DANTES GÖTTLICHE KOMÖDIE

IN WORT UND BILD

VON BERNHARD SCHULER

mit 32 Bildern von GUSTAV DORÉ

16.-21. Tausend
1922
München

Vorwort

Goethe erteilt den Rat: »Man studiere nicht die Mitgeborenen und Mitstrebenden, sondern große Menschen der Vorzeit, deren Werke seit Jahrhunderten gleichen Wert und gleiches Ansehen behalten haben. Ein wirklich hochbegabter Mensch wird das Bedürfnis dazu ohnehin in sich fühlen, und gerade dieses Bedürfnis des Umgangs mit großen Vorgängern ist das Zeichen einer höhern Anlage.« (Eckermann, Gespr. III. 1. Apr. 1827.)

Diese Worte können vielleicht keine bessere Anwendung finden als auf Dantes Göttliche Komödie, die an Schönheit von keiner anderen Dichtung übertroffen und an Erhabenheit der Grundidee und Kraft der Phantasie von keiner andern erreicht wird. Schon von Dantes Zeitgenossen hochgeschätzt, hat sie an Verehrung seit sechs Jahrhunderten nicht nur nichts verloren, sondern stetig gewonnen, und es gibt keine Sprache der neuen Kulturvölker, in welche nicht diese himmlische Dichtung übertragen worden wäre. Sehr zahlreich sind die Übersetzungen ins Deutsche. Aber wiewohl der Eifer und die Liebe, womit diese Übertragungen geschaffen wurden, die vollste Anerkennung verdienen, so ist es doch noch keiner Feder gelungen, den Zauber von Dantes Wort in einer Übersetzung wiederzugeben, und darin mag vielleicht der hauptsächlichste Grund liegen, daß unter den vielen, die mit dem Feuer der Begeisterung an die Lektüre des unvergleichlichen Werkes herangetreten waren, doch nur wenige es vermochten, dem Schifflein des Dichters zu folgen, das kühn die Wellen der hohen See des Wissens durchfurchet.

Hierzu kommt noch ein anderer, nicht unwesentlicher Umstand. Schon Schelling hat darauf hingewiesen, wie in jedem großen Dichter zwei Dichter leben, deren einer allen Zeiten und Ländern angehört, deren anderer das besondere Gepräge seines Landes und seines Zeitalters trägt. In hervorragender Weise gilt dies von Dantes Göttlicher Komödie, die gar vieles enthält, was nicht von allgemeinem Werte ist und wofür es unserer Zeit an Interesse und an Verständnis fehlt, und manches enthält, was aus einer einseitigen Anschauung des Dichters herausgewachsen und darum zu falschen Auffassungen Anlaß zu geben geeignet ist. Letzteres gilt namentlich von jenen Stellen, in denen der Dichter, da er sich als Römer fühlt, gerade diejenigen Handlungen der Griechen, die wir sonst zu bewundern gewohnt sind, tadelt und deren Urheber verurteilt, einzig aus dem Grunde, weil sie den Trojanern, dem Stammvolke der Römer, zum Unheile geworden waren.

Bei Abfassung des vorliegenden Textes hielt ich es deshalb für meine Aufgabe, alles das, was nur für Dantes Zeit und Zeitgenossen geschrieben zu sein scheint und was nur mit ermüdenden Anmerkungen hätte verständlich gemacht werden können, auszuscheiden und dagegen dem, was der große Dichter für alle Menschen und für alle Zeiten gepredigt und besungen hat, meine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dabei schien es mir nützlich, den behandelten Stoff in die Form einer allgemein verständlichen Erzählung zu gießen und diese so zu gestalten, daß des hohen Liedes Töne auch an den Ohren der weniger Eingeweihten nicht verhallen. Zu diesem Zwecke war ich bemüht, die Darstellung möglichst im Anschluß an die Worte des Dichters selbst zu geben. Überraschend tritt uns da vor allem entgegen der Reichtum und die Klarheit der Bilder und Gleichnisse, durch welche Dante uns seine Gestalten so wahr, so lebendig und unmittelbar vor Augen treten läßt. Und so massenhaft diese Bilder sind, sie sind doch stets neu, dem Gedanken vollständig entsprechend, edel und würdig. Das Erhabenste und Niedrigste, das Schönste und Hässlichste, die höchste Liebe und den größten Haß, die vollendete Heiligkeit und die tiefste Verworfenheit, alle Wonnen der Seligen und alle Qualen der Verdammten hat er geschildert; aber über allem schwebt der ideale Hauch reiner, edler Poesie, welche allem, was sie berührt, das Siegel des Schönen aufprägt. Und wie der Dichter Episoden zu schildern versteht, dafür sei als Beispiel nur jene von Ugolinos Ende erwähnt, welche Goethe zu dem Höchsten zählt, was die Dichtkunst je hervorgebracht hat.

Möge das Buch freundliche Aufnahme finden und die Leser zu einem eingehenderen Studium der unsterblichen Dichtung anspornen.

München, 1921
Bernhard Schuler.

Einleitung

Fünfhundert Jahre waren seit der Kaiserkrönung Karls des Großen vorübergegangen, als Dante seine Göttliche Komödie schrieb. Der gewaltige, von Otto dem Großen, dem ersten römischen Kaiser deutscher Nation, wohlgefügte Bau des heiligen römischen Kaisertums war bereits in seinen Grundfesten erschüttert; schwere Kämpfe zwischen Kaisertum und Papsttum hatten Zerrüttung und Unsicherheit aller Verhältnisse über die Völker gebracht; namentlich der noch immer fortdauernde Kampf zwischen Welfen und Ghibellinen hatte Macht und Ansehen des Kaisertums und des Papsttums in gleicher Weise geschädigt; die idealen Gedanken der großen Kaiser und Päpste, hineingeworfen in die Flut wilder Leidenschaften, waren befleckt und entstellt. Die Kreuzzüge, welche vordem die ganze abendländische Christenheit zu tatkräftigem Zusammenwirken vereinigt hatten, waren allerdings mächtige Förderer von Handel und Industrie gewesen, aber zugleich war mit dem Reichtum auch Üppigkeit und Sittenverderbnis in die aufblühenden Städte eingezogen, und Florenz, die Vaterstadt Dantes, war nach jeder Richtung ein treues Spiegelbild dieser Zeitlage.

Dante, geboren 1265, nicht bloß ein Mann tiefer Empfindung, sondern auch ein Mann der Tat, konnte von diesen Zuständen nicht unberührt bleiben. Bereits als Knabe war er Zeuge der gewaltigsten Ereignisse: Konradins Fall und tragisches Ende zu Neapel, die Sizilianische Vesper, die Kämpfe der Ghibellinen und Welfen, die Erhebung Ugolinos und sein entsetzliches Ende, die blutigen Parteiungen in seiner eigenen Vaterstadt hatten die Phantasie des heranreifenden Jünglings mächtig bewegt, und seine Feuerseele mußte den stärksten Antrieb empfangen, seinerseits tatkräftig in die Geschichte seiner Vaterstadt einzugreifen.

An der Schlacht von Campaldino und bei der Belagerung von Caprona hatte er im Lager der Welfen, denen er nach Geburt und Gesinnung damals angehörte, tätigen Anteil genommen. Im Jahre 1300, als er in der Mitte unseres Lebens stand, trat er als einer der sechs Prioren, denen auf ein Jahr die Regierung seiner Vaterstadt zukam, an die Spitze der Geschäfte, ein Ereignis, das für ihn von der verhängnisvollsten Tragweite sein sollte. Gerade waren im Schoße des Gemeinwesens neue Spaltungen entstanden. Um diese zu schlichten, schickte Papst Bonifazius VIII. einen Gesandten nach Florenz, und als dessen Vermittlung abgelehnt wurde, rückte im Namen des Papstes der Franzose Karl von Valois, der sich eben zu einem Kriegszuge gegen Sizilien rüstete, gegen Florenz. Nun beschlossen die Florentiner, um die französische Einmischung zu hintertreiben, eine Gesandtschaft an den Papst zu schicken. An ihrer Spitze stand Dante, der, seiner Bedeutung sich bewußt, im Hinblick auf die Schwierigkeit der Lage das stolze Wort gesprochen haben soll: »Wer soll gehen, wenn ich bleibe? Wer wird bleiben, wenn ich gehe?«

Während aber Dante — wie er glaubte, von Papst Bonifazius VIII. absichtlich — in Rom zurückgehalten war, rückte Karl von Valois in Florenz ein, und die Gegner Dantes bemächtigten sich der Herrschaft. Alsbald wurde über Dante die Verbannung ausgesprochen, die ihm für immer die Tore seiner Vaterstadt, an der er mit allen Fasern seines edlen Herzens hing, verschloss. Aber so schwer ihn auch das Schicksal traf, seine Kraft wurde durch dasselbe nicht gebrochen, sein Mut wurde nicht gelähmt, sondern noch gestählt, und auf dem dunklen Hintergrunde seines zerstörten Glückes leuchtete der Adel seines Charakters um so herrlicher hervor.

Nicht weil er des stampfes müde gewesen wäre, sondern weil er, wie schon sein Auftreten gegen beide Parteien während des Priorates erkennen ließ, die volle Überzeugung von der Verderblichkeit der Parteistreitigkeiten gewonnen hatte, trennte er sich vollständig von jeder Partei und stellte sich über die Parteien, unausgesetzt sein Ziel im Auge: Italiens und der Menschheit Rettung. Und was er durch die Tat nicht schaffen konnte, das suchte er zu wirken durch sein Wort: er schrieb seine Komödie, die von der Nachwelt die »göttliche« genannt wird und die er selbst die heilige Dichtung nennt, an welcher Hand anlegte die Erde und der Himmel.


Um der Menschheit den Weg zu zeigen, auf welchem sie zur irdischen Glückseligkeit und zum ewigen Heile gelangen könne, schildert der Dichter, wie er selbst durch Betrachtung der Hässlichkeit der Sünde und durch den Anblick ihrer Strafen seiner Irrungen sich entledigte und durch Buße, Glauben und Gnade zur Rettung kam.

Als Führer dienen ihm Virgil und Beatrice; jener auf dem Weg zum irdischen, diese auf dem Weg zum himmlischen Paradiese. Indem aber Dante für jenen Weg den heidnischen Sänger Virgil erwählt, will er sagen, dass dem Menschen zur Erreichung der irdischen Glückseligkeit die Vernunft und die Philosophie genügt. Zur Erreichung der ewigen Glückseligkeit bedarf aber der Mensch einer übernatürlichen Führung, welche in der Dichtung durch Beatrice dargestellt wird. So ist Virgil das Symbol der Philosophie, Beatrice das der Theologie.

Da aber der Mensch bestimmt ist, in Gesellschaft zu leben, so ist der Menschheit als solcher eine das Ganze umfassende Leitung zur Erlangung ihres Heiles notwendig, und auch diese Leitung muß nach der Anschauung des Dichters eine zweifache sein: eine weltliche und eine geistliche. Darum ist zur Erreichung des doppelten Zieles, zu welchem die Menschheit berufen ist, eine oberste weltliche Gewalt, der Kaiser, und eine oberste geistliche Gewalt, der Papst, erforderlich. Auch diese führenden Gewalten werden durch Virgil und Beatrice dargestellt. Virgil ist demgemäß nicht bloß Symbol der Philosophie, sondern auch Symbol des nach den Lehren der Philosophie die Menschheit zur zeitlichen Glückseligkeit leitenden Kaisertums; Beatrice aber nicht bloß Symbol der Theologie, sondern auch Symbol des in Gemäßheit der göttlichen Offenbarung das Menschengeschlecht zur Glückseligkeit des ewigen Lebens leitenden Papsttums. Wie nun das Papsttum universell ist, so muß auch das Kaisertum nach der Idee des Dichters ein universelles sein, dem alle anderen weltlichen Gewalten sich unterzuordnen haben und das, indem es über alle Völker und Staaten herrscht, den Weltfrieden verbürgt.

Warum der Dichter Virgil und Beatrice als Repräsentanten seiner Ideen wählt, ist hinsichtlich des ersteren eine gleichsam sich selbst beantwortende Frage. Hatte doch auch Virgil in seiner Aeneide nicht bloß die Qualen des Tartarus geschildert, die unserem Dichter als Vorbild für seine Wanderung durch die Hölle dienten, sondern auch, wie es der Idee Dantes entsprach, die Begründung des römischen Kaisertums nach dem Plane der göttlichen Vorsehung bezeugt. Was aber den Namen Beatrice betrifft, so könnte die wörtliche Bedeutung dieses Namens »die Seligmachende« zur Erklärung der Allegorie als genügend erscheinen. Indessen wird mit vielen guten Gründen behauptet, sie sei eine schöne Florentinerin gewesen, welche Dante, als sie am Anfange und er am Ende des neunten Lebensjahres stand, kennenlernte, welche von da an sein Herz mit Liebe entflammte, ihm den Weg der Tugend wies und ihn aus der Sklaverei zur Freiheit führte. Für romantisch angelegte Naturen hat gewiß diese Anschauung etwas reizendes. Wie immer aber es sich hiermit verhalten möge, so viel ist gewiß, dass, wenn Beatrice ein Wesen von Fleisch und Blut gewesen ist, hierdurch die allegorische Bedeutung derselben nicht in den Hintergrund gedrängt wird.

Für kurze Zeit tritt in der Dichtung noch Matelda als Führerin auf. Auch diese, über deren Persönlichkeit viel geschrieben und gestritten wird, hat gleich Virgil und Beatrice eine allegorische Bedeutung. Sie ist die Dienerin und Vorläuferin Beatricens, die, nachdem Virgil aufgehört hat, Führer zu sein und seinem Schützling nur noch als Begleiter folgt, dem nach Vollkommenheit Strebenden die ersten Glaubenswahrheiten, welche schon von den Alten geahnt und »im Traume gesehen« wurden, offenbart, die ihn durch ihre Schönheit fesselt und durch ihr Beispiel leitet auf jenem Gebiete, das den Übergang bildet vom Weltlichen zum Geistlichen und auf welchem weltliche und geistliche Gewalt sich berühren.

Es ist vielfach behauptet worden, Dante sei ein Gegner des Papsttums gewesen; nichts aber ist in der Tat irriger als diese Anschauung. Wohl zürnt er der Person des Papstes Bonifazius VIII., in welchem er den größten Gegner seines politischen Systems und zugleich den Urheber seiner Verbannung und all des Wehs, das ihm daraus entsprang, erblickte. Neunmal, in allen drei Reichen des Jenseits, lässt er das Verdammungsurteil über diesen Papst aussprechen. Auch sonst geißelt er schonungslos und oft mit sichtlicher Übertreibung und Gereiztheit den weltlichen Sinn des Klerus seiner Zeit. Aber gerade der an spiritualistische Strenge grenzende Zorn, der ihn ergreift, wenn er wirkliche oder vermeintliche Gebrechen wahrzunehmen glaubt, ist ein Beweis, welche hohe Meinung er von den kirchlichen Institutionen hatte, und insbesondere zollt er dem obersten Hirtenamte als solchem die tiefste Verehrung. Immerhin aber sind jene Stellen heiliger Entrüstung, obwohl sie viel an Überschwenglichkeit leiden, zur Charakteristik der göttlichen Komödie um so weniger entbehrlich, als sie mit unverkennbarer Absichtlichkeit so scharf und flammend von dem Dichter geschrieben wurden.

Überall und in allem erkennt man die große, edle Seele des Dichters, und dem Freimut, mit dem er unerschrocken über die Fehler anderer urteilt, steht versöhnend die Strenge gegenüber, die er gegen sich selber übt im Bekenntnis der eigenen Fehler. Mit ungeteilter Bewunderung und Verehrung blickt deshalb die Nachwelt zu dem Dichter empor, und mit vollem Rechte preist der unsterbliche Michelangelo seinen unsterblichen Landsmann:

Wer sagte, was von ihm zu sagen wäre,
Der herrlich strahlt, ein Licht in lichter Zone!
Leicht findet ihr das Wort dem Volk zum Hohne,
Das ihn gekränkt, schwer das zu seiner Ehre.

Ins Reich der Sünden, daß er uns belehre,
Stieg er hinab, dann auf zu Gottes Throne;
Und schloß die Vaterstadt ihr Tor dem Sohne,
Der Himmel tat ihm seines auf, das hehre.

O selber dein Verderben so zu nähren,
Du schnödes Land! Du solltest Zeuge werden,
Dass Großes stets zu großem Weh' erkoren.

Und nur das Eine magst du zitternd hören:
Verbannt war kein so Edler je auf Erden,
Wie kein so Großer je vor ihm geboren.


Die drei Reiche der göttlichen Komödie.

Als Luzifer vom Himmel herabgestürzt wurde, fiel er kopfüber auf der uns entgegengesetzten Hemisphäre nieder und sank so tief, als er nur sinken konnte, so dass er im Mittelpunkt der Erde stecken blieb und seitdem je die halbe Länge seines riesenhaften Leibes vom Mittelpunkt in die beiden Erdhälften hineinragt. Das jungfräuliche Land aber, welches damals die westliche Hemisphäre deckte, wich aus Entsetzen vor dem größten Sünder zurück und rückte vor in unsere Hemisphäre, die damals noch ganz mit Wasser bedeckt war, indessen auf der anderen Hemisphäre die Meeresflut gleich einem dunklen Schleier das Antlitz der Erde verhüllte. Nur ein einziger Berg erhebt sich jetzt inmitten des dadurch entstandenen gewaltigen Ozeans, ein steiler, hoher Berg, der höchste, den die Erde zeigt. (Fegfeuer III. 15. Himmel XXVI. 142.) Die Katastrophe des Engelsturzes hat ihn gebildet; denn durch den Sturz des Satans und seines Anhanges wurde ein Teil der Erde aus seiner früheren Lage verdrängt, spritzte hinter den Fallenden in die Höhe und bildete so den hohen Berg, den wir später als den Berg der Buße kennenlernen werden.

Die Hölle

Über dem Haupte des Satans baut sich in der Erde drinnen das große Amphitheater der Hölle auf. Man stelle sich einen Trichter vor, der mit der Spitze im Mittelpunkt der Erde steckt und dessen weitester Umfang unter jener Erdkruste sich befindet, auf der wir uns bewegen. Denkt man sich, der Anschauung des Dichters folgend, Jerusalem als Mittelpunkt der bewohnten Erde und diesen Mittelpunkt gerade über der Mitte des obersten und weitesten der Höllenkreise, Florenz jedoch am äußersten Rande dieses Kreises gelegen, so kann man sich annähernd einen Begriff von der Größe des obersten Höllenkreises verschaffen, wenn man des Zirkels eine Spitze bei Jerusalem einsetzt und mit der andern Spitze von Florenz aus einen Kreis beschreibt. Zieht man dann von der äußeren Peripherie dieses Kreises Linien bis zum Mittelpunkt der Erde, so gewinnt man die Gestalt und Größe des Höllentrichters.

Die Tränen der Menschheit, alle Tränen, die sündiges Elend je erpressten, sammeln sich im Berge Ida auf der Insel Kreta zu einer Quelle, die ihre Wasser in den Höllentrichter gießt, den Höllenstrom zu bilden, der unter vier verschiedenen Namen uns bekannt wird: zuerst als Acheron (Schmerzensfluss), sodann als Styx (Trauerfluss), sodann als Phlegeton (Feuerfluss) und endlich als Cocytus (Tränenfluss).

Neun Kreise, meistens aus wüsten Felstrümmern und aus Erdaufschichtungen gebildet, befinden sich im Höllentrichter, sich gegen das Zentrum der Erde hin stets mehr und mehr verengend. Oberhalb des weitesten der Höllenkreise, also zwischen diesem und der Erdschichte, befinden sich die charakterloren Seelen: »Es stieß sie aus der Himmel, doch auch die Hölle nimmt sie nicht auf.« (Hölle III. 41.)

Dann geht es über den Acheron zum ersten und obersten Kreise der Hölle, der gleichsam der Vorhof der Hölle ist, die Vorhölle, wo kein Schmerz, doch ewig ungestillte Sehnsucht herrscht. Die Seelen der Gerechten des alten Bundes harrten da bis zu dem Opfertod auf Golgatha der Erlösung. Hier weilen immerdar die Seelen der tugendsamen Heiden und der Kindlein, die ohne Taufe starben. Es ist dieser Raum eher ein heidnisches Elysium, als eigentliche Hölle.

Im zweiten Kreise treffen wir die Wollüstigen, im dritten die Schlemmer, im vierten die Geizigen.

Der fünfte Kreis besteht aus einem Sumpfe (Styx), in dem die Zornmütigen versenkt sind.

Am jenseitigen Ufer dieses Sumpfes erheben sich hohe Mauern, und durch ein gewaltiges Tor geht es ein zur tieferen Hölle, der Höllenstadt Dis.

Wurden in den oberen Kreisen mehr die Sünden menschlicher Schwäche bestraft, so werden von jetzt ab die Sünder der Bosheit gezüchtigt. So treffen wir im sechsten Höllenkreise die Ketzer, im siebenten Kreise, den der Phlegeton durchfließt, die Gewalttätigen: Räuber, Mörder und Tyrannen, Selbstmörder, Gotteslästerer, Wucherer und Sodomiten.

Der achte Höllenkreis ist ganz eigener Natur. Er besteht aus zehn Ringen, Bulgen, d. h. Beutel oder Säcke genannt. Im ersten Ringe werden bestraft die Kuppler und Verführer, im zweiten die Schmeichler, im dritten die Simonisten, im vierten die Wahrsager und Zauberer, im fünften bestechliche Beamte, im sechsten die Heuchler, im siebenten die Diebe, im achten betrügerische Ratgeber, im neunten Schismatiker und Zwietrachtstifter, im zehnten Verfälscher aller Art.

Dort wo zum neunten und tiefsten Höllekreise es hinuntergeht, sind turmhohe Riesen aufgepflanzt.

Auf der Hölle Grund ist der Höllenstrom, jetzt Cocyt genannt, zu Eis erstarrt und dieses gletscherhafte Eisfeld, das gegen den Mittelpunkt der Erde abfällt, enthält 4 Abteilungen, und vier Klassen von Verrätern bevölkern dieselben: Verräter an Verwandten, Verräter am Vaterland, Verräter an Freunden, Verräter an Wohltätern. Nach der Art dieses Verrates sind auch die Abteilungen benannt; die erste heißt Kaina, die zweite Antenora, die dritte Ptolomäa, die vierte Judecca. — Im Mittelpunkt der Erde ragt aus dem Eise der entsetzliche Luzifer hervor, dessen Armeslänge größer ist als die neunmal neunfache Größe des Menschen.

Am Karfreitag abend gelangte der Dichter an den Eingang zur Hölle, und legte die Reise durch dieselbe innerhalb 24 Stunden in der Weise zurück, daß er von jedem Kreise einen kleinen Abschnitt durchwanderte und so gewissermaßen spiralförmig niederstieg. Bei dem Satan angekommen, gelangte er durch eine Spalte, die zwischen dem Eise und dem Körper des Satans sich befand, zu jener Rinne, die Luzifer bei seinem Sturze hinter sich zurückgelassen hatte. Durch diese Rinne stieg Dante in weiteren 24 Stunden empor zum Ausgang auf der anderen Hemisphäre, so dass er zu der Zeit, als es auf unserer Hemisphäre Ostersonntag Abend war, auf der anderen Hemisphäre am Ostersonntag in der Frühe ans Tageslicht gelangte und am Fuße jenes Berges sich befand, der in der großen Wasserwüste der westlichen Hemisphäre, etwa dort, wo für uns die südlichen Gesellschaftsinseln liegen, als Berg der Läuterung sich erhebt.

Der Berg des Fegfeuers

Wie der Höllentrichter in Stufen niederstieg, so erhebt sich sein Gegenbild, der Berg des Fegfeuers in ähnlichen Abstufungen bis zu der Sphäre des Äthers. Der Berg ist kegelförmig, oben abgeplattet und so steil, daß man fast Flügel haben muss, um seinen Gipfel zu erreichen.

Wie die Hölle neun Kreise hat, so umziehen auch den Berg des Fegfeuers neun terrassenartige Kreise oder Simse.

Die für diesen Berg bestimmten Seelen sammeln sich zu Rom »dort wo sich dem Salze mischt der Tiber Welle« (Fegf. II. 100). Ein Engel nimmt sie auf in seinem Kahn und führt die Schatten über die weite Wasserfläche bis hierher zum Fuß des Berges.

Vom Fuße bis zum dritten Bergessimse treffen wir nur solche Seelen, die zur Reinigung noch nicht zugelassen werden, da sie ihre Reue bis zum letzten Augenblick verschoben. So wandeln ganz unten solche, die reuig zwar, doch im Kirchenbanne starben; dann etwas höher jene, denen die Vernachlässigung ihres Seelenheiles zur Gewohnheit geworden war, so dass sie erst im letzten Augenblicke sich bekehrten; noch weiter oben solche, die, gewaltsam getötet, noch soviel Zeit gewannen, sich reuig zu Gott hin zuwenden; endlich jene Großen dieser Welt, die über der Sorge um irdische Dinge ihr Seelenheil vergaßen bis zur letzten Stunde. Erst beim Aufstieg zum dritten Simse stehen wir vor der Pforte des eigentlichen Fegfeuers. Auf diesem dritten Simse büßen da die Stolzen, auf dem vierten die Neidischen, auf dem fünften die Zornigen, auf dem sechsten die Trägen, auf dem siebenten die Geizigen und Verschwender, auf dem achten die Schlemmer und auf dem neunten die Wollüstigen. Auf des Berges Gipfel befindet sich das irdische Paradies mit seinen Flüssen: Eunos und Lethe; — »der eine tilgt der Reue Schmerz, der andere frischt auf die Erinnerung an gute Taten" (Fegf. XXVIII. 127). Von da schwingt sich die reine Seele auf zum Himmlischen Jerusalem.

Wie den Abstieg zur Hölle, so legte Dante auch den Aufstieg zum Gipfel des Berges der Läuterung in spiralförmiger Wanderur zurück. Da aber an diesem Orte das Aufwärtssteigen nachts unmöglich ist, so erreichte Dante erst am Mittwoch nach Ostern vormittags den Gipfel des Berges. Bis hierher hatte ihn Virgil als Repräsentant der menschlichen Vernunft geleitet. Jetzt aber übernahm Beatrice als Repräsentantin der geoffenbarten Wahrheit die Führung. Mit ihr begann der Dichter um die Mittagsstunde des genannten Tages den Aufflug zu den Sternen.

Der Himmel

Auch der Himmel umfaßt neun Kreise mit neun verschiedenen Graden von Seligkeit.

Als Basis für die Einteilung dieser Kreise dienen dem Dichter auf Grund des ptolomäischen Systems die sieben Planeten, dann die Sphäre der Fixsterne und endlich der kristallinische Himmel. Nach diesem Systeme steht die Erde unbewegt im Mittelpunkte des Weltalls, zu dem alle Körper hinstreben. Den Erdkörper selbst bilden zwei schwere Elemente; Erde und Wasser; von der Luftsphäre und jener des Feuers wird er umhüllt. Weit jenseits der Sphäre des Feuers folgen die Himmel der sieben Planeten, deren jeder mit seinem Himmel sich umschwingt; jener des Mondes, des Merkur, der Venus, der Sonne, des Mars, des Jupiter, des Saturn; jeder dieser Planeten hat seine eigene Bewegung von Westen nach Osten und zugleich noch eine zweite, epizyklische, um einen bestimmten unsichtbaren Punkt. Jenseits des Saturn breitet der Fixsternhimmel sich aus, dessen Umlaufzeit die langsamste ist, weil am weitesten von der Erde entfernt; ihm folgt der neunte, alle anderen umschließende Himmel, der in seinem unendlich schnellen Kreislauf von 24 Stunden alle von ihm umschlossenen Himmel mit sich fortreißt, ohne deren eigene Bewegung zu stören, der kristallinische Himmel oder das Primum mobile. Von ihm geht alle Bewegung, alles Werden und aller Wechsel aus. Jenseits dieser Sphären, über allem, was in Raum und Zeit sich bewegt und verändert, ist der Licht- oder Feuerhimmel Empyreum, die Wohnung Gottes voll Licht, Liebe und Seligkeit.

Zu diesem schwingt sich der Dichter durch die neun Sphären, in jeder derselben eine Zeitlang verweilend, empor. Zuerst besucht er den Mond, wo jene Seligen weilen, die ihr Gelübde auf Erden nur mangelhaft erfüllten; sodann den Merkur, den Aufenthaltsort jener Seligen, die auf Erden allzu sehr von Ehrfurcht sich beherrschen ließen. In der Venus trifft er jene Seligen, die allzu große Sinnenliebe einst umstrickte. So weit fällt noch der Schatten unserer Erde. Jetzt geht es aufwärts in die reinsten Sphären, wo statt Farben nur mehr Lichtunterschiede hervortreten. Die Sonne zeigt uns die großen Theologen, der Mars die Glaubenshelden, der Jupiter die gerechten Herrscher, der Saturn die großen Asketen, der Fixternhimmel die ganz besonders auserkorenen Heiligen, vor allem die Gottesmutter Maria, den hl. Petrus und die übrigen Apostel.

Den Kristallhimmel bewohnen neun Chöre der Engel. Jeder dieser neun Engelschöre ist nach der Anschauung der damaligen Schule einer der genannten neun Himmelssphären vorgesetzt. Die Seraphim lenken den kristallinischen Himmel, die Cherubim den Fixsternhimmel, die Throne den Saturn, die Herrschaften den Jupiter, die Kräfte den Mars, die Mäсhte die Sonne, die Fürstentümer die Venus, die Erzengel den Merkur und die Engel den Mond.

Wenn nun der Dichter die Seligen nach dem Grade ihrer Seligkeit in diese neun Ktreise verteilt, so denke man sich nicht, als ob es Selige gäbe, die nicht eine volle Seligkeit genießen. Denn jede Seele ist so selig, als sie nur sein kann, und es gibt nur darum verschiedene Grade von Seligkeit, weil durch größere Heiligkeit auch die Fähigkeit, ein höheres Maß von Seligkeit zu genießen, erworben wird. Auch wohnen die Engel und die Seligen nicht in verschiedenen Himmeln, sondern alle wohnen in dem Einen Himmel, dem Empyreum, der Wohnung Gottes, die alle andern Himmel ganz umschließt, wo jeder Unterschied des Raumes auf hört, da das Naturgesetz dort keine Geltung hat. Hier bilden sie die mystische Himmelsrose um den Lichtsee der ewigen Liebe. So genießen insgesamt die seligen Geister unmittelbar die Anschauung Gottes und durch sie die volle Seligkeit, die sie zu fassen vermögen.

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