Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 18
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 18

Ein Ort der Hölle, Nahmens Uebelsäcken,
Ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein,
So auch die Dämme, die ringsum ihn decken.

Grad in der Mitte dieses Lands der Pein
Gähnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde.
Von dem wird seines Orts die Rede seyn.

Und zwischen Höhl' und Felswand gehn im Runde
Ringsum die Dämme, dergestalt, daß zehn
Abschnitte sind, wie Wäll' auf tiefem Grunde. 9

Wie um ein Schloß mehrfache Gräben gehn,
Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen,
Und sicherer den Feinden widerstehn;

So war umgürtet dieser Ort der Plagen;
Und wie man Brücken pflegt zum andern Strand
Aus solcher festen Schlösser Thor zu schlagen,

So sprangen Zacken aus der Felsenwand,
Durchschnitten Wäll' und Gräben erst, und gingen
Wie Räder-Speichen bis zum Brunnenrand. 18

Kaum konnten wir vom Kreuz Gerions springen,
So ging mein Meister linker Hand, und ich
Versucht', auf seinen Spuren vorzudringen.

Im ersten Grund, der einem Sacke glich,
Rechts, wohin Klagen meine Blicke riefen,
Wies neue Quaal mit neuen Quälern sich.

Denn nackte Sünder waren in den Tiefen,
Und rannten uns zum Theil entgegen her,
Zum Theil mit uns, nur daß sie schneller liefen. 27

So ists in Rom, wenn nun ein ganzes Heer
Schaulustige das Jubelfest begehen.
Da wogt es auf der Brück' hierhin, dorther,

Denn zum Hinüber- und Herübergehen
Ist sie getheilt, daß die zum Schloß hinein,
Die andern aber nach dem Berge sehen.

Von hier und dort sah ich auf schwarzem Stein
Mit Geißeln Teufel, scheußliche, gehörnte,
Die schlugen grausamlich von hinten ein. 36

Wie man beim ersten Hiebe laufen lernte!
Wie Jeder schleunig vor des Zweiten Drohn
Mit jähen langen Sprüngen sich entfernte!

So kam jetzt Einer auf mich zugeflohn,
Und kaum erblickt' ich ihn im vollen Rennen,
So sagt' ich zu mir selbst: Den sah ich schon.

Da weilt' ich etwas, um ihn zu erkennen,
Worauf auch still mein süßer Führer stand,
Um ein'ge Schritte rückwärts mir zu gönnen. 45

Zwar suchte, bodenwärts den Blick gewandt,
Sich der Gegeißelte mir zu verstecken,
Doch sprach ich, da ich dennoch ihn erkannt:

„Wenn deine Züge Wahrheit mir entdecken,
So bist du Venedigo. Aber sprich:
Was macht dich in so scharfer Beize stecken?”

Drauf sprach er: „Ungern nur belehr' ich dich,
Und nur von deinem klaren Wort gezwungen,
Denn an die alte Zeit erinnerts mich. 54

Ich bins, der in Ghisolen so gedrungen,
Daß sie nach des Markgrafen Willen that,
Wie ganz entstellt auch das Gerücht erklungen.

Und aus Bologna ist auf gleichem Pfad
An diesen Quaalort so viel Volk gekommen,
Als jetzo diese Stadt kaum Bürger hat.

Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen,
So denk', um sicher auf mein Wort zu baun,
Wie Habsucht unsre Herzen eingenommen.” 63

Sprachs, und ein Teufel kam, um einzuhaun,
Mit hochgeschwung'ner Geißel her und sagte:
„Fort, Kuppler, fort, hier giebts nicht feile Fraun.”

Zum Führer ging ich, da ich bebt' und zagte,
Und bald gelangten wir an einen Ort,
Wo aus der Wand ein Felsen vorwärts ragte.

Und dieser Zacken dient' als Brücke dort;
Leicht klommen beide wir hinauf, und zogen
Auf ihm aus jenen ew'gen Kreisen fort. 72

Bald dort, wo unter uns der Fels als Bogen
Sich höhlt' und Durchgang der Gepeitschten war,
Sprach Er: „In gleicher Richtung fortgezogen,

Sind wir bis jetzt mit dieser schnöden Schaar,
Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen,
Jetzt aber nimm die Angesichter wahr.”

Wir blieben nun am Rand der Brücke stehen,
Und sahn den Schwarm, der uns entgegen sprang,
Denn eilig hieß die Geißel Alle gehen. 81

Da sprach mein Hort: „Sieh, noch mit Stolz im Gang,
Den Großen, der sich keine Klag' erlaubte,
Dem aller Schmerz noch keine Thrän' entrang,

So königlich noch an Gestalt und Haupte!
Der Jason ists, der durch Verstand und Muth
Das Widdervließ dem Volk von Colchis raubte.

Nach Lemnos kam er, als in ihrer Wuth
Die Frau'n, die Gluth der Eifersucht durchzückte,
Vergossen hatten aller Männer Blut; 90

Wo er durch Worte täuschend ausgeschmückte,
Berückt Hypsipylen, das junge Herz,
Die alle Fraun von Lemnos erst berückte.

Dort ließ er schwanger sie in ihrem Schmerz.
Dies bracht' ihn her; und gleiche Straf' erheischen
Medea's Leiden, einst ihm Spiel und Scherz.

Auch gehn mit ihm, die gleicher Weise täuschen.
Allein dies sey vom ersten Thal genug,
Und denen, so die Geißeln drin zerfleischen.” 99

Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug
Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen
Der Dämme, hier den andern Bogen schlug.

Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen,
Und Leute sahn wir tief im Grunde sich
Zornschnaubend mit den flachen Händen schlagen.

Der Dämme Seiten waren schimmelich
Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte,
Für Aug' und Nase feindlich widerlich. 108

Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte
Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist,
Bis ich des Felsenbogens Höh' erstrebte.

Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mißt,
Sah ich viel Leut' im tiefen Kothe stecken,
Und, wie mir's vorkam, war es Menschenmist.

Ich forscht' und sah ein Haupt sich vorwärts strecken,
Doch ganz beschmutzt mit Koth, drum konnt' ich nicht,
Obs Lai, ob Pfaffe sey, genau entdecken. 117

Da schrie er her: „Was bist du so erpicht,
Mich mehr, als and're Schmutz'ge, zu gewahren?”
Und ich: „Weil, ist mir recht, dein Gesicht

Bereits gesehn, allein mit trocknen Haaren.
Alex Interminei nennst du dich,
Drum seh' ich mehr auf dich, als jene Schaaren.”

Er sprach darauf, und schlug die Stirne sich:
„Mich stürzte Schmeichelei herab zur Hölle,
Die nimmer dort von meiner Zunge wich.” 126

Da sprach zu mir mein guter Meister: „Stelle
Dich etwas vor, und in die Augen fällt
Dir eine schmutz'ge Dirn' an jener Stelle.

Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krellt
Mit koth'gen Nägeln, jetzt aufs neue gräulich
Im Mist versinkt, und jetzt sich aufrecht stellt,

Die Hure Thais ists, jetzt so abscheulich.”
Fragt' einst ihr Buhl: „Steh ich in Gunst bei dir?”
Versetzte sie: „Ei, ganz erstaunlich! Freilich!” 135

„Doch sey gesättigt unsre Schaulust hier.”

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