Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Konrad zu Putlitz - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Auf unsres Erdendaseins
Erfand ich mich in einem dunklen Wald,
Da abgeirrt vom rechten Pfad die Schritte.

Wie jenes dichte Dickicht ungestalt,
Verrucht und rauh, bedrückt mich schwer zu sagen,
Da jetzt die Furcht noch in mir widerhallt,

Kaum daß der Tod uns Bittrer's läßt ertragen.
Doch um des Guten, das ich dorten fand,
Will ich auch andres noch zu künden wagen.

Weiß nicht, wie ich mich in den Wald verrant,
So war vom Schlafe mir der Sinn benommen,
Weiß nicht, wie mir der wahre Weg entschwand.

Doch als ich dann zum Fuß des Bergs gekommen,
An dessen Hängen ausläuft jenes Tal,
Das mir gemacht vor Furcht das Herz beklommen,

Schaut' ich empor: Der Morgensonne Strahl
Vergoldete schon licht des Berges Rücken,
Der jeden führt gradaus zum rechten Mal.

Geringer fühlt' ich da die Furcht mich drücken,
Die in des Herzens Tiefe mir verharrt
In jeder Nacht, getrübt durch Schicksalstücken. -

Wie einer, der ans Land gerettet ward,
Tief atemholend rückschaut nach der nassen
Gefahr, so hat mein Geist zurückgestarrt,

(Noch auf der Flucht, als könn`er sich nicht fassen),
Nach jener Schlucht im unwegsamen Wald,
Die nie ein Wesen lebend noch verlassen.

Nach kurzer Rast der Glieder trat ich bald
Den Aufstieg an empor zur wüsten Stelle,
Den unt'ren Fuß stets festgestemmt zum Halt,

Und dorten, gleichsam an des Abhangs Schwelle,
Erschien ein gar behendes Panthertier,
Leichtfüßig, mit gepardelt-fleck'gem Felle.

Nicht aus dem Angesichte wich es mir,
So daß nach aufwärts mir kein Raum gegeben,
Zur Rückkehr meines Wegs bewog's mich schier. -

Zur Zeit des Morgenanfangs war es eben,
Die Sonne stieg mit jener Sterne Schar,
Die Gottes Liebe rief zuerst ins Leben,

Als alle Schönheit er zum Licht gebar,
So daß ich Grund, voll Hoffnung mich zu freuen
Des Tieres mit dem scheckig-bunten Haar,

Der Zeit und Jahr'szeit in des Lenz's Ernauen.
Doch nicht so sehr, daß ich nicht Furcht empfand
Beim Anblick eines Löwen, dessen Dräuen

Mir schien, als sei es gegen mich gewandt.
Erhobnen Haupts mit hungergier'gen Zähnen,
Daß selbst die Luft drob schien in Furcht gebannt,

Und einer Wölfin, deren lüst'res Gähnen
Aus ihrer Abgezehrheit Wut entsprang,
Die viele schon gebracht zu Gram und Tränen.

Die Furcht, mich niederschmetternd, so durchdrang
Bei ihrem Anblick, diesem grauenvollen,
Daß alle Hoffnung mir zum Aufstieg sank.

Wie Menschen, die gern viel erwerben wollen,
Und kommt die Zeit dann, die Verluste zeigt,
Mit allen Sinnen dem Geschicke grollen,

So trieb das Tier, das auf mich niedersteigt,
Das friedelose, mich im Vorwärtsschieben
Allmählich dorthin, wo die Sonne schweigt.

Indes ich so zum tiefen Grund getrieben,
Sich meinem Auge ein Gebilde weist,
Das schien vom langen Schweigen matt geblieben.

Als ich in großer Öde dort den Geist
Erschaut, rief ich ihm zu: »Erbarm dich meiner,
Ob Schatten oder Mensch, wer du auch seist!«

»Ich war ein Mensch, heut aber bin ich keiner,«
Gar er zur Antwort, »in der Lombardei
Zu Mantua geboren, war ich einer

Zu Cäsars spätster Zeit, dann lebt ich frei
Im Rom Augusts, des Guten, als bezwungen
Die Stadt vom Trug noch der Abgötterei.

Ein Dichter war ich, einst hab' ich besungen
Anchises' tapfren Sohn, der Troja floh,
Nachdem die Flammen Ilions Stolz veschlungen.

Doch du, was suchst du denn die Qualen so
Und steigst nicht auf zur schönsten Bergeshelle,
Grund alles Heils, des' alle Seelen froh?«

»Bist du Virgil, sag, bist du jene Quelle,
Aus der so reich der Strom der Rede bricht?«
Gab ich verschämt ihm Antwort auf der Stelle.

»O du, der andrer Dichter Ruhm und Licht,
Vergelte brünft'ge Liebe und Begehren,
Mit denen ich durchforschte dein Gedicht!

Du warst mein Meister, und aus deinen Lehren
Allein der Schreibart schöne Form entsprang,
Die meiner Dichtung Kunst gebracht zu Ehren.

Ich wich vor jenem Tier, das auf mich drang:
Hilf, hehrer Weiser, mir von ihm, das Zagen
Und Beben mir durch Puls und Adern zwang.«

»Dir ziemt es, andre Wege einzuschlagen,«
Erwidert er, als er mich weinen sah,
»Soll dich dein Fuß aus dieser Wildnis tragen.

Das Tier, um das dein Hilferuf geschah,
Läßt keinen zieh'n des Wegs, nein, hemmt ihn immer,
Bis er verendet liegt als Leiche da.

Es ist so bös, von unersättlich grimmer
Begierde, so im Innersten verdorrt,
Daß nach dem Fraße noch sein Hunger schlimmer.

Mit vielen Tieren pflanzt dies Tier sich fort
Und wird es tun, bis, martervoll zerrissen,
Der Spürhund ihm verwehret fernern Mord.

Der wird nicht sein um Land und Gold beflissen,
Der sich der Weisheit, Liebe, Tugen bot.
Er, ein Lombarde, wird Italien wissen

Aus Schmach emporzuziehn, um seine Not
Sind Nisus und Eurialius gefallen,
Ihm ging Camilla, Turnus in den Tod.

Der jagt von Ort zu Ort mit Zahn und Krallen,
Das Tier und stürzt es in den Höllenschlund,
Woher der Neid es sandte als Vasallen.

Dir aber geb ich meinen Willen kund:
Auf, folge mir, ich will dein Führer werden,
Ich führ' zu ew'gen Stätten dich zur Stund'.

Dort wirst du schau'n verzweifelte Gebärden
Der Schatten, die nach zweitem Tode schrei'n,
Der Geister Not, die einst gewallt auf Erden;

Dann wirst du seh'n in Glut und Feuerschein
Zufriedene, die alle Hoffnung hegen,
Mit Seligen einst selbst zu sein.

Doch strebst du auch empor zum höchsten Segen,
So muß ich scheidend meine Führerschaft
Für dich in würdigere Hände legen.

Der Fürst, der dort regiert, hält mich in Haft,
Weil ich voreinst nicht sein Gesetz gehalten,
Läßt droben keinen zu durch meine Kraft.

Er herrscht allwärts, doch droben liegt sein Walten,
Dort seine Burg, und dort sein hoher Thron,
Glückselig, wem die Wonnen wich entfalten.«

Und ich zu ihm: »Bei jenem Gottessohn
Den, Dichter, du nicht kanntest, hör mein Flehen,
Hilf mir, bis ich dem schlimmsten Weh entflohn,

Sei du mein Führer, laß das Tor mich sehen
St. Peters, lehre mich auch Schmerz und Schmach
Verstorbener, von der du sprachst, verstehen!«

Da schritt er vor, ich aber folgte nach.


Gesang 02

So neigte sich der Tag; die Dämmerungen
Erbrachten allen Erdenwesen Rast,
Nur ich allein ward in den Kampf gezwungen,

Zu tragen eines schweren Weges Last,
Und alle Not, die ich zuvor erfahren,
Die mein Gedächtnis, das nicht irrt, erfaßt.

O Muse, heres Bild, hilf mir dess' wahren:
Mein Geist, der du verschloss'st, was ich gesehn,
Nun sollst du deinen Adel offenbaren. -

»Sag mir zuvor, wird's meine Kraft bestehn,«
Sprach ich zu ihm: du Dichter und Berater,
Daß du mir traust, so hohen Gang zu gehn?

Zwar ist nach deinem Wort des Sylvius Vater Als Sterblicher in seinem Fleisch und Blut
Gewandelt zu der Wandellosen Krater:

Doch, wenn Er, alles Bösen Feind, geruht,
Ihm hold zu sein, gedenkend seiner Taten
Erfolg und Kraft, gestellt auf Macht und Mut,

Scheint das für den Verständ'gen wohl geraten:
Ihn hatte sich der Himmel ausersehn
Zum Vater Roms und seines Weltreichs Staaten.

Und Rom und Reich - so muß man es verstehn -
Sind seinem Erben heil'gen Orts gegründet,
Dem größren Petrus, als des Himmels Leh'n.

Du rühmst ihn dieser Fahrt, da ihm verkündet,
Was ihm zum Sieg verhalf und schon berührt
Den Weg, der in des Papsttums Würde

Dann kam dahin, der als Gefäß gekürt,
Um Stärkung jenem Glauben dort zu reichen,
Dem Wege, der allein zum Heile führt.

Wie käm' ich hin, und unter welchem Zeichen,
Da ich Äneas nicht noch Paulus bin,
Wer hält mich würdig, dieses zu erreichen?

Schlag' ich mir diese Fahrt nicht aus dem Sinn,
So wär' es Torheit: Weiser, du sollst's sagen,
Denn deiner Weisheit zieh' ich gern Gewinn.« -

Wie die, die eines Vorsatz's sich entschlagen,
Mit neuem Sinn verändern ihren Plan
Und drauf verzichten, noch etwas zu wagen,

So hatte es die Schlucht mir angetan,
Daß, als es recht durchdachte meine Seele,
Ich den Entschluß verwarf als eitlen Wahn.

»Wenn deiner Worte Sinn ich nicht verfehle,«
Gab Antwort jener hehre Schatten mir,
»So ist verletzt durch Kleinmut deine Seele:

Die läßt den Menschen oft verzweifeln schier
Und absteh'n von ruhmvollem Unternehmen,
So wie bei falschem Sehen scheut ein Tier.

Daß du erkennst diese Furcht als Schemen,
Sag ich, warum ich kam, und was ich weiß,
Und was mich antrieb, deiner mich zu grämen:

Ich war in jener Halberlösten Kreis,
Als mir ein selig-schönes Weib gewinket,
So schön, daß ich sie bat: gib mir Geheiß.

Ihr Auge schöner als die Sterne blinket,
Sie sprach zu mir mit sanftem Engelston,
Daß man entzückt den Klang der Worte trinket:

»Huldreiche Seele, du Mantuas Sohn,
Dess' Nam' und Ruf noch heut den Erdball schmücket
Und dauern wird, bis ihm das Licht entfloh'n:

Mein Freund, doch nicht des Schicksals, wird bedrücket
Am öden Abhang und im Gang gestört,
Daß er aus Bangigkeit vom Wege rücket.

Ich fürchte, ach, er ist schon so betört,
Daß ich zu spät zur Hilfe ihm gelange,
Nach dem, was ich im Gottesreich gehört.

Geh' du zu ihm mit deines Wortes Klange,
Sieh, was zu seiner Rettung sei erdacht,
Steh du ihm bei, daß ich dess' Trost empfange.

Ich, Beatrice, bin's, die dich entfacht.
Mich treibt's zurück zum Ort, dem ich entronnen:
Zu diesem Wort zwang mich der Liebe Macht.

Werd' ich mich dann in Gottes Gnade sonnen,
Rühm' ich dich ihm, und oft gedenk ich dein. -
Als sie dann schwieg, da hab ich so begonnen:

»Erhabne Frau, es hebt durch dich allein
Die Menschheit sich um höchsten Himmelskreise,
Der in sich schließt viel klein're Kreise ein.

O, glücklich ich mich deines Wunsches preise,
Wär' er erfüllt, erschien' mir's noch zu spät;
Nichts mehr bedarf's, daß ich mich willig weise.

Doch sage mir den Grund, der dir es rät,
Dich uns zu nahn aus jener Sel'gen Reigen,
Nach dem dein Auge stets verlangend späht?«

»Ich will mich deinem Wunsche günstig zeigen,«
Gab sie zur Antwort, »kurz sei dir's entdeckt,
Weshalb ich nicht gescheut, hinabzusteigen:

Die Furcht sich nur auf solche Tat erstreckt,
Die Macht besitzet, anderen zu schaden,
Sonst gibt es nichts im Weltall, das uns schreckt

Ich bin gefeit von Gott in seiner Gnaden,
Daß Euer Elend sich an mich nicht wagt,
Und aller Flammen Droh'n bin ich entladen.

Ein hehres Weib des Himmels hat geklagt,
Daß Unheil droht, wohin du jetzt entsendet,
Drum wich die Härte, die's Gesetz besagt.«

Sie hat sich so an Lucia gewendet:
Es heischt dein Getreuer jetzt dein Walten:
Dir trau' ich, daß ihm Beistand wird gespendet.

Lucia, die sich immerdar enthalten
Von allem, was da grausam, kam geeilt,
Dorthin, wo ich mit Rahel saß, der Alten.

Beatrix, sprach sie, Lob von Gott erteilt,
Hilf ihm, der so im Herzen dich ertragen,
Daß nimmer er im Pöbelschwarm geweilt.

Hörst du den Jammer nicht von seinen Klagen,
Siehst du nicht, daß er mit dem Tode ringt
Im Strom, der droht mehr als der Brandung Schlagen?

Nie ward ein Mensch vom Eifer so beschwingt,
Gewinn zu suchen und Verlust zu meiden,
Wie ich bei diesem Wort, das zu mir dringt.

Mich trieb's hinab, vom sel'gen Sitz zu scheiden,
Vertrauend deiner edlen Rede Macht,
Ein Ruhm für dich und die, die sich dran weiden.

Nachdem sie diese Botschaft mir gebracht,
Wandt' sie sich um, das Auge tränumschwommen,
Weshalb mein Eifer stärker noch entfacht.

Ich bin zu dir auf ihren Wunsch gekommen
Und hab von jenem Untier dich befreit,
Das dir zum Berg des Heils den Weg benommen.

Was ist's, warum, warum die Bangigkeit?
Was raubt dem feigen Herzen das Vertrauen?
War raubt dir Kühnheit und Entschlossenheit?

Da deiner drei gebendeite Frauen
Im Hof des Himmels treu besorgt gedacht,
Da du auf meine Worte fest kannst bauen? -

Wie Blüten, die der eis'ge Frost der Nacht
Beugt und verschließt, im Sommerlicht sich heben
Und auferstehen in der Strahlenpracht,

So fühlt' ich meine Kräfte sich belebn,
Ein heil'ger Eifer hat mein Herz erneut,
Daß ich begann mit frohgemutem Streben:

Barmherzig sie, die hilfreich mich betreut,
Dank dir, Wohltäter, daß ich dich angetrieben
Die wahren Worte, die man dir gebeut.

Nun ist Verlangen mir ins Herz geschrieben
Zu dieser Fahrt, ich baue auf dein Wort,
Und bin dem ersten Vorsatz treu geblieben.

Nun reißt uns gleicher Eifer beide fort,
Mein Führer, mein Gebieter und mein Meister!«
Ich sprach's. Er zeigte nur, der Weg geht dort -

So trat ich an den Gang ins Reich der Geister.


Gesang 03

Durch mich geht's ein zur klagereichen Stätte,
Durch mich geht's ein zum ewiglichen Leid,
Durch mich zu der Verlornen langen Kette.

Den höchsten Schöpfer trieb Gerechtigkeit,
In erster Liebe sich zu offenbaren
In seiner Allmacht und Allwissenheit.

Vor mir war nichts Geschaffnes zu gewahren
Wie Ewiges, so wie ich ewig bin.
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren. -

Mein Auge starrt' nach diesen Worten hin,
Die dunkel stehn am Firste einer Pforte;
Da sprach ich: »Meister, hart deucht mich ihr Sinn.«

Drauf sagte der Erfahr'ne diese Worte:
»Jedweder Zweifel sei von hier verbannt,
Und jedes Zagen sterb' an diesem Orte.

Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt.
Daß sie dem Schmerz verfallnes Volk umfinge,
Sie, denen der Erkenntnis Gut entschwand.«

Mit heit'rem Blick, daß ich dess' Trost empfinge,
Hat seine Hand er meiner Hand vereint
Und führt' mich ein in die geheimsten Dinge.

Hier ward geseufzt, gewimmert und gegreint,
Die sternenlose Luft hört' ich's durchtönen,
Daß ich erschüttert erst darob geweint.

Verschied'ne Sprachen, schauerliches Stöhnen,
Geschrei voll Schmerzen, Flüche wutentbrannt,
Dazu der Händeschlagen dumpfes Dröhnen.

Draus ward ein Brausen, das nie Ruhe fand,
Es kreiste in den ew'gen Dämmerungen
Wie von dem Wirbelwind erfaßter Sand.

Und ich, das Haupt von Furcht und Grau'n umschlungen,
Sprach: »Meister, sage mir, was trifft mein Ohr?
Welch Volk ist dies, das so vom Schmerz bezwungen?«

Und er zu mir: »Der Jammerseelen Chor
Lebt ohne Ruhm dahin und ohne Schande;
Bei jenen bösen Engeln, die zuvor

Von Gott nicht offen lösten ihre Bande,
Noch ihm gehorsam sich als treu bewährt
In ihrem eigennütz'gen Widerstande.

Verjagt vom Himmel, den ihr Sinn versehrt,
Versagen ihnen sich der Hölle Schlünde,
Daß auch den Sündern es nicht Ruhm gewährt.«

Und ich zu ihm: »Sag, Meister, welche Sünde
Sie mit so wildem Schmerze niederdrückt?«
Und er zu mir: »Hör', daß ich's kurz dir künde:

Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt,
Trüb ist ihr blindes Dasein, nichts ist trüber,
Und Andrer Los scheint ihrem Neid beglückt.

Von ihrem Namen ließ die Welt nichts über,
Gerechtigkeit und Mitleid sie verschmäh'n.
Nichts mehr von ihnen, schau' und geh vorüber.«

Drauf sah ich vor mir eine Fahne wehn,
Die wurde wild im Kreise herumgetrieben,
Als könne niemals sie in Ruhe stehn,

Dahinter sah ich einen Zug sich schieben
Schier endlos, daß ich nimmermehr geglaubt,
Es sei'n dem Tod so viele schon verblieben.

nachdem ich dann erkannt' so manches Haupt,
Sah ich den Schatten dess', der durch Verneinen
Sich feig' einst eines hohen Amts beraubt.

Und da begriff ich und ward fest im Meinen,
Daß dies die Schatten der nichtswürd'gen Schar,
Die Gott und Teufel gleich verächtlich scheinen.

Dies Unglücksvolk, stets wahren Lebens bar,
War nackt, von Wespen arg gequält die Glieder
Und Bremsgeschmeiß, das dort in Fülle war,

Darob das Blut von ihrem Antlitz nieder,
Gemischt mit Tränen, zu den Füßen rann.
Aufsogen hier es ekle Würmer wieder.

Als ich dann weiter umzuschau'n begann,
Sah ich viel Volks zu einem Strome kommen,
Weshalb ich fragte: »Meister, sag' mir an,

Wess' sind die Schatten, und zu wessen Frommen
Erscheinen sie zur Überfahrt entbrannt,
Wie ich beim schwachen Lichte wahrgenommen?«

Und er zu mir: »Der Grund sei dir bekannt,
Wenn wir hinab zum Acheron gelangen
Und steh'n an jenem trauervollen Strand.«

Da senkte ich die Blicke, voller Bangen,
Daß meine Rede ihm beschwerlich sei,
Und schwieg, bis wir hinab zum Fluß gegangen.

Auf uns gerichtet, kam ein Schiff herbei,
Darin ein Greis mit altersbleichen Haaren.
»Weh Euch, verruchte Seelen!« klang sein Schrei.

»Erhoffet nie, den Himmel zu gewahren,
Mit mir in ew'ge Dunkelheit sollt Ihr
Zu Frost und Hitze heute überfahren.

Was willst, lebend'ge Seele, du denn hier?
Der Toten Nähe mußt du dich entschlagen.«
Doch als er sah, ich blieb, sprach er zu mir:

»Hier muß ich dir die Überfahrt versagen;
Zu andrer Fahrt, zu andren Häfen fort
Wird dich ein leicht'res Boot zum Ufer tragen.«

Da sprach Virgil: »Charon, man will es dort,
Wo Wollen Macht, wo Tat wird das Verlangen,
Entsag' dem Zorn und frag' kein weitres Wort.«

Da wurden ruhig die beharrten Wangen
Des Fergen in dem bläulich fahlen Sumpf,
Dem Feuerräder sich ums Auge schlangen.

Kaum hörten dies die Seelen nackt und stumpf,
Da sah ich zähneklappern sie erblassen,
Ein heft'ges Zittern ging durch Haupt und Rumpf.

Gott und den Eltern galt ihr Fluch und Hassen,
Der Menschheit, Heimat, der Geburt und Zeit,
Sie schmähten sich und ihre ganzen Rassen.

Dann zogen schluchzend sie, mitsamt gereiht,
Zum Strande, der die Sünder muß verdammen,
Die Gott nicht fürchten - bis zur Ewigkeit.

Charon, der Dämon, treibt sie dort zusammen,
Mit seinem Ruder schlagend Glied für Glied,
Mit Blicken, die wie Kohlengluten flammen. -

So wie im Herbst das Blatt im Winde flieht,
Eins nach dem andern, bis, beraubt, am Ende
Der Ast den Rest am Boden liegen sieht,

So trieb's den faulen Stamm aus Adams Lende.
Landwärts, den Vögeln gleich, zieh'n sie daher,
Dem Lockruf folgend, flüchtig und behende.

Doch eh' sie noch durchkreuzt das düst're Meer,
Und eh' ans andre Ufer sie geschwommen,
Hat sich gesammelt schon ein neues Heer.

Jetzt ward des Meisters freundlich Wort vernommen:
»Mein Sohn, wer stirbt in Gottes Zorn, der muß,
Aus welchem Land er sei, einst hierher kommen,

Bereit, um zu durchqueren diesen Fluß.
Höchste Gerechtigkeit spornt gleich Befehlen,
So daß aus Furcht Begierde wird zum Schluß.

Nie wird der Strom durchschifft von guten Seelen,
Beklagt sich Charon über dich, der's weiß,
So wirst du auch verstehen jetzt sein Schmälen.«

Da hub ein Beben an, der dunkle Kreis
Erzitterte, daß sich das Haar mir sträubte,
Des Bebens denken, trieft mir noch der Schweiß.

Aus tränenfeuchtem Grund ein Windsturm stäubte,
Von dem helleuchtend rote Blitze sprangen,
So daß es alle Sinne mir betäubte.

Ich fiel, wie einer fällt, vom Schlaf umfangen.


Gesang 04

Ein Donner hat mich aus dem Schlaf gerüttelt,
Der mir den Kopf benommen tief und schwer,
Wie einen, den man jäh gewaltsam schüttelt.

Erquickten Auges schaute ich umher,
Aufrecht, den Blick starr in den Raum gerichtet,
Um spähend zu erkennen, wo ich wär'.

Da ward von mir des Tales Rand gesichtet
Am schauervollen Abgrund des Gerichts,
Durchtönt vom Wehgestöhn, niemals beschwichtet.

Durchnebelt, unergründlich, bar des Lichts,
Sodaß, ließ ich hinab die Blicke gleiten,
Ich abwärts starrte in das leere Nichts.

»Zu blinden Welten wollen wir jetzt schreiten,«
Begann der Dichter - sein Gesicht erbleicht -
»Erst ich, dann du, denn hier muß ich dich leiten.«

Als ich die Blässe sah, die ihn beschleicht,
Sprach ich: »Du zagst; soll ich zum Ziel gelangen,
Wenn dir, der sonst mein Trost, das Blut entweicht?«

Und er zu mir: »Es spiegeln meine Wangen
Die Angst der Seelen, die dort eingezwängt;
Und Mitleid ist's, was dir erscheint als Bangen.

Doch vorwärts, da der lange Weg uns drängt.«
So sind wir wenn mitsammen eingefahren
Zum ersten Kreise, den die Schlucht umfängt.

An diesen Stätten, konnte ich gewahren,
Gab's kein Geschrei, nur Seufzer klangen leis',
Die durch die ew'gen Lüfte zitternd fahren.

Die Schatten gab man keinen Martern preis,
Nur stille Trauer mußten dort ertragen
Der Kinder, Frau'n und Männer großer Kreis.

Der gute Meister sprach: »Willst du nicht fragen,
Wer diese Geister sind, die du geseh'n?
Doch eh' wir weiter geh'n, will ich's dir sagen.

Zwar sündlos, läßt sie kein Verdienst bestehn,
Weil es den Ungetauften bleibt benommen
Durch's Tor des Glaubens, den du hast, zu geh'n.

So haben vor dem Christentum die Frommen
Gott doch noch nicht, wie'sihm gebührt, verehrt,
Und so bin selber ich hierher gekommen.

Der Mangel, nicht von andrer Schuld beschwert,
Läßt uns verloren sein, wir alle kranken
An Hoffnungslosigkeit, sehnsuchtverzehrt.«

Mein Herz zerriß der Schmerz bei dem Gedanken,
Daß mir bekannte Männer auch dabei
Voll Ruhm, die in der Hölle Vorhof wanken.

»Sag Meister, sag Gebieter, sag mir frei,«
Sprach ich, »daß alle meine Zweifel schwinden
Und jeder Irrtum ausgeschlossen sei:

Kann Keinen sein Verdienst von hier entbinden,
Und auch kein fremdes, daß ihn Heil beglückt?«
Der Wort tief'ren Sinn mocht' er empfinden

Und sprach: »Von Erden war ich kurz entrückt,
Als ein Gewalt'ger hier sein Zepter rührte,
Des Sieges Krone auf das Haupt gedrückt,

Der unsres Urahns Geist von hier entführte,
Dann Abel, Noah, Moses, Gottes Knecht,
Den er zum Geber des Gesetzes kürte,

Abram und David, Israels Geschlecht
Nebst Rahel, sie, um die er mit Beschwerden
So lange diente einst getreu und recht.

Und viele andre, daß sie selig werden.
Sie sind allein, das sei dir offenbart,
Erlöst von allen, die gelebt auf Erden.

Indem er sprach, ging weiter unsre Fahrt
Durch einen dichten Wald mit schnellen Tritten,
EinWald von jenen Geistern dicht geschart.

Noch waren wir nicht lange fortgeschritten,
Seit ich erwacht, als ich ein Feuer sah,
Das rings im Halbrund keine Nacht gelitten,

Noch war ich etwas fern, jedoch so nah,
Daß ich mich hier zum Teil schon konnt' belehren,
Daß Männer von Verdienst und Ehre da.

»O du, der Kunst und Wissen hältst in Ehren:
Wer sind die Schatten, die man würdig hält,
Daß sie sich von den andern abseits kehren?«

Und er zu mir: »Ihr Ruf erfüllt die Welt,
Des Himmels Gnade hat zu ihrem Frommen
An diesen Platz bevorzugt sie gestellt.«

Inzwischen ward ein Ruf von mir vernommen:
»Ruhm sei dem Dichter, dem sich jeder neigt,
Sein Schatten, der entfloh'n, ist wieder 'kommen.«

Als er, der dieses Wort gesprochen, schweigt,
Sah ich zu uns vier große Schatten gehen,
Ihr Antlitz weder Leid noch Freude zeigt.

Mein Meister sprach: »Bleib hier bewundernd stehen:
Das Schwert zur Hand siehst du Homerus nah'n,
Den sich drei als Führer ausersehen,

Der Dichter, dem die andren untertan,
Dann kommt Horaz, der Schreiber der Satiren,
Ovid der dritte, und zum Schluß Lukan.

Und da uns alle Dichternamen zieren,
Sind sie mir, wie du hörtest, auch geneigt.
Mit Recht werd' ich verehrt von jenen Vieren.«

Vereint die hehre Schule sich mir zeigt
Der größten Sangesmeister, die vor allen
Gering'ren Vögeln wie ein Adler steigt.

Sie wechselten ein Wort, dann sah ich wallen
Sie hin zu mir, mich grüßend freundlich-lieb,
Daran mein Meister lächelnd fand Gefallen.

Doch ehrten sie mich höher noch, es trieb
Ihr Wunsch sie an, daß ich mich zugeselle,
So daß bei ihnen ich als Sechster blieb.

So traten wir denn zu des Lichtes Helle
Und sprachen Dinge, die man gern verschweigt,
So wie man gern sie sprach an jener Stelle. -

Und bald sich eine edle Feste zeigt,
Von sieben Mauern ringsum eingeschlossen,
Von einem schönen Bach, ob dem man steigt,

Als wär er fester Boden, rings umflossen.
Durch sieben Tore schritten wir dann fort
Zum Wiesengrund mit frischen grünen Sprossen.

In Ernst und Ruhe blickten Männer dort
Ehrfurchtgebietend drein; mit sanften Lauten
Zu seltner Rede nahmen sie das Wort.

Dann kamen wir, als wir uns näher trauten,
Zu einer Höhe offen, hoch und licht,
Von der wir alles ringsum überschauten.

Auf grüner Matte jenseits kam ins Licht
Ein Kreis von großen Geistern, hochgeehrten,
Von denen mein Entzücken stets noch spricht.

Ich sah Elektra dort mit viel Gefährten,
Hektor, Äneas habe ich erkannt,
Cäsar, dess' Adleraugen Fürchten lehrten.

Camilla bei Penthesilea stand,
Latin, den König, sah'n wir mit der lieben
Lavinia, seiner Tochter, Hand in Hand.

Brutus erblickt' ich, der Tarquin vertrieben,
Lukrezia, Julia und Cornelia,
Marzia. Und Saladin, abseits geblieben.

Als ich das Auge hob und weiter sah,
Stand dort der Meister alles Wissenswerten,
Und sein gelahrter Schülerkreis ihm nah'.

Dem stets bewunderten und hochverehrten,
Zu dem sich Sokrates und Plato hält,
Empedokles und Zeno, die Gelehrten,

Demokritus, dem Zufall scheint die Welt,
Diogenes, Heraklitus und Männer,
Dem Tales, Anaxagoras gesellt,

Dioskorid, der Pflanzengifte Nenner,
Orpheus und Tullius, Livius, Seneka,
Euklid der Geometer, und der Kenner

Der Sterne, Ptolemäus, waren da.
Hippokrates, Gallien, Arznei beflissen,
Averroës, groß als Erklärer, sah

Auf andere, wer kann sie alle wissen.
Ich glaube, scheitern muß, wer es erstrebt,
Nenn' ich auch viele, muß ich viele missen.

Den Sechsen dort entwichen Zwei; es hebt
Der weise Führer seinen Fuß und richtet
Ihn aus der Stille zu der Luft, die bebt,

Zu jenen Stätten, die kein Strahl belichtet.


Gesang 05

So stiegen wir zum zweiten Kreise ein,
Der kleiner ist, doch größre Schmerzen schürt,
Dort steigert sich zum Wehgeschrei die Pein.

Die Herrschaft zähnefletschend Minos führet,
Der prüft die Schuld am Eingang, richtet, wählt
Den künft'gen Kreis, der Sünder wird umschnüret,

Und wenn er seine Sünden, schuldgequält,
Gestanden, weist der Kenner aller Fehle
Den Höllenkreis ihm, dem er zugezählt.

Sein Schweif umschlingt so oft die schuld'ge Seele,
Als Stufen sie ins finst're Höllengrab
Geschleudert werden soll nach dem Befehle.

Gar viele harren dort und warten ab
In langer Kette ihrem Richterworte:
Sie beichten, hören's, und dann geht's hinab.

»Du, der du kommst zum schmerzgeweihten Orte,«
Schrie Minos, als er mich alsbald erspäht,
Sein Walten unterbrechend an der Pforte,

»Des Eingangs achte, sieh, wer dir ihn rät,
Des Schlundes Weite wecke nicht dein Wagen.«
Da sprach mein Führer: »Minos, nicht gekräht,

Du sollst den Weg ihm nicht zu hindern wagen,
Denn es heißt Wille Macht, wo man erzwingt
Das, was man will - und weiter keine Fragen.«

Ein Klageton, der sich aus Schmerzen ringt,
Begann die weiten Räume zu erfüllen,
Und vielen Jammers Wehruf mich durchdringt.

Dort schweigt das Licht, in Nacht sich zu verhüllen,
Und wie das Meer, vom Gegenwind erregt,
Laut heult, so hört man dort die Stürme brüllen.

Der Hölle Wirbeln, das sich niemals legt,
Quält dort die Geister, die sich wälzend drehen,
Und die es rüttelnd vor sich fegt,

Bis sie am Rand des steilen Abgrunds stehen.
Dort bricht das Klagen Jammern, Schrei'n sich Bahn,
Mit denen sie die Allmacht Gottes schmähen.

Und ich vernahm, daß wir Gequälte sah'n,
Die Sünder durch die Lust des Fleisches waren,
Und deren Geist den Lüsten untertan. -

So wie im Herbst der Flügelschlag die Staren
In vollen, breiten Scharen südwärts trägt,
So ließ die Windsbraut jene Sünder fahren

Die hin und her sie, auf- und abwärts schlägt.
Und keines Hoffens Trost kann sie versöhnen,
Daß ihnen Rast wird, noch der Schmerz sich legt. -

Wie Kran'che ziehn mit heis'ren Klagetönen
Hin durch die Luft zu langem Zug gereiht,
So sah ich Schatten dort mit lautem Stöhnen,

Getragen von des Sturmes Heftigkeit.
Weshalb ich sprach: »Sag, Meister, welche Leute
Sind von den dunklen Lüsten so kasteit?«

»Die erste, deren Laster ich dir deute,«
Sprach er darauf, »war eine Kaiserin
Von vielen Zungen, doch, der Wollust Beute,

Gab sie sich ganz dem Sinnenrausche hin,
Und, daß die Schmach, die sie bedrückt, vernichtet,
Gab sie Gesetze dann nach ihrem Sinn.

Es ist Semiramis, von der berichtet,
Daß sie dem Ninos folgte, ihrem Mann,
Sie herrschte dort, wo heut der Sultan richtet.

Die andre tat aus Liebe Leid sich an,
Die des Sichäus' Asche brach die Treue.
Kleopatra, die Schwelgerin, folgt dann.«

Auch Helena sah ich, die ohne Reue
Den Krieg entfacht, Achill, den großen Streiter,
Der mit der Liebe kämpfte stets aufs neue.

Paris und Tristan, tausende Begleiter
Mit ihnen, die, von Liebesmacht gebannt,
Ihr Leben ließen, zeigte mir mein Leiter.

Nachdem er Frau'n und Männer mir genannt
Aus alter Zeit, daß ich die Namen lerne,
Faßt' Mitleid mich, daß wie betäubt ich stand.

Da sagt' ich: »Dichter, o, ich spräche gerne
Die Beiden, die vereint von dem Orkan
So leicht getragen scheinen aus der Ferne.«

Und er: »Zieh'n näher sie zu uns die Bahn,
Mußt du beschwören sie bei jenem Lieben,
Das sie beherrscht, glaub' mir, sie werden nah'n.«

Sobald der Wind sie gegen uns getrieben,
Rief ich sie an: »O Seelen voller Leid,
Sprecht, wenn euch der Gebrauch des Worts geblieben.« -

So wie den Tauben Sehnsucht Eile leiht,
Daß sie mit schnellem Flug zum Neste streben,
So waren diese Beiden gleich bereit,

Aus Didos Nähe her zu uns zu schweben
Hin durch die Luft des Unheils; ihnen Mut
Hat meines Rufes Innigkeit gegeben:

»Liebreicher Freund, wie bist du hold und gut,
Daß du durch Nacht den Weg zu uns gewonnen,
Die wir gefärbt die Welt mit unserm Blut;

Wär' uns der Weltenherrscher wohlgesonnen,
Wir beteten um Frieden deiner Seelen,
Weil du uns tränktest aus des Mitleids Bronnen.«

»Willst du uns fragen, wollen wir erzählen,
Dir lauschen und erwidern, während so
Wie jetzt die Winde, die uns trugen, fehlen.

Ich ward am Strand geboren, wo der Po
Ins Meer mit seinen Nebenarmen mündet,
Auf daß er dort des Friedens werde froh.

Liebe, die zarte Herzen jäh entzündet,
Hielt ihn an meines Wesens Schönheit fest;
Wie sie geraubt, verletzter Stolz noch kündet.

Liebe Geliebten lieben nicht erläßt,
Und hat mein Herz zu ihm so hingenommen,
Daß es sich heut noch an das seine preßt.

Liebe ließ uns zu einem Tode kommen,
Kaina harrt des Mörders, der uns schlug.« -
Als ich der Unglücksel'gen Wort vernommen,

Das leis' der Schall zu mir von ihnen trug,
Senkt' ich das Haupt und sank' in mir zusammen,
Bis mich der Dichter, was ich sinne, frug.

»O herbes Weh,« sprach ich, »welch heiße Flammen,
Welch süßes Sinnen trieb die beiden an,
Sich zu dem Weg der Schmerzen zu verdammen?«

Drauf wandt' ich mich zu ihnen und begann:
»Franzeska, deine Marter weckt mir Tränen,
Mitleid und Trauer halren mich in Bann;

Doch sag, als euch umstrickt so süßes Wähnen,
Wie hat und wann die Liebe euch befreit,
Daß ihr erkannt solch ungewisses Sehnen?«

Und Antwort gab sie mir: »Kein größres Leid,
Als sich erinnern an des Glückes Stunden
Im Elend. Glaub', Virgil ist eingeweiht.

Soll ich auf deinen heißen Wunsch bekunden,
Wie unsrer Liebe Keim gelegt, ich sag's,
Wie einer spricht, von Tränen überwunden.

Wir lasen zum Vergnügen eines Tags
Von Lanzelot, wie Liebe ihn umschlungen,
Allein und ohne Arg. Am Buche lag's,

Daß Blick den Blick traf, seine Schilderungen
Sie trieben aus den Wangen uns das Blut;
Doch eine Stelle nur hat uns bezwungen.

Da stand, daß er in Liebesübermut
Ihr Lächeln fortgeküßt, so süß und heiter.
Da küßte zitternd ganz in Liebesglut

Den Mund mir auch mein ewiger Begleiter:
Verführer war das Buch und der es schrieb,
An jenem Tage lasen wir nicht weiter. -«

Indess' der eine Geist gesprochen, blieb
In Tränen stets der andre. Überwallen
Fühlt' ich den Schmerz, der fast zum Tod mich trieb.

Und wie ein Toter fällt, bin ich gefallen.


Gesang 06

Bei Rückkehr des Bewußtseins, das geschwunden
Aus tiefstem Mitleid mit dem Schwäherpaar,
Das mir mit Traurigkeit den Sinn gebunden,

Nahm ich mit neuer Qual Gequälte wahr,
Wohin ich sah, sie schauten mir entgegen,
Wohin ich trat, umringt' mich ihre Schar.

Im dritten Kreise stand ich, dort herrscht Regen
Und zeugt verrucht und kalt ewiges Weh,
Dess' Stärke und dess' Wesen nie sich legen.

Grobkörn'ger Hagel, trübes Wasser, Schnee
Ergießt sich dort im Licht, dem dämmrig-schwachen,
Und Stank steigt aus dem so entstand'nen See.

Der Cerberus bellt hündisch aus drei Rachen
- In seiner seltsamen und wilden Art -
Die Schatten an, versenkt in diese Lachen.

Die Augen rot und geifrig-schwarz der Bart,
Der Wanst geschwollen, Krallen an den Pfoten,
Zerfleischt und schindet er, was er gewahrt.

Laut heulen läßt der Regen dort die Toten
Wie Hunde, ihre eine Seite dreh'n
Zum Schutz der andern wechselnd die Bedrohten.

Als Cerberus, das Untier, uns geseh'n,
Fletscht er die Hauer, seine kantig schroffen,
Kein Glied in Ruhe, sahen wir ihn steh'n.

Die Hände spreizte da mein Führer offen,
Nahm Erde auf und hat dem Tier, das stiert,
Aus voller Faust ins geile Maul getroffen.

So wie ein Hund, der hungrig bellt und giert,
Zur Ruhe kommt, hat er den Fraß empfangen,
Um den sich seine Schlinggier einzig schiert,

So ließ jetzt Cerberus herunterhangen
Die eklen Schnauzen, und ein Bell'n beginnt,
Daß alle Seelen taub zu sein verlangen.

Wo schwerer Regen peitschend niederrinnt,
Auf Schattenleibern mußten wir jetzt schreiten,
Die Wesen scheinen, Wesenlose sind.

Am Boden lagen sie nach allen Seiten,
Nur einer hatte sich emporgeschnellt
Und rief, als er uns sah vorübergleiten:

»Der du durchziehst der Hölle düst'res Feld,
Erkenne mich! Glaub' mir, es kann geschehen,
Zur Welt kamst du, eh' ich verließ die Welt.«

Und ich: »Die Qualen, die du mußt bestehen,
Sind schuld wohl, daß dem Geist dein Bild entwich.
Mir scheint's, als hätt' ich niemals dich gesehen.

Wer bist du, der in Pein und Schmerzen sich
Hier windet, nicht am Ort des größten Leides,
Doch dessen Qual vor allen widerlich?«

Und er: »Dein Heimatsort, der voller Neides
Von Geifer überfließt, ist auch der Ort
An dem ich mich erfreut des Erdenkleides.

Es nannten mich die Bürger Ciacco dort
Des Gaumens Lüste waren meine Fehle,
Um sie peitscht mich der Regen fort unf fort.

Doch bin ich nicht allein, ich arme Seele,
Aus gleicher Schuld erleiden Pein noch viel'.«
Das weitre Wort versagte seiner Kehle.

Da sprach ich: »Ciacco, ach, dein Leiden fiel
Mir schwer aufs Herz, und Tränen weckt dein Schreien,
Doch sage, wenn du's weißt, zu welchem Ziel

Führt noch der Zwist, und welche der Parteien
Ist die gerechte? Sage mir den Grund,
Weshalb sie sich befehden und entzweien!«

Und er: »Nach langem Streit liegt todeswund
Im Blute mancher; die Partei der Weißen
Verjagt mit viel Verlust den andern Bund.

Doch dieser wird die Herrschaft an sich reißen
Im dritten Jahr, ein Teil sich zu ihm schlägt
Von Männern, die durch List den Sieg verheißen.

Der Sieger hoch und stolz die Stirne trägt,
Um die Besiegten lange schwer zu drücken
Mit Schmerz und Schmach. Des Schicksals Wage wäge

Nur zwei Gerechte, denen nichts will glücken.
Stolz, Neid und Geiz, das sind der Funken drei,
Die zündend aus der Bürger Herzen zücken.«

Und damit war sein Klagelied vorbei.
Und ich zu ihm: »Was deine Worte lehrten,
Das setze fort, bekenne es mir frei,

Tegghiajo, Farinata, die geehrten,
Arrigo, Rusticucci, Mosca, die
Mit anderen im Guten sich bewährten,

Wohin, wenn du es weißt, sag', kamen sie?
Mein Wunsch ist heiß, du darfst mir's nicht verhehlen,
Ob ihnen Heil, ob Höllenqual gedieh.«

Und er: »Die büßen bei noch schwärz'ren Seelen
Verschied'ne Schuld im tief'ren Höllenschlund,
Steigst du so tief, wirst du sie nicht verfehlen,

Doch kehrst du heim zum schönen Erdenrund,
So laß dort mein Gedächtnis auferstehen;
Doch nun genug, von weit'rem schweigt mein Mund!«

Drauf sah ich seine Augen sich verdrehen
Mich flüchtig anschau'n, und, gesenkt das Haupt,
Ihn, bei den andern Blinden untergehen.

»Des Aufsteh'ns,« sprach mein Führer, »bleibt beraubt
Er, bis des Engelchors Posaunen klingen,
Bis einst die richtende Gewalt erlaubt,

Daß sie zurück in ihre Gräber dringen
Und aufersteh'n in Fleisch und in Gestalt,
Wann Klänge durch die Ewigkeiten schwingen.«

So sind wir durch die Schatten fortgewallt,
Die dort im Regen lagen, langsam gehend,
Und, was wir sprachen, künft'gem Leben galt.

»Virgil,« sprach ich, »die Marter, jetzt bestehend,
Sag, wird sir größer oder kleiner sein,
Wenn einst der höchste Spruch gefällt ist?« »Sehend,«

Sprach er, »macht deine Lehre dich allein.
Denn im Vollkommneren liegt stets das Streben,
Das Glück zu steigern, aber auch die Pein.

Erlösung kann's nie für Verdammte geben
Und nie Vollendung, doch sie seh'n ein Ziel
Der Hoffnung noch in einem andern Leben.«

Wir schritten weiter, und wir sprachen viel,
Was nicht zu wiederholen rätlich scheint,
Bis zu dem Punkt, wo unsre Straße fiel,

Und Plutus uns erscheint, der große Feind.


Gesang 07

»Pape Satan, Pape Satan aleppe,«
Schrie Plutus rauh uns an. Da sprach Virgil,
Dem alles kund: »Den Weg zur Felsentreppe

Wehrt er uns nicht; die Furcht, die dich befiel,
Mußt du, ob seine Macht auch groß, vergessen!«
Und zur geschwollnen Fratze: »Unser Ziel

Zu hindern, darfst du nimmer dich vermessen,
Vermaledeiter Wolf, zähm' deinen Mund
Und schweig, dein Wüten magst du in dich fressen!

Wir steigen nicht zur Tiefe ohne Grund,
Höchstes Gebot von dort, wo die Rebellen
St. Michael gezüchtigt, ward uns kund!« -

Und wie die Segel, die im Winde schwellen,
Zusammensinken, wenn der Mast zerbricht,
So sah das wilde Tier ich niederschwellen.

Wir stiegen nun hinab zur vierten Schicht,
Wo wir das Schmerzensufer überschreiten,
Das alles Leid der ganzen Welt umflicht.

O du gerechter Himmel, wie erweiten
Sich Müh'n und Qualen, die hier auferlegt.
Warum muß unsre Schuld sich das bereiten?

Wie der Charydis Woge brandend schlägt,
Die Gegenströmung brechend in den Engen,
So dreh'n sich hier die Schatten: aufgeprägt

Ist diesem Ort der Kampf. Unzähl'ge drängen
Sich hin und her, sie brüllen Haß und Mord,
Wenn mit der Brust sie Lasten vorwärts zwängen.

So stoßen sie sich vor- und rückwärts dort
Im ewiglichen Auf- und Niederringen,
Sie schrei'n: Was hältst du? und: was wirfst du fort?

Bis sie durchs Dunkle wieder rückwärts dringen,
Um dann, zum Ausgangspunkt zurückgekehrt,
Laut brüllend stets ihr schamlos Lied zu singen.

Und wenn sie so den halben Kreis durchquert,
So wenden sie sich um zu neuem Streite. -
Und ich, das Herz von tiefstem Schmerz beschwert,

Sprach: »Meister, sage mir, daß es mich leite,
Sind alle geistlich dort mit der Tonsur,
Die uns erscheinen von der linken Seite?«

»Im Geist verblendet, sah'n auf böser Spur
Wir sie des ersten Lebens Tag vollenden,
Da keiner je mit Maß und Ziel verfuhr.

Ihr Bellen sagt's genug. Nach beiden Enden
Des Kreises zieh'n sie, wo verschied'ne Qual
Und Schuld sie treibt, den Rücken sich zu wenden.

Ja, Pfaffen sind's, am Kopfe gänzlich kahl,
Als Päpste, Kardinäle, einst gepriesen,
Die nur der Geiz beherrscht, in großer Zahl.«

Und ich: »Mein Meister, sollten unter diesen
Sich nicht auch solche, die ich kenne, nah'n,
Die jenes Lasters schuldig sich erweisen?«

Und er zu mir: »Das ist ein eitler Wahn,
Sie, die durch Schmutz im Leben kenntlich waren,
Macht hier der Schmutz unkenntlich. Untertan

Sind sie zwiefachen Strafren. Ein'ge Scharen
Einst mit geschloss'ner Faust dem Grab ersteh'n,
Die and'ren aber mit gestutzten Haaren.

Geizen und Geuden trieb sie aus dem Lehn
Der schönen Welt, zu Raufen und Gestampfe,
Das Wort zu verschönern nicht verstehn.

Nun siehst du, Sohn, aus welchem nicht'gen Dampfe
Die Güter sind, durch die Fotuna lohnt,
Um die die Menschheit liegt im ew'gen Kampfe.

Und alles Gold, gehäufet unterm Mond,
Kann diesen Müden keine Stätte bauen,
Wo von der ew'gen Unrast sie verschont.«

»Mein Meister,« sprach ich, »kannst du mir vertrauen:
Wer ist Fortuna, die dein Wort beschwor,
Die alles Gut der Welt trägt in den Klauen?«

Und er zu mir: »Du unverständ'ger Tor!
Wie ist Unwissenheit bei euch verbreitet,
Drum leihe meiner Lehre jetzt dein Ohr:

Er, dessen Weisheit alles überschreitet,
Erschuf den Himmel, setzt' den Führer ein,
Der Stern zu Stern das Leuchten lenkt und leitet,

Gleichmäßig rings verteilend Licht und Schein,
So auch der Welt, den Gütern und den Ehren
Gab er die Herrscherin; sie kann allein

Die ird'schen Güter mindern oder mehren.
Sie geht von Volk zu Volk, von Blut zu Blut,
Wie sich die Menschen auch dagegen wehren.

So herrscht ein Volk, dem andern siecht der Mut.
Verborgen bleibt ihr Spruch, nach dem sie richtet,
Sie wie versteckt im Gras die Schlange ruht,

Und euer Geist auf Wissen hier verzichtet.
Sie sorgt, sie urteilt und beherrscht ihr Reich,
Wie's über alte Götter wird berichtet,

Sie bleibt an ew'gen Wechselfällen reich,
Und schnell läßt die Notwendigkeit sie jagen,
Drum wechselt auch das Schicksal Streich um Streich.

Sie ist's, die oftmals wird ans Kreuz geschlagen
Von denen, deren Lob ihr doch gebührt,
Die sie zu Unrecht schmähen und verklagen.

Selig in sich, wird sie von nichts berührt
Und zieht dahin, der Sel'gen Los zu teilen,
Die sie, auf ihrer Kugel schwebend, führt. -

Zu größ'rem Jammer müssen wir jetzt eilen,
Der Sterne Heer, das stieg, schon nieder sinkt,
So drängt die Zeit, und hier gilt kein Verweilen.

Zum andern Ufer unser Fuß uns bringt
Ob Quellen, die hier brodelnd niederschießen
Zu einem Bache hin, der dort entspringt,

Dess' Fluten dunkel, purpurdunkel, fließen.
Und wir, das düstre Wasser als Geleit,
Den Schreckensweg nach unten uns erschließen,

Bis dieser finstre Bach im Trauerkleid
Am Fuß des Abhangs, jenem wüsten, grauen,
In einem Sumpf, den Styx, sein Wasser speit.

Und ich, dess' Auge nur gespannt zu schauen,
Sah kotbedecktes Volk in Schlamm und Sumpf,
Die Glieder nackt, im Antlitz Haß und Grauen.

Nicht nur mit Händen, nein, mit Stirne, Rumpf
Und Füßen stößt sich's, und die Zähne reißen
Das Glied vom Glied in Fetzen bis zum Stumpf.

Da sprach Virgil: »Mein Sohn, die so sich beißen,
Sind Seelen, die dem Zorne untertan,
Und glaube fest, auch unter'm Wasser kreißen

Noch viele, die beseufzen ihren Wahn.
Die treiben dieses Wassers Schaum nach oben,
Der wogt und wallt, wie deine Augen sahn.

Vom Sumpfe klang's: »Wir waren elend droben
In lauer Luft im sonnenheitren Land,
Weil innen wir in trägen Dunst verwoben,

Jetzt jammern wir, in schwarzen Schlamm verbannt.«
So gurgeln sie im Sumpfe ihre Weise,
Die sich aus ihrem Mund gebrochen wand.

Vom eklen Grund ging weiter unsre Reise
Im Bogen, trock'nen Fußes, längs dem Fluß,
Auf sie rückblickend, denen Kot die Speise.

Und kamen dann an einen Turm zum Schluß.


Gesang 08

Fortfahrend sag ich, längst, eh' wir gekommen
Zum Fuß des hohen Turmes, konnt' ich seh'n
Zwei Lichter, hell am höchsten First erklommen,

Die mit noch einem in Verbindung steh'n,
Das schien aus ferner Sicht etwas zu künden,
Kaum, daß bis dahin unsre Augen geh'n.

»Sag, Meer des Wissens, kannst du mir ergründen
Des Feuers Zweck, der Zeichen hin und her
Und sie nennen, die es dort entzünden?«

Und er zu mir: »Schon aus dem schmutz'gen Meer
Taucht er, der uns erwartet, auf, doch streitet
Noch mit der Lache Dunst der Blick zu sehr.«

Der Sehne nie ein Pfeil so schnell entgleitet,
Wie jetzt ein Schifflein durch die Lüfte strich,
Von einem einz'gen Fergen nur geleitet.

Hin durch die Wogen fuhr er stracks auf mich,
Bis an den Strand des Schiffes Rippen schnellten.
Er rief: »Verruchte Seele, faß ich dich!«

»Ha Phlegias, Phlegias, laß vergebnes Schelten!«
Sprach mein Gebieter da, »für dieses Mal
Soll es des Pfuhles Überfahrt nur gelten.«

Wie einer grollt, dem man sein Bestes stahl,
Und heftig flucht, besieht er seinen Schaden,
So wand sich Phlegias jetzt in Wut und Qual.

Mein Führer stieg zum Boote an dem graden
Gestein des Ufers, wo es angelegt.
Doch da ich folgte, schien es erst beladen.

Und als es sich mit tiefem Gang bewegt,
Konnt' ich am altgeformten Bug gewahren,
Daß mehr es sank, als es bei andern pflegt.

Als wir auf den erstorbnen Wassern waren,
Kam ein verschlammter Geist uns zu Gesicht,
Der rief: »Wer will verfrüht hier überfahren?«

Und ich: »Ob ich gleich komme, bleib' ich nicht.
Wer bist denn du, der sich dem Schlamm gesellte?«
Und er: »Du siehst den Schmerz, der aus mir spricht.«

Und ich zu ihm: »Ja, Schmerz und Trauer gelte,
Verruchter, ewig dir. Laß mich in Ruh!
Ich kenne dich, ob dich auch Schmutz entstellte.«

Er fuhr aufs Boot mit beiden Händen zu,
Doch ließ mein Meister ihn nicht weit gelangen
Und rief: »Hinweg, bei Hunden bleibe du!«

Drauf hat er mit Armen mich umfangen
Und mich geküßt. Er sprach: »Du zorn'ger Geist!
Gebenedeit sei sie, die dich empfangen!

In ihm dort alles lag, was Hochmut heißt,
Nie wird von Güte sein Gedächtnis sprechen,
Sein Schatten noch in stetem Wüten kreist.

Die droben sich als Könige erfrechen,
Hier werden sie sich wühlen, gleich den Säu'n,
Und nichts bleibt, als Verachtung der Verbrechen.«

Drauf ich: »Mein Meister, mich würd' es nicht reu'n,
Säh' ich in diesem Brodem ihn versinken,
Eh' wir den See durchschifft.« »Bevor die neu'n

Gestade«, sprach er, »nahen unsern Blicken,
Wird dir dein Durst gestillt; durch diesen Trank
Wirst deines Wunsch's Gewähr du dich erquicken.«

Und so geschah's. Ich sah, wie er versank,
Beschimpft, verhöhnt von der Verdammten Reih'n;
Dess' sag ich Gott noch immer Lob und Dank.

»Los auf Philipp Argenti!« hört ich schrei'n.
Des Florentiners Geist, in Wut verblieben,
Schlug seinen Zahn ins eigene Gebein.

Drauf ließ ich ihn, den ich genug beschrieben.
Da traf mein Ohr ein solcher Schmerzenston,
Daß vorwärts ich des Auges Nerv getrieben.

Mein guter Meister sprach: »Jetzt naht, mein Sohn,
Die große Stadt, sie führt den Namen Dite,
Viel Volk empfängt dort schwerer Sünden Lohn.

Und ich zu ihm: »Ich sah im Talgebiete
Die Türme schon von ferne leuchtend rot,
Als ob die ganze Stadt im Feuer briete.«

Und er: »Dies ew'ge Feuer das hier loht
Taucht sie in rote Glut, wie dir's beweisen
Die Flammen aus des Höllenschlundes Not.

Nun kamen wir zu Gräben, die umkreisen
Die trostverlass'ne Stadt, die seufzt im Bann,
Die Mauern schienen mir als wie von Eisen.

Dann ließ das Boot der starke Steuermann
Nach mancher Windung an das Ufer gleiten,
»Hier schifft euch aus,« rief er, »wir legen an!«

Am Tor schrie'n mehr als tausend, die vor Zeiten
Vom Himmel stürzten, wütend und ergrimmt:
»Wer ist's, der wagt, vor'm Tode hier zu schreiten

Und durch der Toten Reich die Straße nimmt?«
Mein Meister wollt' sie im geheimen sprechen,
Das zeigte mir ein Wink, schnell und bestimmt.

Da schien sich ihre größte Wut zu schwächen,
Sie riefen: »Komme du, laß jenen geh'n,
Der im dies Reich frech wagte einzubrechen.

Er mag allein der Rückkehr Müh'n besteh'n,
Wenn er es kann, du aber bleibst gebunden,
Der du hierher das Führeramt verseh'n.«

Erwäge, Leser, was ich wohl empfunden
Bei dem verruchten Wort an Angst und Qual.
Mir schien der Rückkehr Möglichkeit entschwunden.

»Mein lieber Führer, mehr als siebenmal
Hast du mich bei Gefahren schon beschwichtet,
Wenn mich beim Hindernis die Furcht bestahl,

O laß mich,« sprach ich, »hier nicht ganz vernichtet.
Wenn unsrem Weg kein Fortgang mehr gebührt,
Sei unsre Spur vereint zurück gerichtet.«

Und mein Gebieter, er, der mich geführt,
Sprach trostreich: »Keine Furcht und kein Erblassen,
Hier hemmt uns keiner, da uns Einer kürt.

Erwarte mich, du mußt im Geist dich fassen,
Ich flöße dir der Hoffnung Speise ein,
Nie werd' ich dich in diesen Tiefen lassen.«

So ging er und ließ zweifelnd mich allein,
Der Vater, der erwählt zu meinem Horte.
In meinem Geiste kämpfte ja und nein.

Ich konnte nicht verstehen seine Worte,
Doch säumte er nicht lang, da konnt' ich seh'n
Die Gegner eilig stürzen durch die Pforte,

Um dicht vor ihm die Flügel zuzudreh'n,
So war er ausgesperrt. Ich sah mit Grauen,
Langsamen Schritt's zu mir ihn rückwärts geh'n.

Da sprach er seufzend, die sonst stolzen Brauen
Mutlos gesenkt, gebeugt sein Angesicht:
»Wer weigert mir, die Schmerzensstadt zu schauen?«

Und dann zu mir: »Mein Zürnen schreck' dich nicht,
Denn diesen Kampf, glaub mir, werd' ich bestehen,
Wie stark gerüstet auch der Gegner ficht.

Dieser sein Trotz, ward vormals schon gesehen
An einem weniger geheimer Tor,
Dess' Pforten heut' noch immer offen stehen.

Zur Schrift des Todes sahst du einst empor,
Von dort steigt einer schon herab den Hügel,
Der dringt geleitlos durch die Kreise vor,

Und öffnet uns zur Stadt des Tores Flügel.«


Gesang 09

Die Farbe, die vor Furcht mir war verblichen,
Als mir mein Führer stumm zurückgekehrt,
Kam mir nun wieder, wie sie mir gewichen.

Er stand wie horchend, weil es ihm erschwert,
Weit mit den Blicken durch die Luft zu dringen,
Da schwarzer Dampf und Nebeldunst es wehrt.

»Und dennoch werde ich den Sieg erzwingen,«
Sprach er: »Wenn nicht? - Doch einer war bereit.
Was zögert er, mir Hilfe bald zu bringen?«

Ich fühlte wohl, er war mit sich im Streit,
Denn seiner Worte Anfang und das Ende,
Sie waren Zeugen der Unstimmigkeit.

Doch hatt' ich Furcht, daß es noch schlimmer stände,
Weil ich im abgerissnen Wort vielleicht
Noch einen Sinn, der nicht gemeint war, fände.

»Sag', wird der Trauer Abgrund je erreicht
»Von einem aus der ersten Kreises Welten,
Wo Strafe nur geknickter Hoffnung gleicht?«

So fragte ich, er gab zur Antwort: »Selten
Macht einer noch den Weg aus unsren Reih'n.
Daß ich ihn ging, kann nicht als Regel gelten.

Wahr ist's, vor Zeiten fand ich hier mich ein,
Vom bösen Weib Erichto her beschworen,
Die einem Schatten Körper konnt' verleihn.

Den meinen hatte ich erst kurz verloren,
Als ich, auf daß ich einen Geist entriß
Dem Judaskreis, einging zu diesen Toren.

Dem tiefsten Kreis der tiefsten Finsternis,
Dem Himmelfernsten, der das All umschwebet,
Ich kenn' den Weg, des Trostes sei gewiß.

Der Sumpf, aus dem der Pestgestank sich hebet,
Liegt um die Stadt des Jammers dumpf und feucht,
Und Zorn faßt jeden, wenn er zu ihr strebet.«

Er sprach noch manches dort, das hat verscheucht
Der hohe Turm, denn meine Blicke waren
Gerichtet starr auf seine First's Geleucht.

Drei Furien der Hölle jählings fahren
Dort hoch empor, von dunklem Blut befleckt,
Nach Weiberart von Gliedern und Gebaren,

Die Hydra sich um ihre Leiber streckt,
Nattern und Vipern ihre Haare bilden,
Wmit die grausen Schläfen sind umsteckt.

Der Kön'gin fröhnen sie in den Gefilden
Der ew'gen Pein. Er, der sie kennt, er zeigt
Sie mir und spricht: »Erynnien sind's, die wilden.

Megära links, die dort sich zu uns neigt,
Alecto rechts, die ewig tränenreiche,
Tisiphone inmitten.« Und er schweigt.

Die Nägel graben sie in Brust und Weiche,
Sie schlagen mit den Händen, brüllen, schrei'n,
Daß ich in Angst zu meinem Dichter schleiche.

»Medusa, komm, verwandle ihn zu Stein!«
So riefen sie und blickten auf uns nieder,
»Was stellten wir den Kampf mit Theseus ein?«

»Den Rücken kehre ihnen, schließ die Lider!
Denn schaut dein Auge das Gorgonenhaupt,
So findest du die Heimkehr nimmer wieder.«

Er sprach's, doch da er meiner Hand nicht glaubt',
Dreht er mich um, die Augen so zu decken,
Daß ich des Sehens Möglichkeit beraubt.

Ihr, die ihr klaren Geist's! euch sollen wecken
Bewunderung die Lehren im Gedicht,
Die wie in Schleiern seltsam sich verstecken.

Und ob der trüben Wogen plötzlich bricht
Ein Schmerzenston hervor mit lautem Krachen,
Der macht erbeben beider Ufer Schicht,

Gleich einem Sturm, der jählings beim Erwachen
Im Widerstand mit Feuersgluten ringt,
An ihnen sich gewaltsam anzufachen,

Der durch des Wald's Geäst verherend dringt,
Mit stolzer Bahn, von Wirbeln Staub' verdichtet,
Und Hirt und Herden sich zu flüchten zwingt.

Er gab den Blick mir frei und sprach: »Gerichtet
Sei deines Auges Nerv auf jene Gischt,
Da, wo der Dunst zum schärfsten Qualm sich schichtet.«

Wie Frösche, wenn auf sie die Schlange zischt,
Sich ducken und sich tief am Grunde hehlen,
Damit der Feind sie nicht zum Raub erwischt,

So sah ich tausende verstörte Seelen
Entflie'n vor einem, der den Styx durchquert
Mit trocknem Fuß; die dichten Dünste quälen

Sein Angesicht, mit seiner Linken wehrt
Er ihrer sich, die Stickluft abzuwenden,
Als sei's ihr Druck, der einzig ihn beschwert.

Den Boten mußte uns der Himmel senden!
Mein Meister gab ein Zeichen mit der Hand,
Daß ich mich neigen sollt' mit Kopf und Händen.

Wie schien er mir von edlem Zorn entbrannt!
Mit einer Gerte er die Pforte suchte,
Und sie sprang auf, ganz ohne Widerstand.

»Ihr, die der Himmel austrieb, ihr Verruchte,«
Am grausen Eingang stehend, er begann,
»Wess' könnt ihr euch vermessen, ihr Verfluchte!

Was trotzt ihr gegen einen Willen an,
Von dem ihr wißt, daß, wollt ihr ihm nicht weichen,
Er euch nur schärf're Qualen bringen kann?

Was könnt ihr gegen das Geschick erreichen?
Das Fell des Cerberus trägt, euch bekannt,
An Hals und Kinn noch seiner Strafe Zeichen«

Zur fluchbelad'nen Straße hingewandt,
Sprach er kein Wort, wie einer, der ermessen
Der künft'gen Sorgen Not und Widerstand

Und drob die gegenwärtigen vergessen.
Nun konnten wir zur Stadt gesichert geh'n,
Seit wir des heil'gen Wortes Trost besessen,

Und hatten keinen Kampf mehr zu bestehn.
Als ich im Innern, ließ den Wunsch ich reifen,
Der Eingeschloss'nen Schicksal zu erseh'n

Den Blick ließ ich ob weiten Feldern schweifen,
Und allseits klangen Schmerzenstöne laut,
Die bei den heft'gen Qualen um sich greifen.

Und wie zu Arles, wo sich die Rhone staut,
So wie zu Pola, am Quarnaro Strande,
Wo man am Meer Italiens Grenze schaut,

Der Gräber Hügel liegen viel im Sande,
So Sarg an Sarg an dieser Stätte ruht,
Nur mit noch bittrer'm Weh, umloht vom Brande.

Es bäumt sich dort empor der Flamme Wut,
Die Funken sprühend auseinanderjagen,
Kein Eisenwerk bedarf der höher'n Glut.

Der Särge Deckel waren aufgeschlagen,
Und daß aus ihnen tiefstes Elend brüllt,
Konnt' ich erkennen aus dem Schrei'n und Klagen.

Und ich: »Mein Meister, welche Geister hüllt
Die Feuer ein? Wer seufzt in diesen Särgen,
Daß es die Luft mit Schmerzenstönen füllt?«

Und er: »Erzketzer sind's und ihre Schergen,
Die hier gebettet sind; aus jedem Stand,
Mehr als du annimmst, diese Gräber bergen.

Zu Gleichen hat man Gleiche hier verbannt,
Nur, daß die Gluten stets verschieden innen. -«
Und als er sich zur rechten hingewandt,

Ging unser Weg durch Qual und hohe Zinnen.


Gesang 10

Geheime Pfade sind wir nun geschritten
Am Wall der Stadt, durch der Geplagten Reih'n,
Mein Meister vorn, ich folgend seinen Tritten.

»O höchste Kraft, die du mich führtest ein
Zum Reich der Frevler,« sprach ich, »darf ich hoffen,
Daß du Gehör mögst meinen Wünschen leih'n?

Darf ich sie seh'n, - da alle Särge offen, -
Die hier in diesen Grüften gereiht,
An denen keinen Wächter ich getroffen?«

Und er: »Die Deckel schließen sich, zur Zeit
Wann sie von Josaphats Gefilden kehren,
Und wieder sie empfängt ihr irdisch Kleid.

Der Epikur und die, die ihn verehren,
Ruh'n hier im Grab, die, wenn der Leib verblaßt,
Mit ihm die Sterblichkeit der Seele lehren.

Wohl hab ich deiner Frage Sinn erfaßt,
Und Aufschluß deiner Wünsche geb ich drinnen
Auch über die, die du verschwiegen hast.«

Und ich: »Mein guter Meister, Herz und Sinnen
Sein'n stets dir offen, nur spart' ich mein Wort,
Weil früh'rer Mahnung folgte mein Beginnen.«

»O Tusker du, der durch die Feuer fort
Mit würd'gen Worten schreitest, wie im Leben,
Sei günstig mir, verweil' an diesem Ort,

Denn deine Mundart hat mir kundgegeben,

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