich ist, erreichte.

O Gnadenüberfluß, durch den ich's wagte,
In's ew'ge Licht mein Schauen zu versenken,
So daß ich meine Sehkraft drin erschöpfte!

In seiner Tiefe sah ich verdreieinigt
Und durch die Lieb' in einen Band gefaßt,
Was sich im Weltall auseinanderblättert.

Zufall und Wesenheit und ihr Verhalten
Sah wie verschmolzen ich in solcher Weise,
Daß was ich sage nur ein Schimmer ist.

Ich glaub', ich habe dieses Knotens Grundform
Geschaut, denn noch, indem ich davon rede,
Fühl' ich in weitrem Maße meine Freude.

Doch ward ein Augenblick mir größrer Schlaftrunk.
Als drittehalb Jahrtausende dem Wagnis,
Bei dem Neptun ob Argo's Schatten staunte.

Ganz hingerissen schaute so mein Geist
Aufmerksam, unbeweglich und gebunden,
Und immer mehr entbrannte er im Schauen.

Von solcher Art ist dieses Lichtes Wirkung,
Daß sich von ihm zu andrem Schau'n zu wenden
Aus freiem Willen nimmer möglich ist,

Indem das Heil, das jedes Willens Ziel ist,
In ihm sich einigt, und was außer ihm
Nur mangelhaft, in ihm vollkommen ist.

Hinfort wird auch für das, des mir gedenket,
Wortkarger meine Rede, als des Kindes,
Das an der Brust die Zunge netzet, sein.

Nicht als ob mehr denn nur ein einfach Bild
In dem lebend'gen Licht sei das ich schaute,
Nein, unverändert ist es, wie es war;

Doch weil im Schau'n mein Auge neue Kraft fand,
So schien die in sich einige Erscheinung
Wie ich mich wandelte, sich selbst zu wandeln.

Ich sah in dieses hohen Lichtes tiefer
Und heller Wesenheit drei Kreise schimmern,
An Farbe dreifach, doch nur eines Umfangs.

Der zweite schien ein Spiegelbild des ersten,
Wie eine Iris von der andren; Feuer,
Gleich ausgestrahlt von beiden, schien der dritte.

Wie dürftig ist die Sprache doch für meinen
Gedanken, und er selbst, mit dem verglichen,
Was ich geschau't, wie ist er mehr als winzig.

O ew'ges Licht, das du in dir nur ruhest,
Allein dich selbst erkennst, und dich, erkannt
Sowie erkennend, liebest und dir lächelst!

Das Kreisen, das mir dreifach aufgefaßt
Erschienen war, es dünkte, wie ein Spiegel,
Als meine Augen länger es betrachtet,

In seinem Innern mit den eignen Farben
Mir unsres Angesichtes Bild zu zeigen,
Weshalb mein Schau'n ich völlig drin versenkte.

Dem Geometer, der sich ganz vertieft,
Den Kreis zu messen, und, wie sehr er sinne,
Den Grundsatz dessen er bedarf nicht findet,

War ich vergleichbar bei dem neuen Anblick.
Wie mit dem Kreise jenes Bild sich einigt,
Und wo sein Platz drin ist, wollt' ich erkennen;

Doch nicht vermochten das die eignen Flügel.
Da wurde plötzlich, wie von einem Blitze,
Mein Geist durchzuckt und das Ersehnte kam.

Hier schwand die Kraft der hohen Phantasie;
Doch schon bewegte Willen und Verlangen
Mir, wie ein gleichbewegtes Rad, die Liebe,

Die kreisen macht die Sonne wie die Sterne.


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