Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Es war in unseres Lebensweges Mitte,
Als ich mich fand in einem dunklen Walde;
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.

Wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald,
Der wildverwachsen war und voller Grauen
Und in Erinnrung schon die Furcht erneut:

So schwer, daß Tod zu leiden wenig schlimmer.
Doch um das Heil, das ich dort fand, zu künden,
Will, was ich sonst gesehen, ich berichten. -

Wie ich hineingelangt, kann ich nicht sagen,
So schlafbenommen war ich um die Zeit,
Als ich zuerst den wahren Weg verlassen.

Doch, als ich eines Hügels Fuß erreichte,
An welchem jenes Tal zu Ende ging,
Das mir das Herz mit solcher Furcht befangen,

Blickt' ich empor, und sah des Hügels Schultern
Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen,
Der uns den rechten Pfad zeigt allerwege.

Beruhigt wurde da die Furcht ein wenig,
Die in des Herzens See mir angedauert
Die Nacht durch, die so angstvoll ich verbrachte.

Wie einer, der mit ganz erschöpftem Atem,
Dem Meer entronnen, das Gestad' erreicht,
Auf die verräterische Flut zurückblickt,

So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend,
Zurück, um zu beschaun die dunkle Talschlucht,
Die keinen, der drin weilt, lebendig ließ. -

Als etwas ich den müden Leib gerastet,
Setzt' ich den Weg am wüsten Abhang fort,
So daß der ruh'nde stets der untre Fuß war.

Doch, siehe, fast bei dem Beginn des Anstieg's,
Ein Panthertier, leichtfüßig und behende,
Das überdeckt war mit gestecktem Haare.

Vor meinen Augen wich das Untier nimmer
Und störte mich so sehr in meinem Wege,
Daß mehrmals schon zur Umkehr ich mich wandte.

Es war die Zeit der ersten Morgenfrühe;
Die Sonne stieg empor mit jenen Sternen,
Die sie begleiteten, als Gottes Liebe

Zuerst bewegte diese schönen Dinge,
So daß kein Unheil mich befürchten ließ
Von jenem Tier mit buntgeflecktem Felle

Die Stunde, wie die schöne Jahreszeit.
Doch war darum der Schrecken nicht geringer,
Der mich ergriff beim Anblick eines Löwen,

(Erhabnen Hauptes und mit grimmem Hunger
Kam dieser dräuend auf mich zugeschritten,
So daß die Luft vor ihm zu fürchten schien)

Und einer Wölfin, die von jeder Gier
Besessen schien in ihrer Magerkeit,
Und über viele schon Verderben brachte.

Sie gab mir durch die Furcht, die von ihr ausging,
So großes Ungemach, daß ich die Höhe
Des Berges zu erreichen nicht mehr hoffte.

Und wie der Mann, der gern Reichtümer sammelt,
Wenn eine Zeit kommt, die Verlust ihm bringet,
In seinem Herzen sich betrübt und wehklagt,

So ward mir ob des friedelosen Tieres,
Das wie es auf mich zukam, ganz allmählich
Mich dahin drängte, wo die Sonne schweiget.

Und während ich zur Tiefe niederstürzte
Erschien mir plötzlich eines Mann's Gestalt,
Der heiser mir, vor langem Schweigen, däuchte.

Als in der großen Wüst' ich den erblickte,
Rief flehend ich ihn an: Erbarm dich meiner,
Sei'st du ein Lebender, sei'st du ein Schatten. -

Kein Lebender, wohl war ich einst ein solcher.
Lombarden waren meine Eltern beide
Und ihre Vaterstadt war Mantova.

Geboren unter Julius, wenn auch spät,
Lebt' ich in Rom zur Zeit August's des guten,
Als man die falschen Lügengötter ehrte.

Ein Dichter war ich, sang von des Anchises
Gerechtem Sohne, der von Troja kam,
Als Ilion war verbrannt, die stolze Veste.

Doch du, weshalb zu so viel Plage kehrst du?
Weshalb ersteigt du nicht den schönen Berg,
Der Anfang ist und Ursach aller Freude? -

So bist du der Virgil und jene Quelle,
Der so gewalt'ger Redestrom enfließet?
Entgegnet ich mit schamgefärbter Stirne.

O Licht und Ehre du der andren Dichter,
Mein Eifer, meine Liebe für dein Buch,
Die ich bewährt, sei'n mir bei dir Empfehlung.

Du bist mein Meister, du mein hohes Vorbild,
Und nur von dir hab' ich die schöne Schreibart
Entnommen, die zur Ehre mir gereichte.

Sieh jenes Tier, das mich zur Umkehr trieb.
Errette mich vor ihm, gepriesner Weiser,
Denn Puls' und Adern macht es mir erbeben. -

Willst du entgehen diesem argen Orte,
Erwidert' er, als er mich weinen sah,
So mußt zu and'rer Reise du dich wenden,

Denn jenes Tier, das deiner Klagen Anlaß,
Gestattet niemand, diesen Weg zu ziehen.
Es hindert jeden, bis es ihn getötet.

So bös geartet ist es, so verworfen,
Daß seine schnöde Gier es nimmer sättigt
Und nach dem Fraß mehr Hunger als zuvor hat.

Viel Tiere sind, mit denen es sich gattet,
Und mehr noch werden sein, bis daß der Rüde
Erscheinen wird, der unter Qual es tötet.

Nicht Land, nicht Silberblech sind seine Speise,
Wohl aber Weisheit, Christenlieb' und Tugend.
Daheim ist zwischen Feltro er und Feltro.

Italien wird er retten, das gebeugte,
Für das Camilla einst, die Jungfrau, starb,
Eurialus, Turnus, Nisus sich verblutet.

Von Stadt zu Stadt wird er die Wölfin jagen,
Bis er zurückgetrieben sie zur Hölle,
Von wo der erste Neid sie losgelassen.

Weshalb zu deinem Heil ich denk' und ordne,
Daß du mir folgst; ich will dein Führer sein.
Geleiten werd' ich dich durch ew'ge Räume,

Wo der Verzweiflung Schrei du wirst vernehmen
Von jenen alten schmerzgebrochnen Geistern,
Die alle nach dem zweiten Tod begehren.

Dann wirst du jene sehn, die in den Flammen
Zufrieden sind, weil sie, wie spät auch immer,
Zu den Erwählten zu gelangen hoffen.

Willst auch zu diesen du empor dann steigen,
Wird eine Seele, würdiger als ich bin,
Dahin dich führen, wenn ich von dir scheide.

Denn, der dort oben herrscht, des Weltall's Kaiser,
Will, weil ich unbefolgt ließ sein Gesetz,
Nicht, daß durch mich in seine Stadt man komme.

Im Weltenall gebeut, doch dort regiert er,
Dort ist die Stadt und dort sein hoher Thron.
Gesegnet ist, wen dort er auserkoren. -

Und ich zu ihm: O Dichter, ich beschwöre
Bei jenem Gotte dich, den du nicht kanntest,
Damit ich dies und größ'res Unheil fliehe,

Daß du mich dorthin führest, wo du sagtest,
So daß des heil'gen Petrus Tür ich sehe,
Und jene, die du schilderst als so traurig. -

Dann ging er, und ich folgte seinen Schritten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 02
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 02

Der Tag entfloh, das abendliche Dunkel
Entnahm die Tiere, die auf Erden weilen,
Allseitig ihrer Müh; nur ich allein

Bereitete mich vor zum Doppelkampfe
Der Wanderschaft sowohl als auch des Mitleids,
Den die Erinn'rung, die nicht irrt, nun melde.

Jetzt, Musen, helft mir, hilf erhabner Geist,
Gedächtnis, das verzeichnet, was ich schaute,
Hier möge sich dein Adel offenbaren!

O Dichter, hub ich an, der du mich leitest,
Erwäge meine Kraft, ob sie auch hinreicht,
Eh du mich wagen läßt die kühne Wandrung.

Zwar sagst du, daß des Silvius frommer Vater,
Verweslich noch zur wandellosen Welt
Gepilgert sei mit seinem Erdenleibe;

Doch, wenn der Feind des Bösen, in Erwägung
Der Zukunft, die sich an Aeneas knüpfte,
Des wer und was, ihm solche Gunst gewährte,

Kann tiefer Denkende das nicht befremden,
Weil er erkoren war im Empyreum
Zum Vater Rom's und seines hohen Weltreich's.

Denn beides war, die Wahrheit zu bekennen,
Vorherbestimmt zum gottgeweihten Orte,
Wo der Nachfolger Petri seinen Sitz hat.

Auf jener Wanderung, die du ihm nachrühmst,
Vernahm er Dinge, die zu seinem Siege
Und zu der Päpste Mantel mitgewirket.

Auch das erwählte Rüstzeug ging hinüber,
Um für den Glauben Kräftigung zu bringen,
Der Anfang ist zum Wege der Erlösung.

Doch welchen Grund hab' ich und wer gewährt mir's
Aeneas bin ich nicht und bin nicht Paulus;
Für würdig hält mich niemand und ich selbst nicht.

Drum, wenn dem Wunsch des Gehn's ich mich ergebe,
Befürcht' ich Törichtes zu unternehmen.
Erwäg' es selbst, der weiser du als ich bist. -

Und wie, wer nicht will, was zuvor er wollte,
Und, neues sinnend, seinen Vorsatz ändert,
So daß sein erstes Ziel er gänzlich aufgibt,

So widerfuhr mir an dem düstren Abhang.
Bedenkenvoll entsagt ich dem Beginnen,
Das, als ich es ergriff, bei mir so feststand. -

Wenn richtig deine Meinung ich verstanden,
Erwiderte der Schatten jenes Hohen,
Hat Kleinmut deiner Seele sich bemächtigt,

Der oft in solchem Maß den Mann betöret,
Daß er von ehrenvoller Bahn ihn abzieht,
Wie falsches Sehn die Tiere, wenn sie scheuen.

Damit von solcher Furcht du dich befreiest,
Vernimm, weshalb ich kam und was ich hörte,
Als deiner mich zum erstenmal erbarmte.

Ich weilte da, wo Freude nicht noch Pein ist.
Da rief ein Weib mich, die so schön als selig,
So daß, mir zu gebieten, ich sie ansprach.

Ihr Auge leuchtete so hell als Sterne,
Und leis' und langsam hub sie zu mir an
Mit engelgleichem Laut in ihrer Rede:

Du wohlgesinnte Mantuanerseele,
Von deren Ruhm die Welt noch itzt erfüllt ist
Und bleiben wird so lang' als die Bewegung,

Mein Freund, der aber nicht des Glückes Freund ist,
Wird an dem wüsten Berghang so behindert
In seinem Weg, daß er vor Furcht zurückweicht.

Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte,
Besorg' ich fast, er sei schon so verirret,
Daß ich zu spät zur Hilfe mich erhoben.

So eile denn, mit kunstgeübter Rede
Und dem, was sonst zu seiner Rettung nottut,
Ihm so zu helfen, daß ich sei getröstet.

Ich bin Beatrix, die zu gehn dir aufträgt.
Dorthin zurück, woher ich kam, verlangt mich.
Die Liebe hieß mich gehn und heißt mich reden.

Bin ich demnächst aufs neu vor meinem Herren,
So werd' ich oft, was du getan, ihm rühmen. -
Dann schwieg sie; aber ich begann zu reden:

O Frau, so hochbegnadigt, daß die Menschheit
Nur ihretwillen alles überraget,
Was sonst noch in sich schließt der engste Himmel,

So sehr ist mir, was du befiehlst, willkommen,
Daß, hätt' ich's schon getan, zu spät mir's schiene;
Mir deinen Wunsch mehr zu enthüll'n bedarf's nicht.

Doch, sage mir den Grund, daß du nicht Scheu trägst,
In diesen Mittelpunkt herabzusteigen
Vom weiten Raum, wohin du dich zurücksehnst. -

Verlangst du denn so tief eingehnde Auskunft
Sprach sie zu mir, will ich dir kurz berichten,
Warum, hierherzukommen ich nicht fürchte.

Furcht hegen soll man nur vor solchen Dingen,
Die Schaden uns zu tun, die Macht besitzen;
Vor andren nicht, weil nichts an ihnen furchtbar.

Durch seine Gnade schuf der Herr mich also,
Daß all' eu'r Elend mich nicht kann berühren,
Und dieses Brandes Flamme mir nichts anhat.

Ein holdes Weib beklagt im Himmel droben,
Das Hindernis, zu dem ich dich entsende,
So daß sie harten Richterspruch dort umstößt.

Lucìen trat sie an mit ihrer Bitte,
Und ihre Worte waren: dein Getreuer
Bedarf itzt dein und dir sei er empfohlen. -

Lucìa, die jedweder Härte Feind ist,
Begab sich zu dem Ort, wo ich verweilte,
Wo ich mit Rahel saß, der Tochter Laban's.

Beatrix, sprach sie, wahres Lob des Herr'n,
Was hilfst du dem nicht, der dich so geliebt hat,
Daß er um dich verließ den großen Haufen?

Vernimmst du nicht den Schmerzlaut seiner Klage,
Gewahrst du nicht den Tod, der mit ihm streitet
Am Flußgestade, schlimmer als der Meerstrand? -

Dort in der Welt war niemand je so eilig,
Ihm Dienliches zu tun, zu fliehn den Schaden,
Als ich, nachdem ich dieses Wort vernommen.

Zu dir kam ich von meinem sel'gen Sitze,
Auf deiner würd'gen Rede Macht vertrauend,
Die dich und alle, die sie hörten, ehret. -

Als diese Wort sie zu mir gesprochen,
Verwandt' in Tränen sie den Glanz der Augen,
Wodurch sie zu noch größ'rer Eil mich antrieb.

Wie sie geboten, kam ich her zu dir,
Und führte dich hinweg von jenem Tiere,
Das dir zum Berg den graden Weg versperrte.

Was hast du nun, daß du noch länger zauderst,
Was nährest solchen Kleinmut du im Herzen?
Was hegst du Zuversicht und frischen Mut nicht,

Da drei so hoch gebenedei'te Frauen
Im Himmelshof fürsorgend dein gedenken
Und meine Rede solches Heil dir zusagt? -

Wie Blümlein, die der Nachthauch schloß und senkte,
Sobald die Morgensonne sie erleuchtet,
Sich auf dem Stiel aufrichten und erschließen,

So kräftigte sich mein gesunkner Mut,
Und so viel Sicherheit gewann mein Herz,
Daß ich begann, wie wer von Zweifeln frei ist:

Gesegnet sei, die mir zu helfen eilte.
Dir aber dank ich, daß du gern bereit warst,
Zu tun, wie wahrheitstreu sie dir gesagt hat.

Den Wunsch, mit dir zu gehn, hast du im Herzen
Mir also angefacht durch deine Worte,
Daß ich zurück zum ersten Vorsatz kehrte.

So geh' denn; nur ein Will' ist in uns beiden.
Sei du mir Herr, mir Meister, sei mir Führer. -
Da wandt' er sich zum Gehn, und unsre Schritte

Betraten einen Pfad, der rauh hinabstieg.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 03 Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 03

Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen,
Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen,
Der Eingang bin ich zum verlor'nen Volke.

Gerechtigkeit bestimmte meinen Schöpfer,
Geschaffen ward ich durch die Allmacht Gottes,
Durch höchste Weisheit und durch erste Liebe.

Vor mir entstand nichts, als was ewig währet,
Und ew'ge Dauer ward auch mir beschieden;
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.

In dunkler Farbe sah ich diese Zeilen
Als einer Pforte Inschrift. Drum begann ich:
O teurer Meister, düster ist ihr Sinn mir. –

Er aber sprach, das rechte wohl erfassend:
Absagen mußt du jeglichem Bedenken
Und jeden Kleinmut hier in dir ertöten.

Gelangt sind wir dahin, wo ich dir sagte,
Du würdest sehn die schmerzerfüllten Scharen,
Die der Erkenntnis hohes Gut verloren. –

Als seine Hand er dann gelegt in meine
Mit heit'rer Miene, die mir Mut gewährte,
Führt' er mich ein in die geheimen Dinge.

Hier tönten Seufzer, Schluchzen, laute Klagen
Erschütternd durch die sternenlose Luft,
So daß zu Anfang ich mitweinen mußte.

Verschiedne Zungen, grauenvolle Sprachen,
Des Schmerzens Worte, zornentbrannte Töne,
Erstickt' und laute Rufe, Schlag der Hände,

Sie bildeten ein wildverworrnes Tosen,
Das in der ewig düstren Luft sich umtreibt,
Wie bei des Wirbelwindes Wehn der Sand tut.

Ich aber, dem das Haupt Entsetzen einnahm,
Begann: Was ist das, Meister, was ich höre,
Und was für Volk, das übermannt vom Schmerz scheint?

Und er zu mir: Solch' jammervolle Weise
Verführen die unwürd'gen Geister deren,
Die ohne Lob gelebt und ohne Schande.

Der Engel schlechter Schar sind sie verbunden,
Die, ohne gegen Gott sich zu empören,
Ihm treu nicht, sondern unparteiisch waren.

Der Himmel Schönheit hätten sie getrübt,
Auch nimmt die tiefre Hölle sie nicht auf,
Weil etwas Ruhm sie den Verdammten brächten. –

Da sprach ich: Meister, was ist denn so quälend
Für sie, daß solche Klagen es hervorruft? –
Und er: Das will ich kürzlich dir berichten:

Der Tod hat Hoffnung ihnen nicht zu bieten,
Und so verächtlich ist ihr blindes Leben,
Daß sie jedwedes andre Los beneiden.

Die Welt gestattet ihnen keinen Nachruhm;
Erbarmen und Gerechtigkeit verschmäht sie.
Kein Wort von ihnen; schau, und geh vorüber. –

Ich blickte hin: Da sah ich eine Fahne,
Die so geschwind umkreisend sich bewegte,
Daß zu verschmähn sie mir jedwede Rast schien.

Und hinterdrein lief solch endloser Haufen
Von Volke, daß ich nimmermehr vermutet,
So viele habe schon der Tod vernichtet.

Und als erkannt ich hatte den und jenen,
Erblickt' und kannte ich den Schatten dessen,
Den Feigheit zum Verzicht, dem großen, antrieb.

Sofort ward ich bewußt mir und versichert,
Dies sei die Schar der schmachbeladenen Seelen,
Die Gott und seinen Feinden gleich mißliebig.

Die Elenden, die nimmer wahrhaft lebten,
Sie waren nackt und wurden schwer gepeinigt
Von Bremsen und von Wespen, die dort waren.

Bei deren Stichen troff von Blut ihr Antlitz,
Das tränenuntermischt zu ihren Füßen
Von ekelhaften Würmern ward verschlungen.

Und als ich weiter noch den Blick entsandte,
Sah Schatten ich am Ufer eines Stromes;
Weshalb ich sprach: Gewähre mir nun, Meister,

Daß, wer sie sind, ich hör', und welcher Antrieb
Sie scheinbar so zur Überfahrt geneigt macht,
Wie in dem falben Licht ich unterscheide. –

Erfahren wirst du, sagt' er, was du fragest
Sobald wir hemmen werden unsre Schritte
Am Uferrand des traur'gen Acheron. –

Da senkte schamerfüllt ich meine Blicke
Und, fürchtend, daß ihm lästig sei mein Reden,
Enthielt ich bis zum Flusse mich der Worte.

Und, sieh', im Nachen kam herangefahren
Ein Greis, der ob des Haares Alter weiß war,
Und ausrief: Weh euch, ihr verruchten Seelen!

Den Himmel hoffet nimmermehr zu schauen.
An's andre Ufer komm' ich euch zu führen
In ew'ge Finsternis, in Frost und Hitze.

Und, die du dort verweilst, lebend'ge Seele
Entferne dich von diesen, die gestorben. –
Und als er sah, daß ich mich nicht entfernte,

Sprach er: Nicht hier, durch andre Weg' und Häfen
Wirst du zum Strand der Überfahrt gelangen;
Das Schiff, das einst dich tragen soll, ist leichter. –

Mein Führer aber sprach: Sei ruhig Charon.
So will man's droben, wo jedwedes Wollen
Zugleich ein Können ist; nicht frage weiter. –

Da glätteten sich die behaarten Wangen
Des Fährmann's auf dem trübgefärbten Sumpfe,
Der um die Augen Flammenräder hatte.

Doch jene Seelen, nackend und ermattet,
Verfärbten sich und klappten mit den Zähnen,
Sobald die harten Worte sie vernahmen.

Sie fluchten Gott und fluchten ihren Eltern,
Der Menschenbrut, dem Ort, dem Tag, dem Samen,
Durch die gezeugt sie wurden und geboren.

Dann drängten sie sich unter lautem Weinen
In dichten Scharen an das schlimme Ufer,
Das jedes wartet, welcher Gott nicht fürchtet.

Mit feur'gen Augen sammelt Teufel Charon
Gebieterischen Wink's die Seelen alle,
Schlägt mit dem Ruder jeden, der da zaudert.

Gleichwie zur Herbsteszeit die Blätter alle,
Eins nach dem andern abfall'n, bis der Zweig
Am Boden alles sieht, das ihn bekleidet,

So stürzt hier Adam's schuldbeladener Samen
Sich Haupt für Haupt vom Ufer in den Nachen,
Wie Vögel tun, wenn sie den Lockruf hören.

Hinüber fahren sie auf dunkler Flut,
Und eh' dem Kahne drüben sie entstiegen,
Hat diesseits schon sich neue Schar gesammelt.

Mein Sohn, begann zu mir der güt'ge Meister,
Die unter Gottes Zorne sterben, alle
Versammeln hier sich aus jedwedem Lande.

Auch ist zur Überfahrt bereit ein jeder;
Die göttliche Gerechtigkeit ist ihnen Sporn,
So daß die Furcht sich wandelt in Verlangen.

Nie fuhr noch fährt ein Guter hier hinüber!
Darum, wenn Charon scheltend dich zurückweist,
Verstehst du nun den Sinn von seinen Worten. –

Darauf erzitterte die düstre Fläche
So heftig, daß noch itzt in der Erinn'rung
Mich des Entsetzens Schweiß kalt überrieselt.

Ein Luftstoß drang aus dem betränten Boden,
Worin ein roter Lichtesglanz erblitzte.
Darob entschwand mir jegliches Bewußtsein,

Und nieder sank ich, wie wen Schlaf ergriffen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 04 Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 04

Es brach den tiefen Schlaf in meinem Haupte
Ein Donnerschlag, von dem ich jäh emporfuhr,
Gleich einem, den gewaltsam man erwecket.

Das ausgeruhte Auge ließ ich schweifen!
Grad' aufgerichtet schaut' ich in die Runde,
Den Ort, wo ich verweilte, zu erforschen.

In Wahrheit fand ich mich am jähen Absturz
Des tränenreichen Tal's der Unterwelt,
Aus dem unnennbar'n Schmerzes Wehruf aufstieg.

So qualmerfüllt, so dunkel und so tief war's,
Daß ich, wie sehr ich auch das Auge schärfte,
In seinem Grunde nichts erkennen konnte.

Laß denn zur blinden Welt uns niedersteigen!
Begann der Meister mit verstörtem Antlitz,
Voraufgehn will ich, und sei du der zweite -

Und weil ich seine Blässe wahrgenommen,
Sagt' ich: Wie soll ich folgen, wenn Du zagest,
Der meinem Zweifel sonst Beruh'gung bringt? -

Er aber sprach: Die Seelenpein der Geister
In diesem Kerker malt auf meine Wangen
Des Mitleid's Farbe, welche du für Furcht hältst.

Auf denn! Zur Eile treibt des Weges Länge -
So schritt er vor, so ließ er mich betreten
Der Kreise ersten, die du Abgrund gürten.

Hier war, so viel als meinem Ohr vernehmlich,
Kein Weheklagen, sondern nur ein Seufzen,
Das jene ew'ge Luft erbeben machte:

Gram ohne Qualen war des Seufzens Ursach,
Der auf den Scharen all, die viel und zahlreich,
Von Kindern, Frau'n und Männern, ewig lastet.

Mein Meister sprach: Du unterläßt zu fragen,
Was es für Geister sind, die du hier siehest;
Doch sollst Du, eh wir weiter gehn, vernehmen,

Daß sie nicht sündigten. Und wenn Verdienste
Sie hatten, g'nügt es nicht, weil ohne Taufe
Sie starben, welche deines Glaubens Teil ist.

Und lebten sie noch vor dem Christentume,
So beteten zu Gott sie falscher Weise;
Und diesen bin ich selber beizuzählen.

Ob solchen Mangels, nicht ob andren Fehles,
Sind wir verloren, und nur dadurch leidend,
Daß, ohne Hoffnung, wir in Sehnsucht leben. -

Als ich's vernommen, faßte tiefer Schmerz mich
Denn ich begriff, wie Seelen höchsten Wertes
In dieses Vorhofs Mittelzustand schwebten.

Sag' an, mein Meister, sage mein Gebieter,
Begann ich, um Bestätigung zu finden
Des Glaubens, welcher jeden Wahn vernichtet:

Ward einer je von hier befreit und selig
Durch fremdes, oder eigenes Verdienst? -
Und er, verstehend die verhüllte Rede,

Entgegnete: Noch neu in diesem Zustand
War ich, als ein Gewaltiger daher kam,
Um dessen Haupt sich Siegeszeichen wanden.

Er raubte uns des ersten Vaters Schatten
Und Abel seinen Sohn, Noah und Moses,
Der die Gesetze schrieb, und doch gehorchte,

Abra'm den Patriarchen, König David,
Israel mit dem Vater und den Kindern
Und Rahel auch, um die er lang geworben,

Viel andre noch, und alle macht' er selig.
Doch wissen sollst du, daß niemals vor ihnen
Die Seele eines Menschen ward errettet. -

Nicht hemmten, weil er sprach, wir uns're Schritte
Rastlos durchschritten wir vielmehr den Wald;
Ich sage, Wald, von ungezählten Schatten.

Und als wir lange Zeit noch nicht gegangen
Seit mich der Schlaf befiel, sah ich ein Feuer,
Das eine Finsternishalbkugel hellte.

Obwohl noch mäß'ge Fern' uns von ihm trennte,
So glaubt' ich dennoch sicher zu erkennen,
Daß auserles'ne Seelen dort verweilten.

O Meister, der du Wissenschaft und Kunst ehrst
Warum genießen diese solches Vorrecht,
Das von dem Los der übrigen sie sondert? -

Drauf er zu mir: Der ehrenvolle Namen,
Der ihnen nachklingt dort im Erdenleben,
Gewinnet solche Gunst im Himmel ihnen. -

Da hört' ich einer Stimme Ruf erschallen:
Erweiset dem erhabnen Dichter Ehre!
Sein Schatten kehrt zurück, der uns verlassen. -

Als nun die Stimme schwieg und nicht mehr tönte,
Sah ich vier hohe Schatten sich uns nahn;
Ihr Antlitz zeigte Trauer nicht, noch Freude.

Mein Meister aber sagte rasch zu mir:
Sieh jenen mit dem Schwert in seiner Hand,
Der vor den andren hergeht als ihr Meister!

Das ist Homer, der königliche Dichter
Der zweit' ist der Satiriker Horaz,
Als dritter folgt Ovid, Lucan als letzter.

Weil jeder nun mit mir den Namen teilt,
Den du die Einzelstimme nennen hörtest,
Tun sie mir Ehr' an, und so ist's geziemend. -

So sah versammelt ich die schöne Schule
Der Meister des erhabensten Gesanges,
Der ob den andren, gleich dem Adler, fliegt.

Als miteinander etwas sie gesprochen,
Da wandten sie zu mir sich, freundlich grüßend;
Mein Meister aber lächelte darob.

Und mehr der Ehr' erzeigten sie mir noch;
Denn ihrer Schar gesellten sie mich zu,
So daß ich Sechster ward im Kreis der Weisen.

Inzwischen näherten wir uns der Flamme,
Und sprachen, was sich zu verschweigen ziemet,
So wie sich's ziemte, dort es zu besprechen.

Zum Fuße einer stolzen Burg gedieh'n wir,
Die siebenfache Mauern rings beschließen
Und die zur Wehr ein schöner Bach umgibt.

Den überschritten wir gleich festem Boden;
Durch sieben Tore traten dann wir ein
Und fanden uns auf frisch begrünter Matte.

Die Geister dort, sie blickten ernst und ruhig,
Es lag in ihrem Ausdruck hohe Würde,
Sie sprachen selten und mit sanfter Stimme.

Wir wählten einen Platz, der licht und offen
Zur Seite sich erhob, so daß von dort aus
Wir all die Scharen deutlich überschauten.

Uns gegenüber auf dem grünen Teppich
Wies mir mein Führer dann die großen Geister;
Weshalb ich noch mich rühm, und glücklich preise.

Elektra sah ich unter viel Gefährten,
Wovon Aeneas ich erkannt' und Hektor,
Cäsar im Waffenschmuck mit Falkenaugen.

Ich sah Cammilla und Penthesilea,
Latinus auch den König, und die Tochter
Lavinia, welche fern den andren saßen.

Den Brutus sah ich, der Tarquin vertrieben,
Lucretia, Julia, Martia und Cornelia,
Und einsam und abseits den Saladin. -

Als etwas höher ich die Wimper hob,
Sah ich den Meister aller die da wissen,
Umgeben rings von Philosophen-Schülern;

Auf ihn nur schauen ehrerbietig alle.
Hier sah ich Sokrates sowohl als Plato,
Die vor den andren ihm am nächsten stehn.

Auch Demokrit, dem alles gilt für Zufall,
Und Thales, Anaxagoras, wie Zeno,
Empedokles und Heraklit, den dunklen,

Diogenes und Dioskorides,
Heilsamer Pflanzen Sammler, Orpheus, Linus,
Cicero, Seneca, den Sittenlehrer,

Euklid, den Geometer, Ptolemäus,
Hippokrates, Galen und Avicenna,
Averroës, den großen Kommentator.

Unmöglich kann ich einzeln alle nennen.
Zur Kürze treibt so sehr des Stoffes Länge,
Daß dem Geseh'nen oft mein Wort nicht nachkommt. -

Die Sechsgesellschaft mindert sich auf Zweie,
Und andre Pfade wählt der weise Führer.
Aus ruh'ger Luft komm' ich in die bewegte,

In ein Gebiet, wo nichts mehr ist, das leuchtet.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 05 Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 05

So stieg ich nieder von dem ersten Kreise
Zum zweiten, der gering'ren Raum umfaßt,
Doch um so größ're Qual, die Klagen auspreßt.

Graunvoll steht Minos hier und fletscht die Zähne,
Er prüft die Sünder einzeln, wie sie kommen,
Verurteilt sie, und bannt sie durch Umwinden.

Ich sage: wenn die schlimmgeborne Seele
Ihm gegenübersteht, bekennt sie alles;
Er aber, als ein Kenner jeder Sünde,

Erwäget, welcher Höllenplatz ihr zukommt:
Umwindet mit dem Schwanz so manches Mal sich,
Als Stufen sind, die sie soll niedersteigen.

Gar viele stehn vor ihm zu jeder Zeit,
Und nacheinander gehn sie in's Gerichte,
Bekennen, hören, wenden sich zur Tiefe.

Du, der da kommt zum schmerzensvollen Hause,
Sprach Minos, als er mich erblickt, zu mir,
Des Richteramtes Übung unterbrechend,

Sieh, was du tust, und wem du dich vertrauest;
Laß dich nicht täuschen durch des Eintritt's Weite. -
Mein Meister sagte drauf: Was soll dein Schelten?

Verhindre nicht die vorbestimmte Reise.
So will man's droben, wo jedwedes Wollen
Zugleich ein Können ist; nicht frage weiter. -

Doch nun beginnen herben Schmerzes Laute
Vernehmlich mir zu werden; nun gelang ich
Dahin, wo vieles Wehgeschrei mein Ohr trifft.

Verstummt war alles Licht in diesem Raume,
Der gleich dem sturmbewegten Meere brüllet,
Wenn es die Wind' im Widerstreit bekämpfen.

Der höllische Orkan, der nimmer nachläßt,
Erfaßt mit seiner Windsbraut diese Geister,
Wirft qualvoll sie umher, stößt sie zusammen.

Wenn sie alsdann zum Absturz hingelangt sind,
So schrei'n sie laut, wehklagend unter Tränen,
Und lästern Gott zugleich und seine Allmacht.

Und ich erfuhr, es sei'n zu solchen Qualen
Verurteilt, die in Fleischeslust gesündigt,
Weil die Vernunft dem Trieb sie unterworfen.

Und wie zur kalten Zeit ihr Flügelpaar
Die Stare hinführt in gedrängter Menge,
So führt der Windshauch hier die argen Geister.

Er jagt sie hin und her, hinauf, hinab,
Und keine Hoffnung bietet ihnen Trost
Geringrer Pein, geschweige denn der Ruhe.

Gleich wie die Kraniche wehklagend ziehn,
Und lange Streifen in der Luft beschreiben,
So sah, getragen von der Macht des Windes,

Ich eine Schar mir nahn mit lautem Weinen.
Zu meinem Meister sagt' ich drum: Wer sind
Die Schatten, die die schwarze Luft so geißelt? -

Die vorderste der Schar, von welcher Kunde
Du wünsch'st, entgegnete darauf mir jener,
Beherrschte Völker von gar vielen Sprachen

Der Wollust Laster war sie so ergeben,
Daß durch Gesetz sie jede Lust erlaubte,
Die Schmach zu tilgen, welcher sie verfallen.

Sie ist Semiramis, von der wir lesen,
Daß sie, des Ninus Gattin, ihn beerbte.
Das Land beherrschte sie, das jetzt des Sultan's.

Die nun folgt, ist's die sich aus Lieb' ermordet
Und Treu' gebrochen des Sichäus Asche.
Dann kommt Cleopatra, die glutentbrannte. -

Helena sah ich, die so langes Unheil
Verursacht, und Achilles auch, den großen,
Der noch zuletzt mit Liebe kämpfen mußte.

Paris und Tristan und wohl tausend zeigte
Virgil, sie mir benennend, mit dem Finger,
Die uns'rer Welt die Lieb entrissen hat.

Als mir die Frau'n der Vorzeit und die Ritter
Namhaft gemacht von meinem Meister waren,
Ergriff mich Mitleid, daß ich kaum bewußt blieb.

Drauf sagt' ich zu dem Führer: Gern spräch ich
Mit jenen Zwei'n, die sich zusammenhalten,
Und die so leicht bewegt vom Wind' erscheinen. -

Und er darauf: Beschwörst du, wenn erst näher
Sie uns gekommen sind, sie bei der Liebe,
Die sie vereint, so zweifle nicht, sie kommen. -

Sobald der Wind sie zu uns hergewendet,
Erhob die Stimm' ich: Schmerzbeladene Seelen,
Ist's nicht verwehrt, so kommt, mit uns zu reden. -

Wie Tauben, die, gerufen vom Verlangen
Zum süßen Nest, mit ausgespannten Schwingen
Die Luft durchschneiden, so sah ich die beiden,

Kraft ihres Willens, durch die schlimme Luft
Sich aus der Schar, wo Dido weilt, uns nahen;
So wirksam war mein anteilvolles Rufen.

O wohlgesinntes, liebereiches Wesen,
Das du, die Nacht der Unterwelt durchwandelnd,
Uns heimsuchst, die mit Blut die Erde färbten,

Wär' unser Freund des Weltgebäudes König,
So wollten wir ihn flehn um deinen Frieden,
Weil du mit uns'rem Elend Mitleid fühlest.

Anhören und euch sagen woll'n wir alles,
Was du zu reden und zu hören wünschest,
So lang der Wind noch, wie er itzt tut, schweiget.

Gelegen ist der Ort, wo ich geboren,
Am Meeresstrand, zu dem der Po hinabsteigt,
Um mit den Nebenflüssen Ruh' zu finden.

Die Liebe, leicht entflammend edle Herzen,
Entflammte diesen für den schönen Körper,
Der mir geraubt ward, und das wie quält noch mich.

Die Liebe, die zur Gegenliebe nötigt,
Ließ mich an ihm solch Wohlgefallen finden,
Daß, wie du siehst, sie noch nicht von mir abläßt.

Die Liebe führt' uns zu vereintem Tode;
Caïna wartet des, der uns gemordet. -
So lautete, was sie zu uns gesprochen.

Als die unsel'gen Geister ich vernommen,
Senkt' ich das Haupt, und hielt es so geneiget
Bis mir der Meister sagte: Nun, was sinnst du? -

Darauf erwidernd, hub ich an: O Himmel,
Wie mancher stille Liebeswunsch, wie manches
Verlangen führte sie zum Schritt voll Schmerzes! -

Dann wendet' ich mich ihnen zu und sagte:
Francesca, deiner Qualen Anblick macht
Vor Trauer mich und vor Mitleiden weinen.

Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
An was und wie gestattete dir Amor,
Das schüchterne Verlangen zu erkennen? -

Drauf sagte sie zu mir: Kein Schmerz ist größer,
Als sich der Zeit des Glückes zu erinnern,
Wenn man in Elend ist; das weiß dein Lehrer.

Heg'st du jedoch, die Wurzel uns'rer Liebe
Zu erkennen, solch entschiedenes Verlangen,
So werd' ich tun, wie wer im Reden weinet:

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lanzelot, wie Liebe ihn umstrickte,
Allein und unbeargwohnt waren wir.

Oft hieß des Buches Inhalt uns einander
Scheu ansehn und verfärbte unsre Wangen;
Doch nur ein Punkt war's, welcher uns bewältigt.

Denn als wir, wie das langersehnte Lächeln
Von solchem Liebenden geküßt ward, lasen,
Da küßte, dem vereint ich ewig bleibe,

Am ganzen Leibe zitternd, mir den Mund.
Zum Kuppler ward das Buch und der's geschrieben.
An jenem Tage lasen wir nicht weiter. -

Und während so der eine Schatten sprach,
Vergoß der andre solchen Strom von Tränen,
Daß ich ohnmächtig ward, wie wen ich stürbe,

Und nieder fiel ich, wie ein toter Körper.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 06 Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 06

Bei des Bewußtseins Rückkehr, welches Mitleid
Mit den zwei Schwägern mir genommen hatte
Und mir das Herz erfüllt mit Traurigkeit,

Seh' ringsum neue Qualen ich und neue
Gequälte, wohin auch den Blick ich wende,
Wohin ich schaue und wohin mich kehre.

Ich bin im dritten Kreise, dem des ewgen,
Verwünschten, kalten, qualenvollen Regens,
Des Art und Weise nimmer sich verändert.

Grobkörn'ger Hagel, Schnee und trübes Wasser
Fällt rastlos durch die finstre Luft hernieder;
Der Boden stinkt, der solch Gemenge aufnimmt.

Und Cerberus, das Untier sondergleichen,
Bellt aus drei Rachen, so wie Hunde pflegen,
Die Schatten an, die dort am Boden liegen.

Rot ist sein Auge, schwarz der Bart und schmierig,
Der Bauch geschwollen, krallig sind die Hände;
Er kratzt die Geister, schindet und zerfleischt sie.

Der Regen macht sie heulen als wie Hunde;
Oft wenden sich die elenden Verfluchten,
Daß eine Seite Schutz der andern biete.

Als Cerberus uns sah, der große Wurm,
Riß er die Rachen auf, zeigt' uns die Zähne,
Und seiner Glieder keines hielt er stille.

Mein Meister öffnete die beiden Hände,
Griff Erdreich auf, und mit gefüllten Fäusten
Warf er hinein es in die gier'gen Schlünde.

Dem Hunde gleich, der im Heißhunger belfernd,
Wenn er den Fraß gepackt hat, sich beruhigt,
Und ihn nur zu verschlingen strebt und trachtet,

So wandelten sich die unsaubern Schnauzen
Des Teufels Cerberus, der jene Seelen
So anbellt, daß sie wünschten taub zu sein.

Fort ging es durch die Schatten, die der Regen
Danieder hält; es traten uns're Sohlen
Auf ihre Nichtigkeit, die Wesen scheinet.

Sie lagen hingestreckt am Boden alle;
Nur einer richtete sich eilend auf,
Als er uns sah, wie wir vorübergingen.

Der du geführet wirst durch diese Hölle,
Erkenne mich, sprach er, wenn du's vermagst;
Begann dein Leben doch, eh mein's geendet. -

Ich sagte drauf: Die Qual, die du erduldest,
Entfremdet dich vielleicht so der Erinnerung,
Daß es mich dünkt, ich sah zuvor dich nimmer.

Doch nenne dich, dem solch unsel'ge Stelle
Beschieden ist, und eine Strafe, welche,
Wenn größer nicht, doch ekler ist als alle. -

Drauf sagt' er: Deine Stadt, die so von Neide,
Erfüllt ist, daß der Sack zu bersten droht,
Umfaßte mich dereinst im lichten Leben.

Ihr Stadtgenossen nanntet mich nur Ciacco,
Weil ich ergeben war der Schlemmerei,
Und wie du siehst, zernagt mich itzt der Regen.

Auch bin ich nicht allein hier, so zu trauern;
Nein, alle dulden wir die gleiche Strafe
Aus gleicher Ursach. - Und damit verstummt' er.

Ich sagte drauf: O Ciacco, deine Qual
Rührt mich so sehr, daß ich dem Weinen nah bin;
Doch sage mir, wenn du es weißt, welch' Ende

Der zwiegespalt'nen Bürger Streit nimmt, sage,
Ob einer dort gerecht ist, und warum
Die Stadt von solcher Zwietracht ist befallen. -

Darauf erwidert' er: Nach langem Hader
Fließt endlich Blut, und die Partei der Fremden
Vertreibt die andre, vielfach sie beschäd'gend.

Dann, eh' drei Jahre schwinden, fällt sie wieder,
Und jene andre trägt den Sieg davon
Durch dessen Hilfe, der jetzt noch laviert.

Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,
Und schwere Last auf die besiegte häufen,
Wie groß für diese Scham und Schmerz auch seien.

Gerecht sind zwei; doch unverstanden sind sie.
Die Funken, welche jedes Herz entzündet,
Sind Neid und Geiz mit Hochmut im Vereine. -

Hier endet' er die schmerzensvolle Rede.
Ich aber sprach: Belehre mich noch weiter
Und schenke mir noch mehr von deiner Rede:

Tegghiaio und Farinata, jene Wack'ren
Jacopo Rusticucci, Arrigo, Mosca,
Die andren auch, die recht zu handeln strebten:

Sag' an, wo sind sie? Laß mich sie erkennen;
Denn groß Verlangen heg' ich, zu vernehmen,
Ob Höllengift, ob Himmelssüß' ihr Los ist. -

Und er darauf: Verschiedenart'ge Schuld
Stieß tiefer sie hinab zu schwärz'ren Schatten;
Steigst du so weit hinab, kannst du sie sehen.

Doch, bist du heimgekehrt zur schönen Welt,
So rufe mich den Leuten ins Gedächtnis.
Mehr sag' ich nicht, noch geb' ich weiter Antwort. -

Den graden Blick verdreht' er nun zum Schielen;
Sach mich ein Weilchen an, den Kopf dann senkt' er
Und fiel zu Boden gleich den andren Blinden.

Der Meister sprach: Der steht nicht wieder auf
Bis die Posaun' am letzten Tag' ertönet,
Und die Gewalt erscheint, die ihnen feindlich.

Sein unheilvolles Grab sucht jeder dann,
Sein Fleisch und sein Gebein nimmt er zurück,
Was ewig wiederhallen wird, zu hören. -

Indes durchgingen wir langsamen Schrittes
Der Schatten und des Regens schmutz'ge Mischung,
Das künft'ge Leben im Gespräch berührend.

Den Meister fragt ich: Werden diese Qualen
Noch wachsen nach dem großen Richterspruch,
Wird Mind'rung folgen, oder gleich sie bleiben? -

Drauf er: Gedenke deiner Wissenschaft,
Die jedem Ding, im Maß als es vollkommner,
Mehr Sinn für Freuden, wie für Schmerzen beimißt.

Ob niemals gleich dies fluchbeladene Volk
Zu wirklicher Vollkommenheit gelangt,
Wird wesenhafter doch nach jenem Tag' es. -

In weitem Bogen gingen wir die Straße,
Besprechend manches, das ich nicht berichte.
Und angelanget, wo der Weg hinabführt,

Erblickten Pluto wir, den großen Feind.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 07 Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 07

Pape, Satan, Pape Satan, Aleppe! -
So hub mit rauher Stimme Pluto an;
Doch, alles wohlerkennend, sprach der Weise

Mir gütig zu: Laß nimmer dich von Furcht
Beirren; denn, wie groß auch seine Macht sei,
Wird sie des Felsens Abstieg dir nicht rauben. -

Dann wandt' er sich zu dem geduns'nen Antlitz
Und sagte: Schweig vermaledeiter Wolf!
Verzehre deine Wut im eignen Herzen.

Nicht Willkür heißt zur Nacht uns niedersteigen;
Dort oben will man es, wo Michael
Des Hochmuts Hurerei zu rächen wußte. -

Wie Segel, aufgebläht vom günstigen Winde,
Zusammenfallen, wenn der Mast zerbricht,
So fiel zu Boden dieses grimme Untier.

Wir aber gingen ein zur vierten Lache,
Das Ufer voller Schmerz noch mehr umkreisend,
Das alles Weh der Welt in sich begreift.

O göttliche Gerechtigkeit, wer häufte
Die Strafen all, die Qual auf, die ich sah?
Warum schafft unsre Schuld uns solche Leiden?

Wie dort an der Charybdis eine Welle
Sich an der andern bricht, auf die sie stößt,
So wirbelten die Schatten hier zusammen.

Des Volkes mehr als anderwärts noch sah ich,
Das, mit der Brust sich gegenstemmend, Lasten
Von beiden Seiten wälzte mit Geheule.

Sie stießen aufeinander, und dann wandte
Zur Stelle jeder sich und wälzte rückwärts
»Was hältst du fest?« »Was wirfst du von dir?« rufend.

So kehrten zum entgegenstehenden Punkte
Im dunklen Kreis' allseitig sie zurück,
Das Lied des Hohns sich unablässig singend.

Und wer durchmessen seinen Halbkreis, drehte
Zu neuem Aufeinanderstoß sich um.
Ich, dessen Herz von Mitleid fast durchbohrt war,

Begann: O Meister jetzt verkünde mir,
Wer diese sind, und ob die Tonsurierten
Zu unsrer Linken alle geistlich waren? -

Drauf er: Im ersten Leben waren alle
So geistig blind, daß sie nichts ausgegeben,
Wobei das rechte Maß sie eingehalten.

Ihr eigner Ruf gibt dessen bellend Kunde,
Wenn, wo der Schuld Verschiedenheit sie trennt,
Sie an des Kreises Enden sich begegnen.

Die, deren Wirbel unbehaart ist, waren
Geistlichen Standes, Päbst' und Kardinäle,
In denen Geiz sein höchstes Maß erreichet. -

Und ich: O Meister, unter diesen Schatten
Vermut ich mehrere, die mir bekannt sind,
Weil sie mit solcher Sünde sich beschmutzten. -

Der Meister aber sprach: Dein Wahn ist irrig.
Das einsichtslose Leben, das sie führten,
Verdunkelt sie für jegliches Erkennen.

Zum Doppelanprall kommen sie auf ewig.
Geschornen Haupts erstehn noch aus dem Grabe
Die einen, mit geschlossener Faust die andern.

Verkehrtes Geben oder Halten raubte
Den Himmel ihnen, treibt zu diesem Kampf sie,
Den dir zu schildern ich die Worte spare.

Erkennen kannst du nun den kurzen Wahn
Der Güter, die dem Glück sind übergeben
Und die zu so viel Streit die Welt entflammen.

Denn alles Gold, das jetzt sich unterm Monde
Befindet, oder je befand, vermöchte
Nicht eine dieser Seelen zu befried'gen -

Drauf sagt' ich, Meister, offenbare mir
Was jenes Glück ist, dessen du gedachtest,
In dessen Klau'n die Erdengüter sind? -

Und er zu mir: O törichte Geschöpfe,
Wie schwer umnachtet euch Unwissenheit.
Nimm achtsam in dich auf nun meine Lehre!

Er, dessen Wissen alles übersteiget,
Erschuf die Himmel, gab jedwedem Lenker,
So daß in gleichbemess'ner Lichtverteilung

Ein jeder jeden andern Teil bestrahlet.
So auch zur allgemeinen Lenkerin
Der Erdengüter ordnet' er Fortuna,

Die jenen eitlen Glanz zur rechten Stunde
Von Volk zu Volk, von Stamm zu Stamm vertausche,
Entrückt der Gegenwehr von Menschenklugheit.

Nach ihrem Urteilsspruch, der sich verborgen,
So wie die Schlang' im Grase hält, geschieht es,
Daß ein Geschlecht regiert, ein andres kranket.

Machtlos ist gegen sie eu'r ganzen Wissen;
Sie überlegt, beschließet und vollstreckt
In ihrem Reiche so wie andre Götter.

Nicht Rast, nicht Ruhe kennt ihr ewger Wandel;
Notwendigkeit beflügelt ihre Schritte,
So oft geschieht's daß die Geschicke wechseln.

An's Kreuz geschlagen wird sie von gar vielen
Auch unter denen, welche Preis ihr schulden
Und sie mit Unrecht tadeln und verläumden;

Doch unberührt bleibt sie von solcher Rede
Mit andern erstgeschaffnen Wesen lenket
Sie freudig ihre Sphär' in Seligkeit.

Laß nun zu größrer Qual uns niedersteigen
Schon senkt sich jeder Stern, der als ich aufbrach
Emporstieg, längres Weilen ist nicht statthaft. -

Das Tal zum andern Ufer hin durchschneidend
Gelangten wir zu einem Quell, der siedet
Und niederwärts durch einen Graben abfließt.

Es war sein Wasser schwarz mehr als nur dunkel
Und im Geleite seiner finstren Wellen
Führt' uns ein Pfad hinab, der rauh und seltsam.

Styx heißt der Sumpf, den dieser traur'ge Bach
Am Fuß der unheilvollen Felsen bildet,
Von deren grauer Wand er in das Tal fließt.

Und ich, der sorglich umzuschaun bemüht war,
Sah schlammbedeckte Leut' in jenem Sumpfe
Ganz nackend und mit zornerregten Zügen.

Nicht nur mit Händen schlugen sie einander,
Sie stießen sich mit Kopf und Brust und Füßen,
Zerfleischten sich durch Bisse gegenseitig.

Mein Meister aber sagte: Sohn hier siehst du
Die Seelen derer, die der Zorn bezwungen.
Doch mögest du als gleich gewiß mir glauben,

Daß andres Volk noch unterm Wasser seufzet
Und diesen Sumpf die Blasen werfen läßt,
Die dir dein Auge zeigt wohin du's wendest.

Im Schlamme steckend sagen sie: Wir waren
Unmutig in der süßen lichten Luft,
Weil unser Herz des Trübsinns Qualm benommen;

Jetzt trauern wir mit Recht im schwarzen Moore. -
Doch gurgeln sie dies Lied nur in der Kehle,
Weil sie's voll auszusprechen nicht vermögen. -

Damit umkreisten wir im weiten Bogen
Die schmutz'ge Lache zwischen Mitt' und Ufer,
Die Augen zugewandt den Schlammverschluckern;

Dann kamen wir zu eines Turmes Fuße.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

Fortfahrend sag' ich, daß schon eine Weile
Eh wir zum Fuß des hohen Turms gelangten,
Zu seiner Höh' sich unser Auge wandte;

Denn aufgesteckt war dort ein Fackelpaar,
Und eine dritt' erwiderte das Zeichen,
So fern, daß sie das Auge kaum gewahr ward.

Ich sprach, gewandt zum Meer jedweder Weisheit,
Was will dies Feuer sagen, was entgegnet
Das andre, und wer sind, die sie entzündet? -

Er sagte: Schon kann auf den schmutzgen Wellen,
Was zu erwarten steht, dein Blick gewahren,
Wenn dich der Nebel nicht am Sehn verhindert. -

Nie schnellte einen Pfeil des Bogens Sehne,
Der so geschwind die Luft durchschnitten hätte,
Als über's Wasser her im Augenblick

Ein Schifflein ich auf uns zukommen sah,
Geleitet nur von einem einz'gen Fährmann.
Der schrie: Bist du nun da, verworfne Seelen? -

O Phlegyas, entgegnete mein Meister,
Vergeblich ist für diesmal dein Geschrei;
Zur Überfahrt nur sollst du uns besitzen. -

Wie wer vernimmt von schmählichem Betruge,
Der ihm gespielt ward und darob ergrimmet,
So ward, verbissnen Zornes, Phlegyas

Mein Führer stieg hernieder in den Nachen,
Und, da ich dann auf sein Geheiß ihm folgte,
Schien als ich eintrat, erst der Kahn beladen.

Als beide wir uns nun im Schiff befanden,
Durchschnitt auf seiner Fahrt der alte Kiel
Mehr Wasser, als er tut, trägt er nur Schatten.

Und während wir den toten Moor befuhren,
Taucht' einer vor uns auf, den Schlamm bedeckte:
Wer bist du, rufend, der du vor der Zeit kommst? -

Ich sagte: Kam ich, ist's nicht um zu bleiben,
Doch wer bist du, daß du so ganz besudelt? -
Drauf er: Das siehst du: einer der da weinet. -

Ich aber sprach: In Weinen und in Trauer
Verbleibe denn, du fluchbeladner Schatten!
Wohl kenn' ich dich, wenn du auch ganz beschmutzt bist. -

Da griff er nach dem Kahn mit beiden Händen;
Doch eilig stieß der Meister ihn zurück
Und sagte: Pack' dich mit den andern Hunden! -

Mir aber schlang er um den Hals die Arme.
Mein Antlitz küssend sprach er: Eiferseele,
Gesegnet sei der Schoß der dich getragen!

Ein Mensch voll Hochmut war im Leben jener;
Nicht eine Tugend schmückt sein Angedenken,
Drum ist sein Schatten hier von Wut entbrannt.

Wie viele dünken Könige sich jetzt,
Und werden Säuen gleich im Kot hier stecken,
Dort aber Schande nur und Schmach verlassen. -

Ich sagte: Meister wohl wär ich begierig
Zu seh'n, wie man ihn taucht in diese Brühe
Bevor wir hinter uns den See gelassen. -

Und er zu mir: Noch eh' die andre Küste
Sich dir gezeigt, wirst du befriedigt werden.
Die Lust, die du begehrst, sollst du genießen. -

Nicht lange drauf ward von den Schlammbedeckten
Vor meinen Augen jener so geschüttelt,
Daß, dankend, Gott darum noch heut' ich preise.

Sie alle schrie'n: Es gilt Philipp Argenti! -
Und der ergrimmte Florentiner Schatten
Zerfleischte sich mit seinen eigenen Zähnen.

Wir ließen ihn. Nicht mehr von ihm erzähl ich;
Denn meine Ohren traf ein Schmerzenslaut,
Weshalb ich angestrengt nach vorne blicke.

Der gute Führer sagte: Sohn, es nahet
Bereits die Stadt sich, welche Dis genannt wird,
Voll schwerer Bürger und voll großer Scharen. -

Ich sagte: Meister, ihre Minarette
Erblick' ich wahrlich schon im Tale drunten,
Rotschimmernd als ob Feuer sie durchglühte. -

Darauf entgegnet er: Die ew'gen Flammen,
Darin sie brennen, färben sie so rot,
Wie du gewahrst in dieser niedern Hölle. -

Wir fuhren in die tiefen Gräben ein,
Die die verzweiflungsvolle Stadt umgeben;
Die Mauern schienen mir von festem Eisen.

Indes nach langem Umweg erst gelangten
An einen Ort wir, wo mit lauter Stimme
Der Fährmann rief: Steigt aus, hier ist der Eingang! -

Ich sah wohl tausend, welche einst vom Himmel
Geregnet, bei dem Tor, die zornig sagten:
Wer ist der eine denn, der ohne Tod

Das Reich des toten Volkes so durchwandert? -
Vorsorglich gab mein Führer zu erkennen,
Daß er geheim mit ihnen reden wollte.

Da dämpften sie den wilden Zorn ein wenig
Und sagten: Komm allein. Umkehre dann
Der so verwegen eindrang in dies Reich.

Allein geh' er den tör'gen Weg zurücke,
Wenn er ihn finden kann. Du aber bleibe,
Der durch so dunkles Land ihn hergeleitet. -

Nun denk' dir, Leser, ob ich ward entmutigt
Beim Tone der vermaledeiten Worte;
Gewiß, ich dachte nimmer heimzukehren.

O teurer Führer, der du siebenmal
Und öfter Sicherheit zurück mir gabest,
Und mich aus dringender Gefahr befreitest,

Verlaß mich nicht in solchen Nöten, sagt' ich;
Ist uns das Weitergehn verwehrt, so laß uns
Gemeinsam rückwärts unsren Pfad durchmessen. -

Mein Meister, der bis dorthin mich geführt
Erwiderte: Sei furchtlos, unsre Reise
Kann niemand hemmen, solche Bürgschaft hat sie.

Nun aber bleibe hier, und speis' und stärke
Den müden Geist mit Hoffnung und Vertrauen,
Daß in der untern Welt ich dich nicht lasse. -

Also verläßt mich, also geht von dannen
Der süße Vater, und zurück in Sorgen
Bleib' ich, weil ja und nein im Haupt mir streiten.

Was er zu ihnen sprach kann ich nicht sagen;
Doch lange hatt' er nicht geweilt mit ihnen,
Als um die Wett' in's Tor ein jeder eilte.

Die Pforte schlossen unsre Widersacher
Vor meinem Herrn, dem sie den Einlaß wehrten
Und der die Schritte zögernd zu mir wandte.

Die Augen senkt' er nieder, von den Brauen
Schien jeder Mut geschwunden, und mit Seufzen
Sagt er: Wer wehrte mir des Schmerzes Wohnstatt? -

Drauf wandt' er sich zu mir: Erzürn' ich gleich,
So fürchte deshalb nicht, denn siegen werd' ich,
Was man zur Abwehr drinnen auch versuche.

Nicht neu ist solche Frechheit mir an ihnen;
An weniger geheimem Tor, das seitdem
Verschlußlos blieb, bewährten sie sie schon.

Auf ihm gewahrtest du die tote Inschrift.
Diesseits von ihm steigt schon den Abhang nieder,
Durchschneidend ohne Führer all die Kreise,

Der, dessen Macht uns wird die Pforte öffnen. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 09
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 09

Es trieb die Blässe, mit der Furcht mich malte,
Die neu entstanden, schleuniger zurück.
Als ich des Führers Umkehr sah, die seine,

Aufmerkend stand er gleich dem Mann der horchet;
Denn durch die düstre Luft, den dichten Nebel
Vermochte nicht das Aug' ihn weit zu tragen.

Wohl müssen wir in diesem Kampfe siegen,
Sagt' er. Wo nicht; - doch, der's versprach, wird helfen!
Wie lange däucht es mir, bis Hilfe eintrifft. -

Ich merkte wohl, wie er der Rede Anfang
Durch das verdeckte, was noch hinterdrein kam;
Denn Worte waren's jenen widersprechend.

Trotzdem erschreckte mich was er gesprochen;
Vielleicht weil ich die abgebroch'ne Rede
In schlimm'rem Sinn verstand als er sie meinte.

Stieg wohl zu diesem Grund der traur'gen Schale
Jemals ein Schatten von der ersten Stufe,
Die keine Strafe kennt als Hoffnungsmangel? -

So frug ich, und er sagte drauf: Nur selten
Geschieht es, daß aus unsrer Mitte einer
Den Weg zurücklegt, welchen ich jetzt wandle.

Doch ist es wahr, daß ich schon einmal hier war,
Beschworen von der grimmigen Erichtho,
Die zu den Leibern ihre Seelen heimrief,

Seit kurzem war mein Fleisch von mir entkleidet,
Als sie mich eingehn hieß in diese Mauer,
Um einen Geist aus Judas' Kreis zu holen.

Der dunkelste, der tiefste Ort ist das,
Der fernste von dem äußersten der Himmel;
Der Weg ist mir bekannt, darum sei ruhig.

Der argen Stank ausatmende Morast
Umgürtet rings die Stadt der bittern Schmerzen,
In die wir friedlich Eingang nicht mehr finden. -

Noch andres sagt' er, doch mir ist's entfallen;
Denn schon war zu des Turmes glühndem Gipfel
Ich durch mein Auge mächtig hingerissen.

Drei Höllenfurien, ganz von Blut gerötet,
Sah ich mit einem Mal dort aufrecht stehn,
Die an Gebärd' und Gliedern Weiber schienen.

Gegürtet waren sie mit grünen Schlangen,
Blindschleichen bildeten ihr Haar und Ottern,
Und wanden rings sich um die grausen Schläfe.

Er aber sagte, weil bekannt ihm waren
Der Königin der Tränen Dienerinnen:
Blick hin, das sind die gräßlichen Erynnen!

Die dort zur linken Seite ist Megaera,
Zur Rechten weint Alekto. In der Mitte
Siehst du Tisiphone - und damit schwieg er.

Die Brust zerriß sich mit den Nägeln jede,
Mit Fäusten sich einander schlagend, schrien
So laut sie, daß ich scheu zum Meister floh.

Medusen bringt herbei, ihn zu versteinen!
So sprachen alle, auf mich niederblickend,
Wir rächten zu gelind des Theseus Anfall. -

Schnell wende dich und schließe fest die Augen!
Denn, zeigen sie Gorgonen und du siehst sie,
So kehrst du nie zur Oberwelt zurücke. -

So sprach mein Meister, und er selber wandte
Mich rückwärts. Drauf, mißtrauend meinen Händen,
Schloß mit den seinen auch er mir die Augen.

Ihr die gesund euch das Verständnis wahrtet,
Erwägt die Lehre wohl, die mit dem Schleier
Der Verse sich verhüllt, die seltsam lauten!

Schon aber kam daher die schmutz'gen Wellen
Entsetzenvollen Tones fernes Dröhnen,
Davon die Ufer beiderseits erbebten.

Dem Winde glich es, welcher, ungestüm
Geworden durch den Kampf von Hitz' und Kälte,
Sich auf den Wald mit schrankenloser Wut stürzt,

Die Zweige bricht, hinaus die Blüten schleudert.
Staubwirbelnd schreitet er, jagt übermütig
Die Herde wie die Hirten in die Flucht.

Die Augen löst' er mir und sprach: Nun richte
Den Nerv des Sehens längs dem alten Schaume
Dorthin, wo dieses Sumpfes Qualm am dicksten. -

Wie vor der Wasserschlange, ihrer Feindin,
Die Frösche alle durch die Flut entschlüpfen,
Bis auf den Boden jeder sich geduckt hat,

So sah ich Tausende verlorener Seelen
Vor einem fliehen, der den Übergang
Des Styx bewirkte, nicht die Sohlen netzend.

Die dicke Luft von seinem Antlitz scheuchend,
Bewegt' er vor sich her oftmals die Linke,
Und nur von dieser Pein schien er beklommen.

Ich spürte wohl, er sei des Himmels Bote;
Mein Meister aber winkte noch ausdrücklich,
Daß ich in Schweigen mich vor ihm verneige.

Wie schien er so erfüllt mir von Entrüstung!
Das Tor berührt er kaum mit seiner Gerte,
So sprang es auf trotz alles Widerstrebens.

Vom Himmel ausgestoßenes schnödes Volk,
Begann er auf der grauenvollen Schwelle,
Was unterfangt ihr euch so kecker Frechheit?

Wie wagt dem Willen ihr zu widerstreben,
Der niemals unerreicht sein Ziel gelassen,
Und öfters eure Qualen schon gemehrt hat?

Was hilft es dem Geschick zu widerstreben?
Eu'r Cerberus trägt, wenn Ihr Euch entsinnet,
Geschunden noch davon so Kinn als Kehle. -

Dann wandt' er sich zurück die schmutz'ge Straße;
Zu uns sprach er kein Wort und tat wie einer,
Den andre Sorg' in Anspruch nimmt und quälet,

Als die des Mannes, der ihm gegenwärtig.
Der Stadt zu wandten wir nunmehr die Füße
Voll Zuversicht auf Grund der heiligen Worte,

Und Eintritt ward uns ohne weitern Kampf.
Ich aber, der gespannt war zu erkunden
Die Eigenheit des Orts der so befestigt,

Entsandte, wie ich eintrat, rings die Blicke,
Und sah nach jeder Richtung weite Fläche
Von Schmerzen angefüllt und arger Qual.

Wie wo die Rhone sich bei Arles aufstaut,
Und wie bei Pola nahe dem Quarnaro,
Der Wälschland schließt und seine Grenzen netzet,

Der Grund uneben ist von lauter Gräbern,
So war er's hier auch nach jedweder Seite!
Nur war der Gräber Art um vieles bittrer,

Denn Flammen brannten zwischen Grab und Grab,
Und hielten sie in so gewalt'ger Glut,
Daß größre keine Schmiedekunst erfordert.

Die Decke war von jedem aufgehoben
Und innenher erklang so bittre Klage,
Daß Zeugnis sie von schweren Martern gab.

Und ich: O Meister, wer sind diese Schatten,
Die in den Grüften hier begraben scheinen
Und sich in Seufzern so vernehmen lassen? -

Drauf Er: Hier sind der Ketzereien Stifter,
Mit seinem Anhang von Sektierern jeder;
Viel voller als du denkst sind all die Gräber.

Mit gleichem ist der gleiche hier begraben
Und mehr und minder glühend sind die Särge. -
Als er darauf zur Rechten sich gewendet

Führt unser Weg uns zwischen Qual und Zinnen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

So geht mein Meister auf geheimem Pfade,
Der zwischen Martern sich und Mauer hinzieht,
Und wandelnd folg' ich hinter seinen Schultern.

Erhabne Kraft, die durch die sünd'gen Kreise
Wie dir's beliebt mich wendet, so begann ich,
Steh Rede und gib Antwort meinen Fragen.

Könnt' ich das Volk nicht sehn, das in den Gräbern
Hier liegt? Sind doch die Deckel all gehoben
Und niemand ist zu sehn, der Wache hielte? -

Geschlossen werden, sprach er, all die Gräber,
Wenn heimgekehrt sie sind von Josaphat
Mit ihren Leibern, die sie droben ließen.

Nach dieser Seite hin streckt sich der Kirchhof
Des Epikur und der ihm Gleichgesinnten,
Die mit dem Leib die Seele sterben lassen.

Drum soll Genüge dir alsbald hier werden,
Nicht auf die Frage nur, die du getan hast,
Nein auf die andere auch, die du verschwiegen. -

Da sprach ich: Guter Herr, sag' ich nicht alles,
So tu' ich's nur, um nicht zu viel zu reden,
Und öfter schon hast du mir so geraten. -

Toscaner, der du durch die Stadt des Feuers
Lebendig wandelst, so verständig redend,
Gefalle dir's, ein wenig hier zu weilen.

Mir offenbar macht deine Sprache dich
Als in dem edlen Vaterland geboren,
Dem ich vielleicht zu viel Beschwerde brachte. -

So tönte plötzlich aus der Gräber einem
Zu mir empor vernehmbar eine Stimme,
Weshalb ich furchtsam mich dem Führer nahte.

Er aber sagte: Wende dich, was tust du?
Sieh' Farinata dort, der sich erhoben;
Vom Gürtel aufwärts wirst du ganz ihn sehn. -

Schon hatt' ich meine Blick' auf ihn gewendet,
Und er erhob mit Stirne sich und Brust,
Als achtet' er gering die ganze Hölle.

Da drängten meines Führers kräftige Hände
Mich zwischen all den Grüften zu ihm hin,
Wobei er sprach: Gezählt sei'n deine Worte. -

Als ich gelangt zu seines Grabes Fuße,
Schaut er mich etwas an und fast verächtlich
Frug er mich drauf: Wer waren deine Ahnen? -

Ich aber, der bereit war zu gehorchen,
Verbarg ihm nichts und offenbart' ihm alles,
Worauf die Wimper er ein wenig aufschlug.

Dann sagt' er: Feindlich waren sie zuwider
So mir als meinen Stamm und der Partei,
So daß im Kampf ich zweimal sie zerstreute. -

Und wurden sie verjagt, so sind allseitig
Das ein' und andre Mal sie heimgekehrt;
Schlecht lernten aber diese Kunst die euren. -

Da richtete längs jenem ersten Schatten
Ein zweiter, sichtbar bis zum Kinn, sich auf:
Ich glaub' er hatte knieend sich erhoben.

Er blickte um mich, als ob er verlangte
Zu wissen, ob nicht sonst wer mich begleite.
Als aber sein Vermuten ganz erloschen,

Begann er weinend: Gibt des Geistes Hoheit
Dir Recht, durch diese Kerkernacht zu wandeln,
Wo ist mein Sohn dann, und warum nicht mit dir? -

Ich sagte drauf: Nicht von mir selber komm' ich;
Mich leitet jener, der dort auf mich wartet,
Den zu gering vielleicht eu'r Guido hielt. -

Verkündet hatten schon die Art der Strafe
Und seine Worte mir des Schattens Namen,
Darum war meine Antwort so erschöpfend.

Da schnellt' er plötzlich in die Höh' und rief:
Du sagst, er hielt; so lebt er denn nicht mehr,
Verschloß sein Auge sich dem süßen Lichte? -

Und als er sah, daß ich ein wenig zaudre,
Eh' ich ihm Antwort gab auf seine Frage,
Stürzt' er zurück und ward nicht mehr gesehen.

Doch der hochherz'ge andr', auf dessen Bitte
Ich stehn geblieben war, verzog die Miene
So wenig, wie er Hals und Hüfte wandte.

Und wenn, fuhr in der vor'gen Red' er fort,
Wenn schlecht die meinen jene Kunst erlernten,
Ist größre Qual mir das als dieses Bette.

Doch fünfzig Male nicht wird neu entzündet
Der Herrin Antlitz, welche hier regieret,
So hast, wie schwer die Kunst sei, du erfahren.

Und, willst zur schönen Welt du jemals kehren,
So sprich, warum in jeglichem Gesetze
So grausam mit den Meinen jenes Volk ist? -

Die Niederlage, sagt' ich und das Unheil,
Die rot von Blut der Arbia Wasser färbten,
Sind solcher Predigt Grund in unsrem Tempel. -

Als seufzend er darauf das Haupt geschüttelt,
Sagt' er: Da war ich nicht allein und sicher
Hätt' ich ohn Ursach nicht dabei geholfen.

Doch da war ich allein, als alle riefen,
Vertilgt vom Boden müsse Florenz werden,
Der es mit offenem Visier verteidigt. -

Soll jemals eu'r Geschlecht zur Ruhe kommen,
Beschwor ich ihn, so löset mir den Knoten,
In den sich mein Verständnis hier verwickelt.

Vernehm' ich recht, so scheint es, ihr gewahret
Im voraus, was die Zeit erst mit sich bringet;
Doch für die Gegenwart verhält sich's anders. -

Wir sehn gleich einem, dessen Auge schwach ist,
Erwidert' er, die Dinge die uns fern sind;
So viel vergönnt uns noch der höchste Herrscher.

Doch nahn sie, oder sind sie schon, so können
Wir sie nicht sehn, und von dem Loos der Menschen
Erfahren wir nur, was uns andre melden.

Begreifen kannst du nun, daß alles Wissen
Für uns erlöschen muß mit jenem Tage,
An dem der Zukunft Tor sich ewig zuschließt. -

Da sprach ich, wie von meiner Schuld betroffen:
Nun saget jenem, der dort niederfiel,
Daß bei den Lebenden sein Sohn noch weilet.

Wenn statt der Antwort ich vorhin verstummte,
So sagt ihm, es geschah, weil ich dem Irrtum
Schon nachsann, welchen ihr vorhin mir lös'tet. -

Schon aber rief zurücke mich der Meister,
Weshalb den Schatten ich in Eile bat,
Mir noch zu sagen, wer mit ihm dort weile.

Ich liege hier mit mehr als tausend, sagt' er;
Dort innen ist der zweite Friederich,
Sodann der Kardinal, von andern schweig' ich. -

Drauf barg er in der Gruft sich und ich wandte
Zum alten Dichter meine Schritt', erwägend
Was feindlich mir in jener Rede schien.

Mein Führer ging voran und, wie wir gingen,
Sagt' er zu mir: Was bist du so betreten? -
Ich aber gab auf seine Frage Auskunft.

Es wahre dein Gedächtnis, was du hörtest
Daß dich bedrohe, - so gebot der Weise,
Und sprach, den Finger hebend: Nun merk' auf:

Stehst du einst vor dem süßen Strahle jener,
Die alles sieht mit ihrem schönen Auge,
So hörst von ihr du deinen Lebensweg. -

Dann wandt' er seinen Fuß zur linken Seite;
Fort von der Mauer gingen wir der Mitte
Auf einem Pfade zu, der nach dem Tale

Hinführet, dessen Stank die Luft schon einnimmt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 11
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 11

An eines hohen Ufers letztem Rande,
Gelangten wir zu schlimmerem Gedränge.
Den Felsen, die im Kreis gebrochen, bilden,

Wir aber zogen vor dem Übermaße
Des schrecklichen Gestankes, der vom Abgrund
Emporqualmt, hinter eines hohen Grabes

Steindecke uns zurück, auf der ich las
Die Inschrift: Anastas, den Papst bewahr' ich,
Den ab vom rechten Wege zog Photin. -

Nur zögernd wollen wir jetzt niedersteigen,
Daß etwas sich zuvor der Sinn gewöhne
An den Gestank und er nachher nicht hindre. -

So sprach der Meister, und ich sagt': Ersinne
Was uns die Zeit, die wir hier weilen, ausfüllt. -
Er aber: Du wirst sehn, daß ich's bedachte.

Mein Sohn, im Innern dieses Felsgeklüftes,
Begann er, sind drei Kreislein, die gleich denen,
Die du verläßt, sich stufenweise folgen.

Von fluchbeladenen Geistern sind sie alle
Erfüllt, und daß dir bloßes Sehn genüge,
Vernimm, wie und warum sie eingepfercht sind.

Jedweder Bosheit Ziel, die Haß im Himmel
Erwirbt, ist Unrecht, und zu diesem Ziele
Gelangt durch Trug sie oder durch Gewalt.

Doch weil Betrug dem Menschen eigne Sünd' ist,
Mißfällt er Gott mehr, darum weilen tiefer
Und leiden größre Qualen die Betrüger.

Im ersten Kreis sind, die Gewalttat übten;
Doch weil Gewalt sich gegen drei läßt richten,
Ist weiter eingeteilt er in drei Ringe.

Man kann sich selbst, dem Nächsten, oder Gott
Gewalt antun, so ihnen als dem Ihren,
Wie du noch hören und begreifen wirst.

Durch Mord und arge Wunden tut dem Nächsten
Gewalt man an, und dem was ihm gehöret
Durch Raub und Brand und bösliche Zerstörung.

Drum quält der erste Ring, mehrfach gegliedert,
Totschläger und die freventlich mißhandeln,
Mordbrenner, Räuber und Landschädiger.

Gewalttat übt an sich und an dem Gute
Das er besitzt der Mensch. Im zweiten Ring
Ist denen drum fruchtlose Reu beschieden,

Die sich des Sein's in eurer Welt berauben,
Die ihr Vermögen mutwillig vergeuden,
Und die, statt froh zu sein, trübsinnig weinen.

Es richtet gegen Gott, der die Gewalt,
Der ihn im Herzen leugnet oder lästert,
Und die Natur und was sie schenkt verachtet.

Darum beschließt der engste der drei Ringe
Mit seinem Siegel Sodom sowie Cahors
Und die böswillig Gott verachtend reden.

Trug, welchen jegliches Gewissen anklagt,
Kann gegen den man üben, der uns trauet,
Und gegen den, der kein Vertraun beherbergt.

Die letztgenannte Weise tötet nur
Das Liebesband, das die Natur geschaffen;
Drum nisten in dem zweiten dieser Kreise

Die Kuppler, Schmeichler und die Amtsverkäufer,
Die Fälscher, die Bestechlichen und Heuchler
Nebst Dieben und mehr ähnlichem Gezüchte.

Die andre Art verletzet mit der Liebe,
Die von Natur ist, die hinzugekommne,
Auf die sich das besondre Zutraun gründet.

Darum verzehrt im engsten Kreise, wo
Des Weltalls Punkt ist, auf dem Dis beruht,
Sich wer verraten hat in Ewigkeit. -

Drauf sprach ich, Meister, deine Rede schreitet
Zwar deutlich vor und unterscheidet gut
Den Schlund hier und das Volk, das ihn bewohnet.

Doch sage mir, die von dem fetten Sumpfe,
Die, die der Wind treibt, und der Regen geißelt,
Und die mit herbem Scheltwort sich begegnen,

Wenn unter Gottes Zorn sie stehn, warum
Sind in der roten Stadt sie nicht gestrafet?
Und tun sie's nicht, warum sind sie gepeinigt? -

Und er entgegnete: Was irrt so ferne
Dein Geist von dem ab, was er sonst zu sein pflegt,
Falls dein Gedanke nicht wo anders hinschaut?

Gedenkst du nicht der Worte deiner Ethik,
Mit denen sie die dreierlei Gesinnung
Behandelt, die zuwider Gottes Willen:

Maßlosigkeit und Bosheit und die wilde
Vertiertheit, und wie von den drei'n die erste
Gott minder kränkt und weniger bestraft wird?

Betrachtest du gehörig diesen Grundsatz,
Erinnerst du dich auch, wer jene sind,
Die außerhalb der Stadt dort Strafe leiden,

So siehst du ein, warum von diesen Argen
Getrennt sie sind, warum mit mindrem Zorne
Die göttliche Gerechtigkeit sie geißelt. -

O Sonne, die umtrübten Blick du heilest,
So sehr erfreuet stets mich deine Lösung,
Daß Wissen mir nicht lieber ist als Zweifeln.

Ich bitte, sprach ich, wende die Gedanken
Zurück und lehre mich, warum der Wucher
Die Güte Gottes, wie du sagst, verletzet? -

Philosophie belehret den, der aufmerkt,
So sagt' er drauf, an mehr als einer Stelle,
Daß die Natur die Bahnen, die sie einschlägt,

Aus Gottes Geist entnimmt und seiner Kunst.
Erwägst du dann das Buch von der Physik,
So findest du nach nicht gar vielen Blättern,

Daß eure Kunst, soweit sie kann, der letzten
So wie der Schüler seinem Meister, nachfolgt
Und sozusagen Gottes Enklin ist.

Aus diesen beiden, wie die Genesis
Dir bald im Anfang sagt, soll Unterhalt
Die Menschheit nehmen und sich vorwärts helfen.

Weil nun der Wuchrer andre Bahnen einschlägt,
Verachtet er in sich und ihrer Tochter
Natur; denn andershin zielt seine Hoffnung.

Nun aber komm, weil mir beliebt zu gehen.
Die Fische blinken schon am Horizonte
Und gen Nordwest senkt sich der ganze Wagen;

Der Absturz aber fällt dort jenseits ab. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

Es war der Ort, wo zu des Ufers Abstieg
Wir kamen, felsig und was dort zu schaun war
Von solcher Art, daß jedem Blick drob grauste.

Wie jener Felssturz ist, der diesseits Trento
Durch Erderschütt'rung oder Stützungsmangel
Die Etsch in ihre linke Flanke traf,

So daß vom Gipfel her, von dem er ausging,
Hinab zur Ebne das Geklüft so wild ist,
Daß es ein Niederklettern kaum gestattet,

So war hier des Gesteines jäher Abfall,
Und auf der Fläche abgebrochener Kante
Lag ausgestreckt die ewge Schmach von Kreta,

Die in der falschen Kuh empfangen ward.
Als dieser uns gewahr ward, biß er sich
Gleich einem, der im Zorn entbrannt ist, selber.

Mein Meister aber rief ihn an: Vermeinst du
Vielleicht, der Herzog von Athen sei hier,
Der in der Welt dort oben dir den Tod gab?

Fort, Untier, packe dich, den ich begleite
Kommt nicht von deiner Schwester unterwiesen;
Er geht, um eure Strafen zu betrachten. -

Gleichwie der Stier, der sich im Augenblicke
Wo er den Todesstreich empfangen, losreißt,
Des Gehns unfähig hin und wieder taumelt,

So sah ich Minotaurus sich gebahren.
Da rief mein Führer: Eile schnell vorüber,
Ratsam ist, daß du absteigst, weil er wütet. -

Also begannen nieder wir zu steigen
Auf jenen Trümmersteinen, die sich häufig
Von meiner Füße neuer Last bewegten.

Nachdenkend ging ich; jener aber sagte:
Denkst du dem Absturz nach, der überwacht wird
Von jenem Untier, das ich jetzt gebändigt?

So wisse denn, daß, als zum ersten Male
Ich niederstieg in diese untre Hölle,
Die Felsenwand noch nicht herabgestürzt war.

Doch, irr ich nicht, so war es kurz vorher,
Eh' jener eintraf, der die große Beute
Dem obersten der Höllenkreise raubte,

Als dieses Tal des Stank's von allen Seiten
So sehr erbebte, daß das all auf's neu' ich
Entbrannt von Liebe wähnte, die zum Chaos,

Wie mancher glaubt, die Welt mehrmals gewandelt.
In dem Moment fiel dieser alte Felsen
So hier wie auch noch anderwärts zusammen.

Nun aber wende deinen Blick zu Tale;
Schon naht der Blutstrom sich, in welchem
Gesotten wird, wer durch Gewalttat schadet. -

O blinde Gier, o wahnbetörter Zorn,
Die uns zur Sünd' im kurzen Leben treiben
Und ewiglich zu solcher Qual uns tauchen!

Ein breiter Graben bot sich meinen Blicken,
Der, wie der Meister mir zuvor verkündet,
Im Bogen jenen Talgrund ganz umwand.

Und zwischen Fluß und Felsenabsturz liefen
Zentauren, pfeilbewaffnet, hin und wieder,
Wie sie in unsrer Welt beim Jagen pflegten.

Doch alle hielten an, als sie uns sahen,
Und dreie sonderten sich von den andern,
Nachdem sie Bogen sich und Pfeil' erkoren.

Der eine rief von fern: Die ihr den Felsen
Herniedersteigt, zu welcher Marter kommt ihr?
Sagt ihr's nicht gleich, so drück' ich los den Bogen. -

Mein Meister aber sprach: Die Antwort werden,
Sobald wir unten sind, wir Chiron geben;
Zu deinem Unheil warst du stets so hitzig. -

Dann sagt' er, mich anrührend: Der ist Nessus,
Der für die schöne Dejanira starb
Und mit sich selber sich zu rächen wußte.

Der mittelste, der nieder auf die Brust blickt,
Ist, der Achill erzog, der große Chiron,
Der dritt' ist Pholus, der so voller Zorn war.

Zu Tausenden umkreisen sie den Graben
Und wehren mit dem Pfeilgeschosse jedem,
Der mehr als seine Schuld gestattet auftaucht. -

Als wir genaht den schnellen Ungetieren,
Nahm Chiron einen Pfeil, und mit der Kerbe
Strich zu der Kinnlad' er den Bart zurück.

Dann mit dem großen unverhüllten Munde
Sagt' er zu den Gefährten: Saht ihr wohl,
Wie, was der zweite anrührt, sich beweget?

Der Toten Fuß hat solche Wirkung nimmer. -
Mein Führer, der ihm schon zur Seite stand
Da wo sich Mensch- und Tiergestalt berühren,

Erwidert' ihm: Gewiß ist er lebendig
Ich muß dies dunkle Tal ihm einsam zeigen;
Notwendigkeit, nicht Lust ists, die ihn herbringt.

Sein Hallelujasingen unterbrach
Ein hehrer Geist, der solche Pflicht mir auftrug;
Kein Dieb ist er, ich keines Räubers Schatten.

Doch, bei der Kraft, die auf so wildem Pfade
Mich wandeln heißt, gib aus der Schar der deinen
Uns einen mit, der unsre Schritte leitend

Des Blutstroms Furt uns zeigt, und der hinüber
Auf seinem Rücken diesen, der kein Geist ist
Und durch die Luft nicht gehn kann, willig trage. -

Da wandte Chiron sich zur rechten Seite
Und sagte: Nessus, geh' sie zu geleiten,
Und trefft ihr andre, heiße Platz sie machen. -

So gingen in verläßlicher Begleitung
Den Strand des roten Sudes wir entlang,
Aus dem der Wehruf der Gesottnen tönte.

Bis zu den Brau'n im Blut sah ich die einen:
Das sind Tyrannen, sagte der Zentaur.
Die reichlich Blut vergossen und geplündert,

Beweinen hier erbarmungslose Taten.
Sieh Alexander hier und Dionysen,
Durch den Sizilien arge Zeit erfuhr.

Und jene Stirn mit dunkelschwarzem Haare
Gehört dem Azzolin; der Blonde aber
Ist Obizzo von Este, den in Wahrheit

Der Stiefsohn droben in der Welt gemordet. -
Drauf wandt' ich mich zum Meister; doch er sagte:
Jetzt sei dir Nessus erster, ich nur zweiter. -

Nicht weit davon hielt der Zentaur bei Schatten,
Die aus dem heißen Strom bis zu der Kehle
Auftauchen durften, seine Schritte an.

Auf einen, der allein stand, deutend, sprach er,
Das Herz durchbohrte der in Gottes Schoße,
Das an der Themse Strande noch geehrt wird. -

Und andre Geister sah ich weiterhin,
Die aus dem Fluß so Haupt als Brust erhoben;
Nicht wenige von dieser Zahl erkannt' ich.

Und seichter ward das Blut und immer seichter,
Daß es zuletzt die Füße nur bedeckte;
Da war's, wo wir den Graben überschritten.

Wie du gesehn hast, daß auf dieser Seite,
Sprach der Zentaur, der Strom des heißen Blutes
Sich mehr und mehr verflacht, so sollst du glauben,

Daß dort hinaus sein Boden immer tiefer
Sich senkt, bis er bei jener Stelle anlangt,
Wo Tyrannei in schwerer Marter seufzet:

Dort straft die göttliche Gerechtigkeit
Den Attila, der eine Geißel war,
Nebst Pyrrhus und nebst Sextus, und preßt ewig

Dem Rinier Pazzo und dem von Corneto,
Die raubend heimgesucht des Landes Straßen,
Die Tränen aus, die durch den Sud entquollen. -

Dann wandt er sich zur Rückkehr durch die Furt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 13
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 13

Noch war nicht jenseits Nessus angekommen,
Als wir in ein Gebüsche uns vertieften;
In dessen Dickicht sich kein Pfad uns zeigte.

Dort war kein grünes, sondern düstres Laub,
Nicht glatte, sondern knorrig krumme Zweige,
Nicht Früchte, sondern giftgefüllte Stacheln.

Nicht hausen in so dichtverwachs'nem Dorne
Die wilden Tiere, die dort von Corneto
Zur Cecina bewohntes Land vermeiden.

Hier baun ihr Nest die häßlichen Harpyen,
Die mit Verkündigung zukünft'gen Leides
Von den Strophaden die Trojaner trieben.

Groß sind die Flügel, Hals und Antlitz menschlich,
Der Bauch befiedert und bekrallt die Füße;
Ihr Wehruf tönt von den seltsamen Bäumen.

Der gute Meister sagte: Eh' du weiter
Hineingehst, wisse, daß im zweiten Ringe
Du bist und bleiben wirst, bis du gelangest

Zur grauenvollen Fläche glühnden Sandes.
Drum merke wohl auf; Dinge wirst du sehen,
Die meinem Worte, sagt' ich's, Glauben nähmen. -

Wehklagen hört' ich schon von jeder Seite;
Doch weil ich niemand wahrnahm, der sie ausstieß,
Hielt ich betreten an mit meinen Schritten.

Ich glaub', er glaubte wohl, ich möchte glauben,
Die vielen Stimmen rührten her von Leuten,
Die in dem Dickicht sich vor uns verbergen.

Drum sprach zu mir der Meister: Wenn von einem
Der Bäume hier du eine Gerte abbrichst,
So wird der Wahn, den du jetzt hegst, erblassen. -

Ein wenig vorwärts reckt' ich meine Hand
Und raubt' ein Zweiglein einem großen Baume.
Da rief der Stamm: Wer heißt dir, mich verletzen? -

Und als der Bruch von Blut sich dunkel färbte,
Rief er aufs neu': Warum zerpflückst du mich?
Ist deine Brust so völlig mitleidsleer?

Jetzt sind wir Stämme; doch wir waren Menschen
Und wären wir von Schlangen nur die Seelen,
So sollte deine Hand mitleid'ger sein. -

Wie, wenn ein grüner Klotz am einen Ende
Im Feuer liegt, er an dem andern zischt
Und von der Luft die sich herausdrängt stöhnet,

So drängten sich aus jenem Bruche Worte
Und Blut hervor, so daß ich gleich dem Manne,
Den Furcht ergreift, das Zweiglein fallen ließ.

Gekränkte Seele, sagte drauf mein Meister,
Hätt' ohne eignes Anschaun er vermocht
Zu glauben, was mein Lied nur ihm berichtet,

So hätte nicht er sich an dir vergriffen.
Doch die Unglaublichkeit der Sache ließ
Mich ihn zu tun bewegen, was mich selbst schmerzt.

Nun sag' ihm, wer du bist, und deinen Ruf
Wird er, zu ein'ger Buße, in der Welt
Zu der er wiederkehren darf, erfrischen. -

So sehr besticht mich, sagte drauf der Stamm,
Dein süßes Wort, daß ich nicht schweigen kann;
Gewährt mir drum ein williges Gehör.

Ich bin's, der in der Hand die beiden Schlüssel
Zu Friedrichs Herzen hielt, und so gelinde,
Zum Öffnen wie zum Schließen, sie bewegte,

Daß sein Vertrauen fast niemand mit mir teilte.
Treu blieb ich meines hohen Amtes Pflichten,
So daß ich Puls' und Adern drum verlor.

Doch jene Hure, die die frechen Blicke
Stets dahin wendet, wo der Kaiser herbergt,
Die allwärts Tod bringt, doch am Hof daheim ist,

Entflammte gegen mich all die Gemüter,
Daß die entflammten Friedrich selbst entflammten
Und Ehr und Freud' in Jammer sich verkehrten.

Da machte gegen mich, den sonst gerechten,
Um sterbend der Verachtung zu entgehn,
Des Unmuts Bitterkeit mich ungerecht.

Doch, bei den neuen Wurzeln dieses Stammes
Beschwör ich's, daß ich nimmer meinem Herrn
Der so der Ehre wert war, Treue brach.

Kehrt wer von euch zurück zur Oberwelt,
So richt' er mein Gedächtnis wieder auf,
Das von des Neides Schlag daniederliegt. -

Ein wenig wartet' er, dann sprach mein Meister
Zu mir: Da er nicht weiter redet, eile
Ihn noch zu fragen, was du wissen möchtest. -

Ich aber sagte: Frage du ihn lieber
Nach dem was wichtig du für mich erachtest;
Ich könnt' es nicht, weil Mitleid mich bewältigt. -

Drauf sprach er wieder: Soll, was du gebeten,
Der Mann hier gern und reichlich dir gewähren,
So woll' uns noch, gefangner Geist, berichten,

Wie sich an dies Geäst die Seele bindet.
Und sag' uns auch, wenn du es kannst, ob jemals
Aus solchem Leib sich eine wieder losmacht. -

Da schnob der Stamm gar sehr, bis solches Schnauben
Zu diesen Worten endlich sich gestaltet:
In Kürze geb' auf eure Frag' ich Antwort.

Sobald geschieden ist vom Leib die Seele,
Von dem sie selber sich verzweifelnd losriß,
Schickt sie zum siebenten der Schlünde Minos.

Kein fester Punkt im Wald ist ihr beschieden;
Nein, wo das Ungefähr sie hingeschleudert
Da keimt und sproßt sie wie ein Samenkorn,

Sie wächst zum Schößling und zum Waldesbaume
Es schaffen die Harpy'n, von ihrem Laube
Sich nährend, Schmerz ihr und dem Schmerz ein Tor.

Auch wir erhalten einst die Erdenhülle
Zurück; doch nicht, sie wieder anzuziehn,
Denn niemandem gebührt was er sich selbst nahm.

Wir schleppen sie hierher, und allerwärts
Im dunklen Wald wird eines jeden Körper
An seines lästgen Schattens Baum gehenket. -

Noch waren wir dem Stamme zugewandt,
Im Glauben, daß er mehr uns sagen wollte,
Als uns ein seltsam Rauschen überraschte,

Wie der es wohl vernimmt, auf dessen Standort
Der Keiler mit der Jagd im Sturm herankommt
Und Wild und Hund' und morsche Zweige toben.

Da stürzten nackend und zerkratzt zur Linken
Zwei Schatten in so wilder Flucht hervor,
Daß alles Waldgezweige sie durchbrachen.

Der vordre schrie: Komm Tod und mach' ein Ende! -
Der andre, der zu folgen nicht vermochte,
Rief: Lano, wahrlich deine Füße waren

Nicht so behende beim Turnier von Toppo! -
Und, weil der Atem ihm vermutlich ausging,
Barg er sich kauernd in des Strauchs Gezweige.

Doch hinter ihnen wimmelte der Wald
Von Rüden schwarz und gierig, die dem Windhund,
Der von der Kette loskommt, zu vergleichen.

In den Geduckten schlugen sie die Zähne,
Zerfleischten stückweis ihn, und mit den Gliedern,
Die schmerzhaft zuckten, eilten sie von dannen.

Der treue Führer nahm mich bei der Hand
Und leitete zum Strauch mich, der vergebens
Aus seinen Wunden blutete und klagte.

O Jacob, rief er aus, von Sant' Andrea,
Was half es dir, als Schild mich zu gebrauchen?
Nicht Schuld bin ich an deinem wüsten Leben. -

Als nun mein Meister bis zu ihm gelangt war,
Frug er: Wer bist du, dem aus so viel Brüchen
Die Schmerzensrede und das Blut hervorquillt? -

Er aber sprach: Ihr Seelen, die gekommen
Zu sehn, wie schmachvoll ich Mißhandlung litt,
So daß mein Laub fern um mich her verstreut ist,

So sammelt es am Fuß des traur'gen Busches
Der Stadt gehört' ich an, die mit dem Täufer
Den ersten Schutzpatron vertauscht, weshalb er

Stets Unheil ihr durch seine Kunst bereitet.
Und wäre nicht am Übergang des Arno
Ein Bruchstück noch von seinem Bilde sichtbar,

So wär' umsonst der Bürger Müh gewesen,
Die auf der Asche, welche Attila
Nur übrig ließ, die Stadt aufs neu gegründet.

Zum Galgen wählt ich mir die eignen Häuser. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 14
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 14

Weil mich das Mitgefühl der gleichen Heimat
Bewegte, sammelt' ich die losen Blätter
Am Fuß des matt gewordenen Strauches auf.

Dann kamen dorthin wir, wo von dem zweiten
Der dritte Ring sich trennt und wir die grause
Kunst göttlicher Gerechtigkeit erblickten.

Was sich hier zeigte wohl zu schildern, sag' ich
Daß wir zu einer weiten Fläche kamen,
Die keiner Pflanze Wuchs auf sich gestattet.

Der Wald des Weh's umgibt gleich einem Kranz sie,
Wie diesen wiederum der heiße Blutstrom.
Dort gingen wir entlang am letzten Saume.

Die Tenne war von dichtem, trocknem Sande,
Beschaffen gleich dem Wüstensande, den
In Lybien Cato's Füße einst betreten.

Wie sehr, o Rache Gottes, sollte jeder
Dich fürchten, der da liest, was meinem Auge
Auf diesem Sandgefild sich offenbarte:

Von nackten Seelen sah ich manche Schar
Und alle jammerten vor Schmerz, obwohl
Verschiedner Ordnung sie botmäßig schienen.

Die einen lagen rücklings ausgestreckt,
Am Boden sitzend kauerten die zweiten,
Noch andere rannten rastlos hin und wieder.

Die größte Zahl war deren, die da liefen
Die liegend Qual erlitten waren minder,
Doch lauter klagend regten sie die Zunge.

Und große Feuerflammen fielen leise
Auf jenes Sandes weite Fläche nieder,
Wie Schnee bei stiller Luft im Hochgebirge.

So wie die Flammen, die auf Alexander's
Heerschar im heißen Indien niederfielen
Und ihre Glut am Boden noch bewahrten

(Weshalb der König seine Leute hieß,
Das Erdreich festzustampfen, weil die Dünste
Für sich allein sich besser löschen ließen),

So regnete die ew'ge Glut hernieder,
Wovon der Sand, zur Qualverdopplung, brannte,
Wie unterm Feuerstahl sich Schwamm entzündet.

Es war ohn' Unterlaß der Tanz der Hände,
Womit bald hier bald dort sich die Gequälten
Des frischen Brandes zu erwehren suchten.

O, Meister, hub ich an, der alle Dinge
Bezwingt, die bösen Teufel ausgenommen,
Die uns am Eingangstor entgegentraten,

Wer ist der Große, welcher diese Flammen
Für nichts zu achten scheint und trotzig daliegt,
Als ob der Feuerregen ihn nicht kümmre? -

Doch jener, der vernahm, daß seinetwegen
Ich meinen Führer frug, schrie mir zur Antwort:
Der ich im Leben war, bleib' ich im Tode!

Mag Jupiter nur seinen Schmied ermüden,
Von dem im Zorn den scharfen Blitz er nahm,
Zu Boden mich am letzten Tag zu schmettern,

Mag in des Mongibello schwarzer Esse
Im Wechseldienst die andren er ermatten
Und schrein: Zur Hilfe komm, Vulcan zur Hilfe,

So wie er schrie bei jenem Kampf von Phlegra,
Mag Blitz' er nach mir schleudern wie er will;
Nie soll er Freud' an seiner Rach erleben. -

Da sprach mein Führer mit gehobner Stimme,
Daß ich so laut ihn nimmer noch vernommen:
O Kapaneus, daß ungebeugt dein Stolz ist,

Darin erleidest du die schwerste Strafe;
Denn keine Qual vermöchte deinen Frevel
So zu vergelten, als wie deine Wut. -

Dann, freundlicheren Blicks zu mir gewendet:
Von jenen sieben Königen war er einer,
Die Theben einst belagert, und noch scheint er

So wie er damals tat, Gott zu verachten.
Doch ist sein Schmähen, wie ich eben sagte,
Für seine Brust die wohlverdiente Zierde.

Nun aber folge mir und habe acht,
Den Sand, der glimmend ist, nicht zu betreten;
Stets halte hart am Walde sich dein Fuß. -

Wir gingen schweigend, bis wir zu der Stelle
Gelangten, wo dem Wald' ein kleines Flüßchen
Entquillt, ob dessen Röte noch mir schaudert.

Wie aus dem heißen Sprudel bei Viterbo
Der Bach rinnt, den die Sünderinnen teilen,
So rann dies Flüßchen durch den Sand dahin.

Sein Boden und die Ufer beiderseitig,
So wie die Ränder, waren fester Stein;
Daraus erriet ich, daß dort unser Weg sei.

Von allem was seither ich dir gewiesen,
Seitdem durch jene Pforte wir gekommen,
Durch welche einzutreten jedem freisteht,

Sah nichts dein Auge, das bemerkenswert
Gleich diesem Bach ist, welcher über sich
Jedwede Glut des Feuerregens auslöscht. -

So lauteten die Worte meines Meisters;
Drum bat ich, daß die Speis' er mir gewähre,
Zu der die Lust in mir er wachgerufen.

Einsam im Meer liegt ein verwüstet Eiland,
Entgegnet' er darauf, des Nam' ist Kreta.
Keusch war die Welt, als einst sein Fürst regierte.

Dort ist ein Berg, der sonst durch Wald und Quellen
Das Aug' erfreut, und den man Ida nannte;
Verwüstet ist er jetzt und ungeachtet.

Den wählte Rhea einst zur sichren Wiege
Für ihren Sohn, und ließ, sobald er weinte,
Ihn übertönendes Geschrei erheben.

Aufrecht in jenem Berge steht ein Greis!
Die Schultern wendet er nach Damiette,
Und Rom als seinen Spiegel schaut er an.

Es ist sein Haupt aus feinem Gold gebildet,
Von reinem Silber sind so Brust als Arme,
Das weitre bis zur Gabelung ist Kupfer.

Von da nach unten folgt erles'nes Eisen;
Doch ist der rechte Fuß gebrannter Ton,
Und mehr auf ihm, als auf dem andern ruht er.

Das Gold ist unversehrt; sonst zieht durch alle
Die Glieder sich ein Spalt, der Tränen träufelt,
Die dann vereinigt diesen Fels durchfressen.

Zu diesem Tal senkt sich ihr Lauf hernieder;
Sie bilden Acheron, Styx, Phlegethon,
Und fließen dann durch diese enge Rinne

Zu jenem Punkt, wo man nicht weiter absteigt.
Dort bilden sie Cocytus, welchen Teich
Du selber sehn wirst. Drum laß hier mich schweigen. -

Drauf sagt' ich: Wenn nun also dieser Graben
Bis hier von unsrer Oberwelt herabfließt,
Warum begegneten wir ihm nicht früher? -

Und er zu mir: Du weißt, daß rund der Raum ist,
Und ob du wohl, fortwährend links gewendet,
Schon weit hinabgestiegen in die Tiefe,

Hast du den ganzen Kreis noch nicht vollbracht.
Wenn also neues unserm Blick sich zeiget,
Soll sich dein Auge darum nicht verwundern. -

Drauf sprach ich weiter: Sage mir wo sind denn
Lethe und Phlegethon? Du schweigst vom einen,
Den andern sagst du bilden jene Tränen. -

In allen deinen Fragen lob' ich dich;
Allein des roten Wassers Sieden konnte
Dir eine, die du tatest, füglich lösen.

Lethe wirst du, doch nicht hier unten sehn.
Es waschen sich in ihm die reu'gen Seelen,
Wenn Buße ihnen jede Schuld getilgt hat. -

Dann sagt er: Uns vom Walde zu entfernen
Ist es nun Zeit, drum folge meinen Schritten,
Gehn wir den Damm entlang; die Glut verschont ihn

Und über ihm erlischt der Feuerregen. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 15
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 15

So trägt uns nun der eine jener Dämme,
Und so erstickend wirkt des Wassers Broden,
Daß vor der Glut er Bach und Ränder schützet.

Sowie die Flämen zwischen Brügg' und Kadsand,
Geängstet von der Flut, die auf sie anstürmt,
Schutzwehren baun, das Meer sich fernzuhalten,

Und wie die Padovaner längs der Brenta,
Eh' Chiarentana Sommerglut empfindet,
Vor Schlössern und vor Gärten Deich' errichten,

Also gebildet waren jene Dämme;
Nur daß ihr Meister, wer er immer sei,
In minderer Höh' und Stärke sie geschaffen.

Schon waren wir so weit entfernt vom Walde,
Daß, hätt' ich auch zurücke mich gewendet,
Ich nicht erspäht mehr seine Stelle hätte,

Als wir auf eine Schar von Seelen trafen,
Die längs des Dammes uns entgegen kamen,
Und deren jed' uns ansah, wie beim Neumond

Sich abends zwei Begegnende beschaun.
So hefteten auf uns sie ihre Blicke,
Wie auf das Nadelöhr ein greiser Schneider.

Als mich in solcher Art die Schar betrachtet,
Erkannte mich der ein', und an dem Saume
Des Kleid's mich fassend, rief er: Welch ein Wunder! -

Und während nach mir hin den Arm er streckte,
Wandt' ich mein Aug' auf die verbrannten Züge,
So daß der Glut Entstellung meinen Sinn

Nicht mehr verhinderte, ihn zu erkennen.
Die Hand darauf zu seinem Antlitz neigend,
Sagt ich: O Herr Brunetto, seid ihr hier? -

Er aber sprach zu mir: Mein Sohn gestatte,
Daß während die Gefährten weiter eilen,
Bruno Latini etwas mit dir umkehrt. -

Ich sprach: So viel ich kann, bitt' ich euch drum,
Und, wollt' ihr's, will ich auch mich zu euch setzen,
Wenn dieser mir's erlaubt, denn mit ihm geh' ich. -

Mein Sohn, sagt' er, wer sich von dieser Herde
Nur irgendwie verweilt, bleibt unbewegt
Dann hundert Jahr, ob auch das Feu'r ihn peitsche.

Geh' weiter denn; ich bleibe dir zur Seite
Und hole später die Gefährten ein,
Die um ihr Elend, das nie endet, weinen. -

Ich wagte nicht, den Damm hinabzusteigen
Um neben ihm zu gehn. Gesenkten Hauptes
Schritt ich darum, wie wer in Ehrfurcht wandelt.

Drauf hub er an: Ist's Zufall oder Schickung,
Was vor dem letzten Tag dich hier herabführt?
Und wer ist jener, der den Weg dir weiset? -

Dort oben, sagt' ich, in dem lichten Leben
Verirrt' ich mich in einem wald'gen Tale,
Eh voll geworden meiner Jahre Zahl;

Erst gestern morgen kehrt' ich ihm den Rücken
Als ich mich wieder wandte, traf ich diesen,
Der mich auf solchem Pfad heimführen will. -

Drauf sagt' er mir: Folgst du nur deinem Sterne,
So kann des Ruhmes Port dir nicht entgehen,
Wenn recht ich wahrnahm dort im schönen Leben.

Und wär' ich nicht so früh von dir geschieden,
So hätt ich dich in deinem Werk gefördert,
Da ich den Himmel dir so günstig wußte.

Doch jenes Volk voll Bosheit und voll Undank,
Das niederstieg von Fiesole vor Alters
Und nach dem Berg' und dem Gestein noch schlachtet,

Wird feindlich dir ob deines Rechttums werden.
Wie sollt' es anders sein? Die süße Feige
Kann unter herben Schlehen nie gedeihen.

Schon alte Rede nennt sie blind dort oben;
Hochmütig sind sie, geizig und voll Neides.
Hab' acht, daß ihre Sitten du dir fernhältst!

Dein Schicksal hat zur Ehre dir beschieden,
Daß jede der Partei'n nach dir wird hungern;
Doch bleibe fern dem Schnabel solche Weide.

Das Fiesolaner Vieh zertret' einander
So viel es will; jedoch an keiner Pflanze,
Wenn eine noch in solchem Unrat aufkommt,

Vergreif' es sich, worin der heilge Samen
Von jenen Römern auflebt, die dort blieben,
Als einst so vieler Bosheit Nest gebaut ward. -

Wenn meinem Wunsche voll entsprochen wäre,
Erwidert' ich ihm drauf, wär't aus dem Leben
Der Menschen wahrlich ihr noch nicht verbannet.

Eur lieb' und gutes väterliches Bild,
Das itzt mich weinen macht, trag' ich im Herzen,
Wie ihr dort in der Welt von Tag zu Tage

Mich lehrtet nach Unsterblichkeit zu ringen.
Wie wert ich's halte, soll, so lang' ich lebe,
In meiner Rede noch sich offenbaren.

Was ihr von meines Lebens Fortgang sagtet,
Bewahr' ich, daß es mir mit andrem Texte
Ein hohes Weib glossiert, die dessen kundig.

Doch so viel kann ich itzt schon euch versichern,
Daß, wenn mich mein Gewissen nur nicht schilt,
Bereit ich bin zu gut' und bösem Glücke.

Nicht neu ist meinem Ohr solch übles Angeld;
Drum möge nur ihr Rad Fortuna rollen,
Mir gilt's, als ob der Bauer seinen Karst schwingt. -

Da wendete sein Haupt zur rechten Seite
Mein Meister, blickte nach mir hin und sprach:
Wer sich es merkt, der ist der beste Hörer. -

Nicht hinderte das Reden unsre Schritte;
Doch bat ich Ser Brunetto, die Gefährten,
Die hochgestellt und namhaft, mir zu nennen.

Von einigen zu reden, ist geziemend;
Von andern ist es löblicher zu schweigen;
Es reicht die Zeit nicht hin zu so viel Namen:

Vernimm indes, daß sie teils geistlich waren
Teils grundgelehrte Leute hohen Ruhmes,
Von gleicher Schuld besudelt insgesamt.

Mit jener argen Schar geht Priscian
Und Franz, Accursens Sohn, auch konntest
Wenn anders du nach solcher Räude Lust trägst,

Du den erblicken, den der Knecht der Knechte
Vom Arnostrand verpflanzt zum Bacchiglione,
Wo er die sündentflammten Nerven ließ.

Gern spräch' ich weiter; doch Geleit und Rede
Muß ich beenden, weil dort aus dem Sande
Ich vor uns neuen Rauch aufsteigen sehe.

Fernbleiben muß ich denen, die da kommen.
Laß den Tesoro dir empfohlen sein,
In dem ich leben blieb, nur das begehr' ich. -

Dann wandt' er sich zurück, gleich deren einem,
Die in Verona um den grünen Teppich
Den Plan durchlaufen; doch nicht dem Verlierer,

Nein, jenem glich er, der den Sieg davonträgt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 16
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 16

Schon waren wir am Ort, wo man das Tosen
Des Wasserfalls, der in dem nächsten Kreise
Hinabstürzt, hörte, wie Gesumm' von Bienen.

Da trennten vollen Laufes miteinander
Drei Schatten sich von einer größern Schar,
Die bei des Feuerregens Qual dahinflog.

Sie kamen auf uns zu und jeder rief:
Halt an, der nach der Weise deiner Kleidung
Du einer scheinst aus unsrer argen Heimat! -

Ach was für Wunden, frisch' und halbvernarbte,
Sah eingebrannt ich allen ihren Gliedern;
Noch schaudert mich's wenn ich nur dran gedenke.

Aufmerksam ward durch ihren Ruf mein Meister;
Dann wandt' er sich zu mir und sprach: Hab' Achtung;
In Ehrfurcht ziemt sich's diesen zu begegnen.

Und wäre nicht das Feuer, das des Ortes
Natur herniederregnen läßt, so sagt' ich,
Daß, mehr als ihnen, Dir die Eil geziemte. -

Kaum standen wir, so sangen sie auf's neue
Das alte Lied, und als sie uns erreichet,
Begannen sie selbdritt im Kreis zu laufen.

So wie die Kämpen, die gesalbt und nackend,
Eh' sie zum Schlagen und zum Stoßen schreiten,
Vorteil und Angriff spähend sich erwägen,

So wandt' im Kreislauf jeder das Gesicht
Fortwährend nach mir hin, weshalb den Füßen
Entgegen immer sich der Hals bewegte,

Entwertet uns vielleicht und unsre Bitten,
Begann der eine, dieses Ortes Elend
Und unser Aussehn, das voll Brand und Wunden,

So laß durch unsren Nachruhm dich bewegen
Zu sagen wer du bist, der du so sicher
Lebend'gen Fußes durch die Hölle schreitest.

Der, dessen Spuren meine Schritte folgen,
Wie nackt er und geschunden auch einhergeht,
War höher wohl gestellt, als du vermutest.

Gualdradens Enkel war er, jener guten:
Sein Nam' ist Guido Guerra und im Leben
Hat er mit Schwert und Klugheit viel geleistet.

Der, welcher hinter mir den Sand zertritt
Ist Tegghiai' Aldobrandi, dessen Wort
Dort in der Welt man gern vernehmen sollte.

Ich aber, der die gleiche Qual erdulde,
War Jacob Rusticucci, und wahrhaftig
Der Gattin Stolz war meines Unheils Hauptgrund. -

Wär' ich gesichert vor der Glut gewesen,
So wär' ich unter sie hinabgeeilt,
Und zugelassen hätt' es wohl mein Lehrer.

Doch, weil des Feuers Glut verbrannt mich hätte,
Bewältigte die Furcht den guten Willen,
Der mich verlangen ließ, sie zu umarmen.

Drauf hub ich an: Sobald mein Herr und Meister
Mir Worte sagt', aus denen ich entnahm,
Daß solche Schatten wie ihr seid, sich nahten,

Erweckte nicht Mißachtung, sondern Schmerz
Eur traurig Los mir in der tiefsten Brust,
Und nicht sobald wird er daraus verschwinden.

Aus eurer Heimat bin ich und von jeher
Hab' eure Taten und gepriesne Namen
Ich liebevoll gehört und wiederholet.

Die Galle lassend, geh ich nach den Früchten,
Die süß der treue Führer mir verheißet,
Doch muß ich erst zum Zentrum niedersteigen. -

Soll deine Seel', entgegnete nun jener,
Noch lange deines Leibes Glieder lenken
Und soll der Ruhm dein Leben überdauern,

So sag' ob Tapferkeit und Rittersitte
In unsrer Stadt wie sonst noch weilen, oder
Ob sie aus deren Mauern sind gewichen.

Denn Wilhelm Borsier, welcher unsre Qualen
Seit kurzem teilt und dort mit den Gefährten
Dahin läuft, kränkt uns oft durch seine Reden. -

Das neue Volk, die plötzlichen Gewinnste,
Die haben Stolz und Übermaß, o Florenz,
In dir erzeugt, so daß du schon drum weinest! -

So rief ich mit erhobnem Angesichte;
Und jene drei, die mich vernommen, winkten
Einander, wie man wohl der Wahrheit beistimmt.

Macht es dir jederzeit so wenig Mühe,
Die andern zu befried'gen, sagten alle,
So bist du glücklich, so nach Wunsch zu sprechen.

Entrinnst du aber diesen dunklen Räumen
Und kehrst zurück, zu sehn die schönen Sterne,
Wo du dann gerne sagen wirst, ich war,

So säume nicht, der Welt von uns zu reden. -
Da brachen sie den Kreis ab und entflohen,
Daß die behenden Füße Flügel schienen.

Verschwunden waren sie in kürzrer Zeit
Als man bedarf ein Amen auszusprechen;
Drum schien zu gehn es an der Zeit dem Meister.

Ich folgt' ihm, und bevor wir weit gegangen,
War uns so nah des Wasserfalles Brausen,
Daß übertönt selbst laute Red' es hätte.

So wie der Fluß, der auf der linken Seite
Des Apennin gen Ost von Mont Viso
Zur Adria zuerst selbständigen Weg hat

Und oben Acquacheta heißt, bevor
Er talwärts fließt zu seinem niedren Bette,
Doch bei Forlì nicht mehr den Namen führet;

Wie dieser bei San Benedetto toset,
Weil er hinab zu einer Halde stürzet,
Wo Unterkunft für tausend sollte sein,

So hörten von des Ufers steilem Absturz
Die dunkelfarbne Flut wir niederbrausen;
In kurzem hätt' es weh dem Ohr getan.

Mit einem Stricke war mein Leib gegürtet,
Durch den, den Pardel mit dem bunten Felle
Zu fangen, ich gehofft vorzeiten hatte.

Nachdem ich, so wie jener mir befohlen,
Den losgebunden hatte, reicht' ich ihn
Verschlungen und verknotet meinem Meister.

Der aber wandte sich zur rechten Seite
Und warf, etwas entfernt noch von dem Ufer,
In jenen tiefen Abgrund ihn hinunter.

Ich sagte bei mir selbst: Was wird nur neues
Die Antwort sein auf dies besondre Zeichen,
Dem sorglich mit dem Aug' der Meister nachfolgt? -

Ach, wie behutsam soll man sein bei denen,
Die, statt allein die äußre Tat zu sehn,
In die Gedanken mit dem Geiste dringen!

Er sprach zu mir: Auftauchen wird in Bälde
Was ich erwarte, und, was du jetzt träumend
Dir denkst; alsdann sich deinem Blick enthüllen. -

Der Wahrheit, die der Lüge Antlitz trägt
Soll, wenn es möglich, man die Lippen schließen,
Denn unverschuldet bringt sie uns Beschämung.

Hier aber kann ich's nicht, und bei den Versen
Von diesem Liede schwör' ich dir, o Leser,
Wenn lange Gunst sie nicht entbehren sollen,

Daß ich durch jene dicke finstre Luft
Empor ein Untier schwimmen sah, so seltsam,
Daß wohl der Mutigste sich drob entsetzte.

Dem Manne glich es, der, nachdem den Anker
Vom Fels er löste, oder sonst'gem Anhalt,
Um aus dem Meeresgrund emporzutauchen,

Die Füße anzieht und sich streckt nach oben.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 17
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 17

Sieh' da das Untier mit dem spitzen Schwanze,
Das Berge übersteigt und Waff' und Wehr bricht,
Sieh' jenen, dessen Stank die ganze Welt füllt! -

So hub der Führer an zu mir zu reden.
Dann winkt' er jenem, daß er komm' ans Ufer
Nah her zum Rande der betretnen Steine.

Mit Haupt und Brust kam jenes schmutzge Sinnbild
Des Truges an das Ufer nun heran;
Den Schwanz indessen zog er nicht auf's Land.

Dem eines Biedermannes glich sein Antlitz,
So wohlgesinnt erschien er äußerlich;
Ein Schlangenleib indes war alles andre.

Zwei Tatzen hatt' er, haarig bis zur Achsel;
Bemalt mit Ringen und mit Knoten waren
Die Brust, der Rücken und die Flanken beide.

Nie machten Türken noch Tartaren Tücher,
Drin Einschlag sich so bunt dem Aufzug mischte,
Und nie begann Arachne solch Gewebe.

Wie manchmal Kähne wohl am Ufer stehen,
Zum Teil im Wasser und zum Teil am Lande,
Und so wie dort bei den gefräß'gen Deutschen

Der Biber sich, um Jagd zu machen, aufstellt,
So weilte jenes schnöde Tier am Rande
Der Steine, die des Sandes Ring beschließen.

Frei in dem Raum bewegte sich der Schwanz
Und aufwärts kehrt' er seine giftige Gabel,
Die nach Skorpionenart ein Stachel endet.

Mein Führer sagte: Wenden wir den Pfad
Ein wenig nun zur Seite bis zu jenem
Bösart'gen Tier, das dort am Ufer lagert. -

So stiegen wir hinab zur rechten Seite
Und taten auf dem Uferrand zehn Schritte,
Um Sand und Feuerregen wohl zu meiden.

Als wir gelangt bis zu dem Tiere waren,
Erblickt' ich etwas jenseits auf dem Sande
Unfern dem Felsenabsturz Leute sitzen.

Der Meister sagte hier: Auf daß vollkommne
Erfahrung dieses Kreises du davonträgst,
So gehe hin und sieh auch ihr Verhalten;

Doch sorge, daß nur kurz dort dein Gespräch sei.
Bis du zurückkehrst werd' ich diesem sagen,
Daß seine starke Schultern er uns biete. -

So ging ich denn entlang dem letzten Ende
Des siebenten der Kreise ganz allein
Dorthin, wo trauernd jene Schatten saßen.

Aus ihren Augen brach der Schmerz hervor,
Bald hier, bald dort erwehrten mit den Händen
Sie sich der Dünste Glut und der des Bodens.

Nicht anders tun zur Sommerszeit die Hunde
Mit Schnauz' und Pfote, wenn gequält durch Bisse
Von Fliegen, Bremsen oder Flöh'n sie werden.

Zwar heftet' ich auf einige den Blick,
Auf die das Feuer schmerzentzündend fiel,
Doch kannt' ich keinen; nur ward ich gewahr,

Daß jeglichem am Hals' ein Beutel hing
Besondrer Farbe und besondren Zeichens;
Ihr Auge aber schien sich dran zu weiden.

Und wie ich blickend ihnen näher trete,
Seh' Blaues ich auf einem gelben Beutel,
Das Kopf und Haltung eines Löwen hatte.

Und als ich weiterhin das Auge wandte,
Sah einen Beutel ich so rot als Blut,
Der eine Gans aufwies, so weiß als Rahm.

Der aber eine blaue trächtge Sau
Auf seiner weißen Tasche zeigte, rief:
Was hast in dieser Grube du zu schaffen?

So geh denn, und weil du noch bist am Leben
Vernimm, daß bald mein Nachbar Vitaliano
Hier sitzen wird zu meiner linken Seite.

Die sind aus Florenz, ich aus Padova.
Oft tun sie meinen Ohren weh mit ihrem
Geschrei: Wo bleibt der oberste der Ritter,

Der bringen soll die Tasche mit drei Böcken? -
Das Maul verzog er drauf, und gleich dem Ochsen,
Der seine Nase leckt, wies er die Zunge.

Und weil ich glaubte, daß mein längres Säumen
Ihn, der zur Eile mich gemahnt, erzürne,
Kehrt' ich zurück von den gequälten Seelen.

Ich fand den Führer, der schon auf den Rücken
Des grauenhaften Tiers war gestiegen.
Er sagte: Zeige dich nun stark und mutig!

Auf solcher Treppe gilts hinabzusteigen.
Doch setze du dich vorn; damit der Stachel
Dir nicht gefährlich sei, bleib' ich inmitten. -

Gleich einem, den des Wechselfiebers Schauer
Befallen, dem schon blau die Nägel werden
Und der sich schüttelt, sieht er nur den Schatten,

So wurde mir zu Mut bei jenen Worten;
Doch weckt' in mir sein Zuspruch jene Scham,
Die vor des Herrn Aug' dem Knechte Mut gibt.

Ich setzte mich zurecht auf jenen Schultern,
Und: Halte mich umschlungen, wollt' ich sagen,
Allein die Stimme drang nicht aus der Kehle.

Doch, der in andrer Not schon mir geholfen,
Umfaßte, als ich kaum erst aufgestiegen,
Und unterstützte mich mit seinen Armen.

Dann sprach er: Geryon, nun mach dich auf;
Doch steige langsam und in weiten Kreisen
Hinunter, denke an die neue Last. -

So wie das Schiff, verläßt es seinen Standort,
Erst rückwärts sich bewegt, so tat auch er;
Kaum aber fühlt er völlig sich im Freien,

So kehrt' er dorthin wo die Brust gewesen
Den Schwanz und braucht' ihn, gleich dem Aal, als Steuer,
Doch mit den Tatzen schlug die Luft er rudernd.

Nicht größer war die Furcht des Phaëton,
So glaub ich, als die Zügel ihm entfielen,
Und sich verbrannt, wie noch zu sehn, der Himmel,

Noch die des Ikarus, als von den Schultern
Das Wachs ihm schmolz und sich die Flügel lösten.
Und: falsch ist deine Richtung! - rief sein Vater,

Als nun die meine war, wie ich gewahr ward,
Daß rings um mich nur Luft sei, und nichts andres
Mir sichtbar blieb, als nur das Ungeheuer.

Das schwimmt dahin, bedächtig, sachte, sachte
Im Kreise senkt es sich, doch fühl ich's nur
Weil mein Gesicht die Luft von unten anhaucht.

Schon hört' ich rechts das grausenhafte Tosen,
Das unter uns der Sturz des Wassers machte,
Weshalb ich Haupt und Blick nach unten neigte.

Da mehrte noch die Furcht sich vor dem Anprall;
Denn Feuer sah ich und vernahm viel Klagen,
Weshalb ich zitternd mich zusammenduckte.

Nun sah ich auch an all den argen Qualen,
Die rechts und links sich nahten, was zuvor
Ich nicht gesehn, das Sinken und das Kreisen.

Dem Falken gleich, der lang' in Lüften schwebte
Und, weil nicht Federspiel er sieht noch Vogel,
Den Falkner sagen macht: O weh du senkst dich! -

Der müde niedersteigt in hundert Kreisen,
Von wo er rasch sich aufschwang, und verdrießlich
Von seinem Herrn fern ab sich setzt und tückisch;

So setzte Geryon uns hart am Fuße
Der senkrecht steilen Felsenmauer ab,
Und als er sich entledigt seiner Last

Fuhr er dahin, wie von der Schnur die Kerbe.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 18
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 18

Ein Ort der Hölle heißet Malebolge
Und, gleich der Felswand die ihn rings umschließet,
Ist er durchaus von Stein und eisenfarbig.

In dieses argen Feldes Mittelpunkte
Tut sich ein Brunnen auf, der weit und tief ist
Und dessen Weis' ich seinerzeit berichte.

Rund ist sonach der Raum, der frei bleibt, zwischen
Dem Brunnen und dem Fuß des Felsenufers,
Und in zehn Täler ist geteilt sein Boden.

Wie die Gestalt ist, die, wo zur Verteid'gung
Rings um die Mauern einer Burg viel Gräben
Gezogen sind, die Bodenfläche bietet,

So war das Bild, das jene Gräben zeigten.
Und so wie von den Toren solcher Burgen
Zum äußren Ufer kleine Brücklein ausgehn,

So gingen von dem untren Teil der Wand
Felsstücke aus, die bis hinab zum Brunnen
Die Dämm' und Gräben schnitten und verbanden.

Da war es, wo vom Rücken Geryon's
Wir abgesetzt uns fanden, und es wandte
Der Dichter, dem ich folgte, sich zur Linken;

Zur Rechten aber sah ich neuen Jammer
Sah neue Qualen, neue Peiniger,
Die dieser ersten Bolgia Raum erfüllten.

Nackt waren in des Tales Grund die Sünder;
Diesseits der Mitte kamen sie auf uns zu,
Doch jenseits gingen sie mit uns, nur schneller:

So wie die Römer, ob der großen Menge,
Im Jubiläumsjahr der Übergang
Der Brücke für die Pilgerschar geregelt,

Daß sie zur einen Seite, nach der Burg
Die Stirne kehrend, gen Sankt Peter gehn,
Und auf der andren sich zum Berge wenden.

Diesseits und jenseits in der dunklen Felskluft
Sah' ich gehörnte Teufel, die von hinten
Mit großen Geißeln jene Sünder schlugen.

Wie hoben die schon von den ersten Hieben
Die Hacken in die Höhe, und nicht einer
Erwartete die zweiten und die dritten!

Als ich so ging, da trafen meine Augen
Auf einen Schatten, und ich rief sofort:
Nicht fremd sind diese Züge meinen Blicken. -

Ihn zu erkennen, hemmt' ich meine Schritte,
Der süße Führer aber tat das gleiche
Und ließ auch zu, daß ich zurück mich wandte.

Sich zu verbergen suchte der Gepeitschte
Und senkte drum das Haupt, indes vergebens;
Weshalb ich ausrief: Der du blickst zur Erde,

Sind täuschend nicht die Züge, die du trägst,
Bist du Venedico Caccianimico.
Was aber führt dich in so arge Schluchten? -

Drauf er zu mir: Ungerne nur bekenn' ich's;
Doch deine klare Rede nötigt mich,
Die mich erinnert an die alte Welt.

Ich war es, der die schöne Ghisola
Bewogen, sich dem Markgraf preiszugeben,
Wie anders auch die schnöde Mähr berichte.

Auch wein' ich nicht als einz'ger Bolognese
An diesem Ort; nein, ihrer sind so viele,
Daß zwischen Sávena und Reno heute

Nicht so viel Zungen sind, die Sipa sagen.
Begehrst dafür du Zeugnis oder Bürgschaft,
So denke nur an unsre geiz'gen Herzen. -

Noch sprach er also, da versetzt' ein Teufel
Ihm einen Geißelhieb und sagte: Pack dich,
Du Kuppler, feile Dirnen gibt's hier nicht. -

Zu meinem Führer kehrt' ich nun zurück,
Und dorthin kamen wir nach wenig Schritten,
Wo von dem Ufer sich ein Felsblock löste.

Mit kleiner Mühe stiegen wir hinauf,
Und rechts gewandt auf seinem rauhen Rücken
Verließen wir die ew'gen Mauerkreise.

Als wir gelangten, wo der Fels nach unten
Zum Durchgang der Gepeitschten offnen Raum läßt,
Begann mein Führer: Weil und laß dein Auge

Jetzt dieser andren Sünder Antlitz treffen;
Noch sahst du, weil bisher in gleicher Richtung
Mit uns sie gingen, nicht in ihr Gesicht. -

Und von der alten Brücke Rand beschauten
Die Schar wir, die uns dort entgegenkam
Und von der Geißel ebenfalls gejagt ward.

Und ungefragt begann der gute Meister:
Sieh' jenen Großen, der uns zugewendet,
Was er auch leide, keine Träne weinet.

Wie ist so königlich noch seine Haltung!
Jason ist es, durch dessen Mut und Schlauheit
Das goldne Vließ den Kolchiern geraubt ward.

Es hatten, als auf Lemnos er ans Land stieg,
Die kühnen und erbarmungslosen Weiber
Was auf der Insel männlich war getötet.

Durch Schmeicheln wußt' er und gewandte Rede
Hypsipyle, die junge, zu betrügen,
Die vorher all die andren Frau'n betrogen;

Dann ließ er schwanger einsam sie zurück.
Ob dieser Schuld erfährt er diese Strafe,
Doch wird zugleich Medea mitgerächt.

Wer so betrogen, geht in gleicher Richtung;
Und dies genüge dir vom ersten Tale
Zu wissen und von denen, die es einschließt. -

Schon waren dort wir wo der enge Pfad,
Den zweiten Damm erreichend, Widerlage
Für einen andren Brückenbogen bildet.

Von dort aus hörten in der zweiten Bolgia
Wir Leute ächzen, prustend mit der Schnauze,
Und mit der flachen Hand sich selber schlagen.

Ein Schimmel überkleidete die Ufer,
Der sich gebildet von dem Qualm des Grundes
Und widrig war dem Auge wie der Nase.

So dunkel war das Tal, daß auf den Boden
Zu sehn, nur dem gelang, der auf die Höhe
Des Bogens stieg, wo senkrecht man hinabblickt.

Dorthin gelangten wir, und in der Tiefe
Gewahrt' ich Volk, ganz eingetaucht in Kot,
Der herzurühren schien aus Abtrittsgruben.

Und während noch mein Aug' dort unten spähte,
Erblickt ich einen, so beschmutzten Hauptes,
Daß ich nicht sah', ob Lai' er oder geistlich.

Der schrie mich an: Was bist du so begierig,
Vor all den andern nur auf mich zu blicken? -
Und ich zu ihm: Weil, wenn ich mich nicht täusche,

Ich dich mit trocknem Haar schon sah, und du
Alessio bist Interminei aus Lucca;
Drum richtet sich mein Aug auf dich vor allen. -

Da schlug er auf den Schädel sich und sagte,
Die Schmeichelreden tauchten mich hier ein,
Von denen nimmer meine Zunge abließ. -

Mein Führer sagte drauf: Laß deine Blicke
Noch etwas weiter gehn, damit dein Auge
Das Angesicht der Dirne wohl erfasse,

Die dort voll Schmutzes und mit kahlem Kopfe
Sich eifrig kratzt mit ihren kotgen Nägeln,
Und bald sich niederduckt, bald aufrecht steht.

Das ist die Hure Thais, die dem Buhlen
Als er sie frug: Steh ich in großer Gunst
Bei dir? erwiderte: In wunderbarer.

Genügen möge dieses unsren Blicken. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 19
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 19

O Zaubrer Simon, o ihr schmachbeladnen
Nachfolger, die die heil'gen Dinge, welche
Der Tugend sich allein vermählen sollten,

Um Gold und Silber räub'risch ihr verkuppelt!
In die Posaune stoß' ich jetzt um euch,
Weil euch die dritte Bolgia zugemessen.

Erstiegen hatten wir des Felsblocks Höhe,
Der überwölbt die nächste Gruft, und standen
Nun senkrecht über dieses Grabens Mitte.

Wie groß ist deine Kunst, o höchste Weisheit,
Die Himmel, Erd und Hölle offenbaren,
Und wie gerecht teilt deine Allmacht aus!

Ich sah des bräunlichen Gesteines Boden
Und beiderseit'gen Abhang voll von Löchern,
Die sämtlich rund und gleich an Weite waren.

Sie däuchten enger nicht mir und nicht weiter,
Als, die in meinem schönen San Giovanni
Zum Platz der Tausenden sind hergerichtet.

Solch ein Behältnis brach vor wenig Jahren
Entzwei ich, weil ein Mensch darin erstickte,
Und dies sei Zeugnis, jeden zu enttäuschen.

Aus jedes dieser Löcher Mündung ragten
Die Füße eines Sünders bis zur Wade
Hervor, doch alles andre steckte drinnen;

In Flammen loderten die Sohlen aller,
Weshalb die Knöchel so gewaltsam zuckten,
Daß Strick' und Bande sie zerrissen hätten.

Und, wie beim Brennen fettbestrichner Dinge
Die Flammen an der Oberfläche spielen,
So taten hier sie von den Zeh'n zum Hacken.

Wer ist wohl jener, der durch ärgres Zucken
Sich mehr beklagt, als die Gefährten alle
Und dessen Sohlen rötre Flamme leckt? -

So frug ich; und der Meister: Soll ich dort
Den mindersteilen Hang dich niedertragen,
So wird er Schuld und Namen selbst dir künden. -

Genehm ist, sagt' ich, mir was dir beliebt,
Du bist der Herr, von deinem Will'n entfern' ich
Mich nimmer, auch was man nicht ausspricht weißt du. -

Also gelangten wir zum vierten Damme;
Dort wandten wir uns links und stiegen nieder
In die durchlöcherte und enge Tiefe.

Von seiner Hüfte setzte mich der Meister
Nicht ab, bis wir zur Felsenmündung kamen,
Aus welcher jener mit den Beinen klagte.

Der du das Obre so gekehrt nach unten
Im Boden wie ein Pfahl steckst, traur'ge Seele,
Wer du auch sei'st, vermagst du es, so rede. -

Ich stand gebückt, so wie der Mönch, der Beichte
Dem Meuchler hört, wenn der, schon in der Grube,
Den Tod noch zu verschieben, ihn zurückruft.

Er aber schrie: So bist du schon zur Stelle,
So bist du schon zur Stelle Bonifazio?
Um mehr als ein Jahr log die Prophezeiung.

Bist du so bald gesättigt von dem Gut,
Daß dich die schöne Braut durch Lügenkünste
Zu frei'n bewog und dann sie zu mißhandeln? -

Ich glich dem Manne, der, weil unverständlich
Ihm ist, was ihm gesagt wird, zweifelnd dasteht,
Verhöhnt sich glaubt und keine Antwort findet.

Drauf sagte mir Virgil: Erwid'r ihm schnell,
Der bin ich nicht, der nicht, den du erwartest, -
Und meine Antwort war, wie er befohlen.

Darob verdrehte schier der Geist die Beine
Und sagte seufzend mit bewegter Stimme:
Bist du der nicht, was willst du denn von mir?

Liegt dir so viel dran, wer ich sei, zu wissen,
Daß du deshalb das Ufer niederstiegest,
So wisse, daß ich trug den großen Mantel.

Doch war ich ein wahrhafter Sohn der Bärin,
Begierig, so die Bärenbrut zu fördern,
Daß droben Geld ich, und hier mich einsackte.

Mir unterm Haupte liegen all die andren,
Die mir voraus im Ämterschacher gingen,
Tief eingeklemmt in des Gesteines Spalten.

In jene Tiefe sink' auch ich, wenn jener,
Für den ich dich gehalten, kommen wird,
Als ich die rasche Frag' an dich gerichtet.

Doch längere Zeit schon brannten mir die Füße,
Seit ich den Kopf zu unterst hier verweile,
Als er hier sein wird mit entflammter Sohle.

Denn nach ihm kommt von Westen her ein Hirte,
Der ärger noch es treibt und kein Gesetz kennt,
So daß er mich bedecken wird und jenen.

Dem Jason wird, von dem die Makkabäer
Berichten, gleich er sein; wie dem sein König
Gefällig war, wird ihm es der von Frankreich. -

Ich weiß nicht, war ich hier allzu verwegen,
Daß ich ihm Antwort gab in diesem Tone:
So sage mir doch, was für Schätze heischte

Vom heil'gen Petrus unser Herr, bevor
Er die Gewalt der Schlüssel ihm vertraute?
Nur eins verlangt er: Komm und folge mir!

Auch Petrus und die andren heischten Silber
Und Gold nicht von Matthias, als das Los ihm
Den Platz gab, den verloren der Verräter.

So schweige; denn gerecht ist deine Strafe.
Bewahre nur das schlechterworb'ne Geld,
Das gegen Karl dich übermütig machte.

Und hielte nicht noch immer mich zurück
Die Ehrerbietung vor den hohen Schlüsseln,
Die du gehalten hast im heitren Leben,

So würd' ich noch viel härtre Worte brauchen.
Verderblich ist eu'r Geiz der Welt; die Guten
Tritt er mit Füßen und erhebt die Schlechten.

Euch Hirten meinte der Evangelist,
Als er das Weib, das auf den Wassern sitzet,
Mit Königen auf Erden huren sah,

Die da geboren ward mit sieben Häuptern
Und ihre Stütze fand in den zehn Hörnern
So lange Tugend ihrem Mann gefiel.

Gemacht habt ihr aus Silber und aus Golde
Euch euren Gott; ihr gleicht dem Götzendiener,
Doch betet der nur einen an, ihr hundert.

O Constantin, wie großen Übels Mutter
War - deine Taufe nicht -, nein jene Mitgift,
Die du verliehn dem ersten reichen Vater! -

Schlug das Gewissen ihm, trieb ihn der Zorn,
Ich weiß nicht, doch bei meines Liedes Noten
Verdreht' er heftig beide Sohlen.

Der Führer aber schien mir beizustimmen,
Mit so zufriednem Ausdruck folgt' er stetig
Dem Klange meiner wahrheitstreuen Worte.

Dann faßt' er mich mit seinen beiden Armen,
Und als er fest an seiner Brust mich hielt,
Stieg er zurück, wo er hinabgestiegen.

Nicht eher ließ er ab, mich so zu tragen
Bis er gebracht mich zu des Bogens Höhe,
Der sich vom vierten Damm zum fünften wölbet.

Hier setzte sanft er seine Bürde nieder:
Sanft auf dem Felsen, der so rauh und steil war,
Daß ihn selbst Ziegen schwer erklommen hätten.

Drauf ward ein neuer Talgrund mir enthüllet.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 20
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 20

Von neuer Strafe soll mein Lied berichten,
Dem zwanzigsten Gesange Stoff zu geben
Im ersten Liede, dem von den Versenkten.

Schon war mit allem Eifer ich beflissen,
Hinabzuschaun in den nun offnen Grund,
Den Tränen der Verzweiflung benetzten.

Und in dem runden Tal sah ich Gestalten
Desselben Schrittes stumm und weinend kommen,
Der in der Welt bei Litanei'n gebräuchlich.

Als tiefer sich mein Blick zu ihnen senkte,
Sah ich, wie wunderbar vom Kinn ein jeder
Bis zu des Rumpfes Anfang war verrenket;

Denn zugewandt dem Rücken war ihr Antlitz
Und rückwärts schreitend mußten sie einhergehn,
Weil vorwärts sie zu blicken nicht vermochten.

Vielleicht, daß jemals schon Gewalt der Krämpfe
Die Glieder eines Menschen so verrenkte,
Doch sah' ich's weder, noch kann ich es glauben.

O Leser, willst du, daß aus deinem Lesen
Dir Segen Gott gewähre, so bedenke,
Ob trocken wohl mein Antlitz bleiben konnte,

Als ich mir gegenüber unser Bild
So sehr entstellt sah, daß der Augen Tränen
Den Hintern niedertroffen durch die Kerbe.

Gewiß, ich weinte, angelehnt an eine
Der Kanten jenes Felsens; doch es sprach
Der Meister: Bist auch du der Toren einer?

Fromm ist hier der, in dem das Mitleid tot ist;
Wer frevelt ärger wohl, als wer in Mitleid
Sich auflehnt gegen göttliches Gericht?

Erhebe denn das Haupt, gewahre jenen,
Für den im Angesichte der Thebaner
Sich auf der Boden tat, und alle riefen,

Amphiaraus, wie? verläßt das Heer du?
Er aber stürzte weiter, immer weiter,
Bis er zu Minos kam, der jeden anhält.

Sieh, wie die Schultern er zur Brust gewandelt.
Weil zu weit vorwärts er zu sehn sich traute,
Blickt er nun hinter sich und schreitet rückwärts.

Tiresias sieh, der die Gestalt verändert,
Als er vom Mann zum Weib gewandelt wurde
Und seiner Glieder jegliches vertauschte.

Doch mußte, eh das männliche Gefieder
Am Kinn ihm wieder wuchs, mit seinem Stabe
Auf's neue die zwei Schlangen er berühren.

Der mit dem Rücken seinem Bauch sich anschließt
Ist Aruns der in Luna's Bergen, wo
Der Carrarese, der im Tal wohnt, rodet,

Die Felsenhöhle zwischen weißem Marmor
Bewohnte, die zum Meer und zu den Sternen
Die Aussicht ihm nach jeder Seite freiließ.

Die aber mit den aufgelösten Flechten
Die Brüste sich bedeckt, die du nicht siehst,
Und dorthin wendet, was an ihr behaart ist,

War Manto, die so manches Land durchwandert,
Eh sie sich niederließ; wo ich zur Welt kam,
Und hiervon höre mich ein wenig an:

Nachdem ihr Vater aus der Welt geschieden
Und unfrei Bacchus' Stadt geworden war,
Ging lange Zeit sie durch die Welt umher.

Im schönen Welschland liegt am Fuß der Alpen,
Die gen Tirol das deutsche Land verschließen,
Ein großer See, den man Benaco nennet.

Wohl netzt von tausend Quellen all des Wassers,
Das dann in jenen See fließt, Apennin
Sich zwischen Cal Camonica und Garda.

Ein Fleck ist dort inmitten, wo der Bischof
Von Trento, Brescia, wie der Veronese,
Wenn sie des Weges kämen, segnen könnte.

Peschiera jene feste, schöne Wehr,
Um Bergamo wie Brescia Trutz zu bieten,
Liegt wo sich rings zumeist das Ufer senkte.

Dorthin muß alles Wasser niederrinnen,
Das Raum nicht findet in Benaco's Schoße,
Und durch der Weiden Grün rinnt es als Fluß.

Sobald dies Wasser nun zu fließen anfängt,
Heißt es Benaco nicht mehr, sondern Mincio,
Bis bei Governo in den Po es mündet.

Nach kurzem Laufe findet's eine Mulde,
In der es sich verbreitend, sie versumpfet
Und oft zur Sommerszeit Verderben bringt.

Als dieses Weg's die rauhe Jungfrau kam,
Gewahrte Land sie in des Sumpfes Mitte,
Noch unbebaut und der Bewohner mangelnd.

Hierher zog, Zauberkünste übend, Manto
Sich mit den ihren vor der Welt zurücke.
Hier lebte sie, ließ sterbend ihren Leib hier.

Dann sammelten die Leute, die umher
Gewohnt, an diesem Ort sich, weil er wegen
Des Sumpfes, der sich um ihn breitet, fest war.

Ob den Gebeinen bauten eine Stadt sie
Und nannten die, das Los nicht weiter fragend,
Der Uransiedlerin nach, Mantova.

Zahlreicher waren drin einst die Bewohner,
Bevor die Albernheit des Casalodi
Sich überlisten ließ durch Pinamonte.

Nun merke dir's, daß, wenn in andrer Weise
Den Ursprung meiner Stadt dir wer berichtet
Die Wahrheit nimmer Lüge dir verdunkle. -

Und ich: O Meister, deine Reden bieten
Mir so gewissen Glauben, daß, was andre
Berichten, mir erloschnen Kohlen gleich gilt.

Doch sag', ob unter denen die dort wandeln
Du welche siehst, die des Bemerkens wert sind,
Denn darauf nur ist jetzt mein Sinn gerichtet. -

Er aber sagte: Der, von dessen Wangen
Der Bart auf die gebräunten Schultern fällt,
War einst, als Griechenland so männerleer war,

Daß Knaben kaum sich in den Wiegen fanden,
Wahrsager, und in Aulis gab mit Kalchas
Das Zeichen er, das erste Tau zu kappen.

Er hieß Eurypylus und so berichtet
Mein hohes Trauerspiel an einer Stelle;
Du weißt es, denn ganz hast du's im Gedächtnis.

Der andre, der so schmal ist in den Weichen
War Michel Scotto, der die Trügereien
Der Zauberkünste gründlich spielen ließ.

Sieh dort Guido Bonatti, sieh Asdente!
Jetzt hätte gern er Leder nur und Pechdraht
Gehandhabt; doch zu spät kommt diese Reue.

Sieh die Verkehrten, die, um wahrzusagen
Die Nadel ließen, wie die Spul' und Spindel,
Und Zauberei mit Bild und Kräutern trieben.

Nun aber komm; bereits schwebt an der Gränze
Der zwei Halbkugeln und berührt die Welle
Jenseits Sevilla Cain mit dem Dornbusch.

Erst gestern Nacht war voll des Mondes Scheibe;
Du mußt es wissen, denn im tiefen Walde
War manches Mal ihr Leuchten dir von Nutzen. -

So sagt' er und er sprach noch, als wir gingen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 21
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 21

Von Brücke so zu Brücke gehend sprachen
Wir manches, das mein Lied nicht erst berichtet.
Als wir erreicht des Bogens Höhe, standen

Wir still, ein neues Malebolgetal
Voll unfruchtbarer Tränen zu betrachten,
Und dunkler schien es mir noch als die andren.

So wie im Arsenal der Venezianer
Im Winter zähes Pech zu sieden pflegt,
Um schlecht gewordne Schiffe zu kalfatern

Die nicht mehr fahren können, und der eine
Ein neues Fahrzeug baut, indes der andre
Des vielgereisten lecke Flanken ausstopft,

(Der pocht am Schnabel, jener nächst dem Steuer,
Der schneidet Ruder, jener windet Taue,
Der flickt am Besam-, der am Hauptmastsegel)

So kochte dort, doch, statt durch Feuersgluten,
Durch Gottes Wunderkräfte, dickes Pech,
Das beide Ufer klebrig überzog.

Ich sah es wohl, doch drin erkannt' ich nur
Die Blasen, die der Sud erhob, von dem
Das Pech bald anschwoll, bald sich niedersenkte.

Noch blickt' ich aufmerksam in jene Tiefe,
Da riß der Führer mit dem Ruf: Sieh dorthin! –
Vom Ort mich, wo ich weilt', an seine Seite.

Ich wandte mich gleich dem, der ungeduldig
Zu sehen ist, was ihn zum Fliehen nötigt,
Und, obwohl Furcht ihm plötzlich allen Mut nimmt,

Zu fliehn nicht abläßt, doch fortwährend hinstarrt.
Und hinter uns sah einen schwarzen Teufel
Den Fels heran im schnellen Lauf ich kommen.

Wie war sein Aussehn doch so wild und grimmig,
Wie schien so grausam mir sein Tun und Wesen,
Mit offnen Flügeln und mit leichten Sohlen!

Auf seiner Schulter, die sich spitz erhob,
Bracht' einen Sünder rittlings er getragen
Und an den Knöcheln hielt er ihn gepackt.

O Malebranche, rief er, diese Brücke,
Da ist ein Aldermann der heil'gen Zita!
Taucht ihn ins Pech; ich gehe, mehr zu holen

In jene Stadt, die reichsten Vorrat bietet.
Bis auf Bonturo ist dort jeder käuflich;
Das Nein wird dort für Geld zum Ja gewandelt. –

Hinunter stürzt' er ihn, und wandte dann
Den Fels zurück sich, eilender, als je
Ein losgelassner Hund den Dieb verfolgte.

Der ging zugrunde, und mit dem Kopf nach unten
Taucht' er noch einmal auf; jedoch die Teufel
Der Brücke schrien: Hier gibt's kein heilig Antlitz!

Hier gilt es anders schwimmen als im Serchio.
Drum, willst du nicht erfahren wie wir kratzen,
So hüte aus dem Pech dich aufzutauchen. –

Dann faßten sie ihn mit wohl hundert Haken:
Hier gilt es, riefen sie, verdeckt zu tanzen,
Im Trüben, wenn es dir gelingt, zu fischen. –

So läßt der Koch wohl von den Küchenjungen
Mit langen Gabeln in des Kessels Mitte
Das Fleisch, daß es nicht schwimme, untertauchen.

Der gute Meister sprach: Damit sie dich
Noch nicht gewahren, so verbirg dich kauernd,
Wo dir ein Felsblock ein'gen Schutz gewähret,

Und, was sie mir vielleicht auch antun möchten,
So fürchte nicht. Ich bin der Dinge kundig;
Bestand ich doch schon früher gleichen Handel. –

Dann stieg die Brücke jenseits er hinab,
Und als betreten er das sechste Ufer,
Bedurft' er wahrlich Mut und Zuversicht.

Mit jener Wut, mit jenem Ungestüme,
Womit sich Hunde auf den Armen stürzen,
Der anhält und um eine Gabe bittet,

So brachen jene unterhalb der Brücke
Hervor und kehrten wider ihn die Spieße;
Er aber rief: Vergreif' an mich sich keiner!

Bevor eu'r Haken mich zu packen wagt,
Tret' einer vor und höre meine Rede;
Dann überlegt, ob ihr mich dennoch krallet. –

Da riefen alle: Geh' du, Malacoda. –
Und einer kam, dieweil die andren blieben;
Der aber sagte: Nun, was soll's ihm nutzen? –

Glaubst du wohl, Malacoda, sprach mein Meister,
Du würdest ohne Furcht vor euren Waffen
Hier angelangt mich sehn, wenn Gottes Wille

Und günstige Geschicke mich nicht führten?
Laß uns denn gehn; es ist des Himmels Wille,
Daß diesen rauhen Weg ich jemand weise. –

Da war der Übermut ihm so gesunken,
Daß niederfallen er den Haken ließ,
Und den Gefährten zurief: Tut ihm nichts! –

Dann rief der Führer: Der, vom Felsenvorsprung
Der Brücke du verdeckt, dort heimlich kauerst,
Komm jetzo unbesorgt zu mir zurücke. –

So brach ich auf, und eilte schnell zu ihm.
Die Teufel aber traten all' hervor,
Weshalb ich des Vertrages Bruch besorgte.

So sah die Knappen, die auf Treu und Glauben
Abzogen von Caprona, einst ich zittern,
Als rings umher sie nichts als Feind' erblickten.

Da drängte mit dem ganzen Leib' ich mich
Eng an den Führer und kein Auge wandt' ich
Von ihren Blicken, die nur Unheil drohten.

Die Haken senkten sie und: Soll im Kreuze
Ich einhaun? – sprach der eine zu dem andern.
Ja! war die Antwort, aber pack' ihn tüchtig. –

Der Teufel aber, der mit meinem Führer
Geredet hatte, wandte sich in Eile
Und sagte: Ruhe, Ruhe Scarmiglione! –

Dann redet' er zu uns: Auf diesen Felsen
Könnt ihr nicht weitergehn, weil ganz zertrümmert
Der sechste Bogen in der Tiefe liegt.

Wenn aber fürder euch beliebt zu gehen,
So wandert fort auf diesem Felsendamme;
Bald trefft ihr einen Block der gangbar ist.

Erst gestern waren's doch fünf Stunden später
Als jetzt, zwölfhundertsechsundsechzig Jahre,
Seit unterbrochen hier die Straße ward.

Dorthinwärts schick' ich ein'ge meiner Leute,
Um nachzusehn, ob aus dem Pech wer auftaucht;
Begleitet sie und nichts soll'n sie euch antun. –

So tretet vor, Cagnazzo, Alichino,
Hub er zu reden an, und Calcabrina,
Doch Führer von den Zehn sei Barbariccia.

Auch Libicocco komm' und Draghignazzo,
Ciriatto mit den Hauern, Graffiacane
Nebst Farfarell und Rubicant, dem tollen.

So spähet denn entlang dem heißen Peche,
Doch diese rührt bis zu der nächsten Brücke
Nicht an, die feststeht über all den Schluchten. –

O weh mir, rief ich, Meister, was erblick ich!
Laß ohne dies Geleite, weißt den Weg du,
Uns weitergehn, denn nicht begehr' ich seiner.

Merkst du so sorglich auf, als du gewohnt bist,
So schau nur hin, wie sie die Zähne fletschen
Und, sich einander winkend, uns bedräun. –

Und er zu mir: Du sollst dich drum nicht fürchten;
Laß nach Belieben sie die Zähne fletschen,
Sie tun das nur für die gesottnen Sünder. –

Nun wandten sie sich nach dem Damm zur Linken;
Doch gegen ihren Führer hatten alle
Zuvor die Zunge als Signal gebläkt,

Und als Trompete er den Steiß gebraucht.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 22
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 22

Aufbrechen sah ich Ritter manches Mal
Zum Sturme, oder ihre Kunst zu proben,
Zu Zeiten auch, um sich durch Flucht zu retten.

Landsknechte sah ich eu'r Gebiet durchstreifen,
O Aretiner, und viel Reitertruppe,
Wettkämpfe sah ich auch und sah Turniere.

Drommeten gaben bald, bald gaben Glocken,
Bald Trommeln den Befehl, bald von den Burgen
Signale, heimischer und fremder Weise;

Doch Reiter sah ich nie, sah niemals Fußvolk,
Nicht Schiffe, welche Stern und Leuchtturm leitet,
Dem Ruf so seltsamer Schalmei gehorchen.

So zogen wir dahin mit den zehn Teufeln:
Ein gräuliches Geleit; doch in der Kirche
Mit Heiligen, mit Säufern in der Schenke!

Stets nach dem Peche war mein Blick gewandt,
Um die Beschaffenheit der fünften Bolgia
Und der darin Gesottenen zu gewahren.

Wie die Delphine mit des Rückens Bogen
Den Schiffern oft ein Warnungszeichen geben,
Daß vor des Sturms Beginn ihr Schiff sie bergen,

So zeigte, um die Qualen sich zu mindern,
Bald hier bald dort ein Sünder seinen Rücken
Und barg ihn schneller als ein Blitz vergeht.

Und wie am Rand von eines Grabens Wasser
Die Schnauze nur heraus die Frösche stecken
Und unsichtbar so Leib als Füße bleiben,

So saßen hier die Sünder allerwege.
Doch wenn sie Barbariccia kommen sahn,
Verschwanden schnell sie unterm schwarzen Sude.

Da sah ich, und noch bebt mein Herz davon,
Der Schatten einen seine Flucht verzögern,
Wie ein Frosch wohl verweilt, wenn andre tauchen.

Und Graffiacane, der zunächst ihm war,
Schlang um den Haken die durchpichten Haare
Und hob ihn hoch; da glich er der Fischotter.

Von allen Zehn kannt' ich bereits die Namen,
Denn aufgemerkt hatt' ich, als Malacoda
Sie wählt' und dann wenn sie einander nannten.

Schnell, Rubicante, schlage deine Krallen
Ihm derb ins Fleisch, daß du das Fell ihm abziehst, -
So schrien einstimmig all die Maledeiten.

Ich sagte: Meister, wenn du kannst, so sorge,
Daß ich, wer der Unsel'ge ist, vernehme,
Der seinen Widersachern in die Hand fiel. -

Da trat mein Führer zu ihm hin und frug
Nach seiner Heimat ihn; der aber sagte:
Navarra's Königreich war mein Geburtsland.

In Herrendienst verdrang mich meine Mutter,
Weil sie mit einem Schelmen mich erzeuget,
Der seiner Hab' und sich ein Ende machte.

Dann ward mein Herr der gute König Thibault,
Und feil war ich in meines Dienstes Pflichten,
Wofür in dieser Glut ich Rechnung lege. -

Ciriatto, dessen Maul zu jeder Seite,
Gleich dem des Ebers, einen Hauzahn vorwies,
Ließ ihn nun fühlen, wie der eine aufschlitzt.

Gar schlimmen Katzen war die Maus verfallen;
Doch Barbariccia faßt' ihn in die Arme
Und sagte: Fort! so lang' als ich ihn halte. -

Dann wandt' er das Gesicht zu meinem Meister
Und sagte: Willst du mehr noch von ihm wissen,
So frag ihn jetzt, bevor er abgetan wird. -

Bericht' uns, sprach Virgil, von den Genossen.
Kennst unter denen, die im Pech sich bergen,
Du nicht Lateiner? - Jener drauf: Soeben

Verließ ich wen, der dort herum zu Hause
Wär' unterm Peche ich, gleich ihm, verborgen,
So wollt' ich Krallen nicht, noch Haken fürchten. -

Doch Libicocco: Allzulange hatten
Geduld wir - und mit seinem Haken packt' er
Den Arm und riß ihm eine Muskel aus.

Auch Draghignazzo wollt' ihn an den Beinen
Erfassen; doch ihr Hauptmann wandte drob
Sich rings umher mit zürnender Gebärde.

Als sie dann etwas sich beruhigt hatten,
Frug ohne Aufenthalt mein Führer jenen,
Der traurig noch auf seine Wunde blickte,

Wer war es denn, den, wie du sagst, zum Unheil
Du ließest, um ans Ufer hier zu kommen? -
Er sagte drauf: Das war Frate Gomita,

Der aus Gallura, Rüstzeug jeden Truges,
Der seines Herren Feind' in Händen hatte,
Und ihnen tat, daß alle drum ihn loben.

Er nahm das Geld und ließ sie sich »verkrümeln«,
Wie er es nennt, und auch in andren Pflichten
War immer ohne Scheu er jedem käuflich.

Mit ihm verkehrt zumeist Don Michel Zanche
Aus Logodoro, und vom Land Sardinien
Ermüden ihre Zungen nie zu reden.

Doch seht nur, seht die Zähne den da fletschen!
Wohl sagt ich mehr, besorgt' ich nicht, er habe
Im Sinne, übel mir den Grind zu kratzen. -

Da sagt' ihr Führer rasch zu Farfarello,
Der schlagfertig schon den Blick verdrehte,
Halt ein und tritt zur Seite, schlimmer Vogel! -

Liegt euch daran, Toscaner und Lombarden,
Begann beruhigter darauf der Sünder,
Zu hören und zu sehn, kann ich sie schaffen;

Nur müssen dann die üblen Krall'n sich etwas
Entfernen, damit jene sich nicht fürchten.
Ich aber will, an dieser Stelle sitzend,

Indem ich pfeife, so wie unser Brauch ist,
Wenn wer von uns aus diesem Peche auftaucht,
Für einen der ich bin, euch sieben schaffen. -

Die Schnauz' erhob bei solchem Wort Cagnazzo
Und schüttelte den Kopf: Seht nur die Bosheit,
Sagt' er, die der entsann, uns zu entspringen! -

Doch jener, der der Listen Fülle hatte,
Erwiderte: Nur allzu boshaft bin ich,
Wenn größres Unheil ich den Meinen schaffe. -

Nicht länger hielt sich Alichino; trotz
Der andren rief er: Willst du uns entwischen,
So lauf ich im Galoppe dir nicht nach,

Nein, überm Pech hin, schlag' ich meine Flügel.
Verlassen wir den Damm, das Ufer berg' uns.
Ob mehr du kannst als wir wird dann sich zeigen. -

Ein neues Spiel wirst, Leser, du nun hören:
Nach jenseits wandten alle das Gesicht
Und der zuerst, der lautest widersprochen.

Der Navarrese paßte wohl die Zeit ab,
Schloß rasch die Beine, und mit einem Sprunge
Entging er allem, was im Sinn sie hatten.

Da warf sich jeder das Geschehene vor,
Und der am meisten, der den Fehl verschuldet.
Schnell flog er auf und schrie: Da halt' ich dich! -

Doch wenig fruchtet's ihm, denn nicht vermochten
Des andern Furcht die Flügel einzuholen;
Als jener tauchte flog er wieder aufwärts,

Nicht anders wie, wenn niederstößt der Falke,
Die Ente plötzlich untertaucht, er aber
Erboßt und müde wiederum emporfliegt.

Im Zorn, verhöhnt zu sein, flog Calcabrina
Ihm nach und war, um Grund zum Streit zu haben,
Daß jener sich gerettet, wohl zufrieden.

Sobald der Navarres' im Pech verschwand,
Kehrt' er die Krallen wider den Gefährten
Und faßte überm Graben sich mit ihm;

Der andre aber war ein guter Stößer
Und packt' ihn mit den Krallen, so daß beide
Hinfielen in des heißen Pfuhles Mitte.

Wohl brachte schnell die Glut sie auseinander;
Doch mit dem Fliegen war es drum noch nichts,
So klebten ihnen von dem Pech die Flügel.

Gleich allen ärgerlich, ließ Barbariccia
Von seinen Leuten vier an's andre Ufer
Mit ihren Haken fliegen, und behende

Stieg dies- und jenseits gleiche Zahl zum Strande.
Die Haken streckten sie nach den Verklebten,
Die sich verbrannt bis tief in's Innre hatten;

So waren sie verstrickt, als wir sie ließen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 23
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 23

Schweigsam, allein und des Geleites ledig,
Der eine nach dem andren, gingen wir,
Wie Minoriten auf dem Wege gehn.

Es wandt' ob dieses Streites mein Gedanke
Sich zu Aesopens Fabel, wo vom Frosche,
Vom Geier er und von der Maus berichtet.

Denn ähnlicher ist nicht ein Ei dem andern,
Als Streit und Fabel tun, verknüpft man richtig
Anfang und End' in sorglicher Erwägung.

Und wie Gedanke aus Gedanken quillt,
Also gebar der ein' in mir den andren,
Wodurch mir doppelt große Furcht erwuchs.

Ich dachte bei mir selbst: So überlistet
Sind jene unserthalb mit Hohn und Schaden,
Daß, wie ich glaub' es sie nicht wenig ärgert.

Kommt nun zum bösen Willen Zorn hinzu,
So werden, ärger als der Hund den Hasen,
Den er schon fast erreicht, sie uns verfolgen.

Schon fühlt' ich, wie sich mir die Haare sträubten
Vor lauter Furcht, und rückwärts horcht' ich auf.
Da sagt ich: Meister, birgst du nicht in Eile

Uns beide, fürcht' ich, daß die Malebranche
Uns fassen, denn sie sind auf unsren Fersen;
So malt sie mir die Angst, daß ich sie fühle. -

Er aber: Wär' ich bleibelegtes Glas,
So böte schneller nicht dein Bild von außen
Sich mir, als jetzt ich's innerlich empfange.

Erst eben mischten deine sich zu meinen
Gedanken, gleich an Inhalt und Gebärde,
So daß uns beiden ein Entschluß hervorging.

Ist solcher Art des rechten Ufers Abhang,
Daß wir hinab zur nächsten Bolgia können,
So woll'n wir der geahnten Jagd entrinnen. -

Kaum hatt' er diesen Vorsatz ausgesprochen,
Als ich sie, nahe schon, um uns zu greifen,
Uns nach mit offnen Flügeln kommen sah.

Da faßt' in großer Eile mich der Führer,
Wie wohl die Mutter, die vom Knistern aufwacht
Und neben sich die Flamme lodern sieht,

Ihr Kind, an dem ihr mehr als an ihr selbst liegt,
Ergreift und ohne Säumen schnell davoneilt,
So daß sie mehr nicht als ein Hemd nur anzieht.

Und rücklings an des rauhen Ufers Höhe
Ließ er den steilen Fels sich niedergleiten,
Durch den das nächste Tal diesseits begrenzt wird.

So eilig schoß durch ein Gerinne nimmer
Das Wasser, um ein Mühlrad umzutreiben,
Da wo den Schaufeln es am nächsten kam,

Als diesen Rand mein Meister niederglitt
Und mich dabei, als ob sein Sohn ich wäre,
Nicht der Gefährte, trug auf seiner Brust.

Erreicht war kaum der Grund von seinen Füßen,
Als über uns die Teufel auf dem Damme
Erschienen; doch war nun nichts mehr zu fürchten.

Denn, die zu Dienern sie des fünften Grabens
Bestellt, die hohe Vorsehung, beraubt sie
Der Fähigkeit, von dort sich zu entfernen.

Die dort wir fanden, trugen falsche Farben.
Langsamen Schrittes zogen sie daher,
Erschöpft und kraftlos schienen sie und weinten.

Sie trugen Kutten mit Kapuzen, welche
Die Augen überdeckten, denen ähnlich,
Die man in Clugny für die Mönche fertigt.

Vergoldet sind sie außen, daß es blendet;
Doch innen bleiern und so schwer, daß jene,
Die Friedrich umtat, Stroh dagegen schienen.

Und dieser Mantel lastet ewiglich!
Wir wandten, merkend auf ihr traurig Klagen,
Zur Linken uns, mit ihnen gleicher Richtung;

Doch gingen, ob der schweren Last, die Müden
So langsam, daß bei jedem neuen Schritte
Wir andre Seelen zu Gefährten hatten.

Zum Führer sagt' ich drum: Indem wir gehen,
Bitt' ich dich umzuschau'n, ob du nicht einen
Gewahrst, des Namen oder Tat bekannt ist. -

Und einer, der vernommen, was toskanisch
Ich sprach, rief hinter uns: Hemmt eure Schritte,
Die ihr so lauft in diesen dunklen Räumen;

Vielleicht kann, was du wünschest, ich gewähren. -
Mein Führer wandte sich und sagt': Erwart' ihn,
Und geh' dann gleichen Schrittes mit ihm weiter. -

Ich stand, und Zweie sah ich, deren Eifer
Mich einzuholen ihre Züge malten;
Doch hemmten Last und enger Weg die Eile.

Herangekommen, schauten von der Seite
Sie eine Weile nach mir hin und schwiegen;
Dann blickten sie einander an und sagten:

Lebendig scheint der eine, denn er atmet;
Doch, sind sie tot, wie kommen sie zum Vorrecht,
Des schweren Mantels ledig hier zu wandeln? -

Toskaner, sprachen sie, der zu der Heuchler
Unwürd'ger Gilde du gekommen bist,
Verschmähe nicht, uns wer du bist zu künden. -

Geboren, sagt' ich, und erwachsen bin ich
Am schönen Arno in der großen Stadt.
Den Leib, den ich gehabt, hab' ich noch immer.

Doch wer seid ihr denn, über deren Wangen
So vielen Schmerz ich niederträufeln sehe,
Und was für Strafe tragt ihr, die so gleißet? -

Die gelben Kutten, sagte drauf der eine,
Sind von so dickem Blei, daß die Gewichte
Die Balken ihrer Wage stöhnen machen.

Gaudenten waren wir und Bologneser,
Ich Catalano, jener Loderingo
Genannt, und deine Vaterstadt berief uns,

So wie, zum Schutz des innern Friedens, einen
Man sonst zu rufen pflegt, und wir verfuhren
So, wie man beim Gardingo noch gewahr wird. -

O Brüder, so begann ich, Eure Qualen - -
Doch da verstummt' ich, denn ich sah am Boden,
Gekreuzigt mit drei Pflöcken, einen liegen.

Als der mich sah, zuckt' er am ganzen Leibe
Und stöhnte unter Seufzen in den Bart.
Fra Catalano sah's und sprach zu mir:

Den du dort angenagelt siehst, der sagte
Einst zu den Pharisäern, es sei besser,
Daß ein Mensch sterbe für das ganze Volk.

Nun liegt er nackt querüber auf dem Wege,
Wie du ihn siehst, und was ein jeder wiege,
Der dieses Pfades geht, muß er empfinden.

Die gleiche Strafe trifft den Schwiegervater
Und die noch sonst zum hohen Rat gehörten,
Der für die Juden schlimme Saat geworden. -

Da nahm ich wahr, wie sehr Virgil erstaunte
Ob dessen, der so tief erniedrigt dort lag
In's Kreuz gespannt in ewiger Verbannung.

Zu dem Gaudenten sprach er dann die Worte:
Ist's euch erlaubt, so wollet uns berichten,
Ob in dem Damm hier, rechts ein Tal sich einsenkt,

Durch welches, ohne erst die schwarzen Engel
Zu unsrer Hilf zu entbieten, beide
Aus dieser Schlucht den Ausgang wir gewönnen? -

Der gab zur Antwort: Näher als du hoffest
Ist euch ein Fels, der von der großen Kreiswand
Ausgehend, all' die Schluchten überbrückt,

Und eingestürzt nur über dieser ist.
Hinaufzusteigen hilft Euch das Getrümmer,
Das, unten aufgehäuft, die Steile mindert. -

Ein Weilchen stand gesenkten Haupts mein Führer,
Dann sagt' er: Übel hat uns der berichtet,
Der drüben mit dem Haken Sünder krallt. -

Und jener sprach: Man hat mir in Bologna
Vom Teufel manche Sünd' erzählt, darunter,
Daß er ein Lügner sei und Lügenvater. -

Mit großen Schritten ging der Führer weiter
Und Unmut färbt' ein wenig seine Wangen.
So schied ich von den schwer beladnen Sündern

Und setzt' in seine Spuren meine Füße.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 24
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 24

In jener Zeit des jungen Jahres, wo
Die Sonn' ihr Haar im Wassermanne kräftigt
Und gegen Süden schon die Nächt' entweichen,

Geschieht's wohl, daß der Reif den Boden rings
Mit seiner weißen Schwester Bild malt;
Doch seiner Feder Schnitt hält wenig vor.

Dann steht der Landmann, dem das Futter mangelt,
Am Morgen auf, und, sieht er seine Felder
Weiß überdeckt, so schlägt er sich die Hüfte,

Kehrt wieder heim und klagt nach allen Seiten
Dem Armen gleich, der sich nicht weiß zu raten.
Noch einmal schaut er aus, und seine Hoffnung

Erstarkt auf's neu; denn schon sieht er verwandelt
Das Ansehn der Natur, und schnell ergreift er
Den Stab um seine Schäflein auszutreiben.

Also erschrak ich, als des Meisters Stirne,
Mit Wolken, wie ich wahrnahm, sich umzog,
Also gab für die Wund' er schnell das Pflaster.

Denn, als wir kamen zur zerstörten Brücke,
Wandt' er zu mir sich mit dem güt'gen Ausdruck,
Den ich zuerst am Fuß des Berges sah:

Die Arme tat er auf und, als ein Weilchen
Er sich bedacht, indem das Felsgetrümmer
Er überschaute, hob er mich empor.

Wie wer zu gleicher Zeit erwägt und ausführt,
Und, handelnd, immer vorzusorgen scheint,
So tat auch er indem er mich hinauftrug.

Von einer Klipp' erspäht' er schon die zweite
Und sagt': An jene halte dich nun an;
Doch prüfe erst, ob festen Fuß sie bietet. -

Das war kein Weg im Mantel ihn zu machen!
Ihm, der so leicht, und mir, von ihm gehoben,
Gelang es kaum, von Fels zu Fels zu klettern.

Und wäre nicht des Tales inn're Böschung
Viel niedriger, so weiß ich nicht, ob er;
Ich aber wäre sicher unterlegen.

Weil aber Malebolge nach der Mündung
Des tiefsten Brunnens sich herniedersenkt,
So bringt des Orts Beschaffenheit es mit sich,

Das ein Rand aufsteigt und der andre abfällt.
Endlich gelangten wir zum obren Saume,
Von wo der letzte Stein diesseits geneigt ist.

So gänzlich war der Atem mir vergangen,
Als ich dort ankam, daß ich nicht mehr konnte
Und vor Erschöpfung gleich mich niedersetzte.

Der Lässigkeit mußt du dich nun erwehren,
Begann mein Meister, denn auf Lotterbetten
Gelangt zum Ruhm man nicht, noch unter Daunen.

Wer aber ohne den sein Leben hinbringt,
Läßt keine andre Spur zurück auf Erden,
Als in der Luft der Rauch, der Schaum im Wasser.

So steh' denn auf, bezwinge die Erschöpfung
In jenem Willen, der den Kampf zum Sieg führt,
Beugt er sich nur nicht vor des Körpers Schwere.

Viel höh're Stiege bleibt noch zu erklimmen.
Von diesen los zu sein, reicht noch nicht hin;
Verstehst du mich, so laß es sich bewähren. -

Sofort erhob ich mich und, mich bestrebend
An Atem reicher als ich war zu scheinen,
Sagt' ich: Wohlan, mutvoll bin ich und kräftig. -

Den Brückenfels hinan führt' unser Weg,
Der eng und rauh und schwierig war zu gehen
Und steiler noch um vieles als der früh're;

Doch sprach im Geh'n ich, um nicht matt zu scheinen
Da tönte aus dem Graben eine Stimme,
Die ungeschickt schien, Worte zu gestalten.

Ich weiß nicht, was sie sagte, ob ich gleich
Schon angelangt war auf des Bogens Höhe;
Doch schien der Redende erregt von Zorne.

Ich sah hinab: doch des Lebend'gen Auge
Erreichte durch das Dunkel nicht den Boden.
Drum sagt' ich: Meister laß uns jenes Ufer

Gewinnen und die Böschung niedersteigen
Wohl hören kann ich hier, doch nichts verstehen,
So seh' ich auch, und kann doch nichts erkennen. -

Statt aller Antwort, sagt' er, will ich tun
Was du begehrt; denn die verständ'ge Bitte
Soll durch die Tat man, ohne Wort', erfüllen. -

So stiegen von der Brücke wir hernieder,
Dort wo das achte Ufer sie berühret,
Und nun ward mir die Bolgia offenbar.

Da drinnen kroch und wimmelt' es von Schlangen,
So grauenvoll und so verschiedner Arten,
Daß mir das Blut gerinnt, denk ich daran.

So viel kann sich Lybiens Sand nicht rühmen;
Denn, zeugt er Vipern auch und Ringelnattern,
Gleich Ottern und viel ähnlichem Gezüchte,

Zeigt' er doch nie so viel und argen Giftstoff,
Auch wenn man Äthiopien noch hinzunimmt
Und das am roten Meer belegne Land.

Und zwischen all' dem gräulichen Getiere
Sah hin und her ich Nackte laufen, welche
Umsonst nach Heliotrop und Schlupfloch suchten.

Rücklings gebunden waren ihre Hände
Von Schlangen, die mit Kopf und Schwanz ihr Kreuz
Durchbohrt, um beide vorne zu verknoten.

Da schnellt' auf einen, der uns nahe stand,
Sich eine Schlange los und sie durchstach ihn,
Wo mit dem Hals der Nacken sich verbindet.

Kein O ward je so schnell, kein I geschrieben,
Als er in Flammen aufging und verbrannte
Und dann zu Boden fiel, ein Häuflein Asche.

Kaum aber lag er so zerstört danieder,
Als sich der Staub auf's neu' zusammenfand
Und wieder ward, was er zuvor gewesen.

So melden uns die Weisen alter Zeit,
Daß, wenn er auf fünfhundert Jahr sein Alter
Gebracht, der Phönix stirbt und wieder auflebt.

Nicht Korn noch Kräuter frißt er all sein Leben;
Amomus nährt ihn nur und Weihrauchstränen,
Sein Leichentuch sind Nard' und Myrrhenbalsam.

Und wie, wer niederfällt, weil ihn ein Dämon
Besessen, oder weil sein Blut in Stockung
Geriet, so daß ihm das Bewußtsein schwand,

Wenn er dann wieder aufsteht, rings umherschaut,
Und, ganz verstört von der erlitt'nen Angst,
Beklommen seufzt, wie er die Augen öffnet,

So tat der Sünder als er sich erhoben.
O Allmacht Gottes, wohl bemißt du richtig,
Wenn solche Schläge du zur Rache austeilst!

Dann frug der Führer ihn nach seinem Namen.
Und er darauf: Ich schneite aus Toskana
Unlängst in diesen grausen Schlund hernieder.

Ein Bastard war ich, und ich führt' ein Leben
Mehr vieh- als menschengleich, hieß Vanni Fucci,
Das Vieh. Pistoja war mir würd'ges Lager. -

Zum Meister sagt ich: Heiß' ihn, nicht entschlüpfen
Und frag' ihn, welche Schuld hierher ihn brachte;
Einst kannt' ich ihn als Mann des Blut's und Zornes. -

Der Sünder wandte, als er dies vernommen,
Zu mir so Aug' als Sinn, und ohne Hehl
Sprach traurig er und Scham färbt' ihm die Wangen:

Mehr schmerzt es mich, daß ich in solchem Elend,
Wie du hier siehst, von dir ward angetroffen,
Als mich es schmerzte, aus der Welt zu scheiden.

Versagen mag ich nicht, was du begehrst:
Weil in der Sakristei der Prachtgeräte
Ich stahl, ward ich verdammt in solche Tiefe,

Und fälschlich ward's wem andren beigemessen.
Doch, daß du solchen Anblicks dich nicht freuest,
Wenn je die finstren Räume du verlässest,

So hör' auch das, was ich dir nun verkünde:
Pistoja wird zuerst an Schwarzen ärmer,
Dann wandlen sich in Florenz Leut' und Sitten.

Dunst ruft aus Val di Magra Mars hervor,
Um den sich trübe Wetterwolken lagern;
Dann wird auf dem Picenischen Gefilde

Gekämpft mit mächtigem und wildem Sturme.
Der aber wird den Nebel schnell zerreißen,
So daß der Schlag jedweden Weißen trifft.

Dies sagt ich Dir, um dich damit zu kränken. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 25
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 25

Es reckte, als er schwieg, der Dieb die Hände
Mit durchgesteckten Daumen beid' empor
Und schrie: Dir Gott gilt die Gebärde, nimm sie!

Lieb sind seitdem die Schlangen mir geworden;
Denn eine wand sich fest um seinen Hals,
Als sagte sie: Du sollst nicht weiter reden.

Dir Arme schnürt' ihm eine andre fest
Und sie verknotete sich vorn so enge,
Daß keinen Ruck zu tun er mehr vermochte.

Pistoja, ach, warum beschließt du nicht,
Dich selbst durch Feuer von der Welt zu tilgen,
Weil du noch schlimmer bist als wie dein Samen!

In keinem all' der dunklen Höllenkreise
Sah einen Geist ich, der so frech gelästert;
Auch der nicht, der von Thebens Mauern stürzte.

Fort eilte er und sprach nicht eine Silbe.
Und wild kam ein Zentaur daher gesprengt,
Der rief: Wo ist, wo ist er hin der Arge? -

Wohl hegt nicht so viel Schlangen die Maremma,
Als ihm vom Widerrist bis dahin lagen,
Wo die Gestalt den Menschen an ihm anfängt.

Doch über dem Genick' und auf den Schultern
Hockt' ihm ein Drache mit gespreizten Flügeln,
Der durch den Atem was er antrifft zündet.

Da sprach mein Meister: Siehe, das ist Cacus,
Der oft am Fuß des Aventiner Berges
Solch Blut vergoß, daß es in Lachen stau'te.

Weil er durch List und Trug die große Herde,
Als sie ihm nahe rastete, gestohlen,
Geht mit den Brüdern er nicht gleichen Weges.

Damals beendeten sein schnödes Treiben
Des Herkules gewalt'ge Keulenschläge.
Ihn trafen hundert, doch nicht zehne fühlt' er. -

Drei Geister waren, als er sprach und jener
Vorüberfloh, bis unter uns gekommen;
Doch sah der Meister sie sowohl als ich

Erst als der eine rief: Sagt an, wer seid ihr? -
Da machten dem Gespräche wir ein Ende
Und merkten nun auch unsrerseits auf sie.

Ich kannte ihrer keinen; doch geschah es,
Wie wohl durch Zufall zu geschehen pflegt,
Daß einer im Gespräch den andern nannte.

Wo ist, so sagt' er, Cianfa nur geblieben? -
Damit der Führer nun aufmerken möchte,
Streckt' ich vom Kinn zur Nase meinen Finger.

Bist du, o Leser, was ich nun berichte
Zu glauben schwer geneigt, nimmt mich's nicht Wunder;
Glaub ich's doch kaum, der es mit angesehen.

Noch war mein Auge ihnen zugewendet,
Da sah ich eine Schlange mit sechs Füßen,
Die vorn auf einen lossprang und ihn packte.

Die mittler'n Bein' umklammerten den Bauch ihm,
Die vordersten verstrickten sich den Armen.
Dann, mit den Zähnen, faßte sie die Backen,

Die Lenden nieder dehnte sie die hintren,
Es bog den Schwanz sie zwischen beiden durch,
Ihn dann das Kreuz entlang emporzustrecken.

Nie haftete an einem Baum der Efeu
So fest, als wie dies grause Ungeheuer
Die seinen um die fremden Glieder schlang.

Dann klebten aneinander sie, als wären
Sie heißes Wachs, und mengten ihre Farbe,
Und keiner schien mehr das, was er gewesen.

So geht am brennenden Papier der Flamme,
Die weiter greift, voraus die dunkle Färbung,
Die noch nicht schwarz und doch auch nicht mehr weiß ist.

Die andern beiden schauten zu, und jeder
Rief: Weh' Agnello, wie du dich verwandelst!
Sieh doch, wie du nicht eins nun bist, nicht zweie. -

Schon waren die zwei Häupter eins geworden
Die Züge beider schienen uns verschmolzen
In ein Gesicht, aus dem die zwei geschwunden.

Es wurden aus vier Streifen die zwei Arme,
So Bein' als Lenden, Rumpf sowohl wie Bauch
Umformten sich zu nie gesehnen Gliedern.

Verschwunden war jedwedes frühre Aussehn:
So beides, als von beiden keins, entfernte
Sich das entstellte Bild langsamen Schrittes.

Wie um die Zeit der ärgsten Hundstagsglut
Eidechsen, die von Zaun zu Zaune schlüpfen,
Den Weg durchkreuzen, gleich dem Blitz behende,

So anzuschaun war eine grimm'ge Schlange,
Die schwarz und bräunlich, so wie Pfefferkörner,
Sich auf den Bauch der beiden andren stürzte.

Den Teil, durch den zuerst uns Nahrung zugeht,
Durchbohrte sie dem einen und dann fiel
Zu seinen Füßen regungslos sie nieder.

Es schaute der Verwundete sie an,
Doch schwieg er; als ob Fieber oder Schlaf
Ihn packe, gähnt' er unbewegten Fußes.

Die Schlange blickt' auf ihn und er auf sie.
Qualm drang aus seiner Wund' und ihrem Maule
Und mit dem einen mischte sich der andre.

Es schweige nun Lucan, wo von dem armen
Sabellius und Nasidius er berichtet,
Und höre wohl auf das, was nun gesagt wird.

Auch schweig' Ovid von Arethus' und Kadmus;
Nicht neid ich ihn, verwandelt sein Gedicht
Zur Schlange diesen und zur Quelle jene

Denn nie vertauscht' einander gegenüber
Er zwei Naturen, so daß die Gestalten
Die Stoffe wechselsweis gewandelt hätten.

Also entsprachen sie sich nun einander
Daß ihren Schweif die Schlang' in zweie teilte
Und jener seine Füß' in eins verband.

So wuchsen aneinander Bein' und Lenden,
Daß ihre Fuge wiederzuerkennen
In kurzer Zeit nicht mehr gelungen wäre.

Und die Gestalt, die dort verloren wurde,
Gewann der Schlange Schweif der sich gespalten.
Weich wurde ihre Haut und hart die seine,

Die Arme zog er in die Achselhöhlen;
Des Tieres kurze Bein' hingegen dehnten
Sich ebenso, wie jene sich verkürzten.

Verschlungen bildeten die Hinterfüße
Der Schlange jenes Glied, das man verhüllet,
Und zweigeteilt ward jenem Ärmsten seines.

Mit neuer Farbe kleidete die beiden
Der Rauch noch und beraubte den der Haare,
Mit welchen jenen er dafür bedeckte,

Als einer aufstand und der andre hinfiel,
Doch ohne drum die Augen zu verwenden,
Wobei sie wechselsweis die Züge tauschten.

Es zog der Aufrechtsteh'nde zu den Schläfen
Das Fleisch, und aus dem so gehäuften wurde
Das Ohrenpaar, das aus dem Haupt hervortrat.

Aus dem was nicht nach rückwärts quoll und vorne
Sich häufte, ward dem Angesicht die Nase
Und was die Lippen anzuschwellen nötig.

Es streckt der Liegende die Schnauze vorwärts
Und in das Haupt zieht er die Ohren ein,
Wie Schnecken tun wenn sie die Hörner einziehn.

Es spaltet sich die bisher ungeteilte,
Zum Reden fert'ge, Zung', und die gespaltne
Schließt sich zusammen, - und der Qualm vergeht.

Der Schatten, der zum Tiere nun geworden,
Enteilte zischend durch das dunkle Tal;
Der andre spuckte redend hinter ihm.

Dann wandt er ihm die neu erlangten Schultern
Und sprach zum andren: Mag auf seinem Bauche,
Wie ich bisher getan, nun Buoso laufen! -

Verwandeln sah ich so und sich vertauschen
Des siebten Grabens Schlamm, und es entschuldge
Den Kiel, ließ er sich etwas gehn, die Neuheit.

Wie meine Augen auch befangen waren
Und wie bestrickt mein Sinn, so konnten jene
Doch nicht so heimlich fliehn, daß ich nicht deutlich

Puccio Sciancato hätt' erkennen mögen.
Und der von ihnen war's, der unverwandelt
Allein noch übrig war von jenen drei'n;

Den du beweinst, Gaville, war der andre.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 26
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 26

Erfreue dich o Florenz deiner Größe,
Denn über Land und Meer schlägst du die Flügel
Und in der ganzen Höll' erklingt dein Name.

Fünf deiner Bürger fand ich bei den schlimmsten
Spitzbuben, dessen ich mich höchlich schäme,
Und große Ehre drob dir nicht erwächst.

Wenn aber Wahrheit Morgenträume künden,
So wird in naher Zukunft dir begegnen,
Was Prato, andre zu geschweigen, wünschet.

Wär's schon gescheh'n, so wär es nicht verfrühet.
Wär's nur vorbei, ist's einmal unvermeidlich;
Denn, wie ich älter werde, trag' ich's schwerer.

Wir gingen weiter, und hinauf die Stufen,
Als welche uns zuvor gedient die Höcker,
Stieg erst mein Meister und mich zog er nach sich.

Wie zwischen dem Geklüfte und den Zacken
Der Felswand wir den öden Weg verfolgten,
Kam, wenn die Hand nicht half, der Fuß nicht vorwärts

Da klagt' ich laut und klage jetzo wieder,
Denk' ich an das zurück, was ich gesehen
Und zügle meinen Geist mehr als ich pflege,

Daß, ungeführt von Tugend, er nicht laufe;
Damit, wenn die Gestirne, oder Bessres
Mir Heil beschieden, ich's nicht selbst verscherze.

So viel Glühwürmer unten in dem Tale,
Wo Wein vielleicht er erntet oder ackert,
Der Landmann, der am Bergesabhang ruht,

Sobald die Fliege weichen muß der Mücke,
Erblickt, wenn der Planet, der Licht der Welt leiht,
Sein Antlitz uns am wenigsten verbirgt,

Von so viel Flammen sah die achte Bolgia
Ich rings erglänzen, als ich zu der Stelle
Gelangt war, wo ihr Boden sich mir zeigte.

Wie der Prophet, der sich durch Bären rächte,
Entschwinden sah den Wagen des Elias,
Als steil gen Himmel sich die Rosse hoben,

Und wie, als mit dem Aug' er ihn verfolgte,
Er endlich nichts mehr sah, als nur die Flamme,
Die einem Wölkchen gleich nach oben schwebte,

So regte sich im Schlunde jenes Grabens
Jedwede Flamm' ohn' ihren Raub zu zeigen;
Denn einen Sünder raubt sich deren jede.

Zum Sehen vorgeneigt stand auf der Brück' ich,
Und, hätt' ich nicht ein Felsenstück ergriffen,
So wär ich nieder ohne Halt gefallen.

Mein Führer, der mich so gefesselt sah,
Begann: In jenen Feuern weilen Geister;
In das hüllt jeder sich, wovon er lodert. -

Mein Meister sagt' ich drauf, durch deine Worte
Werd' ich bestärkt; doch hatt' ich schon erraten,
Daß also sich's verhielt', und wollte fragen,

Wer in der Flamme weilt, die so nach oben
Geteilt erscheint, wie die des Scheiterhaufens,
Der Eteokles mit dem Bruder trug? -

Ulyss', erwidert' er, und Diomedes
Erleiden Straf' in ihr, die jetzt zur Rache,
Wie einst zum Zorne, miteinander gehn.

In jener Flamme büßen sie die Tücke
Des Pferdes, welches jenes Tor gebrochen,
Durch das der Römer edler Samen ausging.

Dort büßen sie die List, ob der im Tode
Noch Deidamia um Achilles trauert.
Auch dem Palladium gilt zugleich die Strafe. -

O Meister, sagt' ich, wenn in jenen Flammen
Sie reden können, bitt' ich dich inständig
Und bitte, daß die Bitt' als tausend gelte,

Du mögest dich nicht weigern, zu verweilen
Bis hierher die gehörnte Flamme kommt.
Du siehst es wie der Wunsch mich zu ihr hinneigt. -

Und er zu mir: Weil allen Lobes wert ist
Was du begehrest, heiß' ich es genehm;
Doch deine Zung' enthalte sich der Rede,

Laß mich nur sprechen. Wohl hab' ich verstanden,
Um was es dir zu tun; weil jene Griechen
Gewesen, möchten sie dein Wort nicht achten. -

Als nun so weit die Flamme war gekommen,
Daß Zeit und Ort dem Führer passend schienen,
Hört' ich in solcher Weise ihn beginnen:

Ihr, die ihr zweie seid in einem Feuer,
Wenn ich um euch mir wenig oder viel
Verdienst' erworben, während meines Lebens,

Als droben die erhab'nen Vers' ich schrieb,
So haltet an, und einer von euch sage,
Wohin er ging, als er verscholl und starb. -

Da hub das größre Horn der alten Flamme
Zu flackern und dabei zu brausen an,
Der Flamme gleich, die mit dem Winde kämpfet.

Dann regte sie die Spitze hin und wieder,
Als ob zum Reden sie die Zunge wäre
Und ihre Stimm' erscholl in diesen Worten:

Als Circe ich verlassen, welche länger
Mich als ein Jahr, dort bei Gacta festhielt
Eh' noch Aeneas also es benannte,

Vermochten nicht die Zärtlichkeit zum Sohne
Und nicht die Ehrfurcht für den alten Vater,
Die Liebe nicht, durch die Penelope'n

Zu freun mir oblag, jenen Trieb zu dämpfen,
Der mich die Welt und Tugenden wie Laster
Der Menschen weiter noch erkunden hieß.

So fuhr ich mit der kleinen Zahl Gefährten,
Die mir verblieb, auf einem einz'gen Schiffe
Hinaus in's weite schrankenlose Meer.

Ich sah die beiden Ufer bis nach Spanien
Und nach Marokko, sah die Sarderinsel,
Sowie die andren, die dies Meer bespület.

Schon alt und träge waren die Gefährten
Gleich mir geworden, als wir zu der Enge,
Wo Herkules die Zeichen setzte, kamen,

Daß weiter vorzudringen niemand wage.
Zur Rechten ließen wir Sevilla liegen,
Schon war zur andern Ceuta uns geblieben.

O Brüder, sagt' ich, die durch hunderttausend
Gefahren ihr erreicht den fernen Westen,
Versagt dem kurzen Abend eurer Sinne,

Der euch noch übrig ist, nicht die Erfahrung,
Der Bahn der Sonne folgend, jenen Teil
Der Welt, der unbewohnt ist, zu erkunden!

Erwägt den Samen, welchem ihr entsprossen:
Ihr seid bestimmt, nicht Tieren gleich zu leben,
Nein, Tugend zu erringen und Erkenntnis. -

So eifrig machte diese kurze Rede,
Zur Weiterreise alle die Gefährten,
Daß sie zu halten kaum vermocht ich hätte.

Gen Morgen wandten wir das Steu'r und machten
Zu Flügeln unsres tör'gen Flugs die Ruder,
Indem wir stets zur linken Seite hielten.

Schon sah die Nacht vollzählig die Gestirne
Des andren Poles, und so tief den unsren,
Daß aus der Meeresfläch' er nicht mehr aufstieg.

Das Licht der Mondesscheibe hatte fünfmal
Sich neu entzündet, war fünfmal erloschen,
Seit hinter uns den Engpaß wir gelassen,

Als sich ein Berg uns zeigte, welchen dämmrig
Die Ferne scheinen ließ, und solcher Höhe
Als keinen noch ich je zuvor gesehen.

Wir freuten uns, doch folgten bald die Tränen;
Denn von dem neuen Land' erhob ein Sturm sich,
Der unsres Schiffes Vorderteil erfaßte.

Dreimal trieb er im Kreis' es mit den Wellen;
Beim vierten hob das Steuer er empor
Und ließ auf höhren Willen in die Tiefe

Den Schnabel schießen, bis das Meer uns deckte. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 27
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 27

Schon wieder aufrecht stand die Flamm' und, weil sie
Nicht weiter sprach, nun ruhig, und entlassen
Vom süßen Dichter, eilte sie von hinnen,

Als eine zweite, hinter jener folgend,
Durch einen wirren Ton, der von ihr ausging,
Auf ihren Gipfel unsre Blicke lenkte.

Sowie Siziliens Stier der, wohlverdient,
Zum erstenmal von dessen Wehruf brüllte,
Der ihn gestaltete durch seine Feile,

Wie dieser Stier in des Gequälten Stimme,
Obwohl von Kupfer, doch nicht anders brüllte,
Als ob von Schmerzen er gemartert würde,

So wandelten sich die betrübten Worte,
Die aus dem Ursprung tief im Feuer Ausgang
Und Weg nicht fanden, in des Schattens Sprache.

Doch, als sie oben, durch der Flamme Spitze
Den rechten Pfad gewählt und ihr die Regung
Erteilt, die von der Zunge sie erhalten,

Vernahmen wir: O du, an den die Rede
Ich richt', und der vorhin Lombardisch sprach
Und sagte: Geh', ich halte dich nicht länger,

Verschmähe nicht, weil später ich gekommen,
Hier mit mir redend etwas zu verweilen;
Verschmäh', doch ich es nicht, obwohl ich brenne.

Bist du erst jüngst in diese blinde Welt
Gestürzt aus der Lateiner süßem Lande,
Aus dem was ich gesündigt alles kommt,

So sag' ob Krieg, ob Fried' ist in Romagna.
Denn dem Gebirg' entstammt' ich nächst Urbino
Und jenem Joch, von dem die Tiber ausgeht. -

Geneigt nach unten stand ich noch und horchte;
Da stieß die Seite leise mir der Meister
Und sagte: Rede du, der ist Lateiner. -

Ich aber, der bereit die Antwort hatte,
Begann nun ohne Säumen so zu reden:
O Seele, die verhüllt dort unten weilet,

In seiner Zwingherrn Brust war dein Romagna
Von Kriege nimmer frei und ist's auch jetzt nicht,
Doch keinen offenbaren ließ ich dort.

Noch ist Ravenna, wie es war seit Jahren:
Es hauset dort der Aar der Polentaner,
So daß er Cervia deckt mit seinen Schwingen.

Der Ort, der einst so lange standgehalten
Und der Franzosen Leichen blutig türmte,
Ist noch den grünen Tatzen unterworfen.

Verrucchio's alter Hund, sowie der neue,
Die übel mit Montagna umgesprungen,
Sie hau'n die Zähne ein wo sie gewohnt sind.

Der kleine Löwe in dem weißen Neste,
Der die Partei vom Sommer tauscht zum Winter,
Lenkt des Lamone Stadt und des Santerno.

Und jen', an deren Flanke spült der Savio,
Weilt zwischen Tyrannei und freiem Wesen,
So wie sie zwischen Berg und Ebne liegt.

Nun aber bitt' ich, wer du sei'st, bericht' uns.
Sei härter nicht, als wie die andren waren,
Soll lange in der Welt dein Name dauern. -

Nachdem zuvor das Feuer eine Weile
Nach seiner Art gebrüllt, regt' es die Spitze
Hierhin und dorthin, und dann haucht' es also:

Glaubt' ich, daß meine Antwort wer vernähme,
Der je zur Oberwelt zurückgelangte,
So bliebe unbeweglich diese Flamme.

Weil aber, ist, was man sagte, richtig,
Lebendig niemand diesem Schlund' entstiegen,
Kann ohne Furcht der Schmach ich Antwort geben.

Ich war ein Kriegsmann, nahm dann Strick und Kutte
Und dachte Buß' in diesem Kleid zu tun;
Und was ich glaubte, Wahrheit wär's geworden,

War nicht der große Pfaff, den Unheil treffe,
Der mich zurückzog in die alten Sünden;
Wie und warum sollst du nun von mir hören.

Solang ich Form des Fleisch's und der Gebeine
Noch war, die mir verlieh'n die Mutter, hatten
Nicht Löwen- sondern Fuchsart meine Taten.

Mit allen Listen und verdeckten Wegen
War ich bekannt und übte so geschickt sie,
Daß bis an's End der Welt davon erzählt ward.

Als zu dem Lebensalter ich gediehn war,
Wo einzuziehn die Taue, und die Segel
Herabzulassen jeglichem geziemt,

Beklagt' ich was zuvor erfreut mich hatte,
Und beichtete reumütig meine Sünden;
Und, wehe mir! es hätte mir gefruchtet!

Allein der Fürst der neuen Pharisäer,
Als Krieg er führte dort beim Lateran,
Und nicht mit Sarazenen oder Juden

(Denn Christen waren seine Feinde sämtlich,
Und keiner war bei Akkons Fall beteiligt,
Noch Kaufmann in des Sultans Land gewesen)

Mißachtet' er in sich sein höchstes Amt
Und seine heil'gen Weih'n, an mir den Strick,
Der magrer sonst, die die ihn tragen, machte.

Wie Konstantin aus des Soracte's Wildnis
Sylvester rief, den Aussatz ihm zu heilen,
So rief auch dieser mich, daß ich ein Arzt ihm

Zur Heilung seines Hochmutsfiebers würde
Er frug um meinen Rat; ich aber schwieg,
Denn seine Worte achtet' ich für trunken.

Dann sagt' er: Fürchte nicht in deinem Herzen,
Ich spreche dich im voraus los; doch lehre
Mich, wie ich Palästina niederwerfe.

Den Himmel kann so lösen ich als binden,
Wie du wohl weißt, darum sind zwei der Schlüssel,
Die mein Vorgänger nicht zu schätzen wußte. -

Bestimmt ward ich von den gewicht'gen Gründen,
Die mir als schlimmstes Teil das Schweigen wiesen,
Und sagte: Vater, da du von der Sünde,

In die ich fallen soll, mich also rein wäschst,
Wird viel versprechen und nur wenig halten
Im hohen Sitze dir Triumph verleihn. -

Als ich dann tot war, kam um meinetwillen
Der heil'ge Franz; jedoch ein schwarzer Cherub
Rief aus: Laß ab von ihm, tu mir kein Unrecht!

Herab zu meinen Knechten muß er kommen,
Weil den betrügerischen Rat er gab,
Seit welchem meine Hand am Schopf ihn festhielt.

Lossprechen kann man den nur, der bereut,
Und sünd'gen und bereu'n geht nicht zusammen
Des Widerspruches wegen, der's nicht zuläßt. -

O weh mir Armen, wie entsetzt' ich mich,
Als er mich packt' und rief: Du dachtest
Wohl nicht, daß ich auf Logik mich verstünde? -

Zu Minos bracht' er mich, und der umwandte
Den harten Rücken achtmal mit dem Schweife
Und biß vor großer Wut dann noch hinein.

Der, sagt' er, kommt zum räuberischen Feuer! -
Drum bin ich da, wo du mich siehst verloren
Und wandle jammervoll in solchem Kleide.

Als seine Rede also er beendet,
Verließ die Flamm' uns unter Schmerzenslauten,
Indem ihr spitzes Horn sie dreht' und regte.

Dann gingen wir, ich und mein Führer, weiter
Den Felsen hin bis zu dem andren Bogen,
Der ob dem Tal sich wölbt, in dem die Buße

Die zahlen, die durch Spaltung sich belasten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 28
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 28

Wer könnte, selbst in ungebundner Rede
Bei öfterem Erzählen, all' das Blut
Und all' die Wunden, die ich jetzt sah, schildern?

Jedwede Zunge würde daran scheitern,
Sowohl der Sprach, als der Erinnrung wegen,
Die, soviel zu umfassen, nicht genügen.

Und sähe man auch all' das Volk beisammen,
Das einstmals auf dem schicksalsschwangren Boden
Apuliens sein vergoßnes Blut beklagte

In dem Trojanerkrieg' und jenem langen,
Wo die Karthager soviel Ring' erbeutet,
Als Livius, welcher nimmer irrt, berichtet,

Das Volk auch, das durch Wunden Schmerz erlitten,
Weil es dem Robert Guiscard widerstand,
Und das auch, dessen Knochen man noch aufliest

Bei Ceperano, wo zum Lügner jeder
Pugliese ward, und dort bei Tagliacozzo
Wo waffenlos Alard, der alte, siegte,

Und zeigte dieser dann zerfetzte Glieder,
Und der verstümmelte; nicht zu vergleichen
Wär's doch der achten Bolgia grausem Inhalt.

Kein Faß, verliert es Dauben oder Boden,
Wird so zerfetzt, als wie ich einen sah,
Gespalten von dem Kinn bis zu dem After.

Es hingen ihm die Eingeweide zwischen
Den Beinen; Herz und Leber gleich dem Sacke
Der was man schlingt in Kot verwandelt sah man.

Noch heftete auf ihn ich meine Blicke,
Da riß, mich anschauend, er die Brust sich auf
Und sagte: Sieh hierher, wie ich zerberste;

Also verstümmelt siehst du Mahomet.
Alì geht vor mir her und weinet laut,
Gespalten im Gesicht vom Kinn zum Wirbel.

Und all' die andren, die du hier gewahrest,
Sie sä'ten lebend Zwietracht aus und Spaltung,
Drum sind sie hier, so wie du siehst gespalten.

So richtet uns ein Teufel zu, dort hinten,
Der jeden, der vorbeikommt nach der Reihe
Die Schneide seines Schwertes fühlen läßt,

So oft den Weg der Schmerzen er beendet;
Denn zugeheilt sind jedesmal die Wunden,
Eh' wir im Kreise wieder zu ihm kommen.

Doch du, wer bist du, der dort oben lungert,
Wohl um die Strafe später anzutreten,
Die dir auf dein Geständnis zuerkannt ward? -

Noch griff der Tod ihn nicht, auch treibt ihn Schuld nicht
Die Qual zu leiden, sagte drauf mein Meister.
Nur um wahrhafte Kunde ihm zu geben,

Muß ich, der tot ich bin, ihn durch die Hölle
Von einem Kreise zu dem andren führen.
Dies ist, so wahr ich mit dir rede, wahr. -

Wohl mehr als hundert hemmten, als sie's hörten,
Im Graben ihren Schritt, mich zu betrachten,
So staunend, daß der Strafe sie vergaßen.

Der du vielleicht bald wiedersiehst die Sonne,
Ermahne Fra Dolcin, daß, will er anders
Nicht bald hierher mir folgen, er mit Vorrat

Sich wohl verseh', damit der Schnee ihn nicht
Bedräng' und Sieg dem Novaresen leihe.
Wie anders ihn zu zwingen möchte schwer sein. -

Als einen Fuß zum Geh'n er schon erhoben,
Sprach diese Worte Mahomet zu mir;
Dann setzt' er, weitergehend, ihn zu Boden.

Ein andrer, dem durchbohrt die Kehle war
Und weggestutzt bis zu den Brau'n die Nase,
Der auch am Kopf ein einzig' Ohr nur hatte,

War staunend mit den andren stehngeblieben;
Doch öffnet vor den andren er den Schlund,
Der außen blutig war nach jeder Seite.

Dann sagt' er: Du den nicht die Schuld verdammt
Und den ich im Latinerland schon sah,
Täuscht anders große Ähnlichkeit mich nicht,

Erinn're dich an Pier von Medicina,
Siehst du die schöne Fläche jemals wieder,
Die sich bis Marcabò senkt von Vercelli,

Und laß die besten zwei von Fano wissen
Den Messer Guido wie den Angiolello,
Daß wenn nicht, was man hier vorhersieht, täuschet,

Sie der Verrat des schnödesten Tyrannen
In's Meer aus ihrem Schiffe werfen wird
Und säcken nächst Cattolica's Gestade.

Es sah Neptun, von Cypern bis Majorca,
Seeräuber und argolisches Gesindel
So große Missetat niemals begehn.

Es wird sie der einäugige Verräter,
Der jenen Ort, den nie gesehn zu haben
Der eine meiner Nachbar'n wünscht, beherrschet,

Zu sich entbieten, um Gespräch zu halten;
Dann aber so tun, daß sie kein Gelübde
Zum Schutze vor Focara's Wind mehr brauchen. -

Drauf ich zu ihm: Erläutre mir und sage,
Soll ich nach oben Botschaft von dir bringen,
Wem, wie du sagst, der Anblick bittre Frucht trug? -

Da legte er die Hand an des ihm Nächsten
Kinnlade, riß den Mund ihm auf und schrie:
Der ist es; doch verlernt hat er das Reden.

Verbannt, ertötet' er in Cäsars Herzen
Den Zweifel, als er sagte, dem Bereiten
Gereichte Säumen immerdar zum Nachteil. -

Wie so verstört schien mir, mit bis zum Schlunde
Ihm ausgeschnittner Zunge, jener Curio,
Der einst zum Reden überkühn gewesen!

Und einer, welchem abgehackt, so diese
Als jene Hand war, hob empor die Stummeln,
So daß sein Angesicht das Blut beschmutzte:

Erinn're dich, so rief er, auch des Mosca,
Der leider sagte: »nach der Tat kommt Rat«,
Was Unheilsamen ward dem Volk der Tusker. -

Und deines Hauses Tod! - also ergänzt' ich;
Worauf, zum Schmerze neue Schmerzen häufend,
Gleich dem er hinging, den der Gram verwirrt.

Ich aber blieb, die Schar mir zu betrachten,
Und fürchten würd' ich, was ich sah, zu sagen,
Hätt' ich kein andres Zeugnis als mein Wort.

Doch Zuversicht verleiht mir mein Gewissen,
Der wackere Gesell, der unverzagt macht
Den, dessen Harnisch ist, sich rein zu wissen.

Gewiß, ich sah, und noch zu sehen dünkt mich's,
Gleichwie die andren jener Herde gingen,
Des Haupt's ermangelnd einen Rumpf einhergehn.

Den abgeschlagnen Kopf hielt an den Haaren
Er hängend in der Hand, gleich einer Lampe.
Der aber schaut' uns an und sagte: Wehe! -

Sich selber braucht' er, um sich zu beleuchten;
In einem waren's zwei, in zweien einer.
Wie das geschah, weiß nur, wer's so verordnet.

Als senkrecht er am Fuß der Brücke stand,
Hoch hob empor den Arm er mit dem Haupte,
Um seine Worte näher uns zu bringen.

Sie lauteten: Der atmend du die Toten
Im Gehn beschaust, sieh meine grause Strafe
Und sag', ob eine wohl so groß als diese?

Damit der Welt du Kunde von mir bringest,
So wisse, daß ich Bertram bin von Bornio,
Der schlimmen Rat erteilt Johann dem König.

Den Sohn verfeindet' ich mit seinem Vater;
Ahitophel tat Absalom nicht ärger,
Als wider David er ihn böslich hetzte.

Und weil zwei so Verbundne ich getrennet,
Trag' ich zur Qual getrennet mein Gehirn
Von seinem Ursprung, der in diesem Rumpf ist.

Also wird mir, wie ich getan, vergolten. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 29
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 29

So trunken waren von dem vielen Volke
Und den verschiednen Wunden meine Augen,
Daß sie sich sehnten, ruhend auszuweinen.

Mein Meister aber sprach: Was schaust du noch,
Was haftet unverwandt dein Blick dort unten
Bei den verstümmelten unsel'gen Schatten?

In andren Bolgien tatest du nicht also
Vernimm, willst du, die hier im Tal sind, zählen,
Daß zweiundzwanzig Miglien es umkreiset.

Schon steht der Mond grad' unter unsren Füßen,
Nur wenig Zeit ist jetzt uns noch verstattet
Und manches bleibt zu sehn, das du noch nicht sahst. -

Wenn du den Grund beachtet hättest, sagt' ich
Darauf, der mich bewog hinabzublicken,
Das Weilen hättest du vielleicht gestattet. -

Schon ging mein Führer und ich folgt' ihm nach,
Als ich ihm diese Antwort gab, und weiter
Fügt' ich hinzu: In jener dunklen Grube,

Wohin ich eben stier mein Auge wandte,
Glaub' ich, beweint ein Geist von meinem Blute
Die Sünde, die so teuer hier bezahlt wird. -

Da sprach zu mir mein Meister: Es bekümmre
Nicht fürder seinethalb sich dein Gedanke:
Er bleibe wo er ist, merk du auf andres;

Denn an dem Fuß der Brücke sah ich ihn,
Dich, heftig drohend, mit dem Finger zeigen,
Und Geri hört' ich ihn del Bello nennen.

Du warst von dem, der Hautefort besessen,
Damals so ganz gefesselt, daß nicht eher
Du ihn gewahrtest, als bis er davon ging. -

O Führer, der an ihm verübte Mord,
So rief ich aus, den bis zur Stunde keiner,
Auf den die Schande mitgefallen, rächte,

Erweckte seinen Zorn, und drum vermut' ich,
Ging er vorüber, ohn' ein Wort an mich;
Mich aber faßt darob erhöhtes Mitleid. -

So sprachen wir bis wo der Fels zuerst
Das nächste Tal, wär's heller nur gewesen,
Uns bis zum Grunde hätte sehen lassen.

Wir standen oberhalb der letzten Klause
Der Malebolge, deren Laienbrüder
Sich unsrem Blick nun offenbaren konnten.

Da stürmten, Pfeilen ähnlich, deren Spitzen
Mitleid bewehrt, viel Klagen auf mich ein,
Weshalb die Ohren mit der Hand ich deckte.

So vieles Leiden als beisammen wäre,
Wenn man in eine Gruft mit der Spitäler
Des Chianatals vom Juli bis September

Maremma's und Sardiniens Seuchen brächte,
So viel war hier, und solcher Stank erhob sich,
Als aus Gliedmaßen, welche eitern, aufsteigt.

Wir stiegen, immerdar nach links gewandt,
Zum letzten Strand des langen Felsens nieder,
Und klarer sah ich da in jene Tiefe,

In der die Dienerin des hohen Herrschers,
Die nie zu täuschende Gerechtigkeit,
Die Fälscher, die sie hier schon einschrieb, strafet.

Nicht trauriger, vermut' ich, war der Anblick,
Das ganze Volk Aegina's krank zu sehn,
Als so verpestet war der ganze Dunstkreis,

Daß, was da lebte, bis zum kleinsten Wurme
Tot niederfiel, und dann sich die Bewohner,
Wie uns als Wahrheit melden die Poeten,

Aus der Ameisen Samen neu ergänzten!
Nicht traur'ger, als in diesem Tal die Geister
Zu sehn, wie haufenweise sie verlechzten.

Auf seinem Bauch lag der, ein zweiter stützte
Sich auf des andren Schultern, jener schlich
Den traur'gen Pfad dahin auf allen Vieren.

Langsamen Schrittes gingen wir und schwiegen;
Doch sah'n und hörten wir auf jene Kranken,
Die nicht vermochten sich emporzurichten.

Und aneinander sah ich zwei sich stützen,
Wie Tiegel man an Tiegel stützt beim Wärmen,
Vom Haupt bis zu dem Fuß bedeckt mit Schörfen.

Nie sah ich einen Knecht, der ungern wach bleibt,
Nie einen, dessen Dienstherr auf ihn wartet,
Den Striegel in so großer Hast bewegen,

Als jeder dieser beiden, ob der Qual
Des Juckens, die er so nur weiß zu lindern,
Am Leibe mit den Nägeln hin- und herfuhr.

Und wie ein Messer Schuppen streift vom Karpfen
Und andren Fischen, die noch größre haben,
So rissen jene Nägel ab die Schörfe.

Der mit den Fingern du dich selbst zerfleischest,
Begann zu einem jener zwei mein Meister,
Und öfters auch als Zange sie gebrauchest,

Soll dir in Ewigkeit zu solcher Arbeit
Dein Nagel g'nügen, so erteil' uns Auskunft,
Ob irgendein Lateiner ist hierinnen. -

Wir beid', erwidert' unter Tränen einer,
Die du so schwer entstellt siehst, sind Lateiner;
Doch du, der nach uns frugest, sprich, wer bist du? -

Von Stufe, sagte drauf Virgil, zu Stufe
Steig' ich mit diesem, der noch lebt, hernieder,
Denn mir liegt ob, die Hölle ihm zu zeigen. -

Da brach die Wechselstützung auseinander;
Erzitternd blickten nur nach mir die beiden
Und alle die's zur zweiten Hand vernommen.

Drauf wandte sich zu mir der gute Meister
Und sagte: Sprich zu ihnen was dir gut dünkt. -
Und ich begann, so wie er mir geheißen:

Soll eu'r Gedächtnis in der ersten Welt
Der menschlichen Erinn'rung nicht entschwinden
Und weiter leben unter vielen Sonnen,

So sagt mir, wer ihr seid und welchen Stammes;
Die ekle Strafe, die ihr duldet hindre
Euch nicht an eures Namens Offenbarung. -

Ich stamme von Arezzo, sprach der eine,
Verbrennen ließ mich Albero von Siena;
Doch starb ich nicht für das was mich hierher führt.

Wohl sagt' ich, doch im Scherze, daß ich fliegend
Mich aufzuschwingen in die Luft vermöchte;
Einfältig und voll Neugier wollte jener,

Daß ich die Kunst ihm lehr', und weil ich nicht
Zum Dädalus ihn machte, ließ zum Holzstoß
Er mich durch den, der ihn als Sohn hielt, schicken.

Weil aber droben Alchimie ich übte
Hat Minos, der sich nimmer täuscht, zur letzten
Von den zehn schlimmen Bolgien mich verurteilt. -

Zum Dichter sagt' ich drauf: Sah man wohl jemals
Ein Volk leichtsinnig so wie die Sanesen?
Selbst die Franzosen sind's um vieles minder. -

Der andre Sücht'ge, der mein Wort vernommen,
Erwiderte darauf: Doch nimm den Stricca,
Der so bescheidnen Aufwand machte, aus,

Auch Nicolò nimm aus, der in dem Garten,
Wo solche Saat gedeiht, der Nägelein
Kostspieliges Rezept erfunden hat.

Nimm die Gesellschaft aus, in welcher Caccia
D'Asciano mit dem großen Wald den Weinberg
Und Abbagliato seinen Ruf vergeudet.

Doch, daß du wissest, wer so mit dir einstimmt
Im Tadel der Sanesen, sieh mich scharf an,
So daß mein Angesicht dir Antwort gebe.

Erkennen wirst du dann Capocchio's Schatten,
Der ich durch Alchimie Metalle fälschte,
Und, seh' ich anders recht, muß dir bewußt sein,

Daß ich ein guter Affe der Natur war. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 30
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 30

Zur Zeit, wo Juno wegen Semele's
So sehr dem Blute der Thebaner zürnte,
Als sie zu manchen Malen es betätigt,

Ward Athamas von Wahnsinn so befallen,
Daß, als an jeder Hand mit einem Kinde
Beladen, er die Gattin sah, er rief:

Die Netze stellet auf, daß ich beim Wechsel
Die Löwin und die jungen Löwen fange.
Dann streckt er aus die unbarmherz'gen Krallen,

Ergriff den einen, der Learchus hieß,
Und sein Gehirn zerschmettert' er am Felsen;
Sie aber mit dem andren sprang in's Meer.

Und als das Schicksal der Trojaner Hoheit,
Die alles unternahm, zum Sinken brachte,
So daß zugrunde gingen Reich und König,

Stieß Hekuba, gefangen und im Elend,
Als tot Polyxena ihr lag zu Füßen,
Und auf dem Meeresstrande sie voll Schmerzen

Den Leichnam ihres Polydor gewahrte,
In ihrem Wahnsinn hündisches Gebell aus;
Also verkehrte ihren Geist der Schmerz.

Doch Troja's oder Thebens Furien hetzten
Niemanden je, um Tiere so zu quälen,
Geschweige denn die Glieder eines Menschen,

Als ich zwei Schatten tun sah bleich und nackend,
Die andre beißend hin und wieder liefen,
Wie Schweine tun, entläßt man sie dem Koben.

Es stürzte sich der eine auf Capocchio;
Packt in's Genicke ihn und schleift' ihn also,
Daß ihm den Bauch der harte Boden kratzte.

Der Arctiner, der zurückblieb, bebte
Und sprach: Der Poltergeist ist Gianni Schicchi;
In seiner Wut zerfleischt er wen er antrifft. -

O, sagt' ich, soll der andre seine Zähne
In dein Genick nicht schlagen, so gewähre,
Eh' er enteilt, mir, wer er ist, zu künden. -

Und er zu mir: Das ist die Seele Myrrha's,
Der alten Frevlerin, die ihren Vater
In andrer als der rechten Lieb' umarmte.

Auf das mit ihm, zu sünd'gen ihr gelinge,
Verfälschte also sie in fremde Form sich,
Wie um »der Koppel Königin« zu haben,

Der andre, der dort hineilt, unternahm
Buoso Donati fälschend vorzustellen
Und so für ihn letztwillig zu verfügen. -

Als die zwei Rasenden vorüber waren,
Die bis dahin mein Auge festgehalten,
Wandt' ich's um andre Sünder zu betrachten.

Geformt gleich einer Laute war der eine,
Wenn nur, von da an wo der Mensch sich gabelt,
Des Körpers untrer Teil gemangelt hätte.

Die Wassersucht, die, weil die Säfte krankhaft
Sie wandelt, so das Ebenmaß der Glieder
Zerstört, daß Kopf und Leib sich nicht entsprechen,

Riß, wie dem Lungenkranken, ihm die Lippen
So voneinander, daß des Durstes wegen
Zum Kinn sich eine kehrt', die andre aufwärts.

Die ihr, ich ahne nicht aus welchem Grunde,
Von Strafe frei seid in der Welt des Jammers,
Seht her und merket auf das bittre Elend

Des Meister Adam, - so sprach er zu uns.
Was ich begehrte hatt' ich einst in Fülle;
Jetzt lechz' ich Ärmster um ein Tröpflein Wassers.

Die Bächlein, welche von den grünen Hügeln
Des Casentino hin zum Arno rinnen
Und ihre Ufer kühlen und befeuchten,

Stehn zu vermehrter Qual mir stets vor Augen;
Denn ärger dörrt ihr Bild mich, als die Krankheit,
Die meinem Angesicht das Fleisch entzieht.

Die streng mich geißelnde Gerechtigkeit
Entnimmt dem Ort, wo ich gesündigt, Mittel,
Um meiner Seufzer Hast noch zu vermehren.

Dort ist Romena, wo ich die Legierung,
Die mit des Täufers Bild geprägt wird, fälschte,
Weshalb verbrannt ich meinen Leib zurückließ.

Doch, säh' ich hier die schnöde Seele Guido's,
Die Alessandro's, oder die des Bruders,
Um Fontebranda gäb' ich nicht den Anblick.

Schon ist die ein' hier innen, wenn die Schatten,
Die wütend ringsum laufen, Wahrheit künden;
Doch nutzt mir's nicht, denn lahm sind meine Glieder.

Wär' ich nur noch so leicht, daß im Jahrhundert
Ich einen einz'gen Zoll breit vorwärts käme,
So hätt' ich längst mich auf den Weg gemacht,

Ihn unter den Entstellten hier zu suchen,
Obwohl elf Miglien dieses Tales Umkreis
Und seine Breite reichlich eine halb' ist.

In dieser Sippe bin ich ihretwegen;
Auf ihr Verlangen prägt' ich jene Gulden,
Die drei Karat wohl an Legierung hatten. -

Drauf ich zu ihm: Wer sind die beiden Armen
Die hier zunächst an deiner Rechten liegen
Und dampfen wie benetzte Händ' im Winter? -

Hier fand ich sie, als ich in diese Schlucht
Geregnet, und nicht rührten sie seitdem sich,
Auch glaub' ich nicht, daß sie sich je mehr rühren.

Die ein' ist, die den Joseph falsch beschuldigt,
Der falsche Grieche Sinon ist der andre;
Des hitz'gen Fiebers Glut macht sie so qualmen. -

Der eine, der es übel wohl vermerkte,
Nicht ehrender genannt zu werden, schlug
Mit seiner Faust den harten Bauch Adamo's;

Der aber dröhnte drob gleich einer Trommel
Den Schlag erwidert' er ihm in's Gesicht
Mit seinem Arme, der nicht wen'ger hart schien,

Und sagte: Kann ich auch nicht von der Stelle,
Weil mir gelähmt die Glieder sind, so ist
Der Arm doch frei zu solcherlei Verrichtung. -

Die Antwort war: Als man zum Scheiterhaufen
Dich führte, war dein Arm nicht so behende;
Doch war er's ebenso und mehr beim Prägstock. -

Du sagst die Wahrheit, sprach der Wassersücht'ge,
Doch so wahrhaftig war dein Zeugnis nicht;
Als um die Wahrheit man dich frug bei Troja. -

Ich redete, du aber münztest Lügen,
Sprach Sinon; ich bin wegen einer Sünde,
Du wegen mehr hier unten als kein Teufel. -

Meineidiger, gedenke doch des Pferdes,
Gab der mit dem geschwollenen Bauch zur Antwort;
Daß alle Welt es weiß, sei deine Strafe. -

Die deine sei der Durst, von dem die Zunge
Dir birst, sprach Sinon, und das faule Wasser,
Das dir den Bauch bis vor die Augen aufbläht. -

Dein Maul zerreißt sich, sagte drauf der Münzer,
Gewohnterweise nur zur eigenen Schande.
Quält mich der Durst und schwillt mein Leib vom Wasser,

So brennt dich Fieberglut und schmerzt dein Kopf dich,
Und, daß vom Spiegel des Narciß du lecktest,
Bedürft' es auch bei dir nicht langes Bitten. -

Ich dacht' an nichts, als nur auf sie zu hören,
Da sprach zu mir mein Meister: Sieh doch, siehe;
Es fehlt nicht viel daran, daß ich dich schelte. -

Als zürnend ich zu mir ihn reden hörte,
Blickt' ich ihn an mit solchem Schamgefühle,
Daß noch es mich ergreift, wenn ich dran denke.

Dem Manne gleich, der träumt, es treff' ihn Unheil
Und träumend wünschet, daß es nur ein Traum sei,
Und so, was ist, als wär' es nicht, ersehnet,

War mir zu Mut; doch reden konnt' ich nicht.
Entschuld'gen wollt' ich mich, und wie ich glaubte,
Ich tät es nicht, hatt' ich mich schon entschuldigt.

Es büßt geringre Scham wohl größren Fehler
Als deiner war, begann darauf mein Meister;
So wirf denn von dir jegliche Betrübnis,

Und führt der Zufall je dich wieder hin,
Wo Leute sich in solcher Weise zanken,
So denke stets, du habest mich zur Seite.

Denn niedren Sinn zeigt, wer auf solches aufmerkt. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 31
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 31

Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet,
So daß sie mir die beiden Wangen färbte,
Bot heilend mir sodann die Arzenei.

So pflegt' Achills und seines Vaters Lanze,
Wie ich vernommen, dem, den sie getroffen
Erst Unheil und dann wieder Heil zu bringen.

Den Rücken kehrten wir dem Tal des Jammers
Und gingen, des Gesprächs uns enthaltend,
Am Ufer hin, das jenes rings umgürtet.

Da war nicht volle Nacht und voller Tag nicht,
So daß nur wenig vorwärts drang mein Auge;
Doch hört' ich wie ein Horn so laut erklang,

Daß übertönt es jeden Donner hätte
Dem folgt' in umgekehrtem Sinn mein Auge
So daß auf einen Punkt nur es sich wandte.

So schrecklich klang nicht nach der Niederlage
Von Roncisval, wo Karl die heil'ge Schar
Verlor, das Horn, in welches Roland stieß.

Nicht lang hatt' ich das Haupt dorthin gewendet,
Als mir es schien, ich säh' viel hohe Türme;
Weshalb ich frug: Wie heißt die Stadt, o Meister? -

Und er zu mir: Weil durch die Finsternisse
Zu weit dein Auge schweifen will, geschieht es,
Daß deine Phantasie erratend irr' geht.

Kommst du dorthin, so wirst du selbst gewahren,
Wie sehr der Sinn sich täuscht aus solcher Ferne;
Drum sporne selber dich zu größrer Eile. -

Dann faßt' er freundlich meine Hand und sagte:
Damit die Sache minder dich befremde,
Vernimm, noch eh' wir weiter vorgedrungen,

Daß das nicht Türme, sondern Riesen sind,
Die von dem Nabel abwärts gleicherweise
Rings in dem Brunnen um das Ufer stehn. -

Wie, wenn die Nebel sachte sich zerstreuen,
Der Blick allmählich mehr und mehr erkennet
Was, luftverdichtend, ihm der Dunst verborgen,

So scheucht' er jetzt, die dicke düstre Luft
Durchdringend, wie ich mich dem Ufer nahte,
Den Irrtum fort und mehrte das Entsetzen.

Denn, wie auf seinem runden Mauerkreise
Montereggione sich bekränzt mit Türmen
So ragten hier mit ihrem halben Leibe

Vom Rande, der den Brunnen rings umwindet,
Die schrecklichen Giganten, die, wenn's donnert,
Noch jetzt vom Himmel Jupiter bedroht.

Von dem mir Nächsten sah ich schon das Antlitz,
Brust, Schultern und des Bauches größren Teil,
Auch an den Seiten nieder beide Arme.

Gar wohl tat die Natur, als sie die Kunst
Solch Ungetüm hinfort zu schaffen, aufgab,
Daß derlei Werkzeug Mars nicht ferner habe.

Enthält der Wallfisch' und der Elephanten
Sie doch sich nicht, so nennt, wer feiner aufmerkt,
Um so verständ'ger sie, um so gerechter;

Denn, wo zum üblen Willen und zur Macht
Die Fähigkeit des Geistes noch hinzutritt,
Vermag den Angriff niemand abzuwehren.

So lang und breit schien mir sein Angesicht,
Als wie der Pinien-Apfel zu Sankt Peter;
Die andren Glieder waren nach Verhältnis,

So daß der Strand, der von der Mitte abwärts
Als Schurz ihm diente, so viel von ihm sehn ließ,
Daß, bis zu seinem Haupthaar zu gelangen,

Vergebens sich bemüht drei Friesen hätten.
Denn von da ab, wo man den Mantel heftet,
Sah ich ihn reichlich dreißig Spannen lang.

Rafel mai amech zabi almi, -
Also begann das große Maul zu schreien,
Das nicht geeignet war für sanftre Psalmen.

Mein Führer rief ihm zu: Einfältige Seele,
Wenn Zorn und andre Leidenschaft dich packen,
So halte dich an's Horn, sie auszulassen.

Faß nur an deinen Hals, verwirrte Seele,
Da findest du die Schnur, an die's gebunden;
Sieh, wie sich's um die große Brust dir krümmt. -

Dann wandt' er sich zu mir: Der klagt sich selbst an;
Der Nimrod ist's, durch dessen Unterfangen
Nicht eine Sprache nur die Menschen reden.

So lassen wir ihn; sprechen wär' umsonst,
Denn ihm ist jede Sprache, wie die seine
Den andren ist, da niemand sie verstehn kann. -

Nach links gewendet schritten wir nun weiter
Und fanden, einen Bogenschuß entfernet,
Den zweiten, der noch größer war und schlimmer.

Ich weiß nicht, welcher Meister es vollbrachte,
Ihn so zu fesseln; doch den einen Arm
Hielt vorwärts, und den rechten auf dem Rücken

Ihm eine Kette, die vom Halse nieder
Ihn dicht umschlang und bis zur fünften Windung
So weit zu sehn er war, sich um ihn legte.

Hochmütig wollte dieser seine Kräfte
Im Kampfe gegen Jupiter erproben;
Jetzt wird ihm so vergolten, sprach mein Meister.

Ephialtes ist sein Nam', und als die Götter
Vor den Giganten bebten, tat er Großes;
Nun regt die Arm' er nicht mehr, die das taten. -

Ich sagte drauf: Wenn es gestattet ist,
So wünscht' ich des gewalt'gen Briareus
Erfahrung meinen Augen zu erwerben. -

Und er darauf: Hier nah' wirst den Antäus
Du sehn, der spricht und dessen Arme frei sind;
Der soll auf aller Sünde Grund uns setzen.

Den du zu sehn begehrst, ist noch viel weiter;
Er gleichet diesem, ist wie er gefesselt,
Nur daß sein Angesicht noch wilder aussieht. -

Nie bebte wohl die Erde so gewaltsam,
Nie ward ein Turm dadurch so sehr geschüttelt,
Wie nun Ephialtes plötzlich sich bewegte.

Da fürchtet' ich mehr als je sonst den Tod,
Ja, Furcht allein schon hätt' ihn mir gebracht,
Wenn mich die Fesseln nicht beruhigt hätten.

Als wir dann weitergingen, trafen wir
Antäus, der bis an des Hauptes Anfang
Fünf gute Ellen aus dem Felsen ragte.

O du, der in dem schicksalsschwangern Tale,
Wo Scipio großen Ruhmes Erb' erworben,
Als Hannibal und die Karthager flohn,

Wohl tausend Löwen einst als Beut' erlegte,
Von dem man heute noch vermuten möchte,
Daß, hätt' er seiner Brüder Kampf geteilt,

Der Erde Kindern Sieg geblieben wäre,
Verschmähe nicht uns dort hinabzusetzen,
Wo des Cocytus Flut im Eise starret.

Schick' uns nicht zu Typhoeus oder Tityus;
So neige dich und wende dich nicht von uns,
Denn dieser kann, was hier begehrt wird, geben:

Noch kann er droben deinen Ruhm verkünden
Er lebt und langes Leben wartet seiner,
Wenn ihn nicht vor der Zeit die Gnade abruft. -

So sprach der Meister; jener aber faßte
Schnell meinen Führer mit denselben Händen,
Die einst den Herkules so schwer bedrängten.

Und als Virgil sich so ergreifen fühlte,
Sagt' er zu mir: Tritt so, daß ich dich fasse. -
Er tat es und wir bildeten ein Bündel.

Wie Carisenda dem, der zu ihr aufblickt,
Da wo sie überhänget, dann erscheinet,
Wenn Wolken ziehn in umgekehrter Richtung,

So schien Antäus mir, der ich emporsah
Sich bücken ihn zu sehn, und lieber wär' ich
Auf andrem Weg zu jener Zeit gegangen.

Leicht aber setzt' er uns am Boden nieder,
Der Judas so wie Lucifer verschlingt;
Doch weilt' er nicht in der gebückten Stellung

Und schnellte, wie ein Mast im Schiff, empor.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

Besäß ich Reime rauh und widerstrebend,
Wie sie dem grauenhaften Schlund' entsprächen,
Auf dem die andren Felsen alle lasten,

So drückt' ich meines Gegenstandes Saft
Wohl besser aus; doch weil ich sie nicht habe,
Schick' ich nicht furchtlos mich zu reden an.

Denn ein Beginnen ist's nicht leicht zu nehmen,
Des Weltalls Fundament zu schildern, noch auch
Dem Mund der »Papa« lallt und »Mama« paßlich.

Doch helfen mögen meinem Vers die Frauen,
Durch die Amphion Thebens Mauern baute,
Damit das Wort der Wirklichkeit entspreche.

O du, zum Unheil nur geschaffner, Pöbel,
Der an dem Ort weilt, den ich ungern schildre,
Euch wäre besser, wärt' ihr Schaf' und Ziegen!

Als unten wir im finstren Brunnen waren,
Viel tiefer noch als des Giganten Füße,
Und ich empor die hohe Mauer blickte,

Hört' ich die Worte: Achte wo du hintrittst,
Daß du mit deinen Sohlen nicht die Häupter
Der armen unglücksel'gen Brüder stoßest. -

Da wandt' ich mich, und einen See gewahrt' ich
Zu meinen Füßen und weithin, dem Kälte
Des Glases, nicht des Wassers, Ansehn lieh.

Nie hüllt' in Österreich in so dichte Schleier
Die Donau ihren Lauf zur Winterszeit,
Noch Tanais dort unterm kalten Himmel,

Als dieser war, und wäre Tambernic
Darauf gefallen, oder Pietrapana,
So hätt' es selbst am Rande nicht geknickt.

Und wie zur Zeit, wenn oft vom Ährenlesen
Die Bäurin träumt, der Frosch bei seinem Quaken
Die Schnauze nur hervorstreckt aus dem Wasser,

So staken bis dahin, wo uns die Scham färbt,
Die Schatten blaugefroren fest im Eise,
Mit Zähnen klappernd nach dem Takt des Storches.

Hernieder senkten alle sie das Antlitz,
Vom Froste gab der Mund, vom schweren Herzen
Das Aug' einander wechselweise Zeugnis.

Als ein'ge Zeit umhergeschaut ich hatte,
Blickt ich herab, und sah zwei so nah sich,
Daß ihrer Häupter Haare sich vermengten.

Die Brust an Brust so fest ihr dränget, frug ich,
Wer seid ihr, sprecht? - Da wandten sie die Hälse,
Und als empor zu mir sie blickten, troffen

Die bis dahin nur tränenschwangren Augen
Hervor nun aus den Lidern; doch vor Kälte
Ward jede Träne Eis und schloß die Wimpern

So fest, wie keine Klammer Holz mit Holze
Jemals verband, weshalb im grimmen Zorne
Sie Stirne gegen Stirn gleich Böcken stießen.

Und einer, dem der Frost schon beide Ohren
Genommen, sagte, ohne aufzublicken:
Wer heißt dich, so in uns dich zu bespiegeln?

Doch willst, wer jene zweie sein du wissen:
Das Tal, aus dem herabfließt der Bisenzio,
Alberto's ihres Vaters war's und ihres.

Ein Leib' gebar sie, aber die Caïna,
Durchsuchst du ganz sie, zeigt dir keinen Schatten,
Der würd'ger wär' als sie im Eis zu stecken.

Nicht jener, dem die Hand des Königs Artus
Mit einem Wurfe Brust durchstieß und Schatten,
Focaccia nicht, nicht der des Haupt die Aussicht

Mir so versperrt, daß ich nicht vorwärts sehn kann,
Und der genannt ward Sassol Mascheroni,
Nun weißt du wer er war, bist du Toskaner.

Und daß du mich nicht weiter fragest, höre,
Daß ich der Camicion de' Pazzi war;
Carlin erwart' ich, daß er mich entschuld'ge. -

Gesichter sah ich dann, wohl mehr als tausend,
Vor Kälte dunkelblau; drum graut mir jetzt noch
Und wird es ewig, vor gefrornen Wässern.

Wie wir uns so dem Mittelpunkte nahten,
Zu welchem alles hinstrebt was da schwer ist,
Und ich vor Frost im ew'gen Schatten bebte,

Da stieß ich, war es Vorsatz oder Zufall,
War es Geschick, durch all die Köpfe wandelnd,
Hart mit dem Fuße einem ins Gesicht.

Was trittst du mich, warf er mir vor und weinte,
Und, kommst du nicht die Rach' um Mont' Aperti
Noch zu vermehren, warum quälst du mich? -

O Meister, sagt' ich, weile hier ein wenig,
Bis über diesen ich in's Klare komme;
Dann heiße mich, soviel du Lust hast, eilen. -

Mein Führer stand, ich aber sprach zu jenem,
Der laut mit seinen Lästerreden fortfuhr:
Wer bist du, der du so die Leute ausschiltst? -

Drauf er: Wer bist denn du, der Antenora
Durchwandelnd, fremde Wangen so hart stößest,
Daß, wärst du lebend auch, zu hart es wäre? -

Lebendig bin ich, und das kann dir lieb sein,
War meine Antwort, wenn du Ruhm begehrest,
Daß deinen Namen ich zu andren schreibe. -

Doch er darauf: Das Gegenteil begehr' ich.
Geh nun; laß ab, mich länger noch zu quälen,
Denn schlecht versteht hier unten du zu schmeicheln. -

Ich aber packt' ihn fest beim hintern Haupthaar,
Und sprach: Den Namen sollst du doch mir sagen,
Sonst wird hier oben nicht ein Haar dir bleiben. -

Und er darauf: Wie sehr du mich auch raufest,
Nicht sag' ich, wer ich sei, noch offenbar' ich's,
Wenn du auf's Haupt auch tausendmal mir herfällst. -

Schon hielt die Haar' ich in der Hand umschlungen
Und ausgerauft hatt' ich ihm manchen Büschel,
Wozu er mit gesenkten Augen bellte;

Da rief ein andrer aus: Was hast du Bocca?
Genügt dir's nicht zu klappen mit den Zähnen,
Daß du noch bellen mußt; was Teufel ist dir? -

Böswilliger Verräter, nun verlang' ich
Nicht daß du redest, sagt' ich, dir zur Schande
Werd' ich schon wahre Kunde von dir geben. -

Drauf er: Geh' hin und was du willst erzähle;
Entsteigst du aber diesem Schlund, so schweige
Von dem nicht, dessen Zunge jetzt so rasch war.

Das Geld beweint er, das ihm Frankreich gab.
Ich sah, so kannst du sagen, den von Duera
Da wo's den Sündern nicht an Kühlung mangelt.

Und fragt man dich, wer sonst noch hier gewesen,
So hast den Beccheria du zur Seite,
Dem Florenz einst die Gurgel durchgeschnitten.

Gianni de' Soldanier ist, denk ich, weiter
Dorthin mit Ganellon und Tribaldello,
Der als man schlief Faenza's Tor geöffnet. -

Schon hatten wir ihn hinter uns gelassen,
Als zwei ich sah in ein Loch eingefroren,
So daß des einen Haupt des andren Hut war.

Und wie in's Brot der Hungrige hineinbeißt,
So packt der obre jenen mit den Zähnen,
Wo das Gehirn dem Nacken sich verbindet.

Nicht anders nagte Menalippus' Schläfe
Tydeus vor großem Zorn, als dieser Schatten
Des andren Schädel tat und was dem angrenzt.

Der durch dein viehisches Gebahren du
Dem Haß bezeig'st von dem du issest, sagt' ich,
Erzähle mir den Grund, und ich verspreche,

Daß, wenn du recht hast über ihn zu klagen,
Und ich erst, wer ihr seid und seine Sünde
Vernahm, ich's in der Oberwelt dir lohne,

Wenn die, mit der ich rede, nicht vertrocknet. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 33
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 33

Vom grauenhaften Mahl erhob der Sünder
Den blut'gen Mund und wischt ihn an den Haaren
Des Schädels ab, den hinten er zerfleischt;

Dann sprach er: Du begehrst, daß ich erneue
Den wilden Schmerz, den mir schon in Gedanken
Das Herz abpreßt, noch eh' ich von ihm rede;

Doch, soll mein Wort zum Samenkorne werden,
Aus welchem Schande keimt für den Verräter,
Den ich benagt, so will ich weinend sprechen.

Ich weiß nicht wer du bist, noch welchen Weges
Hierher du kamst, doch hör' ich deine Rede,
So dünkst du wahrlich mir ein Florentiner.

So wisse denn, ich war Graf Ugolino
Und dieser ist der Erzbischof Ruggieri;
Warum ich solch ein Nachbar bin vernimm nun.

Daß ich infolge seiner schlauen Tücken
Gefangen ward, weil ich ihm Zutrau'n schenkte,
Und dann getötet, darf ich nicht erst sagen;

Allein was niemand dir berichten konnte,
Wie grausam meines Todes Art gewesen,
Das hör', und sprich dann ob mein Haß gerecht ist.

Schon hatte manchen Mond das schmale Lichtloch
Des Kerkers, der nach mir der Hungerturm heißt,
Und andre künftig noch einschließen wird,

Durch seine Öffnung mich erblicken lassen,
Als mir der Schlaf das böse Traumbild brachte,
Das von der Zukunft mir den Schleier riß.

Als Herrn und Meister sah ich diesen hier
So Wolf als Wölflein jagen auf dem Berge,
Der die Pisaner nicht bis Lucca sehn läßt.

Es ritten vor ihm her mit einer Meute
Von magren Hündinnen, die gierig spürten,
Sismondi, nebst Gualandi und Lanfranchi.

Ermüden sah ich schon nach kurzem Laufe
Den Vater wie die Jungen; ihre Weichen
Sah ich der Rüden scharfen Zahn zerreißen.

Als ich erwacht war eh' der Morgen graute,
Hört' ich im Schlafe meine Kinder weinen,
Die mit mir waren, und nach Brot verlangen.

Hartherzig bist du, wenn du nicht schon mitfühlst,
Erwägst du was mein banges Herz nun ahnte;
Und, weinst du nicht, um was pflegst du zu weinen?

Auch sie erwachten, und die Stunde nahte,
Zu der man Nahrung uns zu reichen pflegte,
Und seines Traumes dachte jeder sorgend.

Vernageln hört' ich da den untren Ausgang
Des grauenvollen Turmes, und ich schaute
Sprachlos darum in meiner Kinder Antlitz.

Ich weinte nicht, so sehr erstarrt' ich innen;
Sie aber weinten und mein Anselmuccio
Rief aus: Du blickst so, Vater, sprich, was ist dir? -

Und dennoch weint ich nicht und gab nicht Antwort
Den ganzen Tag nicht und die Nacht die folgte,
Bis abermals der Welt die Sonne aufging.

Als etwas Licht bis in den Schmerzenskerker
Gedrungen war, und ich die eignen Züge
In vier Gesichtern abgespiegelt sah,

Biß ich vor Jammer mir die beiden Hände
Da richteten, im Wahne, daß, nach Speise
Verlangend, ich's getan, sie schnell sich auf

Und sagten: Vater, glaub', es schmerzt uns minder,
Wenn du von uns dich nährst; bekleidet hast du
Mit diesem armen Fleisch uns, nimm es wieder! -

Und ich bezwang mich, ihren Schmerz zu mildern;
Stumm blieben diesen Tag wir und den nächsten.
Was tat'st du dich nicht auf, grausame Erde?

Als wir gelangt zum vierten Tage waren
Warf Gaddo sich mir ausgestreckt zu Füßen.
Und rief: Mein Vater, warum hilfst du nicht? -

So redend starb er, und, wie du mich siehst,
Sah ich vom fünften bis zum sechsten Tage
Die drei hinsinken, einen nach dem andren.

Schon blind, tappt' ich von Leiche dann zu Leiche
Und rief zwei Tage sie nach ihrem Tode,
Bis, was kein Schmerz vermocht, der Hunger tat. -

Als er geendet, faßt' er stieren Blickes
Den armen Schädel mit den Zähnen wieder,
Die, Hundeszähnen gleich, sich hart bewährten.

O Pisa, Schande du des Menschenstammes
Im schönen Lande, wo das sì ertönet!
Wenn deine Nachbarn dich zu strafen säumen,

So soll Caprara und Gorgona kommen,
Den Arno an der Mündung aufzustauen.
Um zu ersäufen, was in dir nur atmet.

Verklagte das Gerücht Graf Ugolino,
Daß an den Feind die Burgen er verraten,
So durftest du die Knaben doch nicht martern.

Von Schuld entband die Jugend, neues Theben,
Brigata, Uguccione und die beiden,
Die oben schon von meinem Lied genannt sind.

Wir gingen weiter dorthin, wo die Decke
Des Eises andre Schatten grausam einschnürt,
Nicht vorgebeugt, nein auf dem Rücken liegend.

Das Weinen selbst verhindert dort am Weinen;
Die Träne, die im Aug' ein Hemmnis findet,
Drängt sich zurück, die innre Angst zu mehren.

Zu einem Damm erstarr'n die ersten Tränen
Und füllen, gleich kristallenen Visieren,
Die ganze Höhlung unterhalb der Brauen. -

Obwohl auf meinem Angesicht die Kälte,
Als wäre schwielenhart die Haut geworden,
Fast ganz ertötet die Empfindung hatte,

So glaubt' ich dennoch Windeswehn zu spüren,
Und sagte: Meister, was bewegt die Luft hier;
Ist nicht hier unten jeder Dunst erloschen? -

Drauf er zu mir: Bald wirst du dorthin kommen,
Wo hierauf Antwort dir dein Auge gibt,
Siehst es den Grund, von dem dies Wehen ausgeht. -

Ein Sünder aber aus der kalten Decke
Hub an: Ihr Seelen, die so schuldbeladen
Ihr seid, daß euch der letzte Platz zuteil wird,

Lös't von den Augen mir die harten Schleier
Damit der Schmerz, der mir das Herz drückt, etwas
Ausström', eh' wieder mir die Tränen frieren. -

Drauf ich zu ihm: Begehrst du meine Hilfe,
So sage, wer du bist, und tu' ich's dann nicht,
Mög' auf des Eises Grund ich steigen müssen. -

Da sagt' er: Frate Alberigo bin ich,
Der Früchte bot, gereift in bösem Garten;
Doch hier bezahlt für Feigen man mir Datteln. -

Wie, sagt' ich, bist du denn bereits gestorben? -
Und er zu mir: Wie's meinem Körper gehe
Dort oben in der Welt, kann ich nicht sagen;

Das ist das Vorrecht dieser Ptolemäa,
Daß oft die Seele schon in sie herabfällt,
Eh' Atropos zu scheiden ihr geheißen.

Und daß bereiter, die verglasten Tränen
Du sei'st vom Angesicht mir wegzunehmen,
So wisse, daß sobald, wie ich getan,

Verrat die Seele übt, von ihrem Leibe
Besitz ein Teufel nimmt, bis abgelaufen
Die ganze Zeit ist, die ihm zugemessen;

Sie aber stürzt hinab in diesen Brunnen.
Vielleicht erscheint dort oben noch der Körper
Des Schattens, der dort hinten eingewintert;

Du mußt es wissen, wenn du eben herkömmst.
Ser Branca d'Oria ist es, und schon Jahre
Verstrichen, seit ihn so das Eis umschließet. -

Ich glaube, sagt' ich ihm, du willst mich täuschen;
Denn Branca d'Oria starb bisher mit nichten,
Der ißt und trinkt und schläft und geht in Kleidern. -

Dort oben in dem Tal der Malebranche,
Wo stets im Sieden bleibt das zähe Pech,
War Michel Zanche noch nicht eingetroffen,

Als dieser schon, statt seiner, einen Teufel
In seinem Leibe ließ und des Verwandten,
Der zum Verrate sich mit ihm verbunden.

Doch strecke zu mir nieder nun die Hand aus
Und öffne mir die Augen! - Doch ich tat's nicht,
Und hart mit ihm zu sein, war Schuldigkeit.

O Genuesen, Volk das abgewendet
Von aller Sitte ist und voller Tücke,
Warum seid aus der Welt ihr nicht verstoßen!

Denn mit dem schlimmsten Schatten aus Romagna
Fand ich der euren einen, dessen Sünden
Die Seele dort schon im Cocytus büßet,

Obwohl der Leib hier oben scheint zu leben.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 34
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 34

Des Höllenköniges Paniere wehen
Uns schon entgegen, sagte nun mein Meister,
Drum blicke vorwärts, ob du ihn erkennest. -

Wie eine Mühle die vom Wind bewegt wird
Erscheint, wenn dichte Nebel streichen, oder
Die Nacht beginnt auf unsrer Hemisphäre,

Solch' ein Gebäude glaubt' ich zu erblicken;
Dann zog ich hinter meinen Führer, wegen
Des Windes, mich zurück, da sonst nichts schützte.

Schon waren wir, und schaudernd schreib' ich's nieder,
Dort wo die Schatten ganz im Eise staken,
Und drin erschienen, wie der Halm im Glase;

Die einen ausgestrekt, die andren aufrecht,
Die oben mit dem Kopf, die mit den Sohlen,
Gekrümmt das Haupt bis zu den Füßen jene.

Als vorwärts wir so weit gekommen waren,
Daß mir die Kreatur, die einst so schön war,
Zu zeigen, meinem Führer an der Zeit schien,

Trat er zur Seit' und hieß mich stille stehn.
Sieh' sprach er, hier ist Dis, und hier die Stelle,
Wo dir, mit Stärke dich zu waffnen, not tut. -

Nicht frage Leser, wie ich da erstarrte,
Wie alle Kraft mir schwand; ich schreib es nimmer,
Weil ungenügend alles Reden wäre.

Ich starb nicht, und doch blieb ich nicht lebendig;
So denke denn, bist du des Denkens fähig,
Wie, Tod und Leben missend, mir zu Mut war!

Der Kaiser von dem Reich der Schmerzen ragte
Vor aus dem Eise mit der halben Brust,
Und, mehr entsprech' ich der Giganten Größe,

Als die Giganten seinen Armen gleichen.
Erwäge nun, wie groß das Ganze sein muß,
Damit es solcher Glieder Maß entspreche!

Wenn er so schön war, als er häßlich jetzt ist,
Und gegen seinen Schöpfer dennoch aufstand,
Muß alles Leiden freilich von ihm ausgehn.

Welch staunenswertes Wunder schien es mir,
Als drei Gesichter ich an seinem Haupt sah:
Das eine vorn, und das war roter Farbe;

Die andren waren zwei, die sich an dieses
Anfügten, über jeder Schulter Mitte,
Und sich verbanden an des Wirbels Stelle.

Weißgelblich war das zu der rechten Seite,
Das linke glich an Farbe denen, welche
Von daher kamen, wo der Nil zu Tal fließt.

Zwei Flügel ragten unter jedem Antlitz
So groß, wie solchem Vogel sie geziemten;
Nie sah ein Seeschiff ich mit größren Segeln.

Sie waren federlos und ihre Weise
Glich der der Fledermaus; von ihrem Schlagen
Entstand dreifacher Wind nach den drei Seiten,

Von dessen Wehn erstarrte der Cocytus.
Er weinte aus sechs Augen, an drei Kinnen
Troff mit den Tränen blut'ger Geifer nieder.

In jedem Maul zerquetscht' er einen Sünder
Mit seinen Zähnen, ähnlich wie man Flachs bricht,
So daß er drei in solcher Weise quälte.

Für den nach vorne war das Beißen wenig,
Verglichen mit dem Kratzen, so daß öfters
Der ganze Rücken aller Haut beraubt war.

Judas Ischarioth ist jene Seele,
Die schwerste Qual erfährt, das Haupt nach innen,
Die Beine außen zappelnd, sprach mein Meister.

Von den zwei andren, deren Kopf herabhängt,
Ist der dort links im schwarzen Rachen Brutus;
Sieh, wie er sich verdreht und dennoch stumm bleibt.

Der andre, der so kräftig scheint, ist Cassius.
Allein die Nacht kehrt wieder, und zu scheiden
Ist's an der Zeit, da alles wir gesehen. -

Den Hals umschlang ich ihm, wie er geheißen;
Er aber nahm des Ortes und der Zeit wahr
Und, als genug die Flügel sich geöffnet,

Packt' er sich fest an die behaarten Rippen.
Von Zotte stieg er dann zu Zotte zwischen
Dem dichten Haare und der Eiswand nieder.

Als wir zur Stelle kamen, wo der Schenkel
Sich wendet in der Hüfte größter Wölbung,
Da wandt' er, angestrengt und unter Keuchen,

Wie wer emporsteigt tut, an's Haar sich klammernd;
Dorthin das Haupt, wo erst die Füße waren;
So daß zur Hölle ich zu kehren glaubte.

Umhalse fest mich, denn auf solcher Leiter
(So sprach mein Meister wie ein Müder stöhnend)
Entklimmen wir allein so schwerem Übel. -

Aus einem Felsenloche stieg er endlich,
Und setzte mich auf dessen Rande nieder;
Dann folgt' er mit vorsicht'gem Schritt mir nach.

Ich hob das Aug' und glaubte Luzifer
Zu sehn, so wie ich ihn verlassen hatte,
Und sah die Bein' ihn nun nach oben strecken.

Und wenn die Angst mich damals übermannte,
So denke nach, wem noch nicht klargeworden,
Was für ein Punkt von mir war überschritten.

Erhebe dich, begann nunmehr mein Meister,
Der Weg ist lang und schlimm zu gehn der Pfad,
Fast seit zwei Stunden steht die Sonn' am Himmel -

Das war kein Weg gleich eines Schlosses Rampe
Den wir nun stiegen; eine Felsenklüftung
Mit rauhem Boden und des Lichts ermangelnd.

Als ich mich aufgerichtet, sprach ich: Meister,
Eh' diesem Abgrund ganz ich mich entrissen,
Gib Auskunft mir und tilge meinen Irrtum.

Wo ist das Eisfeld, und weshalb steckt dieser
Den Kopf zu unterst, und wie ging die Sonne
So schnell vom Abend zu dem Morgen über? -

Drauf er zu mir: Du glaubst, noch immer sei'st du
Jenseits des Mittelpunktes, wo ich die Haare
Des Wurmes der die Welt durchnagt, ergriffen.

So lang' ich niederstieg, warst du noch jenseits;
Als ich mich wandte warst du an dem Punkte,
Zu dem aus aller Welt die Schwere hinzieht.

Doch nun gelangtest du zur Hemisphäre
Der gegenüber, die das große Festland
Bedeckt, und unter deren Gipfel starb

Der sündenlos geboren ward und lebte
Du hast die Füß' auf einem kleinen Kreise,
Der die Kehrseite der Judecca bildet.

Hier ist es Morgen, wenn es Abend dort ist,
Und noch steckt ebenso, wie er zuvor tat,
Der, dessen Haar als Leiter uns gedient.

Vom Himmel stürzt' auf dieser Seit' er nieder,
Und alles Land, das diesseits sich erhoben,
Verbarg aus Furcht sich in des Meeres Schleier

Und tauchte auf in eurer Hemisphäre;
Hier aber ließ vielleicht es diese Höhlung
Um ihn zu fliehn, und türmte sich zum Berge. -

Von Beelzebub erstreckt ein Raum dort unten
So weit sich als die Höllengrube diesseits;
Doch nicht das Auge, nur das Ohr erkennt ihn

Am Rauschen eines Bach's, der das Geklüfte,
Durch das in Windungen mit wenig Falle
Er absteigt, in den Felsen selbst genagt hat.

Auf so verborgnem Pfad begann mein Führer
Mit mir zur lichten Welt zurückzukehren.
So stiegen, er zuerst und ich ihm folgend,

Wir ohn' uns Ruh zu gönnen immer aufwärts,
Bis durch ein rundes Loch ich wieder etwas
Von dem gewahr ward, was den Himmel schmückt;

Dann traten wir hinaus und sahn die Sterne.


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