Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer
Gesang 01

Zur Fahrt durch beßre Fluthen aufgezogen
Hat seine Segel meines Geistes Kahn,
Und läßt nun hinter sich so grimme Wogen.

Zum zweiten Reiche hin geht eine Bahn,
Wo sich der Menschengeist durch Schmerzen läutert,
Und würdig wird, dem Himmelreich zu nahn.

Hier sey mein Lied, das Tod nur sang, erheitert!
O Musen, wie ich euch mein Herz geweiht,
So sey's nun von Kalliopen erweitert.

Ihr seyd es, die dem Lied den Ton verleiht,
Den einst die Elstern mit zu später Reue
Verzweifelnd fühlten im verwegnen Streit.

Wie Indiens Saphir wölbte sich die Bläue
Des heitern Himmels ob der reinen Luft,
Und Wonne lachte meinem Aug' aufs neue,

Wie ich hervorstieg aus der todten Gruft,
Wo Herz und Aug' im grauenvollen Schachte
Verdüstert ward von Nacht und Grabesduft.

Der schöne Stern, der Hort der Liebe, lachte,
Mit ihm der Ost, in dem er glänzend stand,
Und wo er bleich den Glanz der Fische machte.

Zur Rechten kehrt' ich mich, den Geist gewandt
Zum andern Pol, und sah vier Stern' im Schimmer,
Die niemand als das erste Paar erkannt.

Den Himmel letzt' ihr funkelndes Geflimmer!
O du verwaistes Land, du öder Nord,
Du siehst den Glanz der schönen Lichter nimmer!

Nun blickt' ich von den holden Sternen fort,
Um wieder mich zum andern Pol zu drehen,
Und sah, verschwunden war der Wagen dort;

Und einen Greis sah ich mir nahe stehen,
Deß Anblick mit der Ehrfurcht mich durchdrang,
Mit welcher Söhn' auf ihre Väter sehen.

Sein Bart, mit weißem Haar vermischt, war lang
Und gleich dem Haupthaar, das in Silberwellen
Sich auf die Brust im Doppelstreifen schlang.

Von Strahlen, die dem Viergestirn entquellen,
Sah ich sein Angesicht so schön und klar,
Als säh' ichs von der Morgensonn' erhellen.

»Wer seyd ihr Beyde, die ihr wunderbar
Der ew'gen Haft entflieht, dem Strom entgegen?«
Er sprachs, bewegt des Bartes greises Haar,

»Wer leitet' euch? Wer leuchtet' euren Wegen,
Daß ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht,
Die, ewig schwarz, der Hölle Thäler hegen?

Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht?
Hat neuer Rathschluß durch der Hölle Pforte
Verdammt' in meine Grotten hergebracht?« -

Hier fühlt' ich mich erfaßt von meinem Horte,
Und ehrfurchtsvoll zu neigen Knie' und Brau'n,
Gebot er mir mit Hand und Wink und Worte.

»Nicht durch mich selber bin ich hier zu schaun,«
Erwiedert' er, »ein Himmelsweib stieg nieder,
Um diesen meiner Leitung zu vertraun.

Doch ists dein Wille, daß ich wahr und bieder
Dir jetzt verkünde, was mit uns geschehn,
So ist mein Wille deinem nicht zuwider.

Er hat den letzten Abend nie gesehn,
Doch wenig fehlt' und seine Thorheit machte
Auch ihn im ew'gen Dunkel untergehn,

Als ich auf ihr Gebot ihm Hülfe brachte.
Ich wählte diesen Weg, den ich für ihn
Den einzigen zum wahren Heil erachte.

Nachdem die Schaar der Bösen ihm erschien,
Gedenk' ich jetzt die Geister ihm zu zeigen,
Die unter deiner Huth zur Läut'rung ziehn.

Wie ich ihn hergebracht, will ich verschweigen;
Doch Himmelskraft fühlt' ich mir zugeweht,
Um, ihn geleitend, bis zu dir zu steigen.

O nimm ihn jetzo gütig auf - er geht
Der Freiheit nach, und wie sie werth zu halten,
Weiß, wer um sie das Leben selbst verschmäht.

Du weißt's - du starbst ja gern, sie zur erhalten,
In Utica, und ließest dort das Kleid,
Das hell am großen Tag sich wird entfalten

Nicht ward der ew'ge Schluß von uns entweiht,
Er lebt, und mich hält Minos nicht gefangen.
Ich bin vom Kreis, wo noch voll Zärtlichkeit

Ihr, als der Deinen, treulich anzuhangen,
Zu dir der Martia keusche Blicke flehn,
Drum woll' uns, ihr zu Liebe, wohl emfangen.

Laß uns durch deine sieben Reiche gehn,
Dann grüß' ich sie von dir in jenen Hallen,
Willst, dort erwähnt zu seyn, du nicht verschmähn.«

»Gefiel auch,« sprach er, »Maria mir vor Allen,
Da ich gelebt, so daß ich ihr erwies,
Wodurch ich irgend wußt, ihr zu gefallen,

Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies,
Da sie dort wohn jenseits der nächt'gen Wogen,
Wie festgesetzt ward, als ich sie verließ.

Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen,
Wie du gesagt, was braucht's da Schmeichelei'n?
Sie will, dies gnügt, und treulich wirds vollzogen.

Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweihn,
Gürt' ihn mit glatten Binsen erst, und Wangen
Und Augen wasch' ihm dann von Schmutze rein.

Er kann, den Blick von Nebelflor umfangen,
Zum ersten Diener, der dem seel'gen Land
Schon angehört, nicht schicklich hingelangen.

Rings trägt der kleinsten Insel tiefster Strand,
Wo Wog' und Woge sich im Wechsel jagen,
Viel Binsen am morastig weichen Rand,

Die andern Pflanzen, welche Blätter tragen
Auf hartem Stamme, kommen da nicht auf,
Wo's gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen.

Doch kehrt von dort nicht rückwärts euren Lauf;
Die Sonne zeigt - seht, dort ersteht sie eben! -
Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf.«

Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben;
Stumm stand ich auf, und sah auf meinen Hort,
In seinem Schutz und Willen ganz ergeben.

Er sprach: »Sohn, folge mir jetzt rückwärts. Dort
Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer
Nach ihren letzten tiefsten Grenzen fort.«

Schon jagt' Aurorens lichter Rosenschimmer
Die Frühe vor sich hin, und weit gedehnt
Sah ich das Meer in zitterndem Geflimmer.

Wir gingen einsam fort, wie wer sich sehnt
Zum rechten Pfad, den er verlor, zu kehren
Und bis dahin sein Gehn verloren wähnt. -

Bald dorten, wo des Thaues Perlen-Zähren,
Im Kampfe mit der Sonne Strahlen zwar,
Doch sich im Schatten wenig nur verzehren,

Sah ich den Meister sanft sein Händepaar
Auf die bethauten frischen Gräser legen,
Nahm schleunig auch des Führers Absicht wahr

Und streckt' ihm die bethränte Wang' entgegen,
Und sieh, der Hölle Ruß und Schmutz verschwand,
Der mich bedeckt auf jenen dunkeln Wegen.

Dann kamen wir dahin zum öden Strand,
Der nie auf seiner Fluth ein Schiff erblickte,
Das heimgekehrt zum theuren Vaterland.

Dort, so wie der geboten, der uns schickte,
Umgürtet' er mit schwanken Binsen mich,
Und wo er nur die niedre Pflanze knickte,

Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich.


Gesang 02

Schon hatte sich die Sonn' auf ihrer Reise
Am Saum des Horizontes eingestellt,
Der Zion rings umspannt in gleichem Kreise.

Nacht, die den Kreislauf, ihr entgegen, hält,
Kam mit der Waag' am Ganges vorgegangen
Die, wenn sie abnimmt, ihrer Hand entfällt.

Drum hatten Eos weiß' und rothe Wangen
Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand,
In hohem Gelb zu schimmern angefangen.

Wir waren noch am niedern Meeresstrand,
Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen,
Im Herzen fort, indeß der Körper stand.

Und wie in trüber Röthe, wenn der Morgen
Sich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer
Sich zeigt, von dichten Dünsten fast verborgen,

So sah' ich jetzt ein Licht - o säh' ichs mehr! -
Und eilig, wie kein Vogel je geflogen,
Glitt's auf des Meeres glattem Spiegel her.

Als ich von ihm die Augen abgezogen
Ein wenig hatt', und zu dem Führer sprach,
Schien's heller dann und größer ob den Wogen.

Dann auf des Licchtes beiden Seiten brach
Ein weißer Glanz hervor und er entbrannte,
Wie's näher kam, von unten nach und nach.

Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,
So lang der Flügel erstes Weiß erschien,
Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte:

»Die Hände falt' und eile hinzuknie'n!
Sieh Gottes Engel! - Solche wirst du sehen,
Die als Beamte Gotte Wink vollziehn.

Sieh Menschenhülf' und Ruder ihn verschmähen;
Statt aller Segel gnügt sein Flügelpaar,
Im fernsten Meer bei jeden Windes Wehen.

Sieh, wie's gen Himmel strebt so schön und klar!
Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
Das nicht sich ändert, wie der Menschen Haar.«

Und wieder naht' er sich imdeß und wieder
In hellerm Glanz, daß solchen Schein nicht mehr
Mein sterblich Aug' ertrug, drum schlug ich's nieder.

Und immer näher kam das Schiff daher,
Und leicht schnell sah' ich's den Strand gewinnen,
Und keine Furche zog's im glatten Meer.

Im Hintertheile stand mit frohem Sinnen,
Voll Seeligkeit, der Himmels-Steuermann
Und mehr als hundert Geister saßen drinnen.

»Als aus Egypten Israel entrann,«
Die Schaar, gewiß, das Ufer zu erreichen,
Fing diesen Psalm einstimm'gen Sanges an.

El macht' auf sie des heil'gen Kreuzes Zeichen,
Und alle warfen froh sich auf den Strand.
Dann sah' man ihn, schnell, wie er kam, entweichen.

Die blieben, schienen fremd in diesem Land,
Und um sich blickend, sah' ich sie verweilen,
Als sey dort Slles neu und unbekannt.

Von allen Seiten schoß mit Feuerpfeilen
Den Tag die Sonne, bei den Steinbock zwang,
Vom höchsten Himmel flüchtig zu enteilen.

Dfrauf hob die Schaar, die jenen Psalmen sang,
Zu uns die Stirn empor mit diesem Worte:
»Zeigt uns den Weg nach diesem steilen Hang.

Erwiedert ward darauf von meinem Horte:
»«Wißt, wenn ihr uns des Landes kundig meint,
Wir sind so fremd wie ihr an diesem Orte.

Kurz eh' uns hier des Himmels Wort vereint,
Sind auf so rauhem Weg wir angekommen,
Daß, diesen zu erklimmen, Spiel erscheint.«

Wie Jene nun am Athmen wahrgenommen,
Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt,
Ja vor Erstaunen ängstlich und beklommen.

Und wie dem Boten, der den Oelzweig trägt,
Die Menge folgt, sich drängend und sich pressend,
Ihm nah zu seyn, von Neubegier erregt

So drängten jetzt, mich mit den Augen messen,
Zu mir die hochbeglückten Seelen sich,
Beinah den Gang zur Reinigung vergessend.

Hervor trat Eine jetzt, so inniglich
Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
Daß mein Verlangen gant dem ihren glich.

O leere Schatten, die Gestalt nur schienen!
Dreimal hatt' ich die Hände hinter ihr,
Und dreimal kehrt' ich zu der Brust mit ihnen.

Das Antlitz, glaub' ich, malt# Erstaunen mir,
Und Jenen sah' ich lächelnd rückwärts schweben,
Doch folgt' ich ihm mit liebender Begier

Und lieblich hört' ich ihn die Stimm' erheben:
»Sey ruhig!« da erkannt' ich ihn, und bat,
Er möge weilen und mir Antwort geben.

»Dich lieb' ich,« sprach er, als ich ihm genaht,
»Wie einst im Leib, so jetzt, der Haft entnommen.
Drum weil' ich - doch was gehst du diesen Pfad?«

»O mein Casella, mir zum Heil und Frommen
Komm' ich, um dann zur Welt zurückzugehn.
Doch wie bist du so spät hierher gekommen?«

Und Er: »Drob ist kein Unrecht mir geschehn.
Mußt' Er auch öfters mich zurückeweisen,
Der mit sich fortnimmt wann er will und wen,

Denn sein Will' ist nur der des Ewig-Weisen.
Und seit drei Monden nimmt er in den Kahn
Jedweden auf, der kommt, um mitzureisen.

Mich führte zu dem Ufer meine Bahn,
Wo salzig wird der Tiber süße Welle,
Und hold und gütig nahm er dort mich an.

Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,
Wo er die sammelt, die nicht ihre Schuld
Hinabstürzt in die ew'ge Nacht der Hölle.«

Drauf Ich: »Hat dir nicht jenen Sang voll Huld,
Den du geübt, ein neu Gesetz entnommen,
Ihn, der oft jeden Trieb mir eingelullt,

So laß ihn jetzt mich trösten und mir frommen,
Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
Ist, hier erscheinend, bang und schwer beklommen.«

»Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht,«
Begann er jetzt, und ach, die süße Weise
Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht.

Mein Herr und ich, wir standen stll im Kreise
Der Andern dort, und Alle so beglückt
Als kennten wir kein andres Ziel der Reise,

Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt.
Da sieh' bei uns den ehrenhaften Alten:
»Was, träge Geister, ist's, das euch berückt?

Nachlässige, so lang' euch aufzuhalten!
Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird,
Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten!«

Wie wenn, von Waizen oder Lolch gekirrt,
Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen,
Und keine mehr umher stolziert und girrt

Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,
Sie alle jäh, mit größ'rer Sorg' im Sinn,
Von ihrer Weid' empor im Fluge brausen;

So lief die Schaar der Seelen jetzt dahin,
Verließ den Sang und floh zum Berg in Eile,
Wie wer da läuft, allein nicht weiß wohin;

Wir aber folgten mit nicht größ'rer Weile.


Gesang 03


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