Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio
Philalethes - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 01

Durch bessre Flut den Lauf zu nehmen, ziehet
Die Segel auf jetzt meines Geistes Schifflein,
Das hinter sich so grauses Meer zurückläßt,

Und singen werd' ich von dem zweiten Reiche,
Allwo sich reiniget der Geist des Menschen
Und würdig wird, zum Himmel aufzusteigen.

Doch hier ersteh' die tote Dichtkunst wieder,
Da ich der Eure bin, ihr heil'gen Musen,
Hier hebe sich Kalliope ein wenig,

Mein Lied begleitend mit dem Ton, von dem sich
Die unglücksel'gen Elstern so betroffen
Gefühlt, daß an Vergebung sie verzweifelt.

Des morgenländ'schen Saphirs sanfte Bläue,
Die in dem heitern Anblick war ergossen
Der reinen Luft bis hin zum ersten Kreise,

Fing wieder an mein Auge zu erfreuen,
Sobald ich aus der Todesluft hervorkam,
Die Augen mir und Herz verdüstert hatte.

Ganz lächelte der Aufgang von dem schönen
Planeten, dem Ermunterer zum Lieben,
Der sein Geleit, die Fische, überstrahlte.

Ich wandt' zur Rechten mich, den Sinn gerichtet
Zum andern Pol hin, und sah dort vier Sterne,
Die niemand als das erste Paar noch wahrnahm;

Der Himmel freute, schien's, sich ihrer Flämmchen.
O arktische, verwaiste Erdengegend,
Da dir versagt ist, jene zu betrachten!

Als ich von ihrem Anschaun mich entfernet,
Ein wenig nach dem andern Pol mich wendend,
An dem der Wagen schon nicht mehr zu sehn war,

Erblickt' allein zur Seit' ich einen Greis mir,
Dess' Äußeres so viele Ehrfurcht heischte,
Daß mehr kein Sohn ist seinem Vater schuldig.

Lang trug er seinen Bart, mit weißem Haare
Gemischt, den Locken seines Hauptes ähnlich,
Davon zur Brust ein Doppelstreif herabfiel.

Die Strahlen der vier heil'gen Himmelslichter
Umsäumten so sein Angesicht mit Schimmer,
Daß ich ihn sah, als träf auf ihn die Sonne.

»Wer seid ihr, die, dem finstern Strom entgegen,
Dem ewigen Gefängnis ihr entronnen?«
Sprach er, das ehrenhafte Haar bewegend.

»Wer hat geführt euch? Wer dient' euch als Leuchte,
Um aus der tiefen Nacht hervorzukommen,
Drob für und für das Tal der Hölle schwarz ist?

Ist das Gesetz des Abgrunds so gebrochen?
Ward neuerdings des Himmels Rat geändert,
Daß als Verdammt' ihr kommt zu meinem Felsen?«

Alsbald ergriff behend mich mein Begleiter
Und hieß mit Worten, mit der Hand, mit Winken,
In Ehrfurcht Aug' und Knie vor ihm mich beugen;

Sodann antwortet' er: »Von selbst nicht kam ich;
Vom Himmel stieg ein Weib herab, auf dessen
Gesuch ich hilfreich diesem das Geleit gab.

Doch da dein Will' es ist, daß ich dir näher,
Wie es in Wahrheit um uns steht, verkünde,
Kann's nicht der meine sein, dir's zu verweigern.

Nicht sah noch dieser hier den letzten Abend,
Doch war so nah er ihm durch seine Torheit,
Daß nur ein kurzer Zeitlauf noch blieb übrig.

Wie ich gesagt, ward ich zu ihm gesendet,
Daß ich ihn rett', und keinen andern Weg mehr
Als diesen gab es, den ich eingeschlagen.

Gezeigt hab' ich das ganze Frevlervolk ihm,
Und denke jetzt, die Geister ihm zu zeigen,
Die unter deiner Aufsicht sich entsühnen.

Wie ich heraus ihn zog, wär' lang zu sagen,
Kraft aus der Höh' hilft mir hierher ihn führen,
Wo er dich sehen kann und dich vernehmen.

So mögst sein Kommen denn genehm du halten;
Der Freiheit strebt er nach, die so viel wert ist,
Wie der weiß, der für sie sein Leben hingibt.

Du weißt's, denn herb nicht war für sie der Tod dir
In Utica, wo du die Hülle ließest,
Die einst am großen Tag so hell wird glänzen.

Nicht ward durch uns verletzt die ew'ge Satzung;
Denn dieser lebt, und mich nicht bindet Minos.
Nein, in dem Kreis bin ich, wo deiner Marcia

Sittsamer Blick dich noch zu bitten scheinet,
Daß sie für dein, o heil'ges Herz, dir gelte.
So sei uns ihr zu Liebe denn geneiget,

Laß wandern uns durch deine sieben Reiche,
Von dir bring' ich ihr Grüße, wenn du anders
Dort unten nicht verschmähst genannt zu werden.« –

»Marcia gefiel so sehr einst meinen Augen,
Als ich noch jenseits war,« begann der andre,
»Daß stets ich tat, was sie als Gunst begehrte.

Jetzt, da sie jenseits wohnt des schlimmen Stromes,
Kann's mich nicht rühren mehr ob des Gesetzes,
Das, als ich draus entrann, gegeben wurde.

Doch wenn ein himmlisch Weib, so wie du sagest,
Dich schickt und führt, braucht's nicht der Überredung.
Genug, daß ihrethalb du auf mich forderst,

Geh denn und sieh, daß diesen du umgürtest
Mit glattem Schilf und ihm das Antlitz waschest,
So daß jedweder Schmutz vertilgt dort werde.

Denn nicht geziemt es sich, das Aug' umfangen
Von irgendeinem Nebel, vor den ersten
Der Diener aus dem Paradies zu treten.

Dies Inslein trägt an seinem tiefsten Fuße
Ringsum dort unten, wo's der Wogenschlag trifft,
Gar viel des Schilfes auf dem weichen Schlamme;

Kein anderes Gewächs kann hier gedeihen,
Das Laub hervortreib' oder sich verholze,
Weil es den Stößen nicht der Brandung nachgibt.

Von dort sei dann hierher nicht eure Rückkehr,
Die Sonne, die schon aufgeht, wird euch zeigen,
Wo leichtern Steigens ihr den Berg erklimmet.«

So schwand er, und ich, ohn' ein Wort zu reden,
Erhob mich drauf und wandte zu dem Führer
Mich ganz und richtete auf ihn die Augen.

Doch er begann: »Sohn, folge meinen Schritten,
Laß um uns kehren; denn dorthin zu senket
Sich dies Gefild nach seiner untern Grenze.«

Die Dämm'rung siegte übers Morgengrauen,
Das vor ihr her floh, so daß ich von ferne
Der Meeresfläche Flimmerschein erkannte.

Wir wandelten durchs menschenleere Blachfeld
Wie der, so zum verlor'nen Weg zurückkehrt
Und bis zu ihm vergebens glaubt zu gehen.

Als wir dorthin gelangt, wo mit der Sonne
Im Kampf der Tau liegt und, weil länger Schatten
Die Stätte hat, nur wenig sich verflüchtigt,

Legt ausgestreckt der Meister beide Hände
Gemächlich auf das junge Gras; darob ich,
Der sein Beginnen wohl verstanden hatte,

Die tränenvolle Wange hin ihm reichte;
Daselbst ließ er an mir die Farb' erscheinen,
Die von dem Höllendunst verdunkelt worden.

Drauf kamen hin wir zu der öden Küste,
Die ihre Flut noch niemand sah beschaffen,
Der dann die Wiederkehr erfahren hätte.

Dort gürtet' er mich nun, wie's jener wollte.
O Wunder! und wie die bescheidne Pflanze
Er auserkor, so sproßte sie aufs neue

Urplötzlich dort, wo er sie ausgezogen.


Gesang 02

Schon war die Sonn' an jenem Horizonte,
Dess' Mittagskreis mit seinem höchsten Gipfel
Jerusalem bedecket, angekommen,

Indes die Nacht, ihr gegenüber kreisend,
Emporstieg aus dem Ganges mit der Wage,
Die aus der Hand ihr fällt, sobald sie obsiegt,

So daß die weißen wie die roten Wangen
Der lieblichen Aurora, wo wir waren,
Goldgelb schon wurden durch zu hohes Alter.

Wir standen immer noch längshin am Meere,
Gleich denen, die, den Weg sich überdenkend,
Im Geist schon gehn, indes der Leib verweilet.

Und sieh, wie öfters kurz vor Morgensanbruch
Mars ob der dichten Dünste rötlich schimmert,
Gen Untergang tief überm Meeresspiegel,

Dem ähnlich schien – mög' ich's einst wiedersehen! –
Ein Licht so schnell sich übers Meer zu nahen,
Daß seinem Lauf kein Fliegen ist vergleichbar;

Denn weil von ihm ich abgewandt mich hatte
Ein wenig, um den Führer zu befragen,
Sah wieder ich's, schon leuchtender und größer.

Darauf erschien an ihm zu jeder Seite
Wie etwas Weißes mir, indes ein andres
Dergleichen unter ihm allmählich vortrat.

Mein Meister hatte noch kein Wort gesprochen,
Als Schwingen schon die erstern Weißen schienen.
Und da den Schiffer jetzt er recht erkannte,

Rief er mir zu; »Beug', beuge deine Knie,
's ist Gottes Engel! falte deine Hände;
Von nun an siehst du mehr dergleichen Diener.

Sieh, er verschmäht jedwedes Menschenwerkzeug
Und braucht kein Ruder, nur die eignen Schwingen
Als Segel zwischen den entfernten Küsten.

Sieh, wie gen Himmel er sie hat gerichtet,
Die Luft bewegend mit den ew'gen Federn,
Die nicht wie sterbliches Gefieder wechseln.«

Drauf schien, als mehr und mehr er uns sich nahte,
Der Vogel uns, der göttliche, jetzt heller;
Drob, weil ihn nicht ertrug so nah' mein Auge,

Ich's niedersenkt', und jener kam zum Strande
Mit einem schnellen und so leichten Schifflein,
Daß in die Wasserfläch' es gar nicht einschnitt.

Am Rückteil stand der himmlische Pilote,
Der Seligkeit trug auf der Stirn geschrieben,
Und drinnen saßen mehr denn hundert Geister.

»In exitu Israel de Aegypto«;
Hört' ich zugleich einstimmig alle singen,
Und was sonst noch von diesem Psalm zu lesen.

Dann segnet' er sie mit dem heil'gen Kreuze,
Worauf sie allzumal zum Strand sich stürzten,
Und jener schwand so schnell, als er gekommen.

Die Schar, die hier verblieb, schien, mit dem Orte
Wie nicht vertraut, rings um sich her zu blicken,
Gleich jenem, der da neue Dinge kostet.

Nach allen Seiten schoß das Licht des Tages
Die Sonn' aus, die mit leuchtenden Geschossen
Vom Mittagskreis verjagt den Steinbock hatte,

Als gegen uns das neue Volk die Stirne
Empor jetzt hob und sprach: »Wenn ihr ihn wisset,
So zeigt den Weg uns, auf den Berg zu kommen.«

Zu jenen drauf Virgil: »Ihr meint vielleicht wohl,
Daß wir bekannt mit dieser Stätte seien.
Doch, so wie ihr, sind Fremdlinge wir hier auch;

Jüngst kamen wir hierher, vor euch ein wenig,
Durch andre Straße, die so rauh und schwierig,
Daß Spiel nur jetzt uns wird das Steigen scheinen.«

Die Seelen, die mich atmen sahn, und inne
So wurden, daß ich noch am Leben wäre,
Erbleichten vor Verwunderung darüber.

Und wie dem Boten, der den Ölzweig bringet,
Zuströmt das Volk, um Neues zu vernehmen,
Und keiner sich vor dem Gedränge scheuet,

So hingen allzumal an meinem Antlitz
Jetzt die beglückten Seelen, als vergäßen
Sie, hinzugehn, um schöner dort zu werden.

Vortreten sah die ein' aus ihrer Mitt' ich,
Mich zu umarmen mit so großer Liebe,
Daß ich bewogen ward, zu tun ein gleiches.

O, nicht'ge Schatten, nur dem Aug' erkennbar!
Dreimal verschränkt' ich hinter ihm die Hände,
Und dreimal zog ich an die Brust zurück sie.

Wohl mocht' ich vor Erstaunen mich verfärben,
Darum der Schatten lächelt' und zurücktrat,
Und ich, ihm folgend, weiter vor mich drängte.

Mit sanfter Stimme hieß er mich verweilen,
Darauf erkannt' ich ihn und bat ihn, stille
Zu stehn ein wenig, um mit mir zu sprechen.

Er gab zur Antwort: »Wie ich einst geliebt dich
Im Leib des Todes, lieb' ich dich entfesselt;
Drum bleib' ich stehn. Doch du, warum nur gehst du?«

›O mein Casella, dorthin heimzukehren,
Wo ich noch bin jetzt, mach' ich diese Reise‹ ; –
Sprach ich – ›doch du, was raubt so viele Zeit dir?‹

Zu mir darauf jener: »Mir geschah kein Unrecht,
Wenn er, der, wen und wann er will, davonführt,
Mir mehrmals hat die Überfahrt verweigert;

Denn aus gerechtem Willen kommt der seine,
Und wirklich nahm er seit drei Monden jeden
In vollem Frieden auf, der eingehn wollte.

Drob ich, zum Meeresstrande hingewendet,
Wo sich dem Salze mischt der Tiber Welle,
Gar liebevoll durch ihn an jener Mündung

Einlaß bekam, wohin sein Flug sich richtet;
Denn immer wird dort jeder aufgenommen,
Der nicht zum Acheron hinunterstürzet.«

Und ich: ›Raubt dir ein neu Gesetz Erinnrung
Nicht und Gebrauch des liebevollen Sanges,
Der all' mein Sehnen mir zu stillen pflegte,

So sei's gefällig dir, durch ihn ein wenig
Zu trösten mir den Geist, der, mit dem Körper
Hierhergelangt, so sehr sich fühlt beklommen.‹

»Die Liebe, die mit mir im Geiste redet,«
Begann er darauf so sanft, daß mir im Innern
Der sanfte Ton noch immer widerklinget.

Mein Meister und ich selbst samt jenem Volke,
Das mit ihm war, wir schienen so zufrieden,
Als ob den Sinn nichts anderes uns kümmre.

Aufmerksam gingen wir einher und horchten
Auf seine Tön', und sieh', der edle Alte
Erschien und rief: »Was ist das, träge Geister?

Welch säumig Wesen, welch Verweilen ist das?
Eilt hin zum Berg, die Rind' euch abzustreifen,
Die offenbarlich Gott zu schaun euch hindert.«

Wie Tauben, die, wenn Korn sie oder Unkraut
Zu suchen rings zum Fressen sich versammeln,
Still sind, nicht die gewohnte Keckheit zeigend,

Sobald etwas sie schaun, das sie erschrecket,
Urplötzlich dann im Stich die Nahrung lassen,
Weil sie befallen sind von größrer Sorge,

So sah die neue Schar ich, den Gesang jetzt
Aufgebend, hin zum Felsenabhang eilen,
Wie wer da geht und weiß nicht, wo er hinkommt.

Und minder schnell auch war nicht unser Abgang.


Gesang 03

Indes die Flucht, die plötzliche, durchs Blachfeld
Zerstreut die andern hatte, die zum Berge,
Wohin Vernunft uns spornt, sich wieder wandten,

Schloß ich mich an dem sicheren Geleite;
Und wie auch wär' ich sonder ihn gelaufen,
Wer hätte mich den Berg hinangezogen?

Vorwürfe schien er selber sich zu machen,
O würdevoll und fleckenlos Gewissen,
Welch herber Biß dir ist ein kleiner Fehler!

Als nun sein Fuß das Eilen ließ, worunter
Die Ehrsamkeit bei jedem Schritte leidet,
Erweiterte mein Sinn, der festgebunden

Erst war, sein Streben so, daß neubegierig
Empor zur Höh' ich richtete mein Antlitz,
Die von der See zumeist sich dehnt' gen Himmel.

Es unterbrach vor mir den Schein der Sonne,
Der rot im Rücken glomm, des Leibes Umriß,
Weil eine Stütz' ich darbot ihren Strahlen.

Ich wandte nach der Seite mich, verlassen
Zu sein befürchtend, als ich inne worden,
Daß nur vor mir allein der Grund war dunkel.

Und drauf begann also zu mir mein Tröster,
Ganz nach mir hingewandt: »Was hegst du Kleinmut?
Glaubst nicht, daß ich mit dir bin und dich führe?

Schon Abend ist's dort, wo begraben lieget
Mein Leib, in dem ich Schatten warf; Neapel
Besitzt ihn, sein beraubet ward Brundusium.

Drum wenn anjetzt vor mir nichts wird beschattet,
Darf's mehr dich wundern nicht, als daß ein Himmel
Dem andern nicht der Strahlen Durchgang hemmet.

Qual zu empfinden, Glut und Frost, befähigt
Dergleichen Körper jene Kraft, die nimmer,
Wie sie's vollbringt, uns will enthüllen lassen.

Tor ist, wer hofft, daß die Vernunft des Menschen
Die endlos weite Bahn durchlaufen könne
Der einen Wesenheit in drei Personen.

Begnügt euch mit dem ›Daß‹ , ihr Menschenkinder;
Denn konntet alles ihr durchschaun, so brauchte
Maria ja nicht Mutter erst zu werden,

Und fruchtlos saht ihr Manchen Sehnsucht fühlen,
Des Sehnen, das ihm ewiglich zum Leiden
Gegeben ist, sonst wär' befriedigt worden.

Den Aristoteles mein' ich und Plato,
Und viele andr'.« – Und hier beugt' er die Stirne,
Und sprach nichts weiter mehr und blieb verstöret.

Indes gelangten wir zum Fuß des Berges,
Wo wir so steil den Felsenabhang fanden,
Daß hier vergebens rasch die Füße wären.

Der wildeste, der öd'ste Bergsturz zwischen
Turbias Schloß und Lerici wär' eine
Bequem' und breite Stiege gegen jenen.

»Wer es nur wüßte jetzt, zu welcher Hand sich
Der Hang verflacht,« sprach still mein Meister haltend,
»Daß ihn, wer ohne Flügel, könn' ersteigen.«

Und während er, gesenkt den Blick zum Boden,
Den Pfad, im Geiste forschend, untersuchte,
Und ich ringsum empor zum Felsen spähte,

Erschien mir eine Seelenschar zur Linken,
Die gegen uns die Füße hinbewegte,
Und zwar so langsam, daß es nicht bemerkbar.

»Richt' jetzt das Aug' empor,« begann mein Meister,
»Sieh', dort ist jemand, der uns Rat kann geben,
Wenn du nicht aus dir selbst ihn weißt zu schaffen.«

Drauf an mich blickend, sprach mit offner Mien' er:
»Laßt uns dorthin gehn, denn sie kommen langsam,
Und du auch, lieber Sohn, bleib fest in Hoffnung.«

Noch war dies Volk so weit von uns entfernet,
Nachdem wir, mein' ich, tausend Schritt gegangen,
Als mit der Hand ein guter Werfer schleudert,

Da drängten all' sie nach den harten Blöcken
Des hohen Rands sich, fest und starr dort bleibend,
Wie wer im Zweifel stillsteht, um zu schauen.

»0, wohlvollendet', auserkorne Geister!«
Begann Virgil darauf, »bei jenem Frieden,
Den insgesamt ihr, wie ich glaub', erwartet,

Sagt an, wo sich der Berg senkt, so daß möglich
Es ist, hinaufzugehn; denn Zeit verlieren
Ist jenem, der mehr weiß, auch mehr zuwider.«

Wie aus der Hürd' hervor die Schäflein kommen,
Bald eins, bald zwei, bald drei, indes die andern
Noch schüchtern stehn, so Maul als Aug' am Boden,

Und was das eine tut, die andern nachtun,
Sich, wenn es stehnbleibt, über jenes lehnend,
Einfältig-still und selbst den Grund nicht wissen,

So sah, sich gegen uns jetzt zu bewegen,
Die Spitz' ich der glücksel'gen Herde nahen,
Sittsam im Antlitz, ehrenhaften Schrittes.

Als unterbrochen mir zur rechten Seite
Das Licht am Boden jene nun erblickten,
So daß mein Schatten an dem Fels sich zeigte,

Verweilten sie, rückwärts ein wenig tretend,
Indes die andern all', die hinter ihnen,
Nicht wissend selbst, warum, ein gleiches taten.

»Auch ungefragt von euch, will ich bekennen,
Daß, was ihr seht, der Leib ist eines Menschen,
Darob am Grund das Sonnenlicht getrennt ist.

Verwundert euch darum nicht, sondern glaubet,
Daß ohne Kraft nicht, die vom Himmel kommet,
Er diese Wand zu übersteigen trachte.«

Der Meister so, – und jene würd'gen Seelen,
»Kehrt um,« begannen sie, »vor uns geht ein denn!«
Uns mit der äußern Hand ein Zeichen gebend.

Und einer unter ihnen sprach: »Wer immer
Du seist, so wandelnd, wende mir den Blick zu,
Besinn dich, ob du je mich jenseits sahest.«

Ich wandte mich nach ihm und sah ihn starr an:
Blond war er, schön und edlen Angesichtes,
Doch eine Brau' hatt' ihm ein Hieb gespalten,

Als ich darauf demütiglich geleugnet,
Daß ich ihn je gesehn, sprach er: »Schau hin jetzt!«
Mir auf der Höh' der Brust ein Wundmal zeigend.

Dann sagt' er lächelnd weiter: »Manfred bin ich,
Der Enkelsohn der Kaiserin Constanze;
Drum bitt' ich dich, wenn je zurück du kehrest,

Geh hin zur schönen Tochter, die geboren
Den Stolz Siziliens hat und Aragoniens,
Und künd' ihr, wenn man andres spricht, die Wahrheit.

Nachdem der Leib mir durch zwei Todeswunden
Gebrochen worden war, ergab mit Tränen
Ich jenem mich, der willig stets verzeihet.

Zwar graunvoll sind gewesen meine Sünden,
Doch Gottes Güte hat so weite Arme,
Daß sie das aufnimmt, was zu ihr sich wendet.

Und wenn Cosenzas Hirt, der auf die Fährte
Von Clemens mir gehetzt ward, zu der Stunde
Wohl dieses Blatt in Gott gelesen hätte,

So würden die Gebeine meines Leibes
Bei Benevent, am Ausgang dort der Brücke,
Vom schweren Steinhauf' noch behütet, liegen;

Jetzt wäscht der Regen und bewegt der Wind sie
Jenseits des Reiches Grenz' unweit des Verde,
Dorthin versetzet bei verlöschten Kerzen.

Durch jener Fluch wird so die ew'ge Liebe
Verwirkt nicht, daß zurück sie nicht kann kehren,
Solange Hoffnung noch ein wenig grünet.

Wahr ist es, wer dahinstirbt in dem Banne
Der heil'gen Kirch', ob er bereut am End' auch,
Muß dreißigmal so lange Zeit dann auswärts

Von diesem Felshang bleiben, als er früher
In seinem Trotz verharrt ist, wenn nicht solche
Bestimmung durch ein fromm Gebet verkürzt wird.

Sieh jetzt daraus, ob du mich kannst erfreuen,
Wenn du, wie du gesehn mich, meiner guten
Constanz' enthüllst, und dies Verbot ihr kündest:

Denn die noch jenseits, fördern hier uns mächtig.«


Gesang 04

Wenn, sei's aus Lust nun, sei's aus Schmerz, von welchem
Eins unserer Vermögen ward ergriffen,
Die Seele recht nach diesem hin sich wendet,

So merkt sie, scheint es, sonst auf keine Kraft mehr,
Und solches widerspricht der irr'gen Meinung,
Daß mehr als eine Seel' in uns erglühe.

Drum wenn der Mensch ein Ding sieht oder höret,
Das mächtig hält die Seel' auf sich gerichtet,
So geht die Zeit dahin, und er verspürt's nicht;

Denn eine andre Kraft ist's die drauf lauschet,
Und eine andr' erfaßt jetzt ganz die Seele;
Dies' ist gebunden gleichsam, jene ledig.

Dies hab' ich in der Tat an mir erfahren,
Indem auf jenen Geist ich horcht' und staunend
Dann sah, daß fünfzig Grad' emporgestiegen

Die Sonne war, und ich's bemerkt nicht hatte,
Als hin wir kamen, wo die Schar der Seelen
Einstimmig rief: »Hier ist, wonach ihr fragtet.«

Wohl einen größern Spalt vermachet oftmals
Mit soviel Dornen, als die Forke fasset,
Der Landbewohner, wenn die Trauben dunkeln,

Denn jener Steig war, wo hinauf wir klommen,
Wir beid' allein, mein Hort und ich ihm folgend,
Als sich von uns getrennt die Seelen hatten.

Zu Fuß geht nach San Leo man, steigt nieder
Nach Noli und hinauf zum hohen Gipfel
Bismantova's, allein hier mußt' ich fliegen

Mit der gewalt'gen Sehnsucht raschen Schwingen
Und Federn, mein' ich, jenem nachgezogen,
Der Licht mir gab und Hoffnung mir gewährte.

Wir stiegen jetzt hinauf im Spalt des Felsens,
Beengt durch seinen Rand auf beiden Seiten,
Und Fuß und Rand heischt' unter uns der Boden.

Als wir empor drauf zu dem obern Saume
Der hohen Wand auf offnem Abhang kamen,
Sprach ich: ›Mein Meister, welches Wegs nun gehn wir?‹

Und er zu mir: »Laß keinen Schritt jetzt weichen,
Nur immer hinter mir hinauf zum Berge,
Bis irgend uns erscheint ein kluger Führer.«

Hoch war sein Gipfel, sich dem Aug' entziehend,
Und trotziger sein Hang, als von dem halben
Quadranten nach dem Mittelpunkt die Linie.

Schon war ich müd', als ich begann zu sagen:
›O süßer Vater, sieh dich um und schau doch,
Wie ich verlassen bleibe, stehst du still nicht.‹

»0 lieber Sohn,« sprach er, »bis hierher schlepp' dich!«
Auf einen Vorsprung, etwas höher, deutend,
Der ganz den Berg umkreist an dieser Stelle.

So ward ich angespornt durch seine Worte,
Daß ich mich mühte, hin zu ihm zu kriechen,
Bis unterm Fuß mir endlich jener Gurt war.

Zum Sitzen ließen hier wir beid' uns nieder
Nach Morgen hin, wo wir heraufgekommen,
Was immer ist erfreulich zu betrachten.

Den Blick wandt' ich zuerst zum tiefen Strande,
Hob ihn sodann zur Sonn' empor und staunte,
Uns links von ihr getroffen zu gewahren.

Der Dichter merkte wohl, wie voll Verwundrung,
Zum Wagen ich des Lichts hinstarrend, dasaß,
Weil zwischen uns er eintrat und dem Nordwind,

Und sprach zu mir: »Wenn Castor erst und Pollux
In der Gesellschaft jenes Spiegels wären,
Der aufwärts und herab sein Licht entsendet,

So würd'st den Tierkreis dort, wo rot er glühet,
Den Bären näher du noch kreisen sehen,
Dafern er nicht die alte Bahn verließe.

Wenn du begreifen willst, wie dieses zugeht,
So stelle dir im Innern Sion vor
Also mit diesem Berg auf unserm Erdball,

Daß auf verschiednen Hemisphären sie
Bei gleichem Horizont stehn, und wenn deutlich
Sich dein Verstand dies denkt, wirst ein du sehn,

Wie diesem muß zu einer Seite laufen
Und jenem zu der anderen die Straße,
Drauf Phaethon so schlecht verstand zu fahren.«

›Gewiß, mein Meister,‹ sprach ich, ›nimmer ward mir
So klar noch, als ich alles jetzt erkenne,
Worin mir unzulänglich mein Verstand schien,

Daß jener Kreis am halben Himmelsumschwung,
Der in der Wissenschaft Äquator heißet
Und immer zwischen Sonn' und Winter einsteht,

Sich aus dem Grund, den du erwähnt, nach Norden
Von hier muß scheiden, während den Hebräern
Er nach der warmen Gegend zu sich zeigte.

Doch gern möcht' ich, wenn's dir gefällig, wissen,
Wie viel zu gehn uns bleibt; denn aufwärts dehnt sich
Die Höh' mehr, als mein Aug' sich kann erheben.

Und er zu mir: »Der Berg ist so beschaffen,
Daß unten beim Beginn er stets beschwerlich
Erscheint, doch minder quält, je mehr man steiget.

Drum, wenn er so gemächlich dann dir dünket,
Daß dir das Wandeln leicht wird, wie hinunter
Es mit dem Schiffe sich stromabwärts gleitet,

Dann wirst du dich am Ende dieses Pfades
Befinden, wo dein Ruh' harrt nach den Mühen.
Mehr nicht antwort' ich; doch dies weiß ich sicher.«

Und als er dieses Wort vollendet hatte,
Erklang's aus unsrer Näh: »Vielleicht, daß früher
Zu sitzen du Bedürfnis doch empfindest.«

Da beid' auf solchen Ton wir um uns wandten,
Sah'n links von uns wir einen großen Felsblock,
Den weder ich, noch er vorerst gewahret.

Dort schleppten wir uns hin, und Leute waren
Allda im Schatten hinterm Fels befindlich,
Wie man nachlässig an sich pflegt zu lehnen.

Und einer aus denselben, der mir müde
Zu sein schien, saß und hielt die Knie umfangen,
Tief das Gesicht gesenket zwischen diese.

›Mein süßer Meister,‹ sprach ich, ›blicke hin doch
Auf jenen, der nachlässiger sich zeiget,
Als wenn die Trägheit seine Schwester wäre.‹

Da merkt' er auf und wandte gegen uns sich,
Nur an der Hüft' empor das Antlitz richtend,
Und sprach: »Geh nur hinauf, denn du bist kräftig!«

Anjetzt erkannt' ich ihn, und die Erschöpfung,
Die noch etwas beschleunigte mein Atmen,
Hielt mich nicht ab, zu ihm zu gehn, und als ich

Bei ihm nun eintraf, hob er kaum das Haupt auf
Und sprach: »Hast du bemerkt recht, wie die Sonne
Zur linken Schulter uns herlenkt den Wagen?«

Sein träges Tun und seine kurzen Worte
Bewegten meine Lipp' etwas zum Lächeln,
Drob ich begann: ›Belacqua, nicht mehr schmerzt mich's

Um dich jetzt; doch sag' an, was hier du sitzest?
Harrst du auf den Begleiter, oder hat dich
Die altgewohnte Weis' aufs neu' ergriffen?‹

Und er: »O Bruder, wozu hilft das Steigen,
Da mich zur Pein doch nicht gelangen ließe
Der Pförtner Gottes, der am Tore sitzet.

Erst muß so lang hier außen, als im Leben
Er's tat, der Himmel mich umkreisen, weil ich
Die frommen Seufzer bis zuletzt verschoben.

Hilft früher mir, entsteigend einem Herzen,
Das in der Gnade lebet, ein Gebet nicht,
Was nützt mir andres, das nicht Gott genehm ist!«

Und schon stieg vor mir her empor der Dichter
Und sprach: »Komm jetzt, sieh, schon berührt die Sonne
Den Mittagskreis, und an dem äußern Rande

Bedeckt die Nacht mit ihrem Fuß Marokko.«


Gesang 05

Schon hatt' ich von den Schatten mich entfernet
Und folgte nach den Spuren meines Führers,
Als hinter uns der eine rief, den Finger

Empor gerichtet: »Sieh, scheint doch dem untern
Zur Linken nicht der Sonnenstrahl zu leuchten,
Nein, er gehabt sich, scheint's, wie ein Lebend'ger!«

Auf solchen Klang wandt' ich zurück mein Auge
Und sah sie vor Verwunderung nach mir nur,
Nach mir und dem getrennten Lichte schauen.

»Warum verstrickt sich also deine Seele,
Daß du im Wandern zögerst?« sprach mein Meister.
»Was geht dich das nur an, was die da flüstern?

Komm nach mir drein und laß die Leute reden,
Steh wie ein fester Turm, der trotz des Sausens
Der Stürme nimmermehr die Spitze schüttelt;

Denn stets entfernt sich jener von dem Ziele,
Dem ein Gedank' emporquillt übern andern,
Weil einer dann den Flug des andern hemmet.«

Was konnt' ich sagen drauf als nur: ›Ich komme!‹
Ich sprach's, leicht überflogen mit der Farbe,
Die der Vergebung macht bisweilen würdig.

Und an dem Abhang während des, ein wenig
Vor uns nur, kamen Leute jetzt vorüber,
Die Vers für Vers das »Miserere« sangen.

Als sie gewahrten, daß ob meines Leibes
Ich nicht die Strahlen durchließ, da verwandelt'
Ihr Lied sich in ein »Oh!« gedehnt und heiser;

Und zwei davon, Botschaftern ähnlich, kamen
Entgegen uns gelaufen, also fragend:
»Gewährt uns Wissenschaft von eurem Zustand!«

Mein Meister drauf: »Ihr könnt von dannen gehen
Und denen, die gesandt euch, es berichten,
Daß des Genossen Körper wahres Fleisch ist.

Stehn still sie, wie mir deucht, weil seinen Schatten
Sie sehn, so gnügt die Antwort: Ehren mögen
Sie ihn, der ihnen teuer noch kann werden.«

Nie sah so schnell entglommen Dunst beim Anbruch
Der Nacht durchschneiden ich den heitern Himmel,
Noch, wenn die Sonne sinkt, Augustgewölke,

Als aufwärts kehrten jen' und, angelangt dort,
Sich gegen uns dann mit den andern wandten,
Wie ein Geschwader rennt verhängten Zügels.

»Gar zahlreich ist das Volk, das auf uns zudringt
Und kommt, um dich zu bitten,« sprach der Dichter,
»Drum geh nur hin, zuhorchend, weil du wandelst.« –

»O Seele, zu dem heitern Dasein wallend
Mit den bei der Geburt erhaltnen Gliedern,«
Schrien sie im Nah'n, »hemm' deine Schritt' ein wenig,

Schau, ob aus uns du einen je gesehn hast,
So daß von ihm du jenseits Nachricht bringest.
Warum, ach, gehst, warum, ach, stehst du still nicht?

Gewaltsam wurden all' einst wir getötet
Und waren Sünder bis zur letzten Stunde,
In der ein himmlisch Licht uns hat gewitzigt,

So daß vergebend und bereu'nd getreten
Wir aus dem Leben sind, mit Gott versöhnet,
Den zu erschaun, uns Sehnsucht jetzt betrübet.«

Und ich: ›Ob auch ins Antlitz ich euch schaue,
Erkenn' ich keinen doch; allein, wenn etwas
Ihr wünscht, das ich vermag, erkorne Geister,

Sprecht, und ich werd' es tun, bei jenem Frieden,
Den, auf der Spur so hohen Führers wandelnd,
Von Welt zu Welt zu suchen, es mich dränget.‹

Und einer drauf begann: »Jedweder bauet
Auch ohne Schwur auf die verheiß'ne Wohltat,
Bricht nur den Willen nicht das Unvermögen;

Drum ich, der hier allein spricht vor den andern,
Fleh', daß, wenn jemals du das Land erschauest,
Das zwischen Karls Reich und Romagna lieget,

Du mir gefällig seist mit deinen Bitten
Zu Fano so, daß wohl für mich man bete,
Damit ich sühnen kann die schweren Schulden.

Dorther war ich, allein die tiefen Wunden,
Draus rann das Blut, auf dem den Sitz ich hatte,
Erhielt im Schoß ich der Antenoräer,

Wo ich am sichersten zu sein vermeinte.
Anstifter dieser Tat war der von Este,
Weit mehr mir zürnend, als es sich gebührte.

Doch, wär' ich gegen Mira hingeflohen,
Als eingeholt ich ward bei Oriaco,
Würd' ich noch jenseits sein, dort, wo man atmet.

Ich lief zum Sumpf, wo Schilf und Schlamm mich also
Umstrickten, daß ich fiel, und dort ein Meer sah
Aus meinen Adern sich am Grund ergießen.«

Drauf sprach ein andrer: »O, wenn sich das Sehnen
Erfüllen soll, das dich zum hohen Berg zieht,
So hilf mit frommem Mitleid doch dem meinen!

Ich war von Montefeltro, bin Buonconte;
Nicht sorgt für mich Johanna, noch wer andres,
Drum geh' gesenkter Stirn' ich unter diesen.«

Ich drauf: ›Welch' eine Macht riß, welch ein Zufall
Dich also weit hinweg von Campaldino.
Daß nie man deine Grabesstatt erfahren?‹

»O,« sprach er drauf, »ein Wasser strömt querüber
An Casentinos Fuß, genannt Archiano,
Das ob der Öd' im Apennin entspringet.

Dorthin, wo die Benennung es verlieret,
War ich gelangt, verwundet in der Kehle,
Zu Fuß entflohn, mit Blut die Flur benetzend;

Hier schwand mir das Gesicht, und in dem Namen
Marias starb das Wort mir, und hier fiel ich
Dahin und ließ mein Fleisch allein zurück dort.

Ich spreche wahr, du künd' es den Lebend'gen,
Mich faßte Gottes Engel, und der Höll'sche
Rief: ›Was beraubst du mich, du dort vom Himmel,

Du trägst mir seinen ew'gen Teil von dannen
Ob eines Tränleins, das ihn mir genommen,
Doch ich will mit dem andern anders schalten.

Wohl weißt du, wie der feuchte Dunst, als Wasser
Zurück dann kehrend, in der Luft sich sammelt,
Sobald dorthin er stieg, wo Kält' ihn fasset;

Dem bösen Willen einte, der nur Böses
Begehrt, der Scharfsinn sich, und Sturm und Dünste
Regt durch die Kraft er auf, die ihm Natur gab.‹

Drauf, als der Tag verlöscht war, deckt' mit Nebel
Von Prato magno bis zum großen Joch er
Das Tal, den Himmel drüber zubereitend,

So daß die schwangre Luft zu Wasser wurde,
Der Regen fiel, und zu den Bächen strömte
Das, was davon die Erd' in sich nicht aufnahm,

Und zu den größern Flüssen dann sich sammelnd,
Stürzt es dahin zum königlichen Strome,
So rasch, daß nichts zu hemmen es vermochte.

Kalt fand an seiner Mündung meinen Leichnam
Der mächt'ge Archian', und in den Arno
Ihn stoßend, löst' er auf der Brust das Kreuz mir,

Das ich, vom Schmerz besiegt, aus mir gebildet;
Hinwälzend dann am Grund mich und dem Ufer,
Deckt' und umhüllt' er mich mit seiner Beute.« –

»O, wenn zur Welt einst du zurückgekehrt bist.
Und ausgeruhet von der langen Reise,«
Fuhr fort der dritte Geist jetzt nach dem zweiten,

»Gedenke meiner dann; denn ich bin Pia,
Siena gab, Maremma nahm mirs Leben,
Dies weiß, wer einst, den Finger mir mit seinem

Juwel beringend, sich mir angetrauet.«


Gesang 06

Beim Schluß des Würfelspieles bleibt in Trauer,
Wer da verloren hat, zurück, versuchet
Die Würfel wiederum und lernt verdrießlich;

Doch mit dem andern strömt das ganze Volk hin,
Der geht vor ihm einher, der faßt ihn hinten,
Der ruft sich von der Seit' ihm ins Gedächtnis.

Er bleibt nicht stehn, hört nur auf den und jenen,
Wem er die Hand hinreicht, der drängt nicht weiter,
Und so weiß er des Drangs sich zu erwehren.

Dem gleich war ich in diesen dichten Haufen,
Nach ihnen rechts und links mein Antlitz wendend,
Und löste durch Versprechen mich von ihnen.

Hier war der Aretiner, dem das Leben
Durch Ghin' di Tacco's grimmen Arm geraubt ward,
Und jener, der ertrank im raschen Jagen,

Hier flehte mit emporgestreckten Händen
Friedrich Novello, so wie der von Pisa,
Ob dem Marzucco stark erschien, der Gute.

Graf Orso sah ich hier und jene Seele,
Getrennt von ihrem Leib aus Haß und Mißgunst,
So wie er sagt', und nicht, weil sie's verschuldet,

Ich meine Peter de la Brosse, und vorsehn
Mag die Brabanterin sich, weil sie diesseits,
Daß sie nicht schlimmrer Schar einst angehöre.

Als ich nun ledig war von all' den Schatten,
Die andre bitten nur, für sie zu bitten,
Daß ihre Heiligung beschleunigt werde,

Begann ich so: ›Mir scheint, daß klar du leugnest,
O du mein Licht, an irgendeiner Stelle,
Daß je Gebet des Himmels Ratschluß beuge,

Doch eben dies ist's was dies Volk begehret.
Wär' eitel wohl drum ihre Hoffnung, oder
Sind deine Worte mir nicht ganz verständlich?‹

Und er zu mir dann: »Meine Schrift ist deutlich,
Und dennoch täuschet jene nicht ihr Hoffen,
Wenn mit gesundem Sinn man wohl drauf merket.

Nicht wird erniedriget des Urteils Gipfel,
Denn Liebesglut ersetzt in kurzer Zeit das,
Wofür hier das Verweilen soll genug tun,

Und dort, wo jenen Satz ich aufgestellet,
Ward durch Gebet kein Fehler je vergütet,
Dieweil von Gott geschieden war das Beten.

Wahrhaftig drum bei so tiefsinn'gem Zweifel
Verweil' nicht, wenn nicht sie dir's heißt, die zwischen
Der Wahrheit dir und dem Verständnis Licht wird.

Ich weiß nicht, ob du mich verstehst; Beatrix
Mein' ich, die droben du, glückselig lächelnd,
Auf dieses Berges Gipfel wirst erschauen.«

Und ich: ›Laß mehr uns eilen, guter Führer,
Denn schon ermüd' ich mich nicht so wie früher,
Und sieh, es wirft bereits der Berg jetzt Schatten.‹

»Wir gehn,« antwortet jener, »diesen Tag lang,
So weit wir können, vorwärts, doch gestaltet
Sich's in der Tat ganz anders, als du wähnest.

Eh' du hinaufgelangst, wirst wiederkehren
Du jene sehn, die schon sich hinterm Strand birgt,
So daß du nicht mehr ihre Strahlen trennest.

Doch sieh, wie jene Seele, hingestellt dort,
Ganz einsamlich die Blicke nach uns richtet;
Sie wird gewiß den schnellsten Weg uns zeigen.«

Wir nahten ihr uns. O Lombard'sche Seele,
Wie du so stolz und voll Verachtung dastandst,
Langsam das Aug' und ehrenhaft bewegend.

Nicht sprach zu uns sie irgend etwas, sondern
Ließ uns einherziehen, hin nach uns nur schauend
Auf eines Löwen Weise, wenn er ruhet.

Dennoch trat hin zu ihr Virgil und bat sie,
Den besten Weg nach oben uns zu zeigen,
Und jen' antwortet' nichts auf seine Frage,

Nein, frug nach unserm Vaterland und Leben;
Und es begann der süße Führer: »Mantua.«
Doch jener Schatten, ganz in sich vertieft erst,

Erhob sich gegen ihn von seinem Stande
Und rief: »Ich bin Sordell, o Mantuaner,
Aus deiner Stadt;« darauf sie sich umarmten.

Weh' dir, Italien, Sklavin, Haus des Jammers,
Schiff ohne Steuermann in großem Sturme,
Nicht Herrin der Provinzen mehr, nein, Metze!

Also behend war jene edle Seele,
Den süßen Klang der Vaterstadt nur hörend,
Hier ihre Bürger festlich zu begrüßen,

Und jetzt sind sonder Krieg nicht die Lebend'gen
In dir, und es benagen sich einander,
Die eine Mauer einschließt und ein Graben.

Such', Jammervolle, ringsum an den Küsten
All' deiner Meer' und schau' dir dann ins Innre,
Ob eine Stätt' in dir sich freut des Friedens.

Was frommt's, daß dir den Zügel ausgebessert
Justinianus, wenn der Sattel leer ist?
War' ohnedies geringer doch die Schande!

O Volk, das nur der Frömmigkeit zu leben
Und Cäsar sollt'st auf seinem Sitze lassen,
Wenn wohl du faßtest, was dir Gott bestimmet,

Sieh, wie störrisch ist das Tier geworden,
Weil durch die Sporen es nicht mehr gestraft wird.
Seitdem du in den Zaum ihm bist gefallen,

O deutscher Albert, der das wildgewordene
Unbänd'ge du sich selber überlassest,
Und sollt'st doch seines Sattels Bug umspannen!

Ein recht Gericht fall' aus den Sternen nieder
Auf dein Geschlecht, und unerhört und klar sei's,
Daß dein Nachfolger Furcht darob empfinde;

Denn du nebst dem Erzeuger hast geduldet,
Von Habbegierde jenseits festgehalten,
Daß wüst gelegt des Reiches Garten würde.

Komm her und sieh Montecch' und Capelletti,
Sorgloser Mann, Monald' und Filippeschi,
In Not schon jen' und diese voll Befürchtung.

Grausamer, komm und sieh die Unterdrückung
All deiner Edeln, komm und heil' ihr Leiden.
Und sehn wirst du, wie sicher Santafior' ist!

Komm her und sieh, wie deine Roma weinet,
Die einsam, eine Witwe, Tag und Nacht ruft:
»Mein Cäsar, was doch ein'st du dich mit mir nicht?«

Komm her und sieh, wie sehr das Volk sich liebet,
Und rühret kein Erbarmen über uns dich,
So komm, des eignen Leumunds dich zu schämen.

Und ist's erlaubt mir, höchster Jova, der du
Auf Erden wardst für uns gekreuzigt, wendet
Wo anders hin sich dein gerechtes Auge?

Wenn's nicht Vorkehrung ist in deines Rates
Abgrund, bestimmt zu irgend etwas Gutem,
Das ganz und gar sich unsrer Kund' entziehet;

Denn voll sind von Tyrannen Welschlands Städte,
Allsamt, und zum Marcell wird jeder Bauer,
Der nur herbeikommt und Partei ergreifet.

O mein Florenz, zufrieden kannst mit dieser
Abschweifung du wohl sein, die dich nichts angeht,
Dank's deinem Volk, das soviel Kluges aussinnt.

In manchem wohnt Gerechtigkeit, doch spät geht
Sie los, weil er mit Vorsicht spannt den Bogen,
Doch auf der Zungenspitze hat dein Volk sie.

Gar mancher lehnt die öffentliche Bürd' ab,
Allein dein Volk antwortet ungerufen
Voll Emsigkeit und schreit: ›Ich unterzieh' mich.‹

So sei denn fröhlich; denn du hast wohl Ursach',
Du reich', du voll des Friedens, du voll Einsicht,
Ob wahr ich spreche, zeigt sich an der Wirkung.

Athen und Lacedaemon, die, der alten
Gesetze Mütter, so geregelt waren,
Sie geben gegen dich geringe Probe

Der Wohlfahrt nur, die du so fein erdachte
Satzungen machst, daß bis Novembers Mitte
Nicht reicht, was im Oktober du gesponnen.

Wie oft hast du, soweit zurück du denkest,
Gesetz' und Münz' und Obrigkeit und Sitte
Gewechselt und erneuert deine Glieder,

Und wenn du recht besinnst dich, und dir's klar wird,
So wirst du sehn, daß du dem Kranken gleichest,
Der, keine Ruhe findend, auf den Federn

Umher sich wälzend, Schutz sucht vor den Schmerzen.


Gesang 07

Nachdem die biedre freudige Begrüßung
Drei- oder viermal war erneuert worden,
Trat jetzt Sordell zurück und sprach: »Wer seid ihr?« –

»Eh' zugewandt noch wurden diesem Berge
Die Seelen, wert, zu Gott emporzusteigen,
Ward mein Gebein durch Octavian begraben.

Ich bin Virgil, und andre Schuld als Mangel
Des Glaubens raubte nicht den Himmel mir.«
Also entgegnet' ihm anjetzt mein Führer.

Wie einer ist, der, unversehens ein Ding
Vor sich erblickend, drob er sich verwundert,
Glaubt und nicht glaubt, und spricht: »es ist – ist nicht;«

Schien jener mir, und drauf gesenkten Blickes
Kehrt er zurück demütiglich zum andern.
Umschlingend ihn, wo sich ein niedrer anschmiegt,

»O, der Lateiner Ruhm,« sprach er, »durch welchen,
Was sie vermag, gezeigt hat unsre Sprache,
O ew'ger Preis des Orts, aus dem ich stamme!

Welch ein Verdienst, welch eine Gnade zeiget
Dich mir, wenn wert ich bin, dein Wort zu hören,
Sprich, kommst du aus der Höll' und welcher Klause?«

»Durch alle Kreise hin des Reichs der Schmerzen,«
Antwortet' er, »bin ich hieher gekommen,
Es trieb mich Himmelskraft, und mit ihr komm' ich.

Durch Taten nicht, durch Nichttun nur verlor ich
Der hehren Sonne Schaun, nach der du schmachtest,
Und die zu spät von mir erkannt ist worden.

Ein Ort ist drunten, nicht durch Qualen traurig,
Durch Finsternis allein, wo wie Gejammer
Nicht tönen, nein, nur Seufzer sind die Klagen;

Alldort bin ich mit den unschuld'gen Kleinen,
Die von des Todes Zahn zermalmet worden,
Eh' frei sie waren von der Schuld der Menschheit.

Mit jenen bin ich dort, die, nicht gekleidet
In die drei heil'gen Tugenden, die andern
Erkannten all' und übten sonder Laster.

Doch wenn du's weißt und kannst, gib eine Weisung
Uns, wie dorthin am schnellsten wir gelangen,
Wo wirklich erst das Purgatorium anhebt.«

Er drauf: »Kein fester Ort ist uns bestimmet,
Empor darf und umher ich gehn; soweit ich
Zu gehn vermag, begleit' ich dich als Führer.

Doch sieh, wie schon der Tag sich senkt, und steigen
Kann man zur Nachtzeit nicht; drum wird es gut sein.
Auf einen schönen Aufenthalt zu sinnen.

Abseits hier findest Seelen du zur Rechten;
Wenn du mir beistimmst, führ' ich dich zu ihnen,
Die du nicht sonder Lust wirst kennen lernen.«

»Wie das?« sprach jener. »Wer heraufgehn wollte
Zur Nachtzeit, hinderte den wohl ein andrer
Dran, oder stieg' er nicht, weil er nicht könnte?«

Und mit dem Finger streift' am Grund der gute
Sordell und sprach: »Auch selber diesen Strich hier
Nicht überschritt'st du, wenn die Sonn' entschwunden;

Nicht daß das Aufwärtssteigen etwas andres
Als nur die Finsternis der Nacht erschwere,
Die durch Nichtkönnen dann das Wollen hemmet.

Wohl könnte man mit ihr herabwärts kehren
Und, irrend rings, den Bergeshang umwandern,
Solang der Horizont den Tag verdeckt hält.«

Drauf mein Gebieter, wie verwundert, anhob:
»So führ' uns denn dahin, wo du gesagt hast,
Daß Lust der Aufenthalt gewähren könne!«

Als kaum ein wenig wir von dort entfernt uns,
Ward ich gewahr, daß eingesenkt der Berg war,
Wie hier sich Täler einzusenken pflegen.

»Dorthin,« sprach jener Schatten, »laßt uns gehen,
Wo sich zur Bucht der Bergesabhang bildet,
Da wollen wir den neuen Tag erwarten.«

Schräg liegend zwischen waag- und senkrecht zog sich
Ein Pfad hin, der zum Rand der Schlucht uns führte,
Wo mehr als halb ihr Seitenhang schon schwindet.

Gold, feines Silber, Scharlach selbst und Bleiweiß,
Und leuchtend Holz, und Indig, und der heitre
Smaragd, wenn er soeben frisch gebrochen,

Sie würden allzumal besiegt an Farbe
Vom Gras und von den Blumen dieses Tals sein,
Gleich wie vom Mehr besieget wird das Minder.

Und nicht gemalt nur hatte die Natur hier,
Nein, aus der Süßigkeit von tausend Düften
Schuf sie ein unbestimmt fremdartig Etwas.

»Salve Regina« singend, auf den Blumen
Und auf dem Grün sah Seelen hier ich sitzen,
Von außen ob des Tales nicht ersichtlich.

»Eh' noch zu Raste geht die wen'ge Sonne,«
Sprach, der uns hergelenkt, der Mantuaner,
»Verlangt nicht, daß ich unter jen' euch führe.

Von dieser Höh' herab erkennt ihr besser
An jeglichem aus seinem Tun und Antlitz
Als drunten in der Au', in ihrer Mitte.

Der dort am höchsten sitzt, dem man es ansieht,
Daß er versäumt, was er vollbringen sollte,
Und der den Mund nicht rührt zum Sang der andern,

Rüdolph, der Kaiser, war er, der die Wunden,
Die Welschland Tod gebracht, wohl heilen konnte,
So daß es spät erst neu belebt ein andrer.

Der, dessen Anblicks jener sich getröstet,
Herrscht' in dem Land, draus quillt das Wasser, welches
Der Elbe zu die Moldau, jen' ins Meer führt;

Man nannt' ihn Ottokar, und besser war er
In Windeln schon, als bärt'gen Kinns ist Wenzel,
Sein Sohn, an Trägheit sich und Wollust weidend.

Der mit der Stumpfnas', der in tiefem Rat scheint
Mit jenem, der so güt'gen Angesichtes,
Starb, flüchtig und die Lilien entblätternd,

Betrachtet, wie er dort sich auf die Brust schlägt,
Und seht den anderen, der seine Wange
Hat seufzend in die hohle Hand gebettet;

Von Frankreichs Pest sind Vater sie und Schwäher,
Sie kennen sein unflätig Lasterleben,
Daher kommt auch der Schmerz, der so sie stachelt.

Der dort so stark an Gliedern scheint und singend
Begleitet den, des Nase männlich raget,
War mit jedweder Tugend einst umgürtet,

Und wenn als König wär' nach ihm verblieben
Der Jüngling hinter ihm dort, traun, die Tugend
Hätt' von Gefäß sich zu Gefäß ergossen.

Doch solches gilt nicht von den andern Erben;
Die Reich' erhielten Jakob zwar und Friedrich,
Doch an dem bessern Erb' hat keiner Anteil.

Denn selten nur entsproßt aufs neu' den Zweigen
Der Menschheit Biederkeit, und solches wollte
Ihr Geber, daß man sein Geschenk sie nenne.

Auch den Benas'ten trifft mein Wort nicht minder,
Als es von Peter galt, der mit ihm singet,
Darob Provence schon und Apulien klagen.

So weit steht nach dem Samen hier die Pflanze,
Als sich annoch Konstanze des Gemahles
Mehr denn Beatrix rühmt und Margarete.

Seht, wie der König dort einfachen Wandels,
Heinrich von Engelland, für sich allein sitzt!
Dem ward ein bessrer Trieb an seinen Zweigen,

Und der, am tiefsten sitzend unter ihnen,
Am Boden, aufwärts blickt, ist Markgraf Wilhelm,
Der Monferrat und Canavese Tränen

Ob Alessandrias Fehde hat gekostet.«


Gesang 08

Die Stunde war's, die Schiffenden das Sehnen
Heim wendet und ihr Herz erweicht am Tage,
Da sie: »Lebt wohl!« gesagt den süßen Freunden,

Und die mit Liebe quält den neuen Pilgrim,
Wenn er von fern ein Glöcklein hört, des Hallen
Den Tag scheint zu beweinen, der dahinstirbt;

Als ich begann, des Hörens mich entschlagend,
Zu schaun auf eine Seele, die, sich aufrecht
Erhebend, mit der Hand Gehör verlangte.

Sie faltete und hob jetzt beide Hände,
Die Augen fest dem Aufgang zugerichtet,
Als spräche sie zu Gott: »Mich rührt nichts weiter.«

Te lucis ante klang so voller Andacht
Aus ihrem Mund und mit so süßen Tönen,
Daß es mich meiner selbst vergessen machte.

Darauf die andern allzumal ihr folgten,
Süß und voll Andacht durch die ganze Hymne,
Den Blick gewandt zu den erhabnen Kreisen.

Jetzt, Leser, such' geschärften Blicks die Wahrheit,
Denn also fein ist wahrlich hier der Schleier,
Daß es, durch ihn hineinzudringen, leicht wird.

Ich sah die edle Heeresschar stillschweigend
Darauf nach oben blicken, gleich als ob sie
Etwas erwarte, blaß und voll von Demut,

Und sah, der Höh' entsteigend, niederlassen
Zwei Engel sich mit zwei entflammten Schwertern.
So abgestumpfet und beraubt der Spitzen.

Grün, gleich den eben erst entkeimten Blättlein,
War ihr Gewand, das, von den grünen Schwingen
Bewegt, sich rückwärts zog, im Winde flatternd.

Nur wenig über uns zu stehn kam einer,
Der andre ließ genüber sich am Talrand
Herab, daß alles Volk blieb in der Mitte.

Ihr blondes Haupt wohl konnt' ich unterscheiden,
Doch in dem Angesicht verging der Blick mir,
Wie an zu vielem jede Kraft muß scheitern.

»Sie kommen beide von dem Schoß Marias,«
Begann Sordell, »das Tal hier zu bewachen
Ob jener Schlange, die alsbald herbeikommt.«

Drob ich, nicht wissend, welches Pfads sie käme,
Mich wandte ringsumher und eng mich anschloß,
Durchschauert ganz, an den betrauten Rücken.

Sordell drauf: »Laßt zu Tal uns gehn inmitten
Der hohen Schatten, daß wir dort sie sprechen;
Denn euch zu schaun, wird sie gar sehr erfreuen.«

Drei Schritte nur mocht' ich herab wohl steigen,
Als ich schon unten stand, und sah dort einen
Auf mich nur schaun, als wollt' er mich erkennen.

Die Zeit war's schon, da sich die Luft verfinstert,
Doch nicht, daß zwischen seinem Blick und meinem
Sie kund nicht tat, was erst sie hielt verborgen.

Er nahte mir, ich ihm: ›O Richter Nino,
Du Edler, wie erfreut' es mich, zu sehen,
Daß du nicht wärest unter den Verdammten.‹

Kein holder Gruß ward zwischen uns versäumet;
Dann fragt' er mich: »Wie lange ist's daß du kamest
Zum Fuß des Berges durch die weiten Wässer?«

›0h!‹ sprach ich, ›mitten durch des Jammers Stätten
Kam ich heut' früh und bin im ersten Leben,
Erstreb' ich, also wallend, gleich das andre.‹

Als meine Antwort war vernommen worden,
Sah ich zurück Sordell und jenen weichen,
Dem gleich, den etwas plötzlich hat verwirret.

Der eine wandt' sich an Virgil, der andre
An einen, der dort saß, laut rufend: »Konrad!
Auf, komm und sieh, was Gott gewollt aus Gnade!«

Drauf gegen mich: »Bei dem besondern Danke,
Den ihm du schuldig bist, der so sein erstes
›Warum‹ verbirgt, daß keine Furt dorthin ist;

Wenn jenseits du der breiten Flut, sag' meiner
Johanna, daß für mich sie flehen möge
Dort, wo Unschuldige Gewährung finden.

Denn nicht mehr liebt mich, glaub' ich, ihre Mutter,
Da sie den weißen Schleier hat vertauschet,
Den einst zurück noch muß die Arme wünschen.

An ihr ist es gar leichtlich zu erkennen,
Wie lang im Weib der Liebe Feuer dauert,
Wenn es nicht Blick oft und Berührung anfacht.

So herrlich wird nicht ihr Begräbnis schmücken
Die Viper, drunter Mailands Volk sich lagert,
Als es geschmückt der Hahn Gallura's hätte.«

Also sprach er, in seinem Angesichte
Den Abdruck jenes echten Eifers tragend,
Davon mit Maß und Ziel das Herz erwärmt wird.

Mein Auge hing voll Sehnsucht nur am Himmel
Dort, wo die Stern' am trägsten sich bewegen,
Dem Rade gleich, wo es der Achs' am nächsten.

Der Führer drum: »Mein Sohn, was blickst hinauf du?«
Und ich darauf zu ihm: ›Nach den drei Flämmchen,
Davon der ganze Pol diesseits erglühet.‹

Zu mir der andere: »Die vier lichten Sterne,
Die du heut' Morgen sahst, sind jenseits drunten,
Und diese stiegen auf, wo jen' erst standen.«

Weil er so redete, zog ihn Sordello
Zu sich hin, rufend: »Sieh dort unsern Gegner!«
Und streckt' die Finger, daß dorthin er schaue.

Von jener Seite her, wo keine Schutzwehr
Das kleine Tal verschließt, kam eine Schlange,
Dieselbe wohl, die Even bittre Kost gab:

Durch Gras und Blumen schlich der arge Streif hin,
Bald mit dem Kopf sich, bald dem Rücken wendend,
Gleich einem Tiere leckend, das sich putzet.

Nicht sah ich, und drum kann ich drob nichts künden,
Die Habichte des Himmels sich bewegen,
Doch wohl wie beide sich bewegt; die Schlange,

Als durch die Luft die grünen Schwingen rauschen
Sie hört', entfloh. Es wandten sich die Engel
Auf ihren Stand zurück, gleichmäßig fliegend.

Der Schatten, der dem Richter sich genähert,
Als dieser rief, verwendete die Blicke
Von mir nicht während dieses ganzen Agriffs.

»Soll jene Leuchte, die dich führt nach oben,
So vieles Öl in deinem Willen finden,
Als bis zum Blumenschmelz des Gipfels nötig?«

Begann er; »wenn von Val di Magra oder
Dem Land umher du hast wahrhaft'ge Nachricht,
Tu' mir sie kund; denn einst war dort ich mächtig.

Mit Namen hieß ich Konrad Malespina,
Der Alte bin ich nicht, doch von ihm stamm' ich,
Den Meinen weiht' ich Liebe, die hier läutert.«

›0!‹ ' sprach ich drauf zu ihm, ›in Eurem Lande
War ich noch niemals, doch wo kann man wohnen
Durch ganz Europa, daß man sie nicht kenne.

Der Ruf, der Euer Haus mit Ehren nennet,
Laut preist die Herren er und laut die Landschaft,
So daß davon vernimmt, wer noch nicht dort war.

Auch schwör' ich Euch, so wahr empor ich gehn will,
Daß Euer ehrenwert Geschlecht des Ruhms sich,
Des Schwertes und der Börse nicht entäußert.

Sitt' und Natur gibt ihm ein solches Vorrecht,
Daß es, verführt das schlimme Haupt die Welt auch,
Geht grad' allein, des Bösen Weg verschmähend.‹

Und er: »Jetzt geh; denn siebenmal nicht leget
Die Sonn' aufs neu' ins Bett sich, das der Widder
Mit den vier Füßen decket und umspannet,

Eh' diese Meinung, die du freundlich äußerst,
Dir mitten in das Haupt wird eingeschlagen
Mit stärkern Nägeln noch als andrer Rede,

Wenn nicht des Richterspruches Lauf gehemmt wird.«


Gesang 09

Die Bettgenossin des bejahrten Tithon
Erblaßte schon am Morgensaum des Himmels,
Dem Arm des süßen Buhlen sich entreißend,

Von Edelsteinen glänzte ihre Stirne,
In der Gestalt des kalten Tiers geordnet,
Das mit dem Schwänze Stiche gibt den Menschen;

Und zwei der Schritte, die sie steiget, hatte
Die Nacht zurückgelegt dort, wo wir standen,
Und seine Flügel senkte schon der dritte,

Als ich, der Adams Erb' ich bei mir führte,
Vom Schlaf besiegt, aufs Gras mich niederbeugte,
Wo wir erst alle fünf gesessen hatten.

Zu jener Stund', in der ihr traurig Klaglied
Die Schwalbe, da der Morgen naht, beginnet,
Wohl in Erinnrung ihres ersten Jammers,

Und unser Sinn, dem Fleische mehr entfremdet
Und nicht so sehr verstricket in Gedanken,
Wie göttlich ist in seinen Visionen,

Glaubt' einen Aar mit goldnen Federn, schwebend
Am Himmel, ich im Traum zu sehn, die Flügel
Ausspannend und bereit, herabzuschießen;

Und dort glaubt' ich zu sein, wo Ganymedes
Die Seinigen zurückließ und entrafft ward
Empor in die erhabne Ratsversammlung.

Ich dachte bei mir selbst: Der stößt hierher wohl
Nur aus Gewohnheit, und von anderm Orte
Verschmäht er, mit den Klau'n wohl fortzutragen.

Dann schien es mir, als ob erst etwas kreisend
Er furchtbar wie ein Blitz herab drauf stürzte,
Und mich hinauf entrückte bis zum Feuer.

Da schien mir's, als erglüht' er und ich selber,
Und also brannte die geträumte Glut mich,
Daß drob der Schlummer mir zerrissen wurde.

Nicht anders hat Achilles sich geschüttelt,
Im Kreis rings die erwachten Augen wendend
Und, wo er sei, nicht wissend, da die Mutter

Von Chiron weg hinüber ihn nach Scyros
Geflüchtet, weil er schlief in ihren Armen,
Von wo die Griechen dann hinweg ihn führten,

Als ich mich schüttelte, da mir vom Antlitz
Der Schlummer floh und totenbleich ich wurde,
Gleich einem Manne, der vor Schreck erstarret.

Es stand allein mein Hort mir noch zur Seite,
Und hoch die Sonne schon mehr als zwei Stunden,
Und nach dem Meer zu war gewandt mein Antlitz.

»Befürchte nichts,« begann jetzt mein Begleiter,
»Ermanne dich; wir sind zu guter Stelle,
Dräng' nicht zurück, nein, jede Kraft entfalte,

Beim Purgatorium bist du angelangt jetzt.
Sieh dort die Felsenwand, die's rings umschließet,
Sieh dort den Eingang, wo zertrennt sie scheinet.

Jüngst in der Dämmerung, die vor dem Tage
Einhergeht, weil dir schlief die Seel' im Innern,
Auf jenem Blumenschmuck der untern Stätte

Erschien ein Weib und sagte: ›Lucia bin ich;
Laß diesen hier, der schlummert, mich ergreifen,
Daß ich auf seinem Weg ihn fördern möge.‹

Sordell blieb mit den andern edlen Schatten
Zurück; sie nahm dich, und da's heller Tag ward,
Kam sie herauf und ich auf ihren Spuren.

Hier legte sie dich hin, und erst noch zeigte
Den offnen Eingang mir ihr schönes Auge,
Drauf schwand zu gleicher Zeit sie mit dem Schlummer.

Dem Manne gleich, dem sich der Zweifel löset,
Und dem die Furcht in Sicherheit sich wandelt,
Nachdem die Wahrheit ihm enthüllt ist worden,

Verändert' ich mich, und da frei von Sorge
Mich sah mein Führer, setzt' er in Bewegung
Am Abhang sich – und ich ihm nach – zur Höhe.

Du, Leser, siehst, wie meinen Gegenstand ich
Erheb' anjetzt, drum darfst du dich nicht wundern,
Wenn ich mit größrer Kunst ihn unterstütze.

Heran jetzt tretend, standen wir so nah schon,
Daß dort, wo mir ein Spalt erst war erschienen,
Dem Risse gleich, der eine Mauer trennet,

Ein Tor ich sah und unter ihm drei Stufen,
Die zu ihm führten, von verschiedner Farbe
Und einen Pförtner, der kein Wort noch sagte.

Und mehr und mehr das Äug' auf ihn erschließend,
Sah ich ihn auf der höchsten Stufe sitzen,
Im Antlitz so, daß ich's nicht tragen konnte;

Und ein entblößtes Schwert hatt' in der Hand er,
So gegen uns zurück die Strahlen werfend,
Daß mehrmals drauf den Blick umsonst ich wandte.

»Von dorther saget uns erst, was ihr wollet!«
Begann er, »wo ist der Begleiter, wahrt euch,
Daß euch nicht schädlich sei, hinaufzukommen.«

»Ein himmlisch Weib, vertraut mit diesen Dingen,«
Entgegnet' ihm mein Meister, »sprach vor kurzem
Zu uns erst: ›Dorthin geht, dort ist die Pforte!‹ «

»Und mög' im Guten euern Schritt sie fördern,«
Begann jetzt wieder der gefäll'ge Pförtner,
»So kommet vorwärts denn zu unsern Stufen.«

Dorthin gelangten wir, und weißer Marmor,
So rein geschliffen, war die erste Staffel,
Daß ich mich drin so spiegelt', als ich scheine.

Es war die zweite dunkel, mehr denn Purpur,
Von rauhem brandverwüstetem Gestein,
Der Länge nach und überzwerch geborsten.

Die dritte, die empor noch drüber ragte,
Schien mir aus Porphyr von so feur'gem Rote
Zu sein wie Blut, das aus der Ader spritzet.

Auf dieser ruhte mit den beiden Füßen
Der Engel Gottes, auf der Schwelle sitzend,
Die mir von Diamantenstein zu sein schien.

Den Willigen zog über die drei Stufen
Der Führer jetzt empor und sprach: »Begehre
In Demut, daß das Schloß er lösen möge.«

Andächtig fiel ich zu den heil'gen Füßen,
Barmherzigkeit erflehend, daß er öffne,
Doch schlug vorerst dreimal ich auf die Brust mich;

Drauf schrieb er sieben P mir auf die Stirne
Mit seines Schwertes Spitz' und: »Trachte,« sprach er,
»Die Wunden, wenn du drin bist, wegzuwaschen.«

Asch' oder Erde, die man trocken ausgräbt,
Würd' einer Farbe sein mit seinem Kleide,
Darunter er zwei Schlüssel jetzt hervorzog;

Der eine war von Gold, der andre silbern.
Erst mit dem weißen und dann mit dem gelben
Tat er am Tor so, daß ich ward zufrieden.

»Wenn einer dieser Schlüssel je versaget,
Daß er nicht gleich im Schlüsselloch sich umdreht,«
Sprach er, »so wird der Eingang nicht erschlossen.

Der ein' ist teurer, doch der andre fordert
Gar viel Verstand und Kunst, um auf zuschließen;
Denn er ist's, der den Knoten muß entwirren.

Von Petrus hab' ich sie; der hieß mich lieber
Im Auftun irr'n als im Verschlossenhalten,
Wenn nur die Leute mir zu Füßen fallen.«

Aufstoßend drauf des heil'gen Tores Eingang,
Sprach er: »Geht ein; doch merket wohl, daß jeder,
Wenn hinter sich er blickt, zurück muß kehren.«

Und als auf seinen Angeln nun gedrehet
Die Kanten der geweihten Pforte wurden,
Die mächtig sind von tönendem Metalle,

Da knarrte stärker es und zeigte herber
Sich denn Tarpeja, als man ihr den wackern
Metellus nahm, drob dann sie leer geblieben.

Um wandt' ich, auf das erste Rasseln achtend,
Da hörte, schien's, von Stimmen ich: »Te Deum
Laudamus«, untermischt mit süßem Klange,

Und solchen Eindruck gab mir grade wieder,
Was ich vernahm, wie man ihn pflegt zu haben,
Wenn den Gesang der Orgelton begleitet,

Daß man bald hört und bald nicht hört die Worte.


Gesang 10

Als wir des Tores Sehwelle, durch der Seelen
Verkehrtes Lieben ungebraucht, das grade
Den krummen Weg läßt scheinen, überschritten,

Hört' ich es mit Gedröhn' sich wieder schließen,
Und wenn den Blick nach ihm gewandt ich hätte,
Wie möcht' ich gnügend wohl den Fehl entschuld'gen.

Wir stiegen auf, durch eines Felsens Spalte,
Der bald zu einem, bald zur andern Seite
Sich windet, gleich der Flut, die naht und fliehet.

»Hier wird es nötig, etwas Kunst zu brauchen,«
Begann mein Führer, »und sich anzuschmiegen
Bald hier, bald dort, der Seite, die zurückweicht.«

Und solches ließ hier sparsam vor uns schreiten,
So daß des Mondes Abbruch erst aufs neue
Sein Bett berührt', um wieder dort zu ruhen,

Eh' wir hervor aus dieser Esse kamen;
Doch als wir frei und unbeschränkt jetzt droben
Uns fanden, wo der Berg sich hinten schließet,

Da blieben wir, ich müd' und beid' im Zweifel
Ob unsers Wegs, auf einer Ebne stehen,
Die öder noch, als Straßen sind durch Wüsten.

Von seinem Rand, wo's an das Leere grenzet,
Zum Fuß der hohen Wand, die weiter aufsteigt,
Mißt jene dreimal eines Menschen Körper,

Und bis wohin den Blick ich werfen konnte
Zu rechten bald und bald zur linken Seite,
Schien mir gleichmäßig dieser Sims gestaltet.

Nicht hatten droben wir den Fuß bewegt noch,
Als ich gewahrte, daß ringsum der Abhang,
Der keine Möglichkeit zum Steigen darbot,

Von weißem Marmor und so mit erhabner
Arbeit geschmückt war, daß nicht Polyklet nur,
Selbst die Natur beschämt hier stehen müßte.

Der Engel, der auf Erden die Gewährung
Des viele Jahr' erweinten Friedens brachte,
Drob sich nach langem Bann der Himmel auftat,

Erschien vor unsern Blicken, so getreulich
Hier eingehaun in liebevoller Stellung,
Daß man ein schweigend Bild zu sehn nicht meinte,

Man hätte schwören mögen, er sag': »Ave«;
Denn hier war jen' im Bild auch, die den Schlüssel
Gedreht, die höchste Lieb' uns aufzuschließen,

Und ausgeprägt im Äußern trug die Worte:
»Ecce ancilla Dei« so unverkennbar
Sie, wie sich eine Form ausdrückt im Wachse.

»Auf einen Ort allein den Sinn nicht richte,«
Begann der süße Meister, der mich hatte
An jener Seite, wo der Mensch das Herz hat.

Drauf wandt' ich mit dem Antlitz mich, und hinter
Maria sah ich an dem Hang dorthin zu,
Wo jener stand, der meinen Schritt bewegte,

Ein andres Bild im Felsen eingesetzet;
Drum ging ich bei Virgil vorbei, und näher
Trat ich, daß es dem Blick erreichbar würde.

In gleichen Marmor eingehaun war Karr'n hier
Und Stiergespann, die heil'ge Arche ziehend,
Darob nichtübertragnes Amt man scheuet;

Davor kam Volk, in sieben Chöre sämtlich
Geteilt, von dem zwei meiner Sinne sagten,
Der eine, »nein,« der andere: »ja, es singet.«

Auf gleiche Weise ließ der Dampf des Weihrauchs,
Der hier war abgebildet, Aug' und Nase
Durch Ja und Nein in Zwietracht mir geraten.

Einher kam vor dem heiligen Gefäß hier
Hochspringend der demüt'ge Psalmensänger,
Der mehr dabei und minder war als König.

Genüber dargestellt, an eines großen
Palastes Fenster sah man Michol staunen,
Ein zornig Weib, verächtlich niederblickend.

Den Fuß bewegt' ich drauf von seiner Stelle,
Ein anderes Bild von nahem zu betrachten,
Das hinter Michol weißlich mir erglänzte.

Hier war im Bild der hehre Ruhm zu schauen
Des Römerfürsten, ob des großer Tugend
Gregor getrieben ward zum großen Siege,

Trajans, des Kaisers, mein' ich, und am Zügel
Des Rosses stand ihm eine arme Witwe,
Die Tränen ließ und Schmerz an sich erkennen.

Ringsher um ihn erschien, zahlreich gedränget,
Ein Troß von Reitern, und die goldnen Adler
Bewegten scheinbar drüber sich im Winde.

Die Unglückselige in jener Mitte
Schien so zu sprechen: »Schaff mir Rache wegen
Des Sohnes Mord, o Herr, drob ich mich gräme.«

Und er zu ihr entgegnen: »Warte jetzt noch,
Bis heim ich kehr'.« Und sie drauf: »Mein Gebieter!«
Gleich einem, den der Schmerz beeilt: »Wenn heim du

Nicht kehrst?« und er: »Wer dann an meiner Stelle,
Schafft Rache dir?« und sie: »Des andern Rechttun,
Was hilft dir's, wenn des eignen du vergissest?«

Drauf er: »Jetzt tröste dich; denn zu erfüllen
Ziemt's mir die Pflicht, eh' ich von dannen ziehe,
Das Recht erheischt's, und Mitleid hält zurück mich.«

Hervorgebracht hat er, dem nimmer Neues
Erschienen ist, dies sichtbarliche Sprechen,
Das neu uns nur, weil es sich hier nicht findet,

Weil ich an der Betrachtung mich der Bilder
So viel demüt'ger Handlungen ergötzte,
Die schon ob ihres Bildners wert zu sehn sind.

»Sieh dort das viele Volk von dieser Seite, –
Doch langsam schreitet's« – raunt' mir zu der Dichter,
»Das wird einweisen uns zu höhern Stufen.«

Mein Auge, das beschäftigt war mit Schauen,
Um Neuigkeiten, drauf es ist begierig,
Zu sehn, war träg nicht, sich nach ihm zu wenden.

Doch wollt' ich, Leser, nicht, daß du am guten
Vorsatz ermatten möchtest, wenn du hörest,
Wie Gott will, daß die Schuld bezahlt hier werde.

Stoß' an die Art der Qual dich nicht, bedenke
Die Folge, denke, daß im schlimmsten Falle
Sie doch den großen Spruch nicht überdauert.

Ich drauf: ›Was, Meister, auf uns zu dort kommen
Ich seh', nicht scheinen's menschliche Gestalten,
Doch weiß ich nicht, ob sich mein Blick nicht täuschet.‹

Und er zu mir drauf: »Ihrer Qualen läst'ge
Beschaffenheit krümmt also sie zu Boden,
Daß meine Augen auch erst Kampf drob hatten.

Doch schau' dorthin fest, und was unter jenem
Felsblocke naht, entwirr' mit deinem Blicke.
Schon kannst du sehn, wie jeglicher zerquetscht wird.«

O stolze Christen, unglücksel'ge Müde,
Die, krank am geistigen Gesicht, ihr euer
Vertrauen setzet auf verkehrten Wandel,

Begreifet ihr denn nicht, daß wir Gewürm sind,
Bestimmt, den Himmelsschmetterling zu bilden,
Der schirmlos zur Gerechtigkeit sich aufschwingt!

Was blähet euer Geist so hoch sich, da ihr
Doch nur, gleich unvollendeten Insekten,
Den Würmern gleich seid mit verfehlter Bildung.

Wie man, sei's einem Dach, sei's einer Decke
Zur Stütze manchmal wohl als Kragstein eine
Gestalt erblicket mit dem Knie am Busen,

So daß aus dem, was nicht wahr, wahrer Kummer
Entsteht dem, der es sieht, also gestaltet
Sah jen' ich, als ich sorglich drauf gemerket;

Zwar waren mehr gekrümmt sie oder minder,
Nachdem mehr oder mindre Last sie trugen,
Und wer zumeist Geduld im Äußern zeigte,

Schien weinend doch zu sagen: »Mehr nicht kann ich.«


Gesang 11

»O, Vater unser, in den Himmeln wohnend,
Zwar nicht umschlossen, doch durch größre Liebe
Zu jenen ersten Wirkungen dort oben,

Gepriesen sein dein Nam' und deine Stärke
Von jeder Kreatur, wie sich's gebühret,
Daß deinen süßen Duft man dankend rühme.

Uns komme zu der Frieden deines Reiches,
Weil aus uns selbst wir zu ihm hin nicht können,
Wenn er nicht kommt, so viel wir immer sinnen.

Gleich wie den eignen Willen deine Engel,
Hosanna singend, dir zum Opfer bringen,
So sei's auch bei den Menschen mit dem ihren.

Das Manna gib, das tägliche, uns heute,
Da ohn' in dieser rauhen Wüste rückwärts
Nur geht, wer sich am meisten müht zu wandern.

Und wie das Übel, welches wir erlitten,
Wir jeglichem verzeihn, o so verzeihe
Auch du voll Güt' uns, aufs Verdienst nicht schauend.

Führ' unsre Tugend, die so leicht erlieget,
Nicht durch den alten Gegner in Versuchung,
Nein, mach' uns frei von ihm, der so sie quälet.

Die letzte Bitte, lieber Herr, verrichten
Wir für uns selbst nicht, die wir's nicht bedürfen,
Für jen' allein, die hinter uns geblieben.«

So gingen, sich und uns ein glücklich Pilgern
Erflehend, jene Schatten, von den Lasten
Gedrückt, gleich wie's im Traum uns manchmal vorkommt,

Verschiedentlich beängstet all' im Kreise,
Und müd' umher hier auf dem ersten Simse,
Sich von der Finsternis der Welt zu säubern.

Spricht jenseits uns zum Heil man stets, was können
Für sie wohl diesseits jene tun und sprechen,
Die da des Wollens gute Wurzel haben.

Zu helfen ziemt's, die Flecken abzuwaschen,
Die sie von dannen trugen, so daß rein sie
Und leicht enteilen zu den Sternenkreisen.

»O, wenn Gerechtigkeit euch und Erbarmen
Bald soll entlasten, so daß ihr die Schwinge
Bewegen könnt, die euch nach Wunsch erhebe,

Zeigt an, zu welcher Hand es zu der Stiege
Am nächsten, und wenn's mehr denn einen Pfad gibt,
Lehrt den, des Abfall minder schroff, uns kennen.

Denn ob der Wucht von Adams Fleisch, damit er
Sich kleidet, ist, der mit mir kommt, entgegen
Dem eignen Willen, karg im Aufwärtssteigen.«

Von wem die Worte kamen, die auf jene,
So der sprach, dem ich folgt', entgegnet wurden,
War nicht zu unterscheiden zwar, doch hörte

Man sagen: »Rechter Hand kommt auf dem Strande
Mit uns; dort werdet ihr den Aufgang finden,
Der zu ersteigen ist Lebend'gen möglich!

Und wenn ich nicht behindert wär' vom Felsen,
Der meinen stolzen Nacken niederzwinget,
Drob ich das Antlitz tiefgebeugt muß tragen,

Würd' ihn ich, der noch lebt und sich nicht nennet,
Betrachten, um zu sehn, ob ich ihn kenne,
Und Mitleid ob der Last in ihm zu wecken.

Lateiner war ich selbst; ein mächt'ger Tuscier,
Wilhelm Aldobrandesco mein Erzeuger;
Nicht weiß ich, ob sein Nam' euch je erreicht hat,

Das alte Blut, die ritterlichen Taten
Der Ahnherrn machten mich so übermütig,
Daß, unser aller Mutter schier vergessend,

Ich jeden so verachtete, daß drüber
Ich starb, wie die Sieneser wissen, wie es
In Campagnatico jedwedes Kind weiß.

Humbert bin ich, und Schaden hat der Hochmut
Mir nicht allein getan; denn all' die Meinen
Hat er mit sich ins Unglück fortgerissen.

Und hier muß seinethalb die Last ich tragen,
So lang ich Gott genuggetan nicht habe,
Weil ich's nicht lebend tat, hier bei den Toten.«

Mein Angesicht beugt' ich zuhorchend nieder,
Und einer (nicht der eben sprach) aus ihnen
Wandt' unter dem Gewicht sich, das ihn hemmte,

Und sah mich und erkannte mich und rufte,
Die Augen nur mit Müh' auf mich geheftet,
Mir zu, der ganz gebeugt mit ihnen hinging.

›O,‹ sprach ich jetzt, ›bist du nicht Oderisi,
Agubbios Stolz, die Ehre jener Kunst nicht,
Die zu Paris man nennt Illuminieren?‹

»O Bruder,« sprach er, »schöner lächeln Blätter,
Die Franco Bologneses Pinsel färbet;
Ganz ist jetzt sein die Ehre, mein nur teilweis.

Wohl wär' ich so bescheiden nicht gewesen,
Weil ich noch lebt', ob der gewalt'gen Gierde,
Die nach Vortrefflichkeit mein Herz erfüllte.

Für solchen Stolz bezahlt man hier die Buße,
Und noch war' hier ich nicht, hätt' ich, da sünd'gen
Ich könnt' annoch, mich nicht zu Gott gewendet.

O eitler Ruhm des menschlichen Vermögens,
Wie kurz das Grün an deinem Wipfel dauert,
Wenn eine rohe Zeit auf dich nicht folget!

Das Feld zu halten glaubte Cimabue
Als Maler, jetzt nennt alles Giottos Namen,
So daß den Ruhm des andern er verdunkelt.

So hat der Sprache Preis dem einen Guido
Der andere geraubt, und wohl geboren
Mag einer sein, der beide jagt vom Neste.

Der Lärm, den in der Welt man macht, nichts ist er
Als Windeswehn, bald hier-, bald dorther kommend,
Das Namen tauscht, weil's Himmelsgegend tauschet.

Bleibt dir mehr Ruhm, wenn alt das Fleisch du abstreifst,
Als wenn du wärst gestorben, eh' ›kling, kling‹ du
Und ›Happchen‹ noch verlernt, nach tausend Jahren,

Was im Vergleich zur Ewigkeit doch kürzer
Ist als ein Wimperschlag zu jenes Kreises
Umlauf, der sich am spät'sten krümmt im Himmel?

Der, welcher hier vor mir vom Weg so wenig
Zurücklegt, hat durchtönt einst ganz Toskana,
Und jetzt raunt kaum von ihm man in Siena,

Drin er geherrschet, als vernichtet worden
Die Florentinsche Wut, die stolz gewesen
Zu jener Zeit, wie jetzt sie ist verworfen.

Nachruhm bei euch ist gleich dem Grün des Grases,
Das kommt und geht, und das dieselbe Sonne
Entfärbt, durch die's der Erd' erst frisch entsproßte.«

Und ich zu ihm: ›Es flößt dein wahres Wort mir
Fein Demut ein, des Stolzes Blähn mir ebnend;
Doch wer ist der, von dem du grade sprachest?‹

Er drauf: »Es ist dies Provenzan Salvani,
Der hier zu finden, weil er sich vermessen,
Siena ganz in seine Hand zu bringen.

So ging er und geht jetzt noch sonder Ruhe,
Seitdem er starb; denn solche Münz' entrichtet
Als Sühnung, wer zu keck jenseits gewesen.«

Und ich: ›Wenn jener Geist, der bis zum Rande
Des Lebens mit der Reu' hat angestanden,
Dort unten weilt und nicht hierher gelanget,

Sofern ihm nicht ein fromm Gebet ist hilfreich,
Eh' so viel Zeit verstreicht, als er verlebet,
Wie ward dann dem gewährt, hierher zu kommen?‹

»Zu seines größten Ruhmes Zeit,« sprach jener,
»Geschah's, daß ungescheut er auf Sienas
Marktplatz sich setzte, jeder Scham entsagend,

Und dort, um aus der Qual den Freund zu retten,
Die er erduldete in Karls Gefängnis,
Tat er, was alle Puls ihm beben machte.

Mehr sag' ich nicht und weiß, ich spreche dunkel,
Doch wenig Zeit verläuft, eh' deine Nachbarn
So tun, daß du dir's wirst erklären können.

Dies Werk hat jenen Bann für ihn gehoben.«


Gesang 12

Gepaart gleich Stieren, die im Joche gehen,
Wallt' ich fürbaß mit der beladnen Seele,
So lang's gestattete der süße Lehrer;

Doch als er sprach: »Laß ihn und geh vorüber,
Denn hier geziemt's, mit Segeln und mit Rudern,
Soviel ein jeder kann, sein Schiff zu treiben,«

Da richtet' ich mich auf, wie sich's zum Wandeln
Gebührt dem Leib nach, ob auch die Gedanken
Gebeugt mir blieben und herabgestimmet.

Von dannen mich bewegend, folgt' ich willig
Den Schritten meines Meisters, und schon zeigte
Es an uns beiden sich, wie leicht wir waren,

Als er begann: »Wend' abwärts deine Blicke,
Gut wird dir's sein, den Weg dir zu erleichtern,
Daß deiner Sohlen Bette du betrachtest.«

Wie, um ihr Angedenken zu bewahren,
Auf Grabestafeln über den Begrabnen
Steht abgebildet, was sie sonst gewesen,

Drob man sie dort oft wiederum beweinet,
Von Schmerzen der Erinnerung berühret,
Die für die Frommgesinnten nur ein Sporn ist,

So sah ich hier, doch bessrer Art, mit Bildern
Kunstmäßig ausgeschmückt die ganze Breite
Des Rands, ausladend aus dem Berg als Straße.

Ich sah den, welcher edler war geschaffen
Denn irgendein Geschöpf, auf einer Seite
Gleich einem Blitz herab vom Himmel stürzen;

Ich sah, vom himmlischen Geschoß durchbohret,
Den Briareus zur andern Seite liegen,
Schwer auf der Erd' in Todeskälte lastend;

Ich sah Thymbraeus, ich sah Mars und Pallas
In Waffen noch, den Vater dort umstehend,
Beschaun der Riesen rings verstreute Glieder;

Nimrod sah ich am Fuß des großen Werkes
Verstört hier stehn, die Völker all' betrachtend,
Die stolz mit ihm in Sennaar gewesen.

O Niobe, mit welch schmerzvollem Blicke
Stand'st auf dem Pfad im Bild du zwischen sieben
Und sieben der getöteten Erzeugten!

O Saul, wie schienst entseelt du hier zu liegen,
Auf deinem eignen Schwert zu Gelboe,
Das weder Tau noch Regen mehr dann spürte!

So, törichte Arachne, sah ich dich
Schon halb als Spinne traurig auf den Fetzen
Des Werks, das du zum eignen Weh vollbracht!

O Roboam, schon scheint nicht mehr zu drohen
Dein Abbild hier, nein, voller Schrecken trägt dich
Der Wagen fort, eh' man dich noch verjaget!

Es zeigte noch der Grund auf hartem Pflaster,
Wie hoch das unglückselige Geschmeide
Alkmaeon seine Mutter ließ bezahlen;

Er zeigte, wie der Söhne Paar sich über
Sennacherib im Tempel hingeworfen
Und wie sie tot ihn dann dort liegen ließen;

Er zeigt', wie nach vollbrachter Niederlage
Und grausem Mord Tomyris sprach zu Cyrus:
»Blut hast gedürstet, und mit Blut dich füll' ich!«

Er zeigte, wie geschlagen die Assyrer
Von dannen flohn, als Holofernes tot war,
Und ließ der Marter Überrest auch schauen.

Troja sah ich in Asch' und Räuberhöhlen
Verkehrt. O Ilion, wie schlecht und niedrig
Stellt sich das Bild dar, das man hier erblicket!

Wer ist des Pinsels oder Stifts so Meister,
Daß er die Züg' und Schatten wiedergäbe,
Drob selbst der feinste Sinn hier staunen müßte?

Tot schien, wer tot war, lebend, wer lebendig;
Nicht mehr als ich sah, wer die Tat gesehn hat,
Von dem, was ich betrat, weil ich gebückt ging.

Stolziert nur und geht hin hoffärt'gen Blickes,
Ihr Kinder Evens, und beugt nicht das Antlitz,
Daß eures üblen Pfads gewahr ihr werdet!

Wir hatten mehr schon von dem Berg umgangen
Und gar um vieles mehr vom Lauf der Sonne
Verbraucht, als der befangene Geist vermeinte,

Als jener, der, beständig vorwärts merkend,
Einher ging, so begann: »Richt' auf dein Haupt jetzt,
Es ist nicht Zeit mehr, zögernd so zu wandeln!

Sieh jenen Engel dort, der sich bereitet,
Auf uns zu kommen, sieh, es kehrt zurück schon
die sechste Dienerin vom Dienst des Tages.

Mit Ehrfurcht schmücke dir Gebärd' und Antlitz,
Daß, uns hinaufzuweisen, ihm gefalle,
Bedenk', daß dieser Tag nie wieder aufgeht.«

Wohl war ich schon gewöhnt an seine Warnung,
Nur Zeit nicht zu verlieren, drum er, dunkel
In diesem Stück, mit mir nicht sprechen konnte.

Es nahte sich uns jetzt das schöne Wesen,
Weiß an Gewand und in dem Angesichte
Dem flimmernden Gestirn des Morgens ähnlich.

Er tat die Arm' auf, tat dann auf die Schwingen
Und sprach: »Kommt! In der Näh' hier sind die Stufen,
Und leicht wird es euch nun emporzusteigen.

Gar selten nur kommt man auf solche Kunde,
O menschliches Geschlecht, aufwärts zu fliegen
Erzeugt, wie sinkst bei so geringem Wind du!«

Hinführt' er uns, wo ausgehaun der Fels war,
Dann fächelt' mit den Schwingen er die Stirn mir
Und sicherte mir zu ein glücklich Wandern.

Wie, wenn man rechter Hand den Berg ersteiget,
Drauf liegt die Kirche, so die Stadt beherrschet,
Die wohlgeführt' ob Rubacontes Brücke,

Des Steigens jähe Raschheit wird gebrochen
Durch Stufen, die gelegt in einer Zeit sind,
Wo Buch und Maß noch ungefährdet waren,

So wird gesänftigt hier des Hanges Steile,
Mit der er von dem nächsten Kreis herabfällt,
Doch rechts und links streift an den hohen Fels man.

Als wir dorthin uns jetzt gewandt, da hörten
»Beati pauperes spiritu« wir Stimmen
So singen, wie's kein Wort beschreiben könnte.

0, wie verschieden von den Höllenschlünden
Sind diese hier; denn hier tritt mit Gesängen
Man ein, und dort mit wilden Jammertönen.

Schon stiegen wir empor die heil'gen Staffeln,
Und leichter schien ich mir zu sein um vieles,
Als ich vorher auf ebnem Weg mich fühlte;

Drum ich: ›O Meister, sprich! Welch ein Gewicht hat
Sich wohl von mir gelöset? denn schier keine
Beschwerde mehr verursacht mir das Gehen.‹

Er drauf entgegnet': »Wenn die P, die fast schon
Verlöscht dir auf dem Antlitz sind verblieben,
Dem einen gleich ganz ausgetilgt sind, dann wird

Vom guten Willen so besiegt dein Fuß sein,
Daß keine Müh' nicht nur er fühlt, nein, Lust es
Ihm sein wird, wenn er aufwärts wird getrieben.«

Da macht' ich es gleich jenem, der, nicht wissend,
Daß auf dem Haupt er etwas hat, einhergeht
Und nur es argwöhnt aus der andern Zeichen;

Drum ihm die Hand soll zur Gewißheit helfen,
Und sucht und findet und den Dienst verrichtet,
Den das Gesicht unfähig ist zu leisten,

Und mit geteilten Fingern meiner Rechten
Fand ich nur sechs Buchstaben noch von jenen,
Die auf die Schlaf einschnitt der mit den Schlüsseln.

Drob, solches schauend, lächelte mein Führer.


Gesang 13

Wir waren an dem Gipfel jetzt der Stiege,
Allwo zum zweitenmal ist eingeschnitten
Der Berg, der die Ersteigenden entsündigt.

Hier nun umschließet ringsumher die Höhe
Ein Sims, dem ersteren in allem ähnlich,
Nur daß sich zeitiger sein Bogen krümmet;

Nicht Schatten gibt's, noch Bilder hier zu schauen,
Einförmig deckt den Felshang, deckt die Straße
Die graulichbleiche Färbung des Gesteines.

»Wenn hier zu fragen erst wir Leut' erwarten,«
Begann der Dichter, »dann ist wohl zu fürchten,
Daß allzulang sich unsre Wahl verziehe.«

Drauf fest die Augen nach der Sonne richtend,
Nahm er zum Mittelpunkte der Bewegung
Die rechte Seit' und schwenkte seine Linke.

»O holdes Licht, dem trauend ich betrete
Die neue Bahn, so führe du uns,« sprach er,
»So wie sich's ziemt, hier durchgeführt zu werden.

Du wärmst die Welt, du bist's, das sie beleuchtet;
Treibt sonst ein Grund uns nicht in andrer Richtung.
So müssen stets uns leiten deine Strahlen.«

Wieviel man diesseits zählt für eine Meile,
So viel schon waren jenseits wir gegangen
In kurzer Zeitfrist ob des rüst'gen Willens,

Und gegen uns zu hörten, doch nicht sahen
Wir Geister schweben, mit holdsel'ger Rede
Einladung zu dem Mahl der Liebe bietend.

Die erste Stimme, die vorüberschwebte,
» Vinum non habent«, sprach sie ganz vernehmlich,
Es hinter uns aufs neue wiederholend;

Und eh' noch gar nicht mehr sie war zu hören
Ob der Entfernung, rief vorüberziehend
Die zweit': »Orest bin ich,« und sie nicht weilt' auch.

›O,‹ sagt ich, ›Vater, was für Stimmen sind das?‹
Und als ich solches fragte, horch, da sprach schon
Die dritte: »Liebet, die euch Böses taten.«

Der gute Hort jetzt: »Dieser Gürtel geißelt
Des Neids Verschuldung, und von Liebe werden
Geschwungen auch darum der Peitsche Stricke.

Von umgekehrtem Klange muß der Zaum sein;
Nach meiner Meinung wirst du's, denk' ich, hören,
Eh' du zu der Vergebung Paß gelangest.

Doch hefte fest den Blick jetzt durch die Lüfte,
Und Volk wirst du vor uns dort sitzen sehen,
Das insgesamt gereiht ist längs dem Felsen.«

Da tat ich weiter auf als erst die Augen
Und sah, vorschauend, Schatten dort mit Mänteln,
An Farbe nicht verschieden vom Gesteine.

Und als wir etwas weiter vorgekommen,
Da hört' ich: »Bitt' für uns, Maria,« hörte
Michael, Petrus, alle Heil'gen rufen.

Nicht glaub' ich, daß zur Stund' auf Erden wandelt
Ein Mann, so hart, daß er vom Mitgefühle
Ob des, was dann ich sah, bewegt nicht würde.

Denn als ich ihnen war so nah gekommen,
Daß deutlich mir sich jetzt ihr Treiben zeigte,
Da troffen mir von schwerem Leid die Augen.

Ein hären schlecht Gewand schien ihre Hülle,
Und einer stützt' den andern mit der Schulter,
Und alle wurden von dem Strand gestützet.

So stehn oft dürft'ge Blind' an Ablaßstätten,
Um das, was ihnen not tut, zu erbetteln,
Das Haupt der eine über'n andern neigend,

Mitleid in dritten desto mehr zu wecken,
Nicht durch der Worte Klang nur, nein, durch ihren
Anblick auch, der nicht minder brünstig flehet.

Und wie Erblindeten nichts hilft die Sonne,
Also gewähret keinen Teil den Schatten,
Die ich erwähnt, an sich das Licht des Himmels;

Denn aller Lid durchzieht ein Draht von Eisen
Und näht ihr Auge zu, wie Wildfangssperbern
Zu tun man pflegt, weil sonst sie still nicht bleiben.

Unrecht glaubt' ich zu tun, wenn ich vorbeiging,
Die andern seh'nd und nicht gesehn von ihnen,
Drum ich nach meinem weisen Rat mich wandte.

Wohl wußt' er, was der Stumme sagen wollte,
Und darum wartet' er nicht ab mein Fragen,
Nein, sprach zu mir: »Red' und sei klug und bündig.«

Virgil ging neben mir an jenem Saume
Des Simses, wo herab man fallen konnte,
Weil er von keinem Rand dort wird unkränzet.

Zur andern Hand hatt' ich die fleh'nden Schatten,
Die's durch die grause Naht hervor so preßten,
Daß ihre Wangen drob gebadet wurden.

Zu diesen jetzt gewandt: ›O Volk, gesichert,‹
Begann ich, ›einst das hehre Licht zu schauen,
Um das allein sich euer Sehnen kümmert,

Wenn anders Gnade von dem Schaum soll euer
Gewissen lösen, so daß klar hindurch dann
Der Strom des Geistes sich ergießen möge,

Sagt mir (es wird mir dankeswert und lieb sein),
Ist von lateinschem Stamm hier eine Seele
Bei euch? Gut kann's ihr sein, wenn ich's erfahre.‹

»O lieber Bruder, Bürgerin ist jede
Von einer wahren Stadt; doch du willst sagen,
Daß sie als Gast gelebt hat in Italien.«

Solch eine Antwort, deuchte mir, vernahm' ich
Von etwas weiter vor, als wo ich weilte,
Drum ich mich mehr dorthin zu ließ vernehmen.

Hier sah ich unter andern einen Schatten,
Der harrend schien, und fragt'st du: wie? so sagt' ich,
Er hob das Kinn empor nach Blinder Weise.

›O Geist, der sich bezwingt, um aufzusteigen,‹
Sprach er, ›warst du's der Antwort mir gegeben,
Mach' dich durch Namen oder Stadt mir kenntlich,‹

Er drauf: »Ich war Sieneserin und rein'ge
Mit diesen mich von schlimmem Tun durch Zähren,
Geweinet dem, der sich uns schenken möge.

Nicht weise war ich, ob ich gleich Sapia
Mit Namen hieß, und wegen andrer Schaden
Freut' ich weit mehr mich als ob eignen Glückes.

Damit du nun nicht glaubst, daß ich dich täusche,
Hör', ob ich töricht war, wie ich dir sagte.
Als schon sich neigte meiner Jahre Bogen,

War nah bei Colle einst gestoßen meiner
Mitbürger Heer im Feld auf seine Gegner,
Und ich bat Gott um das, was selbst er wollte.

Geschlagen ward's hier und zum herben Pfade
Der Flucht gewandt, und als ich sah das Jagen,
Ergriff mich größre Freud' als irgendeine,

So daß ich, keck empor das Antlitz wendend,
Gott zurief: ›Fürderhin nicht fürcht' ich mehr dich,
Gleich wie die Amsel tat ob kurzer Milde.‹

Am Ende meines Lebens sucht' ich Friede
Mit Gott zu schließen, und es wär' noch meine
Verpflichtung abgezahlet nicht durch Buße,

Wenn meiner nicht im heiligen Gebete
Sich Peter Pettinajo hätt' erinnert,
Der Mitleid trug für mich aus Christenliebe.

Doch wer bist du, der, dich nach unserm Zustand
Erkund'gend, du einhergehst und die Augen
Gelöst hast, wie ich glaub', und atmend redest?«

›Der Augen werd' ich einst hier noch beraubt sein,
Doch kurze Zeit,‹ sprach ich, ›denn wenig Unrecht
Beging ich nur, umwendend sie aus Schelsucht.

Viel größer ist die Furcht, die meine Seele
In Spannung hält ob jener tiefern Marter,
Denn schon drückt mich die Last des untern Simses.‹

Und sie: »Wer führte dich herauf zu uns denn,
Wenn du hinunter wieder glaubst zu kehren?«
Und ich: ›Der hier mit mir ist und kein Wort spricht,

Und lebend bin ich, und von mir drum heische,
Erkorne Seele, willst du, daß ich künftig
Für dich den Fuß, den sterblichen, bewege.‹

»O,« sprach sie drauf, »das ist so neu zu hören,
Daß es gar sehr beweist, daß Gott dich liebe.
Drum hilf zuweilen mir mit deinen Bitten,

Und wenn du je betrittst Toskanas Boden,
So fleh' bei dem ich, was zumeist du wünschest,
Daß meinen Ruf du besserst bei den Meinen.

Du find'st sie unterm eitlen Volk, das, hoffend
Auf Talamone, mehr wird dran verlieren
An Hoffnung, als da's aufgesucht die Diana;

Doch mehr noch büßen ein die Admiräle.«


Gesang 14

»Wer ist es, der dort unsern Berg umkreiset,
Bevor ihn noch der Tod zum Flug beschwingt hat,
Und der nach Lust sein Aug' erschließt und zudeckt?

Nicht, wer er sei, doch, daß er nicht allein ist,
Weiß ich; frag' du ihn, denn du bist ihm näher,
Und grüß' ihn freundlich, daß er Red' uns stehe.«

Also besprachen sich hier rechts zwei Geister,
Einander zugeneigt, von mir und legten
Das Antlitz rücklings dann, mit mir zu reden.

Und einer sprach: »O, Seele, die, gebannt noch
Im Leib des Todes, du gen Himmel wallest,
Beruhig' uns aus Liebe und erklär' uns,

Woher du kommst und wer du bist; denn also
Macht staunen uns die dir erzeigte Gnade,
Wie sich's für etwas ziemt, das nie noch da war.«

Und ich drauf: ›Mitten durch Toskana wallet
Ein Flüßchen, das am Falteron' entspringet,
Und dem ein Lauf nicht gnügt von hundert Meilen;

Von seinem Strande bring' ich diesen Leib her.
Zu sagen, wer ich sei, wär' fruchtlos Reden;
Denn großen Klang nicht hat annoch mein Name.‹

»Dafern ich deine Meinung ganz durchdringe
Mit dem Verstand,« gab, wer zuerst gesprochen,
Zur Antwort dann, »so redest du vom Arno.«

Der andre drauf zu ihm: »Warum hat dieser
Den Namen jenes Flusses nur verborgen,
So wie man tut mit grauenvollen Dingen?«

Und jener Schatten, der befragt war worden,
Entlud sich so: »Ich weiß nicht, doch wohl ziemt sich's,
Daß dieses Tals Benennung untergehe;

Denn vom Beginn, wo so das Hochgebirge,
Davon Pelor' getrennt ward, ist geschwängert,
Daß wenig Stellen nur darüber reichen,

Bis wo er als Ersatz sich selbst zurückgibt
Für das, was aus dem Meer der Himmel sauget,
Draus, was in ihnen strömt, die Flüss' erhalten,

Wird von jedwedem, gleich der Schlang' als Feindin,
Die Tugend weggescheucht, sei's ob des Unsterns
Des Ortes, sei's weil böse Sitte reizet;

Darob des jammervollen Tals Bewohnern
Ihr Wesen so verkehrt ward, daß es scheinet,
Als habe Circe sie auf ihrer Weide.

An wüsten Schweinen hin, der Eicheln würd'ger
Als andrer Kost, für Menschen zubereitet,
Sieht ärmlich man zuerst den Lauf ihn richten.

Er findet Kläffer dann, wenn er hinabkommt,
Weit keifender, als ihre Stärke heischet,
Und wendet ab unwillig seine Schnauze.

Er sinkt noch weiter, und je mehr er anwächst,
Sieht um so mehr aus Hunden Wölfe werden
Der unglückselige, verfluchte Graben.

Wenn er darauf durch andre tiefe Schluchten
Entstürzt ist, trifft er Füchse, so voll Arglist,
Daß keinen Witz sie scheun, der sie besiege,

Und schweigen werd' ich nicht, ob man mich hör' auch;
Denn gut wird's dem sein, wenn er des einst denket.
Was ein wahrhaft'ger Geist mir jetzt enthüllet.

Ich sehe, wie dein Enkel, der zum Jäger
Wird jener Wölfe werden, dort am Ufer
Des grausen Stromes insgesamt sie aufschreckt;

Ihr Fleisch verkauft er bei lebend'gem Leibe,
Dann schlachtet er sie hin gleich altem Viehe,
Beraubt des Lebens viel' und sich der Ehre.

Bluttriefend kommt er aus dem Jammerwalde,
Verläßt ihn so, daß er in tausend Jahren
Von jetzt, nicht wie er war, sich neu bewaldet.«

Wie bei Verkünd'gung künft'gen Mißgeschickes
Das Antlitz wird verstört dem, der sie höret,
Von welcher Seit' auch die Gefahr ihn fasse,

So sah die andre Seel' ich, die zum Horchen
Gewendet war, verstört und traurig werden,
Als jenes Wort in sich sie aufgenommen.

Der einen Rede gab, der andern Anblick
Den Wunsch mir, ihre Namen zu erfahren,
Drob eine Frag' ich tat, gemischt mit Bitten,

Darauf der Geist, der erst mit mir gesprochen,
Aufs neu' begann: »Du willst dahin mich bringen,
Daß ich dir tue, was du mir nicht tun willst.

Doch da Gott seine Gnad' in dir so sehr will
Durchschimmern lassen, werd' ich dir nicht karg sein;
So wisse denn, ich bin Guido del Duca.

Vom Neid ist so verbrannt mein Blut gewesen,
Daß, hätt' ich jemand froh gesehn, so würdest
Mit Blässe du bedeckt gesehn mich haben.

Von meinem Samen ernt' ich solches Stroh hier;
O menschliches Geschlecht, was hängst dein Herz du
An das, wobei zulässig nicht Gemeinschaft!

Dies ist Rinier, dies ist der Preis, die Ehre
Des Hauses Calboli, aus dem dann keiner
Zum Erben seiner Tugend sich gemacht hat;

Und sein Geschlecht allein nicht ist beraubet
Vom Po zum Berg, vom Meeresstrand zum Reno
Der Güter, die zu Lust und Wahrheit dienen.

Denn zwischen jenen Grenzen wimmelt alles
Von gift'gen Sträuchern, so daß wohl der Anbau
Zu spät, sie auszuroden, jetzo käme.

Der gute Lizius, Peter Traversaro,
Heinrich Manard und Guido von Carpigna,
Wo sind sie? O, der Bastardbrut Romagnas,

Weil in Bologn' ein Fabbro, in Faenza
Treibt neue Wurzeln Bernardin von Fosco,
Ein edles Reis, aus niederm Keim entsprossen.

Verwundre dich nicht, daß ich weine, Tuscier,
Wenn ich gedenke nebst Guido da Prata
Ugolin's d' Azzo, der mit uns gelebt hat,

Friedrich Tignosos nebst der Schar, des Hauses
Der Traversara denk' und Anastagi,
Und dies Geschlecht wie jenes ist enterbt jetzt,

Der Ritter und der Frau'n, der Müh'n und Freuden,
Die Lieb' und adlig Wesen uns bereitet,
Wo jetzt die Herzen sind so schlimm geworden.

O Bertinoro, warum nicht entfleuchst du,
Da sich dein Haus von dannen hat gewendet
Und vieles Volk, nicht lasterhaft zu werden.

Wohl tut Bagnacaval, nicht mehr zu zeugen,
Und schlecht tut Castrocar, und schlimmer Conio,
Der ferner strebt, zu zeugen solche Grafen.

Wohl werden die Pagani tun, wenn fort einst
Ihr Teufel ist gegangen, doch nicht also,
Daß fürder unbefleckt ihr Leumund bliebe.

O Ugolin de' Fantolin, dein Name
Ist sicher, da man keinen mehr erwartet,
Der durch Entartung ihn verdunkeln könnte!

Doch geh von dannen, Tuscier; denn zu weinen
Gelüstet's jetzt weit mehr mich als zu sprechen,
So hat mir dies Gespräch das Herz beklemmet.«

Wir wußten, daß uns jene werten Seelen
Gehn hörten, und darum gab uns ihr Schweigen
Die Zuversicht, daß wir auf rechtem Wege.

Als wir fortschreitend nun allein uns fanden,
Kam gleich dem Blitze, der die Luft durchschneidet,
Entgegen eine Stimm' uns, also sprechend:

»Erschlagen wird mich jeder, der mich antrifft!«
Und schwand gleich einem Donner, der verhallet,
Nachdem die Wolke plötzlich er zerrissen,

Und als kaum unser Ohr Ruh' vor ihm hatte,
Horch! eine andre mit so mächt'gem Krachen,
Daß sie dem Donner glich, der Schlag auf Schlag folgt:

»Ich bin Aglauros, die zum Felsen wurde!« –
Darauf, mich an den Dichter anzuschmiegen,
Den Schritt ich rückwärts und nicht vorwärts setzte.

Schon waren allerseits gestillt die Lüfte,
Und jener: »Das Gebiß ist dies, das harte,
Das in den Schranken sollt' euch Menschen halten.

Doch ihr schnappt nach dem Köder, und so zieht euch
An sich des alten Gegners Angelhaken;
Drum helfen Zaum und Lockruf euch nur wenig.

Zu sich ruft euch der Himmel, euch umkreist er,
Euch seine ew'gen Herrlichkeiten zeigend,
Und doch schaut euer Auge nur zur Erde;

Drum züchtigt euch, der alles unterscheidet.«


Gesang 15

Soviel als von dem Anbeginn des Tages
Bis zu der dritten Stunde Schluß vom Kreise
Sich zeigt, der, einem Kind gleich, stets umherspielt,

Soviel schien bis zum Untergang der Sonne
Von ihrem Lauf schon übrig nur zu bleiben;
Dort war es Vesperzeit, und Mitternacht hier.

Und mitten traf der Strahl uns an der Nase,
Weil dergestalt den Berg umkreist wir hatten,
Daß grade schon gen Niedergang wir wallten,

Als ich die Stirne mir von Glanz beschweret
Weit mehr als früher fühlte, und Erstaunen
Ob solches nie gekannten Dings mich faßte,

Weshalb empor zum Gipfel meiner Brauen
Ich hob die Hand und einen Schirm mir machte,
Das Licht zu dämpfen, das von oben einfiel.

Wie, wenn der Strahl vom Wasser oder Spiegel
Abspringt nach der entgegenstehnden Seite,
In eben jener Weis', als er herabfiel,

Empor nun steigend, und auf gleiche Höhe
Vom Fall des Steines gleich entfernt sich haltend,
Wie Wissenschaft uns und Erfahrung zeiget;

So glaubt' ich, vom zurückgeprallten Lichte
Allhier vor mir getroffen mich zu fühlen,
Drob mein Gesicht behend zur Flucht sich wandte.

›Was, süßer Vater, ist's, vor dem das Aug' ich
Nicht so kann schirmen,‹ sprach ich, ›daß mir's helfe.
Und uns entgegen scheint sich's zu bewegen?‹

»Verwundere dich nicht, wenn noch dich blendet,«
Entgegnet' er, »die Dienerschaft des Himmels;
Ein Bote ist es, der zum Steigen ladet.

Bald wird's geschehn, daß, solcherlei zu schauen,
Nicht lästig mehr, nein, Lust dir wird, so viel als
Dich die Natur geschickt zu fühlen machte.«

Als jetzt wir zu dem heil'gen Engel kamen,
Sprach er mit heitrer Stimme: »Tretet ein hier
Zur Stiege, die so steil nicht als die andern.«

Drauf stiegen wir empor, von dort entfernt schon,
Da ward gesungen hinter uns: »Beati
Misericordes« und: »Erfreu' dich, Sieger!«

Wir gingen aufwärts beide jetzt, mein Meister
Und ich allein, und wandernd so, gedacht' ich,
Aus seinen Worten Nutzen mir zu schaffen,

Und wandte mich an ihn, also ihn fragend:
›Was meinte jener Geist wohl aus Romagna
Von »nicht zulässig« sprechend und »Gemeinschaft«?‹

Und er zu mir drum: »Seines größten Fehlers
Nachteil erkennt er; drum ist's nicht zu wundern,
Wenn er ihn rügt, daß minder drob man weine.

Weil dorthin eure Wünsche sind gerichtet,
Wo durch Genossenschaft ein Teil muß schwinden,
Bewegt der Neid den Seufzern das Gebläse.

Doch wenn die Liebe zu dem höchsten Kreise
Nach oben richtete all euer Sehnen,
Würd' in der Brust euch diese Furcht nicht weilen;

Denn dort je mehr man unser nennt des Guten,
Um so viel mehr besitzt davon ein jeder,
Und glüht von größrer Lieb' in jenem Chore.«

›Mehr fühl' ich nach Befriedigung jetzt Hunger,‹
Sprach ich, ›als wenn ich erst geschwiegen hätte,
Und mehr des Zweifels eint in meinem Sinn sich.

Wie mag's geschehn, daß eines Guts Verteilung
Die mehreren Besitzer mehr bereichre
Durch selbes, als wenn's wen'ge nur besäßen?‹

Und er zu mir: »Weil du nun immer wieder
Den Sinn nur auf die ird'schen Dinge heftest.
So klaubst du Finsternis aus wahrem Lichte.

Das endlos', unnennbare Gut, das droben
Befindlich ist, eilt also zu der Liebe,
Wie sich der Strahl glanzvollem Körper einet,

Dem er so viel an Glut gibt, als er findet,
So daß, je mehr die Liebe sich verbreitet,
Um desto mehr ihr wächst die ew'ge Stärke.

Und wenn sich droben mehr' verstehn, gibt's mehr dort
Des Guten auch zu lieben, und mehr liebt man,
Sich's Spiegeln gleich zurück einander strahlend.

Doch sollte mein Beweis dich nicht ersätt'gen,
So find'st Beatrix du, die gänzlich diesen
Und jeden andern Wunsch dir wird entnehmen.

Schaff' nur, daß insgesamt vertilgt bald werden,
Wie's zwei schon sind, die übrigen fünf Wunden,
Die sich dadurch nur schließen, daß sie schmerzen.«

Als grad ich sagen wollte: ›Du begnügst mich,‹
Sah ich mich angelangt am nächsten Kreise,
Drob Schweigen mir gebot der Augen Neugier.

Allhier glaubt' ich urplötzlich mich in eine
Verzückte Vision emporgezogen,
Und vieles Volk zu schaun in einem Tempel,

Und daß ein Weib mit süßer, mütterlicher
Gebärd' im Augenblick des Eintritts sage:
»Mein Sohn, warum hast dieses du getan uns?

Denn sieh, mit Schmerzen haben wir, dein Vater
Und ich, gesucht dich.« Und als drauf sie still ward,
Da war, was erst erschienen mir, verschwunden.

Drauf eine andr' ich sah, der jenes Wasser
Die Wang' herabfloß, das der Schmerz macht träufeln,
Wenn großer Unwill, ihn erzeugt auf andre.

Und also sprach sie: »Wenn du Herr der Stadt bist,
Um deren Namen so die Götter stritten,
Und der jedwede Wissenschaft entstrahlet,

So räche dich an den verwegnen Armen,
Die unser Kind, o Pisistrat, umfangen.«
Und der Gebieter schien mir mild und gütig,

Voll Mäßigung im Antlitz, zu entgegnen:
»Was sollen dem wir, der uns Böses wünschet,
Nur tun, wenn, wer uns liebt, von uns verdammt wird?«

Darauf erblickt' ich zornentbrannte Männer,
Die einen Jüngling töteten mit Steinen,
Einander laut zurufend: »Martert, martert!«

Und jenen sah gebeuget ich vom Tode,
Der ihn schon zu der Erde niederdrückte,
Doch stets der Augen Tor dem Himmel öffnend.

Zum höchsten Herrn in solchem Kampfe beten,
Daß denen er verzeih', die ihn verfolgten,
Mit jenem Blick, dem sich das Mitleid aufschließt.

Als sich mein Geist nach außen auf die Dinge,
Die außerhalb von ihm noch wahr sind, wandle,
Erkannt' ich meine Täuschung, die nicht falsch war.

Mein Hort, der sehn mich konnte, wie gleich jenem
Ich tat, der von dem Schlummer los sich windet,
Begann: »Was ist's, daß du dich nicht kannst halten,

Und gingst schon mehr als eine halbe Stunde
Geschlossnen Blicks, verwickelt mit den Beinen,
Wie der, den Wein macht oder Schlummer taumeln?«

›O süßer Vater, wenn du mich willst hören,
So sag' ich dir,‹ sprach ich, ›was mir erschienen,
Indes ich so nicht mächtig war der Beine.‹

Und er: »Wenn überm Antlitz hundert Larven
Du hättest auch, doch würden mir von deinen
Gedanken selbst die kleinsten nicht verhüllt sein.

Das, was du sahst, geschah, damit dein Herz du
Zu öffnen dich nicht weigerst jenen Wässern
Des Friedens, die dem ew'gen Quell entströmen.

›Was ist dir?‹ fragt' ich, nicht aus gleichem Grunde
Wie jener, der nur mit dem Auge schauet,
Das nicht mehr sehn kann, wenn entseelt der Leib liegt.

Ich fragt', um Stärke deinem Fuß zu geben;
So ziemt's, die Langsamträgen anzuspornen,
Ihr Wachsein zu benutzen, wenn es heimkehrt.«

Wir wallten durch den Abend, vorwärts merkend,
So weit hin, als entgegenschweifen konnte
Der Blick des Niederganges letzten Strahlen;

Und siehe, nach und nach erhob ein Rauch sich
Jetzt gegen uns, der dunkel gleich der Nacht war,
Und keine Stätte gab's, ihm zu entgehen;

Der raubt' das Aug' uns und die reinen Lüfte.


Gesang 16

Der Hölle Dunkel selbst und solcher Nächte,
Wo kein Planet scheint, unter ödem Himmel,
Von Wolken, so viel möglich, noch verfinstert,

Nicht wär' sie meinem Angesicht ein Schleier
So dicht und dem Gefühl so rauh gewesen,
Als jener Dampf war, der uns hier bedeckte

Und uns das Auge ließ nicht offen halten;
Darum mein einsichtsvoll und treu Geleite
Mir näher trat und seine Schulter anbot.

Gleich wie der Blinde hinterm Führer hergeht,
Daß er sich nicht verirr' und stoß' an etwas,
Das ihn beläst'ge oder gar ihn töte,

Ging hin ich durch die herben schmutz'gen Lüfte,
Dem Führer horchend, der zu mir nur sagte:
»Gib acht, daß du von mir getrennt nicht werdest.«

Ich hörte Stimmen, und jedwede schien mir
Um Frieden und Barmherzigkeit zu flehen
Zum Lamme Gottes, das die Sünden hinnimmt.

Mit »Agnus Dei« hoben an sie sämtlich;
In allen war ein Wort und eine Weise,
So daß nur Eintracht alles schien bei ihnen.

›Das sind wohl Seelen, was ich, Meister, höre?‹
Sprach ich, und er zu mir drauf: »Recht bemerkst du,
Und also lösen sie des Zornmuts Bande.«

»Wer bist du nur, der, unsern Rauch durchschneidend,
Du so von uns doch redest, gleich als ob du
Die Zeit noch immer nach Kalenden teiltest?«

So sprach der Stimmen eine, drob mein Meister
Zu mir begann: »Antworte drauf und frage,
Ob man empor auf dieser Seite steiget.«

Und ich drauf: ›0 Geschöpf, das hier sich reinigt,
Um schön zu seinem Schöpfer heimzukehren,
Wenn du mir folgst, sollst Wunder du vernehmen.‹

»Ich folge dir, so weit es mir erlaubt ist,«
Antwortet' er, »und ob wir vor dem Rauch uns
Nicht sehn, hält uns vereint dafür das Hören.«

Drauf hob ich also an: ›Mit jenen Banden,
Davon der Tod uns löst, steig' ich nach oben,
Und durch die Angst der Hölle kam hierher ich,

Und da Gott also mich zu Gnaden aufnahm,
Daß schauen er mich seinen Hof will lassen
In einer Art, ganz neurer Sitt' entgegen,

Verbirg mir nicht, wer vor dem Tod du warest;
Nein, sag's und sag', ob recht zum Paß ich gehe;
Denn als Geleite wird dein Wort uns dienen.‹

»Ich war Lombard und hieß mit Namen Markus;
Die Welt kannt' ich und liebte jene Tugend,
Nach der jetzt niemand mehr den Bogen spannet.

Emporzusteigen gehst du rechten Weges,«
So gab zur Antwort er, beifügend: »Bitte
Für mich, ich bitte, wenn du droben sein wirst.«

Ich drauf: ›Ich binde mich bei Treu' und Glauben
Zu tun, was du verlangst; doch macht ein Zweifel
Mich bersten, wenn ich sein mich nicht entlade.

Erst war er einfach und ist jetzt verdoppelt
Durch deinen Spruch, der hier und anderswo mir
Des gibt Gewißheit, dran sich jener anknöpft.

Die Welt ist in der Tat also verödet
An jeder Tugend, wie du mir gekündet,
Und so geschwängert und bedeckt mit Bosheit.

Doch laß, bitt' ich, den Grund davon mich wissen,
Daß ich ihn seh' und andern zeigen möge;
Denn der sucht ihn im Himmel, der hinieden

Ein tiefes Seufzen, das in Ach zusammen
Der Schmerz zog, haucht' er aus und sprach drauf: »Bruder,
Die Welt ist blind, und wohl von ihr her kommst du.

Ihr, die ihr lebt, legt jede Ursach' immer
Dem Himmel droben bei, gleich als ob alles
Mit sich er durch Notwendigkeit bewege.

Wenn dem so wäre, würd' in euch zerstört sein
Der freie Will', und nicht Gerechtigkeit wär's
Wenn Gutem Wonne, Leid dem Bösen folgte.

Anstoß gibt euern Regungen der Himmel;
Nicht sag' ich allen, doch gesetzt, ich sagt' es,
Dennoch habt ihr ein Licht fürs Gut' und Böse

Und Willensfreiheit, die, wenn unermüdet
Den ersten Kampf sie mit dem Himmel aushält,
Dann, wohlgenährt, auch alles überwindet.

Ihr unterwerft euch größrer Kraft und bessrer
Natur aus freier Wahl, und diese schafft dann
Den Sinn in euch, den nichts der Himmel kümmert.

Drum wenn die gegenwärt'ge Welt verirrt ist,
Liegt nur der Grund in euch, in euch nur sucht ihn;
Des werd' ich jetzt dir sein ein treuer Späher.

Hervor kommt aus der Hand des, der mit Lust sie
Betrachtet', eh' sie ward, gleich einem Mägdlein,
Das kindisch tut beim Lachen wie beim Weinen,

Einfältiglich die Seele, die nichts weiß noch,
Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen,
Sie gern nach dem sich kehrt, was sie ergötzet.

Geschmack erst findet sie an kleinem Gute;
Hier täuscht sie sich und jagt ihm nach, lenkt anders
Ein Führer oder Zaum nicht ab ihr Lieben.

Drum braucht's, Zaum anzulegen, der Gesetze,
Des Königes bedarf es, der die Türme
Zum mindesten der wahren Stadt erkenne.

Wohl sind Gesetze da; doch wer legt Hand dran?
Niemand; weil jener Hirte, der vorangeht,
Zwar wiederkau'n kann, doch den Huf nicht spaltet.

Drum auch das Volk, das seinen Führer zielen
Nach jenem Gut nur sieht, wonach es gierig,
Daran allein sich weidend, mehr nichts fordert.

So kannst du sehn denn, wie die schlimme Führung,
Und nicht, daß die Natur in euch verderbt sei,
Der Grund ist, drum die Welt so bös geworden.

Einst pflegte Rom, der guten Ordnung Gründ'rin,
Zwei Sonnen zu besitzen, welche diesen
Und jenen Weg, der Welt und Gottes, zeigten.

Verlöscht hat eine jetzt die andr'; es eint sich
Das Schwert dem Hirtenstab, und so verbunden
Muß sich notwendig beides schlecht behaben,

Dieweil vereint eins nicht das andre fürchtet.
Willst mir du glauben nicht, merk' auf die Ähren;
Denn jeglich Kraut erkennt man an dem Samen.

In jenem Land, das Etsch und Po bewässern,
War Mut und adeliger Sinn zu finden,
Eh' Händel Friederich bekommen hatte.

Jetzt kann mit Sicherheit dort jeder durchziehn,
Der es aus Scham vermeiden will, den Guten
Zu nahen und mit ihnen umzugehen.

Wohl gibt's drei Greise dort noch, drin das alte
Geschlecht das neue schilt, und ihnen dünkt's schon
Zu spät, daß Gott sie setz' in bessres Leben:

Der gute Gerhard, Konrad von Palazzo
Und Guido von Castell, genannt noch besser
Nach Franzmanns Art der einfache Lombarde.

Gesteh' mir also, daß die röm'sche Kirche,
Weil zwei Gestalten sie in sich vermengt hat,
In Schlamm versinkt, sich und die Last besudelnd.«

›Mein Markus,‹ sprach ich drauf, ›du folgerst richtig,
Und jetzt erst seh' ich ein, warum vom Erbe
Die Söhne Levis ausgeschlossen worden.

Doch, welch ein Gerhard ist's, der, wie du sagest,
Als Denkmal des erloschnen Volks zurückblieb,
Ein Vorwurf dem verwilderten Jahrhundert?‹

»Täuscht mich dein Wort wohl, oder will's mich prüfen,«
Antwortet' er, »daß du, toskanisch redend,
Vom guten Gerhard nichts zu wissen scheinest?

Beinamen wüßte sonst für ihn ich keinen,
Wär's nicht etwa nach seiner Tochter Gaja.
Gott sei mit euch, denn mehr mit euch nicht komm' ich.

Seht, wie weiß schimmernd durch den Rauch das Zwielicht
Dort glänzet schon, und mir geziemt's, zu scheiden,
Eh' noch der Engel, der dort steht, erscheinet.«

Sprach's, und nicht ferner wollt' auf mich er hören.


Gesang 17

Erinnre, Leser, dich, wenn in den Alpen
Dich je ein Nebel überfiel, durch den du
Nur, wie der Maulwurf durch sein Fell, konnt'st sehen,

Wie, wenn sodann die feuchten, dicken Dünste
Sich aufzuziehn beginnen, matten Glanzes
Der Sonne Kugel hinter ihnen durchdringt;

Und nur ein schwaches Abbild wirst du haben
Des, was ich sah, als ich zuerst aufs neue
Die Sonne, die schon unterging, erblickte.

So meinen Schritt dem trauten Schritt des Meisters
Gesellend, trat ich aus der Wolk' entgegen
Dem Strahl, der schon am tiefern Strand erstorben.

O Kraft der Einbildung, die so nach außen
Uns schließt zu Zeiten, daß der Mensch nichts merkte,
Und klängen rings auch tausend Erzdrommeten,

Wer regt dich an, wenn nichts der Sinn dir bietet?
Licht regt dich an, das sich im Himmel bildet,
Sei's von sich selbst, sei's weil's ein Will' entsendet.

Vom Frevel jener, die sich in den Vogel,
Der sich zumeist am Sang ergötzt, verwandelt,
Erschien in meiner Vision der Abdruck,

Und hier ward dergestalt zurückgezogen
Meist Geist in sich jetzt, daß, von außen kommend,
Kein Ding in ihn mehr aufgenommen wurde.

Dann fiel in die entzückte Phantasie mir
Hernieder ein Gekreuzigter, unwillig
Und stolz im Angesicht, und also starb er.

Assuerus stand um ihn, der Groß', und Esther,
Sein Weib, und der gerechte Mardochaeus,
Der so untadelhaft in Wort und Tat war.

Und als nun diese Vision von selber
Zersprang gleich einer Blase, der das Wasser
Entweichet, unter dem sie sich gebildet,

Taucht' im Gesicht ein Mägdelein empor mir,
Das heftig weint' und sprach: »Warum, o Fürstin,
Hast du aus Zorn vernichtet werden wollen?

Du starbst, um nicht Lavinien zu verlieren!
Jetzt hast du mich verloren, und ich, Mutter,
Bejammre deinen Fall noch vor dem seinen.«

Wie, wenn auf einmal die geschlossnen Augen
Ein neues Licht berührt, sich bricht der Schlummer,
Der schon gebrochen zuckt, eh' ganz er hinstirbt,

Also fiel meine Vision jetzt nieder,
Sobald das Antlitz mir ein Licht berührte,
Um vieles stärker, als wir's sonst gewohnt sind

Ich wandte mich, zu wissen, wo ich wäre,
Als eine Stimme sprach: »Hier steigt man aufwärts!«
Die von jedwedem andern Zweck mich abzog

Und mir so rüstiges Verlangen eingab,
Zu schaun, wer jener sei, der jetzt geredet,
Daß es geruht nicht hätte, bis er standhielt.

Doch wie die Sonne unsern Blick belästigt,
Durch übermäß'gen Glanz ihr Bild verschleiernd,
So mußte meine Kraft hier unterliegen.

»Ein Himmelsgeist ist dies, der uns die Straße
Zum Aufwärtssteigen weist unaufgefordert
Und mit dem eignen Licht sich selbst verhüllet.

Er macht's mit uns, wie's mit sich selbst der Mensch macht;
Denn wer die Not sieht und aufs Bitten wartet,
Der legt sich auch schon böslich aufs Verweigern.

Mög' unser Fuß jetzt solcher Ladung folgen!
Laßt uns zu steigen trachten, eh' es dunkelt;
Denn dann nicht geht's mehr, bis der Tag zurückkehrt.«

So sprach mein Führer, und wir beide wandten
Jetzt unsre Schritte hin zu einer Stiege,
Und angelangt dann bei der ersten Stufe,

Hört' ich mir nah wie Flügelschlag und fühlte
Ein Wehn im Antlitz und vernahm: »Beati
Pacifici, die frei von bösem Zorn sind!«

Schon waren über uns so weit erhoben
Die letzten Sonnenstrahlen, drauf die Nacht folgt,
Daß von verschiednen Seiten Stern' erschienen.

›O meine Kraft, wie schwind'st du also!‹ sagte
Ich zu mir selber, weil ich das Vermögen
Der Füß' in Ohnmacht mir versetzet fühlte.

Wir standen jetzt, wo ferner nicht emporsteigt
Die Stiege mehr, und waren festgebannet,
Dem Schiff gleich, das am Strand ist angelaufen.

Ein wenig merkt' ich auf, ob irgend etwas
Im neuen Kreis ich wohl vernehmen möchte;
Dann wandt' ich mich zum Meister hin und sagte:

›Sprich, süßer Vater, welcherlei Beleid'gung
Wird in dem Kreis hier, wo wir sind, getilget?
Steht gleich der Fuß, so steh doch still dein Wort nicht.‹

Und er: »Des Guten Lieb', in Pflichten säumig,
Wird hier gebessert; hier holt wieder ein man
Durch frischen Ruderschlag die schlimme Zögrung.

Doch daß du offenbarer dies erkennest,
So wende zu den Sinn mir, um in etwas
Doch vom Verweilen gute Frucht zu haben.

Der Schöpfer nicht, noch ein Geschöpf war jemals,
Mein Sohn,« begann er, »sonder Liebe, sei es
Natürlicher, sei's seelischer. Du weißt es,

Stets frei war die natürliche vom Irrtum;
Doch irren kann durch schlechtes Ziel die andre
Und durch zu viel und durch zu wenig Stärke.

Solang sie nach den ersten Gütern strebet
Und im Betreff der zweiten rechtes Maß hält,
Kann böser Lust sie nimmer Ursach' werden.

Doch kehrt sie sich zum Bösen, oder jaget
Mehr oder minder, als sie soll, nach Gutem,
Braucht das Geschöpf sie gegen seinen Schöpfer,

Hieraus kannst du begreifen, daß die Liebe
In euch der Same jeder Tugend sein muß,
Wie jeder Handlung, die der Strafe würdig.

Dieweil nun Liebe nimmermehr die Blicke
Abwenden kann vom Wohle des, der liebet,
So sind vor Eigenhaß die Dinge sicher;

Und weil man ferner sich getrennt vom ersten
Kein Wesen, noch für sich besteh'nd kann denken,
Ist jenes Haß fremd jeglichem Gefühle.

So bleibt drum, wenn ich recht geteilt, zu lieben
Des Nächsten Übel nur, und solche Liebe
Sprießt auf dreifache Weis' in eurem Schlamme.

Der hofft von seines Nachbars Unterdrückung
Auszeichnung für sich selbst und wünscht nur darum,
Daß jener werd' entsetzt von seiner Größe.

Der fürchtet, Macht, Gunst, Ruhm und Ehre, weil ihn
Ein andrer übertreffe, zu verlieren,
Und grollt drob so, daß er das Gegenteil liebt;

Und der glaubt durch Beleid'gung sich geschändet,
So daß nach Rach' er dürstet, und ein solcher
Muß nach dem Schaden dann des andern trachten.

Solch dreigestaltet Lieben wird beweinet
Dort unterhalb; doch jetzt vernimm vom andern,
Das auf verkehrte Weise strebt nach Gutem.

Es ahnet jeglicher ein Gut verworren,
In dem die Seele Ruhe find', und wünscht es,
Drum jeder auch es zu erreichen strebet.

Zieht träges Lieben nun euch hin, ein solches
Zu schaun und zu erwerben, dann bestrafet
Euch dieser Sims nach gnügendem Bereuen.

Noch andres Gut gibt's, Menschen nicht beglückend,
Das Seligkeit nicht, noch das wesenhafte
Gut ist, die Frucht und Wurzel alles Guten.

Die Liebe, die zu sehr sich jenem hingibt,
Wird über uns beweinet in drei Kreisen;
Doch wie sie dreifach eingeteilt zu denken,

Darüber schweig' ich, daß für dich du's suchest.«


Gesang 18

Ein Ziel gesetzet hatte seine Rede
Der hohe Lehrer jetzt und blickte forschend
Ins Antlitz mir, ob ich zufrieden scheine,

Und ich, von neuem Durst annoch gepeinigt,
Schwieg äußerlich zwar, doch im Innern sprach ich:
›Wohl wird's ihm lästig, wenn zu viel ich frage.‹

Doch jener echte Vater, als er wahrnahm
Mein schüchtern Wollen, das sich nicht entdeckte,
Gab durch sein Sprechen mir den Mut zu sprechen.

Drob ich: ›O Meister, so belebt mein Blick sich
In deinem Licht, daß klar ich, was mir deine
Schlußfolge reicht und schildert, unterscheide;

Drum ich dich, süßer, teurer Vater, bitte,
Daß du die Liebe mir erklärst, auf die du
Zurückführst jede gut' und böse Handlung.‹

»Auf mich,« begann er, »richte des Verstandes
Geschärfte Blick', und offenbar wird sein dir
Der Blinden Wahn, die sich zu Führern machen.

Die Seele, die geschaffen, schnell zu lieben,
Ist allem Wohlgefäll'gen leicht beweglich,
Wenn vom Gefallen wirklich sie geweckt wird.

Aus wahrem Wesen schöpft ein Abbild eure
Auffassungskraft, das sie in euch entfaltet,
So daß die Seele nach ihm hin sich wendet;

Und wenn sich diese so gewandt ihm zuneigt
Ist Liebe solche Neigung, ist Natur dann,
Die durch Gefallen neu in euch sich anknüpft.

Und wie das Feuer sich zur Höh' beweget,
Weil seiner Form nach es dorthin zu steigen
Erzeugt ward, wo's zumeist dem Stoff nach dauert;

Also gerät dann die gefangne Seele
In des Begehrens geistige Bewegung,
Nie ruh'nd, bis ihr Genuß gab das Geliebte.

Daraus kannst du ersehn, wie sehr die Wahrheit
Den Leuten ist verborgen, die behaupten,
Daß jede Lieb' an sich ein löblich Ding sei:

Denn stets vielleicht mag gut ihr Stoff erscheinen,
Doch keineswegs ist jedweder Abdruck
Darum allein schon gut, weil gut sein Wachs ist.«

›Durch deine Wort' und durch mein folgsam Denken,‹
Entgegnet' ich, ›ward Liebe mir enthüllet,
Doch dies macht mich nur mehr von Zweifeln schwanger;

Denn wird von außen Lieb' uns angeboten
Und geht mit anderm Fuße nicht die Seele,
Geht grad sie oder krumm, ist's ihr Verdienst nicht.‹

Und er zu mir: »Soviel hier die Vernunft sieht,
Kann ich dir sagen; doch für weitres harre
Bloß auf Beatrix, dies ist Glaubenssache.

Die substantielle Form, die von dem Stoffe
Ist unterschieden und mit ihm vereinet,
Hat stets in sich spezif'sche Kraft verschlossen,

Die unbetätigt nicht erkannt kann werden,
Noch anders sich als durch die Wirkung zeiget,
Gleichwie durch grünes Laub am Baume Leben.

Drum, wo die Wissenschaft der Urbegriffe
Euch herkommt, weiß man nicht, noch das Verlangen
Des Urbegehrbaren, die in euch wohnen,

Gleichwie der Trieb, den Honig zu bereiten,
Ist in der Bien', und solches Urbegehren
Kann weder Lob noch Tadel je verdienen.

Damit nun jedes andre dem sich eine,
Ward eingeboren euch die Kraft des Rates,
Die der Einwill'gung Schwelle soll bewahren.

Jen' ist der Urgrund, draus in euch der Anlaß
Zu jeglichem Verdienst entspringt, nachdem sie
Gut' oder böse Lieb' annimmt und abwirft.

Die sinnend bis zum Grunde drangen, wurden
Der eingebornen Freiheit inn' und haben
Daher der Menschheit Sittlichkeit gelassen.

Gesetzt darum, daß jede Lieb', entglimmend
In euch, auch durch Notwendigkeit erstehe,
Ist es in eurer Macht doch, sie zu zügeln.

Die edle Kraft meint unter freiem Willen
Beatrix; drum sieh zu, daß du dir's merkest,
Wenn jemals dir davon sie sprechen sollte.«

Der Mond, der fast bis Mitternacht gezögert,
Ließ uns die Sterne seltener erscheinen,
Und einem Kessel gleich, der ganz erglühet,

Lief wider'n Himmel er durch jene Straßen,
Die dann die Sonn' entzündet, wenn der Römer
Sie zwischen Sarden sieht und Korsen sinken;

Und jener edle Schatten, der den Namen
Pietola über Mantua's Stadt erhöhet,
Hatt' also mir der Last Beschwerd' entnommen,

Drum ich, der klar' und offene Belehrung
Auf alle Fragen jetzt erhalten hatte,
Dem gleich ward, dem vor Schlaf der Sinn entschwindet,

Doch solche Schläfrigkeit ward mir urplötzlich
Von Volk geraubt, das, hinter unserm Rücken
Im Kreise laufend, nun auf uns herzukam,

Und wie Ismenus einstens und Asopus
Sahn längs dem Strand nachts rasendes Gedränge,
Wenn die Thebaner Bacchus' Hilfe brauchten;

Dem ähnlich dreht' in diesem Kreis die Schritte
Nach dem, was ich von ihnen sah im Kommen,
Wen guter Will' anspornt und rechtes Lieben.

Stracks waren sie bei uns auch, weil im Laufe
Sich diese ganze große Schar bewegte,
Und zwei, die an der Spitze, riefen weinend:

»Maria lief eilfertig zum Gebirge,
Und Cäsar griff, Ilerda zu besiegen,
Massilien an und eilte dann nach Spanien.«

»Schnell, schnell, daß nicht die Zeit verlorengehe,«
Schrien alle drauf, »durch schwache Lieb', es grüne
Durch Fleiß zu guter Tat die Gnade wieder!«

»O Volk, in dem vielleicht der glüh'nde Eifer
Nachlässigkeit und Säumnis jetzt ersetzet,
Die ihr im Gutestun aus Lauheit zeigtet,

Der hier (traun nicht belüg' ich euch), der lebt noch,
Will aufwärtsgehn, wenn wieder scheint die Sonne;
Drum sagt, von welcher Seit' uns nah die Öffnung.«

Es waren dies die Worte meines Führers,
Und einer jener Geister sprach: »Wenn hinter
Uns drein du kommst, wirst du die Öffnung finden.

Also voll Wunsch sind wir, uns zu bewegen,
Daß wir nicht weilen können; drum verzeihe,
Wenn, was gerecht uns, dir unfreundlich scheinet.

Abt war ich von Sankt Zeno von Verona
Zu Zeit der Herrschaft jenes guten Rotbarts,
Von dem noch jammernd Mailand weiß zu sprechen,

Und einer hat schon einen Fuß im Grabe,
Der jenes Klosters wegen bald wird weinen
Und sich betrüben, daß er Macht drin hatte,

Weil seinen Sohn er, schlimm am ganzen Körper
Und schlimmer an der Seel' und schlimm geboren,
Statt dessen rechten Hirten eingesetzt hat.«

Nicht weiß ich, ob er weiter sprach, ob stillschwieg,
So weit war er im Lauf bei uns vorbei schon;
Doch dieses hört' und sucht' ich mir zu merken.

Und er, für jeglichen Bedarf mein Helfer,
Sprach: »Wende hierher dich, sieh zwei von ihnen
Der Trägheit dort im Kommen Bisse geben.«

Drein hinter allen sprachen sie: »Gestorben
War erst das Volk, dem sich das Meer erschlossen,
Eh' Jordan hat erblickt, die ihn ererbten,

Und jenes, das die Mühen bis zum Ende
Nicht mit Anchises' Sohn ertragen wollte,
Hat sich ruhmlosem Dasein preisgegeben.«

Drauf, als so weit von uns getrennet waren
Die Schatten, daß man nicht mehr sehn sie konnte,
Entstand in mir ein anderer Gedanke,

Dem wieder andr' entsprangen und verschiedne,
Und so von einem irrt' ich zu dem andern,
Daß aus Behagen ich verschloß die Augen,

Und so in Träumen wandelte mein Sinnen.


Gesang 19

Zur Stunde, da nicht mehr des Tages Wärme
Vermag den Frost des Mondes zu erlauen,
Besiegt von Tellus, manchmal von Saturn auch,

Wenn fern im Orient die Geomanten
Ihr größtes Glück sehn aufgehn vor der Dämmrung
Auf einem Weg, der kurze Zeit noch dunkelt,

Erschien dem Träumenden ein stotternd Weib mir,
Mit schelem Blick, gekrümmt auf seinen Füßen;
An Händen krüppelhaft und bleich von Farbe.

Ich schaut' auf sie, und wie die Sonn' erquicket
Die kalten, von der Nacht beschwerten Glieder,
Also macht' ihr mein Blick behend zum Reden

Die Zung' und richtete sodann ganz auf sie
In wenig Zeit, und ihr entstelltes Antlitz,
Gleich wie's die Lieb' erheischet, also färbt' er.

Nachdem die Sprach' ihr so gelöst war worden,
Begann zu singen sie, so daß mit Mühe
Den Sinn von ihr ich abgewandt nur hätte.

»Ich bin,« war ihr Gesang, »ich bin die süße
Sirene, die auf hoher See die Schiffer
Verlockt, so voll der Lust bin ich dem Hörer.

Ich zog Ulyssen ab von seinem Irrpfad
Durch meinen Sang, und wer sich mir gesellet,
Trennt kaum sich mehr, so ganz wird er begnüget.«

Sie hatt' annoch nicht ihren Mund geschlossen,
Als neben mir ein Weib, geschwind und heilig,
Erschien, daß es die andere verwirre.

»Virgilius, o Virgilius, wer ist diese?«
Sprach sie voll Zorns; der kam allein, auf jene
Ehrsame hingerichtet seine Blicke.

Die andre faßt' und, ihr Gewand zerreißend,
Enthüllt' er vorn und ihren Bauch mir zeigt' er,
Der durch den Stank, der draus entstieg, mich weckte.

Ich wandt' das Aug', und: »Dreimal,« sprach der gute
Virgil, »rief ich dir mind'stens: auf und komme,
Daß wir die Öffnung finden, wo du eingehst!«

Jetzt stand ich auf, und voll schon waren sämtlich
Vom hellen Tag des heil'gen Berges Kreise;
Hin ging's, die neue Sonn' an unsern Lenden.

Ihm folgend trug ich also meine Stirne
Wie jener, der sie schwer hat von Gedanken
Und selbst sich macht zum halben Brückenbogen.

Da hört' ich sagen: »Kommt, hier ist der Durchgang!«
In sanfter, milder Weise, wie man nimmer
Vernimmt in dieser sterblichen Gemarkung.

Mit offnen Schwingen, die von Schwanen schienen,
Wies uns empor, der so gesprochen, zwischen
Die beiden Mauern hin des harten Felsens.

Anfächelnd uns, bewegt' er drauf die Federn,
Versichernd, daß glückselig sei'n, qui lugent,
Weil ihre Seelen Trost besitzen werden.

»Was hast du, der du stets zu Boden blickest?«
Begann mein Hort zu sagen, als ein wenig
Wir beid' uns unterm Engel noch befanden.

Und ich: ›Mit so viel Zagen läßt mich wandern
Ein neu Gesicht, das nach sich hin mich lenket,
So daß ich los nicht werde des Gedankens.‹

»Du sahst,« sprach jener drauf, »die alte Hexe,
Die über uns allein noch Tränen kostet,
Du sahest, wie von ihr der Mensch sich los macht.

Frisch auf den Grund gestampfet deine Ferse,
Den Blick zur Lockung wendend, die umherführt
Der ew'ge König mit den großen Kreisen!«

Dem Falken gleich, der nach den Klau'n erst schauet,
Dann dem Geschrei sich zukehrt und sich dehnet
Ob der Begier nach Fraß, die ihn dorthin zieht,

Ward ich anjetzt und ging, so lang der Felsen
Sich spaltet als ein Pfad für den Ersteiger,
So hin bis dort, wo man zu kreisen anfängt.

Als auf den fünften Ring ich nun heraustrat,
Erblickt' ich weinend Volk am Boden liegen,
Auf ihm umher, nach unten ganz gewendet.

»Adhaesit pavimento anima mea«,
Hört' ich sie sagen mit so tiefen Seufzern,
Daß man die Worte kaum verstehen konnte.

»O Auserkorne Gottes, deren Leiden
Gerechtigkeit und Hoffnung minder hart macht,
Weist uns zurecht nach den erhabnen Stiegen.«

»Wenn vor dem Liegen sicher ihr hierher kommt
Und am geschwindesten den Weg wollt finden,
So bleibe stets nach außen eure Rechte.«

So bat der Dichter, und so klang die Antwort
Hier kurz vor uns; drum ich aus solcher Rede,
Was sonst darin noch war verborgen, merkte.

Den Blick drauf wandt' ich meines Herren Blick zu,
Drob dieser freundlich winkend mir gewährte
Das, was geheischt die wünschende Gebärde.

Da so nach Lust mit mir ich schalten konnte,
Trat ich dorthin jetzt über jenes Wesen,
Das durch sein Wort mir schon bemerklich worden,

Und sprach: ›Geist, in dem das durch Zähren reifet,
Davon entblößt man nicht zu Gott kann kehren,
Für mich dein größres Sorgen hemm' ein wenig.

Wer warst du, und weshalb habt ihr die Rücken
Aufwärts gewandt? Sprich, wenn ich etwas jenseits
Dir soll erflehn, woher ich lebend komme.‹

Und er: »Weshalb sich zu dem Himmel unsre
Rückseite wendet, künd' ich dir; doch erstlich
Scias quod ego fui successor Petri.

Inzwischen Chiaveri und Sestri stürzt sich
Ein schöner Strom herab, von dessen Namen
Mein Blut herleitet seines Titels Zierde.

Kaum mehr als einen Mond fühlt' ich, wie schwer sei
Der große Mantel dem, der ihn bewahre
Vor Schlamm, drob federleicht scheint jeder andre.

Zwar spät, weh' mir, erst hab' ich mich bekehret,
Allein, nachdem ich röm'scher Hirt geworden,
Da ward des Lebens Lüge mir enthüllet,

Ich sah, daß nicht befriedigt dort das Herz ward
Noch könnt' in jener Welt man höher steigen;
Drum ward zu dieser ich von Lieb' entzündet.

Bis zu dem Augenblick war meine Seele
Elend und Gott entfremdet, ganz voll Geizes;
Nun, wie du siehst, werd' ich drob hier gestrafet.

Das, was die Habsucht tat, wird dargestellet,
Hier bei der Lästrung der bekehrten Seelen,
Und keine Pein ist bittrer dieses Berges.

Wie unser Blick sich nicht hat aufgerichtet
Nach oben, an den ird'schen Dingen haftend,
Versenkt' auch hier Gerechtigkeit zur Erd' ihn;

Und wie der Geiz hat jedes Guten Liebe
In uns getilgt, drum wir das Tun versäumet,
So hält uns hier Gerechtigkeit gefangen

An Händen und an Füßen festgebunden;
Und wir, solang es dem gerechten Herren
Gefällig, bleiben reglos ausgestrecket.«

Ich kniete nieder jetzt und wollte sprechen,
Allein als ich begann und jener meine
Ehrfurchtsbezeigung durchs Gehör nur wahrnahm,

»Was für ein Grund,« sprach er, »beugt so dich nieder?«
Und ich zu ihm: ›Ob Eurer Würde hat mir
Mit Recht gemacht Vorwürfe mein Gewissen.‹

»Richt' auf die Füße und erheb' dich, Bruder!«
Entgegnet' er, »laß dich nicht irren; Mitknecht
Bin ich dir und an Macht gleich mit den andern.

Wenn je die heil'gen evangel'schen Klänge,
Wo's neque nubent heißt, du hast verstanden,
Kannst du wohl sehn, warum ich also spreche.

Hinweg jetzt; nicht mehr will ich, daß du weilest,
Denn deine Gegenwart erschwert mir's Weinen,
Durch das ich zeitige, was du gesaget.

Ich habe jenseits eine Nicht', Alagia
Genannt, die von sich selber gut ist, wenn nur
Sie schlimm nicht wird durch unsres Hauses Beispiel;

Die ist allein mir übrig dort geblieben.«


Gesang 20

Schlecht kämpft der Wille gegen bessern Willen;
Drum gegen Wunsch, um seinem Wunsch zu gnügen,
Zog nicht ganz voll den Schwamm ich aus dem Wasser.

Ich ging einher, und hin ging auch mein Führer,
Wo frei der Pfad beständig längs dem Felsen,
Wie man auf Mauern geht dicht an den Zinnen,

Denn jenes Volk, dem tropfenweis den Augen
Entquillt das Weh, das alle Welt ergriffen,
Ist andrerseits zu nah dem äußern Rande.

Vermaledeiet seist du, alte Wölfin,
Mehr Raub als alle andern Tier' erbeutend
Ob deines unauslöschlich heißen Hungers.

O Himmel, dessen Kreisen, wie geglaubt wird,
Den Stand der Dinge soll hier unten ändern,
Wann kommt nur der, vor welchem diese weichet?

Wir wandelten langsamen, kargen Schrittes,
Und ich merkt' auf die Schatten, die ich weinen
Voll Herzeleids und sich beklagen hörte;

Und wie durch einen Zufall hört' ich: »Süße
Maria!« vor uns rufen also kläglich,
Gleich wie ein Weib in Kindesnöten wimmert.

Und ferner dann: »Arm warst du, wie aus jener
Herberge man ersehn kann, wo das Heil'ge
Das du getragen, nieder du gelegt hast!«

Darauf vernahm ich weiter noch: »0 guter
Fabricius, die Tugend war dir lieber
Mit Armut als mit Laster großer Reichtum!«

Mir waren diese Worte so erfreulich,
Daß ich fürbaß ging, Kunde zu erlangen
Vom Geiste, dem sie zu enttönen schienen.

Es sprach derselb' annoch von jener Gabe,
Die Nikolaus einst den Jungfrauen reichte,
Zur Ehrbarkeit zu führen ihre Jugend.

›O Seele, die du so viel Gutes kündest,
Sag' an, wer warst du,‹ sprach ich, ›und warum du
Allein das wohlverdiente Lob erneuest.

Nicht unbelohnet wird dein Wort dir bleiben,
Wenn heim ich kehre, daß den kurzen Pfad ich
Des Lebens, das zum Ziele fliegt, vollende.‹

Und er: »Ich sag' dir's nicht, weil irgend Hilfe
Von jenseits ich erwarte, nur weil also
In dir, eh' du gestorben, Gnade leuchtet.

Ich war die Wurzel jenes schlimmen Baumes,
Der so das ganze Christenland beschattet,
Daß gute Frucht nur karg davon man sammelt.

Doch wenn Gand, Doway, Brugg' und Ryssel könnten,
So würde Rache bald an ihm genommen,
Und ich fleh' den drum an, der alles richtet.

Jenseits hieß Hugo Capet ich mit Namen,
Die Ludwigs stammen von mir ab und Philipps,
Von denen Frankreich neuerdings beherrscht wird.

Der Sohn war eines Schlächters aus Paris ich.
Als bis auf einen, der in Grau sich hüllte,
Der Stamm der alten Kön'ge war erloschen,

Fand ich die Zügel mit der Reichsverwaltung
Fest in der Hand und so viel Macht durch neue
Erwerbungen und mich so reich an Freunden,

Daß zur verwaisten Krone ward befördert
Des Sohnes Haupt, mit welchem die gesalbten
Gebeine jener ihre Reih' begannen.

Solang die große provenzal'sche Mitgift
Noch meinem Blute nicht die Scham genommen,
Galt es zwar wenig, doch es tat nichts Böses.

Da nun begann es seine Räubereien
Mit Lügen und Gewalt, worauf's zur Buße
Ponthieu, Gascogne und Normandie hinwegnahm.

Karl kam herab nach Welschland, und zur Buße
Bracht' er als Opfer Konradin und sandte
Heim in den Himmel Thomas drauf zur Buße.

Die Zeit erblick' ich kurz nach diesen Tagen
Die einen andern Karl aus Frankreich herzieht,
Daß ihn man und die Seinen besser kenne.

Aus zieht er sonder Waffen, mit der Lanze
Allein, mit welcher Judas focht, und diese
So stößt er, daß Florenz der Wanst drob platzet.

Nicht Land wird er dadurch, nur Sünd' und Schande
Erwerben, um so schwerer auf ihm lastend,
Je leichter er dergleichen Schaden achtet.

Den jüngst aus Seegefangenschaft Befreiten
Seh' ich sein Kind verkaufen und drum feilschen,
Wie wohl um andre Sklavinnen Korsaren.

O Habbegier, was kannst du mehr bewirken,
Da du mein Blut so hast an dich gezogen,
Daß es ums eigne Fleisch sich nicht mehr kümmert!

Daß künft'ger Frevel kleiner schein' und vor'ger,
Seh' ich die Lilj' eindringen in Alagna,
Und im Statthalter Christum selbst gefangen!

Ich seh' zum andern Mal ihn dort verspottet,
Seh' Gall' und Essig wiederholt und zwischen
Lebend'gen Schächern ihn getötet werden.

Ich seh' den neueren Pilatus, grausam,
So daß ihm dies nicht g'nügt, nein, sonder Freibrief
Er gier'gen Segels einfährt in den Tempel.

O Herr, mein Gott, wann werd' ich froh nur werden
Des Anschauns jener Rache, die verborgen
In deiner Heimlichkeit dein Zürnen sänftigt!

Was ich von jener einz'gen Braut gesaget
Des heil'gen Geistes, das dich hat bewogen,
Dich zur Erläuterung an mich zu wenden,

All unserem Gebete ist's als Inhalt
Bestimmt, solang der Tag währt; doch wenn's Nacht wird,
Beginnen wir in umgekehrter Weise.

Wir wiederholen dann Pygmalions Namen,
Den zum Verräter, Dieb und Brudermörder
Die hungrige Begier nach Gold gemacht hat,

Und minder nicht des geiz'gen Midas Elend,
Das seinem gierigen Verlangen folgte,
Darüber man noch immer jetzt muß lachen.

Des Toren Achan drauf gedenkt ein jeder,
Wie von der Beut' er stahl, so daß noch immer
Ihn Josues Zürnen hier scheint zu erfassen.

Verklagt wird mit dem Gatten dann Saphira,
Die Streiche preisen wir, die Heliodorus
Empfing, und schmachvoll kreist den ganzen Berg um

Des Polydorus Mörder, Polymnestor.
Zum Schlüsse riefen wir uns zu noch: ›Krassus,
Sag' an, du weißt's, wie der Geschmack des Goldes.‹

Zuweilen spricht der laut und leis der andre,
Nachdem uns das Gefühl anspornt zum Reden,
Bald größeren und bald geringern Schrittes.

So war vorher das Gut' ich zu besprechen,
Wie wir des Tags tun, nicht allein; doch eben
Erhob kein andrer in der Näh' die Stimme.«

Wir hatten schon von diesem uns entfernet
Und trachteten den Weg zurückzulegen,
So weit es unsern Kräften war gestattet,

Da fühlt' ich, einem Ding, das stürzt, gleich, zittern
Den Berg, darob mich solch ein Schauern faßte,
Wie's den ergreifet, der zum Tod muß gehen.

Traun! nicht so sehr hat Delos sich geschüttelt,
Bevor Latona drin ihr Nest sich baute,
Das Augenpaar des Himmels zu gebären.

Von allen Seiten drauf begann ein Rufen,
So daß darob mein Meister zu mir hintrat
Und sprach: »Sei unbesorgt, weil ich dich führe.«

»Gloria in excelsis Deo!« sprachen alle,
Soviel als ich verstand aus meiner Nähe,
Aus der allein den Ruf man hören konnte.

Wir standen reglos harrend da, den Hirten,
Die jenen Sang zuerst vernommen, ähnlich,
Bis sich das Zittern legt', und er zum Schluß kam.

Den heil'gen Weg begannen drauf wir wieder,
Anschau'nd die Schatten, die zu Boden lagen,
Zurückgekehrt schon zum gewohnten Weinen.

Nie hatt' Unwissenheit so viele Kämpfe
Durch Sehnsucht mir nach Aufschluß noch veranlaßt,
Wenn mein Gedächtnis sich hierin nicht irret,

Als sinnend jetzt ich zu bestehn vermeinte,
Noch ob der Eile wagt' ich es zu fragen,
Und durch mich selbst konnt' ich hier nichts erkennen;

Drum ging ich schüchtern hin und voll Gedanken.


Gesang 21

Von eingebornem Durst, der nie gestillt wird
Als mit dem Wasser, dessen Gnadengabe
Begehrte das samaritan'sche Weiblein,

Ward ich gequält, und vorwärts trieb mich Eile
Dem Führer nach auf vielgehemmtem Pfade,
Und Mitleid fühlt' ich ob gerechter Rache.

Und sieh, gleichwie von Lukas wird berichtet,
Daß Christus zwei'n erschien, die auf dem Wege,
Als er schon war der Grabeshöhl' entstiegen,

Erschien ein Schatten uns, der hinterdrein kam,
Die Schar, die ihm zu Füßen lag, betrachtend,
Und wir gewahrten ihn nicht, bis er also

Begann: »Gott geb' euch Frieden, meine Brüder!«
Stracks wandten wir uns um, und mit dem Zeichen,
Das dem entspricht, antwortete Virgil ihm.

Drauf hob er an: »Zum Kreis der Sel'gen sende
Dich des wahrhaft'gen Hofes Spruch in Frieden,
Der mich verweist in ewige Verbannung.«

»Wie,« sprach der andr' (und rüstig gingen fort wir),
»Wenn Schatten ihr, die Gott hinauf nicht würdigt,
Wer hat so weit geführt auf seiner Stieg' euch?«

Mein Lehrer drauf: »Wenn an du schaust die Male,
Die jener trägt und die der Engel zeichnet,
Siehst du wohl, daß mit Gutem er muß herrschen.

Allein da jene nicht, die Tag und Nacht spinnt,
Den Knäul ihm ganz noch ausgezogen hatte,
Den Clotho jedem auflegt und umwickelt,

So könnt' allein hieher nicht seine Seele,
Die dein' und meine Schwester ist, gelangen,
Weil sie nicht schaut die Ding' auf unsre Weise.

Drum ward entrückt dem weiten Schlund der Höll' ich,
Daß ich ihm alles zeig', und werd' es ferner,
So weit als meine Schule führt, ihm zeigen.

Doch sag' uns, wenn du's weißt, warum so bebte
Der Berg vorher, und weshalb all' auf einmal
Bis hin zum feuchten Fuß zu rufen schienen?«

So traf er durch sein Fragen meinem Wunsche
Grad' wie ins Nadelöhr, denn durch die Hoffnung
Allein schon ward der Durst mir minder brennend.

Und jener drauf: »Nichts ist, das außer Ordnung
Hier in die heil'ge Sitt' eingreifen könnte
Des Berges oder gegen Brauch geschehen.

Frei ist hier oben man von jeder Störung;
Das, was aus ihm in sich der Himmel aufnimmt,
Kann das bewirken, doch nicht andre Ursach',

Darum auch Regen nicht, noch Schnee, noch Hagel,
Noch Tau, noch Reif herabfällt weiter oben
Als bis zum kurzen Trepplein der drei Stufen.

Nicht dichte Wolken zeigen sich, noch dünne,
Nicht Wetterleuchten, noch des Thaumas Tochter,
Die jenseits oft die Himmelsgegend wechselt.

Auch trockner Dunst nicht steiget weiter aufwärts
Als zu der drei besagten Stufen Gipfel,
Drauf der Statthalter Petri setzt die Füße.

Wohl weiter unten bebt's viel oder wenig,
Doch nie hat es, ich weiß nicht, wie, durch Wind noch,
Der sich im Grund verbirgt, gebebt hier oben.

Es bebt nur, wenn sich rein fühlt eine Seele,
So daß sie aufsteht oder sich zum Steigen
Bewegt, und solches Rufen dann begleitet's.

Beweis der Rein'gung ist allein das Wollen,
Das voller Freiheit, ihren Stand zu wechseln,
Die Seel' ergreift, am Wollen Freud' ihr gebend.

Erst will sie wohl, doch hindert's die von ew'ger
Gerechtigkeit entgegen jenem Willen
Gesetzte Lust an Qual, wie sonst am Sünd'gen.

Und ich, der mehr schon als fünfhundert Jahre
In diesem Leide lag, empfand erst jetzo
Das freie Wollen besserer Behausung.

Drum fühltest du den Erdstoß, hört'st am Berge
Umher der frommen Geister Lobgesänge,
Gebracht dem Herrn, der bald hinauf sie weise.«

So sprach er, und weil um so mehr des Trankes
Man sich erfreut, als groß der Durst gewesen,
Könnt' ich, wie sehr er mich erquickt, nicht sagen.

Der weise Führer: »Wohl seh' jetzt die Schling' ich,
Die hier euch hält, und wie man ab sie streifet,
Weshalb es bebt, und welche Freud' ihr teilet.

Jetzt, wer du seist, laß mich gefällig wissen,
Und weshalb der Jahrhunderte so viele
Du hier gelegen, deinem Wort entnehmen.«

»Zur Zeit, da mit des höchsten Königs Hilfe
Der gute Titus jene Wunden rächte,
Draus quoll das Blut, das Judas hat verkaufet,

Lebt' ich,« entgegnete der Schatten, »jenseits
Durch jenen Namen, der am meisten dauert
Und ehret, hochberühmt, doch noch nicht gläubig.

So süß ist meiner Stimme Hauch gewesen,
Daß Rom mich an sich zog, den Tolosaner,
Wo Myrtenschmuck den Schläfen ich verdienet.

Statius nennt immer noch das Volk mich jenseits.
Von Theben sang ich und Achill dem Großen,
Doch unterwegs fiel mit der zweiten Bürd' ich.

Erzeuget wurde meine Glut durch Funken,
Die mich erwärmet, jener Gottesflamme,
Dran mehr denn tausend schon entzündet worden;

Ich meine die Äneis, welche Mutter
Und Amme mir im Dichten ist gewesen;
Denn ohne sie setzt' ich nicht fest ein Quentchen,

Und um, indes Virgil noch lebte, jenseits
Gelebt zu haben, legt' ich zu dem Austritt
Vom Bann ein Jahr noch zu, mehr, als ich schulde.«

Es wandte nach mir hin dies Wort Virgilen
Mit einem Blick, der schweigend sagte: »Schweige!«
Doch alles nicht vermag die Eraft des Wollens,

Denn Lachen ist und Weinen im Gefolge
Des Eindrucks, dem's entsprang, so schnell, daß minder,
Je wahrer ist der Mensch, es folgt dem Willen.

Ich lächelte nur so, wie wer da blinzet;
Darob der Schatten schwieg und in die Augen,
Allwo zumeist der Ausdruck wohnt, mir blickte.

»Sollst glücklich du so große Müh' beenden,
Sag' an,« sprach er, »warum alsbald dein Antlitz
Das Blitzen eines Lächelns mir gezeigt hat.«

Jetzt werd' ich dies- und jenseits festgehalten;
Hier heißt's mich schweigen, dort werd' ich beschworen,
Zu sprechen, drob, so daß man's hört, ich seufze.

»Sprich,« sagte drauf mein Meister, »und zu reden
Nicht habe Furcht, nein, red' und laß ihn wissen,
Was er mit so viel Sorgfalt hat erfraget.«

›Vielleicht, daß du dich, alter Geist, verwunderst.‹
Versetzt' ich, ›ob des Lachens, das ich zeigte,
Doch mehr noch soll Erstaunen dich ergreifen;

Denn dieser, der nach oben meinen Blick lenkt,
Ist der Virgil, von welchem du so mächtig
Von Göttern und von Menschen singen lerntest,

Und hast geglaubt du, daß aus anderm Grund ich
Gelacht, so gelt' er dir als falsch, und glaube,
Daß nur das Wort dran schuld war, das du sprachest.‹

Schon beugt' er sich, daß meines Lehrers Füß' er
Umarme, doch der sagte: »Tu's nicht, Bruder;
Denn, Schatten selbst, siehst du hier einen Schatten.«

Und jener sich erhebend: »Die Wievielheit
Der Lieb' ersiehst du hier, davon ich glühe
Für dich, weil, unsre Nichtigkeit vergessend,

Ich Schatten wie ein fühlbar Ding behandle.«


Gesang 22

Schon war der Engel hinter uns verblieben,
Der Engel, der zum sechsten Kreis gewandt uns
Und einen Strich getilgt mir auf der Stirne;

Und die nach der Gerechtigkeit sich sehnen,
Hatt' er genannt »Beati«, doch beschränkten
Sich seine Wort' auf »Sitio« und nichts weitres.

Und leichter schon als durch die andern Schlünde
Ging ich einher, so daß ohn' alle Mühe
Den schnellen Geistern ich nach oben folgte,

Als jetzt Virgil begann: »Die Lieb', entzündet
Von Tugend, hat stets Gegenlieb' entzündet,
Wenn nur nach außen ihre Flamm' erschienen.

Drum seit dem Tag, als unter uns hernieder
Zum Limbus stieg der Hölle Juvenalis,
Der mir entdeckt hat, wie du mir geneigt seist,

Ward ich dir so gewogen, als man jemals
Es einem ward noch, den man nicht gesehen,
Drob diese Stiegen kurz mir scheinen werden.

Doch sag', und mögst als Freund du mir verzeihen,
Wenn zu viel Keckheit mir den Zügel lüftet,
Und laß als Freunde drüber jetzt uns sprechen,

Wie nur vermochte Platz in deinem Busen
Der Geiz zu finden bei so vieler Einsicht,
Von der durch dein Bemühn du voll gewesen?«

Ob solcher Worte lächelt' erst ein wenig
Statius, und gab zur Antwort dann: »Was immer
Du sagst, ist mir ein teures Liebeszeichen,

Und in der Tat erscheinen oftmals Dinge,
Die einen falschen Stoff zum Zweifeln bieten,
Weil die wahrhaft'ge Ursach' bleibt verborgen.

Was du gefragt, beweist mir deine Meinung,
Daß geizig ich in jener Welt gewesen
Des Kreises wegen wohl, wo ich mich aufhielt.

So wisse denn, daß allzuweit entfernt war
Von mir der Geiz, und Tausende von Monden
Sind Strafe solchem Übermaß geworden;

Und hätt' ich mein Bestreben nicht berichtigt,
Als ich die Stelle hörte, wo du rufest,
Als ob der menschlichen Natur du zürntest:

›Wohin nicht alles, o verfluchter Hunger
Nach Gold, führst du der Sterblichen Begierden!
Bestand' umwälzend ich die herben Kämpfe.

Da ward ich inne, daß zu sehr die Flügel
Die Hand zum Spenden öffnen kann, und fühlte
Reu' wegen dieses und der andern Fehler.

Wieviel erstehn dereinst mit kahlem Kopfe,
Weil sie der Reu' ob dieser Sünd' im Leben
Unwissenheit beraubt hat und beim Scheiden!

Und wisse, jede Schuld, die einem Laster
Im graden Widerspruche tritt entgegen,
Läßt hier zugleich mit ihm ihr Grün verdorren.

Drum, wenn ich, mich zu rein'gen, bin gewesen
Bei jenem Volk, das ob des Geizes weinet,
Ist mir's ob seines Gegenteils begegnet.«

»Als aber du die grausenvollen Waffen
Des Doppeljammers der Jokaste sangest,«
Begann der Sänger der bukolschen Lieder,

»Da Klio dort mit dir berührt die Saiten,
So, scheint's, noch hatte gläubig nicht gemacht dich
Der Glaube, ohne den Rechttun nicht gnüget;

Wenn dem so ist, welch eine Sonne hat dich,
Welch eine Kerz' entfinstert, daß du förder
Die Segel hinterm Fischer drein gerichtet?«

Er drauf: »Du hast zuerst mich zum Parnassus
Gewiesen, daß ich trink' in seinen Grotten,
Und mir zuerst zu Gott auch hingeleuchtet.

Du tat'st wie jener, der des Nachts einhergeht
Und hinter sich ein Licht hält, das ihm selber
Nichts hilft, doch kundig macht, die nach ihm kommen,

Dort, wo du sprachst: ›Jahrhunderte erneu'n sich,
Astraea kehrt, es kehrt die Urzeit wieder,
Und niedersteigt ein neu Geschlecht vom Himmel.‹

Durch dich ward Dichter ich, durch dich zum Christen;
Doch daß du besser siehst, was ich gezeichnet,
Will ich zur Färbung aus die Hand jetzt strecken.

Es war die Welt schon ganz und gar geschwängert
Mit dem wahrhaft'gen Glauben, ausgesäet
Von den Verkündigern des ew'gen Reiches,

Und dein vorher erwähntes Wort, es stimmte
So mit den neuen Predigern zusammen,
Daß ich sie zu besuchen mich gewöhnte.

Darauf begann so heilig mir zu scheinen
Ihr Wesen, daß bei Domitians Verfolgung
Ihr Weinen meiner Zähren nicht entbehrte;

Und weil ich jenseits mich befand, kam ihnen
Zu Hilf ich, und ihr rechter Wandel machte,
Daß ich verschmäht' jedwede andre Sekte.

Und eh' die Griechen hin zu Thebens Flüssen
Ich im Gedicht geführt, erhielt die Tauf' ich;
Doch war aus Furcht ein Christ ich im Verborgnen,

Durch lange Zeit als Heide mich bezeigend,
Ob welcher Lauheit ich den vierten Zirkel
Mehr denn vierhundert Jahre mußt' umkreisen.

Du nun, der mir den Deckel aufgehoben,
Der so viel Heil mir barg, als ich erwähnte,
So lang uns übrig noch zu steigen bleibet,

Sprich, wenn du's weißt, wo unser Freund Terentius
Sich findet, wo Caecilius, Plautus, Varro?
Sprich, sind verdammt sie und in welcher Stätte?«

»Sie alle, Persius, ich und viele andre,
Wir sind,« sprach drauf mein Führer, »mit dem Griechen,
Der mehr als einer trank die Milch der Musen,

Dort in des finstern Kerkers erstem Kreise
Und sprechen öfters von dem Berg, der unsre
Säugammen immerdar bei sich bewahret.

Euripides und Antiphon sind mit uns,
Auch Agathon, Simonides und mehr noch
Der Griechen, deren Stirn einst Lorbeer kränzte.

Alldort sind von den Deinigen zu schauen
Antigone, Deiphil' und Argia,
Und in Betrübnis, wie sie war, Ismene.

Dort sieht man die, so die Langia zeigte,
Dort ist Tiresias' Tochter, dort ist Thetis,
Und mit den Schwestern dort Deidamia.«

Schon schwiegen beiderseits anjetzt die Dichter,
Aufs neu' beschäftigt, ringsumher zu blicken,
Da sie des Steigens und der Wände ledig,

Und vier schon von des Tages Mägden standen
Zurück, und an der Deichsel war die fünfte,
Aufwärts annoch die glüh'nde Spitze richtend,

Als so mein Führer sprach: »Wir müssen, glaub' ich,
Dem Rande zu die rechte Schulter wenden,
Den Berg umkreisend, wie wir stets gepfleget.«

So ward hier die Gewohnheit unsre Weisung,
Und minder zaudernd schlugen wir den Weg ein,
Weil jene würd'ge Seel' uns beigepflichtet.

Sie wandelten voraus, und ich einsamlich
Dahinter gab auf ihre Reden Achtung,
Die da zum Dichten mir Verstand gewährten.

Doch plötzlich brach die süße Unterredung
Ein Baum, den mitten auf dem Weg wir fanden
Mit Früchten, gut und lieblich dem Geruche.

Und wie von Zweig zu Zweig abnimmt die Tanne
Nach oben hin, so dieser hier nach unten.
Damit, vermut' ich, niemand auf dran steige.

Von jener Seite, wo der Pfad verschlossen,
Entstürzt' ein klares Naß dem hohen Felsen,
Das oben sich verbreitet' auf den Blättern.

Die beiden Dichter näherten dem Baum sich,
Und aus dem Laub hervor rief eine Stimme:
»An dieser Kost wird es euch noch gebrechen!«

Drauf sprach sie: »Mehr gedachte dran Maria,
Daß ehrenvoll und ungestört die Hochzeit,
Als an den eignen Mund, der euch vertritt jetzt.

Die alten Römerinnen, sie begnügten
Mit Wasser zum Getränke sich, und Speise
Verschmähte Daniel und erwarb sich Wissen.

Dem ersten Alter, das wie Gold so schön war,
Erschien die Eichel schmackhaft ob des Hungers,
Und Nektar ob des Durstes jedes Bächlein.

Heuschrecken waren, Honig war die Nahrung,
Davon der Täufer in der Wüste lebte,
Darob er ruhmgekrönet und so groß ist,

Wie durch das Evangelium uns bekannt wird.«


Gesang 23

Weil mit den Augen durch die grünen Blätter
Ich forschte, gleich wie der es pflegt zu machen,
Der hinterm Vögelein verliert sein Leben,

Sprach, der mir mehr als Vater war: »Komm endlich,
Mein Sohn, die Zeit, die uns ist angewiesen,
Geziemt's nutzbringender uns zu verteilen.«

Das Antlitz und nicht minder schnell die Schritt' auch
Wandt' ich den Weisen nach, die also sprachen,
Daß sonder Mühe drob mir schien das Gehen.

Und sieh, da hörte weinen man und singen:
»Labia mea domine«, in einer Weise,
Daß allzumal es Lust und Schmerz erzeugte.

›Was ist's, o süßer Vater, das ich höre?‹
Sprach ich, und jener: »Schatten wohl, die hingehn,
Auflösend so die Banden der Verpflichtung.«

Und wie's gedankenvolle Pilger machen,
Die, unterwegs auf nicht Gekannte stoßend,
Nach ihnen hin sich wenden und nicht weilen,

So, hinter uns einher geschwindern Schrittes
Sich nahend und vorübergehend, staunte
Uns eine Seelenschar an, fromm und schweigsam.

Ums Auge war jedwede hohl und dunkel,
Blaß im Gesicht und also abgemagert,
Daß ihre Haut sich nach den Knochen formte.

Bis auf die äußre Haut so ausgetrocknet
War, mein' ich, Erisichthon nicht durchs Hungern
Zur Zeit, da's ihm davor am meisten graute.

Ich sagte, bei mir selber denkend: ›Siehe
Das Volk hier, das Jerusalem verloren,
Als auf den Sohn einhieb Marias Schnabel.‹

Ein Ring schien sonder Stein die Augenhöhle,
Und wer im Menschenantlitz liest ein omo,
Der konnte hier das M wohl unterscheiden.

Wer glaubte wohl, wüßt' er nicht, wie's geschehen,
Daß Wunsch erzeugend jemals eines Wassers
Geruch und einer Frucht so wirken könne.

Schon staunt' ich, was sie also hungern mache,
Weil noch der Magerkeit und schlimmen Schuppen
Ursache mir nicht offenbar geworden;

Und aus des Hauptes Tiefe, sieh, da wandte
Ein Schatten mir den Blick zu, an mich starrend,
Und rief dann laut: »Was wird mir da für Gnade!«

Nie würd' am Antlitz ich erkannt ihn haben,
Allein durch seine Stimme ward mir deutlich,
Was in dem Anblick war verungestaltet.

Durch solche Funken ward ganz neu entzündet
Mir das Erkenntnis der entstellten Züge,
Und ich nahm wahr das Angesicht Foreses.

»0, achte nicht auf jene trocknen Schuppen,
Die meine Haut,« so fleht' er, »mir verfärben,
Noch drauf, daß ich am Fleische Mangel leide,

Nein, sage Wahrheit mir von dir, und wer nur
Die beiden Seelen sind, die dich begleiten;
Verharre nicht dabei, mir nichts zu sagen.«

›Dein Angesicht, das ich schon tot beweinte,
Erpreßt ob mindern Schmerzes nicht mir Tränen,‹
Entgegnet' ich, ›da ich's entstellt jetzt schaue.

Drum sprich um Gottes Willen, was entblättert
Euch so? Heiß' mich nicht sprechen, weil ich staune;
Der schlecht nur spricht, wer voll ist andern Wunsches,‹

Und er zu mir: »Durch ew'gen Ratschluß senkt sich
Ins Wasser eine Kraft und in die Pflanze
Dort hinter uns, darob so dünn ich werde.

All dieses Volk, das unter Zähren singet,
Weil es der Gurgel ohne Maß gefolget,
Wird hier durch Durst und Hunger neu geheiligt.

Zum Trinken und zum Essen weckt uns Neigung
Der Duft, der aus der Frucht kommt und dem Springquell,
Der droben auf dem Grünen sich verbreitet.

Und nicht bloß einmal werden aufgefrischet
Auf dieses Wegs Umwandrung unsre Qualen;
Ich sage Qual und sollte Wonne sagen,

Denn jenes Sehnen führt uns zu dem Baume,
Das Christum froh geführt zum Eli-Ruf,
Als seiner Adern Blut uns frei gemacht hat.«

Und ich zu ihm: ›Forese, seit der Zeit,
Da du die Welt vertauscht zu besserm Leben,
Bis jetzt sind noch fünf Jahr' nicht umgerollet.

Wenn, eh' die Stund' erschien des guten Schmerzes,
Der Gott uns neu vermählet, schon erloschen
Die Möglichkeit dir war zum fernern Sünd'gen,

Wie bist du denn hierhergelangt? Ich glaubte,
Daß du dort unten dich annoch befändest,
Wo man durch Zeit für Zeit Vergütung leistet.‹

Und jener drauf zu mir: »So schnell geführet
Hat zu dem süßen Wermutstrank der Qualen
Mich meine Nella durch ihr maßlos' Weinen;

Durch ihr andächtig Flehn, durch Seufzen hat sie
Dem Berghang mich entrissen, wo man harret,
Und von den andern Kreisen mich befreiet.

Um so viel lieber ist bei Gott und teurer
Mein Witfräulein, das ich gar sehr geliebet,
Als es einsamlicher im Rechttun dasteht;

Denn sittsamer noch zeigt in ihren Weibern
Um vieles sich Sardiniens Barbagia
Als die Barbagia, wo ich sie zurückließ.

Was soll ich dir, o süßer Bruder, sagen?
Schon seh' ich meine künft'ge Zeit vor Augen,
Der nicht gar alt wird diese Stunde heißen,

Wo von den Kanzeln ab man untersagen
Wird den schamlosen florentin'schen Frauen,
Einherzugehn, die Brust samt Warze zeigend.

Hat's je barbarische, hat's sarazen'sche
Frau'n wohl gegeben, die bedeckt zu gehen,
Sei's geistlicher bedurft, sei's andrer Strafe?

Doch wenn die Schamentblößten, was der schnelle
Umlauf des Himmels für sie sammelt, wüßten,
Sie würden schon den Mund zum Heulen auftun;

Denn täuscht mich hier Voraussehn nicht, so werden
Sie traurig sein, eh' noch des Kinn mit Flaumen
Sich deckt, den jetzt ›Eiapoppeia‹ tröstet.

O Bruder, jetzt verbirg dich uns nicht länger;
Du siehst, daß nicht bloß ich, nein, alle diese
Dorthin schaun, wo die Sonne du verschleierst.«

Drob ich: ›Wenn du dir in den Sinn zurückrufst,
Wie du mit mir und ich mit dir gewesen,
Wird lästig dir noch jetzt sein die Erinnrung.

Von solchem Leben hat mich abgewendet,
Der vor mir hergeht, wenig Tage sind es,
Als eben rund sich dessen Schwester zeigte‹

(Und auf die Sonn' zeigt' ich); ›durch die tiefe
Nacht führt' er hin mich zu den wahren Toten
Mit diesem wahren Fleische, das ihm folget.

Durch seine Hilfe zog er mich von dannen
Herauf, den Berg umkreisend und ersteigend,
Der grad euch macht, die jene Welt gekrümmt hat.

So lang', verspricht er, noch mich zu beglücken,
Bis hin ich komme, wo Beatrix sein wird;
Allda geziemt's, daß ich ohn' ihn verbleibe.

Virgil ist jener, der mir solches saget‹
(Und auf ihn deutet' ich), ›und dieser andre
Ist jener Schatten, drob an allen Hängen

Jüngst euer Reich gebebt, ihn auszuscheiden.‹


Gesang 24

Das Gehn nicht ward durchs Wort, das Wort durchs Gehn nicht
Verzögert, nein, im Sprechen wallten rüstig
Wir hin, dem Schiff gleich, das ein guter Wind treibt.

Und Staunen sogen durch der Augen Höhlung
Die Schatten, die zweimal Gestorbnen glichen,
Aus mir, da sie gewahrten, daß ich lebe.

Und ich, fortfahrend jetzt in meiner Rede,
Sprach: ›Wohl langsamer wandelt er nach oben,
Als es aus anderm Grund geschehen möchte.

Doch sag' mir, wenn du's weißt, wo ist Piccarda?
Sag' an, ob unterm Volk, das mich so anblickt,
Jemand Bemerkenswertes ist zu schauen.‹

»Die Schwester mein, so schön und gut (nicht weiß ich,
Was sie von beidem mehr war), freut im hehren
Olymp sich schon siegprangend ihrer Krone.«

So sprach er erst und dann: »Hier ist's verwehrt nicht,
Zu nennen jedermann, weil also unsre
Gestalt ist ausgezogen durch das Fasten.

Dies ist« (mit Fingern zeigt' er) »Buonagiunta,
Buonagiunta von Lucc', und jenes Antlitz
Jenseits von ihm, verfallner als die andern,

Hielt einst die heil'ge Kirch' in seinen Armen.
Von Tours war er und büßt jetzt ab durch Hunger
Bolsenas Aal, im Firnewein gesotten.

Noch weiter zeigt' er einen nach dem andern,
Und jedem schien es recht, genannt zu werden,
So daß drob keine trübe Mien' ich wahrnahm.

Ich sah die Zähn' umsonst aus Hunger brauchen
Nebst Ubaldin von Pila Bonifazius,
Der in dem Priesterrock viel Volks geweidet.

Sah Herrn Marchese, zu Forli einst zechend
Gemächlicher mit minder trockner Kehle,
Der so war, daß er nimmer satt sich fühlte.

Doch dem gleich, der beschaut und eins dann vorzieht
Dem anderen, tat ich's mit dem von Lucca,
Der mehr von mir schien Kunde zu besitzen.

Er murmelt', und etwas, gleichwie Gentucca,
Hört' ich dort, wo die Wund' er fühlte jener
Gerechtigkeit, die so ihn abgezehret.

›O Geist,‹ sprach ich, ›der so begierig scheinet,
Mit mir zu reden, laß mich dich verstehen,
Dich selbst und mich befried'gend durch dein Reden.‹

»Geboren ist ein Weib, das keinen Schleier
Noch trägt, ob dem dir,« sprach er, »einst gefallen
Wird meine Stadt, wie man sie jetzt auch schelte.

Hingehst du, dies Voraussehn mit dir tragend,
Und ob mein Murmeln irre dich geführt hat,
Wird dir die Wirklichkeit dereinst noch dartun.

Doch sprich, seh' ich hier jenen, dem enttönten
Die Reime neuer Art, also beginnend:
›Ihr Frauen, die ihr Einsicht habt der Liebe‹ .«

Und ich drauf: ›Ich bin einer, der, wenn Liebe
Mich anweht, es bemerk' und in der Weise,
Als sie's im Innern vorspricht, dann verzeichne.‹

»O Bruder,« sprach er, »jetzt seh' ich den Knoten,
Der den Notar, Guitton und mich entfernt hielt
Vom neuen, süßen Stil, den ich vernehme.

Wohl seh' ich ein anjetzt, wie eure Federn
Dem, der da vorspricht, auf dem Fuße folgen,
Was bei den unsern wahrlich nicht der Fall war;

Und wer noch drüber 'naus sich müht zu schreiten,
Der sieht von einem Stil nicht bis zum andern.«
Und wie befriediget schwieg er nun stille.

Wie Vögel, wenn zum Winter sie enteilen
Dem Nile zu, bald sich zusammenscharen,
Bald wieder schnellern Flugs in Reihen hinziehn,

Also beschleunigte jetzt seine Schritte,
Das Antlitz von uns wendend, alles Volk hier,
Das leicht durch Hagerkeit und will'gen Sinn war.

Und jenem ähnlich, der, vom Laufe müde,
Vorausläßt die Genossen und so folget,
Bis daß der rasche Schlag der Brust sich mindert,

Ließ jetzt die heil'ge Schar vorbei Forese,
Und hinterdrein mit mir einhergeh'nd, sprach er:
»Wann wird's geschehn, daß ich dich wiedersehe?«

Ich drauf: ›Wie lang' ich noch zu leben habe,
Nicht weiß ich's, doch sobald nicht kehr' ich wieder,
Daß früher nicht mein Wunsch den Strand erreiche;

Denn jener Ort, drin ich bestimmt zu leben,
Entblößt von Tag zu Tag sich mehr der Tugend
Und scheint zu grausem Untergang bereitet.‹

»Jetzt geh,« sprach er, »denn wer's zumeist verschuldet,
Den seh' geschleppt an eines Tieres Schweif ich
Dem Tale zu, wo nie man wird entsündigt.

Mit jedem Schritt geht schnell das Tier und schneller
In wachsend rascher Flucht, bis, ihn zertretend,
Es schnöd' entstellt läßt liegen seinen Körper.

Nicht viel mehr werden drehn sich diese Kreise«
(Und auf den Himmel blickt' er), »bis dir klar wird,
Was dir mein Wort nicht weiter kann erklären.

Du bleib zurück jetzt, denn die Zeit ist teuer
In diesem Reich, drum ich zuviel verliere,
Wenn ich mit dir so gleichen Schrittes wandle.«

Wie aus der Schar wohl, die geritten herkommt,
Ein Reiter manchmal im Galopp hervorsprengt,
Daß ihm der Ruhm des ersten Angriffs werde,

Ging jener von uns fort, doch schnellern Schrittes,
Und ich blieb mit den zweien, die so große
Marschäll' auf Erden waren, fernhin wandernd.

Und als fort von uns so weit er vorgedrungen,
Daß ihm mein Auge nicht mehr folgen konnte,
Als jüngst mein Sinn gefolget seinen Worten,

Erschienen eines andern Fruchtbaums Zweige
Mir, schwer belastet prangend, wenig fern nur,
Weil Wendung ich nach ihm erst jetzt genommen.

Darunter sah ich Volk die Händ' erheben,
Nicht weiß ich, was, hinauf zum Laube rufend,
Gleich Kindelein, die, töricht wünschend, bitten,

Und der gebeten wird, gibt nichts zur Antwort,
Nein, hält, um ihr Verlangen recht zu schärfen,
Was sie begehren, hoch empor und birgt's nicht.

Drauf gingen sie hinweg, Enttäuschten ähnlich,
Und zu dem großen Baum gelangten jetzt wir,
Der so viel Bitten von sich weist und Tränen.

»Geht hier vorüber, ohne dran zu rühren;
Ein Baum steht weiter droben, von dem Eva
Gepflückt, und dies Gewächs ward ihm entommen.«

So sprach, ich weiß nicht, wer, aus seinen Ästen,
Darob Virgil, Statius und ich gedrängter
Vorbei zur Seite gingen, wo's emporsteigt.

»Erinnert euch,« sprach's, »der Vermaledeiten,
Erzeuget aus der Wolke, die gesättigt
Mit zwiegestalter Brust Theseus bekämpften,

Und der Hebräer, weich beim Trunk sich zeigend,
Drob sie nicht Gedeons Genossen wurden,
Als gegen Madian er die Höh'n hinabstieg.«

Also dem einen nah'nd der beiden Säume,
Hingingen wir, von Kehlensünden hörend,
Die trauriger Erfolg vorlängst begleitet.

Dann, wieder uns verbreitend, wallten einsam,
Wohl tausend Schritt' und mehr des Wegs wir weiter,
Ein jeglicher stillschweigend in Betrachtung.

»Was geht allein ihr drei doch also sinnend?«
Sprach plötzlich eine Stimm', und schüttelnd tat ich
Drob gleich dem Roß, das fohlenhaft sich scheuet.

Aufrichtet' ich das Haupt, zu sehn, wer's wäre,
Und niemals ward gesehn in einem Ofen
Metall noch oder Glas so rot und leuchtend,

Als einen hier ich sah, der sprach: »Gefällt's euch,
Emporzusteigen, müßt ihr hier euch wenden,
Hierhin geht, wer zum Frieden will gelangen.«

Sein Anblick hatte des Gesichts beraubt mich,
Drum ich mich hinter meine Lehrer wandte,
Gleich einem, der dem nachgeht, was er höret.

Und wie, Verkünderin der Morgenhelle,
Die Mailuft bebt und duftet, vom Geruche
Der Blumen und des Grases ganz durchwürzet,

So spürt' ich, mitten auf die Stirn mich treffend,
Ein Wehn, und spürte wohl der Schwingen Fächeln,
Das mir ambrosisches Gedüft ließ spüren,

Und sagen hört' ich: »Selig, wen die Gnade
So sehr erleuchtet, daß in seinem Busen
Des Gaumens Lust nicht zu viel Wünsch' entzündet,

So daß er hungert stets, so viel es recht ist.«


Gesang 25

Die Stunde heischt' ein ungehemmtes Steigen,
Weil dem Skorpion die Nacht, dem Stier die Sonne
Den Mittagskreis schon überlassen hatte;

Drum gleich wie jener tut, der nimmer stillsteht,
Nein, seines Wegs geht, was ihm auch erscheine,
Weil er von dem Bedürfnis wird gestachelt,

So traten in die Kluft wir ein, erklimmend,
Der eine hinterm andern drein, die Stiege,
Die ob der Enge trennt der Steiger Paare.

Und gleich dem jungen Storch, der hebt den Flügel
Aus Lust, zu fliegen, und doch zu verlassen
Das Nest nicht wagend, wieder ihn läßt sinken,

Ward ich, weil erst entbrannt' und dann verlöschte
Des Fragens Lust in mir, drob bis zu dessen
Gebärd' ich kam, der sich zum Reden anschickt.

Nicht schwieg der süße Vater, ob auch eilig
Wir gingen hin, nein sprach: »Schnell' los den Bogen
Des Worts, den bis zum Eisen du gespannt hast!«

Drauf öffnete den Mund ich zuversichtlich
Und fing so an: ›Wie kann man mager werden,
Wo's kein Bedürfnis gibt, sich zu ernähren?‹

»Wenn du gedächtest, wie sich Meleager
Verzehrt', indem ein Feuerbrand verzehrt ward,
Dir würde dies,« sprach er, »so herb nicht dünken;

Und wenn du dann erwägst, wie euerm Zucken
Gemäß muß zucken euer Bild im Spiegel,
Erschiene weich dir, was jetzt hart dir scheinet.

Allein, damit du drin nach Lust verweilest,
So ist hier Statius, den ich ruf' und flehe,
Daß er ein Heiler jetzt sei deinen Wunden.«

»Wenn ich dort, wo du bist, des Ew'gen Rach' ihm,«
Sprach Statius, »erkläre, mag mich dieses
Entschuld'gen, daß ich nichts dir kann verweigern.«

Demnächst begann er so: »Wenn meine Worte,
O Sohn, dein Sinn begreift und faßt, so geben
Sie Licht dir ob des Wie, das du erwähntest.

Vollkommnes Blut, das nimmer eingesogen
wird von den durst'gen Adern und zurückbleibt
Gleich einer Speise, die vom Tisch man aufhebt,

Gestaltungskraft nimmt's an für alle Glieder
Des Menschen in dem Herzen, gleich dem andern,
Das, jene bildend, durch die Adern hinströmt.

Nochmals verwandelt sinkt's dorthin, darüber
Man besser schweigt als spricht, von wo's auf fremdes
Blut träuft, dann in natürliches Gefäße.

Hier nun vereinigt eins sich mit dem andern,
Zum Leiden dies geschickt, zum Schaffen jenes,
Ob des vollkommnen Orts, dem es entquillet;

Zu jenem jetzt gelangt, beginnt's sein Wirken,
Macht's erst gerinnen, und sodann belebt es,
Was es als seinen Stoff zur Ruh' erst brachte.

Die tät'ge Kraft, zur Seele jetzt geworden,
Von Pflanzenseelen nur so viel verschieden,
Daß unterwegs noch jen', am Land schon diese,

Schafft dann, daß es sich schon bewegt und fühlet
Dem Seeschwamm gleich, Werkzeuge jetzt zu bilden
Den Kräften, deren Keim sie ist, beginnend.

Jetzt nun entwickelt, Sohn, jetzt dehnet aus sich
Die Kraft, die aus des Zeugers Herzen stammet,
Wo die Natur Vorkehr für jedes Glied trifft.

Allein, wie's aus dem Tier zum Menschen werde,
Siehst du noch nicht; dies ist ein Punkt, der irre
Einst einen Weiseren als dich geführt hat,

So daß in seiner Lehr' er von der Seele
Geschieden ließ den möglichen Verstand sein,
Weil kein Organ er sah, das diesem eigen.

Schließ auf der Wahrheit, die da kommt, den Busen
Und wisse, daß, sobald dem Embryone
Die Gliederung des Hirnes ist vollendet,

Ihm zu sich kehrt der Urbeweger fröhlich
Ob solches Kunstwerks der Natur, und neuen
Mit Kraft erfüllten Geist dann ein ihm hauchet,

Der in sein Wesen aufnimmt, was er Tätig's
Dort trifft und so wird eine einz'ge Seele,
Die lebt und fühlt und nach sich selbst sich wendet.

Und daß du minder anstaunst diese Worte,
Blick' auf die Sonnenwärme, die zu Wein wird,
Dem Saft vereint, der aus der Rebe quillet.

Und wenn's dann Lachesis gebricht am Leine,
Löst jene sich vom Fleisch und trägt im Keime
So Göttliches als Menschliches von dannen,

Die andern Kräfte allzumal verstummet,
Gedächtnis, Willen und Verstand um vieles
In Wirklichkeit geschärfter noch als früher.

Unaufgehalten fällt sie wunderbarlich
Von selber nun auf eins der beiden Ufer;
Hier wird zuerst sie kundig ihres Weges.

Sobald sie nur daselbst ein Ort umschränket,
Strahlt rings die Bildkraft aus nach Maß und Weise,
Gleich wie sie's tat in den lebend'gen Gliedern.

Und wie die Luft, wenn wohlgefüllt mit Regen
Sie ist, durch fremden Strahl in ihr sich spiegelnd,
Geschmückt sich zeiget mit verschiednen Farben,

So setzet hier die nachbarliche Luft sich
In jene Form anjetzt, die in ihr ausprägt
Durch innre Kraft die aufgehaltne Seele;

Und ähnlich dann dem Flämmchen, das dem Feuer
Stets folgt, wie's immer seinen Platz auch wechs'le,
Folgt jetzt auch seine neue Form dem Geiste.

Weil nun hierdurch sie äußerlich erscheinet,
Wird Schatten sie genannt und schafft für jede
Empfindung ein Organ, dem Aug' noch kennbar.

Daher kommt's, daß wir reden, daß wir lachen,
Daß Tränen wir und Seufzer von uns geben,
Die an dem Berg du kannst vernommen haben.

Nach dem, als uns ein Wunsch nun oder andres
Gefühl berührt, gestaltet sich der Schatten,
Und dies ist auch der Grund des, was du anstaunst.«

Und bei der letzten Marter angelanget
Schon waren wir und wandten uns zur Rechten,
Und andre Sorge hielt uns jetzt beschäftigt.

Hier schnellt aus sich hervor der Felshang Flammen,
Und Windeswehen haucht der Sims nach oben,
Das jene rückwärts biegt und von ihm trennet.

Drum mußten, eins auf einmal nur, wir wandeln
Am offnen Rand. Hier fürchtete vorm Feuer
Ich mich, dort fürchtet' ich hinabzustürzen.

Mein Führer sprach zu mir: »An dieser Stätte
Muß man die Augen streng im Zügel halten,
Weil's wenig nur bedarf, daß man verirrt sich.«

»Summae Deus clementiae« im Innern
Der großen Glut hört' ich anjetzo singen,
Drob hinzuschaun nicht minder ich bedacht ward.

Und Schatten sah ich in den Flammen wallen,
Drum ich auf ihre Schritt' und meine schaute,
Von Zeit zu Zeit verteilend meine Blicke.

Gleich nach dem Schlusse jener Hymne hörte
Man laut sie rufen: »Virum non cognosco« ;
Drauf sie den Hymnus leis aufs neu' begannen.

Und wieder riefen sie, da dies geendet:
»Zum Wald lief Dian', und Helike vertrieb sie,
Die da verspürt das Gift der Venus hatte.«

Dann kehrten zum Gesang sie wieder, riefen:
»Von Frau'n und Gatten dann, die keusch gewesen,
Wie's Eh' und Tugend ihnen auferleget.«

Und diese Weis' ist, mein' ich, ihnen gnügend
Die ganze Zeit durch, wo die Glut sie brennet;
Durch solche Kost muß und durch solche Pflege

Die letzte sich der Wunden auch noch schließen.


Gesang 26

Indes am Rande wir, eins hinterm andern,
So wallten hin, sprach oft der gute Meister:
»Sieh zu, laß dich von mir gewitzigt werden.«

Die Sonne traf mich auf die rechte Schulter
Und wandelt' an der ganzen Abendseite
Die blaue Färbung strahlend schon ins Weiße,

Und glühender macht' ich durch meinen Schatten
Die Flamm' erscheinen, und nur auf dies Zeichen
Sah ich viel Schatten im Einhergehn merken.

Dies war die Ursach', die von mir zu reden
Den Anlaß ihnen gab, und zueinander
Begannen sie: »Kein Scheinleib deucht mir dieser!«

Dann näherten, so viel als sie's vermochten,
Sich ein'ge mir, stets auf der Hut, heraus nicht
Zu treten, wo gebrannt sie nicht mehr würden.

»Du, der nicht, weil du träger bist, wohl eher
Aus Ehrfurcht hergehst hinter jenen andern,
Antworte mir, denn Durst und Flammen brennen;

Und not tut mir allein nicht deine Antwort,
Mehr dürsten alle die danach als Indier
Nach kaltem Wasser oder Äthioper.

Sag' an, wie kommt's, daß du der Sonn' als Mauer
Mit deinem Leibe dienest, gleich als wärst du
Ins Netz des Todes noch nicht eingegangen?«

So sprach derselben einer, und schon hätt' ich
Entdeckt mich, war' ich nicht gefesselt worden
Von andrer Neuigkeit, die dann sich zeigte.

Denn auf der Mitte des entbrannten Weges
Kam Volk entgegen jenen mit dem Antlitz,
So daß ich drob blieb in Betrachtung schweben.

Hier sah ich beiderseits sich alle Schatten
Beeilen und zu zwei'n einander küssen
Ohn' Aufenthalt, begnügt mit kurzem Feste.

So rührt im schwärzlichen Gewimmel eine
Ameise an der andern Maul, erkündend,
Wohin sie geht wohl und was ihr begegnet.

Sobald sich trennt die freundliche Begrüßung,
Eh' noch der erste Schritt dann wird vollendet,
Müht jedes sich, zu überschrein das andre.

Das neue Volk ruft: »Sodom und Gomorrha!«
»Pasiphae kroch in die Kuh,« ruft jenes,
»Daß sich der Stier auf ihr Gelüste stürze.«

Wie Kran'che dann, die teils zu dem Riphäschen
Gebirge fliegen, teils zur sand'gen Wüste,
Die vor dem Frost scheu, jene vor der Sonne,

Geht fort das eine Volk, kommt mit von dannen
Das andr', und weinend kehrt's zum ersten Sang dann
Und zu dem Ruf, der ihm am meisten ziemet.

Und wieder traten zu mir her, wie früher,
Dieselben jetzt, die mich gebeten hatten,
Des Horchens Ausdruck all in ihren Mienen.

Ich, der zweimal jetzt ihren Wunsch ersehen,
Begann: ›O Seelen, sicher zu erhalten,
Wann es auch immer sei, den Stand des Friedens,

Jenseits nicht blieben reif, noch ungezeitigt
Die Glieder mir, nein, mit dem eignen Ich bin
Ich hier, mit seinem Blut und seinen Muskeln.

Um nicht mehr blind zu sein, geh' ich hier aufwärts;
Ein Weib erwirbt dort oben mir die Gnade,
Dies Sterbliche durch eure Welt zu tragen.

Doch wenn gestillt soll euer größtes Sehnen
Bald werden, so daß euch der Himmel aufnimmt,
Der, voll von Lieb', am weit'sten sich verbreitet,

Sprecht, daß ich einst damit noch Blätter fülle,
Wer seid ihr, und wer ist die Schar gewesen,
Die hinter euerm Rücken geht von dannen?‹

Nicht anders scheint verblüffet vor Erstaunen
Der Bergbewohner und verstiert im Gaffen,
Wenn roh und unerfahren er zur Stadt kommt,

Als jener Schatten schien in seinem Äußern.
Allein als sie des Schreckens sich entledigt,
Der in Hochherzigen zunächst gestillt wird,

»Glückselig du,« sprach wieder, der zuerst uns
Gebeten hatte, »der aus unsern Marken
Erfahrung du zu besserm Streben einschiffst!

Das Volk, das nicht mit uns kommt, hat gefehlet
Durch das, weshalb einst Cäsar beim Triumphe
Zur Schmach sich Königin benennen horte.

Drum gehen sie von dannen, ›Sodom‹ rufend,
Sich selbst Vorwürfe machend, wie du hörtest,
Und helfen so der Glut nach durch Beschämung.

Doch unsre Sünde war hermaphroditisch;
Allein, weil wir dem menschlichen Gesetz nicht
Gehorcht, dem Vieh gleich unsern Lüsten folgend,

Wird uns zur Schande durch uns selbst verlesen
Beim Scheiden von den andern jener Name,
Die sich vervieht im vieh'schen Bretterwerke.

Jetzt kennst du unsre Weis' und wes wir schuldig;
Doch um, wenn du's begehrtest, uns zu nennen,
Gebräch's an Zeit, auch wüßt' ich's nicht zu sagen.

Wohl lös' ich meinethalb den Wunsch dir; denn ich
Bin Guido Guinicelli, und schon rein'ge
Ich mich, weil vor dem End' ich recht bereuet.«

Wie bei Lykurgs Betrübnis die zwei Söhne
Getan, als sie die Mutter wiederfanden,
So tat ich (doch bis zum »Soviel« nicht steig' ich),

Als ich sich selbst hier nennen hörte meinen
Und meiner Meister Vater, die sich jemals
Bedienet süßer, holder Liebesreime;

Und lange Zeit ging, hörend nicht, noch redend,
Ich hin, gedankenvoll auf jenen schauend,
Noch trat dorthin ich näher ob des Feuers.

Nachdem ich seines Anblicks mich ersättigt,
Bot ich mich ganz ihm willig an zum Dienste
Mit der Beteuerung, die Glauben schaffet.

Und er: »So viel' und helle Spuren lässest
In mir durch das Vernommne du, daß Lethe
Sie nimmer tilgen kann, noch dunkel machen.

Doch sprich, wenn Wahrheit mir dein Wort geschworen,
Was ist der Grund, weshalb durch Blick und Rede
Du mir gezeiget hast, daß ich dir teuer?«

Und ich zu ihm drauf: ›Eure süßen Lieder,
Die stets, so lang' die neu're Weise dauert,
Die Tinte, die sie schrieb, uns teuer machen.‹

»O Bruder,« sprach er, »jener, den mein Finger
Bezeichnet« (auf der Geister einen wies er),
War bessrer Bildner in der Muttersprache.

In Liebesreimen und Romanzenprosa
Besiegt' er all', und laß die Toren reden,
Die jenem vom Limoges den Vorzug geben.

Mehr auf Gered' als auf die Sache richtend
Die Blicke, setzten fest sie ihre Meinung,
Eh' auf Vernunft sie oder Kunst gehöret.

So taten viel' der Alten mit Guittone,
Von Mund zu Mund ihm einzig Lob erteilend,
Bis ihn und andre mehr Wahrheit besiegt hat.

Und wenn so vieles Vorrecht du genießest,
Daß dir's zum Kloster ist erlaubt zu gehen,
Wo Christus selber Abt ist des Konventes,

So sprich zu ihm für mich ein Vaterunser,
So viel davon in unsrer Welt ist nötig,
Wo wir zu sündigen nicht mehr vermögen.«

Drauf wohl dem andern, der ihm nah, den zweiten
Platz einzuräumen, schwand er in dem Feuer,
Gleichwie der Fisch im Wasser, der zum Grund fährt. /p>

Ein wenig trat vor den ich, der gezeigt mir
War worden, hin, ihm kündend, seinem Namen
Bereite freundlichen Empfang mein Wünschen.

Da fing er an freimütiglich zu sagen:
»So sere mir gevallet ivver tugendliches Geren,
Daz ich iune chan min name unt ouch niene vvill verdagen.

Ich bin Arnold, der vveinet unde singende gat,
Und trurechlich gedenche ich mines alten Vvanes,
Und vrolich se vor mir ich die Vroude, uff die ich hoffe.

Nu bit ich iu gar sere bi der vvätlichen Chraft,
Die uff iu vurt zum Hubel ane chalt unde vvarme,
Daz iu gedenchen muget ze sanften minen Smerz.«

Dann barg er in der Glut sich, die sie läutert.


Gesang 27

Wie, wann zuerst dorthin sie schießt die Strahlen,
Wo, der sie schuf, sein Blut vergoß, da unter
Die hohe Wag' Iberus kommt zu liegen,

Und Ganges' Wellen von der Nonzeit glühen,
Stand jetzt die Sonn', und scheidend war der Tag schon,
Als heiter uns erschien der Engel Gottes,

Am Strande stand er außerhalb der Flamme
Und sang mit einer Stimme, weit lebend'ger
Als unsere: »Beati mundo corde«,

Drauf sprach er: »Weiter geht's nicht unberühret
Vom Feuer, heil'ge Seelen, tretet ein drum
Darin und seid nicht taub dem Sang von jenseits!«

So sagt' er, da wir nah bei ihm jetzt waren;
Darob ich also ward, als ich's vernommen,
Wie jener ist, der in das Grab gelegt wird.

Ich streckte mich, verschränkend meine Hände,
Und blickt aufs Feuer, lebhaft mich erinnernd
Verbrannter einst gesehner Menschenkörper.

Da wandten sich nach mir die guten Führer,
Und zu mir sprach Virgil: »Mein Sohn, es können
Wohl Qualen, doch kann Tod hier statt nicht finden.

Erinnre dich, erinnre dich, und wenn ich
Selbst auf dem Geryon sicher dich geleitet,
Was werd' ich jetzt tun, da ich Gott bin näher?

Nimm für gewiß an, daß, wenn tausend Jahre
Du auch in dieser Flamme Bauch verbliebest,
Sie kahl doch um kein Haar dich machen könnte;

Und wenn vielleicht du glaubst, daß ich dich täusche,
Tritt hin zu ihr und schaff dir Überzeugung
Mit eigner Hand am Saume deines Kleides.

Leg' ab anjetzt, leg' ab jedweden Kleinmut,
Kehr' dich hierher und schreite mutig weiter.«
Doch ich stand fest, nicht horchend dem Gewissen.

Als er mich immer noch so fest und starr sah,
Sprach er etwas bewegt: »Mein Sohn, sieh, zwischen
Beatrix ist und dir nur diese Mauer.«

Wie Pyramus bei Thisbes Namen aufschlug
Das Aug' und, nah dem Tod schon, auf sie blickte,
Damals, als rot die Maulbeer' ist geworden,

So wandt', als sich erweicht mein harter Wille,
Ich mich zum weisen Hort, den Namen hörend,
Der immerdar im Geiste mir emporquillt.

Das Haupt drob schüttelnd, sprach er: »Wie nun, bleiben
Wir diesseits?« und zu lächeln drauf begann er,
Wie ob des Kindes, das bezwingt der Apfel.

Dann trat er vor mir her hinein ins Feuer,
Statius ersuchend, hinter mir zu gehen,
Der erst getrennt uns hatt' auf langer Strecke.

Als ich drin war, würd' ich in siedend Glas mich
Geworfen haben, um mich abzukühlen;
Also war sonder Maßen hier die Hitze.

Mein süßer Vater, um mir Trost zu geben,
Nur von Beatrix redet' er im Gehen
Und sprach: »Mich deucht, ich seh' schon ihre Augen!«

Von jenseits leitet' singend eine Stimm' uns,
Und wir, allein auf sie nur merkend, traten
Heraus dort, wo man in die Höhe steiget.

»Venite, benedicti patris mei,«
Klang's innerhalb hier eines Lichts, das also
Mich überwand, daß ich's nicht anschaun konnte.

»Die Sonne sinkt,« fuhr's fort, »es naht der Abend;
Bleibt stehen nicht, nein, fördert eure Schritte,
So lang' sich schwarz noch nicht der Himmel färbet.«

Der Weg erhob sich durch den Felsen grade
Nach solcher Seite, daß vor mir die Strahlen
Der Sonne, die schon müde war, ich deckte.

Viel Stufen nicht versuchten wir, denn hinter
Uns merkten schon wir durch des Schattens Schwinden
Den Sonnenuntergang, ich und die Weisen;

Und eh' in allen unermessnen Teilen
Der Horizont den gleichen Anblick zeigte,
Und seine Kammern all' die Nacht noch einnahm,

Wählt' eine Stufe jeglicher von uns sich
Zum Bett, weil die Natur des Bergs zum Steigen
Die Fähigkeit mehr als die Lust uns raubte.

Gleichwie beim Wiederkäu'n geduldig liegen
Die Geisen, welche rasch und dreist erst waren
Auf Bergesgipfeln, eh' sie sich gesättigt,

Still in dem Schatten, weil die Sonne glühet,
Bewahrt vom Hirten, der, auf seinen Stecken
Gelehnet, ruht und so gelehnt sie hütet;

Und wie der Schäfer, wenn er auswärts herbergt,
Vor seiner Herde ruhig übernachtet,
Wach' haltend, daß kein Raubtier sie zerstreue:

Gleich ihnen waren alle drei wir jetzo,
Ich gleich der Geis, und jene gleich dem Hirten,
Und beiderseits hielt uns der Fels umschränket.

Von dem, was draußen, war hier wenig sichtbar;
Doch durch dies Wenige sah ich die Sterne
Weit leuchtender und größer als gewöhnlich.

So drüber brütend und nach jenen schauend,
Ward ich vom Schlaf erfaßt, vom Schlaf, der oftmals
Vor der Begebenheit schon hat die Kunde.

In jener Stunde, glaub' ich, wo von Osten
Zuerst den Berg bestrahlte Cytherea,
Die stets zu glühen scheint von Liebesflammen,

War mir's als säh' ich jung und schön im Traume
Ein Weib auf einem Plane sich ergehen,
Das Blumen pflückt' und singend sprach die Worte:

»Wer immer fragt nach meinem Namen, wisse,
Daß ich bin Lia, so die schönen Hände
Ringsum bewegt, sich einen Kranz zu winden.

Daß ich im Spiegel mir gefalle, schmück' ich
Mich hier, doch meine Schwester Rahel weichet
Von ihrem nie und sitzt den ganzen Tag dran.

Ihr ist's Ergötzen, ihre schönen Augen
Zu sehn, und mir, mit Händen mich zu schmücken;
Wie sie das Schaun, befriedigt mich das Handeln.«

Und ob der Helle vor des Tages Anbruch,
Die um so wonniger dem Pilgrim aufgeht,
Je weniger, heimkehrend, fern er herbergt,

Floh schon die Finsternis von allen Seiten
Und mit ihr auch mein Schlummer, drob ich aufstand,
Erhoben sehend schon die großen Meister.

»Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen
Der Sterblichen Bemühung pflegt zu suchen,
Wird deinem Hunger Frieden heut' gewähren,«

Sotaner Worte gegen mich bediente
Virgil sich, und nie gab's ein Angebinde,
Das gleiche Freude je verursacht hätte.

So sehr kam Wollen jetzt mir über Wollen,
Zu sein dort oben, daß bei jedem Schritt dann
Ich mir zum Flug die Federn wachsen fühlte.

Als unter uns ganz die durchlaufne Stiege
Lag und wir auf der höchsten Stufe standen,
Da heftete Virgil auf mich die Blicke

Und sprach: »Das zeitliche und ew'ge Feuer
Hast du gesehn, o Sohn, und dorthin kamst du,
Wo durch mich selbst ich mehr nichts unterscheide.

Durch Kunst und Weisheit zog ich bis hierher dich,
Dem Wohlgefallen nimm an jetzt zum Führer,
Des Steilpfads bist du, bist des Engpfads ledig.

Sieh dort die Sonne, dir ins Antlitz leuchtend,
Sieh das Gegräs', die Blumen und die Sträuche,
Die durch sich selbst allein das Land hervorbringt.

Bis wonnerfüllt die schönen Augen kommen,
Die weinend mich dir beizustehn bewogen,
Kannst sitzen du, kannst wandeln unter jenen.

Nicht meines Worts, noch meines Winks mehr harre,
Denn frei, gerad' ist, gesund dein Wille jetzt,
Und Fehler war's nicht, seinem Sinn zu folgen;

Drum über dich verleih' ich Kron' und Mitra dir.«


Gesang 28

Voll Sehnsucht, ringsumher schon und im Innern
Des dichten, frischen Gotteswalds zu spähen,
Durch den der neue Tag dem Blick gedämpft ward,

Verließ den Strand ich, ohne mehr zu zögern,
Fortwandelnd Schritt vor Schritt durch das Gefilde,
Hin auf die Flur, die duftet' allenthalben.

Ein sanftes Wehn, das keinerlei Verändrung
War unterworfen, traf mich an die Stirne
Nicht stärkeren Stoßes als von leisem Winde,

Davon das Laub erzitternd, leicht beweglich,
Sich insgesamt nach jener Seite neigte,
Wohin der heil'ge Berg zuerst wirft Schatten.

Doch so nicht ward's entfernt aus seiner Richtung,
Daß aufgehört all ihre Kunst zu üben
Die Vöglein auf den Wipfeln droben hätten.

Vielmehr im vollen Jubelchor empfingen
Die ersten Stunden sie dort in den Blättern,
Die ihrem Lied die Grundbegleitung gaben,

Gleichwie von Zweig zu Zweig sich mehrt das Rauschen
In jenem Pinienwald an Chiassis Strande,
Wenn den Scirocco Äolus entfesselt.

Getragen hatten mich die läss'gen Schritte
Schon in den alten Wald hinein, so daß ich
Nicht mehr erblickte, wo ich eingetreten;

Und sieh, da hinderte mein Weitergehen
Ein Bach, des kleine Wellen nach der Linken
Das Gras, das seinem Strand entsproßte, beugten.

Die Wässer all', die diesseits sind am reinsten,
Sie würden etwas doch von Mischung zeigen
Mit jenem im Vergleich, das nicht verhüllet,

Obgleich sich's dunkel, immer dunkel unter
Dem ew'gen Schatten hinbewegt, der nimmer
Die Sonne, noch den Mond dorthin läßt strahlen.

Stehn blieb ich mit dem Fuß, doch mit dem Auge
Schweift' ich jenseits des Flüßchens, um die große
Abwechslung frischer Mai'n dort zu betrachten

Und es erschien, wie manchmal unversehens
Ein Ding erscheint, das uns ob der Verwundrung
Verscheucht jedweden anderen Gedanken,

Einsamlich dort ein Weib mir jetzt, das singend
Hinging und Blumen lesend aus den Blumen,
Mit denen überall ihr Pfad bemalt war.

›O schönes Weib, das an der Liebe Strahlen
Sich wärmt, wenn ich dem Angesicht darf trauen,
Das Zeugnis von dem Herzen pflegt zu geben,

Gefällig sei dir's, dich so weit zu nahen,‹
Sprach ich zu ihr, ›dem Ufer dieses Flusses,
Daß ich vernehmen könne, was du singest.

Du mahnst mich dran, wie und an welchem Orte
Proserpina zur Zeit war, als der Mutter
Sie selbst und ihr der Frühling ging verloren.‹

Gleichwie sich mit den Füßen dicht am Boden
Und beieinander dreht ein Weib im Tanze,
Und einen Fuß kaum setzet vor den andern,

Also sich drehend kam sie auf den roten
Und gelben Blümlein gegen mich, der Jungfrau
Vergleichbar, die den Blick schlägt sittsam nieder;

Und meine Bitten stellte sie zufrieden,
Sich also nahend, daß zu mir mit seiner
Bedeutung jetzt der süße Ton gelangte.

Als dort sie stand, wo schon das Gras vom Wasser
Des schönen Flusses wird bespült, gewährte
Sie mir es, daß nun auf sie schlug die Blicke.

Nicht, mein' ich, hat geglänzt so mächt'ges Leuchten
Selbst unter Venus' Brauen, da verletzet
Ganz gegen seinen Brauch vom Sohn sie wurde.

Sie lächelte vom rechten Ufer drüben,
Des Bunten mehr mit ihren Händen pflückend,
Das sonder Samen sprießt im hohen Lande.

Drei Schritte hielt der Fuß uns auseinander,
Doch Hellespont, wo Xerxes übersetzte
(Ein Zügel noch jedwedem Stolz der Menschen),

Ward nicht, weil zwischen Sestos und Abydos
Er wogte, von Leander mehr gehasset
Als von mir jener, weil er jetzt nicht aufging.

»Ihr seid hier neu, und weil an diesem Orte,«
Begann sie, »der zur Wiege ward erkiesen
Der menschlichen Natur, ich lächle, hält euch

Ein Zweifel durch Verwunderung gefangen.
Doch Licht gewährt der Psalm drob: ›Delectasti‹ ,
Der eurem Sinn den Nebel kann zerstreuen,

Und du, der Vorderste, der mich gefraget,
Sag', ob du andres hören willst; denn willig
Komm' ich, auf jede Frage dir zu gnügen.«

›Das Wasser‹ , sprach ich, ›und des Waldes Rauschen
Bekämpfen in mir einen neuen Glauben
An etwas, das ich dem entgegen hörte.‹

Und sie: »Berichten will ich, wie hervorgeht
Aus seiner Ursach' das, drob du dich wunderst,
Und so den Dunst zerstreun, der dich ergriffen.

Das höchste Gut, sich selbst allein gefallend,
Das gut den Menschen schuf und für das Gute,
Gab ihm den Ort als Angeld ew'gen Friedens.

Durch seine Schuld verblieb er hier nur wenig,
Durch seine Schuld verwandelt' er in Kummer
Und Zähren süßen Scherz und ehrsam Lachen.

Damit die Störung, drunten von des Wassers
Und von der Erd' Ausdünstungen erzeuget,
Die stets nach Möglichkeit der Wärme nachgehn,

Dem Menschen keinen Kampf bereiten möge,
Stieg dieser Berg so weit empor gen Himmel
Und ist von dort, wo man ihn schließt, des ledig.

Dieweil nun allzumal sich durch die erste
Umwälzung ringsumher die Luft beweget,
Wird nicht ihr Kreislauf irgendwo gebrochen,

So trifft in dieser Höh', die, ganz entbunden,
In frische Lüfte raget, solch Bewegen
Den Wald und macht ihn rauschen, weil er dicht ist.

So viel vermag nun die getroffne Pflanze,
Daß sie mit ihrer Kraft die Lüfte schwängert,
Die kreisend dann sie ringsumher zerstreuen;

Das andre Land, nach dem als selbst es oder
Sein Himmel würdig ist, empfängt und zeuget
Verschiednes Holz nun mit verschiednen Kräften.

Nicht würd' es jenseits wohl noch wundernehmen
Nach solchem Wort, wenn, ohne daß ein Same
Bemerkbar sei, dort Pflanzen sich bekleiden,

Und wisse, daß das heilige Gefilde,
Wo jetzt du bist, jedweden Samens voll ist
Und Frucht in sich hat, die man dort nicht pflücket.

Das Wasser, das du siehst, nicht einer Ader
Entquillt's, die Dunst ergänzt, von Frost verwandelt,
Wie Flüss' aufatmend mehr bald und bald minder;

Es kommt aus unversiegbar sichrer Quelle,
Der Gottes Wille stets so viel zurückgibt,
Als nach zwei Seiten sie geöffnet ausgießt.

Von dieser Seit' entströmt's mit Kraft, der Sünden
Erinnerung zu tilgen, von der andern
Weckt's jeder guten Tat Gedächtnis wieder.

Drum, gleich wie Lethe hier, wird es Eunoe
Jenseits genannt, und nicht vermag's zu wirken,
Ist's hier und dort nicht erst verkostet worden.

Kein anderer Geschmack ist dem vergleichbar,
Und ob dein Durst auch ganz gestillt sein könnte,
Wenn ich ein Mehreres dir nicht entdeckte,

Geh ich dir einen Anhang doch aus Gnaden
Und meine, minder nicht erfreut mein Wort dich,
Ergeht's mit dir sich über mein Versprechen.

Die da vor alten Zeiten von des goldnen
Geschlechts glücksel'gem Stand gedichtet haben,
Sie sahn auf dem Parnaß den Ort im Traum wohl.

Hier war unschuldig einst der Menschheit Wurzel;
Hier ist stets Lenz, hier jede Frucht zu finden,
Nektar ist dies, von dem sie sämtlich sprechen.«

Als ich ganz rückwärts jetzt zu meinen Dichtern
Mich wendete, bemerkt' ich, daß mit Lächeln
Sie diesen letzten Satz vernommen hatten.

Dem schönen Weib drauf kehrt' ich zu die Blicke.


Gesang 29

Gleich einem liebesel'gen Weibe singend,
Fuhr fort sie, knüpfend an den Schluß der Rede:
»Beati quorum tecta sunt peccata,«

Und Nymphen ähnlich, die durch Waldesschatten
Einsamlich wanderten, die, zu entfliehen
Die Sonne wünschend, die, sie zu erblicken,

Ging sie dem Fluß entgegen, aufwärts wandelnd
Am Strand jetzt, und ich folgt' auf gleicher Höhe
Mit ihr den kurzen Schritten kurzen Schrittes.

Nicht hatten wir zusammen hundert Schritte
Getan, als beide Ufer gleich sich wandten,
So daß ich wieder mich gen Aufgang kehrte;

Und so auch waren weit wir nicht gegangen,
Als sich das Weib ganz nach mir hin jetzt wandte
Und also sprach: »Mein Bruder, schau und höre!«

Und siehe da! ein Lichtglanz strahlte plötzlich
Durch alle Teile hin des großen Waldes,
So daß ich ungewiß ward, ob's nicht blitze.

Doch da der Blitz nur weilt, wie er gekommen,
Doch jenes dauernd mehr und mehr erglänzte,
So sprach ich in Gedanken: ›Was ist dieses?‹

Und eine süße Melodie durchbebte
Die lichterfüllte Luft, drob guter Eifer
Die Keckheit Evens mich bewog zu schelten,

Weil dort, wo Erd' und Himmel war gehorsam,
Ein Weib allein, das eben erst erschaffen,
Vor sich nicht duldete den mind'sten Schleier,

Denn wenn sie fromm dahinter war' verblieben,
So hätt' ich jene unnennbare Wonne
Weit früher schon und längre Zeit genossen.

Weil ich durch so viel Erstlinge der ew'gen
Glückseligkeit einherging, ganz in Spannung
Und mehr der Freuden immer noch begehrend,

Da ward vor mir wie ein entzündet Feuer
Die Luft dort unter jenen grünen Zweigen,
Und schon als Sang vernahm den süßen Ton man:

»O ihr hochheil'gen Jungfrau'n, wenn ich Hunger,
Frost oder Wachen je für euch erduldet,
Treibt wohl ein Grund mich, Lohn dafür zu heischen;

Jetzt muß für mich sich Helikon ergießen,
Urania mit ihrem Chor mir helfen,
Daß Schweres ich erdenk' und setz' in Verse.«

Ein wenig weiter spiegelte von Gold mir
Der Bäume sieben vor die weite Strecke,
Die mitten zwischen mir noch lag und ihnen.

Doch als ich war so nah hinzugekommen,
Daß am Gemeinschaftlichen, das den Sinn täuscht,
Kein Zug durch die Entfernung ging verloren,

Da ward die Kraft, die der Vernunft die Rede
Bereitet, daß es Leuchter sei'n, jetzt inne
Und in des Sanges Stimmen ein Hosianna.

Es flammte an dem obern Teil das schöne
Gerät dem Monde gleich bei hellem Himmel
Um Mitternacht in seines Monats Mitte.

Ich wandte voll Verwundrung zu dem guten
Virgil mich jetzt, und dieser gab mir Antwort
Durch Blicke, minder nicht erfüllt mit Staunen.

Drauf wandt' ich wieder den erhabnen Dingen
Das Antlitz zu, die gegen uns so langsam,
Daß schneller junge Bräute gehn, sich nahten.

Mich scheltend, sprach das Weib: »Warum erglühst du
So von der Lust an den lebend'gen Lichtern
Und schaust das nicht, was hinter ihnen drein kommt?«

Jetzt sah ich gleich, als folg' es seinen Führern,
Ein Volk dicht hinter jenen, weiß gekleidet,
Und nie war diesseits gleiches Weiß zu schauen.

Das Wasser glänzte mir zur linken Seite
Und warf zurück mir meine linke Hüfte,
Wenn ich auf selbes blickte, wie ein Spiegel.

Als solchen Stand ich hatt' an meinem Ufer,
Daß mich der Fluß allein von ihnen trennte,
Hemmt' ich den Schritt, um besser sehn zu können;

Und vorwärts sah die Flämmchen jetzt ich gehen,
Gefärbet hinter sich den Luftraum lassend,
Und ausgestrichnen Pinseln war's vergleichbar,

Also, daß oben jener war geteilet
Durch sieben Streifen, ganz von jenen Farben,
Draus Sol den Bogen, Delia macht den Gürtel.

Rückwärts erstreckten jene Banner weiter
Sich als mein Blick, und die zu äußerst hatten
Zehn Schritte, mein' ich, Abstand voneinander.

Es kamen unter jenem schönen Himmel,
Den ich geschildert, vierundzwanzig Greise,
Stets zwei und zwei, mit Lilien bekränzet;

Sie sangen all': »Gebenedeiet bist du
Aus Adams Töchtern, und gebenedeiet
In Ewigkeit soll deine Schönheit werden.«

Als drauf die Blumen nebst dem andern frischen
Gegräs' am andern Strand mir gegenüber
Vom auserwählten Volke ledig waren,

Gleichwie am Himmel Licht dem Lichte folget,
Erschienen mir vier Tiere hinter jenen,
Gekrönet jegliches mit grünem Laube.

Jedwedes war beschwinget mit sechs Flügeln,
Die Flügel voller Augen, und die Augen
Des Argus wären so, wenn sie noch lebend.

Nicht Reime mehr verschwend' ich, Leser, ihre
Gestalt zu schildern, denn ein andrer Aufwand
Drängt mich, drob ich freigebig hier nicht sein kann.

Doch ließ Ezechiel, der sie beschrieben,
Wie er gesehn hat, sie von kalter Seite
Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer kommen,

Und wie du's find'st in seinen Blättern, waren
Sie hier, nur daß in Rücksicht auf die Flügel
Johannes für mich ist und von ihm abweicht.

Der Raum, der von den Vieren war umschlossen,
Enthielt, zweirädrig, einen Siegeswagen,
Den mit dem Hals ein Greif gezogen brachte.

Der steckt' empor die beiden Flügel zwischen
Dem mittlern hier und dort und den drei Streifen,
So daß, durchschneidend, keinen er verletzte.

Dem Blick entzogen jene sich vor Höhe;
So weit er Vogel, waren Gold die Glieder,
Doch weiß die anderen, mit Rot vermischet.

Nicht nur, daß, sei's August, sei's Afrikanus,
Mit schönerm Wagen Rom nicht hat erfreuet,
Nein, gegen ihn wär' arm selbst der der Sonne,

Der Sonnenwagen, der entgleist verbrannt ward
Ob des inbrünstigen Gebets der Erde,
Als Jupiter geheimnisvoll gerecht war.

Drei Frauen kamen an dem rechten Rade,
Im Kreise tanzend, also rot die eine,
Daß man im Feuer kaum erkannt sie hätte;

Die zweite war, gleich als ob Fleisch und Beine
Ihr aus Smaragd gebildet worden wären,
Die dritte frischgefallnem Schnee vergleichbar,

Jetzt wurden von der Weißen sie gezogen,
Jetzt von der Roten, und bald schnell, bald langsam
Ging nach der letztern Sang der Schritt der andern.

Am linken sah ich vier in Festesreigen,
Mit Purpur angetan gemäß der Weise
Der einen, die drei Augen hatt' im Haupte.

Auf die geschilderte Verschlingung folgen
Sah ich zunächst zwei Alt', an Tracht verschieden,
Doch gleich in Haltung, ehrenhaft und sicher.

Der eine schien von den Vertrauten einer
Des hohen Hippokrat, den für die Wesen,
Die ihr am teuersten, Natur erschaffen;

Ums Gegenteil besorget schien der andre
Mit einem blinkenden und spitzen Schwerte,
So daß jenseits des Bachs er Furcht mir machte.

Drauf sah ich viere, demutsvoll im Äußern,
Und hinter allen einen Greis allein noch,
Zwar schlafend, doch mit sinn'gem Antlitz kommen,

Und gleich gekleidet mit der ersten Menge
War diese Siebenzahl, doch nicht von Lilien
Wand um derselben Häupter, nein, von Rosen

Und andern roten Blumen eine Flur sich.
Geschworen hätte drob man auf geringen
Abstand, daß übern Brau'n sie sämtlich brannten;

Und als mir gegenüber war der Wagen,
Erklang ein Donner, und dem würd'gen Volke
Schien untersagt zu sein das Weitergehen,

Und nebst den vordern Fahnen hielten still sie.


Gesang 30

Als der Septentrio des ersten Himmels,
Der Aufgang nie, noch Untergang gekannt hat,
Doch andern Nebel als der Schuld Verschlei'rung,

Und der jedweden seine Pflicht hier lehrte,
So wie's der tiefre tut dem Steuermanne,
Damit das Schiff zum Port gelangen möge,

Still stand, da wandte das wahrhaft'ge Volk sich,
Das zwischen ihm erst und dem Greifen herkam,
Zum Wagen hin, gleichwie zu seinem Frieden;

Und einer draus, gleich einem Himmelsboten,
»Veni sponsa de Libano,« rief dreimal
Er singend, und nach ihm die andern sämtlich.

Wie einst beim jüngsten Aufgebot die Sel'gen
Schnell jeder aus der Gruft erstehn, mit wieder
Erlangter Stimme Alleluja rufend,

So hoben ob der göttlichen Basterne
Ad vocem tanti senis hundert Diener
Und Boten sich empor des ew'gen Lebens.

»Benedictus qui venis,« riefen alle
Und, ringsumher und drüber Blumen streuend,
»Manibus o date lilia plenis.«

Oft sah ich wohl beim Anbeginn des Tages
Die Morgenseite rosig ganz gefärbet,
Und schöne Heitre sonst den Himmel schmücken,

Und überschattet so aufgehn das Antlitz
Der Sonne, das, gesänftiget durch Dünste,
Es lange Zeit das Aug' ertragen konnte.

Also von einer Blumenwolk umgeben,
Die sich emporhob aus den Engelshänden
Und dann zurückfiel innerhalb und draußen,

Bekränzt mit Öllaub auf dem weißen Schleier,
Erschien ein Weib mir unter grünem Mantel,
Gekleidet in lebend'ger Flammen Farbe.

Und meine Seele, die so viele Jahre
Schon war verblieben, ohne daß von Schrecken
In ihrer Gegenwart durchbebt sie worden,

Nicht Kenntnis irgend durch das Aug' erlangend,
Nur durch geheime Kraft, die von ihr ausging,
Empfand die große Macht der alten Liebe.

Sobald ins Antlitz mich getroffen hatte
Die hohe Kraft, die einst schon mich durchbohret,
Eh' noch ich aus der Kindheit war getreten,

Wandt' ich zur Linken mich mit jener Demut,
Mit der das Kindlein sich zur Mutter flüchtet,
Wenn es sich fürchtet, oder wenn's betrübt ist,

Um zu Virgil zu sprechen: ›Nicht ein Quentchen
An Blut ist mir verblieben, das nicht bebet!
Der alten Flamme Zeichen kenn' ich wieder!‹

Allein Virgil hatt' uns verlassen, seiner
Beraubt, Virgil, der süßeste der Väter,
Virgil, dem ich zum Heile mich ergeben.

Nicht konnte, was die erste Mutter alles
Verlor, den taugewaschnen Wangen wehren,
Daß trüb aufs neue sie durch Tränen wurden.

»Dante, ob auch Virgil von dannen gehe,
Nicht weine, weine noch nicht, denn zu weinen
Ziemt's dir,« sprach sie, »von anderm Schwert verwundet.«

Dem Admiral gleich, der auf hohen Schiffen
Am Hinterteil und Schnabel die Bedienung
Besichtigt und zum Fleiße sie ermuntert,

Erblickt' ich an des Wagens linkem Rande,
Umwendend auf den Klang mich meines Namens,
Der aus Notwendigkeit hier wird verzeichnet,

Das Weib jetzt, das mir erst verschleiert unter
Dem Festgepräng' der Engel war erschienen,
Jenseits des Bachs nach mir das Auge richtend;

Obgleich der Schleier, von dem Haupt ihr wallend,
Der mit Minervas Laube war umkreiset,
Sie noch nicht offenbar mir ließ erscheinen.

Und königlich, annoch mit strenger Haltung
Fuhr jetzt sie fort gleich jenem, der da redet,
Allein die glüh'ndsten Worte noch zurückhält:

»Schau mich recht an, ich bin, ich bin Beatrix.
Wie, hältst du's wert, den Berg nun zu ersteigen?
Wußtest du nicht, daß hier der Mensch ist glücklich?«

Das Auge sank zum klaren Quell mir nieder,
Doch weil ich drin mich sah, wandt' ich's zum Grase;
So viele Scham beschwerte mir die Stirne.

Also erscheint die Mutter stolz dem Sohne,
Wie jene mir anjetzt erschien, weil bitter
Ist von Geschmack die Kost der herben Liebe.

Sie schwieg, und gleich begannen drauf die Engel
Zu singen: »In te Domine, speravi«,
Doch kamen sie nicht über »pedes meos«.

Gleichwie der Schnee langhin auf Welschlands Rückgrat
Gefrieret zwischen den lebend'gen Stämmen,
Wenn ihn Slavoniens Wind anhaucht und härtet,

Doch dann zergehend in sich selbst versickert,
Sobald's vom Land weht, das des Schattens bar wird,
Dem Feuer, das die Kerze schmelzet, ähnlich;

Also war sonder Tränen ich, noch Seufzer,
Eh' jene sangen, die mit ihren Tönen
Den Tönen stets der ew'gen Kreise folgen.

Doch als ich aus den süßen Melodien
Ihr Mitleid wahrnahm, mehr, als wenn gesaget
Sie hätten: »Weib, warum ihn so erschüttern?«

Da ward der Frost, der mir ums Herz sich drängte,
Zu Hauch und Wasser und entlud sich angstvoll
Durch Aug' und Mund zugleich aus meinem Busen.

Sie, fest annoch an der erwähnten Seite
Des Wagens stehend, richtet' ihre Worte
Also darauf an jene frommen Wesen:

»Ihr wacht im ewig wandellosen Tage,
So daß nicht Nacht noch Schlummer euch entziehet
Je einen Schritt der Zeit auf ihrem Wege;

Drum ich in meiner Antwort mehr besorgt bin,
Daß jener mich versteh', der jenseits weinet,
Damit von gleichem Maße Schuld und Schmerz sei.

Nicht durch das Werk allein der großen Kreise,
Die einem Ziel zuführen jeden Samen
Dem Sternenstand gemäß, der ihn begleitet,

Nein, durch Freigebigkeit der Gnade Gottes,
Die aus so hehren Dünsten ihren Tau zieht,
Daß unser Blick dorthin sich nicht kann nahen,

Ward dieser so in seinem neuen Leben
Befähiget, daß jede rechte Sitte
Sich wunderbar in ihm bewähret hätte.

Doch um so schlimmer wird das Land und wilder
Durch schlechten Samen und des Anbaus Mangel,
Je mehr's an guter Bodenkraft besitzet.

Aufrecht hielt ihn mein Antlitz eine Weile,
Und ihm die jugendlichen Augen zeigend,
Führt' ich mit mir ihn in gerader Richtung.

Sobald ich, auf des zweiten Alters Schwelle
Gelanget, Leben jetzt gewechselt hatte,
Entzog er mir sich und ergab sich andern.

Als ich vom Fleisch zum Geist emporgestiegen,
Und Schönheit mir und Tugend war gewachsen,
Ward ich ihm minder angenehm und teuer,

Und seinen Schritt wandt' er durch irre Pfade,
Die falschen Bilder eines Guts verfolgend,
Die das Versprochne nimmermehr erfüllen.

Nichts half's, Eingebungen ihm zu erflehen,
Mit denen ich zurück ihn rief in Träumen,
Und sonst, so wenig achtet' er auf solche,

So tief sank er hinab, daß alle Mittel
Zu seinem Heil schon unzureichend waren,
Als nur, ihm das verlorne Volk zu zeigen.

Deshalb besucht' ich selbst der Toten Ausgang
Und richtete an den, der hier herauf ihn
Geführet hat, mit Tränen meine Bitten.

Der hehre Ratschluß Gottes wär' gebrochen,
Wenn Lethe man durchschritt' und solche Speise
Gekostet würd', ohn' irgend zu entrichten

Der Reue Zoll, die Tränen macht vergießen.«


Gesang 31

»O du, der jenseits ist des heil'gen Stromes,«
Ihr Wort jetzt mit der Spitze nach mir richtend,
Das mit der Schneide schon mir herb erschienen,

Begann fortfahrend ungesäumt sie wieder,
»Sprich, sprich, ist solches wahr? denn zu so großer
Anklage muß doch dein Geständnis kommen.«

Also war meine Kraft erschüttert worden,
Daß zwar die Stimme sich bewegt', allein schon,
Eh' sie sich vom Organ gelöst, verlöschte.

Ein wenig harrend, sprach sie dann: »Was sinnst du?
Gib Antwort, denn des Übels Angedenken
Ist noch in dir vom Wasser nicht verletzet.«

Furcht und Verwirrung in Verbindung preßten
Ein solches ›Ja!‹ hervor mir aus dem Munde,
Das zu verstehn man des Gesichts bedurfte.

Gleichwie die Armbrust sprenget, wenn sie losgeht
Ob allzugroßer Spannung, Strang und Bogen
Und minder schnell das Ziel dann trifft der Bolzen,

Also, von jener schweren Last zersprenget,
Entlud ich mich durch Tränen und durch Seufzer,
Und meine Stimme stockt' in ihrem Ausgang.

Und sie darob zu mir: »In deinem Sehnen
Nach mir, das dich ein Gut zu lieben lehrte,
Darüber man nicht Höh'res kann erstreben,

Was fand'st für vorgezogne Gräben oder
Für Ketten du, die dich der Hoffnung, vorwärts
Zu dringen, also nur berauben durften?

Und welch erleichternd Wesen, welcher Vorteil
Hat auf der Stirn der andern sich gezeiget,
Daß du zu ihnen hinzuwandeln brauchtest?«

Nachdem ich ausgehaucht ein bittres Seufzen,
Konnt' ich zur Antwort kaum die Stimme finden,
Und mühsam gaben ihr Gestalt die Lippen,

Und weinend sprach ich: ›Meine Schritte wandten
Mit falscher Lust die gegenwärt'gen Dinge,
Sobald sich Euer Antlitz mir verborgen.‹

Und sie: »Wenn du verschwiegst auch oder läugnet'st,
Was du gestehst, nicht minder wüßte drum man
Um deine Schuld doch; solch ein Richter kennt sie.

Doch wenn aus eignem Angesicht der Sünde
Anklage bricht hervor, dann kehrt in unserm
Gericht das Schleifrad sich der Schneid' entgegen.

Indes, damit du besser Scham empfindest
Ob deines Irrtums und, wenn die Sirenen
Du hörst ein andermal, dich stärker zeigest,

Leg' ab der Tränen Samen jetzt und horche,
Daß du vernehm'st, wie mein begrabner Leib dich
In umgekehrter Richtung treiben sollte.

Nie bot Natur dir oder Kunst ein größres
Ergötzen als die schönen Glieder, drin ich
Verschlossen war, und die zerstreut als Staub jetzt.

Und wenn die höchste Lust dich so getäuscht hat
Durch meinen Tod, welch sterblich Wesen durfte
Dich ferner noch, sein zu begehren, locken?

Wohl solltest du dich bei dem ersten Streiche
Der trügerischen Dinge aufwärts schwingen
Mir nach, die nicht zu solchen mehr gehörte.

Nicht durfte dir die Flügel abwärts drücken,
Mehr Schläge zu erwarten, sei's ein Mägdlein,
Sei's andrer Tand vergänglichen Gebrauches.

Ein unerfahren Vöglein wartet's zweimal
Und dreimal ab; doch fruchtlos vor den Augen
Der Flüggen spannt' ein Netz man oder schösse.«

Den Kindlein ähnlich, die, voll Scham verstummend,
Die Augen an den Boden, stehn und horchen,
Die eigne Schuld erkennend und bereuend,

Also stand ich, und jene sprach: »Ob auch dich,
Was du vernommen, schmerzt, erheb' den Bart jetzt,
Und größern Schmerz wirst aus dem Schaun du schöpfen.«

Mit minderm Widerstand wird eine mächt'ge
Zirneich' entwurzelt, sei es durch den Auster,
Sei's durch den Wind, der weht von Jarba's Lande,

Als ich auf ihr Gebot das Kinn emporhob;
Und da durch »Bart« sie das Gesicht bezeichnet,
Erkannt' ich wohl den Stachel des Gedankens.

Und als mein Angesicht ich aufwärts streckte,
Da sah mein Blick, daß inne jetzt gehalten
Mit Blumenstreun die Urgeschöpfe hatten;

Und meine Augen, noch unsicher, sahen
Beatrix nach dem Tier gewandt, das einzig
In einerlei Person faßt zwei Naturen.

Bedeckt vom Schlei'r, jenseits des grünen Strandes
Besiegte sie, wie einst sie war, sich selber
Mehr als, so lang sie hier noch war, die andern.

Da brannte mich so sehr der Reue Nessel,
Daß von dem andern all, was mich am meisten
Zu seiner Liebe zog, zumeist mir Feind ward.

Also ergriff mein Herz jetzt Selbsterkenntnis,
Daß übermannt ich hinsank, und wie jetzt ich
Geworden, weiß nur sie, die's hat verursacht.

Drauf, als mirs Herz nach außen Kraft zurückgab,
Sah ich das Weib, das ich allein gefunden,
Jetzt über mir, und »Fass' mich! fass' mich!« rief es,

Versenkt hatt's in den Fluß mich bis zum Schlunde,
Und hinter sich einher mich ziehend, ging es
Leicht wie ein Weberschiff hin auf dem Wasser.

Als nah' ich kam dem seligen Gestade,
Hört' ich » asperges me« so lieblich, daß ich's
Nicht wiederdenken kann, noch minder schreiben.

Die Arm' erschloß das schöne Weib, umarmte
Mirs Haupt und tauchte dann so tief mich unter,
Daß ich das Wasser hinterschlucken mußte.

Dann zog sie mich heraus, also gebadet
Darbietend mich dem Tanz der holden viere,
Davon mich jede mit dem Arm bedeckte.

»Hier sind wir Nymphen und am Himmel Sterne;
Eh' niederstieg zur Welt Beatrix, wurden
Zu ihren Dienerinnen wir bestimmet.

Wir führ'n zu ihren Augen dich, doch werden
Fürs heitre Licht, das drin ist, erst die dreie
Jenseits, die tiefer schaun, die deinen schärfen.«

Also begannen singend sie und führten
Mich dann mit sich hin zu der Brust des Greifen,
Wo nach uns zu Beatrix stand gewendet.

Sie sprachen: »Schone hier nicht deine Blicke,
Wir stellten den Smaragden dich genüber,
Draus Amor sein Geschoß auf dich einst schnellte.«

Wohl tausend Wünsche, heiß wie Flammen, zogen
Die Augen nach den glanzerfüllten Augen
Mir hin, die fest nur auf dem Greifen ruhten.

Gleich wie die Sonn' im Spiegel, also strahlte
Das Doppeltier darinnen, bald die einen
Und bald die anderen Gebärden zeigend.

Bedenke, Leser, ob ich mich verwundert,
Als ich die Sache selber unverrücket
Sah stehn, indes sich änderte ihr Abbild.

Weil, so erfüllt mit Staunen und beseligt,
Mein Geist von jener Speise kosten durfte,
Die, sättigend mit sich, nach sich gibt Hunger;

Sich von erhabnerem Geschlecht erweisend
Im Wesen, traten vor die andern dreie,
Nach ihren Engelsmelodien tanzend.

»Kehr', o Beatrix, kehr' die heil'gea Augen,«
Also war ihr Gesang, »nach deinem Treuen,
Der, dich zu sehn, so viel den Schritt bewegt hat.

Aus Gnaden gib die Gnad' uns, daß du deinen
Mund ihm entschleierst, so daß er erkenne
Die zweite Schönheit, die du hältst verborgen.«

O Widerglanz lebend'gen ew'gen Lichtes,
Wer machte unter des Parnassus Schatten
So bleich sich oder trank aus seinem Brunnen,

Daß sein Gedächtnis nicht behindert schiene,
Wollt' er dich schildern, wie du dich gezeiget,
Wo dich mit Harmonien umwebt der Himmel,

Als du den offnen Lüften dich enthülltest!


Gesang 32

So fest und achtsam waren meine Augen,
Das Sehnen des zehnjähr'gen Dursts zu stillen,
Daß ganz erloschen jeder andre Sinn war;

Und jene hatten hier und dort wie Wände,
Drob nichts gewahr sie wurden; also lockte
Sie mit dem alten Netz das heil'ge Lächeln,

Als mit Gewalt das Angesicht zur Linken
Durch jene Göttinnen mir ward gewendet,
Weil ich ein »allzu starr!« vernahm von ihnen,

Und jene Stimmung, die zum Sehn in Augen
Sich findet, wenn sie eben trifft die Sonne,
Beraubt' auf kurze Zeit mich des Gesichtes.

Doch als ans Wenig sich mein Blick gewöhnet,
Ans Wenig sag' ich im Vergleich zum mächtig
Fühlbar'n, davon ich mich gewaltsam losriß,

Sah nach dem rechten Arm ich umgewendet
Das ruhmgekrönte Heer und rückwärtskehren,
Die sieben Flammen und die Sonn' im Antlitz.

Wie unter Schilden, die Gefahr zu meiden,
Sich kehrt der Trupp, abschwenkend um die Fahne,
Eh' er in sich die Stellung ganz gewechselt,

Also zog die Miliz des Himmelreiches,
Die da vorausging, ganz an uns vorüber,
Bevor das erste Holz noch bog der Karren.

Die Frau'n dann traten wieder an die Räder,
Und die gebenedeite Last zog weiter
Der Greif, an keiner Feder drob erschüttert.

Das schöne Weib, das mich die Furt hindurchzog,
Statius und ich, wir folgten jenem Rade,
Das sein Geleis in engerm Bogen krümmte.

So wallten durch den hohen Forst wir, öde
Durch jener Schuld noch, die geglaubt der Schlange,
Nach Engelstönen mäßigend die Schritte.

Es hinterlegt entfesselt in drei Flügen
Ein Pfeil so vielen Raum wohl, als entfernet
Wir uns schon hatten, da Beatrix abstieg,

Und insgesamt hört' ich sie »Adam« murmeln.
Dann kreisten sie um einen Baum, von Blüten
Und anderm Laub beraubt an allen Zweigen.

Sein Haupthaar, das sich um so mehr verbreitet,
Je höher man hinaufkommt, würden Indier
In ihren Wäldern ob der Höh' bewundern.

»Heil dir, o Greif, daß nichts du mit dem Schnabel
Von diesem Holz abstreifst, das süß dem Gaumen,
Weil schlimm darob der Bauch sich winden müßte!«

So riefen um den mächt'gen Baum die andern
Ringsum, und jenes Tier, zwiefach gezeuget:
»So wird der Samen alles Rechts erhalten!«

Und sich zur Deichsel wendend, die's gezogen,
Schleppt' es zum Fuß sie des verwaisten Baumes,
Sie, die von ihm war, dran gebunden lassend.

Wie unsre Bäume hier, wenn sich hernieder
Das große Licht ergießet, untermischet
Mit dem, das hintern Himmelskarpfen strahlet,

Anschwellen, und dann in der eignen Farbe
Sich jeglicher erneut, bevor die Sonne
Noch unter anderm Stern anschirrt die Rosse,

Nicht rot wie Rosen ganz, doch mehr denn Veilchen
Die Farb' entfaltend, ward verjüngt der Baum jetzt,
Des Äste so verödet erst gewesen.

Nicht konnt' ich sie verstehn, noch singet hier man
Die Hymne, die das Volk anjetzt gesungen,
Noch auch ertrug die Weis' ich bis zum Schlusse.

Könnt' ich beschreiben, wie, von Syrinx hörend,
Entschlummerten die mitleidslosen Augen,
Die Augen, längre Wacht so schwer einst büßend,

Dem Maler gleich, der malt nach einem Vorbild,
Abzeichnen würd' ich, wie ich eingeschlafen;
Doch das Entschlummern mag, wer will, recht schildern.

Darum geh' über ich zu dem Erwachen
Und sage, mir zerriß ein Glanz den Schleier
Des Schlummerns und der Ruf: »Steh auf, was tust du?«

Gleichwie, zu schaun des Apfelbaumes Knospen,
Nach dessen Frucht die Engel sind begierig,
Und der ein ewig Brautmahl beut im Himmel,

Geführet, Petrus, Jakob und Johannes
Aus ihrer Ohnmacht auf das Wort erwachten,
Das schwerern Schlummer schon gebrochen hatte,

Und ihre Brüderschaft vermindert sahen
Sowohl um Moyses als um Elias
Und das Gewand verändert ihres Meisters;

Also erwacht' ich jetzt, und jene Fromme
Sah über mir ich stehn, die erst am Flusse
War meiner Schritte Führerin gewesen.

›Wo ist Beatrix?‹ sprach ich ganz in Zweifel.
Doch jene drauf zu mir: »Schau, wie sie sitzet
Dort unterm neuen Laub an dessen Wurzel!

Schau die Genossinnen, die sie umgeben!
Dem Greif nachgehn die anderen nach oben
Mit süßerm Liede und von tieferm Sinne.«

Und ob noch weiter sich ihr Wort verbreitet,
Nicht weiß ich's; denn schon faßten meine Blicke
Sie, die den Sinn mir schloß für alles andre.

Sie saß allein hier auf dem echten Lande,
Zurückgeblieben als des Karrens Hüt'rin,
Den ich durchs Doppeltier befest'gen sehen.

Im Kreise bildeten um sie ein Gitter
Die sieben Nymphen, in der Hand die Lichter,
Die sicher sind vor Aquilo und Auster.

»Hier bleibst du nur auf kurze Zeit als Fremdling,
Und bist dann ewiglich mit mir ein Bürger
In jenem Rom, wo Christus ist ein Römer.

Darum zum Heil der Welt, die schlimm jetzt lebet,
Heft' auf den Karr'n die Blick', und was du schauest,
Wenn du von dort zurückkehrst, schreibe nieder.«

Beatrix so zu mir, und ich, der ihrem
Befehle lag demütig ganz zu Füßen,
Wandt' Aug' und Sinn dorthin, wo sie's begehrte.

Nie fiel mit solcher Schnelligkeit herab noch
Aus dichter Wolk' ein Feuer, wenn der Regen
Von der entferntsten Grenze niederströmet,

Als durch den Baum herab ich Jovis Vogel
Sah schießen, nicht allein die neuen Blätter
Und Blüten schädigend, nein, auch die Rinde;

Und mit der ganzen Kraft traf er den Karren,
Der wich wie's Schiff im Sturm, das bald am Backbord,
Am Steuerbord bald von der Flut besiegt wird.

Und in den Schoß darauf des sieggekrönten
Fuhrwerks sah einen Fuchs empor ich schleichen,
Der jeder guten Kost schien zu entbehren;

Doch häßliche Verschuldung vor ihm haltend,
Trieb dann in solche Flucht ihn meine Herrin,
So weit es möglich den entfleischten Knochen.

Drauf sah von dort ich, wo zuerst er herkam,
Den Adler in des Karrens Arche stürzen
Und sie bedeckt mit seinen Federn lassen.

Und wie's dem Herzen, das sich grämt, enttönet,
So kam vom Himmel eine Stimm' und sagte:
»Mein Schifflein, ach, was bist du schlimm beladen!«

Drauf schien's, als ob sich zwischen beiden Rädern
Die Erd' auftät und draus ein Drach' entstiege,
Der durch den Karr'n den Schwanz nach oben steckte;

Und gleich der Wespe, die den Stachel einzieht,
Zog er, mitschleppend einen Teil des Bodens,
Den schlimmen Schweif an und ging irren Schritts fort.

Was übrig blieb, bedeckte sich, wie Grasung
Fruchtbares Land bedeckt, mit dem Gefieder,
Aus reiner guter Absicht wohl geboten,

Und beide Räder und die Deichsel wurden
Davon bedeckt in solcher Frist, daß länger
Ein Seufzer mag den Mund erschlossen halten.

Dem heiligen Gebäude, so verwandelt,
Entsproßten Häupter aus verschiednen Teilen,
Drei auf'der Deichsel, eins in jeder Ecke.

Die ersten waren Stieren gleich gehörnet,
Doch nur ein Horn trug jede Stirn der viere;
Nie war zu schaun ein ähnlich Ungeheuer.

Voll Trotz gleich einer Burg auf hohem Berge
Schien mir entblößt auf jenem eine Hure
Zu sitzen, rings behend die Augen wendend;

Und daß man, schien's, ihm sie nicht rauben möge,
Sah neben ihr ich einen Riesen stehen,
Und mehr als einmal küßten sie einander.

Doch weil die Blicke sie, die lüstern schweiften,
Nach mir gewendet, geißelte vom Kopfe
Bis zu der Sohle sie der wilde Buhle,

Dann voll des Argwohns und im grimmen Zorne
Löst' er das Ungetüm und zog's so weit hin
Im Wald, daß der allein schon vor der Hure

Und vor dem neuen Untier mir zum Schild ward.


Gesang 33

»Deus, venerunt gentes«, von den Frauen
Bald drei, bald vier im Wechselchor begannen
Den süßen Psalmensang anjetzt mit Tränen,

Und seufzend horcht' und mitleidsvoll auf jene
Beatrix, so gestaltet, daß verändert
Kaum unterm Kreuze mehr sich hat Maria.

Doch als die andern Jungfrau'n ihr zum Sprechen
Gegeben Raum, erhob sie aufrecht sich
Und gab zur Antwort, feuerrot gefärbet:

»Modicum et non videbitis me
Et iterum, o ihr geliebten Schwestern,
Modicum et vos videbitis me.« \

Drauf setzte vor sich her sie alle sieben,
Und winkend ließ sie hinter sich einhergehn
Das Weib, mich und den Weisen, der zurückblieb.

Also ging fort sie, und nicht, mein' ich, war noch
Ihr zehnter Schritt gesetzet auf den Boden,
Als mit den Augen sie mir traf die Augen,

Und ruh'gen Angesichtes: »Komm geschwinder,«
Sprach sie zu mir, »daß, wenn mit dir ich rede,
Du wohl befähigt seist, mir zuzuhören.«

Als ich bei ihr jetzt war, so wie ich sollte,
Begann zu mir sie: »Bruder, was getraust du
Dich nicht zu fragen, wenn du mit mir gehest?«

Wie's jenen geht, die, sprechend vor den Obern,
Zu sehr voll Ehrfurcht sind, so daß die Stimme
Lebendig nicht bis zu den Zähnen dringet,

Ging mir's, weil ich, des vollen Lauts entbehrend,
Also begann: ›O Herrin, mein Bedürfnis
Ist Euch bekannt und was dafür mir gut ist.‹

Und sie darauf zu mir: »Ich will, daß endlich
Von Furcht und Scham du jetzt dich lösen mögest,
Damit gleich Träumenden nicht mehr du sprechest.

Wiss', das Gefäß, zerbrochen durch die Schlange,
War und ist nicht; doch wer dran Schuld hat, glaube,
Daß Gottes Rache sich nicht scheut vor Tunken.

Nicht alle Zeit wird sonder Erben bleiben
Der Adler, der die Federn ließ im Karren,
Drum er zum Untier ward und dann zur Beute;

Denn zweifellos seh' ich, und drum bericht' ich's,
Den Sternenstand sich nahn, der eine Zeit gibt,
Vor jedem Hindernis und Hemmnis sicher,

In welchem ein ›Fünfhundertzehn und fünfe‹ ,
Von Gott gesendet, wird die Vettel töten
Und jenen Riesen, welcher mit ihr sündigt.

Und wenn dich mein Bericht vielleicht, der dunkel
Wie Sphinx und Themis, minder überzeuget,
Weil er nach ihrer Art den Sinn verwirret,

So werden die Begegnis' als Najaden
Alsbald dir doch dies schwere Rätsel lösen
Ohn' allen Schaden an Getreid' und Herden.

Du merk' es an, und wie dir meine Worte
Ich bot, so lass' den Lebenden sie wissen
Des Lebens, das ein Laufen ist zum Tode;

Und denke dran, wenn du sie niederschreibest,
Daß du nicht bergest, wie den Baum du sähest,
Der jetzt zweimal hier ist beraubet worden.

Wer immer ihn beraubt, wer ihn verletzet,
Beleidigt Gott durch Lästerung in Taten,
Der heilig ihn sich zum Gebrauch erschuf nur.

Weil sie von ihm gebissen, wünschte sehnlich
Mit Schmerz den, der den Biß an sich gestrafet,
Mehr denn fünftausend Jahr' die erste Seele.

Dein Geist muß schlummern, wenn er nicht begreifet,
Daß aus besonderm Grund also erhaben
Er ist und so verkehrt an seinem Wipfel;

Und wären Elsa's Wässer nicht gewesen
Um deinen Sinn die eitelen Gedanken,
Und ihre Lust ein Pyram an der Maulbeer',

Du würdest schon allein an so viel Zeichen
Gottes Gerechtigkeit in dem Verbote
Am Baum erkennen im moral'schen Sinne.

Doch weil ich am Verstande ganz versteinert
Und durch die Sünde dich gefärbt erblicke,
So daß das Licht dich meiner Worte blendet,

Will ich, wenn nicht geschrieben, doch gemalet,
Daß du mit dir davon sie tragest, wie man
Den Pilgerstab mit Palmen bringt geschmücket.«

Und ich darauf: ›Gleichwie das Wachs vom Siegel,
Des Abbild jenes dann nicht mehr verändert,
So ward von Euch jetzt mein Gehirn gestempelt.

Doch weshalb flieget Euer heißersehntes
Wort so viel höher, als mein Blick kann reichen,
Der's mehr verliert, je mehr er ab sich mühet?‹

»Damit du,« sprach sie, »jene Schul' erkennest,
Der du gefolgt, und seh'st, wie ihre Lehre
Imstand ist, meinen Worten nachzufolgen,

Und seh'st, wie euer Weg von Gottes Wege
So weit abweichet, als die Erd' entfernt ist
Von jenem Himmel, der am höchsten eilet.«

Ich drauf zu ihr: ›Nicht kann ich mich erinnern,
Daß ich mich je von Euch entfremdet hätte,
Noch hab' ich des Bewußtsein, das mir's rüge.‹

»Und wenn du dessen dich nicht kannst entsinnen,«
Antwortete sie lächelnd: »so gedenke,
Daß eben erst von Lethe du getrunken;

Und wie vom Rauche man aufs Feuer schließet,
So zeigt solch ein Vergessen klar, daß schuldig
Du warst, als sich dein Wunsch auf andres wandte.

Von jetzt an werden wahrlich meine Worte,
Ganz unverhüllet sein, so weit sich's ziemet,
Daß ich sie deinem rohen Blick entdecke.«

Und glüh'nder schon und mit langsamern Schritten
Behauptete den Mittagskreis die Sonne,
Der unserm Standpunkt nach bald hier, bald dort ist,

Als jetzt die sieben Frau'n, wie einer stillhält,
Der einer Schar vorausgeht als Geleite,
Wenn Neues ihm auf seiner Spur begegnet,

Am Saum stillhielten eines blassen Schattens,
Wie unter grünem Laub und dunkeln Zweigen
Das Hochgebirg ihn trägt an kühlen Strömen.

Vor ihnen deuchten Euphrat mir und Tigris
Aus einer Quelle hier hervorzukommen
Und Freunden gleich nur zögernd sich zu trennen,

›0 Licht, o Ruhm des menschlichen Geschlechtes,
Welch Wasser ist dies, das von einem Ursprung
Sich breitet aus und von sich selbst sich trennet?‹

Auf solche Bitte ward gesagt mir: »Bitte
Mathilde, dir's zu sagen,« und zur Antwort
Gab, dem gleich, der die Schuld von sich hinwegwälzt,

Das schöne Weib: »Dies und noch andre Dinge
Hab' ich ihm schon gesagt, und sicher bin ich,
Daß Lethes Flut sie ihm nicht hat verborgen.«

Beatrix drauf: »Vielleicht hat größre Sorge,
Die oftmals der Erinnrung uns beraubet,
Jetzt für das Sehen seinen Geist verdunkelt;

Doch sieh Eunoe, welche dort entspringet,
Führ' ihn zu ihr, und, wie du immer pflegest,
Beleb' ihm die erstorbne Kraft aufs neue!«

Wie sich die edle Seele nicht entschuldigt,
Nein, zu dem seinen macht des andern Willen,
Sobald nach außen ihn ein Zeichen kundtut,

Also, nachdem sie mich erfaßt, bewegte
Das schöne Weib sich jetzt und sprach zu Statius
Auf adeliger Frauen Art: »Komm mit ihm!«

Wenn ich, o Leser, größern Raum zum Schreiben
Noch hätte, möcht' ich wohl zum Teil besingen
Den süßen Trank, dran nimmer satt ich würde;

Doch weil erfüllt schon sind die Blätter alle,
Gewoben für dies zweite Lied, so halten
Vom Weitergehn die Zügel mich der Kunst ab.

Zurück kehrt' ich von den hochheil'gen Fluten,
Ganz umgeschaffen gleich der jungen Pflanze,
Wenn sie mit jungem Laube sich verjünget,

Rein und bereit zum Aufstieg nach den Sternen.


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