Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Karl Vossler - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Verirrung - Die wilden Tiere - Der Retter Vergil

Dem Höhepunkt des Lebens war ich nahe,
da mich ein dunkler Wald umfing und ich,
verirrt, den rechten Weg nicht wieder fand.
Wie war der Wald so dicht und dornig,
o weh, daß ich es nicht erzählen mag
und die Erinnerung daran mich schreckt.
Viel bitterer kann selbst der Tod nicht sein.
Doch um das Gute, wie es dort mir wurde,
zu zeigen, kommt das andre auch zum Wort. -
Ich weiß nicht recht, wie ich hinein geriet,
war nach und nach so schläferig geworden,
bis daß ich abkam weit vom rechten Weg.
Als ich dann aber vor dem Hügel stand,
allwo die Schlucht im Wald sich endlich auftat,
die mir das angstbeklommne Herz bedrängte,
blickt ich empor und sah die Kurven schon
des Bergs umhüllt vom strahlenden Gestirn,
das jedem seine Wanderpfade sichert.
Und jetzt entspannte sich die Angst ein wenig,
die mir so jammervoll die ganze Nacht
im Innersten des Herzens sich verkrampfte.
Wie einer, der nach Atem keuchend ringt,
sich aus dem Meer ans Ufer hat gerettet,
zurückschaut auf das fürchterliche Wasser,
so wandte sich, noch immer weiter fliehend,
mein Sinn, die Schlucht noch einmal zu bestaunen,
die keinen mit dem Leben je entließ.
Den müden Leib ein wenig ausgeruht,
nun wieder auf, den öden Hang hinan,
und stemmte stets mich auf den tiefren Fuß.
Schon gleich am steilen Anstieg, siehe da,
entgegen mir ein schlankes flinkes Pardel,
und derart huscht sein buntgeflecktes Fell
im Hin und Her mir immer vors Gesicht
und stört und hindert meinen Aufstieg so,
daß ich schon wankend wieder weichen wollte.

Es war die Stunde aber früh am Morgen,
die Sonne stieg samt allen jenen Sternen,
die um sie waren, als am ersten Tag
aus Schöpfers Liebe herrlich trat das All.
Drum hatt ich guten Grund mich keines Args
im milden Lenz beim ersten Tageslicht
von jenem muntern Raubtier zu versehen.
Und dennoch mußt ich gleich mich wieder fürchten
beim Anblick eines Löwen, der erschien:
Mir war, als käm' er grade auf mich zu,
erhobnen Haupts, so hungrig und so wütend,
daß fast die Luft vor ihm erzitterte.
Und eine Wölfin, siehe, unersättlich
und voller Gier in ihrer Magerheit,
alte Verderberin der Menschenvölker!
Der grauenvolle Ausdruck ihres Blickes
befiel wie Lähmung mich an Herz und Gliedern,
und meine Hoffnung nach der Höhe schwand.
Dem Manne gleich, der auf Gewinn erpicht
und dem zur Stunde des Verlustes dann
sein ganzes Denken trüb und kläglich wird,
ward ich durch jenes ruhelose Tier,
wie's mir entgegenkam und Schritt für Schritt
mich abwärts und zurück ins Dunkel drängte.

Indem ich so ins Tiefe sank und fiel,
erstand ein Mensch vor meinen Augen,
der wohl lange ohne Kraft und Stimme schon
in weiter Einsamkeit gewesen war.
»Erbarm dich meiner!« rief ich, »wer du seist,
ein Schatten oder ein lebend'ger Mensch!«
»Ich bin«, sprach er, »kein Mensch, doch war ich's einst,
und aus Lombardien stammten meine Eltern
und beider Heimatstadt war Mantua.
Ich wurde noch geboren unter Julius
und lebt' in Rom unter dem guten Herrn
Augustus in der Zeit der Heidengötter.
Als Dichter sang ich des Anchises Sohn,
den Treuen, der zu uns von Troja kam,
nachdem das stolze Ilion verbrannt.
Doch du, warum zurück in argen Jammer
und nicht hinauf den wonnereichen Berg,
allwo der Urquell echter Freude springt?«
»Vergilius also bist du, bist der Born,
aus dem so reich die goldnen Worte strömen?«
Ich sprach es schüchtern mit gesenkter Stirn.
»Du Ruhm und Leuchte über allen Dichtern,
laß all den Fleiß, lass meine große Liebe,
womit ich häng an deinem Buche, gelten!
Du bist der Meister mir, der schöpferische,
der einzige, von dem die hohe Kunst
des Worts ich habe, die mir Ehre bringt. -
Sieh dort das Tier, vor dem ich fliehen muß,
und steh mir bei, berühmter, weiser Mann,
mir bebt das Blut vor ihm in allen Adern.«
»Ein andrer Weg als dieser ist der deine,
willst du aus dieser Wildnis dich noch retten«,
erwidert er, da er mich weinen sah.
»Die Wölfin, die den Angstschrei dir erpreßt,
läßt niemand seinen Weg in Ruhe gehn,
sie stellt den Menschen, und sie tötet ihn.
Bösartig ist sie und verrucht und gierig,
wird nimmer satt in ihrer jähen Lust,
und nach dem Fraße wächst erst recht ihr Hunger.
Von vielen Tieren läßt sie sich begatten,
mit vielen andern wird sie's treiben ‒ bis
der Jagdhund kommt und ihr den Garaus macht.
Den hungert nicht nach irdischem Metall:
nach Weisheit, Liebe nur und Festigkeit,
und unter schlichtem Filz wird er geboren.
Erlösen wird er dieses arme liebe
italisch Land, für das Camilla, Turnus,
Euryalus und Nisus kämpfend starben.
Durch alle Städte jagt er dann die Wölfin,
bis sie zur Hölle fährt in alte Nacht,
aus der zuerst der Neid sie ausgespien.
Zu deinem Besten denk ich drum und rate,
daß du mir folgst, ich will dein Führer sein
und bring dich weg von hier in ewige Räume,
wo du verzweiflungsvolles Schreien hörst
und arme abgeschiedne Seelen siehst,
die dir den zweiten Tod entgegenheulen.
Und sollst die andern schauen, die mit Willen
im Feuer dulden, weil sie Hoffnung haben
früh oder spät zum Sitz der Seligen.
Willst du zu diesen dann dich noch erheben,
da wird ein würdigeres Wesen sein,
dem ich bei meinem Weggang dich anheimgeb,
dieweil der Kaiser, der dort oben herrscht,
durch mich, der sein Gesetz nicht anerkannte,
den Weg zu seiner Stadt nicht weisen läßt.
Allwärts gebietet ER, doch dorten herrscht ER.
Dort ist die Gottesstadt und dort sein Thron.
O glücklich, wen er auserwählt für dort!«
»Nun denn, mein Dichter«, sprach ich, »bei dem Gott,
den du verkanntest, bitt ich dich - daß ich
nur diesem Tier und Schlimmerem entgehe -
führ dort mich hin, wovon du eben sprachst,
laß mich das Tor des heiligen Petrus sehen
und die so schrecklich leiden, wie du sagst.«
Da schritt er aus, und ich ging hinter ihm.


Gesang 02

Vergils Sendung - Die drei seligen Frauen

Zur Neige ging der Tag, die Dämmerung
nahm allen Lebewesen auf der Erden
ihr Müh und Arbeit ab, und ich allein
begann mich einzusetzen in das Ringen
mit meinem weiten Weg und schweren Herzen.
Und nacherzählen will ich's ohne Fehl.
Ihr Musen, hohe Geisteskräfte, helft mir,
und du, die was ich schaute, hast verzeichnet,
Erinnerung, jetzt zeige deinen Adel!

„Der du mich führst, mein Dichter“, hub ich an,
„sieh zu, ob meine Kraft es auch vermag,
bevor du auf den steilen Steg mich bringst.
Du kündest, daß Aeneas noch im Fleisch
das ewige Seelenreich betrat und sah
mit irdschen Sinnen das Unsterbliche.
Daß es der Herr, der allem Unfug wehrt,
ihm gern erlaubte um der großen Wirkung
des Helden und des hohen Beispiels willen,
ist in der Ordnung, wenn man's recht bedenkt;
war er im Himmel doch schon auserwählt,
der Ahnherr Romas und des Reichs zu werden,
allwo dereinst, daß ich die Wahrheit sage,
die heilge Stätte zubereitet wurde,
da auf dem Stuhl Sankt Peters Erbe sitzt.
Auf jener Hadesfahrt, die du besingst,
gewann er Kenntnisse, die ihm den Sieg
gewährten und den Weg zum heiligen Mantel.
Paulus sodann, das 'auserwählte Werkzeug',
ward himmelan entrückt und brachte Stärkung
von dort für unsren Glauben an das Heil. -
Wozu? Mit wessen Gunst soll ich nun gehn?
Ich bin kein Paulus, bin Aeneas nicht.
So hoch glaub ich mich nicht, und niemand glaubt's.
Drum, wenn ich mich hinüberführen lasse,
so fürcht ich, wird es eine tolle Reise.
Du, Weiser, weißt es besser, als ich's sage.“
Einer, der seinem Wollen widerwill,
durch neu Bedenken seinen Vorsatz ändert,
vom angefangnen Werke völlig absteht,
so einer wurde ich in jener Nacht.
Mein Denken fraß das Unternehmen auf,
das vordem noch so ganz und fest gewesen.

„Hab ich im wahren Grund dein Wort verstanden“,
versetzte jener hochgesinnte Schatte,
„so hat dir Kleinmut an das Herz gegriffen,
und davon wird der Mensch oft so verstört,
daß er vom schönsten Unternehmen abspringt,
wie in der Dämmerung ein scheues Tier.
Damit du deine Bangigkeit verlierest,
will ich dir sagen, wie, weshalb ich gleich
dein' Not verstand und dir zu Hilfe kam.
Ich war im Kreis der Wartenden. Da rief
mich eine hohe Frau, so selig schön,
daß ich mir gern von ihr befehlen ließ.
Wie Wundersterne leuchteten die Augen,
als sie mir sanft und schlicht mit Engelsstimme
in Himmelssprache ihren Willen sagte:
'Du adeliger Geist aus Manua,
des Ruhm noch immer durch die Lande geht
und dauern wird in allem Lauf der Zeiten!
Mein armer Freund, dem Glück nicht freundlich ist,
im Aufstieg dort, gehemmt am öden Berghang,
hat sich aus Furcht zur Umkehr weggewendet
und ist vielleicht schon ganz verirrt. Ich fürchte
daß ich zu spät zu seiner Hilfe aufstand,
nach dem, was mir die Seligen von ihm sagten.
Nun eile du, mit deines Wortes Lockung,
mit allem, was zu seiner Rettung not tut,
hilf ihm, damit ich seiner mich getröste.
Ich, Beatrice, bin es, die dich schickt.
Von dort, wo immer es mich hinzieht, komm ich,
aus Liebe hergeführt, um fürzusprechen.
Wenn ich vor meines Herren Antlitz stehe,
will ich ihm lobend oft von dir erzählen.'
Sie schwieg, und ich begann und sprach zu ihr:
'Hochsinnige Frau, um deinetwillen nur
erheben sich die Menschen über alles,
was unterm Mond in irdischem Dunstkreis liegt.
Willkommen ist dein Auftrag mir so herzlich,
daß ich nicht schnell genug gehorchen kann.
Mehr braucht es nicht, ich kenne dein Belieben.
Nur sag mir noch, warum du dich nicht scheust,
in diese Erdenhöhle abzusteigen,
aus weiten Höhn, danach dein' Sehnsucht glüht.ʻ
‚Weil du so gründlich forschend danach fragst,
will ich dir kurz erklärenʻ, sagte sie,
‚weshalb ich ohne Furcht herniedersteige.
Zu fürchten hat man doch nur solche Dinge,
die wirklich Schaden anzutun vermögen,
die andern aber sind nicht fürchterlich.
Durch Gottes Gnade bin ich so geartet,
daß euer Elend mir nichts antun kann,
und euer Feuer bis zu mir nicht flammt.
Des Himmels holde Herrin fühlt Erbarmen
mit dieser Not, dahin du eilen sollst,
und harten Spruch dort oben sänftigt sie.
Der hoffenden Lucía zugewandt:
‚Jetzt braucht dein treuer Knecht dichʻ, mahnte sie,
‚in deinen Schutz sei er durch mich empfohlen.ʻ
Lucía, aller Schroffheit abgeneigt,
machte sich auf nach mir und fand mich so
beschaulich bei der greisen Rahel sitzen
und sprach: ‚Zu Gottes reinem Lob bestellte
Beatrice du, willst du nicht helfen ihm,
der dir zuliebe sich hervorgetan?
Hörst du den Jammer seiner Klage nicht?
Siehst nicht den Tod, der ihn ergreifen will
und mit sich reißen, mächtiger als das Meer?ʻ -
Noch nie auf Erden hat ein Mensch so flink
sein Glück gehascht, sein Weh geflohn, so flink
wie ich bei diesen Worten niederfuhr
von meinem Himmelssitz, und - dir vertrau ich
und deiner lauteren Beredsamkeit,
die dich und deine treuen Hörer ehrt.ʻ
Nachdem sie so mich unterrichtet hatte,
blickt sie sich um aus tränenfeuchten Augen,
daß es mich um so mehr zu Eile trieb.
So kam ich denn zu dir nach ihrem Willen,
und aus dem Weg des Tieres bracht ich dich,
das dir den kurzen Pfad hinauf verwehrte.
Wie nun, und warum stehst du noch und zagst?
Und hegst im Herzen solche Schwächlichkeit?
Warum nicht kühnen freien Muts voran,
wenn solche Frauen segensreich selbdritt
am Thron des Himmels für dich Sorge tragen,
und dir mein Wort so reiches Heil verspricht?“

Wie Blümlein, die der Nachtfrost schloß und beugte,
sobald die Sonne ihnen wieder scheint,
die Stiele recken und die Kelche auftun,
erholt ich mich von meiner Mattigkeit,
und neuer Mut durchflutete mein Herz.
Ich sprach wie ein befreiter Mann und sagte:
„Wie herzensgut ist sie, daß sie mir half,
wie freundlich du, daß du so rasch gehorchst
der wahren Weisung, die sie zu dir brachte.
Du hast den Wunsch mir in der Brust geweckt
mit deinen Worten, daß ich wandern will
und wieder fest im ersten Vorsatz bin.
Brich auf, wir haben beide einen Willen.
Du bist mir Führer, bist mein Herr und Meister.“
Ich sprach's, und wie sein Schritt sich vorwärts regte,
betrat auch ich den steilen rauhen Weg.


Gesang 03

Höllentor - Feiglinge - Acheron

„Ich bin der Eingang in die Stadt der Schmerzen,
ich bin der Eingang in das ewige Leid,
ich bin der Eingang zum verlornen Volk.
Gerechtigkeit bewegte meinen Bauherrn,
die Allmacht Gottes richtete mich auf,
die höchste Weisheit und die erste Liebe.
Geschaffne Wesen gab es nicht vor mir,
nur ewige, und ewig stehe ich.
Tu, der du eintrittst, alle Hoffnung ab.“

Als Inschrift sah ich diese finstern Worte
hoch über einem Tore stehn und wandte
an meinen Führer mich: „Ein harter Sinn!“
Und er, der gleich verstand, entgegnete:
„Hier giltʼs sich jeder Halbheit zu entschlagen,
hier giltʼs den Kleinmut in sich zu ersticken
Wir sind am Ort, von dem ich dir gesagt,
daß du die leidensvollen Menschen wirst
zu sehn bekommen, die das Licht verloren.“
Und damit legtʼ er seine Hand auf meine
und sah mich heiter an und machtʼ mir Mut
und führte mich in die verborgne Welt.
Da war von Seufzen, Weinen, Wehgeschrei
rings um mich her in sterneloser Luft
ein Widerhall, daß mir die Tränen kamen.
Verschiedne Sprachen, fürchterliche Reden
und Worte, Ausbrüche von Schmerz und Wut
mit Stimmen scharf und dumpf, und Handgeklatsche
machten ein Durcheinander, einen Wirbel,
der wie im Wüstensturm der Sand sich ballt
und ewig durch den grauen Dämmer fegt.
Ein Ring des Schauders lief mir ums Gehirn
und: „Meister“, fragtʼ ich, „was bedeutet dies
Getöse, diese schmerzergriffnen Menschen?“
Und er: „So ist das klägliche Gebaren
der armen Seelen, die ihr Leben lang
sich weder Ruhm noch Schmach verdienen konnten.
Sie sind den faulen Engelscharen bei-
gemischt, die gegen Gott sich nicht empörten,
noch treu ihm waren, sondern nur für sich.
Der Himmel stieß sie aus, um rein zu bleiben;
die Hölle läßt sie tiefer nicht hinab,
weil sie die Schmach der Bösen schmälern könnten.“
Ich frug: „Was lastet nur so schwer auf ihnen,
daß sie so heftig jammern müssen, Meister?“
„Ich willʼs dir kurz erklären“, sagte er.
„Vom Tode haben diese nichts zu hoffen,
ihr Leben ist so blind, ist so gemein,
daß jedes andre Los für sie ein Neid.
Getilgt ihr Name in der Welt, verworfen
von Gnade und Gerechtigkeit ihr Wert.
Nichts mehr davon, schau hin und geh vorbei!“
Und wie ich schaute, sah ich eine Fahne,
die ging so schnell im Kreise um und um,
als wäre sie zu stolz, sich festzulegen,
und hinter ihr ein langer Menschenschweif
und so viel Volk, daß ich nicht glauben konnte,
es seien je so viele schon verblichen.
Schon hatt ich den und jenen auch erkannt,
als ich von dem den Schatten sah und kannte,
der feig den großen Auftrag von sich wies.
Jetzt sah ich plötzlich ein und wurde sicher,
daß ich den ganzen Auswurf vor mir hatte,
den Gott nicht will, und seine Feinde nicht.
Unselige, die nie lebendig waren;
sie liefen nackt herum und sehr zerstochen
von Wespen und von großen Mückenschwärmen,
so daß ihr Blut herniederrieselte,
vermischt mit Tränen über das Gesicht
bis auf die Füße, woʼs die Würmer leckten.

Als ich noch weiter auszuschaun versuchte,
sah ich zum Ufer eines großen Stromes
die Menschen ziehn und sprach: „Vergönn mir, Meister,
zu wissen, wer sie sind und welcher Brauch
sie treibt, daß sie so schnell hinüber wollen,
soviel im schwachen Licht ich unterscheide.“
Und er zu mir: „Dies alles wird dir kund,
sobald wir hingewandert sind und stehn
am düstern Ufer dort des Acheron.“
Da schämtʼ ich mich und schlug die Augen nieder,
daß nur mein Fragen ihm nicht lästig würde,
und sagte bis zum Fluß kein Wörtchen mehr.
Es kam, sieh da, zu Schiff einhergefahren
ein alter weißbehaarter Mann und rief:
„Verworfne Seelen, wehe, nimmermehr
sollt ihr den Himmel seh, hier gilt kein Hoffen.
Ans andre Ufer bring ich euch hinüber
in ewige Finsternis zu Glut und Eis.
Du aber, der dort stehst mit heiler Seele,
geh weg von jenen, die des Todes sind!“
Und wie er sah, daß ich nicht weichen wollte:
„Auf andrem Weg, von andern Häfen aus,
nicht hier“, sprach er, „ist deine Überfahrt.
Ein flotteres Fahrzeug ist für dich bestimmt.“
Da wies mein Führer ihn zurecht: „Charon,
erhitz dich nicht, beschlossen so istʼs dort,
wo Wille Macht ist, glaub es mir und schweig!“
Hierauf beruhigten sich die zottigen Backen
des Fergen auf dem leichenhaften Wasser,
der aus zwei Flammenrädern sprühend blickte.

Und bleiche Angst mit Zähneklappern faßte
die müden, nacktgewordnen Seelen an,
da sie des Schiffers grimme Worte hörten.
Sie lästerten auf Gott und ihre Väter,
das menschliche Geschlecht, den Ort, die Zeit,
den Samen ihrer Herkunft und Geburt,
dann drängten sie sich alle heftig weinend
zusammen an den unheilvollen Strand,
wo jeder Mensch, der Gott nicht fürchtet, hin muß.
Der düstre Charon mit den Feueraugen
winkt sie heran und ordnet sie zu Hauf,
mit seinem Ruder schlägt er jeden Säumigen.
Wie Blätter, die vom Baum im Spätherbst fallen,
und eines nach dem andern flattert weg,
bis aller Schmuck der Zweige unten liegt,
so springen die verworfnen Adamskinder
auf Wink des Fergen eins ums andre ab
vom Ufer, wie der Vogel auf den Lockruf.
Dann gehtʼs mit ihnen übers dunkle Wasser,
und eh sie drüben ausgestiegen sind,
versammelt wieder neue Schar sich diesseits.
„Mein Sohn“, erklärte mir der gütige Meister,
„es kommen alle, die in Gottes Zorn
versterben, hier von überall zusammen
und sind sofort zur Höllenfahrt bereit.
Der Rechtsspruch Gottes drängt und quält sie so,
daß sie das Fürchterliche sich ersehnen.
Für gute Seelen gibtʼs hier kein Hinüber,
daher, wie nunmehr du verstehen wirst,
sich Charon über dich ereifern muß.“

Kaum warʼs gesprochen, als das dunkle Land
so heftig bebte und ich so erschrak,
daß ichʼs noch heut nicht ohne Angstschweiß denke.
Ein Sturm, geboren aus dem Weh der Erde,
erzeugte Wetterstrahl und rotes Licht,
das jegliches Empfinden mir benahm,
und wie von Schlafe trunken sank ich hin.


Gesang 04

Der Limbus - Die Ungetauften - Die berühmten Geister des Altertums im Elysium

Ein dumpfer Donner brach den tiefen Schlaf
im Haupte mir und jäh fuhr ich empor,
wie ein gewaltsam Wachgerüttelter.
Das ausgeruhte Auge ließ ich wandern
ringsum und in die Höh und blickte scharf,
um auszukunden, wo ich denn nun war.
Und in der Tat, am Rand des Tales stand ich,
das in den Abgrund allen Schmerzes führt,
wo ungezähltes Weh sich staut und rollt.
Ein dunkles, tiefes, nebeldunstig Tal.
So weit mein Blick hinunterbohren mochte,
erfaßt er nirgend ein bestimmtes Ding.
„Wir steigen jetzt hinab ins blinde Reich.“
Mein Dichter sprachʼs und wurde totenblaß.
„Ich will vorangehn, und du sollst mir folgen.“
Wie er erblaßte, hatt ich wohl bemerkt
und sprach: „Wie soll ich gehn, wenn du erschauerst,
der du mich Zagenden zu stärken pflegst.“
„Die Not der Menschen, die da unten zittern“,
erwidert er, „verfärbt mir das Gesicht,
und Mitleid ist, was du als Furcht verstehst.
Doch vorwärts! Eile heischt der lange Weg.“
Und damit drang er ein und führt mich ein
zum ersten Ring, der um den Abgrund läuft.

Da war, soviel man lauschend merken konnte,
kein Weinen, nur ein leises Seufzen noch,
das zitternd durch die ewigen Lüfte ging;
es kam von einem Leiden ohne Qual,
darunter schmachteten in großen Scharen
gar viele Kindlein, Weiber auch und Männer.
Der gute Meister sprach: „Willst du nicht wissen,
was es für Geister sind, die du hier siehst?
So merke dir, bevor du weiter gehst,
zwar sündigten sie nicht, doch ihr Verdienst
genügt nicht, weil die Taufe ihnen fehlt,
die erst den Zugang schafft zu eurem Glauben.
Und, so sie vor dem Christentum schon lebten
verehrten sie noch nicht genug den Herrn.
Zu diesen Mangelnden gehör auch ich.
Durch solchen Fehl und keine weitre Schuld
sind wir verloren, unser ganzes Leid
ist: hoffnungslos in Sehnsucht leben müssen.“
Dies schmerzte mich, da ichʼs vernahm im Herzen,
denn Menschen unter ihnen hohen Wertes
erkannt ich, die in diesem Vorhof harrten.
„O sag mir, Herr, und sag mir, Meister mein“,
begann ich, denn ich wollte mich versichern
im rechten Glauben gegen jeden Irrtum,
„kam hier noch keiner frei durch eignes Werk?
durch fremde Hilf? und stieg zur Seligkeit?“
Er ahnte den versteckten Sinn der Frage
und sprach: „Ein Neuling war ich noch hienieden,
als einen Mächtigen ich kommen sah,
den seines Sieges hohes Zeichen krönte.
Des ersten Vaters Schatten nahm er mit
und Abels, dessen Sohns, und Noahs Seele
und Moses und den frommen Patriarchen
Abram, den König David, Israel
und Vater Jakob, dessen Kinder auch
und seine langerdiente Gattin Rahel
und viele andre, die er selig machte.
Doch vorher, sollst du wissen, hat noch nie
sich eine Menschenseele retten können.“

Wir hielten uns nicht auf, dieweil er sprach,
und gingen immer weiter durch den Wald.
Es war ein Wald von dichtgedrängten Geistern.
Wir waren noch nicht lang talab gegangen,
als ich ein Feuer, eine helle Wölbung,
erblickte mitten in der Finsternis.
Zwar waren wir noch ziemlich weit davon,
doch soviel konnte ich schon unterscheiden,
daß dort ein ehrsam Art von Menschen wohnte.
„Erlauchter du in Kunst und Wissenschaft,
wer sind die Würdigen, die so ehrenvoll
sich zeigen und die andern übertreffen?“
Und er zu mir: „Ihr hoher Name hat
in deiner Welt so guten Klang und Glanz,
daß auch der Himmel ihnen Gunst erweist.“
Und plötzlich hört ich eine Stimme schallen:
„Erweiset Ehre unserm höchsten Dichter,
sein Schatte, der entschwunden war, kommt wieder.“
Nachdem die Stimme ausgeklungen hatte,
erschienen auf uns zu vier große Schatten,
gleichmütigen Gesichts, nicht froh, nicht traurig.
Der gute Meister gab mir gleich Bescheid:
„Schau diesen, der das Schwert in Händen trägt,
den andern dreiʼn als wie der Herr voran,
das ist Homer, der königliche Dichter,
der andre, der satirische Horaz,
Ovid der dritte und Lucan der letzte.
Da aber jedem so wie mir der Titel
gebührt, den einzig jene Stimme grüßte,
erweisen sie mir Ehre, und mit Recht.“
So durft ich die verklärten Jünger sehen,
geschart um jenen Meister des Gesangs,
der wie der Adler über allen schwebt.
Nachdem sie kurz sich unterredet hatten,
bewegten sie sich grüßend zu mir her,
worüber lächelnd sich mein Meister freute,
und taten mir noch größre Ehre an:
sie ließen mich in ihrer Mitte gelten
als sechsten auf so hohem Rang der Weisheit.

So wandelten wir nach der Lichtung hin,
und was wir sprachen, war so edel dort
wieʼs unfein wäre hier zu wiederholen.
Wir standen bald vor einer stolzen Burg,
mit siebenfachem Maurring umgeben,
um die zum Schutz ein klares Bächlein lief.
Wir gingen drüber, wie wennʼs Festland wär.
Durch sieben Tore trat ich mit den Weisen.
Wir kamen auf ein frisches grünes Land,
und Menschen blickten würdevoll und ruhig,
verehrenswerte Hoheit auf den Zügen.
Sie sprachen wenig, sanft war ihre Stimme.
Wir aber zogen uns zurück zur Seite
nach einer hellen offnen Höhe hin,
und wo wir sie nun alle sehen konnten.
Ich, aufrecht auf der grünen Matte stehend,
bekam die großen Geister so zu schauen,
daß heute noch der Anblick mich entzückt.
Ich sah Elektra und der Ihren viele,
darunter Hektor und Aeneas waren.
Bewaffnet, adleräugig blickte Cäsar.
Camilla sah ich und Penthesilea
zur andern Seite, wo Latinus saß,
der König, mit Lavinia, seiner Tochter.
Ich sah den Brutus, des Tarquinius Feind,
Lucretia, Julia, Martia und Cornelia.
Abseits und einsam sah ich Saladin.
Als ich den Blick ein wenig höher warf,
sah ich den Meister aller Wissenden
im Kreis der Philosophenschüler sitzen.
Ihn ehren alle, ihn bewundern alle.
Da sah ich Sokrates und Plato auch,
die ihm am nächsten vor den andern stehn.
Und Demokrit, der Zufall sieht in allem,
Diogenes und Thales, Anaxagoras,
Empedokles, Zenon und Heraklit,
ich sah den Kenner des natürlich Eignen,
den Arzt Dioskorides, und sah den Orpheus,
den Tullius, Linus, Seneca Moralis,
Euklid, den Geometer, Ptolemäus,
Hippokrates, Galen und Avicenna,
Avérroes, den großen Kommentator.
Ich kann nicht alle zur Genüge schildern,
der reiche Gegenstand bedrängt mich so,
daß oft mein Wort die Sache nicht mehr faßt.
Vom Kreis der Sechse lösen sich nun zwei.
Auf andrem Wege bringt der Meister mich
aus stiller Klarheit in erregte Luft
in eine Gegend, wo nichts Helles ist.


Gesang 05

Der Höllenrichter Minos - Die Wollüstigen - Francesca von Rimini

So schritt ich von dem ersten Ring hinab
zum zweiten, der im Umkreis enger läuft
und desto mehr an Schmerz und Weh enthält.
Dort fletscht und knirscht der fürchterliche Minos;
er prüft beim Eintritt jede Sündenlast,
urteilt und weist den Rang durch Schweifes Ring:
denn wenn die arme Seele vor ihn tritt,
gesteht sie ihre ganze Missetat,
und er, der Kenner aller Sünde,
sieht sofort den Höllenrang, der ihr gebührt,
schlägt Ringe um sich mit dem Schweif so viele,
als er den Sünder drunten haben will.
Gar viele stehen wartend immer vor ihm
und kommen nacheinander ins Gericht,
bekennen, hören, stürzen in den Abgrund.
„Der du zum Sammelplatz des Leides kommst“,
rief Minos mir von weitem schon entgegen,
in seinem hohen Amt sich unterbrechend,
gib acht! Bedenke, wem du dich vertraust,
und daß der breite Eingang dich nicht täusche!“
Darauf mein Meister: „Warum schreist du so?
Versperr ihm nicht den vorbestimmten Weg,
beschlossen so istʼs dort, wo Wille Macht ist.
Dies muß genügen. Frage drum nicht weiter.“
Jetzt fängt es an, daß mir die Schmerzenslaute
ganz nahe gehn, hier an der Schwelle, wo
die Flut des Tränenjammers micht bestürmt.
Die Gegend wurde lichtlos um mich her,
wie auf dem Meer umbrüllte mich das Wetter,
wenn Winde gegen Winde feindlich wüten.
Die höllische Windsbraut rastet nie und reißt
die Geister mit sich wie geraubtes Zeug
und stößt und wirbelt unsanft sie umher.
Geworfen dorthin an die Felsentrümmer,
erheben sie ein Schreien, Klagen, Jammern
und lästern gegen Gottes Mächtigkeit.
Daß solcher Art von Qualen Fleischessünder
verfallen müssen, sah ich ein, dieweil
sie ihrer Lust, statt der Vernunft gehorchen.
Und wie die Staren auf den Flügeln schweben,
durch Winterluft in breiten vollen Schwärmen,
so fegt der Höllensturm die bösen Geister
nach rechts, nach links, hinauf, hinab ─ dahin.
Und keine Ruhe, keine Hoffnung winkt,
und keine Linderung in ihrer Qual.
Und wie die Kraniche im Klaggesang
in langen Reihen durch den Himmel ziehn,
so kamen, ihre Jammerslaute schwellend,
die Schatten auf der Windsbraut gegen mich.
Daher ich sagte: „Meister, wer sind diese
in Nacht und Sturm umhergepeitschten Menschen?“
„Die vorderste im Schwarm, von dem du Kunde
begehrst“, erwidert er, „war Kaiserin,
gebietend über Völker vieler Sprachen;
so zügellos der Unzucht hingegeben
trieb sieʼs, daß als Gesetz in ihrem Reich
die Lust nur galt und nichts mehr schmählich war.
Sie heißt Semiramis, man liest von ihr,
daß sie nach ihrem Gatten Ninus herrschte
über das Land, das heut des Sultans ist.
Die zweite tötete sich aus Verliebtheit,
dem toten Gatten treulos: das ist Dido;
ihr folgt Kleopatra, die buhlerische.
Dann siehst du Helena, um die so lange
der Krieg getobt, und siehst Achill, den Starken,
der schließlich nur noch mit der Liebe rang.
Den Paris und den Tristan schau!“ Und andre,
wohl mehr als tausend zeigtʼ und nannt er mir,
die liebesgierig um ihr Leben kamen.

Da ich von meinem Lehrer nennen hörte
die alten Namen all der Fraun und Ritter,
ergriffʼs mich wie ein fassungsloses Mitleid
und ich begann: „Wie gern, mein Dichter, möcht ich
zu jenen beiden sprechen, die so leicht
vom Wind getragen miteinander schweben.“
Er sprach: „Sieh zu, wann sie uns näher sind,
und dann beschwöre sie bei jener Liebe,
die sie umhertreibt, und sie werden kommen!“
Kaum hattʼ der Wind sie zu uns hergebogen,
hob ich die Stimme: „Arme, bange Seelen,
kommt her, mit uns zu sprechen, wenn ihr dürft.“
Und wie ein Taubenpärchen sehnsuchtsvoll
auf breiten Schwingen vom Wunsch getragen,
die Luft dem trauten Neste zu durchzieht,
so schwebten sie hervor aus Didos Schwarme
zu uns herüber durch die wilde Luft ─
so mächtig war mein liebevoller Ruf.

„Gefälliges und gütig Wesen du,
das durch die purpurdunkle Nacht zu uns,
die wir mit Blut die Erde färbten, kamest,
ach, wärʼ des Weltalls König unser Freund,
um deinen Frieden flehten wir zu ihm,
denn du hast Mitgefühl für unsre Qualen.
Was dir beliebt zu hören und zu reden,
das hören wir und reden wir mit euch,
solang wie eben jetzt die Stürme schweigen. ─
Es liegt mein Heimatland am Ufer droben,
wo unser Po mit allen seinen Wassern
zum Meer hinunterfließt und Ruhe findet. ─
Liebe in edeln Herzen zündet rasch,
und diesen hier berückte sie mit Schönheit
des Leibes, den ich, ach, so schnöd verlor.
Liebe will wieder Liebe von uns haben,
und mich ergriff sie, diesem hier zuliebe
so tief, sich her, daß ich sie immer hege.
Die Liebe riß in einen Tod uns zwei.
Der uns ermordet, wirdʼs mit Kain büßen.“
Dies sind die Worte, die herüberklangen.
Und ich verstand die schwerverletzten Seelen,
neigte das Antlitz und verweilte so,
sinnend, bis der Poet mich fragtʼ: „Was hast du?“
Zur Antwort seufzte ich: „Unglückliche! ─
Und all das süße Träumen, all das Sehnen,
das diese zwei ins Elend führen mußte!“
Dann wandtʼ ich mich zu ihnen, nahm das Wort
und sprach: „Arme Francesca, weinen muß ich
aus innig Leid und Mitgefühl um dich.
Erzähle mir, da ihr noch schmachtet,
wodurch und wie hat euch die Liebe da
den scheuen Wunsch der Herzen kund gemacht?“
Sie sprach: „Im Elend sich vergangnen Glückes
erinnern müssen, ist der größte Schmerz.
Das weiß so gut wie ich dein Führer dort.
Doch weil du mich so traut und herzlich fragst
und unsrer Liebe Anfang kennen willst,
so muß ichʼs denn mit Tränen dir erzählen.
Wir lasen eines Tags zur Unterhaltung
vom Lancelot und wie er sich verliebte,
wir zwei allein und dachten uns nichts Böses.
Da mußten manchmal wir vom Buche auf
uns in die Augen schauen und erblaßten.
Die eine Stelle warʼs, die uns besiegte.
Dort, wo wir lasen, wie der Held der Liebe
das holde Lachen ihr vom Munde küßte.
Da küßte Er, der ewig mir gehört,
am ganzen Leibe zitternd mir den Mund. ─
Galeotto war das Buch und der es schrieb.
Wir lasen keine Silbe mehr darin.“
Indes die eine Seele so erzählte,
hörtʼ ich die andre weinen, daß vor Schmerz
der Sinn mir schwand, als ob ich sterben müßte,
und wie ein toter Körper sank ich hin.


Gesang 06

Zerberus - Die Schlemmer - Der Florentiner Ciacco

Besinnung, die mir angesichts der Not
der zwei Verschwägerten, gelähmt und starr
und ganz getrübt war, hellte sich mir wieder.
Und siehe! Neue Qualen und Gequälte
umringen mich, wohin ich mich bewege,
wie ich mich wende, hin und wider blicke.

Ich bin im dritten Kreis, in einem Regen,
der ewig, flucherfüllt und schwer und kalt
herunterströmt, derselbe unaufhörlich.
Von Hagelkörnern, Schnee und schmutzigem Wasser
ein Mischmasch, gießt es durch die Finsternis;
die aufgeweichte Erde stinkt davon.
Das grimme Hundescheusal, Zerberus,
läßt hündisch aus drei Rachen sein Gebell
auf Menschen, die in Schlamm versinken, los.
Mit unterlaufnen Augen, schmierigem Schnauzbart,
geblähtem Wanst und krallig scharfen Pfoten
zerkratzt, zerreißt und schindet er die Seelen,
die auch wie Hunde unterm Regen heulen,
bald die, bald jene Seite schirmen wollen,
sich emsig im verfluchten Elend wälzend.
Als Zerberus, der Drache, uns erblickte,
riß er die Mäuler auf, bleckte die Hauer
und zitterte vor Wut an allen Gliedern.
Mein Führer spreizte seine Hände aus,
ergriff die Erde, und aus vollen Fäusten
hinein in die drei Schlünde warf er sie.
Als wie ein Hund, der nach der Beute bellt
und stille wird, sobald er sie im Biß hat
und nur noch ringt und würgt, sie zu verschlucken,
so taten die drei schmutzigen Teufelsschauzen
des Zerberus, der sonst so dröhnend bellt,
daß jede Seele lieber taub sein möchte.

Wir schritten über Schattenleiber hin,
vom Regen schwer bedrängte, und wir traten
mit Füßen ihre nichtige Gestalt.
Sie lagen allesamt am Boden; nur
ein einziger Schatten setztʼ sich jählings auf,
da er uns sah, wie wir vorübergingen.
„Der du dich durch die Hölle schleifen lässest“,
rief er, „besinn dich, ob du mich erkennst.
Du tratst ja in die Welt, bevor ich abtrat.“
„Es ist wohl“, sagtʼ ich, „deine Seelennot,
daß du für mich nicht mehr erkennbar bist
und fremd, als hätte ich dich nie gesehen.
Doch sag mir, wer du bist, daß du hieher
zu solcher Strafe schmerzlich kommen mußtest;
magʼs größre geben, mißlichere nicht.“
Und er zu mir: „In deiner Stadt, die voll ist
von Neid und Mißgunst bis zum Überlaufen,
wurd ich gehegt ein heitres Leben lang.
Ihr Bürger nanntet mich den schweinischen Ciacco,
und durch die schlimme Schuld der Schlemmerei
muß ich dem Regen, wie du siehst, erliegen.
Ich bin hier nicht allein in meinem Elend.
Mir gleichen alle Seelen rings herum
an Schuld und Strafe.“ Jetzt verstummte er.
Ich sagtʼ ihm: „Ciacco, mich bedrückt gar sehr
dein Kummer, und ich möchte mit dir weinen.
Doch sag mir, wenn duʼs weißt, wie wird das enden
mit diesem Bürgerzwist in unsrer Stadt,
und gibtʼs noch einen Mann des Rechts, und wie
hat solche Zwietracht sich entfesseln können?“
Und er: „Nach langem Zanke wird es dort
zum Blutvergießen kommen, und die wilde
Partei verdrängt gehässig aus der Stadt die andre.
Sodann muß wiederum der Sieger fallen
im dritten Jahr, und steigt der Gegner hoch
durch eine Macht, die jetzt noch schwankt und tastet.
Und lang wird er die Herrschermiene tragen
und unter schwerem Druck die andern halten,
so sehr sie drüber klagen und sich kränken.
Gerecht sind zwei, die finden kein Gehör.
Von Hoffart, Neid und Habsucht angesteckt,
entbrennen die Gemüter in der Stadt.“
Und also endet er den Klageton.
Ich aber sprach: „Noch mehr möcht ich erfahren,
willst du dein Wort mir nicht noch weiter schenken?
Vom wackren Farinata und Tegghiaio,
von Jakob Rusticucci, Heinz und Mosca,
und von den andern, die das Beste wollten,
sag an, wo sind sie, daß ich sie besuche.
Gar heftig treibt es mich, zu wissen, ob
der Himmel sie beglückt, die Höll sie plagt.“
Und er: „Sie wohnen bei den Dunkelsten,
von vieler Schuld bis auf den Grund gedrückt.
Wenn du so tief hinabsteigst, kannst sie sehen.
Doch bitt ich, daß du in der hellen Welt
den Lebenden mich ins Gedächtnis bringst.
Dies soll mein letzte Red und Antwort sein.“
Und schon verdrehten sich ihm beide Augen,
kaum sah er noch auf mich, neigte den Kopf
voran und sank wie blind den andern zu.
„Der wird nicht wieder wach“, sagte mein Meister,
„bis daß die himmlische Posaune schallt,
und feindlich kommt die große Macht gezogen.
Dann tastet jeder sich nach seinem Grab
und seiner fleischlichen Gestalt zurück
und hört den ewig donnernden Bescheid.“

Wir schritten langsam durch das häßliche
Gemisch von Schattenmensch und Regenflut
und sprachen einiges vom künftʼgen Leben,
wobei ich forschte: „Meister, diese Qualen
vermehren oder mindern sie sich auf
den großen Spruch hin oder bleiben so?“
„Besinne dich auf deinen Philosophen“,
erwidert er, „der will, daß je vollkommner
ein Wesen, desto feiner sein Empfinden
für Lust und Leid. Obschon das Höllenvolk
niemals zum echt Vollkommenen gelangt,
erwarten es dereinst sich doch ein Mehr.“
Wir wanderten des Weges Kurve hin und
sprachen mancherlei, das ich verschweige;
und als wir an den Ort zum Abstieg kamen,
gewahrten wir den Widersacher Plutus.


Gesang 07

Plutus - Geizige und Verschwender - Fortuna - Jähzornige

„Papé Satan, papé Satan aleppe“,
schrie uns mit heisrer Stimme Plutus an.
Der edle allverstehnde Weise aber
beruhigte mich: „Erschrecken laß dich nicht.
Nur keine Furcht! Mit aller seiner Macht
kann er den Abstieg hier dir nicht verwehren!“
Zu dem geschwollnen Maulwerk hin sodann
sprach er: „Schweig still, verfluchtes Tier, und friß
die Wut, die dich verzehrt, in dich hinein!
Mit gutem Grunde steigen wir zur Tiefe,
so will manʼs droben, wo Sankt Michael
den frevlerischen Aufruhr hat bestraft.“
Wie pralle, windgeschwellte Segel plötzlich
zusammensinken, wenn der Mastbaum bricht,
so fiel das grimme Ungetüm zu Boden.

Wir stiegen zu dem vierten Höllenrande
hinab und weiter an dem Abhang hin,
der alles Sündenweh der Welt umfaßt.
Gottes Gerechtigkeit! Wie häuften sich
die neuen Qualen, Strafen, die ich sah!
Kann so die eigne Schuld uns elend machen?
Wie Meeresfluten aufeinanderprallen
und wirbeln in der Enge der Charybdis,
so treibt es hier im Kreis die Menschen um.
Ein Haufen Leute ballte sich zusammen
und teilte sich nach rechts und links, sie brüllten
und wälzten Lasten mit gestemmter Brust,
bis sie zusammenstießen, machten kehrt
und schrien rückgewandt einander nach zum Hohn:
„Was hältst duʼs fest? Was wirfst duʼs weg?“
und wälzten dann zurück im dunkeln Kreis
nach links und rechts ihr Zeug zum Gegenpunkt,
wo jeder seinen Spottvers wiederholte.
Dann legten sie den Halbkreis wiederum
zurück und trafen sich zu neuem Strauß.
Mir tatʼs im Herzen weh, ich bat den Meister:
„Erkläre mir, was dies für Leute sind.
Und warum diese alle Geistliche
zu unsrer Linken dort, die Tonsurierten?“
Und er: „Scheelsüchtigen Geistes allesamt
in ihrem Erdenleben waren sie.
Das rechte Maß im Aufwand kannte keiner.
Mit klaren Worten heulen sie sichʼs zu,
sooft sie hier und dort im Kreis sich treffen,
durch Gegensatz im Laster doch getrennt.
Die Nächsten hier, mit abgeschornem Haar,
sind Kleriker, sind Päpste, Kardinäle,
in denen gar soviel der Geiz vermag.“
Ich sagte: „Meister, unter diesen sollte
ich mehr als einen wohl erkennen, der
von solchem Laster sich beschmutzen ließ.“
Doch er zu mir: „Du denkst Unmögliches.
Ihr dumpfes Leben hat sie zugedeckt,
für jegliche Erkenntnis sind sie dunkel.
Sie eilen ewig hin und her zum Stoße.
Dem Grab entsteigen sie dereinst, die einen
mit fester Faust, und kahlgerupft die andern.
Im Geben und im Nehmen ohne Maß,
verloren sie das Schönste, und nun zanken
sie hier sich derart, daß ichʼs nicht mehr schildre.
Betrachte dir, mein Sohn, den kurzen Spaß
der irdschen Güter in Fortunas Hand,
um die das menschliche Geschlecht sich rauft.
Denn alles Gold, das unterm Monde liegt
und jemals lag, kann von den Müden allen
nicht einer Seele ihre Ruhe schaffen.“
„Nun sag mir auch, mein Meister“, bat ich ihn,
„diese Fortuna, die du mir erwähnst,
wieso nur raubt sie alle irdschen Güter?“
Und er: „Ihr seid doch törichte Geschöpfe,
und gar zu sehr beschränkt in eurem Wissen,
drum soll dir jetzt mein Spruch zugute kommen.
Der Herr, des Weisheit alles übersteigt,
erschuf die Himmel, Führer gab er ihnen,
daß jeder Körper jedem wieder strahle
und gleich das Licht sich überall verteile;
und ähnlich für den Glanz der Weltlichkeit
bestimmt er eine oberste Verwalterin,
damit, wennʼs Zeit ist, eitler Reichtum wandre
von Volk zu Volk, von einem Stamm zum nächsten,
und keine Menschensatzung es verhindre.
So kommtʼs, daß Völker auf- und untergehn,
die Herrschaft wechselnd nach dem Spruch Fortunas,
die heimlich lauert, wie im Gras die Schlange.
Was helfen eure Künste gegen sie!
Sie plant, sie richtet, sie vollbringt ihr Werk
als echte Göttin, frei in ihrem Reiche,
ihr Wandlungswille duldet keinen Stillstand,
Notwendigkeit beflügelt ihre Schritte,
und immer drängen neue Kräfte nach.
Sie ist es, die so oft ans Kreuz gewünscht,
anstatt gelobt wird und bedankt von Leuten,
die sehr zu Unrecht auf sie schmähn und fluchen.
Sie hört es nicht in ihrer Seligkeit,
im Schwesternkreise urerschaffner Wesen
erfreut sie sich und spielt mit ihrer Kugel.

Wir steigen nun zu tiefren Leiden nieder.
Schon sinken all die Sterne, die sich hoben
bei meinem Aufbruch, und wir müssen weiter.“
Wir schritten durch den Kreis zum andern Hang,
wo unter uns ein Quell entspringt und kochend
in einen Graben stürzt, den er sich höhlt,
ein Wasser, düsterer als Purpur ist.
Wir folgten seinem nächtigen Wellengang
hinab auf einem sonderlichen Weg.
Und schließlich bildet dieser Unglücksfluß
im Tal, am Fuß der schroffen, grauen Wände
sich stauend, einen Sumpf, genannt der Styx.
Ich schaute aufmerksam hinab und sah
im Kot und Moor beschmutzte, nackte Menschen.
Die sahen aus, als hättʼ man sie beleidigt
und schlugen aufeinander los mit Fäusten
und stießen sich mit Kopf und Brust und Füßen
und rissen mit den Zähnen sich in Fetzen.
Der gute Meister sprach: „Mein Sohn, hier siehst du
die Seelen der von Jähzorn Übermannten.
Und außerdem, du kannst mirʼs sicher glauben,
sind unten in dem Sumpfe auch noch Menschen.
Von ihren Seufzern steigen Blasen auf
und wimmeln, schau nur, auf der ganzen Fläche.
Im Schlamm bekennen sie’s: wir waren grämlich
in milden, sonndurchglänzten Lüften droben
und hegten Mißmutwolken im Gemüt.
Und jetzt verdrießt der schwarze Pfuhl uns hier.
In ihrem Schlund vergurgelt sich die Hymne,
sie kann in klaren Worten nicht heraus.“

Wir schritten um den Pfuhl ein gutes Stück
am Ufer zwischen Naß und Trocken hin,
den Blick gerichtet auf die Schlammverschlucker
und hielten vor der Mauer eines Turmes.


Gesang 08

Phlegyas - Argenti - Die Stadt des Dis

Ich fahre fort und sage: lang bevor
wir an den Fuß des hohen Turms gelangten,
erhoben unsre Augen sich zur Zinne,
weil plötzlich dort zwei Flämmchen leuchteten,
auf die herüber gleich ein andres winkte,
so ferne, daß manʼs kaum gewahren konnte.
Und ich, zum Meister weltenweiter Weisheit
mich wendend, frug: „Was soll das heißen? und
des andern Feuers Antwort? und wer macht das?“
Er sprach: „Was man erwartet, kannst du gleich
dort auf den trüben Wellen kommen sehen,
wenn nicht der Schwaden überm Sumpf es hindert.“
Von eines Bogens Sehne abgeschnellt,
hat nie so rasch ein Pfeil die Luft durchschnitten
wie jetzt ein Schifflein übers Wasser flog
zu uns durch eines einzgen Ruders Schwung,
der rief: „Jetzt hab ich dich, verruchte Seele!“
„Am falschen Platz, Phlegyas, schreist du; diesmal
hast duʼs verfehlt“, erwidert ihm mein Führer,
„nur über diesen Sumpf darfst du uns bringen.“
Wie einer, der gar sehr betrogen wurde,
sich heftig ärgert, wenn erʼs hören muß,
so grimmig ward dem Phlegyas zumute.
Mein Führer stieg hinab zu ihm ins Schifflein,
bedeutetʼ mir, daß ich ihm folgen sollte,
und erst als ich hineintrat, schienʼs belastet.
Da es uns beide aufgenommen hatte,
begann sofort sein alter Kiel zu pflügen,
doch diesmal tiefer in der Flut als sonst.

Indes wir durch das tote Rinnsal fuhren,
reckte sich einer schlammbedeckt nach mir.
„Wer bist du“, sprach er, „der zur Unzeit kommt?“
Und ich: „Ich komme, doch ich bleibe nicht.
Wer bist denn aber du und bist so schmutzig?“
„Bin einer“, sagt er, „wie du siehst, der weint.“
Und ich zu ihm: „Mit Weinen denn und Klagen,
vermaledeiter Geist, bleib, wo du bist!
Ich kenne dich durch deinen Dreck hindurch!“
Da griff mit beiden Händen er ans Schiff,
doch hurtig stieß mein Meister ihn hinab
und rief: „Zurück zu deinen Hundsgesellen!“
Sodann umschlang er mich mit seinen Armen,
die Stirne küßt er mir und sprach: „Gesegnet
die Frau, die dich gebar, du edler Trotz!
Ein aufgeblasner Mensch war jener einst,
und etwas Gutes kennt man nicht von ihm,
drum ist sein Geist hier unten so voll Wut. ─
Es dünkt sich mancher droben königlich,
der dann im Schlamm hier endigt, wie die Schweine,
und nichts als Haß und Schande hinterläßt.“
„Meister“, sprach ich, „es wär mir eine Freude,
in diese Suppe ihn getunkt zu sehen,
gleich jetzt, bevor wir diesen See verlassen.“
Und er zu mir: „Noch ehe du das Ufer
erblicken kannst, sollst du gesättigt sein,
denn dieser Wunsch ist die Erfüllung wert.“
Nicht lange währtʼ es, und ich durfte sehen,
wie ihn die Sumpfbewohner so zerfleischten,
daß ich noch heute meinem Schöpfer danke.
„Philipp Argenti, packt ihn!“ schrien alle,
und dieser tolle Florentiner Geist
zerbiß mit seinen eignen Zähnen sich.

Wir ließen ihn, und mehr bericht ich nicht;
doch schmerzhaft dröhnten plötzlich mir die Ohren.
Mit aufgerissnen Augen späht ich vorwärts.
Der wackre Meister sprach: „Mein Sohn, es naht
jetzo die Stadt, die vielbevölkerte,
des Dis mit ihren schwerbedrängten Bürgern.“
Und ich: „Schon kann ich, Meister, klar erkennen
die Minarette dort im Grund des Tales,
die rötlich wie aus einem Brandherd ragen.“
„Das ewige Feuer in der untern Hölle“,
erklärt er mir, „durchglüht sie so von innen,
daß sie dir rot erscheinen, wie du siehst.“
Wir kamen endlich an die tiefen Gräben,
die diesen trostlosen Bezirk umreißen,
und eisern schauten seine Mauern aus.
Wir fuhren erst noch einen großen Bogen
bis zu der Stelle, wo der Schiffer heftig
uns anschrie: „Steiget aus! Hier ist der Eingang.“
Schon drängten sich am Stadttor mehr als tausend
gestürzte Himmelssöhne, die gereizt:
„Wer ist das?“ zischelten, „der ohne Tod
in unserm Totenreiche sich ergeht?“
Mein weiser Meister aber machte Zeichen,
daß er geheim mit ihnen sprechen wollte,
worauf sich die Empörung etwas legte.
„Komm du allein, der andre soll sich trollen,
der hier so keck herabstieg“, meinten sie.
„Mag er den tollen Weg zurück allein
versuchen, wie er kann, und du bleibst hier,
der ihm der Führer warst im nächtigen Land.“
Du kannst dir denken, Leser, wie verzagt
ich dastand, als die Teufelsrede laut ward,
denn niemals glaubt ich wieder heim zu kommen.
„Mein lieber Führer, mehr als siebenmal
hast du beschützt mich, hast du mich gerettet
in hoher Fährlichkeit, die mir begegnet.
Verlaß mich hier nicht“, flehte ich, „so hilflos.
Und wenn man uns das Weitergehn verwehrt,
so wenden wir uns beide schnell zurück!“
Der Edle, der bis hierher mich gebracht,
erwiderte: „Sei ohne Furcht, denn keiner
kann dieses Weges Hochgeschenk uns rauben.
Erwarte hier mich, fasse Mut und stärke
mit guter Hoffnung deinen müden Geist.
Verlassen werdʼ ich dich hier unten nicht.“
So geht er hin, der väterliche Freund,
gibt meinen Sinn der Ungewißheit preis.
Das Nein, das Ja, sie streiten sich in mir.
Ich hörte nicht mehr, was er jenen bot,
doch kaum war er ein Weilchen unter ihnen,
lief jeder schleunigst in die Stadt zurück.
Sie schlugen meinem Führer vor der Brust
die Tore feindlich zu, und ausgesperrt
stand er, und zögernd kam er mir zurück.
Gesenkten Blicks und zwischen seinen Brauen
nicht mehr die alte Keckheit, sprach er seufzend:
„Und Diese sperren mir die Stadt der Schmerzen.“
Sodann zu mir: „Verzag du nicht, wenn ich
mich ärgere, denn diesen Strauß gewinn ich,
gleichviel, wer drinnen sich zur Abwehr tummelt.
Nicht neu ist ihr vermessner Widerstand,
sie übten ihn schon an dem obern Eingang,
der seither heut noch ohne Riegel klafft
unter der düstern Inschrift, die du sahst.
Und dort hindurch, den Hang hernieder schreitet
von Ring zu Ring und ohne Führer jetzt
ein Mächtiger, vor dem die Schranke fällt.“


Gesang 09

Am Tor der Höllenstadt - Die drei Furien - Der Himmelsbote - Die Ketzer

Als mir die Furcht das Angesicht verfärbte,
dieweil ich meinen Meister weichen sah,
verschloß er strenger nur die eigne Regung,
stand still und lauschte aufmerksam ins Weite,
wohin das Auge nicht mehr reichen konnte
durch all das dichte, neblige Dunkel.
„Und dennoch kann nur uns der Sieg gebühren“,
sagtʼ er, „wo nicht ─ doch winkt uns solche Hilfe ─
wie lang wird mir die Zeit, ach daß er käme!“
Ich merkte wohl, wie er der Rede Ansatz
mit neuen Worten gleich verdecken wollte,
und diese nicht mehr zu den ersten paßten.
Das stimmte mich nun aber wiedrum furchtsam,
weil ich die abgebrochnen Worte mir
vielleicht in gar zu schlimmem Sinn verstand.
„Es steigt wohl nie bis auf den traurigen Grund
des Beckens von dem ersten Kreise einer
der ohne Hoffnung Harrenden hernieder?“
Die Frage tat ich, und er gab zur Antwort:
„Nur selten kommt es vor, daß unsereiner
den Gang, den ich hier unternehme, tut.
Zwar kam ich schon ein andermal hieher,
als mich die Zauberin Erichtho rief,
die Abgeschiedne zu beschwören pflegte.
Seit kurzem hattʼ ich meinen Leib verlassen,
als sie durch dieses Mauertor mich schickte
nach einem Schatten aus dem Judasring,
dem untersten und dunkelsten von allen;
es ist der Ort der größten Himmelsferne.
Ich kenn den Weg genau, beruhige dich.
Der Sumpf, der diesen übeln Duft verbreitet,
umgürtet rings die ganze Stadt der Schmerzen,
die ohne Zorn und Zank sich uns nicht auftut.“

Noch manches sagte er, ich habʼs vergessen,
da ich mit höchster Spannung nach dem Turm
und seinem glühenden Gipfel schauen mußte,
wo blitzgeschwind auf einen Schlag sich reckten
drei höllische und blutgefärbte Furien
mit weiberhaften Formen und Gebärden
und giftig grünen Schlangen um die Lenden;
anstattt der Locken ringelten sich Vipern
und Nattern ihnen um die stolzen Schläfen.
Mein Meister, der sofort die Dienerinnen
der Königin im Reich des Leids erkannte,
rief: „Schau die schrecklichen Erinnyen!
Die auf der linken Seite ist Megära,
die Weinende zur rechten ist Alekto,
die mittlere Tisiphone.“ Dann schwieg er.
Die eigne Brust mit Krallen sich zerreißend,
mit Händen sich zerschlagend, schrien sie
so laut, daß ängstlich ich den Dichter faßte.
„Medusa her! Wir wollen ihn versteinern!“
so sagten sie und blickten auf mich nieder.
„Wie schad, daß wir an Theseus es versäumten!“
„Wende dich ab, verhülle dein Gesicht!
wenn sich die Gorgo zeigt ─ und schautest sie
so wärʼs für immer aus mit deiner Heimkehr.“
Mein Meister sprachʼs und wandte selbst mich um,
und wie wenn meine Hände nicht genügten,
verdecktʼ er auch mit seinen mir die Augen. ─
Die ihr gesunden Sinnes euch erfreut,
beachtet, Leser, die verborgne Lehre
unter dem Wunderschleier dieser Verse.

Jetzt hallte übers trübe Wasser her
ein donnerkrachend schreckliches Gewitter,
von dem die Ufer nah und fern erbebten.
Es war, als käm ein großer Sturm gefahren
aus ungestüm erhitzter Atmosphäre
und stürztʼ sich in den Wald: und hemmungslos
zerbricht, zerschmettert, wirbelt er die Äste
und fährt ins Feld mit stolzem Staubgewölke,
daß Hirt und Herdʼ und Raubgetier entfliehen.
Der Meister gab den Blick mir frei: „Nun richte
dein Auge über Wellenschaum der Urflut
auf jenen Rauch, der dort so heftig qualmt.“
Wie Frösche, wenn der Feind, die Schlange, naht,
sich alle durch das Wasser hin verziehen,
und jeder schließlich auf dem Grunde hockt,
sah ich geknickte Seelen, mehr als tausend,
entfliehn vor einem, der geruhigen Schrittes
und trocknen Fußes wandelt auf dem Styx.
Vom Antlitz sich die dumpfe Luft zu wehren,
bewegt er hin und her die linke Hand,
und schien kein andre Not ihn zu bedrücken.
Mir ward bewußt, daß ihn der Himmel schickte.
Ich sah den Meister an, der machte Zeichen,
nur stille mich vor jenem zu verbeugen.
O weh, auf seinem Antlitz welcher Zorn!
Zum Tore schritt er und mit einem Stäbchen
berührt erʼs, daß es aufsprang wie von selbst.
„Ihr Ausgestoßnen, ihr verworfnes Volk“,
begann er, an des Grauens Schwelle stehend,
„wo nehmt ihr das vermessne Wesen her?
Wozu euch sträuben gegen einen Willen,
dem nie das Kleinste zur Erfüllung mangelt
und der euch manchmal schon den Schmerz vermehrt hat?
Was rennt ihr gegen Schicksals Fügung an?
Denkt an das Haar, das euer Zerberus
an Maul und Kragen dafür lassen mußte!“
Dann kehrte er zurück den schlammigen Weg,
wortlos an uns vorbei, sah aus wie einer,
den andre, dringendere Sorge treibt
und quält als just um den, der vor ihm steht.

Wir schritten nun dem offnen Tore zu,
auf sichrer Bahn den heilgen Worten folgend,
und kamen ohne Widerstand hinein.
Ich hatte große Lust, die Einrichtung
von solchem Bollwerk innen zu betrachten,
und als ich dort war, schaut ich rings umher.
Ein weites Feld zu recht und linker Hand
sah ich bedeckt mit Schmerz und bösen Martern,
und wie bei Arles, wo sich die Rhone staut,
bei Pola auch, wo des Carnaro Fluten
Italiens Grenzmark zeichnen und bespülen,
von vielen Gräbern das Gelände starrt,
so wimmeltʼs übrall hier von Sarkophagen,
nur daß sie schrecklicher als jene sind;
denn zwischen ihnen flammt es hin und her
von Feuer, und noch tüchtiger wurden sie
durchglüht als Eisen in der Schmiedekunst
Die Deckel waren alle halb gelüftet,
und grelle Klagen drangen aus den Gräbern,
gewiß von armen, schwer Gepeinigten.
Und ich: „Was sind das, Meister, wohl für Menschen,
die eingesargt in jenen Archen stecken
und seufzend, jammernd sich bemerkbar machen?“
Er sprach: „Das sind die Stifter falscher Lehren
und allerlei sektiererischer Anhang.
Viel voller als du denkst, sind diese Gräber.
In Massen liegen Gleichgesinnte drin,
und eingebettet in gestufte Gluten.“
Dann bog er ab nach rechts, und also schritten
wir zwischen Foltern hin und hohen Mauern.


Gesang 10

Freigeister - Farinata - Cavalcanti - Prophetische Gabe der Seelen

So geht auf einem unbekannten Pfad
zwischen dem Stadtgemäuer und den Gräbern
mein Meister weiter, und ich hinter ihm.
„Sieghafter Geist, der mich in Höllenzirkeln
umherführst“, hob ich an, „wieʼs dir beliebt,
erkläre mir, erfüll mir meine Wünsche.
Die Menschen, die hier in den Gräbern liegen,
wärʼs möglich, sie zu sehn? Die Deckel alle
sind aufgetan, und nirgends eine Wache.“
Und er: „Verschlossen werden alle Särge,
wenn aus dem Tale Josaphat die Seelen
mit ihren einstigen Körpern wiederkehren.
Auf dieser Seite liegt der Totenacker
des Epikur und aller seiner Schüler,
die samt dem Leib die Seele sterben lassen.
Drum wird die Bitte, die du an mich richtest,
dir bald an diesem Orte noch erfüllt
und außerdem der Wunsch, den du verschweigst.“
„Mein guter Führer, dir verberg ich nur,
um schwatzhaft nicht zu werden, mein Gefühl.
Hast selbst mich kürzlich dazu angehalten.“

„Toskaner, der du durch die Stadt des Feuers
lebendig wandelst und so ehrlich redest,
beliebe, hier ein wenig zu verweilen.
An deiner Sprechart kennt man schon das Land,
das adlige, das dich gebar und dem
vielleicht zuviel durch mich ward angetan.“
So redete aus einem Sarg es plötzlich
herauf, daß ich erschrak und meinem Führer
ein wenig näher rückte. Dieser sprach:
„Was ist dir? Kehr dich um! Schau Farinata!
Er hat sich aufgerichtet aus dem Grab
vom Gürtel bis zum Haupt, der ganze Mann.“
Schon hingen meine Blicke an den seinen,
da er mit Brust und Stirne hoch sich reckte,
als kümmertʼ ihn die weite Hölle nicht.
Da drängte eifrig und behende mich
mein Führer durch die Gräber zu ihm hin
und sprach: „Jetzt setze tapfer deine Worte!“
Als ich am Fuße seines Grabmahls stand,
betrachtet er mich kurz und dann, fast stolz,
befragte er mich: „Deine Ahnen ─ wer?“
Ihm zu willfahren war ich gern bereit,
verhehltʼ ihm nichts, eröffnete ihm alles,
worauf er seine Brauʼn ein wenig hochzog
und sprach: „Das waren bitterliche Feinde
zu mir, zu meinen Vätern, meinen Leuten
bis ich sie zweimal auseinander jagte.“
„Wenn Ihr sie jagtet, wohl, sie kamen“, sagtʼ ich,
„von allen Seiten beidemal zurück,
indes den Euern diese Kunde mißlang!“ ─

Jetzt taucht ein Schatten schmiegsam neben ihm
herauf zur Umschau, sichtbar bis ans Kinn.
Er hatte wohl sich auf die Knie gerichtet
und schaut an mir herum, als möcht er sehen,
ob jemand andrer mich begleitete,
bis er sich allseits vergewissert hatte,
dann brach er schluchzend aus: „Wenn Geisteshöhe
in diese knechtische Nacht dich dringen ließ,
warum ist nicht mein Sohn mit dir, wo bleibt er?“
„Ich bin nicht hier aus eigner Kraft“, sprach ich,
„dort steht und wartet jener, der mich führt.
Vielleicht, daß euer Guido ihn verschmäht hat.“
Aus seinen Worten und aus seiner Buße
hattʼ ich des Sünders Namen gleich erschlossen,
drum konnt ich ihm die bündige Antwort geben.
Der fuhr jetzt hoch und rief: „Wie sagtest du:
verschmäht hat? ─ hat? So lebt er also nicht mehr,
und nicht mehr freut sein Auge sich des Lichtes?“
Als er bemerkte, daß ich zögerte
ein weniges, bevor ich Antwort gab,
sank er zurück und ließ sich nicht mehr sehen.
Indessen rührt sich an dem Hochgesinnten,
dem zu Gefallʼn ich weilte, keine Wimper,
noch neigt er seinen Hals, noch seine Flanke . . .
„Und daß“, so setzt er seine Rede fort,
„die Kunst der Rückkehr ihnen schlecht gelang,
das quält mich mehr als dieses Feuerbett.
Doch eh sich fünfzigmal der Glanz erneuert
auf Lunas Antlitz, die hienieden herrscht,
wirst selbst erfahrʼn, wie schwer die Kunst sich lernt.
Bei deinem Wohlergehn auf lichter Erde,
erklär mich doch, warum so bös dies Volk
den Meinen mit Gesetz und Bannspruch zusetzt.“
Ich sagte ihm: „Das gräßliche Gemetzel
am Arbiafluß, der blutrot davon wurde,
hat solche Frömmigkeit in uns gezeitigt.“
Mit Seufzen schüttelt er sein Haupt darüber
und sprach: „Das war nicht ich allein, und sicher
wär ich nicht mitgezogen ohne Grund.
Doch damals war es ich allein, als jeder
zu der Vernichtung von Florenz sein Ja gab,
und ich die Stadt mit freiem Wort beschützte.“
„Beim Frieden Eurer Kinder bitt ich Euch“,
sprach ich zu ihm, „entwirret mir den Knoten,
der eben jetzt mir das Verständnis lähmt.
Ihr seht, so scheint es, wenn ich recht gehört,
die künftigen Ereignisse im voraus,
und andres gehtʼs Euch mit der Gegenwart.“
„Wir sehn“, sprach er, „in einem Dämmerlicht
die Dinge nur, solang sie ferne sind,
denn so weit reicht uns noch der Glanz des Höchsten.
Sobald sie näher kommen oder da sind,
verliert sich unsre Einsicht ganz. Wir wissen
von eurem Zustand nichts, als was wir hören
durch andre; daraus magst du sehn, wie ganz,
sobald das Tor der Zukunft sich verschließt,
im Kreis des Heute unser Wissen stirbt.“
Da fühlt ich Reue über meine Säumnis.
„Dem hier Zurückgesunknen, sagt ihm“, bat ich,
„daß bei den Lebenden sein Sohn noch weilet;
und wenn ich stumm auf seine Frage blieb,
so soll er wissen, daß mein Sinn verstrickt
in diesem Zweifel war, den Ihr mir löstet.“
Da schon mein Meister nach mir rief, erbat
ich schleunig mir noch von dem Geist, er möge
mir sgen, wer mit ihm begraben sei.
Er sprach: „Mit mehr als tausend lieg ich hier.
Da ist der zweite Kaiser Friederich,
da ist der Kardinal, und das genügt.“
So schwand er, und ich lenkte meine Schritte
dem alten Dichter zu und überdachte
die Zukunftsworte, die mir feindlich klangen.
Im Weitergehen fragte mich mein Führer:
„Was ist geschehn, wie bist du so verstört?“
Ich sagtʼ ihm alles, was er wissen wollte.
„Bewahr in deinem Geist das Feindliche,
das du gehört“, empfahl der Weise mir,
„und jetzt merk dieses“ ─ er erhob den Finger ─
„Wenn du das holde Licht der Frau erblickst,
vor deren schönem Aug sich nichts verbirgt,
erfährst von ihr du deines Lebens Gang.“
Er sprachʼs und wandte seinen Schritt nach links.
Vom Mauerkreis zur Mitte führte uns
ein Pfad bis an den Rand, wo aus der Tiefe
ein widerwärtiger Geruch heraufdrang.


Gesang 11

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