Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Philalethes - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 01

Die Herrlichkeit des, der das All beweget,
Durchdringt die Weltgesamtheit und erglänzet
An einem Ort mehr, am andern minder.

Im Himmel, der zumeist sein Licht empfänget,
War ich und sah, was wieder zu berichten
Nicht weiß und nicht vermag, wer dort herabkommt;

Weil sich, dem Ziele nahend seines Sehnens,
Der menschliche Verstand so weit vertiefet,
Daß kein Erinneren von dort zurückkehrt.

Doch, so viel immer von dem heil'gen Reiche
Als Schatz ich im Gedächtnis sammeln konnte,
Das soll den Stoff jetzt meines Liedes bilden.

O gütiger Apoll, zur letzten Arbeit
Mach' deiner Kraft Gefäß mich, wie du's heischest,
Um den geliebten Lorbeer zu verleihen!

Bis hierher war mir ein Joch des Parnassus
Genug, denn jetzt muß ich mit allen beiden
Die Rennbahn, die noch übrigbleibt, betreten.

In meinem Busen kehr' drum ein und hauche,
Wie damals du getan, als du gezogen
Den Marsyas aus seiner Glieder Scheide.

O Gotteskraft, wenn du dich mir gewährest,
So daß den Schatten ich des sel'gen Reiches
Im Haupt mir ausgepräget offenbare,

Wirst du zu deinem teuren Baum mich kommen
Und mich bekränzen sehn dann mit dem Blatte,
Des mich mein Stoff, des du mich würdig machest.

So selten nur, o Vater, pflückt von solchem
Zum Siegesschmuck ein Cäsar oder Dichter,
(O Schuld und Schmach des menschlichen Verlangens!)

Daß Freude das Penesche Laub der heitern
Delphischen Gottheit wohl gewähren sollte,
Wenn's noch bei einem Durst nach sich erwecket.

Geringern Funken folgt oft große Flamme,
Vielleicht daß man nach mir mit bessrer Stimme
Einst flehen wird, daß Antwort Cirrha gebe.

Den Sterblichen steigt aus verschiednen Schlünden
Das Licht der Welt empor, allein aus jenem,
Wo sich vier Kreise in drei Kreuzen binden,

Tritt sie, mit besserm Lauf und besserm Sterne
Vereint, hervor, und mehr nach eigner Weise
Gibt sie dem ird'schen Wachs Gepräg' und Fügung.

Fast hatte jenseits Morgen, diesseits Abend
Der Schlund gemacht, und jene Hemisphäre
War ganz dort weiß und schwarz die andre Hälfte,

Als ich Beatrix nach der linken Seite
Gewendet sah und in die Sonne blicken.
Kein Adler hat sie je so angeschauet!

Und wie dem ersten Strahl pflegt zu entspringen
Ein zweiter, wiederum dann aufwärts steigend,
Dem Pilgrim ähnlich, welcher heim will kehren,

So kam aus ihrem Akt, durchs Aug' einströmend
In meine Phantasie, der mein', und fest hin
Zur Sonne blickt' ich, unserm Brauch entgegen.

Viel, was hier statthaft nicht, ist unsern Kräften
Gestattet dort aus Gunst des Orts, der eigens
Der Menschheit ward zum Aufenthalt geschaffen.

Nicht lange trug ich sie, noch auch so kurz nicht,
Daß ich sie rings nicht Funken sprühn sah, ähnlich
Dem Eisen, wenn es glüh'nd kommt aus dem Feuer.

Und plötzlich schien mir Tag zu Tag gefüget,
Als hätte jener, der da kann, den Himmel
Mit einer andern Sonne noch geschmücket.

Beatrix stand, ganz auf die ew'gen Kreise
Geheftet ihren Blick, und ich, die Augen
Auf sie geheftet, abgewandt von droben,

Ward innerlich in ihrem Anschaun also,
Wie Glaucus, kostend von dem Kraut, durch das er
Genosse ward im Meer der andern Götter.

Verzückung! sie vermöchte man durch Worte
Zu schildern nicht; drum gnüge jenes Beispiel,
Wem Gnad' es zu erfahren aufbewahret.

Ob ich von mir der Teil nur, den zuletzt du
Erschufst, o Liebe, die den Himmel lenket,
Du weißt's, die du mich hobst mit deinem Lichte.

Als mich das Rad, das ewiglich du umschwingst,
Ersehnter, mit der Harmonie nach sich zog,
Die du verteilest und zusammenstimmest;

Da schien mir durch der Sonne Flamm' erglühend
So viel vom Himmel, daß kein Fluß, noch Regen
Je einen See schuf, der so weit sich dehnte.

Der neue Ton, das große Licht erweckte
Nach ihrem Grund in mir solch ein Verlangen,
Wie ich's noch nie gefühlt von gleicher Schärfe.

Und jene, die mich sah, wie ich mich selber,
Um mir zu stillen die bewegte Seele,
Erschloß den Mund, eh' ich's noch tat zum Fragen,

Und fing so an: »Du selbst machst dich durch falsche
Vorstellung irre, so daß du nicht siehest,
Was sehn du würdest, wenn du sie verscheuchtest.

Du bist nicht, wie du glaubest, auf der Erde;
Doch lief ein Blitz, der eignen Stätt' entfliehend,
So schnell als du nicht, der zu ihr zurückkehrt.«

Wenn ich vom ersten Zweifel ward gelöset
Durchs kurze Wort, das sie mir zugelächelt,
So hielt ein neuer mehr mich drauf umstricket,

Und also sprach ich: ›Schon befriedigt ruht' ich
Von großem Staunen aus, allein jetzt staun' ich,
Wie diese leichten Körper ich durchsteige.‹

Sie drauf, nach frommem Seufzer auf mich wendend
Die Augen, mit dem Blicke, den die Mutter
Wirft auf das Kindlein, das im Fieberwahn liegt,

Begann: »Die Dinge samt und sonders stehen
In Ordnung unter sich, und eben sie ist
Die Form, durch die das Weltall Gott wird ähnlich.

Hier sehen die erhabenen Geschöpfe
Die Spur der ew'gen Kraft, die da das Ziel ist,
Zu dem bestimmt ist die berührte Regel.

Der Ordnung zugeneigt, die ich erwähnet,
Sind die Naturen alle, durch verschiednes
Geschickt dem Urquell näher bald, bald ferner;

Darum bewegen nach verschiednen Häfen
Durchs große Meer des Seins sie sich, und jede
Von einem ihr gegebnen Trieb geführet.

Der trägt das Feuer aufwärts nach dem Monde;
Der ist in ird'schen Herzen der Beweger;
Der eint und zieht die Erd' in sich zusammen.

Und die Geschöpfe nicht allein, die sonder
Intelligenz sind, schnellet dieser Bogen,
Nein, jen' auch, die Verstand und Liebe haben.

Die Vorsehung, die all dies Große ordnet,
Hält durch ihr Licht in ew'ger Ruh' den Himmel,
In dem sich der dreht, der am meisten eilet.

Und jetzt dorthin als zum bestimmten Sitze
Trägt uns die Kraft von dannen jener Sehne,
Die heiterm Ziel zuführt, was sie entschnellet.

Wahr ist's, daß, wie gar öfters das Gebilde
Nicht übereinstimmt mit des Künstlers Absicht,
Weil taub der Stoff ist, Antwort drauf zu geben,

Also von solcher Richtung sich zuweilen
Entfernet das Geschöpf, das, so getrieben,
Doch Macht hat, anderwärts sich hinzuwenden,

Wenn (wie man Feuer aus der Wolke fallen
Kann sehn) der erste Anstoß, abgelenket
Von falscher Lust, es erdwärts niederschleudert.

Nicht staunen darfst du, wenn ich recht geurteilt,
Ob deines Steigens mehr, als da von hohem
Gebirg zu Tal ein Fluß herunterströmet.

Nein, zu verwundern war's an dir, wenn ledig
Von jedem Hemmnis du dich niedersetztest,
Wie wenn am Grund still blieb lebend'ges Feuer.«

Drauf wandte wieder sie den Blick zum Himmel.


Gesang 02

O ihr, die ihr in einem kleinen Nachen
Voll Sehnsucht zuzuhören nachfolget
Seid meinem Schiff, das mit Gesang einherzieht,

Kehrt um, daß wieder euern Strand ihr sehet!
Begebt euch nicht aufs hohe Meer, ihr möchtet
Verirrt dort bleiben, wenn ihr mich verlöret!

Nie ward die Flut beschifft, die ich berühre;
Minerva weht, es führet mich Apollo,
Neun Musen zeigen mir der Bären Sterne.

Ihr andern wenigen, die ihr bei Zeiten
Den Hals gewendet habt zum Engelsbrote,
Davon man lebet hier, doch nimmer satt wird,

Wohl könnt ihr euch aufs weite Salzmeer wagen
Mit euerm Fahrzeug, dicht an meine Furche
Euch haltend, eh' die Flut sich wieder glättet.

Die Ruhmgekrönten, die nach Colchis zogen,
Sie staunten so nicht, wie ihr werdet staunen,
Da Jason sie als Ackersmann erblickten.

Das ewige und einerschaffne Dürsten
Nach dem gottförm'gen Reich trug uns von dannen
So rasch beinah', als ihr den Himmel sehet.

Beatrix schaut' empor, und ich nach ihr hin,
Und so in kurzer Frist wohl, als ein Bolzen
Ankommt und fliegt und von der Nuß sich löset,

Sah ich mich angelangt, wo Wunderbares
Auf sich den Blick mir zog; darum auch jene,
Vor der mein Sorgen nie verdeckt sein konnte,

So schön als heiter gegen mich gewendet,
Begann: »Richt' aufwärts dankerfüllt die Seele
Zu Gott, der uns dem ersten Stern vereint hat!«

Mir deucht', als ob uns eine Wolke decke,
Helleuchtend, dicht und fest und sonder Makel,
Wie ein Demant, getroffen von der Sonne.

In ihrem Innern nahm die ew'ge Perle
Uns auf, wie Wasser einen Strahl des Lichtes
Wohl aufnimmt, unzertrennet selbst verbleibend.

War Leib ich, und man faßt hier nicht, wie eine
Ausdehnung kann die andr' in sich ertragen,
Was sein doch muß, wenn Körper kreucht in Körper,

So sollte mehr sich unser Wunsch entzünden,
Die Wesenheit zu schaun, in der man siehet,
Wie unsere Natur und Gott vereint sind.

Dort schaun wir einst, was gläubig fest wir halten,
Nicht durch Beweis es, nein, an sich erkennend,
Nach Art des ersten Wahren, das der Mensch glaubt.

Ich drauf zu ihr: ›‹ 0 Herrin, so voll Andacht,
Als ich es nur vermag, bring' ihm ich Dank dar,
Der mich der Welt der Sterblichkeit entrückt hat.

Doch saget mir, was sind die dunklen Flecken
An diesem Körper, drob auf Erden drunten
Von Kain durch manche fabelnd wird gesprochen?‹

Ein wenig lächelnd erst, sprach dann zu mir sie:
»Wenn sich die Meinung Sterblicher verirret,
Dort, wo der Sinne Schlüssel nicht kann öffnen,

Darf, traun, dich der Verwundrung Pfeil nicht stacheln
Fortan, da, wie du siehst, selbst in der Sinne
Gefolg' so kurze Schwingen die Vernunft hat.

Doch sprich, was von dir selbst du drüber denkest!«
Und ich: ›Was uns dort unten scheint verschieden,
Glaub' ich, entsteht, weil dünn und dicht die Körper.‹

Und sie: »Gewiß wirst du als falsch dein Dünken
Zugrunde gehn sehn, horchest du der Folge
Von Schlüssen recht, die ich entgegenstelle.

Die achte Sphäre zeigt euch viele Lichter,
An denen man verschiedentlich Erscheinen
Im Wie sowohl als im Wieviel gewahret.

Wenn dicht und dünn ausschließlich dies bewirkte,
So wär' nur eine Kraft allein in allen
Mehr oder minder demgemäß verteilet.

Verschiedne Kräfte müssen Frucht formaler
Ursachen sein, und, bis auf eine, würden
In Wegfall die nach deiner Ansicht kommen.

Noch mehr, wenn Dünnsein jenes Dunkels Ursach',
Nach der du fragst, so müßt' entweder dieser
Planet teilweise durch und durch so spärlich

Am Stoff sein, oder, wie in einem Körper
Sich Fett und Mager teilen, so derselbe
In seinem Buche mit den Blättern wechseln.

Das erstre müßte sich bei Finsternissen
Der Sonne zeigen, weil durchschimmern würde
Das Licht, wie wenn sonst Dünnes eingesprengt ist.

Dies ist der Fall nicht; drum laßt nach dem andern
Uns sehn, und wenn's geschieht, daß ich's vernichte,
So ist als falsch bewiesen deine Meinung.

Wenn's nun gewiß, daß nicht das Dünne durchdringt,
Muß eine Grenz' es geben wohl, von wo an
Sein Gegenteil es durchzugehen hindert,

Und von woher sich drum zurückergießet
Der Strahl, gleichwie die Farbe aus dem Glase
Heimkehrt, das hinter sich hält Blei verborgen.

Jetzt wirst du sagen, dunkeler erscheine
Allhier der Strahl als an den andern Teilen,
Weil er hier weiter rückwärts wird gebrochen.

Von diesem Einwand kann dich die Erfahrung
Befrei'n, versuchst du sie, aus deren Quelle
Die Flüsse strömen euern Wissenschaften.

Drei Spiegel nimm zur Hand, und zwei entferne
Von dir gleichmäßig, doch den dritten finde
Dein Blick in größrer Ferne zwischen beiden.

Gewandt nach ihnen stelle hintern Rücken
Ein Licht dir, das erglüh'n macht die drei Spiegel
Und zu dir kehrt, zurückgestrahlt von allen.

Wenn auch so groß an Umfang nicht die fernste
Erscheinung ist, so wirst du hier doch sehen,
Daß sie auf gleiche Weise muß erglänzen.

Jetzt, wenn durch warmer Sonnenstrahlen Wirkung,
Was unterm Schnee gelegen hat, entblößet
Von seiner frühern Farbe bleibt und Kälte,

Will ich, da du im Geist also verblieben,
Mit so lebend'gem Lichte dich erleuchten,
Daß dir sein Anblick soll entgegenflimmern.

Es dreht im Himmel göttlicher Befriedung
Ein Körper sich, in dessen Kraft das Dasein
Der Dinge sämtlich ruht, die er umschließet.

Der nächste Himmel, der so reich an Bildern,
Verteilt dies Sein in mannigfache Wesen,
Von ihm verschieden und in ihm enthalten.

Die andern Kreise durch vielfachen Wechsel
Befäh'gen für ihr Ziel und ihren Samen
Das Unterschiedne, das in sich sie tragen.

Wie du jetzt siehest, reihen stufenweise
Sich diese Weltorgane also, daß sie
Von oben nehmen und nach unten wirken.

Aufmerksam blick' auf mich, wie hin ich gehe
Durch diesen Ort zur Wahrheit, die du wünschest,
So daß du selbst die Furt dann finden mögest.

Kraft und Bewegung jener heil'gen Kreise
Muß, gleichwie von dem Schmied die Kunst des Hammers,
Auswehen von den seligen Bewegern.

Der Himmel, der mit so viel Lichtern pranget,
Empfängt in sich das Bild des tiefen Geistes,
Der um ihn rollt, und wird zu seinem Siegel.

Und wie die Seel', in euren Staub gebannet,
Durch unterschiedne Glieder, angemessen
Den unterschiednen Kräften, sich verbreitet,

Also entwickelt ihre Güte jene
Intelligenz, vervielfacht durch die Sterne,
Auf ihrer eignen Einheit um sich drehend.

Verschiedne Kraft mit dem von ihr belebten
Kostbaren Körper schließt verschiednes Bündnis,
In ihm sich, wie in euch das Leben, bindend.

Der heiteren Natur nach, draus sie stammet,
Durchglänzt die beigemischte Kraft den Körper,
Wie Heiterkeit lebend'ge Augensterne.

Von ihr kommt her das, was von Licht zu Lichte
Verschieden scheint, und nicht von Dünn' und Dichtheit;
Sie ist's, die, ein Formalprinzip, hervorbringt,

Nach ihrer Güte Maß, das Hell und Dunkel.«


Gesang 03

Die Sonne, die mein Herz mit Lieb' erst wärmte,
Sie hatte schöner Wahrheit holdes Antlitz
Mir durch Beweis enthüllt und Widerlegung;

Und ich, berichtiget und überzeuget
Mich zu bekennen, hob das Haupt, soweit es
Zu sprechen nötig war, empor es richtend.

Doch eine Vision erschien, die also
An sich mich fesselte, sie zu betrachten,
Daß meiner Beicht' ich jetzt nicht mehr gedachte

Wie aus durchscheinend hellem Glase oder
Aus einem Wasser, glatt und unbeweglich,
Das nicht so tief ist, daß der Grund entschwinde,

Der Umriß unsers Angesichts zurückkehrt
So schwach, daß eine Perl' auf weißer Stirne
Nicht minder früh erreichet unsre Augen;

So sah ich wortbereit mehr als ein Antlitz,
Drob ich in einen Wahn fiel, dem entgegen,
Der zwischen Mensch und Quell hat Lieb' entzündet

Alsbald, als jener ich gewahr geworden,
Für Spiegelbilder nur sie haltend, wandt' ich
Die Augen, um zu sehen, wer sie wären,

Und sah dort nichts und kehrte wieder vor sie,
Zum Licht der süßen Führerin sie richtend,
Die, lächelnd, glüht' in ihren heil'gen Augen.

»Verwundre dich nicht, wenn ich lächle,« sprach sie,
»Ob deines kind'schen Einfalls, da den Fuß er
Noch auf die Wahrheit nicht zu setzen waget,

Nein, du dich, wie du pflegst, nach Leerem wendest.
Was du erblickst, sind wirkliche Substanzen,
Hierher ob Mangels an Gelübd' versetzet.

Drum sprich mit ihnen, höre sie und glaube;
Denn das wahrhaft'ge Licht, das sie befriedigt,
Läßt nimmermehr den Fuß von sich sie kehren.«

Und ich zum Schatten, der zumeist begierig
Mit mir zu sprechen schien jetzt, hin mich wendend,
Begann, wie wen zu großer Wunsch durchbebet:

›O wohlerschaffner Geist, der du genießest
Die Süßigkeit am Strahl des ew'gen Lebens,
Die ungekostet nimmer wird begriffen;

Erfreulich wird mir's sein, wenn deinen Namen
Und euer Los du mir gewährst zu wissen.‹
Drauf jene willig und die Augen lächelnd:

»Gerechtem Wunsch wird nimmer unsre Liebe
Verriegelen das Tor, nicht mehr als jene,
Die ihren ganzen Hof sich ähnlich sehn will.

Ich war auf jener Welt einst Klosterjungfrau;
Und wenn dein Geist mich recht betrachtet, wird mich,
Daß ich jetzt schöner bin, dir nicht verbergen;

Nein, in mir wirst Piccarda du erkennen,
Die, weilend hier mit diesen andern Sel'gen,
Ist selig in der langsamsten der Sphären.

All' unsere Empfindungen, die einzig
Entflammt sind von der Lust des heil'gen Geistes,
Freun sich in Harmonie mit seiner Ordnung;

Und dieses Los, das so tief unten scheinet,
Ward uns gegeben, weil versäumet unser
Gelübd' und ungeübt in einem Punkt blieb.«

Drauf ich: ›In eurem wunderbaren Antlitz
Erglänzt, ich weiß nicht wie, ein göttlich Etwas,
Das euch verwandelt von dem frühern Eindruck.

Darum war ich nicht schnell, mich zu erinnern.
Allein jetzt hilft mir das, was du mir sagest,
So daß mir wird geläuf'ger das Erkennen.

Doch sage mir: Ihr, die ihr hier beglückt seid,
Begehrt ihr wohl nach einem höhern Orte,
Um mehr zu schaun und Freunde mehr zu werden?‹

Ein wenig lächelnd nebst den andern Schatten,
Antwortete sodann sie mir so freudig,
Als glühe sie von Lieb' im ersten Feuer:

»O Bruder, unsern Willen hält in Ruhe
Der Liebe Kraft, die nur, was wir besitzen,
Uns wollen läßt und nach nichts anderm dürsten.

Wenn wir uns sehnten, Höhere zu werden,
So wären unsre Wünsche nicht im Einklang
Mit dessen Willen, der uns hier gesondert,

Was, wie du siehst, nicht diese Kreise fassen,
Wenn's hier notwendig ist, zu sein in Liebe,
Und du auf ihre Wesenheit wohl achtest;

Nein, zu der Form des Seligseins gehört es,
Sich innerhalb des, was Gott will, zu halten,
So daß all unsre Willen einer werden.

Drum wie wir durch dies Reich von Grad zu Grad sind,
Gefällt's dem ganzen Reich und dessen König,
Der uns an seinem Wollen Lust läßt finden.

Und unser Friede ist sein Wille; er ist
Das Meer, zu dem sich alles hinbeweget,
Was er erschafft und was Natur hervorbringt.«

Da ward mir's klar, wie jede Stätt' im Himmel
Ist Paradies, wenn auch auf gleiche Weise
Des höchsten Gutes Gnade drauf nicht tauet.

Doch wie's geschieht, wenn, statt von einer Speise,
Man Lust annoch behält nach einer andern,
Daß diese man verlangt, für jene danket,

So macht' ich's jetzo durch Gebärd' und Worte,
Welch ein Geweb' es sei, von ihr zu hören,
Draus bis zu End' sie nicht das Schiff gezogen.

»Vollkommnes Leben, hehr Verdienst beseligt
Ein Weib mehr droben,« sprach sie, »dessen Norm nach
Man drunten Kleid und Schlei'r auf eurer Welt trägt,

Daß bis zum Tod man wachend weil' und schlafend
Beim Bräutigam, der kein Gelübd' verschmähet,
Das Lieb' im Einklang beut mit seinem Willen.

Ihr nachzufolgen, floh in jungen Jahren
Ich aus der Welt und hüllt' in ihr Gewand mich,
Zu ihres Ordens Wandel mich verpflichtend.

Doch Männer dann, an Böses mehr als Gutes
Gewöhnt, entrissen mich dem süßen Kloster;
Gott weiß es, wie mein Leben dann gewesen.

Und jener andre Glanz, der sich dir zeiget
Auf meiner rechten Seit' und mit der ganzen
Lichtfülle unsrer Sphäre sich entzündet,

Läßt, was von mir ich sprach, von sich auch gelten.
Auch sie war Nonn', und ihr auch ward vom Haupte
Der Schatten so geraubt der heil'gen Binde.

Doch, da sie zu der Welt gekehret worden,
So ihrem Wunsch als guter Sitt' entgegen,
Warf sie doch nie von sich des Herzens Schleier.

Die Lichtgestalt ist diese jener großen
Konstanze, die von Schwabens zweitem Sturmwind
Den dritten hat, die letzte Macht, geboren.«

So sprach zu mir sie und begann drauf »Ave
Maria« zu singen, und im Singen schwand sie,
Gleichwie ein schweres Ding in tiefem Wasser.

Mein Auge, das, so lang' es ihm noch möglich,
Gefolgt ihr war, kehrt', als es sie verloren,
Zum Ziele sich des größeren Verlangens

Und wendete ganz hin sich nach Beatrix;
Doch diese blitzt' in das Gesicht mir also,
Daß es im Anfang nicht ertrug mein Auge,

Und dies ließ säumiger mich sein im Fragen.


Gesang 04

Im Mittel zweier Speisen, gleich bewegend
Und gleich entfernt, stürb' Hungers eh' der freie
Mensch, als daß ein' er sich zum Munde führte.

So blieb' ein Lamm stehn zwischen zweier Wölfe
Grausamer Gier, gleichmäßig beide fürchtend;
Ein Hund so zwischen zweien Damhirschkühen.

Drum, wenn, von meinen Zweifeln gleicherweise
Gedrängt, ich schwieg, mag ich mich drob nicht schelten,
Noch preisen, da's Notwendigkeit so heischte.

Ich schwieg, allein im Angesicht gemalet
Trug meinen Wunsch ich und mit ihm das Fragen,
Viel glühender als durch die laute Rede.

Beatrix tat, wie Daniel getan hat,
Nabuchodonosor den Zorn zu stillen,
Der ungerechterweis' ihn grausam machte,

Und sprach: »Wohl seh' ich, wie dich nach sich ziehet
So der wie jener Wunsch, drob dein Bedürfen,
Sich selber bindend, nicht heraus kann wehen.

Du denkst so: wenn der gute Wille dauert,
Aus welchem Grund kann anderer Gewalttat
Das Maß mir des Verdienstes dann vermindern?

Auch gibt zum Zweifeln Stoff dir, daß es scheinet,
Als ob im Einklang mit der Meinung Plato's
Zurück die Seelen zu den Sternen kehrten.

Dies sind die beiden Fragen, die dein Wollen
Gleichmäßig drängen; drum will ich erst von jener
Ich handeln, die am meisten hat des Herben.

Der Seraphim selbst, der zumeist in Gott lebt,
Samuel, Moyses, und wen du von beiden
Johannes wählst, ja, auch Maria, sag' ich,

Sie thronten nicht in einem andern Himmel,
Als diese Geister, die dir jüngst erschienen,
Noch hat mehr oder wen'ger Jahr' ihr Weilen.

Nein, alle schmücken sie den ersten Umkreis
Und haben unterschiedlich süßes Leben,
Den ew'gen Hauch mehr oder minder fühlend.

Hier zeigten sie sich, nicht weil diese Sphäre
Für sie beschieden ward, nein, als ein Zeichen
Des weniger gestiegnen Himmelslebens.

So muß zu euerem Verstand man sprechen,
Weil nur vom Sinnlichen er kann entnehmen,
Was er dann würdig macht des Intellektes.

Deshalb läßt sich zu euern Fähigkeiten
Die Schrift herab, und schreibet Füß' und Hände
Gott zu und meint dabei doch etwas andres;

Die heil'ge Kirch' auch stellt mit Menschenantlitz
Euch Michael und Gabriel vor Augen
Und jenen, der Tobias wieder heilte.

Das, was Timäus in betreff der Seelen
Behauptet, ist nicht gleich dem, was man hier sieht,
Weil er's zu meinen scheint, wie er's gesprochen.

Zu ihrem Stern, sagt er, kehr' heim die Seele,
Und glaubt, von ihm sei abgetrennt sie worden,
Als die Natur zur Form sie hat gegeben;

Allein vielleicht ist anders seine Meinung
Beschaffen, als das Wort klingt, und wohl könnte
Sein Sinn so sein, daß er nicht zu belächeln.

Meint er, es kehre zu den Sternen ihres
Einflusses Ehr' und Tadel heim, so möchte
In etwas Wahres wohl sein Bogen treffen.

Dies mißverstandene Prinzip verführte
Einst schier die ganze Welt, daß sie dahin kam,
Mars, Jupiter, Merkurius zu vergöttern.

Der andere Zweifel, welcher dich beweget,
Hat mindres Gift in sich, weil seine Bosheit
Dich nicht aus meiner Näh' entführen könnte;

Daß Unrecht in der Menschen Augen unsre
Gerechtigkeit erscheinet, ist zum Glauben
Auffordrung, nicht zu ketz'rischer Verruchtheit.

Allein weil eure Fassungskraft in diese
Wahrheit gar wohl vermag hineinzudringen,
Will ich, wie du es wünschest, dich befried'gen.

Wenn das Gewalt ist, wenn, der sie erduldet,
In keinem Stück dem mitwirkt, der Gewalt übt,
So sind durch sie nicht schuldfrei diese Seelen;

Denn nicht löscht man, wenn er nicht will, den Willen,
Nein, dem Naturtrieb tut er's gleich des Feuers,
Ob tausendmal Gewalt ihn ab auch lenke;

Drum, wenn er nachgibt, sei's viel oder wenig,
So folgt er der Gewalt, und so auch diese,
Da sie zum heil'gen Ort heimkehren konnten.

Wenn unversehrt ihr Wollen war' gewesen,
Wie das, was Lorenz festhielt auf dem Roste,
Und Strenge gab für seine Hand dem Mucius,

So hätte sie's, sobald sie frei, des Weges
Zurückgetrieben, drauf entführt sie worden;
Doch ein so sichrer Will' ist allzuselten.

Durch diese Worte, wenn du, wie sich's ziemet,
Sie aufnahmst, ist vernichtet das Bedenken,
Das öfters wohl dich noch belästigt hätte.

Doch jetzt sperrt dir den Weg ein andrer Engpaß
Vor deinen Augen, so daß durch dich selber
Du nicht herauskäm'st; eh' würd'st du ermüden.

Ich hab' als sicher dir ins Haupt befestigt,
Daß nimmermehr ein sel'ger Geist kann lügen,
Weil er der ersten Wahrheit immer nah' ist;

Und von Piccarda konntest dann du hören,
Daß Liebe zu dem Schlei'r bewahrt Konstanze,
So daß sie mir hier scheint zu widersprechen.

Gar öfters schon, o Bruder, ist's geschehen,
Daß, um Gefahr zu meiden, wenn auch ungern,
Man das getan, was sich zu tun nicht ziemte;

So wie Alkmäon, der, darum gebeten,
Vom Vater, tötete die eigne Mutter,
Um nicht unfromm zu sein, ruchlos geworden.

Dies ist der Punkt, den du durchdenken mögest.
Denn die Gewalt mischt sich dem Wollen also,
Daß unentschuldbar die Beleidigungen.

Der Will' an sich nicht willigt in das Übel,
Doch willigt insoweit er, als er fürchtet,
Durch Weigerung in größtes Leid zu fallen.

Darum, wenn also sich Piccarda ausdrückt,
Meint sie den Willen an sich selbst, ich aber
Den andern, so daß wahr zugleich wir sprechen.«

So war das Wallen jenes heil'gen Flusses,
Dem Quell, draus jede Wahrheit kommt, entspringend,
So setzt's in Frieden den und jenen Wunsch mir.

›0 Liebe des Urliebenden,‹ begann ich,
›O Göttliche, die so mich überströmet
Und wärmt, daß sie mich mehr und mehr belebet,

So tief ist mein Gefühl nicht, daß es gnüge,
Um Gabe dir für Gabe darzubringen;
Doch er, der sieht und kann, erfülle solches!

Wohl seh' ich ein, daß nie gesättigt unser
Verstand wird, wenn das Wahr' ihn nicht erleuchtet,
Aus dessen Umkreis keine Wahrheit schweifet.

Er ruht darin, gleichwie ein Wild im Dickicht,
Wie er's erreicht hat, und erreichen kann er's;
Sonst wäre fruchtlos ja jedwedes Wünschen.

Drum sprießt, dem Schößling gleich, am Fuß der Wahrheit
Der Zweifel auf, und unsere Natur ist's,
Die uns zum Gipfel treibt, von Höh' zu Höhe.

Dies fordert auf mich, dies gibt mir die Kühnheit,
Mit Ehrfurcht euch, o Herrin, zu befragen
Ob einer andern Wahrheit, die mir dunkel.

Gern wüßt' ich, ob man für verfehlt' Gelübde
Durch andres gute Werk so kann genug tun,
Daß es zu leicht nicht wieg' auf eurer Waage.‹

Beatrix blickte nach mir hin, mit Augen,
Von Liebesfunken angefüllt, so göttlich,
Daß ich, zu schwach an Kraft, mich rückwärts wandte

Und wie verloren stand, gesenkten Blickes.


Gesang 05

»Wenn ich entflammt von Liebesglut dir scheine
In höh'rer Weis', als man es sieht auf Erden,
So daß ich deiner Augen Kraft besiege,

Nicht staune drob; denn von vollkommnem Schauen
Kommt solches her, das, wie's erfasset, also
Den Fuß bewegt auch im erfaßten Guten.

Gar wohl erseh' ich es, wie schon erglänzet
Das ew'ge Licht in deinem Intellekte,
Das, auch gesehn bloß, Liebe stets entzündet;

Und wenn selbst etwas andres eure Liebe
Verführt, ist's nichts als eine Spur von jenem,
Das, mangelhaft erkannt nur, durch hier schimmert.

Ob man durch andern Dienst so viel erstatten
Kann für verfehlt' Gelübde, willst du wissen,
Daß drob die Seele sicher sei vor Anspruch?«

Also begann Beatrix dieses Lied jetzt,
Und dem gleich, der nicht trennet seine Rede,
Fuhr so sie fort in ihrem heil'gen Vortrag:

»Die größte Gabe, die uns, schaffend, Gottes
Freigebigkeit gab, und die seiner Güte
Zumeist entspricht, und die er schätzt am höchsten,

Ist unsres Willens Freiheit doch, mit welcher
Die sämtlichen vernünftigen Geschöpfe,
Und sie allein, begabet sind und waren.

Jetzt wird dir, wenn von hier du weiter schließest,
Der hohe Wert sich des Gelübdes zeigen,
Das so ist, daß Gott zustimmt, wenn du zustimmst;

Denn im Vertrag, den Gott und Menschen schließen,
Bringt jenen Schatz man, wie ich ihn genannt dir,
Und zwar durch seinen eignen Akt zum Opfer.

Was also kann man als Ersatz dann bieten?
Meinst wohl zu brauchen du, was du geopfert,
So willst du gutes Werk tun mit Geraubtem.

Des Hauptpunkts bist du sicher jetzt; doch weil hier
Die heil'ge Kirche dispensiert, was gegen
Die Wahrheit scheinet, die ich dir enthüllet,

Mußt noch etwas am Tisch du sitzen bleiben,
Weil jene schwere Kost, die du genossen,
Noch Hilf' erheischt aus deiner Vorratskammer.

Den Geist erschließe dem, was ich dir künde,
Und heb' es auf drin; denn nicht Wissenschaft ist's,
Gehört zu haben, ohne zu behalten.

Zwei Dinge sind zu solches Opfers Wesen
Erforderlich: das ein' ist das, woraus man
Es bringt, das andre die Übereinkunft.

Die letztere wird nie getilgt, als wenn sie
Erfüllet ist, und in Betracht derselben
Ist oben so bestimmt gesprochen worden.

Darum war unerläßlich den Hebräern
Das Opfern selbst, wenn auch so manches Opfer,
Wie du wohl wissen mußt, verwandelt wurde.

Das andre, was als Stoff dir ward gezeiget,
Kann solcher Art wohl sein, daß man nicht fehl geht,
Wenn es mit anderm Stoff wird umgetauschet.

Doch seiner Schultern Last verwandle niemand
Aus eigner Willkür, ohne daß der gelbe
Und weiße Schlüssel umgedrehet worden;

Und jegliche Verwandlung glaube töricht,
Wenn das Erlassne in dem Übernommnen,
Nicht wie die Vier ist in der Sechs enthalten.

Drum, wenn etwas so schwer durch seinen Wert wiegt.
Daß es jedwede Schale niederziehet,
Kann andre Zahlung nicht dafür genug tun.

Scherzt nicht, ihr Sterblichen, mit dem Gelübde,
Seid treu und legt's nicht ab verkehrterweise,
Wie Jephtha tat mit seiner Erstlingsgabe,

Dem's besser ziemt' ›ich tat nicht recht‹ zu sagen,
Als worttreu Schlimmeres zu tun. Und töricht
Findst du auch so der Griechen großen Führer,

Darob ihr schönes Antlitz Iphigenia
Beweint und weinen machte Weis' und Toren,
Wenn sie von solchem Götterdienst vernahmen.

Bewegt, ihr Christen, euch gewicht'g'ren Schrittes,
Seid nicht der Feder gleich, die jeder Wind treibt,
Und glaubt nicht, daß euch jeglich Wasser wasche.

Ihr habt das Alt' und Neue Testament ja!
Der Kirche Hirten habt ihr, der euch führet!
Daran laßt euch zu eurem Heile gnügen.

Wenn schnöde Habgier euch ein andres zuruft,
So seid ihr Menschen, nicht sinnlose Schafe,
Daß euch der Jud' auslach' in eurer Mitte.

Macht es nicht einem Lamm gleich, das, verlassend
Der Mutter Milch, einfältig und verwegen,
Nach eigner Lust umherspringt sich zum Schaden.«

Also zu mir Beatrix, wie ich's schreibe;
Dann wandte sie, voll Sehnsucht, hin sich wieder
Zur Gegend, wo die Welt ist lebensvoller.

Ihr Schweigen, ihres Angesichts Verwandlung,
Sie machten den begier'gen Geist verstummen,
Der neue Fragen schon zu Händen hatte.

Und einem Pfeil vergleichbar, der ins Ziel trifft,
Bevor sich noch beruhigt hat die Sehne,
Also schon eilten hin im zweiten Reich wir.

Hier sah ich meine Herrin also fröhlich,
Als in das Licht sie dieses Sternes eintrat,
Daß leuchtender selbst der Planet drob wurde.

Und wenn der Stern sich wandelt und gelächelt,
Wie mußt' ich werden, der ich von Natur aus
Veränderlich doch bin in aller Weise!

Gleichwie in einem Fischteich, klar und ruhig,
Dem, was von außen kommt, die Fische zuziehn,
Indem sie solches für ihr Futter halten;

Also sah ich wohl mehr denn tausend Leuchten
Uns zuziehn, und in jeglicher vernahm man:
»Sieh hier, wer unser Lieben wird vermehren!«

Und alsobald, wie jede sich uns nahte,
Sah man, wie voll der Schatten war von Wonne,
An hellem Blitzesglanz, der ihm entstrahlte.

Bedenk', o Leser, wenn, was jetzt beginnet,
Nicht weiter vorwärts ging, wie, mehr zu wissen,
Du ängstliches Bedürfen würd'st empfinden.

Und sehn wirst du von selbst, wie ich durch jene
Von ihrer Lage Wunsch bekam zu hören,
Sobald sie meinem Blick sich offenbaret.

»O du zum Heil Geborener, dem Gnade
Gewährt, des ewigen Triumphes Throne
Zu schaun, eh' noch den Kriegsdienst du verlassen;

Vom Licht, verbreitet überall im Himmel,
Erglühn wir; drum, wenn über uns du wünschest
Dich aufzuklären, sättige nach Lust dich!«

So ward von einem jener frommen Geister
Zu mir gesagt, und von Beatrix: »Sprich, sprich
Mit Zuversicht, wie Göttern ihnen glaubend!«

›Wohl seh' ich, wie du dich mit eignem Lichte
Umspinnst, und daß du's aus den Augen ziehest,
Darum sie blitzen auch, sobald du lächelst;

Doch, wer du bist, nicht weiß ich, würd'ge Seele,
Noch auch warum du hast den Grad der Sphäre,
Die Sterblichen durch fremden Strahl verhüllt wird.‹

So sagt' ich, grade nach dem Licht gewendet,
Das erst mich angesprochen; drob um vieles
Es leuchtender noch ward, als es gewesen.

Gleichwie die Sonne, die sich selbst verschleiert
Durch zuviel Licht, sobald die dichten Dünste,
Die's erst gedämpft, verzehrt sind von der Wärme;

Also verbarg sich mir vor größrer Wonne
Die heilige Gestalt im eignen Lichte
Und gab, dicht verhüllet, in der Weise

Mir Antwort, wie der folgende Gesang singt.


Gesang 06

Da Konstantin gewandt den Adler gegen
Den Himmelslauf, dem dieser nachgezogen,
Dem Alten folgend, der geraubt Lavinen,

Verhielt sich zweimal hundert Jahr' und länger
Der Vogel Gottes an Europas Ende,
Dem Berge nah, draus er zuerst entkommen;

Und unterm Schatten dort der heil'gen Flügel
Lenkt er die Welt, von Hand zu Hand gelangend,
Und kam so durch den Wechsel in die meine.

Cäsar war ich und bin Justinianus,
Der der Urliebe Rat nach, die ich fühle,
Aus dem Gesetz schied, was zu viel und leer war;

Und eh' ich auf dies Werk den Sinn gerichtet,
Glaubt' ich, in Christus sei nicht mehr als eine
Natur, mit solchem Glauben mich begnügend.

Doch der gebenedeite Agapetus,
Der höchster Hirt war, leitete mich wieder
Der echten Lehre zu durch seine Worte.

Ich glaubt' ihm, und den Inhalt seiner Worte
Seh' ich jetzt klar, wie du, daß eines wahr ist,
Das andre falsch, bei jedem Widerspruche.

Sobald der Kirche nach den Schritt ich lenkte,
Gefiel's aus Gnaden Gott, mich zu begeistern
Zum hohen Werk, und ihm ergab ich ganz mich,

Die Waffen meinem Belisar vertrauend.
Dem so vereinet war des Himmels Rechte,
Daß es ein Zeichen, still mich selbst zu halten.

Allhier jetzt knüpft an deine erste Frage
Sich meine Antwort; doch ihr Inhalt drängt mich,
Annoch mit einem Zusatz fortzufahren,

Damit du sehest, mit wie vielem Rechte
Entgegenstrebet dem hochheil'gen Zeichen,
Wer sich's aneignen will und wer's bekämpfet.

Sieh, wie viel Tugend es der Ehrfurcht würdig
Gemacht hat, und wie jen' am Tag begonnen,
Da Pallas starb, die Herrschaft ihm zu geben.

Du weißt, wie es in Alba hat gewohnet
Dreihundert Jahr' und mehr, bis zu der Stunde,
Da wieder drum gekämpfet drei mit dreien;

Weißt, was es tat vom Weh' sabin'scher Frauen
Bis zu Lucretias Schmerz, die Nachbarvölker
Rings unter sieben Königen besiegend;

Weißt, was es tat, von den gepriesnen Römer
Getragen gegen Brennus, gegen Pyrrhus,
Gen andre Fürsten und Genossenschaften;

Drob Quinctius, nach dem ungekämmten Haupthaar
Benannt, Torquatus, Decier und Fabier
Den Ruf erlangt, den ich mit Lust betrachte.

Es schlug den Stolz der Araber zu Boden,
Die hinter Hannibal die Alpenwände,
Davon du, Po, herabfällst, überschritten.

Darunter siegten Scipio und Pompejus
Als Jüngling', und dem Hügel schien es bitter,
An dessen Fuße du geboren worden.

Dann, nah der Zeit, als seiner heitern Weise
Der Himmel wieder ganz zuführen wollte
Die Welt, ergriff es Cäsar nach Roms Willen,

Und was es tat vom Varus bis zum Rhenus,
Das sah Isara, sah Sequan' und Arar
Und jedes Tal, draus sich der Rhodan füllet.

Was folgt', als, aus Ravenna dann es ziehend,
Den Rubicon durchschritt, war solches Fluges,
Daß Zung' ihm nicht, noch Feder folgen könnte.

Hin gegen Spanien wandt' es seine Scharen,
Dann gen Durazz', und macht Pharsalien zittern,
So daß am heißen Nil man Schmerz drob fühlte.

Antandros und den Simois sah's wieder,
Woher es kam, und Hektors Grab und schwang sich
Dann wieder auf zu Ptolomäus' Schaden;

Von dort kam's einem Blitz gleich gegen Juba,
Sich wieder dann nach eurem Abend wendend,
Wo's nur der Pompejaner Tuba hörte.

Was mit dem nächsten Träger es getan hat,
Drob kläfft mit Brutus Cassius in der Hölle,
Und Mutina mußt' und Perusia klagen.

Kleopatra weint drob auch, die Betrübte,
Die, sich vor jenem rettend, durch die Schlange
Den schwarzen jähen Tod sich selbst gegeben.

Mit ihm lief's bis zum Strand des Roten Meeres,
Mit ihm setzt' es die Welt in solchen Frieden,
Daß Janus' Tempel ist geschlossen worden.

Doch was das Zeichen, das mich treibt zu reden,
Getan erst hatt', und was es tun noch sollte,
Ob des ihm unterworfnen ird'schen Reiches,

Das wird gering und dunkel nur erscheinen,
Wenn in des dritten Cäsars Hand man solches
Mit klarem Blick und reinem Sinn betrachtet;

Denn die Gerechtigkeit gab, die lebend'ge,
Die mich belebt, in des Erwähnten Hand ihm
Den Ruhm, zu üben ihres Zornes Rache.

Jetzt staun' ob des, was ich dir wiederhole:
Mit Titus eilte dann es, an der Rache
Der alten Sünde Rache zu vollstrecken.

Und als der longobard'sche Zahn benagte
Die heil'ge Kirche, kam, von seinen Flügeln
Bedeckt, siegreich zur Hilf' ihr Karl der Große,

Urteilen kannst du jetzt wohl über jene,
Die droben ich verklagt, und ihre Fehler,
Drin aller eurer Leiden Grund zu finden.

Dem Zeichen setzt des Reichs die gelben Lilien
Entgegen der, und der macht's zum Parteigut,
So daß, wer mehr sich irrt, schwer zu entscheiden

Treibt, Ghibellinen, treibet unter anderm
Feldzeichen eure Künste, denn schlecht folgt ihm,
Wer immer von Gerechtigkeit es trennet.

Und niederschlag' es jener neue Karl nicht
Mit seinen Guelphen, nein, die Klauen fürcht' er,
Die höhern Löwen schon gerauft die Mähne.

Gar öfters haben schon geweint die Söhne
Durch Schuld des Vaters, und nicht glaube jener,
Daß Gott das Wappen tausch' um seine Lilien.

Von solchen guten Geistern ist geschmücket
Der kleine Stern hier, welche tätig waren,
Damit sie Ehr' und Ruhm erlangen möchten;

Und wenn auf solche sich die Wünsche richten,
Muß dennoch, abgelenkt so, minder lebhaft
Der Strahl der wahren Liebe aufwärts steigen.

Doch im Vergleichen unsers Lohns mit unsern
Verdiensten liegt ein Teil auch unsrer Wonne,
Weil wir ihn kleiner nicht, noch größer sehen;

Drum sänftiget in uns auch die lebend'ge
Gerechtigkeit den Sinn so, daß er nimmer
Zu irgend Bösem kann verkehret werden.

Verschiedne Stimmen geben süße Klänge;
Verschiedne Stufen unsers Lebens bilden
So süße Harmonie in diesen Kreisen.

Und innerhalb der gegenwärt'gen Perle
Erglänzt das Licht Romée's hier, dessen Taten
So groß und schön, als schlecht vergolten waren.

Allein den Provenzalen, seinen Gegnern,
Vergeht das Lachen bald, denn schlecht fährt jener,
Der andrer Rechttun sich für Schaden achtet.

Vier Töchter hatt', und alle Königinnen,
Graf Raimund Berengar, und solches hatt' ihm
Romée verschafft, ein demutsvoller Pilger.

Und dann bewegen ihn die scheelen Worte,
Von dem Gerechten Rechenschaft zu fordern,
Der ihm statt zehen fünf und sieben anwies.

Von dannen ging er arm dann und bejahret,
Und wüßte nur die Welt, welch Herz er hatte,
Als er sein Leben Stück für Stück erbettelt,

Sie lobt' ihn sehr und würde mehr ihn loben.«


Gesang 07

»Osanna sanctus Deus Sabaoth,
Superillustrans claritate tua
Felices ignes horum malahoth!«

So wieder sich zu seinem Umschwung wendend,
Sah jenes Wesen ich anjetzo singen,
Auf dessen Haupt ein Doppelstrahl sich einet;

Und jenes und die andern, sich bewegend
Zu ihrem Tanz, blitzschnellen Funken ähnlich,
Entschwanden mir durch plötzliches Entfernen.

Ich zweifelte, und ›Sag' ihr's sag' ihr's,‹ sprach ich
Im Innern, ›sag' es,‹ sprach ich, ›meiner Herrin,
Daß sie mit süßen Tropfen mich entdürste;‹

Doch jene Ehrfurcht, die durch B und X schon
Sich meiner ganz bemächtigt, beugte wieder
Zu Boden mich gleich jenem, der in Schlaf fällt.

Nur kurze Zeit ließ mich so stehn Beatrix
Und fing dann an, zustrahlend mir ein Lächeln,
Darob man selbst im Feuer glücklich würde:

»Nach meiner unfehlbaren Meinung hältst du,
Wie wohl bestraft gerechterweise würde
Gerechte Rache, fest dir in Gedanken;

Doch ich will alsobald den Sinn dir lösen,
Und du hör' zu, denn meine Worte werden
Mit einem großen Ausspruch dich beschenken

Den Zaum nicht duldend an der Kraft des Wollens,
Der ihm zum Heil, verdammte, sich verdammend,
Sein ganz Geschlecht der Mann, der nicht geboren;

Darob die Menscheit krank gelegen viele
Jahrhunderte hindurch in großem Jrrtum,
Bis dem Wort Gottes dort hinabzusteigen

Gefiel, wo's die Natur, die ihrem Schöpfer
Entfremdet war, persönlich sich vereinte
Durch einen Akt nur ihrer ew'gen Liebe.

Dein Antlitz richt' auf das jetzt, was ich sage:
Vereint mit ihrem Schöpfer war nun diese
Natur zwar gut und rein, wie sie geschaffen,

Doch an sich selbst war dennoch sie verbannet
Vom Paradies, weil sie sich abgewendet
Vom Weg der Wahrheit und von ihrem Leben.

Wenn man die Strafe, die das Kreuz gereichet,
Drum an die angenommene Natur hält,
Hat keine noch gerechter je verletzet;

Und so war ungerechter keine, wenn man
Auf die Person blickt, die sie hat erlitten,
Drin angenommen solcherlei Natur war.

Darum hatt' eine Tat verschiedne Folgen,
Daß Gott ein Tod gefiel und auch den Juden:
Die Erde bebt', aufging darob der Himmel.

Anjetzo darf's dir nicht mehr schwierig scheinen,
Wenn ich gesaget, daß gerechte Rache
Dann von gerechtem Hof gerochen worden.

Doch jetzt seh' ich, wie sich in einem Knoten
Versteiget von Gedanken zu Gedanken
Dein Geist, draus er mit Sehnsucht harrt auf Losung.

Du sagst: ›Wohl unterscheid' ich, was ich höre,
Doch warum solche Weise Gott zu unsrer
Erlösung üben wollte, bleibt mir dunkel.‹

Sotaner Ratschluß, Bruder, ist verborgen
Den Augen aller jener, deren Geist noch
Nicht ist erstarket in der Liebe Flamme.

Und in der Tat, weil man nach jenem Ziel hin
Viel schaut und wenig noch erblickt, verkünd' ich,
Warum am würdigsten war diese Weise.

Die Güte Gottes, die, jedwede Mißgunst
Verschmäh'nd, aus sich hervor die eigne Glut sprüht,
Entwickelt ihre ew'gen Herrlichkeiten.

Das, was von ihr unmittelbar entträufelt,
Hat dann kein End' auch, weil sich nie verändert
Ihr Eindruck, wenn sie selber hat gesiegelt.

Das, was von ihr unmittelbar herabfließt,
Ist ganz und gar auch frei, weil es der Macht nicht
Der neugeschaffnen Dinge unterlieget.

Es gleicht ihr mehr, und drum gefällt's ihr mehr auch,
Weil jene heil'ge Glut, die alle Dinge
Ausstrahlt, in ähnlichern lebend'ger lodert.

Durch diese Dinge sämtlich wird bevorteilt
Das menschliche Geschöpf, und fehlt das eine,
So muß von seinem Adel es entsinken.

Die Sünd' allein beraubet es der Freiheit
Und macht unähnlich es dem höchsten Gute,
So daß es minder glänzt in seinem Lichte,

Und nimmer kehrt in seine Würd' es wieder,
Wenn es nicht ausfüllt, was die Schuld geleert hat,
Für schlimm' Gelüste durch gerechte Strafen.

Als ganz in ihrer Wurzel hat gesündigt
Die menschliche Natur, ward dieser Würden
So wie des Paradieses sie beraubet;

Und herzustellen war sie nicht, wenn scharf du
Aufmerken willst, auf irgendeinem Wege,
Ohn' eine dieser Furten zu durchgehen,

Daß Gott allein aus Gütigkeit entweder
Verziehn hätt', oder aus sich selbst die Menschen
Genug getan für ihre Torheit hätten.

Heft' jetzt die Augen innerhalb des Abgrunds
Des ew'gen Rats, so viel als es dir möglich,
Dich angestrengt an meine Worte haltend.

Nicht konnte inerhalb der eignen Grenzen
Der Mensch genug tun, weil er nicht, durch Demut
Gehorchend, dann so weit herabgehn konnt', als

Er ungehorsam erst zu steigen suchte;
Und solches ist der Grund, warum's dem Menschen
Genug zu tun verwehrt war aus sich selber.

Gott also war es, der durch seine Wege
Zu unversehrtem Sein erneuern mußte
Den Menschen, sei's durch einen, sei's durch beide.

Doch weil um so genehmer ist die Handlung
Des Handelnden, je mehr in ihr sich darstellt
Des Herzens Trefflichkeit, draus sie hervorging,

War's göttlicher Vollkommenheit, die Form ist
Der Welt, gefällig, auf all' ihren Wegen
Vorschreitend, wiederum euch aufzurichten;

Und zwischen letzter Nacht und erstem Tage
Gab's herrlicher und hehrer kein Verfahren
Durch diesen oder jenen, noch wird's geben.

Denn gütiger war Gott, sich selber schenkend,
Daß er den Menschen aufzustehn befäh'ge,
Als wenn er aus sich selbst vergeben hätte.

Und der Gerechtigkeit war jede andre
Weis' ungenügend, hätte der Sohn Gottes
Sich nicht herabgelassen, Fleisch zu werden.

Doch, jetzt dir jeden Wunsch recht zu erfüllen
Kehr' ich, dir eine Stelle zu erläutern,
Zurück, damit du hier seh'st, wie ich sehe.

Du sagst: ›Ich seh' die Luft, ich seh' das Feuer,
Seh' Erd' und Wasser und all ihre Mischung
Sich dem Verderbnis nahn und kurz nur dauern,

Und diese Dinge sind doch auch Geschöpfe,
Drum, wäre wahr, was ich gesagt, so sollten
Sie sicher sein vor jeglichem Verderben.‹

Die Engel, Bruder, und das Land der Klarheit,
In dem du bist, kann man geschaffen nennen,
So wie sie sind in ihrem ganzen Wesen;

Allein die Elemente, die du nanntest,
Und jene Dinge, die daraus entstehen,
Sind durch geschaffne Kraft gebildet worden.

Geschaffen war der Stoff, den sie besitzen,
Geschaffen war die Bildungskraft in jenen
Gestirnen, die rings um dieselben wandeln.

Die Seele jedes Tiers und jeder Pflanze
Entziehet aus befähigtem Gemische
Der Strahl und die Bewegung heil'ger Lichter.

Doch unser Leben haucht unmittelbar aus
Die höchste Gütigkeit und füllt mit Lieb' es
Zu sich, so daß es stets nach ihr sich sehnet.

Und unsre Auferstehung auch vermagst du
Hieraus zu folgern, wenn zurück du denkest,
Wie damals ward das Fleisch erzeugt des Menschen,

Als unser erstes Elternpaar erzeugt ward.«


Gesang 08

Die Welt pflegt' einst zu glauben, sich gefährdend,
Die schöne Cypris strahlte die verkehrte
Lieb' aus, sich dreh'nd im dritten Epizyklus;

Darum erzeigten ihr allein nicht Ehre,
Mit Opfern ihr und Weihgesängen dienend,
Die alten Völker in dem alten Irrtum;

Nein, nebst Dione ehrten sie Cupido,
Als Mutter sie und ihn als Sohn, und sagten,
Daß er in Didos Schoß gesessen habe.

Von ihr, mit welcher ich beginne, nahmen
Sie nun des Sterns Benennung, der die Sonne
Mit Lust beschaut von vorn bald, bald vom Rücken.

Nicht merkt' ich, wie in ihn ich aufgestiegen,
Doch, daß ich drin, davon gab meine Herrin
Mir Zeugnis, da ich schöner sie sah werden.

Und wie man Funken sieht in einer Flamme,
Und wie man unterscheidet Stimm' in Stimme,
Wenn eine feststeht, eine kommt und gehet,

So sah in diesem Licht ich andre Leuchten
Im Kreis sich drehn mehr oder minder eilend,
Nach ihres ew'gen Schauns Maßgabe, glaub' ich.

Aus kalter Wolk' entstürzten nimmer Winde,
Sei's sichtbar oder nicht, mit solcher Schnelle,
Daß träg sie und gehemmt nicht scheinen würden

Dem, der gesehn die heil'gen Lichter hätte
Uns näher ziehn, das Kreisen unterbrechend,
Das anhub in den hohen Seraphinen.

Und hinter jenen, die zunächst sich zeigten,
Erklang »Osanna« so, daß nimmer nachmals
Ich ohne Wunsch blieb, wieder es zu hören.

Darauf der eine näher zu uns hintrat,
Allein beginnend: »Alle sind bereit wir,
Zu Willen dir, daß unser froh du werdest.

Wir drehn in einem Kreise, eines Kreisens
Und eines Dursts, uns mit den Himmelsfürsten,
Von denen du auf Erden schon gesagt hast:

›Die ihr betrachtend lenkt den dritten Himmel!‹
Und sind so lieberfüllt, daß minder süß nicht,
Dich zu erfreun, ein wenig Ruh' uns sein wird.«

Nach dem sich meine Augen dargeboten
In Ehrfurcht meiner Herrin und dieselbe
Sie ihrethalb versichert und befriedigt,

Wandt' ich sie zu dem Licht, das uns so Großes
Versprochen, und: ›Wer seid ihr, sprecht!‹ von großem
Gefühl bewegt, ertönte meine Stimme.

O wie ich's wachsen sah an Stück und Umfang
Ob jener neuen Wonne, die hinzukam,
Indem ich sprach, annoch zu seiner Wonne!

Verändert so sprach's: »Kurz besaß mich drunten
Die Welt, und hätte mehr sie mich besessen,
So würde viel des Wehs nicht sein, das kommet.

Es hält mich meine Wonne dir verborgen,
Die mir ringsum entstrahlt und mich verhüllet,
Gleich einem Tier, von eigner Seid' umsponnen.

Sehr liebt'st du mich und hattest des wohl Ursach':
Denn wenn ich drunten blieb, so zeigt' ich wahrlich
Von meiner Liebe mehr dir als die Blätter.

Der linke Strand, den Rhodanus bespület,
Nachdem er mit der Sorgue sich gemischt hat.
Erwartete zu seiner Zeit als Herrn mich.

Und jene Spitz' Ausoniens, die mit Bari,
Gaet' und Croton sich beburgt, von dort an,
Wo Tront' und Verde sich ins Meer ergießen.

Es glänzte schon mir an der Stirn die Krone
Des Landes, das der Donaustrom bespület,
Sobald die deutschen Ufer er verlassen.

Trinacria, die Schön', auch, die inmitten
Pachynums und Pelorums, übern Busen,
Dem Not zumeist macht Eurus, dunkel qualmet,

Nicht durch Typhoeus, durch entsteh'nden Schwefel, –
Sie würde ihrer Könige noch harren,
Von Karl durch mich abstammend und von Rudolph,

Wenn schlechtes Regiment, das unterworfne
Bevölkerungen stets betrübt, Palermo
›Stirb, stirb!‹ zu rufen nicht bewogen hätte.

Und säh' mein Bruder dies voraus, so würd' er
Die katalonische habsücht'ge Armut
Schon fliehn, damit er jene nicht beleid'ge;

Denn traun not tut's, daß, sei's er selbst, sein's andre,
Vorkehrung treffen, so daß seinem Fahrzeug,
Das schon beschwert, mehr Last man auf nicht lege.

Sein Wesen, vom freigeb'gen karg entsprossen,
Bedürfte solcher Diener wohl, die nimmer
Sich kümmerten zu legen in die Lade.«

›Dieweil ich glaube, daß die hohe Wonne,
Die mir dein Wort, o mein Gebieter, einflößt,
Dort, wo jedwedes Gut anfängt und endet,

Von dir gesehn wird, wie ich selbst sie sehe,
Freut sie mich mehr, und auch dies ist mir teuer,
Daß du, Gott schauend, solches unterscheidest.

Froh hast du mich gemacht, doch jetzt erklär' mir,
Da mir dein Wort den Zweifel hat erreget,
Wie Bittres kann aus süßem Samen kommen.‹

So ich. Und er zu mir: »Kann eine Wahrheit
Ich zeigen dir, so wirst, wie jetzt den Rücken,
Das Antlitz du zukehren deiner Frage.

Das Gut, das dieses ganze Reich befriedigt
Und dreht, das du ersteigst, läßt seine Vorsicht
Zur Kraft in diesen großen Körpern werden;

Und nicht allein sind die vorhergesehnen
Naturen in dem Geist, der aus sich selber
Vollkommen, nein, sie selbst nebst ihrem Heile.

Darum, wenn immer dieser Bogen schnellet,
Trifft, wohlgestellt, vorhergesehnen Zweck er,
Dem Pfeile gleich, der auf sein Ziel gerichtet.

Wär' dem nicht so, der Himmel, den du wandelst,
Er würde solche Wirkungen erzeugen,
Daß sie Kunstwerke nicht, nein, Trümmer wären;

Und dies kann nicht sein, wenn die Intellekte
Nicht fehlerhaft, die diese Sterne lenken,
Und fehlerhaft der erste, der sie schuf, auch.

Soll ich dir diese Wahrheit mehr erklären?«
Und ich: ›Nicht doch! unmöglich, seh' ich, ist es,
Daß die Natur ermüd' in dem, was nötig.‹

Und jener drauf: »Jetzt sprich, wär's für den Menschen
Auf Erden schlimmer nicht, wenn er nicht Bürger?«
›Gewiß,‹ antwortet ich, ›hier fordr' ich Grund nicht.‹

»Und kann er's sein, wenn man verschiedenartig
Nicht drunten lebet in verschiednen Ämtern?
Nein, wenn euch euer Meister recht berichtet.«

So kam er bis hierher durch Folgerungen;
Dann schloß er so: »Es müssen also eurer
Wirkungen Wurzeln auch verschiedner Art sein.

Darum wird der als Solon, der als Xerxes,
Der als Melchisedek erzeugt, und jener
Als der, so fliegend seinen Sohn verloren.

Die Kreisbewegung der Natur, die Siegel
Dem Wachs der Menscheit ist, treibt ihre Kunst wohl,
Doch unterscheidet nicht ein Haus vom andern.

Daher geschieht's, daß Esau sich im Keime
Von Jakob trennt und von so niederm Vater
Quirinus stammt, daß man dem Mars ihn zuschreibt.

Mit den Erzeugern würde die erzeugte
Natur stets ähnlich ihres Pfades wandeln,
Wenn Gottes Vorsicht hier nicht stärker wäre.

Jetzt steht vor dir, was hinter dir gewesen;
Doch daß du wissest, daß ich dein mich freue,
Will ich dir einen Zusatz bei noch legen.

Stets wird Natur, wenn sie das Schicksal feindlich
Sich findet, gleichwie jeder andre Samen,
Der fern von seinem Boden, schlecht geraten.

Und wenn die Welt dort unten achten wollte
Auf jenen Grund, den die Natur gelegt hat,
Würd', ihm sie folgend, bessre Menschen haben.

Ihr aber schleppet zu dem Klosterleben,
Der da geboren war, das Schwert zu gürten,
Und macht zum König, dem die Predigt ziemte;

Darum entfernt sich eure Spur vom Wege.«


Gesang 09

Nachdem dein Karl, o liebliche Clemenza,
Mich aufgeklärt, verkündet' er die Täuschung,
Die seinem Samen widerfahren sollte;

Doch sprach er: »Schweig und laß die Jahre rollen,
So daß ich nichts kann sagen, als daß euern
Nachteilen wird gerechter Jammer folgen.«

Und heimgekehrt schon hatte sich das Leben
Des heil'gen Lichts zur Sonne, die's erfüllet,
Als zu dem Gut, dran jeglich Ding hat Gnüge.

O der getäuschten Seelen, gottvergessnen
Geschöpfe, die, von solchem Gute wendend
Das Herz, nach Eitelkeit die Schläfe richten!

Und sieh, ein anderer aus jenen Schimmern
Kam gegen mich und zeigte durch sein Leuchten
Nach außen, daß er mir gefallen wolle.

Beatrix' Augen, fest auf mich gerichtet,
Versicherten aufs neu' jetzt ihrer teuern
Zustimmung mich zu meinem Wunsch, wie früher.

›O mögst alsbald mein Wollen du erfüllen,
Glücksel'ger Geist,‹ sprach ich, ›und gib Beweis mir,
Daß sich in dir abspiegle, was ich denke!‹

Darauf das Licht, das mir noch unbekannt war,
Aus seiner Tief, aus der es erst gesungen,
Fortfuhr, wie wer am Gutestun sich freuet.

»In jenem Teile des verderbten Landes
Italien, der zwischen dem Rialto
Liegt und der Brenta und der Piave Quellen,

Erhebt ein Hügel sich geringer Höhe,
Von welchem einst herabstieg eine Fackel,
Die rings die Landschaft mächtig angefallen.

Mit ihr bin ich entsproßt aus einer Wurzel;
Cunizza war mein Nam', und hier erglänz' ich,
Weil mich das Licht besiegt hat dieses Sternes.

Doch freudenvoll vergeh' ich meines Loses
Ursach' mir selber jetzt, kein Leid drob fühlend,
Was wohl schwer faßlich eurem Pöbel sein wird.

Von diesem teuern leuchtenden Juwele
Aus unserm Himmel, der zunächst mir stehet,
Blieb großer Ruf zurück, und eh' er hinstirbt,

Muß fünfmal sich dies Hundertjahr erneun noch.
Sieh, ob der Mensch soll trefflich sein, so daß ihm
Vom ersten Leben hinterbleib' ein zweites!

Und solches denkt das gegenwärt'ge Volk nicht,
Das Etsch umschlossen hält und Tagliamento,
Und ob geschlagen auch, bereut es doch nicht.

Doch bald geschieht's, daß Padua an dem Sumpfe
Verfärbt das Wasser, das bespült Vicenza,
Weil widerspenstig ihrer Pflicht die Völker.

Und dort, wo Sil' und Cagnan' sich begleiten,
Herrscht einer jetzt annoch und trägt das Haupt hoch,
Den man zu fahn die Netze schon bereitet.

Auch Feltro wird noch ob der Untat ihres
Verruchten Hirten weinen, die so schändlich,
Daß ähnliches noch nie nach Malta führte.

Es müßte allzubreit die Wanne werden,
Um all das Ferraressche Blut zu fassen,
Und müd', wer's unzenweis verwiegen wollte,

Das dieser güt'ge Priester wird verschenken,
Parteitreu sich zu zeigen, und entsprechen
Der Landessitte werden derlei Gaben.

Dort oben gibt es Spiegel, Thronen sagt ihr,
Von denen Gott uns richtend wiederglänzet,
So daß dergleichen Reden gut uns dünken.«

Hier schwieg sie still und gab mir zu erkennen,
Daß sie auf andres merke, durch das Kreisen,
In das sie wieder, wie vorher, jetzt eintrat.

Die andre Wonne, die mir schon bekannt war,
Ward funkelnd meinem Auge, wie der blasse
Rubin, wenn auf ihn trifft der Strahl der Sonne.

Durch Wonne wird dort oben Glanz erworben
Wie Lächeln hier; doch drunten wird verdunkelt
Der Schatten äußerlich, weil trüb der Geist ist.

›Gott siehet alles, und in ihm vertieft sich
Dein Schaun, glücksel'ger Geist, so daß kein Sehnen
Nach ihm,‹ sprach ich, ›dir dunkel kann verbleiben.

Warum befriediget denn deine Stimme,
Die stets mit dem Gesang der frommen Flammen,
Die aus sechs Flügeln sich die Kutte bilden,

Den Himmel fröhlich macht, nicht meine Wünsche?
Wohl harrt' ich deiner Frage nicht, wenn ich dich
Durchschauete so, wie du mich durchschauest.‹

»Das größte Tal, drin sich das Wasser breitet,«
Also begannen seine Worte, »außer
Dem Meere, das die Erde rings umkränzet,

Dehnt zwischen feindlichen Gestaden gegen
Die Sonne sich so weit, daß Meridian es
Dort macht, wo Horizont es erst gemacht hat.

Anwohner solches Tals war ich, inmitten
Ebros und Macras, die auf kurzem Wege
Das Genuessche von Toskana trennet.

Den gleichen Sonnauf- und untergang hat
Buscheia mit dem Ort, wo ich geboren,
Des Port von seinem Blut einst heiß geworden.

Folco hieß bei dem Volk ich, dem mein Name
Geläufig war, und wie ich einst den seinen,
Empfängt jetzt dieser Himmel meinen Eindruck;

Denn mehr nicht glühete des Belus Tochter
Zu des Sichäus Leid wie der Krëusa,
Als ich, so lang als es dem Haupthaar ziemte,

Noch jene Rhodopäerin, getäuschet
Von Demophon, noch auch der Held Alcides,
Als er Jolen in sein Herz geschlossen.

Doch hier fühlt man nicht Reue, nein, man lächelt,
Nicht ob der Schuld, die in den Sinn nicht heimkehrt,
Nein, ob der Kraft, die ordnet' und voraussah.

Hier schaut man in die Kunst, die alles schmückte
Mit solcher Lieb', und jenes Gut erkennt man,
Weshalb die untre Welt zur obern kehret.

Allein damit du jeden Wunsch befriedigt
Davon trag'st, der in dieser Sphär' entstanden,
Muß ich noch etwas weiter vor jetzt schreiten.

Du möchtest wissen, wer in diesem Licht ist,
Das also hier in meiner Nähe blinket,
Gleichwie ein Sonnenstrahl in hellem Wasser;

So wisse, daß hier innen sich beruhigt
Rahab, und, unsrer Ordnung eingereihet,
Von ihr den Abdruck trägt auf höchster Stufe.

In diesem Himmel, bis zu dem die Spitze
Des Schattens eurer Welt reicht, ward aus Christi
Triumphzug sie vor andern aufgenommen.

Wohl ziemt' es ihm, in irgendeinem Himmel
Als Zeugin sie des hehren Siegs zu lassen,
Mit einer Hand erworben und der andern,

Weil Josues erstes rühmliches Beginnen
In dem gelobten Land sie hat begünstigt,
Das wenig jetzt des Papsts Gedächtnis rühret.

Ja, deine Stadt, des Pflanzung, der den Rücken
Zuerst hat seinem Schöpfer zugewendet,
Und dessen Neid so viele Tränen kostet,

Zeugt und verbreitet die verfluchte Blume,
Die von dem Weg verirrt hat Schaf und Lämmer,
Weil sie zum Wolf den Hirten umgewandelt.

Dafür läßt man das Evangelium, läßt man
Die großen Lehrer, nur die Dekretalen
Studierend, daß man's sieht an ihren Randern.

Darnach nur trachten Papst und Kardinäle,
Nicht steht ihr Sinn auf Nazareth, wohin einst
Die Schwingen Gabriel geöffnet hatte.

Allein der Vatikan und all die andern
Erkornen Teile Roms, die Kirchhof waren
Der Kriegsschar, die Petrus nachgefolget,

Sie werden frei alsbald von Hurerei sein.«


Gesang 10

Auf ihren Sohn mit jener Liebe blickend,
Die beid' in aller Ewigkeit enthauchen,
Erschuf die erste Kraft, die unnennbare,

Was immer sich vor Aug' und Geist beweget
Mit solcher Ordnung, daß, wer dies betrachtet,
Nicht sein kann, ohne sich an ihr zu laben.

Erhebe, Leser, zu den hehren Kreisen
Mit mir den Blick drum, grade nach der Gegend,
Wo beiderlei Bewegung sich berühret;

Und dort mögst du beginnen anzuschauen
Des Meisters Kunst, der so sie liebt im Innern,
Daß nimmermehr von ihr den Blick er wendet,

Sieh, wie von dort sich jener schiefe Zirkel
Abzweigt, auf welchem die Planeten kreisen,
Der Welt zu gnügen, die sie laut erheischet.

Und wenn verschoben ihre Bahn nicht wäre,
So würd' im Himmel viele Kraft umsonst sein
Und jede Fähigkeit schier tot hier unten;

Und wenn von gradem Weg mehr oder minder
Sie wiche, würde manches in der Ordnung
Der Welt ermangeln, unten so wie droben.

Jetzt bleib' auf deiner Bank, o Leser, denkend
Zurück an das, was ich dir vorgekostet,
Willst froh du sein viel eher noch als müde.

Vor hab' ich dirs gelegt, jetzt zehre selbst dran;
Denn wieder zieht nun alle meine Sorge
Der Stoff auf sich, des Schreiber ich geworden.

Die größte Dien'rin der Natur, dieselbe,
Die mit des Himmels Kraft das Weltall stempelt
Und uns die Zeit einteilt mit ihrem Lichte,

Mit jenem erstgenannten Ort vereinigt,
Beschrieb, sich drehend, jene Schraubenlinien,
In denen sie stets früher uns erscheinet;

Und ich war mit ihr; doch des Steigens ward ich
Nicht inne, mehr nicht, als der Mensch des ersten
Gedankens inne wird vor seinem Kommen.

Beatrix ist's, die man so schnell gewahr wird,
Vom Guten zu dem Bessern umgewandelt,
Daß solcher Akt sich in der Zeit nicht ausdehnt.

Wie leuchtend aus sich selber sein das mußte,
Was innerhalb der Sonn', in die ich eintrat,
Durch Farbe nicht, nein, durch das Licht war sichtbar,

Ob ich Verstand anrief' und Kunst und Übung,
Doch schildert' ich's nicht so, daß man sich's denke
Doch glauben mag man's und zu schaun sich wünschen,

Und sind zu niedrig unsre Phantasien
Zu solcher Hoheit, darf's nicht wundernehmen,
Denn mehr als Sonnenlicht erträgt kein Auge.

So war zu schaun die vierte Dienerschaft hier
Des hohen Vaters, der sie stets befriedigt,
Ihr zeigend, wie er haucht und wie er zeuget.

Anjetzt Beatrix: »Sage Dank, der Sonne
Der Engel sage Dank, die dich zu dieser
Sichtbaren hat durch ihre Gnad erhoben.«

Kein menschlich Herz war jemals so durchdrungen
Von Andacht und sich Gott dahinzugeben
Mit allem seinem Dankgefühl so eilig,

Als ich auf dieses Wort, und meine Liebe
Warf sich so ganz auf ihn, daß im Vergessen
Beatrix selbst verdunkelt werden mußte.

Nicht war sie gram darob, nein, lächelt also,
Daß ob des Glanzes ihrer heitern Augen
Mein Geist, der eins erst, sich auf mehres teilte.

Mehr Schimmer sah ich blendend und lebendig
Um uns als Mittelpunkt zum Kranz sich bilden,
Noch süßrer Stimm', als leuchtend sie zu schauen.

So sehn wir manchmal wohl Latonas Tochter
Umkreist, wenn so die Luft geschwängert, daß sie
Den Faden festhält, der den Gürtel bildet.

Im Hof des Himmels, draus ich wiederkehre,
Gibt's viele Freuden, die so schön und teuer,
Daß man sie aus dem Reich nicht kann entführen;

Und dieser Seelen Sang war eine solche.
Drum wer sich nicht beschwingt, hinaufzufliegen,
Der mag vom Stummen dorther Kund erwarten.

Nachdem sich singend jene glühn'den Sonnen
Rings um uns her dreimal gedrehet hatten,
Gleich wie die nahen Stern' um feste Pole,

Erscheinen sie wie Frau'n mir, nicht vom Tanze
Gelöst, nein, die stillschweigend stehn und horchen,
Bis daß die neuen Töne sie vernommen.

Und innerhalb der einen hört' ich's also:
»Wenn jener Gnadenstrahl, dran wahre Liebe
Entzündet wird, und der dann wächst durch Lieben,

Vervielfacht also in dir wiederglänzet,
Daß er dich führt die Stieg' empor, von welcher
Man nur herabsteigt, wieder aufzusteigen;

Wer dir den Wein versagt' aus seiner Flasche
Für deinen Durst, der würde mehr in Freiheit
Nicht sein als Wasser, das zum Meer nicht sänke.

Zu wissen wünschest du, mit welchen Blumen
Sich dieser Kranz schmückt, der ringsum betrachtet
Das schöne Weib, das dich zum Himmel stärket.

Ich war ein Lamm aus jener heil'gen Herde,
Die solchen Weg Dominikus geführt,
Drauf wohlgenährt man wird, wenn man nicht abschweift.

Er, der zur Rechten mir am nächsten stehet,
War Bruder mir und Meister, es ist Albert
Von Köln, und ich bin Thomas von Aquino.

Willst du der andern all gewiß auch werden,
So folge meinem Wort mit deinen Blicken,
Sie kreisen lassend durch die sel'ge Krone.

Das andere Geflamm entspringt dem Lächeln
Gratians, der diesem Richterstuhl und jenem
So half, daß es gefällt im Paradiese.

Und jener, der zunächst ihm unsern Chor schmückt,
War Peter, der mit jenem armen Weiblein
Der heil'gen Kirche seinen Schatz gewidmet.

Das fünfte Licht, das schönst' aus uns, enthauchet
So große Liebe, daß dort unten Nachricht
Von ihm zu haben alle Welt ist hungrig.

Drin ist das hehre Licht, in das gelegt ward
So tiefes Wissen, daß, wenn wahr die Wahrheit,
Zu solchem Schaun kein zweiter sich erhoben.

Zunächst ihm siehst das Licht du jener Kerze,
Das drunten in dem Fleisch annoch am tiefsten
Amt und Natur der Engel eingesehn hat.

In jenem andern kleinen Lichte lächelt
Der christlichen Jahrhundert' Anwalt, dessen
Abhandlung Augustinus hat benutzet.

Jetzt, wenn du mit des Geistes Aug' einherziehst
Von Licht zu Licht, nachfolgend meinem Lobe,
Wirst nach dem achten schon du Durst empfinden.

Jedwedes Gut zu schauen, freut dort drin sich
Die heil'ge Seele, die des Lebens Täuschung
Den läßt erkennen, der auf sie recht horchet.

Der Leib, aus welchem sie verjagt ward, lieget
Dort unten in Cieldaur', und aus Verbannung
Und aus der Qual kam sie zu diesem Frieden.

Sieh weiterhin den glüh'nden Hauch dort lächeln
Von Isidor, von Bed' und Richard, welcher
In der Betrachtung höher als ein Mensch war.

Und der, von dem dein Blick zu mir zurückkehrt,
Ist eines Geistes Leuchte, dem in ernsten
Gedanken allzuspät das Sterben vorkam.

Das ew'ge Licht Sigers ist solches, der, einst
Vorlesung haltend in der Halmenstraße,
Durch Schlüsse dartat manch mißfäll'ge Wahrheit.«

Drauf gleich dem Seiger, der uns ruft zur Stunde,
Da Gottes Braut aufsteht, dem Bräutigame,
Daß er sie lieb', ihr Morgenlied zu bringen,

Da einen Teil er zieht, den andern treibet,
»Tin, tin« enthallend mit so süßem Klange,
Daß wohlgestimmt der Geist von Liebe schwellet;

Also gewahrt' ich das ruhmvolle Rad sich
Bewegen, tauschend Stimm' um Stimm', in solchem
Akkord, mit solcher Süßigkeit, wie dort nur

Man sie vernimmt, wo ewig der Genuß währt.


Gesang 11

O töricht Sorgen Sterblicher, wie sind nur
So mangelhaft die Syllogismen alle,
Die deinen Flügelschlag nach unten richten!

Der strebt' den Rechten nach, den Aphorismen
Der andere; der legt' aufs Priestertum sich,
Und der auf Herrschaft durch Gewalt und Arglist;

Auf Raub der, der auf bürgerliches Treiben;
Der müht', umstrickt von fleischlichen Gelüsten,
Sich ab; der gab sich hin dem Müßiggange,

Indes, gelöst von allen diesen Dingen,
Ich mit Beatrix droben in dem Himmel
Also bin rühmlich aufgenommen worden.

Nachdem ein jeder auf den Punkt des Zirkels
Zurückgekehrt war, wo er erst gewesen,
Blieb fest er, wie die Kerz' auf ihrem Leuchter;

Und innerhalb des Lichtes, das soeben
Mit mir gesprochen hatte, hört' ich's lächelnd
Also beginnen, fröhlicher noch werdend:

»Wie ich an seinem Strahle mich entzünde,
So, schauend in das ew'ge Licht, erkenn' ich
Das, was du denkest, und woher es kommet.

Du zweifelst und begehrst, daß ich durchgehe
In so ausführlicher und offner Rede
Mein Wort, daß deinem Sinn es sich entwickle

Dort, wo vorher ich sprach: ›Drauf wohlgenährt man‹
Und da, wo's hieß: ›Kein zweiter sich erhoben‹ ;
Und hier ist's nötig, recht zu unterscheiden.

Die Vorsicht, die die ganze Welt regieret
Mit jenem Rat, drin jeglicher erschaffne
Blick sich besiegt fühlt, eh' zum Grund er dringet,

Daß dessen Braut, der unter lautem Ruf sie
Sich im gebenedeiten Blut verlobet,
In sich gesicherter und ihm auch treuer

Entgegen dem Geliebten wallen möge,
Verordnete zwei Fürsten ihr zugunsten,
Die ihr so hier, als dort zu Führern dienten.

Der eine war seraphisch ganz an Gluten,
Durch Weisheit war der andere auf Erden
Ein Schimmer von dem Licht der Cherubinen.

Von einem red' ich, denn von beiden spricht man,
Wenn man den einen lobt, wen man auch nehme,
Weil auf ein Ziel nur gingen ihre Werke.

Zwischen Tupino und dem Bach, entströmend
Dem Hügel, den erkor der sel'g' Ubaldus,
Hängt fruchtbar ein Geländ' vom hohen Berge,

Darob von Porta Sole Kält' und Wärme
Perugia fühlt, und hinter jenem weinet
Ob schweren Joches Gualdo nebst Nocera.

Von jenem Hang dort, wo sich seine Steilheit
Zumeist bricht, ging der Welt auf eine Sonne,
Wie diese hier zu Zeiten aus dem Ganges.

Darum, wer jenes Ortes will erwähnen,
Der sag' Ascesi nicht, zu wenig sagt' er,
Nein, Orient, wenn er genau will sprechen.

Noch war sie nicht gar weit entfernt vom Aufgang,
Als etwas Stärkung schon sie mitzuteilen
Begann durch ihre große Kraft der Erde;

Denn mit dem Vater kam er schon als Jüngling
In Krieg ob solcher Frau, der, wie dem Tode,
Des Wohlgefallens Pforte niemand auftut;

Und vor zuständ'gem geistigen Gerichte
Et coram patre eint er sich derselben,
Von Tag zu Tag dann inniger sie liebend.

Sie, von dem ersten Ehgemahl beraubet,
Blieb tausend Jahr und länger bis auf jenen
Verachtet und im Dunkeln sonder Werbung;

Nicht half's, daß man vernommen, wie gesichert
Auf seiner Stimme Klang sie bei Amyclas
Der fand, der alle Welt mit Furcht erfüllte;

Nicht half es ihr, standhaft zu sein und mutig,
So daß, wo drunten selbst verblieb Maria,
Mit Christus an das Kreuz sie ist gestiegen.

Doch daß ich also dunkel fort nicht fahre,
Nimm jetzt in meiner ausgedehnten Rede
Für dieses Paar Franciscus und die Armut.

Ihr heitres Ansehn, ihre Eintracht ließen
Lieb' und Bewunderung und süßes Schauen
Ursache heiliger Gedanken werden,

So daß zuerst sich der ehrwürd'ge Bernhard
Entschuhte und nacheilte solchem Frieden
Und eilend säumig doch zu sein vermeinte.

O wahres Gut, o unbekannter Reichtum!
Barfuß Egidius, barfuß folgt Sylvester
Dem Bräutigam, so sehr gefällt die Braut ihm.

Von dannen geht der Vater nun und Meister
Mit seinem Weib und den Genossen, die schon
Den demutsvollen Strick umgürtet hatten,

Und nicht beugt Kleinmut ihm die Augen nieder,
Weil er ein Sohn war Peter Bernadones,
Noch weil verächtlich angestaunt er wurde.

Nein, königlichen Sinns tat Innocenzen
Er kund den harten Vorsatz und erhielt so
Von ihm das erste Siegel seinem Orden.

Nachdem das arme Völklein war gewachsen,
Dem folgend, dessen wunderbares Leben
Man besser in des Himmels Glorie sänge,

Ward durch Honorius von dem ew'gen Hauche
Gekrönt jetzt mit der zweiten Krone dieses
Archimandriten heilige Begierde;

Und da er, durstend nach dem Märtyrtume,
In Gegenwart des stolzen Sultans Christum
Gepredigt und die, so ihm gefolget,

Weil allzu herb er fand für die Bekehrung
Das Volk, kehrt' er, um nutzlos nicht zu bleiben,
Zur Frucht zurück italischen Gewächses;

Auf hartem Fels gelegen zwischen Arno
Und Tiber, ward ihm Christi letztes Siegel,
Das seine Glieder dann zwei Jahr' lang trugen.

Als dem es, der ihm solches Heil beschieden,
Gefiel, ihn aufwärts zu dem Lohn zu ziehen,
Den er, sich selbst verkleinernd, sich erworben,

Empfahl er noch als seinen rechten Erben
Sein vielgeliebtes Weib all seinen Brüdern,
Gebietend, daß sie's treulich lieben sollten;

Und, dessen Schoß entsteigend, wollte heimwärts
Zu ihrem Reich die hehre Seele kehren,
Kein' andre Bahre für den Leib verlangend.

Bedenk' anjetzt, wer jener war, der würdig
War, sein Genoß zu sein, um Petri Schifflein
In hohem Meer auf rechter Bahn zu halten;

Und dies ist unser Patriarch gewesen.
Drum wer ihm folgt, wie er's befiehlt, der kann wohl
Bemerken, daß er gute Ware ladet.

Doch seine Herd' ist jetzt so gierig worden
Nach neuer Kost, daß, wie's nicht anders sein kann,
Sie sich zerstreun muß auf verschiednen Weiden;

Je weiter seine Schafe nun von ihm sich
Entfernen, und je mehr umher sie schweifen,
Je leerer kehren sie an Milch zur Hürde.

Wohl gibt's noch solche, die, den Schaden fürchtend,
Sich an den Hirten halten, doch so wen'ge
Sind sie, daß wenig Tuch hergibt die Kappen.

Jetzt, wenn undeutlich nicht mein Wort gewesen,
Und wenn du aufmerksam mir zugehöret
Und, was ich sprach, dir in den Sinn zurückrufst,

So wird zum Teil befriediget dein Wunsch sein;
Denn sehn wirst du das Holz, von dem es splittert,
Und sehn den Tadel, der in jenem Wort liegt:

›Drauf wohlgenährt man wird, wenn man nicht abtschweift.‹ «


Gesang 12

Sobald als die gebenedeite Flamme
Das letzte Wort nun ausgesprochen hatte,
Begann das heil'ge Mühlrad sich zu drehen,

Und eh's den ganzen Kreis beschrieb, umkränzt' es
Ein andres schon mit einem Reif, Bewegung
Mit der Bewegung, Sang mit Sang verschmelzend;

Gesang, der also unsre Musen, unsre
Sirenen in den süßen Himmelsflöten
Besiegt, als erster Glanz den, der zurückstrahlt.

Gleichwie durch zarte Wolken sich zwei Bogen,
Gleichlaufend und von gleichen Farben, wölben,
Wenn Juno ihrer Dienerin Befehl gibt,

Der innre aus dem äußeren entstehend,
Der Sprache jener Schmachtenden vergleichbar,
Die Lieb' einst aufgezehrt, wie Sol die Dünste,

Darob die Völker hier dann prophezeien
Ob des Vertrags, den Gott einging mit Noe,
Daß nie die Welt mehr überschwemmt wird werden.

Also aus jenen ew'gen Rosen schlangen
Rings um uns her sich die zwei Blumenketten.
Und so entsprach die äußerste der innern.

Nachdem der Reigen und das andre große
Festprangen am Gesang und Aufgeflamme,
Voll Wonn' und freundlich, Lichter neben Lichtern,

Zu gleicher Zeit sich stillt' aus freiem Willen,
Gleichwie der Willkür nach, die sie beweget,
Die Augen man zugleich muß auf- und zutun,

Kam aus dem Innern eines jener neuen
Lichtschimmer eine Stimme, die mich wandte
Nach seiner Stätte, wie zum Stern die Nadel.

Und er begann: »Die Liebe, die mich schön macht,
Treibt mich, vom andern Führer zu erzählen,
Ob des von meinem man so gut gesprochen.

Wo einer, ziemt's den andern einzuführen,
So daß, gleichwie für eines sie gekämpfet,
Also vereint ihr Ruhm auch glänzen möge.

Die Heerschar Christi, die so viel gekostet,
Sie wieder zu bewaffnen, folgte langsam,
Voll Furcht und in geringer Zahl, der Fahne,

Als jener Kaiser, der ohn' Ende herrschet,
Vorsorge für das unentschlossne Kriegsvolk
Aus bloßer Gnade traf, nicht weil's des würdig;

Und, wie gesaget, kam er mit zwei Kämpen
Zu Hilfe seiner Braut, auf deren Taten
Und Worte das verirrte Volk zurückkam.

In jener Gegend, wo der sanfte Zephyr
Entsteht, die neuen Blätter zu erschließen,
Mit denen sich Europa wieder kleidet,

Nicht weit entfernt vom Wogenschlag der Wässer,
Dahinter ob des langen Laufs zu Zeiten
Die Sonne sich vor jedermann verhüllet,

Liegt das beglückte Callaroga unter
Dem Schutz des großen Schildes, drin der Löwe
So unterliegen macht, als unterlieget.

Hier kam zur Welt der liebevolle Buhle
Des echten Christenglaubens, jener heil'ge
Athlet, den Seinen mild und grimm den Feinden;

Und, kaum geschaffen, ward sein Geist erfüllet
So mit lebend'ger Kraft, daß in der Mutter
Er diese zur Prophetin schon gemacht hat.

Als an dem heil'gen Born der Ehbund zwischen
Ihm und dem Glauben war vollzogen worden,
Drin sie sich gegenseitig Heil gewähret,

Sah jenes Weib, das für ihn eingewilligt,
Im Traumgesicht die wunderbare Wirkung,
Die ihm entspringen sollt' und seinen Erben;

Und daß er, was er war, mit klarem Wort sei,
Entstieg von hier ein Geist, mit dem Besitzwort
Des, dem er ganz gehört', ihn zu benennen.

Dominicus ward er genannt, und von ihm
Als von dem Ackersmann sprech' ich, den Christus
Zur Hilfe sich erkor für seinen Garten.

Wohl schien ein Bot' er und Nachfolger Christi,
Dieweil die erste Lieb', in ihm sich zeigend,
Dem ersten Rat galt, den gegeben Christus.

Zu öftern Malen ward er wach und schweigend
Von seiner Amm' am Boden aufgefunden,
Als spräch' er: ›Hierzu bin ich hergekommen.‹

O seines Vaters, der wahrhaftig Felix!
O seiner Mutter, die wahrhaft Johanna,
Wenn es verdolmetscht gilt, wie man behauptet.

Nicht für die Welt, für die man jetzt sich abmüht,
Dem Ostiensis folgend und Thaddaeus,
Nein, lieberfüllt für das wahrhaft'ge Manna,

Ward er in kurzer Zeit groß als Gelehrter,
So daß er zu umgehn begann den Weinberg,
Der grau bald werden muß, wenn träg der Winzer.

Und von dem Stuhl, der den gerechten Armen
Einst güt'ger war, – an ihm nicht liegt's, an jenem
Allein, der auf ihm sitzt und aus der Art schlägt, –

Dispens nicht, zwei und drei für sechs zu leisten,
Nicht den Genuß der nächsten offnen Pfründe,
Non decimas quae sunt pauperum Dei

Verlangt er, nein, Erlaubnis nur, zu kämpfen
Mit der verirrten Welt für jenen Samen,
Davon dich vierundzwanzig Pflanzen kränzen.

Durch Lehre dann zugleich und Tatkraft drang er,
Mit apostol'schem Amt bekleidet, vorwärts,
Dem Gießbach gleich, der tiefem Spalt entquillet,

Und am lebendigsten traf an der Stelle
Sein Ungestüm das ketz'rische Gestrüppe,
Wo sich der Widerstand am dicht'sten zeigte.

Von ihm entstanden dann verschiedne Bäche,
Davon sich wässert der kathol'sche Garten;
Drob grünender jetzt seine Sträucher stehen.

Wenn so das eine Rad war jenes Karrens,
Auf dem die heil'ge Kirche sich verteidigt,
Im offnen Kampf den Bürgerkrieg besiegend,

So sollte dir wohl deutlich sein zur Gnüge
Die Trefflichkeit des andern, dafür Thomas,
Bevor ich kam, so freundlich ist gewesen.

Allein das Gleis, das seines Umfangs höchster
Teil einst beschrieben hat, ist jetzt verlassen,
So daß, wo Weinstein war, sich Schimmel findet.

Und seine Schar, die mit den Füßen grade
Auf seiner Spur einst ging, ist so gewendet,
Daß sie das Vorderste nach hinten kehret;

Doch bei der Ernte wird des schlechten Anbaus
Man inne sein alsbald, wenn sich das Unkraut
Beklaget, daß der Kasten ihm versagt sei.

Wohl sag' ich, daß, wer Blatt für Blatt in unserm
Buch suchen wollte, wohl noch Seiten fände,
Woselbst er läs': ›Ich bin, der einst ich pflegte.‹

Doch nicht kommt's von Casal' noch Aquasparta,
Von woher an die Schrift sich solche wagen,
Daß der sie flieht und jener sie beenget.

Das Leben bin ich selbst Bonaventuras
Von Bagnoreggio, der in großen Ämtern
Zurückgesetzt stets die geringre Sorge.

Illuminat ist hier und Augustinus,
Die von den ersten der barfüß'gen Armen,
So Gottes Freunde unterm Strick geworden.

Mit ihnen ist hier Hugo von Sankt Viktor,
Petrus Comestor auch, nicht minder Petrus
Hispanus, in zwölf Büchlein drunten glänzend.

Nathan der Seher, der Metropolite
Chrysostomus, Anselm, Donat, der nicht es
Verschmäht, Hand an die erste Kunst zu legen.

Raban ist dort, und hier an meiner Seite
Erglänzt Abt Joachim, der Calabrese,
Der mit prophet'schem Geiste war begabet.

Für so erhabnen Paladin zu eifern,
Trieb die entflammte Freundlichkeit des Bruders
Thomas mich an und sein bescheidnes Reden,

Und trieb mit mir auch diese ganze Schar an.«


Gesang 13

Vorstellen möge sich, wer recht zu fassen
Wünscht was ich jetzt gesehn, das Bild bewahrend,
Gleich einem festen Fels, indes ich spreche,

Fünfzehn der Sterne, die verschiedne Teile
Des Himmels mit so heiterm Licht beleben,
Daß jede Luftverdichtung sie besiegen;

Vorstellen mög' er dann sich jenen Karren,
Dem Nacht und Tag der Schoß gnügt unsres Himmels.
So daß nie müd' er wird, zu drehn die Deichsel;

Vorstellen mög' er sich des Hornes Mündung,
Das an dem Endpunkt anfängt jener Achse,
Darum der erste Umschwung sich beweget,

Und daß aus sich zwei Zeichen sie gebildet
Am Himmel, jenem gleich, daß Minos' Tochter
Gebildet, als des Todes Frost sie fühlte,

Und eins im andern seine Radien hätte,
Und beide sich in solcher Weise drehten,
Daß eines vorwärts ging, das andre rückwärts;

Und einen Schatten wird er von dem wahren
Sternbild und von dem Doppelreigen haben,
Der jenen Punkt, auf dem ich stand, umkreiste;

Denn um so viel besiegt er unsre Sitte,
So viel der Chiana Lauf wird übertroffen
Vom Himmel, der am schnellsten läuft vor allen.

Nicht Bacchus, nicht Päan, nein, drei Personen
In göttlicher Natur, klang's und in einer
Person sie und die menschliche vereinet.

Sein Maß vollendet hatte Sang und Reigen,
Und nach uns wandten sich die heil'gen Lichter,
Vor Sorge sich beseligend zu Sorge.

Das Schweigen brach einträcht'ger Götterwesen
Das Licht drauf, drin das wunderbare Leben
Des Armen Gottes mir berichtet worden,

Und sprach: »Wenn schon ein Stroh gedroschen, wenn schon
Sein Same aufbewahrt ist, ladet ein mich
Das andere zu schlagen süße Liebe.

Du glaubst, daß in die Brust, daraus die Rippe
Man nahm, die schöne Wange draus zu bilden,
Die durch den Gaum so viel der Welt gekostet,

Und in die, so, durchbohret von der Lanze,
Nachher und auch vorher so viel genug tat,
Daß sie von jeder Schuld aufwägt die Schale,

Was nur die menschliche Natur zu haben
An Licht ist fähig, eingeflößt sei worden
Von jener Kraft, die beide sie geschaffen,

Und staunst ob des drum, was ich droben sagte,
Als ich erwähnet, daß kein zweites hätte
Das Gut, das in dem fünften Licht umschlossen.

Auf meine Antwort schau' jetzt, so wirst sehn du
Dein Glauben und mein Reden in der Wahrheit,
Gleichwie der Kreis im Mittelpunkt, sich einend.

Das, was nicht sterben kann, und das, was sterblich,
Ist nur gleichwie der Widerglanz von jener
Idee, die liebend unser Herrscher zeuget;

Denn das lebend'ge Licht, das da hervorgeht
Von seinem Leuchtenden, von ihm enteint nie,
Noch von der Liebe, die das Dritt' in ihnen,

Vereiniget durch seine Güte, gleichsam
Sich spiegelnd, sein Gestrahl in neun Substanzen,
In alle Ewigkeit doch eins verbleibend.

Von hier steigt's zu den letzten Möglichkeiten
Herab, von Akt zu Akt, so tief sich senkend,
Daß es nur schafft zufäll'ge kurze Dinge;

Und unter solcherlei Zufälligkeiten
Versteh' ich das Erzeugnis, das des Himmels
Umschwung hervorbringt mit und ohne Samen.

Sein Stoff und wer ihn führet sind nicht immer
Die gleichen, drum erglänzet solches unterm
Marksteine der Idee bald mehr, bald minder;

Daher geschieht es, daß dieselbe Pflanze
Der Art nach bessre bald, bald schlechtre Frucht trägt,
Und ihr auch mit verschiednem Geist zur Welt kommt.

Wär' stets der Stoff zum rechten Punkt gediehen,
Und stets in seiner höchsten Kraft der Himmel,
So würde ganz des Siegels Licht erscheinen;

Doch immer mangelhaft gibt's die Natur nur,
Dem Künstler ähnlich handelnd, der die Übung
Der Kunst noch hat, indes die Hand ihm zittert.

Wo warme Liebe drum, wo klares Schauen
Der ersten Kraft befähiget und ausprägt,
Wird jegliche Vollkommenheit erworben.

Auf solche Weise ward die Erd' einst würdig
Der ganzen animalischen Vollendung,
Auf solche Weise ward die Jungfrau schwanger,

So daß ich billigen muß deine Meinung,
Daß nimmer so die menschliche Natur war,
Noch sein wird wie in diesen zwei Personen.

Jetzt wenn ich weiter hier nicht vorwärts schritte,
Wie denn ist sondergleichen der gewesen?
Also beginnen würden deine Worte;

Doch daß dir deutlich sei, was dir nicht deutlich,
Denk', wer er war, und welch ein Grund ihn antrieb,
Zu fordern, als ihm ward gesagt: ›Begehre!‹

Ich sprach nicht so, daß du nicht konnt'st ersehen,
Daß er ein König war, der Einsicht heischte,
Damit er ein vollkommner König würde;

Nicht um zu wissen, welche Zahl Beweger
Die obre Welt hier hat, noch ob Notwend'ges
Mit Möglichem Notwendiges je gebe,

Non si est dare primum motum esse;
Noch ob im halben Kreise man beschreiben
Ein Dreieck kann, das keinen Rechten habe.

Drum merkst du dies, und was ich sprach, so wirst du,
Im Schaun, das sondergleichen, königliche
Klugheit ersehn, drauf meiner Meinung Pfeil trifft.

Und wenn du aufs ›Erhob‹ mit klarem Blick schaust,
Wirst sehn du, daß es nur sich auf die Kön'ge
Bezieht, die zahlreich und die Guten selten.

Mit diesem Unterschiede nimm mein Wort auf,
Und so kann's wohlbestehn mit deinem Glauben
Vom ersten Vater und von unsrer Wonne.

Und dies sei immer Blei dir an den Füßen,
Dich langsam zu bewegen wie ein Müder,
Zu Ja und Nein, das du nicht kannst erschauen;

Denn unter Toren steht der wohl am tiefsten,
Der ohne Unterschied bejaht und leugnet,
So bei dem einen als dem andern Schritte;

Denn es geschieht, daß sich die rasche Meinung
Gar öfters nach der falschen Seite wendet,
Und dann den Intellekt die Neigung bindet.

Mehr als umsonst entfernt sich vom Gestade,
Da er nicht wiederkehrt, wie er gegangen,
Wer nach der Wahrheit fischt und nicht die Kunst hat.

Des sind auf Erden offene Beweise
Parmenides, Bryson, Meliß und viele,
Die gehend nicht gewußt, wohin sie gingen.

So tat Sabell, Arius nebst den Toren,
Die Schwertern gleich den heil'gen Schriften waren,
Indem ihr klares Antlitz sie verwirret.

Und jetzt auch mög' im Richten allzu sicher
Das Volk nicht sein, wie jener, der die Früchte
Abschätzet auf dem Feld, bevor sie reif sind;

Den Dornstrauch sah ich, der den ganzen Winter
Hindurch sich starr und wild gezeiget hatte,
Dann doch die Ros' auf seinem Gipfel tragen;

Und manches Schiff sah ich, das grad und eilig
Das Meer durchlief auf seinem ganzen Wege,
Zuletzt umkommen bei des Hafens Eingang.

Nicht glaube Meister Martin und Frau Berta,
Weil sie den stehlen sieht, den Opfer bringen,
Sie innerhalb des ew'gen Rats zu schauen;

Denn der kann steigen und der andre fallen.«


Gesang 14

Vom Mittel wallt zum Rand, vom Rand zum Mittel
Das Wasser, wenn's von außen oder innen
Berührt wird in kreisförmigem Gefäße.

Getreten war mir plötzlich vor die Seele
Das, was ich hier gesagt, sobald des Thomas
Glorreiches Leben stillgeschwiegen hatte,

Ob einer Ähnlichkeit, die jetzt sich zeigte
Mit seiner und mit der Beatrix Rede,
Der es nach ihm also gefiel zu sprechen:

»Bedürfnis ist es jenem, und nicht sagt er's,
Mit Worten nicht, noch denkend bloß, zur Wurzel
Hineinzudringen einer andern Wahrheit.

Sagt ihm, ob jenes Licht, mit welchem eure
Substanz umblüht ist, mit euch wird verbleiben
In alle Ewigkeit, so wie es jetzt ist;

Und wenn es bleibt, sagt an, wie's nur geschehn kann,
Daß, wenn ihr sichtbar wiederum geworden
Einst seid, es eurer Sehkraft dann nichts schadet.«

Gleichwie auf einmal, die im Kreis sich drehen,
Von größrer Lust getrieben und gezogen,
Die Stimm' erhebend, munter sich gebärden,

So zeigten auf das willige und fromme
Gebet die heil'gen Zirkel neue Wonne
Durch Drehn und wunderbare Melodien.

Wer sich beklaget, daß man hier muß sterben,
Um droben fortzuleben, der hat dort nicht
Des ew'gen Taues Kühlung noch empfunden.

Der eins und zwei und drei, der ewig lebet
Und ewig herrscht in drein und zwein und einem,
Umschrieben nicht, doch alle Welt umschreibend,

War von jedwedem dieser Geister dreimal
In solcher Melodie gesungen worden,
Daß jegliches Verdienst sie gnügend lohnte.

Und aus dem göttlichsten der Lichter hört' ich
Des kleinen Kreises eine Stimme sittsam,
Wie die wohl war des Engels zu Maria,

Antwortend drauf: »Solang die Feier dauert
Im Paradies, so lang wird unsre Liebe
Rings um sich her ausstrahlen solche Hülle;

Denn ihre Klarheit muß der Glut entsprechen,
Die Glut dem Schauen, und so weit reicht dieses,
Als Gnad' es über eigne Kraft empfangen.

Sobald wir mit dem ruhmvoll heil'gen Fleische
Uns neu umkleidet, wird genehmer unsre
Person auch werden, weil sie ganz und gar ist.

Drum wird vermehren sich, was uns gewähret
Das höchste Gut an unverdientem Lichte,
Licht, das es zu betrachten uns befähigt;

Daher muß wachsen auch das Schaun und wachsen
Die Glut auch, die daran entbrennt, und wachsen
Nicht minder auch der Strahl, der von ihr herkommt.

Und wie die Kohle, welche Flamme aushaucht
Und diese durch lebend'gen Glanz besieget,
So daß ihr Licht derselben sich erwehret,

Also wird das Geblitz, das uns umkreiset,
An Helle von dem Fleisch besieget werden,
Das Tag für Tag die Erde jetzt bedecket;

Und nicht wird uns so großes Licht ermüden,
Denn die Organe unsres Körpers werden
Stark sein zu allem, was uns kann erfreuen.«

Also bereit und eilig schien mir Amen
Zu sagen dieses Chor wie jenes, daß sie
Wohl Sehnsucht nach den toten Körpern zeigten,

Nicht ihrethalb so sehr, als ob der Mütter,
Der Väter und der andern, ihnen teuer,
Bevor sie ew'ge Flammen noch geworden.

Und sieh, ringsum entstand von gleicher Klarheit
Ein Schimmer über jenem, der schon da war,
Dem Horizont gleich, wenn er sich erhellet.

Und wie beim ersten Anbeginn des Abends
Sich an dem Himmel neue Lichter zeigen,
So daß die Sache wahr und auch nicht wahr scheint,

Also begann ich hier, so schien es, neue
Substanzen zu erschauen, einen Zirkel
Um die zwei anderen Umkreise bildend.

O heil'gen Hauchs wahrhaftiges Entsprühen,
Wie trat's vor meine Augen rasch und glänzend,
Daß überwunden sie's nicht tragen konnten!

Allein Beatrix zeigte sich so schön mir
Und lächelnd, daß mit anderem Gescheh'nen
Ich's lassen muß, das nicht dem Sinn gefolgt ist.

Hier schöpften wiederum Kraft meine Augen,
Sich aufzurichten, und ich sah versetzt mich
Zu höherm Heil allein mit meiner Herrin.

Wohl ward ich inne, daß ich mehr gestiegen,
Ob des entbrannten Lächelns des Planeten,
Der glühender mir schien, als er gepfleget.

Mit ganzem Herzen und mit jener Stimme,
Die ein' in allen, bracht' ich Gott ein Opfer,
Wie's für die neue Gnade sich gebührte;

Und nicht erschöpft noch war aus meinem Busen
Die Opferflammenglut, als ich erkannte,
Es sei genehm und heilvoll solche Gabe;

Denn solches Glanzes und so rot erschienen
Lichtschimmer innerhalb mir zweier Strahlen,
Daß ich ›o Helios‹ sprach, ›der so sie schmücket!‹

Gleichwie von Pol zu Pol, sich deutlich sondernd,
Galaxias hell erglänzt von größern Lichtern
Und kleineren, so daß drob Weise zweifeln,

Also vereinet bildeten im tiefen
Mars jene Strahlen das ehrwürd'ge Zeichen,
Das die Quadranten in dem Kreis verbindet.

Allhier besiegt den Geist mir das Gedächtnis;
Denn in sotanem Kreuz aufflammte Christus,
So daß kein würdig Bild ich weiß zu finden.

Doch, wer sein Kreuz nimmt und nachfolget Christo,
Entschuldigt mich ob des, was ich verschweige,
Sieht er in jenem Licht einst blitzen Christum.

Von Horn zu Horn, vom Gipfel bis zum Fuße
Bewegten Lichter sich, die beim Vorbeigehn
Und beim Zusammentreffen hell aufsprühten.

Also erblickt man hier bald schief, bald grade,
Langsam und schnell, stets neuen Anblick zeigend,
Lang oder kurz, der Körper kleinste Teile,

Bewegend sich im Strahl, davon zu Zeiten
Der Schatten wird gesäumt, den, sich zu schützen,
Durch Kunst und Witz die Menschen sich erworben.

Und wie von vielen Saiten, im Akkorde
Gestimmt, Geig' oder Harfe süßes Summen
Dem hören läßt, der nicht vernimmt die Weise;

So von den Lichtern, die mir hier erschienen,
Klang eine Melodie durchs Kreuz hin, die mich
Entzückt', ob ich gleich nicht verstand die Hymne.

Wohl merkt' ich, daß von hohem Lob sie handle,
Denn zu mir kam das Wort: »Steh auf und siege!«
Gleich wie zu dem, der hört und nicht verstehet,

Also ward ich von Liebe hier berauschet,
Daß bis dahin kein Ding es hat gegeben,
Das mit so süßen Banden mich umschlungen.

Vielleicht scheint allzu kühn mein Wort, indem ich
Hier nachgesetzt die Lust der heil'gen Augen,
In die zu schaun all meine Sehnsucht stillet.

Doch, wer bedenkt, daß die lebend'gen Siegel
Jedweder Schönheit, höher, mehr auch wirken
Und ich mich hier noch nicht gewandt nach jenen,

Entschuldigt mich ob des, daß zur Entschuld'gung
Ich mich beschuld'g', und sieht, daß wahr ich spreche;
Denn ausgeschlossen ist die heil'ge Lust nicht

Hierbei, weil steigend sie sich mehr noch läutert.


Gesang 15

Der gute Wille, der in jener Liebe
Sich immer zeigt, die rechterweise wehet;
Gleichwie Begehrlichkeit in der verderbten,

Stillschweigen hat er jener süßen Lyra
Geboten und gestillt die heil'gen Saiten,
Die da des Himmels Rechte spannt und nachläßt.

Wie würden taub wohl für gerechte Bitten
Die Wesen sein, die bloß, mir Lust zu geben,
Daß ich sie bitt' einträchtiglich geschwiegen?

Wohl ist es recht, daß der ohn' Ende leide,
Der einem Ding zu Liebe, welches ewig
Nicht dauert, jener Liebe sich entäußert.

Wie durch die Klarheit reiner stiller Nächte
Von Zeit zu Zeit ein plötzlich Feuer hinläuft,
Das Auge, das erst sicher stand, bewegend,

Und einem Sterne gleicht, der Stätte wechselt,
Nur daß am Ort, dran es entglommen, keiner
Verlorengeht, und selbst es kurz nur dauert;

Also vom Horne, das sich recht erstrecket,
Lief aus dem Sternbild, welches hier erglänzet,
Ein Stern hin zu dem Fuße jenes Kreuzes;

Und nicht vom Bande trennte der Juwel sich,
Nein, durch den Radiusstreif querüber laufend,
Glich einer Flamm' er hinter Alabaster.

So liebreich bot sich dar Anchises' Schatten,
Wenn Glauben heischt die größte unsrer Musen,
Als im Elysium er des Sohns gewahr ward.

»O sanguis meus, o super infusa
Gratia Dei, sicut tibi, cui
Bis unquam coeli janua reclusa?«

So jenes Licht; drob ich auf solches merkte.
Drauf, wieder meiner Herrin zugewendet
Den Blick, ergriff so hier als dort mich Staunen;

Denn solch ein Lächeln glüht' in ihren Augen,
Daß meiner Gnad' ich, meines Paradieses
Grund mit den meinen zu berühren glaubte.

Darauf zu hören und zu schaun erfreulich,
Der Geist zu seinem Anfang Dinge fügte,
Die ich nicht faßte, so tiefsinnig sprach er.

Und nicht aus freier Wahl verbarg er mir sich,
Nein, aus Notwendigkeit, weil sein Gedanke
Jenseils der Grenze Sterblicher sich aufschwang.

Doch als der Bogen sich der glüh'nden Liebe
So weit entleeret, daß sein Wort herabstieg
Bis nach dem Markstein unsres Intellektes,

Da war das erste Ding, das ich verstanden:
»Gebenedeiet seist du, drei und einer,
Der du so gütig warst für meinen Samen.«

Drauf fuhr er fort: »Ein Sehnen lang und wonnig,
Geschöpft im Lesen aus dem größten Buche,
In dem sich Weißes nie, noch Schwarzes ändert,

Hast du gelöst, o Sohn, in jenem Lichte,
In dem ich mit dir spreche, Dank sei's jener,
Die dich zum hehren Fluge hat beschwinget.

Du glaubst, daß dein Gedanke zu mir komme
Vom Urgedanken, gleichwie von der Einheit,
Wenn man sie kennt, die fünf und sechs entstrahlet.

Drum, wer ich sei, nicht fragst du, noch warum ich
Mich freudiger dir zeig' als irgendeiner
Der anderen aus diesen heitern Scharen.

Du glaubest recht, denn Größre schaun und Kleinre
Aus diesem Leben in den Spiegel, drin sich,
Eh' du ihn denkst, enthüllet dein Gedanke.

Doch daß die heil'ge Lieb, in der ich wache
Mit ew'gem Schaun, und die mit süßen Sehnens
Durst mich erfüllt, befriedigt besser werde,

So spreche deine Stimme kühn und sicher
Und freudig aus den Willen, sprech' den Wunsch aus,
Darauf beschlossen schon ist meine Antwort.«

Ich wandte zu Beatrix mich, die, hörend,
Bevor ich sprach, zulächelt' einen Wink mir,
Drob meinem Willen noch die Schwingen wuchsen;

Drauf ich begann: ›Empfindung und Verständnis,
Seit euch die erste Gleichheit ist erschienen,
Sind jeglichem aus euch im Gleichgewichte;

Denn in der Sonne, die durch Licht und Wärm' euch
Erleuchtet und entzündet, sind so gleich sie,
Daß jede Ähnlichkeit dagegen karg ist.

Doch in dem Sterblichen sind Wunsch und Einsicht,
Ob eines Grundes, der euch wohlbekannt ist,
Verschiedentlich befiedert an den Schwingen.

Drum ich, der sterblich bin, mich fühl' in dieser
Ungleichheit, und daher nur mit dem Herzen
Dank sage für die väterliche Feier.

Doch fleh' ich dich, lebendiger Topas, an,
Von dem dies kostbare Geschmeide funkelt,
Daß du mit deinem Namen mich befriedigst.‹

»O du, mein Laub, an dem ich Wohlgefallen
Im Harren fand schon, deine Wurzel war ich.«
Solch einen Anfang macht' er seiner Antwort.

Dann sprach er: »Der, nach dem sich nennet deine
Verwandtschaft, und der hundert Jahr' und drüber
Den Berg umkreist hat auf dem ersten Simse,

Er war mein Sohn, und war dein Ältervater.
Wohl ziemt es sich, daß du die lange Mühe
Abkürzen ihm durch deine Werke mögest.

Florenz, im Umkreis seiner alten Mauern,
Von denen Terz und Non' annoch es hernimmt,
War keusch und mäßig damals, und im Frieden.

Noch keine Kettlein gab es, keine Kronen,
Nicht Frauen mit Sandalen, noch auch Gürtel,
Dran mehr als an der Trägerin zu sehn war.

Nicht machte, kaum geboren, schon dem Vater
Die Tochter Sorge, daß nicht Zeit und Mitgift
Sich hier und dort vom Maß entfernen möchten.

Noch gab's nicht Häuser, leer von Hausgenossen,
Noch war Sardanapalus nicht gekommen,
Zu zeigen, was in Kammern man vermöge.

Besiegt war Montemalo noch von eurem
Uccelatojo nicht, der, wie im Steigen
Er's ward, besiegt auch wird im Sinken werden.

Bellincion Berti sah ich gehn umgürtet
Mit Bein und Leder, und vom Spiegel kommen
Sein Weib mit ungeschminktem Angesichte;

Ich sah den von den Nerli, den von Vecchio
Sich mit dem unbedeckten Fell begnügen,
Und ihre Frauen mit dem Knaul und Spinnrad.

O Glückliche! und ihrer Grabesstätte
War jegliche gewiß, und noch war keine
Im Ehebett verwaist um Frankreichs willen.

Die eine wachte sorglich an der Wiege
Und brauchte, lullend, jene Redeweise,
An der zuerst sich Väter freun und Mütter;

Die andere, den Faden zieh'nd am Rocken,
Erzählte Märchen, in der Ihr'gen Mitte,
Von Rom und Fiesole, und den Trojanern.

Für solch ein Wunder hätte da gegolten
Eine Cianghell', ein Lapo Salterello,
Als jetzt Cornelia gilt und Cincinnatus,

So ungestörtem, schönem Bürgerleben,
So trauter Bürgerschaft und solcher süßen
Herberge hat Maria mich geschenket,

Da sie mit lautem Schrein ward angerufen,
Und dort in eurem alten Baptisterium
Ward ich ein Christ zugleich und Cacciaguida.

Moront' und Elisäus waren Brüder
Mir; aus dem Po-Tal kam mir meine Gattin,
Woher dann dein Zuname ist entstanden.

Dem Kaiser Konrad folgt' ich dann, und dieser
Umgürtete mich als sein Kriegsgefolge;
So sehr ward er mir hold ob meines Rechttuns.

Ich zog ihm nach, entgegen der Verruchtheit
Desjenigen Gesetzes, desen Anhang
Durch Schuld des Hirten euer Recht sich anmaßt.

Alldort ward ich durch solches schnödes Volk dann
Von jener trügerischen Welt gelöset,
Die durch ihr Lieben manche Seel' entadelt,

Und kam vom Märtyrium zu diesem Frieden.«


Gesang 16

O du geringer Adel unsres Blutes!
Wenn Anlaß du den Menschen, sich zu rühmen
Hienieden, gibst, wo unsre Neigung kränkelt,

Wird nie mir solches wunderbar erscheinen,
Da dort, wo nimmer abgelenkt der Trieb wird,
Im Himmel sag' ich, ich mich dein gerühmet!

Wohl bist ein Mantel du, der bald sich kürzet,
So daß, wenn man nicht Tag für Tag hinzufügt,
Die Zeit ihn mit der Schere rings beschneidet.

Vom »Ihr«, das Rom zuerst geduldet hatte,
In welchem minder nun sein Volk verharret,
Begannen wiederum jetzt meine Worte;

Darauf Beatrix, die ein wenig fern stand,
Lächelnd der glich, die hustete beim ersten
Fehltritt, der von Ginevra steht geschrieben.

Also begann ich dann: ›Ihr seid mein Vater,
Ihr gebt zum Reden mir jedwede Kühnheit,
Ihr hebt empor mich höher, als ich selbst bin.

Durch so viel Ströme füllet mit Ergötzen
Mein Geist sich, daß zur Freud' es ihm gereichet,
Wie er's kann tragen, ohne zu zerspringen.

Sagt mir, mein teurer Urquell, denn, wer Eure
Altvorderen gewesen sind, und welche
Jahrzahl in Eurer Kindheit man geschrieben?

Sagt mir, wie groß die Herde Sankt Johannis
Damals schon war, und welche die Geschlechter,
Die drin der höchsten Sitze würdig waren?‹

Gleichwie zur Flamme bei des Windes Hauchen
Die Kohle sich belebt, so sah bei meinen
Liebkosungen ich jenes Licht erglänzen;

Und so, wie's meinem Blick sich schöner zeigte,
Also mit sanfterer und süßrer Stimme
Sprach es, doch nicht in dieser neuern Mundart:

»Vom Tag, wo ›Ave‹ man gesagt, bis zu der
Geburt, da meine Mutter, die jetzt heilig,
Sich mein, der ihre Bürde war, entledigt,

Ist fünfmalhundertfünfzig und noch dreißig
Mal heimgekehrt zu seinem Leu'n dies Feuer,
Sich unter dessen Fuß neu zu entflammen.

Geboren ward ich selbst nebst meinen Vätern
Dort, wo zuerst berühret wird bei eures
Alljähr'gen Festes Lauf das letzte Sechsteil.

Von meinen Ahnen gnüg' es, dies zu hören:
Wer sie gewesen, und woher sie kamen,
Darob ziemt's mehr zu schweigen, als zu sprechen.

Was waffenfähig, zwischen Mars und Täufer,
Zu jener Zeit dort war, betrug den fünften
Teil derer nicht, die gegenwärtig leben.

Allein das Bürgertum, das jetzt gemischt ist
Aus Campi, aus Certald' und aus Figghine,
War rein zu schaun im letzten Handwerksmanne.

O, wieviel besser war's, zu Nachbarn jene
Zu haben, die ich nannt', und bei Galluzzo
Und bei Trespiano eures Weichbilds Markstein,

Als drin sie haben, und den Stank des Bauers
Von Aguglione dulden und von Signa,
Der schon zum Schachern seinen Blick geschärft hat!

Und wär' das Volk, das auf der Welt zumeist ist
Entartet, nicht stiefmütterlich für Cäsar,
Nein, mild gewesen wie dem Sohn die Mutter;

So hätte, wer als Florentiner Handel
Jetzt treibt und Wechsel, sich nach Simifonti
Gewandt, wo der Großvater schon umherzog;

So wäre Montemurlo noch den Grafen,
Noch wären in Acones Pfarr' die Cerchi,
Wohl selbst im Grieve-Tal die Buondelmonti.

Allzeit war das Vermengen der Personen
Der erste Grund zum Ungemach der Städte,
Wie für den Leib die Speise, die sich anhäuft;

Und hurt'ger als ein blindes Lämmlein stürzet
Ein blinder Stier, und mehr und besser schneidet
Ein Schwert allein oft, als fünf Schwerter schneiden.

Wenn du bemerkst, wie Lun' und Urbisaglia
Dahingegangen sind, und, ihnen folgend,
Von dannen Sinigaglia geht und Chiusi,

Wird dir's nicht neu noch wunderbar erscheinen,
Wenn du vernimmst, wie die Geschlechter schwinden,
Da auch die Städte selbst ihr End' erreichen.

All euern Dingen ist ihr Tod bestimmet
So wie euch selbst, doch birgt er sich bei manchem,
Das lange währt, weil kurz ist euer Leben.

Und wie des Mondes Himmel durch sein Kreisen
Unausgesetzt die Küsten auf- und zudeckt,
Also gebaret mit Florenz das Schicksal;

Drum darf dir das erstaunenswert nicht scheinen,
Was ich von hohen Florentinern, deren
Ruf in der Zeit verborgen ist, dir künde.

Ich sah die Ughi, sah die Catellini,
Filippi, Greci, Ormanni und Alberighi,
Schon sinkend, ausgezeichnet noch als Bürger,

Und sah so groß als alten Stamms mit jenem
Von der Sannella jenen von der Arca,
Nebst den Bostichi, Ardingh' und Soldanieri

Ob jenem Tor, auf dem jetzt neuer Treubruch
Von solcher Schwere lastet, daß alsbald man
Die Barke wird erleichtern müssen, saßen

Die Ravignani schon, von denen abstammt
Graf Guido und wer immer dann den Namen
Des hohen Bellincion hat angenommen.

Schon wußte, wie sich's zu regieren ziemet,
Der von der Press', und Galigajo hatte
Im Hause Kopf und Bügel schon vergoldet.

Groß war der Hermelinpfahl schon, die Giuochi,
Die Galli, die Sacchetti, die Sifanti,
Barucci und die sich des Scheffels schämen.

Der Stamm, dem die Galfucci sind entsprosset,
War groß schon, und zu den curul'schen Sitzen
Zog man die Sizi schon und Arrigucci.

O wie sah jen' ich, die durch ihre Hoffart
Zerstört sind! und die goldnen Kugeln zierten
Florenz in allen seinen großen Taten,

So handelten auch die Vorfahren jener,
Die jederzeit, wenn unbesetzet eure
Kirch' ist, sich mästen, sitzend im Kapitel.

Die übermüt'ge Sippschaft, die dem Flieh'nden
Nachzischt und wie ein Lamm sich schmiegt vor einen,
Der ihr den Zahn zeigt oder auch den Beutel,

Kam schon empor, doch aus geringem Volke,
So daß ungern sah Ubertin Donato,
Daß ihm sie gab der Schwäher zum Verwandten.

Schon war von Fiesole herabgestiegen
Zum Marktplatz Caponsacco, und schon waren
Guido und Infangato gute Bürger.

Unglaubliches, was wahr doch ist, bericht' ich:
Zum kleinen Kreise trat durch eine Pforte
Man ein, benannt nach denen von der Pera.

Sie alle, die das schöne Wappen tragen
Des großen Freiherrn, dessen Preis und Name
Erneuert wird am Thomas-Feste, hatten

Urkund' und Ritterschlag von ihm empfangen,
Obgleich sich heutzutage mit dem Volke
Vereint, der mit der Leiste jenes säumet.

Schon Gualterotti gab's und Importuni,
Und Borgo wäre friedlicher verblieben,
Wenn sie der neuen Nachbarn noch entbehrten.

Das Haus, dem euer Jammer ist entsprossen
Ob des gerechten Zorns, der Tod euch brachte
Und eurem heitern Leben macht' ein Ende,

War hochgeehrt nebst seinen Anverwandten.
O Buondelmonte, wie so unrecht tat'st du,
Zu fliehn auf andrer Ratschlag seine Heirat!

Gar viele wären froh, die jetzt sind traurig,
Wenn Gott der Ema dich gegeben hätte,
Als du das erste Mal zur Stadt gekommen!

Allein es mußte dem gebrochnen Steine,
Der auf der Brücke steht, Florenz ein Opfer
In seines Friedens letzten Tagen bringen,

Mit diesen und noch anderen Geschlechtern
Hab' ich Florenz gesehn in solchem Frieden,
Daß nimmer es zu weinen Ursach' hatte.

Mit diesem hab' ich so gerecht und ruhmvoll
Sein Volk gesehen, daß niemals die Lilie
An Speeresspitze rückwärts ward gewendet,

Noch auch durch Zwiespalt rot gefärbt ist worden.«


Gesang 17

Wie zu Clymene kam, der noch die Väter
Karg macht den Söhnen, des gewiß zu werden,
Was er Nachteiliges für sich gehöret,

Dem ähnlich macht' ich's jetzt und ward vernommen
So von Beatrix als der heil'gen Leuchte,
Die erst für mich den Platz gewechselt hatte.

Zu mir drob meine Herrin: »Deines Wunsches
Glut laß heraus, so daß hervor sie komme,
Mit deines Innern Stempel recht bezeichnet;

Nicht daß, durch was du sagest, unser Wissen
Sich mehre, nein, damit du dich gewöhnest,
Den Durst zu künden, daß man dir kredenze.«

›O du mein teurer Stamm, der du dich also
Erhebest, daß, wie ird'sche Geister sehen,
Es fass' ein Dreieck nie zwei stumpfe Winkel,

So die zufäll'gen Dinge du erschauest,
Eh' in sich selbst sie sind, den Punkt betrachtend,
Für den jedwede Zeit ist gegenwärtig;

Indes ich mit Virgil noch war vereinet,
Den Berg erklimmend, der die Seelen heilet,
Und in die Welt des Todes niedersteigend,

Ward mir gesagt von meinem künft'gen Leben
Manch schweres Wort, obgleich ich jetzt mich fühle
Recht felsenfest für des Geschickes Streiche.

Drum würd' es mir Befriedigung gewähren,
Zu wissen, welch ein Schicksal sich mir nahe;
Denn träger kommt der Pfeil, den man voraussieht.‹

Also begann ich zu demselben Lichte,
Das mit mir sprach zuerst und, wie Beatrix
Es forderte, bekannt' ich meinen Wunsch ihm.

Nicht durch Vieldeutigkeit, drin sich verstrickte
Das Torenvolk, bevor noch Gottes Lamm war
Getötet worden, das die Sünden wegnahm,

Nein, klaren Worts und mit bestimmter Rede
Gab Antwort mir die väterliche Liebe,
Umhüllt und strahlend von dem eignen Lächeln.

»Das Reich zufäll'ger Dinge, das sich weiter
Nie denn das Buch erstrecket eures Stoffes,
Ist ganz im ew'gen Antlitz abgebildet.

Notwendigkeit jedoch empfängt's daher nicht,
Nicht mehr als von dem Auge, drin sich's spiegelt,
Ein Schiff, das in der Strömung abwärts gleitet

Von dorther tritt mir, gleichwie von der Orgel
Zum Ohre süße Harmonien gelangen,
Die Zeit vors Auge, die sich dir bereitet.

Wie Hippolyt von dannen aus Athen ging,
Der treulos-grausamen Stiefmutter wegen,
Also wirst du Florenz verlassen müssen.

Das ist es, was man will; das sucht bereits man,
Und bald wird's dem gewähret, der drauf sinnet,
Dort, wo tagtäglich Christus wird verhandelt.

Die Schuld wird dem verletzten Teile folgen
Dem Ruf nach, wie sie's pflegt, allein die Rache
Zeugt für die Wahrheit bald, die jene spendet.

Verlassen wirst du all die lieben Dinge,
Die dir am teuersten, und dieser Pfeil wird
Der erste sein von der Verbannung Bogen.

Erfahren wirst du, wie gesalzen schmecket
Das fremde Brot, und wie so herb der Pfad ist,
Den man auf fremden Stiegen auf- und absteigt.

Doch was zumeist den Rücken dir beschweret,
Wird die Genossenschaft sein, bös und töricht,
Mit der in solches Tal herab du stürzest,

Die ganz undankbar dich, ganz toll und gottlos
Anfeinden wird; allein bald wird sie selber,
Nicht du, blutrot davon die Schläfe tragen.

Von ihrer Unvernunft gibt ihr Verfahren
Bald den Beweis, so daß dir's rühmlich sein wird,
Daß für dich selbst du hast Partei gebildet.

Dein erster Zufluchtsort, dein erstes Obdach
Wird sein des mächtigen Lombarden Großmut,
Der auf der Stiege trägt den heil'gen Vogel;

Der wird mit so viel Güte dich beachten,
Daß von dem Tun und Bitten, was bei andern
Das spät'ste, unter euch das erste sein wird.

Mit ihm schaust den du, der bei der Geburt so
Den Eindruck dieses kräft'gen Sterns empfangen,
Daß merkenswert einst seine Taten werden.

Noch sind die Völker des nicht inne worden
Ob seines jungen Alters; denn neun Jahre
Erst sind's, seit diese Kreis' um ihn sich winden.

Doch eh' der Baske täuscht den hohen Heinrich,
Wird er schon Funken seiner Tugend zeigen,
Indem er sich um Geld und Müh' nicht kümmert.

Also bekannt wird sein großartig Wesen
Dereinst noch werden, daß selbst seine Feinde
Davon die Zunge stumm nicht halten können.

Auf ihn mögst hören du und auf sein Wohltun!
Viel Volk wird durch ihn umgeändert werden,
Der Reiche mit dem Bettler Lage wechselnd.

Von ihm nimmst manches du im Sinn verzeichnet
Von dannen mit und sagst's nicht!« Und sprach Dinge
Unglaublich dem, der gegenwärtig sein wird.

Drauf fügt' er bei: »Sohn, dieses sind die Glossen
Zu dem, was dir gesagt ward, dies der Fallstrick,
Der hinter wenig Schwingungen verhüllt liegt.

Doch mögst du deine Nachbarn nicht beneiden,
Da weiter in die Zukunft hin, als ihrer
Treulosigkeit Bestrafung, reicht dein Leben.«

Nachdem durch Schweigen drauf die heil'ge Seele
Gezeigt, daß sie zu Ende mit dem Einschlag
In jenem Grund, den ich ihr bot gewoben,

Begann ich, jenem ähnlich, der, im Zweifel
Befangen, Rat von einem Manne wünschet,
Der sieht und rechten Willen hat und liebet:

›Wohl seh' ich, Vater, wie auf mich zusprenget
Die Zeit, daß einen Streich sie mir versetze,
Der dem am härt'sten, der zumeist sich gehn läßt;

Drum ziemt es, daß ich mich mit Vorsicht waffne,
So daß, wenn mir der liebste Ort geraubt wird,
Ich nicht die andern durch mein Lied verliere.

Dort unten in der Welt, der endlos bittern,
Und an dem Berg, von dessen schönem Gipfel
Die Augen meiner Herrin mich erhoben,

Und späterhin von Licht zu Licht im Himmel
Vernahm ich manches, das gar vielen, wenn ich
Es wieder sage, stark gewürzt wird schmecken;

Doch, wenn ich schüchtern nur der Wahrheit Freund bin,
Möcht' ich bei jenen, fürcht' ich, fort nicht leben,
Die diese Zeit die alte nennen werden.‹

Das Licht, in welchem lächelte mein Kleinod,
Das ich gefunden hier, ward erst ganz blitzend,
Wie bei der Sonne Strahl ein goldner Spiegel;

Drauf gab's zur Antwort: »Ein befleckt Gewissen,
Sei's durch die eigne, sei's durch fremde Schande,
Mag immerhin dein herbes Wort empfinden.

Doch um nichts weniger veroffenbare
Dein ganz Gesicht, jedweder Lüg' entsagend,
Und kratzen laß, wo sich die Krätze findet;

Denn wenn auch deine Stimme lästig sein wird
Beim ersten Kosten, wird sie Lebensnahrung,
Wenn sie verdauet ist, zurück dann lassen.

Dem Sturme gleich wird dies dein Rufen wirken,
Der stets zumeist die höchsten Gipfel schüttelt,
Und solches wird nicht wenig Ruhm dir bringen.

Drum wurden dir gezeigt in diesem Kreise,
Am Berg und in dem schmerzensreichen Tale
Nur

Indem des Hörers Geist nicht wird befriedigt,
Noch sich im Glauben feststellt durch ein Beispiel,
Des Wurzel unbekannt ist und verborgen,

Noch auch durch andern Grund, der nicht zu schaun ist.«


Gesang 18

Schon freute jetzt des eigenen Gedankens
Allein sich jener sel'ge Geist, und ich mich
Des meinen, Süßes mäßigend durch Herbes;

Doch jenes Weib, das hin zu Gott mich führte,
Sprach: »Sinn' auf andres; denke, daß du nahe
Dem bist, der jedes Schadens Last enthebet.«

Nach meines Trostes liebevollen Tönen
Wandt' ich mich, und welch eine Lieb' im heil'gen
Aug' ich dort sah, hier geb' ich's auf zu schildern;

Nicht, weil ich meiner Rede nur mißtraue,
Nein, ob des Sinns, der auf sich selbst soweit nicht
Zurück kann kehren, führt ihn nicht ein andrer.

Soviel kann ich von dem Moment berichten,
Daß, weil ich sie betrachtete, mein Herz sich
Von jedem andern Wunsche frei gefühlet.

Indes die ew'ge Lust, die sonder Mittel
Strahlt' auf Beatrix, aus dem schönen Antlitz
Mit ihrem Abbild mich zufriedenstellte,

Sprach sie zu mir, durch eines Lächelns Licht mich
Besiegend: »Wende dich und horche; denn nicht
In meinen Augen nur ist Paradies ja!«

Gleichwie zuweilen hier im Angesichte
Sich zeiget das Gefühl, wenn es so mächtig,
Daß ganz von ihm die Seel' ist hingerissen;

Also erkannt' ich in des heil'gen Blitzes
Geflamm, nach dem ich mich gewandt, das Wünschen,
Das in ihm war, mir noch etwas zu sagen.

Und er begann: »Auf dieser fünften Stufe
Des Baums, der Leben zieht von seinem Wipfel
Und Frucht stets trägt und nie sein Laub verlieret,

Gibt's sel'ge Geister, die dort unten, eh' sie
Zum Himmel kamen, großen Ruf erlanget,
Dran reichen Stoff jedwede Muse hätte.

Drum blicke nach den Hörnern hin des Kreuzes;
Der, den ich nenne, wird den Akt dort zeigen,
Den in der Wolke macht ihr rasches Feuer.«

Ein Licht sah ich durchs Kreuz einhergezogen
Auf Josua's Erwähnung, wie sie stattfand,
Noch ward des Wortes vor der Tat ich inne.

Und auf des hohen Makkabäers Namen
Sah ich ein andres drehend sich bewegen,
Und Wonne war die Peitsche solches Kreisels.

So folgt', als Karl dem Großen und als Roland,
Zwei'n aufmerksam mein Blick, gleichwie das Auge
Dem eignen Falken pflegt im Flug zu folgen.

Drauf zog mein Angesicht nach sich hin Wilhelm,
Es zogen's Renouard und Herzog Gottfried
Auf sich in jenem Kreuz, und Robert Guiscard.

Bewegt dann und gemischt mit andern Lichtern,
Bewies die Seele, die mit mir gesprochen,
Mir, welch ein Künstler sie im Himmelschor sei.

Ich wandte wieder mich zur rechten Seite,
Um in Beatrix meine Pflicht zu schauen,
Durch Worte dort bezeichnet oder Handlung;

Und ihrer Augen Licht sah ich so klar dort,
So wonnig, daß ihr Anblick, was sie früher
Gepflegt zu sein und was zuletzt, besiegte.

Und wie der Mensch, indem von Tag zu Tag er
Beim Gutestun der Freude mehr empfindet,
Gewahrt, daß seine Tugend vorwärtsschreitet,

Merkt' ich, daß meinem Umschwung mit dem Himmel
Zugleich der Bogen sich vergrößert hatte,
Da jenes Wunder reicher ich geschmückt sah.

Und der Verändrung ähnlich, die nach kurzem
Zeitraum die Farbe weißer Frau'n erleidet,
Wenn sich der Scham ihr Antlitz hat entlastet,

War's, als ich mich gewandt, in meinen Augen
Ob des gemäßigten Planeten Weiße,
Des sechsten, der in sich mich aufgenommen.

In dieser Jovis-Fackel sah der Liebe
Entsprühn ich, das sich hier befand, die Worte
Darstellen unsrer Sprache meinen Augen

Wie Vögel, die sich an dem Strand erheben,
Zu ihrem Mahle gleichsam sich begrüßend,
Bald lange Scharen und bald runde bilden;

So sangen, hin und wieder fliegend, heil'ge
Geschöpf in diesen Lichtern, bald zu D sich,
Zu I, zu L in ihrer Form gestaltend.

Nach ihrer Melodie bewegten erst sie
Sich singend, und, eins jener Zeichen bildend,
Verharrten sie ein Weilchen dann und schwiegen.

O heil'ge Pegasäa, die den Geistern
Du Ruhm gewährst und lange Dauer sicherst,
Und diese Städten dann mit dir und Reichen,

Erleuchte mich durch dich, daß jene Formen
Ich, wie ich sie gewahrt, herzählen möge;
Tu' deine Kraft kund in den kurzen Versen!

Es zeigten mir sich also fünf mal sieben
Selbstlaut' und Mitlaut', und die Teile merkt' ich,
Wie sie geschrieben mir erschienen waren.

Diligite justitiam, Nenn- und Zeitwort,
So hieß der erste Teil der ganzen Inschrift,
Qui judicatis terram, hieß der letzte.

Drauf in dem M des fünften Wortes blieben
Sie so geordnet stehn, daß hier dem Silber
Jupiter ähnlich war, mit Gold besetzet.

Und andre Lichter sah ich niedersteigen
Zum Haupt des M und dort zur Ruhe kommen,
Das Gut wohl singend, das nach sich sie hinzieht.

Dann, wie, wenn sich entbrannte Stücke treffen,
Unzähl'ge Funken steigen, draus die Toren
Sich Vorbedeutung zu entnehmen pflegen,

Sah mehr denn tausend Lichter ich von hier sich
Erheben, minder oder mehr, nachdem es
Die Sonne, die sie zündet, ihnen anwies;

Und als nun jedes still an seinem Ort stand,
Erblickt' ich im vorstechend hellen Feuer
Darstellend Haupt und Hals sich eines Adlers.

Der so hier malt, hat niemand, der ihn führet,
Nein, selber führt er, und von ihm her schreibet
Die Kraft sich, die zur Form wird in den Nestern.

Die andre sel'ge Schar, die erst befriedigt
Schien sich als M in Lilien einzufassen,
Mit kurzem Umschwung folgte jenem Eindruck.

0 liebliches Gestirn, wie viel und welche
Juwelen zeigten mir, daß Wirkung unsre
Gerechtigkeit des Himmels, dran du prangst, sei!

Drum bitt' ich jenen Geist, von dem dein Umschwung
Und deine Kraft beginnt, daß er betrachte,
Woher der Rauch kommt, der dein Licht verkümmert;

So daß er endlich wieder einmal zürne
Dem Kaufen und Verkaufen in dem Tempel,
Aus Martyrium und Zeichen aufgemauert.

0 Kriegerschar des Himmels, den ich schaue,
Bet' an für jene, die, auf Erden bösem
Beispiele folgend, ganz verirrt sich haben!

Einst pflegte mit dem Schwert man Krieg zu führen,
Doch jetzt, bald hier, bald dort das Brot entziehend,
Das keinem hält versperrt der fromme Vater.

Doch du, der nur, um auszulöschen, schreibet,
Wiss', Paul und Peter, die für jenen Weinberg,
Den du verderbst, gestorben, sind noch lebend.

Wohl kannst du sagen: also feste Sehnsucht
Hab' ich nach dem, der einsam leben wollte,
Und der durch Tanz zum Martyrium gebracht ward,

Daß ich den Fischer nicht, noch Paulum kenne.


Gesang 19

Es zeigte sich vor mir mit offnen Schwingen
Das schöne Bild, das fröhlich in dem süßen
Genusse die verbundnen Seelen machte.

Jedwede schien wie ein Rubinlein, drinnen
Ein Sonnenstrahl von solchem Feuer glühte,
Daß es zurück ihn warf in meine Augen.

Und, was mir jetzt zu schildern ziemt, nie ward es
Durch Stimme noch verkündet, noch mit Tinte
Geschrieben, noch durch Phantasie begriffen;

Denn reden sah und hört' ich jenen Schnabel,
Und in den Worten »Ich« und »Mein« erklingen,
Weil es den Sinn von »Wir« und »Unser« hatte.

Und er begann: »Weil ich gerecht und fromm war,
Bin ich zu solcher Herrlichkeit erhöht hier,
Die sich durch bloßen Wunsch nicht läßt erringen;

Und auf der Erde ließ ich solch Gedächtnis
Von mir zurück, daß das verkehrte Volk es
Zwar preiset, doch nicht folget der Geschichte.«

So ist von vielen Kohlen eine Glut wohl
Zu fühlen, wie von vieler Herzen Liebe
Ein einz'ger Ton aus diesem Bild hervordrang.

Und ich darauf: ›0 immergrüne Blumen
Der ew'gen Lust, die ihr all eure Düfte
Als einen einzigen mir laßt verspüren,

Löst mir, enthauchend, jenes große Sehnen,
Drob lang ich schon gehungert, da auf Erden
Ich keine Speise fand, um es zu stillen!

Wohl weiß ich, wenn in anderm Reich des Himmels
Die göttliche Gerechtigkeit sich spiegelt,
Daß eures doch sie nicht verschleiert auffaßt.

Ihr wisset, wie aufmerksam zuzuhören
Ich mich bereit'; ihr wisset, welch ein Zweifel
Es ist, drob ich so altes Sehnen hege.‹

Dem Falken gleich, wenn er, der Haub' entkommen,
Das Haupt bewegt und mit den Schwingen Beifall
Sich schlägt, voll Lust sich und in Schönheit zeigend,

Sah ich's das Zeichen machen, das gewoben
Von Lobgesängen war der ew'gen Gnade,
In Weisen, wie sie kennt, wer droben selig.

Drauf fing er an: »Er, der, den Zirkel an der
Weltgrenze dreh'nd, so viel in ihrem Umfang
Verborgenes unterschied und Offenbares,

Ausprägen konnt' er nicht im ganzen Weltall
So seine Kraft, daß nicht sein Wort unendlich
Es übertreffend noch verblieben wäre.

Und des Beweis ist, daß der erste Stolze,
Der der Geschöpfe höchstes, weil auf Licht er
Nicht wollte warten, ungezeitigt hinfiel.

Denn draus erhellt, wie jegliche geringre
Natur ein eng Gefäß nur jenem Gut ist,
Das, endlos selbst, sich mit sich selbst nur misset.

Daher kann unser Schauen, das nur einer
Der Strahlen jenes Intellektes sein muß,
Von welchen insgesamt die Ding' erfüllt sind,

Der eigenen Natur nach also mächtig
Nicht sein, daß sein Prinzip es nicht gewahre
Viel minder glänzend, als es in der Tat ist.

Darum vertiefet innerhalb der ew'gen
Gerechtigkeit die Sehkraft sich, die eure
Welt hat empfangen, wie das Aug' im Meere,

Das, ob's am Strand den Grund erblickte, so doch
Auf hohem Meer nicht, und dennoch ist jener
Vorhanden; doch ihn birgt die eigne Tiefe.

Kein Licht gibt's, kommt es nicht von jener Heit're,
Die nie sich trübt, nein, Finsternis ist's, stammend
Vom Schatten oder von dem Gift des Fleisches.

Zur Gnüg' ist dir die Höhle nun erschlossen,
Drin die lebendige Gerechtigkeit dir
Sich barg, drob du so häuf'ge Fragen einwarfst,

Indem du sprachst: Geboren wird am Indus
Ein Mensch, und niemand ist daselbst, der spreche
Von Christo, noch auch lese, noch auch schreibe;

Und alles, was er will, und all sein Handeln
Ist gut, so weit die menschliche Vernunft sieht,
Von jeder Sünde frei in Wort und Leben.

Er stirbet ungetauft und sonder Glauben;
Wo kann ihn hier Gerechtigkeit verdammen?
Wo nun ist seine Schuld, wenn er nicht glaubet?

Doch, wer bist du, der zu Gericht will sitzen,
Auf tausend Meilen weit Urteil zu fällen
Mit deinem Blick, der eine Spanne reichet?

Wohl würde dem sich, der mit mir gegrübelt,
Wenn über euch die heil'ge Schrift nicht stände,
Zu staunensvollem Zweifel Stoff hier finden.

0 ird'sche Wesen, o stumpfsinn'ge Geister!
Der erste Wille, gut an sich, hat nimmer
Sich von sich selbst, dem höchsten Gut, entfernet.

Das ist gerecht, was mit ihm übereinstimmt;
Und nach sich hin zieht kein erschaffnes Gut ihn,
Nein, er ist's, der, entstrahlend, es hervorruft.«

Gleichwie sich überm Nest im Kreise drehet
Der Storch, nachdem die Jungen er gefüttert,
Und der gefütterte nach jenem hinblickt,

Dem ähnlich ward – und so hob sich das Auge –
Das segensreiche Bild, das, von so tiefem
Ratschluß beweget, seine Schwingen regte.

Umkreisend sang's und sprach: »Wie meine Worte
Für dich sind, der sie nicht versteht, so ist für
Euch Sterbliche der Spruch des ew'gen Richters.«

Drauf wurden still die hellen Fackelbrände
Des heil'gen Geistes wiederum im Zeichen,
Durch das ehrwürdig Rom der Welt geworden.

Und es begann aufs neu': »Zu diesem Reiche
Stieg keiner je, der nicht geglaubt an Christum,
Nicht eh' man ihn ans Holz schlug, noch auch später.

Doch sieh, gar viele rufen: ›Christe! Christe!‹
Die im Gericht viel minder nah einst werden
Ihm stehn als mancher, der nicht kannte Christum;

Und solche Christen wird der Äthiope
Verdammen, wenn sich trennen die zwei Scharen,
Die ein' auf ewig reich, die andre dürftig.

Was können euren Kön'gen nicht die Perser
Einst sagen, wenn geöffnet sie das Buch sehn,
Darin all eure Schmach wird aufgeschrieben?

Alldort wird unter Alberts Taten jene
Man schaun, die bald den Flügel wird bewegen,
So daß Prags Königreich drob wüst gelegt wird.

Hier wird den Trug man sehn, den an dem Strande
Der Seine jener treibt, die Münze fälschend,
Der durch der Borste Stoß den Tod wird finden.

Den Stolz wird man hier sehn, durch dessen Dünste
Der Schott' und Engeländer also rasen,
Daß keiner mag in seinen Schranken bleiben.

Die Üppigkeit wird und das weiche Leben
Des Spaniers man sehn, so wie des Böhmen,
Der Tugend nie gekannt hat, noch geliebet.

Mit einem I bezeichnet wird man sehen
Beim Lahmen von Jerusalem sein Gutes,
Weil dessen Gegensatz ein M bezeichnet.

Den Geiz wird und die Feigheit man dort schauen
Des, der die Feuerinsel schirmt, wo einstens
Anchises schloß die lange Lebensdauer;

Und anzudeuten, wie gering er gelte,
Wird über ihn mit abgekürzten Lettern
In engem Raume viel geschrieben stehen.

Und jedem werden sich die schnöden Werke
Des Ohms und Bruders zeigen, die so hehre
Abstammung und der Kronen zwei geschändet.

Und den von Portugal, den von Norwegen
Wird man erkennen dort und den von Rascien,
Der schlecht Venedigs Stempel zugerichtet.

O glücklich Ungarland, wenn es sich nimmer
Mißhandeln läßt, und glückliches Navarra,
Wenn's mit dem Berg sich waffnet, der's umgürtet!

Und glauben mag ein jeder, daß als Vorschmack
Hiervon Nicosia jetzt und Famagosta
Ob ihrer Bestie schon schrein und jammern,

Die von der andern Seite sich nicht trennet.«


Gesang 20

Wenn jene, so die ganze Welt erleuchtet,
Von unsrer Hemisphär' also herabsteigt,
Daß allenthalben schon der Tag entschwindet;

Dann wird der Himmel, der von ihr allein erst
Entglommen war, auf einmal wieder leuchtend
Von vielen Lichtern, drin das ein' erglänzt.

Und dieser Akt des Himmels kam zu Sinn mir,
Als jetzt der Welt und ihrer Führer Zeichen
Still schwieg mit dem gebenedeiten Schnabel;

Denn, heller leuchtend noch, begannen jene
Lebend'gen Lichter insgesamt Gesänge,
Die dem Gedächnis schwanden und entfielen.

O süße Liebe, die sich hüllt in Lächeln,
Wie glüh'nd in jenem Funken du erschienest,
Die heilige Gedanken nur durchwehen!

Nachdem die teuern glänzenden Gesteine,
Damit das sechste Licht besetzet pranget,
Den Engelsglockenton verstummen lassen,

Glaubt' eines Flusses Murmeln ich zu hören,
Der hell von Stein zu Stein herniederstürzet,
Die Wasserfülle seines Ursprungs zeigend.

Und wie der Ton am Hals der Zither seine
Gestalt gewinnt, und wie der Wind, der durchdringt,
Sie in dem Luftloch der Schalmei gewinnet,

So, keine fern're Zögerung mehr duldend,
Stieg jenes Murmeln jetzt des Adlers aufwärts
In seinem Halse, gleich als ob er hohl sei.

Zur Stimme ward es hier und drang heraus dann
Durch seinen Schnabel in Gestalt von Worten,
Wie sie das Herz, drein ich sie schrieb, erharrte.

»Den Teil in mir, der in den ird'schen Adlern
Die Sonn' erträgt und schaut,« also begann er,
»Geziemt es jetzt aufmerksam zu betrachten,

Weil von den Feuern, draus ich mich gestalte,
Die, draus das Auge mir im Haupte schimmert,
Stehn auf der obersten all ihrer Stufen.

Der in der Mitt' als Augenstern mir glänzet,
Des heil'gen Geistes Sänger war er, der einst
Von Stadt zu Stadt versetzt die Bundeslade;

Anjetzt erkennet das Verdienst er seines
Gesangs, soweit er Wirkung eignen Rates,
Durch die Belohnung, die demselben gleich ist.

Von jenen fünfen, die als Brau' im Kreise
Mir stehn, hat, der zumeist sich naht dem Schnabel,
Die arme Witw' ob ihres Sohns getröstet;

Anjetzt erkennet er, wie schwer es kostet,
Christum nicht folgen, weil dies süße Leben,
So wie sein Gegenteil er hat erprobet.

Und der im Umkreis dann, von dem ich spreche,
Nach jenem folget auf des Bogens Steigung,
Erhielt Aufschub des Tods durch wahre Buße;

Anjetzt erkennt er, wie sich nicht verändert
Der ew'ge Spruch, ob würdiges Gebet auch
Dort unten Morgiges aus Heut'gem machet.

Der andre, der drauf folgt' in guter Meinung,
Die schlechte Frucht trug, ward mit den Gesetzen
Und mir, daß er dem Hirten weich', ein Grieche;

Anjetzt erkennet er, wie jenes Bös' ihm,
Das seiner guten Tat entsprang, nichts schadet,
Ob auch die Welt darob zugrund gegangen.

Der, den du siehst auf dem gesenkten Bogen,
War Wilhelm, den das Land beweint, das über
Friedrich und Karl, die Lebenden, jetzt jammert;

Anjetzt erkennt er, wie gerechten König
Mit Lieb' umfängt der Himmel, und noch kann man
An seines Glanzes Anblick es gewahren.

Wer glaubte drunten in der irren Welt wohl,
Daß in dem Kreis hier Rhipeus, der Trojaner,
Das fünfte sei von diesen heil'gen Lichtern;

Anjetzt erkennt er viel von dem, was nimmer
Die Welt erschaun kann von der Gnade Gottes,
Wenn auch sein Blick den Grund nicht unterscheidet.«

Gleich einer Lerche, die sich in die Lüfte
Erst singend hebt und dann zufrieden schweiget,
Ersättigt von dem letzten süßen Tone,

Schien mir anjetzo das Symbol des Abdrucks
Des ew'gen Wohlgefallens, durch das Sehnen,
Nach dem das, was es ist, jedwedes Ding wird.

Und ob ich auch hier war für meinen Zweifel,
Wie Glas, das sie umhüllt, ist für die Farbe,
Ertrug er's doch nicht länger, stumm zu harren,

Nein, aus dem Mund trieb er hervor mit seines
Gewichtes Kraft ein: »Was sind das für Dinge?«
Darob ich großes Festgeflimmer wahrnahm.

Hierauf gab dann mit glühenderem Auge
Mir das gebenedeite Zeichen Antwort,
Nicht im Erstaunen mich gespannt zu halten:

»Ich sehe, daß du diese Dinge glaubest,
Weil ich sie sage; doch das Wie nicht siehst du,
So daß sie, ob geglaubt, verhüllt doch bleiben.

Dir geht's wie jenem, der ein Ding mit Namen
Wohl kennenlernt; doch seine Washeit kann er
Nicht schaun, wenn ihm ein andrer sie nicht kundtut.

Regnum coelorum muß Gewalt erleiden
Von heißer Lieb' und von lebend'ger Hoffnung,
Durch welche Gottes Wille wird besieget;

Nicht wie der Mensch den Menschen überwindet,
Nein, jener sieget, weil besiegt er sein will
Und dann besiegt durch seine Güte sieget.

Das erst' und fünfte Leben in der Braue
Nimmt wunder dich, dieweil du mit demselben
Die Region der Engel siehst gefärbet.

Nicht Heiden, wie du meinst, nein, Christen schieden
Sie aus dem Leib, fest an der Füße Wunden,
An künft'ge das, das an erlittne glaubend;

Denn aus der Höll', in der zu gutem Willen
Nie wieder man gelangt, kehrt' heim das eine
Zu dem Gebein, als Lohn lebend'gen Hoffens;

Lebend'gen Hoffens, das all seine Stärke
In Bitten legt' an Gott, ihn zu erwecken,
So daß sein Wille sich bewegen könne.

Zum Fleisch, indem sie kurz nur blieb, gekehret,
Glaubt' an den einen die glorreiche Seele,
Von der ich spreche, der ihr helfen konnte;

Und glaubend dann entbrannt' in wahrer Liebe
Glut also sie, daß bei dem zweiten Tode
Sie würdig ward, zu diesem Fest zu kommen.

Das andere, durch eine Gnad' entströmend
So tiefem Quell, daß keine Kreatur je
Mit seinem Auge drang zur ersten Welle,

Wandt' all sein Lieben auf das Rechte drunten;
Drum ihm für unsre künftige Erlösung
Von Gnad' erschloß zu Gnade Gott das Auge,

Drob er an jene glaubt' und ferner nicht mehr
Den Stank des Heidentums ertragen konnte,
Darüber scheltend die verkehrten Völker.

Es wurden ihm zur Taufe die drei Frauen,
Die du gesehn hast an dem rechten Rade,
Eh' man getauft hat, mehr als ein Jahrtausend.

O Vorbestimmung, wie so weit entfernet
Ist deine Wurzel allen Angesichtern,
Die da den ersten Grund nicht ganz erschauen!

Ihr aber, Sterbliche, enthaltet streng euch
Vom Richten, da wir selbst, die Gott doch sehen,
Die Auserwählten alle noch nicht kennen;

Und süß erscheinet uns sotaner Mangel,
Weil unser Heil sich läutert in dem Heile,
Nur das, was Gott will, einzig selbst zu wollen.«

So ward von jenem göttlichen Gebilde,
Um aufzuklären mein kurzsichtig Auge,
Wohlschmeckend' Arzenei mir dargereichet.

Und wie dem guten Sänger mit der Schwingung
Der Sait' ein guter Zitherspieler folget,
So daß der Sang mehr Lieblichkeit erlanget,

Also erinnr' ich mich, weil es gesprochen,
Daß ich die zwei gebenedeiten Lichter
Sah, wie im Einklang zuckt der Augen Blitzen,

Die Flämmchen mit dem Wort zugleich bewegen.


Gesang 21

Schon war mein Blick zum Antlitz meiner Herrin
Aufs neu' gewendet und mit ihm die Seele,
Jedweden andern Strebens sich entschlagend.

Sie lächelte jetzt nicht, doch »Wollt' ich lächeln,«
Begann zu mir sie, »würdest so du werden,
Wie Semele, da sie zu Asche worden;

Denn meine Schönheit, die sich auf den Stiegen
Des ewigen Palastes mehr entzündet,
Wie du gesehen hast, je mehr man steiget,

Sie würde, mäßigt' ich sie nicht, so glänzen,
Daß deine ird'sche Kraft vor ihrer Leuchte
Den Zweigen gliche, die der Blitz zersplittert.

Zum siebenten der Scheine sind erhöht wir,
Der unter des glutvollen Löwen Brust jetzt,
Gemischt mit ihm, hernieder seine Kraft strahlt.

Jetzt, deinen Augen nach den Sinn geheftet,
Laß jene der Gestalt zum Spiegel dienen,
Die dir in diesem Spiegel wird erscheinen.«

Wer immer wüßte, welcherlei des Schauens
Genuß war in dem sel'gen Angesichte,
Als ich mich abgewandt zu andrer Sorge,

Der würde, wie dem himmlischen Geleite
Mir's wonnig zu gehorchen war, erkennen,
Die eine Seit' abwägend mit der andern.

In dem Kristalle, der, die Welt umkreisend,
Trägt ihres teuern Führers Namen, unter
Des Herrschaft tot einst lag jedwede Bosheit,

Sah ich von goldner strahldurchwirkter Farbe
Aufwärts so hoch sich eine Stieg' erheben,
Daß sie mein Auge nicht verfolgen konnte.

Auch sah ich auf den Stufen niedersteigen
So viele Schimmer, daß ich meint', es sei hier
Ergossen jedes Licht, das glänzt am Himmel.

Und wie, nach eingeborner Sitte, sämtlich
Die Kräh'n bei Tagesanbruch sich bewegen,
Ihr kalt Gefieder wiederum zu wärmen,

Dann ein'ge sonder Wiederkehr davonziehn,
Und andre dorthin, woher sie kamen,
Sich wenden, kreisend andere verweilen;

Solch eine Weise glaubt' ich hier zu sehen
In dem Hervorsprühn, das zugleich gekommen,
Als auf gewisser Stuf' es plötzlich stillhielt.

Und jener, der an uns zunächst jetzt stehnblieb,
Ward also klar, daß ich im Innern sagte:
›Wohl seh' die Lieb' ich, die du mir bekundest.‹

Doch sie, von der im Sprechen ich und Schweigen
Das Wie und Wann erwart', ist still, darum ich
Trotz meines Wunsches recht tu', nicht zu fragen.

Drob jene, die mein Schweigen schaut' im Schauen
Desjenigen, der alle Dinge schauet,
Zu mir so sprach: »Ström' aus dein heißes Wünschen!«

Und ich begann drauf: ›Mein Verdienst nicht machet
Mich würdig deiner Antwort, doch ob jener,
Die das Begehren mir gewähret, lass' mich,

Glücksel'ges Leben du, das sich verhüllet
In seine eigne Wonne, lass' mich wissen,
Weshalb so nah zu mir hinzu du tratest,

Und sprich, warum in diesem Kreise schweiget
Der süße ChorGesang des Paradieses,
Der also fromm klang in den andern drunten.‹

»Wie dein Gesicht ist dein Gehör auch sterblich,«
Entgegnet' er, »drum man aus gleichem Grunde hier
Nicht singt, weshalb Beatrix nicht gelächelt.

Herabkam auf der heil'gen Stiege Stufen
So weit ich, bloß dich festlich zu begrüßen
Durchs Wort und durch das Licht, das mich umkleidet.

Noch war's mehr Liebe, die mich mehr beeilte;
Denn gleich' und größre Liebe glüht nach oben
Von hier, wie das Geflamm dir offenbaret.

Doch hehres Lieben, das zu Dienerinnen
Uns macht, dem Rat der Weltregierung willig,
Verteilt, wie du bemerkst, hier die Bestimmung.«

›Wohl seh' ich ein,‹ sprach ich, ›o heil'ge Leuchte,
Wie freie Lieb' an diesem Hof genüget,
Der ewigen Voraussicht nachzukommen.

Doch das ist's, was mir schwer scheint zu begreifen,
Weshalb zu diesem Amt allein vor deinen
Genossen du vorausbestimmet worden.‹

Kaum war ich noch zum letzten Wort gelanget,
Als er zum Wendepunkt nahm seine Mitte,
Gleich einer raschen Mühl' umher sich drehend.

Drauf gab die Liebe, die drin war, zur Antwort:
»Ein göttlich Licht schärft nach mir seine Strahlen,
Durchdringend das, des Höhlung mich beherbergt,

Und seine Kraft, vereint mit meinem Schaun, hebt
So weit mich über mich, daß ich kann schauen
Die höchste Wesenheit, draus es geschöpft ist.

Daher die Fröhlichkeit, die mich entflammet,
Weil meinem Anschaun, je nachdem es klar ist,
Ich gleich die Klarheit mache meiner Flamme.

Allein die aufgehellt'ste Seel' im Himmel,
Der Seraph, der zumeist auf Gott das Auge
Geheftet hat, nicht gnügt er deiner Frage,

Dieweil so weit hinein liegt in den Abgrund
Der ew'gen Satzung, was du heischest, daß es
Sich jeglichem erschaffnen Blick entziehet.

Und wenn zur Welt der Sterblichkeit du heimkehrst,
Berichte dies so, daß man nicht mehr wage,
Nach solchem Ziel die Füße zu bewegen.

Der Geist, der Licht hier, ist auf Erden Nebel,
Drum sieh, ob er dort unten wohl vermöchte,
Was er nicht kann, da ihn der Himmel aufnimmt.«

So setzten eine Schranke seine Worte
Mir, daß die Frag' ich ließ und mich begnügte,
Demütig, wer er sei, von ihm zu forschen.

»Ein Felsjoch hebt sich zwischen Welschlands beiden
Gestaden nicht gar weit von deiner Heimat
So hoch, daß sehr viel tiefer hallt der Donner,

Und bildet eine Kuppe, namens Catria,
Darunter eine Wildnis eingeweiht ist,
Die sich zu eignen pflegt einsamem Gott'sdienst.«

Also begann zu mir die dritte Rede
Er jetzt und sprach fortfahrend dann: »Hier hatt' ich
Im Dienste Gottes also mich befestigt,

Daß ich bei Speisen aus Olivensaft nur
Mit Leichtigkeit hinbrachte Frost und Hitze,
Zufrieden in beschaulichen Gedanken.

Dies Kloster pflegt' einst reichlich Frucht zu tragen
Dem Himmel hier, doch jetzt ist's leer geworden,
So daß alsbald sich solches muß enthüllen.

Ich Peter Damian lebte hier, doch Peter
Der Sünder hat gelebt im Hause unsrer
Liebfrau'n am adriatischen Gestade;

Nur wenig ird'sches Leben blieb mir übrig,
Als man zu jenem Hut mich rief und schleppte,
Der jetzt von Schlechten übergeht zu Schlechten.

Es kam einst Cephas, es kam einst das große
Gefäß des heil'gen Geists, barfuß und mager,
Die Kost, die jede Herberg' bot, genießend.

Anjetzt bedarf der neu're Hirt, daß einer
Ihn stützte rechts und links, und der ihn führe,
So schwer ist er, und der ihn hinten hebe.

Mit seinem Mantel decket er den Zelter,
So daß zwei Bestien unter einem Fell gehn;
O der Langmütigkeit, die soviel duldet!«

Auf solche Stimme sah ich mehr' der Flämmchen
Von Grad zu Grad absteigen und sich drehen,
Und schöner wurden sie bei jeder Drehung.

Um jenen sich versammelnd, hielten still sie
Und gaben einen Ruf so lauten Klanges
Von sich, daß hier damit nichts zu vergleichen,

Und ich ihn nicht vernahm, vom Schall bewältigt.


Gesang 22

Von Schreck beklommen wandt' ich wieder hin mich
Zur Führerin, dem Kindlein gleich, das immer
Dorthin sich flüchtet, wo's zumeist vertrauet.

Und diese, gleich der Mutter, die behende
Aufhilft dem bleichen atemlosen Sohne
Mit ihrer Stimme, die ihn stets ermuntert,

Sprach zu mir: »Weißt du nicht, daß du im Himmel?
Und weißt du nicht, daß ganz der Himmel heilig,
Und, was drin vorgeht, stammt aus rechtem Eifer?

Wie der Gesang dich erst verwandelt hätte
Und ich durchs Lächeln, kannst du jetzt dir denken,
Nachdem das Rufen schon dich so bewegt hat;

Und wenn in solchem du vernommen hättest
Die Bitte, würde dir bekannt die Rache
Schon sein, die du vor deinem Tod noch schaun wirst.

Das Schwert aus dieser Höh', nicht eilig schneidet's,
Noch langsam, als allein in dessen Meinung,
Der, wünschend oder fürchtend, seiner harret.

Doch wende wieder jetzt dich nach den andern,
Denn gar berühmte Geister wirst du schauen,
Wenn du nach meinem Wort den Blick zurückführst.«

Wie's ihr gefiel, sodann die Augen richtend,
Sah ich wohl hundert Sphärlein, unt'reinander
Mit gegenseit'gen Strahlen sich verschönernd.

Ich stand gleich jenem, der in sich zurückdrängt
Den Stachel des Verlangens und zu fragen
Sich nicht vermißt, zu viel zu tun sich scheuend.

Die größt' und auch zugleich die lichterfüllt'ste
Von jenen Perlen trat jetzt vor, um meinem
Verlangen in bezug auf sich zu gnügen.

Drauf hört' ich's ihr im Innern: »Wenn gleich mir du
Die Liebe säh'st, die unter uns erglühet,
Würd' ausgedrückt sich zeigen dein Gedanke;

Doch daß du, harrend, nach dem hohen Ziel nicht
Zu kommen zögerst, geb' ich deinem Denken
Schon, das so sehr zurück du hältst, jetzt Antwort.

Der Berg, an dessen Hang Cassino lieget,
Ward einst auf seinem Gipfel heimgesuchet
Von dem betrognen, schlimm gesinnten Volke;

Und ich bin's, der zuerst hinaufgetragen
Den Namen dessen, der zur Erde nieder
Die Wahrheit brachte, die uns so verkläret;

Und über mich entstrahlte so viel Gnade,
Daß ich ringsum die Weiler vom verruchten
Dienst abzog, der die Welt verführet hatte.

Die andern Flammen waren insgesamt auch
Beschaul'che Männer, von der Wärm' erglühend,
Die heil'ge Blüten sprießen macht und Früchte.

Hier ist Macarius, hier ist Romualdus,
Hier sind auch meine Brüder, die in Klöstern
Den Schritt gebannt und fest das Herz gehalten.«

Ich drauf: ›Die Liebe, die du, mit mir sprechend,
Mir zeigest, und das güt'ge Ansehn, das ich
Schau' und bemerk' in allen euren Gluten,

Hat also mir die Zuversicht erweitert,
Wie vor der Sonne sich die Ros' entfaltet,
Wenn sie, so sehr als sie's vermag, sich auftut.

Drum fleht' ich, Vater, laß mich sicher wissen,
Ob so viel Gnad' ich kann erlangen, daß ich
Dich schau' in unverschleiertem Gebilde?‹

Und er drauf: »Bruder, dein erhabnes Sehnen
Wird sich erfüllen in der letzten Sphäre,
Wo jedes andr' und meines sich erfüllet.

Dort ist vollkommen reif und ungeschmälert
Jedwede Sehnsucht; denn in ihr allein ist
Ein jeder Teil dort, wo er stets gewesen;

Denn nicht im Raum ist sie, kennt keine Pole,
Und unsre Stiege reicht bis hin zu selben,
Darum sie so sich deinem Blick entziehet.

Bis dort hinauf sah ihre höchste Spitze
Jakob der Patriarch einst sich erstrecken,
Als sie von Engeln so beschwert ihm deuchte.

Doch jetzt bewegt, sie zu ersteigen, niemand
Den Fuß vom Boden mehr, und meine Regel
Blieb drunten, um die Blätter zu verderben.

Die Mauern, die vordem Abtei'n gewesen,
Sind Räuberhöhlen worden, und die Kutten
Sind Säcke, mit verdorbnem Mehl gefüllet.

Doch schwerer Wucher lehnt sich gegen Gottes
Gefallen mehr nicht auf, als jene Nutzung,
Davon so töricht wird das Herz der Mönche;

Denn alles, was die Kirche hat, gehöret
Dem Volke, das um Gottes Willen flehet,
Und nicht Verwandten, noch auch andern Schlimmren,

Das Fleisch der Sterblichen ist so verlockend,
Daß guter Anfang drunten nicht vom Keime
Der Eiche zu der Eichel Bildung hinreicht.

Petrus begann, nicht Gold, noch Silber führend,
Ich mit Gebet und Fasten, und Franciscus
Demütiglich die Stiftung seines Ordens.

Und wenn du auf den Anfang eines jeden
Und dann zum Punkte blickst, wo's hingelangt ist,
Wirst du viel Weißes sehn, das schwarz geworden.

Doch traun! den Jordan rückwärts abgewendet,
Und fliehn das Meer zu sehn, als Gott es wollte,
War wunderbarer noch, als hier die Hilfe.«

Sprach's und trat wieder dann zu den Genossen,
Und die Genossen, eng vereint, erhoben
Sich aufwärts drauf gleich einem Wirbelwinde.

Die süße Herrin trieb durch einen Wink bloß
Mich ihnen nach die Stieg' an; so ward meine
Natur bewältiget von ihrer Stärke.

Noch gab's hienieden, wo man auf- und absteigt,
Naturgemäß so schnell je ein Bewegen,
Daß meinem Flug man es vergleichen könnte.

So wahr ich, Leser, je zurück will kehren
Zum frommen Siegeszug, drob meine Sünden
Ich oft bewein' und an die Brust mir schlage,

Du würd'st den Finger nicht so schnell ins Feuer
Gesteckt und draus gezogen haben, als ich
Das Zeichen, das dem Stier folgt, sah und drin war.

O ihr glorreichen Stern', o Licht, erfüllet
Mit großer Kraft, als dessen Gab' ich alles,
Was ich an Geist empfangen, anerkenne,

Mit euch ging auf, mit euch verbarg sich jener,
Der allem ird'schen Leben ist ein Vater,
Als ich zuerst Toskanas Luft gefühlet;

Und dann, als ich die Gnad' erlangt, zu treten
In jenen hehren Kreis, der euch umherschwingt,
Ward eure Region mir angewiesen.

Zu euch empor jetzt seufzet meine Seele
Inbrünstiglich, um Kraft zum schweren Schritte,
Der nach sich hin sie zieht, sich zu erwerben!

»Du bist so nah jetzt bei dem letzten Heile,«
Also begann Beatrix nun, »daß lauter
Und scharf das Licht schon sein muß deinen Augen.

Und drum, eh' du dich mehr hinein vertiefest,
Blick' abwärts noch einmal und sieh, wie viel schon
Ich von der Welt dir untern Füßen sein ließ

So daß dein Herz so freudevoll als möglich
Der triumphier'nden Schar entgegentrete,
Die fröhlich naht durch diesen runden Äther.«

Den Blick zurück durch alle sieben Sphären
Jetzt führend, sah ich diesen Ball also, daß
Mich lächeln machte sein verächtlich Ansehn;

Und jenen Ratschluß schätz' ich als den besten,
Dem er am mind'sten gilt; und wem nach anderm
Der Sinn steht, der kann wahrhaft trefflich heißen.

Ich sah die Tochter der Laton' erglühend,
Des Schattens ledig, der ein Grund gewesen,
Drob ich sie dicht und dünn geglaubt einst hatte.

Den Anblick deines Sohns, o Hyperion,
Ertrug ich hier und sah, wie sich zunächst ihm
Und um ihn her Dion' und Maja drehen.

Hiernach erschien mir zwischen Sohn und Vater
Ermäßigt Jupiter, und deutlich ward mir
Hierdurch, wie sie verändern ihre Stelle;

Und alle sieben zeigten insgesamt mir,
Wie sie so groß und wie sie so geschwind sind,
Und wie sie auf getrennten Bahnen wandeln.

Das Plätzlein, das so stolz uns macht, indes ich
Mich mit dem ew'gen Zwillingspaar umherschwang,
Erschien mir ganz von Mündungen zu Hügeln:

Drauf wandt' das Aug' ich zu den schönen Augen.


Gesang 23

Gleichwie das Vöglein, das auf seiner süßen
Erzeugten Nest im lieben Laubesdunkel
Die Nacht durch lag, die uns die Ding' umhüllet,

Um des ersehnten Anblicks zu genießen
Und Kost zu finden, die es jenen spende,
Drob angenehm die schweren Müh'n ihm scheinen,

Der Stunde kommt zuvor auf offnem Zweige
Und, glüh'nden Wunsches voll die Sonn' erharrend,
Mit festem Blick späht, ob die Dämmrung anhebt;

So stand emporgerichtet meine Herrin,
Aufmerksam hingewandt zur Himmelsgegend,
Darunter mindres Eilen zeigt die Sonne.

Drob mir, der sie so sehnsuchtsvoll sah harren,
Wie einem ward zu Mut, der wohl ein andres
Sich wünscht', allein durch Hoffen sich beruhigt.

Doch kurze Frist verstrich von der zu jener
Wonne, des Harrens mein' ich und Erblickens,
Wie nach und nach der Himmel sich erhellte.

Und jetzt begann Beatrix: »Sieh die Scharen
Des Siegeszuges Christi, sieh versammelt
Die ganze Frucht des Kreisens dieser Sphären!«

Es schien, als ob ihr Antlitz ganz erglühe,
Und wonnerfüllt so waren ihre Augen,
Daß ich vorbeigehn muß, ohn' es zu schildern.

Gleichwie bei heitern Vollmondsnächten Trivia,
Umgeben von den ew'gen Nymphen, lächelt,
Damit des Himmels Tief allseits geschmückt ist;

So sah ich über Tausenden von Leuchten,
Sie allzumal entzündend, eine Sonne,
Wie, was wir droben schaun, die unsr' erleuchtet;

Und, durchs lebend'ge Licht durchschimmernd, glänzte
Die leuchtende Substanz mit solcher Klarheit
Ins Antlitz mir, daß ich's nicht tragen konnte.

›O teure, süße Führerin Beatrix!‹
Drauf sie zu mir: »Das, was dich überwältigt,
Ist eine Kraft, vor der sich nichts kann schirmen.

Hier ist die Weisheit, hier die Macht, die zwischen
Dem Himmel und der Erd' erschloß die Wege,
Darob so lange Zeit man Sehnsucht fühlte.«

Wie aus der Wolke Feuer sich entfesselt,
Sich dehnend, so daß es nicht drin kann bleiben,
Und der Natur zuwider erdwärts stürzet;

So trat, inmitten jenes Festgelages,
Vergrößert aus sich selbst heraus mein Geist jetzt,
Und wie's ihm ward, kann er sich nicht erinnern.

»Schließ auf dein Aug' und schau, wie ich beschaffen,
Denn solche Dinge sahst du, daß du fähig
Geworden bist, mein Lächeln zu ertragen.«

Ich war demjen'gen gleich, der, von vergessnem
Gesicht erwacht, doch sich umsonst bemühet,
In das Gedächtnis sich's zurückzuführen,

Als diesen Antrag ich vernahm, der würdig
So vielen Danks, daß nimmer er vertilgt wird
Vom Buch, drin das Vergangne steht verzeichnet.

Wenn jetzt die Zungen insgesamt ertönten,
Die Polyhymnia nebst ihren Schwestern
Am süßesten mit ihrer Milch genähret,

Mir beizustehn, ein Tausendteil der Wahrheit
Erreicht' ich nicht, das heil'ge Lächeln singend,
Und wie's erheiterte das heil'ge Antlitz.

So muß bei Schilderung des Paradieses
Das heil'ge Lied oft etwas überspringen,
Wie der so seinen Pfad trifft abgeschnitten.

Doch wer des Gegenstands Gewicht bedächte,
Und daß die Schulter sterblich, die's auf sich nimmt,
Nicht tadeln würd' er, daß sie drunter zittert;

Denn keine Fahrt ist's, für ein kleines Schifflein
Geeignet, die der kühne Kiel jetzt schneidet,
Noch für den Schiffer, der sein selbst will schonen.

»Warum entzücket also dich mein Antlitz,
Daß du zurück nicht schaust zum schönen Garten,
Der unter Christi Strahl sich schmückt mit Blumen?

Dort ist die Ros', in welcher das Wort Gottes
Zu Fleisch geworden ist, dort sind die Lilien,
Nach deren Duft den guten Weg man einschlug.«

Beatrix so. Und ich, der ihrem Rate
Ganz willig war, begab zum Kampf mich wieder,
Den zu bestehn die schwachen Augen hatten.

Wie wohl im Sonnenstrahl, der ein gebrochnes
Gewölk durchziehet, eine blum'ge Wiese
Mein Blick gesehn hat, selbst bedeckt mit Schatten,

So sah ich viele Scharen hier von Schimmern
Durch glüh'nde Strahlen glanzerfüllt von oben
Und konnte doch nicht schaun des Funkelns Ursprung.

O milde Kraft, die also sie durchdringet,
Du hobest dich empor, um meinen Augen,
Die's nicht ertragen konnten, Raum zu geben!

Der schönen Blume Namen, den ich immer
Anrufe spät und früh, zog ganz zusammen
Den Geist mir, auf das größte Licht zu merken.

Und als mir wiederglänzt' im Augenpaare
Die Weis' und Größe des lebend'gen Sternes
Der droben siegt, wie er gesiegt hier unten,

Stieg' eine Fackel in den Himmel nieder,
Gleich einer Kron', in Kreisesform gestaltet,
Die, jenen gürtend, um ihn her sich drehte.

Der Melodien süßeste hienieden,
Und die zumeist die Seele an sich zöge,
Schien eine Wolke, die zerrissen donnert,

Verglichen mit den Tönen jener Leier,
Mit der der liebliche Saphir gekrönt war,
Davon saphirblau glänzt der klarste Himmel.

»Ich bin die Engelsliebe, die umkreiset
Die hohe Wonne, so dem Leib entwehet,
Drin unser Sehnen ist beherbergt worden,

Und werd', o Himmelsfürstin, sie umkreisen,
So lang dem Sohn du folgst, und gotterfüllter
Durch deinen Eintritt machst die höchste Sphäre.«

Also kam jetzt die zirkelförm'ge Weise
Zum Schlusse, und die andern Lichter ließen
Marias Namen insgesamt erklingen.

Der königliche Mantel aller Hüllen
Des Universums, der von Gottes Atem
Und seinem Tun zumeist glüht und belebt wird,

Hatt' über mir sein inneres Gestade
In solcher Ferne, daß annoch sein Glänzen
Dort, wo ich stand, mir nicht erscheinen konnte.

Drum waren meine Augen nicht imstande,
Dorthin zu folgen der gekrönten Flamme,
Die sich erhob in ihres Samens Nähe.

Und gleich dem Kindlein, das nach seiner Mutter
Ausstreckt die Arme, wenn's die Milch genossen,
So dehnt' ob des Gefühls, das selbst im Äußern

Entflammt sich zeigt, ein jeder dieser Schimmer
Die Spitz' empor, so daß die hohe Liebe
Mir kund ward, die sie zu Maria trugen.

Drauf blieben hier sie mir im Angesichte,
So süßen Klangs »Regina coeli« singend,
Daß nie die Lust dran sich von mir geschieden.

O welche Füll' in jenen überreichen
Kornspeichern aufbewahrt wird, die hienieden
Im Sä'n so gute Feldbesteller waren!

Hier lebt man von den Schätzen und genießt sie,
Die weinend man erwarb in der Verbannung
Zu Babylon, wo man das Gold zurückließ.

Hier triumphieret unter dem erhabnen
Sohn Gottes und Marias mit dem alten
Und neuen Rat ob seines Siegs der, welcher

Zu solcher Herrlichkeit den Schlüssel führet.


Gesang 24

»O Tischgenossenschaft, zum großen Mahle
Des sel'gen Lamms erkoren, das euch speiset,
Also daß stets erfüllt ist euer Sehnen!

Wenn dieser hier durch Gottes Gnad' im voraus
Von dem verkostet, was von eurem Tisch fällt,
Eh' noch der Tod ein Ziel ihm hat gestecket,

Erwägend sein unendliches Verlangen,
Betauet ihn ein wenig; denn ihr trinkt ja
Stets aus dem Quell, draus kommt, worauf er sinnet.«

Beatrix so, und jene wonn'gen Seelen
Umschwangen Sphären gleich auf festen Polen
Sich, mächtig flammend nach Kometenweise.

Und wie gemessnen Gangs des Uhrwerks Räder
Sich drehn, so daß das erste dem Betrachter
Zu stehn scheint und das letzte scheint zu fliegen,

So ließen, in verschiedenart'gem Tanze
Schnell oder langsam sich bewegend, jene
Festreigen mich auf ihre Fülle schließen.

Aus jenem, den als schönsten ich erkannte,
Sah ich ein Feuer kommen, so beseligt,
Daß keins darin es ließ von größrer Klarheit;

Und zu drei Malen kreist' es um Beatrix
Mit solchem göttlichen Gesang, daß meine
Einbildungskraft ihn mir nicht wiederholet.

Drum setzt die Feder aus, und nichts drob schreib' ich,
Denn auch die Phantasie, nicht nur das Wort, ist
Für solche Falte von zu greller Farbe.

»O heil'ge Schwester mein, die so andächtig
Drum bittet, durch dein gluterfülltes Lieben
Entrückst du mich aus jener schönen Sphäre.«

Stillhaltend richtete drauf meiner Herrin
Den Hauch zu die gebenedeite Flamme;
So sprechend, wie ich eben jetzt berichtet.

Und sie: »0 ew'ges Licht des großen Mannes,
Dem unser Herr die Schlüssel, die herab er
Gebracht hat, ließ zu dieser Wunderwonne,

Prüf' über schwer' und leichte Punkte diesen,
Wie dir's gefällt, in Anbetracht des Glaubens,
Durch den du übers Meer einst bist gewandelt.

Ob er recht liebet und recht hofft und glaubet,
Ist dir verborgen nicht, weil dort das Auge
Du hast, wo jedes Ding gemalt zu schaun ist.

Doch weil durch den wahrhaft'gen Glauben Bürger
Dies Reich erworben hat, ist's gut, daß, solchem
Zum Ruhm, es dem gescheh', davon zu sprechen.«

Wie schweigend sich der Baccalaureus rüstet,
Solang der Meister noch die Frage vorlegt,
Sie zu begründen, nicht sie zu entscheiden,

So rüstet' ich mich jetzt mit allen Schlüssen,
Indes sie redete, daß ich bereit sei
Auf solchen Fragenden und solch Bekenntnis.

»Sprich, guter Christ, und gib dich zu erkennen;
Was ist der Glaube?« Drauf erhob die Stirn ich
Nach jenem Licht, von dem dies Wort enthaucht ward;

Dann wandt' ich gen Beatrix mich, und diese
Gab rasch ein Zeichen mir, daß ich das Wasser
Des innern Quells nach außen möcht' entladen.

›Die Gnade,‹ hob ich an, ›die vor dem hehren
Vorkämpfer mir gewährt Beicht' abzulegen,
Lass' mich für meinen Sinn den Ausdruck finden!‹

Und fuhr dann fort: ›Wie der wahrhaft'ge Griffel
Uns schrieb, o Vater, deines teuren Bruders,
Der Rom mit dir auf rechten Pfad gelenkt hat,

Der Glaube ist Substanz gehoffter Dinge,
Und der Beweisgrund für die unsichtbaren,
Und solches dünkt zu sein mir seine Washeit.‹

Drauf hört ich: »Du denkst richtig, wenn du anders
Genau verstehst, warum zu den Substanzen
Du solchen zählst und den Beweisesgründen.«

Und ich sodann zu ihm: ›Die tiefen Dinge,
Die mir allhier gewähren ihr Erscheinen,
Sind jedem Auge drunten so verborgen,

Daß dort ihr Dasein einzig ist im Glauben,
Auf welchen sich die hehre Hoffnung gründet,
Und drum erhält den Namen der Substanz er,

Und von sotanem Glauben muß man weiter
Dann Schlüsse ziehn, ohn' andres zu erkennen;
Deshalb erhält er des Beweisgrunds Namen.‹

Drauf hört' ich: »Wenn, was immer wird erworben
Durch Lehre drunten, so verstanden würde,
So wäre für Sophistenwitz nicht Raum da.«

Also enthaucht's aus jener glüh'nden Liebe;
Drauf fügte sie hinzu: »Gar wohl durchgangen
Ist jetzo Schrot und Korn schon jener Münze;

Doch sprich' ob du sie hast in deiner Börse!«
Und ich: ›So glänzend hab' ich und so rund sie,
Daß im Gepräg' an ihr nichts zweifelhaft bleibt.‹

Demnächst entklang aus jenem tiefen Lichte,
Das hier erglänzte: »Dieses teure Kleinod,
Darauf jedwede Tugend ist gegründet,

Wo kam dir's her?« Und ich: ‹ Des heil'gen Geistes
Freigeb'ger Tau, der sich ergossen über
Die alten und die neuen Pergamene,

Gilt mir als Folgrung, draus so scharf sich jenes
Für mich ergibt, daß im Vergleich zu diesem
Ein jeglicher Beweis mir stumpf erscheinet.‹

Hierauf hört ich: »Die alte und die neue
Behauptung, die als Schluß dir also dienen,
Weswegen hältst du für ein göttlich Wort sie?«

Ich drauf: ›Beweis, der mir die Wahrheit aufdeckt.
Die Werke sind's, zu denen die Natur nie
Das Eisen glühete, noch schlug den Amboß.‹

Zur Antwort ward mir: »Sprich, wer ist die Bürgschaft,
Daß diese Werk' erfolget sind? Dasselbe,
Was zu beweisen ist, nichts sonst, ich schwör' dir's.«

›Wenn ohne Wunder sich die Welt gewendet
Zum Christentum,‹ sprach ich, ›so ist dies eine
So groß, daß nicht ein Hundertteil die andern;

Daß, arm und Mangel leidend, eingetreten
Ins Feld du bist, zu sä'n die gute Pflanze,
Die Reb' einst war und Dornbusch jetzt geworden.‹

Ich schloß, und durch die Sphäre klang's vom heil'gen
Erhabnen Hof: »Wir loben, ein'ger Gott, dich!«
Nach jener Weise, die man singt dort oben.

Und der Baron, der schon, mir Fragen stellend,
Von Zweig zu Zweig mich so gezogen hatte,
Daß wir uns naheten den letzten Blättern,

Began aufs neu': »Die Gnade, die sich liebend
Vereinet deinem Sinn, erschloß den Mund dir
Bis hierher, wie sich's aufzutun ihm ziemet,

So daß ich billige, was draus hervorkam;
Doch jetzt ziemt's auszudrücken, was du glaubest,
Und woher's deinem Glauben ward geboten.«

›O sel'ger Geist und Vater, der du schauest,
Was so du glaubtest, daß du überwandest
Im Lauf zum Grab hin jugendlich're Füße,‹

Sprach ich, ›du willst, daß kund allhier ich mache
Das Wesentliche meines will'gen Glaubens,
Und minder nicht desselben Grund begehrst du.‹

Und ich antwort': ›Ich glaub' an einen ein'gen
Und ew'gen Gott, der da den ganzen Himmel
Bewegt, selbst unbewegt, durch Lieb' und Sehnsucht;

Und nicht nur physischen und metaphys'schen
Beweis hab' ich für solches Glauben, nein, auch
Die Wahrheit gibt mir's, die von hier entträufelt

Durch Moyses, die Propheten und die Psalmen,
Durchs Evangelium und durch euch, die schriebet,
Nachdem euch jener feur'ge Geist geadelt.

Auch glaub' ich an drei ewige Personen,
Die eine Wesenheit, so ein' und dreie,
Daß sunt und est sie allzumal ertragen.

Vom tiefen göttlichen Verhalten, das ich
Berühr' anjetzt, erhält mein Sinn zum öftern
Den Eindruck durch des Evangeliums Lehre.

Dies ist das Urprinzip, dies ist der Funke,
Der in lebend'ger Flamme dann sich ausdehnt
Und, wie ein Stern am Himmel, in mir sprühet.‹

Gleichwie der Herr, der hört, was ihm genehm ist,
Den Diener dann umarmt auf solche Nachricht
Mit freud'gem Gruß, sobald er ausgesprochen,

Also umkreist' mit segnendem Gesange
Zu dreien Malen mich, als ich geschwiegen,
Das apostol'sche Licht, auf des Geheiß ich

Gesprochen; so gefiel ihm meine Rede.


Gesang 25

Sollt' ich's erleben, daß die heil'ge Dichtung,
Daran Hand angelegt hat Erd' und Himmel,
Und drob ich manches Jahr schon hager worden,

Die Grausamkeit besiegte, die mich ausschließt
Von jener schönen Hürde, drin ein Lämmlein
Ich schlief, den Wölfen Feind, die sie bekriegen;

Würd' ich mit anderm Ruf, mit anderm Vließe
Als Dichter heim dann kehren und am Borne,
Wo ich getaufet ward, den Kranz erhalten,

Weil in dem Glauben, der mit Gott die Seele
Befreundet, ich dort eintrat und dann Petrus
Um seinetwillen mir die Stirn umkreiste.

Hierauf bewegte gegen uns ein Licht sich
Aus jener Schar, daraus der Erstling seiner
Statthalter kam, den Christus hinterlassen.

Und meine Herrin, ganz erfüllt von Wonne,
Sprach zu mir: »Schau, schau hin, sieh den Baron hier,
Für den man drunten nach Galizien pilgert.«

Wie wenn der Tauber dicht bei der Genossin
Sich niederläßt, sie beiderseits durch Kreisen
Und Girren ihre Liebe kund dann geben,

So sah ich, wie der eine jener großen
Ruhmwürd'gen Fürsten hier den andern aufnahm,
Die Kost, die droben wird genossen, preisend.

Nachdem zu Ende war die Festbegrüßung,
Hielt schweigend grad' vor mir ein jeder still jetzt
Entflammt so, daß das Auge mir's besiegte.

Darauf begann Beatrix lächelnd also:
»Erlauchtes Leben du, durch welches unsers
Prachttempels Überfluß bezeichnet worden,

Die Hoffnung laß auf dieser Höh' erklingen;
Du weißt ja, daß so oft du sie bedeutest,
Als Jesus ließ die drei sehn größre Klarheit.« –

»Das Haupt erheb' und sieh, daß Mut du fassest;
Denn das, was aus der ird'schen Welt hier 'rauf kommt,
Muß erst an unsern Strahlen Reif erlangen.«

Sotaner Trost kam mir vom zweiten Feuer,
Drob ich die Augen aufhob zu den Bergen,
Die sie durch zuviel Wucht erst niederbeugten.

»Dieweil, daß du in der geheimsten Halle
Mit seinen Grafen dich noch vor dem Tode
Besprächest, unser Kaiser will aus Gnaden,

So daß, da diesen Hof du wirklich schauest,
Die Hoffnung, die mit rechter Liebe drunten
Erfüllt, du dort in dir und andern stärkest;

Sag' an, was ist sie, und wie sehr von solcher
Dein Geist erblüht, und sprich, woher sie kam dir.«
Also fuhr anderweit das zweite Licht fort.

Und jene Fromme, die zu so erhabnem
Flug das Gefieder meiner Schwingen führte,
Kam also mir zuvor in meiner Antwort:

»Die Kirche hat, die Streitende, begabter
An Hoffnung keinen Sohn, wie's in der Sonne
Geschrieben, die all unsre Schar bestrahlet;

Drum ward gewährt ihm, daß er von Ägypten
Zum Anschaun nach Jerusalem gelange,
Bevor sein Kriegesdienst noch abgelaufen.

Die übrigen zwei Punkte, drob du fragtest,
Nicht um sie zu erfahren, nein, damit er
Berichte, wie dir diese Tugend wert ist,

Lass' ich ihm selbst, sie werden ihm nicht schwer sein,
Noch dünkelhaft ihn zeigen; er antworte
Darauf, und dazu helf ihm Gottes Gnade!«

Dem Schüler gleich, der Rede steht dem Lehrer
In dem, was er versteht, bereit und willig,
Damit sich seine Tüchtigkeit erweise:

›Hoffnung,‹ sprach ich, ›ist ein gewiß Erwarten
Der künft'gen Glorie, das mit Gottes Gnade
Vorhergegangenes Verdienst erzeuget.

Von vielen Sternen kommt mir dieses Licht her,
Doch der hat mir's zuerst ins Herz geträufelt,
Der höchster Sänger war des höchsten Führers.

Es mögen jene, singt in einem Psalm er,
Die deinen Namen kennen, auf dich hoffen;
Und wer nicht kennt ihn, hat er meinen Glauben?

Du dann betrauftest mich mit deinem Träufeln
In der Epistel, so daß selbst ich voll bin
Und euern Tau auf andre wieder taue.‹

Indes ich sprach, erzittert' ein Geflamme
In dem lebend'gen Busen jener Lohe,
Rasch und schnell wiederkehrend, gleich dem Blitzen.

Darauf enthauchte sie: »Die Liebe, die mich
Durchglüht noch für die Tugend, die mir folgte
Bis zu der Palm' und zu der Kampfbahn Ausgang,

Heischt, daß ich nochmals an dich hauch', auf daß du
Dich ihrer freust; und mir gefällt, daß, was dir
Verspricht die Hoffnung, du mir jetzt verkündest.«

Und ich: ›Die alten und die neuen Schriften
Bezeichnen mir das Ziel (es selbst gibt kund mir's)
Der Seelen, die sich Gott befreundet haben.

Isaias spricht, daß jegliche bekleidet
Mit doppeltem Gewand in ihrem Land wird,
Ihr Land ist aber dieses süße Leben.

Und viel ausführlicher noch läßt dein Bruder
Dort, wo er von den weißen Kleidern handelt,
Sotane Offenbarung uns erkennen.

Und gleich beim Ende jener Worte hörte
Man über uns zuerst »Sperent in te«,
Worauf die Reigen all entgegenklangen;

Sodann ging unter ihnen auf ein Licht,
So daß, wenn solch Kristall der Krebs besäße,
Aus einem Tag bestand' ein Wintermond.

Und wie die Jungfrau fröhlich sich erhebet
Und kommt und in den Tanz tritt, nur um Ehre
Der Braut zu tun, nichts Schlimmes irgend sinnend;

Also sah ich den aufgegangnen Schimmer
Den zwei'n sich nahn, die sich im Kreise drehten,
Wie's ihrer glüh'nden Liebe war entsprechend.

Hier trat ins Lied er ein und in die Weise,
Und meine Herrin hielt auf sie das Antlitz,
Gleich einer Braut, schweigsam und unbeweglich.

»Der ist's, der unserm Pelikan am Busen
Gelegen hat, der ist es, der vom Kreuze
Herab zum großen Amt erkieset worden.«

Also sprach meine Herrin, doch nicht wurde
Nachher mehr als vorher vom aufmerksamen
Hinblick ihr Antlitz durch das Wort gewendet.

Wie's jener tut, der blinzend sich bemühet,
Der Sonne Teilverfinsterung zu schauen,
Der durch das Sehn des Sehens sich beraubet;

So tat ich hier bei diesem letzten Feuer,
Indes gesagt mir ward: »Was blend'st du selbst dich,
Um etwas zu erschaun, das hier nicht statt hat?

Erd' ist mein Leib auf Erden und wird's bleiben
So lang mit allen andern, bis der ew'gen
Vorausbestimmung unsre Zahl sich gleichstellt.

Mit den zwei Kleidern sind im sel'gen Chore
Die beiden Lichter nur, die sich erhoben;
Und dieses wirst nach deiner Welt du bringen.«

Auf solches Wort kam das entflammte Kreisen
Zur Ruh' jetzt und mit ihm die süße Mischung,
Die des dreifachen Hauches Ton erzeuget.

Wie, sei's Ermüdung, sei's Gefahr zu meiden,
Die Ruder, die das Wasser erst gepeitschet,
Ruhn allzumal auf einer Pfeife Zeichen.

O wie ward in dem Innern ich beweget,
Als ich mich wandt', um anzuschaun Beatrix,
Und doch sie sehn nicht konnte, ob ich nah' gleich

Mich ihr befand und in der Welt der Sel'gen!


Gesang 26

Noch zweifelt' ich ob der erloschnen Sehkraft,
Als aus dem Flammenglanz, der sie geblendet,
Ein Hauch hervordrang, der mich auf ließ merken

Und sprach: »Bis daß du wiederum gewinnest
Des Sehens Sinn, den du an mir verzehret,
Ziemt's, daß du durch Besprechung ihn ersetzest.

Beginne drum und sprich, was deines Geistes
Ziel ist, und halte dich versichert, daß nur
Verirrt in dir die Sehkraft, nicht erstorben;

Denn jene Herrin, die dich führt durch diese
Göttliche Region, hat in dem Blicke
Die Kraft, die Ananias' Hand besessen.«

›Früh oder spät, wie's ihr beliebt, genese
Das Auge mir,‹ sprach ich, ›durch das als Tor sie
Einzog mit jenem Feu'r, das stets mich glühn macht;

Das Gut, das diesen ganzen Hof befriedigt,
Ist A und 0 von allen Schriften, draus mir
Laut oder leise Liebe wird verlesen.‹

Dieselbe Stimme, die mir die Besorgnis
Entnommen ob des plötzlichen Erblindens,
Hieß mich aufs neu' für meine Rede sorgen

Und sprach: »Gewiß, mit einem engern Siebe
Ziemt's dir noch zu durchseihen; sagen mußt du,
Was deinen Bogen auf dies Ziel gerichtet.«

Und ich darauf: ›Durch philosoph'sche Gründe
Und durch Autorität, von hier entsteigend,
Muß sich in mir einprägen solche Liebe,

Weil Gutes, insoweit es gut, sobald es
Erkannt wird, Lieb' entzündet, um so größre,
Je mehr's an Trefflichkeit in sich begreifet.

Drum muß dem Wesen, das so weit hervorragt,
Daß jedes Gut, so außer ihm sich findet,
Nichts weiter als ein Strahl ist seines Lichtes,

Sich mehr als allen andern zubewegen
In Liebe jeder Geist, der jene Wahrheit
Erkennt, auf die sich der Beweis hier gründet.

Sotane Wahrheit rollet auf vor meinem
Verstand derjen'ge, der mich aller ew'gen
Substanzen erste Liebe läßt erkennen.

Es rollt sie auf des wahren Meisters Stimme,
Der, von sich selbst zu Moyses sprechend, sagte:
»Ich werde dir jedwedes Gute zeigen.«

Auch du rollst auf sie, da die hehre Botschaft
Du anhebst, mehr denn irgend sonst ein Herold,
Verkündend dieser Welt Geheimnis drunten.‹

Und ich vernahm: »Durch menschlichen Verstand und
Autorität, die mit ihm übereinstimmt,
Für Gott bewahre deine höchste Liebe.

Doch sprich, ob du noch andre Saiten fühlest
Dich nach ihm ziehn, so daß von jenem Lieben
Du sagst, mit wie viel Zähnen dich's verwundet?«

Nicht blieb verborgen mir die heil'ge Absicht
Des Adlers Christi, nein, vielmehr ward inn' ich,
Wohin er mein Bekenntnis führen wollte;

Drum fing aufs neu' ich an: ›All jene Stiche,
Die unser Herz nach Gott hin wenden können,
Vereinten sich zugunsten meiner Liebe;

Denn dieser Welt Dasein, sowie mein eignes,
Der Tod, den er erlitt, damit ich lebe,
Und das, was mit mir jeder Gläub'ge hoffet,

Nebst der erwähneten lebend'gen Kenntnis,
Sie zogen aus dem Meere des verkehrten
Und setzten an den Strand mich rechten Liebens.

Die Blätter auch, damit der ganze Garten
Des ew'gen Gärtners sich belaubet, lieb' ich
So sehr, als er des Guten ihnen reichet.‹

Sobald ich schwieg, erklang hin durch den Himmel
Ein lieblich süßer Sang, und meine Herrin
Rief mit den andern: »Heilig, heilig, heilig!«

Und wie bei scharfem Licht der Schlummer fliehet,
Dieweil der Geist des Sehens nach dem Glanze
Hineilet, der von Hülle dringt zu Hülle,

Und der Erwachte, was er sieht, verabscheut,
So unbewußt ist noch sein plötzlich Wachsein,
Bis ihm die Schätzungskraft zu Hilfe kommet;

Also scheucht' jeden Unrat jetzt Beatrix
Von meinen Augen durch den Strahl der ihren,
Der mehr als tausend Meilen weit erglänzte;

Darob ich besser noch dann als vorher sah
Und Kunde, wie betäubt, von einem vierten
Licht forderte, das ich mit uns erblickte.

Und meine Herrin: »Ihren Schöpfer schauet
In dieser Strahlen Schoß die erste Seele,
Die jemals hat die erste Kraft erschaffen.«

Dem Blatte gleich, das beim Vorüberziehen
Des Winds die Spitze beugt und dann sich wieder
Erhebt, von eigner Kraft emporgetragen,

Ward ich anjetzt, solang' sie sprach, von Staunen
Ergriffen, und es gab mir Mut auf neue
Der Wunsch zu sprechen dann, der mich durchglühte,

Und ich begann anjetzt: ›O Frucht, die einzig
Gereifet ward erzeugt, o alter Vater,
Dem jede Gattin Schnur zugleich und Tochter,

Voll Inbrunst, wie's mir immer möglich, fleh' ich
Dich an, mit mir zu sprechen! Mein Begehren
Siehst du, drum sag' ich's nicht, dich bald zu hören.‹

Manchmal bewegt ein Tier sich unter Decken,
So daß sich zeigen muß, was es empfindet,
Dieweil nach ihm sich die Umhüllung richtet;

Auf gleiche Weise ließ durch ihre Hülle
Durchschimmern mir, wie sehr es ihr erfreulich,
Gefällig mir zu sein, die erste Seele.

Drauf hauchte so sie: »Wenn du gleich dein Sehnen
Nicht dartust, unterscheid' ich's dennoch besser
Als du, was du am sichersten erkennest,

Weil ich es schau' in dem wahrhaft'gen Spiegel,
Der sich zum Widerschein macht aller Dinge
Und keines macht zu seinem Widerscheine.

Wie lang es her, daß in den hohen Garten
Mich Gott gesetzt, willst hören du, wo diese
Dich zu so langer Stiege hat befähigt?

Und wieviel Zeit er Lust war meinen Augen,
Den eigentlichen Grund des großen Zorns auch,
Und welche Sprach' ich braucht' und mir gebildet?

Sieh, lieber Sohn, das Kosten von dem Baume
War nicht an sich der Grund so langen Bannes,
Nein, lediglich des Marksteins Übertretung.

Weil dort, woher Virgilen deine Herrin
Rief, ich dies Chor mir wünschte, schwang viertausend
Dreihundert und zwei Mal sich um die Sonne;

Und heim zu allen Lichtern ihre Straße
Sah ich neunhundert dreißig Mal sie kehren,
Indes ich auf der Erde noch verweilte.

Die Sprache, die ich sprach, war ganz verloschen,
Bevor noch um das Werk, das unvollendliche,
Die Völker Nimrods sich bemühet hatten;

Denn keine Wirkung jemals der Verstandskraft,
Weil menschlich Wohlgefallen nach des Himmels
Bewegung sich erneuert, war unwandelbar.

Werk der Natur ist's, daß die Menschen sprechen;
Allein, ob so, ob so, das überläßt sie
Euch selber dann zu tun, so wie's euch gut dünkt.

Bevor ich zu der Höllenangst hinabstieg,
Ist El das höchste Gut, von dem die Wonne
Herkommt, die mich umhüllt, genennet worden;

Eli hieß es sodann, und also ziemt's sich,
Weil der Gebrauch der Sterblichen dem Blatt gleicht
Am Ast, das schwindet und ein andres treibet.

Mit reinem und beflecktem Sinn bewohnte
Ich von der ersten bis zur Stunde, die auf
Die sechste folgt, wenn Sol Quadranten wechselt,

Den Berg, der sich zumeist hebt aus den Fluten.«


Gesang 27

»Dem Vater und dem Sohn und heil'gen Geiste,«
Begann das ganze Paradies, »sei Ehre!«
Also, daß mich der süße Sang berauschte.

Was ich erblickte, schien mir wie ein Lächeln
Des Weltenalls, drob solcher Rausch nicht minder,
Als durchs Gehör, auf mich eindrang durchs Auge.

O Wonn', o unaussprechliches Entzücken!
O Leben, ganz erfüllt mit Lieb' und Frieden!
O sichrer Reichtum, frei von jedem Wunsche!

Vor meinen Augen sah ich die vier Fackeln
Entzündet stehn, und die zuerst gekommne,
Begann lebendiger anjetzt zu leuchten,

Und also ward ihr Anblick, wie zu schauen
Wär' Jupiter, wenn Vögel wären dieser
Und Mars, und ihr Gefieder sie vertauschet.

Die Vorsehung, die Amt und Reihenfolge
Allhier verteilet, in dem sel'gen Chore,
Sie hatten Schweigen ringsumher geboten,

Als jetzt ich hörte: »Wenn ich mich verfärbe,
Erstaune drob nicht; denn, sobald ich spreche,
Wirst du sie alle sich verfärben sehen.

Er, der auf Erden meines Stuhls sich anmaßt,
Ja meines Stuhls, ja meines Stuhls, der ledig
Ist vor dem Angesicht des Sohnes Gottes,

Hat meine Ruhstatt zur Kloak' entweihet,
Voll Bluts und Stanks, mit welchem der Verruchte,
Der hier herabfiel, drunten wird gesühnet.«

Mit jener Farbe, mit der früh und abends
Genüberstehend Sol die Wolken färbet,
Sah ich den ganzen Himmel jetzt besprenget;

Und wie ein ehrsam Weib, sein selbst gesichert
Verbleibend, dennoch ob der andern Fehltritt',
Beim bloßen Hören schon, sich schüchtern zeiget,

So wandelte ihr Ansehn jetzt Beatrix,
Und solch Verfinstern, mein' ich, ist im Himmel
Gewesen, als die höchste Macht gelitten.

Drauf fuhr er also fort in seiner Rede
Mit einer Stimme, vor sich selbst verwandelt,
So daß nicht mehr verändert war sein Ansehn:

»Dazu nicht wurde Christi Braut erzogen
Mit meinem Blut, mit Linus' Blut und Cletus',
Damit zu Gelderwerb mißbraucht sie würde;

Nein, um dies heitre Leben zu erwerben,
Sah man mit vielen Tränen Sixtus, Pius,
Calixtus und Urban ihr Blut verspritzen.

Auch war es unsre Absicht nicht, daß unsern
Nachfolgern sitzen möcht' ein Teil zur Rechten
Des Christenvolkes und ein Teil zur Linken;

Noch daß die Schlüssel, die gewährt mir worden,
Auf einer Fahne, die zum Kampf sich gegen
Getauft' entfalt', als Zeichen sei'n zu finden;

Noch daß mein Bild auf Spiegeln stehen möge
An feilen, trügerischen Freiheitsbriefen,
Darob ich oft erröt' und Funken sprühe.

In Hirtenkleidern sind raubgier'ge Wölfe
Dort unten jetzt zu schaun auf allen Weiden.
0 Gottes Schutz, was ruhest du noch immer!

Von unserm Blut bereiten Caorsiner
Und Basken sich zu schlürfen; guter Anfang,
Zu welchem schnöden Ende mußt du fallen!

Doch die erhabne Vorsicht, die durch Scipio
Dem Weltruhm Roms Verteidigung gewährt hat,
Schafft hier auch Hilfe bald, wie ich erkenne.

Und du, mein Sohn, der ob der ird'schen Last du
Herab noch kehren mußt, tu' deinen Mund auf
Und berge nicht das, was ich nicht verborgen.«

Wie's von gefrornem Dunste niederwimmelt
In unserm Luftkreis dann, wann in Berührung
Der Himmelsziege Horn tritt mit der Sonne;

Also sah ich den Äther jetzt sich schmücken,
Aufwärts von triumphier'nden Dünsten wimmelnd,
Die erst allhier mit uns verweilet hatten.

Mein Blick verfolgte ihre Lichterscheinung
Und folgt' ihr, bis er ob des Mittels großer
Ausdehnung weiter nicht vordringen konnte.

Drob meine Herrin, die vom Aufwärtsmerken
Gelöst mich sah, begann: »Nach unten richte
Das Aug' und schau, wie du dich umgeschwungen!«

Da merkt' ich, daß seit meinem ersten Hinschaun
Ich ganz den Bogen, den das erste Klima
Vom Mittel bis zum Schluß beschreibt, durchlaufen,

So daß ich jenseits Gades sah die tolle
Durchfahrt Ulyssens und dort schier das Ufer,
Auf dem Europa ward zur süßen Bürde.

Und mehr noch hätte dieses Plätzleins Lage
Sich mir enthüllt, doch, fern von mir ein Zeichen
Und mehr, schritt von mir unterm Fuß die Sonne.

Der lieberfüllte Geist, der meine Herrin
Umbuhlte stets, entbrannte mehr als jemals
Anjetzt, den Blick auf sie zurückzurichten.

Wenn Lockungen Natur je oder Kunst schuf
Im Fleisch des Menschen oder seinem Abbild,
Den Blick zu fahn, um so den Geist zu fesseln,

Sie wären all vereint nichts im Vergleich doch
Zur Götterlust, die mich umstrahlt', als ich mich
Nach ihrem lächelnden Gesicht jetzt wandte.

Und jene Kraft, die mir ihr Blick gewährte,
Entriß mich Ledas schönem Netz und stieß mich
Hinein in den geschwindesten der Himmel.

All seine Teil', erhaben und voll Lebens,
Sind so gleichförmig, daß ich nicht kann sagen,
Welch einen mir als Stätt' erkor Beatrix.

Sie aber, die mein Sehnen ganz durchschaute,
Begann zu sagen, also heiter lächelnd,
Daß Gott in ihrem Antlitz sich zu freun schien:

»Des Weltenalls Natur, das, seine Mitte
Stillhaltend, ringsumher schwingt alles andre,
Beginnt von hier, gleichwie von ihrer Grenze.

Und dieser Himmel hat sonst keine Stätt' als
Die Urvernunft, drin sich die Liebe, die ihn
Umdreht, die Kraft, die von ihr taut, entzündet.

Ein Kreis umschließet ihn von Licht und Liebe,
Gleichwie die andern er, und auf den Umfang
Wirkt der allein, der ihn umhergegürtet.

Nichts anderes bestimmet seine Schnelle,
Nein, jede andre wird nach ihm bemessen,
Wie sich die Zehn ergibt aus Hälft' und Fünfteil.

Und wie's geschiehet, daß die Zeit in dieser
Schal' ihre Wurzeln hat und in den andern
Das Laub, kann dir wohl deutlich jetzt sich zeigen.

O Gierde, unter dich also versenkend
Die Sterblichen, das keiner mehr imstand ist,
Aus deiner Flut die Augen zu erheben!

Wohl blühet in den Menschen noch das Wollen,
Doch durch den unabläss'gen Regen kehren
Zuletzt in Hutzeln sich die guten Pflaumen.

Unschuld und Glaube sind nur bei den Kindlein
Annoch zu finden, und so der als jene
Entfliehn dann, eh' die Wangen sich behaaren.

Derselbe, der, solang er lallt, noch fastet,
Verzehret dann, wenn ihm gelöst die Zung' ist,
Ein jegliches Gericht in jedem Monde;

Und der, weil er noch lallt, auf seine Mutter
Hört und sie liebet, wünscht dann, wann vollkommen
Er sprechen kann, begraben sie zu sehen.

So wird beim ersten Anblick schwarz die weiße
Haut schon der schönen Tochter dessen, der uns
Den Morgen bringt und hinterläßt den Abend.

Doch du, damit es dich nicht wundernehme,
Denk', daß auf Erden keiner, der regieret;
Drob irre geht die menschliche Gesellschaft.

Doch eh' noch ob des Hundertteils, das drunten
Bleibt übersehn, sich Jänner ganz entwintert,
Ertönen so einst diese obern Kreise,

Daß die so lang erharrte Schickung dorthin
Die Hinterschiffe drehn wird, wo die Schnäbel
Gestanden, so daß graden Laufs die Flotte

Hinläuft, und wahre Frucht kommt nach der Blüte.«


Gesang 28

Nachdem wir Wahres ob des jetz'gen Wandels
Der jammervollen Sterblichen verkündet,
Die meinen Geist ins Paradies verkläret, –

Gleichwie im Spiegel der der Fackel Flamme
Erblickt, der rücklings wird von ihr beleuchtet,
Eh' sie ins Aug' ihm und den Sinn gekommen,

Und, um zu sehn, ob wahr das Glas gesprochen,
Zurück sich kehrt und sieht, daß es mit jenem
Stimmt überein wie mit dem Lied die Weise;

Also entsinnt sich mein Gedächnis, daß ich
Getan, hinblickend auf die schönen Augen,
Draus Amor, mich zu fahn, den Strick bereitet.

Und als ich mich zurückgekehrt und, was sich,
Wenn man in seinem Umkreis recht umherschaut,
In diesem Buche zeigt, berührt die meinen,

Erblickt' ich einen Punkt, dem Licht entstrahlte
So scharf, daß mein Gesicht, von dem erglühend,
Ich schließen mußt' ob der gewalt'gen Schärfe.

Und jeder Stern, der hier am kleinsten scheinet,
Er würde, neben ihn gesetzt, wie Stern sich
Bei Stern zu setzen pflegt, dem Monde gleichen.

So viel abstehend wohl, als nah der Hof scheint,
Das Licht zu gürten, das sein Bild hervorbringt,
Dann, wann die Dünst' am dicht'sten, die ihn tragen,

Dreht' um den Punkt umher ein feur'ger Kreis sich
So rasch, daß die Bewegung, die am schnellsten
Die Welt umkreiset, selbst besiegt er hätte.

Und dieser war umkränzt von einem andern,
Vom dritten der, der dritte dann vom vierten,
Der vierte dann vom fünften, der vom sechsten.

Der sieb'nte folgte drüber dann, an Breite
So ausgedehnet schon, daß Junos Botin
Als voller Kreis zu eng, ihn zu umfassen;

So auch der acht' und neunt', und es bewegte
Langsamer sich ein jeder, je nachdem er
Sich in der Zahl von der Eins entfernte.

Und jenem war am lautersten die Flamme,
Der minder abstand von dem reinen Funken,
Weil er wohl mehr sich füllt' mit seiner Wahrheit.

Und meine Herrin, die gar sehr in Sorge
Mich schweben sah, sprach: »Von dem Punkte hänget
Der Himmel und die sämtliche Natur ab.

Schau jenen Kreis, der ihm zunächst vereint ist,
Und wisse, daß so schnell ist sein Bewegen
Ob jener glüh'nden Liebe, die ihn treibet.«

Und ich zu ihr: ›Wenn in der Ordnung stände
Das Weltall, die ich schau in diesen Kreisen,
Wär' ich befriedigt mit dem Vorgelegten;

Doch in der sichtbarlichen Welt bemerkt man,
Daß um so göttlicher ist jede Wölbung,
Je mehr sie sich vom Mittelpunkt entfernet.

Drum, wenn mein Wunsch sein Ende soll erreichen
In diesem wunderbaren Engelstempel,
Der Liebe hat und Licht allein zur Grenze,

Muß ich noch hören, wie's geschieht, daß Abbild
Und Urbild nicht in einer Weise gehen,
Da für mich selbst ich fruchtlos dies betrachte.‹

»Wenn deine Finger nicht für solchen Knoten
Genügen, ist's zu wundern nicht, so fest ward
Er, weil man ihn zu lösen nicht versuchte.«

So meine Herrin, und dann sprach sie: »Willst du
Ersättigt sein, nimm hin, was ich dir sage,
All deinen Scharfsinn auf dasselbe richtend.

Die körperlichen Kreise sind eng oder
Weit, je nachdem die Kraft mehr oder minder,
Die sich in allen ihren Teilen ausdehnt.

Mehr Trefflichkeit will größres Heil erzeugen,
Und größres Heil umfaßt ein größrer Körper,
Wenn ihm gleichmäßig sind erfüllt die Teile.

Daher entspricht auch jener, der das ganze
Erhabne Weltenall mit sich dahinreißt,
Dem Kreise, der mehr weiß und der mehr liebet.

Drum, wenn du deinen Maßstab an die Kraft legst,
Und nicht an die Erscheinung der Substanzen,
Die rund sich zeigen dir, wirst du bemerken,

Wie mit dem Mehr das Größre, mit dem Minder
Das Kleinre wunderbar bei jedem Himmel
Und der Intelligenz desselben stimmet.«

Wie hell und glänzend bleibt die Hemisphäre
Der Luft, wenn Boreas bläst aus jener Wange,
Aus welcher er gelinder pflegt zu wehen,

Darob sich reiniget und löst der Nebel,
Der sie getrübt, so daß mit seines ganzen
Gefolges Schönheit jetzt der Himmel lächelt;

Also ward mir's, als mich mit klarer Antwort
Versorget meine Herrin, und die Wahrheit
Gleich einem Stern am Himmel sich mir zeigte.

Und als nun ihre Worte aufgehöret,
Nicht anders sprühet Funken aus, wenn's glühet,
Ein Eisen, als die Kreise Funken sprühten.

Nach taten's ihrem Brand die Funken alle,
Die zahlreich so, daß höher, als des Schachbretts
Verdopplung, in die Tausend' ihre Zahl steigt.

Von Chor zu Chor hört' ich Hosanna rufen
Dem festen Punkt zu, der sie an der Stätte
Hält und stets halten wird, wo stets sie waren;

Und sie, die mir die zweifelnden Gedanken
Im Geist sah, sprach: »Die ersten Kreise haben
Die Seraphim und Cherubim gezeigt dir.

Sie folgen ihren Banden so behende,
Um gleich zu sein dem Punkt, soviel sie können,
Und können's um soviel als hehr ihr Schaun ist.

Die andern Lieben, die um sie sich schwingen,
Nennt Throne man des ew'gen Angesichtes,
Dieweil die erste Drei mit ihnen schließet.

Und wisse, daß sie alle soviel Wonne
Empfinden, als ihr Blick sich in der Wahrheit
Vertieft, drin jeglicher Verstand zur Ruh' kommt

Hieraus läßt sich erkennen, daß begründet
Das Seligsein ist auf den Akt des Schauens,
Und nicht auf den des Liebens, der dann folget;

Und zu dem Schaun gibt das Verdienst den Maßstab,
Das Gnade bringt hervor und guter Wille;
Also wird stufenweise fortgeschritten.

Die andre Drei, die hier im ew'gen Lenze
Ergrünet, den das nächtliche Erscheinen
Des Widders nicht entblättert, läßt Hosanna

Als unabläss'gen Frühlingsschlag erschallen
In dreien Melodien, enttönend dreien
Wonnordnungen, in denen sie sich dreiet.

In dieser Hierarchie sind die erhabnen
Göttinnen Herrschaften zuerst, dann Kräfte;
Die dritte Ordnung endlich sind die Mächte.

Sodann in den vorletzten beiden Reigen
Umschwingen Fürstentümer und Erzengel sich;
Aus Engelstänzen ganz besteht der letzte.

Nach oben sämtlich schauen diese Ordnungen,
Also nach unten siegend, daß zu Gott hin
Gezogen alle sind und alle ziehn sie.

Und Dionysius legt' auf das Betrachten
Sotaner Ordnungen sich, so voll Sehnsucht,
Daß er sie unterschied, wie ich, und nannte.

Doch von ihm hat Gregor sich dann getrennet;
Drum er, sobald als er in diesem Himmel
Das Aug' auftat, sich selber hat belächelt.

Und wenn so hehr geheime Wahrheit kund tat
Ein Sterblicher auf Erden, staune drob nicht,
Denn wer sie droben sah, enthüllt' ihm solche

Mit mehr des Wahren noch von diesen Kreisen.«


Gesang 29

Soviel, wenn beide Kinder der Latona,
Vom Widder eins bedeckt, eins von der Waage,
Sich mit dem Horizont zugleich umgürten,

Vom Zeitpunkt ist, da beim Zenith die Zunge
Einspielt, bis, Hemisphären tauschend, beide
Aus dieses Gürtels Gleichgewicht sie kommen;

Solang verblieb, das Angesicht mit Lächeln
Geschmückt, Beatrix schweigsam nach dem Punkte
Fest blickend, welcher mich besieget hatte.

Dann fing sie an: »Ich sage dir, nicht frag' ich
Das, was du hören willst, weil ich's geschauet
Dort, wo sich jeglich Wann und Wo verknüpfet.

Nicht um für sich des Guten zu erwerben,
Was nimmer sein kann, nein, daß glanzentstrahlend
Ihr Glanz ›Ich bin vorhanden‹ sagen könne,

Erschloß in ihrer Ewigkeit sich, außer
Der Zeit und jeglicher Begrenzung, wie's ihr
Gefiel, die ew'ge Liebe in neun Lieben.

Und nicht lag sie vorher gleichsam erstarret,
Da kein Vorher und kein Nachher vorausging
Dem Wallen Gottes über diesen Wässern;

Hervorging Form und Stoff rein und vereinet
Durch einen Akt, der sonder Fehl, wie einem
Dreisträng'gen Bogen drei Geschoss' entfliegen.

Und gleichwie im Kristall, Glas oder Bernstein
Ein Strahl so schimmert, daß von seinem Kommen,
Bis er es ganz erfüllt, kein Zwischenraum ist,

Also entstrahlte die dreiförm'ge Wirkung
Aus ihrem Herrn hervor das All ins Dasein,
Ohn' einen Unterschied in ihrem Ausgang.

Ordnung und Zweck ward eingeschaffen allen
Substanzen, und zum Gipfel wurden jene
Der Welt, in denen reiner Akt erzeugt ward.

Am tiefsten stellte reine Möglichkeit sich,
Im Mittel Möglichkeit und Akt verknüpfet
Durch solches Band, das nimmer wird gelöset.

Zwar schrieb Hieronymus von langer Reihe
Jahrhunderte, drin Engel schon geschaffen,
Bevor im übrigen die Welt gemacht ward;

Doch jene Wahrheit steht auf mancher Seite
Geschrieben von des heil'gen Geistes Schreibern,
Und du kannst dort sie sehn, wenn recht du hinblickst.

Und in etwas auch sieht es die Vernunft ein,
Die's nicht zuließe, daß so lang ohn' ihre
Vollendung da der Welt Beweger wären.

Jetzt weißt du, wo und wann sotane Lieben
Geschaffen sind und wie, so daß verlöschet
In deinem Wunsche sind schon drei der Gluten.

Und nicht gelangte zählend man zur Zwanzig
So schnell, als drauf ein Teil der Engel trübte
Die Unterlage eurer Elemente.

Der andre blieb zurück, mit solcher Lust dann
Die Kunst beginnend, die du hier gewahrest,
Daß er sich nimmermehr vom Kreisen trennet.

Des Falles Anbeginn war die verfluchte
Hoffahrt desjenigen, den du zusammen-
Gedrückt von aller Welt Gewicht erblickt hast.

Bescheiden bleiben die, so hier du schauest,
Als Werke sich erkennend jener Güte,
Die sie bereit schuf zu so hoher Einsicht;

Drum ward durch die erleuchtende Genade
Und ihr Verdienst also erhöht ihr Schauen,
Daß sie vollkommen festen Willen haben.

Und nicht im Zweifel sollst du, nein, gewiß sein,
Daß, je nachdem sich der Affekt ihr auftut,
Es sei verdienstlich, Gnade zu empfangen.

Jetzt kannst du gnug betrachten wohl in dieser
Versammlung Rücksicht, wenn du meine Worte
Dir eingesammelt hast ohn' andre Hilfe.

Doch weil in euren Schulen wird auf Erden
Gelesen, so sei die Natur der Engel,
Daß sie versteh' und sich erinnr' und wolle,

Sag' ich noch etwas mehr, damit die Wahrheit
Du rein erschaust, die drunten man verwirret,
Zweideutig sprechen in sotaner Lesung.

Seitdem des Angesichts Gottes diese
Substanzen froh geworden, wandten nie sie
Den Blick von selbem, dem kein Ding verhüllt ist.

Drum wird ihr Schaun von neuen Gegenständen
Nicht unterbrochen, und nicht des Entsinnens
Bedarf's für sie ob der Gedanken Trennung;

So daß im Wachen man dort unten träumet,
Wahrheit zu sagen glaubend und nicht glaubend;
Doch in dem einen ist mehr Schuld und Schande.

Ihr wandelt drunten im Philosophieren
Nicht eines Pfads; so weit entführt die Lieb' euch
Zum Scheinen und das Sinnen nach demselben.

Und solches trägt hier oben man mit minderm
Unwillen noch, als wenn die Heil'ge Schrift wird
Hintangesetzet, und wenn sie verdreht wird.

Dabei denkt niemand, wie viel Blutes kostet
Ihr Aussä'n in die Welt, noch wie Gott jener
Gefällt, der sich demütiglich ihr anschließt.

Zu scheinen müht sich jeder und bringt seine
Erfindungen, und solche handeln ab dann
Die Pred'ger, und das Evangelium schweiget.

Der sagt, daß sich der Mond zurückgewendet
Bei Christi Leiden, sich dazwischen schiebend,
So daß nicht drang herab der Schein der Sonne,

Und lügt; denn von sich selbst hat sich verborgen
Das Licht, weil Spaniern ja und Indern, gleichwie
Den Juden solche Finsternis sich zeigte.

Nicht zählt Florenz so viele Lap' und Bindi,
Als solche Märlein innerhalb des Jahres,
Bald so, bald so, von Kanzeln man verkündet;

So daß, mit Wind genährt, einfält'ge Schäflein
Heimkehren von der Trift, und nicht kommt's ihnen
Zu gut, daß ihren Schaden sie nicht sehen.

Nicht sprach zu seiner Urgemeinde Christus:
›Geht hin in alle Welt und predigt Schwänke!‹
Nein, einen Grund von Wahrheit gab er ihnen,

Und diese klang allein aus seiner Wange,
So daß zum Kampf, den Glauben zu entzünden,
Als Lanz' und Schild das Evangelium diente.

Doch jetzt legt man sich drauf, mit Spott und Scherzen
Zu pred'gen, und, wenn drob nur recht gelacht wird,
So bläht sich die Kapuz', und mehr nicht heischt man.

Doch solch ein Vogel nistet in dem Zipfel,
Daß, säh' der Pöbel ihn, er sehn wohl könnte,
Auf welcherlei Vergebung er vertrauet.

Drob ist auf Erden dergestalt die Torheit
Gewachsen, daß auf jegliches Versprechen,
Gebräch' ihm jedes Zeugnis auch, man einging'.

Mit solchem mästet sich ein Schwein St. Anton,
Und andres mehr, das schlimmer ist als Schweine,
In Gold bezahlend, dem der Stempel fehlet.

Doch da gar weit wir abgeschweift sind, wende
Den Blick zurück jetzt nach der graden Straße,
So daß wir Weg und Zeit zugleich verkürzen.

So weit versteiget sich in Zahlen diese
Natur, daß keine Sprach' es gibt, noch einen
Gedanken Sterblicher, der dorthin reiche.

Und wenn du, was in Daniel offenbart wird,
Betrachtest, wirst du sehn, wie die bestimmte
Zahl sich in seinen Tausenden verhüllet.

Das erste Licht, das jene ganz bestrahlt, wird
Auf so viel Weisen von ihr aufgenommen,
Als Schimmer sind, mit denen es sich paaret.

Drum weil sich der Affekt nach des Empfangens
Akt richtet, muß in ihr der Liebe Süße
Verschiedentlich bald heißer glühn, bald lauer.

Sieh die Erhabenheit jetzt, sieh die Weite
Der ew'gen Kraft, da sie so viele Spiegel
Sich hat gebildet, drin sie sich zerteilet,

In sich die eine, wie vorher, verbleibend.«


Gesang 30

Sechstausend Meilen wohl von uns entfernet
Erglüht die sechste Stund', und ihre Schatten
Senkt diese Welt schon fast zur ebnen Fläche,

Wenn also tief für uns des Himmels Mitte
Beginnt zu werden, daß zu diesem Grunde
Der Schimmer manches Sterns nicht mehr kann dringen;

Und wie die lichte Dienerin der Sonne
Mehr vorwärts schreitet, schließet sich der Himmel
Von einem Bild zum andern bis zum schönsten.

Nicht anders wurde der Triumph, der immer
Den Punkt umspielt, der mich besiegt und von dem,
Was er umschließet, selbst umschlossen scheinet,

Vor meinem Blicke nach und nach verlöschet;
Drum meinen Blick Beatrix zuzuwenden
Mich Liebe zwang und weil ich nichts erblickte.

Wenn alles, was bisher von ihr gesagt ward,
In einem Lobe könnt' umschlossen werden,
Wär's dennoch zu gering diesmal zu gnügen.

Die Schönheit, die ich sah, reicht über unser
Maß nicht allein hinaus, nein, sicher glaub' ich,
Daß nur ihr Schöpfer ihrer ganz sich freue.

An diesem Ort geb' ich mich überwunden,
Mehr, als ein trag'scher oder kom'scher Dichter
Von einem Punkt je seines Stoffs besiegt ward;

Denn wie das schwächere Gesicht die Sonne,
Also entzücket des holdsel'gen Lächelns
Erinnrung aus sich selber mein Gedächtnis.

Vom ersten Tag, da ich ihr Angesicht sah
In diesem Leben, bis zu diesem Anblick
Ward mein Gedicht am Folgen nicht behindert;

Allein jetzt muß davon ich abstehn, ihrer
Schönheit noch ferner dichtend nachzufolgen,
Wie von dem letzten Ziel jedweder Künstler.

Also, wie ich sie mächtigerem Rufe
Jetzt überlass', als jenem meiner Tuba,
Die ihren schweren Stoff zum Ende führet,

An Stimm' und Tun gleich einem sichern Führer,
Begann sie: »Aus dem größten Körper traten
Wir in den Himmel ein, der reines Licht ist,

Intellektuelles Licht, erfüllt mit Liebe,
Liebe des ew'gen Guts, erfüllt mit Wonne,
Wonn' übertreffend alle Süßigkeiten.

Hier wirst du dies' und jene Heerschar sehen
Des Paradieses, und die ein' in jener
Gestalt, die du beim letzten Richterspruch siehst.«

Gleich einem schnellen Blitzen, das die Geister
Des Sehns zerstört, so daß das Aug' des Eindrucks
Selbst stärkrer Gegenstände wird beraubet,

Umleuchtete mich ein lebend'ges Licht jetzt,
Von solchem Schlei'r umhüllt zurück mich lassend
Durch seinen Glanz, daß sich mir nichts mehr zeigte.

»Die Liebe, die beruhigt diesen Himmel,
Nimmt stets in sich auf mit sotanem Heile,
Die Kerz' auf ihre Flamme zu bereiten.«

Nicht früher waren diese kurzen Worte
Zu meinem Ohr gedrungen, als ich über
Die eigne Kraft mich fühlt' emporgehoben;

Und in mir ward ein neu Gesicht entzündet
Also, daß kein so lautres Licht zu finden,
Des meine Augen sich erwehrt nicht hätten.

Ein Licht sah ich, gleich einem Fluß gestaltet,
Von Blitzen schimmernd, zwischen zwei Gestaden,
Mit wunderbarer Frühlingspracht bemalet.

Lebend'ge Funken stiegen aus den Fluten
Empor, allseits sich in die Blumen senkend,
Rubinen ähnlich, die mit Gold umschlossen.

Dann tauchten, wie von Duft betäubt, sie wieder
In jene wundersamen Wogen unter,
Und wie herein der kam, entstieg ein andrer.

»Der hohe Wunsch, der dich entflammt und treibt jetzt,
Kenntnis von dem, was du erblickst, zu haben,
Gefällt mir um so mehr, je mehr er schwillet;

Doch mußt du erst von diesem Wasser trinken,
Bevor noch solcher Durst in dir gestillt wird.«
Also begann die Sonne meiner Augen,

Beifügend dann: »Der Fluß und die Topase,
Die aus- und eingehn, und des Grases Lächeln
Sind nur ein schattig Vorbild ihrer Wahrheit;

Nicht daß an sich herb diese Dinge wären,
Nein, nur ein Mangel deinerseits ist's daß sich
So hoch nicht dein Gesicht noch kann erheben.«

Nicht stürzte je ein Kindlein mit dem Antlitz
So schnell sich nach der Milch, wenn sein Erwachen
Viel mehr, denn es sonst pflegt, sich verzögert,

Als ich getan, daß meine Augen würden
Zu bessern Spiegeln, nach der Flut mich bückend,
Die da entströmt, daß drin man besser werde.

Und als der Saum nun meiner Augenlider
Von ihr getrunken hatte, schien alsbald sie,
Statt daß sie lang erst war, jetzt rund geworden.

Dann, wie das Volk, das Larven erst getragen,
Wenn es des fremden Äußern sich entkleidet,
Drin sich's verborgen, anders als vorher scheint,

So wandelten sich Blumen mir und Funken
In größre Fest' also, daß beide Höfe
Des Himmels offenbar ich jetzt erblickte.

O Abglanz Gottes, durch den ich den hehren
Triumph des wahren Reiches sah, gib Kraft mir,
Ihn zu beschreiben, wie ich ihn gesehen!

Ein Licht ist droben, welches sichtbar machet
Den Schöpfer dem Geschöpf, das in desselben
Anschaun allein kann seinen Frieden finden,

Und dehnet sich so sehr in zirkelförm'ge
Gestaltung aus, daß für die Sonne selber
Sein Umkreis ein zu weiter Gürtel wäre.

Aus Strahlen webt ein ganzes Bild sich, wieder
Am obern Saum des erstbewegten glänzend,
Das Leben und Befäh'gung draus empfanget.

Und wie ein Hang an seinem Fuß im Wasser
Sich spiegelt, gleichsam sich geschmückt zu schauen,
Wenn er in Grün und Blümlein prangt am schönsten;

So ringsumher, empor am Lichte ragend,
Sah ich auf tausend Stufen wohl sich spiegeln
Und mehr, was Heimkehr fand von hier dort oben.

Und wenn so groß das Licht ist, das der tiefste
Grund in sich schließet, welches ist die Breite
Wohl dieser Hos' in den entfernt'sten Blättern?

Mein Blick verlor in ihrer Weit' und Höhe
Sich nicht, nein, ganz und gar nahm in sich auf er
Das Wie und das Wieviel sotaner Wonne.

Näh' und Entfernung gilt hier nichts und nimmt nichts,
Denn da, wo Gott unmittelbar regieret,
Hat das natürliche Gesetz nicht Geltung.

Ins gelbe Mittel jener ew'gen Rose,
Die sich ausdehnt, abstuft und Lobesdüfte
Zur Sonn' enthaucht, die immerdar im Lenz steht,

Zog mich, wie den, der schweigt und sprechen möchte,
Beatrix hin und sprach: »Schau, wie so zahlreich
Ist die Vereinigung der weißen Kleider!

Sieh unsre Stadt, wie weit umher sie kreiset!
Sieh unsre Stufen, die schon so erfüllt sind,
Daß wenig Volk dort noch zu wünschen bleibet!

Auf jenem großen Thron, nach dem du schauest
Der Krone wegen, die daraufgelegt ist,
Wird, eh' an diesem Hochzeitsmahl du teilnimmst,

Die Seele sitzen, die Augusta drunten
Wird sein, des hohen Heinrich, der zu Welschlands
Herstellung kommen wird, eh's reif dafür ist.

Die blinde Habgier, die euch betöret,
Hat euch dem Kindlein gleich gemacht, das, sterbend
Vor Hunger schier, die Amme von sich wegstößt.

Und Vorstand wird im göttlichen Gerichtshof
Dann einer sein, der offenbar und heimlich
Mit jenem nicht auf gleichem Wege wandelt.

Doch kurze Zeit drauf wird im heil'gen Amt ihn
Gott dulden nur, und ausgestoßen wird er
Dorthin, wo nach Verdienst weilt Simon Magus,

Drob tiefer sinken muß der von Anagni.«


Gesang 31

So zeigte denn, wie eine weiße Rose
Gestaltet, sich die heil'ge Kriegerschar mir,
Die Christus durch sein Blut sich angetrauet;

Doch jene, die im Fliegen schaut und singet
Die Herrlichkeit des, der sie füllt mit Liebe,
Und seine Güte, die so groß sie machte,

Gleich einem Bienenschwarm, der in die Blumen
Bald ein sich senket, bald dorthin zurückkehrt,
Wo lieblichen Geschmack sein Werk erlanget,

Stieg in die große mit so vielen Blättern
Geschmückte Blum' herab und stieg dann aufwärts
Dahin, wo ewig ihre Liebe weilet.

Das Antlitz aller war lebend'ge Flamme,
Die Flügel Gold, und also weiß das andre,
Daß bis zu solchem Ziel kein Schnee kann reichen.

Sie spendeten beim Tauchen in die Blume,
Von Bank zu Bank die Seiten sich befächelnd,
Des Friedens und der Glut, die sie erworben.

Und daß die Fülle Fliegender sich zwischen
Der Blum' einschob und dem, was drüber, konnte
Ein Hemmnis nicht dem Schaun sein, noch dem Glanze;

Dieweil das Licht, das göttliche, durchdringet
Die Weltgesamtheit, je nachdem sie's würdig,
So daß sich nichts ihr kann entgegenstellen.

Dies sichre, freudenvolle Reich, bevölkert
Mit altem und mit neuem Volk, gerichtet
Auf einen Punkt, ganz hatt' es Blick und Liebe.

O dreifach Licht, das, ihren Augen flimmernd
In einem einz'gen Stern, sie so befriedigt,
Blick her auf unsre Stürme doch hienieden!

Wenn die Barbaren, von der Gegend kommend,
So Tag für Tag von Helice bedeckt wird,
Die, nach ihm schmachtend, sich mit ihrem Sohn dreht,

Da Rom sie sahn und seine mächt'gen Werke,
Erstaunet standen, als der Lateran noch
Die Dinge, die vergänglich, überragte;

Ich, der ich zu den Göttlichen gekommen
Vom Menschlichen, vom Zeitlichen zum Ew'gen,
Und von Florenz zum Volk, gerecht und fehllos,

Wie mußt' ich erst erfüllt von Staunen werden!
Gewiß war's zwischem solchem und der Wonne
Genehm mir, stumm zu stehn und nichts zu hören.

Und gleich dem Pilgrim, der im Tempel seines
Gelübdes, um sich schauend, sich ergötzet
Und, wie er sei, schon hoffet zu berichten;

So, in lebend'gem Lichte mich ergehend,
Bewegt' ich meinen Blick durch alle Stufen,
Bald auf, bald ab, und bald im Kreis ihn drehend.

Ich sah liebüberredende Gesichter,
Mit fremdem Licht gesäumt und eignem Lächeln,
Und Tun mit jeder Ehrbarkeit geschmücket

Die allgemeine Form des Paradieses
Hatt' insgesamt mein Blick jetzt schon erfasset,
An keine Stelle fest annoch geheftet;

Und mit aufs neu' entzündetem Verlangen
Wandt' ich mich um, nach Dingen meine Herrin
Zu fragen, drob mein Geist im Zweifel schwebte.

Auf eines zielt' ich und erlangt' ein andres;
Ich glaubte sie zu sehn, allein ein Greis stand
Vor mir, gleich dem ruhmvollen Volk gekleidet.

Verbreitet war auf Augen ihm und Wangen
Wohlwoll'nde Freud', und da stand er, wie's einem
Liebreichen Vater ziemt, mit frommem Gruße.

Und: ›Wo ist sie?‹ sprach ich mit schnellen Worten.
Drauf er: »Zum Ende deinen Wunsch zu führen,
Ließ mich von meinem Sitz Beatrix kommen;

Und wenn du auf den dritten Umkreis schauest
Von oben ab, wirst du sie wiedersehen
Auf jenem Thron, den ihr Verdienst ihr anwies.«

Ohn' Antwort ihm zu geben, hob das Aug' ich
Und sah sie dort sich eine Krone bilden,
Abspiegelnd von sich selbst die ew'gen Strahlen.

Von jenem Raume, wo's am höchsten donnert,
Hat größern Abstand wohl kein sterblich Auge,
Das sich am tiefsten in das Meer versenket;

Als hier von mir Beatrix war entfernet;
Doch tat's mir keinen Eintrag, denn ihr Bild kam
Zu mir herab ohn' eines Mittels Mischung.

›O Herrin, in der meine Hoffnung lebet,
Die du geduldet hast, daß in der Hölle
Zurückblieb deine Spur ob meines Heiles,

Von jenen Dingen all, die ich gesehen,
Durch deine Macht und deine Güt' erkenn' ich
Die Kraft und Gnade, die sie mir gewähret.

Du zogst mich aus der Knechtschaft in die Freiheit
Durch alle jene Weg', in allen Weisen,
Die solches zu bewirken Macht besaßen.

In mir bewahre deine reichen Gaben,
Daß meine Seele, die du hast geheilet,
Dir wohlgefällig von dem Leib sich löse!‹

So betet' ich, und jen', aus solcher Ferne
Sich zeigend, warf mir lächelnd einen Blick zu;
Dann wandte sie sich zu der ew'gen Quelle.

Der heil'ge Greis darauf: »Damit vollkommen,«
Sprach er, »zum Schluß du bringest deine Reise,
Wozu mich Bitt' und heil'ge Liebe sandte,

Durchfliege mit den Augen diesen Garten;
Denn mehr wird deinen Blick sein Anschaun schärfen,
Um zu der Gottheit Strahl emporzusteigen.

Und sie, die Himmelkön'gin, die mit Liebe
Mich ganz durchglüht, wird drob dir alle Gnade
Erzeigen, denn ich bin ihr treuer Bernhard.«

Wie's dem zu Mut ist, der wohl aus Kroatien
Kommt, unsre Vera Icon zu betrachten,
Der ob der alten Sage nicht dran satt wird,

Nein, bei sich selber spricht, weil man sie zeiget,
»O du wahrhaft'ger Gott, Herr Jesus Christus,
So also bist du anzuschaun gewesen!«

Also ward mir's, als die lebend'ge Lieb' ich
Des Manns erblickte, der auf dieser Welt schon
Beschau'nd von jenem Frieden hat gekostet.

»O Gnadensohn, nicht wird dies heitre Dasein«,
Begann er drauf zu mir, »bekannt dir werden,
Wenn drunten du am Grund nur hältst die Blicke;

Doch blicke nach den Kreisen bis zum fernsten,
So daß die Königin du sitzen sehest,
Der dieses Reich gehorsam und ergeben.«

Ich hob die Augen, und gleichwie am Morgen
Der Teil des Horizonts, der östlich lieget,
Den übertrifft, wo sich die Sonne senket;

Also, von Tal zu Berg geh'nd mit den Augen,
Erblickt' ich einen Teil des äußern Randes,
An Licht besiegend die gesamte Reihe,

Und wie dort, wo die Deichsel man erwartet,
Die Phaëthon schlecht lenkte, mehr sich jener
Entflammt, weil rechts und links das Licht sich mindert;

So glühte jene Friedensoriflamme
Im Mittel am lebendigsten, ihr Feuer
In gleicher Weis' auf jeder Seite mildernd.

Und nach dem Mittel sah mit offnen Schwingen
Ich mehr denn tausend Engel festlich eilen,
Ein jeglicher an Glut und Kunst verschieden.

Dort sah zu ihren Reigen, ihren Sängen
Ich eine Schönheit lächeln, die den Augen
Der andern Heil'gen allzumal war Wonne.

Und wenn ich auch so reich an Worten wäre
Als an Vorstellungen, nicht würd' ich's wagen,
Zum kleinsten Teil nur ihren Reiz zu schildern.

Bernhard, als meine Augen er gewahret
Auf jener heiße Glut achtsam geheftet,
Kehrt' ihr die seinen zu mit solcher Liebe,

Daß mehr die meinen drob zum Schaun entbrannten.


Gesang 32

An seiner Wonn' inbrünstig hängend, nahm jetzt
Des Lehrers Amt freiwillig der Beschauer
Auf sich, beginnend diese heil'gen Worte:

»Die, so die Wunde, die Maria zuschloß
Und heilte, hat geöffnet und geschlagen,
Ist jene, die so schön ihr sitzt zu Füßen.

Und in der Reihe, von den dritten Sitzen
Gebildet, sitzet Rahel unter jener,
Vereinet mit Beatrix, wie du siehest.

Sara, Rebekka, Judith und dann jene,
Des Sängers Urgroßmutter, der aus Reue
Ob seines Fehls sprach: ›Miserere mei!‹

Kannst also stufenweise tiefer sitzen
Du sehn, wie ich, der, sie mit Namen nennend,
Von Blatt zu Blatt herab die Ros' ich steige.

Und von der siebenten der Stufen folgen
Abwärts Hebräerinnen, so wie aufwärts,
Die Blätter sämtlich teilend an der Blume;

Dieweil gemäß des Blickes, den nach Christus
Der Glaube richtete, die Wand sie bilden,
Durch die getrennt die heil'gen Stiegen werden.

Auf dieser Seite, wo die Blume reif ist
Mit allen ihren Blättern, sitzen jene,
Die da geglaubt an den zukünftigen Christus.

Jenseits, allwo mit Lücken unterbrochen
Die halben Kreise, sitzen jene, die dem
Gekommnen Christus zugewandt ihr Antlitz.

Und wie hier der glorreiche Sitz der Herrin
Des Himmels und die anderen darunter
Befindlichen solch eine Trennung machen,

So gegenüber jener des erhabnen
Johannes, der stets heilig Wüst' und Marter
Erduldet und die Hölle dann zwei Jahr' lang;

Und unter ihm traf so das Los, zu scheiden,
Franziskus, Benedikt und Augustinus
Und andre bis herab von Kreis zu Kreise.

Betrachte jetzt die hehre Vorsicht Gottes,
Daß eines und das andr' Anschaun des Glaubens
Gleichmäßig diesen Garten wird erfüllen.

Und wisse, von der Stuf abwärts, die grade
Das Mittel beider Trennungen durchschneidet,
Hat man ob keines eignen, nein, ob fremden

Verdienstes Sitz nur, unter festgesetzten
Bedingungen; denn Geister sind sie alle,
Entfesselt, eh' sie wahre Wahl noch hatten.

Wohl kannst du das an ihren Angesichtern
Und ihren Kinderstimmen inne werden,
Wenn du gebührend auf sie schaust und hörest.

Jetzt bist du zweifelhaft, und zweifelnd schweigst du,
Doch ich will dir die starken Bande lösen,
Drin dein spitzfindig Denken dich verstricket.

Im weiten Umfang dieses Reiches kann kein
Zufäll'ger Punkt je eine Stelle finden,
Nicht mehr, als Traurigkeit, Durst oder Hunger,

Dieweil durch ewiges Gesetz bestimmt ist,
Was immer du in ihm erblickst, so daß hier
Stets ganz genau der Ring entspricht dem Finger.

Und drum ist dies zum wahren Sein in Eile
Beförderte Geschlecht nicht ohne Ursach'
Hier unter sich mehr oder minder trefflich.

Der König, durch den dieses Reich in solcher
Lieb' und in solcher Wonne ruht, daß nimmer
Ein Wille mehr zu heischen sich vermisset,

Die Geister all vor seinem heitern Antlitz
Erschaffend, hat mit Gnade sie begabet
Verschiedentlich; hier gnüg' es an der Wirkung.

Und in der Heil'gen Schrift ist dieses deutlich
Und klar bemerkt, wo sie vom Zwillingspaar spricht,
Das schon im Mutterleib zum Zorn bewegt war.

Drum ziemt es sich, daß, je nachdem das Haupthaar
Sich solcher Gnade färbt, das höchste Licht auch
In würd'ger Weis' ihm dann den Scheitel kränze.

Daher sind sie gestellt ohn' eignen Handelns
Verdienst hier auf verschiedne Stufen, einzig
Sich unterscheidend in dem ersten Antrieb.

So gnügte nebst der Unschuld in den frühsten
Jahrhunderten, daß man das Heil erlange,
Allein es an dem Glauben der Erzeuger.

Dann, als erfüllt die ersten Alter waren,
Bedurft' es bei den Männlein, dem unschuld'gen
Gefieder Kraft zu leihen, der Beschneidung.

Doch als die Zeit der Gnade war gekommen,
Ward ohne die vollkommne Taufe Christi
Dort unten festgehalten solche Unschuld.

Jetzt blicke nach dem Angesicht, das Christo
Am meisten ähnlich, denn nur seine Klarheit
Kann dich befähigen, zu schauen Christum.«

Auf sie herab sah so viel Wonn' ich regnen,
Getragen von den heil'gen Geistern, die da
Geschaffen sind, durch diese Höh' zu fliegen,

Daß alles, was bisher gesehn ich hatte,
Mich nicht in solchem Staunen ließ verstummen,
Noch solche Ähnlichkeit mit Gott mir zeigte.

Und die zuerst hierher entstiegne Liebe,
»Ave, Maria, gratia plena« singend,
Verbreitete vor ihr die beiden Schwingen.

Auf solchen göttlichen Gesang gab Antwort
Von allen Seiten her der Hof der Sel'gen,
So daß drob jeder Anblick heitrer wurde

›O heil'ger Vater, der für mich hier unten
Du weilen willst, den süßen Ort verlassend,
Auf welchem du nach ew'gem Schicksal sitzest,

Wer ist der Engel, der mit soviel Jubel
Die Augen unsrer Königin betrachtet,
So lieberfüllt, daß er von Feuer scheinet?‹

Also wandt' ich mich wieder an die Lehre
Des, der sich an Marias Licht verschönte,
Wie an der Sonne Schein der Stern des Morgens.

Und er zu mir drauf: »Lieblichkeit und Kühnheit,
Wie sie in Engel oder Seele sein kann,
Ist ganz in ihm, – und daß sie's sei, gefällt uns –

Drum ist er's, der die Palme zu Maria
Herabgetragen hat, als der Sohn Gottes
Mit unsrer Bürde sich belasten wollte.

Doch folg' jetzt mit dem Blick mir, wie ich sprechend
Fortschreit', und merk' auf dieses allgerechten
Und frommen Reiches mächtige Patrizier.

Die zwei, zumeist beseliget dort oben,
Weil sie am nächsten an Augusta sitzen,
Sind wie die beiden Wurzeln dieser Rose.

Der so sich auf der linken Seit' ihr anschließt,
Er ist der Vater, durch des keckes Kosten
Die Menschheit soviel Bittres hat verkostet.

Zur Rechten siehst du jenen alten Vater
Der heil'gen Kirche, dem die Schlüssel Christus
Hat anvertraut zu dieser schönen Blume.

Und jener, der die schweren Zeiten alle
Der holden Braut, bevor er starb, gesehn hat,
Die durch die Lanz' erfreit ward und die Nägel,

Sitzt neben ihm; und bei dem andern ruhet
Der Führer, unter dem das undankbare,
Unstet', halsstarr'ge Volk von Manna lebte.

Dem Petrus gegenüber siehst du Anna,
Im Anschaun ihrer Tochter so befriedigt,
Daß sie kein Auge rührt, Hosanna singend.

Und der Hausväter erstem gegenüber
Sitzt Lucia, die deine Herrin abrief,
Als niederstürzend du die Augen senktest.

Doch weil die Zeit flieht deines Traumgesichtes,
Laßt uns hier schließen wie ein kund'ger Schneider,
Der das Gewand macht, je nachdem er Tuch hat,

Und unsre Blick' zur ersten Liebe richten,
So daß, auf sie du schauend, vor du dringest:
Soviel als es ob ihres Funkelns möglich.

Doch daß du nicht etwa, die Flügel hebend,
Zurückgehst, weil du vorwärts glaubst zu kommen,
Ziemt's, daß man betend Gnad' erflehe, Gnade

Von jener, die vermögend, dir zu helfen;
Und du wirst mir mit dem Gefühle folgen,
Dein Herz von meinem Worte nimmer trennend.«

Drauf hub er dieses heilige Gebet an.


Gesang 33

»Jungfräul'che Mutter, Tochter deines Sohnes,
Mehr, denn sonst ein Geschöpf, hehr und voll Demut
Vorausbestimmtes Ziel des ew'gen Rates,

Du bist's, durch die die menschliche Natur so
Geadelt ward, daß es verschmäht ihr Schöpfer
Nicht hat, sein eigenes Geschöpf zu werden.

In deinem Leib hat sich aufs neu' entzündet
Die Lieb', an deren Glut im ew'gen Frieden
Also hervorgesproßt ist diese Blume.

Allhier bist du der Liebe Mittagsfackel
Für uns, und bei den Sterblichen dort unten
Bist die lebend'ge Quelle du des Hoffens.

Ein Weib bist du so groß, und soviel giltst du,
Daß, wer nach Gnade strebt und dich nicht anruft,
Der wünschet sich, zu fliegen sonder Schwingen.

Und deine Gütigkeit gewährt dem Hilfe
Allein nicht, der drum bittet, nein, zum öftern
Kommt sie zuvor der Bitt' aus freiem Willen.

In dir Barmherzigkeit, in dir ist Mitleid,
In dir großmüt'ges Wesen, in dir eint sich,
Was immer ein Geschöpf an Güte fasset,

Der hier nun, welcher von der tiefsten Lache
Des Universums bis hierher gesehn hat
Der Geister Leben all, eins nach dem andern,

Fleht dich um Gnad' an, Kraft ihm zu verleihen,
So daß er höher noch sich mit den Augen
Aufschwingen könne hin zum letzten Heile,

Und ich, der nimmer für mein Schaun geglühet,
Wie für das seine jetzt, bring' all mein Bitten
Dir dar und bitte, daß es nicht umsonst sei,

Damit du ihm jedwede Wolke mögest
Der Sterblichkeit durch dein Gebet zerstreuen,
So daß die höchste Lust sich ihm entfalte.

Noch fleh' ich, Königin, die, was du willst, auch
Vermagst, daß unversehrt du ihm erhaltest
Nach so erhabnem Anschaun sein Verlangen.

Dein Schutz besieg' in ihm die ird'sche Regung!
Sieh, wie Beatrix mit so vielen Sel'gen
Für mein Gebet zu dir die Hände faltet!«

Die Augen, die Gott liebet und verehret,
Bewiesen, auf den Redner fest sich richtend,
Wie sehr ihr angenehm ein fromm Gebet ist.

Dann wandte sie sich zu dem ew'gen Lichte,
In das man nicht darf glauben, daß ein andres
Geschöpf so klaren Blickes dringen könne.

Und ich, der ich dem Ziele jedes Wunsches
Anjetzt mich näherte, ließ, wie sich's ziemte,
Die Flamme des Verlangens in mir schwinden.

Es lächelte mir Bernhard einen Wink zu,
Aufwärts den Blick zu richten; doch von selber
War ich bereits so, wie er es begehrte,

Weil meine Sehkraft, immer klarer werdend,
Jetzt weiter in den Strahl und weiter vordrang
Des hehren Lichts, das in sich selber wahr ist.

Fortan war höh'r mein Schaun, als unsre Sprache,
Die solchem Anblick weicht, und das Gedächtnis
Auch muß so vielem Übermaße weichen.

Gleich jenem, der im Traum etwas gesehn hat,
Dem nach dem Traum nur der Empfindung Eindruck
Verbleibt, und nicht zum Sinn heimkehrt das andre,

Bis ich anjetzt, da mir fast ganz verlöschet
Ist meine Vision, und doch im Herzen
Das Süße noch, das draus entstand, mir träufelt.

Also löst sich der Schnee am Strahl der Sonne,
Also ging der Sibylla Spruch verloren,
Beim Windeswehn auf jenen leichten Blättern.

O höchstes Licht, so weit erhaben über
Den menschlichen Begriff, leih' nur ein Wen'ges
Von dem, wie du erschienst, dem Sinn mir wieder;

Und meine Zunge laß so mächtig werden,
Daß einen Funken deiner Herrlichkeit nur
Dem künft'gen Volk ich hinterlassen möge!

Denn wenn ein wenig nur in mein Gedächtnis
Es kehrt, und etwas tönt in diesen Versen,
Wird mehr man deine Siegerkraft begreifen.

Ich glaub', ob des lebend'gen Strahles Schärfe,
Die ich ertrug, wär' ich verwirrt geblieben,
Wenn ich von ihm den Blick gewendet hätte,

Und ich erinnre mich, daß ich drob kühner,
Soviel zu tragen, ward und so dahin kam,
Mein Schaun der unbegrenzten Kraft zu einen.

O Überfluß der Gnade, drob ich's wagte,
So weit hinein ins ew'ge Licht zu werfen
Den Blick, daß drin ich mich verlor im Schauen!

In seiner Tiefe sah ich, wie sich einet,
Verbunden in ein einz'ges Buch mit Liebe,
Was auf des Weltalls Blättern sich zerstreuet,

Substanz und Akzidenz und ihr Verhalten
In solcher Art zusammen all geschmolzen,
Daß, was ich sage, nur ein schwacher Schein ist.

Die allgemeine Form sotanen Bandes,
Mein' ich, erblickt' ich dort; drum, da ich's sage,
Zu größrer Lust mein Innres sich erweitert.

Ein Augenblick bringt mir hier mehr Vergessen,
Als fünfundzwanzig Säkeln jenem Zuge,
Bei dem Neptun ob Argos' Schatten staunte.

So schaute denn mein Geist in voller Spannung,
Fest, unverrückt, aufmerksam hingerichtet,
Und mehr und mehr entzündet' er im Schaun sich.

In diesem Licht wird also man beschaffen,
Daß es unmöglich ist, um andern Anblicks
Je einzuwill'gen, sich von ihm zu kehren;

Dieweil das Gute, das des Willens Ziel ist,
In ihm sich ganz vereint, und außer selbem
Stets mangelhaft nur ist, was hier vollkommen.

Von nun an wird, verglichen selbst mit meiner
Erinnrung, kürzer sein mein Wort, als eines
Kindleins, das an der Brust noch netzt die Zunge.

Nicht daß mehr als ein einfach Bild zu sehn sei
In dem lebend'gen Licht, das ich beschaute,
Und das stets ist, wie es vorher gewesen;

Nein, weil durchs Schaun sich meine Sehkraft mehrte,
Verwandelte für mich, indem ich selber
Mich änderte, sich jener ein'ge Anblick.

In der Substanz, der unergründlich klaren,
Des hehren Lichts erschienen mir drei Kreise,
Dreifach an Farbe und von einem Umfang;

Und einer schien vom andern wie von Iris
Die Iris abgespiegelt, und der dritte
Wie Glut gleichförmig hier und dort enthauchet.

Wie kurz und schwach mein Wort ist gegen meine
Vorstellung, die, verglichen dem Gesehnen,
So ist, daß es nicht genügt, zu sagen wenig!

O ew'ges Licht, das, auf dir selbst nur ruhend,
Allein du selbst dich kennst und, dich erkennend,
So wie von dir erkannt, dir liebend lächelst!

Das Kreisen, das in dir also erzeugt schien,
Wie rückgestrahltes Leuchten, da ich etwas
Mit meinen Augen es ringsum betrachtet,

Zeigt' in dem Innern mir mit unserm Bilde
Von seiner eignen Farbe sich bemalet,
So daß ich mein Gesicht ganz drein versenkte.

Dem Geometer gleich, der drauf geheftet
Ganz ist, den Kreis zu messen, und, ob sinnend,
Doch das Prinzip, des er bedarf, nicht findet,

Also war ich bei diesem neuen Anblick.
Sehn wollt' ich, wie das Bild sich mit dem Kreise
Vereint, und wie's drin seine Stätte findet;

Doch gnügten nicht dazu die eignen Schwingen,
Bis daß mein Geist von einem Blitz durchzuckt ward,
In welchem sein Verlangen sich ihm nahte.

Der hehren Phantasie gebrach's an Kraft hier,
Doch schon schwang um mein Wünschen und mein Wollen,
Wie sich gleichförmig dreht ein Rad, die Liebe,

Die da die Sonne rollt und andern Sterne.


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